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Von Walter Bucher Start ins Leben in einem Schlosspark – mit Ankunft in einer Pandemie
Es werden nur Texte von über 10 Internet-Seiten publiziert.
Zurzeit sind 454 Biographien in Arbeit und davon 251 Biographien veröffentlicht.
Vollendete Autobiographien: 150
 
Walter Bucher
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Vorwort
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Gesund geboren – liebevoll umsorgt
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Waldschlupf 1 – kleines Paradies
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Anhang – oder vorwärts zum (Neu-) Start?
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Dank
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Am Tag als Corona kam
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Fotonachweis
Allen, die sich gerne an ihre eigene Kinder-und Jugendzeit erinnern mit vielen unvergesslichen Geschichten, die (auch) ihr Leben schrieb.
Vorwort
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  Vorwort

Als ich im Jahr 2013 auf der Heimfahrt von der Innerschweiz – das war meine damalige Heimat – zum Bodensee zurückfuhr und zufällig eine Radiosendung hörte, war dort die Rede von den zu dieser Zeit aktuellsten Themen in der Literatur. Dies sei das Schreiben von Autobiografien oder autobiografischen Geschichten war das Fazit der Diskussion. In den meisten Büchern kämen nämlich immer wieder autobiografische Züge der jeweiligen Autoren in ihren Texten vor. Ob dies die Initialzündung für mich war, Geschichten aus meinem Leben zu schreiben und diese irgendwie festzuhalten? 


Mein 70. Geburtstag stand bevor. Sollte ich ein Fest organisieren? Oder wie wäre es, wenn ich all jenen, die ich zu meinem Geburtstagsfest einladen würde, einige «Geschichten, die mein Leben schrieb», schenken würde als Dank für all das, was ich von ihnen im Verlauf meines bisherigen Lebens geschenkt erhalten und mit ihnen erleben durfte? Gesagt getan! Ich fuhr nach Hause und begann zu schreiben.


Die Liste der Geschichten aus den verschiedensten Zeiten wurde immer länger. Die eine reihte sich an die andere, die eine löste wieder eine andere aus. Die Vergangenheit wurde wieder Gegenwart; ich tauchte so richtig ein bzw. ab. Aus der Idee wurde letztendlich ein Buch; das geplante Geschenk zu meinem 70. Geburtstag lag auf dem Tisch; der Versand klappte in letzter Minute vor dem 24. Juni 2015. 


In vielen positiven Feedbacks zum Buch «Start ins Leben im Schlosspark St. Andreas» haben Leserinnen und Leser nachgefragt, ob denn das Buch öffentlich und somit auch zu kaufen sei. Nach einigen Abklärungen mit der Schlossherrin bezüglich «privaten Fotos und Inhalten» wagte ich es, das Buch in einer zweiten Auflage zu veröffentlichen. Der Verkauf lief recht gut an. Was mich aber besonders freute waren die vielen Rückmeldungen, sehr oft verbunden mit Erzählungen von eigenen Geschichten. So las ich oft: «Wenn ich einige Namen, Gebäude oder Ortschaften auswechseln würde, dann könnten viele Geschichten auch von mir sein!»


Seit 2017 veröffentlichte ich in der Zuger Presse allmonatlich eine Kurzgeschichte aus dem Buch. Und wieder passiert dasselbe: Leute, die ich nicht kenne, schrieben mir, dass sie mit Interesse meine «Chomer Geschichten» gelesen und dass sie gerne das «vollständige Buch» beziehen würden. Das freute mich natürlich immer wieder. 


Nun wollte es der Zufall erneut, dass ich auf einer Autofahrt Richtung Bodensee – diesmal nach einem strengen aber äusserst erlebnisreichen Enkelhütetag in Zürich – eine Radiosendung hörte mit dem Titel «meet my life». Das Thema und die Gespräche einerseits von den beiden Initianten Messerli und Bohli, andererseits aber auch von den Awardgewinnern, fesselten mich auf der ganzen Fahrt.


Am anderen Tag nahm ich Kontakt auf mit Herrn Bohli. Nach einigen Unsicherheiten war für mich der Entschluss bald reif, mein Buch auf die Plattform von meet my life zu übertragen. Ich habe mich in diesem Moment entschlossen, bei dieser Gelegenheit das ganze Buch nochmals zu überarbeiten, einzelne Teile wegzulassen und andere laufend immer wieder dazuzufügen. Dieser Prozess dauert hoffentlich noch lange an.


Obwohl seit der Veröffentlichung des Buches bereits wieder einige Jahre vergangen sind, ist wieder vieles passiert, Schönes aber auch Trauriges.
 

Trauriges: Mein ältester Bruder Willi ist am 6. November 2016 gestorben und bald darauf am 16. Dezember mein Schwager Frank. Ferner trübt ein Zerwürfnis einer langjährigen Freundschaft diese Zeit.


Schönes: Ich wurde am 11. Juni 2017 ein zweites Mal Grossvater eines gesunden Enkelkindes. Der Knabe heisst Basil und hat – ohne vorheriges Wissen von uns Grosseltern – denselben Namen erhalten wie mein längst verstorbener Onkel Basil. Dieser Basil, so erzählte mir meine älteste Schwester Gertrud, habe bei der Firma Brown Boveri im Aussendienst gearbeitet, sei auf der ganzen Welt herumgereist und habe viele Sprachen beherrscht. Leider hat mir Onkel Basil, den ich nur als kleinen alten Mann in Erinnerung habe, nie davon erzählt. Mir war es vergönnt, eine einmalige, erlebnisreiche und abenteuerliche Kinder- und Jugendzeit in einem romantischen Schlosspark zu (er)leben. Trotzdem: nicht alles, was Gold ist, glänzt(e)!


Ich finde die Idee, über das eigene Leben nachzudenken und darüber zu schreiben nach wie vor äusserst spannend. Wer einmal damit begonnen hat, kann kaum mehr aufhören. Und das kann ja auf ganz verschiedene Art und Weise erfolgen. Und jedermann kann das, wetten? Wer weiss, welche neuen Geschichten nach meiner Überarbeitung bzw. digitalen «Neufassung» entstehen. Es werden mit Gewissheit wieder traurige, aber auch unvergesslich schöne werden …


Seit ich mich entschlossen habe, das Buch auch in digitaler Form unter meet my life aufzuschalten, habe ich immer wieder neue Geschichten in die «alten» eingefügt. Ein Buch ist eine fixe, definitive Fassung. Diese Plattform dagegen ermöglicht es, immer wieder Neues hinzuzufügen oder Altes, vielleicht auch Falsches, wegzulassen oder zu korrigieren. Auf diesen Prozess habe ich mich eingelassen. 


Ab Mai 2019 ist jeder neue Eintrag mit dem entsprechenden Datum und dem Vermerk (Einschub am …) und mit folgenden Symbolen des jeweiligen Einschubs gekennzeichnet:  


<<<<<<<<<<<< für den Anfang eines Einschubs 

>>>>>>>>>>>> für das Ende eines Einschubs


In vielen dieser Einschübe ergaben sich interessante Querverbindungen zu bereits erzählten Geschichten. Da es durch die laufenden Ergänzungen bzw. Einschübe in dieser digitalen Form nicht möglich ist, auf Seitenzahlen zu verweisen, habe ich dies mit Hinweisen auf Fotonummern versucht. 


Im Februar 2020 wurden wir von einem Tag auf den anderen von der Corona-Pandemie überrascht bzw. überflutet. Das Virus, zuerst lediglich im entfernten China festgestellt, fand den weiten Weg in Windeseile nach Europa, zu guter Letzt auch zu uns in die Schweiz. Im Kapitel 14 «Am Tag als Corona kam» beschreibe ich, wie ich diese Krise bis jetzt erlebt habe und weiterhin versuche, zu überleben. Bei dieser Gelegenheit habe ich den Titel meines Buches ergänzt: 


«Start ins Leben in einem Schlosspark – mit Zwischenhalt in einer Pandemie».


(1)

00: Dieses Foto habe ich im Herbst 1976 bei einem Helikopterflug gemacht.


Ich wurde damals vom Piloten Beat Krähenbühl zu einem Helikopterflug eingeladen und hätte dabei nicht im Traum daran gedacht, dass dieses Foto dereinst das Titelfoto meines Buches wird.

Einstimmung
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1.  Einstimmung

Jede Kindheit ist einmalig. Im Rückblick gibt es viele schöne, aber vielleicht auch traurige Erinnerungen. Mein «Start ins Leben» war speziell. Davon will ich gerne erzählen.


Stell Dir vor: Du wirst einen Monat nach dem Ende des zweiten Weltkrieges geboren und wächst unter bescheidensten Verhältnissen in einem alten Bauernhaus mitten in einem Wäldchen am Rande eines wunderschönen Schlossparks auf …


(1)

0: Das Schlossparkareal um 1900; am Rande des Areals steht in einem kleinen Wäldchen ein Bauernhaus mit Namen «zum Waldschlupf».


… und in diesem Bauernhaus gab es nur einen einzigen Kaltwasserhahn; kein Telefon; keine Beleuchtung vor dem Haus; einen kleinen rostiger Briefkasten ohne Namensschild; keine Türklingel; nur einen Holzofen; nur ein WC für 8 Personen; nur einen langen schweren Hausschlüssel und das alte Haus war grösstenteils umgeben von hohen Tannen. Das tönt doch alles romantisch, aber es war nicht immer so!


(2)  
01: In diesem Haus bin ich aufgewachsen und habe darin und in der unmittelbaren Umgebung eine erlebnisreiche, abenteuerliche Kindheit und Jugendzeit erlebt.


Gerne und immer öfter erinnere ich mich an meine unvergesslichen und eindrücklichen Erlebnisse aus meiner Kinder- und Jugendzeit. Wäre es nicht schade, wenn alle diese Geschehnisse in Vergessenheit geraten würden? Dieser Gedanke bewog mich, einige Geschichten aufzuschreiben. Anfänglich waren es nur Schloss St. Andreas-Erinnerungen, doch immer häufiger kamen auch Chamer Geschichten dazu.

Im Herbst 2014, anlässlich eines Besuches bei der jungen Schlossherrin im Schloss St. Andreas in Cham und nach einem gemeinsamen Spaziergang durch den Schlosspark stand mein Entschluss fest. Ich begann Erinnerungen festzuhalten.

In glücklichen Verhältnissen wuchs ich als Kind des Schlossgärtners Bucher mit fünf Geschwistern auf. Es war eine unvergessliche Zeit. Mein Vater arbeitete während 35 Jahren tagtäglich und bei jedem Wetter in diesem schönen Schlosspark. Rund um unser uraltes Haus – dem «Waldschlupf» – boten sich unzählige abenteuerliche Bewegungs- und Spielmöglichkeiten an. Ich bin sicher, dass sich dadurch meine motorischen Fertigkeiten vielseitig und auf natürliche Art und Weise entwickeln konnten. Das waren beste Voraussetzungen für meinen späteren Beruf!
 

In Cham besuchte ich den Kindergarten und die Volksschule, absolvierte eine vierjährige Lehre als Elektromechaniker in der Papierfabrik Cham, besuchte anschliessend die Lehramtsschule in Luzern und studierte zu guter Letzt Sport an der ETH Zürich. Danach unterrichtete ich als erster Chamer Turn- und Sportlehrer in derselben Turnhalle, in der ich schon als Kind geturnt hatte.
 

Obwohl für uns Gärtner-Kinder natürlich der Zugang zum Schlosspark grundsätzlich nicht erlaubt war, wagten wir uns immer wieder – verbotenerweise – durch den Park zum Seeufer. Ein ganz besonderer Anziehungspunkt war für mich der märchenhafte Schlossweiher. Wenn dieser erzählen könnte …

Der Schlosspark St. Andreas in Cham liegt am Ufer des Zugersees. Er erstreckt sich wie auf einer Halbinsel über eine Fläche eine von rund 67’000m2.
 

Die folgende Abbildung mit Hinweisen auf die einzelnen Gebäude und Orte vermittelt ein Bild von der Grösse und der Gestaltung des Schlosses und des Schlossparks St. Andreas. Ich bin im alten Waldschlupf (Legende Nr. 12) aufgewachsen und lebte dort über 20 Jahre. Im Jahr 1964 wurde an der gleichen Stelle ein Zuger-Riegelhaus gebaut, in dem ich noch zwei Jahre wohnte. Nach meiner Heirat verliess ich 1971 meine Chamer Heimat.


(3)

1a: Situationsplan des Schlossareals St. Andreas in Cham.

   

1 Schloss

8 Gärtnerhaus

15 Weiher

22 Strasse z. Hirsgarten

29 Schlüssel

2 Kapelle

9 Holzschopf

16 Schlossplatz

23 Kistenmagazin

30 Hirsgarten

3 Maienrain

10 Schreinerei

17 Ob. Schlossterrasse

24 Brücke zum Schloss

31 Östl. Zugerseeufer

4 Garagen/Remise

11 Schweinestall

18 Unt. Schlossterrasse

25 ehem. Storchenhaus

32 Ausfluss der Lorze

5 Atelier

12 Waldschlupf

19 Kinderspielplatz

26 Storchenlände

34 Gärtnerei

6 Güggelturm

13 Tennisplatz

20 Ringmauer/Graben

27 ehem. Taubenhaus

 

7 Kaplanenhaus

14 Castellino

21 Schlüsselrain

28 Ritterhaus

 


Das Schloss und der Park St. Andreas sind vor rund hundert Jahren zwischen 1904 und 1907 entstanden. Gestaltet wurden die Gebäude der Schlossanlage vom bekannten Zuger Architekten Dagobert Keiser.

Otto Fröbel, ein berühmter Landschaftsgestalter seiner Zeit, schaffte einen grosszügigen englischen Park mit einem prachtvollen Baumbestand. Heute gehört er zu den wenigen, weitgehend in der ursprünglichen Form erhaltenen Beispielen seiner Zeit. Der Park ist auf den Schlosshügel ausgerichtet und öffnet sich zum Zugersee mit seinem beeindruckenden Panorama. Die Bepflanzung des Parks ist vielseitig, wobei nordamerikanische Pflanzenarten einen Schwerpunkt bilden. Mein Vater kannte jeden Baum und lehrte uns immer wieder deren Namen.

Die Halbinsel St. Andreas war lange Zeit ein wichtiger Siedlungs- und Handelsplatz im Ennetsee-Gebiet. Der Verkehrsweg von Zürich nach St. Gotthard führte vom Landungssteg unterhalb der Burg St. Andreas über den Zugersee. Im 14. Jahrhundert erhielt der Ort St. Andreas sogar für kurze Zeit von Kaiser Karl IV das Stadt- und Marktrecht.
 

Mit der Eroberung durch die Stadt Zug und dem zunehmenden Ausbau der Landwege verloren Burg und Ort St. Andreas an Bedeutung. 1903 erwarb Adelheid Page-Schwerzmann die Liegenschaft. Sie liess die verfallene mittelalterliche Burg umgestalten. Von 1904 bis 1907 entstand das heutige Schloss.


(4)

1b: Wappenscheibe von 1668: Eroberung der Burg St. Andreas durch die Zuger und Schwyzer im Jahre 1387.

Jeweils an einem Wochenende pro Jahr finden bei günstiger Witterung während der Blütezeit die Rhododendron Gartentage statt. Während diesen zwei Tagen gewährt die Schlossherrschaft der Öffentlichkeit einen Einblick in die wunderbare Parkanlage. An diese Gartentage, die bereits in meiner Kindheit stattfanden, erinnere ich mich heute noch gerne.


(5)
1c: Einmal pro Jahr während der Rhododendronblütezeit gibt es die Gartentage.

Der Name «Städtli» blieb als Chamer Quartierbezeichnung lange erhalten. Unsere Familie Bucher nannte man deshalb «s’Buechers im Städtli», denn es gab auch noch eine weitere Familie Bucher, nämlich jene im Duggeli. Heute gibt es bereits etwa 30 Bucher’s in Cham! Dieses Chomer Städtli, in dem ich aufwuchs, wurde um 1990 eine Stadt und zählt mittlerweile gegen 16’000 Einwohner.


«Weißt du noch?» So beginnen oft Gespräche unter Menschen, die sich seit langer Zeit nicht mehr gesehen haben. Dies erlebte ich bei einem ganz besonderen Anlass: Der Eissportverein EVZ lud anlässlich eines Jubiläums alle «Spieler der ersten Stunde» nach Zug ein. An das erste Spiel, an dem ich stolz das EVZ-Leibchen mit der Nummer 8 trug, erinnere ich mich noch sehr gut, auch an einzelne Spieler. Als mich dann aber beim Eintreffen vor der Herti Arena, dem riesigen Zuger Eisstadion, von einem älteren Mann, welcher sich am Rande einer Gruppe befand, gefragt wurde: «Wer bist Du?» wurde mir bewusst, wie auch ich mich – zumindest äusserlich – in diesen vergangenen 40 Jahren verändert habe. Aber auch mein Gegenüber erkannte ich im ersten Moment nicht wieder. «Ich bin Willi Schäfer!» gab sich mein erster Gesprächspartner zu erkennen. Dann erkannte ich seine Stimme, erinnerte mich an einige besondere Anekdoten, und schon fühlten wir uns wieder in die damalige Zeit zurückversetzt.


Nach einem derartigen Einstieg in ein Gespräch werden oft spontan die buntesten Geschichten aus vergangenen Zeiten aufgefrischt und sogar noch ausgeschmückt. Diese Schilderungen wiederum lösen weitere Geschichten aus; man fühlt sich plötzlich um Jahre zurückversetzt; längst Vergangenes taucht plötzlich wieder auf.

Ich hätte nie gedacht, dass ich beim Sammeln und Beschreiben von Geschichten aus meiner Kinder- und Jugendzeit im und um den Schlosspark St. Andreas und im Dorf Cham so viele Zusammenhänge (wieder) entdecken und auf diese Weise nochmals erleben würde. Überraschend und erstaunlich war für mich das Zustandekommen von längst vergessenen Anekdoten in Gesprächen mit Menschen, mit denen ich jahrzehntelang keinen Kontakt mehr hatte. Einige persönliche Erinnerungen konnte ich in meinen Tagebüchern nachlesen, doch leider begann ich mit dem Festhalten von persönlich Ereignissen aus einem speziellen sportlichen Anlass erst im Jahre 1983.

Das Aufschreiben der vorliegenden Geschichten war für mich ein äusserst spannender Prozess und ich mache weiter. Ich möchte alle, die auch schon einmal mit dem Gedanken spielten, Vergangenes in irgendeiner Form festzuhalten, ermuntern, dies auch zu tun. Das digitale Zeitalter ermöglicht dies auf immer einfachere Art, wie jetzt z.B. über die Plattform meet my life.


Lehrpersonen möchte ich ermutigen, ihre Kinder anzuleiten, regelmässig und systematisch Tages- oder Wochenbuchnotizen zu machen und Fotomaterial in einem digitalen «Familienarchiv» zu sammeln. Ich bin überzeugt, dass sich jeder Mensch spätestens dann, wenn er älter geworden ist, gerne über selbst geschriebene Geschichten seiner Kinder- und Jugendzeit freuen würde; die Enkelkinder ganz bestimmt!

Vielleicht ist mein Buch ein «Vorläufer» des Projektes chamapedia.ch, denn an der Bürgerversammlung vom 15. Dezember 2015 wurde entschieden, die Idee einer Internetplattform für Chamer Geschichten zu realisieren (www.chamapedia.ch).


Beim Nachdenken und Festhalten von Erinnerungen entdeckt man, auf welche Art und Weise die Kinder- und Jugendzeit einen geprägt hat. Es gibt ganz interessante Erkenntnisse: Oft wird angenommen oder sogar behauptet, negative Erlebnisse in der Kindheit würden sich auf das spätere Leben auch negativ auswirken. Das muss nicht zutreffen. Bei mir war es jedenfalls nicht so. Ein Beispiel: In meiner Kindheit habe ich Schlimmes am bzw. im Wasser erlebt (siehe Foto 73 ff.). Ich bin zweimal beinahe ertrunken, wurde aber beide Male nur zufällig und zum Glück rechtzeitig entdeckt, wiederbelebt und gerettet. Ironie des Schicksals: An genau den gleichen zwei Stellen, an denen ich ins Wasser gefallen und beinahe ertrunken wäre, fanden zwei Menschen den Tod. An der einen Stelle ein Kind (Foto 78; das war lange Zeit vor meiner Geburt) und an der anderen eine alte Frau (Foto 73; in meiner Jugendzeit). Trotz aller Bedenken entwickelte ich mich aber zu einer richtigen «Wasserratte»: Ich wurde Rettungsschwimminstruktor, Schwimminstruktor; Wasserspringinstruktor, Ausbildner von Berufsschwimmlehrpersonen im Interverband für Schwimmen IVSCH; Chef des Seerettungsdienstes Cham; Verfasser verschiedener Schwimmlehrmittel und letztendlich Dozent für Schwimmen in der Sportlehrerausbildung an der ETH Zürich.


In unzähligen Sportstunden habe ich in meiner Tätigkeit als Sportlehrer versucht, Kinder, Jugendliche und Erwachsene vom Kindergarten bis zur Hochschule meinen «Bewegungsvirus» auf möglichst spielerische Art und Weise weiterzugeben. Und diese Kernidee wird auch in all meinen Sportbüchern deutlich.

Mein Leben ist Bewegung, auch heute noch. Ich bewege mich jeden Tag, mal sanft, aber meistens intensiv in Form eines Fitnesstrainings in meinem eigenen und zum Teil selbst gebauten Home-Fitness-Center, früher im Garten und heute auf der Dachterrasse.


Das Inhaltsverzeichnis des vorliegendes Buches erweckt den Eindruck einer chronologischen Abfolge der über 300 zumeist illustrierten Geschichten, doch dem ist nicht so. Es ist deshalb möglich, irgendwo im Buch mit dem Lesen zu beginnen. Es ist also keineswegs eine typische Autobiografie; es sind Geschichten, die mein Leben schrieb.


Zu guter Letzt empfehle ich als Einstimmung, vor dem Lesebeginn den Videofilm «Spaziergang in meine Vergangenheit» anzuschauen und so gedanklich einzusteigen in den wunderschönen Schlosspark, aber auch in die alte Gemeinde Cham – untermalt mit Trompetentönen und meinen Alphornklängen. 


(6)

1d: CD-Cover zum 15'-Videofilm «Spaziergang in meine Vergangenheit» (liegt jedem Buch bei).


Nun wünsche ich allen Leserinnen und Lesern viel Spass, egal wie und wo der «Start ins Lesen» beginnt. 

Gut Ding will Weile haben
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2.  Gut Ding will Weile haben

Die Kindheit prägt jeden Menschen. Vieles aus dieser Lebensphase bleibt im Gedächtnis haften. Ich hatte das Glück, eine meist unbeschwerte Kindheit in einer Grossfamilie im Schlosspark St. Andreas Cham erleben zu dürfen. Viele unvergessliche Erlebnisse aus dieser Zeit haben mein Leben geprägt.



(1)
2: Die Zeit läuft für alle gleich schnell.


Nach dem Tod meines Vaters schrieb ich im Herbst 1988 an die Schlossherrschaft Frau und Herrn von Schulthess einen Brief. Ich bedankte mich bei ihnen für die Fürsorge nach der Pensionierung meines Vaters, aber auch für alles, was unsere ganze Familie im Schlosspark St. Andreas erleben durfte. Ihre herzliche Antwort vom 30. Dezember 1988 hat mich berührt. Herr von Schulthess schrieb u.a.


(2)

3: Auszug aus einem Brief von Herrn von Schulthess im Jahr 1988.

Diese Worte haben mich gefreut und immer wieder beschäftigt. Sollte ich es wagen? Zwei Jahre später, am 11. Januar 1990, erhielt ich von Herrn von Schulthess erneut einen langen Brief. Darin äusserte er sich im Speziellen zu einigen Geschichten aus meiner Jugendzeit, die ich ihm geschildert hatte.


Herr von Schulthess interessierte sich immer mehr für meine Jugenderinnerungen. Unsere Kontakte häuften sich und meine «Berührungsängste» wurden immer kleiner. So schrieb er mir in einem weiteren Brief: «Was sie über ihre Jugenderinnerungen an St. Andreas schreiben, hat uns sehr berührt, denn wir haben die Reaktion auf unsere Bemühungen noch nie in dieser Art gehört.»

Dies war leider sein letzter Brief an mich. Im Sommer 1991 ist Herr von Schulthess 3 Jahre nach dem Tod meines Vaters – beide hatten denselben Jahrgang 1902 – im Alter von 89 Jahren gestorben. Auf einen Brief seiner Frau antwortete ihre Tochter Adrienne Oltramare mit lieben Worten: «Ihre verschiedenartigen Erinnerungen an unseren Vater freuen uns alle und interessieren uns.»

Der Gedanke, Geschichten aus meiner Kinder- und Jugendzeit rund um den Schlosspark St. Andreas zu schreiben, liess mich nach diesen Briefen einfach nie mehr los. Nach einem Besuch auf dem Schloss St. Andreas im Sommer 2010 ermutigte mich auch Frau Pacher, die Enkelin von Frau und Herrn von Schulthess, die vielen Geschichten, die ich ihr schilderte, aufzuschreiben. Auch sie zeigte sich sehr interessiert an Vergangenem rund um den Schlosspark St. Andreas, in dem auch sie als Kind immer wieder unvergessliche Ferien erleben durfte. Doch es blieb wieder nur beim Gedanken.
 

Nach dem sehr frühen Tod von Herrn Ferdinand Pacher im Herbst 2013 nahm ich im Frühling 2014 wieder Kontakt auf mit Frau Sibylle Pacher. Ich machte ihr den Vorschlag, gemeinsam einen «Spaziergang in meine Vergangenheit» im Schlosspark St. Andreas zu unternehmen und gleichzeitig diesen Spaziergang mit Schilderungen aus meinen Kindheits- und Jugenderinnerungen zu ergänzen. Frau Pacher nahm diesen Vorschlag begeistert an, fügte aber an, dass sie gerne alles auf einem Tonträger festhalten würde. Das war für mich der endgültig zündende Gedanke: Ich könnte doch Erinnerungen aus unserer Kinder- und Jugendzeit auf und um St. Andreas in einem Buch und in einem kurzen Videofilm festhalten.
 

Nun habe ich es gemacht. Es ist ein Dankeschön an die Familie von Schulthess, aber auch an alle Menschen, die mich während der St. Andreas und Chomer Zeit von der Kindheit bis ins Erwachsenenleben bei meinem «Start ins Leben» begleitet haben.

Am 2. September 2014 begaben sich Frau Pacher und ich auf einen «Spaziergang in meine Vergangenheit». Vor dem Haus des damaligen Obergärtners Ernst Ast begann ich von meinen Erlebnissen und Erinnerungen zu erzählen und einige Tage später griff ich zur Feder. 


(3)
4: Frau Pacher und ich stehen vor dem Turmhaus und machen uns auf den Weg zu einem «Spaziergang in meine Vergangenheit».

Auf dem folgenden «imaginären Spaziergang» in meine Vergangenheit schweife ich immer wieder ab, einerseits innerhalb der jeweiligen Zeit oder des jeweiligen Ortes, aber ab und zu auch bis in die Gegenwart. Es ist ein gemütlicher, abwechslungsreicher Spaziergang. Ein Spaziergang, bei dem ich immer wieder anhalte, wenn ich von etwas abgelenkt oder durch Zufall auf etwas aufmerksam gemacht werde, so wie eigentlich ein gemütlicher Spaziergang sein sollte! Und wenn man einen Spaziergang wiederholt, entdeckt man plötzlich wieder etwas anderes. Deshalb kommen einige Erinnerungen mehrmals vor, jedoch immer unter einem anderen Blickwinkel, in einer «anderen Farbe».
 

Beim «Start ins Leben» mache ich mir Gedanken, wo ich auf die Welt gekommen bin und wie unsere Familie damals ausgesehen hat. Ich denke nach über die unbeschwerte Vorschulzeit. Dann beginnen Entdeckungsreisen rund um den Waldschlupf und Beziehungen zu Nachbarskindern und deren Eltern. Schon bald ist es Zeit, in die Schule zu gehen. Ich erzähle von langen Schulwegen mit allerlei abenteuerlichen Erlebnissen. Nach der Schule folgte immer wieder die Freizeit, die für mich viel wichtiger war als alles andere. Zuerst schlendere ich rund um unser Haus. Dann folgt die Erkundung des Schlossparks mit vielen kleinen und grossen Abenteuern. Bald wage ich mich langsam auch in Gebiete ausserhalb meines «kleinen Paradieses» vor. Schliesslich erzähle ich von eigentlichen Schlossgeschichten in vielen Farben und Facetten, gefolgt von der sanften «Zwangsversetzung» ins Bänihaus und der Heimkehr zurück in unseren zweiten Waldschlupf, letztendlich erkunde ich das Dorf Cham. Nach der Heirat verlasse ich den Schlosspark St. Andreas.

Leider spät, aber dafür umso intensiver wurden meine Berührungsängste zu Frau und Herr von Schulthess abgebaut. Nach ihrem Tod interessierte sich leider kaum mehr jemand ernsthaft für das Weiterbestehen des wunderschönen Schlossareals, bis dann endlich neue Hoffnung aufkam. Die neuen Schlossparkpläne der jungen Familie Pacher bewegten die Chamer Bevölkerung. Es gab heftigen Widerstand, doch die Pacher's gaben nicht auf. 

Nach dem leider sehr frühen Tod ihres Mannes kämpfte Frau Sibylle Pacher weiter und realisierte bald einige Neubaupläne. Sie motivierte mich damit endgültig zum Schreiben einiger Schlossparkgeschichten. In diesem Zusammenhang wurden viele interessante Gespräche mit Menschen aus meiner Kindheit aufgefrischt, mit denen ich zum Teil mehr als 50 Jahre keinen Kontakt mehr gepflegt hatte. Wir tauschten gegenseitig Erinnerungen aus. Ebenso überraschend wie die vielen schönen Erinnerungen war, wie sich bei der Aufarbeitung und beim Suchen von Unterlagen unerwartet und zufällig viele Kreise geschlossen haben.
 

Vieles, was ich in meinem Leben realisieren durfte, hat seine Wurzeln im und um den Schlosspark St. Andreas. Ich habe noch nie in meinem Leben, wie in dieser Zeit des Aufarbeitens, auf so eindrückliche Weise erlebt und erfahren, wie sich mein soziales Umfeld und damit verbunden mein Netzwerk im Verlauf der Zeit, insbesondere in den Schlosspark-Zeiten, entwickelt und stets erweitert hat.
 

Wenn ich an dieses Netzwerk denke, dann kommt mir ein besonderes Erlebnis aus meiner frühen Kindheit in den Sinn. In unserem WC im alten Waldschlupf gab es oberhalb des engen Raumes ein kleines Fenster. Ich stand oft auf dem wackeligen WC-Rand (einen Deckel gab es nicht) und habe stundenlang beobachtet, wie eine Spinne auf eindrücklich-kunstvolle Weise ihr Netz geflochten hat. Zuerst waren es nur einige von einem Zentrum aus angelegte, feine Radial-Fäden. Dann begann die Spinne von innen her systematisch das Netz zu spinnen, Ring um Ring, Kreis um Kreis, es entstand ein prachtvolles Netzwerk. Alle Fäden wurden systematisch kunstvoll miteinander verwoben. Innen waren die Abstände klein, gegen aussen wurden sie zusehends grösser. Bei starken Winden oder wenn jemand von uns den grossen Hausschlüssel, der jeweils auf dem kleinen Fenstersims versteckt war, unvorsichtig wegnahm, ging das ganze Netz wieder kaputt. Doch wenig später begann die Spinne mit dem Neuaufbau. 


(4)
5: Jeder Mensch baut im Verlauf seines Lebens sein eigenes Netzwerk.

Es kommt mir vor, als sei es ähnlich wie in unserem Leben. Zuerst ist bedeutsam, an welchem Standort unser Netz befestigt wird. Schon da gibt es günstige und weniger geeignete Standplätze. In der ersten Zeit des Lebens wird das Netzwerk ohne eigenes Mitwirken durch das Umfeld (Eltern, Geschwister, Nachbarn, Verwandte, Erziehende usw.) bestimmt. Bald aber werden eigene Fäden gezogen, ein eigenes Netzwerk aufgebaut. Und so ist jedes Netzwerk anders. Und jedes ist wie ein Fingerabdruck einmalig.


Schicksalsschläge können ein Lebensnetzwerk beschädigen oder ganz zerstören. Wenn die Kraft reicht, kann wieder ein neues aufgebaut oder zumindest so gut es geht geflickt werden. Wenn es nicht gelingt, dann bleibt ein Loch im Netz bestehen, aber das Leben geht weiter.

Es wurde mir beim Schreiben meiner Geschichten bewusst, wie die Fäden meines Netzwerkes miteinander verwoben sind. Wenn ich an einem Faden zog, bemerkte ich, wie sich viele andere Fäden mitbewegten, ausgehend von der frühen Kindheit bis in die Gegenwart. Aber immer wieder habe ich mich an den Ausgangspunkt, den Schlosspark St. Andreas, zurückerinnert. Die Schlosspark Geschichten wurden und werden deshalb im Verlauf des Schreibens laufend erweitert. Mit vielen Fotos und Geschichten ist daraus eine Zeitreise mit vielen kleinen und grossen Zeitsprüngen entstanden, und sie geht weiter …

Gesund geboren – liebevoll umsorgt
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3.  Gesund geboren – liebevoll umsorgt

Es ist immer wieder ein Wunder, wenn ein gesundes Kind auf die Welt kommt. Mir war dieses Glück vergönnt. Meine Mutter hatte bereits vier gesunde Kinder auf die Welt gebracht und somit war die berechtigte Hoffnung gross, dass auch beim fünften Mal alles gut gehen würde. 


(1)

6: Asyl Cham 24.6.1945. Hier kam ich auf die Welt.

Mamme, so nannten wir unsere Mutter, hat mir oft erzählt, wie sie damals am 24. Juni 1945 vor einem heftigen Gewitter mit Baba an der Hand Richtung Asyl marschierte. Die ersten Wehen liessen ihr nicht mehr viel Zeit! Mamme kämpfte sich an Vaters starkem Arm den Schlüsselrain hinauf, dann Richtung See, über die schmale Lorzenbrücke, am schönen «Gärtnerhüsli» der Villette vorbei und dann der hohen Friedhofmauer entlang.
 

(2)

7: Am 24. Juni 1945 vormittags auf dem Weg zum Asyl, vorbei am romantischen Villette-Gärtnerhüsli.


Dort, an dieser Mauer, so erzählte mir die Mutter, hätte sie sich immer wieder abgestützt, bis sie mit Baba schliesslich via Bahnhofstrasse und Rigistrasse beim Asyl ankam. Dann soll es nicht mehr lange gedauert haben, bis ich das Licht der Welt erblicken durfte. Gleich nach meiner Geburt hätte sich über Cham ein heftiges Gewitter entladen.


(3)

8: In diesem Asyl geschah am 24. Juni 1945 ein Wunder – die Geburt eines gesunden Buben.

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(Einschub am 24. Juni 2019)
«Am Sonntag, 24. Juni 1945 war es sommerlich heiss, als ich am Arm von Baba den langen Fussmarsch vom Waldschlupf zum Asyl
(damaliger Name für das Spital) in Angriff nahm. Kurz nach deiner Geburt hat es ein heftiges Gewitter gegeben!», so berichtete meine Mutter immer wieder an meinen Geburtstagen.

 

Heute jährt sich dieser Tag zum 74. Mal; ein seltsames Gefühl! Wenn ich ab und zu Gesichter von über 70jährigen anschaue, dann realisiere ich: «Der oder die sieht schon recht alt aus!» Dabei halte ich mir immer wieder den Spiegel vor Augen und stelle fest, dass auch bei mir deutliche Zeichen des älter Werdens sichtbar sind. Zwar meine ich, noch «derselbe» zu sein wie früher. Das mag in Gedanken stimmen, aber die Realität ist eine andere. Am deutlichsten erlebe ich dies an meinem Körper. Was ich früher mit Leichtigkeit tat, ist in vielen Fällen jetzt viel schwieriger; in den meisten Fällen gar nicht mehr möglich. Und im Kopf? Funktioniert da alles auch noch wie früher? Ab und zu scherze ich zu meiner Frau, wenn ich z.B. vom Keller zurückkomme und eingestehe, dass ich nicht mehr weiss, warum ich eben hinunterging! Oder dass ich länger als früher nachdenken muss, wie eine mir zwar gut bekannte Person heisst. Doch, so tröstet man sich dann oft gegenseitig, dies sei halt das Alter.

 

Wenn man gesund 74 Jahre alt werden darf, ist das doch ein Geschenk. Das denke ich immer wieder, wenn ich Todesanzeigen von Menschen lese, die uns in ganz jungen Jahren verlassen haben. Zum Beispiel mein Bruder Toni im Alter von nur 59 Jahren. Irgendwann müssen wir alle «gehen». Immer mehr versuche ich deshalb, bewusst zu leben und jedem Tag etwas Sinnvolles abzugewinnen und bin dankbar für alles, was ich in meinem Leben erleben und realisieren durfte.


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8a: Rückblickend zufrieden; vorausblickend zuversichtlich.

 

Heute vor genau 4 Wochen trat ich ins Spital Hirslanden Heiden ein um mich einer Knieoperation zu unterziehen (Foto 382d ff.). Ich bin erstaunt und glücklich, dass ich mich nach so kurzer Zeit schon wieder fit fühle. Ich hinke zwar noch, kann das linke Knie erst knapp über 90 Grad biegen, aber ich habe fast keine Schmerzen. Heute absolviere ich bereits die 7. Physiotherapiestunde und mache jedesmal Fortschritte. Ich erlebe, wie systematisches und gezieltes Trainieren Fortschritte bewirkt. Ich hoffe, dass ich dem Grundsatz der täglichen Bewegungssunde weiterhin treu bleibe. Ich bewege mich einfach sehr gern, aber naturgemäss anders als in jungen Jahren – immer etwas langsamer!

 

Morgen ist Züri Enkeltag! Meine Frau und ich freuen uns auf Hannah und Basil, die beiden Kinder unserer übernächsten Generation! Dabei wird mir bewusst, dass beide noch nicht auf der Welt waren, als ich mit dem Schreiben meiner St. Andreas Geschichten begann. Die Zeit vergeht schnell. Es lohnt sich deshalb, ab und zu etwas auf die Bremse zu stehen.

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Zurück in die damalige Zeit! Ich wurde schon nach wenigen Tagen gesund und munter in mein erstes Zuhause in den Waldschlupf «verlegt» und dort liebevoll umsorgt.



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9: Der Walschlupf, mein erster heimeliger Unterschlupf.

Meine Mutter sorgte sich nebst vielen anderen Hausarbeiten rund um die Uhr auch um mich. Neben mir waren bereits vier Kinder da: Willi, Gertrude, Toni und Margrit. Willi, Gertrude und Toni gingen bereits in die Schule, Margrit war noch zu Hause. Sie alle haben mich in den ersten Tagen meines Lebens verwöhnt, wie dies ja meistens der Fall ist bei einem Neugeborenen. Wir waren bereits zu dieser Zeit eine Grossfamilie. Wie damals üblich hat meine Mutter für mich Windeln gewaschen und diese an der nur für kurze Zeit scheinenden Sonne hinter dem Waldschlupf trocknen lassen.


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10: Die Sonne zum Trocknen der Wäsche schien im Waldschlupf nur für kurze Zeit.

Meine ersten Kindheitserinnerungen gehen etwa ins Jahr 1950 zurück. Ich war bereits äusserst aktiv damit beschäftigt, die Umgebung rund um den Waldschlupf zu erkunden, aber meistens nicht weit weg vom sicheren und immer wieder rettenden Zipfel der Mutterschürze.


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11: Aus dieser Zeit kann ich mich an vieles meiner Kindheit erinnern.

Ich erinnere mich sehr gut, wie wir wohnten. Die Infrastruktur war sehr bescheiden. Nur ein Wasserhahn im ganzen Haus, selbstverständlich nur Kaltwasser, eine zentrale Holzheizung in der Küche, welche den Kachelofen in der Stube aufheizte, ein Kochherd und ein kleiner Gasherd in der Küche, keine Klingel an der Türe, kein Licht vor dem Haus, kein Telefon, nur ein einziger grosser Hausschlüssel, im WC harte Zuger-Amtsblatt-Blätter als WC-Papier und vor der Haustüre nur ein kleiner, rostiger Briefkasten.  


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12: Zu diesem rostigen Briefkasten gab’s nicht einmal einen Schlüssel.

Ich kann mir heute gar nicht mehr vorstellen, wie die Morgentoilette mit nur einem Kaltwasserhahn und nur einem WC ablief, waren wir doch später in «Spitzenzeiten» sechs bis acht Personen im Haus. Aber es hat funktioniert, irgendwie haben wir uns arrangiert.

Als besonders eindrückliche Erinnerung bleibt das Baden im Wäschezuber. Bei schönem Sommerwetter platzierte die Mutter den metallenen Wäschezuber auf dem Bsezziplatz (Kopfsteinpflaster). Da jeweils nur während weniger Stunden die Sonne an diesem meist schattigen Platz mit voller Kraft schien, musste der Zuber am richtigen Ort stehen. Damit das kalte Wasser etwas wärmer wurde, tauchte die Mutter einige leere Weinflaschen ins Wasser. Diese drehten sich und nahmen so die Wärme der Sonne auf, also bereits zu dieser Zeit eine kleine Solaranlage! Wenn das Wasser genügend warm war, durfte ich «füdliblutt» hineinsteigen und so lange drin bleiben, bis mich die Mutter wieder abtrocknete oder bis es mir zu kalt wurde.


50 Jahre später erinnerte ich mich beim Bau der Solaranlage auf dem Flachdach unseres Hauses wieder an das Baden im Wäschezuber. Dieselbe Sonne wie schon damals sorgt auch heute für Warmwasser und die PV-Anlage sogar für eigenen Strom. Diese zeitlose, unerschöpfliche Energie wird uns Menschen nie ausgehen, im Gegensatz zu anderen. Dafür setze ich mich auch in meinem Leben als Rentner intensiv ein (www.engereo.ch).


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12a: Fotovoltaik- und Solaranlage auf unserem Hausdach.

Richtig baden durften wir dann an Mutters Waschtag. Die Waschküche befand sich im Keller des Obergärtnerhauses. Die Mutter trug die trockene Wäsche vom Waldschlupf auf dem langen Kiesweg in die Waschküche im 100 Meter entfernten Turmhaus, und nach dem umständlichen Waschen die schwere nasse Wäsche wieder denselben Weg zurück. Im Waldschlupf ging's dann noch zwei steile Treppen hoch bis zum Estrich, wo alles aufgehängt wurde – eine eigentliche Schwerstarbeit! Wenn die Mutter alles fertig gewaschen hatte, blieb noch eine Menge Warmwasser zurück. Mit einer grossen Schöpfkelle hat sie dann das Warmwasser vom kupfernen Aufheizbecken in die Badewanne gegossen und mit etwas Kaltwasser auf eine angenehme Temperatur hinuntergekühlt. Und jetzt gab’s für uns keine Grenzen mehr. Wir durften spritzen, gumpen, schwaddern und planschen wie es uns gefiel, denn die ganze Waschküche musste ohnehin am Schluss des Waschtages blitzblank gereinigt werden. Alle Hähne wurden zu guter Letzt mit weissem Sigolin angestrichen und dann mit einem trockenen Lappen auf Hochglanz poliert, insbesondere dann, wenn die Mutter wusste, dass am darauf folgenden Tag die Frau des Obergärtners ihren Waschtag hatte.


Ich erinnere mich noch sehr gut, wie ich jeweils auf der alten Sandsteintreppe vor dem Haus sass, wenn mein Vater nach dem Mittagessen wieder an die Arbeit ging, mit einem Stumpen «Villiger rund» im Mund und stets bei bester Laune! Noch rieche ich seinen Stumpenrauch.


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13: Ich sass jeweils auf der Sandsteintreppe, wenn Baba am Nachmittag wieder an die Arbeit ging.

Baba war die Bescheidenheit in Person, in jeder Beziehung. Er leistete sich kaum einen Luxus. Pro Jahr gab es nur einen wichtigen Ausgang, nämlich am «Chomer Märt». Wenn er seinen Bedarf an Schuh-Utensilien wie Nägel, Eiseneinsätze für die Reparatur von unseren abgelaufenen Schuhsohlen, Lederschnürsenkel, Schuhwichse, Schnüre usw. beim «Billigen Jakob» (dessen Standort war immer vor dem Restaurant Kreuz) eingekauft hatte, kehrte er noch kurz im Restaurant Ritter, auch «Blech» genannt, ein. Wenn er dann etwas lustiger als gewohnt heimkam, riet unsere Mutter, Baba auf keinen Fall zu viele schwierige Fragen zu stellen!

Am Zahltag brachte Baba das gelbe Couvert nach Hause und übergab es noch vor dem Mittagessen der Mutter. Er bezog jeden Monat lediglichr ein kleines Taschengeld vom Lohn und alles andere verwaltete die Mutter. In seiner Agenda hat er sich mit seiner wunderbaren Handschrift lediglich als Gärtnergehilfe bezeichnet. Aber für uns war er stets der liebevolle «Schlossgärtner».


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14: Mein Vater war sehr bescheiden. In seiner Agenda stand: Wilhelm Bucher, Gärtnergehilfe.

Unser kleines, schmales WC war bei so vielen Personen natürlich oft besetzt, mal länger, mal weniger lang. Als ich ein wenig lesen gelernt hatte, versuchte ich immer wieder, den Text auf einem weissen Emailschild oberhalb der WC-Schüssel zu lesen, aber ich verstand ihn nie. Ich las den Text einfach irgendwie auf Deutsch: «Levez le siège s.v.p. avant d’employer le closet comme urinuar». Erst viel später verstand ich diese Aufforderung – und habe mich dann auch wirklich daran gehalten.

Oben an der Wand hing an einem riesigen rostigen Nagel ein alter, flach zusammengedrückter Feuerwehrschlauch mit einem kleinen Wenderohr. Der Schlauch wurde zum Glück nie gebraucht. Zum Glück in jeder Beziehung, denn er hätte bei einem Brandfall nichts genützt. Als nämlich mein Bruder Toni und ich vor dem Abbruch des alten Waldschlupfs den Schlauch testeten, spritzte mehr Wasser aus den angebrochenen Seitenrändern heraus als vorne am Wenderohr!

Etwa dreimal pro Jahr kam abends per Velo unser Hauscoiffeur Herr Joss zu uns. In einer alten Ledermappe hatte er einen Kamm, eine elektrische Haarschneidemaschine, eine Schere, ein Rasiermesser, einen Lederriemen zum Schärfen der Rasierklinge und eine Art Coiffeurmantel. Dieser wurde jedem von uns als Haarfänger an den Hals gehängt. Ein Kind nach dem andern wurde auf ein Taburettli gesetzt; alle ausser der Mutter kamen dran. Bei mir mussten zwei Taburettli kreuzweise aufeinander gesteckt werden, denn sonst hätte sich Herr Joss zu sehr bücken müssen. Am Anfang machte mir dieser Herr Joss immer etwas Angst.


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15: Ein oder zwei Taburettli aufeinander gesteckt – das war unser Coiffeurstuhl.

Ein solcher Coiffeur-Abend wurde mir einmal beinahe zum Verhängnis. «Ruhig sitzen!» befahl Herr Joss. Als er mit dem Haarschneiden fertig war und ich das trockene Abrasieren einiger Härchen mit dem meist stumpfen Rasiermesser schmerzhaft durchgestanden hatte, ging ich in mein Zimmer im oberen Stock, stieg auf das Fenstersims und griff hinaus zu einem Balken, den ich noch knapp fassen konnte. Dann hängte ich mich daran, pendelte einmal hin und wieder zurück zum sicheren Stand auf dem Sims. Beim wiederholten und etwas mutigeren Versuch pendelte ich zwei-, dreimal, aber es reichte nicht mehr bis ganz zurück. Ich hing verkrampft in der Luft und rief verzweifelt um Hilfe. Alle stürmten aus dem Haus, Herr Joss sogar samt Schere und Kamm in den Händen. Die Mutter eilte zu mir hinauf ins Zimmer, packte mich am Bauch, zog mich zum Sims – und ich war gerettet! Einmal mehr hatte mich in meiner Kindheit mein guter Schutzengel, zu dem mich meine Mutter jeden Abend zu beten anleitete, beschützt!


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16: Ich hing hilflos am Balken und schrie um Hilfe.

Unser altes Bauernhaus und die unmittelbare Umgebung waren einmalig: Ein grosser geheimnisvoller Estrich, die zu einem Lagerschuppen umgenutzte Scheune, das dunkle Kistenmagazin, das gespenstische «Veloböili», die feuchte Remise, der niedrige dunkle Keller, der nahe gelegene dichte Wald, die farbenprächtigen Wildreben rund ums Haus – fürwahr ein kleines Paradies!


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17: Einmalige Farbenpracht an den alten, hölzernen Aussenwänden des Waldschlupfs.

Den anfänglich kurzen Zipfel der Mutterschürze habe ich mit der Zeit, wenn auch zaghaft, immer etwas verlängert. Ich verliess mehr und mehr die nahe Umgebung unseres heimeligen Waldschlupfs und erkundete das kleine Paradies rund um unser Haus, aber wenn immer möglich in Ruf-und Sichtweite.

Nur an hohen Festtagen kam unsere ganze Familie zusammen. Gertrude war bereits ins Welschland ausgezogen, Willi in die Klosterschule Immensee und Toni für ein Jahr nach Belgien. An meiner ersten Heiligen Kommunion gab's ein solches Familienfest.

Bei wichtigen Familientreffen hat unser Hoffotograf Alois Leu jeweils Fotos gemacht. Neben dem Fotografieren richtete er sein Auge aber auch immer wieder und immer öfter gezielt auf meine Schwester Gertrude (ganz links), allerdings ohne langfristigen Erfolg!


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18: Die ganze Familie Bucher war nur an hohen Festtagen zusammen wie hier an meiner ersten Heiligen Kommunion.

Waldschlupf 1 – kleines Paradies
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4.  Waldschlupf 1 – kleines Paradies

Wenn ich an die Zeit im alten Waldschlupf denke, dann sprudelt es nur so von Erinnerungen, da werden alte Geschichten wachgerufen. Wir erlebten im und um unser altes Bauernhaus fürwahr eine Kinder- und Jugendzeit wie in einem kleinen Paradies. Vieles, was ich später im Leben anpackte oder ausführte, hat hier seine Wurzeln.


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20: Unser Wohnhaus «zum Waldschlupf» –  ein «kleines Paradies».


Wenn wir aus unserer verwitterten schweren Holztüre über drei abgelaufene Sandsteinstufen auf den kleinen Kiesplatz traten, standen wir unmittelbar vor dem Kistenmagazin. In diesem alten Holzhäuschen gab es verschiedene gespenstische Räume, aber auch viele geheimnisvolle Kisten, ideal zum Erkunden und Entdecken!


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21: In diesem gespenstischen Kistenmagazin schlummerten viele Geheimnisse.

Im unteren Geschoss wurden in der Winterzeit die Gartenmöbel des Schlossgartens eingelagert. Es war für uns Kinder interessant, über diese grossen Bänke und Stühle zu klettern und unten durchzukriechen, nicht immer zur Freude der Mutter. Denn nach derartigen Entdeckungsreisen hatte sie wieder unsere staubigen Kleider zu waschen.
 

Für mich war der alte rostige Bobsleigh-Schlitten, welcher während meiner ganzen Kinder- und Jugendzeit rechts beim Eingang an der Wand stand, ein ganz besonderer Magnet. Dieser, so hat man uns erzählt, wurde für die beiden sportlichen Schloss-Kinder Monica und Tony Page jeweils in die Winterferien mitgenommen. Ich kann mir kaum vorstellen, wie dieses schwere eiserne Vehikel damals transportiert wurde. Vielleicht hat man es nach dem Gebrauch im Kistenmagazin zwischengelagert in der Hoffnung, es werde bald wieder einmal benützt.


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22: Wir rasten in Gedanken – wie in einem Traum – mit einem Bobsleigh eine eisige Bobbahn hinunter.

Als Kind setzte ich mich immer und immer wieder in diesen Bobsleigh, fasste das mit Schnüren umwickelte Steuerrad und fuhr dann, laut vor mich hin brummend, in Gedanken eine steile vereiste Bobbahn hinunter. Ab und zu spielte auch meine ältere Schwester Margrit mit; sie war dann eine zuverlässige Bremserin! Der Bobsleigh steht leider nicht mehr wie damals an der Wand; er wurde vom Nachfolger des Schloss-Hauswartes und -Chauffeurs in Eigenregie als Alteisen entsorgt. Eigentlich schade! Einige der Hut- und Überseekoffer aus dem Kistenmagazin hat die junge Schlossherrin jedoch gut versteckt und so vor einer weiteren Entsorgung bewahrt.

Wenn ich heute vor der Gittertüre zum Kistenmagazin stehe, wo wir später unsere Velos deponierten, und diese Türe wie damals mit einem Kniff von innen her öffne, dann kann ich es kaum glauben, dass seit meinen Fantasie-Bobfahrten bis heute mehr als 65 Jahre vergangen sind. 


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23: Die Türe zum «Veloböili» lässt sich immer noch mit demselben Kniff öffnen wie vor mehr als 60 Jahren.


Neben dem Kistenmagazin führt eine alte Sandsteintreppe hinauf, die ich tausende Male hochgelaufen und oft auch mit nur einem Satz hinauf und hinunter gesprungen bin.


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24: Mein täglicher Hindernislauf begann oder endete an dieser Sandsteintreppe.


Um oben ins Kistenmagazin einzudringen, brauchte es etwas mehr Geschick als bei der unteren Türe, aber mehr auch Mut. Zuerst galt es, vom strengen Obergärtner unbemerkt die schmale Treppe hochzuschleichen. Unbemerkt deshalb, weil der Zugang zu diesem oberen Stock für uns – wie viel Anderes – eigentlich ein Tabu war. 


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25: Der obere Stock im Kistenmagazin war für uns Kinder ein Tabu.

 

Die Türe war stets geschlossen, aber mit einem Trick konnte ich auch diese öffnen. Ich musste den Griff kräftig fassen und dann die Türe sanft gegen mich ziehen. Dann konnte ich mit einem Küchenmesser die Schlossfalle hineindrücken und so die Türe sorgfältig gegen innen stossen. Manchmal waren mehrere Versuche nötig! Beim Eindringen in den gespenstischen Raum musste ich mich zuerst an die Dunkelheit gewöhnen. «Dunkel wie in einer Kuh» sagten wir diesem Gefühl. Ich liess die Türe dann immer einen Spalt weit offen, damit ein kleiner Lichtstrahl blieb. Dann ging die Entdeckungsreise weiter. Da gab es verschiedene Überseekoffer, Hutkoffer, Kisten aller Art – daher wohl der Name Kistenmagazin. Aber alles war staubig, sehr staubig. Nach kurzer Zeit zog ich es dann jeweils vor, wieder in die sichere hellere Aussenwelt zu gelangen.

Alle Räume in unserem Bauernhaus waren klein. Auf engstem Raum sassen wir gemeinsam am Küchentesstisch. Die Sitzordnung war immer dieselbe: Baba sass ganz oben, in seiner Griffweite lag eine Fitze auf einem Gestell hinter den verschiedenen Pfannen. Mutter sass mit dem Rücken zum Kochherd, Rita und ich, die beiden «Kleinen», mit dem Rücken zum Fenster und Toni auf der Frontseite, dem Vater gegenüber. Oft konnte ich das Ende des Essens kaum erwarten, denn hinter meinem Rücken befand sich unser Bsezziplatz (Kopfsteinpflaster), mein Spielplatz. Sobald die Mutter es erlaubte, zwängte ich mich zwischen Toni und dem Schüttstein hindurch, holte einen Ball und begann zu spielen.
 

Als Tor- und Zielwand diente jeweils entweder eine Mauer oder ein ganz bestimmtes kleines Balkenfeld des Tenntores. Ab und zu ergaben sich auch ungewollte Abpraller in Richtung Fenster der Remise. An die speziellen Trainingseinheiten mit meinem grossen Bruder Willi erinnere ich mich gerne. Er war ja leider fast nie zu Hause, denn die meiste Zeit wohnte er in Internaten, zuerst in einer Sekundarschule im Rheintal und später am Gymnasium in Immensee. Er wollte (oder: sollte!) Priester werden, denn es war damals in kinderreichen katholischen Familien üblich, dass sich ein Kind für ein kirchliches Amt entscheiden sollte, Mädchen als Nonnen und Knaben als Priester. Dieser Wegweiser wurde für Willi, dem ältesten Kind in unserer Familie, schon recht früh ausgerichtet. Auch ich wurde im Verlauf des Studiums von Willi ab und zu von seinen Studienkollegen angesprochen, ob das nicht auch für mich ein möglicher Lebensweg sein könnte. Es blieb bei den Motivationsversuchen! Doch Willi ging diesen Weg mit innerer Überzeugung, bis er ein Jahr vor seiner Primiz eine andere Richtung einschlug. Grund dafür war die Liebe zu einer Frau. Er entschied sich für ein weltliches Leben, studierte danach weiter und doktorierte an der UNI Freiburg in Mathematik. Was und wo er studierte, war mir damals eigentlich egal. Für mich war nur wichtig, dass er, sobald er im Urlaub war, möglichst rasch die Turnschuhe anzog und mit mir auf dem Bsezziplatz Fussball spielte!


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26: Der Bsezziplatz – mein Fussballfeld.

Vom Bsezziplatz aus hatte man direkten Zugang zur Remise. Dieser dunkle, feuchte Raum weckt unzählige Erinnerungen. Zum Beispiel an meine ersten Versuche, einen rostigen Nagel wieder einigermassen gerade zu schlagen oder gefangene Fische im Trog «zwischen zu lagern». Der Boden in diesem Raum war stets feucht, die Luft muffelig. Auf dem grossen Holztisch rechts beim Eingang stand eine schwere Kiste voll rostiger Nägel. Diese durften wir für Bastelarbeiten gebrauchen (zumindest haben wir Kinder uns dieses Recht genommen). Mit einem schweren Hammer lernte ich, wie man einen krummen Nagel wieder gerade biegen bzw. -schlagen konnte. Mit solchen kleinen Experimenten habe ich Fähigkeiten und Fertigkeiten erworben, die mir dann in meiner Lehre als Elektromechaniker dienlich waren.
 

Neben dem Holztisch stand ein grosser «Dängeli-Stein». Wenn ich von der Schule heimkam und schon von weit her ein regelmässiges Däng-Däng-Däng vernehmen konnte, dann wusste ich, dass Baba am Dängele war. Ich habe ihm oft zugeschaut und immer wieder gestaunt, wie er die Stelle, an der er die Sense auf die schmale Eisenkante aufgesetzt hatte, mit jedem Schlag ganz genau traf.



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27: So erinnere ich mich an Baba beim «Dängele» – das war (s)eine Kunst.

Wenn Baba dann seine Sense wieder messerscharf gehämmert hatte, musste er damit grosse Wiesenflächen von Hand mähen. In breitem Stand schwang er elegant weit nach rechts aus, zog die scharfe Sense knapp über dem Boden nach links, liess die Sense noch leicht ausschwingen, drehte wieder langsam aber dynamisch nach rechts mit einem gleichzeitigen kurzen Schritt vorwärts bis zum nächsten Senseschwung. Sein Stolz war es, einerseits eine schnurgerade Mahde zu erzielen und andererseits mit seinen Schuhen zwei Spuren als Resultat seines gleichmässigen Vorwärtsschreitens im nassen Gras zurückzulassen. Nach einigen Metern stellte er die Sense mit dem Griff ins Gras, reinigte die leicht gekrümmte Metallklinge mit etwas Gras in der Hand und einem gekonnten Zug vom breiten zum schmalen Sensenblatt (ohne sich zu schneiden), zog den Wetzstein aus dem Wetzsteinfass und schärfte dann die Klinge. Ich hatte immer etwas Angst, dass er sich irgendwann einmal bei diesem Vorgang schneiden würde.

Wenn er auf dem Heimweg war, marschierte ich jeweils stolz neben ihm her. Er trug die Sense auf seiner rechten Schulter und das Wetzsteinfass, angehängt am Gürtel auf dem Rücken. Noch höre ich beim Marschieren das regelmässige «Glig-Glag» – «Glig-Glag» des Wetzsteins, welcher bei Babas Schritten im Wetzsteinfass im Rhythmus seiner ruhigen Gangart hin und her geschlagen wurde.


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28: Babas Wettsteinfass hing immer im Tenn, und heute liegt es als Erinnerungsstück in meinem Büchergestell.

Diese schwungvolle Sensenmähtechnik begegnete mir viele Jahre später in einem ganz anderen Zusammenhang. Mein Freund und Studienkollege Edi Bachmann schenkte mir das Golfbuch «Golf-Weisheiten», sicher nicht zuletzt mit der Absicht, dass meine Golftechnik noch wesentlich verbessert werden könnte. Ich fand in diesem etwas speziellen Golfbuch das Kapitel «Die Sense». Dort beschreibt der originelle und erfahrene Golflehrer Havery Penick den Golfschwung auf bildliche Art, indem er den Bewegungsablauf des Golfschwunges mit dem Sensenschwung vergleicht.



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29: Auszug aus dem Buch «Golfweisheiten zur Technik des Sense- bzw. Golfschwunges».

Wenn es mir manchmal überhaupt nicht gelingt, einen weichen und doch dynamischen Golfschwung auszuführen, dann versuche ich, mich an die legendären lockeren Senseschwünge meines Vaters zu erinnern: Ausholen – Hüfte vorspannen – und erst dann den Schläger mit langen Armen locker schwingen lassen! Auch wenn's beim Golfschwung nicht immer gelingt, die Erinnerung an meinen Vater ist mir ebenso wichtig.

Im Tenn des am Walschlupf angebauten Stalls hingen nebst den Sensen auch weitere verschiedene Bauernwerkzeuge, kleine und grosse Holz- und lange Metallrechen. Am meisten Platz im Tenn brauchte der grosse Heuwagen. Früher wurde dieser Wagen von einem Pferd gezogen. In meiner Kinderzeit befand sich vorne eine lange Deichsel mit einem übergrossen Handgriff, an dem zwei starke Männer den Heuwagen ziehen konnten. Hinter dem Heuwagen führte eine steile Treppe hinauf zum Heuboden. Auf der rechten Seite war dieser zementiert, auf der linken breiteren mit Holzbrettern abgedeckt. Auf diesen Holzboden wurde im Sommer das Heu gebracht. Bis das Heu jedoch an dieser Stelle gelagert werden konnte, musste hart gearbeitet werden. An heissen Sommertagen waren alle Gärtner im Einsatz, wenn es Zeit für den Heuet war. 


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30: Baba beim Aufladen von Stroh. Auf diesem grossen Heuwagen wurde bereits in den Kriegsjahren Stroh und nach dem Krieg Heu eingefahren.

Das Heu wurde von Hand mit speziellen schrägen Holzgabeln zu Mahden angehäuft und dann mit grossen Metallgabeln auf den Heuwagen geladen. Wenn das Gefährt voll war, musste dieses mit viel Manneskraft zum Tenn gezogen bzw. geschoben werden. Wir Kinder durften dabei helfen. Im Tenn angekommen, wurde das Heu vom Holzwagen auf den Heuboden gehievt und von dort systematisch auf dem Holzboden aufgestockt und gleichmässig verteilt. Nach dieser schweisstreibenden Arbeit, die wir Kinder immer mit Interesse verfolgten, offerierte der Obergärtner Ast allen Gärtnern ein Glas seines eigenen Mosts. Im Geheimen freuten wir uns natürlich nach diesen Heuernten schon wieder auf unsere waghalsigen (eigentlich verbotenen) Sprünge ins weiche Heu!

Ein dicker Verbindungsbalken von der Aussenwand der Scheune bis zum Waldschlupf-Hausteil diente uns als Sprungturm. Zuerst galt es, über verschiedene Kästen und ausgediente Landwirtschaftsgeräte bis auf die Höhe dieses Balkens hinaufzuklettern. Dann brauchte es viel Mut, auf dem schmalen, verstaubten Balken zu balancieren, bevor wir einen Sprung ins weiche Heu wagten. Das war auch ein besonderes Erlebnis für die Nachbarkinder, aber es musste immer geheim bleiben!

Einige Jahre später, ich war schon 16jährig, wollte Baba sein «Solardach», das er für sein eigenes kleines Tomaten-Gewächshäuschen hergestellt hatte, im Winterlager in unserer Scheune versorgen. Es war ein langes Gestell, überzogen mit Plastik. Das Tragen, Heben und Schieben ohne Sachschaden vom Garten um viele Ecken bis hinauf zur Heubühne war sehr schwierig. Ich stieg auf den hohen Balken, von dem wir jeweils ins Heu sprangen. Doch das war sehr gefährlich, denn nur auf der einen Seite unterhalb des Balkens lag Heu. Auf der anderen Seite, etwa fünf Meter unten, befand sich der Betonboden. Schon der Aufstieg auf den Balken war jedes Mal ein Abenteuer. Ich kletterte also hinauf. Nun stand ich auf dem Balken wie ein Seiltänzer. Baba und ich fassten das Gestell, hoben es an und ich tastete mich Schritt für Schritt rückwärts auf die andere Seite des Balkens. Langsam, langsam … doch plötzlich verlor ich das Gleichgewicht. Ich spürte, wie ich nicht gegen die Heu-, sondern gegen die Betonseite kippte. Ich liess das Gestell los, schrie laut … und fiel rückwärts. Reflexartig konnte ich mich zum Glück beim Fallen am Balken halten. Wie bei einem Unterschwung an einem Reck schleuderte es mich Richtung Heu; ich landete weich. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn ich rückwärts auf den Betonboden gefallen wäre. Der Mutter gegenüber hatten Baba und ich strengstes Stillschweigen vereinbart (und lange Zeit auch geheim gehalten)!


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(Einschub vom 27. Oktober 2019)
Heute durfte ich bereits zum vierten Mal eine Besuchergruppe durch «meinen» Schlosspark führen. Dabei hat mich meine Schwester Rita begleitet und unterstützt. Alljährlich organisiert der Kanton Zug einen Anlass für Jubilare, welche 10, 15 oder 20 Jahre beim Kanton angestellt waren. Besonders gefreut hat mich, dass dieses Jahr auch mein ältester und stets jung gebliebener Freund Toni Trottmann aus Cham mit dabei war, denn auch er arbeitet seit vielen Jahren u.a. als Gewerbeschullehrer beim Kanton Zug.

 

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30a: Ich erzähle eine meiner Schlossgeschichten. Im Hintergrund das traumhafte Schloss und hinter meinem Rücken der kleine Bambuswald.

 

Für mich stand während diesem Spaziergang die Zeit still. Vielmehr noch: Ich fühlte mich in meine Kindheit zurückversetzt. Kaum zu glauben, dass seither rund 70 Jahre vergangen sind. Das Schloss, die veträumten Wege, der uralte Baumbestand mit riesigen Mamutbäumen, Weiden und Zedern, der romantische Bambuswald, das Castellino: Alles noch wie damals!


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30b: Der kleine Bambuswald war bei unseren Familienfotos oft ein beliebter Hintergrund! Stolz stehe ich neben meinen beiden «grossen Brüdern» Toni und Willi, aber noch ohne Krawatte!

 

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30c: Das Castellino mit dem Schlossweiher; «mein» kleines Fischerparadies.


Doch bei mir ist in dieser Zwischenzeit vieles, sehr vieles passiert; Schönes, Spannendes, aber auch Trauriges. Mein Vater, meine Mutter, meine beiden Brüder Toni und Willi sind bereits gestorben. Ich bin der «letzte Mann» unserer Grossfamilie (Foto 18)!

 

Die Erinnerung an meinen Vater – wir sagten ihm Baba – wurde blitzartig wach, als zufällig ein Gärtner während unseres Rundganges an der Arbeit war. Er hantierte geschickt mit einer Maschine; mein Vater machte dies alles von Hand. Ich ging auf ihn zu und bat ihn, uns eine Türe zu öffnen. «Ich bin der Sohn des ehemaligen Gärtners Bucher!» fügte ich an. «Selbstverständlich!» antwortete er stolz, und ich durfte mit meiner Gruppe durch eine sonst verschlossene Türe unseren Rundgang beenden. Für einen Moment fühlte ich mich ganz nahe bei meinem lieben, unvergesslichen Vater (Foto 13 und 30).

 

Der nächste Rundgang am 20. Oktober 2020 ist bereits wieder geplant. Ich hoffe, dass ich wieder dabei sein kann und freue mich bereits wieder darauf. Nun aber zurück in die vergangene Zeit in mein kleines «Waldschlupf-Paradiesli»!


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Wieder zurück, wie es damals war. Ein besonders geheimnisvoller Raum war unser Naturkeller. Er war nur von aussen her zugänglich. Es war für mich und sicher auch für meine Geschwister deshalb immer eine Mutprobe, hinter dem Haus bei stockfinsterer Nacht im Keller etwas holen zu müssen. Zuerst ging's die steile Treppe hinter dem Haus hinunter, dann einen holprigen Weg bis zum hinteren Tenntor. Dieses in der Dunkelheit zu öffnen, musste erst tagsüber geübt werden. Dann ins noch finstere Tenn treten, natürlich alles ohne Licht. Weiter mit den Händen die Kellertüre ertasten, diese Türe öffnen, mit der rechten Hand nach dem Lichtschalter suchen, um dann diesen endlich drehen zu können. Ein schwaches «Maugellicht» sorgte für genügend Helligkeit, um zumindest die Mostflasche am Mostfass abzufüllen oder um einige Randen aus dem erdigen Winterlager hervorzugraben.

Dieser Keller war auch der Schlachtraum für die von Baba gehaltenen Kaninchen. Es tat uns immer leid, wenn wieder ein Hase «gemetzget» werden musste, denn wir haben sie in unserem Hasenstall gerne gestreichelt und gefüttert. Der Ablauf war stets derselbe. Baba ging allein in den Keller. Wir Kinder legten uns im oberen Stock hin, drückten ein Ohr auf den Holzboden und warteten, bis ein Schuss fiel. Das bedeutete, dass Baba den Hasen erschossen hatte und wir somit die Erlaubnis erhielten, in den Keller hinunter zu gehen und beim Metzgen zuzuschauen. In diesem Moment war der tote, bereits schon stark blutende Hase an den beiden rostigen Nägeln, die nur diesem Zwecke dienten, an den Hinterbeinen aufgehängt. Und am darauf folgenden Sonntag gab es dann ein feines Essen, Fleisch von einem unserer Hasen.

Es gibt aber auch ganz heitere Kellergeschichten, wie die von einer unserer vielen Katzen. Da wir keinen Kühlschrank besassen, musste alles, was gekühlt oder kühl gelagert werden sollte, im Keller auf dem Naturboden deponiert werden. Dieser Boden war sowohl im Sommer wie auch im Winter feucht und kühl. Eines Tages gab mir die Mutter den Auftrag, eine Schüssel, zugedeckt mit einem Teller, in den Keller zu tragen und ganz hinten auf den Boden zu stellen. So weit, so gut. Meine Mutter betraute mich mit einer schwierigen Aufgabe, denn ich war dafür doch noch sehr klein, die Treppe hinter dem Haus steil, der Teller auf der Schüssel wackelig und die Schüssel schwer. Aber da stand zufällig auch noch unsere Katze in der Küche, was ich bis anhin nicht bemerkt hatte.



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31: Unsere Katze hatte gut zugehört … aber sicher nicht verstanden, was die Mutter mir ins Ohr geflüstert hatte.

Ich fragte meine Mutter, was sich denn eigentlich in dieser Schüssel befinde und warum sie dies alles so geheimnisvoll und leise flüstere. Nochmals einen schnellen seitlichen Blick auf die Katze werfend, sagte die Mutter mir ganz leise ins Ohr: «S’isch Fleisch dinne!» Leise sprach die Mutter deshalb, weil die Katze diese wichtige Information natürlich nicht hören sollte!

Wenn die ersten warmen Frühlingstage begannen, wuchs unser Wunsch, endlich wieder Kniesocken tragen zu dürfen. Doch es galt eine strenge Waldschlupf-Haus-Regel: So lange man auf der Rigi noch Schnee sieht, werden lange Hosen oder Strümpfe getragen. Erst dann dürfen Kniesocken angezogen werden. Daran mussten wir uns halten (mit ganz wenigen Ausnahmen!). Wir schauten im Frühling von unserem Waldschlupf aus immer wieder hinauf zur Rigi …


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32: So lange auf der Rigi noch Schnee lag, durfte ich keine Kniesocken tragen.

Unsere Umgebung war in jeder Sicht geheimnisvoll. Wie ich erst viele Jahre später erfuhr, soll es nämlich unterhalb unseres Waldschlupfs beim kleinen Wäldli in der Nähe des Strandbades einen Tennisplatz gegeben haben. Wäre ich früher auf die Welt gekommen, dann hätte ich auf diesem Platz sicher als Balljunge ein kleines Sackgeld verdient oder sogar mit René Ast Tennis spielen gelernt! Leider wurde der Schlosspark-Tennisplatz noch vor den Kriegsjahren anders genutzt. Der Platz wurde feucht und diente nur noch als Lagerplatz für Kohle.


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33: Ganz in der Nähe unseres Waldschlupfs befand sich vor vielen Jahren dieser Tennisplatz. Wir wussten in unserer Kinderzeit nichts davon.

Tennis war in meiner Kinderzeit eine Sportart, die nur von vornehmen Leuten betrieben wurde, und somit war das für uns Kinder auch nie ein Thema. Oder doch? Zumindest für mich? Als ich jeweils zum sonntäglichen Gottesdienst marschierte (marschieren musste, denn der Kirchgang war absolute Pflicht für uns Kinder!), stand immer neben dem schönen Villette-Gärtnerhaus und unmittelbar neben der alten Holztüre zum Friedhof ein schönes schwarzes Auto. Es war das Auto der Familie Zeller. Die beiden Zeller-Kinder Heinz und Heidi durften Tennis spielen. Als Protestanten kannten sie die sonntägliche Kirchgangspflicht nicht, weshalb ich sie auch schon deshalb etwas beneidet habe. Als ich dann jeweils die ersten Treppenstufen im Friedhof hochgestiegen war, konnte ich zwischen zwei Grabsteinen hindurch wie auf einer Zuschauertribüne gut beobachten, wie auf den beiden roten Sandplätzen ganz in weiss gekleidete Leute, ausgerüstet mit einem Tennisschläger in der Hand, hinter einem Netz einem weissen Ball nachrannten, dazwischen aber immer wieder etwas gerufen haben oder ruhig standen. Auf einem der beiden Plätze entdeckte ich auch Heinz und Heidi Zeller, immer wieder Sonntag morgens. «Tennis spielen möchte ich doch auch mal lernen!» träumte ich, und begab mich dann zum Gottesdienst!

Ungefähr 15 Jahre später besuchte ich den Lehramtskurs in Luzern, ein Umschulungskurs von Berufsleuten zu Lehrpersonen. In den Semesterferien arbeitete ich im Labor in der Papierfabrik Cham. Ich wollte nicht in meinem gelernten Beruf als Elektromechaniker, sondern einmal als Laborant arbeiten. Hauptsächlich deshalb, weil ich bei dieser Arbeit, die nur drei Wochen dauerte, nicht mehr stempeln musste. Ich hatte mich während meiner ganzen Lehrzeit in der «Papieri» immer über diese Zweiklassengesellschaft Stempler = Arbeiter, Nichtstempler = höhere Angestellte, geärgert.
 

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34: An einer solchen Uhr habe ich vier Jahre lang gestempelt.

Ich musste während meiner Lehrzeit 4 Jahre lang stempeln, und wenn ich einmal eine Minute zu spät kam, dann gab es einen roten Stempel. Das hiess, eine Viertelstunde Lohnabzug!



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35: Jeden Morgen und Mittag marschierte ich am Portier der «Papieri» vorbei und jedes Mal musste ich stempeln: Vor 06.25; nach 12.00; vor 13.30; nach 17.00 Uhr.


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(Einschub am 9.11.2019)
In der Zuger Presse erschien im September 2019 im unteren Teil einer Seite unmittelbar nach meiner Neudorfgeschichte eine Anzeige betreffend einem Zuger Verkehrsmuseum; der Leiter sei Adolf Heer. «Den kenne ich doch! Das war doch mein Oberstift in der Papieri» schoss mir durch den Kopf. Gleichentags nahm ich telefonisch Kontakt auf mit diesem Herrn Heer. Schon nach wenigen Wortwechseln war klar: Ja, das ist er. Alfred war bereits in seinem letzten Lehrjahr, ich erst vor wenigen Wochen noch Sekundarschüler und befand mich zur gleichen Zeit im ersten als «Hamburger» – so nannte man die Erstjahresstiften. Ich hatte grosse Achtung vor Alfred, denn ich stellte damals schnell fest, dass er bereits als Lehrling ein Fachmann war. Sein Traum war schon damals, Lokführer zu werden. Diesen Traum hatten die meisten Elektromechaniker-Lehrlinge, eine Zeit lang sogar auch ich, denn dies war der ideale Basis-Beruf dafür. Lokführer zur werden hat Alfred nie geschafft, aber dafür vieles mehr, wie ich in seiner Autobiografie entdecken konnte. Zumindest auf der Titelseite seines Buches hat er sich diesen Traum erfüllt und zu Hause hat er eine riesige Modelleisenbahn gebaut.

Selbstverständlich haben wir uns gegenseitig unser Buch geschenkt, und dann ergaben sich daraus wiederum ganz interessante und z.T. ganz ähnliche Erinnerungen.


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35a: Die Biografie von Alfred Heer hat mich sehr beeindruckt.


Mich nannte er von Anfang an nur «Spatz». Wahrscheinlich hatte er schnell festgestellt, dass aus mir wohl nie ein wirklicher Elektrofachmann werden würde; ich hatte immer anderes im Sinn, andere «Ströme im Kopf», nur nicht die ernsthafte Arbeit als angehender Elektromechaniker. Und wie er recht bekam!

 

Schon kurz nach diesem ersten Telefonkontakt unterhielten wir uns erneut. Wir versuchten, uns an ehemalige Lehrlingskollegen zu erinnern. Einzelne kamen uns sofort wieder in den Sinn; mit anderen hatten wir beide den Kontakt verloren, ist doch seither doch schon eine lange Zeit vergangen! Und bei einigen befürchteten wir sogar, sie seien bereits gestorben. Von zwei Kollegen – Ermanno Christen aus Baar und von meinem damaligen Chomer Idol Hansi Burri aus Cham – nur wegen ihm wurde auch ich Elektromechaniker! – wusste ich es mit Gewissheit.

 

Nun begab ich mich auf die Suche nach weiteren «Ehemaligen», und es ergab aus dem einen Kontakt meistens einen weiteren. Armando Camencind, natürlich auch ein Papieri-Stift, spielte bei dieser Suche eine wichtige Rolle. Bei ihm vernetzten sich verschiedene Beziehungen, und die Namensliste auf unserer Tabelle wurde immer länger. Doch einige Namen bzw. Kontaktadressen fehlten noch. Und wieder stellte sich die Frage: Leben sie noch?

 

Einen weiteren Kontakt ergab sich mit Roland Guggenbühl. Er war Lehrling im dritten, als ich ins 1. Lehrjahr startete. Schon damals war er als Junior bereits ein sehr erfolgreicher Querfeldein-Rennfahrer. «Ich wäre lieber Radprofi geworden als Elektromechaniker!» sagte er mir schon zu Beginn des Gesprächs. Doch weil sein Vater in der Papieri arbeitete, hätte er gar keine andere Wahl gehabt, als in dieser Fabrik eine Lehre zu absolvieren, hat er mir erklärt. Nun wollte ich von ihm wissen, ob er noch Kontakt zu Max Hörler pflege, denn Max war wie Alfred damals im vierten Lehrjahr. Alfred Heer hatte nach der Lehre mit Max überhaupt keinen Kontakt mehr und wusste deshalb überhaupt nichts von ihm; Roli Guggenbühl auch nicht. Noch am Telefon sagte mir aber Roli, er hätte im Internet einen Max Hörler gefunden; es gäbe nur einen in der ganzen Schweiz, und ich solle doch einmal versuchen, ob es sich um «unseren Max» handelt. Von einem guten Chamer Kollegen hatte ich allerdings gehört, Max Hörler sei schon längere Zeit gestorben.


In dieser Ungewissheit wagte ich es, die Telefonnummer dieses Max Hörler anzuwählen. Lange Klingeltöne; keine Antwort. Doch dann endlich: «Hörler!» Ziemlich verunsichert und etwas nervös meldete ich mich: «Ich bin Walti Bucher aus Cham. Sind sie Max Hörler, der ehemalige Sohn des Metzgers Hörler in Cham und vor vielen Jahren in der Papieri Elektromechanikerlehrling?» fragte ich leicht verunsichert. «Ja, der bin ich; und was wollen Sie?» vernahm ich aus dem Hörer. Nun wechselte ich spontan auf Du! «Ich bin Walti Bucher, der jüngere der beiden Büschés vom Schlosspark St. Andreas in Cham. Auch ich war in der Stifti in der Papieri und zwar im ersten Lehrjahr, als Du bereits im vierten warst!» Max kam aus dem Staunen nicht mehr heraus und freute sich sehr über diesen völlig unerwarteten und überraschenden Anruf. Und so ergab das eine Wort das andere. Als ich ihm dann von meinem Vorhaben berichtete, im kommenden Frühling ein Papieri-Stiften-Gipfeltreffen zu organisieren, freute er sich noch mehr und versicherte, dass er wenn immer möglich auch dabei sein würde.

 

Die Stimme verschlug es ihm dann aber beinahe gänzlich, als ich ihm verriet, dass seine Frau – sie heisst Edith Erne und wohnte in Klingnau – in meiner Sekundarschulzeit für kurze Zeit mein Schulschatz war! Aber wie das folgende Foto zeigt, war sie – zumindest in diesem Moment – nicht sehr begeistert von mir.


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35b: Edith war am Ende der Sekundarschulzeit für kurze Zeit mein Schulschatz und wurde Jahre später die Ehefrau meines Papieri-Oberstift’s Max!

 

Ich hatte noch nie jemanden angerufen, von dem ich nicht wusste, ob er oder sie noch lebt oder bereits gestorben ist. Es war deshalb ein ganz seltsames Gefühl zuvor, aber ein wunderbares danach! Max lebt, und wie! Zu guter Letzt schwärmte er davon, dass er Golf spielt, was mich natürlich besonders freute, denn auch mich hat der «Golfvirus» erst im «Alter» gepackt. Und so wurde bereits bei diesem ersten Gespräch über ein mögliches Papieri-Stiften-Golf-Event geschwärmt!

 

Auch beim nächsten Stift, den ich aufsuchte, kam es zu einer ganz ähnlichen Erkundungsreise. Nachdem zuerst auf unserer Stiften-Liste bei Hans Lustenberger der Vermerk «gestorben?» stand, lichtete sich nach einigen Versuchen auch in diesem Fall der Verdacht: Hans Lustenberger – heute nennt er sich Johann – lebt. Auch er ist bereits bald 80 Jahre alt! Das erste Telefongespräch mit ihm verlief ganz ähnlich wie bei Max Hörler. Besonders speziell war bzw. ist immer noch, was seinen Namenswechsel von Hans auf Johann betrifft. Ich kannte ihn nur als Hansi und seinen Bruder Paul als Päuli. Hans, also jetzt Johann, berichtete:


Meinen früheren Rufnamen „Hans“ musste ich vor meiner Pensionierung ablegen, weil man mich in Italien bei einem Geldbezug nicht identifizieren konnte und ich „fast verhaftet“ worden wäre. Der Name im vorgelegten Bank-Check stimmte halt nicht mit den Identifikations-Papieren überein. 

ca.1949-1953

Strebel

Edi

ca.1950-1954

Rust

Josef

ca.1952-1956

Hänni

Kurt

ca.1953-1957

Rinderli

Coelestin

1954-1958

Birchmeier 

Toni

1955-1959

Lustenberger

Johann

1956-1960

Twerenbold

Bruno

1957-1961

Heer

Alfred

1957-1961

Hörler

Max

1958-1962

Burri

Hans

1958-1962

Scherer

Armin

1959-1963

Camenzind

Armando

1959-1963

Guggenbühl

Roland

1960-1964

Christen

Ermanno

1960-1964

Müller

Gottfried

1961-1965

Bucher

Walter

1961-1965

Hitz

Arnold

1962-1966

Vogel

Robert

1963-1967

Gretener

Kurt

1973

Guggenbühl

Erwin

?

Die Recherche geht weiter!

 

35c: Namenliste der Papieri-Stiften, die bis am 9. November 2019 «wiederentdeckt» wurden. Die Suche, insbesondere nach «jüngeren», geht weiter!

 

Nachdem ein stolzes Grüppchen von ehemaligen Papieri Elektromechanikerlehrlingen zusammengekommen war, habe ich mit Alfred Heer ein «Papieri Stiften-Gipfel-Treffen» auf den 1. April 2010 festgelegt und allen folgendes Mail geschickt:

 

Liebe Kollegen

Die schnelle Antwort der meisten von Euch hat mich sehr gefreut und gezeigt, dass auch Ihr grosses Interesse zeigt an einem «Wiedersehen in der Papieri»! Nachdem fast alle beide Daten «freigeschaufelt» haben und gestern nun lediglich ein einzelner mitgeteilt hat, dass er nur an einem der beiden Termine dabei sein kann, habe ich beschlossen, den 1. April 2020 festzulegen. Also bitte den 1. April in den Terminkalender einfügen; es ist KEIN APRILSCHERZ! Eine Einladung mit Detailprogramm folgt rechtzeitig. Was jetzt schon sicher ist: Punkt 10 Uhr Apéro beim Portierhäuschen der ehmaligen Papieri!

 

Das Feedback war erfreulich; bis jetzt haben sich alle für meine Bemühungen bedankt und freuen sich auf ein Wiedersehen nach 50 oder sogar 60 Jahren. Ich hoffe, dass wir alle dies noch erleben dürfen.

 

Mir hat dieser spannende «Suchprozess» einmal mehr gezeigt, dass es sich lohnt, alte Kontakte aufzufrischen, obwohl dies sehr zeitaufwändig ist. Das wissen alle, die sich schon einmal bemüht oder schon erlebt haben, eine Klassenzusammenkunft oder etwas Ähnliches zu organisieren. Doch an den jeweiligen Treffen bedanken sich meistens alle bei den initiativen Organisatoren! Das habe ich so erlebt, als im Jahr 2017 der EVZ und fast gleichzeitig auch der Baarer Schlittschuhclub alle Spieler eingeladen hatte, die damals mitgespielt haben (Foto 207, 209, 312). Solchen Dank darf ich bereits heute von verschiedenen ehemaligen Stiften erfahren. Ich bleibe dran und freue mich jetzt schon auf den Apéro beim Portierhäuschen «unserer Papieri», wo wir jeden Tag 4x stempeln mussten (siehe Foto Nr. 34 und 35)!


Auf der Stiften-Liste (35c) ist auch Toni Birchmeier aufgeführt. Er begann seine Lehre, als ich 9jährig war. Ich lernte ihn damals durch meinen Bruder Toni kennen, der wie Toni Birchmeier in meiner Bubenzeit Gruppenführer in der Jungwacht Cham war. An ihn erinnere ich mich noch sehr gut. Wie und wo wir uns nach über 60 Jahren wieder begegnet sind, gleicht schon fast einer Fantasiegeschichte, aber sie ist wahr!


Im Jahr 2009 unternahmen meine Frau und ich eine Musikreise nach Dresden mit dem Reisebüro Twerenbold. Wir lernten eine faszinierende Stadt kennen. Besonders in guter Erinnerung ist mir die nach dem zweiten Weltkrieg völlig zerstörte, mittlerweile jedoch wunderbar restaurierte Frauenkirche. In diesem riesigen Gebäude erlebten wir ein unvergessliches Konzert. 


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35d: Die wunderschön restaurierte Frauenkirche in Dresden.


An dritten Tag dieser Musik-Winterreise begaben wir uns wie üblich im Hotel zum Nachtessen in den Speisesaal und suchten uns einen gemütlichen Platz. Die meisten Tische waren bereits besetzt, denn inzwischen hatten sich verschiedene Reisefreundschaften gebildet; wir waren dannzumal noch allein. «Setzen wir uns dort hin zu denen zwei?» schlug ich meiner Frau, vor. «Klar, frage aber bitte zuerst, ob die beiden Stühle noch frei sind!» empfahl sie. «Selbstverständlich ist hier noch frei!» antwortete der freundliche Herr. Wir setzten uns, stellten uns flüchtig vor und es kam wie üblich bei derartigen Begegnungen zu anfänglich mehr oder weniger belanglosen Wortwechseln. In diesem Fall jedoch nicht lange, denn schon bald stellte sich heraus, dass die beiden «Unbekannten» auch aus der Schweiz kommen. Mehr noch: Dass sie beide sogar eine Zeit lang in Cham wohnten und dort in die Schule gingen. Ich nannte spontan einige Lehrer-Namen wie Steiner, Niggli, Schönenberger, den strengen Hauswart «Pudel», den autoritären Dorfpfarrer Muff usw. «Klar, die kenne ich selbstverständlich alle auch!» freute sich der mir bis zu diesem Moment noch unbekannte oder zumindest nicht mehr bekannte Mann. Nun wollte ich wissen, wer denn dieser Herr ist und fragte sehr direkt: «Wie heissen Sie denn?» (… ich hatte seinen Namen, den er beim flüchtigen gegenseitigen Vorstellen genannt hatte, bereits wieder vergessen!). «Birchmeier!» war die kurze Antwort. Mir stockte der Atem; dann fuhr ich fort: «Waren Sie denn auch in der Jungwacht?» «Da war ich auch, sogar Gruppenführer!» sagte er mit Stolz. «Dann bist Du Toni Birchmeier?» fügte ich mit zwar noch leicht zweifelndem aber innerlich sicherem Gefühl an. «Ja, der bin ich!» war die erstaunt klingende Antwort. «Und wer bist denn Du» wollte nun auch er, der Toni, wissen. «Ich bin Walti Bucher, der kleine Bruder von Büsché, den Du ja sehr gut kennst! Du kamst oft zu uns in den Waldschlupf und hast mit meinem Bruder etwas unternommen. Und selbstverständlich erinnere ich mich auch noch an Dich als Jungwacht Gruppenführer mit dem blauen Hemd, den kurzen 1x umgekrempelten Manchesterhosen und den kräftigen Oberschenkelmuskeln. Besonders in guter Erinnerung ist mir, wie Du jeweils auf dem Velo mit ganz steil gerichtetem Lenker in hohem Tempo ohne den Arm anzuheben nur mit dem Zeigefinger die Richtungsänderung in der Kurve auf dem Bärenplatz angedeutet hast. Und dann Deine Vespa! Ich durfte einmal hinten aufsitzen und Du hast mich nach Hause gefahren! Und da fand doch noch einmal ein Korbballturnier statt, bei dem ich gerne mitgespielt hätte, doch leider nicht mitspielen durfte, weil ich noch zu jung war; ich durfte nur zuschauen – mit einem Rivella in der Hand.


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35e: Korbballturnier in Cham (ca. 1960). Von links nach rechts: Sepp («Sebel») Küng, der zu junge Walti Bucher (mit einem Rivella in der Hand), Silvana Brandenberg, mein Bruder Toni, Toni Birchmeier und Franz Oswald («Tao»). 

 

«Und gell, dann warst Du doch auch Elektromechaniker-Lehrling in der Papieri?» war dann meine nächste Frage nach diesem kleinen Feuerwerk von Erinnerungen. Toni staunte einfach nur noch, und anschliessend tauschten wir viele weitere Chamer Erinnerungen aus.

 

Seit dieser unvergesslichen Musikreise sind wir uns nie mehr begegnet, bis jetzt! Im Zusammenhang mit der Idee eines Stiften-Gipfeltreffens tauchte nun auch der Name Toni Birchmeier wieder auf, denn seine Frau ist die Schwester von Armando Camencind! Ich hoffe, dass Toni am Treffen vom 1. April 2020 auch dabei sein wird. Und nochmals, diese Geschichte ist wirklich wahr! Und sie ging weiter!


Mittlerweile wurde es schon wieder langsam Frühling; einen Winter gab es 2019/2020 überhaupt nicht. Kein Schnee, keine gefrorenen Weiher, einfach nicht mehr so, wie in Winterzeiten meiner Kindheit. Im Verlauf dieser Zeit erinnerte ich mich immer wieder an meine Gedanken im Kapitel 3 «Gut Ding will Weile haben» mit dem Bild eines Spinnennetzes (Foto 5). Da steht u.a.: «… Wenn ich an einem Faden zog, bemerkte ich, wie sich viele andere Fäden mitbewegten …». Dies hat nun der ehemalige Elektromechanikerlehrling Armando Camencind ebenfalls erlebt. Ich nannte ihn in meiner Jugendzeit – er war einer der damals legendären und erfolgreichen Läufer des KTV’s Cham – ‘Cami’. Nun wurden seine Fähigkeiten als zäher Dauerläufer wieder deutlich. Unermüdlich zog er an verschiedenen Fäden, und es bewegten sich immer wieder weitere. Mittlerweile konnte er gegen 100 ehemalige Papiere-Stiften ausfindig machen, und von diesen haben sich für das geplante Stiften-Treffen 44 angemeldet. Aus der Idee eines Treffens an einem kleinen runden Tisch wurde mittlerweile schon fast ein Grossanlass, der gut vorbereitet werden muss. Aus diesem Grund bildeten wir ein kleines OK. Dazu gehören: Alfred Heer (mein Oberstift im 4. Lehrjahr), Armano Camencind (mein Oberstift im 3. Lehrjahr), Gottfried Müller, «Göpf», (mein Stiften-Götti im 2. Lehrjahr), Werner Anderegg (der letzte noch in der Papieri beschäftigte Elektromechaniker; er war vor vielen Jahren bei mir im Turnunterricht!) und ich. Die erste Zusammenkunft fand am 3. März 2020 statt.


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35f: Das Stiften-Treffen-OK vor dem ehemaligen Papieri Portierhäuschen. Von links nach rechts: Werner Anderegg, Armando Camencind, Walter Bucher, Fredy Heer, Gottfried Müller.

 

Nach dem ersten Stelldichein nach z.T. über 60 Jahren wurde der Ablauf des auf den 1. April angesetzten Treffens im Detail diskutiert. Gleich darauf führte uns Werner Anderegg – heute als 64jähriger noch als letzter Elektromechaniker in der Papierfabrik tätig und vor rund 40 Jahren mein Sek-Schüler im Sportunterricht! – in den Kalandersaal und präsentierte die futuristisch anmutenden Baupläne des gesamten Papieriareals. Dort wo früher rund um die Uhr grosse Papiermaschinen dröhnten und wo wir schweissgebadet bei hohen Temperaturen Reparaturarbeiten verrichteten, sollen in naher Zukunft mehrere hundert Wohnungen und Arbeitsräume entstehen.
 

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35g: Modell des Überbauungskonzeptes des Papieri Areals
 

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35h: Bebauungsplan Papieriareal.

Der Spaziergang über die Verbindungsbrücke von der Werkstatt (Foto unten: links) zum eigentlichen Papierfabrikareal (Foto unten: rechts) erinnerte jeden von uns an die Papieri-Zeiten, haben wir doch alle diese Brücke hunderte, einige wie z.B. Göpf Müller sogar tausende Male überschritten! Am Morgen früh (Arbeitsbeginn war im Sommer und im Winter bereits um 06.25 Uhr) oft mit bitterer Miene; am Mittag und besonders am Feierabend dann aber zügig und meistens gut gelaunt.


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35i: Über diese Brücke mussten wir täglich mehrmals gehn’! (In Anlehnung an den Song von Peter Maffay: «Über sieben Brücken musst du geh'n!).

 

Nach der rund einstündigen Führung durch Räume, die uns allen auch nach vielen Jahren immer noch bestens vertraut sind, endete die Führung bei der Schreinerei – gleichsam als «Probegalopp» für den 1. April.

 

Beim Mittagessen stiess ein Papierfachmann zu uns: Max Baumann. Ich kenne ihn seit rund 40 Jahren; wir haben schon sehr viel miteinander erlebt, u.a. im Tennis und im Golf. Er ist ein ausgewiesener Kenner der Papierszene in der Schweiz und im nahen Ausland. Deshalb habe ich ihn angefragt, ob er beim Treffen vom 1. April bereit wäre etwas über Papier zu erzählen, denn dies würde mit Gewissheit alle ehemaligen Papieri-Stiften interessieren. Er erklärte sich bereit zu berichten über «Papierhersteller in der Schweiz – ein Versuch, das Verschwinden zu erklären».

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Nun also von diesen Träumereien und beunruhigenden Tatsachen wieder zurück in die damalige für mich völlig unbeschwerte Zeit. Die Möglichkeit, einmal «etwas Besseres» zu sein und nicht mehr stempeln zu müssen, verschaffte mir der damalige Betriebsleiter Sepp Hüsler mit der Stelle als Papier-Laborant. Er war Fussballtrainer des Sportclubs Zug und liebäugelte wahrscheinlich damit, dass ich vielleicht in Zukunft in seinem Club mitspielen würde, nachdem er mich am Chamer-Grümpelturnier als blitzschnellen und flinken rechten Flügel entdeckt hatte. Irgendwann kamen wir auch auf Tennis zu sprechen. So spontan wie er war, lud er mich gleich zu einer Tennisstunde auf dem Tennisplatz der Papierfabrik Cham ein, auf den Platz, den ich als Kind nur von der Kirchenmauer aus sah und wo ich damals träumte, vielleicht auch einmal Tennis spielen zu dürfen. Sepp spielte mir Bälle zu und ich spielte sie irgendwie zurück. Er war erstaunt, dass ich diese Aufgabe eigentlich ganz gut und natürlich erfüllte. Bald spielten wir ein kleines Mätschli, das ich natürlich verlor. Aber das Tennis-Virus hatte mich bereits gepackt.




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36: Diesen ersten Tennisschläger schenkte mir mein Schwager Ali Kronawitter.

Ich wurde später Mitglied des Tennisclubs Papierfabrik Cham. Immer öfter spielte ich zuerst mit, aber zusehends öfter gegen meinen Schwager Ali, jeweils auch am Sonntagmorgen wie damals Heinz und Heidi Zeller. Ab und zu standen auch diese beiden auf dem daneben liegenden Platz und spielten für meine Begriffe traumhaftes Tennis, im Gegensatz zu meinen selbst erfundenen Hobby-Tennis-Schlägen.



Wenig später besuchte ich dann Tennisleiterkurse, nahm an kleinen Tennisturnieren teil und konnte einige sogar gewinnen, wie zum Beispiel damals das Doppel-Turnier an den Ägeri-Meisterschaften mit meinem damaligen Nachbarn Pius Cavelti. Zu guter Letzt wurde ich Tennislehrer und war mehrere Jahre im Schweizerischen Tennislehrerverband in der Tennislehrerausbildung tätig.



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37: Turniersieg an den Aegeri-Meisterschaften 1981 im Einzel; und im Doppel an der Seite des Bündner-Freundes Pius Cavelti.

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(Einschub am 6. Oktober 2019)
Der Umzug von Freidorf wieder zurück in die Gemeinde Berg, wo wir bereits 13 Jahre wohnten, steht unmittelbar bevor. Aufräumen, Ordnen, Mitnehmen, Wegwerfen, Entsorgen. Im Laufe der Jahre haben sich bei mir auch einige kleinere und grössere «Trophäen» und Auszeichnungen angesammelt, die ich an sportlichen Wettkämpfen gewonnen habe. Kurz nach einem Wettkampf lag dann jeweils die Medaille, der Zinnbecher oder sogar eine Zinnkanne im Regal. Welche Auszeichnung für mich die wichtigste oder bedeutendste war, ist schwer zu sagen. War es der Master Schweizermeistertitel im Rudern auf dem Rotsee? Vielleicht der Vize Schweizermeistertitel im Kurztriathlon von Zürich oder der Original Ironman von Zürich (11 1/2 Std., bei dem der Starter nicht wie gewohnt rief: «Auf die Plätze, fertig, los!» sondern uns in aller Ruhe aufmunterte: «I wünsch üch en schöne Tag!» und uns dann auf die lange Reise schickte? Oder der für meine Verhältnisse schnelle Engadin Skimarathon unter zwei Stunden (1.56)? Ist es mein schnellster Züri Marathon in 2. Stunden 57 Minuten? Oder vielleicht doch das münzige Turnerkränzli, das an meinen ersten Strassenlauf im Jahr 1959 in Walchwil erinnert?


Walchwil brachte mir im Sport damals kein Glück, doch 10 Jahre umso mehr in der Liebe, denn meine Frau wohnte vor der Heirat im Tonishof in Walchwil!


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37a: Ein Andenken an den Waldlauf in Walchwil 1959.


Ich bin daran, grosszügig zu entsorgen – auch mit Pokalen und Medaillen; aber die Erinnerungen vergesse ich kaum. Doch als ich gestern die Unterägeri Clubsieger Wanderpreis-Zinnkanne in den Matallmüll unserer öffentlichen Entsorgungsstelle geworfen habe, wurde es mir doch etwas schwer ums Herz.


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37b: Wanderpreis der Unterägeri Clubmeisterschaft im Tennis im Jahr 1984.


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Nach dessen Erinnerungen nun wieder in die damalige Zeit zurück. Ich setzte mich dafür ein, dass möglichst viele auch weniger begüterte Kinder dieses faszinierende Spiel lernen durften. Ich engagierte mich im Schweizerischen Tennisverband, gab ein Buch heraus mit dem Titel «Tennis in der Schule» und organisierte (auch zusammen  mit meiner Schwester Rita, welche inzwischen auch begeisterte Tennisspielerin geworden war), Kurse für Kinder und Lehrpersonen auf den Schulhofplätzen der Gemeinde Cham.



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38: Mit dem Lehrbuch «Tennis in der Schule» konnte ich dem Tennisspiel als Schulsport wichtige Impulse verleihen. Mein Sohn Martin (links) mit seinem Freund auf dem Schulweg.



In der Zwischenzeit hat Tennis an Popularität etwas eingebüsst, obwohl die Schweiz mit Roger Federer den wahrscheinlich für lange Zeit weltbesten Tennispieler stellt. Im Herbst 2014 gewann er zusammen mit Stan Wawrinka sogar zum ersten Mal den Daviscup-Pokal für die Schweiz und später immer wieder grosse Turniere.

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(Einschub am 15. Juni 2019)
Gestern, am 14. Juli 2019, verlor der 37-jährige Roger Federer in Wimbledon erst im Final im fünften Satz nach 5 Stunden Spielzeit ganz knapp gegen die aktuelle Nummer 1 der Welt, Novak Djokovic. Nach 4:55 Stunden hiess es 6:7; 6:1; 6:4; 12:13 und dann kam es erstmals nach 12 Games zu einem Tiebreak, das Roger mit 3:7 verlor. Die Sympathien der Zuschauenden lagen eindeutig bei Federer. Auch wenn er gemäss Meinung des Fernsehreporters Heinz Günthardt, dem in meiner Jugendzeit besten Tennisspieler der Schweiz, der bessere Spieler war, hat er verloren; mit Würde verloren!


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28a: Roger Federer verliert das legendäre Spiel in Wimbledon gegen Novak Djokovic.


Beim Interview antwortete er auf die Frage, als was man ihn in Erinnerung behalten solle, wenn er dereinst von der Tennisbühne abtritt: «Als einer, der gut war fürs Tennis. Und vielleicht als guter Spieler!» Roger Federer ist aus meiner Sicht ein Leuchtturm im Sport. Niemand hat die Werte wie Demut, Respekt, Bescheidenheit und Hingabe in den letzten zwei Jahrzehnten mehr geprägt als der bald 38-jährige Baselbieter. Ich freue mich natürlich im Nachhinein, dass er lange Zeit auf dem Titelbild meines Tennisbuches zu sehen war; der Sturz bei einem geglückten «Sprung-Volley» (damals ebenfalls in Wimbledon beim gewonnenen Spiel gegen Sampras) ist symbolisch für das gestern verlorene Spiel.


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28b: Roger Federer auf der Titelseite meines Tennisbuches «10012 Spiel- und Übungsformen im Tennis».

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Trotz der vielen grossen Erfolge von Schweizer Tennisspielerinnen und -spielern stehen heutzutage viele Tennishallen zeitweise leer und Tennisclubs bemühen sich um Neumitglieder. Golf hat Tennis mittlerweile als «Sport der Privilegierten» abgelöst.

Und wie steht's heute um Golf? Auch wir haben in unserer Kinderzeit eine Art Golf gespielt, nämlich «Apfel-Golf». Es waren nicht Golfbälle, sondern heruntergefallene kleine Äpfel, idealerweise etwa in der Grösse eines Golfballes. Mit langen Stecken schleuderten wir diese Äpfel weit über die Schreinerboutique Richtung Strandbad.


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39: Mit dem Apfelgolfstecken hätte ich in meiner Bubenzeit einen Apfel vielleicht noch weiter und gezielter geschleudert als heute einen Golfball mit einem Golfschläger.

Apfel-Golf – wie ging das? Wir haben die Äpfel an der Spitze eines Steckens aufgespiesst, langsam mit diesem «verlängerten Arm» ausgeholt und dann mit einem zügigen Schwung weggeschleudert. Unsere kühne Absicht war, die Äpfel so weit zu schleudern, dass jemand im nahegelegenen Strandbad beim Sonnenbaden von einem solchen Apfelgeschoss getroffen würde, also eine Art «Walters Apfelschuss». Aber dieses Ziel war glücklicherweise zu weit entfernt und unsere Äpfel landeten allesamt im Wald.

In den 20er Jahren soll Herr Fred Page, Sohn von Adelheid Page, auf der Halbinsel St. Andreas nebst einem Tennisplatz auch eine kleine Übungsanlage für Golf eingerichtet haben.

Unlängst erfuhr ich von einer neuen Trensportart, nämlich «Angelgolf». Dabei wird mit einer Angelrute ein Golfball auf ein Ziel geschleudert. Das erinnert mich natürlich sofort wieder an meine Erlebnisse beim Fischen am Seeufer oder im Schlossweiher.


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40: Angelgolf spielten wir schon viel Jahre früher. 

An Stelle eines Golfballs hing an meiner Fischerrute jedoch ein Zapfen, ein kleines Stück Blei zur Stabilisierung und eine Angel mit einem Stück Brot oder einem Wurm. Das Ziel war, meine Angel direkt in einen Schwarm von Fischen (meistens Rotfedern) oder in eine Schilflücke zu platzieren.

Jahre später erlebte ich den Einstieg ins richtige Golfspiel auf Umwegen wie damals beim Tennis. «Golf ist doch kein richtiger Sport, nur etwas für Privilegierte!» dachte ich und war anfänglich sehr skeptisch. Max Baumann, ein guter Freund aus Hünenberg, konnte mich jedoch begeistern. Auf seiner Dachterrasse erklärte er mir kurz die Technik und spielte einige Bälle in ein kleines Golfnetz. Wie früher beim Tennis faszinierte mich jetzt auch dieses Spiel. Ich lernte in kurzer Zeit die Grundbegriffe des Golfspiels, spielte Turniere und setzte mich schliesslich dafür ein, dass die Grundbegriffe dieses Spiels auch in Schulen (wie damals im Tennis) von vielen Kindern gelernt werden könnten. Ich organisierte Kurse für Lehrpersonen und gab das Buch «484 Spiel- und Übungsformen im Golf» heraus mit der Absicht, Golf etwas volksnaher zu gestalten. Während mir diese Idee im Tennis geglückt war, hatte ich im Golf keinen Erfolg, denn Golf passt auch heute (noch) nicht in den Katalog der Schulsportarten. Inzwischen gibt in der Schweiz jedoch bereits viele Public-Golf-Anlagen.

In meiner anfänglichen Golf-Begeisterung baute ich vor unserem Haus in Berg SG eine kleine Übungsanlage mit einer Driving-Range und hämmerte lustvoll unzählige Golfbälle ins Auffangnetz. Ich wurde immer mutiger und spielte vom unteren Rasenplatz über unser Hausdach auf das obere Grün. Zu guter Letzt wagte ich sogar Schläge auf den Rasen des entfernten Nachbargrundstücks von Andrej Ammann (was jedoch nicht immer gelang …). Einige Bälle fanden wir nie mehr …



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41: Golfbälle fliegen über Gartenzäune – in diesem Fall in Nachbars Garten.

Zurück zu meinem Spaziergang in die Vergangenheit. Die Schreinerboutique, die unmittelbar vor unserer Abschlagstelle beim Apfelgolf stand, war immer geschlossen. Die Gärtner hatten einen Schlüssel, und nur wenn Baba drinnen arbeitete, durften wir hinein. Im Winter war dies bei grosser Kälte besonders angenehm, denn die Arbeiter hatten den Raum immer gut geheizt.


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42: Die Schreinerboutique war immer geschlossen. Nur wenn Baba drinnen arbeitete, durften wir hinein.

In diesem Raum wurden Fenster geflickt, neue Fenstergläser eingesetzt, Fensterrahmen und Gartenmöbel frisch gestrichen, aber auch Zwiebeln «gezöpfelt». Von der Treppe der Schreinerboutique bis zu unserer Haustüre waren es nur wenige Schritte. Es war für uns Kinder ein wunderschönes Gefühl zu wissen und zu spüren, dass Baba auch während seiner Arbeit immer in unserer Nähe war, sei es eben in der Schreinerei beim Malen oder Fensterflicken, in der Remise beim Dängelen, im Park beim Rechen des Kieses, im Herbst beim Lauben oder im Sommer beim Heuen.

Am unteren Rand des Bsezziplatzes stand der Schweinestall. In diesem kleinen Häuschen haben schon viele Tiere gelebt- Einmal ein Esel, dann Schweine und im oberen Stock Tauben. In den Kriegsjahren, die ich glücklicherweise nur vom Hörensagen kenne, wurde auch im Schlosspark mit allen Mitteln versucht, mit Eigenprodukten aus Feld und Stall das Überleben in der Kriegszeit zu gewährleisten. In Archivunterlagen des Obergärtners Ast ist bezüglich der «St. Andreas-Schweinezucht» viel Interessantes zu lesen, so zum Beispiel:


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43: Der Obergärtner Ast war auch ein erfolgreicher Schweinezüchter.

Meine älteste Schwester Gertrude erinnert sich, dass es u.a. eine Aufgabe von Baba war, die Schweine zu füttern. Alle St. Andreäsler hatten die Pflicht gehabt, sämtliches für Schweine Essbares wie Kartoffelrinden, Apfelrinden und Speisereste, sofern es solche ausnahmsweise überhaupt gab, zu sammeln und diese im Stall in ein Sammelbecken zu schütten. Denn eine 250 kg schwere dicke Sau, wie die auf dem Foto neben Herrn Ast, frass eine ganze Menge!

Der «Säuschtall» (Schweinestall), so nannten wir dieses Häuschen, war vor der Kriegszeit ein Eselstall. Die beiden Page-Kinder Monica und Tony hatten sicher ihre helle Freude, den Esel aus dem Stall zu holen und auf ihm durch den Schlosspark zu reiten!


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44: Auf einem Esel reiten zu dürfen war schon damals etwas Spezielles.

Für mich, aber vor allem für meinen Bruder Toni, war der «Säuschtall» besonders interessant, weil sich auf der Hinterseite des Obergeschosses ein Taubenschlag befand.
 

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45: An- und Abflugpiste für die Tauben an der Hinterseite des Säuschtalls.

Vor dem Krieg hielt Herr von Schulthess einige Tauben, er freute sich sehr daran. Aber eines schönen Tages, nachdem der Krieg ausgebrochen war, vergass er den Taubenschlag zu schliessen, worauf ein Marder in einer Nacht alle Tauben bis auf eine tötete. Dann gab er diesen Luxus auf und ersetzte die Tauben durch Hühner.

Im ehemaligen Taubenschlag war viele Jahre später alles noch vorhanden, was für eine Taubenzucht nötig war. Mein Bruder Toni hielt in diesem kleinen Raum einige Tauben. Ob er wohl die Erlaubnis von Herrn von Schulthess eingeholt hatte? An das Gegurre aus dem Taubenschlag erinnere ich mich noch sehr gut. Der Herrschaft des Schlosses war jedoch Tonis kleine Taubenschar, die imposante akrobatische Kunstflugformationen in die Luft zauberte, aber auch immer wieder auf dem Dach des Schlosses zwischenlandete, mit der Zeit ein Ärgernis. Die weissen Kotspuren auf den Giebelkanten des Schlosses ärgerten Herrn von Schulthess zunehmend.


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46: Mein Bruder Toni war stolz auf seine Tauben; eine davon war sogar handzahm.

In späteren Jahren diente der Säuschtall im hinteren Teil lediglich noch als Fisch-Reusenlager und im vorderen Teil als Benzinvorratslager des Wasserskiclubs Cham.


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47: Im Schweinestall wurden u.a. Reusen gelagert. Später diente dieses Häuschen auch als Benzinlager für das Schnellboot des Wasserskiclubs Cham.

Jeweils am Sonntagmorgen im Sommer marschierten starke Männer in Badehosen mit leeren Benzinkanistern Richtung Säuschtall, füllten die Kanister und marschierten dann wieder zurück zum Strandbad. Dort wurde der «Jumbo», das weisse schnittige Motorboot des Wasserskiclubs, aufgetankt. Die Möglichkeit eines nahe gelegenen Benzinlagers verdankten diese Herren den guten Beziehungen zu Herrn Ast, vielleicht nicht unbedingt nur zur Freude von Frau und Herr von Schulthess?

An schönen Sonntagen im Sommer hörte man das Motorengeräusch dieses kräftigen Bootes bis zu uns. Ab und zu guckte ich durch die dichten Buchenhecken des Schlossparks hinüber zum See und staunte, wie der Jumbo in voller Fahrt Richtung Strandbad brauste, und wie der Steuermann dann erst in der kleinen Bucht zwischen den beiden Bootshütten eine enge, sehr gewagte Kurve riss. Dann peitschten hohe Wellen gegen die kleine Quaimauer. Dies musste so sein, denn die vom Jumbo gezogenen Wasserskifahrer konnten somit bis nahe vor dem Steg des Wasserskiklubs auf ihren Skiern stehen bleiben und mussten nur noch wenige Meter bis zum Steg schwimmen.
 

Oft befand sich unter den «oben ohne-Kanister-Männern» auch mein späterer Lehrmeister Werner Bauder. Dieser Riese beeindruckte mich immer wieder – er war sicher zwei Meter gross – wie er die vollen Kanister mit sichtlicher Leichtigkeit trug.


Viele Jahre später, als seine Frau Mimi in der Schiffshütte den Anlasser des Jumbos betätigte, entzündete sich das Boot aus unerklärlichen Gründen und brannte völlig aus. Daraufhin wurde ein neues, schnittiges Bösch-Boot gekauft. Es wurde «Zägg» getauft. Als Seejungfrau verkleidet, tauchte ich mit einem Tauchgerät – für die anwesenden Gäste unbemerkt – von der Bootshütte her zum Boot, tauchte auf, rief einen kurze Taufspruch und tauchte wieder weg. 


Der Schweinestall erhielt später einen neuen ehrenvollen Platz und eine ganz andere Bedeutung. Er wurde nach schwierigen Verhandlungen seitens Herrn von Schulthess mit dem Heimatschutz in einer aufwändigen Hausverschiebung in den Park verlegt und in ein romantisches Badehäuschen umfunktioniert.


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48: Transport des alten «Säuschtalldachs» durch den Park an den See.



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49: Der ehemalige Schweinestall wurde zu einem romantischen Badehäuschen umgebaut.
 

Den Abschluss auf der anderen Seite des Bsezziplatzes bildete der Holzschopf. Darin wurden ganz verschiedene Gegenstände gelagert. Im unteren Stock befanden sich vor allem Holzvorräte – Brennmaterial fürs Schloss. Im oberen, für uns Kinder weit interessanteren Teil, standen alte Garten- und Landwirtschaftsgeräte, meistens aus Holz gefertigt. Zwischen oder hinter diesen Utensilien fand ich jeweils bei Versteckspielen gut getarnte Plätze.


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50: Der geheimnisvolle Holzschopf, ideal für uns Kinder bei Versteckspielen.

Im Vorhof des Holzschopfs stand eine grosse Fräse. Später wurde dieser gedeckte Raum ein Abstellplatz für Autos. Hier wurden während der Winterzeit die von den Gärtnern gefällten Baumstämme und Äste in kleinere Stücke zerlegt und anschliessend von Hand gespalten. Das laute Geräusch dieser Fräse klingt immer noch in meinen Ohren. Wenn beim Stossen gegen das schnell rotierende Fräseblatt der Antriebsmotor stark belastet wurde, dann heulte dieser auf oder kam gar zum Stillstand. Wenn die Belastung für die Fräse zu gross war, sprang der Riemen, welcher vom Antriebsmotor zur etwa vier Meter entfernten Fräse gespannt war, aus den Fugen und flatterte wild umher. Das was sehr gefährlich. Deshalb durften wir Kinder zwar beim Fräsen zuschauen, aber immer nur aus sicherer Distanz.

Mein Vater war ein wunderbarer Pädagoge, obwohl er kaum je etwas von Pädagogik gehört oder gelesen hatte. Er war lieb, konnte aber auch streng sein. Meistens blieb es bei Ermahnungen. Wenn beispielsweise eines von uns Kindern sich beim Essen unanständig benahm, dann sagte er mit ernster Stimme: «Wenn jetz nid sofort äschtändiger tuesch, denn muesch i d’Fräsi abe go ässe!» Es blieb, zum Glück für uns Kinder, immer nur bei der Warnung!

Die  Verlängerung des Bsezziplatzes in Richtung Wohnhaus der Familie Ast war ein idealer Ort für das Völkerball-Spiel; auf der einen Seite begrenzt durch den Holzschopf und auf der anderen durch eine lange Holzbeige. In meiner frühen Kindheit durfte ich nur zuschauen, wenn mein Bruder Toni und die «grossen» Jugendlichen unserer Nachbarschaft spielten: Walter Stuber, Rosemarie Stuber, René Ast, Isabelle und Ursula Ast und ab und zu auch Mungg (Cornelia vom Schloss) versuchten, einander mit gezielten Schüssen zu treffen. Ich durfte dann als Ballbjunge jeweils den Ball holen, wenn er ausserhalb des Feldes auf dem Kiesplatz oder hinter der lange Holzbeige landete.


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51: Weil ich der Kleinste war, musste ich beim Völkerball zuschauen oder durfte höchstens helfen, Fehlschuss-Bälle zu suchen.

Meine Schwester Margrit erzählte mir von einem Spiel, bei dem ich nicht dabei war:


Wieder einmal war Völkerball angesagt, doch dazu waren mehrerer Spielerinnen und Spieler nötig. Um dieses Spiel wieder einmal richtig spielen zu können, trommelten wir die Nachbarskinder zusammen. Es gelang uns, die Obergärtnerkinder Ursula und Isabelle und die Chauffeurkinder Rosemarie und Anita für die Idee zu gewinnen. Um die Spielfelder gegenüber der «Klappe» abgrenzen zu können, haben wir jeweils von der nahe gelegenen «Fräsi» etwas Sägemehl zusammengekratzt und damit die Felder markiert. Das Spiel zwischen dem Holzschopf und der langen Birkenholzbeige konnte beginnen. Nun wurde der Ball unbarmherzig auf die andern geworfen, und alle versuchten, den «lebensbedrohenden Todesschüssen» auszuweichen. Wer getroffen wurde, musste in die Klappe. So wurde hart gekämpft, bis schliesslich ein Volk ausgestorben war, eigentlich ein bösartiger Grundgedanke, zumindest was den Namen dieses Spiels betrifft. Und immer wieder begann das Spiel von neuem. Als dann anderntags der Obergärtner Ast, von dem wir einen Riesenrespekt, ja geradezu Angst hatten, die Sägemehlresten auf den Bsezzisteinen erblickte, gab es ein Donnerwetter. Natürlich sollten es einmal mehr die Bucher-Kinder gewesen sein, welche so einen Dreck hinterlassen hatten. Ob er wohl wusste, dass auch seine Kinder am Völkerballspiel beteiligt gewesen waren?
 

Solche Rügen wurden bei allen Vorfällen, welche dem Obergärtner missfielen, nicht direkt uns Kindern, sondern immer dem Vater mitgeteilt. Und unser Baba hat uns auch in diesem Fall nicht bestraft, sondern lediglich wohlwollend ermahnt, das nächste Mal unbedingt das Sägemehl wieder sauber wegzuwischen.

Wir, die ganz Kleinen, spielten andere einfachere Spiele, so zum Beispiel das «Chnebeli um». Anita Stuber erinnert sich, dass sie besonders deshalb immer gerne zu uns heruntergekommen war, um dieses Spiel zu spielen. Sie erzählte mir:


Die Regeln waren einfach: Zuerst wurde mit dem Fuss-Spiel «sig-sag-sug» ausgespielt, wer zuerst «iiluege» musste. Alle hielten einen Fuss in die Mitte. Auf «sug», das letzte Wort des Kommandos sig-sag-sug, zog man den Fuss entweder zurück oder liess ihn stehen. Wer «draussen» war, hatte sich gerettet. Das Spiel ging weiter, bis nur noch ein Fuss allein war, und dieses Kind musste dann zuerst «iiluege». Anschliessend wurden in der Mitte des Bsezziplatzes vier kleine Hölzer als Pyramide sorgfältig gegeneinander aufgestellt, bis diese selber standen. Dann musste sich das erste Kind über der Pyramide beugen und laut von 1 bis 100 zählen (am schnellsten ging es so: «1-2-3-4-5-6-7-8-9-10; 1-2-3-4-5-6-7-8-9-20» usw.) und ebenso laut ankündigen: «I chume!» Die Suche ging los. Sobald das Pyramiden-Kind jemanden gesehen hatte, rannte es so schnell wie möglich zu den vier Hölzern, hielt eine Hand über die kleine Pyramide und rief z.B.: «Agschlage für de Walter!» In diesem Fall musste ich mein Versteck verlassen, in die Nähe der Hölzer gehen und dort warten, bis alle Verstecke der anderen gefunden waren. Wenn alle gefunden waren, musste das zuerst entdeckte Kind wieder «iiluege». Wenn aber ein noch im Versteck wartendes Kind eine gute Gelegenheit erkannte und ganz schnell, schneller als das Pyramidenkind, bei den Hölzern war, durfte es diese Hölzer mit dem Fuss möglichst weit wegschlagen und alle anderen Kinder waren wieder frei. Das Spiel begann von vorne. Wir spielten es stundenlang!



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52: Eine solche kleine Pyramide galt es zu verteidigen bzw. mit den Füssen umzustossen.

 

In der späteren Tätigkeit als Seminarturnlehrer konnte ich auch Seminaristinnen im Wald unterhalb des Seminars Menzingen mit diesem und ähnlichen Spielen immer wieder begeistern.

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(Einschub am 13. Juli 2019)
Es ist ein warmer, sonniger Samstagnachmittag. Rita, meine Frau, und ich begeben uns nach Arbon in der Absicht, einen gemütlichen Spaziergang im Hafengelände zu unternehmen. Es herrscht eine überaus gemütliche Stimmung hier am See. Wir setzen uns auf eine Bank und schauen hinaus über den See bis zum Deutschen Ufer. Ein Haubentaucherpärchen bemüht sich um ihr winzig kleines, wahrscheinlich erst wenige Tage altes Haubentaucherli. Katamorane sitzen friedlich neben Möven auf einem Balken. Segelbote lassen sich von der leichten Bise vorwärtstreiben. Motorbootkapitäne steuern ihr Boot langsam und zielgerichtet zurück an ihren Bootsplatz. Eine Stimmung wie in den Ferien!


Eine Gruppe mit Kindern und Erwachsenen, alle mit einem Softeis in der Hand, nähert sich in unsere Richtung. Eine Bank ist noch frei. Alle nehmen Platz, doch für den jungen Familienvater wird es zu eng. Deshalb fragt er uns höflich, ob neben uns noch Platz frei sei. «Klar, setzen sie sich!» laden wir den flotten Herrn zum Platznehmen ein. Es ergibt sich sofort ein interessantes Gespräch. Er sei mit seiner Familie in Egnach in den Campingferien und heute hätten ihn die Geschwister und seine Eltern besucht. Er erzählt weiter, was er beruflich macht und welche Anforderungen er als Elektrikermeister an seine angehende Elektrikerlehrlinge stellt. Spontan erzähle auch ich mit etwas Stolz von meiner Lehrzeit als Elektromechnikerlehrling in der Papierfabrik Cham. Das eine Wort ergibt das andere; die Interessen sind ähnlich. Dann stellt er uns seine drei Kinder vor und schwärmt von ihren schnellen Fortschritten. Natürlich erwähnen wir in diesem Moment mit Freude auch unsere beiden Enkelkinder Hannah und Basil.


Die Mutter des jungen Mannes hört immer mehr und auffallend interessiert zu, was und worüber wir miteinander plaudern. Plötzlich ist auch sie ins Gespräch involviert. Sie sei Argauerin, sagte sie, «und wir sind Zuger!» fuhren wir fort. Und sie habe das Lehrerinnenseminar in Menzingen besucht. «In welchem Jahr denn?» fragte Rita. «Im Jahr 1978 wurde ich als Kindergärtnerin patentiert!» führte sie weiter aus. Rita stutzte und fragte: «Ich unterrichtete in dieser Zeit das Fach Rhythmik und Kinderturnen. Erinnern sie sich nicht?» «Klar, ach, das waren sie? Ich hätte sie nicht mehr erkannt!» sagte sie ganz erstaunt. Dann überlegte ich kurz, denn in dieser Zeit war doch auch ich Turnlehrer im Seminar Menzingen. «Wie hiess denn ihr Turnlehrer?» wollte ich nun auch noch wissen. «Bucher!» erinnerte sie sich sofort. Meine Antwort «Der steht hier vor ihnen!» verschlug ihr beinahe den Atem. «Wirklich; das sind sie? Ich hätte sie nicht mehr erkannt» fragte sie erstaunt. «Und ich bin Lucia Hofmann, und vielleicht erinnern sie sich noch an Helen Zülle, Gabi Annen und bestimmt auch an Bernadette Niedermann? Sie ist einen Tag vor ihrem 20. Geburtstag verünglückt und leidet seither an Querschnittlähmung?» «Klar erinnere ich mich an jenen Morgen, als wir an Stelle des Turnens eine Stunde miteinander im Klassenzimmer über dieses Schicksal diskutierten und wie wir versuchen könnten, damit umzugehen. Ich war ja sogar euer Klassenlehrer!» ergänzte ich.

 

Wir alle kamen wegen unserer total zufälligen Begegnung für einen kurzen Moment nicht mehr aus dem Staunen heraus, erinnerten uns aber mit Freude an die gemeinsame Zeit im Semi Menzingen. Lucia erinnerte sich z.B. an das von mir inszenierte Synchronschwimmen anlässlich des Semifestes, an die Langlaufspiele in der Nähe des Lindenberges usw., vielleicht erinnerte sie sich sogar auch noch an das Chnebeli-um-Spiel im Wald? «Die Welt ist klein!» stimmten wir uns gegenseitig zu und verabschiedeten uns nach einigen weiteren Wortwechseln herzlich.


Rita und mir wurde einmal mehr bewusst, dass man sich nach so langer Zeit, nach mehr als 40 Jahren, verändert. Dass man einen dann aber gar nicht mehr erkennt, hat uns dann trotzdem etwas erstaunt, aber auch bewusst gemacht, dass eine so lange Zeit deutliche Spuren hinterlässt!


Ähnliche Begebenheiten und Erfahrungen habe ich auch schon mit ehemaligen Sport Studierenden bei zufälligen Begegnungen lange nach der ETH-Zeit erlebt. Auch mit ihnen habe ich im Rahmen der Didaktik des Sportunterrichts für die 1.-6. Klasse an der ETH solche einfachen Spiele durchgeführt. Auch sie waren immer wieder begeistert. Ich spielte jeweils auch mit und fühlte mich für einige Momente in meine Kindheit auf dem Bsezziplatz vor dem Waldschlupf im Schlosspark St. Andreas zurückversetzt!

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Und aus dieser Zeit erzähle ich jetzt weiter: Es gab ab und zu auch ganz ernsthafte Auseinandersetzungen zwischen mir und meinem Vater, zu Recht, denn es war so: Eines Tages klaubte ich Vaters Baumschere aus dem Versteck und begab mich in den Wald unmittelbar unterhalb unseres Hauses. Es war erstaunlich, wie leicht ich mit diesem Werkzeug da und dort selbst dicke Äste abschneiden konnte. So schlenderte ich wie ein kleiner Förster durch unseren kleinen Wald, zwackte da und dort einfach einen Ast ab und liess ihn liegen. Auf dem Rückweg entdeckte ich ein kleines Weisstännchen, das unmittelbar am Rand des kurvigen Waldwegleins stand. Gedacht, getan: Gedankenlos schnitt ich den feinen Wipfelzweig dieses Tännchens einfach ab. Zack, und weg war er!


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53: Mit dieser Baumschere meines Vaters schnitt ich den Wipfel eines kleinen Weisstännchens ab; ich besitze sie heute noch.

Zurück im Haus, deponierte ich die Baumschere wieder exakt am richtigen Ort. Einige Tage vergingen, und ich hatte meinen Förster-Strolchengang bereits vergessen. Doch dann kam der Vater eines Abends nach seiner Arbeit ganz verärgert auf mich zu, zog mich mit seiner kräftigen Hand in den Waldschlupf-Wald und fragte mich an Ort und Stelle, ob ich den Gipfelzweig dieses Weisstännchens abgeschnitten hätte. Herr Ast hätte ihn darauf angesprochen, und dieser hätte es von Herrn von Schulthess erfahren.

Die Furcht vor einer grossen Strafe war stärker als der Mut zur Ehrlichkeit. «Nein, Baba, das habe ich nicht gemacht!» war meine bestimmte, von Angst getriebene Antwort. Zum Glück war es bereits dunkel, denn so konnte Baba mein gerötetes Gesicht nicht erkennen. Obwohl mir mein Vater kaum richtig glaubte, wurde ich nicht bestraft. Aber diese belastende Lüge trug ich lange mit mir herum, bis ich eines Tages gestand, dass ich es war, der den Wipfel dieses kleinen Weisstännchens abgezwackt hatte. Baba war nicht besonders erstaunt. Er bestrafte mich nicht, denn er ahnte immer, dass ich dieses belastende Schuldgeständnis wohl lange mit mir herumgetragen hatte. Bei all meinen weiteren Ausflügen durch unseren Wald, zum Beispiel auf dem Weg zum Fischen am See, berachtete ich immer wieder dieses Weisstännchen – ohne Wipfel. Es wuchs zwar trotz meines Kurzschnitts weiter, aber einfach nicht so schön.
 

Einige Zeit später ergab sich eine ganz besondere Begebenheit zwischen meinem Vater und mir. Es war ein Samstagnachmittag. Baba nahm mich mit in den Städtlerwald in der Absicht, gemeinsam möglichst viele Tannenschösslinge zu sammeln, damit die Mutter wieder einmal einen feinen Tannenschössling-Honig machen konnte. Wir suchten im Wald, und schon bald fanden wir viele kleine Tännchen. «Aber nur an den Weisstännchen mit den flachen Nadeln die seitlichen Schösslinge fein abzupfen, und nicht zu viele am gleichen Tännchen. Und keine Rottannenschösslinge, Walter!» instruierte mich mein Vater. In Rufweite voneinander pflückte nun jeder möglichst viele schöne Weisstannenschösslinge und steckte diese in eine mitgebrachte Tasche. Da bemerkte Baba plötzlich, dass sich jemand näherte. Baba kam hastig zu mir herüber und sagte, ich solle sofort nur noch Tannenzapfen auflesen und diese in die Tasche stecken, damit der fremde Waldspaziergänger denken würde, wir suchen Tannenzapfen. Ich begriff die Situation sofort. Wir suchten jetzt Tannenzapfen, legten diese in unsere Taschen und grüssten den Fremden freundlich. Nach einem kurzen Wortwechsel setzte dieser seinen Weg fort. Nun warfen wir unsere Tannenzapfen wieder weg und zupften weiter an den Weisstannenästchen, bis unsere Taschen voll waren. Auf dem Heimweg habe ich Baba an meine damals abgehauene Tannenspitze erinnert und gehofft, er hätte jetzt nach diesem unerlaubten Tannenschössling-Raub auch ein wenig ein schlechtes Gewissen, doch er hatte meinen Tännchen-Schnitt schon beinahe vergessen. Schlimm war dieser Schössling-Raub gewiss nicht, und zudem wusste ich von diesem Moment an genau, was eine Weisstanne von einer Rottanne unterscheidet. Ich schaue seither immer, ob die Nadeln flach oder rund um die Ästchen angeordnet sind! Abreissen würde ich heute diese feinen hellgrünen Schösslinge nicht mehr.


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54: Mit Tannenschösslingen machte meine Mutter feinsten Honig.

Seither weiss ich nun, weshalb sich Förster derart ärgern über Rehverbiss an Weisstannen (Abbeissen der jungen Weisstannenwipfel). Aber dass dies eines der Hauptargumente für Jäger sein soll, dass Wild abgeschossen werden müssen, kann ich auch heute in Diskussionen mit meinem ehemaligen Dozenten-Kollegen der PHS St. Gallen und lange Zeit leidenschaftlichen Jäger Hans Anderegg immer noch nicht akzeptieren, obwohl er mich diesbezüglich auf einen Spaziergängen in seinem eigenen Wald immer und immer wieder davon zu überzeugen versucht. Dabei gäbe es mit etwas sanfter Chemie doch einfache Möglichkeiten, die Rehe vom Biss an Weisstannenspitzen abzuhalten.


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55: Rehe bevorzugen kleine Weisstannenspitzen, aber dagegen kann man etwas tun.

Meine kleinen Waldschlupf-Ausflüge verlagerten sich zusehends Richtung See, obwohl mich meine Mutter immer wieder ermahnte: «Aber du gosch nur bis zum Brüggli, gell Walterli!» Auch um dieses legendäre Brüggli gibt es eine ganze Reihe von Erinnerungen. Es handelt sich um die Brücke, welche zum Überqueren des Baches, welcher früher rings um das Schloss floss, gebaut wurde. Meine Schwester Gertrude hatte dieses spezielle Sujet für ihre Hochzeitsanzeige ausgewählt und die Kunstmalerin Frey hat ein Portrait meiner Schwester Rita gezeichnet. Rita hat mir erzählt, dass sie sehr lange an der gleichen Stelle sitzen bleiben musste und sich nicht bewegen durfte. Sie habe damals einen schmerzhaften Krampf in den Beinen bekommen, den ersten und bisher letzten in ihrem ganzen Leben!


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56: Es gibt viele Brüggli-Geschichten.

Der Gärtner Weber pirschte ab und zu mit seinem Flobert-Gewehr wie ein Jäger durch den Wald unterhalb unseres Waldschlupfs. Er war damals noch nicht Obergärtner, denn sonst hätte er es kaum gewagt, im Schlosspark Vögel abzuschiessen. Als ich einmal Schüsse hörte, rannte ich vom Bsezziplatz hinunter und sah Herrn Weber, wie er versuchte, einen zuoberst auf einem der höchsten Baumwipfel sitzenden Rotmilan zu treffen. Nachdem ihm dies nach mehreren Versuchen misslungen war und der stolze Vogel immer noch gemütlich dort oben hockte, schlug ich Herrn Weber vor, meinen Bruder zu holen. Er sei an diesem Wochenende im Urlaub und hätte das Sturmgewehr nach Hause mitnehmen dürfen. «Wenn du meinst?» sagte Herr Weber auffordernd. Und schon war ich unterwegs.


Toni liess sich sofort für dieses Experiment begeistern, fasste das Sturmgewehr und rannte mit mir im Sturmschritt zum Standort des Vogels. Toni sah ihn, zielte … und drückte ab. Ein Riesenknall – und dann fiel das grosse Tier von Ast zu Ast und schlussendlich vor unseren Füssen auf den Boden. Alle waren erschrocken durch den Knall und kurz darauf geschockt über den toten Vogel. Es wähnte nicht lange, da stand der Schlosschauffeur Stuber bei uns, realisierte, was passiert war und sagte vorwurfsvoll zu Toni: «Ich werde Ihnen schon sagen, was das kostet, Herr Bucher!» Natürlich erfuhr auch Herr von Schulthess von diesem Vorfall. Es blieb jedoch lediglich bei einer Verwarnung. Wenn dieser Vorfall weiterverfolgt worden wäre, hätte Toni mit grosser Sicherheit einen scharfen Arrest erhalten. Vielleicht wäre sogar seine militärische Karriere als Feldweibel in Frage gestellt worden. Aber im Nachhinein muss ich eingestehen: Mitgegangen – mitgefangen!


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57: Aber, aber Toni, wie kamst du dazu, einen schönen Raubvogel abzuschiessen?

Der kleine Graben war zu meiner Kinderzeit noch mit Seewasser gefüllt. Ich habe darin sogar einmal einen riesigen Brachsmen gesehen. Ihn zu fangen getraute ich mich damals noch nicht! In dieser schmalen Bucht hatte der Kunstmaler Frey eine Zeit lang sein Holzboot stationiert. In den darauf folgenden Jahren ist diese Bucht bis zum Seerand total verlandet. Daraufhin hat sich die junge Schlossfrau dafür eingesetzt, dass der Teil des verlandeten Gebietes zum See hin wieder ausgehoben wurde. Beim Spaziergang mit Frau Pacher habe ich ihr einige «Brüggli»-Geschichten erzählt.


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58: Der verlandete kleine Graben wurde wieder ausgehoben und renaturiert.

Einige Meter entfernt Richtung See war damals alles mit Schilf überwachsen. Und zu diesem Schilfdickicht gibt es eine Geschichte, die meine Schwester und mich immer wieder an unsere Kindheit erinnert, zum Stolz meiner Schwester. Die Frage lautete, wer von uns zwei, Margrit oder ich, den Mut hatte, in der Nacht ohne Taschenlampe oder Kerze unten beim Brüggli einen Schilfhalm als Beweisstück zu holen. Margrit schaffte es, ich getraute mich nicht. Margrit hatte die Wette gewonnen, und seither war ich der «Schisshas» in unserer Familie. Damals war der Schilfbestand am unteren Rand des Waldes noch sehr dicht. Im Frühling, wenn sich der Schilfwuchs wieder ausbreitete, konnte man den See kaum mehr sehen.


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59: Der dichte Schilfbestand von damals ging leider immer mehr zurück.

Dem Seeufer entlang Richtung Castellino war der dichte Schilfbestand auch noch im Winter zu erkennen. Der Vorteil für uns Kinder war, dass sich bei grosser Kälte im Schilf schneller Eis bildete als im offenen See. Manchmal trug die Eisdecke, manchmal endete der Wagemut mit nassen Füssen.


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60: So sah unser Schilfbestand damals aus. Vom Ufer aus konnte man den See nicht sehen.

Am Ende unseres Seeweges Richtung Castellino, der sich heute als idyllischer Spazierweg präsentiert, befand sich die Abfalldeponie für alle St. Andreäsler. Alles Papier vom Schloss wurde in einem speziell dafür gebauten Metallgitter verbrannt. Nach einer gewissen Zeit wurde die Abfallgrube mit Humus überdeckt, bis dann ab 1955 gemäss neuem Gemeindegesetz aller Unrat in Ochsner-Kübeln konformer und umweltbewusster entsorgt werden musste.


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61: Wo sich einst eine Müllhalde befand, führt heute ein idyllischer Weg dem See entlang.

«Wer leert heute den Abfallkübel?» war jeweils die Frage meiner Mutter. Diese Aufgabe habe ich in meiner Kinderzeit nicht gerne übernommen, denn rund um die Abfallgrube war es immer etwas gespenstisch, denn es hatte dort auch Ratten. Einige Jahre später konnte ich diesen Gang zur Müllhalde mit einem kurzen Abstecher auf unseren privaten, ganz im Schilf versteckten Fischersteg verbinden, den René Ast, Walter Stuber und mein Bruder Toni selbst gebaut hatten. Zuerst musste man durch einen urwaldähnlichen Sumpf waten, bis man zum eigentlichen Steg gelangte, ein abenteuerliches Wagnis jedesmal!


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62: Wenn meine Mutter den «Güselkübel» vor die Haustüre stellte, dann wusste ich, was zu tun war.

Das waren noch Zeiten, als die Post zweimal pro Tag ins Haus gebracht wurde. Noch sehe ich Herrn Hunkeler vor mir in seiner Pöstler-Uniform mit einem Hut wie ein Offizier und mit einer grossen, dunkelblauen Pelerine bei Regen. Dank des Pöstlers erfuhren wir auch trotz des damals gemächlichen Informationstempos blitzschnell Neuigkeiten aus dem Dorf. Er hielt uns immer auf dem Laufenden!

Jeden Tag kam der Milchmann, Herr Peter, bis vors Haus. Mit seinem speziellen Milcher-Elektroauto (und dies vor über 60 Jahren!) fuhr er den steilen Schlüsselrain hinunter bis vor unsere Haustüre. Wenn wir in dieser Zeit auf dem Heimweg von der Schule unterwegs waren, durften wir aufsitzen oder stehend mitfahren; war das ein Vergnügen! Falls der Schlüsselrain jedoch im Winter mit Schnee bedeckt oder durch unsere vielen Schlittenfahrten vereist war, wagte es Herr Peter nicht mehr, mit seiner schweren Ladung hinunterzufahren. In solchen Fällen füllte er einige Liter Milch in seine Tragkanne, nahm etwas Butter und Käse mit und brachte dies an die Haustüre. Damit er trotz Kälte mit Kleingeld umgehen konnte, trug er Fingerlinge, also Wollhandschuhe ohne Finger. So konnte er sowohl die Ausgaben ins Milchbüechli eintragen als auch die Milch schöpfen, ohne immer wieder die Handschuhe ausziehen zu müssen. Trotz bissiger Kälte oder vielem Schnee war er immer ein freundlicher, aufgestellter Besucher und immer auch eine willkommene Abwechslung im abgelegenen Waldschlupf, sowohl für unsere Mutter als auch für uns Kinder.

Mit der Winterzeit im Schlosspark verbinde ich hohen Schnee auf dem Dach, Schlittelbahnen da und dort, gefrorener Schlossweiher, Handschuhe, warme Kleider und dicke Kappen. Unser Winterparadies war der Graben hinter dem kleinen Wäldli beim Obergärtnerhaus. Hier durften wir uns tummeln wie wir wollten. Oft beneideten uns die Kinder, welche auf dem daneben liegenden Schlüsselrain schlittelten. Wenn wir sie gut kannten, liessen wir sie jeweils zu uns herein!


Wenn man sich im Schnee tummelt, rollt und vom Schlitten stürzt, dann ist man bald einmal tropfnass. Ich war es jedoch nicht, denn ich trug einen «Bär». Von Familie von Schulthess erhielt meine Mutter einen Kombianzug aus braunem Lammfell, den schon die Schloss-Kinder getragen hatten. Ich konnte mit den Füssen hineinsteigen, dann in die Arme hineinfahren und am Schluss noch den Reissverschluss von unten bis zum Hals schliessen. Beide Wollhandschuhe waren mit einer Schnur gesichert, welche durch beide Ärmel des Anzuges verlief und um den Hals verbunden war. Mir konnte nichts mehr passieren. Wie war ich stolz auf meinen Kombianzug!

Als wir langsam älter wurden, war die anspruchsvolle Schlittelpiste des Schlüsselrains attraktiver. Wir kamen dadurch in Kontakt mit Jugendlichen von ausserhalb. Das waren sicher alle drei Gebrüder Tresch: Wernu, Hänsu und Richu. Dann aber auch die beiden Brüder Hanspeter und Ruedi Brändli, mit welchen ich später in einer Chamer-Mannschaft auf dem Schulhausplatz Eishockey spielte. Sie organisierten ab und zu Schlittelrennen mit Zeitmessung oder mit Distanzwettbewerben. Bei ganz guten Verhältnissen kamen wir mit unseren Schlitten ohne anzustossen (das war die Wettbewerbsregel) bis zur Passerelle. Unten in der Strandbadkurve bauten wir eine hohe Schneemauer wie bei einer richtigen Bobbahn.

Wenn jeweils jemand mit der Familie Bucher Kontakt aufnehmen wollte, dann musste diese Person persönlich bei uns vorbeikommen, denn wir hatten kein Telefon. In Notfällen wussten die für uns wichtigsten Menschen, dass Familie Ast ein Telefon hatte. Dieses sollte aber wirklich nur im äussersten Notfall benützt werden. Ab und zu gab es solche Notfälle. Dann musste sich Frau Ast zu uns bemühen. Sie klopfte an die Holztüre und sagte mit etwas heiserer lauter Stimme nur: «Ein Telefon!»


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63: Im Notfall rannte unsere Mutter in die «Telefonzentrale» der Familie Ast.

In Eile nahm die Mutter den erstbesten Mantel und folgte Frau Ast so schnell sie konnte. Und dies immer in der angstvollen Erwartung, was denn geschehen sein könnte. Dann durfte, ja musste sie in die Wohnung der Familie Ast eintreten und dort vernahm sie, was passiert war. Wir Kinder warteten zuhause ungeduldig, bis die Mutter wieder zurückkam und uns informierte. Je länger dies dauerte, eine umso schlimmere Nachricht erwarteten wir. Zum Glück waren es nicht immer nur schlechte Nachrichten, denn oft konnte die Mutter auch über Erfreuliches berichten!

Meine Mutter verdiente nebenbei etwas Geld mit Servieren, meistens im Bären in Cham, aber dann auch einmal pro Jahr am Stierenmarkt in Zug. Dort, so berichtete sie, hätte sie von den Bauern am meisten Trinkgeld erhalten. Natürlich fuhr meine Mutter mit dem Velo, und zwar immer auf dem Naturweg via Kollermühle, nach Zug. Nach der Arbeit am Stierenmarkt kehrte sie jeweils nach Mitternacht wieder heim. Wenn sie auf dem Heimweg in der Nähe der Passerelle ein Velo entdeckte, das herrenlos am rostigen Eisenhag angelehnt war, sagte sie es mir am Tag darauf. 


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64: Immer wenn ein Velo an einem verdächtigen Ort abgestellt oder sogar hingeworfen wurde, sagte mir die Mutter auffordernd: «Es hed wider es Velo bi de Passerelle usse; gang's go hole»

Ich beobachtete dann den besagten Ort, jeden Tag, immer wieder. Befand sich das Velo mehr als drei Tage dort, brachte ich es auf den Polizeiposten in Cham. Das passierte immer öfter. Die beiden Dorfpolizisten Moser und Freimann kannten mich mittlerweile gut. Wenn ich mich dann einige Wochen später auf dem Polizeiposten meldete und erfuhr, dass sich der Halter des Velos gemeldet hatte, erhielt ich fünf Franken Finderlohn. Wenn ein Velo ein Jahr nicht als vermisst oder gestohlen bei der Polizei gemeldet wurde, dann hätte es dem ehrlichen Finder gehört. Das war immer meine Hoffnung!
 

Eines Tages entdeckte ich in einem Lorbeergebüsch beim Schlössli an der Adelheid-Page-Strasse ein wunderschönes, schwarzes Rennvelo Marke Stirnimann. Ohne lange zu zögern zog ich es sorgfältig heraus und brachte es sofort zum Polizeiposten. Ich schob es nicht, nein, ich fuhr damit! Zum ersten Mal in meinem Leben sass ich stolz auf einem Rennvelo mit einem runden Lenker. Ich klopfte an die Türe des Polizeipostens und das Prozedere verlief wie gewohnt: «Name, Fundort, Zeitpunkt?» Es vergingen Wochen, sogar Monate. Niemand meldete sich bei der Polizei. Die Hoffnung wuchs, dass ich vielleicht so auf einfach Art und Weise Besitzer eines eigenen Rennvelos werden könnte. Doch nach etwa zehn Monaten meldete eine Versicherung den Diebstahl des Rennvelos bei der Chamer Polizei. Mir blieb lediglich wieder ein Finderlohn von fünf Franken.

Der Traum vom eigenen Rennvelo dauerte rund 40 Jahre. Dann erwarb ich auf seltsame Weise ein hellgrünes Bianchi-Rennrad. Seltsam deshalb, weil auch in diesem Fall erneut Max Baumann seine Hände im Spiel hatte wie schon damals, als ich Golf spielen lernte! Ich kaufte in einer von Max Baumann angebotenen Liquidation verschiedene Sportgeräte. Diese konnte ich meinen Sportstudentinnen und -studenten zu Schleuderpreisen weitergeben. Unter allen Sportgeräten fand ich zu guter Letzt ein grünes Bianchi-Rennrad; das gehörte jetzt mir! Mit diesem fuhr ich einige Innerschweizer Radrundfahrten und später benützte ich es auch an Triathlonwettkämpfen. Meinen letzten grossen Triathlon und somit die letzte lange Fahrt auf diesen Bianchi-Rennvelo bestritt ich im Jahr 1986 in Zürich: Zuerst 3.8 km schwimmen, dann 180 km radfahren mit dem Bianchi-Rennvelo und zu guter Letzt noch 42 Kilometer laufen! Nach 11 1/2 Stunden erreichte ich das Ziel!



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65: Mit diesem hellgrünen Bianchi-Rennvelo habe ich viele Kilometer zurückgelegt, mal in ruhigem Tempo, aber oft auch etwas «vergiftet» am Hinterrad irgendeines Konkurrenten.

Zurück in meine Waldschlupf-Zeit! Erst wenn die Rigi keinen Schnee mehr hatte, durften wir Kniesocken tragen, und erst wenn es wirklich heiss wurde, durften wir in die Badi gehen. Uns war in ganz frühen Zeiten nur die Badi im Hirsgarten erlaubt, das Strandbad war verboten. In der Badi waren Buben und Mädchen voneinander getrennt. In dieser alten Pfahlbauerhütten-Badi lernte ich schwimmen. Als erste Badehose musste ich wollene Unterhosen tragen, richtige Badehosen gab's erst später. Ich konnte noch nicht schwimmen, aber trotzdem war ich stundenlang im Nichtschwimmerbecken beim «Brättlizie». Das ging so: Abtauchen, sich an den moosigen Brettern am Boden halten und Brett für Brett vorwärts ziehen. Viele meiner Schulkollegen wagten sich jedoch damals schon in den See. Sie konnten schwimmen, ich noch nicht. Langsam entdeckte auch ich das «richtige» Schwimmen und wagte mich ins etwas tiefere Schwimmerabteil der Badi. Eines Tages fasste ich mir ein Herz und wagte es, bis zum ersten Dampfschiffspfahl zu schwimmen, etwa 30 Meter vom Ufer entfernt. Dort hielt ich mich krampfhaft am glitschigen Riesenpfahl fest, schöpfte neuen Mut und schwamm wieder zurück. Der Bann war gebrochen, ich konnte schwimmen!


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66: Das erste Etappenziel war erreicht: Der Dampfschiffspfahl, 30m von der Männerbadi entfernt (am Bildrand rechts).

Nach einigen Jahren des unermüdlichen Bettelns erlaubten mir meine Eltern, ins Chomer Strandbad gehen zu dürfen. Die Erinnerungen am meine beiden «Beinahe-Ertrink-Unfälle» haben sie sicher beeinflusst, diese Erlaubnis möglichst lange zu verwehren. Das Strandbad wurde bald mein Freizeitplatz, mein Treffpunkt mit Freunden und mein Spiel- und Sportplatz. Die Schwimmstrecken wurden ausgeweitet. Zuerst hin und her zwischen den beiden 50m-Schwimmstegen, dann hinaus bis zum alten Floss, das meistens mit Mövenkot verschmutzt war, und schon bald weiter hinaus bis zur Wasserskischanze.
 

Meine sportlichen Ziele habe ich immer höher gesteckt. Gemeinsam mit Ludwig Meier, dem Sohn des Chamer Schul-Zahnarztes, wollte ich einen Rekord aufstellen. Ludwig war aus meiner Sicht der erste Chamer, welcher einen wunderschönen Crawlstil beherrschte. Ich pflegte lediglich die Seitenschwimm-Technik, bei der ein Armzug wie ein Crawlarmzug aussieht, während die Beine eine Scherenbewegung ausführen. Diese Mischtechnik hatte in den späteren Jahren die negative Folge, dass ich beim Brustschwimmen nie einen schönen gleichseitigen Schlenkerschlag ausführen konnte. Die leichte Schere war noch lange zu erkennen. Aber meine Technik aus Brust- und Crawlschwimmen war beinahe so schnell wie die klassische Crawltechnik.

Ludwig und ich wussten nicht, ob es schon jemandem aus Cham gelungen war, den Zugersee längsseitig von Cham nach Arth zu queren. Die Idee beschäftigte uns immer mehr. Eines Nachmittags übten wir uns in einem Langstreckenschwimmtest von der Badi Hirsgarten bis zur Badi Hünenberg und wieder zurück. Beim «Fähnli», der Markierung einer Untiefe, hatten wir noch leichte Zweifel, denn die Distanz bis zur Badi Hünenberg schien doch noch sehr gross. Wir wagten es trotzdem, und ab diesem Moment gab es kein Zurück mehr. In der Badi Hünenberg angekommen, stiegen wir nur für einen kurzen Moment aus dem Wasser, denn es war in der Zwischenzeit bereits etwas spät geworden. Zügig und diesmal ohne beim Fähnli anzuhalten, erreichten wir erschöpft aber überglücklich und stolz die Badi Hirsgarten. Dieser erfolgreiche Test machte uns Mut für das Vorhaben «Seeüberquerung von Cham nach Arth».
 

An einem Samstagnachmittag war es so weit. Der Bademeister Lang stellte uns eines der kleinen Rettungsboote zur Verfügung (ein ähnliches Flachboot, wie es Herr von Schulthess für die Pflege seiner Seerosen verwendete). Hansi Käppeli, Sohn des Baumeisters Käppeli, stellte sich als Begleiter und Verpfleger zur Verfügung. Für uns galt die Spielregel, dass wir uns während der ganzen Dauer nicht am Rettungsboot halten durften. Die Voraussetzungen an diesem Samstagmittag waren ideal: Sonne, ganz leichte Bise – also eine Art Rückenwind – und eine angenehme Wassertemperatur. Zuerst cremten wir uns mit Melchfett gegenseitig kräftig ein, um die Abkühlung etwas zu lindern.


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67: Melchfett, was wir damals als Kälteschutz beim Langstreckenschwimmen eingerieben haben, nutze ich heute als Schmiermittel für meine Alphorn-Büchsen.

Dann der Start! Schon bald sahen wir zurückblickend die Hirsgarten-Badi und die Schlossanlage nur noch aus weiter Ferne. Es schien uns, es gehe einfach nicht vorwärts. Bei jedem Zug hatten wir das Gefühl, die Tobleroneblöcke von Oberwil seien immer gleich weit entfernt, vom Chiemen gar nicht zu sprechen. In regelmässigen Abständen verpflegte uns Hansi mit Bananen und warmem Tee. Schon waren ungefähr zwei Stunden vergangen, doch die Zweifel, ob wir es schaffen würden, in Arth anzukommen, wurden zusehends grösser. Weiterschwimmen lautete die Devise, einfach weiterschwimmen! Nach rund drei Stunden schien der Chiemen in Griffweite, doch der Schein trog. Nach einer weiteren Stunde und bei zunehmendem Wellengang wegen der immer stärker aufkommenden Bise entschieden wir uns, auf der Höhe des Chiemens aufzugeben. Wir stiegen schon leicht unterkühlt aus dem Wasser. Es war uns anfänglich kaum möglich, aufrecht zu stehen. Das Gleichgewichtsorgan hatte sich vier Stunden lang an die horizontale Lage gewöhnt und brauchte jetzt etwas Zeit für die Umstellung. Nach einigen Minuten gelang es uns, wieder einigermassen ruhig und sicher aufrecht zu stehen und zu gehen. Mit den mitgebrachten Seifen versuchten wir, die immer noch dicke Melchfettschicht abzuwaschen, was natürlich nicht gut gelang. Trotzdem kleideten wir uns an, stiegen ins kleine Rettungsboot und ruderten abwechslungsweise in den klebrigen Kleidern gegen die Bise und die immer höher aufkommenden Wellen Richtung Cham. Das Experiment war gescheitert, aber das beeindruckende Abenteuergefühl hielt noch viele Jahre an.


Bald nach diesem unvergesslichen Abenteuer gingen Ludwig und ich eigene Wege. Ludwig wurde später Sekundarlehrer und unterrichtete im Raum Zürich. Leider musste ich am 31. Dezember 2001 durch eine Traueranzeige in der Zeitung erfahren, dass er im Alter von 56 Jahren verstorben ist.

Etwas älter – etwas mutiger
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5.  Etwas älter – etwas mutiger
Nachdem ich in meiner frühen Kinderzeit die unmittelbare Umgebung des Waldschlupfs weitgehend erobert hatte, lag der Mut für weitere und fernere Erkundungen auf der Hand. Immer öfter weiteten sich die Entdeckungsreisen über die Grenzen des Schlossparks hinaus.



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68: Teenager Walti, etwas älter aber auch immer etwas mutiger!



Die Grenze zwischen den Gärtnerhäusern zum eigentlichen Schlosspark ist auch heute noch deutlich sichtbar. Der graue, runde Kies endet beim Waldschlupf und geht über in gelben, feineren, aber auch spitzigeren im Park. Da wir Kinder meistens barfuss liefen, war dies sehr gut (aber auch schmerzhaft) spürbar. Die Grenze zwischen dem Waldschlupf und dem Park ist mit einem Hag und einer Türe versehen. Dieses Parktor gibt es heute noch.


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69: Übergang vom grauen zum gelb(-goldenen) Kies in den Park. Ab hier galt PRIVAT.



Wir wagten uns zwar immer wieder über diese Grenze hinaus, wenn wir zum Beispiel um das Kistenmagazin eine Runde drehten. Aber bereits hier begann das Kribbeln im Bauch. Nur schon dies zu wagen war eigentlich streng genommen nicht erlaubt – gelber Parkkies! Aber Frau und Herr von Schulthess waren mit uns Kindern immer sehr tolerant, oft sogar etwas toleranter als Obergärtner Ast.


Als Kind schaute ich oft stundenlang meinem Baba bei der Arbeit zu. Seine geschickten Hände machten mir grossen Eindruck. Besonders aufregend war es, wenn er ausnahmsweise auch ausserhalb unseres gewohnten Schlossareals arbeiten musste, zum Beispiel beim Schneiden der Strandbad-Hecke,
welche heute noch auf der Ostseite des Eisentors steht.


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70: Diese Buchenhecke auf dem Weg zum Strandbad steht heute noch.



Eine seiner besondere Fertigkeiten zeigte sich beim Heckenschneiden, sowohl beim Zurückschneiden der Buchen- wie auch der Thujahecken, natürlich alles von Hand. Ich höre noch heute dieses gleichmässige Schnipp – Schnipp seiner grossen Gartenschere.


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71: Mit einer solchen Handschere schnitt Baba damals die 60 Meter lange Strandbad-Buchenhecke.



Wenn ich heute in unserem Garten die Buchenhecke oder die lange Thujahecke zurückschneide, denke ich oft an Baba, wie er diese Arbeiten verrichtete, natürlich damals alles von Hand! Mir fällt dies mit einer elektrischen Heckenschere wesentlich leichter.


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72: Auch ich schneide die Buchen- und Thujahecken in unserem Garten selber, aber wesentlich bequemer mit einer elektrischen Heckenschere.



Heckenschneiden war eine Routinearbeit meines Vaters. Er schnitt die längsten Hecken schnurgerade. An einen Schnitt der Hecke entlang der Strasse zum Strandbad erinnere ich mich nicht mehr, obwohl ich dabei war. Es wäre beinahe etwas Schreckliches passiert.


Meine Mutter besuchte ihre Mutter und ihre vielen Geschwister – es waren insgesamt elf – im Entlebuch, was sehr selten vorkam. Diese Gegend war ihre vertraute Heimat. Da ich noch nicht den Kindergarten besuchte, war ich zu Hause. Unsere betagte Haushälterin, Frau Pfeifer, hatte bei solchen Gelegenheiten gekocht. Ich wollte jedoch nicht zu Hause bleiben und mit ihr das Jassen lernen, sondern lieber im Freien spielen. Ich wusste, dass Baba an diesem Tag die lange Buchenhecke vorne beim Weg zum Strandbad schneiden musste. Meter um Meter schob er jeweils den schweren Heuwagen vorwärts, um darauf stehend den oberen Teil der Hecke zu schneiden. Irgendwann hatte ich mich, unbemerkt von Baba Richtung Holzsteg zwischen den beiden Bootshäusern entfernt.


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73: Von diesem Steg war ich ins Wasser gefallen und wäre beinahe ertrunken.



Auf dem Steg muss ich wohl das Gleichgewicht verloren haben und ins Wasser gefallen sein. Ich selber kann mich an nichts erinnern! Eine Frau, die zufällig in diesem Moment mit dem Kinderwagen vorbeispazierte, hatte gesehen, wie ich ins Wasser gefallen war. Sie eilte samt Kinderwagen zurück zum Bademeister Zürcher. Dieser wiederum rannte vom Strandbad hinüber zum Steg. Dort hat er mich zum Glück sofort gesehen, herausgezogen, wiederbelebt und somit mein Leben gerettet. Mein Gesicht sei schon blau verfärbt gewesen, hat der Bademeister meiner Mutter später erzählt. Und die Spaziergängerin erzählte meiner Mutter, dass sie normalerweise nur einmal um die Schrebergärten laufe, an diesem Tag hätte sie dies jedoch zufällig zweimal gemacht, was letztendlich meine Rettung ermöglichte. Am gleichen Abend holte Baba meine Mutter am Bahnhof ab. Das sei sonst noch nie passiert, hat die Mutter später einmal berichtet! Baba habe ihr erst nach einigen Schritten auf dem Heimweg schweren Herzens gestanden, was vorgefallen war.

14 Jahre später, ich absolvierte bereits die Elektromechaniker-Lehre in der Papierfabrik, war ich ein fanatischer Rettungsschwimmer. Wenn immer möglich ging ich ins Strandbad. Auch die beiden nahegelegenen Schiffshütten faszinierten mich. Wenn die Türe der Papieri-Schiffshütte offen stand, wagte ich mich hinein und suchte das Gespräch mit dem Mann, der sich gerade in der Hütte aufhielt. Eines Tages war Herr Suremann, der Schwiegervater meines Lehrmeisters Werner Bauder, mit Überholungsarbeiten an seinem riesigen Motorboot mit Innenbordmotor beschäftigt. Hinter seinem Boot hing an der Decke ein altes, vergrautes Faltboot. Mutig fragte ich Herrn Suremann, wem dieses Böötli gehöre. «Ja, das hängt schon lange dort oben. Wenn du willst, kannst du es haben – gratis!» antwortete er. Ich habe mich natürlich sehr darüber gefreut und es dauerte nicht lange bis ich das Böötli zu Hause in unserem Waldschlupfkeller aufgebockt, gereinigt, alle Löcher mit Klebebändern abgedeckt und am Schluss mit dicker blauer Farbe angestrichen hatte. Trotz meines Bemühens, alle Lecks zu flicken, ist bei der Jungfernfahrt da und dort Wasser eingedrungen, aber das war ja nicht so schlimm. Herr Suremann gestattete mir sogar, dass ich das kleine Boot wieder unter dem Dach der Schiffshütte hinter seinem langen Boot aufhängen durfte. Wenn ich damit ausfahren wollte, musste ich allerdings hoffen, dass jemand in der Schiffshütte war, denn einen Schlüssel zur Hütte bekam ich nicht. Wenn niemand dort war, dann musste ich vom Steg her zur Schiffshütte schwimmen, dort auf den Steg klettern und hoffen, dass mich dabei niemand beobachtet.


Eines Tages erlebte ich einen gespenstischen Zwischenfall. Es war schon spät im Herbst. Ich begab mich zur Schiffshütte in der Absicht, ein Ausfährtli zu machen. Das Strandbad war bereits geschlossen. Zum Glück war zu dieser Zeit Herr Servat, der mein strenger Lehrlings-Vorarbeiter war, an seinem Boot beschäftigt. Er war oft dort, sowohl im Sommer wie auch im Winter. Sein Boot war sein Ein und Alles. Wenn ihm jeweils irgendetwas missglang oder wenn ihm ein Werkzeug ins Wasser fiel, dann fluchte er laut vor sich hin. Ich trat deshalb vorsichtig in die Schiffshütte, grüsste Herrn Servat besonders freundlich und ging zu meinem Bootsplatz. Ich kurbelte das Faltboot herunter, zog es behutsam und langsam zum Steg – und dann stockte mir der Atem. Ich konnte kaum glauben, geschweige denn sagen, was ich sah! Doch nach einigen Sekunden schrie ich: «Herr Servat! Da unten liegt eine tote Frau!» «Was?» fragte er ganz aufgeregt. «Ja, da unten liegt eine Frau!» wiederholte ich stotternd.


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74: Ich schrie total verängstigt: «Herr Servat, da unten liegt eine Frau!»



Er kam sofort zu mir herüber, sah dasselbe wie ich und reagierte sofort: «Da muss die Polizei her, sofort!» Ich offerierte ihm spontan meinen Halbrenner, damit er möglichst schnell zur nächsten öffentlichen Telefonkabine am Ende der Adelheid-Page-Strasse fahren und dort telefonieren konnte. Ich hatte bis anhin Herrn Servat noch nie auf einem Velo gesehen und wusste deshalb nicht, wie er sich jetzt anstellen würde. Er schwang sich umständlich in seinem blauen Übergewand (dasselbe, das er in der Papieri trug) auf mein sportliches Velo. Dann hörte ich noch, wie er versuchte zu schalten, wie dann der Wechsel knatterte und wie er dabei vor sich herbrummte. Es knackte und kratzte, aber irgendwie hatte er dann nach einigen Versuchen endlich einen Gang eingelegt.

Mit einem flauen Gefühl im Magen wartete ich vor der Schiffshütte und schaute nicht mehr zu diesem schrecklichen Fund hinunter. Es ging eine gefühlte Ewigkeit, bis Herr Servat wieder zurückkam. Als er ausser Atem vor der Schiffshütte vorsichtig bremste und sehr ungeschickt abstieg, sagte er immer noch ganz aufgeregt, die Polizei werde gleich da sein. Es ging tatsächlich nicht sehr lange, bis die Polizei erschien. Wenig später kam auch der Schreiner Rüttimann mit seinem Sargwagen. Mich hat man noch schnell nach meinen Personalien gefragt und dann aus der Schiffshütte weggeschickt. Ich war froh darüber. Doch das schreckliche Bild, eine tote Frau unter meinem Paddelboot, liess mich viele Tage beim Einschlafen nicht mehr los.

Die Ermittlungen nach dem Ertrinkungstod der alten Frau hatten ergeben, dass sie sich selbst das Leben genommen hatte. Geistesverwirrt musste sie beim Steg ins Wasser gestiegen und dann auf dem Grund so lange Richtung Schiffshütte gewatet sein, bis sie ertunken war. Ich habe am darauf folgenden Tag die Fussspuren im sandigen Grund beobachtet. Noch heute, wenn ich bei einem Chamer-Besuch auf dem neuen Steg stehe, der sich an der genau gleichen Stelle befindet wie damals der alte, so schaudert es mich, wenn ich an diese Geschichte zurückdenke. Fast an derselben Stelle, wo ich gerettet wurde, ist wenige Meter daneben Jahre später eine Frau ertrunken. Und ich hatte sie als Erster entdeckt – unglaublich, aber wahr!


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(Einschub am 15. Dezember 2019)
Martin Bachmann, mein langjähriger Freund und Weggefährte, lud mich im Kreis seiner Familie und seinen engsten Freunden zu seinem 70. Geburtstagsfest ein. Seine Schwester Barbara arrangierte in ihrem neuen schicken Atelier in der alten ABNOX in Cham ein kleines aber feines Fest. Sie bat mich, die Gäste bei einem Verdauungsspaziergang zwischen dem Hauptgang und dem Dessert zu begleiten und ihnen etwas über Chom zu erzählen. Diesen Wunsch erfüllte ich natürlich gerne, war es doch für mich ein «Heimspiel».

 

Der Spaziergang begann neben dem Portierhäuschen des Nestléareals und dem alten Verwaltungsgebäude der Nestlé. Dann schlenderten wir der Lorze entlang bis zur alten Schleuse, mit welcher heute noch der Ausfluss des Zugersees reguliert wird. Unmittelbar daneben befindet sich der Steg des Ruderclubs Cham. Da ging bei mir natürlich ein (eigener) Film ab mit all meinen Rudererlebnissen, z.B. das Rudern im Doppelzweier mit Ueli Bodenmann, dem Olympia Silbermedaillengewinner von Seoul 1988 (siehe Text und Foto bei Nr. 334). Bei der schönen Holzskulptur des Doppelzweiers erklärte ich den Gästen, was hinter einem gekonnten dynamischen Ruderschlag steckt.


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74a: Faszinierend, wie es dem Künstler gelungen ist, aus einem riesigen Holzstamm einen dynamischen Ruderschlag von zwei Ruderern zu schnitzen.

 

Unmittelbar in der Nähe dieser Skulptur steht an Stelle der ehemaligen Schreinerei Rüttimann ein Neubau. Dort wohnen heute die beiden Brüder Ruedi und Bruno mit ihren Familien. Ich kannte die ganze Familie Rüttimann und durfte als Freund von Ruedi, dem älteren Sohn, oft sogar an Samstagabenden gemeinsam mit allen Rüttimanns fernsehen. Sie hatten mich ins Herz geschlossen – und natürlich auch umgekehrt!

 

Ruedi und ich verbrachten im Sommer 1964 unsere 14tägigen Sommerferien auf der Halbinsel Chiemen am Zugersee. Das war damals für viele Chamer Segler eine der wichtigsten Anlaufstellen für einen Wochenendaufenthalt. Als Selbstversorger mussten Ruedi und ich das Essen selber planen. Der Fussweg nach Immensee für einen Einkauf war sehr lang und auch der Seeweg bei schwachem Wind nach Walchwil konnte mit unserem Segelboot Kobold, dem Clubschiff des Segelclubs Cham, sehr lange dauern. So fassten wir an einem Vormittag ein Herz und riefen einem vorbeifahrenden Fischer zu, ob er uns nicht einige überzählige Fische schenken würde. Gesagt, getan. Ruedi und ich nahmen die Fische entgegen und das Mittagessen war gerettet.


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74b: Während Ruedi das Geschirr vom Morgenessen reinigt, bereite ich schon die Fische für das  Mittagessen.

 

Im Verlauf dieser unvergesslichen Ferien hatten wir auch oft Besuch. Einen speziellen Abend gestalteten wir für einige Kollegen als kleines Trinkfest. Wie viele es waren, wissen Ruedi und ich heute nicht mehr, aber die Anzahl (aus-) gehöhlter Weinflaschen deutet auf eine grössere Zahl hin (Foto 74d)!

 

Mit Sicherheit weiss ich, dass auch Ludwig Meier dabei war. Mit ihm versuchte ich kurze Zeit vor diesem «Saufgelage» den Zugersee der Länge nach zu durchschwimmen. Aber wir sind nach 4 ½ Stunden total erschöpft an derselben Stelle ausgestiegen, wo wir in diesen Ferien unser Segelboot verankert hatten.


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74c: Der «Wasserweg» in den Badehosen bis zum Chiemen (zweite Landzunge rechts) hatten Ludwig Meier und ich zwar geschafft; doch nach Arth (im Hintergrund) wäre es noch sehr weit gewesen! Der Ausstieg beim Chiemen bedeutete das Ende unseres Abenteuers.


Wir alle waren es (noch) nicht gewohnt, etwas (zu) viel Alkohol zu trinken. Aber diesmal wollten wir es wissen. Eine Flasche Wein nach der andern wurde geleert; von Weingenuss keine Spur. Singen und Trinken war die Devise. Aber schon bald wurde es still, und einer nach dem andern suchte entweder das Weite im Wald oder eine Matratze im grossen Hauszelt. Am anderen Morgen zogen wir mit brummenden Köpfen und finsterer Miene Bilanz und hielten dies auch noch mit einem Foto fest.
 

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74d: Wie eine Trophäe begutachteten wir am Tag darauf unsere «Trinkleistung». 9 Weinflaschen und eine «Friedenspfeife». Für mich war es der erste kleine Rausch!


An Samstagen zog es oft Chamer Segler zum romantischen Chiemen, denn das Zelten und Übernachten war damals dort noch gestattet. Kurz nach unseren Ferien wurde im Jahr 1965 ein totales Campingverbot erlassen.


An jenem oben beschriebenen Samstag besuchten uns einige Urgesteine des Segelclubs Cham, so unter anderen Sepp Dittli, Horst Vogring und Dölf Gretener. Kurz vor diesem legendären Samstag fand in Cham die Jungbürgeraufnahme statt, an der ich nicht teilgenommen hatte. Dies nahm – ich glaube es war Dölf Gretener – zum Anlass, mit mir eine Taufe zu einem waschechten Seemann durchzuführen. Er reichte mir eine volle Flasche Bier in die Hand und sang mir vor. Ich musste so laut wie möglich sowohl Text wie Ton nachsingen bzw. -schreien, nämlich:

 

«Wänn ich drüü Brot ha und wänn Du zwöi Brot hesch, dänn han ich eis Brot meee weder Duu!»

 

Nach jeder «Strophe» musste ich einen Schluck Bier trinken, den vorgesungenen Text wiederholen, aber immer einen Ton höher, und wenn möglich noch lauter. Am «Anschlag», was sowohl Tonstärke wie Höhe betraf, musste ich zu Ehren einer Seejungfrau die volle Flasche Bier in den Zugersee werfen. Der Gott des Meeres würde genau zuschauen, hatte mir Dölf prophezeit! Dort sehr weit unten (der Zugersee hat vor dem Chiemen die tiefste Stelle mit über 190m) liegt meine Flasche heute noch und wird hoffentlich von der Zuger Seejungfrau bewacht.
 

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74e: In meiner Fantasie warf ich der Seejungfrau eine volle Bierflasche so weit wie ich konnte hinaus in den See!


Zurück aus dieser Jungbürger-Träumerei zum Spaziergang an Martins Geburtstag! Vater Rüttimann hatte in mich grosses, sehr grosses Vertrauen; ich selbstverständlich auch in ihn! Ich durfte ihn beim ersten Hobelkurses im neuen Schulhaus Städtli kennenlernen, an dem ich als Sekschüler teilnahm. Er führte uns behutsam in sein Schreiner-Handwerk ein und wir durften bereits einige Maschinen allein benutzen. Wir bauten einen Dreibein-Höcker. Dieser stand lange Zeit in der Wohnung meiner Eltern, und auf den war ich immer sehr stolz.


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74f: Ich durfte als Sekschüler am ersten Chamer-Schul-Hobelkurs im neuen Schulhaus Städtli dabei sein. Der «Lehrmeister» war Herr Rüttimann.


Nach all diesen Rüttimann-Erinnerungen erzählte ich am 15. Dezember 2019 den Gästen vom Martin-Fest auf dem Geburtstagsspaziergang folgende Geschichte:

«Kaum war ich 18-jährig, meldete ich mich beim Fahrlehrer Beer in Zug zur ersten Autofahrstunde an. Das Wichtigste vom Autofahren wie Kuppeln, Schalten, Bremsen usw. hatte ich von meinem Bruder Toni abgeschaut und oft im parkierten Auto geübt (und auf kurzen Teststrecken unerlaubterweise ausprobiert). Schon nach wenigen Fahrstunden meldete ich mich zur Prüfung an. Obwohl ich als Elektromechanikerlehrling die Abschluss-Frage des Experten Eberle: «Was bedeutet es, wenn diese rote Warnleuchte am Tachometer erscheint?» keine zufriedenstellende Antwort wusste, habe ich die Prüfung im ersten Anlauf bestanden. Ab und zu erlaubte mir nach diesem Moment mein Bruder Toni, das Auto allein benützen zu dürfen (ein Beispiel bei Foto Nr. 301).

 

Zufälligerweise kannten Ruedi Rüttimann und ich gleichzeitig zwei hübsche Baarer Mädchen, und diese beiden waren zufälliger- oder glücklicherweise auch noch Schwestern. Unser Ausgangsziel war somit dasselbe, doch wie konnte man nach Baar gelangen (das wäre zwar mit dem Zug auch schon damals gut möglich gewesen), aber wie sollten wir dann spät in der Nacht wieder nach Hause kommen? Ruedi und ich rätselten, ob wohl Vater Rüttimann uns sein Auto – es war ein riesiger dunkler Plymouth – für unsere Freundinnenbesuche zur Verfügung stellen würde. Wir fassten allen Mut zusammen und brachten Herrn Rüttimann unser Anliegen vor. In seiner ruhigen Art antwortete er mir seiner tiefen, rauen aber äusserst liebevollen Stimme: «Ja, das erlaube ich euch, aber …»
 

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74g:  Einem kaum 18jährigen Burschen erst kurz nach seiner Fahrprüfung ein so grosses Auto zum Zweck eines Freundinnenbesuches anzuvertrauen, war für uns etwas ganz besonderes.


Vater Rüttiman redete weiter: «… aber Ruedi, du weisst, dass ich jederzeit, Tag und Nacht, gerufen werden kann. Wenn jemand gestorben ist, muss ich möglichst schnell mit einem Sarg zur Trauerfamilie fahren, dort den Leichnam einsargen und diesen in die Leichenhalle bringen. Das heisst, dass ihr jederzeit telefonisch erreichbar sein und innert möglichst kurzer Frist wieder hier zu Hause sein müsst. Und dann, Ruedi, musst Du gleich mitkommen und beim Einsargen helfen!»

 

In diesem Moment kam mir in den Sinn, dass vor vielen Jahren Vater Rüttimann mit seinem grossen Plymouth und eben diesem Sargwagen vor die Papieri-Schiffshütte fuhr, dann mit einem Polizisten die Leiche, die ich zufällig entdeckt hatte, aus dem Wasser gehoben und dann an Ort und Stelle eingesargt hatte (siehe Foto 74). Mich schaudert jetzt noch, wenn ich an diesen Augenblick denke!
 

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74h: Mit einem Auto-Anhänger brachte Vater Rüttimann einen Sarg zu Trauerfamilien, sargte den Leichnam gleich selber ein und transportierte diesen in die Leichenhalle.

 

Wenn jeweils Herr Rüttimann mit seinem Plymouth und dem flachen grauen Anhänger durchs Dorf fuhr, dann wussten die Chamerinnen und Chamer, dass unlängst jemand gestorben war. Und wenn wir Buben davon erfuhren, begaben wir uns ans Anschlagbrett der Leichenhalle um Genaueres zu erfahren. Dort schrieb der Sigrist jeweils mit weisser Kreide den Namen eines Verstorbenen auf die schwarze Tafel.


In früheren Zeiten wurde die traurige Aufgabe des Leichentransportes von Jakob Zimmermann mit seinem Pferdegespann ausgeführt.
 

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74i: Mit diesem Sargwagen transportierte Jakob Zimmermann Verstorbene auf dem letzten Weg zum Friedhof.

 

Als Herr Rüttimann altershalber sein Geschäft aufgab, übernahm Herr Hess seine Schreinerei. Herr Hess wohnte im Haus zum Schlüssel und arbeitete in der kleinen Werkstatt in den Räumen des früheren Malers Hürlimann. An der Ecke des Wohnhauses Tresch hatte er einen kleinen Hobel mit der Aufschrift SCHREINEREI HESS montiert. Das war sein Firmenschild. Sein Sohn Alfred hat nach dem Tod seines Vaters das Schreinergeschäft übernommen und auch er zeigt auf seiner Website wieder einen Hobel als «Markenzeichen». Ich erinnere mich noch gut, wie Vater Hess jeweils mit seinem Velo und einer Holzkiste auf dem Packträger und manchmal sogar noch mit einer langen Holzlatte auf der einen Schulter zu Kunden fuhr und dort Schreinerarbeiten ausführte.

 

Nun also durfte Herr Hess in der geräumigen Werkstatt von Herrn Jakob Rüttimann auch grössere Arbeiten anpacken. Dazu gehörte nun auch der Bau von Särgen. Er besorgte sich solche im Rohbau und bearbeitete diese bis zur Endform. In der Wohnung, in der früher die Familie des Bademeisters Lang gewohnt hatte, befand sich das Sarglager.

 

Als im Jahr 1988 mein Vater starb, war es für meinen Bruder Toni und mich eine wichtige aber traurige Aufgabe, möglichst schnell für Baba einen Sarg zu beschaffen. Wir begaben uns noch am Todestag, am 10.10.1988, zum kleinen Sarglager von Herrn Hess. In einzelnen Zimmern befanden sich zwei bis drei schön gestaltete und fein lackierte Särge. Wir suchten zuerst einen aus Buchenholz, denn zu Vater Bucher würde doch Buchenholz passen. Dann aber entschieden wir uns doch für einen aus Eiche. Kaum waren wir wieder in Babas Wohnung an der Pilatusstrasse, und schon kurze Zeit danach erschien Herr Hess mit dem Sargwagen. Ich verabschiedete mich ein letztes Mal von meinem geliebten Baba, berührte nochmals seine gefalteten Hände und überliess dann das Einsargen Herrn Hess und meinem Bruder Toni.
 

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74k: Was diese starken Hände meines Vaters während 86 Jahren geleistet haben, kann man sich kaum vorstellen.

 

Ich sehe die Hände meines Vaters noch genau vor mir. Jeden Tag; bei jedem Wetter; vom Bäumeschneiden bis zum Pflanzensetzen; vom Senseschwingen bis zum Schneeräumen, vom Heuen bis zum Kiesrechen, Vom Laubwischen bis zum Dängelen usw. Die Haut der grossen und starken Hände war hart; bei Berührungen fühlten sie sich aber für uns Kinder seidenweich an. Er ist gestorben, aber er lebt in mir weiter; er ist und bleibt ein grosses Vorbild. Auch für Vaters Hände trifft der Auszug aus dem Gedicht zum Tod meiner Mutter zu (siehe Abb. 331):

 

was dini Händ im ganze Läbe,
für üs und andri gwärchet händ;
das chönt’ die gröschti Woog nid wäge,
doch jetz sind’s ruhig, will’s nümme wänd.


Mein ältester Bruder Willi verfasste folgenden schönen Artikel in der Zugerpresste:


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74k_1: Abschiedsrede in Mundart von meinem «grossen» Bruder Willi.


Von dieser traurigen Gedankenreise also wieder zurück zu Herrn Jakob Rüttimann. Er erlaubte mir also, mit seinem Plymouth zu fahren, aber ich hatte noch keine Ahnung von der Technik dieses Autos! Die erste Fahrt von Cham nach Baar war deshalb für mich ein riesiges Abenteuer, denn ich kannte weder eine 3 Gang-Steuerradschaltung noch das Fahrverhalten dieses grossen und schweren Wagens nicht.


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74k_2: Das Cockpit dieser «alten Dame» (so wurde der Plymouth auch genannt): grosse, weiche lederne Sitzbank, riesiges Steuerrad, 3Gang-Steurradschaltung, diverse Knöpfe und Schalter, Kippfenster an der Seitentüre, kein Sicherheitsgurt!

 

Aber wir kamen jeweils (meistens noch bei Tageslicht oder erst bei leichter Dämmerung) gut bei unseren Freundinnen in Baar an. Der Aufenthalt war immer speziell, aber stets auch gepaart mit der Angst eines Anrufes von Vater Rüttimann. Doch es blieb bei der Angst; wir mussten aus diesem Grund nie früher als gewünscht oder geplant heim, aber an die abenteuerliche Heimfahrt am Steuer eines so riesigen Autos in tiefer Nacht erinnere ich mich noch heute. Für mich war es nur eine kurze Freundschaft mit Heidi Matter, während Ruedi seine Freundin Pia heiratete, und beide leben seither zusammen!»

 

Soweit die Geschichte, die ich meinen Gästen erzählte. Auf dem weiteren Spaziergang liessen mich jedoch die Erinnerungen an Ruedi nicht mehr los. Im Verlauf der Jugendzeit haben sich nämlich Ruedis und meine Wege immer mehr getrennt, nachdem wir noch eine kurze Zeit miteinander im Baarer Schlittschuhclub Eishockey spielten. Erst viele Jahre später beim Treffen der «Geburtshelfer des EVZ» sassen wir wieder miteinander am gleichen Tisch. (siehe Foto 209. Ruedi Rüttimann stehend mit Brille am Bildrand ganz rechts; ich kniend dritter vom Bildrand rechts, ebenfalls mit Brille).

 

Unser Chomer Gäste-Spaziergang ging weiter Richtung romantisches Chamer Inseli, selbstverständlich beinahe an jeder Ecke mit einer weiteren Geschichte ergänzt. Dann via Villette mit Schilderungen, wer damals in meiner Stifti-Zeit in der Papieri auf dem ehemaligen Tennisplatz hinter der Villa Tennis spielen durfte. Nämlich nur die sogenannten und besser behandelten Angestellten; die Büetzer wie ich einer war, der wie viele andere jeden Morgen 1x, jeden Mittag 2x und nach jedem Feierabend wieder 1x die Stempelkarte in die Stempeluhr einstecken musste, war dies verwehrt. Aber ich fand dann später trotzdem einen Weg, diese Stemplerei zu umgehen und es gelang mir wenig später, auf dem «Tennisplatz nur für Angestellte» das Tennisspiel zu erlernen (siehe Foto 35 und folgender Text).

 

Schliesslich landeten wir beim Bahnhof Cham. Martin’s Geburtstagsgäste kamen nicht mehr aus dem Staunen heraus, als ich ihnen vom damaligen Betrieb auf dem Chamer Bahnhof in den 70er Jahren erzählte und den zum Glück gut erhaltenen «Führerstand des Bahnhofvorstandes Wermelinger zeigen konnte, der u.a. für die Weichenstellung» zuständig war (Fotos 336 und 337). Zu guter Letzt ging’s die Bahnhofstrasse hoch, entlang unserer damaligen Rennpiste mit den selbst gebauten Seifenkisten. Als Räder verwendeten wir ausgediente Metall-Kugellager, um die wir in der damaligen Maschinenfabrik Cham gebettelt hatten. Das helle laute Dröhnen höre ich noch heute. Einen letzten Halt schaltete ich an einer für mich denkwürdigen Stelle ein, nämlich vis à vis vom Restaurant Kreuz. Denn im Kreuz-Saal lernte ich an einer Fastnacht nach einem EVZ-Eishockeytraining meine Frau kennen! Gemütlich ging’s dann via Bärenplatz über die Bärenbrücke zurück ins Nestléareal. Inzwischen war sowohl das Dessert als auch der Geburtstagskuchen für Martin bereit. Das Fest klang gemütlich aus. Es war ein schöner Tag, besonders deshalb, weil ich wieder neue Menschen kennen gelernt habe.

 

Nur einen Tag später, am 16. Dezember 2019, habe ich mit Pia und Ruedi Rüttimann telefoniert. Schon nach kurzer Zeit schwärmten Ruedi und ich über das damalige Abenteuer «64er Sommerferien auf dem Chiemen». Ruedi wusste Details, an die ich mich nicht mehr erinnern konnte und umgekehrt. So ergab das Eine wieder das Andere! Bei dieser Gelegenheit sind wir miteinander für einige Minuten in unsere damalige Zeit abgetaucht! Es war ein besonders eindrücklicher «Tauchgang»!

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Zurück zu meinem «Fund einer toten Frau» in der Papiere-Schiffshütte. Man sagt, dass Menschen, welche derartige negative Erfahrungen im, am oder unter Wasser gemacht haben, dies auch später nicht vergessen können. Bei mir war das zum Glück anders, das Gegenteil war der Fall. Ich wurde eine Wasserratte! Wasser, See, Schwimmen, Tauchen und Wasserrettung bedeuteten mir zeitlebens sehr viel. Ich engagierte mich jahrelang im Rettungsschwimmen, später für den Schwimmunterricht von Sportlehrkräften auf allen Schulstufen und als Autor und Herausgeber von verschiedenen Schwimmlehrmitteln.


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75: Das Buch 1001 Spiel- und Übungsformen im Schwimmen mit 11 Auflagen wurde ein Bestseller.



Dies alles ist erstaunlich, weil ich bereits rund zehn Jahre früher etwas ganz ähnliches,  besorgniserregendes am St. Andreas-Schlossweiher erlebt habe. Das war so: An einem warmen Maitag im Jahr 1951 war es wieder Zeit für den Brachsmen-Laichfischfang. Dabei hatte ich Glück im Unglück! Mein Bruder Toni und sein Kollege Walter Stuber (der Sohn des Schlosschauffeurs) begaben sich zum Fischen, und ich durfte mitgehen. Walter und Toni verweilten auf der Lauer an der Seebucht und ich hielt mich während dieser Zeit am Rande des Schlossweihers unter der Trauerweide auf und bestaunte die laichenden Brachsmen an den Steinen des Ufers, wie sie sich gegenseitig jagten. In einem solchem Moment waren diese Fische mit dem Feumer (eine Art Fangnetz) einfach zu fangen.


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76: Mit einem Feumer war es leicht, laichende Brachsmen zu fangen.


Eben in einem Moment, als wieder einige dieser grossen Fische ihre Schwanzflossen aus dem Wasser peitschten, beugte ich mich nach vorne und wollte von Hand selber einen erbeuten. Doch ich verlor das Gleichgewicht und fiel in den Teich. Obwohl das Wasser bei den Weidewurzeln an dieser Stelle nur knapp einen Meter tief war, tauchte ich unter. Ich hielt mich an den feinen Wurzeln des Baumes fest, hatte fürchterliche Angst und fragte mich, ob ich jetzt wohl in den Himmel kommen würde. Blitzschnell realisierte ich, dass etwas Schlimmes passiert war und dass ich vielleicht in diesem Moment sterben müsse.


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77: Brachsmen sind nur während der Laichzeit am Ufer zu sehen, danach verschwinden sie wieder ins tiefer Wasser.



Mein Bruder Toni und Walter Stuber hielten sich immer noch auf der anderen Seite auf. Sie hatten mein Hineinplumpsen gehört und vermuteten im Teich, wo ich mich befand, Geräusche von mehreren Brachsmen zu hören. Deshalb rannten beide zu mir – welch ein Glück für mich! Plötzlich fasste mich Toni mit seiner starken Hand und zog mich aus dem Wasser. Walter Stuber lachte mich aus, doch ich rannte pudelnass nach Hause. Meine Mutter hörte meine schluchzend vorgetragene Schilderung des eben Geschehenen. Ich hoffte natürlich, von ihr getröstet zu werden, doch nein! Sie nahm die Fitze, die in der Küche hinter den Pfannen stets griffbereit lag, und gab mir einige zünftige Schläge auf den Hintern. Und dann musste ich auch «ohni Znacht is Bett». Diese Strafe gabs für uns Kinder immer dann, wenn etwas Gravierendes vorgefallen war. Aber zum Glück hatten wir Geschwister, die sich in solchen Nöten insgeheim gegenseitige Hilfe leisteten. Etwas zu essen gab’s deshalb auch in solchen Fällen. Aber ob die Fitzen-Schläge auf den nackten Hintern wirklich verdient waren, bezweifelte ich noch lange.

Während der Laichzeit füllte sich jeweils beinahe der ganze Trog von Brachsmen in der Remise, oft sogar so, dass sich die Riesendinger weder drehen noch wenden konnten. Wir nahmen zum Brachsemenfang stets einen Jutesack mit, tauchten diesen ins Wasser, und alle gefangenen Brachsmen, einer nach dem andern, wurden dort zwischengelagert, dann nach Hause getragen und in den Trog getaucht. Gärtner Gisler hatte jeweils keine Freude, wenn er «aus Platzgründen» das Gartengeschirr nicht mehr wie gewohnt im Trog waschen konnte.


Etwa 20 Jahre später mussten wir in der Lehramtsschule einen Aufsatz schreiben mit dem Titel «Da geschah mir Unrecht». Ich versuchte, mein Gefühl der Schuldlosigkeit, damals von meiner Mutter zu unrecht bestraft worden zu sein, aufzuschreiben. Mehr noch, ich erhielt nebst der bescheidenen Note 4.5 noch einen vernichtenden Kommentar des Deutschdozenten Prof. Dr. Bachmann. Seine Bemerkung unter der befriedigenden Note: «Ihre Mutter hatte Recht!» Natürlich habe ich meiner Mutter diese Geschichte mit dem Aufsatz gestanden. Ihr erfreuter Kommentar, kurz und klar: «Gsesch Walter, i ha doch Recht gha!»


Heute nun, mehr als 60 Jahre später, schilderte ich Ursula Ast mein Vorhaben, St. Andreas-Geschichten aus meiner Kinder- und Jugendzeit zu schreiben. Ganz spontan hat auch sie von einigen ihrer unvergesslichen Erlebnissen berichtet. Erst in diesem Gespräch habe ich vernommen, was ich noch nie gehört hatte. Ursula erzählte, dass in den 30er Jahren einmal ein Kindermädchen im Schlossteich ertrunken sei, und zwar genau an der Stelle, wo ich Glück im Unglück hatte.


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78: An dieser Stelle ist in den 30er-Jahren ein Kindermädchen ertrunken, und ich beinahe auch!



Dieses Kindermädchen hatte die Aufgabe, Cornelia, das jüngste Kind der Familie von Schulthess, zu beaufsichtigen. Während das Kind im Kinderwagen göttlich schlief, versuchte sie wahrscheinlich zu schwimmen, doch leider ertrank sie dabei. Das Ehepaar von Schulthess war während dieser Zeit mit Gästen auf der anderen Seite des Weihers hinter dem Castellino im See schwimmen gegangen. Als sie zurückkamen, entdeckte Frau von Schulthess das Kindermädchen auf dem Grund des Teiches und zog es sofort aus dem Wasser. Jede Hilfe kam zu spät, sie war schon tot.


Seit ich diese traurige Geschichte kenne, verstehe ich besser, weshalb meine Mutter immer grosse Angst hatte, wenn ich allein zum Weiher oder an den See gehen wollte. Ich bin ziemlich sicher, dass sie vom tragischen Schicksal dieses Kindermädchens Kenntnis hatte, dies mir aber verschwieg. Sie vergass nie, dass ich ja bereits einmal unten im Strandbad beinahe ertrunken war. Vielleicht war dies der Grund, warum mich meine Mutter in der Kinderzeit immer wieder aufforderte, zum Schutzengel zu beten und am Wasser vorsichtig zu sein. Ich denke immer wieder daran, wenn ich einem Schutzengel begegne, wie beispielsweise diesem am Bodensee in einem benachbarten Wald.


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79: Ich hatte in meinem Leben wirklich oft einen guten Schutzengel!


Die Mutter sass jeweils neben mir auf der Bettkante, fasste meine Hände und betete gemeinsam mit mir:


«Heiliger Schutzengel mein,
lass mich Dir empfohlen sein;
Tag und Nacht ich bitte dich:
beschütz, regier und leite mich;
hilf mir leben gut und fromm,
dass ich zu Dir in den Himmel komm!»



Unser Schlosspark-Kinderparadies (mit grauem Kies) gleicht einem gleichschenkligen Dreieck: Ganz unten der Waldschlupf, 50 Meter weiter vorne das Obergärtnerhaus und 50 Meter weiter oben das Chauffeurhaus. Das Obergärtnerhaus wurde damals im oberen Teil von Familie Ast mit den Kindern René, Ursula und Isabelle bewohnt.


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80: Die Eltern von René, Ursula und Isabelle Ast vor dem Känzeli mit dem (jedenfalls von mir) gefürchteten Hund «Wali».


Immer dann, wenn ich mich in einer brenzligen Situation befand und gleichzeitig Herr Ast auftauchte, überfiel mich eine grosse Angst. Auch als ich mich einmal hinter einer Hecke vor ihm versteckte. Es war kurz nach dem Mittagessen. Einmal mehr schlich ich unerlaubterweise zum Castellino und wollte erkunden, ob Fische zu sehen waren. Ich hatte eine Fähigkeit entwickelt, wie ich sie im Schatten der Bäume leicht entdecken konnte. Nun stand ich gespannt am Weiher und hörte Schritte, bedrohliche Schritte! Ich erspähte schon bald die blaue Schürze. Es war Herr Ast, der Obergärtner. Ab und zu wählte er nämlich nach der Mittagspause den Weg vom Haus via Schlosspark und nicht direkt von seinem Haus hinauf zur Gärtnerei. Was sollte ich tun? Ich versteckte mich ganz hinten links vor dem Castellino hinter einer dichten Buchenhecke.


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81: Ich glaubte, es sei ein sicheres Versteck, doch ich verriet mich selber.


Oh weh, er marschierte dem Kiesweg entlang Richtung Castellino direkt auf mich zu. Seine Schritte kamen bedrohlich immer näher, wurden lauter. Mein Puls stieg sprunghaft an! Plötzlich drehte er sich um und ging weiter des Weges, weg von mir. Doch meine Angst war gross, zu gross. Ich erhob mich hinter der Hecke und grüsste freundlich, aber verängstigt: «Grüezi Herr Ascht!» Er drehte sich ganz überrascht um, sagte ebenfalls freundlich «Grüezi» und schimpfte nicht einmal. Ich war froh, den Mut aufgebracht zu haben, zu mir zu stehen.



Ein andermal hatte ich Glück im Unglück! Als kleiner Bub bewundert man doch gerne eigene Vorbilder. Ein solches Vorbild war für mich der etwa fünf Jahre ältere Fredel Stuber. Ein mutiger, frecher Kerl, wie mir schien. Er beeindruckte mich, besonders beim Fischen. Als ich ihm einmal beim Angeln auf der Lorzebrücke vorschwärmte, wie viele und besonders grosse Fische im Schlossweiher zu fangen seien, fragte er mich, ob er einmal mit seiner neuen Fischerrute mitkommen dürfe. War ich stolz, dass mich dieser Fredel um etwas bat! «Klar, wir können gleich gehen!» forderte ich ihn auf. Wir schlichen durch den Wald und begaben uns zum Weiher hinter die Trauerweide. Kaum dort angelangt, vernahm ich Schritte. Es mussten mehrerer Leute sein. Hinten beim Känzeli tauchten Herr von Schulthess und Herr Ast auf. «Nichts wie los!» flüsterte ich verängstigt zu Fredel, und noch bevor er antworten konnte, packte ich seine Fischerrute und wir rannten in den schützenden Wald. Kurz vor der Einbiegung in den kleinen Waldweg muss ich wohl seine Fischerrute nicht mehr stark genug gefasst haben, denn plötzlich blieb die Spitze im Boden stecken. Der vorderste Teil der neuen, teuren Fischerrute war abgebrochen. Fredel wollte mich natürlich dafür haftbar machen, aber bezahlen musste ich den Schaden letztendlich doch nicht.

Im angebauten unteren Teil des Obergärtnerhauses lebten vor meiner Zeit im Waldschlupf die Grosseltern Ast, während meiner Kindheit jedoch nur noch die Grossmutter. Sie wurde bis zu ihrem Tod von Fräulein Ida gepflegt.


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82: Das zweiteilige Obergärtnerhaus wurde gleichzeitig von zwei Ast-Generationen bewohnt.



Fräulein Ida hatte eine hohe, zittrige Stimme. Sie hatte die Angewohnheit, ihre Hände unter ihren Achselhöhlen zu verschränken. Von ihr erhielten wir oft etwas zum Schlecken, wenn wir ihr zufällig begegneten. Solchen Zufällen haben wir häufig geschickt nachgeholfen. Nach dem Tod von Grossmutter Ast und dem Wegzug von Fräulein Ida wohnten im unteren Hausteil des Turmhauses zuerst der Gärtner Brönimann und wenig später Gärtner Weber mit seiner Familie. Nach der Pensionierung von Herrn Ast wurde Wolfgang Weber Obergärtner.


Rund um das Obergärtnerhaus waren Gärten angelegt. Ganz unten im ebenen Teil lag der Garten des Obergärtners, im darüber ansteigenden Teil der Garten des Chauffeurs Stuber und ganz oben im steilsten Teil der Garten meines Vaters. Auf der anderen Seite des Kiesweges gleich oberhalb des Gärtnerhauses bewirtschaftete Baba noch einen zweiten Garten.


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83: Die St. Andreas-Schrebergärten, hierarchisch angeordnet. Der Obergärtner hatte natürlich den besten Platz.


Meine Gartenarbeiten beschränkten sich auf Nelken schneiden, Rhabarber ernten und Himbeeren pflücken. Alles andere besorgte mein Vater. An Samstagnachmittagen war oft Hochbetrieb in allen drei Gärten. Der Obergärtner (in blauer Schürze), der Chauffeur (ohne Schürze) und der Schlossgärtner (mit grüner Schürze) hackten, gossen und setzten Gemüse und Blumen.



Vor dem Mann mit der blauen Schürze hatte ich grossen Respekt, und wenn ich etwas angestellt hatte, sogar Angst! Aber, wie mir seine Tochter Ursula unlängst in einem Gespräch erklärte, sei es für ihren Babi (so nannten die Ast-Kinder ihren Vater) auch nicht einfach gewesen, denn er sei oft zwischen Herrn von Schulthess und den Gärtnern gestanden und habe den Kopf hinhalten müssen. Als ich Ursula gestand, dass wir vor ihrem Vater nicht nur grossen Respekt, sondern auch immer etwas Angst hatten, erwiderte sie: «Meinsch nur eer händ Angscht gah? Mer dänk au! Er isch zwar mängisch mit öis sträng, aber immer au lieb und grosszügig gsi!»


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84: Auch die beiden Ast-Schwestern Ursula und Isabelle waren hin und wieder zwei Luusmeitli.



An der anderen Ecke unseres kleinen «Permuda-Dreiecks» thronte hoch oben das Chauffeurhaus der Familie Stuber. Walter war der älteste, dann folgte Rosemarie und schliesslich Anita. Wenn Anita bei uns unten spielte und es Zeit war zum Essen, hörten wir oft die laute, hohe Stimme von Anitas Mutter: «Anitaaa! Anitaaa!»


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85: Das Chauffeurhaus thronte hoch über unserem Waldschlupf.



An der hohen Wand des Stuberhauses gedeiten feinste Birnen. Einige davon fielen oft mit etwas «Nachhilfe durch sanftes Schütteln» ganz zufällig auf den Boden, denn alles, was auf dem Boden lag, durften wir Kinder auflesen und essen. Früchte von einem Baum abzureissen war strengstens verboten. Anita erzählte mir unlängst:

Ja, ich habe euch dort unten schon immer ein wenig beneidet. Bei euch unten war es doch wie in einem Paradies! Wir da oben waren halt viel näher beim Schloss und bei Familie von Schulthess. Und Vati musste immer auf Abruf bereit sein – Tag und Nacht!


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86: Die Familie Stuber wohnte im Chauffeurhaus.



Auch mit Anita erlebte ich viele schöne Stunden in der Kinderzeit. Als wir uns unlängst über unsere gemeinsame Vergangenheit unterhielten, begann auch sie zu schwärmen. Sie erinnerte sich besonders gerne an die Spiele auf unserem Bsezziplatz, insbesondere an die legendären Spiele «Chnebeli um» und Völkerball.


Ihr Bruder Walter war für mich eine interessante Person, speziell wenn es ums Fischen ging. Später sah ich ihn immer sehr gut gekleidet auf dem Weg zum Bahnhof. Er arbeitete in Zürich in einer Schirmfabrik. Zürich, das bedeutete für einen St. Andreäsler schon etwas ganz Besonderes. Dieser Walter, so kam es mir damals vor, hatte es zu etwas gebracht! Mit Rosemarie hatte ich weniger Kontakt. Für sie war ich ein kleiner Bub und für mich war sie ein zu grosses Mädchen.


Das Stuberhaus hatte für mich einen ganz speziellen Reiz: Die grosse Garage – Eintritt strengstens verboten – mit den schönen alten Autos, dem starken Benzingeruch und die Handbenzinpumpe vor den grossen Garagetoren, mit der Herr Stuber jeweils die Fahrzeuge der Schlossfamilien volltankte. Dann war da die lange Treppe, die wir immer gerne hinuntergerutscht wären, aber die spitzen Holzspäne auf dem rohen Holzgeländer hielten uns davon ab. 


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87: Das Stuberhaus hatte verschiedenen Funktionen: Wohnhaus, Waschküche und Garage.


Vater Stuber war für mich immer eine wichtige Ansprechperson. Wenn ich irgendetwas basteln wollte und die bescheidenen Werkzeuge in der Remise nicht ausreichten, ging ich zu ihm. Ich besuchte ihn dann in seiner Werkstatt im Untergeschoss des Ateliers.


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88: Die Zufahrt zu den Garagen des Schlosses sieht heute fast noch gleich aus wie damals. Gleich nach der Einfahrt rechts befand sich die Werkstatt des Schlosschauffeurs Stuber.



An der Decke dieser Werkstatt befanden sich viele Kurbelwellen mit verschieden grossen Rollen. Über diese Rollen konnten Lederriemen ganz verschieden geführt werden, und so war es möglich, unterschiedliche Drehzahlen zu erzeugen.


Herr Stuber hat in unserem alten Waldschlupf einiges zur Modernisierung der bescheidenen Infrastruktur beigetragen: Einbau einer Hausglocke, Montage einer Aussenlampe mit einem Schalter im Haus, Montage eines Lavabos im Obergeschoss für uns Kinder und vieles mehr. Schrecklich für uns alle war die Hiobsbotschaft, als bekannt wurde, dass Herr Stuber beim Giessen seiner geliebten Geranien vom Dach der Autogarage (links auf Foto 87) auf den Bsezziplatz gestürzt sei und sofort tot war.


Nach dem Brand des Maienrains war lange Zeit ungewiss, was mit diesem Gebäude und dem direkt angebauten Stuberhaus geschehen soll. Und wieder begann eine Kette von spannenden Zufällen in meinen Schlossparkgeschichten, ausgelöst durch das Chauffeurhaus der Familie Stuber. Sie begann mit einem Autokauf, davon später!


Nach Beginn meines Sportlehrer-Studiums an der ETH lernte ich das Handwerk des Automechanikers immer besser kennen. Alois Hegglin reparierte am Rande der Gemeinde Cham Autos in einem kleinen Schuppen der Scheune seines Vaters. Ich besuchte ihn immer wieder und signalisierte ihm, dass auch ich gerne ein eigenes Auto hätte. Er bot mir an, dass wir miteinander ein defektes Auto kaufen und ich dieses mit ihm zusammen wieder fahrtüchtig machen könnte. Gesagt – getan! «Walti, ich weiss, wo ein leicht defekter Opel Kadett zu kaufen wäre!» telefonierte er mir kurz darauf. Noch am gleichen Tag fuhren wir nach Rotkreuz zu einer Privatperson und begutachteten den vorne leicht eingedrückten Opel Kadett. Ich zeigte mich sofort interessiert. Alois feilschte darauf noch etwas mit dem Fahrzeughalter, und anschliessend schleppten wir den Kleinwagen in die Werkstatt von Alois Hegglin. Der Schaden war nicht sehr gross. Schon nach einigen Wochen war die Reparatur beendet. Ich durfte mein Auto jedoch nur bei uns nur vor der Remise parkieren, denn die Parkplätze unter dem Holzschopf waren einerseits von Isabell's VW und andererseits von Oberst Stocker's Mercedes belegt.


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89: Mein erstes Auto, ein Opel Kadett, mit der Zuger Nummer 3718.

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(Einschub am 19.10.2020)
Der Zufall will es, dass der Autospengler, welcher unmittelbar neben unserem neuen Haus eine Autspenglerei betreibt, einen gleichen Opel Kadett total restauriert hat! Er will ihn verkaufen. Kaufpreis Fr. 22'000.-


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89a: Dieser Opel Kadett steht neben unserem Haus – zum Verkauf!


Meinen roten Opel Kadett mit schwarzem Dach, etwa in gleicher «Topform» wie dieser braune, verkaufte ich im Jahr 1970 für Fr. 3500.-


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Seit meiner Kindheit hat sich vieles verändert, vieles gab es aber bereits damals. So brachte z.B. unser Milchmann die tägliche Milch mit einem Elektromobil. Wahrscheinlich waren die grossen Batterien schwerer als all die Milch, die er täglich im ganzen Dorf Cham verteilte.



Der Klimawandel ist momentan Thema nur eins in der Politik und beschäftigt zurzeit vor allem auch Jugendliche. Im März 2019 fand ein internationaler Klimastreiktag statt. Selbst in der Schweiz begaben sich über 60'000 Menschen auf die Strasse – ich war in St. Gallen auch dabei! Erneuerbare Energie ist mir seit vielen Jahren ein grosses Anliegen. Anlässlich meines 70. Geburtstages war es mein Wunsch, auf dem eigene Hausdach eine Photovoltaikanlage zu installieren und damit Strom für das eigene Elektroauto zu beziehen. Den Wunsch konnte ich mir erfüllen, und seither fahre ich nicht mehr mit Benzin sondern mit selbst produziertem Strom.


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90: Unser Elektroauto, ein Renault ZOE mit Strombezug vom eigenen Dach!



Zurück zu meinem Opel Kadett. Ich war natürlich stolz, endlich ein eigenes Auto zu besitzen. Dieses wollte ich auch meiner Freundin vorführen. Ich besuchte sie an jenem Samstagabend, nachdem die letzten Reparatur- und Reinigungsarbeiten abgeschlossen und die ersten kurzen Testfahrten durchgeführt waren. Ich fuhr nach Zug und parkierte den blitzblanken Opel direkt vor der Haustüre. Nach einem gemütlichen Tee schlug ich meiner Freundin vor, entweder einen Spaziergang oder ein kleines Ausfährtli mit meinem neuen Auto zu machen. Oh, wir gingen spazieren!


Nach dem Rendevouz wurde mein Besitzerstolz gleich nochmals arg ramponiert. In später Nacht nach dem Besuch wollte ich wegfahren, doch der Motor sprang nicht an. Die 6 Volt Batterie war zu schwach. Meine Freundin erkannte die heikle Situation sofort und flüsterte leise von oben aus dem Fenster: «Sell i go hälfe?» «Nei, nei!» antwortete ich mit gepresster Stimme, während ich mühevoll den Wagen eigenhändig die leichte Steigung rückwärts hoch gestossen habe. Anschliessend gelang es mir beim Abwärtsrollen den Motor anspringen zu lassen. Mein stolzes Vorhaben war eine herbe Enttäuschung – doch bald vergessen!


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91: Ich musste meinen Opel Kadett anstossen und die Dorfstrasse hinunter rollen lassen, um den Motor zu starten.



In dieser Zeit diente mir mein Opel auch als Transportmittel für Fahrten an die ETH nach Zürich, verbunden mit meinem eigenen Park-and-ride-System. Ich parkierte das Auto auf den Gratisparkplätzen am Mythenquai ausserhalb der Stadt. Dann nahm ich das Klappvelo, das ich speziell für diesen Zweck bei Otti Furrer gekauft hatte, aus dem Kofferraum, schnürte die Sporttasche auf den Gepäckträger und radelte über den Bellevueplatz die Rämistrasse hinauf zur Rämiturnhalle oder zum ETH Hauptgebäude. Dieses Klappvelo hatte ich später für unsere Claudia zu einem behindertengerechten Doppel-Sattel-Velo umgebaut. Damit waren wir noch während dreissig Jahren unzählige Male gemeinsam unterwegs.


Mit dem Start ins Autogewerbe lernte ich schnell viele wichtige Bezugspersonen und auch Autofriedhöfe kennen. Die wichtigste Schlüsselperson wurde für mich immer mehr Heinz Schmid in Aettenschwil. Ich durfte bei ihm in seiner Garage – wie anfänglich bei Alois Hegglin – arbeiten und alle professionellen Werkzeuge benützen. Immer mehr verlagerte sich mein Arbeitsplatz (nebst dem Studium an der ETH, das ich dann auch aus diesen Gründen ab und zu schwänzte) nach Aettenschwil. Ich wurde immer mutiger, kaufte selber defekte (Unfall-) Autos und machte sie wieder fahrtüchtig, immer mit Hilfe von Heinz Schmid. Der Ablauf war immer gleich: Ein defektes Auto kaufen, auf Autofriedhöfen die dazu passenden Ersatzteile suchen, das defekte Auto demontieren, mechanisch Defektes von Heinz in Stand stellen lassen, das Auto in die Spenglerei bringen, dann ins Spritzwerk fahren, in der Werkstatt Schmid alles wieder zusammensetzen, auf der Motorfahrzeugkontrolle vorführen, eine Zeit lang selber fahren, im Zuger Amtsblatt inserieren, verkaufen und dann möglichst schnell wieder ein neues defektes Auto erwerben. Diesen Ablauf habe ich unzählige Male durchgespielt. Am besten geeignet war für mich das Modell des VW Käfers, weil an diesen Autos alle Teile miteinander verschraubt und deshalb einfach zu demontieren und wieder zu montieren waren.


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92a: Jetzt, 50 Jahre später, träume ich davon, nochmals einen alten VW Käfer «aufzumöbeln», bis er so da steht wie dieser (März 2019 vor der Garage Seeblick in Berg SG).



Ab und zu habe ich auch Autos via Inserat im Zuger Amtsblatt gekauft. Da war einmal ein ganz interessantes Angebot von einem VW Käfer Cabriolet. Ich telefonierte sofort und der Besitzer zeigte mir seinen alten VW. Die Karre war rundum rostig und hatte viele Blechschäden. Am Heck entdeckte ich eine Anhängervorrichtung. «Wofür brauchten Sie denn die Anhängerkupplung?» fragte ich den Besitzer. «Wissen Sie, ich baue in Cham ein altes Haus ab und führe Teil für Teil von Cham hinauf zum Walchwiler Berg!» antwortete er. «Wo in Cham?» fragte ich nach. «Es handelt sich um das alte Chauffeurhaus im Schlosspark St. Andreas!» war seine Antwort. «Ich bin dort aufgewachsen!» begann ich zu schwärmen. So ergab ein Wort das andere, bis es dann zum einvernehmlichen Handel kam. Ich möbelte den alten VW auf und besass für kurze Zeit mein erstes Cabriolet, verkaufte den Wagen aber bald wieder.


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93: Dieses VW Cabriolet, mit dem ein Grossteil des Stuber-Hauses von St. Andreas auf den Walchwilerberg gekarrt wurde, hatte ich als «Ruine» gekauft und dann mit Hilfe von Heinz Schmid wieder instand gestellt.



In einem weiteren spannenden Telefon-Gespräche im Herbst 2014 mit Ursula Ast, die zufälligerweise in Walchwil wohnt, kamen wir auch auf das Stuber-Haus zu sprechen. Ich habe ihr erzählt, dass ich vor rund 30 Jahren einem Herrn ein Auto abgekauft hatte, der behauptete, er hätte damit alte Balken von St. Andreas nach Walchwil transportiert. Ob sie davon Kenntnis habe und ob das wirklich stimme und ob das Haus tatsächlich wieder aufgebaut wurde. «Ja, ich weiss, dass das Stuberhaus in St. Andreas abgebaut und auf dem Walchwilerberg wieder aufgebaut worden ist. Ich weiss sogar, wo es steht; ganz hinten versteckt neben der Strasse. Aber ob es je fertig gebaut wurde, kann ich nicht sagen. Ich werde einmal vorbeischauen, ein Foto machen und gebe dir wieder Bescheid!» versicherte mir Ursula. Einige Tage darauf meldete sich Ursula wieder und berichtete:

Ich war mit meiner Schwester Isabelle und ihrem Mann beim ehemaligen Stuberhaus. Es sieht zwar jetzt etwas anders aus. Isabelles Mann wollte einige Fotos machen, aber dann ist ein Herr auf uns zugekommen und hat gefragt, was wir denn da wollen! Dann hätten sie dem Herrn – er stellte sich als Maret vor – den Grund geschildert. Sofort habe sich ein interessantes Gespräch ergeben. Herr Maret sagte, dass selbst Herr von Schulthess ab und zu vorbeigekommen sei und sich sehr gefreut habe, dass das Stuberhaus ein zweites Leben erhalten habe! Aber die ganze Geschichte sei im Internet unter www.1plus-x.com > Klein Ballenberg zu finden. Fotos müssten sie also gar keine machen!

Natürlich recherchierte ich sofort im Internet, war beeindruckt von diesem initiativen und kreativen Herrn Wilfried Maret, und kurze Zeit darauf nahm ich mit ihm Kontakt auf. Ich rief ihn an und stellte mich vor:


«Guten Tag, Herr Maret. Vielleicht erinnern sie sich, dass ich ihnen vor rund 30 Jahren ein altes VW Cabriolet abgekauft habe?» begann ich unser Gespräch. «An wen ich den VW verkauft habe, kann ich mich nicht mehr genau erinnern. Aber ist denn der VW noch lange gefahren?» wollte er zuerst wissen.


Sehr bald ergab sich ein intensives Gespräch. Nachdem ich Herrn Maret schilderte, dass ich mein Studium als Sportstudent weitgehend mit meinem Autohandel finanziert hatte, begann er gleich von seinem Sohn zu schwärmen, der ebenfalls Sportlehrer ist und der zurzeit in Sins unterrichtet. Als ich ihm dann erklärte, dass ich sein VW Cabriolet gleich oberhalb von Sins, nämlich in der Garage von Heinz Schmid in Aettenschwil vor rund 30 Jahren wieder aufgemöbelt habe, schloss sich der Kreis. Dann schilderte ich Herrn Maret meinen Bezug zu St. Andreas, erzählte ihm von meiner Kinderzeit im Schlosspark, über den Bezug zum Chauffeurhaus und zur Familie Stuber. Ebenso informierte ich ihn über mein Vorhaben, meine Kinder- und Jugendzeit im Schlosspark, im speziellen meinen «Start ins Leben im Schlosspark St. Andreas» in einem Buch zu beschreiben und versprach ihm, dass er ein Exemplar erhalten würde, so bald es vorliegt. Wir begannen zu schwärmen über dieses Haus und über die ganze St. Andreas-Geschichte, aber immer mehr auch über unsere beiden interessanten Lebenswege. Herr Maret und ich unterhielten uns noch lange und vereinbarten ein Treffen in seinem Stuber-Haus, hoch oben auf dem Walchwilerberg. Er schickte mir mit einer E-Mail einige interessante Unterlagen über sein vielfältiges Wirken und bemerkte:


Unser Gespräch war nicht nur spannend, es war eine faszinierende Lebenserfahrung: Da führt ein Zufall zwei inzwischen etwas ältere Herren aus heiterem Himmel über hundert Ecken herum wieder zusammen, um über sehr exklusive, insgeheim seit Jahrzehnten parallel verlaufende gemeinsame Interessen zu sprechen.


Zurück zu meiner Lausbubenzeit! Vor mehreren Jahrzehnten fand ein kleiner «Chamer-Buben-Krieg» statt. Die eine Armee kam vom Städtli, die andere vom Kirchbühl. Es wurde vereinbart, als Geschosse Pfeil und Bogen zu verwenden. Wer durch einen Pfeil getroffen wurde, war «tot» und durfte nicht mehr mitkämpfen. Die Entscheidungsschlacht fand an der Inselibrücke statt. Wir Städtler verschanzten uns hinter der Inselibrücke auf der anderen Seite der Lorze und lauerten auf die Gegner.


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94: Wir Städtli-Buben verschanzten uns hinter der Inselibrücke auf der anderen Seite der Lorze.



Doch unsere Kinderarmee hatte nur noch wenige Pfeile. Ich bot an, dass ich alle meine selbst gebastelten Pfeile aus Schilf zu Hause holen und für unseren Sieg zur Verfügung stellen würde. Ich schwärmte vor, wie diese unendlich weit fliegen, denn sie waren vorne mit einem sorgfältig geschnitzten Stück Holunder leicht beschwert und hatten deshalb eine sehr gute Flugeigenschaft. «Klar, Walti, hole diese Pfeile, aber schnell!» befahlen mir die älteren Buben. Nichts wie los, den Hang hinauf Richtung Schlüssel, dann ein Spurt hinunter zum Waldschlupf. Dort habe ich, möglichst ohne von der Mutter beobachtet zu werden, ganz schnell alle Pfeile aus dem Versteck geholt und bin sofort wieder den Schlüsselrain hinaufgerannt. Ich hoffte, dass die gegnerische Armee noch nicht bis zur Brücke vorgedrungen war. Ich hatte Glück, die Brücke war noch nicht umkämpft. Ich kam heil, aber völlig erschöpft auf der anderen Seite der Brücke an und übergab meine Waffen. Da ich bereits «tot» war, durfte ich nicht mehr mitkämpfen. Wer letztendlich Sieger geworden war, weiss ich nicht mehr! Aber kurz darauf war wieder Frieden westlich und östlich der Lorze!


In den schönen alten Zeiten war unten im Waldschlupf immer etwas los! Mein Vater war nebst vielen anderen Tätigkeiten auch noch unser eigener Schuhmacher. Ich verfolgte jeweils seine Handgriffe genau, wenn er in der Küche auf seinem Schuhböckli einen Schuh nach dem andern aufsetzte und so die Sohlen flickte. Mit gekonnten Hammerschlägen schlug er einen Nagel nach dem andern in die Gummisohlen.


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95: Babas Schuhböckli – das wichtigste Werkzeug für seine Arbeit als Waldschlupf-Schuhmacher, steht heute in meinem Büchergestell.



Meine «Holzböde», die vom vielen Rennen und vor allem vom brüsken Bremsen auf dem Kiesplatz des Schulhauses Kirchbühl einseitig abgenutzt waren, hat er immer wieder tip top repariert. Auch seine Militärschuhe, die er täglich trug, flickte er selber. Ab und zu erzählte uns Baba bei solchen Gelegenheiten, dass er während des zweiten Weltkrieges oft einrücken musste. Er sei einmal in Schaffhausen eingezogen worden für die Bewachung von polnischen Flüchtlingen.


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96: Baba im Aktivdienst. Laufkontrolle der Langgewehre während des zweiten Weltkrieges an der Landesgrenze in Schaffhausen.

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(Einschub am 31. August 2019)
Mit dem Titel «Wir Kinder des Zweiten Weltkriegs» wird in der heutigen Tageszeitung an den Kriegsbeginn bzw. den Deutschen Überfall auf Polen am 29. August 1939 erinnert. Sechs Jahre dauerte der nachfolgende grausame Krieg, genau bis am 8. Mai 1945. Einige Tage später kam ich auf die Welt; der Krieg war vorbei; es herrschte Frieden!


Lange Zeit schien es, als ob die Menschen aus dieser grausamen Zeit gelernt hatten. «Nie mehr Krieg» war in aller Leute Mund und aller Leute Hoffnung. Als ich im Jahr 1982 das ehemalige Konzentrationslager Dachau besuchte, konnte ich mir ein Bild machen von dieser schrecklichen Zeit. Über dem Eingang steht heute noch «Arbeit macht frei». Es ist nicht vorstellbar, wie die Menschen in diesen Baracken leiden und hungern mussten.


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96a: Auf dem Tor zum Konzentrationslager Dachau steht: ARBEIT MACHT FREI.
 
1939 war das Geburtsjahr meines Bruders Toni und 1945 kam ich auf die Welt. In dieser Zwischenzeit fand der Zweite Weltkrieg statt. Im Jahr 1939 – bei Kriegsbeginn – war Baba 37 Jahre alt und bereits Vater von zwei Kindern. Wie schwer es für unsere Mutter damals gewesen sein muss, als ihr Mann in den Aktivdienst einrücken musste, ist schwer nachzuvollziehen. Mein Vater erfuhr an einem Anschlagbrett, dass auch er eingezogen werde. Ich stelle mir heute vor, wie mein ältester Bruder Willi, damals gerade mal 4-jährig, hinter seinem Vater stand, der sich mit Vollpackung auf den Weg bereit machte!
 

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96b: 29. August 1939: Mobilmachung der Grenzschutztruppen der Schweizer Armee. 


«Nie wieder Krieg» war die berechtigte Hoffnung der Menschen auf der ganzen Welt. Doch die aktuelle Lage zeigt heute leider wieder in eine andere Richtung. Es wird beinahe täglich auf höchster Ebene mit dem «Feuer» gespielt, und in einem möglichen Dritten Weltkrieg wären es dann nicht mehr Patronen, sondern vielleicht sogar alles vernichtende Atombomben. Hoffentlich werden die an den Hebeln der Macht stehenden Menschen endlich vernünftig und lösen Probleme nicht mit Waffen sondern mit Worten!


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Zurück in meine Primarschulzeit. Damals musste Baba zum Glück nur noch an der jährlich stattfindenden Inspektion antreten. Sie dauerte jeweils bis zum Mittag. Ich wartete nach der Schule auf dem Vorplatz des Spritzenhauses, bis das letzte Kommando von einem stimmgewaltigen Kommandanten ertönte: «Achtung steht!» Dann sprang ich zu Baba, nahm seine Hand und marschierte stolz neben ihm durchs Chamer Dorf nach Hause.


Die Mutter hat uns einmal erzählt, wie sie das erneute Einrücken von Baba im Aktivdienst erlebte: «Es war im Jahr 1942 eines morgens um vier 4 Uhr. Baba musste um fünf Uhr in Steinhausen einrücken. Es gab damals weder eine Zugs- noch eine Busverbindung dorthin. Baba hatte am Vorabend seinen Tornister gemäss Marschbefehl gepackt. Mit Tränen in den Augen habe er Abschied genommen. Dann habe sie ihm vom Fenster aus zugewinkt und er zurück. Noch lange hätte sie dann die Schritte seiner Nagelschuhe gehört, zuerst auf dem Bsezziplatz, dann auf dem Kiesweg vor dem Obergärtnerhaus und letztendlich auf der Naturstrasse Richtung Passerelle. Sie habe am Fenster ausgeharrt, bis sie gar nichts mehr von Babas Schritten gehört habe und dann nur noch geweint, gebetet und gehofft, er möge heil wieder zurückkehren. Zu all unserem Glück. Er kam wieder heim!»
 

Zu Vaters Vollpackung gehörten nebst Nagelschuhen, Feldflasche, Gamelle, Kaputt, Sackmesser ein langes Bajonett und auch eine Waffe, ein Langgewehr. Am Abend vor der jeweiligen Inspektion durfte ich meinem Vater zuschauen und ein bisschen dabei helfen, wenn er mit einem Lappen, den er um eine spezielle lange Schnur wickelte, den Lauf des Gewehrs zuerst reinigte und dann einfettete. Der blitzblanke Lauf und die nach exakten Vorschriften zusammengesetzte Vollpackung des Tornisters wurde am Tag der Inspektion genauestens kontrolliert.


Während meiner Primarschulzeit musste Baba zum Glück nur noch an der jährlich stattfindenden Inspektion teilnehmen. Sie dauerte jeweils bis zum Mittag. Ich wartete nach der Schule auf dem Vorplatz des Spritzenhauses, bis das letzte Kommando von einem stimmgewaltigen Kommandanten ertönte: «Achtung steht!» Dann sprang ich zu Baba, nahm seine Hand und marschierte stolz neben ihm durchs Chamer Dorf nach Hause. Die Mutter hat uns einmal erzählt, wie sie das Einrücken von Baba im Aktivdienst erlebte:


Es war etwa im Jahr 1942 eines morgens um vier 4 Uhr. Baba musste um fünf Uhr in Steinhausen einrücken. Es gab damals weder eine Zugs- noch eine Busverbindung dorthin. Baba hatte am Vorabend seinen Tornister gemäss Marschbefehl gepackt. Mit Tränen in den Augen habe er Abschied genommen. Dann habe sie ihm vom Fenster aus zugewinkt und er zurück. Noch lange hätte sie dann die Schritte seiner Nagelschuhe noch gehört, zuerst auf dem Bsezziplatz, dann auf dem Kiesweg und letztendlich auf der Naturstrasse Richtung Passerelle. Sie habe am Fenster ausgeharrt, bis sie gar nichts mehr von Babas Schritten gehört habe und dann nur noch geweint, gebetet und gehofft habe, er möge heil wieder zurückkehren.


Zu Vaters Vollpackung gehörten nebst Nagelschuhen, Feldflasche, Gamelle, Kaputt, ein langes Bajonett und auch eine Waffe, ein Langgewehr. Am Abend vor der jeweiligen Inspektion durfte ich meinem Vater zuschauen und ein bisschen dabei helfen, wenn er mit einem Lappen, den er um eine spezielle lange Schnur wickelte, den Lauf des Gewehrs zuerst reinigte und dann einfettete. Der blitzblanke Lauf und die nach exakten Vorschriften zusammengesetzte Vollpackung des Tornisters wurde am Tag der Inspektion genauestens kontrolliert.


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97: Zu Vaters Vollpackung gehörte selbstverständlich auch ein Gewehr.



Das Langgewehr wurde später durch einen etwas kürzeren Karabiner ersetzt. Das war die Waffe der Schweizer Wehrmänner von 1933 bis 1958. Mit solch einem Gewehr wurde mein Bruder Willi zum Gebirgsgrenadier ausgebildet.


Im Jahr 1959 wurde das Sturmgewehr eingeführt. Jeder Wehrmann durfte diese Waffe samt scharfer Munition mit nach Hause nehmen. Mein Bruder Toni war einer der ersten Füsilier-Rekruten, der im Tessin mit dieser damals revolutionären Waffe ausgebildet wurde.


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98: Mein Bruder Toni besass eines der ersten Sturmgewehre der Schweizerarmee.


In einem Urlaub anfangs seiner Rekrutenschule hatte Toni sein Sturmgewehr mit nach Hause nehmen dürfen, weil er sich für ein Wettschiessen im Schiessstand Kollermühle angemeldet hatte. Dort hoffte er, beweisen zu können, um was für eine Wunderwaffe es sich beim neuen Sturmgewehr handelte. Er bat einen Schützenmeister um Erlaubnis, dass auch ich als Junge ohne Schiesserlaubnis in den Schiessstand als Zuschauer eintreten durfte. Es wurde mir erlaubt. Ich musste Watte in die Ohren stopfen und hörte ausser dem dumpfen Knall der vielen Gewehrsalven fast nichts mehr. Toni kaufte die nötige Munition, spitzte das Magazin ab und begab sich an einen seitlichen Schiessplatz. Mit seinem Sturmgewehr fiel er allen Schützen sofort auf, und schnell bildete sich hinter ihm eine grosse Gruppe von interessierten, aber auch kritischen Zuschauern, alles passionierte und erfahrene Karabiner-Schützen. Toni wurde etwas nervös. Sein erster Probeschuss war eine Drei anstatt eine von allen Zuschauern erwartete Fünf. Toni zückte sein Militär-Sackmesser und justierte das Gewehr. Der zweite Schuss war nicht viel besser. Ein leichtes Raunen ging durch die Zuschauenden, und schon bald waren die ersten Bemerkungen zu hören: «Da behalte ich lieber meinen Karabiner!» Oder: «Entscheidend ist halt immer noch der Schütze, nicht das Gewehr, haha!» usw. Toni absolvierte sein Wettschiessen ohne viele Zuschauer fertig, aber ein Erfolgserlebnis war es für ihn nicht, im Gegenteil. Später jedoch wurde Ton ein guter (Sturmgewehr-) Schütze. Sein Kranzkasten zuhause war übervoll von Auszeichnungen.


Jahre später hatte ich Toni einmal zu einem «Volltreffer» angestachelt, als es darum ging, in unserem Wäldchen im Schlossgarten einen Milan mit dem Sturmgewehr zu erlegen. Es ist ihm problemlos gelungen, aber es tut mir heute noch leid, denn eigentlich hatte ich ihn dazu angestiftett.


Während meiner Panzergrenadier-Rekrutenschule war nicht mehr das Sturmgewehr, sondern der neue Schützenpanzer unser Aushängeschild. Sechs Jahre nach der Einführung des Sturmgewehrs schaffte die Schweizer Armee den Schützenpanzer M 113 an. Ich war im Jahr 1965 in der ersten Rekrutenschule in Thun, in der diese Mannschaftspanzer, ausgerüstet mit einem grossen Maschinengewehr, eingeführt wurden. Natürlich waren wir damals stolz, als angehende Panzergrenadiere mit diesem amerikanischen Kleinpanzer gefechtsmässige Einsätze exerzieren zu dürfen.


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99: Wir waren stolz, gefechtsmässige Panzergrenadier-Einsätze durchzuführen.



Für mich waren diese Gefechtsübungen in erster Linie ein sehr guter Ersatz für mein fehlendes Eishockeytraining, das ich wegen der Winter-Rekrutenschule in der Saison 65/66 nicht absolvieren konnte. Doch immer mehr kamen mir in dieser Zeit Zweifel auf, ob sich die Schweiz mit solchen Einsätzen vor vermeinlichen Feinden hätte erfolgreich zur Wehr setzen können. Ebenso konnte ich mir kaum vorstellen, weder mit einem Maschinengewehr noch mit einem Sturmgewehr andere Menschen zu erschiessen. Zum Glück fand ich persönlich wenig später einen anderen Weg, meine Dienstpflicht anstatt als Panzergrenadier als Militär-Schwimminstruktor zu erfüllen.


Nach rund 40 Jahren hatten die 550 Kleinpanzer M13 schon wieder ausgedient. Am 3. August 2006 freute ich mich, als in den Medien folgendes zu lesen war: 100 Fünfhundertfünfzig Schützenpanzer reif für den Schrottplatz. Die Schweizer Armee hat sich dafür entschieden, ausgediente M113 zu zerstören, da sie dafür keine Käufer im Ausland gefunden hat.


Zum Glück, so meine ich, hat die Schweiz keine Käufer gefunden, denn diese Schützenpanzer wären mit Sicherheit irgendwo für Kriegseinsätze verwendet worden. Bereits am 16. Januar 2012 informierte das Militärdepartement erneut in dieser Sache: Weitere Tranche von Schützenpanzern M113 wird entsorgt. Rund 330 obsolete Schützenpanzer M113 der Schweizer Armee werden in den kommenden Monaten durch ein spezialisiertes Schweizer Unternehmen verwertet. Bei den Schützenpanzern handelt sich um 45 Jahre alte Fahrzeuge, welche künftig in der Armee nicht mehr eingesetzt werden.


Zurück zu meinem Bruder Toni, der unmittelbar nach seiner Rekrutenschule die Feldweibelschule absolvierte. Er entpuppte sich nebst seiner Leidenschaft fürs Gärtnern schon vor der RS als Athlet mit Läuferqualitäten. Er bestritt viele Wettkämpfe im erfolgreichen Läuferteam des KTV Cham. An den Geländeläufen trug er spezielle Nagelschuhe. Diese erhielt er von seinem Jugendfreund Sepp Küng, der das wettkampfmässige Laufen aufgegeben hatte. Ich wusste, wo Toni diese Nagelschuhe versteckt hatte. Gleich wie bei der Fischerrute, die ich ab und zu unerlaubterweise «auslehnte», machte ich es jetzt auch mit seinen Nagelschuhen. Natürlich waren sie mir viel zu gross, aber ich wollte sie unbedingt ausprobieren. Ich zog die Schnürsenkel so eng wie möglich an und lief in ungelenken Schritten über den Bsezziplatz nach vorne zum Obergärtnerhaus, dann weiter Richtung Eisentor hinauf in den sumpfigen Graben.


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100: Der sumpfige Graben war ein geeignetes Terrain für meinen Nagelschuh-Test.


Der Graben verläuft zuerst recht flach, dann steigt er auf der Höhe des gegenüberliegenden Schlüsselrains mächtig an. Hier wollte ich testen, was solche Spezial-Schuhe für Vorteile haben. Es kam mir vor, als ob ich auf Federn laufen oder schon eher hüpfen würde. Gegen Ende des Grabens bei der steilen Wand hinauf Richtung Stuber-Wäldli gab's keinen Ausrutscher, aber wirklich keinen! Völlig ausser Atem kam ich oben an der Graskante des Schlossgrabens an und war überglücklich. Das Lauffieber hatte auch mich in diesem Moment gepackt. Mein grösstes Problem in diesem Moment war jedoch, die Nagelschuhe wieder tip top zu reinigen und genau am gleichen Ort im Schuhkasten vor Tonis Zimmer wieder zu deponieren. Toni hat’s zum Glück nicht bemerkt!



In dieser KTV-Läufer-Truppe entdeckte man immer mehr Lauftalente: Röbi Vogel, mein «Unterstift» in der Papieri, Armando Camenzind, mein «Oberstift». Der Erfolgreichste war Bruno Freimann. Er war der Sohn des ehemaligen fröhlichen Chamer Briefträgers Freimann. Ich erinnere mich noch sehr gut an einige gemeinsame Erlebnisse während unserer Kinderzeit. Zusammen besuchten wir den Kindergarten. Als ich einmal mit ihm heftig stritt, weinte er und schluchzte laut: «Warte nur! Mein Vater ist jetzt nicht mehr Briefträger, er ist jetzt Polizist!» und wollte mich beeindrucken. Anfänglich glaubte ich diese Behauptung, aber als ich einige Tage später den Briefträger Freimann wieder auf den Chamerstrassen entdeckte und ihn freundlich grüsste (er mich auch!), war die Androhung von Bruno vergessen.


Nach meiner Lehrabschlussprüfung als Elektromechaniker bewarb ich mich, nach einem kurzen Abstecher als Baumaschinenmechaniker bei der Firma Heusser Cham, bei der Landis und Gyr als Starkstromlaborant.


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101: Ich arbeitete ein Jahr als Starkstromlaborant in der Landis und Gyr in Zug.



Bis zum Zeitpunkt meines Antritts in der L&G war dies die Arbeitsstelle des Superläufers Bruno Freimann. Ihm bot sich zu jener Zeit die Möglichkeit, intern in eine andere Abteilung zu wechseln bzw. aufzusteigen. Doch schon nach wenigen Wochen stellte ich fest, dass auch diese neue Arbeit für mich keine interessanten Perspektiven aufzeigte. Das tägliche Training mit dem Velo vom Waldschlupf zur L&G und dann die schnellen Testfahrten nach Hause mit dem Ziel, wieder eine neue Bestzeit L&G – Waldschlupf zu fahren, wurden zusehends wichtiger als die Arbeit im Starkstromlabor!


Ab und zu begegnete ich Bruno zufällig während unserer Arbeitszeit in der L&G. Irgendwann erzählte er mir, er hätte erfahren, dass es an der Kantonsschule Luzern einen Umschulungskurs für Berufsleute zum Primarlehrer gäbe. Dies war für mich eine wegweisende Information. Ich wusste, dass ich meinen Traumberuf als Sportlehrer nur dann verfolgen konnte, wenn ich entweder die Matura oder ein Primarlehrerdiplom besitzen würde. Ich meldete mich noch gleichentags in Luzern an und wurde bald darauf zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Ich durfte den Vorkurs besuchen. Nach erfolgreichem Abschluss begann eine zweijährige Intensivausbildung und nach drei Jahren hatte ich das Ticket für die ETH in der Tasche. Mein Traumberuf war plötzlich in Reichweite, nicht zuletzt dank Bruno Freimann.


Meine Läuferfähigkeiten lagen in jungen Jahren weniger in Lang- als vielmehr in Kurzstrecken. Trotzdem versuchte ich im Jahr 1959 meinem Läufervorbild und Klassenkameraden Jakob Knüsel nachzueifern. Doch an meinem ersten Strassenlauf in Beinwil sah ich ihn kurz nach dem Start nur noch von hinten.


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102: Mit der Nummer 33 am Start zu meinem ersten Strassenlauf in Beinwil am See im Jahr 1959.



Mein Bruder Willi war in seiner Jugendzeit flink und schnell wie ein Wiesel. Obwohl ich 1964 an der Ausscheidung aller Zuger-1945er für die Teilnahme am Armeewettkampf der EXPO in Lausanne beim 80m-Lauf am schnellsten lief, hätte Willi mich dort um eine Zehntelssekunde geschlagen.


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103: Ich war am Expo-Ausscheidungswettkampf von allen 1945er-Zugern der Schnellste.



An meinem ersten ausserkantonalen Leichtathletikmeeting in Zürich betreute mich unser damalige Präsident des KTV Cham, Heiri Baumgartner. Er war einer der Hauptinitianten bei der Gründung des KTV Cham. Ab und zu turnte er auch bei uns Aktiven mit.


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104: Heinrich Baumgartner war an einem Leichtathletik-Meeting in Zürich mein persönlicher Coach.


Er wusste, dass ich schnell laufen konnte, doch er konnte dies auch. An einem Trainingsabend forderte er mich zu einem Plauschwettrennen auf der damals noch neuen Aschenbahn des Städtliareals in Cham heraus. Wir starteten, doch schon nach wenigen Metern humpelte Heiri aus der Bahn, er hatte eine Zerrung eingefangen! Das tat mir natürlich leid.


In späteren Jahren hatte Heinrich Baumgartner im Kanton Zug eine beeindruckende Laufbahn als Politiker gemacht: Zuerst Gemeindepräsident, dann Bürgerpräsident und dann Regierungsrat. Zu guter Letzt wurde er Ehrenbürger von Cham. Fürwahr, er hat’s verdient!


Der KTV Cham und die Jungwacht Cham waren ideell und personell eng miteinander verbunden. Die meisten Buben, die in der Jungwacht mitgemacht hatten, wurden später auch Mitglieder des KTV. Willi Huwyler zum Beispiel war Scharführer der Jungwacht Cham und später Oberturner des KTV Cham. Adolf Durrer war Gruppenführer und später Oberturner des KTV Cham. Zu guter Letzt wurde Dölf auch noch mein Kadi, weil ich wegen meines speziellen Militärdienstes als Militär-Schwimminstruktor von den Gelben zu den Grünen umgeteilt wurde.

Obwohl ich dankbar war, mich im KTV Cham vielfältig sportlich betätigen zu können, habe ich es immer bedauert, dass es nicht möglich gewesen war, in nur einem, dafür umso stärkeren Chamer-Turnverein zu turnen. Es macht doch keinen Sinn, so überlegte ich mir, einen katholischen Handstand an Stelle eines eidgenössischen zu üben. Auch mein damaliger Jugendfreund Toni Trottmann dachte gleich. Deshalb entschlossen wir uns für ein Experiment: Wir nahmen 1967 gemeinsam an einem Leichtathletik-Siebenkampf des Südostschweizerischen Katholischen Turn- und Sportverbandes SOKTSV in Kestenholz teil. Toni vom ETV Cham, meine beiden Kollegen Bruno Risi, Sepp Lutiger und ich vom KTV Cham. Und es gab keine Schwierigkeiten. Dazu kam, dass wir als Chamer-Team sehr erfolgreich waren – ich hatte sogar gewonnen!


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105: ETV und KTV gemeinsam unter falscher Flagge an einem KTV-Wettkampf.

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(Einschub am 10.10.2019)
Meine Chomergeschichten in der Zuger Presse laufen Ende 2019 aus. Immer wieder überlegte ich, was für die Leserinnen und Leser dieser Gratiszeitung noch interessant sein könnte, nachdem ich für die vergangenen rund 20 Geschichten die Highlights aus meinem Buch bereits herausgepflückt hatte. Doch da kam mir in den Sinn, dass ich einen (meinen einzigen!) Strafbefehl irgendwo aufbewahrt hatte; ich fand ihn. Die Unterschrift auf dem blauen Strafbefehl lautete: BAUMGARTNER; das war Heiri, der Mann also, von dem ich oben erzählt habe! Mit diesem gefundenen Dokument in der Hand ging's ans Schreiben der 11. Chomer Geschichte. 


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105_1: Strafbefehl Nr. 38184/38185.


Am 9. Mai 1962 stellte das Polizeirichteramt des Kantons Zug einen Strafbefehl für Walter Bucher und seinen Komplizen Werner Villiger aus. Heutzutage wären die strafrechtlichen Folgen eines solchen Vergehens bestimmt viel gravierender. Schon zu Beginn meiner Zeit als Elektromechaniker-Lehrling in der Papieri interessierten mich Motorräder und Autos. Im zweiten Lehrjahr kam ich in der mechanischen Werkstätte zufällig ins Gespräch mit Herrn Wyss, einem kurz vor der Pensionierung stehenden Pumpenmechaniker. Er besass als einer der ersten Chamer einen Schwarz-Weiss-Fernsehapparat – es war ein grosser Holzkasten aber mit einem kleinen Bildschirm –  und ich durfte im Jahr 1960 mit seinem Sohn Werner, der mit mir in die Schule ging, die Lifeübertragung des 100m Sprintfinals der Olympischen Sommerspiele in Rom anschauen. Armin Harry gewann in 10.2 Sekunden nach zwei Fehlstarts, einen davon hatte er selbst ausgelöst.  


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104a: Armin Harry gewann 1960 an den Olympischen Spielen in Rom in 10.2 Sekunden die Goldmedaille im 100m-Lauf. 


Ich kannte also die Familie Wyss und wusste auch, dass Herr Wyss tagtäglich von der Gemeindegrenze Cham/Hünenberg aus seinen Arbeitsweg mit einer neuen Lambretta zurücklegte. «Diesen Töff werde ich bald einmal verkaufen!» erwähnte er kurz vor seiner Pensionierung nebenbei bei einem Znünigespräch. Das hatte ich gut und gerne gehört. Ich signalisierte ihm mein Interesse, wir verhandelten kurz, vereinbarten einen Kaufpreis und schon war der Handel perfekt. Doch für mich wäre dieser moderne Töff sowohl im Unterhalt als auch im Ankauf viel zu teuer gewesen. Um diesen selbst zu fahren, war ich ja noch zu jung. Also musste ich mir eine Lösung ausdenken, meinen Eltern jedoch nichts davon preisgeben. 


Ein raffinierter Tauschhandel. Wie sollte ich also das Geld beschaffen für den Kaufpreis von Fr. 1800.-? In der gleichen Werkstatt wie Herr Wyss und ich arbeitete auch Werner Villiger, ein junger stämmiger Schlosser. Seine kräftige Gestalt verriet, dass er Schwinger war. Von ihm wusste ich, dass auch er mit einer Lambretta, allerdings mit einer alten, täglich an die Arbeit fuhr. Ich überlegte mir, ob Werner wohl an einer neueren Lambretta interessiert sein könnte und unterbreitete ihm das Angebot, seine alte Lambretta gegen ein neueres moderneres Modell einzutauschen und natürlich noch einen stolzen Betrag draufzuzahlen. Auch dieser Handel – notabene auch während meiner Arbeitszeit ausgeheckt – war bald am Trockenen. Nun ging es darum, die beiden Lambrettas auszutauschen. 


Die fatale Probefahrt. Werner Villiger wollte natürlich zuerst das neue Modell testen, bevor er endgültig in den Handel einstieg. Ich sorgte deshalb dafür, dass Herr Wyss seine Lambretta an einem vereinbarten Tag zur Verfügung stellte; die Kontrollschilder hatte er bereits auf der Motorfahrzeugkontrolle abgegeben. Mit Werner vereinbarte ich ein Treffen beim Villiger Haus. Er fuhr pünktlich mit seinem alten Töff vor, begutachtete das neue, blitz blank gereinigte Lambretta kritisch und schlug vor, dass er eine Probefahrt machen wolle. «Klar, das kannst du gerne; aber auch ich will deinen Töff testen!» fügte ich selbstbewusst hinzu. Gesagt, getan. Werner erklärte mir kurz, wie ich seinen Töff in Bewegung setzen könne, und schon bald ging's los. Werner fuhr voraus und ich hinterher. Er kannte die Nebenstrassen in Hünenberg wie seinen Hosensack, da er ganz in der Nähe wohnte. Die Testfahrt führte bergauf, bergab, um Kurven, dann durch einen Wald und schliesslich wieder hinaus aufs freie Feld. Hinter ihm flog mir Staub ins Gesicht, denn wir fuhren ausnahmslos auf trockenen Naturstrassen, er allerdings ohne Nummernschild. Doch dann ist's passiert! 


Der Dorfpolizist von Hünenberg – in Zivil – hat uns gestellt. «Polizei! Zeigen sie uns ihre Ausweise!» war die klare Aufforderung des Hünenberger Dorfpolizisten Ammann. Das war für Werner kein Problem, für mich jedoch schon. Ich hatte selbstverständlich noch keinen Führerschein, denn ich war erst 17jährig, doch meine (zwar immer noch seine!) alte Lambretta hatte zumindest eine Nummer; Werner’s Töff (in diesem Moment noch meiner!) dagegen keine! Nach einer Protokollaufnahme erlaubte uns der Polizist, auf direktem Weg und äusserst vorsichtig im Schritttempo nur noch bis nach Hause zu fahren und fügte an, dass wir beide eine saftige Busse zu erwarten hätten. Kreidebleich setzte ich «meine» Lambretta wieder in Gang bis zum Villiger Haus. Dort liess Werner das neue Lambretta stehen und fuhr mit seinem alten wieder weg. Trotz allem willigte er aber noch vor der Abfahrt in den Tauschhandel ein. 


Dicke Post: Der Strafbefehl 38183/38184. Kurze Zeit später flatterte ein amtliches Couvert mit einem blauen Brief in den rostigen Briefkasten unseres Gärtnerhauses «zum Waldschlupf» im Schlosspark St. Andreas.


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104b: Strafbefehl Nr. 38183/38384 vom Polizeirichteramt des Kantons Zug (gemäss Strafprozessordnung für den Kanton Zug vom 3.Oktober 1940).



Vom Polizeirichter zum Sprintcoach. Natürlich erfuhren somit auch meine Eltern von meinem aus meiner Sicht raffiniert eingefädelten Tauschhandel; die Folgen hätte ich jedoch selber zu tragen, war ihre klare Meinung. Werner wurde bestraft mit Fr. 66.- und zusätzlich mit 3 Tagen Gefängnis, zum Glück nur bedingt; ich musste lediglich Fr. 13.- Busse bezahlen. Unterschrieben hat der Polizeirichter des Kantons Zug, Dr. Heinrich Baumgartner. Ich durfte ihm wenig später «Heiri» sagen, denn er war damals unser Präsident beim KTV Cham. Wir alle wussten, auch er konnte schnell rennen. An einem Trainingsabend forderte er mich zu einem Wettlauf auf der Aschenbahn hinter der Städtli Turnhalle auf, aber leider erlitt er schon nach wenigen Metern eine Zerrung (Foto und Geschichte dazu bei Nr. 104). Und einmal war er sogar mein persönlicher Coach an einem Sprintmeeting im Sihlhölzli in Zürich. Er coachte mich dort mit Leidenschaft, aber auch bei dieser Gelegenheit haben wir nie über den Strafbefehl gesprochen.

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(Einschub am 16. Mai 2019)
In einem halben Jahr verlassen wir unser Einfamilienhaus in Freidorf und ziehen um in eine Eigentumswohnung in Berg. Zurück also in die Gemeinde, in der wir bereits von 1987 bis 2004 wohnten. In einer so kleinen Gemeinde ergeben sich zwangsläufig schnell Kontakte mit anderen Menschen. Einer davon ist der Sportlehrer Martin Meier. Er arbeitete damals auf dem Kantonalen Amt für Sport in St. Gallen und in dieser Zeit begann mein Job als Dozent für Sport und Didaktik an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen. Fragen oder Projekte im Zusammenhang mit Sport führten uns immer wieder zusammen. Mittlerweile ist auch Martin pensioniert. Seither hatten wir nur noch sporadisch miteinander Kontakt. Nun wollte es der Zufall, dass wir wieder einmal am gleichen Tisch sassen.


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105a: Martin Meier ist im (Un-)Ruhestand oft gemütlich auf Wanderungen unterwegs, früher jedoch an OL-Wettkämpfen war er umso schneller.



Seit einigen Monaten engagiere ich mich in der IG BERG(L)AUF. Das ist eine Interessengemeinschaft für Altes und Neues in der Gemeinde Berg. Da in dieser kleinen Gemeinde, die nun wieder meine (zweite) Heimat wird, recht wenig «läuft» (daher der von mir kreierte Name BERG(L)AUF), möchte ich diesbezüglich einen Beitrag leisten. Auf der Suche nach Unterstützung war der Weg nicht weit zu Martin Meier. Ich konnte ihn für die Mitarbeit gewinnen.


Kurz vor Beginn der ersten Zusammenkunft vom 7. Mai 2019 kam Martin auf mich zu und fragte: «Weisst Du eigentlich noch, wann wir uns zum ersten Mal begegnet sind?» «Klar weiss ich das, das war vor 30 Jahren in Goldach, als ich meinen Sohn Martin – er war damals ein Fünftklässler – auf den Bahnhof zur Abfahrt ins Skilager begleitete, und Du warst zufällig auch dort!» sagte ich voller Überzeugung. «Falsch!» erwiderte Martin. Das war im Jahr 1967, also vor 52 Jahren; da haben wir beide an einem Leichtathletikwettkampf in Kestenholz mitgemacht und uns gegenseitig bekämpft. In Deinem Buch, das Du mir zu meinem 70. Geburtstag geschenkt hast, fand ich auf S. 66 eine Kurzgeschichte zu diesem Wettkampf. Bei mir war es bezüglich Vereinszugehörigkeit gerade umgekehrt wie bei Deinem Freund Toni Trottmann. Ich war damals im ETV Niedergösgen und habe mich dann trotzdem an diesen vom Katholischen Turnverein St. Peterzell organisierten Anlass als KTVler vom KTV Fides Niedergösgen angemeldet, und es gab keine Probleme!»

Diese Geschichte liess mir keine Ruhe. «Ich habe doch irgendwo noch eine Rangliste oder sogar noch ein Resultatblatt dieses Wettkampfes», dachte ich, ging nach Hause und siehe da; ich fand beides. Natürlich interessierte mich besonders , welchen Rang der heutige «Berger Lokalmatador» Martin damals belegte …


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105b: Rangliste Leichtahletik Kat. B (aufgeführt sind meine Kollegen Toni Trottmann, (ETV Cham – als KTVler gestartet, 26. Rang), Werner Risi – nicht Bruno wie es im Buch steht (KTV Cham, 18. Rang), Josef Luthiger (KTV Cham, 15. Rang) und Martin Meier, als ETVler gestartet unter dem KTV Fides Niedergösgen, 20. Rang, und ganz zuoberst steht mein Name).



Und da fand ich doch tatsächlich sogar noch das Kampfblatt dieses Wettkampfes; es war mein grösster Erfolg in der Leichtathletik!


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105c: Wettkampfblatt mit den Resultaten der einzelnen Disziplinen.


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Erst in späteren Jahren hat mich das Lauffieber für längere Strecken gefesselt. Ich wurde zusehends ein begeisterter Ausdauersportler und absolvierte viele Wettkämpfe: Viele Strassenläufe und u.a. 7 Marathonläufe (die Bestzeit von 2h56' lief ich 1984 in Zürich).


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105d: Züri-Marathon 1987; zwar wieder unter 3 Stunden, aber langsamer als 1984.



Obwohl ich mich in dieser Zeit als Sportdozent an der ETHZ bemühte, die neuesten Erkenntnisse aus der Sportwissenschaft (Trainingslehre; Sportdidaktik usw.) in meinen Unterricht einfliessen zu lassen, trainierte ich persönlich ohne einen starren Trainingsplan; eher nach dem «Lustprinzip»; unzählige Male rund um den Ägerisee und den Zugerberg hinauf und hinunter.


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105e: Auf einem meiner vielen Trainingsläufe auf dem Zugerberg.



Von gezielter Ernährung ganz zu schweigen. Als es dann aber eine Möglichkeit gab, mittels einer Pulsuhr eine Verlaufskurve während eines Marathonlaufes festzuhalten und dies dann als Tabelle sichtbar zu machen, habe ich es auch einmal versucht. Ich befestigte den Sensor in der Herzgegend, was mich anfänglich zumindest gefühlsmässig beim Atmen behinderte. Dann die grosse Armbanduhr – ebenfalls ungewohnt. Kurz vor dem Start drückte ich auf «ON», und die Aufzeichnung begann. Ich habe mich bemüht, während des ganzen Laufes nie auf die Uhr zu schauen, denn ich wollte wissen, ob ich während der ganzen Dauer möglichst regelmässig belaste. Einige Tage danach erhielt ich das Resultat. Ich war erstaunt (und erfreut), dass mir mein Körpergefühl richtige Impulse verliehen hatte, denn meine Pulskurve erschien ausgeglichen und schwankte selten!

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105f: Aufzeichnung meiner Pulskurve während eines Marathons in Zürich.


Meine Ausdauerwettkämpfe wurden zusehends vielseitiger. Es wurden 6 Engadin Skimarathonläufe (Bestzeit 1h56'), diverse Inlinewettläufe (Engadin-Inline-Marathon, In-line-Lauf um den Zugersee und der one-eleven-Lauf über 111 km in in 4 Stunden 39 Minuten), ferner einige Kurztriathlon-Wettkämpfe (u.a. 1985 2. Rang an der inoffiziellen Kurz-Triathlon-Schweizermeisterschaft in Zürich). Zu guter Letzt packte mich dann der Rudersport. 1999 habe ich auf dem Rootsee an den Master Schweizermeisterschaften der Klasse 50plus im Skiff gewonnen. 


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105g: Sieger im Skiff an der Masterschweizermeisterschaft 1999 auf dem Roosee.



Ein Highlight für Skiffruderer ist der in Bern jeweils im Herbst stattfindende Armadacup; er zählt unter Ruderern als «Engadin-Marathon der Ruderer». Siebenmal kämpfte ich auf dem Wohlensee – ein Stausee – gegen Wellen und Ruderschläge von Mitkonkurrenten. Wenn sich nämlich zwei Skiffruderer mit ihren beidseitig weitausladenden Ruder zu nahe kommen, dann kracht es. Wenn keiner nachgibt und für einen Moment seine beiden Ruder stillhält, dann kommt es unweigerlich zu einem Crash mit gegenseitigen unschönen Beschimpfungen oder sogar zum Kentern, was bei den Regatten, an denen ich dabei war, zum Glück nur anderen Ruderern passierte. Ich liess mich nie auf solche Macht- und Imponierspiele ein und achtete immer auf genügend seitlichen Abstand. 


Eine besondere aber unsichtbare Gefahr lauerte unmittelbar unter der Wasseroberfläche. Wer die Untiefen wegen der vielen Sandbänke des Wohlensees nicht kennt und sich nicht an die vorgeschlagenen Routen hält, läuft Gefahr, dass seine Ruder plötzlich im Sand stecken bleiben. Das ist mir bei der ersten Regatta genau so passiert. Dann bleibt nur eines: Langsam wie mit einer Schaufel mit ganz sanftem in-den-Sand-Greifen versuchen, sich aus der schwierigen Lage wieder in tiefere Gewässer zu schieben. Ungeachtet dessen, dass in dieser Zeit viele Boote, die bis zu diesem Zeitpunkt hinter mir lagen, nun locker an mir vorbeiruderten, besonders dann, wenn es sich um einen Ruderkameraden aus meinem Ruderclub Rorschach handelte! Das tat doppelt weh, aber ich kam dann doch noch ans Ziel.


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105h: Eine richtige Armada, wenn 300 Skiffs auf dem Wohlensee bei Bern um die Wette rudern.


Für mich gab es nur zwei Devisen: Die erste lautete durchkommen; die zweite: nie einem anderen Ruderer zu nahe kommen. Für mich der grösste sportliche Erfolg ist und bleibt jedoch das Erlebnis, als Finisher am Zürcher Ironman im Jahr 1987, kurz vor meinem Wegzug von der ETH an die PHS St. Gallen, glücklich das Ziel erreicht zu haben. Das Gefühl ist unbeschreiblich schön. 


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105i: Äusserlich sichtlich angeschlagen, aber innerlich stolz und glücklich nach 11 1/2 Stunden kurz vor dem Ziel als Finisher am Original Ironman in Zürich 1987. 


Meine kleine Läuferkarriere begann – wie vieles in meinem Leben – im Schlosspark St. Andreas mit den Nagelschuhen meines Bruders Toni. Und mit dem Rudersport endete meine Zeit der Wettkämpfe auf meinem Lieblingselement, dem Wasser. Doch dann kam eine Zeit, in der ich meine Erfahrungen auch bereits «älteren Semestern» weitergeben konnte, einmal einem Banker und ein andermal einem Garagisten. Aber zuerst tauche ich in die Entstehung der Triathlon-Geschichte ein! Wie kam es eigentlich dazu?


Die Idee des Triathlons entstand an einem Biertisch vor vielen Jahren! 1977 stritt ein Häufchen amerikanischer Marinesoldaten um die Frage, wer denn der beste Sportler sei, ein Schwimmer, ein Radfahrer oder ein Läufer? Ein Navi Commander namens John Collins verblüffte damals die schon leicht alkoholisierte Runde mit der Idee, diese drei grossen Sportarten an einem Tag auszutragen. So sollte der stärkste Athlet bestimmt werden, und den wollte man IRONMAN nennen. Bereits ein Jahr später nahmen 18 eiserne Männer die mörderischen 226 km in Angriff. In knapp 12 Stunden wurde dieser Wettkampf von einem Rennradfahrer gewonnen. Die Idee war geboren, und aus dieser Idee entstanden unzählige Triathlons auf der ganzen Welt. Dabei sind es nicht immer nur die klassischen Disziplinen Schwimmen, Radfahren und Laufen. So wird z.B. in Kanada das Schwimmen – klimabedingt – durch Rudern oder Skilanglauf ersetzt. Weitere Kombinationen sind immer wieder im Gespräch und ich habe in meinem Sportunterricht viele solche kombinierte Wettkämpfe inszeniert und sogar noch ein Buch herausgegeben mit dem Titel «1015 Spiel- und Kombinationsformen in vielen Sportarten».


In enger Zusammenarbeit als junger Sportdozent mit einem meiner ersten Sportstudenten an der ETH Zürich, Stephan Zopfi – heute ist er Dozent für Sport und Didaktik an der Pädagogischen Hochschule in Luzern und wird schon in wenigen Jahren pensioniert –, inszenierte ich einen 24-Stunden-Triathlon. Dabei ging es darum, dass ein Dreierteam gemeinsam während 24 Stunden unterwegs ist, sei es mit Laufen, Schwimmen oder Radfahren. Die Idee wurde von einer Bank unterstützt und alle, welche das Ziel erreichten, erhielten ein T-Shirt als Preis. Zusätzlich wurden tolle Preise verlost unter allen, die teilgenommen hatten. Mehrere hundert Kinder, Jugendliche und Erwachsene machten mit. Die gleiche Idee habe ich dann auch im Schweizerischen Lehrmittel Schwimmen und im Lehrmittel Sporterziehung eingebaut in der Hoffnung, dass diese oder ähnliche Formen auch im Sportunterricht umgesetzt werden, welche die Freude an gemeinsamen Ausdauerleistungen fördern.


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105k: (M)ein 24-Stunden-Triathlon-Projekt.



Die Triathlon-Idee versuchte ich auch im kleinen Kreis umzusetzen. Ich gab dem Vorhaben den Titel TRIATHLON UNTER FREUNDEN mit folgenden Spielregeln: A und B einigen sich auf 3 Sportarten. A wählt Radfahren, Walken und Schwimmen; B entscheidet sich für Joggen, Schwimmen und Inlineskaten. A und B setzen sich individuelle Ziele in Kilometern (und eventuell zusätzlich die Reduktion des eigenen Körpergewichtes) über eine Zeitspanne von einem halben Jahr und halten alles schriftlich fest. Beide führen Protokoll. Nach sechs Monaten wird ausgewertet und verglichen. Wer konnte seine gesteckten Ziele erreichen? Diese und weitere Ideen, wie man sich spielerisch an Ausdauersportarten herantasten kann, habe ich in verschiedenen Büchern aufgezeigt. In einem Artikel in der Zürcher Zeitung vom Sonntag durfte ich sogar folgenden Beitrag in der Rubrik Freizeitsport veröffentlichen. 


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105l: Spielerisches Sporttreiben macht mehr Spass. Beitrag in der Zürcher Zeitung vom Sonntag.



Im Lauf der Zeit gab es immer weitere und vor allem grössere Triathlonwettkämpfe, so z.B. den weltbekannten «Hamburger». In meiner «Stifti» (Lehrzeit) in der Papierfabrik Cham war ich während eines ganzen Jahres ein «Hamburger». Diesen Titel trägt man während des ersten Lehrjahres und er bedeutet, dass man noch nicht viel weiss und wenig kennt, eben, dass man ein Anfänger ist. Nach einem Jahr steigt man ins zweite Lehrjahr auf, und dann erbt diesen oft belastenden Titel der nächste «Stift»! Dann gibt es ja auch noch den «Hamburger» als ein grosses Stück Fleisch. Unter Triathlon-Kennern bedeutet jedoch der «Hamburger» etwas ganz anderes, denn es handelt sich dabei um den grössten Triathlon der Welt. Dort kann in verschiedensten Kategorien mitgemacht werden.


Erst in späteren Jahren hat auch mich das Lauffieber besonders für längere Strecken gefesselt. Ich wurde zusehends ein begeisterter Ausdauersportler und absolvierte viele Wettkämpfe: Viele Strassenläufe, 7 Marathonläufe (Bestzeit 2h56' 1984 in Zürich), 6 Engadin Skimarathonläufe (Bestzeit 1h56'), Inlinewettläufe (Engadin-Inline-Marathon und den one-eleven-Lauf über 111 km in 4h39'), einige Kurztriathlon-Wettkämpfe (u.a. 1985 2. Rang an der inoffiziellen Kurz-Triathlon- Schweizermeisterschaft in Zürich) und zu guter Letzt packte mich der Rudersport. 1999 habe ich auf dem Rootsee an den Master Schweizermeisterschaften der Klasse 50plus im Skiff gewonnen.


Meine kleine Läuferkarriere begann, wie viel Anderes in meinem Leben, im Schlosspark St. Andreas mit den Nagelschuhen meines Bruders Toni. Und mit dem Rudersport endete meine Zeit der Wettkämpfe in bzw. auf meinem Lieblingselement, dem Wasser. Doch dann kam die Zeit, in der ich meine Erfahrungen auch bereits «älteren Semestern» weitergeben konnte, einmal einem Banker und ein andermal einem Garagisten. Aber zuerst tauche ich in die Triathlon-Geschichte ein!


Die Idee des Triathlons entstand an einem Biertisch vor vielen Jahren! 1977 stritt ein Häufchen amerikanischer Marinesoldaten um die Frage, wer denn der beste Sportler sei, ein Schwimmer, ein Radfahrer oder ein Läufer? Ein Navi Commander namens John Collins verblüffte damals die schon leicht alkoholisierte Runde mit der Idee, diese drei grossen Sportarten an einem Tag auszutragen. So sollte der stärkste Athlet bestimmt werden, und den wollte man IRONMAN nennen. Bereits ein Jahr später nahmen 18 eiserne Männer die mörderischen 226 km in Angriff. In knapp 12 Stunden wurde dieser Wettkampf von einem Rennradfahrer gewonnen. Die Idee war geboren, und aus dieser Idee entstanden unzählige Triathlons auf der ganzen Welt. Dabei sind es nicht immer nur die klassischen Disziplinen Schwimmen, Radfahren und Laufen. So wird z.B. in Kanada das Schwimmen – klimabedingt – durch Rudern oder Skilanglauf ersetzt. Weitere Kombinationen sind immer wieder im Gespräch und ich habe in meinem Sportunterricht viele solche kombinierte Wettkämpfe inszeniert und sogar noch ein Buch herausgegeben mit dem Titel «1015 Spiel- und Kombinationsformen in vielen Sportarten».


In meiner «Stifti» (Lehrzeit) in der Papierfabrik Cham war ich während eines ganzen Jahres der «Hamburger». Diesen Titel trägt man während des ersten Lehrjahres und er bedeutet, dass man noch lange nicht alles weiss und kennt, eben, dass man ein Anfänger ist. Nach einem Jahr steigt man ins zweite Lehrjahr, und dann erbt diesen oft belastenden Titel der nächste «Stift»!


Dann gibt es ja noch den «Hamburger», ein grosses Stück Fleisch. Unter Triathlon-Kennern bedeutet jedoch der «Hamburger» etwas ganz anderes, denn es handelt sich dabei um den grössten Triathlon der Welt. Dort kann in verschiedensten Kategorien mitgemacht werden.


Nun also zum ersten Hamburger-Triathlon-Erlebnisbericht (m)eines Bankers: Im Zusammenhang mit einem grösseren Finanzierungsprojekt unterhielt ich mich mit einem Finanzberater einer Grossbank mittleren Alters. Ich stellte fest, dass er in seinem Job sehr belastet, ja sogar etwas überlastet war. Er schilderte seinen strengen Alltag, seinen Arbeitsstress und dessen «Nebenwirkungen». Als wir auf das Thema Ausgleich zum stressigen Alltag zu sprechen kamen, stellte sich heraus, dass der Banker als Ausgleich ab und zu Sport treibt und irgendeinmal einen Triathlon bestreiten möchte. Doch da er im Schwimmen noch grosse Defizite habe, werde er wohl diesen Traum noch lange nicht realisieren können. Hier setzte ich an und schlug ihm vor, dass ich ihm gerne einige Schwimmlektionen erteilen würde. Gesagt getan: Wir trafen uns im Schwimmbad und er setzte an zu den ersten Crawlschwimmzügen. Schnell erkannte ich, dass eine sehr gute Basis aber auch «Verbesserungspotential» vorhanden war. Ich gab ihm Tipps und er setzte diese schnell um. Dann trainierte er weiterhin allein und rapportierte mir immer wieder, wo er in seinem Trainingsprogramm steht. Die Strecken wurden länger, der Kraftaufwand kleiner, der Spass grösser. Bald war sein Plan klar: Ich starte mit zwei Kollegen in Hamburg! Das war im Jahr 2018.


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106a: Der «Hamburgrer», der grösste Triathlon der Welt.



Nach seinem ersten Triathlon hat er mir folgenden «Reisebericht» geschickt:

Die Nacht vor dem Triathlon war schon etwas lang … Bereits am Samstag konnten wir die Elite beim Sprint-Triathlon bewundern. Dort erlebte ich viele Gänsehaut-Momente als die Profis nur wenige Zentimeter neben mir vorbeirasten. Das hat meine Vorfreude natürlich ins Unermessliche gesteigert. Dementsprechend konnte ich lange nicht schlafen.


Am Renntag – also am Sonntag – sind wir um 6:00 aufgestanden und haben uns zum Check-In bewegt. Am Vorabend hatte ich bis ins letzte Detail geplant, wie ich meine Wechselzone einrichte und mein Velo mit Flüssigkeiten & Gels präpariere. Das hätte ich mir sparen können denn schlussendlich habe ich es doch ganz anders gemacht als geplant. Eine grosse Herausforderung war die schiere Grösse der Wechselzone. Beim - gemessen an den Teilnehmerzahlen - weltgrössten Triathlon kommen schon einige Räder zusammen.


Meine zwei Mitstreiter starteten bereits 35 Minuten vor mir. Ich kam zwischenzeitlich mit vielen anderen Triathleten ins Gespräch – darunter auch einige sehr erfahrene – was mir wieder half meine Aufregung etwas in Zaum zu halten. Als mein Startblock endlich dran war, wurden wir in eine geführte Aufwärm-Area gelotst und heizten uns zu lauter Musik unter den Augen zahlreicher Zuschauer auf. Bereits vor dem Schwimmen war der erste Verpflegungsstand und ich war froh darüber, denn mein Mund war ausgetrocknet bevor ich ins Wasser stieg. Es war Traumwetter. Nach dem Einschwimmen habe ich mich ans Ende des Feldes verschoben um dem schlimmsten Schlagabtausch im Wasser zu entgehen. Ich war sehr aufgeregt. Die 750 Meter bis zur Wendeboje sehen eindrücklich aus, wenn man sich nur ans Schwimmbecken mit 25 oder 50 Meter Bahnen gewohnt ist. Ich bin trotz der Vorbereitung nur geschätzte 200 Meter gecrawlt. Den Rest habe ich mit Brustschwimmen bewältigt. So habe ich wenigstens ein bisschen was gesehen … Die Alster ist so trübe wie ein Gemüseeintopf. Ich beschloss zügig zu schwimmen mich aber nicht auszupowern. Frei nach dem Motto: «Den Triathlon gewinnt man nicht im Schwimmen – man kann ihn dort aber verlieren». Nach 33 Minuten rannte ich in die Wechselzone – wohlgemerkt bei weitem nicht als Letzter meines Blocks.


Trotz der Sorge, mein Rad in der riesigen Wechselzone nicht zu finden, hat das ganz gut geklappt. Für Neulinge wie mich sind sehr viele Helfer vor Ort, die wohl am Gesichtsausdruck schon erkennen was man sucht und einem lächelnd und anfeuernd zugleich den richtigen Weg weisen.


Ab aufs Rad. Die Radstrecke lag mir sehr. Die Stimmung an der Strecke war grandios. So viele Zuschauer klatschten und johlten. Im Frühling habe ich mir einen Aero-Lenker fürs Velo besorgt. In dieser Position liess ich viele Mitfahrer hinter mir (erstaunlicherweise auch solche, die ein Mehrfaches an Geld in ihre Ausrüstung investiert hatten). Kurz vor der 1. Wende ein leichter Anstieg, den viele Norddeutsche Teilnehmer anscheinend als äusserst herausfordernd empfanden. Ich erlebe es selten, dass ich bergauf am Fahrerfeld problemlos vorbeiziehe. Dennoch ging ich auch auf dem Rad nicht ans Limit um später noch Körner für das Laufen zu haben. Nach 1:07 waren die 3 Runden oder 40 km dann auch schon erledigt und ich schob mein Velo lächelnd an den Zuschauern vorbei wieder in die Wechselzone.


So langsam wurde es heiss. Daher liess ich mir beim Wechsel etwas mehr Zeit und verpflegte mich ausgiebig. Die ersten 2 km hatte ich (vermutlich deshalb) Mühe, meinen Rhythmus zu finden. Ich schloss zu einem Läufer aus Winterthur auf (klein ist doch die Welt) und wir kamen kurz ins Gespräch. Und auf einmal … lief «es» einfach. Ich musste mich bis zur Wende immer wieder bremsen aus Angst zu schnell zu werden und am Ende einzubrechen. Ich habe mich zum ersten Mal überhaupt in eine Euphorie gelaufen. Nach 6 km hatte ich bereits Freudentränen in den Augen. 54 Minuten Laufen – noch nie habe ich es so genossen. Überglücklich habe ich das Ziel nach 2:46 erreicht – nicht schlecht mit 90kg «Kampfgewicht». Gemeldet war ich in 3:15; mein Traum war es in weniger als 3 Stunden zu schaffen. Heute weiss ich, dass es wohl noch etwas schneller gegangen wäre.


Im Ziel hatte ich zudem noch Gelegenheit, ein Gruppenfoto mit Thorsten Schröder zu machen. Das ist ein Nachrichtensprecher der ARD. Er startet für den FC St. Pauli und hat auch im letzten Jahr den Ironman auf Hawaii bewältigt.


Es war der absolute Hammer. Wir sind sehr sicher, dass wir Hamburg im kommenden Jahr nochmal machen. Auch meine Teamgspänli sind sehr zufrieden. Wir blieben alle unter 3 Stunden. Der Zeitunterschied zwischen Björn und mir betrug inkl. Wechselzeiten nur 6 Sekunden und das obwohl wir getrennt voneinander gestartet sind. Jetzt sind wir sogar so euphorisiert, dass wir uns 2019 an einen 3. Ironman wagen wollen. Aber egal für welchen Wettkampf wir uns entscheiden – wir bleiben auf jeden Fall dabei beim Triathlon!


Und jetzt zur Geschichte und Schilderungen eines Gargisten über seine ersten Triathlonerlebnisse. Autogaragen und Menschen, die sich darin aufhalten, faszinieren mich immer wieder. Denn wenn ich vor einer Autorage stehe, dann erinnere ich mich immer wieder gerne an meine Zeit, in der ich alte oder defekte Autos wieder in Stand stellte und so einen grossen Teil meines Sportstudiums finanzieren konnte.


Im Zusammenhang mit einem Autokauf eines Elektroautos kam ich in Kontakt mit einem etwa 40jährigen Garagisten. Nachdem wir uns über die Kaufbedingungen geeinigt hatten, kamen wir in ein lockeres Gespräch über Gott und die Welt zu sprechen, über meine früheren Aktivitäten im Zusammenhang mit Autos und letztendlich auch zum Sport. Es stellte sich schnell heraus, dass der Garagist ein leidenschaftlicher Radfahrer ist. Und schon bald schwärmte er davon, irgendwann auch mal einen Triathlon bestreiten zu wollen. Doch das Schwimmen bereite ihm grosse Sorgen.


Wie bereits beim Banker wollte ich versuchen, dem Gargisten im Schwimmen unter die Arme zu greifen. Gesagt, getan. Wir vereinbarten ein erstes Schwimmtraining im nahegelegenen Hallenbad. Schnell zeigte sich bei den ersten Crawlzügen, dass zwar eine gute Basis vorhanden ist, aber doch noch einiges an Optimierung besteht. So begannen wir Schritt für Schritt bzw. Zug für Zug. Es wurde schnell besser. Und nach einigen folgenden Trainings sah der Crawlstil schon viel besser aus. Und damit wurde der Traum, einen Triathlon zu bestreiten, immer grösser. Unerwartet bot sich dem Garagisten im Kreis der Autolobi eine gute Gelegenheit, nämlich die Teilnahme am Challange Triathlon in Davos. Nach dem Anlass schrieb er mir:


Am Samstag war es so weit, ich startete in Davos am Challange Triathlon in der Olympischen Distanz bei prächtigem Wetter. Ford Credit hat den Anlass gesponsert und mich angefragt, ob ich noch ein paar Neuwagen ausstellen könnte. Ich habe natürlich zugesagt.


Der Marketingleiter von Ford Credit ist ein Ironman Triathlet mit grosser Erfahrung. Ich bin mit ihm schon zusammen Rad gefahren. Er zögerte nicht lange und setzte meinen Namen auf die Startliste mit der Begründung, dass ich ja Radfahren und bestimmt auch laufen könne und dass das Schwimmen ja bestimmt auch irgendwie lösbar sein. Und das Ganze zwei Wochen vor dem Start!


Das war aber gar nicht so schlecht, denn so konnte ich mir nicht zu viele Gedanken darüber machen. Ich organisierte mir im Vorfeld einen Neoprenanzug und ein Triathlonrenndress. Den Rest des Materials hatte ich ja bereits schon. Die letzten Wochen nutzte ich noch intensiv für das Lauf- und Schwimmtraining. Ich bin in dieser Zeit zweimal 1.5 km geschwommen.


Am Samstagmorgen stand ich um 5 Uhr auf, legte fein säuberlich meine sieben Sachen bereit und ass wie immer vor einem Wettkampf 2 Spiegeleier mit Brot. Um 06.45 Uhr machte ich mich Richtung Davos auf, begleitet von meiner Frau. Die Kinder hatten Ihren Kantonalen Jugi-Tag und waren somit auch sportlich beschäftigt.


Ich Davos angekommen lachte uns bei kühlen 8 Grad die Sonne an. Ich musste noch eine Tageslizenz kaufen und meine Startunterlagen abholen. Da die Wechselzonen ca. 2.5 km voneinander entfernt waren, musste ich ein Logistikkonzept erstellen, welche Ausrüstung in welchen Bag gehörten (zusammen mit der Verpflegung), damit ich alles am richtigen Ort hatte. Ansonsten hätte ich dann ein grösseres Problem.


Als ich dann diese Hausaufgaben erledigt hatte ging es darum, meine sieben Sachen in den entsprechenden Wechselzonen zu deponieren. Danach dauerte es noch ca. 30 Minuten bis zum Start. Ich zog meinen Neoprenanzug und auf Empfehlung eines erfahrenen Triathleten unter dem Neopren nicht den Renndress, sondern meine Badehose an. Dies wegen den kühlen Temperaturen auf dem Flüelapass, denn dort hinauf und hinunter musste ich ja dann mit dem Rad.


Nun stand ich, ausgerüstete mit Neopren, Badekappe und Schwimmbrille, vor der Info Tafel und versuchte die Strecke auf der Tafel mit den Boyen im See in Einklang zu bringen. Die entsprechende Athleteninfo half mir dabei, einen Durchblick zu gewinnen.


Danach ging's in den 16 Grad kalten See und bald darauf erfolgte der Startschuss. Ich legte mich ins Zeug, crawlte los und hörte immer deine Stimmte, wie sie mir Tipps gab: «Lange Züge; gleiten; immer gut ausatmen, das Gleiten spüren, kein Stress …».


Der Neopren war so eng, dass ich die ersten 10 Minuten mit der Atmung kämpfen musste. Fast alle Schwimmer zogen an mir vorbei. Ich lies mich davon aber nicht beeindrucken und orientierte mich einfach nach vorne, Boje um Boje. Langsam fand ich meinen Rhythmus. Ich merkte, dass ich im hintersten Teil im Feld war und stellte fest, dass meine Konkurrenten mehr oder weniger mit dem Brustschwimmen unterwegs waren und ich mit meinem Crawl nicht schneller vorwärts kam. Deshalb wechselte ich zwischen Crawl und Brust. Das ging relativ gut. Ich schaute nie auf die Uhr, sondern nur nach vorne und immer auf die nächste Boje. Auf einmal war ich vor dem Ausstieg. Ich überlegte noch kurz, wie ich echt elegant aus dem Wasser steigen könnte.


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106b: Ein Helfer links und ein Helfer rechts halfen mir beim Aussteigen; ein sonderbares aber schönes Gefühl!



Doch da packten mich schon links und rechts zwei Helfer und ich stand. Ein Blick auf meine Uhr: 40 Minuten, super! Das ist mein persönlicher Rekord, es kann nur gut kommen, auch wenn ich als Viertletzter aus dem Wasser stieg.


Nun rannte ich los, doch meine tauben Beine wollten nach links, ich aber eigentlich nach rechts mit dem Resultat, dass ich in eine Absperrung rannte. Dieses Malheur kostete mich einen blutigen und mit Blut unterlaufenen Zehen. Das war jetzt für das anstehende Radfahren und Laufen auch nicht gerade förderlich.


Naja, wenigstens habe ich das Schwimmen hinter mir. Jetzt kommt meine stärkste Disziplin: Radfahren. Ich suchte meinen Bag, zog mich im Wechselzelt um, doch das dauerte extrem lange, da ich kaum aus dem Neopren kam. Als ich dieses mühsame Prozedere endlich überstanden hatte, packte ich mein Rad und fuhr Richtung Flüela. Die ersten 2 km waren flach, dass nutzte ich zum Verpflegen. Dann ging's hoch. Weit vor mir sah ich einen Konkurrenten. Das motivierte mich, noch mehr in die Pedalen zu stehen. Ich spürte jeden Pulsschlag in meinem verletzten Zehen. Ich konzentrierte mich aber nur nach vorne und schon war der Konkurrent eingeholt. Die Beine machten mit. Nach der nächsten Kurve sah ich ca. 500 vor mir wieder einen Konkurrenten. Auch diesen galt es zu überholen. Es machte Spass, ich hatte Freude und war sehr motiviert. Mit diesem Power konnte ich über 10 Athleten überholen; ich war im Element. Und auf einmal war ich schon oben auf dem Flüela-Pass.


Ich drehte beim Wendepunkt um und freute ich auf die kühle Abfahrt. Ich nutzte die Zeit um mich nochmals zu verpflegen und drehte die Beine immer locker mit, damit die Muskeln nicht auskühlten. Und schon war ich in der Wechselzone. Diesmal wollte ich es besser machen, was mir auch gelang. Ich rannte motiviert aus der Wechselzone und wusste, es sind «nur» noch 10 km; das packe ich! Meine Frau feuerte mich an; das motivierte mich noch mehr. Aufgeben? Niemals, das war keine Option für mich.


Der Zehe schmerzte immer mehr. Ich sinnierte, es kann doch nicht sein, dass mich ein Zehe von meinem Ziel abhalten kann beziehungsweise dass ich mich durch einen blutigen Zehen von meinem Ziel ablenken lasse. Ich versuchte, meinen Schmerz auszublenden und teilte meinen Lauf in drei Teilstücke ein. Das erste Teilstück hatte ich erreicht und ich sah 300 Meter vor mir einen Athleten. Ich wollte diesen einholen und war somit abgelenkt. Am Ende des zweiten Teilstücks hatte ich ihn überholt. So, jetzt noch das letzte Teilstück und die Sache ist gelaufen. Es ging hinauf. Ich sah wieder einen Athleten vor mir und sein Laufstil wirkte nicht mehr sehr frisch. So, den hole ich auch noch ein, dachte ich mir. Nach ein paar Minuten war ich ihm an den Fersen. Jetzt überholen oder erst später? Natürlich jetzt. Gesagt getan. Ich habe mir zum Ziel gesetzt, dass mich dieser Athlet nicht mehr überholt bis ins Ziel! Es ging jetzt nur noch 2 km, alles bergab. Der Schuh drückte auf meinen Zehen. O.k, zwei km nochmals beissen, den Schmerz ertragen und die Sache ist gelaufen. Das lasse ich mir nicht nehmen. So pushte ich noch die letzten 2 km und merkte, dass der Kollege hinter mir versuchte, mich zu überholen. Ich spurtete ins Ziel und stoppte meine Uhr. 3 Stunden 15 min! Das bedeutete in meiner Kat. Rang 16 von 28, wovon nur 21 ins Ziel kamen.


Ich genoss den Moment und dankte Dir in meinen Gedanken, dass Du mir mit Deinem Schwimmcoaching das ermöglicht hast. Danke Walti! Grossartig. Mein Triathlon-Gen hat es zwar nicht geweckt in mir, doch mein erster wird bestimmt nicht mein letzter Triathlon gewesen sein.



Ich konnte im Verlauf meiner Tätigkeit als Sportlehrer viele Kinder und Jugendliche für Bewegung, Spiel und Sport begeistern. Dass mir dies in meinem «hohen Alter» nochmals mit zwei Triathleten vergönnt war, freut mich sehr!


Zurück zum Waldschlupf. Ich wurde tatsächlich immer etwas älter, zusehends etwas mutiger und immer etwas unternehmungslustiger, nicht immer zur Freude meiner Eltern …
Auf Schulwegen – und auf Abwegen
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6.  Auf Schulwegen – und auf Abwegen

Viele Kinder erfahren leider nicht mehr, was man auf einem Schulweg erleben kann. Während meiner Schulzeit war es glücklicherweise anders. Da gab es noch vieles zu entdecken. Es fanden geheimnisvolle Gespräche mit anderen Schulkindern statt, ab und zu wurde gemunkelt aber auch gestritten. Zudem war dies ein natürlicher Beitrag für unsere körperliche Fitness. Ab und zu geriet ich auf meinen Schulwegen – gewollt oder ungewollt – auch auf Abwege. Es waren nicht nur gerade, sondern manchmal auch «krumme» Wege!



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107: Auf krummen und geraden Schulwegen, sogar durch den Friedhof.

Häufig werden Kinder von besorgten Eltern mit grossen Autos zur Schule chauffiert und dort wieder abgeholt. Solchen Kindern bleiben viele schöne Erlebnisse und Erfahrungen verwehrt. Schade!

 

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108: Im Kindertaxi anstatt zu Fuss auf dem Schulweg – eine verpasset Chance!

Für uns Kinder war damals der lange Schulweg zu Fuss selbstverständlich, bei jedem Wetter. Und wenn ich an diese Zeit zurückdenke, dann sprudelt es nur so von Erinnerungen und kleinen Abenteuern. Ich begebe mich nun auf diesen Schulweg-Streifzug, halte ab und zu an bestimmten Stellen oder Gebäuden an, mache grössere und kleinere Zeitsprünge, und beginne zu erzählen …

Bevor wir am Morgen den Waldschlupf verliessen und uns auf den Schulweg begaben, kontrollierte unsere Mutter noch einmal, ob wir wirklich alles im «Schulthek» eingepackt hatten. Sie stand jeweils unter der Türe und winkte uns so lange zu, bis wir sie nicht mehr sehen konnten. Dann ging sie wieder zurück zur Arbeit im Haushalt. Tag für Tag hat sie für unsere Familie gelebt und für uns gesorgt. Ihr Leben im alten Waldschlupf war unter einfachsten Bedingungen mit harter Arbeit ausgefüllt. Das Haushaltsbudget konnte sie mit zusätzlichen Arbeiten aufbessern, denn der Lohn des Vaters war bescheiden. Sie beschenkte uns mit viel Liebe. Die Fürsorge war unbeschreiblich. Ich hielt dies anlässlich ihres Todes in einem Gedicht Muetter, bisch e Gueti gsi fest. Ein Auszug daraus:


s’Läbe lang hesch du für öis,
gschaffet, kocht und gflickt;
hesch amigs gfrogt: «git’s öppis Nöis?»
üs denn zum Poschte gschickt.
 
wie eifach hesch du müesse düre,
im Waldschlupf unde –  ganz elei;
hesch amigs gwinkt under de Türe,
und härzlich grüeft: «chum weder hei!»


109 Muetter, bisch e gute gsi! (Auszug aus meinem Gedicht zum Tod meiner Mutter).


Mein anstrengendstes Wegstück auf dem Schulweg war entweder am Obergärtnerhaus vorbei den Zick-Zack-Kiesweg hoch oder den steilen Schlüsselrain hinauf bis zum Schlüssel.


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110: Rechts vom Schlossgraben befindet sich der steile Schlüsselrain.


Auf der Anhöhe des Schlüssels wohnte die Familie Tresch. Mit Hans, wir nannten ihn Hänsu, ging ich einige Jahre zur Schule und somit waren wir auch oft gemeinsam auf dem Schulweg. Ich stand jeweils vor dem Haus und pfiff hinauf, denn ich wollte Herrn Tresch nicht durch die Hausklingel beim Mittagsschlaf stören. Kaum war mein Pfeiffsignal verklungen, öffnete Frau Tresch das Fenster der Gaube oben im dritten Stock und rief kurz und laut: «De Hänsu chund grad!» Und schon war das Fenster wieder zu.
 

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112: Der Schlüssel war früher eine Wirtschaft mit einer Brauerei.

Der Schlüssel soll dereinst ein Gasthaus gewesen sein, es soll sogar eine Brauerei gegeben haben. Dies ist heute noch gut erkennbar, denn den Keller des Schlüssels ziert ein wunderschön gewölbter Raum. Frau Adelheid Page hatte damals dieses Gebäude gekauft. Wirtschaft und Brauerei wurden danach aufgegeben. Ob Frau Page wohl durch das laute Treiben im und um den damaligen Schlüssel – unmittelbar vor der Einfahrt in ihre Ulmenallee –  gestört wurde?



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112a: Im Haus zum Schlüssel wohnte Familie Tresch.
 

Nachdem Hänsu endlich die steile Holztreppe hinunter gestiegen war, begann unser Schulweg der Adelheid Page-Strasse entlang Richtung Zugerstrasse.



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113: Die Tafel Adelheid Page-Strasse weist den Weg zum Schloss St. Andreas.

Unlängst erzählte mir Hans Tresch am Telefon von einem Erlebnis mit dem Obergärtner Ast, an das auch er sich nach so langer Zeit noch gut erinnert: «Wir haben einmal auf dem Platz vor unserem Haus Fussball gespielt. Ab und zu schoss der Ball in eine ungewünschte Richtung. Wenn er über den Ritter-Hag flog, mussten wir zuerst abklären, ob nicht der gefürchtete Boxerhund irgendwo hinter den Bäumen lauerte. Erst als wir ganz sicher waren, dass dies nicht der Fall war, wagten wir uns über den Hag und holten den Ball zurück. Einmal jedoch flog der Ball auf der anderen Seite unseres Spielfeldes über den Stechpalmenhag in den Schlossgraben hinunter. Nun war es schwieriger, denn genau in diesem unglücklichen Moment hat Herr Ast den Vorfall bemerkt und den Ball gleich beschlagnahmt. Diesen Ball sahen wir nie wieder.»

Hänsu und ich schlenderten oft am Bauernhof von Klemenz Holzgang vorbei. Wir nannten ihn nur Chlemi. Wir fürchteten ihn, wenn wir ihm auf der Strasse begegneten, denn er vergass keinen unserer vielen Bubenstreiche! Trotzdem konnten wir in unserer Kinderzeit bei ihm während der Erntezeit auch ab und zu ein kleines Sackgeld verdienen. Es galt in kurzer Zeit möglichst viele Äpfel, Birnen oder Nüsse einzusammeln. Dies alles auf der Wiese wo sich heute das Schulareal Städtli befindet und wo ich 16 Jahre später als Turnlehrer tätig war. Für einen gefüllten Korb Äpfel oder Birnen gab es zehn Rappen, für einen prall gefüllten Eisenkorb mit Nüssen 50 Rappen. Frau Holzgang führte exakt Buch über die geleistete Arbeit, und beim anschliessenden Zobig mit Most und Brot war jeweils Zahltag! Manchmal durften wir sogar beim Mosten dabei sein und Süssmost direkt ab Presse kosten.

Bauer Holzgang hatte nur wenige Kühe. Er besorgte alle Arbeiten von Hand allein und mit Hilfe seines Pferdes. Dieses Pferd zog seinen Heuwagen und die einfache mechanische Mähmaschine.


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114: Mit einer solchen Mähmaschine hat Klemenz Holzgang seine Wiesen gemäht.
 

Auf der unteren Seite der Adelheid Page-Strasse stand seine alte Scheune. Die hatten wir oft heimgesucht und bis ins Detail erkundet, aber nur dann, wenn der Chlemi nicht in der Gegend war. Gleich nach der Eisenbahnbrücke auf der linken Seite stand sein altes Bauernriegelhaus. Und dort steht es heute noch, aber prachtvoll renoviert.


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115: Das wunderschön renovierte Bauernhaus Holzgang.

Auf der Eisenbahnbrücke beobachteten wir häufig die vorbeibrausenden Züge. Ganz speziell erfreuten wir uns, wenn genau in diesem Moment der Rote Pfeil unten durchbrauste. Dieser spezielle Zug wäre heutzutage wohl am ehesten zu vergleichen mit einem TGV. Noch spüre ich den kräftigen Fahrtwind. 


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116: Das Eisenbahn-Schutzgitter zur Sicherheit; früher war es hier ohne Abschrankung sehr gefährlich.


Heute sind die möglichen Gefahrenstellen beim Bahnübergang zum Glück mit hohen Gittern gesichert. Damals war es nämlich ohne weiteres möglich, über den alten rostigen Zaun zu klettern. Es war eine sehr gefährliche Stelle. Der rote Blitz als Warnzeichen auf dem gelbem Emailschild mit der Aufschrift Lebensgefahr beim Berühren der Leitungen machte uns keinen Eindruck. Wir kletterten ab und zu das steile Bord hinunter zum Geleise und legten einen kleinen Stein oder eine Münze auf die Schiene. Oder wir warfen einen kleinen Gegenstand von der Brücke auf den fahrenden Zug, sind dann aber jeweils «was gisch was hesch» davongerannt!


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117: Das Schild hat uns zwar gewarnt, aber nicht abgehalten, Unerlaubtes zu wagen.

An dieser Stelle habe doch tatsächlich, so hatte man uns jedenfalls erzählt, der Sohn des Schlosschauffeurs Stuber auf die elektrische Leitung der Eisenbahn hinuntergepinkelt, worauf es ihn weggeschleudert haben soll. Wir hätten es jedenfalls nie gewagt!
 

Solch kleine Begebenheiten belebten unseren langen Schulweg bereits schon zu Beginn. Das Ende der Adelheid-Page-Strasse mündete nach etwa 200 Metern in die Zugerstrasse. Der Verkehr war damals noch kein Problem. Das Überqueren der Strassen war überall möglich. Zebrastreifen gab es erst an vereinzelten Stellen.


Die Zugerstrasse ist auch heute noch die Hauptverbindung von Zug Richtung Luzern und führt mitten durch die Stadt Cham, in Verkehrs-Spitzenzeiten mit stehenden Autokolonnen, zum Ärgernis aller Beteiligten. Autofahrer, die heute in der Rush-hour durch Cham fahren, dürften von den damaligen verkehrsarmen Zeiten nur träumen!
 

Auch bei den eher ruhigeren Verkehrsverhältnissen gab es ab und zu kleinere und grössere Unfälle. Genau an der Stelle, wo die Adelheid-Page-Strasse in die Zugerstrasse mündet, hatte Frau von Schulthess einmal grosses Pech. Sie fuhr in den späten Nachmittagsstunden auf der Zugerstrasse Richtung Cham. Zu dieser Tageszeit blendet den von Zug herfahrenden Autolenkern die Sonne direkt ins Gesicht. Das war für Frau von Schulthess verhängnisvoll. Sie übersah beim Einbiegen in die Adelheid-Page-Strasse einen entgegenkommenden Autofahrer, und es kam zum Zusammenprall. Ich war zufällig in der Nähe. In kürzester Zeit gab es einen grossen Auflauf von Schaulustigen. Niemand wusste recht, was passiert war. Nur eines fuschelten alle hinter vorgehaltener Hand: «Frau von Schulthess vom Schloss hatte einen Unfall!» Wie mir das leid tat! Bald darauf erschien Herr von Schulthess auf der Unfallstelle. Er tröstete seine Frau liebevoll und sorgte dafür, dass alles Nötige möglichst schnell seinen Gang nahm. Wie und was genau passiert war, weiss ich nicht mehr. Dies war meines Wissens der einzige Unfall mit der Autonummer ZG 104. Das Nummernschild hängt jetzt am Auto der jungen Schlossherrin.

Es war nicht der einzige Unfall an dieser verkehrskritischen Stelle. Wenige Meter entfernt Richtung Cham, beim Fussgängerübergang zum damaligen Haus Stocker, wurde mein Vater von einem Autofahrer angefahren und schwer verletzt. Es gab damals, wie schon erwähnt, im Chamer Dorf erst wenige Zebrastreifen, welche den Fussgängern Sicherheit geben sollten. Wer meinen Vater kannte wusste, dass er einer derjenigen war, der auf solche «Sicherheits-Wege» blindlings vertraute. So schaute er wahrscheinlich weder links noch rechts, sondern begab sich einfach über die Strasse. Doch dann wurde er unglücklicherweise von einem Auto erfasst und weit weggeschleudert. Ich habe von diesem Unglück erst erfahren, als ich spät am Abend des Unfalls von der Lehramtsschule aus Luzern nach Hause kam. Meine Mutter und meine Schwestern sassen weinend am Küchentisch, doch ich hatte noch keine Ahnung weshalb. Sie schilderten mir, was passiert war: «Baba ist verunfallt und wird im Spital in diesem Moment operiert.» Zum Glück hatte er die Operation gut überstanden und sich wieder erholt.


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118: Baba war an Trudis Hochzeitsapéro im Krankenbett anstatt im Schloss St. Andreas.

Leider konnte er am Hochzeitsfest meiner ältesten Schwester Gertrude nicht dabei sein. Der Hochzeitsapéro wurde deshalb im Krankenzimmer des Spitals Cham serviert. Sein gebrochenes Bein blieb trotz operativem Eingriff Zeit seines Lebens krumm, aber es trug ihn noch viele Jahre.


Manchmal ergeben sich durch solche Unfälle auch besondere Zufälle. Der Fahrer, welcher meinen Vater verletzt hatte und seine ganze Familie zeigten sich nach dem Unfall sehr besorgt. Eine Tochter dieser Familie wurde nachher sogar eine langjährige Freundin meiner Schwester Rita.

Zurück zu unserem Schulweg. Schon bald trafen wir auf unserem Weg weitere Klassenkameraden an, bis wir dann nach rund einem halbstündigen Schulweg via Lorzenbrücke, Bärenplatz, am Haushaltwarenladen Locher, dem Teppichhaus Gärtner und der alten Turnhalle vorbei, endlich im Schulhaus Kirchbühl ankamen.


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119: Der Bärenplatz, Dreh- und Angelpunkt im Dorf Cham, damals wie heute.

Die alte Turnhalle war wochentags mehrheitlich besetzt durch den ETV Cham. Dem KTV, der erst nach langen und zähen politischen Verhandlungen gegründet werden konnte, wurde lediglich der Samstagabend zu Trainingszwecken zur Verfügung gestellt. Unvergesslich in dieser Halle war der spektakuläre und nicht ungefährliche Rundlauf. Ich erinnere mich gerne an meine ersten Turnstunden in dieser Hall während der Primarschule. In diesen Räumen unterrichtete ich später als erster Chamer Turnlehrer.


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120: Die alte Turnhalle – mein erster Arbeitsplatz als Chomer Turnlehrer.

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(Einschub im Frühling 2019):
Auf wirklichen «Abwegen» befand ich mich als kleiner Bub in der neuen Chomer Migros beim «Einkaufen». Milch und Käse gab es beim Milcher Vogel; Fleisch beim Metzger Hörler; Brot beim Bäcker Greber oder Troxler; Zucker und Öl beim Denner. Ab Januar 1952 bot der erste Chomer MIGROS all dies und vieles mehr unter einem Dach an. Es war eine Sensation für Chom: Ein Selbstbedienungsladen! Bei einem ersten Einkauf mit meiner Mutter lernte ich dieses neue System kennen: Eigenhändig Waren vom Regal nehmen, in den Einkaufskorb legen, sich an der Kasse anstellen, die gewählten Lebensmittel auf den Tisch legen und bei der Kassieren bezahlen. Kaufte man nichts, war es möglich, nach dem Gang durch die Regale ungehindert die Kasse zu passieren und den Laden zu verlassen.

Dieser neue, selbständige und unbeaufsichtigt mögliche Einkauf weckte in mir einen Plan, dieses Unbeobachtetsein ausnützen zu können. Deshalb betrat ich eines Tages mutig aber auch etwas unsicher allein den MIGROS-Laden, nahm einen Einkaufskorb und begab mich zum hintersten Gestell bei den Süssigkeiten. Das ungewohnt grosse Angebot erschwerte unerwarteterweise meine Auswahl und liess mich deshalb mehrmals um die besagten Regale schleichen, was natürlich dem Personal aufgefallen sein musste. Endlich eine Wahl getroffen steckte ich mir kurzentschlossen ein kleines, aus meiner Sicht unauffälliges flaches Päckchen in den V-Ausschnitt meines ganz neuen Pullovers.


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120a: Endstation Kasse; hier wurde ich «gefasst» und überführt.
(Foto: MGB-Archiv, MGB-GB 1953, S. 44).

Zaghaft, doch mit gespielt sicherer Miene eines täglichen Kunden, begab ich mich zur Kasse, deponierte den leeren Einkaufskorb und sagte mutig zur Kassierin: «Ich habe nichts gekauft!» Mit forschem Blick musterte sie mich und fragte: «Was steckt denn in deinem Pullover?» Überrascht und erschrocken nahm ich sofort die Bonbons hervor und streckte sie dem Fräulein bereitwillig entgegen. Bezahlen hätte ich es ohnehin nicht gekonnt, denn Geld dafür hatte ich keines.

Getrieben durch ein schlechtes Gewissen war es nun meine Absicht, möglichst schnell den Laden zu verlassen. Zu spät! Breitbeinig versperrte mir Herr Wetli, der Filialleiter, den Ausgang. Er packte mich unsanft am Kragen und führte mich zum Verhör in den dunklen Lagerraum. Dort erkundigte er sich nach meinen Personalien. Eingeschüchtert gab ich in dieser ungemütlichen Notlage sowohl einen falschen Namen als auch eine falsche Adresse an. Herr Wetli glaubte mir und liess mich laufen.

Mit hochrotem Kopf und gequält durch ein schlechtes Gewissen rannte ich nach Hause. Auf dem Heimweg begegnete ich zufällig einem Schulkollegen, der auf der Adelheid Page Strasse Fussball spielte. Ich erzählte ihm von meinem abenteuerlichen Zwischenfall in der neuen MIGROS. Doch er glaubte meinen Schilderungen nicht, lachte mich nur verächtlich aus und «tschuttete» weiter.

Die unguten Gefühle verfolgten mich noch lange. Umso mehr, als ich kurze Zeit nach meinem Diebstahl mit Schrecken feststellte, dass der Filialleiter Wetli im Schlosshof wohnte, also direkt an meinem Schulweg der Adelheid Page Strasse! Um einer möglichen unangenehmen Begegnung mit ihm auszuweichen, wählte ich über längere Zeit den Umweg via Hirsgarten, um ihm ja nicht in die Hände zu laufen.

Wenn ich heute in einem Selbstbedienungsladen vor einem mit Süssigkeiten gefüllten Regal stehe, dann kommt mir oft mein MIGROS-Abenteuer wieder in den Sinn, aber es fällt mir leicht, diesen Verlockungen zu widerstehen.

Nach diesem Vorfall versuchte ich, mich in der Schule möglichst nicht zu verraten, denn bis jetzt kannte nur einer mein Geheimnis. Der Unterricht in den Zimmern des altehrwürdigen Schulhauses Kirchbühl konnte beginnen, doch meine Gedanken blieben oft noch lange bei Erlebnissen auf unserem abenteuerlichen Schulweg, insbesondere an meine Migros-Geschichte.

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Zurück zu den Schulwegen meiner Schulzeit! Zuerst galt es, ins Kirchbühl Schulhaus zu gelangen, ohne vom «Pudel», dem damaligen Hauswart, wegen irgendeines Vergehens auf dem Pausenplatz herausgepickt zu werden. Stets trug er einen blau-grauen, leicht verblichenen Arbeitskittel. Seine Miene war immer ernst, sein Blick nie geradeaus gerichtet, sondern stets leicht irritierend schräg nach oben, weil eines seiner Augen krank war. Wir glaubten immer, er würde uns nicht beobachten, wenn wir irgend etwas Unerlaubtes taten, was jedoch ab und zu passierte.


Einmal habe ich ihn während einer Pause mit einem kleinen Spiegel, ähnlich wie es heutzutage mit Lasergeräten gemacht wird, mitten ins Gesicht geblendet. Ich glaubte, er schaue in eine andere Richtung. Danach klingelte die Schulhausglocke, was bedeutete: Sofort alle in Zweierkolonnen vor der Haupttüre aufstellen. Pudel stand dann jeweils mitten im Eingang breitbeinig da, die Hände seitlich in den Hüften aufgestützt. Niemand durfte hinein, bis er sich zur Seite stellte und somit den Durchgang frei gab. Jetzt marschierte zuerst die erste Klasse, dann die zweite schön geordnet durch den Haupteingang bis zum jeweiligen Schulzimmer. Danach waren wir an der Reihe. Unsere Zweierkolonne bewegte sich langsam die Schulhaustreppe hoch. «Hat er mich nicht doch gesehen hatte, als ich ihn blendete?» haderte ich. Mein Puls stieg an, mein Gesicht rötete sich. Ich blickte beim Eintreten ins Schulhaus den Pudel absichtlich nicht an. Und schon packte er mich unzimperlich am Kragen, zerrte mich aus der Kolonne und dann folgte ein Riesendonnerwetter, vor all meinen Schulkameraden. Er liess mich nach bangen Minuten dann endlich wieder los und ich eilte meiner Klassenkameraden nach.


Er war jedoch nicht nachtragend, denn als ich einmal beim Herumtoben im Klassenzimmer von einer Holzkante einen grossen Holzspahn im Finger eingefangen hatte und weinend zu ihm kam, nahm er eine Pinzette und stocherte, wieder mit seinem schrägen Blick, zwar etwas grob, aber dennoch liebevoll an meinem Daumennagel herum. Als er den Spahn nicht entfernen konnte, schickte er mich zu Doktor Jung in der nahe gelegenen Hünenbergerstrasse. Diesem gelang es dann, den Spahn herauszuziehen, aber weh tat es auch beim Fachmann.



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121: Doktor Jung war unser Hausarzt. Er kannte unsere ganze Familie sehr gut.

Geschmerzt hatte es schon früher einmal beim Doktor Jung, denn im Winter 1955 traf ich als 10jähriger Lausbub beim Holzspalten mit dem Beil anstatt das Holzscheit meine linke Hand. Mit einem Angstschrei und einer klaffenden blutenden Wunde rannte ich zur Mutter!

Als Bub schaute ich oft zu, wie mein Vater grobe Holzscheite mit einem scharf geschliffenen Beil und gezielten Schlägen in Stücke spaltete. Gekonnt teilte er sogar kleine Stücke in feine Späne, welche meine Mutter zum Anfeuern des Kochherdes benötigte. Fasziniert beobachtete ich die meisterhafte Technik meines Vaters. «Das kann ich doch auch!» dachte ich kühn, obwohl mein Vater mir dies aus verständlichen Gründen nicht erlaubte zu tun. Es sei zu gefährlich für Kinder, argumentierte er.
 

An einem eiskalten Samstagnachmittag – mein Vater war anderswo beschäftigt – zog ich trotz seiner eindringlichen Warnung den schweren Spaltbock hinter dem Schopf hervor und holte das Beil aus dem Versteck. Ich stellte ein mittelgrosses Holzscheit auf den Spaltbock, fixierte es mit der linken Hand, genau wie es mein Vater immer tat. Dann hob ich das Beil und schlug zu. Es kam, wie es kommen musste. Anstatt das Holzscheit in der Mitte zu treffen, schlug ich mit dem scharfen Beil auf meine linke Hand. Erschrocken realisierte ich, dass der wollene Handschuh durchtrennt war und sich darunter eine offene Wunde zeigte. Erst nur ein weisser Schnitt, doch schon kurz darauf schoss Blut über die ganze Hand. Heulend und in grosser Angst rannte ich zur Mutter, die in der Küche hantierte. Sie reagierte sofort, band meine Hand notdürftig nur mit einem Tuch ein und eiligst machten wir uns mit zügigen Schritten auf den langen Weg zum Arzt: vom Waldschlupf hinauf über den Schlüsselrain, hinab zum Hirsgarten, über die Lorzebrücke, ohne ein Wort zu sagen mitten durch den Friedhof, über den Kirchplatz, quer über den Rabenplatz, weiter Richtung Hünenbergerstrasse, entlang der hohen Gartenmauer mit den hohen Kastanienbäumen auf dem Grundstück von Dr. Jung bis endlich zum grossen Garteneingangstor.

Beim Dr. Jung war es nicht möglich, sich für eine Behandlung anzumelden. Man ging auf gut Glück hin und musste deshalb meist geduldig im Wartezimmer warten, bis man an der Reihe war. Dannzumal hatten wir zudem im Waldschlupf auch gar kein Telefon. Deshalb beschäftigte uns in dieser Notlage die bange Frage, ob er sich an diesem Samstagnachmittag überhaupt in der Praxis aufhalten würde. Wir hatten Glück, das grosse Eisentor zur Praxis stand offen, sein alter grosser Auburn – schon damals ein ganz spezielles Auto – stand vor der Garage, was wir als hoffnungsvolles Zeichen interpretierten.


Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis nach dem Klingeln die grosse Holztüre geöffnet wurde. Dr. Jung, in gewohnter Erscheinung mit offenem weissen Doktormantel und mit einem Stumpen im Mund, begrüsste uns. Er erkannte unsere Not im verzweifelten Blick meiner Mutter und meinem schmerzhaften Weinen und bat uns unverzüglich herein. Meine Mutter und ich folgten ihm bereitwillig mit zügigen Schritten den langen dunklen Gang entlang, vorbei am Wartezimmer, wo es die heissgeliebten Globibücher gab und direkt in sein Behandlungszimmer. Noch erinnere ich mich an diesen Moment und an den für mich damals alt erscheinenden Mann mit seinem offenen, weissen Mantel und höre seine «rauchige» Stimme. Doch diesmal gab's kein Globibuch; die Lage war zu ernst.



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121a/b/c: Die vielen Globi-Bilder-Bücher in der Ecke des grossen Wartezimmers machten den «Besuch» und das oft lange Warten beim Doktor Jung etwas erträglicher!



Die Operation an meiner linken Hand dauerte längere Zeit und Dr. Jung steckte sich derweil eine Zigarette an. Mit dieser im Mund operierte er weiter. Ich beobachtete, wie die Asche an seiner Zigarettenspitze immer länger wurde. Das kümmerte mich in meiner Not wenig, aber als mir plötzlich ein Stück Zigarettenasche knapp neben der offenen Wunde auf meine Hand fiel, wurde es mir ungemütlich. Doch Dr. Jung blies die Aschereste in aller Ruhe weg, wie wenn nichts passiert wäre, und operierte weiter. Was für meine Mutter und mich schlussendlich zählte war, dass er gut operierte und ich grosses Glück hatte, dass die wichtige Sehne des Zeigefingers durch meinen Beilschlag nur angeschnitten und nicht ganz durchgetrennt war. Erleichtert nach zwei intensiven Stunden beim «Helfer in der Not» begaben wir uns wieder auf den Heimweg. Der vorwurfsvolle beinahe unwirsche Kurzkommentar meines Vaters, der inzwischen auch wieder zu Hause war, lautete: «Gsehsch jetz; ech ha der’s jo gseid!»


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122: Die Narbe des Beil-Fehlschlages an meiner linken Hand ist immer noch zu sehen.

Es ist kaum vorstellbar, dass es vor rund 60 Jahren in Cham lediglich drei Ärzte gab, nämlich ab ca. 1933 Dr. Jung, etwa ab der gleichen Zeit Dr. Spiller. Mitten im zweiten Weltkrieg im Jahr 1943 eröffnete Dr. Meyer seine Praxis im Sonnhof. Wenig später folgte Dr. Gaus und wieder einige Jahre später Dr. Kaufmann, der mich in meiner Jugendzeit bei Sportverletzungen oft «verarztete». Und heute praktizieren in Cham 66 Ärzte in verschiedensten Fachbereichen.

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(Einschub vom 14. September 2019)
Plötzlich war der Name Dr. Jung in Cham wieder in aller Munde. Seine Tochter Clairelise schrieb ein zumindest für viele Chamerinnen und Chamer beeindruckendes Buch. Mehr noch: Der Inhalt des Buches wurde am 7. September 2019 in Cham als Musiktheater uraufgeführt. Ich durfte das feine Musical in der vordersten Reihe im Steirereck, dem damaligen Restaurant Kreuz, in der vordersten Reihe erleben. Dies veranlasste mich, für die Zuger Presse folgenden Zeitungsbericht zu verfassen:

Adieu Klärli
Zwei aus Cham «Ausgewanderte» – eine am Bielersee und einer am Bodensee – trafen sich im vergangenen Sommer und freuten sich auf ein geplantes Ereignis in Cham, doch leider …

Die Inszenierung von «Klärli und der belgische Pilot» vom Freitag, 7. September im «Steirereck», dem ehemaligen Restaurant Kreuz, war ein voller Erfolg. Mit einfachsten Mitteln, aber mit höchster Qualität spürten drei Personen mit Wort und feiner Musik dem Leben von Klärli, der Frau des legendären Chomer Arztes Dr. Jung nach.


Dr. Jung – beinahe eine Chomer Legende!
Vielen Chamerinnen und Chamern ist der ehemalige Hausarzt Dr. Jung noch in bester Erinnerung. Er war mit Dr. Spiller, Dr. Meyer und Dr. Gaus einer der ersten Ärzte in Cham. Mit seiner Familie wohnte er an der Hünenbergerstrasse in einer alten Villa, die damals von Georg Page, dem «Gründer der Nestlé», gebaut wurde. In dieser Villa befand sich auch seine Praxis.


Die Mehrheit der rund 120 Besucherinnen und Besucher der Vorpremiere hatte einen Bezug zur Doktor-Jung-Familie, sei es als Patient, als Verwandte, Bekannte oder aus der Lektüre des spannenden Buches «Sei lieb mit Klärli». Clairelise Montani-Jung, die älteste Tochter von Dr. Jung, hat es geschrieben, nachdem sie eine Schatulle mit vielen erschütternden Dokumenten und Briefen ihrer Mutter gefunden hatte.

 
Er war für unsere Familie und für viele andere der Chomer Hausarzt
In meinem Buch «Start ins Leben im Schlosspark St. Andreas» erzähle ich von einem unvergesslichen, aber auch schmerzhaften Erlebnis mit Dr. Jung (S. 73 ff.). Als kleiner Bub hackte ich im Winter 1952 an einem Samstagnachmittag mit einem Holzbeil in meine linke Hand. Meine Mutter verband notfallmässig die tiefe, klaffende Wunde mit einem Tuch und eilte mit mir vom Waldschlupf, unserem alten Bauernhaus im Schlosspark St. Andreas, zur Praxis von Dr. Jung. Er war zufällig zu Hause und bereit, meine Wunde zu operieren. Dabei rauchte er eine Zigarette nach der andern. Einmal fiel ihm sogar ein Aschenrest auf meine Hand, doch diese blies er in aller Ruhe weg. Die Narbe an meiner linken Hand erinnert mich immer wieder an diesen Schreckensmoment.


Zwei Chomer Buchautoren lernen sich kennen
Durch Zufall erfuhr ich vor zwei Jahren, dass die Tochter von Dr. Jung, Frau Clairelise Montani auch ein Chomer Buch geschrieben hat. Ich suchte ihre Adresse und sehr schnell ergab sich ein herzlicher Gedankenaustausch mit sehr vielen gemeinsamen Chomer Erinnerungen, natürlich speziell im Zusammenhang mit ihrem Vater Dr. Jung. Wir schenkten uns gegenseitig unsere Chomer Bücher, schrieben uns dann oft, bis es schliesslich zu einem gastfreundlichen, gemütlichen Treffen in Biel kam. Mit meiner Schwester Rita, die inzwischen auch mit Clairelise Kontakt geknüpft hatte, besuchten wir Klärli – so sollten wir sie in Zukunft ansprechen – in ihrem zu Hause in Biel. Es kam zu einem erlebnisreichen Austausch von schönen, aber auch traurigen Chomer Erinnerungen.
 

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122a: Clairelise Montani und Walter Bucher schenkten sich gegenseitig ihre Chomer Bücher.


Niemand hätte das gedacht
Der Inhalt des Buches löste in Cham grosses Erstaunen aus, denn wirklich niemand hätte nur annähernd vermutet, was damals in dieser Arztpraxis geschah. Eine grosse Liebe, eine gemeine Intrige, eine tragische Krankheit, eine mondäne Ehe, die vom Traum zum Alptraum wird - und zuletzt ein Happy End mit exotischem Kolorit: Stoff für einen epischen Liebesroman. Mit einem Unterschied: Diese Geschichte ist wahr. Voller Feinfühligkeit und Sprachtalent erzählt Clairelise Montani die Lebensgeschichte ihrer Mutter, Klärli Jung-Locher aus Cham. Ihre Erzählung basiert auf ihren Erinnerungen an ihre Kindheit im berühmten "Cottage" in Cham, Interviews mit Familienmitgliedern und Zeitzeugen und vor allem auf Briefen, die ihre Mutter bis zu ihrem Tod niemandem gezeigt hat. Das Buch enthüllt Abgründiges über den heiss geliebten Vater der Autorin, den charmanten, angesehenen Dr. Emil Jung aus Cham. Dinge, die wohl niemand, der ihn kannte, für möglich gehalten hätte - genauso wenig wie die geheime Vorgeschichte dieser nach aussen vorbildlich scheinenden Ehe. Eine Achterbahnfahrt der Gefühle.


Vom Klärli-Buch zum Musiktheater
Eines Tages verriet uns Clairelise Montani, dass ihre Tochter Cornelia mit dem Inhalt des Buches «Sei lieb mit Klärli» ein Musiktheater schreibe mit dem Titel «Klärli und der belgische Pilot». In diesem Theaterprojekt würden erzählend, musizierend und spielend drei Personen dem ereignisreichen Leben ihrer Familie nachspüren, von dem damals niemand im Dorf etwas ahnte. Dank der Unterstützung des Ur-Chamers Guschti Sidler und von Cham Tourismus sollte dieses Musiktheater auch in Cham aufgeführt werden. Bereits im Frühling 2019 stand die Planung für mehrere Vorführungen mit einer Vorpremiere am 7. September in der «Steirereck», dem «alten Kreuz» in Cham, fest.

Die Steirerereck – das alte Restaurant Kreuz
Das «Kreuz» war in meiner Kinder- und Jugendzeit ein wichtiger Treffpunkt: Gesellentheater, Laurel und Hardy-Filmvorführungen für Kinder, Jungwachtanlässe, Maskenbällle – einer mit schönen Folgen (siehe Videofilm in meinem Buch!), Gratismilch für katholische Kinder nach den Herz-Jesu-Freitags-Frühmessen (wir mussten auf Anordnung des gestrengen Pfarrers Muff nüchtern in die Kirche gehen!), vor dem Kreuz der «Billige Jakob» mit seinem Stand am Chomer Märt (immer am gleichen Platz vor dem Eingang zum Restaurant), KTV-Turnerchränzli mit Attraktionen der verschiedenen Riegen (im Jahr 1959 sollte ich als jüngster Turner am Reck meine Übung zeigen.


Ein starker Turner hob mich ans hohe Reck, den allein wäre ich nicht hochgekommen. Ich setzte nach ruhigem Hang zum Schwunganreissen an und versuchte mit einer Kippe in den Stütz hochzuschwingen, doch ich kam nicht hinauf, patze auch beim zweiten Versuch, gab auf und stellte mich tief enttäuscht gedehmütigt und mit wässrigen Augen zuhinterst bei den älteren Turnern an; dann folgte verhaltener Applaus. Nach der Vorführung tadelte mich ein älterer Turner: «Walti, auch trotz einer verpatzten Vorführung steht ein Turner immer wieder mit erhobener Brust in strammer Achtungstellung hin!»).

 

Die langersehnte Vorpremiere – ein trauriger Moment
Auf den Tag der Vorpremiere freute ich mich sehr, denn es sollte ein erneutes Treffen geben mit meiner Schwester Rita und mit Klärli. Rita besorgte früh zwei Billete. Am 4. Juli schrieb uns Klärli in einem Mail: Ich habe inzwischen - mit viel Glück - eine Lungenembolie überstanden, "laboriere" aber immer noch an den Folgen herum. Der Arzt sagt, bis September sollte ich wieder gesund sein.

 
Leider konnte Klärli diesen Septemberabend in Cham nicht mehr miterleben, denn sie starb wenige Tage vor der Vorpremiere im Alter von 85 Jahren. In der Woche vor der Aufführung informierte mich meine Schwester mit trauriger Stimme, dass deshalb vielleicht alles abgesagt würde. Da jedoch die langfristige Planung mit mehreren Vorstellungen in der ganzen Schweiz kurzfristig nicht mehr geändert werden konnte, fand die Vorpremiere trotz dieser traurigen Tatsache statt. Der Regisseur Paul Steinmann informierte vor Beginn der Erstaufführung und bat um Verständnis, dass es, insbesondere für die Tochter Cornelia, welche die Hauptrolle spielte, möglicherweise zu emotionalen Momenten kommen könnte. Doch Cornelia kämpfte und liess sich während der ganzen Zeit (fast) nichts anmerken. Die Vorführung wurde ein voller Erfolg. Ich dufte das eindrucksvolle und originell arrangierte Musik-Theater in der vordersten Reihe erleben.

 
Frau Sarah Hübscher, Präsidentin von Cham Tourismus, dankte zum Schluss den drei Schauspielern Cornelia Montani, Joe Fenner und Daniel Schneider für ihren berührenden Auftritt und erwähnte mit ihrem typischen Schalk, dass sie die Dr. Jung-Familie leider nicht persönlich kannte, jedoch Pfarrer Muff erleben durfte … 


Soweit mein Pressebericht zum 7. September 2019. Dieses Ereignis hat mich tief bewegt. 

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Zurück in meine Schulzeit, die stark von den jeweiligen Lehrpersonen geprägt wurde. Die damalige Schul- und Klassenführung ist nicht zu vergleichen mit derjenigen von heute – zum Glück! Lehrpersonen genossen zu meiner Kinderzeit eine beinahe uneingeschränkte Autorität. Was der Lehrer oder die Lehrerin (bei Mädchen waren es oft Menzinger Schwestern) sagten, war richtig. Es wäre meinen Eltern nie in den Sinn gekommen, bei einer Lehrperson zu intervenieren, wenn irgendetwas – aus Kinder-Sicht – ungerecht oder schief gelaufen war. Wir wären in jedem Fall selber schuld gewesen, sicher nicht die Lehrperson!
 

Auch meine älteste Schwester Gertrude erinnert sich noch gut an ihre Chamer-Schulzeit. Sie ist schon sehr jung von zu Hause ausgezogen und lebt seit vielen Jahren in Amerika. In einer Mail aus San Diego hielt sie im November 2014 folgende Erinnerungen fest: «Weil ich gleich alt war wie Mungg (die Tochter von Familie von Schulthess), besuchten wir gemeinsam die ersten Schuljahre im Schulhaus Kirchbühl. Mungg hat mich jeweils gebeten, dass ich oben bei der grossen Kette beim Ausgang der Ulmenallee auf sie warte. Wir schlenderten miteinander Richtung Kirchbühl, schwatzten über vieles und tauschten auch ab und zu unsere Znünibrötli aus. Mungg hatte das mit Butter bestrichene und mit Zucker angereicherte Brot von mir lieber als ihr Spezialbrötli. Und umgekehrt war dies auch der Fall!»


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123: Hier beim Eingang zur Ulmenallee trafen sich Mungg und Trudi; dann begaben sie sich auf den langen Schulweg. 

Weitere erzählte Trudi: «Eines Nachts hatte es stark geschneit. Frau von Schulthess hatte deshalb am Morgen darauf Mungg Skihosen angezogen. Ein anderes Mädchen vom Duggeli war auch so gekleidet. Eigentlich durften die Mädchen nur in Röcken zur Schule gehen. Als die beiden Mädchen in Skihosen ins Schulzimmer traten, sah dies die Klosterschwester und war total entsetzt. Beide Mädchen mussten unverzüglich nach Hause gehen und durften erst wieder erscheinen, nachdem sie einen Rock angezogen hatten. Jahre später entschied dann die Chamer Schulkommission, dass Mädchen bei Schnee und Pflotsch auch in Skihosen zur Schule gehen durften, was aber von den konservativen Nonnen noch lange nur ungern toleriert wurde. 


Mungg und ich haben oft im Wald die wildesten Pläne ausgeheckt. An Stelle des Schlosses sollte aus unserer Sicht später einmal ein Kinderheim an derselben Stelle errichtet werden. Ironie des Schicksals: Wenig später wurde ich schwer krank, wurde ins Sanatorium Adelheid in Unterägeri gebracht und musste dort während 14 Monaten gepflegt werden.


Jeden Frühling erhielten wir vom Schloss Kleider, welche Cornelia zu klein waren. Als ich acht Jahre alt war, erhielt ich ein hübsches blaues Röcklein. Dieses durfte ich nur für den Gang zur Kirche oder für einen Spaziergang an einem Sonntag anziehen. Später trugen auch meine Schwestern Margrit und Rita und zu guter Letzt sogar meine Tochter Stefanie dieses Röcklein. Als ich bereits in Paris lebte, hatte ich noch oft Kontakt mit Mungg. Leider ist sie viel zu früh gestorben. Ich erinnere mich jedoch immer wieder gerne an diese unvergessliche Zeit.»

Die Menzinger Schwestern erscheinen in Trudi's Schilderung bezüglich Skihosenverbot für Mädchen in einem etwas schlechten Licht. Deshalb möchte ich für sie eine Lanze brechen. Sie haben sich nämlich dem Zeitgeist sehr gut angepasst. Das durfte ich erleben, als ich als erster Mann am Lehrerinnenseminar Menzingen als Turnlehrer tätig war. Noch ungefähr die Hälfte aller Lehrpersonen waren Schwestern. Sie trugen noch vereinzelt eine Schwesterntracht, doch die meisten unterrichteten in lockeren Freizeitkleidern. Die Zusammenarbeit mit den Schwestern war durchwegs angenehm, und die cleveren Rektorinnen Schwester Ingrid Hug oder Schwester Romualda Etter, die Tochter des ehemaligen Bundesrates Etter, managten den Seminarbetrieb auf überzeugende Art und Weise.
 

Zurück in meine Schulzeit. Ich erlebte verschiedene Lehrpersonen in der Primarschulzeit, angefangen bei Fräulein Meier, dann Herrn Fetz, gefolgt von Herrn Müller und Herrn Ulrich senior – der alte Kari – und dann den neuen jungen Lehrer Lichtsteiner.

Beim alten Kari durchlebte ich bange Momente, insbesondere im Fach Geografie. Geografie war am Mittwoch und am Samstag in der letzten Morgenstunde auf dem Stundenplan. Wir mussten immer und immer wieder den Kanton Luzern auswendig lernen. Regelmässig wurde am Tag vorher ins Hausaufgabenheft notiert: Geografie des Kantons Luzern, Lage, Grenzen, Grösse, Flüsse, Berge, wichtige Ortschaften. Dann musste am Tag darauf einer vor der ganzen Klasse an die Landkarte stehen und mit einem langen Stock die von Kari geforderten Ortschaften oder Flüsse zeigen. Die Reihenfolge war meistens dieselbe: Es ging nach dem Namens-Alphabet: Affentranger Peter war der erste. Da ich mit dem Buchstaben B auch recht weit oben auf der Klassenliste stand, erwischte es mich meistens auch noch kurz vor Ende der Stunde. Wie habe ich da gelitten! Da hat mich der Kari vor allen anderen Schülern geplagt. Ich war in diesem Moment der Spott der Klasse, und dies immer wieder! Wie gerne hätte ich in diesen Momenten Zemp oder Waller geheissen, um möglichst am Ende der Klassenliste zu stehen! Die Angst vor Kari bzw. vor dem Fach Geografie wurde zusehends grösser. Meine Angst benotete dann der Kari im Zeugnis mit «zu wenig Fleiss». Es war dies die tiefste Fleissnote in meiner ganzen Schulzeit.
 

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124 Schlechte Fleissnoten in der Geografie und sehr viele «Entschuldigte Absenzen»; was war wohl der Grund?

Doch ich entwickelte eine Strategie, um diesem «Psycho-Terror» auszuweichen. Ich «spielte» jeweils am Samstagmorgen den Kranken. Meine Mutter nahm es ernst, und ich musste nicht in die Schule gehen. Dies hat sich für mich aber doppelt negativ ausbezahlt. Einerseits stiegen die entschuldigten Absenzen in besonders hohem Mass an, andererseits war noch viel schlimmer, dass ich auch meinen Verpflichtungen als Ausläufer beim Denner nicht mehr gerecht werden und somit kein Taschengeld verdienen konnte. Die damalige Filialleiterin Fräulein Zehnder konnte einfach nicht glauben, dass ich ausgerechnet immer am Samstag krank sein sollte, am wichtigsten Tag eines Ausläufers. Sie kam sogar einmal am Samstagvormittag zu uns nach Hause und wollte mich krank im Bett sehen. Ja, ich lag im Bett, sogar tief unter der Decke, aber eigentlich krank war ich nicht. Ich habe meiner Mutter erst später meine geografisch bedingten Krankheitsfälle gestanden!

Eines Tages nahm ich eine grosse Unruhe unter den Denner-Kunden wahr, denen ich regelmässig mit meinem Veloanhänger verschiedene Lebensmittel nach Hause bringen musste. Ich bemerkte, dass in meinen Lieferungen mehrere Flaschen Oel, ungewohnt viel Mehl und Zucker dabei waren, warum wusste ich nicht. Mein Vater, der jeweils am Feierabend gemütlich Pfeife rauchend das «Vaterland» las, sagte mir, in Ungarn sei Krieg. Deshalb würden die Leute Notvorräte kaufen. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, was dies bedeutete. Erst Jahre später erfuhr ich die wahren Hintergründe, nämlich: «Am 23. Oktober 1956 wehrten sich die Ungarn in einem spontanen Volksaufstand gegen die von der Sowjetunion gesteuerte stalinistische Diktatur. Zwei Wochen lang sah es so aus, als ließe sich die Hoffnung auf Freiheit und Demokratie verwirklichen. Dann schickte Moskau seine Panzer nach Ungarn und ließ den Aufstand blutig niederschlagen.»


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125: Moskau liess 1956 mit Panzern den Ungarn-Aufstand blutig niederschlagen.


Ich erinnere mich, dass nach diesem blutigen Aufstand viele Menschen aus Ungarn in die Schweiz geflohen waren. Einen Flüchtling lernte ich persönlich kennen. Er arbeitete als Mechaniker in der Papierfabrik und betreute mich während meiner Lehrzeit bei Montagen oder Reparaturen an Papiermaschinen. Die Schilderungen seiner Erlebnisse beeindruckten mich sehr.

Im Verlauf meines Lebens, insbesondere im Sport, lernte ich noch weitere Menschen kennen, die nach dem Ungarn-Aufstand geflohen waren und in der Schweiz eine neue Heimat fanden. Der Kontakt mit dem Ungarn Peter Vary war für mich am nachhaltigsten. Wir beide waren während mehreren Jahren gleichzeitig Lehrbeauftragte an der ETH in Zürich. Peter unterrichtete im Fachbereich Spiel. Er verstand es wie kaum ein anderer, die angehenden Sportlehrkräfte für Ballsportarten zu begeistern. Dabei lag ihm einerseits die übergreifende Spielerziehung, aber vor allem das Spielerische im Spiel am Herzen. In seinem Unterricht wurde zum Beispiel auf einem Spielfeld mit zwei verschiedenen Spielregeln gespielt: Auf der einen Seite des Feldes Fussball mit Fussball-Spielregeln, und sobald der Ball die Mittellinie überquert hatte, Handball mit Handball-Spielregeln. Sein Didaktikmodell vom Miteinander über das Nebeneinander zum Gegeneinander lässt sich in allen Sportspielen leicht umsetzen. Auch mir hat er dadurch wertvolle Impulse für die Spiel-Didaktik gegeben, und viele dieser Impulse habe ich im Schweizerischen Lehrmittel Sporterziehung umsetzen können. Er ist auch Autor zweier Sportbücher meiner Buchreihe, eines im Basketball und eines mit dem Titel «Basisspiel- und Basisübungsformen für Basketball, Fussball, Handball, Hockey und Volleyball». Beide Bücher fanden grossen Anklang und erschienen in mehreren Auflagen.


Heute, 60 Jahre nach dem Ungarnaufstand, befindet sich Europa in der wohl grössten Flüchtlingskrise. Während 1956 Menschen aus Ungarn flohen, suchen heute Flüchtlinge in Ungarn ihr Glück, aber sie finden es zumindest dort nicht. Am 22. August 2015 war in einer Zeitung zu lesen: «Die ungarische Regierung will ihre Abwehrmaßnahmen noch weiter verstärken. Sie erwägt den Einsatz der Armee, um in der Flüchtlingskrise die Lage an der Grenze zu Serbien unter Kontrolle zu bringen. Das Parlament werde darüber beraten, ob der Grenzschutz durch den Einsatz von Hubschraubern, berittener Polizei und Hunden verstärkt werden könnte. Es werde aber keinen Schießbefehl im Umgang mit den Flüchtlingen geben …».


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126: Flüchtlinge an der ungarischen Grenze.
 

An dieser Stelle mache ich einen kurzen, das Schulfach Geografie betreffenden Sprung in die Ausbildungszeit zum Primarlehrer an der Lehramtsschule Luzern – 10 Jahr später. Ein Primarlehrer sollte alle Fächer unterrichten können, also auch das Fach Geografie. Wer im Kanton Luzern unterrichtet, muss diesen Kanton sehr gut kennen. Deshalb war der Kanton Luzern auch ein Schwerpunkt unserer Geografieausbildung. Der Geografie-Professor Dr. Martin legte viel Wert darauf, dass wir als angehende Lehrpersonen seinen Kanton besonders gut, ja sogar auswendig kannten. Eines Tages stand er vorne, schaute unsere Klassenliste an und sagte mit seiner zittrigen Stimme: «Herr Bucher, kommen Sie doch bitte einmal an die Karte und erzählen Sie uns etwas über den Kanton Luzern. Nennen und zeigen sie die Kantonsgrenze, Flüsse, Berge, Seen, grössere Ortschaften usw.» Aufgewühlt von starken Kindheitserinnerungen war ein Scheitern absehbar. Ich fühlte mich wieder in die Situation wie beim alten Kari zurückversetzt. Meine Knie zitterten wie damals und mein Kurzreferat wurde, mit Recht, als eher dürftig beurteilt. Mein Glück, ich musste später nie im Kanton Luzern Geografie unterrichten.
 

Zurück in meine Chamer Schulzeit. Endlich kam gegen Ende meiner Primarschulzeit «ein Neuer» nach Cham, Herr Paul Lichtsteiner. Er machte alles etwas anders, etwas moderner, wie es uns schien, uns gefiel es. Neu gab es einen Klassenchef und auch ein Treffen von Klassenvertretern mit Nachtessen bei ihm zu Hause. So etwas gab es vorher noch nie. Doch die folgende Episode verzeihe ich diesem Lehrer trotzdem nicht. Es war so:


Als 6. Klässler durften wir uns während der Morgenpause endlich auch auf dem hinteren Pausenplatz tummeln, denn bis anhin war es den «Kleinen» verboten, sich dort aufzuhalten; also es war praktisch ein «Aufstieg». Auch wenn wir uns jetzt hinten austoben konnten, galt eine weitere Regel: Den 6. Klässlern war es nur erlaubt, sich im unteren Teil beim Brunnen aufhalten. Die Sekschüler jedoch durften oben bei den Kletterstangen spielen. Wir bestaunten dies «Grossen» bei ihrem eindrücklich schnellen Paarlauf-Spiel. Aber auch wir spielten verschiedene Fangspiele. Als ich einmal verfolgt wurde, vergass ich in meiner Verfolgungsangst die Spielfeldgrenze und rettete mich hinter die schrägen Kletterstangen. Dann packte ich zum Ausweichen eine dieser rostigen Stangen und wurde dadurch aus dem Gleichgewicht geschleudert. Ich stürzte und schlug mit dem Gesicht auf der äussersten, schrägen Stange auf. Plötzlich spürte ich, wie mir Blut aus dem Mund floss und ein starker Schmerz an den vorderen Zähnen verhiess nichts Gutes. Meine Zunge ertastete eine Zahnlücke. Grosse Teile beider Schneidezähne waren abgebrochen.   



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127: Ungefähr so sahen meine Schneidezähne aus nach dem Sturz an der Kletterstange.

Ich rannte weinend zum Lehrer Lichtsteiner, zeigte ihm meine abgebrochenen Zähne und beichtete, dass es bei einem Fang-Spiel oben bei der Kletterstange passiert sei. «Hesch gseh! Jetz bisch ganz selber schuld!» war seine vorwurfsvolle Antwort. «Jetz gosch halt sofort zum Zahnarzt!» Unaufhaltsam weinend rannte ich gleich zum Zahnarzt Meier, dem Vater meines Schulkollegen Ludwig. Der Herr Doktor nahm tröstenden Anteil an meinem Schmerz, aber auch er konnte mir nicht sofort helfen. Ich ging jedoch nicht mehr in die Schule zurück, sondern direkt nach Hause zu meiner Mutter. Sie tröstete mich und machte mir Mut. Den zuckenden Zahnschmerz spürte ich noch lange, insbesondere beim Trinken kalter Getränke oder beim Einatmen bei offenem Mund. Es folgten dann mehrere schmerzhafte Sitzungen beim Zahnarzt, bis endlich feine Goldkronen angepasst werden konnten.

Zu guter Letzt kam die Sek-Prüfung, und dort zeigte sich, ob wir dafür auch wirklich genügend gut vorbereitet waren oder nicht. Ich war es nicht, denn ich bestand die Aufnahmeprüfung nur knapp mit der Bemerkung «bedingt».



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128: Ich wurde nur bedingt in die Sekundarschule aufgenommen.

Dies war ein ultimativer Warnschuss, denn ich war mir bewusst, dass ich nun in der ersten Sek eine Probezeit von sechs Wochen zu überstehen hatte. Glücklicherweise lernte ich damals Häsi Doswald, Sohn des Autospritzmeisters Doswald kennen, der mir ein guter Freund wurde.


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129: Mein Schulfreund Häsi Doswald und ich konnten gut mit- und voneinander lernen.

Mit ihm zusammen habe ich sehr oft gelernt und viel geübt. Es hat sich gelohnt, denn ich durfte in der Sek bleiben und hatte es bis zur dritten Klasse geschafft. Die Schulfächer waren auf die drei Lehrpersonen Steiner, Ulrich und Niggli aufgeteilt. Alle drei waren ganz verschiedene Personen.


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130: Das waren unsere drei Sekundarlehrer: Hermann Steiner, Leo Niggli und Karl Ulrich.
 

Am liebsten ging ich bei Herrn Leo Niggli in die Schule. Er unterrichtete Deutsch, Algebra, Französisch und Turnen. Bei ihm mussten wir sogar die Gleichheitszeichen mit Lineal ausführen und verstanden dies damals überhaupt nicht, doch exaktes Arbeiten habe ich sicher bei ihm gelernt.


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131: Wir mussten bei Herrn Lehrer Niggli die Gleichheitszeichen mit einem Lineal ziehen, und zwar ganz genau ein Häuschen breit.


Mein Bruder Toni war 6 Jahre älter als ich. Auch er kannte und erlebte den Seklehrer Niggli. Als ich in die Sekundarschule eintrat, sagte mir Herr Niggli, dass er sich gut und gern an meinen Bruder Toni erinnere; Toni hätte immer sehr gute Aufsätze schreiben können. Trotz dieser «Vorbelastung» versuchte auch ich, gute Aufsätze zu schreiben, aber so gut wie Toni konnte ich es nicht. Trotzdem versuchte ich es immer wieder, zum Beispiel mit der folgender Geschichte: Dä isch vom Auf bisse.

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(Einschub April 2019)
In unserer Kindheit war es den wenigsten vergönnt, einen Zoo zu besuchen. Es erstaunt deshalb nicht, dass es ein grosses Ereignis war, als speziell für uns Schulkinder eine Kleintierschau geboten wurde. Diese Veranstaltung fand im Sommer 1960 statt. Alle Schulkinder versammelten sich erwartungsvoll auf dem hinteren Pausenplatz des Schulhauses Kirchbühl und warteten gespannt, bis die seit langem vorangekündigte Kleintierschau gezeigt wurde. Es wurde ein Erlebnis der besonderen Art für mich.

Einige Tage nach dieser Vorführung bekamen wir die Aufgabe, über diese Kleintierschau einen Aufsatz zu schreiben. Diesen für mich unvergesslichen Erlebnisbericht fand ich unlängst in meinem «1960er Jahrbuch der 3. Sekundarklasse». Ich erinnere mich heute noch sehr gut an diesen «bissigen» Zwischenfall. Den folgenden Aufsatz habe ich wortwörtlich vom handgeschriebenen Text übernommen.


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131a: Foto aus dem Reinheft der 3. Sek von Walter Bucher aus dem Jahr 1960.

Mich hat ein Affe gebissen
Gestern hatten wir auf dem Pausenplatz eine Tiervorführung. Ein paar Kameraden und ich sassen zuoberst auf dem Klettergerüst. Von dort aus konnten wir sehr gut verfolgen, wie der Tierzüchter ein Tier um das andere in einer von Schülern gebildeten Arena herumspazieren liess. Zu jedem gab er eine kurze Erklärung. Als letztes zeigte er uns zwei Äffchen. Das eine war ein Hundspavian, das andere ein Rhesusuäffchen. Ich dachte: «Hoffentlich kommt keiner zu uns herauf», denn ich fürchtete mich ein wenig vor ihnen. Aber kaum hatte ich es gedacht, und schon kletterte einer blitzschnell die Stange hinauf, geradewegs auf uns zu. Zuerst untersuchte er den Pullover meines Freundes Jakob Knüsel. Ich war froh, dass er mir nur über die Beine hüpfte. Sein nächster Gastgeber war Josef Gattiker. Der Affe untersuchte ihn ganz gründlich. Er probierte sogar, ihm den Hosenladen aufzutun. Als es ihm nicht gelang, versuchte er, die Hemdenknöpfe zu öffnen. Dem Seppi sah man die Angst ganz gut an. Er sagte immer zu Jakob Knüsel: «Nimm ihn weg, nimm ihn doch endlich weg!» Plötzlich bemerkte ich, dass der andere Affe die Stange emporkletterte. Jetzt hatte ich gar keine Angst mehr. Zuerst hielt er unter den Füssen inne. Dann schwang er sich an die Stange unter mir. Mit einem Satz war er auf der Höhe meiner Knie, und ohne langes Zögern biss er mit seinen spitzen Zähnen in mein rechtes Knie. Der freche Kerl. Wie ein Blitz schoss mir der Gedanke durch den Kopf: «Soll ich mich wehren? Ist es nicht lächerlich? Muss ich mich nicht schämen vor so vielen Kindern?» Als der Vierbeiner es aber noch einmal versuchte, wehrte ich mich mit Händen und Füssen. Ich genierte mich so, mich gegen ein solch kleines Tier zu wehren, dass ich ganz rot wurde. Inzwischen war der Affe so weit hinabgerutscht, dass der Züchter ihn an der Kette erwischte. Er befahl uns, herunterzukommen. Als ich drunten war, fragten mich viele Kinder: «Hät’s öpis gmacht?» Als ich aber mein Knie richtig betrachtete, konnte ich feststellen, dass der Affenbiss nur ein kleiner Riss in der Haut war. Oh, ich werde meiner Lebtag an diesen Tag zurückdenken, da mich ein Affe gebissen hat. Vielleicht werde ich sogar damit prahlen!


Nein, prahlen will ich mit dieser kleinen Geschichte keineswegs, aber ein derart «einschneidendes» Erlebnis bleibt in Erinnerung! Als Schlusskommentar zum Aufsatz schrieb Lehrer Leo Niggli darunter: «Lebendig erzählt; 5 Fehler!» Was stand wohl jeweils unter den Aufsätzen meines Bruders Toni?


«Vom Aff bisse» – ein veraltetes Sprichwort? Im Gegenteil; es wird sogar auch von ganz gescheiten Leuten verwendet, wenn sie keine bessere Antwort mehr wissen. So geschehen in einem Interview im Jahr 2018, das der Rundschaumoderator Sandro Brotz mit Prof. Dr. Nationalrat Christoph Mörgeli führte. Auf die provokative Frage von Sandro Brotz, er, Herr Mörgeli, hätte unkritisch Doktorarbeiten durchgewunken und ob er nun deshalb Konsequenzen ziehen oder sogar zurücktreten wolle, verlor Christoph Mörgeli die Fassung und antwortete mit der legendären Gegenfrage: «Sind Sie eigentlich vom Auf bisse?»

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Zurück in meine Sekundarschulzeit. Nie hätte ich die Erlaubnis bekommen, in der Juniorenabteilung des Fussballclubs Cham mitzuspielen, wenn nicht eben dieser Lehrer Niggli der Trainer gewesen wäre. Er war bei den Trainings wie auch in der Schule streng, aber gut. Ich trainierte und lernte gerne unter der Führung dieses Lehrers.


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132: Mit Herrn Leo Niggli (und meinem Schulfreund Kurt Greter) auf der 3.Sek-Schulreise auf dem Gornergrat.

Freude und Stolz überwältigten mich, als ich schon beim ersten Meisterschaftsspiel in meinem Leben mit richtigen Fussballschuhen und dem roten Chamer-Dress bei den C-Junioren gleich das erste Tor schoss, zwar mit dem rechten Knie, aber Tor war Tor. Dass gleich darauf meine Direktabnahme auf das Abspiel des guten Torwarts Peter Fröhlich dem schnellen rechten Flügel Hugo Corrent die Chance ermöglichte, den zweiten und entscheidenden Treffer zu schiessen, war super. Unsere Mannschaft war stark. Die Stützen unseres Teams: Richenberger, Lüthi, Gattiker, Meienberg, Grob, Trinker, Tresch und Oberholzer machten mir immer wieder Mut und stärkten zusehends mein Selbstvertrauen. Wir gewannen die Meisterschaft in unserer Kategorie und kamen weiter in die Regionalliga der C-Junioren. Mehr noch: Wir wurden Fussball-Regionalmeister.


Ich erinnere mich noch genau an den Moment, wann und wo ich diese Nachricht erfuhr, denn es war bis ganz zum Schluss der Meisterschaft nicht klar, wer letztendlich gewinnen würde. Ich weilte in der Badi Hirsgarten, als mich der Bademeister Lang aufforderte, ich solle zur Badeanstalt-Hecke gehen, Herr Lehrer Niggli warte dort auf mich. «Hatte ich etwas auf dem Kerbholz? War etwas passiert?» waren meine ersten spontanen Gedanken. Doch Herr Niggli strahlte und rief: «Walter, ihr seid Regionalmeister geworden!»



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133: Ich war stolzer Fussballregionalmeister der C-Junioren.

Ich jauchzte überglücklich und sprang sogleich vor Freude wieder ins Wasser. Wenige Tage danach musste ich mit einigen Kollegen, die ebenfalls mitgespielt hatten, nach einer Schulstunde noch einen Moment in Nigglis Schulzimmer warten. Er öffnete einen Wandschrank, nahm die Urkunden heraus und übergab sie jedem einzelnen persönlich. Ein unvergessliches Erlebnis!
  

In dieser Junioren-Zeit hatte sich der SC Cham im Schweizer-Cup für eine nächste Runde qualifiziert. Auf dem Fussballplatz Teuflibach war der grosse Favorit Locarno zu Gast. Ich durfte bei diesem Spiel im Dress des SC Cham Balljunge sein und hatte die Aufgabe, die aus dem Feld gekickten Bälle möglichst schnell wieder aufs Feld zurückzubringen (Ersatzbälle gab es damals keine). Kurz vor Ende des spannenden Spiels wurde dem SC Cham ein Freistoss zugesprochen. Gespannt stand ich hinter dem Fanggitter (auf der Seite Richtung Pfad) und verfolgte aufgeregt das Geschehen aus nächster Nähe. Dann gelang den Chamern eine Riesenüberraschung. Heinz Heller, ein cleverer Fussballakrobat, setzte den Ball, nahm Anlauf und wuchtete ihn unerreichbar ins Lattenkreuz. Mit diesem Treffer schlug der SC Cham Locarno 2:1. Das war eine Chamer Fussball-Sensation.


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134: Die 1. Mannschaft des SC Cham im Jahr 2016 – wann folgt die nächste Chamer Fussballsensation?

In einem längeren Telefongespräch unterhielt ich mich unlängst mit Richard Heller, dem Bruder des erfolgreichen Freistossschützen Heinz über die damalige  Fussballzeit. Richard ist mittlerweile 80 Jahre alt. Ich stellte mich vor und schnell erinnerte er sich an mich, an Walti Bucher vom Schloss St. Andreas. Wir kamen beide ins Schwärmen und unterhielten uns über Chomer Fussball-Geschichten, über Situationen, bei denen Fehlschüsse unten im Teuflibach anstatt im Tor landeten und somit erst nach längerer Zeit ganz nass wieder ins Spiel gebracht werden konnten.
 

Doch wo lernte ich eigentlich die Grundlagen des Fussballspiels? Mir ist heute klar, dass dies auf unserem Bsezziplatz unmittelbar vor dem alten Waldschlupf zwischen der Remise, der Schreinerboutique und dem Tennstor passierte. Dort habe ich stundenlang allein jongliert und Bälle an die Mauer oder ans Tennstor geknallt. Auf diesem Platz habe ich auch mit meinem ältesten Bruder Willi Fussball trainiert, wenn er in seinem Internat Urlaub hatte und deshalb zu Hause war. Ab und zu prallte auch mal ein Ball zu Seite ab und landete in einer Fensterscheibe unten bei der Remise oder oberhalb in der Schreinerei. So gab es ab und zu auch einmal Scherben. Nach einer darauf folgenden Schelte meines Vaters wurde dann der Schaden möglichst schnell behoben, bevor dieser vom Obergärtner entdeckt wurde. Oft ist es gelungen, aber leider nicht immer. Dann gab’s halt ein gehöriges Schimpfis. Der Obergärtner Ast pflegte in solchen Situationen zu sagen: «S’nächscht Mol lon i dir d’Ohre lo stoo!» Doch bei der Drohung blieb es, er liess sie mir selbstverständlich stehen.
 

Sekundarlehrer Ulrich, Sohn des alten gefürchteten Kari, war ein sehr angenehmer, freundlicher Lehrer. Vielleicht war er manchmal fast etwas zu rücksichtsvoll. Als ich ihm nach dem Besuch der ersten drei Englischstunden – das war ein Wahlfach – vorschlug, ich würde es vorziehen, im Schlossweiher fischen zu gehen anstatt die Englischstunden zu besuchen, nahm er diesen Vorschlag an. Schade, denn so habe ich die Chance verpasst, früh Englisch zu lernen. 55 Jahre später holte ich dies mit einem Englischkurs für Senioren nach!


Doch im Jahr 1974 wäre ich doch sehr froh gewesen, wenn mich der Lehrer Ulrich damals nicht vom Englisch dispensiert hätte! Denn kurz nachdem meine Tätigkeit als Schimmassistent im Rahmen der Turnlehrerausbildung an der ETH Zürich begann, fragte mich der damalige Leiter der Kurse für Turnen und Sport, Prof. Dr. Wartenweiler, ob ich bereit wäre, an einem Biomechanikkongress in Brüssel meine Diplomarbeit «Vom Einfluss der Bein- und Armarbeit auf die Gesamtgeschwindigkeit beim Kraulschwimmen» zu präsentieren. Prof. Wartenweiler war früher ein leidenschaftlicher Schwimmer und in den 80er Jahren Präsident einer internationalen Biomechanikvereinigung. Ich fühlte mich natürlich geehrt und freute mich auf diese Herausforderung. Ich war überzeugt, dass man in Brüssel französisch spricht und ich mutete mir zu, einen französischen Text recht gut ablesen zu können. Doch es kam anders! Drei Wochen vor dem Kongress, nachdem alles bereits organisiert war (Flugticket, Hotelbuchung, Anmeldung usw.), erkundigte sich Herr Wartenweiler einmal beiläufig: «Englisch können sie doch sicher, Herr Bucher, oder?» Da wurde mir angst und bange. «Ein ganz wenig schon, aber da müsste ich mich schon noch sehr gut vorbereiten!» antwortete ich zögerlich. «Das werden sie bestimmt schaffen!» munterte mich der Professor auf. Doch was könnte ich in so kurzer Zeit noch tun? Da kam mir eine Idee!


Mein Schwager Hermann Amrhein war damals Reiseleiter bei KUONI, einem der grössten Reisebüros der Schweiz. Ich erklärte ihm meine «Notsituation» und bat ihn innigst, mein Referat, das zwischenzeitlich auf Englisch übersetzt worden war, auf ein Tonband zu sprechen. Ich würde dann den englisch gesprochenen Text mehrmals hören und möglichst oft nachsprechen, versicherte ich ihm. Er sagte spontan zu und diktierte den Text in einwandfreiem Englisch auf mein Tonband. Der erste Schritt war getan.


Nun war ich an der Reihe! Im Manuskript schrieb ich bei für mich noch unklaren Stellen mit Bleistift den Englischtext so über das betreffende englische Wort, wie ich ihn hörte. Ich «erfand» eine eigene Sprache, eine Art «Mundart-Englisch». Bereits beim Versuch, den Titel ohne Stolpern zu lesen, hatte ich anfänglich grosse Mühe. Aber ich versuchte es immer wieder in der Gewissheit, dass mindestens der Anfang des Referates gut «tönen» sollte. Also las ich immer wieder laut vor mich hin: «The influence of the leg kick and the armstroke on the total speed of crawl swimming».


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134a: Der Anfang meines Englisch-Manuskriptes.

Und so übte und übte ich immer wieder, bis der Tag X kam. Abflug in Kloten Richtung Brüssel. Herr Wartenweiler war bereits vor Ort; ich reiste also allein. 


Nun war es soweit. Ich setze mich im grossen Kongresssaal schüchtern neben meinen Professor Wartenweiler. Er erkannte meine Unsicherheit und versuchte, mich zu beruhigen. Nach zwei Referenten, die vor mir an der Reihe waren, sprach der russische Chairman in einem äusserst holprigen Englisch ins Mikrophon: «Mr. Walter Bucher, Federal Institute of Technology Zurich, Departement of Physical Education and Sport. He speaks about «the influence of the leg kick and the armstroke on the total speed of crawl swimming». Please, Mr. Bucher!» Jetzt gab es kein Zurück mehr! Ich trat so mutig wie in dieser Situation nur möglich ans Rednerpult und begann bewusst ganz langsam abzulesen; Wort für Wort; Zeile um Zeile. Endlich nach ca. 10 Minuten hatte ich es geschafft. Verhaltener Applaus der zuhörenden «Biomechanikexperten». Doch es war noch nicht vorbei!


Bei meinen Testversuchen hatte ich Zeitmessungen über 15 Meter durchgeführt. Erst nur mit Beinschlägen (Hände in Hochhalte am Schwimmbrett), dann nur mit Armzügen (Beine mit Bullboy fixiert) und letztendlich mit der ganzen Crawltechnik. Es ging also um 15 Meter; englisch: «fifteen meters». Während meines Referates muss ich einmal fifteen mit fifty meters verwechselt haben, und so fragte ein Experte erstaunt, weshalb ich denn einmal fifteen und ein einmal fifyt meters erwähnte. Jetzt war ich am Anschlag, denn ich hatte die Fragestellung nicht richtig verstanden. Verängstig und total verunsichert suchte ich das Gesicht von Prof. Wartenweiler. Er erkannte die für mich «brenzlige Situation» sofort und erklärte in seiner stoischen Ruhe, dass es sich dabei lediglich um eine Verwechslung gehandelt habe. Selbstverständlich seien alle Messungen lediglich über 15 Meter erfolgt. Ein Moment herrschte aus meiner Sicht beängstigende Stille, dann die erlösende Frage des Chairman: «Further questions?» Zum Glück hakte niemand nach! Nochmals kurzer Applaus, ich war erlöst und begab mich wieder an meinen Platz neben Herrn Wartenweiler. «Gut gemacht Herr Bucher!» und schon stand der nächste Referent am Rednerpult.


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134b: (M)ein Englischreferat 1967 am Biomechanikkonkress in Brüssel ohne genügend Englischkenntnisse! Es waren wohl die längsten 10 Minuten in meinem bisherigen Leben.



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135: Aus unserer 3.Sek-Chronik: Walter Bucher als Fischer.

Wenn Herr Steiner nicht zugegen war, sprachen wir nur vom Hermann. Ich hatte nicht nur grossen Respekt vor ihm, sondern auch immer etwas Angst. Er unterrichtete sehr autoritär und engagiert, aber ab und zu hat es auch mal gekracht. Vor Unterrichtsbeginn durften wir uns nur leise unterhalten. Aber wehe, wenn man nicht am eigenen Platz sass, wenn er zur Türe hereintrat. Er kam nicht herein, nein, er stürzte förmlich ins Schulzimmer. Kraftvoll und gut hörbar drückte er die runde Messingtürklinke und trat zügigen Schrittes ins Schulzimmer. Augenblicklich schnellten wir hoch und standen mit einem Schlag stramm und bewegungslos in unseren Bänken, bis er sagte: «Guten Tag, setzt euch!»
 

Die Türklinke zu seinem Physikzimmer war beschädigt wegen diesen Schlägen und hing deshalb deutlich tiefer als alle anderen Klinken im Schulhaus Kirchbühl. Lehrer Steiner begann den Unterricht immer mit den Worten: «Das letzte Mal haben wir …!». Aus Furcht, er möge zu viele Hausaufgaben erteilen, haben wir eine Strategie entwickelt, Herrn Steiner in Erzählungen zu verwickeln. Wir überredeten Jacques Knüsel oder sonst einen mutigen Schüler, er solle doch Herrn Steiner eine Frage stellen, möglichst eine aus dem Bereich Politik oder aus der Pfahlbauerzeit (die Pfahlbauerforschung im Ried in Cham war Steiners Hobby).


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136: Jacques Knüsel, der «gescheite und gewiefte» Fragensteller.

Oft funktionierte es, und Hermann erzählte und erzählte. Und da in solchen Fällen die Stunde schneller als gewohnt zu Ende war, sagte er: «Das nächste Mal werden wir …!».
 

Richtig ernst wurde es bereits in einer unserer ersten Lektionen an einem Montag. Herr Steiner stellte eine Frage. Stillschweigen. Niemand getraute sich zu antworten. Darauf rief er Kurt Greter auf (Kurt’s Vater war neuer Chamer Gemeinderat und Herr Steiner hatte das «politische Heu» nicht auf der gleichen Bühne!). Gemäss vorgegebener, strenger Verhaltensregel erhob Kurt sich sofort, doch er konnte die Frage nicht beantworten.



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136a: Kurt Greter, der Mutige.

Jetzt provozierte ihn Herr Steiner vorwurfsvoll mit der Frage: «Spielst Du etwa lieber zu Hause anstatt zu lernen? Oder hat etwa Familie Greter mit ihrem neuen Citröen einen schönen  Sonntagsausflug gemacht?»
 

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137: Gemeinderat Greter, der Vater von Kurt, war der erste Chamer mit einem Citröen ID.


Kurt war verdattert, aber trotzdem mutig genug und antwortete laut entschlossen: «Ja, das haben wir!» Lehrer Steiner reagierte zornig und schickte Kurt ungerechtfertigterweise gleich aus dem Schulzimmer. Kurt tat mir natürlich leid.
 

Ich durfte in dieser Zeit auch einmal an einem Sonntagsausflug mit Vater Greter’s Citröen mitfahren. Kurt schwärmte zuvor: «Du wirst sehen, Walti, der Citröen ist so weich gefedert, dass du keinen Stein auf der Strasse spürst!» Unser Reiseziel war die Kunsteisbahn Dolder! Kurt und ich kurvten mit unseren neuen Graf-Schlittschuhen zum ersten Mal in unserem Leben auf einer Kunsteisbahn. Danach chauffierte uns Herr Greter wieder in seinem superweichen Auto mit einarmigem Lenkrad nach Hause.

Aber es gab auch besonders lustige Momente beim Hermann. So wurde einmal Peter Gattiker, unser Supersprinter und von Peter Kraus schwärmender «Gadatsch» von Lehrer Steiner aufgefordert, das physikalische Prinzip der beiden magnetischen Pole aufzusagen.
 

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138:  «Gadatsch» (Josef Gattiker), der Peter-Kraus-Sänger und schnellste Sprinter unserer Klasse.

Gadatsch stand blitzschnell auf und rezitierte wie aus der Kanone geschossen: «Gleichnamige Pole stossen sich ab, ungleichnamige ziehen sich ab!» Ein kurzer Lacher, doch dann wurde es sofort wieder ruhig und ernst.

In einer anderen Lektion war Landwirtschaft das Thema. Hermann Steiner fragte: «Na, welche Länge hat denn eigentlich eine Kuh?» Niemand wagte dies zu schätzen. Dann rief er Josef Grob auf, den Bauernsohn aus Niederwil.


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139: Josef Grob, der Bauernsohn aus Niederwil, mit seiner vier Meter langen Kuh.

Der hochgewachsene schlaksige Sepp stand langsam auf, überlegte kurz und antwortete leise und verhalten: «Etwa vier Meter!» Herr Steiner verdrehte ungläubig die Augen und schaute fragend zu uns, worauf wir es nun wagten, heftig zu lachen. «Wenig mehr als die Hälfte wäre richtig, nämlich etwa zwei Meter zwanzig messen die Kühe, oder sind diese Tiere vielleicht bei euch in Niederwil grösser als anderswo?» rätselte der Lehrer. Wiederum Gelächter, Josef durfte sich schliesslich setzen und der Unterricht wurde fortgesetzt.



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140: Josef Grobs vier Meter grosse Kühe.

Wieder in einer anderen Lektion entwickelte Hermann eine Ableitung bis zum Endergebnis, unterstrich das Schlussresultat und setzte daneben die drei Buchstaben q. e. d. Dann schaute er zu uns und rief Laurenz Dittli auf.



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141: Lehrer Steiner fragte Laurenz Dittli: «Was bedeutet q-e-d?»

Dieser schnellte, so wie wir dies beim Hermann immer taten bzw. mussten, blitzartig auf. Dann fragte Hermann: «Lorenz, was heisst das wohl? Hat das etwas mit deiner Schwester Erika zu tun? Heisst das etwa quakende Erika Dittli?» Alle lachten! Kurz darauf erklärte uns Lehrer Steiner, dass es bei wissenschaftlichen Ableitungen oder bei einem mathematischen Beweis üblich sei, dies mit der Abkürzung q. e. d. zu bestätigen. Auf Lateinisch heisse das quod erat demonstrandum und auf Deutsch: Was zu beweisen war. Wir staunten, und Hermann war sichtlich stolz. Und zu Lorentz sagte er: «Absitzen!»


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142: Lehrer Steiner schrieb an die Wandtafel: q. e. d., das heisse «was zu beweisen war».

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(Einschub vom 2.2.2020)
Hermann Steiner war für mich in meiner Schulzeit ein «rotes Tuch»; ich hatte Angst vor ihm. Er unterrichtete sehr autoritär; Diskussionen gab es keine, höchstens Unterrichtsgespräche über eine mathematische Aufgabe oder ein physikalisches Phänomen. Ein einziges Mal erlebte ich bei ihm eine Sternstunde. In der Physik kam er auf den Benzinmotor zu sprechen. Er präsentierte ein Benzinmotorenmodell – eines seiner riesigen Sammlung – und fragte, was man denn machen müsse, wenn ein Benzinmotor nicht gleich anspringt. Da fiel mir ein, dass mir Hans, der Knecht auf dem Chamer Bauernhof «im Stumpen», dem ich in meinen Herbstferien bei allen Arbeiten helfen durfte, einmal einen Tipp gegeben hatte. Er erlaubte mir ab und zu, natürlich ohne Wissen des Bauern Baumgartner, mit dem Traktor zu fahren – ein Traum jedes Buben.


Eines Tages gab er mir sogar den Auftrag, den hinter der Scheune parkierten Traktor allein zu holen, denn wir sollten das abgeschnittene Gras auf der Wiese hinter dem Bauernhaus in den Stall bringen. Ohne lange zu zögern rannte ich voller Freude weg, kletterte auf den Traktor, setzte mich auf die grosse kalte Sitzschüssel und drückte vorsichtig auf den Anlasserknopf. Der Motor drehte, drehte, aber die Drehzahl wurde nicht erhöht. Ich versuchte es immer wieder, aber ohne Erfolg. Plötzlich stand Hans vor den Traktor und fauchte mich an: «Walter, ich habe es dir doch mehr als einmal gesagt! Wenn der Motor kalt ist, dann musst du zuerst den Choke ziehen und erst dann den Anlasser betätigen!» Leicht geschockt versuchte ich es nochmals in dieser erklärten Reihenfolge, und schon kurz danach brummte der Motor des grünen Bührer Traktors und aus dem Auspuffrohr strömte schwarzer Rauch. Hans stand auf das hintere Ladebrett, fasste mit beiden Händen an den Kindersitzli und gab mir ziemlich hässig den Befehl loszufahren. Wie ein Fahrlehrer überwachte er genau, wie ich die Kupplung drückte (die Beine waren fast zu kurz!), dann den ersten Gang einlegte, vorsichtig die Kupplung losliess und ganz langsam auf die andere Seite der Scheune zusteuerte. Das nächste Wendemanöver führte Hans selber aus, fuhr gekonnt rückwärts und schon war der Graswagen angehängt. Jetzt setzte ich mich auf den seitlichen Kindersitz und schon ging’s los: 1. Gang; Zwischengas; zweiter Gang; Zwischengas; dritter Gang und Vollgas Richtung Wiese! Zum Glück sah uns der Bauer Baumgartner nicht!
 

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142a: «Walter, hole den Traktor; er steht hinter der Scheune!» befahl mir Hans, der Knecht auf dem Bauernhof «Stumpen».

 

Jetzt wollte also Herr Steiner wissen, was zu tun ist, um einen Benzinmotor zu starten. Jetzt könnte ich doch meine Erfahrung, meinen Trumpf beim gefürchteten Sek. Lehrer Hermann Steiner ausspielen, dachte ich! In der oben erwähnten Physikstunde streckte ich deshalb mutig die Hand in die Höhe (was ich sonst beim Hermann kaum einmal wagte), knallte nach seinem Aufruf den Pultdeckel hoch und schnellte in den Stand (wie wir es beim Aufruf unseres Namens stets mussten) und antwortete mutig: «De Tschogg ziä!» Gut, Walter. «Nun, was ist der Choke?» fragte Lehrer Steiner nun einen nach dem andern; alle erhoben sich wie eine Welle der Reihe nach in den Stand; so wollte er es immer haben. Keiner wusste es; mein stiller Triumpf war gesichert! Dann erklärte Herr Steiner die Funktion des Chokes: «Weil sich in einem kalten Motor ein großer Teil des sich in der Ansaugluft befindenden Kraftstoffes im Ansaugtrakt und an der Zylinderwand niederschlägt, wird beim Kaltstart der Kraftstoffanteil im Gemisch erhöht. Man spricht von Anreicherung oder Anfettung des Gemischs. Deshalb muss man bei einem kalten Motor zuerst den Choke ziehen, wie es Walter richtig gesagt hat». Zum Glück hat mich der Steiner nicht gefragt, was denn das Ziehen des Chokes bewirkt; ich hätte es natürlich auch nicht gewusst, aber meine Antwort war trotzdem ein Volltreffer.

 

Und erst kürzlich wurde ich wieder einmal an diese Chokegeschichte erinnert! Nach dem Verkauf unseres Einfamilienhauses in Freidorf habe ich Clemens, den Sohn der neuen Hausbesitzerin, in die anstehenden Gartenarbeiten eingeführt. Er besucht z.Z. die dritte Sekundarklasse, ist also genau gleich alt wie ich damals in der Physikstunde bei Hermann Steiner! So stand eines Tages auch das Rasenmähen auf dem Programm. Ich instruierte Clemens Schritt für Schritt, wie er den Rasenmäher in Betrieb setzen sollte: «Clemens pass auf! 1 Choke ziehen, 2 Sicherungshebel mit der linken Hand drücken und dann 3 mit der rechten Hand kräftig am Anlasserseil ziehen. Meistens springt der Motor erst beim zweiten oder dritten Zug an!» Schon beim ersten Anlauf hat’s geklappt!
 

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142b: Und so wir's gemacht: 1 Choke ziehen, 2 Sicherungshebel mit der linken Hand drücken und dann 3 mit der rechten Hand kräftig am Anlasserseil ziehen.

 

Eine Behauptung vom Lehrer Steiner hatte ich damals nicht verstanden, aber er bekam recht! Er sagte in einer Physikstunde: «Plastik regiert die Welt!» Spät, vielleicht zu spät, realisieren wir heute, welche Folgen Plastik für die Menschheit hat. (Fast) alles wird in Kunststoff und Plastik verpackt, aber dann leider noch viel zu wenig fachgerecht entsorgt. Es ist erschreckend, welchen «Kreislauf» Plastikmüll finden kann!


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142b_1: Plastikmüll – was könn(t)en wir dagegen tun?


Jetzt erst nach rund 60 Jahren stelle ich fest, was Hermann nebst seiner Tätigkeit als Lehrer für die Gemeinde Cham geleistet, geforscht und geschrieben hat. In jedem Buch, das sich mit der Geschichte von Cham befasst, kommt der Name von Hermann Steiner vor; in einigen sogar auf dem Buchumschlag, wie z.B. im 400seitigen Buch «CHAM – vom Städtli zur Stadt». Bei den Recherchen für meine St. Andreas und Chamer Geschichten fand ich immer wieder interessante Informationen aus der Feder von Hermann Steiner. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass auf seinem Grab kein gewöhnlicher Grabstein, sondern ein Stapel einzelner aus Stein gemeisselten Büchern steht. Unlängst stand ich bei einem «Gräber-Besuch» einiger meiner lieben Verstorbenen auch an seinem Grab, dachte nach und kam zum Schluss: Er hat halt auch viel Gutes getan, aber mein Lieblingslehrer war er nicht.

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142c: Hermann Steiner hinterlässt in vielen Geschichtsbüchern einen riesigen Fundus über die Chomer Geschichte. Sein «einmaliger» Grabstein erinnert daran.

 

Das Grab von Hermann Steiner befindet sich unmittelbar neben dem Weg, der mitten durch den Chamer Friedhof führt, dort also, wo ich als Schüler täglich auf dem Schulweg vorbeischlenderte. Da stand ich nun und fragte mich, was wohl dereinst Menschen von mir denken werden, wenn sie an meinem Grab stehen. Vielleicht: «Ja, das war doch der Chamer Turnlehrer mit den vielen Turnbüchern!» Und vielleicht gibt es irgendwann eine Kunstturnübung mit dem Namen «Bucher-Bücher-Handstand»? Den richtigen beherrschte ich in jungen Jahren wirklich (Foto 233).


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142d: Bücher-Handstand – vielleicht einmal ein neues Akrobatikelment?


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Zurück bleibt mir die Erinnerung an drei schöne Jahre in der Chamer Sek. Bald danach fing für uns der Ernst des Lebens an. Für mich bedeutete dies: Vier Lehrjahre in der Papierfabrik als Elektromechaniker, zusammen mit Noldi Hitz. Arbeitsbeginn im Sommer und im Winter um 06.25 Uhr. Und nur noch zwei Wochen Ferien!

Noldi Hitz war während unserer Lehrzeit ein besserer Elektrofachmann als ich. Nach der Lehre arbeitete er längere Zeit bei IBM. Was mir jedoch mehr imponierte als sein fachliches Können war sein eigenes «Autöli», denn er war bereits als Lehrling stolzer Besitzer eines BMW Isetta: 2,28 Meter lang, 350 kg schwer, mit einem 300 cm3-Motor, Jahrgang 1958. Unser wöchentlicher Gewerbeschulunterricht fand in Zug statt. Noldi holte mich jeweils vor unserer Haustüre ab. Ich durfte neben ihm auf der Sitzbank Platz nehmen und wurde bis vor die Türen des Gewerbeschulhauses nach Zug chauffiert. Parkplatzprobleme gab es für dieses kleine Fahrzeug nie; es war der «Smart» der damaligen Zeit.


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143: Mit einem BMW Isetta durfte ich im Beifahrersitz neben Noldi Hitz zur Gewerbeschule nach Zug mitfahren.



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143a: Ein Smart ist etwa gleich lang bzw. kurz wie damals der BMW Isetta.


Etwa 15 Jahre später war ich bereits Turnlehrer, sogar der erste von Cham. Und plötzlich war ich Kollege von Hermann Steiner, ein seltsames Gefühl. Ich erinnere mich gut an die erste Chamer Schulolympiade. Alle Lehrpersonen mussten mithelfen, auch Hermann Steiner. Ich gab ihm die Aufgabe (man stelle sich vor: Ich, der damals schüchterne Walter Bucher, gebe dem Sekundarlehrer Steiner einen Auftrag!), beim Bälleli-Werfen auf der grossen Städtli-Wiese hinter dem Schulhaus die Wurfweiten der Kinder zu messen. Jetzt dufte ich ihm sagen, was zu tun ist (und nicht wie umgekehrt damals in der Sekundarschule!).


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144: Hermann Steiner, vor dem ich als Sekschüler Angst hatte, war nun «mein» Kampfrichter an der 1. Chamer Schulolympiade. 

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(Einschub am 8. Oktober 2019)
Es ist erstaunlich und für mich sehr erfreulich, welche Reaktionen meine vielen Chomer Geschichten, die ich in der Zuger Presse veröffentliche, immer wieder ausgelöst haben. So schickte mir gerade heute jener ehemalige Turnerkamerad, welcher mich damals für mein Verhalten nach einer völlig missglückten Reckübung an einem Turnerkränzli im Restaurant Kreuz tadelte – das Foto eines Gemäldes der «Chomer Kinder-Olympiade-Wiese» (ich organisierte 1967 die erste Chomer Kinder Olympiade), die große Wiese also, an der ich während meiner Lehrzeit in der Papierfarbrik Cham tagtäglich – am Morgen jeweils bereits um 06.15 Uhr – auf dem Arbeitsweg vorbeiradelte. Das Gemälde stammt von Willi Imgold. Er war der Sohn des legendären Gärtnermeisters Imgold, bei dem mein Bruder in den 60er Jahren nach der Lehrzeit beim Gärtner Schoch seine erste Stelle als Gärtner begann.
 

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144a: Das alte Chom, so wie ich es in bester Erinnerung behalte (Gemälde von Willi Imgold).

 

Das schöne Gemälde zeigt Chom in «alten Zeiten». Links die Städliwiese, auf der in den 70er Jahren das Städtlischulhaus und die Städtliturnhalle (mein erster Arbeitsort als Chomer Turnlehrer) gebaut wurde, dahinter an der Zugerstrasse die Metzgerei Limacher, die Bäckerei Greber, der Denner mit der Filialleiterin Fräulein Zehnder (bei der ich 1956 Ausläufer war), die Molkerei Vogel, dann im Vordergrund die grosse Löbern-Wiese, die Startstrecke der vielen Chomer Radquerfeldrennen – der Chomer Otti Fuhrer (Foto 171) konnte dieses Rennen leider nie gewinnen –, dahinter das Neudorfer Hochkamin, in dem ich verbotenerweise im Innern hochgestiegen bin (Foto 169), selbstverständlich auch mit dem imposanten 80m hohen Chamer Kirchturm, dahinter der Pilatus und am linken Bildrand die Rigi (wenn die Bergspitze im Frühling noch schneebedeckt war, durften wir noch keine Kniesocken tragen) – alles Erinnerungen an gute alte Chomer Zeiten!

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Nach dem kurzen Schwärmen zurück in die gute alte Chomer Zeit, hinein in meine Erinnerungen als erster Chomer Turnlehrer. Wenn ich heute die vielen übergewichtigen Kinder und die allgemeine Bewegungsarmut betrachte und mit der Situation vor rund 50 Jahren vergleiche, erinnere ich mich gerne an meine gesunden Chamer Schulkinder. Kaum ein übergewichtiges Kind begegnete mir damals. Es war auch kein Problem, einen lockeren Dauerlauf mit einer ganzen Klasse hinauf zum zwei Kilometer entfernten Städtlerwald zu meistern, um erst dort mit der eigentlichen Turnstunde zu beginnen. Nach einigen Fang- und Orientierungsspielen und spielerischen Fitnessübungen an und auf Bäumen gehörte zu guter Letzt nochmals ein lockeres Läufli zurück in die Städtli-Turnhalle mit anschliessend obligatorischem Duschen dazu. Ebenso war es problemlos, mit einer ganzen Klasse längere Strecken im See zu schwimmen. Heutzutage würden sich mit Sicherheit besorgte Eltern über derartige, körperlich hohe Anforderungen bei der Schulleitung beschweren.


Eine kurze Zeit war ich wegen Militärdienst Stellvertreter von Seklehrer Romano Cuonz. Ich unterrichtete die Fächer Mathematik, Menschenkunde und Werken & Gestalten. Wie war ich stolz, für kurze Zeit Sekundarlehrer in Cham zu sein, denn eigentlich hatte ich die Absicht, später nebst Sport auch noch andere Fächer der Sekundarstufe zu unterrichten. In dieser Zeit besuchte ich deshalb Vorlesungen an der UNI Zürich. Die bescheidenen Voraussetzungen meiner Lehramtskurs-Ausbildung genügten jedoch den Anforderungen im Fach Mathematik bei weitem nicht. Deshalb beendete ich das Studium wieder und konzentrierte mich nur noch auf den Sport.



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145: Ich war für kurze Zeit stellvertretender Sekundarlehrer in Cham.

Während meiner Chamer Turnlehrerzeit war Jakob Müller, mein ehemaliger 4. Klass-Lehrer, Rektor der Schulen von Cham geworden. Bereits meine beiden Brüder Willi und Toni gingen bei ihm in die Schule. Nun arbeiteten wir als Kollegen gerne miteinander.


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146: Lehrer Müller. Er war Lehrer aller drei Bucher-Buben, später Rektor der Schulen von Cham und somit eine Zeit lang auch mein Chef.

Einmal hatte ich richtig Angst vor Lehrer Jakob Müller. Toni Häfliger, der Bruder der langjährigen Chamer Lehrerin Claudia Häfliger, war für drei Wochen unser stellvertretender Lehrer. Er war sehr tolerant, was wir natürlich gerne ausnützten. Eines Tages zündete Walter Besmer eine Tränengaspetarde an. Ein Knall, ein Rauch, und wir alle rannten sofort mit tränenden Augen zu den Fenstern und rissen diese auf. Herr Häfliger rief, nein, schrie uns zurück. Doch wir verharrten an den weit geöffneten Fenstern. Dann holte er Herrn Jakob Müller zu Hilfe. Herr Müller trat ins Zimmer und augenblicklich herrschte wieder Ruhe und Ordnung. Wie Walter Besmer bestraft wurde, weiss ich nicht mehr. Aber dass wir damals echte Schlingel gewesen waren, ist mir heute einmal mehr bewusst.

Nun also war er, dieser damals strenge Jakob Müller, plötzlich mein Kollege und gleichzeitig Vorgesetzter. Dank ihm konnte ich in und um die Turnhalle Städtli viel Neues realisieren und inszenieren. Mit viel Geschick gelang es ihm, meine immer wieder neuen Vorschläge dem damaligen strengen Schulpräsidenten Grolimund schmackhaft zu machen. So organisierten wir zum Beispiel gemeinsam die erste Chamer Schul-Olympiade. Dies bedeutete einen ganzen Tag schulfrei für alle Kinder.
 

Doch schon nach drei Chamer Jahren ging mein beruflicher Weg weiter. In Menzingen durfte ich als erster Turnlehrer am Lehrerinnenseminar angehende Lehrerinnen im Fachbereich Sport ausbilden. Mit der gleichen Begeisterung wie in Cham konnte ich auch dort viele Ideen im Sport realisieren und durfte die damals recht bescheidene Infrastruktur systematisch ausbauen. Ich bildete in verschiedenen Sportfächern Leiterinnen aus, und diese leiteten danach eigene Kurse im Rahmen des freiwilligen Seminarsports. Im Winter bot ich Ski-Langlaufkurse an. Wenn nicht genügend Schnee auf den Wiesen lag, verwendeten wir kurzerhand die langen Bambus-Langlaufstöcke während des Lauftrainings als Stütz- und Laufhilfen zum Erklimmen der steilen Menzinger-Hügel.


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147: Mit Langlaufstöcken hatten wir die steilen Menzinger Hügel erklommen.
 

Damals wurde ich noch etwas belächelt. Jahre später jedoch stellte ich mit Genugtuung fest, dass Nordic-Walking einen starken Boom auslöste und zwar nicht nur im Freizeit-, sondern sogar im Militärsport. Am 14.2.2005 strahlte das Schweizer Fernsehen dazu einen Film aus und in einer Pressemitteilung war zu lesen:
 

Jetzt hält der trendige Lifestyle-Sport auch Einzug beim Militär. Im Rahmen ihrer Bemühungen um breitenwirksame Gesundheitsprävention führen die Rekrutenschulen für ihre Bewegungsmuffel die gelenkschonende, aber Fitness fördernde Gangart ein.

Jetzt nach diesen Abstechern wieder zurück zu meinen verschiedenen Schulwegen. Oft wählte ich auch den Weg Richtung See, vor allem wenn ich allein bleiben wollte.


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148: Das war mein Schulwege in Richtung zum See; links die Mauern der Schlossgärtnerei.

Auf der rechten Strassenseite wohnte der Zahnarzt Ritter in einem grossen, wunderschönen Holzhaus. Ich war als Kind lieber beim Zahnarzt Meier in Behandlung, denn man munkelte, beim Zahnarzt Ritter würde es mehr weh tun als beim Meier.


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149: Rechts der Schlossmauer das schöne grosse Zahnarzt-Ritter-Haus, gleich vis à vis von der Schlossgärtnerei. Das Haus sieht heute noch aus wie vor 60 Jahren! (Foto am 24.6.2019).

Aber auch beim Zahnarzt Meier tat’s natürlich weh, wenn er mit seinen bedrohlich surrenden Bohrern jeweils Löcher in meine Zähne bohrte. Ich höre und sehe noch vor mir die Riemen, welche über verschiedene Umlenkrollen den groben Bohrer in Bewegung setzten. Es dröhnt immer noch in meinem Kopf, wenn ich daran denke. Von Wasserkühlung während dieses Vorganges war damals noch kaum die Rede, höchstens, wenn es zu stark blutete. Obwohl es immer sehr schmerzhaft war, wurde zur Schmerzlinderung nichts gespritzt.


Damals gab es eine Narkose-Technik mittels Lachgas. Eine Gasmaske wurde auf mein Gesicht gedrückt. Der Zahnarzt öffnete langsam den Hahn an seiner Gasflasche, bis er nach Gutdünken annahm, dass ich genügend beduselt war … und dann bohrte er weiter und weiter. Zum Schluss, vor dem Einsetzen des Amalgams, wurden alle feinen Überreste, alles Wasser und Blut mit einem kleinen Pressluftschlauch mit hohem Druck weggeblasen. Oh, tat das weh! Endlich war dann das Loch geflickt, und ich durfte wieder im Lift zwei Stockwerke hinunterfahren. Dieser Lift war damals einer der wenigen im ganzen Dorf Cham. Wenigstens ein kleiner, flüchtiger Trost nach schmerzhaften Zahnarztbesuchen.

Zahnarzt Ritter hatte einen grossen, bissigen Boxerhund. Dem mächtigen Tier stand eine grosse Wiese mit Apfel- und Birnenbäumen als Auslauf zur Verfügung. Dieser Obstgarten war mit hohen Holzbrettern eingezäunt – zum Glück für uns Buben.


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150: Ein Schild «Warnung vor dem Hunde» fehlte, aber wir wussten es trotzdem!

Sobald der aufmerksame Hund uns entdeckte, rannte er mit grossen Sprüngen zähnefletschend und geifernd auf uns zu, stemmte sich an den Holzlatten hoch, bellte und jaulte, was das Zeug hielt. Durch unser bewusst provozierendes Gestikulieren und Rufen wurde der Hund natürlich noch wilder, doch wir fühlten uns in Sicherheit auf der anderen Seite des Zauns. Wenn ich jedoch Herrn Ritter mit seinem Hund zufällig begegnete, war der böse Boxer glücklicherweise immer an der Leine. Ich sagte dann bewusst sehr freundlich «Grüezi Herr Dokter!» und machte einen grossen Bogen um die zwei! Hätte  der Doktor Ritter gewusst, wie wir uns jeweils gegenüber seinem Hund auf der schützenden  Seite des Zauns verhielten, hätte er meinen Gruss sicher nicht immer so freundlich erwidert.


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151: Der Ritter-Boxerhund machte uns Angst, aber wir foppten ihn halt immer wieder.

Unmittelbar unterhalb des Ritterhauses ist eine grosse Wiese – wenn die erzählen könnte! Wir wurden als Kinder streng katholisch erzogen. Dazu gehörte nebst dem sonntäglichen Gottesdienst ab und zu auch der Besuch der Andacht «Bruderschaft zum guten Tod» am Sonntagnachmittag, ferner die Teilnahme an verschiedenen Prozessionen und nicht zuletzt der Besuch der Maiandacht.


Maiandacht – dieses Wort verbinde ich sofort mit dieser Ritterwiese. Im Mai stand das Gras sehr hoch, höher als unsere Körpergrösse. Wenn wir uns ganz leicht gebückt verhielten, konnte man uns von ausserhalb nicht mehr sehen. Obwohl natürlich mein Vater wusste, dass der Bauer nicht erfreut war an zerdrücktem Gras, liess er uns jeweils gewähren. Wir durchquerten nach der jeweiligen Andacht die ganze Wiese von oben bis unten, und zusätzlich alle auf einem selbst gewählten Weg. Da es nach der Maiandacht bereits gedämmert hatte, wurde so der geheimnisvolle Rückweg im hohen Gras bis hinauf zur Mauer der Liegenschaft Ritter nochmals ein besonderes Erlebnis. Von bedrohlichen Zeckenbissen hatten wir damals noch keine Ahnung.
   

Zurück zu meinem Schulweg. Er führte dieser Ritter-Wiese entlang und weiter vorbei am Areal des Hirsgartens. Es gibt nichts, was nicht irgendwann schon auf diesem Platz gefeiert wurde: Spielplatz, Festplatz, 1. Augustplatz, Fussballplatz mit traditionellem Grümpelturnier, Platz für Operetten, Platz für Zirkuszelte, aber vor allem stets unser Buebe-Tschuttiplatz.


Die vielen Festivitäten in unmittelbarer Nähe des Schlosses freuten die Familie von Schulthess nicht immer, denn die lauten Töne der Musik und das Geschrei von Betrunkenen waren oft bis in die frühen Morgenstunden zu hören. Zu dieser Zeit war Herr von Schulthess bereits wieder mit seinen Hunden auf dem Morgenspaziergang unterwegs.


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152: Der Hirsgarten war und ist immer noch Chams Festplatz für vieles.

An den Festivitäten der Feier von «1100 Jahre Cham» beim Hirsgarten hatten auch Frau und Herr von Schulthess grosse Freude. Sie luden sogar einige Ehrengäste ins Schloss ein. Eine Persönlichkeit darunter war der damalige Zuger Bundesrat Etter. Das grosse Dorffest sollte nämlich auch daran erinnern, dass Ludwig der Deutsche vor 1100 Jahren seinen Hof der Gemeinde Cham schenkte.


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153: Einladung ins Schloss St. Andreas für auserwählte Ehrengäste, u.a. Bundesrat Etter.

Für uns Kinder war dieser Anlass ein einmaliges Fest. Mein Stolz war unübersehbar, wie ich während des Umzuges an der Mauer der Schlossgärtnerei entlang Richtung Hirsgarten mitmarschierte.


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154: Fast am Ende das langen Marsches der Schlossmauer entlang Richtung Hirsgarten.

Herr Bühlmann, Inhaber der Papeterie Bühlmann an der Knonauerstrasse, inszenierte auf eindrückliche Art und Weise ein unvergessliches Fest für uns Chomer Kinder. Unvergesslich bleiben mir seine grossen, dunklen Augen und seine auf beide Seiten gleichmässig gekrausten Haare. Bei den Proben gab er gezielte Anweisungen und spielte diese immer selber vor. Ich hatte in einer Szene, in der es um geschichtliche Hintergründe von Cham ging, den folgenden, einzigen Satz lautstark zu verkünden: «En lange Zoog chond vo Schteihuuse här!»


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155: Mein lauter Sprecheinsatz lautete: «En lange Zoog chond vo Schteihuuse här!»

Jacques Knüsels Auftritt mit dem legendären Satz im Zusammenhang mit der Milchsüdi und dem Gründer der Nestlé lautete: «Kondensierte Melk in Boxes senden wuait wuait in die Wörld!» Was mir jedoch ganz besonders gut in Erinnerung geblieben ist, sind die vielen Proben während des Unterrichts. Einige Auserwählte durften den wunderbaren Reigen üben zu Zeiten, in denen andere im Schulzimmer Lehrstoff «büffeln» mussten!


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156: Diesen Tanz haben wir während der täglichen Schulzeit stundenlang geprobt.

Eine besondere Veranstaltung war die Aufführung der Operette Eine Nacht in Venedig. Der mutiger Chamer Sergio Foglia organisierte diesen Grossanlass. Mein Bruder Willi erlebte die farbenprächtige Vorführungen jeweils hinten in der Schlossgärtnerei vom Aussichtsplatz auf einer hohen Tanne aus. Leider hatte er mir dies nicht verraten, denn sonst hätte ich sicher gebettelt, auch mitkommen zu dürfen. 


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157: Die Operette Eine Nacht in Venedig war ein grosser Chamer Anlass.


Zudem hätte ich gar nicht auch noch Zuschauer sein können, da ich als Statist agierte. Noch sehe ich die Gondolieras, wie sie beinahe professionell mit nur einem Ruder ihre Boote langsam zwischen dem Ufer und der Bühne hindurch steuerten. Immer wieder, wenn ich eine schöne Mondnacht erlebe, höre ich noch heutzutage die gewaltige Tenorstimme: «Der Mond hat schwere Klag’ erhoben!»


Die Wege um die Hirsgarten-Wiese wurden von Läufern auch als Rundbahn-Trainingsstrecke genutzt, denn eine eigentliche Sportanlage gab es damals in Cham noch nicht. Wenn man nachts auf dem Weg zu einer Abendandacht in die Kirche war oder auf dem Heimweg vom Bahnhof, hörte man plötzlich gespensterhafte Schritte im Dunkeln, immer etwas lauter. Sogleich lief eine schnaubende Gestalt an einem vorbei und verschwand rasch wieder in der Dunkelheit. Da wurde gezielt trainiert! Erstaunlicherweise hatte Cham schon damals einige bekannte Langstreckenläufer wie Toni Schriber oder Hans Suter.

Aber bereits zu derselben Zeit bemühte sich der Turnverein Cham (damals gab es nur den ETV) um eine bescheidene Leichtathletikanlage am Rande des Hirsgartens, unmittelbar gegenüber der Schlossgärtnerei. Eine kleine Sandgrube konnte sowohl für Weitsprung, Hochsprung wie auch für Stabhochsprung genutzt werden. Oft habe ich als Kind den beiden Athleten Zurfluh und Guggenbühl bewundernd zugeschaut. Besonders fasziniert war ich von den Stabhochsprüngen über eine hohe Latte.


Stabhochsprung war in den 40er Jahren ursprünglich eine Disziplin für Kunstturner. Dabei wurde einerseits die saubere Haltung beurteilt und andererseits die Höhe (ähnlich wie dies heute bei Skischanzensprüngen gehandhabt wird). Auf dem Foto ist im Hintergrund das Tor zum hinteren Eingang des Schlossparks erkennbar. Dieses habe ich in meiner Lausbubenzeit oft unerlaubterweise und nur mit einer List geöffnet. 



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158: Xaver Huber vom Turnverein Cham mit einem elegant ausgeführten Stabhochsprung. Im Hintergrund das Eisentor zum Schlosspark St. Andreas.


Der Hirsgarten war auch wegen mir einmal Schauplatz für einige Fussball spielende Chamer Buben. Ich war etwa 9-jährig und besass noch kein eigenes Velo. Unser blaues Starrlaufvelöli stand schon seit langer Zeit defekt in der Reparaturwerkstatt von Josef Bisang. Baba hatte unlängst zwei neue, grüne Velos gekauft. Noch sehe ich, wie die Mutter mit ihrem engen Jupe zwar etwas umständlich aber doch elegant auf das neue Velo auf- und dann mit einem lockeren Hüpfer wieder abstieg. Das wollte ich auch probieren. Also lieh ich eines Tages Mutters Velo aus (natürlich ohne die Mutter zu fragen). Selbstverständlich hätte ich dieses Velo nicht benützen dürfen, aber ich wagte trotzdem einen ersten Ausritt.


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159: Ich war damals, wie dieses Mädchen, viel zu klein für das grosse Velo der Mutter.

Ich war noch zu klein, um auf dem hohen Sattel sitzen und gleichzeitig die Pedalen treten zu können. Deshalb stand ich auf die Pedalen und trat tüchtig einige Male hintereinander auf und ab. Darauf setzte ich mich so gut es ging auf den Sattel, den ich in der Zwischenposition beider Pedalen gerade noch knapp erreichen konnte, und liess die Räder laufen. Nun war ich ermutigt, auch einmal ausserhalb meines Waldschlupfreviers richtig Velo zu fahren.


Ich fuhr zum eisernen Tor, öffnete es und schloss es wieder hinter mir. Den Schlüsselrain aufwärts musste ich das schwere Velo natürlich schieben. Oben beim Ritterhaus angelangt stieg ich wieder auf und sauste ohne zu bremsen mutig die Strasse hinunter Richtung Hirsgarten. Das Gefühl war unbeschreiblich schön, aber dann begann plötzlich das Vorderrad zu wanken. Ich wusste nicht, wie mir geschah, aber auf einmal krachte es und ich stürzte fürchterlich – genau in Sichtweite des Tschuttiplatzes. Die Buben schauten verdutzt erschrocken zu, doch als sie sahen, dass ich wieder aufstehen konnte, lachten sie mich verhöhnend aus. Ich schluchzte lautstark, fasste das stark havarierte Velo, schob es den Ritterweg hinauf und vorsichtig wieder den Schlüsselrain hinunter. Das Velo war arg demoliert, das Vorderrad hatte ein riesiges «Achti». Ich hatte deshalb grosse Mühe, es überhaupt noch schieben zu können. Ich machte mich auf ein heftiges, sicher berechtigtes Donnerwetter meiner Mutter gefasst. Doch es kam anders. Erstaunlicherweise beachtete sie  das demolierte Velo kaum, sondern pflegte sofort all die Wunden an Knie und Ellbogen. Irgendwann wurde das Velo wieder repariert, aber ich benutzte es danach lange Zeit nicht mehr. 
 

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160: Mein Schulweg ging weiter am Hirsgarten vorbei und dann unter der Bahnbrücke durch.

Mein Schulweg ging weiter vom Hirsgarten unter der Eisenbahnbrücke hindurch und über die breite, aber nicht ungefährliche Lorzebrücke. Die rund gewölbten  Brückenmauern verführten mich immer wieder zu mutigen Balanceakten. Glücklicherweise hatte mich meine Mutter dort nie beobachtet.


Ein weiteres gefährliches Unterfangen war der kleine Umweg über die Schleusentreppe. Heute steht dort eine Verbotstafel. Dann ging's hinauf zum Friedhof. Immer wieder blickten wir noch kurz auf die Uhr des 80 Meter hohen Chamer Kirchturms, denn wir konnten es uns nicht erlauben, zu spät zur Schule zu kommen.


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161: Man sieht ihn immer von weit her, den 80 Meter hohen Chamer Kirchturm.

Der Weg durch den Friedhof war immer etwas unheimlich, ja geradezu gespenstisch. Oft konnten wir die Totengräber – so nannten wir sie – mit Schaufel und Pickel beobachten, wie sie wieder ein neues Grab aushoben. So wussten wir, dass jemand gestorben war. Wer es war, konnten wir an der schwarzen Tafel beim Eingang der Leichenhalle lesen.


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162: Der «unheimliche Durchgang» durch den Friedhof war ein Teil meines Schulweges.

Mein Weg führte auch an der Leichenhalle vorbei, in der die Verstorbenen einige Tage in einem Sarg, oben mit einem kleinen Fenster ausgestattet, aufgebahrt lagen. Es brauchte immer etwas Mut, einen hastigen Blick durch ein solches Fensterchen zu werfen. Aber das Ziel war stets, etwas mutiger zu sein als andere Mitschüler.


Bald erreichten wir den grossen Kirchplatz. Viel wichtiger jedoch war die Bäckerei Schultheiss, bei der wir immer bewusst besonders langsam vorbeischlenderten. Vor Schulbeginn wagten wir es zwar nie, etwas zu «chrömle», auf dem Heimweg dagegen schon eher. Einem grossen, süssen 5-Rappen-Mocken oder einem Weggli für 15 Rappen konnten wir oft nicht widerstehen. Zum Schluss ging's nochmals über die Luzernerstrasse, am Restaurant Kreuz vorbei und schon konnten wir unser Schulhaus Kirchbühl sehen.


An meinem ersten Schultag stand ein Fotograf bereit. Wir mussten uns hinstellen und möglichst flott dreinschauen. Ich erinnere mich noch gut, dass auch meine Mutter dabei war. Ihre grösste Sorge war, ob man wohl mein ramponiertes linkes Knie auf dem Foto auch sehen würde. Sie ermahnte mich, ich solle doch einwenig nach rechts drehen, damit man dann die Wunde am Knie auf dem Foto nicht so gut sehen könne. Ich habe mich dann schüchtern etwas nach rechts gedreht, aber die Platzwunde ist trotzdem deutlich zu sehen!



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162a: Mein erster Schultag im Frühling 1952 vor dem legendären Kirchbühlschulhaus.

30 Jahre später, kurz vor dem ersten Schultag unseres Sohnes Martin, erinnerte ich mich an meinen Eintritt ins Schulalter. Deshalb fuhren wir extra von Unterägeri nach Cham, um an derselben Stelle ein Foto zu machen.


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162b: 30 Jahre später am gleichen Platz: Der erster Schultag meines Sohnes Martin. Er ging allerdings nicht in Cham, sondern in Unterägeri in die Schule.



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163: Unser Schulhaus Kirchbühl sieht immer noch so aus wie damals.


In diesem Schulhaus gingen auch alle meine Geschwister zur Schule, und mir war es viele Jahre später vergönnt, im gleichen Schulhaus, ja sogar im Schulzimmer von Jakob Müller, zu unterrichten. Vor der Primarschulzeit war es natürlich Tradition oder sogar Pflicht, den Kindergarten zu besuchen. Den Eintritt in den Kindergarten neben dem Gemeindehaus habe ich in sehr schlechter Erinnerung. Meine ältere Schwester begleitete mich am ersten Tag bis zum Kindergarten.


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164: Der Kindergarten befand sich im oberen Stock des «Spritzenhauses» Cham.

Dort wurde ich von Fräulein Lydia begrüsst, aber schon bei der erst besten Gelegenheit riss ich aus und rannte weinend wieder nach Hause zu meiner Mutter. Sie versuchte mich zu trösten, und schon nach kurzer Zeit führte sie mich wieder zum Kindergarten. Die Angst verging allmählich, und ich erlebte zwei schöne Jahre bei Fräulein Lydia.


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165: Ich bin bei Fräulein Lydia vom Kindergarten weinend nach Hause gerannt.

In den unteren Klassen der Primarschule waren wir über 40 Schüler, damals natürlich nur Buben. Wir wurden mit eiserner Hand geführt, zumindest in den Religionsstunden beim Pfarrer Muff. Ich erinnere mich an eine Situation, als seine Nerven völlig versagten und er vor unseren Augen meinen Schulkameraden Hansi Bütler mit einem Holzstab verprügelte. Darauf war es totenstill. Wenige Minuten später wurde der Unterricht fortgesetzt. An seine Geschichten, die er dann am Ende der Religionsstunden vorlas, erinnere ich mich trotzdem gerne, aber diese Prügelschläge vergesse ich nie.


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166: Strenger Religionsunterricht beim Pfarrer Muff.

Die Prügelstrafe war damals noch Gang und Gäbe. Eines Tages fragte mich Fräulein Meier, unsere Erstklasslehrerin, ob ich ihr einen Holzstab zuschneiden würde, den sie dann als Tatzenstab verwenden könne. Ich tat dies in der Hoffnung (und im naiven Glauben), dass dieser Stab nie meine Handflächen traktieren würde. Ob es dann trotzdem einmal der Fall war, erinnere ich mich nicht. Aber eigentlich hätte ich nur schon für diesen Bärendienst mehrere Schläge verdient! Tatzenschläge gab es auf die ausgestreckte Hand. Anzahl, je nach Vergehen.

Alle Chamerinnen und Chamer, die einst im Schulhaus Kirchbühl zur Schule gingen, könnten sicher ähnliche Geschichten erzählen. Geschichten über das, was im Schulzimmer, auf dem Pausenplatz, aber vor allem auch auf dem Schulweg passierte. Und somit folgt meine nächste Zeitreise auf dem Heimweg von der Schule durchs Dorf. Auch auf diesen Wegen ereignete sich natürlich wiederum dies und das. Vieles ergab sich aus dem jeweils aktuellen Dorfleben; einiges haben wir Lausbuben jedoch selber «angezettelt».


Nach dem Überqueren des Bärenplatzes begegneten wir ab und zu Männern in aufgeheiterter Stimmung mit hochroten Gesichtern. Sie kamen kurz vor Mittag aus dem Restaurant Bären und stiegen vorsichtig die steilen Treppenstufen hinunter, alle in Schwarz gekleidet. Wir vermuteten, dass im Restaurant ein Leichenmahl stattgefunden hatte. Ein solches Leichenmahl half offensichtlich, die Trauer schneller zu überwinden. Das verstanden wir Kinder damals nicht.

60 Jahre später, am 8. Januar 2015, fand in Zug die Urnenbeisetzung meiner Taufpatin Bertha Moss-Stadelmann statt. Sie war eine Schwester meiner Mutter. Auch sie war eine bewundernswerte, liebe Frau. Jeweils an Weihnachten brachte sie mir immer einen feinen Butterzopf mit einem darin eingesteckten Göttibatzen. Nach der Beisetzung der Urne auf dem Grab von Onkel Marty, ihrem 1999 verstorbenen Mann, fand in der Abdankungshalle der St. Michaels-Kirche Zug eine wunderschön gestaltete Abschiedsfeier statt. Zwei Grosskinder von Berta gestalteten mit ihren musikalischen Beiträgen den feierlichen Rahmen. Das reiche Leben meiner Gotte wurde in einem Lebenslauf nochmals gewürdigt. Ich war stolz, eine so sportliche Taufpatin gehabt zu haben. Im Lebenslauf wurde geschildert, wie sie sich bis ins hohe Alter täglich bewegte: Zu Fuss auf den Zugerberg, mit dem Fahrrad Radtouren in der Umgebung von Zug oder beim Schwimmen im nahe gelegenen Zugersee. Sie starb mit 93 Jahren.


Im Anschluss an die Abschiedsfeier wurden wir zu einem Imbiss ins Restaurant Guggital eingeladen. Schon nach kurzer Zeit wich die Trauer unterhaltsamen Gesprächen. Viele der Anwesenden, besonders die grosse Verwandtschaft der Gotte Bertha, sind sich schon lange Zeit nicht mehr begegnet. Zu meinem Erstaunen kamen im Verlauf des Abends einige Personen auf mich zu und fragten: «Bist Du der Sohn vom Lisi (Elisabeth, das war meine Mutter)? Und habt Ihr nicht in einem wunderschönen Schlosspark gewohnt?» «Ja, das stimmt alles. Und wer bist denn Du?» fragte ich zurück. «Ich bin der Sohn vom Fränz (Franz war ein Bruder meiner Mutter)!» antwortete der Andere. «Dann sind wir ja beide Cousins!» stellten wir erstaunt und erfreut fest. Und solche Gespräche wiederholten sich einige Male in ähnlicher Weise.


Während und besonders nach diesem Treffen mit den vielen Verwandten erinnerte ich mich wieder an die heiteren Männer, die ich vor 60 Jahren nach einem derartigen Anlass vor dem Chamer Bären beobachtet hatte. Es wurde mir einmal mehr bewusst, dass sich nach jeder Trauer auch wieder Normalität, ja sogar Freude einstellt. Manchmal geschieht dies schnell, für direkt Betroffene dauert der Weg zurück in den Alltag oft länger. Leben heisst auf dem Weg sein aber auch Abschied nehmen und irgendeinmal heimgehen. Diesen schönen Gedanken hat mir der Priester in seiner Predigt mit auf den Weg gegeben, auf den Weg zurück nach Hause – in die Ostschweiz.

Nach diesem grossen Zeitsprung wieder zurück zum Schulweg. Unmittelbar bei der nächsten Türe beim Bären war der Eingang zum oberen grossen Saal. Vor der Weihnachtszeit fand dort alljährlich eine grosse Spielwarenausstellung statt. Dieser Verlockung konnten wir nur selten widerstehen. Wir tasteten uns durch den dunklen Gang hinauf und standen schon bald mitten in einem grossen Angebot von Spielsachen. Wir durften von vielem träumen. Einmal wünschte ich mir eine kleine, aufziehbare Berg-und-Talbahn, die ich bei Baumgartners Weihnachtsausstellung entdeckt hatte. Ich schrieb diesen Wunsch dem Christkind auf den Wunschzettel. Dann steckte die Mutter diesen Zettel hinters Vorfenster vor die alten, hölzernen Jalousieläden. Am andern Morgen war der Wunschzettel nicht mehr da – und später an Weihnachten lag eine Bahn unter dem Christbaum. Das Christkind, an das wir natürlich bereits zu dieser Zeit nicht mehr allen Ernstes glaubten, hatte meinen Wunsch erfüllt. Unzählige Male zog ich die Feder des Bähnlis auf, bis ich sie eines Tages leider überdrehte.

Auf der hohen Lorzebrücke hielt ich immer inne, denn ich wollte erkunden, ob Fische zwischen den Schlingpflanzen schwammen. Ab und zu entdeckte ich Riesendinger, aber es blieb beim Beobachten, denn hier hatte ich als Fischer nichts zu suchen!


Der Heimweg auf der Zugerstrasse ging weiter vorbei am Hauptgebäude der Nestlé. Irgendwie habe ich damals den Zusammenhang zwischen der Nestlé und dem Schloss St. Andreas weder verstanden noch realisiert.


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167: Skulptur von Herrn Georg Page im Chamer Nestlépark

Deshalb hat mir die Skulptur von Herrn G. Page im Park des Nestléareals auch gar nie viel bedeutet. Heute, viele Jahre später, sehe ich natürlich den Zusammenhang. Das heimwärts Schlendern ging jeweils weiter. Auf der linken Strassenseite folgte das Restaurant Neudorf. Baba hat immer wieder erzählt, dass er unsere Mutter in diesem Restaurant kennen gelernt hatte. Einmal hätte er ihr sogar ein Körbli mit selbst gepflückten Erbeeren aus dem Herrenwald gebracht! Mit Erfolg, wie sich wenig später herausstellte!

Im weitläufigen Neudorfgebäude mit Kino, Restaurant und einem grossen Saal wohnte Max Kaufmann. Er war nicht gerade ein Musterschüler. Deshalb unterstützten wir ihn ab und zu bei seinen Hausaufgaben etwas mehr als erlaubt. Jedenfalls hatte der Lehrer Müller anderntags echte Freude an den flott ausgeführten Hausaufgaben von Max. Wir halfen ihm, denn wir wussten, dass wir als Dank mit ihm wieder etwas Abenteuerliches im oder ums Neudorf erleben durften. Max kannte natürlich das ganze Gebäude wie den eigenen Hosensack. Für uns waren all die grossen dunklen Räume voller Geheimnisse. Im Theatersaal spielten wir jeweils Versteckspiele – bei völliger Dunkelheit. Es war beinahe unheimlich, denn plötzlich hörte ich, während ich mich unter einem Tisch versteckte, wie in meiner Nähe ein Stuhl langsam auf dem holprigen Parkettboden weggeschoben wurde, oder wie langsame, tappende Schritte ganz in meiner Nähe hörbar waren. Mein Puls stieg an und mein Atem stockte für kurze Momente, bis uns Max endlich entweder mit dem Betätigen eines geheimen Lichtschalters oder mit dem Ausruf «fertig» aus dieser Spannung erlöste und anschliessend wieder ins Freie begleitete.
 

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168: Neudorfgebäude mit Theater- und Bühnenturm, Restaurant und Kino.

Viel spannender, aber auch gefährlicher war der Aufstieg im längst ausser Betrieb stehenden hohen ehemaligen Nestlé-Kamin hinter dem Neudorf. Auf alten Chamer Fotos sind einige solcher Hochkamine aus der Nestlé-Zeit zu sehen. Sie waren hoch, sehr hoch! Das letzte damals noch stehende befand sich beim Neudorf. Da wollten wir unbedingt hinauf!


Zuerst galt es, die hohe Steinmauer hinter dem Neudorf zu überwinden. Dann konnten wir das alte verrostete Eisentor des Hochkamins erreichen. An dieser Stelle tasteten wir uns in den Innenraum des Kamins. Ein Blick nach oben – wir sahen nur ein kleines, helles Loch – reizte uns natürlich, an der verkohlten, rostigen Leiter hochzuklettern. Wer sollte es zuerst wagen? Einer nach dem andern stieg hinauf, kam jedoch schnell wieder herunter. Nun war die Reihe an mir. Natürlich wollte auch ich unbedingt dabei sein, dazu gehören. Ich fasste Mut und stieg mit zittrigen Schritten vorsichtig Sprosse um Sprosse hinauf. Einige dieser an der Mauer befestigten Eisenstäbe wackelten bedrohlich. Endlich oben! Ein kurzer Blick über die Dächer von Cham, aber dann ganz schnell wieder hinunter, vorsichtig, Stufe um Stufe, dann stolz aus dem Kamin; geschafft, im Hinterkopf aber mit einem sehr schlechten Gewissen! 


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169: Im Innenraum dieses Hochkamins bin ich hinaufgeklettert.

Anschliessend versuchten wir, unsere schwarzen, kohleverschmierten Hände am Brunnen auf dem Neudorfplatz zu reinigen, natürlich ohne Seife. Der alte Sattler Ruhstaller – er hatte ein Holzbein! – welcher oft am Eingang seiner kleinen Werkstatt im Freien arbeitete, sah uns zu und ahnte ziemlich sicher, dass wir wieder etwas Unerlaubtes getan hatten, doch verraten hat er uns nie! Wie ich anschliessend zu Hause meine noch immer schwarzen Hände zu waschen und meine mit Kohle verschmierten Hosen mit kaltem Brunnenwasser zu reinigen versuchte, erinnere ich mich nicht mehr. Eines weiss ich jedoch noch ganz genau: Diese Geschichte habe ich meinen Eltern nie erzählt!


Im Verlauf der Jahre wurde dann auch dieses Neudorf-Hoch-Kamin gesprengt, ein ganz besonderes Schauspiel für die Chamer Bevölkerung, aber speziell auch für mich.

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(Einschub am 15. September 2019)
Auf meine regelmässigen Beiträge «Chomer Geschichten» in der Zuger Presse – es sind immer Geschichten aus meinem St. Andreas-Buch – habe ich viele schöne Feedbacks erhalten. Beim Schreiben kommen mir aber immer wieder neue Dinge aus der damaligen Zeit in den Sinn, die ich dann neu «zwischen die Zeilen» einbaue, wie dies auch im folgenden Beitrag der Fall ist. Aber weil es so lange her ist seit meiner Kindheit, kann es auch mal passieren, dass man etwas nicht mehr ganz genau weiss, oder aber, dass man es schon damals nicht sicher wusste. So in meinem Fall: Hatte der Sattlermeister Ruhstaller wirklich ein Holzbein, wie wir Kinder es immer zu wissen glaubten? Ein grosses Horn auf der Stirne hatte er, da war ich mir sicher. Trotzdem wagte ich es nicht, auch noch dieses «Markenzeichen» im Buch zu beschreiben.

 

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169b: Das war eine weitere Chomer Geschichten in der Zuger Presse.


Eine eigentliche Kritik auf meine vielen Chomer Geschichten gab es bis jetzt noch nie; bis jetzt. Unlängst hat sich jedoch eine Leserin – es war nicht irgendeine! – über einen Fehler im Neudorf-Beitrag «Klettern im Kamin und Verstecken im Theater» wie folgt geäussert:


Sehr geehrter Herr Bucher
Es ist immer wieder interessant ihre Chomer Geschichten zu lesen. Leider hat sich aber dieses Mal bei der Neudorfgeschichte ein Fehler eingeschlichen. Der „alte" Sattlermeister Ruhstaller konnte sein Holzbein gar nicht neben seinen Arbeitstisch stellen, da er gar KEINES hatte. Er hatte ein steifes Knie.

Mit freundlichen Grüssen
Brigitta Ruhstaller, Enkelin des „alten“ Sattlers Ruhstaller!

Natürlich habe ich sofort darauf reagiert und mich entschuldigt. Dann machte ich Frau Ruhstaller darauf aufmerksam, dass ich den Sohn des alten Sattlers Ruhstaller – wir nannten ihn «Gugeli» – sehr gut kannte und schrieb:

 
Frau Ruhstaller, wenn Sie wüssten, wie oft ich mit Gugeli Kontakt hatte! Ich durfte auch oft als Junior mit seiner Finjolle, dem «Radieslis», segeln, ja sogar regattieren! Wir lagen sogar einmal gleichzeitig miteinander im Spital Cham (1964), er wegen eines Unfalls, das sich beim Start einer Segelregatta ereignete und ich nach meiner Meniskus Knieoperation bei Dr. Kaufmann (Foto 380).


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169c: «Gugeli» vertraute uns Junioren; wir durften mit seiner Finjolle «Radiesli» segeln.


Über den Unfall beim Start einer Segelregatta hat man Jahre später bei seiner Wahl zum Ehrenmitglied des Segelclubs Cham in einem Gedicht wie folgt «erinnert»:


An der Kanone Meisterschütze,
war er beim Start die grösste Stütze.

Doch was sich dabei zugetragen,
das schlug ihm nicht nur auf den Magen.
Er hat auch das, zwar leicht beklommen,
wie alles mit Humor genommen.

169d: Auszug aus einem Gedicht zu Gugelis Schwarzpulver-Unfall beim Start einer Segelregatta (aus der Chronik des SCC).


Es ging keine zwei Tage, dann begann Frau Ruhstaller zu schwärmen:

 
Und wieder schrieb Frau Ruhstaller: Jaja das liebe Radiesli. Auch ich und mein Bruder haben unsere Seglersporen damit abverdient. Leider hat Gugeli – das war mein Vater! – es dann verkauft, weil er fand, wir seien zu leicht für diese Finnjolle. Und sein Bein war das Leben lang mit Schwarzpulver verseht. Und Sie haben Recht: Mein Großvater hatte tatsächlich ein Horn auf der linken Stirn!


Ich freue mich immer wieder, dass ich mit meinen Geschichten bei anderen Menschen alte Erinnerungen «auffrischen kann»!

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Zurück zur Neudorf-Geschichte: Am 2. August 1978 stand der ganze Neudorf-Gebäudekomplex in Flammen, und somit verschwand ein weiteres, bedeutendes Chamer-Gebäude. Mein Bruder Toni war bei diesem Brand Ersatz-Einsatzkommandant; Franz Abt war zu diesem Zeitpunkt nicht zugegen. In einem Feuerwerrapport ist zu lesen: «Die Flammen griffen vom westlichen Annexbau auf die übrigen Anbauten über und fanden im alten Gebälk im Lager des Brockenhauses reiche Nahrung. Der Einsatzkommandant Toni Bucher forderte den Gasschutz der Stützpunktfeuerwehr samt Schaumkanone an. Bei der Lorze musste eine Schaumsperre errichtet werden, denn rund um den Brandkomplex war alles weiss wie im Winter. Im Einsatz standen rund 200 Mann.»


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170: Der ganze Neudorfkomplex brannte am 2. August 1978 nieder.

Während meiner Lehrzeit in der Papierfabrik Cham begegnete ich Max Kaufmann ab und zu an seinem Arbeitsplatz an der Papiermaschine 5, wenn wir von der Elektrowerkstatt wegen technischen Problemen angefordert wurden. Wir unterhielten uns bei solchen Gelegenheiten auch immer wieder über unsere abenteuerliche Schulzeit, besonders aber an die unvergesslichen Neudorfgeschichten.


Max war an dieser damals grössten Papiermaschine unter anderem mitverantwortlich, dass die Papierbahnen möglichst ohne Störungen durch die verschiedenen Walzen geführt und am Ende der 50 Meter langen Maschine ohne Materialfehler aufgerollt wurden. Papier-Maschinenwärter hatten oft stundenlang keine Arbeit, aber sie mussten im Drei-Schicht-Betrieb rund um die Uhr stets aufmerksam sein. Bei einer Störung galt es, die Panne zu beheben und blitzschnell das abgerissene Papier wieder zwischen den heissen und schnell laufenden Papierwalzen einzufädeln. Das war ein äusserst gefährliches Unterfangen. Bei einer derartigen Aktion wurde einmal die Hand von Max zwischen zwei Walzen eingeklemmt und schwer verletzt. Seither trägt er eine Handprothese. Nach meiner Zeit in der Papierfabrik haben wir uns aus den Augen verloren.

Ein weiteres Erlebnis auf dem Schulweg war immer wieder, beim Velo und Moto Bisang anzuhalten und voller Neugier in sein Schaufenster zu gucken. Neben neusten Stirnimann-Rennvelos waren auch immer die attraktivsten BMW-Motorräder ausgestellt. Josef Bisang konnte nicht nur sehr gut Velos reparieren, er kannte sich auch in Sachen Motorräder aus. Doch an unserem defekten Starrlaufvelöli, das wir vor langer Zeit vom Schloss geschenkt bekamen, zeigte er nicht das geringste Interesse. Auf diesem St. Andreas-Velöli haben alle Bucher Kinder das Fahrradfahren gelernt. Ich erinnere mich genau an die Stelle, an der ich im Wald hinter unserem Haus auf dem kleinen schmalen Weg bis zum legendären Brüggli meine ersten Meter allein ohne Hilfe und ohne Sturz gemeistert habe. Das war der Moment, bei dem ich Velofahren erlernte. Jetzt drängte es mich natürlich immer mehr, in unserer Umgebung herumfahren, aber leider entdeckte ich eines Tages einen Bruch im Rahmen meines kleinen blauen Velölis. Mein Vater brachte es deshalb zur Reparatur. Herr Bisang stellte es achtlos neben seine Werkbank. Immer und immer wieder bin ich nach der Schule zur Werkstatt geschlichen und musste enttäuscht feststellen, dass mein Velöli immer noch nicht geflickt war. Wenn sich Herr Bisang jeweils zufällig in der Werkstatt befand und mich sah, wartete er erst gar nicht auf meine Frage, sondern sagte kurz und laut: «S’isch no ned gflickt!». Nach langer Zeit, ich glaube nach einer eindringlichen Bitte meines Vaters, hat Herr Bisang dann doch endlich versucht, den gebrochenen Rahmen zusammen zu schweissen. So konnte ich anschliessend weiter mein Velofahren üben, bis dieses Velöli auch für mich zu klein war und somit meiner kleinen Schwester Rita zur Verfügung stand.
 

Wenn sich Herr Bisang ab und zu nicht in der Bude befand, dann war sicher Otti Furrer zugegen. Er war meistens damit beschäftigt, ein neues Velo oder neue Velorahmen Marke Stirnimann zu montieren. Fachmännisch lötete er Metallrohre zu einem fertigen Rennvelo zusammen. Dies hat mir unerhört Eindruck gemacht. Er hat mich dann jeweils getröstet wegen des blauen Velölis. Otti – wir durften ihn schon als Kinder duzen – war ein sehr erfolgreicher Radquerfahrer. Wie oft haben wir ihn anlässlich der Querfeldein-Rennen in Cham unterstützt und ihm laut und aufmunternd zugerufen «Hopp Otti; hopp Otti»! Doch immer wieder kam ihm dieser legendäre Emanuel Plattner aus Maur in die Quere! Während mehrerer Jahre wurde Otti an vielen Rennen lediglich «nur» Zweiter, bis es ihm dann im Jahr 1963 endlich gelang, den Schweizermeistertitel zu gewinnen.


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171: Otti Furrer wurde 1963 endlich Schweizermeister im Querfeldein.

Als Otti Furrer an der Radquer-WM in Belgien mit grossen Ambitionen teilnahm, wurde dieses Rennen im Schweizer Fernsehen übertragen. Doch Fernsehapparate gab es zu dieser Zeit erst wenige. Einer stand oben in der Ecke des kleinen Sälis im Restaurant Krone. Dank meinen guten Beziehungen zur Tochter der Krone-Wirtin Vreni Wilhelm (sie war mein Schulschätzli) durften wir zuschauen. Es war eine freudig motivierte Stimmung, als ob wir live dabei gewesen wären. Doch leider genügten unsere «Hopp-Otti-Rufe» nicht für einen Podestplatz.
 

Wenn Sportler wie zum Beispiel Otti Furrer erfolgreich sind oder waren, wird oft nach den Ursachen gefragt: Talent? Begabung? Trainingsfleiss? Gute Trainingsmöglichkeiten? Otti nahm dazu in einem Interview wie folgt Stellung: «Der Grundstein zu meiner guten Kondition liegt in meiner Jugendzeit: Der Weg vom Elternhaus zur Schule mass drei Kilometer. Viermal am Tag bin ich diesen gegangen oder gerannt! Das sind 12 km pro Tag.»

Einmal durfte ich gemeinsam mit Otti einen zweiten Platz feiern, nämlich an einem Grümpelturnier im Chamer Hirsgarten. Durch Hans Meier wurde unser Team verstärkt, was natürlich Otti begrüsste. Hans spielte früher in der Nationalliga bei Schaffhausen und besuchte mit mir zu dieser Zeit den Lehramtskurs in Luzern. Zufällig hatten wir genau den gleichen Beruf erlernt, nämlich Elektromechaniker. Hans musste jedoch vor dem Turnier noch ganz schnell in den Velo-Club Cham aufgenommen werden, damit er als Fussball-Chamer anerkannt werden konnte, denn sein Wohnsitz war Luzern. Wir gewannen alle Vorrundenspiele, kamen ins Final, aber verloren letztendlich im Penaltyschiessen. Ich musste als Torwart eingesetzt werden, weil unser Goli sich im Finalspiel verletzt hatte. Doch dieser Aufgabe war ich nicht gewachsen, denn ich sprang beim alles entscheidenden letzten Schuss in die falsche Ecke! Also einmal mehr nur Rang zwei für Otti!


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172: Zweiter Rang 1966 mit dem Otti Furrer-Fussballteam «waseli was».

Hans besass bereits als Student ein Auto. Als er und ich an jenem Tag in seinem violetten Simca durch Cham fuhren, sagte ich ihm, dass ich in diesem Dorf beinahe alle Leute kenne, sogar mit Namen, denn viele würde ich aus der Schulzeit, aus meiner Lehre in der Papieri, aus den beiden Turnvereinen, vom Fussballclub, vom Segelclub, von der Jungwacht, vom Strandbad oder seit meiner Zeit als Ausläufer beim Denner kennen. Hans glaubte es kaum, bis ich nahezu jeder Person den Namen sagen konnte. Er staunte nur noch. Cham war damals wirklich noch ein kleines Städtli und wurde erst viel später eine Stadt. Fahre ich heutzutage durch Cham, freut es mich, wenn ich jemanden wiedererkenne, wenn auch nicht mehr dem Namen, aber zumindest noch vom Aussehen her, aber das passiert selten. Cham ist für mich fremd geworden.

Vor 50 Jahren kannte man sich in Cham mit dem Namen. Meinem Bruder Toni sagte man damals «Büsché», und alle wussten sofort, von wem die Rede war. Später wurde auch ich mit «Büsché» angesprochen, aber da gab es noch einen dritten «Büsché», nämlich den Willi Bucher vom Duggeli. Er war ein super Sprinter und der Erste im KTV Cham, der barfuss mit Anlauf auf dem Asphaltplatz des Schulhauses Städtli weiter als sechs Meter springen konnte. Er hatte Sprunggelenke wie Federn. Mir gelangen solche Sprünge erst später, allerdings mit Nagelschuhen. Ich absolvierte im Jahr 1967 zusammen mit Willi einen WK in Ollon im Wallis, denn auch er war Panzergrenadier. Unvergesslich bleibt mir eine Gefechtsübung, bei der wir mit viel Munition ausgerüstet wurden, auch mit Handgranaten. Diese mussten in den Seitentaschen des Tarnanzuges versorgt werden. Büsché verzichtete auf das Mittragen von Handgranaten, denn an dessen Stelle versteckte er seine Bierdosen. Später nach seiner Heirat ist er von Cham weggezogen. Leider starb er bereits im Jahr 1999 bei einem Sturz vom Balkon.

Zu jener Zeit gab es tatsächlich einen ultraschnellen Radfahrer namens Walter Bucher. «Du bist Weltmeister!» begann der Seklehrer Leo Niggli eines montagmorgens den Unterricht. Ich wusste nicht, was er damit sagen wollte, doch dann erklärte er mir und der ganzen Klasse, was er an diesem Morgen am Radio vernommen hatte (Auszug aus dem Internet):


Walter Bucher, Jahrgang de.wikipedia.org/wiki/1926">1926, ist ein ehemaliger de.wikipedia.org/wiki/Schweiz">Schweizer de.wikipedia.org/wiki/Radrennfahrer">Radrennfahrer. 1959 belegte er den zweiten Platz bei der de.wikipedia.org/wiki/Meisterschaft_von_Z%25C3%25BCrich">Meisterschaft von Zürich der de.wikipedia.org/wiki/Amateur">Amateure. Fünfmal – 1955, 1957, 1958, 1959 und 1960 - wurde er Schweizer Meister der de.wikipedia.org/wiki/Steherrennen">Steher. Bei den de.wikipedia.org/wiki/UCI-Bahn-Weltmeisterschaften_1958">UCI-Bahn-Weltmeisterschaften 1958 in de.wikipedia.org/wiki/Paris">Paris errang er an diesem vergangenen Wochenende den Weltmeister-Titel der Profi-Steher, nachdem er schon de.wikipedia.org/wiki/UCI-Bahn-Weltmeisterschaften_1955">1955 in de.wikipedia.org/wiki/Mailand">Mailand und de.wikipedia.org/wiki/UCI-Bahn-Weltmeisterschaften_1957">1957 den zweiten Platz sowie de.wikipedia.org/wiki/UCI-Bahn-Weltmeisterschaften_1956">1956 den dritten Platz belegt hatte.


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173: Mein Namensvetter Walter Bucher wurde Rad-Steher-Weltmeister 1955 in Paris.
 

In der anschliessenden Französischstunde fühlte ich mich für einige Momente als kleiner Weltmeister, bis mich meine Träume durch das holperige Vorlesen auf Französisch jäh wieder einholten.

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(Einschub am 10. Juli 2019)
Zufällig stiess ich heute im Schweizer Fernsehen auf den Dokumentarfilm zur Rennfahrlegende Hugo Koblet, dem «Pedalleur de charme». In meiner Kinderzeit war er der bekannteste und nebst Ferdy Kübler erfolgreichste Schweizer Radrennfahrer; er gewann u.a. sowohl die  Giro d’Italia 1950 als auch die Tour de France 1951 und war mehrfacher Sieger der Tour de Suisse.


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173a: Den erfolgreichen Radrennfahrer Hugo Koblet kannte damals jedes Kind.

 

In diesem beeindruckenden Film kamen einige Zeitgenossen von Hugo Koblet zu Wort, so z.B. Ferdy Kübler, der Sportreporter Sepp Renggli und ein Teamkollege von Hugo Koblet, nämlich Walter Bucher, von dem mein damaliger Lehrer Niggli erzählte. Ich hatte diesen Walter Bucher – meinen Namensvetter – noch nie gesehen und auch nicht gewusst, dass er mit Hugo Koblet im selben Team um die Wette «trampelte». Es beeindruckte mich, wie er als über 80jähriger von der damaligen Zeit als Radprofi erzählte und schwärmte. Beim Anhören seiner Interviews realisierte ich, wie ich mich damals in der Schule fühlte und fast ein bisschen stolz war, als mich Lehrer Niggli an einem Montagmorgen vor der ganzen Klasse auf diesen Radrennfahrer Walter Bucher, von dem ich noch nie etwas gehört hatte, aufmerksam machte.


Beim Nachdenken nach dem Hugo Koblet-Film wurde mir wieder einmal bewusst, wieviel Zeit seither vergangen ist, und dass auch bei mir die Uhr nicht stehen geblieben ist …


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173b: Der Rad-Steher Weltmeister Walter Bucher war in den 60er Jahren ein Teamkollege von Hugo Koblet.

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Zurück zum alteingesessenen und immer noch bekannten Chamer Otti Furrer. Unerwartet sah ich ihn einmal weinen. Es war im Jahr 1959. Im Kanton Zug trieb ein Brandstifter sein Unwesen. Es wurden verschiedene Massnahmen eingeleitet und Brandwachen gestellt. Eines Tages brannte auch die Scheune des Vaters von Otti. Kurz nach dem Alarm war ich mit dem Velo zum Bauernhof Furrer gerast und hatte die lodernden Flammen gesehen. Die Feuerwehr war schon längere Zeit im Einsatz. Otti stand vor der brennenden Scheune und weinte. Das Werk seines Vaters, der die Scheune weitgehend selber erbaut hatte, brannte vollständig nieder. Otti vermutete Brandstiftung, doch einen Brandstifter hatte man nie erwischt.

Und jetzt wieder zurück zum Schul-Heimweg durchs Dorf. Unmittelbar nach dem Bisang-Haus musste ich jeweils das Papieri-Bähnli die Zugerstrasse überqueren, welches von einer schweren, grünen Elektro-Lokomotive gezogen wurde. In Zeiten der Revision wurde diese Lok durch eine Dampf-Lokomotive ersetzt. Das war natürlich etwas ganz Besonderes für ganz Chom. Es stand damals an dieser gefährlichen Stelle noch kein Blinksignal zur Warnung, sondern lediglich ein Andreaskreuz «Bewachter Bahnübergang» am Strassenrand. Deshalb musste vor dem Überquerungsmanöver der damals schon stark befahrenen Zugerstrasse der Verkehr durch eine Person angehalten werden. Ein Bähnler, der auf dem vordersten seitlichen Trittbrett der Elektro-Loki stand, sprang einige Meter vor der Strasse elegant ab, rannte dem Zug voraus und stoppte mit seiner roten Flagge den Verkehr. Dann gab er dem Lokiführer das Zeichen für freie Fahrt, lies den laut quitschenden Zug vorbeirollen, sprang auf dem letzten Güterwagen wieder auf, winkte den wartenden Verkehrsteilnehmenden freundlich zu, und die Zugerstrasse war wieder frei für den Strassenverkehr. Derselbe Ablauf spielte sich auch beim Überqueren an der Knonauer- und an der Nestéstrasse ab.


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174: Diese Dampf-Lokomotive zog viele laut quitschende Güterwagen durchs Chomer Dorf.

Unmittelbar auf der anderen Seite der Papieri-Bahnlinie befand sich der kleine Kolonialwarenladen von Frau Roth-Schärli. Trat man in den kleinen Raum, klingelte eine Glocke, die durch das Öffnen der Türe bewegt wurde. Anschliessend ging es aber noch eine ganze Weile, bis Frau Roth aus der Wohnung im oberen Stock herunterkam und sich hinter den kleinen Ladentisch stellte. Sie fragte jeweils freundlich: «Was darf’s sii?» Bei ihr konnte man beinahe alles kaufen, aber von jedem Gegenstand gab es meistens nur ein einzelnes Exemplar. Für uns war vor allem das kleine Schaufenster speziell attraktiv. Dort standen kleine, wackelig aufeinander gestapelte Türme aus verschiedenen Büchsen. Ganz unten im Fensterrahmen waren zwei Schlitze angebracht, wahrscheinlich zur Lüftung gedacht. Wir suchten einen passenden Stecken, den wir in den Lüftungsschlitz stossen konnten. Einer stand Schmiere, während der andere mit dem Stecken ein solches Büchsentürmchen zum Einstürzen brachte. Dann hiess es nur noch weg, so schnell wie möglich. Frau Roth hatte uns nie erwischt, aber das jeweilige Vorbeimarschieren wurde trotzdem immer etwas belastender, denn es war ungewiss, ob sie uns vielleicht doch einmal gesehen hatte und uns deshalb erkennen könnte.


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175: Ungefähr so sah das Kolonialwarenlädeli von Frau Roth aus.

Auf dem weiteren Heimweg der Zugerstrasse entlang standen unmittelbar nebeneinander die Wirtschaften Grütli und Seefeld. An der Chomer Fastnacht 1960 trank ich im Restaurant Seefeld am Ende der 3. Sek mein erstes Bier.
 

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176: Ich trank mein erstes Bier an einer Chomer Fastnacht im Restaurant Seefeld (1960 – also erst 15-jährig!).

Zum Glück überredeten mich meine Schulkollegen nicht zu einer Pintentour, denn damals hätte es im Dorf 13 Möglichkeiten gegeben. Das Seefeld war die erste Wirtschaft an der Zugerstrasse Richtung Lorze. Dann folgten in kurzen Abständen das Grütli, das Neudorf, der Sternen, der Hirschen, die Krone, der Löwen, der Bären, das Rössli, das Blech, das Kreuz, der Raben und zu guter Letzt das Bahnhöfli.
 

Ab und zu verlockte uns auch die grosse Zahl von Klingelknöpfen im Schlosshof-Wohnblock, die letzte Station meines Heimweges nach der Schule. Die beiden Schlosshofhäuser waren die neuesten und grössten Mehrfamilienhäuser in Cham. Sie stehen heute noch, und die Anzahl der Klingelknöpfe ist heute ebenfalls noch dieselbe wie vor 60 Jahren. Wenn wir einer Bewohnerin oder einem Bewohner einen Streich spielen wollten, dann drückten wir die entsprechende Klingel und steckten gleichzeitig ein zugespitztes Zündholz so hinein, dass die Klingeltaste stecken blieb und das Dauerklingeln die betreffende Person ärgerte. Dann aber nichts wie los hinter den nächsten Zaun, abwarten und beobachten, ob unser Streich Wirkung zeigte! Noch mehr Spass bereitete uns, alle Klingeln auf einmal mit beiden Handflächen kurz zu drücken und anschliessend schnellstens zu «verduften». War das ein Gaudi zu beobachten, wie nach kurzer Zeit verschiedene Leute ganz erstaunt am Ausgang erschienen und sich gegenseitig fragten: «Hed’s bi Ihne au glüüte?» 

 
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177: Mit beiden Händen drückten wir gleichzeitig alle 17 Klingeln.

Einmal jedoch hat Frau Fähndrich, die Frau des damaligen Wirts vom Restaurant Kreuz, Toni Renngli und mich bei diesem Streich genau beobachtet, wie wir nach dem Klingeln davonrannten und uns dann hinter der Mauer der Garage von Herrn Renggli versteckt hielten. Da sie in einem höher gelegenen Stock wohnte, konnte sie uns gut sehen. Sie öffnete ihre Balkontüre und rief uns nachdrücklich, aber auch etwas schmunzelnd zu: «I ha öi scho gseh; mached das jo niä meh!» 

Viel gefährlicher wurde es bei einem weiteren Klingel-Streich. Herr Weiss, der damals auch im Schlosshof wohnte, hat uns nach einem solchen «Fehl-Alarm» erwischt. Wir, eine Gruppe von vier Buben, hatten spät abends geklingelt. Sofort waren wir Richtung Nestléstrasse abgehauen und hatten uns vor der Kellertüre beim Besmer-Haus versteckt. Wir wähnten uns in Sicherheit, bis uns eine Taschenlampe jäh mitten ins Gesicht zündete. «Wer hed glütet?» fragte der verärgerte Mann. In diesem Moment konnte einer von uns unterhalb des Armes, mit dem Herr Weiss seine Taschenlampe auf uns richtete, entfliehen. «De Rotteschteiner!» stotterte Walter Besmer geistesgegenwärtig (… doch Urs Rottensteiner war diesmal gar nicht mit dabei!). Der verärgerte Mann wusste, dass Urs Rottensteiner nur unweit entfernt wohnte. Er setzte sich murrend aufs Velo und fuhr zum Haus der Familie Rottensteiner hinunter. Wir Zurückgebliebenen schlichen in diesem Moment sofort in der Dunkelheit nach Hause. Der Vater von Urs Rottensteiner wehrte sich vehement gegen die lautstarken Vorwürfe von Herrn Weiss und erklärte ihm, dass Urs den ganzen Abend zu Hause gewesen sei. Am andern Morgen berichtete uns Urs, dass gestern Abend bei ihm zu Hause die Hölle los war!

Links vor dem Bahnübergang in der Adelheid-Page-Strasse steht auch heute noch ein altes Chamer Haus. Es ist eine Art Schlössli, die Villa Seematt. Hier wohnte Herr Bütler. Er war Kindern stets sehr freundlich gesinnt. Er grüsste uns nie ohne seinen Hut kurz zu heben. Er besass einen alten, schwarzen Citroën, den wir immer bestaunten.


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178: Wir hätten es nie gewagt, diesen schönen, alten Citroën von Herrn Dr. Bütler zu berühren.

Dieses Auto war meistens am Strassenrand parkiert, wir hatten es nie angetastet. Auf dem Balkon des Hauses standen einige grosse Blumentöpfe. Wenn Schnee auf der Strasse lag und der schwarze Citroën nicht parkiert war, ballten wir Schneebälle, und dann ging das verlockende Wettschiessen los, aber nur so lange uns niemand erblickte.


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179: Das kleine Chamer-Schlössli mit den Blumentöpfen auf der Balkonmauer als Zielscheibe.

Dieses Schlössli bedeutete für uns etwas Geheimnisvolles. Erst seit kurzer Zeit habe ich Interessantes zur Geschichte dieses wunderschönen Hauses erfahren.


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180: Bericht zur Geschichte der Villa Seematt bzw. des Bütler-Schlösslis.

Ein anderer Weg nach Hause führte bei der Apotheke Wolf vorbei Richtung Seestrasse. Auch dort gab es einige spezielle Attraktionen für uns Buben. An eine aussergewöhnliche Möglichkeit erinnere ich mich gerne, nämlich ans Kohlenhaufen-Skifahren! Hinter dem langen hohen Holzhag der Seestrasse befand sich ein riesiges offenes Kohlenlager. Ab und zu kletterten wir über den Hag, oder wenn zufällig die grosse Türe offenstand, drangen wir dort in dieses Kohlenlager ein. Nun ging es darum, möglichst schnell einen dieser vier Meter hohen Kohlenhaufen zu erklimmen. Das war nur auf allen Vieren zu bewältigen, denn wir rutschten immer wieder nach hinten aus. Zuoberst angelangt, wurde zur «Abfahrt» gestartet. Mit Glück konnten wir diese Schussfahrt ohne Absitzer überstehen. Ansonsten gab es eben einen schwarzen Hintern. Schwarze, schwierig zu waschende Hände gab es allemal. Wie ich dies jeweils meiner Mutter «beichtete», weiss ich mit dem besten Willen nicht mehr!


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181: Unsere «schwarze Kohle-Abfahrtspiste».
 

Bei jedem Heimweg ging's zum Schluss wieder den Schlüsselrain hinunter, mittlerweile ganz allein, dann hinein in den Schlosspark. «Hast du das Tor geschlossen?» fragte die Mutter jedes Mal, wenn ich nach Hause kam. Falls dies doch einmal vergessen gegangen war, dann hatte dies Herr Ast, oder im noch schlimmeren Fall, Herr von Schulthess bemerkt und darauf entsprechend verärgert reagiert. Dieses eiserne rostige Tor mit dem Täfelchen «PRIVAT – Kein Durchgang» sah ich jeden Tag mehrmals: Als Kind zu Fuss, später in der Sekundarschule mit dem Velo und noch später mit meinem eigenen Auto. Ich entwickelte auf dem Velo eine Technik, mit der ich das Tor öffnen und wieder schliessen konnte, ohne absteigen zu müssen. Später mit dem Auto wurde das Ganze etwas aufwändiger: Anhalten – Aussteigen – Tor öffnen – ein Stück hineinfahren – Aussteigen – Tor wieder leise schliessen –Einsteigen und losfahren.


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182: Das Eisentor habe ich oft geöffnet und meistens wieder geschlossen.

Nicht alle meine Schulwege, die ich während meiner Schulzeit zuerst zu Fuss, später mit dem Velo zweimal am Morgen und zweimal am Nachmittag, insgesamt rund 8000 mal, zurückgelegt habe, waren derart abenteuerlich. Aber die speziellen aufregenden Erinnerungen bleiben im Gedächtnis, insbesondere jene auf Abwegen.

Alle Menschen erinnern sich mehr oder weniger gerne an ihre Schulzeit. Wenn man sich nach vielen Jahren an einem Klassentreffen begegnet, dann werden alte Geschichten wieder lebendig. Einige habe ich aus meiner Sicht beschrieben. Jeder könnte von jedem etwas (anderes) erzählen. Was blieb wohl meinen Klassenkameraden von mir in Erinnerung?



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183: In jeder Schule werden wichtige Weichen fürs Leben gestellt.
 

Mir bleibt in Erinnerung, dass ich sehr oft Angst hatte. Angst vor den Lehrpersonen; Angst, nicht genügen zu können; Angst vor schlechten Noten. Solche Angstgefühle verfolgten mich auch noch später in der Lehrzeit, in der Gewerbeschule und dann im Lehramtskurs. Zum Glück gewann ich im Laufe der Zeit immer mehr Selbstvertrauen. Knieschlottern erlebe ich zwar ab und zu auch heute trotzdem noch, aber doch höchstens bei Alphornauftritten! Ich hoffe, dereinst auch diese «Auftrittsangst» überwinden zu können.

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(Einschub im Sommer 2019)
Angst begleitete mich während meiner ganzen Schulzeit; oft auch noch im späteren Leben. Motiviert durch viele negative Erinnerungen versuchte ich, mit einer Lehrhilfe Lehrpersonen und Eltern anzuleiten, wie Kinder zumindest mit Hausaufgaben «angstfreier» und freudvoller umgehen lernen könnten. Mit Stephan Zopfi, einem meiner ersten Sportstudenten (heute Sportdozent an der PH Luzern) gab ich das Buch heraus «Coole Hausaufgaben». Darin regen wir an, wie mit Formen des Bewegten Lernens die für Kinder oft lästigen Hausaufgaben plötzlich «cool» werden können.


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183a: Unter www.sportfachbuch.de/2830 gibt es dazu einen Gratis-Videofilm.


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183b: Coole Hausaufgaben – (m)ein Beitrag zum freudvollen, angstfreien Lernen.


Wer mit Freude etwas lernt, dem bleibt das Gelernte besser haften als wenn es mit Drill und Angstmacherei beigebracht wurde. Ich bin überzeugt, dass in unseren Schulen nach wie vor viele Kinder und Jugendliche aus Angst und nicht aus Freude lernen. Lernen kann tatsächlich Freude machen, auch die Hausaufgaben. 

Es ist ganz natürlich, dass man vor einem Test, einer Prüfung, einem Vortrag oder einem sportlichen Wettkampf mehr oder weniger nervös ist; das ist auch gut so, denn ohne positiven Stress ist kaum ein gute Leistung möglich. Wenn jedoch der Stress von Angst überschattet oder sogar dominiert wird, dann ist die Ausgangslage zum vornherein ungünstig. Deshalb ist es wichtig, dass bereits in der Schule daraufhin gearbeitete wird, mit Angst und Stress umgehen zu lernen. Und dieser Prozess dauert ein Leben lang! Auch ich bleibe dran!

Freizeit – Strolchenzeit
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7.  Freizeit – Strolchenzeit

Nachdem ich die Hausaufgaben gemacht hatte, begann meine Freizeit. Doch ab und zu waren noch Arbeiten zu erledigen: Der Mutter zur Hand gehen, Holz vom Estrich holen, für Vater eine Gartenarbeit ausführen, den Güselkübel entleeren, beim Denner einkaufen oder sonst noch irgendeinen Dienst tun. Nachher war Freizeit – freie Zeit! Und diese wusste ich problemlos zu gestalten, ohne meiner Mutter immer genau zu sagen, was ich im Sinn hatte. Bestimmt war lediglich, wann ich wieder zu Hause sein musste, alles andere war mir weitgehend freigestellt. Meine Tummelplätze waren meistens dieselben: im Sommer am Wasser und im Winter auf dem Eis!



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184: Mit dem Clubboot Kobold des Segelclubs Cham auf Strolchenfahrt.

Von unserem privaten, selbst gebauten Holzsteg aus erlernte ich das Fischer-Handwerk, nachdem ich dieses bei meinen Vorbildern Walter Stuber, René Ast und meinem Bruder Toni schon als kleiner Bub mit grossem Interesse abgeschaut hatte. Im Verlauf meiner Kindheit ging der Schilfbestand leider sehr schnell zurück. Deshalb musste unser Fischersteg abgebaut werden. Der Schlossweiher wurde danach zusehends immer mehr unsere Kinder-Fischenze.


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185: Dank des alten Schilfbestandes war unser eigener Fischersteg gut versteckt.

Bis zu jener Zeit interessierte sich kaum ein Schlossgärtner fürs Fischen, auch mein Vater nicht. Er hat lediglich einmal, als er mit seinem langen Laubrechen in der Nähe des Weihers arbeitete, einen laichenden Brachsmen gefangen. Herr Ast war diesbezüglich mit seiner professionellen Vorgehensweise wesentlich erfolgreicher. Mit Reusen, getarnt durch Tannäste, fing er regelmässig Brachsmen und Hechte unter der Trauerweide. Danach verteilte er den Fischfang unter den Gärtnern. Einmal ging ihm sogar ein gewaltigen Hecht ins Fangnetz, und jede Familie erhielt ein Stück dieses Prachtsexemplares.


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186: Diesen Riesen-Hecht hatte Herr Ast mit einer Reuse im Schlossweiher gefangen.

Zum neu eingestellten Gärtner Brönimann aus dem Bernbiet entwickelte sich sehr schnell ein Vertrauensverhältnis zwischen ihm und mir. Er nahm mich jeweils mit zum Fischen, was nicht selbstverständlich war, denn Kinder können dabei empfindlich stören! Brönimann trug eines Tages unverhofft eine neue Sonnenbrille und war offensichtlich stolz darauf. In diesen Tagen begaben wir uns zum Schlossweiher und spähten mit Sperberaugen, ob Fische zu sehen seien. Dies gelang mir im Schatten des Castellinos oder im Schatten der Trauerweide sehr gut. Und an einem dieser  sonnigen Tage rief Brönimann plötzlich: «Da schwimmt ein Goldfisch!»



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187: Ein Goldfisch im Schlossweiher – Halluzination oder Realität?

Ich konnte es nicht glauben, doch er bestand darauf. Vielleicht wurde er durch seine neue Sonnenbrille getäuscht? Egal, mich interessierte im Moment nur, ob «wir» möglichst bald einen Fisch – meistens waren es nur Rotfedern – fangen würden. Diesenn Goldfisch hat auch Herr Brönimann nie gefangen! Aber Herr von Schulthess hat tatsächlich später einmal erzählt, dass im Weiher ein etwa 50 Zentimeter grosser Goldfisch gesehen und dann auch gefangen worden sei. Diesen habe man dann in den Zürcher Zoo gebracht, wo er jedoch bald gestorben sei. Somit erhielt der Gärtner Brönimann also doch Recht!

Ursula Ast erzählte mir von einer anderen Fischergeschichte von ihrem Bruder, meinem Fischer-Vorbild René: «Es war der Tag der Konfirmation meines Bruders René. Dazu gehörte selbstverständlich ein schöner, festlicher Anzug. René wusste, dass exakt in diesen Tagen im Weiher die alljährliche nur wenige Tage dauernde Laichzeit der Brachsmen stattfand. Das «Fischerherz» des kleinen Renés bewegte ihn, mittags heimlich zum Weiher zu schleichen – natürlich im schönen Anzug. Da «schwaderten» sie wieder, die unzähligen riesigen Brachsmen in ihren ungestümen Liebesspielen entlang der Weihersteinmauer. René erspähte einen, der sich irgendwie zwischen den Steinen verfangen hatte, neigte sich tief hinunter und packte den Fisch. Er drückte den lebenden, glitschigen Brachsmen, der sich wie wild wehrte, mit beiden Händen an seine Brust und rannte so schnell er konnte nach Hause. Voll Freude zeigte er seiner Mutter den Fang. Doch die Mutter und die Schwestern von René stellten mit Schrecken fest, dass der neue Anzug schmutzig und klatschnass war. Und obendrein hatte René durch das Festhalten des Brachsmen dem Tier allen Laich aus dem Bauch gedrückt, und dieser Laich verschmierte den ganzen Konfirmationsanzug. Eine gewaltige Schelte war die Folge, aber es nützte nichts, es war passiert! Die Konfirmation wurde trotzdem gefeiert, aber ohne schönen Anzug.»

René Ast war für mich ein Vorbild, beinahe ein Held! Auf einem alten Foto sieht man ihn mit einem Veloreifen. Diesen trieb er mit einem Holzstück oder mit der Hand an, und wenn dieser Reifen einmal in Schwung kam, musste er ihn nur noch links und rechts leicht berühren, um die Richtung beizubehalten oder zu ändern. Ich habe dies später auch oft ausprobiert; wir sagten diesem Laufspiel Röifle.


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188: Rene Ast war ein kleiner Pionier, hier beim Röifle, später beim Wasserskifahren.

Als junger Athlet machte René auch beim Wasserskifahren von sich reden. Er war auf dem Zugersee der Erste, der auf nackten Füssen Wasserski fuhr. Zudem war er Schweizermeister im Schanzenspringen. Viele Jahre später begegneten wir uns wieder im Tennis anlässlich einer Zuger Meisterschaft. Er spielte im Doppelturnier mit seinem Sohn. Mir bleibt René besonders als «Meisterfischer» in Erinnerung. Das Fischen vom Schiff aus hat er wahrscheinlich bei seinem Vater gelernt.


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189: Herr Ast besass ein Fischerboot. René hat bei ihm das Fischerhandwerk gelernt.

Auch ich erlebte viele kleine Abenteuer beim Fischen; an die folgende erinnere ich mich noch ganz genau! Meine Mutter lag krank im Bett. Ich sagte ihr, dass ich zum Weiher ginge um zu fischen. Einmal mehr warnte sie mich eindringlich, ich möge aufpassen. Sie wusste nur zu gut weshalb, und es war auch verständlich nach all dem, was um den Weiher und am Seeufer schon passiert war. «Ja, ich passe schon auf!» beschwichtigte ich meine Mutter.
  

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190: Ich war in Gedanken immer wieder auf der Lauer nach neuen Abenteuern.

Mein Bruder Toni war zu jenem Zeitpunkt in der Lehre bei der Gärtnerei Schoch, bei welcher auch schon mein Vater vor der Anstellung als Schlossgärtner gearbeitet hatte. Die Abwesenheit meines Bruders bot mir nun eine günstige Gelegenheit, und zudem kannte das Versteck seiner Fischerrute genau. Ich holte eine Giesskanne aus der Remise als Gefäss für einen allfälligen Fang und zog vorsichtig Tonis Fischerrute aus dem Versteck. Die tolle Rute war ausgerüstet mit einer Weitwurfrolle mit Klappbügel, feinem Silch und einem Kneubühler-Löffel samt scharfem Dreiangel. Mit all diesen Utensilien rannte ich, natürlich barfuss, auf dem gelben, spitzigen Kies in Richtung Weiher. Ob die Herrschaft zu jener Zeit im Schloss war, wusste ich nicht. Ich hatte nur eine drängende Absicht, nämlich endlich einen Hecht zu fangen.


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191: Mein lang ersehnter Wunsch war, endlich auch einmal einen Hecht zu fangen.

Wie bei meinen Fischervorbildern abgeschaut, schlich ich leise zum Weiherrand und hielt Ausschau nach Fischen, diesmal gezielt nach einem Hecht. Unweit vom Ufer schwebte einer knapp unter der Wasseroberfläche, getarnt wie ein Stab. Es war allerdings nur ein kleines Exemplar. Egal, ich wollte es versuchen. Ich warf den Löffel weit hinaus in Richtung des Hechtes und zog den glitzernden, metallenen Wirbelköder langsam in Richtung des kleinen Raubfisches. Augenblicklich schoss der kleine Hecht auf meinen Löffel zu und blieb dann hängen. Ganz nervös zog ich das wilde Tier an Land und schnell aus dem Wasser. Es war mein erster, selber gefangener Hecht, leider nur ein Hechtli-Fang!

Der kleine Hecht mag vielleicht etwa 30 Zentimeter lang gewesen sein, gemäss Fischfangregeln sicher zu klein. Seine Schnauze war für den grossen Löffel unpassend. Deshalb hakte sich der Dreiangel an der Seite des Hechtkopfes ein. Sorgfältig löste ich die Angel und legte den kleinen Hecht in meine Giesskanne. Voller Stolz rannte ich mit der Giesskanne samt der Fischerrute nach Hause, stürmte in Mutters Zimmer und berichtete voller Stolz von meinem Hechtfang. Sie zeigte sich zwar erfreut, vor allem wohl aber deshalb, weil ich wieder heil zurück war. Ich lief zur Remise, wo ich kurz zuvor die Kanne abgestellt hatte, und wollte nun den Hecht im Wasserbecken schwimmen lassen. Doch er war nicht mehr da, oh Schreck! Das konnte doch nicht wahr sein! Nach kurzem, aufregenden Suchen fand ich den kleinen Ausreisser! Er hatte sich ins dünne Ausgussrohr der Giesskanne verkrochen und dadurch unfreiwillig versteckt.
 

Interessiert beobachtete ich die Fischereiszene auch ausserhalb des Schlossweihers. Die Lorzebrücke, welche vom Hirsgarten zum Inseli führt, galt immer als begehrter und beliebter Fischerplatz, obwohl eine Verbotstafel davor warnte. Doch wo kein Kläger ist, ist auch kein Richter! In den dichten Schlingpflanzen versteckten sich jeweils grosse Karpfen. Unmittelbar hinter dem rechten Brückenpfeiler – und nur dort – befanden sich oft Schwärme von grossen Egli. Ich beobachtete wie ein Hobbyfischer Egli um Egli angelte. Er fischte sie nicht regelgerecht, sondern er «schränzte» sie. Mit seinen spähenden Augen beobachtete er die Egli, setzte sein Setzblei (versehen mit einem grossen Dreiangel) ganz fein an die Seite eines dieser grossen, gestreiften Fische. Dann folgte ein gezielter, heftiger Ruck mit der Rute, und wieder hing ein Egli an der Angel. Um nicht eine allzu grosse Aufmerksamkeit auf diese selbstverständlich verbotene Art des Fischens zu lenken, zog er den Fisch nicht hoch, sondern bewegte sich mit dem Egli an der Leine langsam auf der Brücke Richtung Lorzerand, wo ihm ein Kollege den Fisch von der Angel nahm. 


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192: Um den Brückenpfeiler – und nur dort! – befanden sich grosse Egli.
 

Sollte ich nicht auch einmal diese Fangtechnik im Schlossweiher ausprobieren, überlegte ich mir? Nur, im Weiher hatte es leider selten Egli, dafür umso mehr grosse Karpfen. Ich wartete eines Tages wieder auf dem kleinen Turm der Seemauer, bis ein Schwarm Karpfen gemütlich die Weiherseite wechselte. Da nahten sie und schwammen ganz langsam von der Trauerweide auf die andere Seite des Weihers Richtung Seerosen, welche Herr von Schulthess sonntags von seinem Flachbötli aus immer selber sorgsam hegte und pflegte. Gezielt schleuderte ich meinen Kneubühler-Löffel soweit ich konnte Richtung Trauerweide, liess ihn dort auf den lehmigen Boden sinken und lauerte dem daher schwimmenden Schwarm auf.



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193: Eigentlich machten mir diese Riesenkarpfen fast ein wenig Angst.

Da schwammen sie, sicher mindestens acht an der Zahl, gemütlich, beinahe gespenstisch Richtung Seerosen. Ich spannte die Leine langsam an, und im Moment, in dem sich der Schwarm in der Linie meines Silchs befand, riss ich ruckartig mit meiner Rute und hatte tatsächlich einen Karpfen an der Angel. Doch dieser flüchtete blitzartig, angehakt an meinem Löffel, Richtung Seerosen. Ich entdeckte, dass durch dieses Manöver mein Silch einige Seerosen wie mit einer Sense abgeschnitten hatte. «Oh Schreck!» dachte ich und stellte mir mit Bangen die Reaktion von Herrn von Schulthess vor. Sofort biss ich mit den Zähnen den Silch an der Rolle ab und liess den Karpfen frei, in der Hoffnung, er möge sich irgendwann von diesem lästigen Dreiangel wieder befreien können. Zum Glück hat Herr von Schulthess nie erfahren, weshalb plötzlich einige noch schön blühende Seerosen auf dem Wasser schwammen, entgangen ist es ihm ganz bestimmt nicht.

Ich hätte mir damals nicht träumen lassen, dass das schmucke, kleine Flachboot, von wo aus Herr von Schulthess jeweils seine Seerosen schnitt, einmal mein Eigentum werden könnte! Als ich etwa 16 Jahre alt war, weilte ich wieder einmal beim Fischen am Weiher. Zu meinem Erstaunen entdeckte ich, dass das Tor zum Castellino offenstand. Das war bis zu jenem Zeitpunkt noch nie der Fall gewesen. Ich schlich neugierig ins Castellino und hörte, wie jemand herumhantierte. Ich folgte dem Geräusch und kam zum Bootsraum, in dem ich bis anhin noch nie gewesen war. Herr Stuber, der Schlosschauffeur, war beschäftigt, etwas an der Mechanik der Weiherkette, welche als Absperrung vom Weiher zum See im Wasser hing, zu reparieren.


Ich sah mich in diesem Raum um und entdeckte an der Wand das mir bestens bekannte Flachboot. Ich fragte Herrn Stuber, ob denn dieses Boot von Herrn von Schulthess immer noch benützt würde. «Das steht schon lange da, und unten ist es ohnehin bereits teilweise verfault. Ich werde es nächstens verbrennen» sagte er, während er immer weiter herumhantierte, ohne mich weiter zu beachten. «Darf ich es haben?» fragte ich spontan (wie ich damals bei Herrn Suremann um das Faltboot in der Papieri-Schiffshütte bettelte). «Ja, das kannst du haben, Walter, aber lass mich jetzt endlich wieder weiterarbeiten!» antwortete Herr Stuber etwas ungeduldig.


Einige Tage später holte ich mit meinem Schwager Ali das Flachboot mit einem grossen Handwagen, der sich im Holzschopf befand, und trug das havarierte Boot mit ihm hinauf aufs Tenn. Zuerst räumte ich dort oben auf, öffnete die hölzernen Jalousieläden, welche bis anhin immer verschlossen waren, baute sogar ein Fenster ein, das sich im Tenn-Gerümpel fand. Zu guter Letzt installierte ich noch eine rudimentäre Beleuchtung und somit konnte die Schiffsreparatur beginnen.


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194: Ich besass oben im Tenn eine eigene, geheime kleine Bootswerft; geheim aber nur so lange, bis der Obergärtner sie entdeckte …

Als ich in meiner kleinen Bootswerft einmal intensiv am Hantieren und Hämmern war, besuchte mich der Kunstmaler August Frey. Er war in dieser Zeit auch damit beschäftigt, sein Fischerboot auf Vordermann zu bringen.


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195: Der Kunstmaler Frey hatte seinen Schiffsplatz in der Brüggli-Bucht.

Als Herr Frey mich bei meinem laienhaften «Schiffsbau» beobachtete, beriet er mich, wie ich dies oder jenes besser machen könnte. Mehr noch, er finanzierte mir Farbe, Holz und anderes mehr. Bald war mein Flachboot fertig in Stand gestellt. Doch jetzt wohin damit?
 
 
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196: Das Kunstmalerehepaar Frey wohnte und arbeitete oben im wunderschönen Atelier wie schon früher Frau Page

Zu jener Zeit war ich Junioren-Mitglied des Segelclubs Cham. Der Eingang zu unserem Clubsteg befand sich unmittelbar neben der Schiffshütte, in der auch Herr Ast sein Boot stationiert hatte. Vor dieser Schiffshütte gibt es heute noch eine kleine Bucht. Ohne jemanden um Erlaubnis zu fragen, hatte ich an dieser Stelle ein Holzgestell gebaut, worauf ich mein Flachboot mit einem einfachen Rollenrost hinaufschieben konnte.


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197: Hier befand sich mein eigener Bootsplatz mit der selbst gebauten Rollschiene, allerdings ohne irgendwelche Erlaubnis!

Zurück zum Schloss-Weiher. Für fremde Boote ist er auch heute noch nicht zugänglich. Eine schwere Kette grenzt den Seerosenteich zum See ab. Diese Kette kann jedoch bei Bedarf gesenkt werden, so dass man mit einem Boot problemlos auf den See hinaus und wieder in zurück fahren kann.


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198: Auch in früheren St. Andreas-Zeiten war selten ein Boot im Weiher zu sehen.

In meiner Kindheit gab es ganz selten Bootsverkehr im Schlossweiher. Nur einige Male sah ich Herrn von Schulthess mit einem Flachboot beim Seerosenschneiden und ein andermal Herrn Oltramare, sein Schwiegersohn, wie er gekonnt mit seinem Einer-Ruderboot zwischen den Seemauerpfeilern vom See her hinein manövrierte. Von ihm hatte ich nichts zu befürchten. Deshalb blieb ich beim Fischen ungeniert auf der Seemauer stehen, grüsste ihn freundlich und fischte arglos weiter. Dieses Einer-Ruderboot wurde im Verlauf der Zeit immer weniger benützt. Schliesslich wurde es dem Ruderclub Cham geschenkt und es lagert noch immer im Bootshaus.

Dass ich einmal mit einem Einer-Ruderboot am Castellino vorbei rudern würde, hätte ich niemals für möglich gehalten, aber mein Traum wurde Wirklichkeit, als ich zu meinem 50. Geburtstag von meiner Frau mit einem besonderen Geschenk überrascht wurde. Ich war zu jener Zeit aktiver Ruderer und Mitglied des Ruderclubs Rorschach. Mein eigenes Skiff war mein Stolz. Ich wurde mit diesem Boot zweimal Master-Schweizermeister in meiner Kategorie.


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199: Auf mein eigenes Skiff war ich sehr stolz.

Meine Frau hatte den Plan, dass ein Clubkollege mein Skiff von Rorschach nach Cham transportieren würde, um mir eine Bootsfahrt in meiner Heimat zu ermöglichen. Leider hat dies nicht geklappt. Doch Rita fand eine andere Lösung. Auf Umwegen hat sie erfahren, dass Christoph Bruckbach im Ruderclub Cham die Kontaktperson sei. Sie wusste natürlich noch nicht, dass ich diesen «Chrigel», so nannten wir ihn in unserer Bubenzeit, bestens kannte. Sie rief ihn an, und Chrigel zeigte sich spontan bereit, für meine Geburtstagsausfahrt ein Chamer Skiff auszuleihen. Rita chauffierte mich an diesem Tag nach Cham und ich rätselte insgeheim über eine mögliche Überraschung. Als sie beim Velo-Bisang vorbei Richtung Clubhaus des Ruderclubs Cham steuerte, ahnte ich, was auf mich zukommen könnte. Da stand bereits Christoph Bruckbach mit ungewohnt langem Bart bereit, begrüsste mich sehr herzlich und gab mir gleich darauf einige Instruktionen, insbesondere was das schwierige Starten und Landen beim Lorzesteg mit dem fliessenden Lorzewasser betraf. Ich fasste die beiden Ruder und setze mich etwas nervös in das wackelige Skiff. Christoph schob mich behutsam vom Steg weg Richtung Schiffshütte und schon zog die leichte Strömung mich mit meinem Skiff Richtung Schleuse. Noch bevor ich mich allzunah bei den Holzbrettern der Schleuse befand, begann ich mit ruhigen Ruderschlägen meine Überraschungsfahrt. Welche ein sonderbares Gefühl: Unter der Fussgängerbrücke, dann unter der Eisenbahnbrücke und letztendlich unter der Inselibrücke durch, auf der zu diesem Zeitpunkt zum Glück niemand fischte. Dann endlich gab es in der breiten Lorzemündung etwas mehr Platz zum entspannteren Rudern.


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200: Nach der Lorzemündung ging’s weiter in Richtung See.

Die abenteuerliche Ausfahrt ging weiter am Dampschiffsteg vorbei, entlang der Hirsgartenbadi und schliesslich ganz nahe an der vertrauten Schlossseemauer entlang. War das ein wunderschönes Gefühl. Nach einigen weiteren Ruderschlägen verlangsamte ich beim Schlossweiher und lies das Skiff ruhig dahingleiten. Soll ich es wagen, in den Weiher zu fahren? Ist es nicht doch vielleicht zu eng? Und wenn ich sogar kentern würde? Herrn Oltramare gelang es damals doch auch mühelos, aber die Kette war damals bestimmt abgesenkt und ich wusste bei meiner Bootsfahrt nicht, wie hoch sie in diesem Moment gespannt war. Ich zögerte lange und wagte es letztendlich doch nicht. Also ruderte ich rund ums Castellino weiter, dann hinüber Richtung Strandbad, vorbei am kahlen Waldschlupf-Ufer, wo einst alles mit Schilf bewachsen war – ein eindrücklicher Moment. Vor dem Strandbad hielt ich kurz an und liess den Film meiner Tätigkeit als junger Chef des Seerettungsdienstes Ennetsee vor meinen Augen Revue passieren. Dann ging’s zügig Richtung Kollermühle, verbunden mit Erinnerungen an viele Strolchenereignisse in meiner Buben- und Jugendzeit. Zu guter Letzt setzte ich zu einer zügigen kleinen Rudertour an, zurück zum Bootssteg unten an der Lorze.


Chrigel erwartete mich bereits. Das schwierige Landemanöver verlief gut. Wir hoben das Skiff gemeinsam aus dem Wasser, dann trocknete ich das Boot ab und miteinander trugen wir es ins Bootshaus. Es war ein wunderbares Erlebnis. Seit über 50 Jahren war Chrigel sehr aktiv im Ruderclub Cham und im Ruderverband tätig, insbesondere aber als erfolgreicher Trainer von Jugendlichen.

Wie oft hatte ich doch als Bub davon geträumt, auch einmal in einem Ruderboot zu sitzen. Doch dies blieb lange Zeit nur ein Traum, denn ich war sicher, dass ich nie von meinen Eltern die Erlaubnis erhalten hätte, dem Ruderclub beizutreten. Ich war doch bereits Mitglied in der Jungwacht und im Sportclub Cham, das sollte genügen.
 

Als ich einmal dem legendären Chamer-Vierer (Bruckbach – Besmer – Rudolf – Rudolf – normalerweise mit dem Steuermann Chrigel Bruckbach) am Bootssteg beim Einrichten des Bootes zuschaute, stellte ich fest, dass sie ungeduldig auf den kleinen, leichten Steuermann Chrigel warteten. Spontan fragte mich einer der Ruderer, ob ich an Stelle von Chrigel mitkommen möchte. Freudig und ohne zu überlegen, wie lange so eine Ausfahrt dauern könnte, stieg ich ein. Nach der Durchfahrt unter den verschiedenen Brücken erhielt ich einige kurze Instruktionen und die Fahrt Richtung Buonas begann. Jetzt wurde mir plötzlich bewusst, worauf ich mich da eingelassen hatte. Keine Rede von Umdrehen. Mir wurde bange, denn ich hätte doch schon längst nach Hause gehen müssen. So kam ich anschliessend viel zu spät heim. Die Schelte beider Eltern, die schon gegessen hatten, war berechtigt.

Unerwartet kam es rund 55 Jahre später zu einem Wiedersehen mit einem dieser erfolgreichen Chamer Superruderer. Zum 80. Geburtstagsfest meines Schwagers Hermann Amrhein waren wir in einem schönen Restaurant in Luzern eingeladen. Eine weitere Festgesellschaft hatte zur gleichen Zeit am selben Ort gefeiert. Während des Apéritifs sah ich plötzlich ein bekanntes Gesicht und rätselte: «Ist das nicht einer der beiden Rudolf-Zwillinge, einer des damaligen legendären Chamer Doppel-Vierers?» Ich sah nochmals genau hin – und ging entschlossen auf ihn zu. «Heisst du nicht Rudolf?» sprach ich den grossen Herrn an (er ist bestimmt zwei Meter gross!). «Ja, und wer bis denn du?» fragte er zurück. Ich bin ein Chamer und wohnte damals im Schlosspark St. Andreas. Mein Vater war dort Gärtner.» «Ah klar, dann heisst du Ast?» fragte er zurück. «Nein, Herr Ast war der Obergärtner. Ich heisse Walti Bucher, der Schlossgärtnerssohn.» Jetzt erinnerte er sich.


Ich begann zu schwärmen von den Regatten, an denen damals dieser Chamer-Vierer erfolgreich war. Das Team gewann praktisch jedes Rennen. Natürlich kamen wir immer mehr ins «Ruder-Schwärmen». Ich erzählte ihm, dass auch ich erst viel später Dank meinem Sportstudenten und sehr erfolgreichen Ruderer Ueli Bodenmann den Weg zum Rudern gefunden habe und einige Seniorenrennen gewinnen konnte. Und er erzählte, dass er nach den Chamer Ruderzeiten noch lange weiter gerudert habe und in praktisch allen Ruderklassen Schweizermeister geworden sei. «Hut ab!» war mein bewundernder Kurzkommentar … und ich wendete mich wieder unserer Festgemeinschaft zu.
 

Zurück von diesen Rudererlebnissen und -geschichten zur Seemauer des Schlossparks. Von dieser Mauer aus erprobte ich immer wieder mein Fischerglück, aber meistens leider ohne Erfolg. Nur einmal war es mir gelungen, einen grossen Alet zu fangen. Sich unbemerkt an diesen speziellen scheuen Fisch heranzupirschen war sehr schwierig. Dieser schwamm jeweils ganz langsam knapp unter der Wasseroberfläche, schnappte nach einer auf dem Wasser stehenden Fliege und tauchte wieder ab. Eine falsche Bewegung am Ufer, und schwupps war der elegante Fisch wieder untergetaucht. Als eben ein solcher Alet einmal unter einer roten Algendecke verschwand, setze ich meinen Zapfen direkt in diese Kloake. Es dauerte nicht lange bis sich der Zapfen bewegte ganz langsam und abtauchte; der Alet hatte angebissen. Ich spannet den Silch und riss mit der Fischrute gegen das Ufer. Der Alte zappelte wie wild, aber ich konnte ihn zum Glück über die hohe Mauer herausziehen.


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201: Es war für mich schwierig, einen Alet zu fangen; einmal ist es mir aber geglückt.

Natürlich versuchte ich es auch oft mit «Löffele». Immer wieder warf ich den glitzernden Kneubühler-Löffel möglichst weit hinaus und zog ihn langsam wieder ein in der Hoffnung, dass doch einmal ein Hecht anbeissen möge. Endlich biss einer – glaubte ich. Doch es bewegte sich nichts an meiner Rute. Meine Angel blieb am Boden hängen! Ruckartig zu ziehen und dabei die Rute zu brechen oder den Löffel abzureissen wäre verheerend gewesen, denn somit hätte ich Toni eingestehen müssen, dass ich einmal mehr seine Fischerutensilien unerlaubterweise «ausgeliehen» hatte. Was tun? Zum Glück tuckerte ein Fischerboot in der Nähe vorbei und ich erkannte den Mann sofort, einerseits an seinem speziellen schiefen Cowboyhut und andererseits an seinem eleganten Mercury-Aussenbordmotor. Es war Herr Blatter, der Fotograf von der Luzernerstrasse. Ich rief ihm zu und winkte mehrmals, bis er mich endlich entdeckte. Er drehte sein Boot in meine Richtung, drosselte den Motor, stellte ihn ab und fragte, was denn los sei. «Mein Löffel ist hängen geblieben!» rief ich verzweifelt. Er fuhr zur Stelle, wo er den Löffel vermutete. Zum Glück war es dort nicht tief. Herr Blatter konnte meinen Löffel mit einem seiner Ruder am Boden lösen. Ich bedankte mich eiligst und rannte sofort nach Hause und versorgte Tonis Fischerrute wieder exakt dort, wo sie hingehörte. Toni habe von diesem Vorfall nie berichtet.
 

Im Winter verwandelte sich der Schlossweiher meistens in eine Natureisbahn. Ich konnte den Zeitpunkt kaum erwarten, an dem das Eis tragfähig genug war, um darauf gehen oder sogar Schlittschuh laufen zu können. Die ersten Schritte auf dem Eis waren immer ein Risiko. Im Stand zu Testzwecken auf der unsicheren, glitschigen Unterlage den ersten Hochsprung an Ort zu riskieren und anschliessend festzustellen, dass es nicht krachte, war jeweils abenteuerlich. Ging das gut, dann folgten die weiteren wagemutigen schleichenden Schritte, immer weiter hinaus, bis es leicht krachte, dann aber ganz behutsam und doch so schnell wie möglich wieder zurück ans sichere Ufer.


Wenn es gegen Ende Februar bis anfangs März langsam wärmer wurde, hörten wir jeweils nachts das Krachen und Brechen der Eisflächen. Natürlich wagten wir uns trotzdem immer noch auf das Eis, auch wenn nur noch einzelne Eisschollen auf dem Wasser trieben. Mut war gefragt, denn es ging darum, wer sich getraute, auf eine solch wackelige Eisscholle zu stehen. «Oh, Mutter, zum Glück hast du dies alles nie gesehen!» kann ich heute nur sagen!

Ich erinnere mich genau, dass Herr Ast in der Kinderzeit das Eis jeweils erst offiziell zum Eislaufen frei gab, nachdem er selber mit seinen braunen Kunstschlittschuhen elegant die ersten Runden erfolgreich gedreht hatte. Doch es war natürlich von uns Buben das angestrebte Ziel, als Erste das Eis zu testen. Mir war es ebenso wichtig, auch immer der Erste zu sein, der sich im Frühling schon nach wenigen Sonnentagen zum Schwimmen im See wagte. An einen solchen frühen Badetermin erinnere ich mich noch gut. Vor meiner Schwester Margrit (als Zeugin) bin ich Ende März 1956 in den See gestiegen und ganz kurz abgetaucht, wenn auch nur für einen wirklich kurzen Moment!
 

Unsere Schlittschuhausrüstung war äusserst bescheiden. Normale hohe Winterschuhe dienten als Stiefel und die «Örgelis» als Schlittschuhe. Mit einem einfachen Schraubmechanismus wurden die Sohlen von der Seite her zusammengeklemmt. Dann gab es noch die «Absatzfresser». Wir bezeichneten sie so, weil bei diesem Modell die Absätze wie mit einer Zange von hinten und vorne erfasst und brutal zusammengedrückt wurden. Wenn das Leder der Schuhe nass war, konnte durch diese Kraft ein Absatz gleich ganz abgerissen werden, was auch ab und zu geschah!


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202: Mit solchen Örgelis lernten wir auf dem Schlossweiher das Schlittschuhlaufen.

Wir dachten uns jeweils speziell geeignete Eisspiele wie zum Beispiel das Paar-Fangen aus. Gemeinsam mit meinem Schulfreund Häsi Doswald entwickelten wir eines Tages ein halsbrecherisches Spiel, denn wir waren immer wieder versucht zu testen, wie weit hinaus das Eis tragfähig war. Infolge des Wellengangs bei der Kette im Schlossweiher war dieser Teil des Weihers meist nicht gefroren, während sich am hinteren Uferrand bereits eine dicke weisse Eisfläche gebildet hatte. Nach einigen kalten Tagen gefror dann endlich auch der vordere Teil bei der Kette. An dieser Stelle war dann das Eis wesentlich dünner und meistens gespenstisch anmutend glasklar. Die Herausforderung bestand darin, sich möglichst weit auf dieser dünnen Eisfläche hinaus zu wagen. Das ging so: Kräftiger Anlauf von der Seite der Bucht, um auf den Schlittschuhen ganz ruhig gleitend auf die andere Seite der dunklen Bucht zu gelangen. Das Ziel des nächsten Eisläufers war, noch weiter seewärts das Eis zu überqueren. Senkte sich jedoch die Eisfläche bei dieser Mutprobe bedrohlich, beendeten wir dieses waghalsige Experiment. Gewonnen hatte, wem es gelang, die äusserste weisse Schlittschuh-Spur auf das Eis zu legen. Zum Glück hat mir meine Mutter nie zugeschaut, dafür mein Schutzengel!
 

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203: Übergang vom Weiher zum offenen See!

In kalten Winterzeiten wurde auf dem Pausenplatz des Städtlischulhauses mit dem Wasserschlauch des Hauswarts Steiner ein Natureisfeld gespritzt. Darauf kurvten wir in allen möglichen Eislaufschuhen. Ich lernte zwar das Schlittschuhlaufen mit den Örgelis immer besser, aber der Wunsch nach «richtigen» Schlittschuhen wuchs stetig. Von meinem damaligen Schulschätzli Vreni Wilhelm erhielt ich die Eisstiefel ihrer Schwester.


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204: Bereits im Kindergarten Hand in Hand mit meinem späteren Sek.-Schulschätzli Vreni Wilhelm.

Diese Kunstschlittschuhe erfüllten mich mit Stolz, doch das Glücksgefühl wähnte nicht lang, da die Schrauben von Vrenis Schlittschuhstiefeln den Belastungen nicht Stand hielten. Die Schrauben, mit denen die Kufen befestigt waren, wurden aus dem alten Leder herausgerissen. Zu Hause versuchte ich, die Schlittschuhe selber zu flicken. Doch auch längere Schrauben hielten den Belastungen nicht lange stand. 


Nachdem mein Schulkollege Kurt Greter neue Kunst-Eislaufstiefel Marke Graf kaufen durfte, drängte ich meine Eltern, auch mir meinen innigsten Wusch zu erfüllen, solche Schlittschuhe kaufen zu dürfen. Mit meinem zusammengesparten Sackgeld und einem Zustupf der Eltern konnte auch ich endlich meine ersten Kunst-Eislaufschlittschuhe kaufen. Meine Schlittschuhtechnik verbesserte sich sprunghaft, was dazu führte, dass es zusehends schwieriger wurde, mich im Paarlaufspiel einzufangen.

Kurz nach Beginn der Lehre als Elektromechaniker organisierte ich im Winter 1962 mit einigen Kollegen in Cham ein Eishockeyturnier mit drei Mannschaften aus Zug, Cham und Rotkreuz. Gemeinsam spritzten wir abwechslungsweise im Halbstundentakt während der ganzen Nacht den Pausenplatz mit Wasser und bauten somit unser eigenes Chamer Eisstadion.
 

Stolz präsentierten sich die teilnehmenden Mannschaften vor Turnierbeginn. Vom Sportclub erhielten wir Chamer ein ausgedientes Fussballtenue. Kurt Greter, der selber auch in der Chamer Mannschaft spielte (mit seinen Graf-Kunstlauf-Schlittschuhen!), gestaltete dazu ein spezielles Plakat. Das Plakat ist auf dem Foto hinter an der weissen Säule zu sehen. Schiedsrichter war Herr Geni Eicher. Unsere Schienbeine schützten wir behelfsmässig mit Zeitungen oder mit Zuger Amtsblättlis. Rechts neben mir steht auf dem Foto ein kleiner Knirps, es ist Oski Huber. In Cham begann seine Eishockey-Karriere, die er nach vielen erfolgreichen Jahren im EVZ in der Nationalliga A beendete.


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205: Aufstellung der drei Mannschaften vor dem ersten Chamer Eishockeyturnier.

Schneller noch in die Nationalliga A schaffte es Beat Landtwing; er spielte einige Zeit beim ZSC. Auf dem Foto ist er am linken Bildrand mit weisser Mütze zu sehen. Meine bescheidene Karriere im Eishockey endete mit dem Aufstieg des EVZ von der 2. in die 1. Liga.
 

Links neben mir steht Adelrich Tresch. Ich erinnere mich gerne an diesen intelligenten, ruhigen Burschen. Oft habe ich ihn beobachtet, wie er von seinem Studierzimmer im Schlüssel in die Welt hinaus schaute und, so schien es mir, philosophierte. Adelrich wohnt noch heute an der Adelheid-Page-Strasse im modern umgebauten Schlüssel. Noch weiter links von Adelrich steht Torhüter Balmer mit seinen selbst gebastelten Schienbeinschonern. Und noch weiter links folgt der Hühne Hanspeter Brändli. Er hat mir immer imponiert mit seinen eindrücklich engkurvigen Hockeybögen. Ich habe oft versucht, ihn zu kopieren, aber leider anfänglich mit wenig Erfolg.
 

An Hanspeter Brändli (wir nannten ihn nur Hapé) erinnere ich mich in einem anderen Zusammenhang. Ich war gerade 16-jährig und bereits Mitglied im Segelclub Cham. HP bildete zusammen mit seinem Bruder Ruedi eine leidenschaftliches und erfolgreiches Seglerteam auf einem Corsar. Eines Tages bei einer Flaute sassen wir auf dem Seglersteg und unterhielten uns über Gott und die Welt. In diesem Gespräch begann HP als engagierter Physikstudent zu referieren: «Ihr werdet sehen, die Atomenergie wird alles verändern!» Er war in seinen euphorisch vorgetragenen Ausführungen nicht zu bremsen.
 

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206: Hanspeter Brändli schwärmte, was die Atomenergie Positives bewirken werde, und ich glaubte ihm alles.

Noch hatte ich damals keine Ahnung, was Atomenergie überhaupt bedeutet. Jetzt weiss ich, dass diese revolutionäre Technologie der Menschheit nicht nur Gutes gebracht hat. Wie kann man eine Energie-Produktion lancieren, bei der man keine Ahnung hat, wie der Atommüll entsorgt werden kann? So nach dem Motto: Nach uns die Sintflut! Nicht zuletzt deshalb engagiere ich mich heute in der Energiegenossenschaft Roggwil (engero.ch) mit Projekten im Bereich Erneuerbare Energie.

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(Einschub im März 2019):
In letzter Zeit hat die Jugend mit imposanten Klimastreiks auf sich aufmerksam gemacht. Am 15. März 2019 haben gesamtschweizerisch über 60'000 Personen daran teilgenommen. Natürlich gibt es Experten, welche diese Aktionen der Jugend kritisieren, ja sogar verhöhnen und ins Lächerliche ziehen.


Ich habe selber am Klimastreik vom 15. März 2019 in St. Gallen teilgenommen, an dem über 3000 Personen mitmachten: Jugendliche, Kinder, junge Familien mit ihren Kindern, aber auch ältere Semester, ja sogar Senioren wie ich! Ich war sehr beeindruckt. Als dann am darauffolgenden Sonntag in der NZZ der folgende Zeitungsartikel erschien …


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 206a: Ein etwas seltsamer externer Standpunkt (NZZ vom 17.3.2019).


… habe ich mit folgendem Leserbrief darauf reagiert.

Die ausgebildete Pianisten Simonetta Sommaruga schnappte sich das Departement UVEK und gebietet jetzt über die Klimapolitik (…). Sie habe eine Delegation der Klimajugend empfangen und sei vom Engagement der jungen Leute für eine härtere Klimapolitik beeindruckt …». Mit diesem Seitenhieb kritisiert Hans Rentsch einerseits Bundesrätin Sommaruga und andererseits die zurzeit aktuellen Klimastreiks der Jugend.

Gewiss, diese «Klimajugend» kennt nicht alle Hintergründe, die zum beängstigenden Klimawandel geführt haben. Ebenso sind sie nicht durchwegs in der Lage, Lösungen für einen schnellen und wirksamen Klimawandel anzubieten. Das ist auch nicht ihre Aufgabe, denn dazu gibt es genügend Fachwissen von Experten und Politikern (vgl. dazu den Artikel in der NZZ vom 17.3.2019 vom Klimaforscher Kevin Anderson: «Das Einzige, was uns fehlt, ist Mut»). Solchen Aussagen von Experten vertrauen die jungen Leute, welche in ihren gut organisierten friedlichen Klimastreiks lautstark rufen: «Wir sind hier, wir sind laut, wenn man uns die Zukunft klaut!» Und wenn in der ganzen Schweiz am 15. März trotz schlechtem stürmischem Wetter über 60’000 Jugendliche und Erwachsene bei solchen Streiks mitmachen, dann ist das nicht Spass. Die Jugendlichen wollen nicht noch mehr Spass daran haben, Herr Rentsch! Die Lage ist ihnen zu ernst. Auch uns Erwachsenen, jungen Eltern mit ihren Kindern und Grosseltern, mit denen ich am Klimastreik in St. Gallen mitmarschiert bin, ist es ernst, sehr ernst sogar. Am liebsten hätte ich als Grossvater gerufen: «Wir sind alt, wir sind schuld; jetzt heisst’s HANDELN, nicht GEDULD!» Es bleibt zu hoffen, dass auch nach den Wahlen im Herbst 2019 jene Politiker, die aktuell den Klimawandel ins Zentrum ihrer Wahlpropaganda stellen, auch wirklich etwas tun. Vielmehr aber hoffe ich, dass viele jungen Leute, die heute bei Klimastreiks mitmachen, in wenigen Jahren selber in der Politik  mitreden und diese aktiv mitgestalten.

Dreimal warnt Herr Rentsch in seinem «externen Standpunkt» die Jugendlichen: «Liebe Klimajugend! Gut informiert zu sein bedeutet …». Es ist eine Unterstellung, den Jugendlichen vorzuwerfen, sie seien nicht genügend informiert. Woher weiss er das? Hat er sich auch schon einmal bemüht, mit Jugendlichen ernsthaft zu diskutieren, ihnen zuzuhören und sie ernst zu nehmen? Zu guter Letzt erwähnt Herr Rentsch die aktuelle Lage in Venezuela und empfiehlt den Jugendlichen meines Erachtens zynisch: «Ihr wäret deshalb glaubwürdiger, wenn ihr an einem der nächsten Streiktage statt den «Klimanotstand» zur Abwechslung den «Maduro-Notstand» ausrufen würdet. Da kann ich nur sagen: «Lieber Herr Rentsch, mit solchen Aussagen ist niemandem geholfen!»

Walter Bucher, Freidorf, ehem. Sportdozent ETH Zürich, PH St. Gallen und PH Luzern.


Am Sonntag, 24. März 2019, erschien in der NZZ gleich eine «kleine Lawine» von Protestschreiben; mein Brief war leider nicht dabei. Aber ich habe mich gefreut, dass alle Leserbriefschreiber ins gleiche Horn gestossen haben. Besonders gefreut hat mich, dass vier Jugendliche souverän und kompetent auf den Artikel reagiert haben, mit der «netten Anrede»: Lieber Herr Rentsch!


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206b: Vier Kantischüler reagierten prombt und kompetent (NZZ vom 24.3.2019).


Ich werde mich weiterhin für den Klimawandel einsetzen, denn ich bin überzeugt, dass jeder einzelne etwas dazu beitragen kann.

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Wieder zurück in meine Vergangenheit – in meine «Eiszeit»! Vor meiner Aktivzeit im EVZ lernte ich das richtige Eishockeyspiel im Baarer Schlittschuhclub BSC, der bereits 1953 gegründet wurde. Gespielt wurde auf dem Weiher der Bierbrauerei Baar. Dort wurden früher Eisblöcke herausgeschnitten und anschliessend zum Kühlen von Getränken verwendet, bis die Kühlschränke den Markt eroberten. So kam es, dass der Eisweiher als Eislieferant ausgedient hatte und in ein kleines Eisstadion umfunktioniert wurde. Diese Situation erinnerte mich immer wieder an meine Erlebnisse in unserem Eisstadion auf dem Schlossweiher St. Andreas.


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207: Meine eigentliche Lehrzeit als Eishockeyspieler (Bildmitte) begann auf Natureis im Baarer Schlittschuhclub.

Als BSC-Spieler mussten alle beim Unterhalt des Natureises tatkräftig mithelfen. Das Spielfeld war nur mit einer niedrigen Bande abgegrenzt. Bei einem Check flog man deshalb darüber hinaus, in die Zuschauer oder auf die von uns weggeschobenen Schneemahden.
 

Vom Waldschlupf aus fuhr ich natürlich die 12 Km-Strecke mit dem Velo zum Eistraining nach Baar. Der Halbrenner war zu wenig stabil für mein schweres Gepäck. Deshalb borgte ich für diese Lastenfahrten das Velo meines Vaters aus, ein wunderschönes Raleigh-Modell mit eingebauter Kette. Ich befestigte meine grosse Tasche mit den vielen Ausrüstungsutensilien auf dem Gepäckträger. Den Eishockeystock fixierte ich mittels Schnüren hinten am Sattelrohr und vorne an der Lenkstange. Da im Winter die Naturstrasse via Kollermühle wegen Schnee und Eis schwierig zu befahren war, musste ich stets den Weg über die Hauptstrasse Richtung Zug und dann nach Baar wählen. Die helle Beleuchtung des komfortablen Raleighs mit einem Drehschalter für Voll- und Abblendlicht erleichterte mir, vom Waldschlupf her über den unbeleuchteten Kiesweg das eiserne Tor beim Ausgang des Parks zu finden.
 


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208: Das solide Raleigh-Velo meines Vaters war ein geeignetes Verkehrs- und Transportmittel.

Vor dem eisernen Schlosstor galt es, vorsichtig abzusteigen. Ich musste dabei aufpassen, dass die vollgepackte Tasche nicht vom Gepäckträger fiel. Dann stand der kleine «Bergpreis» Schlüsselrain bevor. «Ein Sportler marschiert nicht – er fährt!» war meine Devise. So trat ich wie immer kräftig in die Pedalen. Der Start glückte, doch an der steilsten Stelle geriet die Schaufel meines Eishockeystocks zwischen die Speichen des Vorderrades und augenblicklich flog ich über die Lenkstange bergwärts zu Boden. Ich war nicht verletzt, doch die Tasche befand sich nicht mehr auf dem Gepäckträger. Ich schob zuerst das Velo hinauf, holte den grossen schweren Sack, band den Stock wieder fest und fixierte die Eishockeytasche erneut. Beim Weiterfahren erinnerte ich mich, dass ich doch schon vor vielen Jahren, jedoch auf der anderen Seite des Schlüsselrains, mit dem Velo meiner Mutter fürchterlich gestürzt war und dieses dabei komplett demoliert hatte. «Wenigstens das nicht!» dachte ich, als ich noch etwas benommen vom Sturz Richtung Zugerstrasse und dann weiter nach Zug und dann nach Baar weiterpedalte. Aber irgendetwas war am Velo nicht mehr wie vorher. Auch auf der späten Rückfahrt bereits nach Mitternacht hatte ich den Eindruck, ich müsse irgendwie immer Gegensteuer geben. Am andern Morgen kontrollierte ich Vaters Raleigh ganz genau. Tatsächlich, der dicke Eisenrahmen war unmittelbar hinter dem Lenkrad gestaucht. Man konnte aber trotzdem noch damit fahren. Zum Glück brauchte mein Vater dieses Gafährt kaum jemals mehr.

Der BSC wurde im Jahr 1953 gegründet. Am 26. September 2014 gab es für die BSC-Mitglieder ein Oldtimer-Treffen in Baar. Es war eine interessante Begegnung, doch leider sind einige der Pioniere bereits gestorben.

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209: Die Baarer waren Geburtshelfer des EVZ – und ich fühlte mich mit dabei!

An dieser Zusammenkunft berichtete ein 92-Jähriger BSCler von der ersten Hauptversammlung im Jahr 1953. Alle Anwesenden fühlten sich in ihrer Meinung bestärkt, dass die Baarer das Eishockey im Kanton Zug ,erfunden» hätten! «Wer hat’s erfunden?» ist doch ein bekannter Werbeslogan. Doch kurz nach dem Baarer Oldtimer-Treffen habe ich einem alten Dokument entdeckt, dass bereits viel früher ein Eishockeyclub bestand, nämlich bereits im Jahr 1929, und zwar in Cham!


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210: Der Hockeyclub Cham im Jahr 1929. Im Hintergrund der Chamer Kirchturm.

Ich freute mich natürlich über diese Entdeckung, denn somit hat sich der Kreis meiner St. Andreas-Eiszeiten wieder geschlossen. Doch da gab’s auch noch ganz andere Eisgeschichten.


Der Winter im Jahr 1963 war sehr kalt. Auch den Zugersee bedeckte eine dicke Eisschicht und er war beinahe komplett zugefroren. In den Zuger Nachrichten vom 4. März 1963 war zu lesen, dass sich Tausende auf dem gefrorenen Zugersee vergnügt hatten.



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211: Seegfrörni-Postkarte aus dem Jahr 1963.

Als Elektromechaniker-Lehrling durfte ich während dieser Eistage täglich mit meinem Lehrmeister Werner Bauder am Seeufer die Eisdicke messen, denn es war beabsichtigt, dass eine Militär-Abteilung den WK-Abschluss mit einer traditionellen Standarten-Übernahme auf dem Eis durchführt. Die Tage blieben kalt, eiskalt sogar. Die Chance, dass das Eis täglich dicker wurde, war gross. Ich bohrte jeden Tag mit einem grossen Holz-Handbohrer ein neues Loch ins Eis, mass die Dicke und protokollierte jeden Zentimeter. Werner Bauder empfahl nach der Konsultation meines Messprotokolls der Chamer Behörde, die Eisfläche vor dem Strandbad Cham für den geplanten Grossanlass freizugeben. So fand ein einmaliger und denkwürdiger Abschluss dieses Winter-WKs satt. Sicher hofften die Soldaten, dass sie nicht allzu lange auf dieser doch etwas ungewöhnlich unsicheren Unterlage in Achtungstellung stehen bleiben mussten. Vorsorglicherweise wurden die Abstände zwischen den einzelnen Zügen grosszügig bemessen, was auf dem Foto 212 deutlich erkennbar ist.

Lange suchte ich selber vergebens nach Unterlagen und Fotos zu diesem einmaligen Anlass, bis mir glücklicherweise mein Schwager Hermann zu Hilfe kam um die besagte Nadel im Heuhaufen zu finden. Er war ab 1965 viele Jahre Chefredaktor der Zuger Nachrichten und wusste deshalb, wo wichtige Dokumente archiviert wurden. Zudem leistete ihm in dieser Angelegenheit sein militärisches Netzwerk grosse Dienste. Deshalb nahm er Kontakt auf mit dem ehemaligen Offizierskollegen Oskar Rickenbacher und dieser wiederum kontaktierte Robert Gabathuler. Hermann stöberte in der Zuger Bibliothek, und überraschenderweise fand er letztendlich in einer vergilbten Kartonschachtel einen interessanten Artikel zur Zuger Seegfrörni 1963. Doch das genügte ihm noch nicht, denn seine Absicht war, Original-Fotos zu finden. Bereits einen Tag später informierte er mich voller Freude, dass er auf der Gemeindeverwaltung in Cham fündig geworden sei.


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212: Foto aus den Luzerner Neusten Nachrichten vom 6. März 1963.

Das Foto 212 hält für mich einen spannenden Moment fest, sicher auch für viele, die damals auf dem Eis standen. Werner Bauder und ich waren zwar fest davon überzeugt, dass die gemessene Eisschicht genug dick war für eine solch grosse Belastung. Trotzdem waren wir nervös, denn wir verfügten diesbezüglich über absolut keine vergleichbaren Erfahrungswerte und wir hatten keine Ahnung, wie schwer eine Kompanie Soldaten ist. Angenommen, diese Kompanie hätte 150 Mann gezählt mit einem Durchschnittsgewicht von 75 Kg pro Soldat, dann währen mehr als 11 Tonnen auf einer nicht sehr grossen Fläche gestanden. Und dann wären ja noch die «schwergewichtigen» Offiziere dazugekommen!


Ich stand nicht zuletzt deshalb sicherheitshalber hinter dem Militär auf dem Sprungturm des Flosses (hinten rechts). Doch zum Glück verlief dieses Vorhaben gut. Nach der Standartenübernahme und dem Spiel der Musikgesellschaft Cham waren wir stolz und sehr erleichtert. Übrigens: Dirigent der Chamer Musikgesellschaft war damals Pudel, der ehemalige Schulhauswart im Schulhaus Kirchbühl mit dem schiefen aber sehr scharfen Blick! Er war es, der mich damals nach meinem üblen Spiegel-Blendungstrick auf dem Pausenplatz vor allen Kindern gemassregelt aber auch schon einmal liebevoll verarztet hatte.


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213: Zusätzlich stand auch die Prominenz mutig auf dem Eis, allerdings nicht ganz zufälligerweise nahe am nahen sicheren Ufer!

Wahrscheinlich stand noch nie so viel Prominenz auf «Glatteis» wie an diesem Anlass. Ich erkenne auf dem Foto unseren damaligen Gemeindepräsidenten Habermacher und den Einwohnerrat Greter, der Vater meines Schulfreundes Kurt. Ebenso bekannt ist mir der damalige Kreiskommandanten Jules Steiner. Er hatte mich in Fragen zu Sport und Militär immer gut beraten. Zu den Wettkämpfen an die Expo 1964 in Lausanne begleitete er unsere Zuger Delegation der 1945er als persönlicher Coach. Nach dem erfolgreichen Wettkampf gratulierte er mir zum besten Zuger Rekrut im 13. Expo-Rang herzlich. Viele Jahre später war ich ihm bei meinen Spezial-Einsätzen als Militär-Schwimminstruktor direkt unterstellt.

Die Umgebung auf dem Seegfrörni-Foto erinnert mich natürlich wieder an meine Kinderzeit. Im Hintergrund ist das Castellino zu sehen und hinter den prominenten Männern erkennt man die Bäume unseres Waldschlupf-Wäldchens. Dieser Anlass fand also nicht weiter als 100 Meter entfernt von meinem damaligen zu Hause statt. In der zweiten Reihe ist zwischen zwei Militäroffizieren Paul Twerenbold zu sehen (mit hellem Mantel und dunkler Brille). Ob er wohl schon damals davon träumte, später einmal in einer ersten Reihe zu stehen? Er kann nämlich auf eine eindrucksvolle politische Karriere zurückblicken. Zumindest könnte er sich schon zu dieser Zeit Gedanken gemacht haben, in welche Waffengattung er dereinst eingeteilt werden möchte.


Im Zusammenhang mit den umfangreichen Recherchen bezüglich der Fahnenübernahme an der Seegfrörni 1963 in der Chamer Bucht schrieb mir Herr Robert Gabathuler im Herbst 2014 in einem Mail:
 

Paul Twerenbold hatte damals vermutlich gehofft, dass er auch zur Fliegerabwehr eingeteilt werde. Ich habe ihn erst später beim Abverdienen des Leutnantgrads kennen gelernt. Er war später als Leutnant Uem Of in der M Flab Abt 37 und später als Major Adj  im Flab Rgt 2.

Am 15. März 1963 bedankte sich der Kommandant der Schweren Flab Abt. 38 Major Winkler bei der Bevölkerung von Cham, Rotkreuz, Steinhausen und Zug mit folgendem Zeitungsartikel in der Zuger Nachrichten:


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214: Major Ulrich Winkler, Kdt. Sch. Flab. Abt. 38 bedankt sich bei der Bevölkerung.

In allen Zeitungen, auch in den Zuger Nachrichten, wurde immer wieder über die Seegfrörni berichtet. So war am 4. März 1963 folgendes zu lesen:


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215: Tausende auf dem Zugersee. Bericht der Zuger Nachrichten vom 4.3.1963.
 

Auch wenn der Schlossweiher nicht jedes Jahr ganz oder zumindest teilweise zugefroren war, gab es trotzdem auch kleinere private Chamer-Eissstadien. Eines davon betrieb der Bildhauer und Segler Louis Schiess hinter seinem Haus. Ein weiteres wurde von den Schönenberger-Buben unter Anleitung von Heinz, dem ältesten, vermutlich unerlaubter Weise gebaut.


Die Familie Schönenberger – beide Eltern waren Lehrpersonen in Cham – wohnte im Haus Johannesburg unmittelbar an der Bahnlinie Cham-Zug. Auf der gegenüberliegenden Seite der Bahnlinie war Niemandsland, nur Ried. Im Sommer blühten dort viele gelbe und blaue Schwertlilien. Auf dem Spazierweg von St. Andreas Richtung Kollermühle gab es drei kleine Brücken. Die erste nannten wird das «Stinkbach-Duggeli-Brüggli». Stinkbach deshalb, weil das Abwassser vom Duggeliquartier dort direkt in den Zugersee abgeleitet wurde. Die Schönenberger-Buben stauten im Winter dieses Wasser geschickt mit einigen Holzbrettern, und schon nach wenigen Tagen entstand ein Eisfeld zum Schlittschuhlaufen. Auch wir Buben von der nahen Umgebung durften darauf mit unseren Örgelis umherkurven und mit selbst gebastelten Holzstöcken Eishockey spielen, aber die «Eismeister» waren die Schönenberger Buben!

Eines Tages beschloss die Chamer Gemeindeverwaltung, dass der Zustand der Abwasser-Entsorgung unbedingt verbessert werden sollte. Deshalb wurde beschlossen, das Abwasser vor dem Abfluss in den See in einer Röhre zu fassen und mittels einer langen Leitung weit hinaus ins Seebecken zu führen. Die Chamer Seebucht sollte dadurch die Aufgabe einer natürlichen Kläranlage etwas besser erfüllen. Ich wurde beauftragt, als Taucher die Unterwasserarbeiten bei diesem risikoreichen Unternehmen auszuführen.
 

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216: Mein erster attraktiver Auftrag als Taucher beim Bau der Duggeli-Abwasserleitung.

An einem warmen, windstillen Sommertag – es war der 11. August 1966 – wurde Rohr um Rohr zusammengeschweisst, bis eine etwa 100 Meter lange, grüne Rohrschlange auf dem Wasser lag. Dann musste ich an verschiedenen Stellen Löcher in das dünne Kunststoffrohr bohren, damit die Leitung langsam und ohne auseinander zu brechen auf den Grund des Seebeckens absinken konnte. Das Endstück der Leitung wurde an einem Holzrost fixiert und dieser wiederum mit Betonblöcken beschwert. Nach sechs Stunden Arbeit lag die Leitung mehr oder weniger auf der ganzen Länge auf dem Seegrund und das Duggeli-Abwasser-Problem schien gelöst, zumindest für einige Zeit, nach dem Motto: «Aus den Augen, aus dem Sinn» oder «Nach mir die Sintflut».

Nachdem die Leitung auf den teilweise unebenen Seegrund abgesunken war, verankerten wir diese in Abständen von ca. 20 Metern mit speziell dafür angefertigten Betonblöcken. Diese wurden von einem Boot aus langsam in die Tiefe hinuntergelassen. Ich steuerte unter Wasser den an einem Seil befestigten Betonblock so, dass dieser unmittelbar an der einen Seite des Rohres zu liegen kam und sofort im weichen Schlamm versank. Knapp daneben, auf der gegenüberliegenden Seite des Rohres, wurde ein zweiter Betonblock hinuntergelassen, und wiederum versuchte ich, diesen beim langsamen Senken zu steuern und unten auf dem Seegrund richtig zu platzieren. Anschliessend musste ich die beiden Steinblöcke mit einem Stahlseil verbinden, was mir Dank meines handwerklichen Geschicks mehr oder weniger gut gelang, obwohl mir ab und zu eine Unterlagsscheibe oder eine Mutter aus den Händen fiel und im Sand hoffnungslos verloren ging, denn wegen des aufgewirbelten Schlamms war praktisch nichts zu sehen.

Einige Wochen später erhielt ich den Auftrag von der Gemeindeverwaltung, einen Kontroll-Tauchgang an der Leitung durchzuführen, was ich natürlich gerne tat. Alle Befestigungen waren noch intakt, doch an einigen Stellen hatte sich in der Rohr-Leitung Gas angesammelt und deshalb wurde das Rohr wie ein Luftkissen oder wie in einer Berg-und-Tal-Fahrt angehoben. Das war natürlich gefährlich, denn so hätte das Rohr an diesen Stellen sehr bald brechen können.


Einen Tag später tauchte ich wieder zur Leitung und bohrte an den höchsten Stellen mehrere Löcher ins Rohr. Sofort strömte Gas mit hohem Druck aus dem jeweiligen Bohrloch (zum Glück musste ich den Gestank unter Wasser nicht riechen!), und umgehend senkte sich das Rohr wieder. Dasselbe beabsichtigte ich an der nächsten Wölbung wieder zu tun, doch da fuhr mir der Schreck in die Glieder. Ich entdeckte einen seltenen grossen, grünlich grauen Fisch im Schlamm. Einen derartigen hatte ich zuvor noch nie gesehen, und ich kannte doch viele Fische. Vorsichtig neugierig näherte ich mich dem ungewöhnlichen, etwas unheimlichen Tier. Ich zog behutsam mein scharfes, spitziges Tauchermesser aus dem Etui, das am rechten Unterschenkel befestigt war in der Absicht, diesen Fisch mit einem gezielten Stich zu erlegen. Doch ich war viel zu langsam. Bevor ich in seiner Nähe war, schnellte der Fisch blitzartig weg, und zurück blieb nur noch eine grosse dunkle Schlammwolke. Ich tauchte sofort auf und versuchte, mich zu beruhigen, denn so eine Schrecksekunde hatte ich während all meiner bisherigen Tauchgänge noch nie erlebt, und erst noch ganz allein. Im Nachhinein betrachtet war dies natürlich unverantwortlich, denn es galt auch schon damals der Grundsatz «Tauche nie allein!»


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217: Plötzlich war nur noch eine Schlammwolke zu sehen – der grosse Fisch war weg!

Nachdem ich den Begleitern im Boot von meiner abenteuerlichen Entdeckung berichtet hatte, tauchte ich schliesslich einige Minuten später wieder langsam ab. Der Fisch war glücklicherweise nicht mehr da. Ein Sportfischer erklärte mir einige Tage später auf Grund meiner Schilderungen, dass es sich bei diesem Fisch um eine in Süsswassern seltene Trüsche gehandelt haben könnte. Es blieb mir leider vergönnt, jemals wieder einmal bei einem Tauchgang einen solchen Fisch zu sehen.

Einige Jahre später begegnete ich zufällig Heinz, dem ältesten der Schönenberger-Buben. Er war in der damaligen Zeit Polizist bei der Seepolizei Zug und ich war zur gleichen Zeit Chef des Seerettungsdienstes Cham, also eine Art zivile Konkurrenz der Polizei! Als ich eines Tages mit Vollgas mit dem schnittigen Motorboot, das ich in meiner Freizeit warten durfte, bis nahe ans Chamer Seeufer brauste, tauchte plötzlich das Boot der Seepolizei hinter mir auf. Es war mir bewusst, dass ich viel zu schnell in die Uferzone hinein gefahren war und rechnete mit einer Busse. Als mich jedoch Heinz erkannte, liess er davon ab und ermahnte mich nur, in Zukunft nicht mehr so schnell in die Uferzonen hinein zu fahren. «Vitamin B» hatte auch schon damals positive Auswirkungen!

Viele Jahre später, erst beim Schreiben der Duggeli-Bach Geschichten, versuchte ich mit Heinz Schönenberger wieder in Kontakt zu treten, um mit ihm einige Chamer-Erinnerungen aufzufrischen. Ich suchte im Internet unter Schönenberger, Zugerberg, denn ich wusste, dass Heinz in dieser Gegend eine Damhirschzucht betrieb. Ich traf ihn vor über 30 Jahren auf einem Spaziergang auf dem Zugerberg zufällig bei seiner Anlage. Es erschien im Internet eine Telefonnummer. Ohne lange zu zögern wählte ich die angezeigte Nummer. Am andern Ende meldete sich eine Stimme: «Schönenberger!» Ich versicherte mich zuerst, ob ich an der richtigen Adresse sei, stellte mich vor als Walti Bucher vom Schlosspark St. Andreas und ich hätte spannende Erinnerungen an die Schönenberger-Buben, vor allem an Heinz. «Hier ist aber Rolf Schönenberger!» wandte Rolf ein. Nachdem sich in unserem kurzen Gespräch herausstellte, dass Rolf ebenfalls Sportlehrer war und dass wir ungefähr zur selben Zeit unsere Sportlehrer-Ausbildung an der ETH absolviert hatten, unterhielten wir uns kurz darüber. Schliesslich bat ich Rolf, mir die Telefonnummer von Heinz zu geben. Seine unerwartete Antwort: «Heinz ist vor einem halben Jahr im Alter von 76 Jahren gestorben. Wir hatten schon längere Zeit wenig Kontakt miteinander.» Ich nahm diese traurige Nachricht zur Kenntnis, und unser Gespräch war bald darauf zu Ende. Mir wurde einmal mehr bewusst, wie schnell sich in unserem Leben vieles ändern kann.

Vom warmen Sommer 1966 zum kalten Winter 1982. Der Aegerisee war zugefroren. Auch die junge Familie Bucher wagte sich nebst vielen anderen Sonnenhungrigen auf den zugefrorenen Aegerisee. Zu dieser Zeit war ich ein begeisterter Jogger. Praktisch jedes Wochenende kurvte ich einmal, manchmal sogar zweimal hintereinander um den Aegerisee, und zur Zeit der Seegfrörni wählte ich dieselbe Strecke, aber dem Ufer entlang auf der Eisfläche.


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218: Papa Bucher mit Claudia und Martin 1982 auf dem zugefrorenen Aegerisee.

Zu dieser Zeit beschäftigte ich mich intensiv mit Fragen der Tennis-Didaktik, insbesondere der spielerischen Übungs- und Trainingsformen. Ich überlegte, ob man auch auf dem Eis Tennis spielen könnte. Ich konfrontierte den damaligen Trainer des EVZ, Jürg Schafroth, mit meiner Idee, denn ich wusste, dass er sein Eishockeytraining oft spielerisch gestaltet. Er war sofort bereit, diese Idee zu unterstützen. Nachdem ich mit ihm in der Eishalle Herti einige Bälle über eine gespannte Leine gespielt hatte, fassten wir den Entschluss, auf der Kunsteisbahn Zug ein Eistennisturnier zu organisieren. Auch Louis Wettstein – der damalige Verwalter der Eisbahn Herti, selbst ein Urgestein des Zuger Eishockeys – liess sich ebenfalls für die Idee begeistern. Ich schlug ihm vor, eine Benefiz-Veranstaltung zu Gunsten des Blindenheims Baar durchzuführen. Er sicherte mir seine Unterstützung zu. Darauf suchte ich prominente Spieler der Sportarten Tennis und Eislauf und fand schnell eine illustre Gruppe von 10 Spielern (Tennisspieler, Eislauflehrer und Eishockeyspieler). Sogar Heinz Günthardt, das einstige Aushängeschild des Schweizer Tennis, machte mit. 


Die Vorbereitungen konnten beginnen. Vor dem Abschmelzen des Eises wurden am Ende der Eishockeysaison 1979/80 für zwei nebeneinander liegende Tennisfelder blaue Linien aufs Eis gezeichnet. Auf einer Höhe von ca. 1.2 Metern wurden danach zwei Netze gespannt und Ende Februar 1980 konnten rund 3000 begeisterte Zuschauer attraktive, manchmal auch groteske Ballwechsel mitverfolgen. Während einerseits die Eishockeyspieler elegant auf dem Eis-Tennis-Feld den Bällen nachkurvten, sorgten andererseits die guten Tennisspieler wie Heinz Günthardt mit viel Übersicht und geschickten Ball-Platzierungen für unterhaltsame Szenen auf dem Eis. Das Turnier gewann der sehr gute Schlittschuhläufer und gleichzeitig ausgezeichnete Zuger Tennisspieler Marian Palko. Dem Blindenheim in Baar konnten gegen 10'000 Franken überwiesen werden. Als Turnier-Preis erhielten alle Teilnehmenden Örgeli-Schlittschuhe mit der eingrafierten Widmung «1. Eistennisturnier 1980 Zug». Schlittschuhe wie jene, auf welchen ich damals auf dem Schlossweiher St. Andreas meine ersten «Gehversuche» machte (Foto des Schlittschuhs sie bei Nr. 202)! Den gelungene Schnappschuss mit Heinz Günthardt als Eistennis-Spieler wählte ich damals als Titelfoto für die Umschlagsseite meines Tennisbuches «1002 Spiel- und Übungsformen im Tennis».


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219: Titelseite meines Tennisbuches «1002 Spiel- und Übungsformen im Tennis»; 1. Auflage.


Nachdem das erste Buch meiner Reihe «100X Spiel- und Übungsformen im Schwimmen» ein unerwarteter Erfolg wurde, wagte ich es, die Serie mit dem Buch «1002 Spiel- und Übungsformen im Tennis» im gleichen Stil fortzusetzen. Wie ein Lawineneffekt folgten in den darauf folgenden dreissig Jahren noch mehr als 30 Bände mit dem genau gleichen Rezept; eine Art «Betty Bossy im Sport». Weltweit erreichte die Idee über 800'000 interessierte Lehrpersonen und Übungsleiter der je «1000 Rezepte» für alle Stufen und Fachbereiche des Sports, vom Kindergarten bis zum Spitzensport. Fürwahr, es ist ein einfaches aber erfolgreiches Konzept. Einmal hat der Verlag Hofmann in Schorndorf D, bei dem ich alle Bücher herausgegeben habe, mit einem Flyer wie folgt geworben: «Eine einfache Idee hat einen Riesenerfolg».


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219a: Übersicht der Buchserie «100X Spiel- und Übungsformen».


Einige Bände wurden in verschiedene Sprachen übersetzt. Der Bestseller «1000 Spiel- und Übungsformen zum Aufwärmen» (mit 13 Auflagen in deutscher Sprache) sogar auf griechisch!


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219b: 1000 Spiel- und Übungsformen zum Aufwärmen auf Griechisch.

Auf den kalten Winter 82/83 folgte ein warmer Sommer. Der Wasserballclub Frosch Aegeri organisierte am 28. August 1983 kurzfristig einen kleinen Triathlon. Es war ein heisser Sommertag. Als ich am Vormittag mit Reinigungsarbeiten an unserem Schwimmbad beschäftigt war, kam mein Nachbar Pius Cavelti zu mir und motivierte mich, an diesem Anlass auch mitzumachen, denn es hätten sich erst ganz wenige Teilnehmer angemeldet. Spontan sagte ich zu, räumte auf und machte die sieben Sachen für meinen ersten Triathlon bereit.


Am Nachmittag um 13.30 Uhr war Start im Strandbad Unterägeri. Bereits kurz nach dem Startschuss lag ich beim Schwimmen schon am Ende des kleinen Teilnehmerfeldes. Alle Wasserballer waren viel bessere Schwimmer als ich. Zum Glück waren nur etwa 800 Meter im See zu schwimmen. Dann ging’s mit dem Velo von Unterägeri via Menzingen, Rothenthurm, Sattel, Oberägeri wieder zurück zum Ausgangsort. Auf der 35 Kilometer langen Radstrecke zeigte sich, dass nicht alle Wasserballer auch gute Velofahrer waren, denn ich überholte einen nach dem andern. Als dritte Disziplin stand noch ein Lauf von 14 Kilometern rund um den Aegerisee bevor. Diese Strecke kannte ich von meinen vielen Trainingsläufen sehr gut. Schon nach wenigen Kilometern hatte ich einige Wasserballer überholt. Plötzlich sah ich Rolf Koller, den super Sportler, vor mir und überholte ihn sogar! Beim Überholen ermunterte er mich: «Walti, da vorne sind nur noch ganz wenige, die kannst du sicher noch einholen!» Total motiviert nahm ich die letzten Kilometer ehrgeizig in Angriff. Dabei vergass ich zu trinken, bin einfach gerannt, nur gerannt. Schliesslich torkelte ich ins Ziel, auf welche Art und Weise weiss ich nicht mehr. Im Moment des Zieleinlaufs sei ich in Ohnmacht gefallen und darauf eine halbe Stunde liegen geblieben, wurde mir später erzählt. Die wenigen Helfer des Anlasses machten sich zusehends Sorgen um mich und wollten mich deshalb zum Hausarzt von Unterägeri bringen, doch dieser hatte am 28. August keinen Sonntagsdienst. Der nächste Hausarzt war in Oberägeri. Ich erinnere mich nur noch ganz schwach, wie ich die Autofahrt dem Aegerisee entlang erlebt habe, denn ich war total benommen.


Der Oberägerer Arzt hatte mich nur kurz untersucht, sich aber gleich wieder von mir abgewandt, denn er war im Nebenzimmer mit der Operation eines offenen Beinbruchs beschäftigt. Gleichentags fand nämlich auch noch ein Grümpel-Fussball-Turnier statt. Mein Bewusstsein meldete sich langsam wieder zurück, doch ich ängstigte mich mehr und mehr, es könnten mir schlimme Folgen bevorstehen. Ich konnte nicht mehr deutlich sprechen und mich auch nicht mehr erinnern, was eigentlich wirklich passiert war. Ich bat meine beiden Begleiter, meine Frau zu benachrichtigen, doch unsere Telefonnummer kam mir nicht mehr in den Sinn. Es waren lange, bange Minuten. Zum Glück erholte ich mich noch in der Arztpraxis wieder recht gut. Ohne weitere ärztliche Hilfe und ohne Medikamente durfte ich wieder nach Hause gehen. Ich hatte grosses Glück, denn dieser Vorfall hätte für mich mit schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen enden können.

Am Abend dieses ereignisreichen Tages besuchten mich Markus Zurfluh und seine Freundin Andrea. Markus hatte gegen Ende des Triathlons auch Probleme wegen Hitze und Flüssigkeitsmangel, doch er erholte sich nach seinem Hitzestau wieder gut. Besorgt erkundigten sich Markus und Andrea über meinen Gesundheitszustand. Sie gratulierten mir zum dritten Rang und übergaben mir eine selbst gestaltete Urkunde und einen schönen Preis, ein selbst bemaltes Glas mit der Aufschrift «Aegeri Triathlon 1983» und dazu eine Urkunde, die lange an meiner Bürowand hing.



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219c: Das unvergessliche Dokument meines «denkwürdigsten» Erlebnisses im Sport.


Gleich am Tag darauf schrieb ich dieses für mich schwerwiegende Sport-Erlebnis in einem Leerbuch nieder. Ich gab diesem «Tagebuchuch» den Titel «Denkwürdige Erinnerungen – angeregt durch ein tiefgreifendes Erlebnis im Sport».


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220: Ich führe Tagebuch seit dem denkwürdigen Ereignis vom 28. August 1983.

Seither schreibe ich Tagebücher, in denen ich Erlebnisse und Ereignisse festhalte, die für mich und unsere Familie wichtig sind. Aus dem einem Buch sind mittlerweile mehrere Bände geworden. Rückblendend bedaure ich, dass ich nicht schon früher begonnen hatte, Tagebücher zu schreiben.


Im Clubheft der Wasserballer war nach diesem ersten Aegeri-Triathlon folgender Bericht zu lesen: Bei fast 30 Grad hatten die meisten Teilnehmer mit der Hitze zu kämpfen. Ein weiteres Problem war der grosse Wasser- und Salzverlust, der drei Triathleten zum Verhängnis wurde, während dessen Markus Müller seinem Sieg entgegenlief. Urban Fuchs erkämpfte sich mit leichtem Rückstand den zweiten Platz. Mit der besten Laufzeit schaffte Walter Bucher noch den Sprung auf Platz drei. Es war für alle ein lehrreiches Erlebnis, ebenfalls für die Organisatoren die sahen, was für einen nächsten Triathlon besser gemacht werden müsste. 


Im Herbst 1983 verunglückte Zufi – so nannten wir Markus Zurfluh – mit seiner Freundin Andrea auf einer Flugreise nach Südamerika. Im selben Jahr gründeten wir ein OK und organisierten im Jahr 1984 den ersten offiziellen Zufi-Gedenk-Triathlon. Ich nahm auch wieder teil, lediglich mit dem Wusch, zufrieden und glücklich im Ziel anzukommen. Hand in Hand mit meinem Sohn Martin ging dieser Traum in Erfüllung. In den darauf folgenden Jahren wurde der Zufi-Gedenk-Triathlon ein sportliches Grossereignis im Aegerital. Sieger des 1. Zufi-Gedenk-Triathlons 1984 wurde Rolf Koller, welcher mich ein Jahr zuvor zur Aufholjagd ermunterte, nachdem ich ihn überholt hatte.
 

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221: Glücklich im Ziel am 1. Zufi-Triathlon 1984 mit meinem Sohn Martin.

Unser erster OK-Präsident hiess Erich Iten. Schon als junger Familienvater und engagierter Kantonsrat hatte Erich leider sein Leben verloren. Er war am 27. September 2001 eines der 14 Opfer des brutalen Attentates von Friedrich Leibacher im Regierungsgebäude in Zug.

Auf meiner Zeitreise von der Wärme wieder zurück in die Kälte. Ein zugefrorener See ist immer eine Sensation, birgt aber auch grosse Gefahren. Das war nicht nur 1963 und 1982 so, sondern bereits im Jahr 1648 auf dem Zugersee. In einem Bericht des Zuger Staatsarchivs ist zu lesen:


Am 13. Februar 1684 verbot der Zuger Stadtrat, sich auf den zugefrorenen Zugersee zu begeben. Der AuMüller allerdings setzte sich über das Verbot hinweg und fuhr zuerst mit Ross und Wagen und dann mit Schlitten und Kindern über die Eisfläche. Vor den Rat zitiert, verteidigte er sich wegen Betrunkenheit und bat um Gnade. Der Rat zeigte sich aber wenig gnädig. Der Müller erhielt eine saftige Busse, musste bei den Kapuzinern beichten und dem Ammann zum Beweis der erfüllten Beichtpflicht einen Beichtzettel vorlegen. Darüber hinaus sollte er, sobald es das Wetter erlaube, den begangenen Frevel im Kloster Einsiedeln bereuen. Das Verbot selbst wurde durch den Tambour noch einmal ausgerufen und drastisch verschärft: Wer nämlich wegen Missachtung des Verbots auf dem zugefrorenen See verunglücke, dürfe, wie ein Selbstmörder, nicht in geweihter Erde begraben werden.

Eine Eisfläche ermöglicht viele sportliche Betätigungen, nicht nur das Schlittschuhlaufen. Der damalige Chamer Meistersegler Louis Schiess war nämlich der Erste, der sich mit einem selbst gebauten Eissegelboot auf den Zugersee wagte. Ich erinnere mich an den Moment, als ich ihm behilflich sein durfte, den auf Kufen gleitenden Schlitten mit der legendären Segelnummer Z 7 anzuschieben (Foto 222). Noch sehe ich, wie Louis Schiess beinahe fliegend übers Eis rauschte. Doch die Fahrmöglichkeiten waren eingeschränkt, denn nach und nach dehnte sich das Eis aus, brach dabei und türmte sich zu Hindernissen auf. Als Folge ergaben sich kantige Eismauern, unüberwindbar für ein Eissegelboot. Somit beschränkten sich für Louis die Schussfahrten auf die Chamerbucht.


Louis war in vielen Beziehungen ein Phänomen. Dank seinen vielen Siegen an Segelregatten wurde er 1960 für die Olympischen Spiele in Rom selektioniert. Als Mitglied der Nationalmannschaft sollte er auch an Konditions- und Krafttrainings teilnehmen. Darüber lachte er nur und scherzte, dass die Experten doch einmal in seine Werkstatt kommen sollten und ihm zusehen, wie er täglich tonnenweise Steine «umefuge». Zu einem Krafttrainingstest sei er jederzeit bereit! Louis wurde vom Konditionstraining suspendiert und durfte nach Rom reisen.


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222: Das Eissegelboot von Louis Schiess auf dem zugefrorenen Zugersee. Im Hintergrund Kranen am imposanten Neubau der Überbauung Alpenblick.


Die riesige Sprengkraft der Seegfrörni von 1963 hinterliess auch am Wassersprungturm ausserhalb des Castellinos Spuren. Dieser Turm gehörte zur Badeanlage des Schlosses. Ich hatte während meiner ganzen Kindheit noch niemanden gesehen, der von diesem Turm gesprungen war, meistens sassen lediglich einige Möven auf den Geländern. Einzig der spätere Schloss Chauffeur Päuli Lustenberger erzählte mir, dass er selber als Junge oft von der alten Badi Hirsgarten aus zum Sprungturm geschwommen sei und dort einige Male hinuntergesprungen war. Wenn ich jeweils beim Fischen von der Schlossweihermauer aus Richtung Arth in den See hinausspähte, sah ich den Sprungturm. In solchen Momenten träumte ich davon, irgendwann von diesem Turm zu springen. Doch der Mut, allein so weit hinaus zu schwimmen und dann vom Turm in die unbekannte Tiefe zu springen, fehlte.
 

Eines Tages im Winter 63 war es mit meinem Traum vorbei, denn durch die Kraft der Eisdecke wurde der Turm seitlich weggedrückt und nach der Eisschmelze stand er schief im See. Herr Stuber, der Schlosschauffeur und «Mädchen für alles», hatte die schwierige Aufgabe, die eisernen Stützen möglichst weit unter Wasser abzusägen, dann das Wrack des Turmes mit Hilfe eines Motorbootes ins tiefere Wasser schleppen zu lassen und dort zu versenken bzw. zu «entsorgen» – für immer. Zur Sicherheit für Bootsfahrer, aber besonders für die Zuger Seeschifffahrt, wurde wegen Auffahrgefahr an dieser Stelle ein weisser Pfahl gesetzt.
 

«Wenn ich das gewusst hätte,» dachte ich mir bei der Lektüre dieses unerwartet interessanten Berichtes, persönlich verfasst von Herrn von Schulthess. Ich wäre damals sicher selber in der Lage gewesen, diesen Unterwasserturm zu suchen und auch zu finden, denn ich war zu jener Zeit bereits Chef des Seerettungsdienstes Ennetsee und im Besitz des Taucherbrevets.

 
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223: Trainings-Tauchgang. Im Hintergrund «mein» Waldschlupfwäldchen.



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223a: Ein spannender Tauchgang wäre die Suche nach dem «Wrack» des Sprungturmes sicher geworden!

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(Einschub vom 9.1.2020)
Ob wohl Poseidon – Gott der Meere – ein Zeichen geben wollte? Denn heute fand ich in meinem PC ein Mail eines Archäologen. Er erkundigt sich über Untiefen vor dem Ufer des Schlossparks St. Andreas. Interessiert las ich sein Mail:

Sehr geehrter Herr Bucher
Mit Interesse habe ich Ihre Kindheitsgeschichten auf St. Andreas gelesen - und bin zufällig in einer völlig anderen Publikation auf einen spannenden Hinweis gestossen: Im Buch "Vom Städtli zur Stadt" von Hermann Steiner findet sich eine Abbildung, die auch Sie bringen - jedoch mit einem entscheidenden weiteren Hinweis! Hier ist auch der "Baumstrunk" verzeichnet, der den bronzezeitlichen Seetiefstand beweisen soll (Nr. 33 auf der Abbildung im Steinerbuch) und den die "schwimmenden Buben" - also Sie? - gut kennen. Da in der Kantonsarchäologie momentan mehrere Projekte laufen, die versuchen, See und Lorze und ihr Zusammenspiel durch die Zeit besser zu verstehen, würde ich hier gerne von Ihrer Ortskenntnis profitieren, bevor ich mich in den kalten See stürze, um eine Probe des Baumstrunks zur Datierung zu bergen.

Wissen Sie, ob dieser Wurzelstrunk überhaupt noch existiert oder ist er vielleicht der Ausbaggerung der Hirsgarten-Fahrrinne zum Opfer gefallen? Wäre es Ihnen möglich, uns die genaue Position des Baumes auf einem Luftbild zu markieren? Das würde uns sehr helfen, deutlich gezielter arbeiten zu können - der See ist, eben, kalt...

Amt für Denkmalpflege und Archäologie des Kantons Zug, Direktion des Innern, Jochen Reinhard M.A.

 

Ich schaute sofort in meinem Buch nach und fand in Abb. 1a keine Nummer 33. Warum wohl? Wahrscheinlich hatte ich beim Kopieren der Nummer 33 im Steinerbuch (Hermann Steiner war mein strenger Sekundarlehrer!) gedacht, ich lasse diesen «Baumstrunk» doch einfach weg, denn er bedeutete mir sowohl in meiner Spitzbubenzeit als auch 60 Jahre später beim Schreiben des St. Andreas-Buches nichts. Doch heute staune ich, dass ich davon nie etwas erfahren habe. Natürlich hätten wir uns kaum gewagt, an dieser erwähnten Stelle zu schwimmen oder sogar nach einem Baumstrunk zu tauchen, unmittelbar in Sichtweite des Balkons des Schlosses. Doch wenn wir es gewusst hätten?


Noch am gleichen Tag nahm ich mit Herrn Jochen Reinhard Kontakt auf; es kam zu einem interessanten Gedankenaustausch. Leider konnte ich ihm bei seinen Recherchen keine weiteren Informationen geben; im Gegenteil! Aber für mich wurde diese ominöse Nummer 33 plötzlich interessant! Und irgendwie fand ich es schade, dass wir «Schwimmbuben» diese Entdeckung nie machen konnten. Doch es ist nie zu früh und selten zu spät!


Doch wenn ich mich recht erinnere, befand sich in meiner Kindheit (ca. 1953) rund um das Halbinseli bis weit hinaus ein Schilfgürtel. Da bin ich mir sicher, denn im Bereich von Schilf gab es auch immer Fische, besonders Rotfedern. Und dieses Schilf deutet doch darauf hin, dass es ebenso weit hinaus untief ist und dass es sehr gut möglich war, dass auf einer solchen Untiefe ein Baum oder zumindest, wie von Herrn Reinhard vermutet und in der folgenden Bildlegende 223b beschrieben, ein Baumstrunk stand und dieser aus dem Wasser ragte?


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223b: Mächtiger Strunk eines Baumes rund 50m vom Ufer entfernt zwischen dem «grossen und kleinen Bänkli» und seiner Form nach von den schwimmenden Buben mit kleinen und grossen Mythen bezeichnet Originallegende aus dem Steiner-Buch zu Punkt 33 (am linken Bildrand).

 

Herr Reinhard erzählte weiter von dieser Baumstrunk-Untiefe und sprach von einem weiteren «Hügeli» auf dem Seegrund vor den Gestaden des Schlossparks: Das eine Hügeli (es war köstlich, wie Herr Reinhard als Deutscher «Hügeli» aussprach!) befindet sich wie erwähnt eben dort bei Nr. 33 und das andere ca. 80m vom Ufer entfernt südwärts vom Castellino. Jetzt klickte es in meinem Kopf! Klar, dort draussen auf diesem «Hügeli» muss der Sprungturm der Schlossfamilie gestanden haben (Text bei Foto Nr.223/224). Und somit könnte es doch tatsächlich stimmen, dass nach der von Herrn von Schulthess erwähnten Seegfrörni im Jahr 1963 der Sprungturm vom Eis weggedrückt und deshalb vom Schlosschauffeur Walter Stuber abgesägt werden musste. Nach dem Absägen hätte man den Sprungturm Richtung Süden, also in tiefere Gefilde, gezogen und dort unten müsste dieses Gestell somit noch irgendwo liegen.

 

Herr Reinhard zeigte sich sehr interessiert auch an dieser zweiten «St. Andreas Hügeligeschichte» und versicherte mir, dass bei einem nächsten Tauchgang, den er mit einigen Hobbytauchern inszenieren werde, beide Unterwasser-Hügelis systematisch abgesucht werden und dass er, falls das Sprungturmgerüst entdeckt würde, mich informieren würde. Ich bin gespannt, ob Poseidon sich nochmals «meldet» bzw. ob Herr Reinhard mir im besten Fall ein Foto als Beweisstück des Sprungturmwracks schicken wird.


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Nach diesem «Tauchgang» in die Archäologie des Zugersee wieder in meine Jugendzeit. Ich war nicht nur eine Wasserratte, sondern auch ein fanatischer Wasserspringer. Zu gerne hätte ich einmal in meinem Leben eine Schwalbe – so nannten wir den gestreckten Kopfsprung vorwärts – von jenem Turm des Schlossparks St. Andreas ausgeführt. Einen solchen Sprung wagte ich mehrere Male von verschiedenen Zehnmeter-Sprungtürmen.


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224: Schwimmbad Baden Kt. AG im Juli 1970: Ich fliege bei einem gestreckten Kopfsprung wie eine Schwalbe vom 10m-Turm.

Deshalb habe ich im Herbst 2014 mit dem damaligen Chef des Seerettungsdienstes Cham Kontakt aufgenommen. Ich habe Christoph Seeburger angefragt, ob er veranlassen könne, dass Taucher das Gebiet rund um den weissen Pfahl systematisch absuchen und wenn möglich vom Wrack des Schloss-Sprungturmes ein Foto machen könnten. Ob es der Tauchgruppe des Seerettungsdienstes Ennetsee wohl gelingt, den versunkenen Sprungturm zu finden? Das Telefongespräch mit Christoph hat uns beide wieder in die damalige Zeit zurückversetzt. Ich staunte, wie wir beide uns an viele Erlebnisse und kleinste Details erinnern konnten. Christoph zeigte sich bereit, der Sache Sprungturm «auf den Grund» zu gehen.
 

Nach diesem Gespräch erinnerte ich mich wieder, wie ich einmal bei starkem Sturm gemeinsam mit Werner Bauder eine halsbrecherische Rettung zweier Schiffbrüchiger durchgeführt und erfolgreich abgeschlossen hatte. Als erstes zogen wir die beiden völlig Durchgefrorenen ins Boot und brachten sie anschliessend ins Strandbad. Dann fuhren wir bei heftigstem Wellengang ein zweites Mal hinaus und schleppten die halb gefüllte Segeljolle, das Clubschiff Kobold des SCC, Richtung Ufer. Die beiden Geretteten waren Sabine und Christoph Seeburger (Christoph, der Chef des Seerettungsdienstes!).



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226: Mit dem Clubboot Kobold wäre auch ich einmal beinahe gekentert.

Ich zog die schwere Olympia-Jolle schwimmend mit der Kraft meiner Flossen ganz allein bei hohem Wellengang mühsam bis zum Segelsteg. Es wäre nämlich bei diesen stürmischen Verhältnissen nicht auszuschliessen gewesen, bei einem Abschleppmanöver das schöne Holzboot Zägg des Wasserskiclubs Cham als auch das Segelboot Kobold zu beschädigen. Die Nerven meiner Mutter lagen blank, als sie mein Rettungs-Manöver vom Strandbad aus beobachtete.


Nach einem Gewitter, das meistens aus Westen heranbrauste, wechselte die Windrichtung meistens gegen Süden und dann folgte immer in heftiger Föhnsturm direkt Richtung Strandbad und Schlosspark Cham. Diese hohen Wellen waren für uns eine echte Herausforderung, aber immer auch ein nicht ungefährliches Abenteuer!


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226a: Nach einem Gewitter folgte meistens ein heftiger Föhnsturm.
 

Bei solchen Einsätzen blinkten die Sturmwarnleuchten, doch dieses Warnsystem war noch neu. Bis anhin musste man sich entweder auf Informationen des Wetterberichtes am Radio oder auf «Wetterfrösche» stützen. 

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(Einschub am 15. Juli 2019)
Gemäss meinem Plan der Zuger Presse war es wieder an der Zeit, eine neue bzw. «alte» Chomer Geschichte zu verfassen. Da es an mehreren der letzten Tage über 30 Grad heiss war, bot sich das Thema Wetter, Wetterbericht und Wetterwarnsysteme an. Ich erinnerte mich an die Zeit um 1950 und begann zu schreiben.


Wir sassen in unserem kleinen alten Bauernhaus «zum Waldschlupf» am Mittagstisch. Während den Mittagsnachrichten durfte noch gesprochen werden, aber bei der Ansage der Wetterprognosen herrschte absolute Stille: Drei lange tiefe, dann ein kurzer heller Pipston: «Landessender Beromünster, es ist zwölf Uhr dreissig. Sie hören die Nachrichten der Schweizerischen Depeschenagentur.» Am Schluss erwarteten wir – besonders an einem Waschtag der Mutter – mit Spannung den Wetterbericht. Bei zweifelhafter Wetterlage tönte es oft ähnlich, nämlich so: «Alpennordseite, Wallis, Nord- und Mittelbünden: Teilweise sonnig mit einigen Niederschlägen.»



Die Waschtage für die Benützer der einzigen Waschküche für die vier auf dem Schlossgut St. Andreas angestellten Familien waren festgelegt. Meine Mutter hoffte, dass an ihrem Waschtag die Sonne scheint, damit sie die schwere nasse Wäsche nicht zuerst dem langen Kiesweg entlang nach Hause und dann dort zuoberst in den Estrich hinauf schleppen musste, sondern gleich nach dem Waschen im Freien aufhängen konnte. Bei unsicherer Wetterlage schickte sie mich zu unserem «Wetterfrosch» Baba; er solle sagen, ob es die Wetterlage erlaubt, die Wäsche aufzuhängen.


Diese Aufgabe übernahm ich natürlich gerne. Als kleiner Knirps rannte ich dann mitten durch den Schlosspark los, hielt ab und zu an und rief: «Baba; Baba!» denn ich hatte keine Ahnung, wo er zu diesem Zeitpunkt beschäftigt war. Irgendwann und irgendwo habe ich ihn dann gefunden. Nach meiner Wetterfrage blickte er in allen Richtungen nach oben, überlegte kurz und dann gab er seine Empfehlung ab. Nichts wie los rannte ich wieder zurück zur Waschküche, wo meine Mutter Baba’s Kunde mit Spannung erwartete. Meistens war seine Wettervorhersage richtig.

 

Heutzutage sind Wettervoraussagen selbstverständlich und (meistens) richtig. Jedem Wassersportler, jedem Anwohner und vielen Touristen sind die orangefarbenen Blinklichter an den Schweizer Seen bekannt sein. Sie künden aufziehendes Unwetter an. Zieht eine Sturmfront oder ein starkes Gewitter auf, so wird die entsprechende Warnung mit den an verschiedenen gut sichtbaren Stellen platzierten Blinkanlagen ausgegeben. Es wird unterschieden zwischen Starkwindwarnung (40-faches Blinken pro Minute) und Sturmwarnung (90-faches Blinken). Eine Starkwindwarnung erfolgt bei zu erwartenden Böenspitzen von etwa 45 bis 60 Stundenkilometern. Die Sturmwindwarnung leuchtet bei Geschwindigkeiten darüber auf.



Wer sich über den Wetterverlauf orientieren will, kann dies auch mit verschiedenen Wetter Apps problemlos herausfinden. Was heute als Selbstverständlichkeit gilt, war 1963 erst eine Idee, nämlich der Bau und die Installation von Sturmwarnleuchten! Vor dieser Zeit hat der Bademeister bei drohendem Sturm die bereits stark flatternde Schweizerfahne heruntergezogen und mit der gelben Sturmfahne ersetzt. Damit sollten Leute, die sich noch schwimmend im Wasser oder in einem Boot auf dem See befanden, vor der drohenden Sturmgefahr gewarnt werden. Das hatte schon in meiner Kinderzeit der Bademeister Zürcher, der mich im Jahr 1951 vor dem sicheren Ertrinkungstod gerettet hatte (siehe Foto Nr. 73), auch immer so gemacht.

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227: Die erste Sturmwarnleuchte der Schweiz stand im Strandbad Cham. Ich war bei der Inbetriebnahme dabei.

 

Wer hat’s erfunden? Der Chamer Feinmechaniker Alfred Zweifel war ein gewiefter Tüftler. Er hatte den ersten Sturmwarn-Prototyp gebaut. Während vielen Freizeitstunden hatte er die Leuchte in enger Zusammenarbeit mit Albert Suter und meinem Papieri-Lehrmeister Werner Bauder entwickelt. Ein schräg gestellter Spiegel, von oben her beleuchtet, drehte sich in einem gläsernen Zylinder um die eigene Achse und blitzte in regelmässigen Abständen nach allen Seiten. 


Als Seerettungsdienst Cham galt unser Interesse in erster Linie dem uns zugeteilten Bereich des Ennetsees, also von der Kollermühle bis hinauf zum Chiemen; für den anderen Teil des Zugersees war damals die Stadtpolizei Zug mit ihrem Polizeiboot zuständig. Unser Ziel war es, mit einer Blinkanlage unsere Seeseite «abzudecken» bzw. Menschen, die sich auf dem Ennetsee befanden, frühzeitig vor Stürmen zu warnen. Es stellte sich also die Frage, ob man das Blinken mindestens bis zum Chiemen sehen konnte.

 

Ich durfte beim ersten Test dabei sein. Alfred Zweifel setzte die vor dem Bootshaus des Chamer Standbades provisorisch eingerichtete Blinkanlage in Gang, während Werner Bauder das weisse, schnittige Wasserskiboot Jumbo aus der Schiffshütte zum Steg manövrierte. Herr Zweifel und ich stiegen ins Boot, setzten uns auf die hintere Bank und schauten immer rückwärts zum Blinklicht, während Werner Bauder den schnittigen Kahn in hohem Tempo Richtung Arth steuerte. Wir konnten das Blinken vom Chiemen, ja sogar von Arth aus immer noch gut erkennen. Der Test hatte überzeugt. Herr Zweifel war sichtlich stolz vom bestechenden Resultat und ich hocherfreut, dass ich an diesem historischen Ereignis dabei sein durfte. Bald darauf wurden weitere Blinkanlagen an exponierten Stellen am Zugersee und wenig später auch an weiteren Schweizer Seen installiert. In Cham stand die erste der Schweiz!

 

In dieser Zeit kaufte ich mit dem ersparten Lehrlingslohn mein erstes eigenes Segelboot, einen Vaurien. In meiner eigenen kleinen Bootswerft oben im Tenn restaurierte ich das Boot. Die bestehenden schwarz-weissen Zebrastreifen übermalte ich mit roter Farbe und auch im Boot verbesserte ich einiges. Unweit vom Schrebergarten meines Vaters entfernt erhielt ich einen Platz zum Deponieren des Bootes auf dem Land. Für den Boots-Transport bastelte ich in der Schlosserei der Papieri einen eigenen Trailer; oft benutze ich dafür auch meine offizielle Arbeitszeit. Wir nannten diese private Arbeit «Ladebüetz» oder «Schwarzarbeit». Ich erlernte bei vielen Ausfahrten das Seglerhandwerk immer besser und wagte mich auch bei starken Winden allein auf den See.


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228: Voller Stolz bei starkem Wind vor dem Chiemen auf mein Vaurien.

Ruhiges Sitzen im Boot bei schwachen Winden wurde mir dann aber doch zusehends zu langweilig. Mein Interesse galt immer mehr dem aktiven Sport. Ich turnte im KTV mit und lernte dort viele Sportarten kennen: Alle damals bekannten Sportspiele, Geräteturnen, Leichtathletik-Disziplinen bis hin zum Trampolinspringen. In der Jungwacht und im Fussballclub lernte und erlebte ich verschiedenste Spiele und Spielformen in der Halle und im Freien. In der Freizeit war ich eigentlich fast immer am, im oder unter Wasser und im Winter auf dem Eis. All diese Fähigkeiten und Fertigkeiten waren für mich eine optimale Basis für die Sportlehrer-Ausbildung. 


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229: Spiele und Spielformen in allen Variationen (Jungwachtlager in Tinicong GR).


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230 Laufwettbewerbe und Laufspiele (Strassenlauf 1958 in Beinwil am See).


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231: Von einer einfachen Bodenkür (an einem Turnfest) …


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232 … über den Schulterstand (wieder an einem Turnfest) …


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233: … zum Handstand (an der Turnpatentprüfung im Lehramtskurs V1 im Jahr 1968).



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234: … zum weiteste Sprung meines Lebens im Rahmen eines Leichtathletikmehrkampfes in Kestenholz SO (am 3.9.1967: 6,64 m). 


(59)

235: Aber am liebsten war ich immer im oder auf dem Wasser (Sommer 1965).

Altes Schloss – schöner Traum
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8.  Altes Schloss – schöner Traum

Majestätisch steht das Schloss schon seit vielen Jahren auf dem St. Andreas-Hügel. Mein Vater war hier 35 Jahre Schlossgärtner. Er kannte jeden Baum und jeden Strauch im ganzen Park. Dieses Schloss mit der traumhaften, bis ins kleinste Detail gepflegten Umgebung hat für mich bis heute nichts an Schönheit und Eleganz eingebüsst. Wenn ich heute vor dem Schloss stehe, kommt es mir vor, als ob mir die Mauern (un-) heimliche Schlossgeschichten erzählen. An einige Begebenheiten erinnere ich mich sehr gerne.


(1)

237 Foto des Schlossareals; am unteren rechten Bildrand unser alter Waldschlupf.



(2)

237-241: Auszug aus meinem St. Andreas Buch. Der wunderschöne Schlosspark / Teil 1

(3)

242-246: Auszug aus meinem St. Andreas Buch. Der wunderschöne Schlosspark / Teil 2.

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(Einschub am 13. Juli 2019)
Es war wieder einmal Zeit für einen Besuch meiner ältesten Schwägerin aus Wien. Dies ist alljährlich ein Anlass zu einem Familientreffen der sechs Zuger Geschwister (mit Anhang). Diesmal erlebten wir eine Schifffahrt mit Mittagessen auf dem Kursschiff ZUG. Bei heftigem Regen steuerte der Kapitän das schnittiger Boot Richtung Cham.


(4)

246a: Seerundfahrt am 12. Juli 2019 mit dem Kursschiff ZUG.


Bald liess der Regen nach. Ich begab mich allein auf das Vorderdeck des Schiffes, das beinahe lautlos an der Quaimauer des Schlossparks Richtung Dampfschiffsteg Cham vorbeigleitete. Dabei erinnerte ich mich, wie wir jeweils aus unserem Haus «zum Waldschluph» stürmten, wenn das typische lange Hupen des Dampfschiffes RIGI erklang. Wir standen auf der Haustreppe auf die Zehenspitzen und konnten dann während ganz kurzer Zeit das rauchende Dampfschiff durch eine Lücke der hohen Bäume des Schlossparks sehen. 


Nun stand ich also auf einem Schiff, welches bei mir unvergessliche Kinderträume weckte. Unerwartet lichteten sich plötzlich die Wolken und einige Sonnenstrahlen erhellten den Schlosspark wie starke Scheinwerfer, insbesondere den Schlossturm, der in dieser Zeit restauriert wird.


(5)

246b: Der Schlossturm wird renoviert; im Vordergrund das Badehaus, das war der frühere Schweinestall (siehe Foto 48 und 49), welcher unmittelbar neben unserem alten Haus «zum Waldschlupf» stand.


Bei diesem Anblick tauchten erneut viele Erinnerungen aus meiner Kinderzeit auf. Von dieser Quaimauer aus versuchte ich immer und immer wieder mein Glück als Fischer. Besonders spannend war dies, weil es grundsätzlich verboten war, sich allein im Schlosspark aufzuhalten. Also stellte sich einerseits die Frage, ob ein Fisch anbeissen und andererseits, ob da nicht plötzlich der aus meiner Sicht «böse» Obergärtner Ast oder sogar der «ehrwürdige» Schlossherr von Schulthess auftauchen oder mit seiner drohenden tiefen Stimme verärgert vom Balkon des Schlosses hinunterrufen würde. Meistens blieb beides aus!


Nachdem am Chomer Dampfschiffsteg meine Schwägerin und mein Schwager zugestiegen waren, wendete das Schiff und weiter ging die Fahrt Richtung Buonas. Mein Blick hinüber zum legendären Chomer Inseli, dem «El Dorado» für Liebespärchen und zum Kirchturm, dem «Leuchtturm von Cham», weckte in mir ein letztes Mal viel «Altes» auf; es war einfach eine wunderbare Zeit!


(6)

246c: Das legendäre Chomer Inseli mit dem Bootshäuschen von Ruedi Sidler; im Hintergrund der markante 80 Meter hohe Chomer Kirchturm!


Die gemütliche Fahrt ging weiter. Während des Mittagessens wurden immer wieder alte Familien- und spezielle Zuger Geschichten mit Leidenschaft aufgefrischt. Kunststück: «alte Geschichten»! Das Durchschnittsalter von uns allen betrug 77 Jahre. Eine eindrückliche Schilderung meines 85jährigen Schwagers Hermann hat mir besonders Eindruck gemacht. Er erzählte, dass er als kleiner Bub im Jahr 1944 in Oberwil mit seinem Vater vom Balkon aus beobachten konnte, wie ein riesiger Bomber tief über dem Zugersee aus Arth Richtung Zug flog, dann in einer grossen Schlaufe über Baar abdrehte – er habe dann den Flieger eine Zeitlang aus den Augen verloren und nur noch den Motorenlärm gehört – dann ist der Pilot wieder Richtung Zugersee gelogen und dort auf dem Wasser notgelandet.
 

(7)

246d: Ein US-B 17G Bomber flog 1944 tief und immer tiefer über dem Zugersee. Dann leitete der Pilot Robert W. Meyer eine Notlandung auf dem Wasser ein.

Einzelheiten zur Notlandung des Bombers und vor allem über die Bergung im Jahr 1952 würde sein Militärkamerad Oskar Rickenbacher besser wissen, meinte Hermann. Einen Tag darauf fand ich im Internet ein Interview, in dem Oskar Rickenbacher erzählt, dass er am 25. August 1952 selbst dabei war, als der Bomber aus dem Zugersee gezogen wurde. Mehr noch, er habe den Überflug des Bombers als Fünfjähriger miterlebt und hätte grosse Angst gehabt, dass nun auch bald Bomben fallen würden.


In einem anderen Bericht fand ich folgende Informationen: «Am 16. März 1944 startete im Britischen Great Ashfield der 22-jährige Militärpilot Robert W. Meyer seinen B-17G-Bomber «Lonesome Polecat», um als Teil einer riesigen Flugformation die Städte Ulm, Augsburg und Friedrichshafen anzugreifen. Über Schwäbisch Gmünd jedoch wurde das Fluggeschwader von Maschinen der Deutschen Luftwaffe beschossen, wobei auch Meyers B-17G empfindlich getroffen und beschädigt wurde, zwei der vier Motoren fielen aus. Nach weniger als 30 Minuten musste Meyer mit seiner neunköpfigen Besatzung die Formation verlassen und entfernte sich südwärts Richtung Schweizer Grenze, wo Schweizer Jagdflugzeuge den Bomber anwiesen, auf einem der umliegenden Flugplätzen zu landen. Meyers Ziel war jedoch Spanien, weshalb er der Aufforderung der Schweizer keine Folge leisten wollte, zumal er sie vorerst irrtümlich für deutsche Einsatzkräfte hielt. Seine beschädigte Maschine aber verlor immer mehr an Höhe, auch abermaliges Abwerfen von Ballast half nichts. Der Bomber flog schliesslich über Obwalden und das Sustengebiet ins Urnerland, permanent begleitet von Schweizer Jagdflugzeugen. Über Brunnen, Goldau und den Zugersee steuerte die B-17G mit letzten Kräften Richtung Baar. Als der Pilot merkte, dass er es nicht mehr über die Albiskette nach Dübendorf schaffen würde, befahl er seiner Besatzung kurzerhand abzuspringen. Das Flugzeug flog zu diesem Zeitpunkt nur noch 300 Meter über dem Boden. Acht der Männer landeten mehr oder weniger wohlbehalten auf den Feldern um das Dorf Baar. Der 22-jährige US-Pilot Robert W. Meyer blieb an Bord und steuerte die Maschine zurück auf den Zugersee, wo er mit einer grossartigen Leistung notwasserte. Er stieg aus dem Cockpit, und vom Flügel aus sprang er ins kalte Wasser. Er wurde bald durch die Gebrüder Norbert und Werner Henggeler in ihr Ruderboot aufgenommen und in der Unteraltstadt Zug an Land gebracht. Eine grosse Zuschauerzahl verfolgte das Geschehen. Der Bomber versank kurz vor 13 Uhr ausserhalb des Casinos».

Bereits 8 Jahre später, am 23. August 1952, wurde das Wrack des Bombers im Auftrag von Martin Schaffner aus dem Zugersee gehoben. Beim ersten Versuch, die knapp 30 Tonnen schwere Maschine zu bergen, rissen die ungeheuren Kräfte die Kanzel vom Rumpf. Schaffner liess die Seile in einer Tiefe von 45 Metern erneut von einem mutigen Taucher um den Flieger wickeln. Beim zweiten Versuch, in den frühen Abendstunden des 23. August, exakt um 18.15 Uhr, hievten die drei Winden den 30-Tonnen-Bomber, 22,5 Meter lang und mit einer Spannweite von 32 Metern, an die Oberfläche. Schaffner hatte es geschafft. Nach zwei Jahren der Vorbereitung und zwei Monate nach Beginn der Arbeiten wurde das Wrack beim heutigen Bootshafen in Zug an Land gezogen. Welches die Beweggründe des schlauen und unternehmungslustigen Martin Schaffners waren, dieses teure und riskante Experiment zu wagen, bleibt ein Rätsel. Vielleicht, weil er wusste, dass im Flugzeugwrack 15’000 Liter Flugdiesel schlummerten, und die wollte er bergen, um sie an seinen Tankstellen zu verkaufen?



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246e: Der riesige Bomber wurde aufs Land gezogen und bedeutete für viele Zuger eine Sensation.

 
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246f: Stolz zeigt sich Martin Schaffner mit seinem Bergungsteam vor dem gehieften Bomber.

 

Ich war zu diesem Zeitpunkt erst 7jährig und mag mich nur ganz schwach erinnern, dass es da eine Geschichte mit einem grossen Flugzeug gab, das man aus dem Zugersee gezogen hat. Aber der «Bomber Schaffner» wurde für mich in der Jungendzeit ein Begriff, gab es doch am Dorfrand von Cham auf der Hauptstrasse nach Zug eine grosse Tankstelle mit dem Namen Bomber Schaffner. In dieser Tankstelle half ich in meiner Freizeit jeweils meinem Oberstift Hansi Buri beim Benzin tanken und konnte dabei ein kleines Trinkgeld verdienen. Vor der Tankstelle platzierte Martin Schaffner als Markenzeichen seiner Tankstellenkette ein Triebwerk des Bombers US-B 17G, der nach der Bergung im Jahr 1952 an verschiedenen Orten, zuletzt 1972 in St. Moritz, ausgestellt war, dann in Einzelteile zerlegt und grösstenteils entsorgt wurde.

Viel wichtiger wurde diese Tankstelle jedoch für mich, als ich als Sportstudent Autos reparierte und wieder versuchte, diese zu verkaufen (Foto 89 ff.). Hinter der Bomber Schaffner Tankstelle bot der Tankstellenleiter Ernst Bachmann seine vielen Occasionsautos auf einer langen Reihe zum Verkauf. Ich durfte mein Auto ganz zuhinterst hinstellen. Den Verkauf meines Autos wickelte Ernst Bachmann selber ab, hielt eine kleine vereinbarte Provision zurück und ich erhielt das Geld.

Nach dieser Bombergeschichte zu einer ebenfalls einmaligen Autobahngeschichte. Diese war unlängst in einer Zuger Zeitung zu lesen; die Schwägerin Verena las sie in gekonntem echten Zugerdialekt vor.


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246g: Am Rande des Städtlerwaldes, wo wir als Kinder spielten, wurde eine Autobahn gebaut, doch mit dem Anschluss haperte es viele Jahre gewaltig …


Mit vielen schönen Erinnerungen und den besten Wünschen gingen am späteren Nachmittag nach einem kleinen Umtrunk im Restaurant Guggital alle wieder ihre eigenen Wege.

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Jetzt aber wieder zurück in meine St. Andreas Zeit! Die hohe, eiserne Türe zum Schloss stand für uns nur selten offen. An ganz besonderen Anlässen durften wir jedoch dort eintreten. Wir fühlten uns als Kinder bei solchen seltenen Gelegenheiten ein wenig unsicher. Wie sollte sollten wir uns benehmen? Welcher Person sollten wir zuerst die Hand geben? Auf solche Fragen gaben uns unsere Eltern einige Ratschläge. Doch durch die natürliche Herzlichkeit der Schlossfamilie von Schulthess wurde uns dies alles erleichtert und sogleich fühlten wir uns wohler.


Weihnachten war für uns Kinder immer ein besonderes Familienfest. Während Tagen vor dem Fest warteten wir gespannt, bis es an einem Abend an unserer Türe klopfte (wir hatten noch keine Klingel!). Dann war es so weit: Frau und Herr von Schulthess standen mit den traditionellen Weihnachtsgeschenken vor unserer Türe. Meine Eltern baten sie freundlichst einzutreten. Noch sehe ich den stattlich gross gewachsenen Herrn von Schulthess, wie er an der Schwelle zu unserer niederen, heimeligen Stube den Kopf einziehen musste. Da standen sie nun und, sagten einige freundliche Worte zu den Eltern, aber auch zu uns Kindern. Vor lauter Freude und Erwartung und beinahe wie gelähmt bedankten wir uns höflich wie aus einem Chor, obwohl wir noch nicht wussten, was in den schönen Paketen verborgen war. Öffnen durften wir die Geschenke ohnehin erst an Weihnachten!

Ich erinnere mich, dass einmal für die Mädchen ein Nachthemd und für die Buben ein Pyjama geschenkt wurde. Die Mutter bestand darauf, dies auch fotografisch festzuhalten. Wir drei Buben mussten uns vor das Bambuswäldchen hinstellen, natürlich samt Pyjama unter dem Arm. Ein andermal gab es für alle Handschuhe. Selbstverständlich nicht «normale», sondern norwegische Fausthandschuhe mit einem Einsatz aus Leder zwischen Daumen und Zeigefinger. So etwas Besonderes hatten andere Chomer Kinder natürlich nicht!


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247: Norwegische Fausthandschuhe mit Ledereinsatz – welch ein Stolz!

In späteren Jahren begann eine andere Tradition. Jedes Jahr gab es einen Teil eines echten Silberbestecks, graviert mit dem eigenen Namen. Anlässlich unserer Heirat ergänzten Frau und Herr von Schulthess unser Sortiment auf je sechs Messer, sechs Gabeln und sechs Löffel, ein Tafelsilber für besondere Anlässe.


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248: Silberbesteck mit eingraviertem Namen WALTER als Weihnachtsgeschenk von der Schlossherrschaft

Unvergessliche Rituale zur Weihnachtszeit bleiben mir noch immer in guter Erinnerung. In früheren Jahren feierten wir die Bescherung erst am Morgen des Weihnachtstages, also am 25. Dezember. Jahre später jedoch fand diese Feier mit gemeinsamem Singen und feinem Nachtessen am Heiligen Abend statt. Ganz speziell für mich war der jährlich in der Weihnachtszeit stattfindende Besuch meiner Taufpatin Bertha Moos mit ihrer ganzen Familie. Jedesmal wurde ich mit einem feinen Butterzopf beschenkt. Grosse Bedeutung hatte für mich aber besonders der traditionelle Göttibatzen, den Gotte Bertha jeweils in den Zopf steckte. Leider durfte ich ihn nie behalten, sondern musste ihn gleichentags vor den Augen meiner Mutter in mein Sparkässeli der Zuger Kantonalbank einwerfen.


Familie Moos fuhr aus Zug mit dem Auto zu uns. Das war eine zusätzlich spezielle Situation, denn in unserer Verwandtschaft besass sonst niemand ein Auto. Onkel Marty parkierte seinen Wagen immer vor dem eisernen Tor seitlich der Buchenhecke. Ob er sich wohl nicht wagte, in den Park hinein zu fahren?


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249: Das traditionelle Weihnachstgeschenk meiner Patin Bertha: ein Fünflieber und ein Butterzopf.

Meine Schwester Rita war lange Jahre eine engagierte Lehrerin. In der Adventszeit hat sie ihren Schulkindern immer eine Weihnachtsgeschichte erzählt, ab und zu auch jene vom Schloss St. Andreas, die sie selber erlebt hatte. Sie heisst: «Ich war einmal ein Engel».

Im Advent 1958 war ich 10 Jahre alt. Der Heilige Abend, der jedes Jahr ungeduldig erwartet wurde, sollte bald da sein. Mein Vater war Schlossgärtner. Wir wohnten im Gärtnerhaus Waldschlupf am Rande des wunderschönen Schlossparks St. Andreas mit dem alten Baumpark am Zugersee. Da lebten also meine Eltern, meine fünf Geschwister, ich und auch ein Büsi und einige Kaninchen. Die Schlossbesitzer Herr Fritz und seine Frau Monica von Schulthess waren für uns Kinder eine Art Königsleute aus einem Märchen. Sie hatten drei Töchter – eine schöner als die andere. Die Schlossfamilie war sehr nett und grosszügig mit uns einfachen Leuten, und wir wurden oft beschenkt.

An Weihnachten gab’s immer Geschenke, persönlich überbracht in einem ausladenden Korb. Darin war für jedes Kind etwas: Pyjamas, Schürzen für die Mädchen, Krawatten oder silberne Manschettenknöpfe für die Buben, einmal sogar eine violett-hellblau und rot gekleidete Puppe aus Japan. Später, als wir älter waren, erhielten wir silberne Gabeln, Löffel oder Messer mit unseren Namen eingraviert. Diese benutzen wir auch heute noch nach mehr als 50 Jahren und halten sie in Ehren, verbunden mit wunderbaren Kindheitserinnerungen an eine goldene oder zumindest «silberne» Zeit.

Also, dieses Jahr sollte ganz besonders werden. «D’Herrschaft» (meine Mutter nannte Frau und Herr von Schulthess immer so) hatte eine tolle Idee. Weihnachten sollte für einmal nicht allein hinter den Schlossmauern gefeiert werden, sondern zusammen mit allen Angestellten, die im und ums Schloss arbeiteten, eine gemeinsame Weihnachtsfeier veranstaltet werden.


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250: Diese Mauern erzählen unzählige Schlossgeschichten.

Nicht nur die Angestellten, sondern auch deren Familieangehörigen waren eingeladen. Die fünf Gärtner, Herr Stuber, der Chauffeur und natürlich auch Frau Wallis, die Gouvernante. Frau Wallis war für mich eine ganz besondere Dame: Gross, breit, mit blond gekräuselten Haaren, herzlich lieb und freundlich lachend. Immer wenn sie mich kommen sah, breitete sie ihre starken Arme aus, umfing mich, und dabei verschwand ich beinahe in ihrer Umarmung. Sie sprach hochdeutsch, und jedes Mal, wenn sie mich so «herzte», sagte sie: «Rita, du bist doch ein liebes Kind!» (Wenn sie gewusst hätte, dass ich gar nicht immer so ein Engeli war …!). Aber es war Musik in meinen Ohren. Ob Anita, die Chauffeurs Tochter, wohl deshalb manchmal ein wenig neidisch auf mich war? Sie kam nämlich nicht in diesen Umarmungsgenuss. Anita hatte doch immer die viel schöneren Kleider als ich und ich fand, sie sei auch viel hübscher. Trotzdem, ich war wohl etwas mehr Frau Wallis’ Liebkind.

Oft klingelten Anita und ich, speziell vor Weihnachten, an der riesigen, bogenförmigen, schmiedeeisernen Schlosstüre. Wenn Frau Wallis dann die schwere Türe öffnete, bettelten wir inständig mit unseren Augen. Sie wusste sofort, was wir wünschten. So begleiteten wir sie in die dunkle Vorratskammer des Schlosses. Da standen auf vielen Regalen etliche schön verzierte, viereckige Metalldosen und darin lagerten die besten Guetzli der Welt. Zwei bis drei dieser Köstlichkeiten gab’s immer für uns Schleckmäuler.

Nun aber zurück zur aufregenden, aussergewöhnlichen Weihnachtsfeier. Noch dauerte es zwei Wochen, bis Weihnachten endlich da war. Doch da kam es zu einer für mich völlig unvorhergesehenen Situation. Jemand hatte die Idee (ob es wohl Frau Wallis gewesen war?), dass ich als jüngstes aller Kinder an diesem feierlichen Heiligabend ein Gedicht aufsagen könnte; und nicht nur das. Ich sollte dabei als Engel mit samt Flügeln auftreten. O jeh! Ich war doch eigentlich so schüchtern. Und das Auswendiglernen war ja auch nicht gerade meine Stärke. Und erst noch vor all diesen vornehmen Leuten, der «Herrschaft», den schönen Prinzessinnen und ihren eleganten Begleitern – vor all diesen Leuten sollte ich auftreten?

Nun musste in Gottes Namen ein Engelskleid für mich angefertigt werden. Es sollte eigens von der Hofschneiderin für mich genäht werden. So musste ich zur Kleiderprobe. Die Näherin bestellte mich auf Dienstag um 11 Uhr. Toll, denn das war ein normaler Schulmorgen! Ganz anständig und andächtig fragte ich meine Lehrerin Schwester Hermine, ob ich diese Stunde fehlen dürfe, da ich einen wichtigen Termin im Schloss hätte. Doch da blitzte ich ab, denn sie sagte forsch: «Kommt gar nicht in Frage!» Wusste sie eigentlich, was sie mir da verbot? Ganz enttäuscht musste ich in der Schule brav hocken bleiben. So gemein! Die Schneiderin wartete doch auf mich. Doch sie hatte Verständnis dafür und nahm es gelassen hin. So ging ich eben am freien Mittwochnachmittag zur Anprobe. Ein schneeweisses Spitzenröcklein lag für mich bereit. Es passte gut, und somit war ich schon als Engel eingekleidet. Nun fehlte nur noch das Gedicht. Es war lang und so richtig schnörkelig. Wohl an die hundert Mal übte ich diese Strophen: «Ein Engel hoch vom Himmel flog – ein helles Leuchten nach sich zog; ein Engel…».

Endlich kam der langersehnte Abend. Gemeinsam stiegen wir alle von unserem Haus das Kiesweglein den Schlosshügel hoch. Frau Wallis öffnete das Eisentor und führte uns auf einer Wendeltreppe nach oben – natürlich erst, nachdem sie mich umarmt hatte. Was für ein Anblick! Im wunderschönen blauen Schlosssalon stand majestätisch ein wunderbar geschmückter Tannenbaum, bestimmt drei Meter hoch, mit Glitzerkugeln und vielen leckeren Kringeln und Schokoladefiguren. Ein richtiger Baumkönig. Nein, so etwas hatten meine Kinderaugen noch nie gesehen. Sie funkelten und glitzerten zurück. Nun durften wir uns an einen separaten Kindertisch setzen und es gab ganz leckere Sachen und Speisehäppchen, die wir noch nie zuvor gegessen hatten. Doch in meinem Magen machte sich ein ganz verkrampftes Gefühl breit, ich war einfach sehr aufgeregt. Bald sollte ich mich auf einem Podest als Engel präsentieren! Ich bekam das Zeichen für meinen Auftritt. Also musste ich mich umziehen, ins Engelskleid schlüpfen, die Flügel befestigen und noch das goldene Stern-Stirnband anziehen. Schon stand ich hübsch eingekleidet oben auf der Kleinbühne vor all den vielen Leuten, die mich erwartungsvoll anblickten.

 
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251: Ein Engel hoch vom Himmel flog … (Engel aus Lindenholz; hergestellt von meinem Schwager Frank Arendt-Bucher).

«Ein Engel hoch vom Himmel flog …» fing ich an zu stottern, und ich weiss auch heute nicht mehr, wie ich den Faden fand, um die Verse aufsagen zu können. Irgendwie lief es ganz automatisch ab, obwohl mein Herz laut klopfte. Dass es trotzdem erfolgreich endete, wunderte mich hinterher. Wahrscheinlich lief es nur gut, weil ich so oft geübt hatte. Plötzlich klatschten alle begeistert. Endlich erlöst. Geschafft.

Der Abend verlief dann weiter wie im Märchen. Herr von Schulthess wusste, dass meine Schwester Margrit Ziehharmonika spielen konnte und bat sie, ihr Instrument doch zuhause zu holen. Sie getraute sich wohl nicht zu widersprechen, denn bald darauf kehrte sie wieder zurück und spielte zur Freude aller Gäste feierlich den Schneewalzer. Auch hier hat Margrit, wie damals beim Schilfsuchen bei einer Mutprobe mit Walter (Walter hat die Wette verloren!), erneut Mut bewiesen. Sie musste nämlich allein den unbeleuchteten Kiesweg hinunter gehen, im Dunkeln den grossen Schlüssel von der WC-Fensterbank herunter nehmen, das Schlüsselloch finden (es gab kein Licht vor unserem Haus), anschliessend die grosse, schwere Kiste mit der Ziehharmonika vor die Türe stellen, wieder den Schlüssel drehen und im Finstern den Kieswseg zurück zum Schloss gehen. Hut ab vor Margrit!
 

An diesem Fest stand plötzlich ein grosser schöner Herr vor mir. Es war der Ehemann von Lisina, der ältesten Tochter der Schlossfamilie. Er sagte zu mir: «Ich würde gern mit dem kleinen Engel tanzen.» Er nahm mich bei der Hand und wir drehten uns zur Walzermusik im Kreis, zur Freude aller Anwesenden.

Mein Tänzer, Herr Hoch, hiess nicht nur so, er war es auch, nämlich doppelt so hoch wie ich. Dies war sicher ein lustiger Anblick für die Zuschauer, ein Riese mit einem kleinen Engel. Nach dem Tanz führte er mich wieder zurück zum Kindertisch. Ich war mächtig stolz und es hatte sich doch gelohnt, einmal Engel sein zu dürfen. Am Ende dieses Märchenfestes verkündete Herr von Schulthess uns Kindern: «Ihr dürft jetzt den Christbaum plündern.» Juhee! Das war jetzt nochmals ein Fest! Aber oh je … da hatte ich Pech. Mein Engelskleid hatte keine einzige Tasche und ich konnte deshalb nur meine Hände mit all den verlockenden Süssigkeiten füllen, während meine Brüder sämtliche Hosentaschen vollstopften. Umso mehr freute ich mich, als einzige ein Engel gewesen zu sein.

Als ich viele Jahre später an Walters Hochzeit Frau und Herrn von Schulthess den Apéro servieren durfte, erinnerte ich mich wieder an jenes Weihnachtsfest und an jenes Gedicht «Es war einmal ein Engel». Ich war zwar immer noch derselbe Engel, aber auch schon einiges grösser und älter. Für mich ist diese Engel-Geschichte eine wunderbare Erinnerung an meine Kinderzeit im Schlosspark St. Andreas.

Weiter schwärmte Rita beim Erzählen aus der «guten alten Zeit» von ihrem Hobby: 

Viele Jahre später begann ich zu malen. Frau von Schulthess bot mir an, ein kleines Atelier im «Güggelturm» einrichten zu dürfen. In diesem Türmli veranstaltete in früheren Jahren die Chamer Meitli-Pfadi, wo auch Mungg mitmachte, ihre Treffen. Das Ambiente dieses romatischen Schloss-Türmlis mit den kleinen Rundbogenfenstern bleibt mir in bester Erinnerung.


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252: Ritas kleines Atelier im Güggelturm war zu Munggs Zeiten Treffpunkt der Chamer Meitli-Pfadi.

Ab und kam später auch Frank, Ritas Ehemann, mit ins Atelier. Eines schönen Tages hatte er die Staffelei unter den Arm genommen, sich ans Ufer des Schlossweihers gesetzt und sich vom Castellino zu einem Bild inspirieren lassen. Dieses Bild «Castellino 1976» hat er meiner Mutter geschenkt, und seit ihrem Tod hängt es bei mir an der Wand und erinnert mich tagtäglich an den Schlosspark St. Andreas, besonders an den Schloss-Weiher.


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253: Auch Ritas Ehemann Frank Arendt verstand es, mit Farbe und Pinsel umzugehen.

Oben nahe beim Schloss, unmittelbar vor dem Güggelturm, befindet sich ein Sodbrunnen, den Herr von Schulthess vor vielen Jahren ausgraben liess. Er war überzeugt, dass dort tief unten interessante Antiquitäten aus alter Zeit «schlummern» würden. Die Enttäuschung nach der mühevollen Ausgrabung war gross, denn es wurde lediglich ein 20-Rappenstück aus dem Jahr 1888 gefunden.

Auch Margrit, meine ältere Schwester, schwärmt immer wieder von unserer romantischen Kinderzeit im Schlosspark, aber auch von Erlebnissen, die sich nicht immer nur in unserem Park abspielten. Margrit erzählte:

In einem Sommer war unser Vater beauftragt, Arbeiten im Ferienhaus Albanatscha in Silvaplana zu verrichten. Unsere Mutter, mein Bruder Walti und ich durften mitreisen. Wir freuten uns auf diese speziellen Ferientage, insbesondere auf die Reise, denn wir alle hatten doch noch nie eine so lange Autofahrt erlebt. Deshalb war es kaum erstaunlich, dass Walti schon nach kurzer Zeit – ich glaube es war bereits in Baar – den Chauffeur Stuber ganz schüchtern fragte, wie lange die Fahrt wohl noch dauern würde. Seine verschmitzte Antwort war: «Du chasch no mängisch s’Füdeli rangge, bis mier im Albanatscha sind.» Herr Stuber hatte uns nach ungewohnt langer Fahrt sicher über den Julier-Pass und zum wunderschönen Haus Albanatscha chauffiert.

Zur selben Zeit war auch Cornelia, wir nannten sie «Mungg», im Ferienhaus. Sie war die jüngste der drei von Schulthess-Schwestern. Zusammen haben wir kleine Wanderungen unternommen. So war es mir möglich, Cornelia etwas besser kennen und schätzen zu lernen. Es war eine sehr schöne Zeit mit ihr. Anlässlich meiner Hochzeit schenkte sie mir einen Salz- und Pfefferstreuer in Form von Holzschweinchen. Eines davon besitze ich noch heute. Es erinnert mich immer wieder an Cornelia. Leider starb Mungg viel zu früh.

Ab und zu wurde es im Waldschlupf plötzlich hektisch. «Die Herrschaft hat hohen Besuch» berichtete hin und wieder Baba am Mittagstisch. Während Tagen vor einem solchen Grossereignis wurden die Parkanlagen unter der Regie von Herrn von Schulthess und dem Obergärtner Ast besonders exakt und sauber herausgeputzt. Oft wussten wir Kinder nicht, wer der Besucher war. Aber an einen besonderen Gast erinnere ich mich gut und gerne – an den König von Bhutan! «Der König von Bhutan ist im Schloss zu Besuch, gehe ja nicht fischen, Walter!» warnten Baba und Mutter eindringlich. Wir wagten uns in solchen Tagen kaum mehr auf den gelben Kiesweg des Schlossparks, denn wir wussten nie, wann die Herrschaft den Besuch in den Schlosspark führen würde, denn ein Spazierweg führte ganz nahe an unserem Gärtnerhaus vorbei. Eine Begegnung wäre mit uns sicher unerwünscht, aber durchaus möglich gewesen. Wir beobachteten deshalb den Park immer wieder «gwundrig» durch die kleinen Fenster der Stube.

Die Bhutan-Besuche auf St. Andreas wurden bald Tradition. Wie kam es wohl zu dieser freundschaftlichen Beziehung mit Menschen aus einem so fernen Land? Seit dem 1. Dezember 2013 kenne ich die Zusammenhänge nach der Lektüre unserer Ostschweizer-Tageszeitung genauer.


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254: Erst spät und weit entfernt vom Waldschlupf – am Bodensee – habe ich die Bhutan-Zusammenhänge erfahren.
 

Nicht nur hohe Persönlichkeiten waren im Schloss St. Andreas zu Gast. Einmal wurden auch alle Angestellten mit ihren mittlerweile schon erwachsenen Söhnen und Töchtern und deren Männern und Frauen zum Nachtessen eingeladen. Es war für alle beeindruckend, mit welcher Herzlichkeit Frau und Herr von Schulthess alle begrüssten und freundlich willkommen hiessen. Zum Schuss erhielten alle Gäste noch ein schönes Geschenk, ein Stück gewobener Stoff aus Bhutan.


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255: Bunter Stoff aus Bhutan – ein Geschenk als Erinnerung.

Der Schlossgarten wurde von mehreren Schlossgärtnern gepflegt. Innerhalb des Schlossgartens wohnten damals nur die Obergärtnerfamilie Ast, wir Bucher's und die Chauffeurfamilie Stuber. Gärtner Gisler hatte sein zu Hause im Dorf und fuhr jeden Tag mit seinem alten Velo in die Gärtnerei. In der Agenda meines Vaters ist oft vermerkt: Gisler krank! Mit der Zeit benötigte man weitere Gärtner. Gärtner Rieder kam dazu, für kurze Zeit Gärtner Brönimann, dann Gärtner Weber (er wurde später Obergärtner) und schliesslich Gärtner Grob, der mit seiner Familie im Maienrain wohnte.
 

Oft musste mein Vater mit Gärtner Gisler zusammenarbeiten. Die beiden waren jedoch nicht immer gut aufeinander zu sprechen. Wenn es darum ging, was zuerst und vor allem wie etwas gemacht bzw. angepackt werden sollte, gab es oft Diskussionen, manchmal sogar heftigen Streit. Mein Vater erzählte am Mittagstisch nie etwas davon. Doch einmal schlich ich, von Vater und Herrn Gisler unbemerkt, in den Wald unterhalb unseres Bauernhauses und hatte gehört, wie sich die beiden heftig beschimpften. Baba tat mir natürlich sehr leid. Meine Mutter lag an jenem Tag krank im Bett. Ich lief zu ihr zurück und berichtete weinend, was ich gehört hatte. «Ich gehe zu Herrn von Schulthess und sage ihm alles,» stotterte ich. «Das darfst du nicht tun!» warnte mich meine Mutter. Ich habe es dann auch nicht getan, aber vielleicht wäre es gut gewesen, denn wahrscheinlich wusste Herr von Schulthess nicht, was sich jeweils zwischen diesen beiden Gärtnern abspielte und welche Probleme ihr Arbeitsklima trübten.

Es war wieder einmal Zeit, in der man die Birken unterhalb des Schloss zurückschneiden musste, denn diese Bäume wuchsen schnell und wurden sehr hoch. Diesen Auftrag erteilte der Obergärtner Ast den beiden Gärtnern Gisler und Bucher. Da sich Herr Gisler nie auf eine hohe Leiter wagte, war es mein damals noch rüstiger Vater, der zuoberst auf der Leiter einige Äste mit einem Fuchsschwanz abzusägen hatte. Herr Gisler sicherte lediglich die Leiter. Schon immer wurden im Schlosspark in schwindelerregenden Höhen auf langen Leitern gefährliche Arbeiten verrichtet.


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256: Selbstverständlich steht auch beim Zurückschneiden des Efeus der Obergärtner Ast zuoberst auf der Leiter.

Für uns Kinder war es immer beeindruckend, wie unsere Gärtner die unter dem Vordach des Holzschopfs gelagerten langen Leitern zuerst mit einem Haken über die vielen Metall-Rollen herauszogen, dann auf den Boden legten und schliesslich auf den Schultern wegtrugen, als sei dies alles überhaupt kein Problem. Sie marschierten im Gleichschritt an den jeweiligen Arbeitsort. Wir Buben entwendeten unerlaubterweise ab und zu die kleine Leiter, etwa um in den Taubenschlag im oberen Stock des Säuschtalls zu gelangen oder um auf einen Baum zu klettern.


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257: Unter dem Dach des Holzschopfs wurden die langen Leitern auf Metall-Rollen deponiert.

Eine lange Leiter wurde eines Tages auch für das Zurückschneiden der Birken unterhalb des Schlosses benützt. Aus unbekannten Gründen war Baba beim Arbeiten auf solch einer hohen Leiter ausgerutscht und anschliessend auf unerklärliche Weise mit einem Stiefel am oberen Ende der Leiter kopfüber hängen geblieben. Er schrie um Hilfe. Doch Gärtner Gisler wagte selbst in dieser Notlage meines Vaters nicht, die Leiter hochzusteigen um ihn aus seiner misslichen Lage zu befreien. Deshalb rannte er, so schnell er konnte – er hinkte stark – zur Gärtnerei und suchte Herrn Ast. Dieser liess im Gewächshaus alles stehen und liegen, lief eiligst an den Ort des Geschehens, stieg ohne lange zu zögern die Leiter hoch und half meinem Vater, sich aus dieser ungemütlichen Lage zu befreien. Baba hat uns diese Geschichte verschwiegen und erst viele Jahre später erzählt.
 

Ob die Unbedachtheit für risikoreiches Arbeiten auf einer hohen Leiter wohl vererbt sein kann? Das muss ich mich fragen, wenn ich daran denke, wie oft ich schon bei Arbeiten an unserem Haus auf einer hohen Leiter unvorsichtig hantiert habe.

 
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258: Risikoreiches Arbeiten in grosser Höhe – die SUVA verbietet es mit Recht (und ich tat es trotzdem immer wieder!).

In der einen Hand eine Bohrmaschine, in der anderen mehrere Schrauben oder in einer Hand den Farbkübel und in der anderen einen Pinsel, und sich gleichzeitig noch irgendwo irgendwie festhalten, und dies alles in sechs Meter Höhe? Meine Frau hatte Recht, wenn sie mich immer und immer wieder eindringlich warnte, dass dies wirklich gefährlich sei. «Für mich doch nicht,» denkt wohl jeder, der so arbeitet, insbesondere ein Sportlehrer. Es wäre nun an der Zeit, in meinem «vorgerückten» Alter etwas vernünftiger zu werden und vorsichtiger zu sein. Deshalb habe ich mir mittlerweile einen Sicherungsgurt angeschafft und sichere mich damit in Zukunft bei Arbeiten in luftiger Höhe – versprochen!

In St. Andreas war die Hierarchie bei Arbeiten im Schlosspark klar geregelt: Als Chef über allem waltete Herr von Schulthess. Unmittelbar ihm unterstellt war der Obergärtner Ernst Ast. Dieser erhielt die Anweisungen direkt vom Chef. Wie mir seine Tochter Ursula Ast einmal erzählte, hatte ihr Vater jeden Samstagmorgen pünktlich um 07.30 Uhr zu einem Arbeitsrapport anzutreten. Da wurden von Herrn von Schulthess die Arbeitsaufträge erteilt. Auf einer Hierarchiestufe tiefer erteilte jedoch Herr von Schulthess bestimmte Anweisungen direkt an Herrn Walter Stuber, Chauffeur und Mann für alles. Mein Vater befand sich zu unterst auf dieser «Hierarchie-Leiter». Er erhielt Arbeitsanweisungen oder aber auch Kritik (was zwar sehr selten vorkam) direkt vom Obergärtner Ast. Der Ablauf in solchen Situationen war immer derselbe: Herr Ast näherte sich meinem Vater, kündigte sein Kommen mit dem typischen Räuspern «häkhää» an, und sogleich folgte ein neuer Arbeitsauftrag oder allenfalls eine Rüge – diese jedoch meistens wegen uns Kindern!

Die Hierarchie war aber auch äusserlich deutlich sichtbar: Herr von Schulthess im sauberen Anzug, Herr Ast mit einer blauen Schürze, der Chauffeur und Mechaniker Stuber im blauen Übergewand und unser Baba mit grüner Schürze.

Herr Ernst Ast war als Obergärtner verantwortlich für alle regelmässigen Umgebungsarbeiten, aber zusätzlich auch für einzelne Spezialaufträge. Dieser «Spagat» zwischen Befehle empfangen und Befehle erteilen war sicher nicht immer einfach für ihn. Er trug eine vielfältige Verantwortung, insbesondere auch in den Kriegsjahren. In einem Rapport für die Jahre 1939 bis 1946 hat er detailliert geschildert, wie es in dieser kritischen Zeit im Schlosspark St. Andreas zu und her gegangen war.

 
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259: Im Jahr 1939 beginnt der St. Andreas-Kriegsrapport des Obergärtners Ernst Ast.

Das ganze Schlossareal wurde bewirtschaftet. Es wurden Gerste und Kartoffeln im grossen Stil angebaut. Ein Grossteil des Schlossparks wurde als Kartoffelfeld genutzt.


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260: Es wurde im Schlosspark während der Kriegsjahre in grossem Stil Kartoffeln angebaut.


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261: Unter einfachsten Bedingungen musste die Gerstenernte eingefahren werden. Im Hintergrund der Chomer Kirchturm.

 

Ich habe diese schwierige Zeit zum Glück selber nicht erlebt, nur oft davon erzählen gehört wie gesorgt wurde, dass alle St. Andreäsler immer genug zu essen hatten. Das war auch ein Glück für meine Eltern, die sich selber und zusätzlich vier Kindern zu versorgen hatten. Als der Krieg vorbei und ich schon zweijährig war, hat Herr Ast seinen Rapport wie folgt zusammengefasst:

 
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262: Schlussbericht des Obergärtners Ast im Jahre 1947.
 

Zurück in die Friedenszeit. Sonntags war für Baba nicht immer arbeitsfrei. In regelmässigen Abständen hatte er spezielle Aufgaben zu erledigen. Wir sagten jeweils, er hätte «Dienst». Das hiess Dienst nach Vorschrift, aber auch immer etwas mehr, denn nebst den Gärtnerarbeiten Abdecken oder Decken der Gemüsebeete musste er im Winter heizen, im Sommer die Gewächshäuser beschatten und belüften. Eine besondere Attraktion auf dem Weg zur Gärtnerei war für uns der Schlosskinder-Spielplatz.


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263: In diesem kleinen Puppenhäuschen spielten die Schloss-Kinder.

Immer wieder bewunderten wir das Puppenhäuschen, ein kleines Paradies für Kinder, aber besonders beindruckt waren wir vor allem vom grossen langen «Ritiseili». Wenn Toni und ich an diesen langen Seilen schaukelten – er stehend und ich sitzend – katapultierte er uns durch seinen starken Schub gefährlich weit hinauf.

Es war für uns spannend, Sonntags-Dienst mit Baba zu erleben. Nicht zuletzt deshalb, weil wir wussten, dass es immer etwas Feines zu essen gab. Auf dem Weg unterhalb des Schlosses stand am Güggelturm ein Mirabellenbaum mit süssen Früchten und in der Gärtnerei gab es eine gut schmeckende, reife Tomate als kleinen Lohn für die Mithilfe. Während Baba im Heizungsraum Kohle in den Ofen schaufelte, schlich ich davon, denn ich kannte Vaters geschickte Tätigkeit, wie er jeweils die Kohle mit einer speziell schmalen Schaufel mit sicherer Hand zielgenau in den brennenden Ofen schleuderte. Ich wollte stattdessen diese Zeit nutzen um etwas Neues zu entdecken.



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264: Baba heizte in diesen Ofen ein, während ich draussen etwas «Mutigeres» wagte.
 

Einmal hantierte ich an einem Fenster am Tomatengewächshaus in der Absicht, Baba zuvorzukommen um ihn damit freudig zu überraschen. Ich wollte beweisen, mutig und kräftig zu sein und wagte es, ein Fenster allein hochzuheben, um zu lüften, so wie es Baba immer tat. Ich hob an, stiess kräftig mit einem eigens dafür hergestellten Stab nach oben und liess anschliessend das Fenster ganz langsam nach unten gleiten, um den Fensterrahmen an der Einhängung zu fixieren. Die Idee war gut, doch meine Kraft zu gering … 

 
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265: Ich hakte ein Dachfenster aus, konnte es nicht mehr halten und dann … Scherben, nichts als Scherben!


Ich bemerkte, wie das schwere Fenster langsam doch unaufhaltsam gefährlich gegen mich rutschte, und so gab es nur noch eine Lösung: Nichts wie weg! Baba hörte das Geklirre, stürmte sofort aus der Heizung, rannte zu mir und erkannte sogleich das Ausmass der Bescherung. Alle Gläser waren zerbrochen und der Rahmen defekt. «Was hesch au cheibs gmacht?» schimpfte Baba. Doch er war sicher auch erleichtert, dass mir nichts passiert war.


Wie es in einem solchen Fall sein muss, passiert nicht nur ein Unheil allein, es folgt oft das nächste kurz darauf. So unglücklich verlief es auch an diesem Sonntagvormittag. Noch nie hatte ich Herrn Ast an einem Sonntag in der Gärtnerei gesehen. Ausgerechnet an diesem Tag unmittelbar nach meinem Missgeschick drehte sich der Schlüssel im Schloss des naheliegenden Gartentors und Herr Ast trat von der Seestrasse her in die Gärtnerei ein.


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266: Herr Ast kam völlig unerwartet durch diese Türe herein – das Unglück war perfekt!

Er erkannte sofort, was passiert war und verärgert schimpfte er mit meinem Vater. Baba versuchte zu erklären, aber es half nichts. Nach kurzer Zeit knallte der Obergärtner die Holztüre wieder zu und verschwand. Baba und ich sammelten die Scherben ein und trugen gemeinsam den defekten Fensterrahmen direkt zur Schreinerboutique in der Hoffnung, Herr von Schulthess möge uns in diesem Moment nicht begegnen. Und so zog sich der Sonntagsdienst meines Vaters weit in den Nachmittag hinein, bis schliesslich wieder alle Gläser eingesetzt und der Fensterrahmen repariert war.
 

Jahre später durfte ich dann aber trotzdem schwierigere Arbeiten allein ausführen. Dazu gehörte auch das «Schatte abelo». Dabei musste ich sorgfältig die fixierte Schnur aushängen, vorsichtig durch die Hand gleiten lassen, damit die Holzlamellenstore langsam heruntergerollt werden konnte. Das Hochrollen der Store war dann viel einfacher und weniger risikoreich.


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267: Die Orchideen im Gewächshaus mussten vor der Sonneneinstrahlung geschützt werden.
 

Auch der gesamte Holzschlag in den Wäldern des Schlossparks war Sache der Schlossgärtner. Sogar die grössten Bäume wurden nur mit Handsägen gefällt. Baba und Herr Gisler führten gemeinsam die mühsame Sägearbeit aus, genauestens beobachtet von Herr Ast. Zum richtigen Zeitpunkt schlug dieser dann gezielt mit einem Schlegel auf die präzis eingesetzten Bissen ein. Sobald der angesägte Baum sich bewegte und zu fallen begann, ertönte sein Kommando zum schnellen Weglaufen. Uns zuschauende Kinder schickte Herr Ast bereits vor diesem kritischen Moment auf sichere Distanz weit weg.


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268: Mit solchen Handbaumsägen haben die Schlossgärtner die grössten Baumstämme gesägt und der Obergärtner schaute zu!

Die mühevolle Säge-Handarbeit beim Fällen eines Baumes verlief verständlicherweise sehr langsam, doch zu guter Letzt musste es dann schnell gehen, «Schlegel a Wegge», wie ein Sprichwort sagt. Hinter diesem Sprichwort steckt der eben beschriebene Arbeitsprozess. Der Munartspezialist Christian Schmid erklärt diese Redensart in seinem Buch «Blas mer i d Schue» wie folgt:

 
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269: «Schlegel a Wegge» ist eine bekannte Redensart.

Jeder gefällte Baum wurde anschliessend am Boden ausgeastet, der Stamm nach genauem Metermass gesägt, natürlich alles wieder von Hand. Die grossen Holzträmmel wurden mit viel Kraftaufwand auf einem grossen Handwagen zum Bsezziplatz transportiert. Diese wurden mit Schlegel und Bissen – eben wieder: «Schlegel a Wegge» – gespalten. Zu guter Letzt konnte man die gespaltenen Trämel als wunderbar aufgestapelte Holzbeige auf der Gegenseite des Holzschopfs bestaunen.


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270: Die Holzbeige neben dem Holzschopf war für uns Kinder geeignet als seitliche Spielfeldbegrenzung.

An deren Enden wurden die Holzstapel mit einer fachmännisch geschichteten Kreuzbeige fixiert. Diese Holzbeige diente uns als seitliche Spielfeldbegrenzung beim beliebten Völkerballspiel. Die abgesägten Äste wurden zu Weiterverwertungszwecken in den Wald unterhalb unseres Waldschlupfs geschleppt und zu hohen Haufen gestapelt. Daraus fertigte Baba wunderbare, exakt gleich grosse Holzbündel. Die kleinen, nicht verwendbaren Äste wurden an Ort und Stelle verbrannt. Der Kohlehaufen glühte noch während Tagen. Für mich ergab sich dadurch auch Tage danach eine gute Gelegenheit, mit herumliegenden Ästchen das Feuer immer wieder neu aufflackern zu lassen.


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271: So fertigte Baba in der Freizeit Holzbündel (Stauden) an.

Herr Ast hatte sich spezialisiert in Sachen Baumverpflanzungen. Es wurden Bäume ausgegraben, die zu gross geworden waren und deshalb zu viel Platz einnahmen, danach mittels eines Flaschenzuges angehoben, auf Brettern über runde Holzbalken gerollt bzw. transportiert und so an einen neuen Standort verschoben. Bei einer solchen Arbeit wurde mein Vater einmal unglücklicherweise unter einem Baum eingeklemmt, ich habe es miterlebt. Dank der Hilfe der anwesenden Arbeiter konnte er bald wieder ohne grössere Verletzung aus dieser Klemme befreit werden.


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272: Selbst die grössten Bäume wurden unter Leitung des Obergärtners von Hand versetzt.

Als Kinder ersehnten wir den Winter und freuten uns an der weissen Pracht. Es wurde uns erlaubt, vorne im «Graben» und, falls im Schloss kein Besuch zu Gast war, auch ausnahmsweise hinten am Steilhang vom Kiesweg neben der Rhododendron-Gruppe auf Skis die steile Wiese hinunter zu fahren. Unsere Ausrüstung mit viel zu langen und zu schweren Holzskis war für dieses Unterfangen natürlich sehr bescheiden. Es war trotzdem jedes Mal ein besonderes Erfolgserlebnis, eine Schussfahrt sturzfrei zu überstehen. Durch jede Abfahrt wurde die Piste verlängert, und zum Schluss rutschten wir bis ganz hinunter bis zum riesigen Mammutbaum vor dem Bambuswäldli. Ab und zu schauten uns auch Herr und Frau von Schulthess aufmerksam zu, wie wir noch etwas ungeschickt den Hang hinunter flitzten. Erinnerte sich Frau von Schulthess wohl in solchen Momenten an ihre aktive Zeit als Skirennfahrerin? Sie gewann nämlich einmal den ersten Preis an einem bündnerischen Verbandsrennen. Ihr Bruder Tony, an den ich mich nicht erinnern kann, soll sogar an den olympischen Winterspielen in Bayern im Abfahrtsrennen mitgemacht haben.


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273: Unsere Skiausrüstung war äusserst bescheiden.

Schlitteln beherrschten wir schon etwas besser. Wir vergnügten uns meistens vorne auf dem eisigen Schlüsselrain mit unseren Davoser-Holzschlitten. Wenn wir allein schlittelten, dann selbstverständlich auf dem Bauch oder in einer Gruppe als Schlitten-Kolonne. Jeweils der Vorderste als Steuermann lag auf dem Bauch und hakte mit den Füssen beim zweiten Schlitten ein. Der Zweite wie auch die Folgenden taten dies ebenso. Der Hinterste stand mit den Händen am Schlitten zum Anschieben bereit. Dann schob dieser an und sprang gekonnt mit einem Sprung – wie beim Start im Skeleton – bäuchlings auf seinen Schlitten. Die Schussfahrt nahm mit lautem Gebrüll und Gejauchze ihren Lauf.

Es war uns auch bewusst, dass Schlitteln gefährlich sein kann. Die Freundin meiner Schwester Margrit, Claire Lustenberger (die Schwester des späteren St. Andreas-Hauswartes Paul Lustenberger), erlitt beim Schlitteln auf dem Schluecht-Hang einen folgenschweren Beinbruch. Deshalb erinnerte mich meine Mutter immer wieder, beim Schlitten vorsichtig zu sein. «Ja, ja, ich passe schon auf,» gab ich jeweils etwas unmutig zur Antwort. Insgeheim war ich natürlich überzeugt, dass uns Buben nichts Derartiges passieren könnte.


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274: Der Davoser Holzschlitten hat sich bis heute bewährt.
 

In strengen Wintern mussten unsere Gärtner eine besonders harte Arbeit verrichten, nämlich Schneepflügen. Dafür lagen im Holzschopf zwei Geräte bereit, ein «Zweispänner» und ein Einmann-Pflug. Bei beiden Pflügen befanden sich seitlich je zwei Bretter, die in der Mitte mit einer Querstange fixiert waren. Mit diesem Spitzdreieck wurde der Schnee beidseitig weggeschoben. Der Zweispänner wurde für die Schneeräumung breiter Wege eingesetzt, wobei zwei Männern mit einem Seil das Gefährt zogen und ein dritter den Pflug hinten an einem dicken Balken steuerte.


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275: An Stelle von zwei Pferden zogen zwei Gärtner auf den Schlossparkwegen den Schneepflug.

Der Einmannpflug war jedoch hinten nur mit einem langen Stab versehen, an dem ein Gärtner schieben musste. In beiden Fällen war dies Schwerstarbeit. Inspiriert durch diese Tätigkeit der Gärtner bauten wir Kinder ganz allein eigene kleine Pflüge. Alte Bretter, rostige Nägel, ein Strick oder ein Rundholz zum Ziehen oder Stossen, das war unser bescheidenes Baumaterial. Daraus bastelten wir unseren eigenen Pflug, und damit konnten auch wir beim Schneeräumen helfen.

Wenn früh im Herbst oder auch noch spät im Frühling Schnee fiel und alle Bäumen im Laub standen, war es die Aufgabe der Gärtner, bereits in den frühen Morgenstunden die Bäume vom Schnee zu befreien. Baba kam nach diesen Arbeiten jeweils tropfnass und leicht unterkühlt zum Morgenessen.

Frühlingszeit war auch Zeit für Hochzeitsfeste. Beinahe jeden Samstag feierte eine Gesellschaft in der Kapelle St. Andreas. Dieser Anlass bedeutete für uns Kinder besonders eines, nämlich Füürschtei! Da diese Hochzeitsfeiern meistens im späteren Vormittag stattfanden, waren wir zur selben Zeit auf dem Heimweg von der Schule. Unten an der Ulmenallee bei der grossen Eisenkette warteten wir ungeduldig auf die Hochzeitsgesellschaft. Eine Verspätung schätzte unserer Mutter gar nicht, da sie immer auf zwölf Uhr das Mittagessen zubereitete. Und zudem legte Baba grossen Wert darauf, pünktlich zu essen.


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276: Auf diesen schweren Ketten schaukelnd warteten wir ungeduldig auf die Hochzeitsschar.

Wenn die Hochzeitsgäste, meist die Braut im weissen Schleier voraus, sich uns näherten, riefen wir aus vollen Kehlen: «Füürschtei – Füürschtei – …!», und schon flogen die Schleckwaren im hohen Bogen direkt in unsere Hände, über uns und manchmal sogar in die hinter uns liegenden Stechpalmengebüsche. Doch ein Stich von diesen Dornen wog weniger schlimm als ein verlorener «Füürschtei». Überglücklich und mit vollen Säcken, aber mit einem schlechten Gewissen, drängten wir nun ungeduldig durch die kleine Holztüre neben dem Chauffeurhaus mit der Aufschrift «Privat – kein Durchgang», rannten den Zick-Zack-Weg hinunter, am Obergärtnerhaus vorbei und im Endspurt legten wir das letzte Stück des Kiesweges bis zum Waldschlupf zurück, doch wir kamen in diesen Fällen immer zu spät heim.


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277: Der Privat-Eingang zu unserem Park neben dem Chauffeurhaus.

Ausser Atem keuchend und zu spät zum Essen, entschuldigten wir uns bei den Eltern. Sie ärgerten sich jedoch nicht allzu sehr, denn sie wussten, dass an Samstagen immer beim Läuten der Kapellen-Glocken eine Hochzeit stattfand. In solchen Fällen warteten sie nicht auf uns und begannen ohne uns zu essen. Wir hatten ja ohnehin keinen grossen Hunger mehr, denn wir schleckten doch auf dem Heimweg schon mehrere Feuersteine.

Zum Schloss St. Andreas gehörten selbstverständlich auch Hunde. Ich erlebte einige ungute Momente und fürchtete mich deshalb immer wieder vor diesen Vierbeinern. Sie bemerkten immer als Erste, wohl instinktiv, dass sich da ein Lausbub unerlaubterweise irgendwo im Schlosspark aufhält, vorzugsweise am Weiher beim Fischen. Wild bellend stürmten sie dann den Schlosshang hinunter, bis Herr von Schulhess sie wieder zurückpfiff.


Einer der gefürchtesten Hunde hiess Carino. Noch sehe ich diesen für mich unangenehmen grauen «Bäfzger» mit den langen Haaren, die ihm manchmal beinahe ganz die Augen zudeckten. Trotzdem erspähte er mich mit Sicherheit immer ganz genau.
   

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 278: Vor diesem grauen Schlosshund Carino hatte ich am meisten Angst.

Eines Tages erschien Herr von Schulthess ganz betrübt – was bei ihm eigentlich nie der Fall war – bei uns im Waldschlupf und erkundigte sich besorgt, ob wir Carino irgendwo gesehen hätten, er sei nicht ins Schloss zurückgekehrt, was noch nie passiert sei. Selbstverständlich beteiligten wir alle uns sofort an dieser Suchaktion und riefen laut im Wald und am See «Carino! Carino! …», aber wir fanden ihn letztendlich doch nicht.


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279: Trauriger Fund: Carino war in diesem Brunnen ertunken.

Einige Tage später teilte uns Herr von Schulthess sehr traurig mit, dass Carino im Brunnen unterhalb der Gärtnerei tot aufgefunden worden sei. Aber kurze Zeit später war der Schlossherr wiederum Besitzer von drei kleinen wilden Hunden. Sie hatten dieselbe Aufgabe, nämlich als Wächter und Aufpasser im Schlosspark fremde Eindringlinge mit lautem Bellen anzukündigen. Und dies taten sie, wie vormals Carino, und auch die neuen beiden machten dies mit grosser Zuverlässigkeit.

Jedes Jahr fand in Cham eine Fronleichnams-Prozession statt. Selbstverständlich mussten wir alle daran teilnehmen. Die Hauptstrasse in Cham blieb während dieser Zeit gesperrt. Viele Fenster und Türen der Luzerner- und Zugerstrasse entlang wurden bunt geschmückt. Bei einer solchen Prozession nahm halb Cham teil, zumindest die meisten Katholiken. In der Mitte der Kolonne marschierte jeweils Pfarrer Muff mit der Monstranz. An einzelnen vorgegebenen Stationen gab es einen Halt mit Gebet. Am Wendepunkt der Prozession beim Schloss St. Andreas stand immer ein schön geschmückter Altar. Selbst die Fenster des Schlosses wurden mit Blumen geschmückt.

 
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280: An der Fronleichnams-Prozession nahmen die meisten Chamer Katholiken teil. Der Wendepunkt befand sich vor dem bunt geschmückten Schloss.

Ich war natürlich sehr stolz, dass ich meinen Schulkameraden erzählen konnte, dass auch mein Vater beim Aufbau des Altars vor dem Schloss tatkräftig mitgeholfen hatte. Eigentlich wäre ich jeweils an diesem Wendepunkt der Prozession am liebsten direkt nach Hause gegangen anstatt gelangweilt nochmals den gleichen langen Weg zurück in die Pfarrkirche mitzumarschieren, um dann anschliessend denselben Weg ein viertes Mal zurückzulegen.


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281: Oft marschierte ich in der Jungwacht-Kluft an Prozessionen mit.

Als Jungwächtler gab es jedoch kein Ausscheren bei einer Prozession. Ich wäre beim Davonschleichen im grünen Hemd sofort aufgefallen, und dies hätte Folgen gehabt.
   

Auch wenn ich an solchen Anlässen nicht immer stolz war, im grünen Hemd hinter einer Fahne zu marschieren und laut zu singen «Lasst die Banner wehen – über unsern Rei-ei-en; alle Welt soll sehen, dass wir neu uns weih-ei-en …», bleibt die Zeit in der Jungwacht für mich unvergesslich: Die vielen abenteuerlichen Stunden an Samstagnachmittagen im Städtlerwald, die Scharnachmittage in den Hünenberger-Wäldern und vor allem die Lagerferien wie zum Beispiel in Tinizong. Einmalig eindrücklich bleiben mir die langen Bahnfahrten in Erinnerung – wenn möglich mit dem Kopf aus dem Fenster – dann die Nacht-Spiele, die Schnitzeljagden, die waghalsigen Flussüberquerungen an hängenden Seilen (verbunden mit schmerzenden Brandwunden), das Stauen von Bächen, das Abkochen mit den schwarzen Kesseln, die vielen Wettspiele, aber auch die besinnlichen Momente.


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282: Vierzehn Ferientage in Tinizong – ein unvergessliches Jungwachtlager. Es waren meine ersten Ferien überhaupt.

Jedes Mal, wenn ich ins Engadin fahre, lege ich am Dorfbrunnen in Tinizong einen kurzen Zwischenhalt ein und erinnere mich gerne an dieses einmalige Jungwachtlager. An einen speziellen Halt erinnere ich mich besonders gut, nämlich als ich einmal mit dem Rennrad von Unterägeri nach St. Moritz radelte. Ich hielt neben der Turnhalle, unserem damaligen Schlafsaal, für einen Augenblick an, trank einen Schluck Wasser vom Dorfbrunnen und stieg wieder auf mein Bianchi-Rennvelo. Noch hatte ich dort keine Ahnung, dass noch der lange Julierpass zu bewältigen war!

Es ist schön, wenn man so von seiner Vergangenheit träumen kann!


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283: Unser alte Waldschlupf (unten rechts) stand bereits um 1900.

Walschlupf 2 – schönes Leben
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9.  Walschlupf 2 – schönes Leben

Die Kindheit ging schnell vorbei und alle sechs Kinder folgten ihren eigenen Lebenswegen. Auch die Nachbarskinder der Obergärtner- und der Chauffeurfamilie lebten nicht mehr zu Hause. Letztendlich wohnten nur noch meine Schwester Rita und ich im neuen Vierfamilienhaus im Walschlupf. Anfänglich hatten wir etwas Mühe, uns an die neue Wohnsituation zu gewöhnen.


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284: Zurück ins neue zu Hause – am alten Ort.


Die Mitteilung von Frau und Herrn von Schulthess kam überraschend, als sie uns bekannt gaben, dass unser alte Waldschlupf abgerissen und an derselben Stelle ein neues Mehrfamilienhaus gebaut werde. Dies traf uns wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Wir hätten noch weiterhin gerne in unserem alten Waldschlupf gewohnt. Aber dieser Entscheid war zu akzeptieren. Doch wo sollten wir während der Bauzeit wohnen? Zum Glück hatte Toni viele gute Beziehungen in Cham. Es ist ihm gelungen, für die Dauer des Neubaus unmittelbar neben der Pfarrkirche für uns eine Wohnung zu finden.


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285: Während der Bauzeit des Waldschlupfs 2 wohnten wir im Bänihaus (Kaplanenhaus) unmittelbar neben der Kirche.

Ich erinnere mich gut, wie Toni und ich es genossen haben, jeweils am Sonntagmorgen so lange wie möglich im Bett zu bleiben, um dann in letzter Minute den Gottesdienst noch rechtzeitig besuchen zu können. Der Weg zur Kirche dauerte nur eine Minute! Von unserem gemeinsamen Zimmer aus hörten wir sogar das Plätschern des nahe gelegenen Kirchplatz-Springbrunnens. Dieser Brunnen ist eine Schenkung des Ehepaares von Schulthess an die Kirchgemeinde Cham.


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286: Der Springbrunnen war ein Geschenk von Frau und Herrn von Schulthess.

Der Umzug vom alten Waldschlupf ins Bänihaus brachte uns wenigstens einen Vorteil: Wir erhielten endlich unser sehnlichst erwartetes eigenes Telefon. Mit Stolz gab ich meinen Kolleginnen und Kollegen unsere Telefonnummer bekannt, die ich immer noch auswendig weiss: 041 36 31 69. Der aus heutiger Sicht antiquierte schwarze Telefonapparat war für uns damals sehr modern. Wir konnten nun bequem von zu Hause aus telefonieren und waren somit für andere endlich direkt erreichbar. Im alten Waldschlupf waren wir immer auf den Telefon-Kurierdienst der Familie Ast angewiesen.



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 287: Wir hatten endlich auch ein eigenes Telefon und waren sehr stolz darauf.

Als wir nach einem Jahr vom Bänihaus wieder zurück in unsere vertraute Umgebung und in die neuen Räume samt moderner Infrastruktur einziehen durften, lernten wir die vielen Vorzüge einer neuen Wohnung schätzen.
 

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288: Der Umzug vom alten in den neuen Waldschlupf – ein Zugerhaus –  fiel uns anfänglich schwer.

Es begann ein neues Leben im neuen Waldschlupf. Doch die veränderte Situation, mit drei weiteren Familien im gleichen Haus zu leben, war für uns ungewohnt. Im ersten Stock logierte der neue Hauswart und Schlosschauffeur Paul Haas, im zweiten Stock wohnten wir, in der dritten Etage Oberst Hermann Stocker mit seiner Frau und im Dachstock Frau Landtwing mit ihren beiden Kindern. Nach und nach fühlten wir uns auch in diesem neuen Haus wieder daheim.


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289: Schon bald wurde unser Haus dem Namen «Waldschlupf» wieder gerecht.

Ganz speziell verlief eine Begegnung, als ich im Urlaub als frisch gebackener Panzergrenadier-Rekrut auf dem Bsezziplatz vor dem neuen Waldschlupf unserem Nachbarn vom oberen Stock begegnete. Eben erst zu Hause angekommen, traf ich den Oberst im Generalstab, Herrn Stocker. Elegant gekleidet in hellgrüner Uniform aus feinstem Stoff, breiten schwarzen Streifen an den Hosen und einem Hut mit drei dicken gelben Streifen, so stand er vor mir. Ich dagegen war bescheiden gekleidet in dunkelgrünen weiten Filzhosen und einem Oberteil, lediglich verziert mit einem gelben Panzergrenadier-Waffenspiegel. 

 
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290: Panzergrenadier-Rekrut Walter Bucher grüsst Oberst Stocker auf dem Bsezziplatz.

Ich salutierte in geübter, strammer Haltung, so wie es uns erst einige Tage zuvor eingedrillt wurde. Ganz kurz nur hielt der Oberst seinen Zeigfinger an den Hut und sagte dann freundlich: «Guten Abend, Herr Bucher.» Der ranghohe Offizier, besonders aber seine elegante Uniform, hatten mich sehr beeindruckt. Einmal nur durfte ich für ganz kurze Zeit in eine Offiziersuniform schlüpfen; ein erstrebenswertes Ziel war das jedoch für mich nie!


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291 Ich trug nur an einem Kompanieabend eine Offiziersuniform.

Ein Zeitsprung – 15 Jahre später: Ich litt trotz sehr viel Sport (oder vielleicht gerade deswegen?) unter heftigen Rückenbeschwerden. Dr. Schlegel, Sportarzt und gleichzeitig Dozent für Erste Hilfe in der Turnlehrerausbildung, diagnostizierte einen Morbus Scheuermann und eine leichte Diskushernie. Diese Diagnose zu Beginn meiner Tätigkeit als junger Sportlehrer! Er verordnete mir deshalb Physiotherapie und stellte gleichzeitig ein Arztzeugnis aus, das mich vom Militärdienst dispensieren sollte. Darauf musste ich vor UC antreten und wurde deshalb als dienstuntauglich eingestuft. Doch dies waren denkbar schlechte Voraussetzungen bei Bewerbungen eines Sportlehrers. Was tun?


Dank meinen Beziehungen zum damaligen Hauptmann Prof. Dr. Ernst Strupler, Leiter der Turnlehrerausbildung an der UNI Bern, erhielt ich die Möglichkeit, Berufsadjutanten Schwimmunterricht zu erteilen. Ich wurde deshalb wieder als «diensttauglich» zurückgestuft, von den «Gelben» zu den «Grünen» umgeteilt und somit war ich direkt dem damaligen Zuger Kreiskommandanten Oberst Jules Steiner unterstellt. Diesen Spezial-Dienst hatte ich in Thun und Umgebung zu leisten. Nun wechselte mein früherer Waffen- und Exerzierplatz von der Allmend in ein Schwimmbad. Meine Unterkunft befand sich in derselben Kaserne wie zur Zeit meiner Rekrutenschule. Mehr noch: Mein Schlafzimmer war während meiner RS unser Kompaniebüro.
 

Alle meine Schwimmschüler waren Berufsoffiziere, der höchstrangige war Brigadier Born. Ich versuchte, ihm einen korrekten Armzug beim Crawl beizubringen, doch er konnte meine Bewegungsanweisungen nicht immer optimal umsetzen, und irgend etwas befehlen wie im Militär üblich, also zum Beispiel so: «Herr Brigadier – Füsilier Bucher – Sie müssen die Arme beim Eintauchen ganz nach vorne strecken!» konnte bzw. durfte ich natürlich auf keinen Fall!
    

Als Militär-Schwimminstruktoren genossen wir eine Vorzugsbehandlung. Jeder einzelne von uns erhielt einen Parkplatz im geschlossenen Kasernenareal zugeteilt. Um bei der Wache problemlos passieren zu können, brauchten wir lediglich unseren Parkausweis zu zeigen und schon ging die Schranke hoch. Wenn ich in der Mehrzahl spreche, meine ich in erster Linie Willy Erzer, einen Berufsschul-Rektor aus Basel, und mich. Auch er erhielt die Möglichkeit, Militärdienst auf diese Art absolvieren zu können, und dies hat auch er sehr geschätzt. Häufig hänselte er mich mit der Feststellung, dass ich ja lediglich Soldat sei, er dagegen wesentlich höher gestellter Gefreiter. Mehr noch, als quasi-Vorgesetzter erteilte er mir Befehle, wenn auch nur auf neckische Art. Trotzdem, das sollte sich ändern.


Als ich in einer Theoriestunde über biomechanische Grundlagen des Schwimmens referierte, trat unerwartet der Kommandant der Militär-Instruktoren-Schwimmkurse in unseren Theorieraum. Sofort unterbrach ich meinen Vortrag und meldete: «Adjutant, Füsilier Bucher beim Theorieunterricht. Ich habe eine Frage: Wie kann ich Gefreiter werden?» «Verstanden. Das kann nur der Kompaniekommandant entscheiden!» antwortete Adjutant Michel. Meine spontane Reaktion darauf: «Bitte schreiben sie auf: Adolf Durrer, Bahnhofstrasse 3, 6330 Cham!». Adjutant Michel notierte meine Informationen.


Schon am nächsten Morgen – ich wollte eben im Hallenbad Weyermann in Bern mit dem Schwimmunterricht beginnen – kam Adjutant Michel mir zuvor: «Füsiliär Bucher, vorträte!» befahl er. Ich stand nun in Badehosen vor der Schwimmgruppe und wartete gespannt, was passieren würde. «Sie sind ab sofort Gefreiter!» verkündete der Adjutant und übergab mir die zwei gelben Gefreiten-Streifen. Verblüfft realisierte ich, dass ich es nun also mehr oder weniger selber geschafft hatte, Gefreiter zu werden. Auf diese militärische «Leistung» bin ich heute noch ein bisschen stolz. Einige Jahre später beim Austritt aus dem Militärdienst, durfte ich schliesslich alles Militärmaterial abgeben.


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292: «Gefreiter Bucher. Ich melde mich endgültig ab!»

Zur Zeit meiner Militärschwimmkurse kaufte ich in meiner Freizeit defekte Autos und machte diese wieder flott. Am liebsten reparierte ich VW-Modelle.. Einmal erwarb ich sogar einen Mercedes, das gleiche Modell wie jenes von meinem Hausnachbar Oberst im Generalstab, Hermann Stocker.
 

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293: Gefreiter Bucher fährt mit einem Mercedes an der Kasernenschranke vor.

Mit dieser «Carosse» rückte ich nach einem Urlaubswochenende wieder in Thun ein. Ich fuhr an die Schranke und zeigte meine Parkkarte. Der Ausweis fand jedoch keine Beachtung, denn der wachthaltende Soldat ging davon aus, dass im Mercedes selbstverständlich ein Oberst im Wagen sitze und er deshalb ohne Wenn und Aber sofort die Schranke zu öffnen hätte. Mehr noch, er machte auch eine stramme Achtungsstellung. Ich reagierte sofort und grüsste mit einem Wink an meine Stirn wie damals Oberst Stocker anlässlich unserer Begegnung im Waldschlupf. Dabei hatte ich ein seltsames, aber irgendwie erhabenes Gefühl. Doch ich muss zugeben, mir war viel wohler in meiner Haut als Militär-Schwimminstruktor denn als hoher Offizier.

Die Vorstellung, einmal einen echten Oldtimer-Mercedes zu besitzen und diesen auch selber zu fahren, ging doch etwas (zu) weit, aber ich versuchte es trotzdem einmal. So erwarb ich im Jahr 1975 einen alten, rostigen und von Moos bedeckten Mercedes 300, Modell Adenauer. Der desolate Zustand erforderte nichts anderes als eine Totalrestauration. Jede einzelne rostige Schraube musste gelöst und das ganze Auto in Einzelteile zerlegt werden. Alle Teile und Schrauben ordnete ich deshalb sorgfältig in Schachteln und Büchsen und beschriftete anschliessend alles. Auch das Chassis wurde im Jahr 1976 total zerlegt und in der Metallwerkstatt Krähenbühl in Baar sandgestrahlt. Alle rostigen Stellen wurden mit neuem Blech ersetzt und das ganze Gehäuse letztendlich verzinkt. Doch zu guter Letzt wurde mir trotz grösster Sorgfalt Angst und Bange, denn ich ahnte, dass mir eine unübersehbar immense Aufgabe bevorstand, alles wieder zusammensetzen zu können.

 
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294: Der Traum eines total restaurierten Mercedes 300 Modell Adenauer wurde zusehends zum Albtraum.

Mittlerweile lagerten an verschiedenen Orten einzelne Teile: In unserer Garage Getriebeteile, im Keller die Sitzbänke, in der Garage Schmid in Aettenschwil der Motor, in der Scheune des Landwirts Weiss in Edlibach das total restaurierte, feuerverzinkte Chassis und weitere Teile im Estrich unseres neuen Hauses in Unterägeri. Nun gab es nur noch die Flucht nach vorn, denn ich hatte nicht gewusst, wie alles wieder zusammengesetzt werden müsste. Deshalb erwarb ich 1977 einen zweiten genau gleichen, noch fahrtüchtigen Mercedes mit demselben Jahrgang als Vorlage für den Wiederaufbau des ersten, total in Einzelteile zerlegten Wagens. Das noch fahrtüchtige Auto konnte ich in einer Scheune in Unterägeri unterstellen.


1983 gab ich schlussendlich das ganze Projekt entmutigt auf und verkaufte beide Mercedes nach mehreren Inseraten endlich einem Interessenten aus Deutschland. Ich erinnere mich noch gut an das erleichternde Gefühl in dem Moment, in dem die zwei vollbeladenen Lastwagen wegfuhren (Foto 294 unten rechts). Trotz vielen interessanten Erfahrungen und unzähligen Arbeitsstunden endete das ganze Vorhaben in einem grossen Verlustgeschäft. Jahre später erfuhr ich dann vom Käufer der beiden Mercedes, dass er nicht den total zerlegten roten, sondern den schwarzen, noch einigermassen intakten Mercedes (Foto 294 unten links), restaurieren liess. Den dunkelroten musste er notgedrungen auf einem Autofriedhof entsorgen.


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295: Irgendwo in Deutschland wurde mein alter Mercedes, Modell Adenauer, entsorgt.

Zurück zur Zeitreise in den Schlosspark. Das ganze Areal wurde schon in Zeiten des alten Waldschlupfs von einem Nachtwächter, wir nannten ihn «Argus», bewacht. Dieser erschien in unregelmässigen Intervallen, einmal bereits kurz nach dem Eindunkeln, dann wiederum erst in den frühen Morgenstunden. Als Kind hatte ich manchmal Angst, wenn ich nachts hörte, wie jemand über den Bsezziplatz marschierte und die Schritte anschliessend hinter unserem Haus im Wald verhallten.


Einmal schlich ich als kleines Kind ängstlich ohne das Licht anzuzünden ans Fenster und lauschte gespannt, aber erspähen konnte ich keinen «Nachtgeist». Zu meiner Beruhigung erklärte mir meine Mutter am nächsten Morgen, dass dies kein Nachtgeist sondern ein Argus sei, eine Art Nachtpolizei. Das bedeute auch für unsere ganze Familie einen Schutz und wir könnten uns dadurch sicher fühlen vor Einbrechern. Da ich als Kind sehr ängstlich war, beruhigte mich diese Information sehr. Wenn ich dann in meinen Jugendjahren spät nachts nach dem «Ausgang» einem patroullierenden Argus begegnete, grüsste ich ihn ganz freundlich – er mich auch.


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296: Der Schlosspark wurde in unregelmässigen Intervallen von Argus-Wachen kontrolliert.

Als Bestätigung, dass der Argus wirklich den ganzen Rundgang durch den Park absolviert und alles kontrolliert hatte, musste er an verschiedenen geheimen Stellen eine spezielle Uhr mit einem Schlüssel aufziehen. Die dazu passenden Schlüssel waren unter einem kleinen, rostigen Deckel im ganzen Schlosspark platziert. Wir wussten nie so genau, was diese kleinen an einer Kette hängenden Schlüssel zu bedeuten hätten, bis ich einmal selber beobachten konnte, wie ein Argus beim Holzschopf stehen blieb, etwas herumhantierte und von dort gleich wieder mit zügigem Schritt weiter marschierte; er hatte also dort seine Kontrolluhr mit dem Schlüssel betätigt.

Meine Mutter hatte nebst guten Argus-Augen auch eine feine Nase. Zufälligerweise stellte sie eines späten Nachmittags fest, dass es beim offenen Küchenfenster ungewohnt stark nach Rauch roch. Ein Blick hinauf Richtung Maienrain liess sie Schlimmes erahnen: «Der Maienrain brennt!» rief sie zutiefst erschrocken. Ich hörte diese Hiopsbotschaft und schon rannte ich, so schnell ich konnte, über die alte Sandsteintreppe den Kiesweg am Kistenmagazin vorbei und den verbotenen kleinen Schleichweg durchs Gestrüpp hinauf direkt zum brennenden und rauchenden Maienrain. Ohne lange zu überlegen stürmte ich durch den Eingang und sah dort, wie Herr von Schulthess sich abmühte, den schweren und zusätzlich mit Stäben befestigten Teppich von der breiten Holztreppe wegzureissen. Ich eilte sofort zu ihm und fragte, ob ich helfen könne. «Schön, dass Sie auch kommen, Walter. Ja, helfen Sie mir hier!» sagte er mit seiner unverkennbaren Stimme. Wir rollten den vom Löschwasser bereits durchnässten Teppich zusammen und schleppten diesen in die nahe gelegene Kapuzinerhalle. Der Maienrain mit ausgebranntem Dachstock stand danach noch lange leer. Die Herrschaft plante bald darauf einen Neubau.
 

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297: Gemeinsam mit Herrn von Schulthess schleppten wir den schweren Teppich in diese Kapuzinerhalle.


Die damalige Bewohnerin des Maienrains entdeckte den Brand als erste. Beinahe zur gleichen Zeit schlug auch Kaplan Langenegger, der gleich nebenan wohnte, Alarm. In einem Dokument beschrieb später Herr von Schulthess den hektischen Ablauf des Brandes im Maienrain.


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299: Der Dachstock des Maienrains war völlig ausgebrannt.


Einige Jahre später wurde der alte Maienrain, in dem Jahre zuvor schon Frau Adelheid Page gewohnt hatte, abgerissen und an der gleichen Stelle ein Neubau errichtet. Das Chauffeurhaus (Foto 87), das mit dem Maienrain zusammengebaut war, wurde ebenfalls abgerissen, jedoch auf dem Walchwilerberg wieder aufgebaut (Foto 92).


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300: Der neue Maienrain mit drei Stockwerken.

Mein Bruder Toni, der leider schon mit 59 Jahren gestorben ist, hatte immer ein grosses Herz für mich. Oft lieh er mir sein Auto aus. An einem Freitagabend fuhr ich stolz mit seinem grünen Peugeot 304 nach Sins. Dort fand in einem grossen Zelt ein Turnerabend mit Tanz statt. Mit der Vereinsfahne marschierten die Mitglieder ein. Sie wurden von mehreren weiss gekleideten Ehrendamen begleitet. Die jungen Damen waren hübsch, doch eine erregte ganz besonders meine Aufmerksamkeit. Ich tanzte mehrmals mit ihr. So gelang es mir schliesslich, sie für eine kleine Ausfahrt zu begeistern. Ich prahlte, dass ich als Sohn eines Schlossgärtners in einem wunderbaren Schlosspark wohne, und dass es dort einmalig sei, nachts spazieren zu gehen, besonders an so einem warmen, lauschigen Abend wie an diesem. Die junge Frau liess sich von der Idee begeistern, und so chauffierte ich sie zügig durch den Herrenwald (damals noch ohne Geschwindigkeitsbegrenzung) Richtung Cham.

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301: Ich chauffierte meine Ehrendame mit Stolz im grünen Peugeot 403 meines Bruders Toni zum Schlosspark St. Andreas.

Neben dem Eingang zum Schlosspark parkierte ich das Auto und öffnete darauf die schwere, quietschende Eisentüre so leise wie möglich. Wir schlenderten durch den dunklen Wald, am Waldschlupf vorbei, dem See entlang und auf dem Kiesweg Richtung Weiher. Beim Känzeli setzten wir uns gemütlich hin. Wenige Minuten später kam doch tatsächlich ein Argus. Jetzt stellte sich die Frage: Verstecken oder direkt auf ihn zugehen um den Sachverhalt erklären. Ich nahm allen Mut zusammen, ging dem Argus entschlossen entgegen und sagte mit leicht zitternder Stimme: «Guten Abend. Ich bin der Sohn des Schlossgärtners Bucher und habe einer Freundin den Schlosspark zeigen wollen, doch wir gehen gleich wieder.» Der Argus zeigte grosses Verständnis und sagte: «Alles klar. Noch einen schönen Abend!» Es dauerte nicht lange, und wir verliessen zügigen Schrittes den Park wieder Richtung Waldschlupf, leise am Obergärtnerhaus vorbei, durchs Eisentor zum Auto. Schliesslich fuhren wir auf direktem Weg wieder nach Sins zum Turnerabend und tanzten dort noch einige Male.
 

Noch zur Bänihaus-Zeit (während dem Neubau des Waldschlupfs 2) hatte ich meine Lehre als Elektromechaniker in der Papierfabrik begonnen. Nach dem Umzug in den neuen Waldschlupf kam ich bereits ins zweite Lehrjahr. Diese Lehrjahre waren für mich prägend. Wir lernten in der mechanischen Werkstatt sägen, feilen, hobeln, fräsen, hämmern, meisseln, bohren, schmieden und schweissen. Noch rieche ich die ölgeschwängerte Luft in der mechanischen Werkstatt der Papieri. Die heutige Bezeichnung Polymechaniker wird diesem Berufsbild eher gerecht als die damalige Bezeichnung Elektromechaniker.



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302: Hier war mein Arbeitsplatz in der Elektromechanikerlehre im Jahr 1963.
 

Ab dem dritten Jahr erfolgte die Ausbildung in der Elektrowerkstatt im oberen Stockwerk. Nun betrug der Stundenlohn bereits einen Franken, also 20 Rappen mehr als im ersten Lehrjahr. Eine Möglichkeit, etwas mehr Geld zu verdienen, war die Sonntagsarbeit. Diese Arbeit begann jeweils bereits um 04.00 Uhr und dauerte bis mittags um 12.00 Uhr. In diesen acht Stunden verdiente ich mehr als in einem ganzen Monat. Zusätzlich durften wir die Sonntagsarbeit auch noch als Freitage kompensieren. Deshalb brauchte es wenig Überzeugungsarbeit, uns für die Sonntagsarbeiten zu motivieren.
 

An solchen Sonntagen nahmen wir jeweils elektromechanische Reparaturen vor oder wechselten alte Schaltungen und Kabelverbindungen aus. Diese Arbeit wäre an Wochentagen nicht möglich gewesen, weil für unsere Montagen alle Maschinen ausser Betrieb gesetzt sein mussten. Die alten, teilweise verrotteten Kabel waren noch nicht verschiedenfarbig gekennzeichnet, wie dies heutzutage üblich ist, und deshalb gestaltete es sich schwierig, die tatsächlich schadhaften Teile und Drähte zu erkennen. Oft fehlten auch noch die dazu notwendigen Elektro-Schematas. Ab und zu probierten wir deshalb einfach eine Variante aus.


Ein Spezialist in Sachen Ausprobieren war Salesi Rüttimann. Als ich einmal sein Sonntags-Assistent war, passierte folgendes: Wir starteten wie gewohnt um 04.00 Uhr und rissen im Eiltempo alle alten Kabelverbindungen zwischen der Schaltung und einem Elektromotor heraus, zogen neue Drähte ein und schlossen diese wiederum eher gefühlsmässig an. Nach einer solchen Reparatur befahl Salesi jeweils: «Buächer, iischalte!» Lief alles gut, sagte er: «Grandig, Buächer, grandig!» Knallte es aber irgendwo, raunte er: «Was hesch gmacht, Buächer?»


Wenn mir heute zu Hause ein handwerkliches Missgeschick passiert, witzelt meine Frau immer wieder: «Was hesch gmacht, Buächer?»


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303: Salesi Rüttimann (mit Nebelhorn) war oft mein Chef bei Sonntagsarbeiten. Sein legendärer, unvergesslicher Spruch: «Was hesch gmacht, Buächer?»

Dank meines äusserst vielfältigen Berufs als diplomierter Elektromechaniker bin heute ich in der Lage, viele Unterhalts- und Reparaturarbeiten im und ums Haus, an Velos und Autos und seit einiger Zeit auch an defekten Spielzeugen meiner Enkelkinder selber auszuführen. Ihr Spruch oder Wunsch heisst ganz einfach immer: «Grossdädi flicke!»
 

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304: Mein Werk-Stück der Lehrabschlussprüfung, angefertigt in den Wasserwerken Zug.

Mein Lehrmeister Werner Bauder war während meiner Lehrzeit nebenamtlich Badmeister im Chamer Strandbad. Für den Wasserskisport engagierte er sich sehr, doch selber Wasserskifahren sah ich ihn nie. Er war die treibende Kraft bei der Gründung des Seerettungsdienstes Ennetsee und ermutigte mich, die Leitung dieser Organisation zu übernehmen – ich war erst 18jährig! An der Generalversammlung 1963 wählte man mich zum Chef des Seerettungsdienstes. Bei Rettungsaktionen konnte ich vielen in Seenot geratenen Menschen helfen. Für mich stand jedoch nicht immer nur das Helfen an erster Stelle, sondern die verschiedenen abenteuerlichen Aktionen. Ein besonderes kribbelig Erlebnis war, mit dem kräftigen Böschboot bei hohem Wellengang und stürmischen Winden hinaus zu preschen.

Gut segeln zu können war bei bestimmten Rettungsaktionen von grossem Nutzen. In einem heftigen Sturm entdeckten wir in der Kollermühle-Bucht ein Segelboot mit stark killenden Segeln. Sofort fuhren wir hinaus und sahen zwei frierende, leicht verwirrte Frauen, die sich am inzwischen gekenterten Boot fetsklammerten. Ich erkannte sie sofort, es waren die Direktorin der Victoriawerke Baar und ihre Tochter. Wir forderten beide auf, in unser Boot zu steigen, um sie sicher ans Ufer zu bringen. Erleichtert nahmen sie dieses Angebot dankend an. Anschliessend setzten wir sie sicher am Segelsteg ab. Darauf preschten wir bei hohem Wellengang mit dem starken Böschboot wieder zurück zum Segelboot. Dort schwamm ich zum gekenterten Boot, richtete es auf, stieg ein und kehrte alles Nötige vor, um anschliessend – mit etwas Stolz – den ganz neuen Corsar allein an den Steg zu segeln. Das war das abenteuerlichste Segelerlebnis in meinem ganzen Leben.

Teil meiner selbst auferlegten Aufgabe war auch, möglichst viele Menschen für das Rettungsschwimmen zu motivieren. Zuerst war ich Assistent des damaligen Dorfpolizisten Zürcher und später leitete ich die Kurse selber als ausgebildeter Rettungsschwimm-Instruktor mit Brevet 2. In Teamarbeit mit meinem Jugendfreund Toni Trottmann gelang es uns, viele junge Chamerinnen und Chamer für das Retten im Wasser zu begeistern. Beim Unterrichten unter oft sehr schwierigen Wetterverhältnissen, kaltem Seewasser und ganz bescheidenem Übungsmaterial, haben wir uns einige wichtige didaktische Grundlagen angeeignet. Natürlich gehörte bei dieser Tätigkeit ab und zu auch etwas Showtime dazu. Zur Freude vieler Interessierten organisierten wir möglichst spektakuläre Demonstrationen im Strandbad Cham und führten vor, wie man sich beim Retten im oder am Wasser richtig verhalten sollte.


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305: Tipps und Informationen zum Verhalten bei der Wasserrettung.

Zu unseren Rettungs-Aktivitäten gehörten auch risikoreiche Experimente. So übten wir beispielsweise das Abspringen in voller Fahrt vom Heck des schnellen Bösch-Bootes Zägg. In enger Hockstellung und geschützt mit einem Taucheranzug liessen wir uns in voller Fahrt rückwärts ins Wasser fallen. Darauf schleuderte es uns jeweils mehrmals in alle Richtungen. Diese kleine, aber nicht ungefährliche Show gehörte selbstverständlich auch zu einer Demonstration vor dem Chamer Strandbad dazu. Diese Vorführung beeindruckte die vielen Zuschauer sehr.

Ein wichtiges Rettungsgerät war für uns das «Hawaii Kiki Brett», ein hohles aus Holz gefertigtes Brett. Dank dem runden Bug und dem spitzen Heck dieses Gleitbrettes konnte der Retter bäuchlings mit beidarmigen Armzügen wie beim Delphinschwimmen kurzfristig hohe Geschwindigkeiten erreichen. Mit relativ geringem Aufwand war es möglich, einen zu Rettenden schnell in Sicherheit zu bringen. Mit einem Unterarmgriff von hinten konnte der Retter den Rettling am Brett sichern und so wegtransportieren.


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306: Das Hawaii Kiki Brett war für uns ein Rettungs-, aber auch ein Spielgerät.

Dieses Rettungsgerät benutzten wir natürlich auch als attraktives Spielgerät. Wer auf dem wackeligen Brett am längsten aufrecht stehen konnte, ohne ins Wasser zu fallen, vollbrachte ein meisterliche Leistung. Mit demselben Brett Mono-Wasserski zu fahren, glaubten wir neu entdeckt zu haben. In einer St. Andreas-Archivaufnahme war jedoch zu sehen, dass diese Spielerei bereits in den vierziger Jahren von Monica und Tony Page vor den Quaimauern des Castellinos praktiziert wurde.


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307: Mono-Wasserskifahren wurde erstaunlicherweise bereits im Jahr 1935 vor dem Castellino ausgeübt.
 

Im Rahmen eines grossen Events der Feuerwehr Zug, der Seepolizei Zug und des Seerettungsdienstes Cham-Ennetsee sollten Toni und ich demonstrieren, wie man sich in einem Auto, das in einen See gefahren ist, zu verhalten habe. Es war abgesprochen, dass wir in einem alten, ausrangierten Opel auszuharren hätten, bis dieser ganz untergetaucht und bis zum Dach mit Wasser gefüllt sei. Unser Opel wurde mit einem Seil, das an einem starken Motorboot befestigt war, angehängt und dann mit Vollgas ins Wasser geschleppt.


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308: Es war unheimlich, im sinkenden Opel auszuharren, bis er ganz untergetaucht war.

Unerwarteterweise senkte sich das Auto kopfüber. Sitzen war deshalb nicht mehr möglich, wir waren gezwungen zu stehen. Es wurde zusehends ungemütlicher und unser Plan geriet arg ins Wanken. Das Wasser stieg an bis zum Hals. Also nichts wie raus! Da sich jedoch die Türen dieses alten Opels nur nach vorne öffnen liessen, waren auch die beiden Türfallen schon längst tief unter Wasser. Es war somit unmöglich, diese zu öffnen. Kurz entschlossen nahmen wir unsere zur Sicherheit mitgenommenen Tauchgeräte zur Hand und begannen am Lungenautomat zu atmen. Die Sicherheitstaucher, die während des Absinkens des Wagens von ausserhalb alles kontrollierten, bemerkten auf Grund unseres nervösen Gestikulierens schnell, dass etwas nicht in Ordnung war. Kurz entschlossen schlugen sie die Türfenster ein, rissen die Türen auf und somit gelang es, uns aus dieser misslichen Situation zu befreien.



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309: Auszug aus einem Zeitungsbericht der «Zuger Nachrichten».
   

Die Theorie, dass man im Wasser in einem sinkenden Auto lange ausharren soll, ist auch auf Grund dieser selbst gemachten Erfahrung völlig falsch. In einer solchen Notsituation gilt es, so schnell wie möglich das Auto zu verlassen. Der Pressebericht von damals entsprach demnach nicht ganz der Tatsache, dass wir genügend Nervenstärke bewiesen hätten um auszuharren, es war zu stressig. Zum Glück sorgten wir bei diesem Experiment im Voraus für umfassende Sicherheit.


Im Frühling 2019 schickte mir mein Jugendfreund Toni Trottmann einen Zeitungsartikel, begleitet mit der Frage: «Erinnerst Du Dich noch?» Klar doch erinnere ich mich! Denn mit ihm sass ich vor über 50 Jahren in einem alten sinkenden Opel! Der Zeitungsartikel titelte «Luft anhalten bis die Retter kommen!» Das kann allerdings lange – zu lange – dauern. Deshalb nochmals meine Überzeugung: So schnell wie möglich durch die Fenster aus dem Auto steigen, im «Idealfall» bei einem Cabriolet durchs Dach!


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309a: Wie soll man sich in einem sinkenden Auto verhalten? Luft anhalten genügt nicht, sonder wenn immer möglich schnell raus!

Die Lehrzeit in der Papieri zog schnell vorbei. Noch während der RS konnte ich zur Lehrabschlussprüfung antreten und wurde bald darauf als Elektromechaniker diplomiert. Jetzt kam die Zeit, genug Geld zu verdienen, um auf eigenen Füssen zu stehen?

Während der RS gab es jeweils nach dem Besuch des Sonntags-Gottesdienstes ein Treffen der Chamer Jugendlichen vor dem Haupteingang der Kirche. Nicht mit meiner normalen grünen Uniform sondern mit dem gelben Kennzeichen als Panzergrenadiers konnte ich manche Kollegen beeindrucken. Denn es wurden pro Jahr und Jahrgang nur zwei sehr sportliche Stellungspflichtige als Panzergrenadiere aus einem Kanton auserwählt.


Bei einem solchen Sonntags-Treffen kam ein Herr Zehnder auf mich zu, dem ich bis anhin noch nie begegnet war und fragte mich: «Sie haben doch soeben die Lehrabschlussprüfung bestanden. Wären Sie interessiert, bei mir zu arbeiten?» Überrascht von dieser Offerte, doch interessiert, stellte auch ich ihm einige Fragen. Darauf einigten wir uns noch auf dem Kirchenplatz und er bestätigte mir sein Angebot: 1000 Franken Monatslohn. Das bedeutete 200 Franken mehr Lohn als in der Papierfabrik.


Die Firma Heusser in Cham engagierte mich als Pumpen-, Strassenmaschinen-Mechaniker und auch als Mörtelkuli-Spezialist, Stellenantritt unmittelbar nach der RS. Mit Zuversicht trat ich die Stelle an, doch schon nach drei Monaten wurde klar, dass mir diese Arbeit für meine Interessen keine Perspektiven bot, zumal ich dauernd unterwegs war und kaum Möglichkeiten fand, Sport zu treiben. Darauf unternahm ich einen neuen Anlauf bei der Landis und Gyr in Zug als Starkstromlaborant, doch bald stellte sich heraus, dass auch diese Tätigkeit mich nicht genügend faszinieren konnte.


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310: Ich fühlte mich in der Landis und Gyr auch als Starkstromlaborant nicht wohl.

Mit jugendlicher Neugier interessierte ich mich während dieser L&G-Zeit für die Geschichten und spannenden Schilderungen meines spanischen Arbeitskollegen Fernandez. Er erzählte mir von seinen abenteuerlichen und äusserst gefährlichen Einsätzen als Fremdenlegionär in Afrika. Nach verschiedenen brutalen Kriegseinsätzen, in denen auch er Menschen erschossen hatte, fühlte er sich jedoch äusserst glücklich, dass im die Flucht aus dieser Legion gelungen war und er wieder heil nach Hause kehren konnte.
 

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311:  Fernandez hat zum Glück die Zeit als Fremdenlegionär überlebt.

Die Vorstellung meines Berufsbildes wurde immer klarer: Ich wollte unbedingt Sportlehrer werden. Doch dafür war ein Primarlehrerdiplom oder ein Maturitätsabschluss erforderlich. Durch einen glücklichen Zufall erfuhr ich vom ehemaligen Kollegen des KTV Cham, Bruno Freimann, dass es neuerdings in Luzern eine Möglichkeit gäbe, sich vom Berufsmann zum Primarlehrer ausbilden zu lassen. Mit Freude packte ich diese einmalige Chance beim Schopf und erwarb nach zähem Ringen und viel Fleiss das Primarlehrerpatent des Kantons Luzern.
 

Somit stand für mich das Tor zur ETH offen. Ich schaffte die Eintrittsprüfung ohne Probleme und schon bald pendelte ich täglich vom Waldschlupf nach Zürich und zurück. Mein Studienkollege Bärti Körner holte mich meistens mit seinem alten VW Käfer direkt vor der Haustüre ab und chauffierte mich beinahe bis vor den Eingang der ETH. Dank Beziehungen von Bärtis Vater zum Hochschul-Hauswart durften wir unmittelbar vor der Hochschule parkieren. Viele Studierende haben uns deswegen beneidet. Es war für mich eine erlebnisreiche, unbeschwerte Zeit.

Zeitgleich spielte ich noch Eishockey in der ersten Mannschaft des Eissportvereins Zug (EVZ) Zug und erlebte im Jahr 1968 den Aufstieg in die erste Liga, gemeinsam mit Hans-Martin Oehri, dem Präsidenten von Cham Tourismus. Nach dem Aufstieg in diese Liga wurde der intensive Trainingsaufwand für mich zu gross. Das faszinierende Sportlehrer-Studium stand für mich jetzt an erster Stelle. Deshalb beendete ich meine kleine Eishockeykarriere, die damals auf dem Schlossweiher St. Andreas begonnen hatte, nach dem Aufstieg in die erste Liga.
 

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312: Aufstieg von der zweiten in die erste Liga mit dem EVZ.


Noch vor dem Aufstieg fand im Rahmen der Eröffnung des Eisstadions Zug am 25./26. November 1967 ein Eröffnungsspiel statt. Es nahmen folgende Mannschaften teil: SC Bern; EHC Arosa; HC Salzburg und der EVZ.


Ich erinnere mich noch ganze genau an einen Angriff. Ich sah Martini, startete wild Richtung Berner Tor und erwartete einen Pass von ihm. Kaum gedacht und schon geschehen! Zentimetergenau glitt die Scheibe an meinen Stock. Ich machte noch einen Schritt und dann knallte ich mit einem scharfen Slapshot blindlings in Richtung Tor. Ein Knall (der Puck prallte an die Bande!), ein Raunen unter den Zuschauern … und das Spiel ging weiter! Wir als die am schlechtesten klassierte Mannschaft konnten nur Dank Verstärkung dieses Turnier gewinnen. In den Zuger Nachrichten erschien nach dem Finalspiel folgender Matchbericht:


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 312a/b: Matchbericht des Finalspiels SC Bern gegen den EVZ vom 26. November 1967.

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(Einschub im April 2019)
Im April 2019 stand der EVZ erneut gegen den SC Bern in einer Finalserie, aber diesmal ging es um den Schweizermeistertitel. Obwohl der EV Zug mit den besseren Karten in die Endrunde vorstiess, gewann letztendlich doch der SC Bern den Meistertitel verdient, obwohl sich einzelne Spieler (auf dem Foto Tristan Scherwey) bis zur letzten Sekunde «auf die Zähne bissen» …


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312c: Es war der 20. April 2019: Bern im Siegestaumel. In einem Nervenspiel erkämpfte sich der SC Bern den Meistertitel im Eishockey. Die konstanteste Mannschaft der Saison setzt sich in der Finalserie mit 4:1 gegen den EV Zug durch.


Solche Spiele erinnern mich natürlich auch wieder an meine «Eiszeit». In der Zuger Presse veröffentlichte ich im Rahmen meiner Chomer Geschichten einen Beitrag zu meiner Eis-Zeitreise.



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312d: Meine Eiszeit: Vom Start im Schlossweiher St. Andreas bis zum Eishockeyspieler des EVZ.

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Wieder zurück in meine Studentenzeit. Noch während des Studiums bewarb ich mich um die Turnlehrerstelle in Cham und schon wenige Monate später amtete ich als erster Turnlehrer im Dorf. Die meisten Turnstunden unterrichtete ich in der damals noch neuen Turnhalle Städtli, weniger gerne auch einige Lektionen in der alten Turnhalle Kirchbühl. In diesem alten Gebäude war die Infrastruktur äusserst bescheiden und mit weit weniger Turnmaterial ausgestattet. Beide Chamer Turnhallen waren mir schon aus meiner eigenen Schulzeit bestens vertraut.


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313: Wurde wohl früher auch in Cham noch so unterrichtet, als es noch keine Tunhalle gab? (Bekanntes Bild von Anker).

Mit viel Engagement versuchte ich, dem Sportunterricht in der Schule neue Impulse zu verleihen, indem ich Sporttage und besondere Sportanlässe organisierte (Jugendolympiade, Spielturniere usw.). Im Rahmen des Lehrerturnens versuchte ich, die Kolleginnen und Kollegen mit neuen Ideen für einen abwechslungsreichen, gezielten Sportunterricht zu motivieren.


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314: Mein ehemaliger Primarlehrer Jakob Müller war jetzt mein «Lehrerkollege» und Rektor.

Im Herbst 2014 nahm ich Kontakt auf mit meinem damaligen Lehrerkollegen Christoph Schmuki. Schon nach kurzer Zeit tauchten wieder alte Erinnerungen auf und wir plauderten über alte Begebenheiten unserer gemeinsamen Chamer Lehrerzeit. Eine Situation sei ihm besonders gut in Erinnerung geblieben, erzählte Christoph:

Ich war beim Unterrichten meiner Klasse in der Turnhalle Städtli. Aus irgendeinem Grund musst du während meiner Lektion ins Turnlehrerzimmer gekommen sein. Ein Einblick in die Turnhalle durch die Glastüre nebenan war gut möglich. So musst du mich gesehen haben, dass ich lediglich in Strassenkleidern unterrichtete. Diese Beobachtung hat dich sehr beschäftigt und ein diesbezüglicher Ratschlag schien dir dringlichst von Nöten zu sein. Dies hast du mir auf kollegiale aber subtile Art und Weise kundgetan. Als ich nämlich nach der Turnstunde im Lehrerzimmer eintraf, fand ich auf dem Tisch einen Zettel mit einem schönen, treffenden Gedicht. Ich nahm deine Ermahnung sehr ernst und sie wirkte auch nachhaltig! Noch lange habe ich dieses Gedicht aufbewahrt und seither nie mehr in Strassenkleidern Sport unterrichtet!

Eine ganz andere Begebenheit im Zusammenhang mit dem Turnunterricht erinnert mich an den jüngeren «Kari», Seklehrer Karl Ulrich. Es war wieder einmal Zeit für das Chamer Fussball-Grümpelturnier. Vorgängig wurden im Hirsgarten kleine Fussballfelder mit fest montierten Toren eingerichtet. So standen während zwei Wochen allen Chamern zwei kleine Fussballtrainingsplätze zur Verfügung. Auch Kari wollte seinen Schülern Gelegenheit bieten, Fussball spielen zu können und ging deshalb mit seinen Schülern ins Hirsgartengelände. Zur gleichen Zeit hielt ich mich zufällig im Turnlehrerzimmer der Turnhalle Städtli auf. Im Ballgestell fehlten zwei der ganz neuen Volleybälle. Ich verdächtigte sofort Kari als Übeltäter, nahm zwei alte Fussbälle in die Hand und fuhr damit hinunter zum Hirsgarten. Da spielte doch tatsächlich seine Klasse mit den neuen, weissen Volleybällen Fussball. Anständig aber sehr direkt sagte ich zu Kari, er möge doch bitte die Volleybälle mit den Fussbällen austauschen. Er tat dies ohne Widerrede und verlegen bedankte er sich für den sanften Tipp.
 

In der Zwischenzeit hatte ich mein Sportlehrerstudium an der ETH abgeschlossen. Die Herausforderung, als Seminarturnlehrer am Lehrerinnenseminar Menzingen unterrichten zu können, nahm ich gerne an. Diese Zeit habe ich in sehr guter Erinnerung. Nicht immer nur zur Freude der Seminaristinnen fand jedoch mein Sportunterricht sehr oft im Freien, auch im nahegelegenen Wald statt. Doch die jungen Seminaristinnen freuten sich zusehends über die Abwechslung, auch im Wald sich bewegen und spielen zu können. Ab und zu inszenierte ich ein Spiel aus meiner Kinderzeit, das wir häufig auf dem Bezziplatz vor dem alten Waldschlupf spielten: Chnebeli um (Foto 52). Die angehenden Lehrerinnen liessen sich dafür begeistern.

Als mein Vater pensioniert wurde, arbeitete er in den folgenden Jahren mit viel Freude bei seinem Sohn Toni in der Firma Bucher Gartenbau. Toni holte meinen Vater jeweils bereits um Punkt 13 Uhr mit seinem VW Picup im Waldschlupf ab.
 

Als zusätzlichen Nebenverdienst besorgte Baba den Unterhalt eines Ferienhauses mit Gartenanlage für die wohlhabende Zürcher Familie Siegmann. Dieses Haus stand unmittelbar neben dem Strandbad. Endlich dufte er in diesem kleinen Park am See sein eigener Herr und Meister, sein eigener Obergärtner sein. Grössere Arbeiten haben wir zusammen gemeistert, so zum Beispiel einmal das Fällen eines grossen Baumes vor dem Eingang des Ferienhauses.


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315 Holzfällerarbeiten mit meinem pensionierten, freischaffenden Vater.

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(Einschub am 20. September 2019)
Heute vor genau 43 Jahren kam mein Sohn Martin auf die Welt. Ich konnte den Moment der Geburt kaum erwarten, denn gross war meine Angst, dass vielleicht auch Martin, wie zwei Jahre davor Claudia, behindert auf die Welt kommen würde. Am Mittag des 20. September 1976 war er da! Gesund, mit grossen Händen und grossen Füssen. «Das wird ein grosser Bursche!» wurde uns prophezeit. Und es kam so: Mit 1m 92 cm steht er nun mitten im Leben als glücklicher Vater von zwei gesunden Kindern Hannah und Basil, als Mitinhaber des grossen Architekturbüros Enzmann Fischer Partner AG in Zürich. Erst vor kurzem ist er mit seiner Frau und den beiden Kindern in ein frisch renoviertes Mehrfamilienhaus mitten in der Stadt Zürich umgezogen.


Im Zusammenhang mit Wohnungseinrichtungen bat er mich, ich solle beim nächsten Besuch bitte Werkzeuge – im Speziellen eine Kreissäge – mitnehmen, damit wir miteinander einige provisorische Büchergestelltabaler zuschneiden können. Sofort erinnerte ich mich in diesem Moment an damals – vor genau 50 Jahren, als ich mit meinem Vater eine Holzarbeit verrichtete (Foto 315). Ich packte also meine Kreissäge mit weiteren Werkzeugen ein und fuhr mit meiner Frau nach Zürich zum kleinen Geburtstagsfest unseres Sohnes. Nach einer kurzen aber wie immer herzlichen Begrüssung ging's gleich ans Werken. Ich zeigte Martin kurz die Handhabung der Fräsmaschine, und schon war er dran. Mit Stolz (und auch etwas Wehmut) stellte ich mich hinten an, schaute einfach nur zu und erinnerte mich an den Moment vor 50 Jahren mit meinem Vater.


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315a: Wie der Vater, so der Sohn … zumindest bei gemeinsamen Holzarbeiten.

Nach den «Holzarbeiten» setzten wir uns gemütlich an den Abendtisch. Die beiden Enkelkinder unterstützten ihren Vater beim Ausblasen der Kerzen auf der Geburtstagstore. In diesem Moment überlegte ich mir, welcher Zukunft wohl diese beiden Kinder entgegengehen. Denn ausgerechnet heute wurden in Deutschland folgende hohe Ziele im Zusammenhang mit dem Klimawandel diskutiert und festgelegt. Bundeskanzlerin Merkel prophezeite: «Mit einer Bepreisung des klimaschädlichen CO2, Fördermaßnahmen und gesetzlichen Standards für mehr Innovationen und Investitionen wollen wir Deutschlands Klimaschutzziel 2030 erreichen: 55 Prozent Treibhausgase weniger im Vergleich zum Jahr 1990. Das Klimaschutzprogramm 2030 legt einen konkreten Pfad dafür fest. Diesen Plan wollen wir wirtschaftlich nachhaltig und sozial ausgewogen umsetzen.» Deutschland ist – zumindest was Klimaschutz-Ziele setzen betrifft – der Schweiz weit voraus, bleibt aber hoffentlich ein Vorreiter? Und der UNO-Generalsekretär Antonio Guterres mahnt kurz vor dem Klimagipfel in New York: «Der Klimawandel läuft schneller als wir!» Ich hoffe nur, er überholt uns nicht.

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Und wieder zurück in die damalige Zeit. Zum Inventar des Ferienhauses direkt am See gehörte selbstverständlich auch ein schnittiges, starkes Motorboot. Ich besorgte mit Begeisterung die Wartung dieses Schiffes, das natürlich auch immer wieder ausgefahren und getestet werden musste! Bei diesen Ausfahrten mit dem rassigen Schiff mit starkem Z-Motor fühlte ich mich als stolzer, aber lediglich fiktiver Bootsbesitzer. Mit Stolz holte ich auch einmal meine neue Freundin und spätere Frau, Rita, am Schiffsteg in Zug ab und unternahm mit ihr ein kleines «Spritzfährtli». Ihre Begeisterung hielt sich in Grenzen …
 

Babas liebste Freizeitarbeit war die Pflege seines Gemüsegartens, allerdings nicht mehr im Schlossparkgelände, sondern auf einem zugewiesenen Platz des Gemeindeareals in der Nähe des Strandbades. Nach und nach wurde ihm auch dies zu viel. Reisen wurden zusehends ein wichtigeres Thema für meine Eltern. Erstaunlicherweise wagten sie mehrere Male den Flug nach Amerika zu Gertrude, meiner ältesten Schwester. Baba schwärmte jeweils noch lange Zeit von den vielen eindrücklichen Ausflügen, aber vor allem von den Gartenarbeiten, die er in Gertrudes typisch amerikanischem Hausgarten erledigen durfte.

1968 war der Intensivkurs an der Lehramtsschule Luzern beinahe beendet. Zu dieser Zeit herrschte ein grosser Lehrermangel. Deshalb wurden sogar wir Lehrerstudenten eingesetzt um im ganzen Kanton Luzern zu unterrichten. Mir wurden 40 Kinder der Gesamtschule Hämikon oberhalb Hitzkirch zugeteilt, Klasse 1-4. Doch wie konnte ich Hämikon erreichen? In einem Verkaufs-Inserat des Zuger Amtsblattes entdeckte ich ein gebrauchtes Kreidler Florett, ein hochtouriges, für damalige Verhältnisse schnelles, aber auch sehr lautes Töffli mit 50 cm3. Das habe ich gleich gekauft und mein Transportproblem war gelöst.


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316: Mit einem solchen Kreidler Florett brauste ich jeden Tag nach Hämikon.

Ich bemühte mich, mit meinem Töffli auf niedrigster Tourenzahl am frühen Morgen den Waldschlupf zu verlassen. Die verlangsamte Fahrt am Obergärtnerhaus vorbei änderte jedoch nichts am ärgerlichen Lärm, sodass wahrscheinlich Familie Ast als auch Familie Weber geweckt wurden.


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317: Jeden Morgen früh donnerte mein lautes Kreidler-Florett am Turmhaus vorbei.

Noch heute spüre ich den grimmigen Blick im Nacken, den mir Frau Weber von der langen Holztreppe des Turmhauses aus stehend zuwarf, wenn ich frühmorgens vorbeidröhnte. Etwas hilflos versuchte ich mich jeweils hinter dem Sturzhelm zu verstecken. Nach drei Monaten war die Aufregung dieses Lärms vorbei und das laute Töffli wieder verkauft.
 

Wenig später verursachte mein erstes Auto, mein kleiner Opel Kadett, schon wesentlich weniger Lärm.

Schlosspark – adieu
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10.  Schlosspark – adieu

Nach 24 Jahren im Schlosspark St. Andreas kam für mich der Abschied. Ein neuer Lebensabschnitt begann. An unserer Hochzeit im Frühling 1971 marschierte ich zum letzten Mal den Weg hinauf, den ich als Kind tausende Male zurückgelegt hatte, mit freudigen, aber auch wehmütige Gefühlen: Freude auf das Zukünftige, Wehmut über das Vergangene.


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318 Adieu Schlosspark; adieu St. Andreas!

Mein Studium an der ETH und die «Aktivitäten» als Hobby-Automechaniker beschäftigten mich sehr, erfüllten jedoch mein Leben nicht. Mein Traum war, zu zweit durchs Leben zu gehen und eine Familie zu gründen. Schon nach den ersten Begegnungen mit Rita war ich überzeugt, die Frau meines Lebens gefunden zu haben. Nach zwei Jahren Bekanntschaft gaben wir unsere Verlobung bekannt, und noch während meiner Studienzeit haben wir 17. April 1971 geheiratet.


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319: Heiratsanzeige im Zuger Amtsblatt: Ein Student heiratet!

Es war für mich eine Selbstverständlichkeit, in der Kapelle St. Andreas – nur knapp 100 Meter von unserem Waldschlupf entfernt – zu heiraten, wo auch schon meine Geschwister getraut wurden. Um die Erlaubnis zu erhalten, in der Schloss-Kapelle heiraten zu dürfen, musste ich aber zuerst die Einwilligung von Herrn Kaplan Langenegger, dem «Städliherr», einholen.


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320: Zuerst wollte der Städtli-Kaplan Langenegger keine Bewilligung für die Hochzeit in der Kapelle St. Andreas erteilen.

Die Anfrage beim damaligen Städtliherr Kaplan Langenegger (so wurde der Kaplan im Städtli genannt) wurde abgelehnt mit der Begründung, er sei zum gewünschten Zeitpunkt nicht anwesend. Die guten Beziehungen meines Bruders Willi zu seinen früheren Priesterseminar-Kollegen ermöglichten uns zum Glück, einen Ersatzpriester zu finden. Somit stand der Hochzeitsfeier in der Schlosskapelle St. Andreas nichts mehr im Wege.

 
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321: In dieser Kapelle fanden in meiner Kindheit viele Hochzeitsfeiern statt; am 17.4.1971 dann letztendlich auch unsere!

Am Hochzeitstag, nach einer kurzen Begrüssung der Gäste im Waldschlupf, zog die Hochzeitsgesellschaft den Hügel hinauf zur Kapelle. Zum letzten Mal spazierte ich nun bedächtig – mit meiner zukünftigen Frau am Arm – auf diesem steilen Weg, den ich als Kind unzählige Male gehüpft, geschlendert, gesprungen oder gerannt bin, hinauf. Unmittelbar hinter mir folgten meine Eltern und dahinter die Eltern meiner Braut.


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322: Abschied vom Elternaus «zum Waldschlupf» (Riegelhaus hinten) – und Beginn eines neuen Lebensabschnittes.

Schon lange hegte ich den geheimen Wusch, am Hochzeitstag den Apéro im Castellino, dem Wasserschloss am Schlossweiher, durchführen zu dürfen. Doch auch hier gab’s vorerst eine Absage. Frau von Schulthess begründete, dass es in dieser Jahreszeit im Castellino noch feucht und muffig und deshalb für ein gemütliches Beisammensein ungeeignet sei. An Stelle der Räumlichkeiten im Wasserschloss schlug sie deshalb vor, den Apéro ins Schloss zu verlegen. Dieser Entscheid freute uns und erwies sich im Nachhinein als richtig, weil das Wetter an unserem Hochzeitstag nass und kalt war. Es war ein besonderes Erlebnis, im Anschluss an die Trauung eine kurze Zeit in den geschichtsträchtigen Räumen (m)eines Schlosses zu verbringen.

 

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323: Zwei Studienkollegen musizierten im Vorhof des Schlosses.

Besonders gefreut und geehrt hat uns die Teilnahme der Schlossherrschaft am Apéro.


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324 Meine Schwester und Brautführerin Rita servierte der Schlossherrschaft den Apéro.

Erst Jahre später erfuhr ich, dass Frau und Herr von Schulthess auch am selben Tag wie wir, allerdings 52 Jahre früher, ihre Hochzeit feierten. Ich erinnere mich nicht mehr, ob Frau oder Herr von Schulthess dies jemals erwähnt hatten. Das Lächeln von Frau von Schulthess auf dem Foto lässt vielleicht erahnen, dass sie sich womöglich in diesem Moment an ihre eigene Hochzeitsfeier erinnerte.


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325: Ein spezielles Lächeln der Schlossherrin, die sich vielleicht in diesem Moment an ihre eigene Hochzeit erinnerte, die ebenfalls an einem 17. April stattfand?


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325a: Monica und Fritz von Schulthess heiraten ebenfalls an einem 17. April, allerdings im Jahr 1929!

Während sich die Hochzeitsgesellschaft beim Apéro im Schloss vergnügte, durften wir im Park einige Erinnerungsfotos machen.


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326: Ein warmes Lächeln vor den Mauern des Schlosses – trotz grimmiger Kälte.

Nach der kleinen Feier im Schloss folgte ein schönes Hochzeitsfest im Hotel Hermitage in Luzern. Mit unserem VW Glückskäfer fuhren wir am folgenden Tag für einige Tage ins Tessin. Als jung verheirateter Turnlehrer stand ich jedoch schon eine Woche später wieder in der Turnhalle Städtli Cham.


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327: Im Huckepack mit meinem nach einem Blechschaden selbst reparierten und farbenfrohen Glückskäfer. Wir nannten ihn wegen seiner Waldbeeren-Lilafarbe «Joghurt-Auto».

Nach der Hochzeit brach der Kontakt mit St. Andreas ab. Frau und Herr von Schulthess nahmen jedoch nach der Geburt unserer behinderten Tochter mit uns wieder Kontakt auf und luden uns zu einem Tee ins Schloss ein, was uns sehr ehrte und besonders freute. An einem sonnigen Samstagnachmittag sassen wir auf der prachtvollen Schlossterrasse und plauderten miteinander in einer herzlichen Atmosphäre über Gott und die Welt – wir allein mit der Schlossherrschaft.

In dieser Zeit wurde für meine Eltern der Weg vom Waldschlupf hinauf ins Dorf oder zur Kirche zusehends beschwerlicher. Immer häufiger besorgte nun Baba die Einkäufe, doch diese Botengänge über den steilen Fussweg via Chauffeurhaus oder Schlüsselrain ermüdeten selbst ihn immer mehr.


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328: Baba bei einem seiner letzten Einkaufsgänge von St. Andreas aus, durch das steinerne Schlosstor und den schweren seitlichen Ketten hinaus ins Dorf.

Aus diesem Grund drängte sich schweren Herzens für unsere Eltern ein Wohnungswechsel auf. Wiederum war es Toni, der eine gute Lösung fand wie bereits vor Jahren während des Neubaus unseres Waldschlupfs. Toni vermittelte an der Pilatusstrasse in Cham die oberste Wohnung eines Hochhauses. Baba und Mamma willigten erleichtert ein, allerdings mit etwas Wehmut. Stundenlang hat mein Vater mit seinem alten Feldstecher, den wir schon als Kinder benutzen durften, vom Balkon der neuen Wohnung aus Richtung Zugersee und Pilatus geschaut und sich immer wieder an der schönen Aussicht erfreut. Vater und Mutter erlebten in dieser Wohnung eine schöne Zeit. Oft besuchten wir sie in ihrer heimeligen Wohnung. Mit Baba habe ich dann jeweils Musik gemacht. Beim letzten Besuch und meinem Wunsch, mit ihm wieder Mundharmonika zu spielen, sagte er jedoch traurig: «Ech mag nümme!»


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329: Baba und ich musizierten oft miteinander.

Im Herbst 1988 starb mein Vater nach einem reich erfüllten Leben. Ich hätte nie erwartet, dass mich dieser Abschied so lange beschäftigen und so traurig stimmen würde. Er war ein lieber, guter Vater. Er bleibt für mich ein unvergessliches Vorbild.


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(Einschub vom 4. Dezember 2019)
Mit dem heutigem Datum erschien in der Zuger Presse meine letzte «Chomer Geschichte».


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329a: Am 4. Dezember 2019 erschien meine letzte Chomer Geschichte in der Zuger Presse.

Zeitungsbericht:

Was das Schreiben von Erinnerungen bewirken kann, durfte Walter Bucher erfahren. Dies ist seine letzte Chomer Geschichte.

Ich wurde in letzter Zeit oft gefragt, wie ich mich an all die vielen Erlebnisse bis ins Detail erinnern könne, und dies sogar bis weit zurück in die Kindheit. Darauf habe ich immer gleich geantwortet: «Wenn man sich einmal Zeit nimmt, in aller Ruhe über vergangene Zeiten nachzudenken, dann ergibt die eine Erinnerung bald eine weitere, besonders dann, wenn man mit anderen Menschen darüber spricht. Oft haben mir Leute nach dem Lesen meiner Geschichten gesagt, dass sie ganz Ähnliches oder sogar genau Gleiches erlebt, dies jedoch nicht aufgeschrieben hätten. Dann habe ich jeweils nachgehakt: «Dann schreibe es doch auf, bevor du es vergisst!»



Meine Geschichten in der «Zuger Presse» lösten ein grosses Echo aus. Ich möchte mich auf diesem Weg für die vielen positiven Feedbacks ganz herzlich bedanken. Es gab lediglich eine einzige Korrektur im Zusammenhang mit der Neudorf-Geschichte. Eine Frau schrieb mir, dass Herr Ruhstaller kein Holzbein, sondern lediglich ein steifes Knie hatte. Und in einem P.S. fügt sie an: «Herr Ruhstaller war mein Grossvater!» Ich habe natürlich sofort Kontakt aufgenommen und mich bei ihr entschuldigt. Bei dieser Gelegenheit habe ich ihr erzählt, dass ich den Sohn von Herrn Ruhstaller – wir nannten ihn Gugeli – sehr gut kannte und dass er uns Junioren des Segelclubs Cham grosszügig seine Finnjolle zum Segeln anvertraute. Mehr noch, ich hätte im Jahr 1964 mehrere Tage mit ihm im Spital Cham verbracht. Er war dort wegen einer Verletzung, die er sich als Starter an einer Segelregatta zugezogen hatte und ich wegen meiner Meniskusoperation. Postwendend antwortete Frau Ruhstaller: «Gugeli war mein Vater!»

 
Der Ursprung meiner Geschichten liegt weit zurück. Als der Schlossherr Fritz von Schulthess, Arbeitgeber meines Vaters als Gärtner im Schlosspark St. Andreas, mich vor 30 Jahren nach einem Briefwechsel aufmunterte, ich solle doch die Erlebnisse aus meiner Kinder- und Jugendzeit im Schlosspark St. Andreas aufschreiben, fühlte ich mich zwar geehrt, aber nicht fähig genug, dies machen zu können. Jahre später kam ich ins Gespräch mit der Enkelin von Herrn von Schulthess, Frau Sibylle Pacher, heute Schlossherrin im Schlosspark St. Andreas. Auch sie ermunterte mich, die Idee ihres Grossvaters zu realisieren. Das war der zündende Funke. Ich begann völlig unstrukturiert Geschichten aufzuschreiben, die mir in den Sinn kamen. Und beim Verfassen dieser Texte ergab das Eine das Andere; es wurde immer mehr. Auf die Erzählungen rund um den Schlosspark folgten weitere Geschichten aus meiner Schulzeit.


Als die Gespräche mit der Schlossverwalterin Frau Sibylle Pacher über meine Kindheitserinnerungen im Schlosspark St. Andreas stattfanden, war ich 65 Jahre alt; die 70 rückte langsam näher. Sollte ich an meinem 70zigsten nochmals wie üblich ein Geburtstagsfest organisieren? Oder könnte ich anstatt mit einer Einladung jener Menschen, die mich auf meinem Lebensweg begleitet und unterstützt haben, mit einem Buch eine Freude machen? Obwohl nach dieser Gedankenspielerei noch viel Zeit bevorstand, konnte ich die Geschenk-Buch-Idee ganz kurz vor meinem 70. Geburtstag realisieren.


An meinem 70. Geburtstag waren wir mit einem befreundeten Ehepaar am Titisee. Dabei erinnerte ich mich noch gut an den Moment, als mein Vater 70 Jahre alt wurde. Bei unseren Zusammenkünften spielten wir jeweils miteinander Mundharmonika. Dies taten wir auch bei seinem 70. Geburtstag im Jahr 1972. Mit etwas Wehmut erinnere ich mich dabei an eine der letzten Begegnungen mit ihm in seiner Wohnung an der Pilatusstrasse in Cham. Seine Krankheit hatte ihn bereits sehr geschwächt; sein Lebensmut leider schon etwas verlassen. Trotzdem versuchte ich, ihn nochmals zu motivieren, mit mir auf seiner geliebten Mundharmonika zu spielen (Foto 329). Doch er sagte leise: «Ech mag nömme!» Das tat weh. Wenige Tage später ist er im Alter von 86 Jahren gestorben. Ich verehre ihn noch heute und bin ihm von Herzen dankbar für alles, was er mir geschenkt und für mich getan hat.

 
Nun ist es Zeit, diese Chomer Geschichten-Rubrik anderen zu überlassen, die ebenfalls unterhaltsame Geschichten aus früheren, aber vielleicht auch aus der heutigen Zeit, schreiben könnten. Vielleicht gibt es in Zukunft auch Zuger-, Baarer- oder Ägeri-Geschichten? Für mich ergaben sich daraus viele wunderbare Begegnungen mit Menschen, denen ich sehr lange Zeit nicht mehr begegnet bin, zu guter Letzt mit Alfred Heer aus Baar. Er war vor 60 Jahren mein Oberstift in der Papieri. Sein eindrücklicher beruflicher, militärischer und politischer Werdegang begann in der Lehre als Elektromechaniker, während ich nach der Lehrzeit den Weg im Bereich Bewegung und Sport fand. In seiner Autobiografie durfte ich aus seinem Leben viele schöne, abenteuerliche, spannende aber auch traurige Geschichten erfahren. Nun pflegen wir wieder den persönlichen Kontakt!


Das Schreiben von Geschichten hat mich stark an meine unvergessliche schöne Kinder- und Jugendzeit im Schlosspark am Zugersee und an Cham erinnert; jetzt ist meine Zweitheimat am Bodensee. Aber die Schloss St. Andreas- und Chomer-Erinnerungen bleiben, insbesondere auch die an meinen Vater. Es ist ein Abschied von vielen Leserinnen und Lesern, die sich an meinen kleinen Geschichten gefreut haben. Ob wohl jemand aus Cham oder aus einer anderen Zuger Gemeinde weitermacht?



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329b: Kleine Bildzeitreise zu meinen Chomer Geschichten: Waldschlupf – Schlosspark – Schlossweiher – Feuerwehrdepot und Kindergarten – Schulhaus Kirchbühl – die drei Seklehrer – Lehre in der Papieri – Primar- und Turnlehrerausbildung – erster Arbeitsort Städtliturnhalle – Heirat in der Schlosskapelle – erster Chomer Sportlehrer – und tschüss!

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Nun wieder zurück in die Zeit kurz nach dem Tod meines Vaters. Nachdem ich den schmerzlichen Verlust einigermassen verarbeitet hatte, wagte ich es, mit Frau und Herrn von Schulthess wieder Kontakt aufzunehmen. In einem Brief bedankte ich mich bei ihnen sowohl für die Fürsorge für Baba nach seiner Pensionierung als auch für alles, was wir Kinder im Schlosspark St. Andreas während unserer Kinder- und Jugendzeit erleben, entdecken und erfahren durften. Nach einem darauf folgenden, interessanten und herzlichen Briefwechsel mit Herrn von Schulthess (Abb. 3a und 3b) entstand die Idee, ein Buch mit Geschichten über meine Zeit im Schlosspark St. Andreas und im Laufe der Zeit immer mehr über «mein Chom» zu schreiben.

Im Jahr 1989 feierte mein Bruder Willi mit seiner Frau Käthi silberne Hochzeit und gleichzeitig heiratete sein Sohn Willi mit Esther Göldi. Anlässlich dieser Doppelhochzeit spielte ich mit meinem Freund Carl Rütti, der mir vor vielen Jahren die Grundlagen des Alphornspiels beigebracht hatte, ein Alphorn-Ständchen in der Villette. Im Anschluss darauf begaben wir uns auf den Vorplatz der Schlosskapelle von St. Andreas. Frau und Herr von Schulthess erwarteten uns mit grosser Freude. Wir spielten für sie einige Melodien – die Überraschung war gelungen.



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330: Carl Rütti und ich spielten im März 1989 auf dem Vorplatz des Schlosses.

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(Einschub 25. Mai 2019)
Wie hat die Carl-und-Walti-Alphorngeschichte eigentlich angefangen? Ich hatte Carl Ende der 80er Jahre schon oft gehört, wenn er Alphorn spielte. Ich bat ihn, mir sein Horn einmal auszuleihen. Ich begab mich dann zum nahegelegenen Rämsel-Bach und blies Richtung Zugerberg, was das Zeug hielt. Möglichst laut; das plätschernde Rämselrauschen schluckte zum Glück meine Misstöne. Immer mehr wuchs nach diesen ersten Versuchen der Wunsch, ein eigenes Alphorn zu besitzen. Carl vermittelte mir den bekannten Alphornbauer Nussbaum in Gwatt. Nach kurzer Zeit war auch ich stolzer Besitzer eines Nussbaum-Alphorns wie Carl, sogar mit einem wunderschönen eingeschnitzten Bucher-Familienwappen.


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330a: Mein Nussbaum Alphorn mit der Gravur des Bucherwappens gilt heute noch als «Mercedes» unter den Alphörnern.

Ich übte weiter, doch es blieb bei sehr einfachen Melodien. Immer wieder nahm ich das Horn hervor, begab mich zu meinem Übungsplatz in der Nähe des Rämsels und übte einige Stücke. Ab und zu gab es auch kleine Auftritte mit Carl, so u.a. an einer Diplomierung an der ETH. Eine verlorene Wette mit meinen Sportstudenten war nämlich der eigentliche Grund, weshalb ich überhaupt zum Alphornspielen kam. Deshalb musste ich anlässlich ihrer Diplomierung spielen – allerdings mit unheimlichem Knieschlottern! Doch mit Carls Begleitung hatte es einigermassen geklappt.


Einige Jahre später erfolgte der Umzug von Unterägeri nach St. Gallen. Die Kontakte mit Carl wurden leider immer seltener. Viele Jahre später sollten diese jedoch wieder aufgefrischt werden. Anlass war eine CD, die er gemeinsam mit Mathias Kofmehl produzierte. Er komponierte drei kleine Stücke mit dem Titel «Rämsel». Diese drei Melodien sollten Carl und mich viele Jahre später wieder zusammenführen.

Auf dem Cover der CD, welche im Jahr 2010 erschien, erzählt Carl seine Alphorn-Geschichte, welche auch ein bisschen die meine ist. Da steht u.a.: «… wo er gemeinsam mit seinem Nachbarn oft das Alphorn blies». Am 18. Februar 2012 spielten wir die Rämsel-Melodien zum ersten Mal – er an der Orgel und ich mit dem Alphorn.


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330b: Cover der RÄMSEL-CD, komponiert von Carl Rütti.

Es sind mittlerweile 30 Jahre vergangen seit einem unvergesslichen Auftritt mit Carl. Wir spielten vor dem Schloss St. Andreas und konnten damit der Schlossherrschaft Frau und Herrn von Schulthess eine grosse Freude bereiten (Foto Nr. 330). Inzwischen ist er ein über die Landesgrenze bekannter Komponist und Pianist geworden (ein Blick ins Internet gibt einen Einblick in sein vielfältiges Wirken).


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330c: Carl Rütti, mein erster Alphornlehrer und langjähriger Freund.


Nach dem Wegzug von Unterägeri in die Ostschweiz blieb mein Alphorn längere Zeit unbenützt an einer Wand hängen – lediglich als Dekoration! Durch einen Zufall erfuhr ich im Jahr 2009, dass es in der Ostschweiz eine Alphorngruppe gibt, die «Alphorngruppe Bodensee». Ich erkundigte mich beim Dirigenten Peter Hochreutener, wurde eingeladen zum Vorspielen und dann durfte ich in dieser Gruppe mitmachen. Heute bin ich bereits ein «Stammspieler» dieser Gruppe. An Auftritte habe ich mich mittlerweile gewöhnt; in der Gruppe ist das ja auch kein Problem.



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330c-1: Alphorngruppe Bodensee.

Immer mehr faszinierte es mich im Verlauf der Zeit, Anlässe mit Alphornklängen selber zu inszenieren oder mitzugestalten, speziell in der Kirche. Das hiess, allein oder in Begleitung eines anderen Instrumentalisten auftreten, z.B. mit Orgel, Saxophon oder Trompete.

Irgendwann wandte ich mich wieder an Carl Rütti und fragte ihn, ob ich einmal mit ihm in einer Messe spielen dürfte. So spontan wie er schon immer war, lud er mich im Sommer 2015 nach Oberägeri ein. Meine Töne waren nicht überwältigend, aber Carl munterte mich auf, weiter zu üben – bis zum nächsten Jahr! So ergab sich alljährlich immer wieder einmal die Möglichkeit, mit bzw. neben Carl zu spielen; dies bedeutete für mich jeweils ein Saisonhöhepunkt. Die ausgewählten Stücke wurden immer etwas schwieriger. Meistens ist es recht gut gegangen und Carl lobte meine Fortschritte. Es war für mich immer ein ganz besonders schönes und erhabenes ein Gefühl, mit bzw. neben einem so bekannten Musiker zu spielen, ja es machte mich sogar etwas stolz. Etwa vergleichbar, wenn ein 1. Liga Fussballer neben einem Fussballprofi der Nationalmannschaft mitspielen dürfte.

Bereits im vergangenen Winter hat mich Carl wieder informiert, dass wir am 26. Mai 2019 miteinander auftreten könnten. Er hat sogar versprochen, selber auch wieder mit dem Alphorn zu spielen. Das hat mich riesig motiviert und es verging eigentlich kein Tag, ohne dass ich mit dem Alphorn immer wieder jene Melodien übte, die vorgegeben waren.

Der Termin kam Tag für Tag näher. In der letzten Woche vor dem Auftritt spürte ich ab Mittwoch plötzlich eine verdächtige Unsicherheit. Meine Töne waren nicht mehr so klar, so überzeugend klar wie Tage zuvor. Also, noch mehr üben war die (falsche) Devise. Eigentlich wusste ich ganz genau, dass dies absolut falsch ist in einer solchen Situation. Auch die gut gemeinten Ratschläge meiner Frau – weniger wäre mehr – wollte ich nicht mehr hören; ich übte und übte weiter, aber es wurde immer schlimmer.


Am Donnerstag vor dem geplanten Auftritt war noch ein Zusammenspiel mit meinem ehemaligen Chef, dem Rektor der PHS St. Gallen, Alfred Noser, geplant. Ich wartete auf ihn in der Kirche Andwil und übte in den letzten Minuten vor unserem vereinbarten Zeitpunkt verzweifelt allein, aber die Töne wurden nicht besser; im Gegenteil. Ich fasste den verzweifelten Entschluss, dass ich Alfred vorschlagen würde, auf die vorgesehene Probe zu verzichten und lieber im nahegelegenen Restaurant einen Kaffee zu trinken. Alfred erschien nicht wie vereinbart um 13.30 Uhr; auch nicht bis 14.30 Uhr. «Welch ein glücklicher Zufall für mich; Alfred hat die Probe vergessen!», dachte ich, packte das Alphorn wieder ein und fuhr deprimiert nach Hause! Am Freitag hat sich Alfred dann in aller Form entschuldigt, dass er die Probe schlicht vergessen hatte. Ich erklärte ihm meine Geschichte. Unser Fazit: Es hatte so sein müssen – Ironie des Schicksals! 

Ich gab aber die Hoffnung noch nicht auf und begann trotz allem am Freitagmorgen schon um 07.00 Uhr wieder mit Üben, doch es strömten eher warme Luftgeräusche anstatt warme Töne aus meinem wunderschönen Alphorntrichter.
 

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330d: Wenn nur noch warme Luft anstatt warme Töne «erklingen», dann heisst es: Aufhören mit Üben und sich Zeit geben!

Am Freitagmittag versuchte ich es nochmals, aber dann war der Entscheid klar: Ich musste Carl absagen. Ich setzte mich an den PC und schrieb:

Lieber Carl
Ich muss schweren Herzens absagen. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie leid mir das tut. Ich hatte mich so sehr auf unseren Auftritt gefreut und fühlte mich bis vor einigen Tagen in «Alphorn-Höchstform». Nun kam der Hammer: Geschwollene Lippen; mehr warme Luft anstatt schöne Töne; kleine Wunde an der Lippe; oberes G ein Gewürge. Nein, so hat das keinen Sinn. Bitte entschuldige! 

Unmittelbar darauf hat Carl angerufen und zeigte volles Verständnis. Er hätte so etwas schon oft erlebt, vor allem bei Sängern. Ich solle mir nicht allzu viel Sorgen machen; das könne passieren. Und am Samstagvormittag tröstete er mich noch mit folgendem Mail:

Lieber Walti
Das tut mir so leid. Ich wünsche dir schnelle und gute Besserung. So freuen wir uns auf ein anderes schönes Zusammenspiel nächstes Jahr.

Aber da war noch ein zweites Problem, nämlich ein geplantes Treffen mit einem Freund. Schon öfter habe ich meinem langjährigen Zuger Freund Martin Bachmann davon erzählt, dass ich alle Jahre einmal mit Carl Rütti in Oberägeri während einer Messe Alphorn spiele, und dass mich Carl jeweils dabei begleitet. Da auch Martin Carl Rüttis Kompositions- und Konzerterfolge bestens kennt, erkundigte er sich unlängst bei mir, wann denn dieser Anlass das nächste Mal sattfinden würde. Mit Freude nannte ich ihm Zeit und Ort und lud ihn nach der Messe zu einem gemeinsamen Mittagessen im Seminarhotel Seefeld in Unterägeri ein. Wir beide freuten uns natürlich bereits auf die Gespräche beim und nach dem Mittagessen, denn wir haben schon sehr viel miteinander erlebt.


Martin ist mir in bester Erinnerung als Volleyballtrainer des LAK Zug, wo ich bis zum Aufstieg in die erste Liga mitspielte. Legendär ist ein gut gelungener Kurzpass-Smash in einem Meisterschaftsspiel, den wir in vielen Trainings immer und immer wieder geübt hatten, denn Martin war ein perfekter Passeur und ich oft ein wuchtiger Smasher. Martin kennt mich auch als jungen Schwimm-Assistenten der Turnlehrerausbildung an der ETH Zürich. Ich versuchte ihm die verschiedenen Schwimmtechniken zu verbessern; er erinnert sich immer wieder daran, wie er sagt.

Nun musste ich also schweren Herzens auch Martin darüber informieren, dass ich am Sonntag nicht in Oberägeri spielen würde und dass somit unser Mittagessen und die anschliessende Plauderstunde nicht stattfinden wird. Martin tat dies natürlich auch sehr leid, doch auch er zeigte, wie schon Carl, grosses Verständnis. Wir haben vereinbart, dass ich Martin nächstes Jahr wieder informieren werde, falls erneut eine Alphorn-und-Orgel-Messe durchgeführt wird.

Ich bin heute etwas erleichtert, aber dennoch sehr betrübt. Wie habe ich mich doch auf diesen Auftritt gefreut; wie oft hatte ich all diese Stücke auswendig schön und treffsicher gespielt? Es ist eine Niederlage, ein Versagen, ein Scheitern, zu dem ich ohne Wenn und Aber stehen muss. Ich hoffe, dass ich nach dieser schmerzhaften Erfahrung daraus die Erkenntnis umsetze: Nicht zu oft und zu lange üben vor einem Auftritt, und so bald feine Zeichen von Misstönen erklingen einfach das Horn weglegen und den Lippen Zeit schenken, sich wieder zu entspannen und mich selber zu beruhigen.


Doch all dies beginnt zuerst im Kopf. Ich weiss, dass ich speziell in der Situation eines Alphorn-Auftrittes mental (noch) nicht stark genug bin, in aller Ruhe hinzustehen und mir innerlich zuzuflüstern: «Du kannst es! Du hast gut und oft geübt!» Ob das in Zukunft gelingen wird? Wahrscheinlich spielte in diesem ganzen Stress auch noch eine Rolle, dass ich immer wieder an die bevorstehende Knieoperation dachte, hatte ich doch diese absichtlich mit meinem Arzt genau einen Tag nach dem geplanten Alphorn-und-Orgel-Auftritt vom 26. Mai geplant.


Ich hoffe sehr, dass ich nach dieser schmerzlichen Erfahrung mental etwas «stärker» bin und werde entsprechend gezielt weiter trainieren. Eigentlich ist es doch genau gleich wie im Sport. Wie oft habe ich dies z.B. im Golf erfahren? Da ging nichts mehr, und mit jedem weiteren Trainingsschlag auf der Driving Range wurde es nicht besser, im Gegenteil. Der Begriff des Übertrainings und dessen negative Folgen sind mir eigentlich bestens bekannt.


Auch das Alphornspiel ist letztendlich ein feines Zusammenspiel der Lippenmuskeln, allerdings auf kleinstem Raum mit feinsten Spannungen und Entspannungen, gesteuert vom Kopf; also Sport auf kleinstem Raum! Ich hätte doch all dies wissen müssen.

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Und hier folgt gleich der nächste Einschub!

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(Einschub vom 4. November 2019)
Ist «Lampenfieber» eine Form von Angst? Ist es die Angst vor einem möglichen Versagen; die Angst vor einer Blamage? Und wenn ja, was kann man, was kann ICH in Zukunft dagegen tun? Nach der Absage für den Auftritt des gemeinsamen Alphorn-und-Orgelspiels mit Carl Rütti im vergangenen Frühling (siehe Einschub oben vom 25. Mai) habe ich mir diese Fragen immer wieder gestellt. Ist dies vielleicht ein Grund, warum ich das Thema ANGST für den diesjährigen Allerheiligengottesdienst gewählt habe? Oder weil mich Angst in meiner Kinder- und Jugendzeit immer wieder beschäftigte?


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330e: Flyer zum Gottesdienst vom 3. November 2019.

Die mentale Vorbereitung auf diesen bereits vierten Gottesdienst an Allerheiligen in unserer Kirche Berg begann schon sehr früh. Ich suchte in den vergangenen Monaten bei passenden Gelegenheiten immer wieder das Gespräch mit verschiedensten Menschen und diskutierte mit ihnen über dieses Thema. Immer öfter wurde mir dabei bewusst, wie ich in meiner Kinder- und Jugendzeit ANGST erlebte. Ich hatte als Kind oft Angst, grosse Angst sogar. Angst vor der Dunkelheit im alten Waldschlupf; Angst vor Lehrpersonen; vor dem Pfarrer; vor dem Versagen an Prüfungen; vor dem Ertrinken. Erst viele Jahre später gewann ich durch meine Tätigkeit als Turnlehrer und später als Sportdozent zusehends an Selbstvertrauen. Vor vielen Leuten zu sprechen macht mir heute überhaupt nichts mehr aus. Bei Auftritten mit dem Alphorn dagegen holt mich diese verflixte «Lampenfieber-Angst» aber immer wieder ein. Ich übte deshalb besonders fleissig (aber dennoch nicht zu oft und nicht zu lange) auf diesen Allerheiligensonntag 2019 in der Überzeugung, dass mich das Bewusstsein «ich kann es» beruhigen wird. 


Sonntag, 3. November 2019. Punkt 10 Uhr nach dem Erklingen des letzten Glockenschlags im hohen Turm der Kirche Berg stand ich auf, nahm das Alphorn ruhig in die Hand, führte das Mundstück locker an die Lippen und begann mit der Einleitung zum Stück «Luegid vo Bärg und Tal». Nach meiner kurzen Einleitung mit wenigen Tönen setzte mein Kollege Jürg Sonderer mit der Trompete ein (er stand weit entfernt oben bei der Orgel); es ertönte eine schöne zweistimmige Melodie; der Einstieg war geglückt. Dann begab ich mich langsam ans Rednerpult und versuchte mit dem folgenden Gedankenspiel, die Besucherinnen und Besucher ins Thema ANGST einzustimmen:

 

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330f: Einstimmung mit einer virtuellen Einladung zu einer Gratisfahrt mit der Luftseilbahn auf den Säntis.

 

«Stellen Sie sich vor: Der Berger Kirchenrat hat von einer Person, die nicht genannt werden möchte, eine völlig unerwartete grosse Schenkung erhalten. Nun sollte ein Teil dieses Geschenkes verteilt werden und deshalb seid ihr alle heute Nachmittag zu einer Fahrt mit der Luftseilbahn auf den Säntis eingeladen, selbstverständlich gratis! Ein Bus zur Talstation Schwägalp steht um 13.30 Uhr vor der Kirche bereit. Es herrscht wunderbares Wetter mit einer traumhaften Aussicht aufs Nebelmeer mit grandioser Weitsicht. Wäre doch schön, oder nicht?


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330g: Ich prophezeite eine traumhafte Aussicht auf dem Säntis.

 

Für Verpflegung sei gesorgt. Wir wären um 17.30 Uhr wieder zurück. Und alles zu Hause wäre organisiert (z.B. Kinderbetreuung und weitere Verpflichtungen). Nun müsste ich aber wissen, mit wie vielen Personen zu rechnen sei. Deshalb bitte ich alle, die gerne mitkommen würden, dies mit Handerheben zu bezeugen».

 

Ca. 80 Personen erhoben spontan die Hand und zeigten damit, dass sie unter diesen Umständen mitkommen würden. Ich setzte das Gedankenspiel fort, nahm das Handy in die Hand und tat so, als ob ich mit der Talstation der Säntisbahn telefonieren würde. «Hier ist Walter Bucher von der Kirchgemeinde Berg; guten Tag Frau Thalmann. Ich habe mich gestern mit Ihnen unterhalten und angekündigt, dass wir mit 60 bis 80 Personen eine Spezialfahrt zum Säntis unternehmen möchten. Wir sind ziemlich genau 80 Personen und würden um 15 Uhr bei Ihnen eintreffen und dann gerne in die Bergbahn einsteigen; ist das o.k.?»

 

Nach einer ungewohnt langen Sprechpause erklärte mir die Frau in einem etwas tieferen Ton: «Herr Bucher, leider gibt es aber ein kleines Problem. Sie haben sicher gehört, dass die Säntisbahn längere Zeit ausser Betrieb gesetzt werden musste wegen einem Schaden, ausgelöst durch den Thermafrost. Heute morgen hat der Streckenverantwortliche bei einer Routinekontrolle festgestellt, dass er an derselben Stelle unmittelbar neben dem Mast wieder – wie bereits vor einigen Wochen – einen Riss in der Felswand entdeckt hätte. Der Schadenexperte käme aber erst nächste Woche vorbei. Wenn Sie aber mit der Gruppe trotzdem kommen möchten, müssten sie dies auf eigene Verantwortung tun.»

 

Ich spähte mit kritischem Blick in die Gesichter der Kirchenbesucher. Zuerst herrschte unheimliche Stille, dann aber steigerte sich die Stimmung in ein zunehmend lautes Gemurmel, bis ich wieder das Wort ergriff: «Ja, nun stellt sich die Frage, ob trotz diesen Umständen diese kleine «Säntisschulreise» stattfinden könne? Bitte diskutiert miteinander; danach werde ich eine erneute Umfrage starten!» empfahl ich den Anwesenden.

 

Und sofort wurde heftig und laut diskutiert. Um nach einiger Zeit die Diskussion sanft zu beruhigen, spielten Jürg Sonderer und ich abwechslungsweise ein Alphornstück, welches zu dieser Situation passte.


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330h: Alphornspiel als Auflockerung und «Entscheidungshilfe».

 

Auf eine weitere Umfrage habe ich dann bewusst verzichtet, denn mit Sicherheit haben sich alle in diesen Minuten intensiv mit dem Thema Angst und besonders mit ihrer eigenen Angst auseinandergesetzt; (m)ein «Etappenziel» war somit erreicht.

 

Dass der Umgang mit Angst mit der eigenen Biografie zu tun hat, versuchte ich mit einigen persönlichen Beispielen aus meiner Kinder- und Jugendzeit zu erklären. Dann zeigte die Pastoralassistentin auf, wo und in welcher Form Angst in der Bibel vorkommt. Schliesslich beschrieben zwei Knaben auf eindrückliche Art Kinderängste, über die sie in den letzten Religionsstunden miteinander diskutiert hätten.

 

Anschliessend inszenierten wir ein Zusammenspiel mit dem Gedicht «Erlkönig» und der stimmungsvollen Alphornmelodie «Moos-Ruef». Zu dieser Melodie schreibt der Komponist H.J. Sommer: Der «Moos-Ruef» ist eine Klangmalerei, die sich auf das «Grosse Moos» im Berner Seeland bezieht. Eine flache Landschaft, bewachsen mit Hecken und Bäumen, die oft in Nebel eingehüllt werden. Der «Moos-Rief» vermag eine Art «Erlkönig-Stimmung» heraufzubeschwören.

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330i: Moosruef, komponiert von H.J. Sommer.

Das Erlkönig-Gedicht handelt von einem Wettlauf mit der Zeit. Ein Vater reitet mit seinem todkranken Kind so schnell er kann durch einen dunklen nebligen Wald zum weit entfernten Spital. Das Kind, von Angst- und Fieberträumen geplagt, sucht schluchzend und schreiend Trost und Zuflucht beim Vater. Doch kurz vor dem Ziel stirbt das Kind in seinen Armen. 


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330k: Gemälde (Maler unbekannt) und 330i: Gedicht von J.W. Goethe, nach einer wahren Geschichte, die sich am Ende des 19. Jahrhundert in Jena ereignet hat.


Nach diesem «Dialog» Musik und Rezitation war es einen Moment lang mäuschenstill. Am Schluss ergriff ich nochmals das Wort und versuchte, die im Flyer vermerkte Empfehlung «Angst überwinden» nochmals aufzugreifen. Angst, so sagte ich, sei meistens ein schlechter Begleiter und mache ein Problem oft nur noch grösser. Ich persönlich würde es in Zukunft auch versuchen, denn die Kinderangst stecke mir halt immer noch irgendwie in den Knochen. Es gelingt mir immer etwas besser. 


Zu guter Letzt «plauderte» ich noch kurz aus meiner Stube: «Als ich kürzlich meine Frau ermahnte, sie solle doch wegen dieser Bagatelle nicht gleich Angst haben, erwiderte sie energisch: «Und Du muesch grad no öppis e so sääge!»

 

Das positive Feedback auf diesen «besonderen Gottesdienst» und ein dazu passender Zeitungsbericht, der zufällig wenige Tage später erschienen ist, haben mich motiviert, auch in einem Jahr wieder eine ähnliche Feier zu gestalten. Das Them «geistert» bereits in meinem Kopf; die Planung hat bereits begonnen …


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330m: Auch bei uns in der Kirche Berg «spielte am 3. November die Musik»!


Ich bin motiviert, solche zukunftsorientierte Ideen umzusetzen, und dass mir dies in Zukunft immer etwas besser gelingt, insbesondere im Umgang von «Lampenfieber-Angst» beim Spiel mit Alphorn vor Publikum.


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Nach diesen denkwürdigen Alphorn-Einschüben und Zukunftsgedanken zurück in den Schlosspark, zurück zum letzten Besuch beim Schlossehepaar Frau Monica und Herr Fritz von Schulthess. Leider starb Herr von Schulthess bereits zwei Jahre später und bald darauf auch seine Frau. Unzählige Verwandte, Bekannte und ganz Cham nahmen von ihnen Abschied. Eine ganz besondere Ära ging zu Ende.


Nach dem Tod meines Vaters fand die Mutter im Alters- und Pflegeheim Rotkreuz ihr letztes zu Hause. Sie durfte dort nach einem arbeitsreichen Leben noch viele geruhsame Jahre verbringen und erreichte sogar das 97. Lebensjahr. Die Besuche ihrer Kinder, Enkelkinder und Urenkelkinder hat sie sehr geschätzt und sich immer darüber gefreut. Ihre erste besorgte Frage an mich war stets: «Und Claudia?» Gegen Ende ihres Lebens verlor sie langsam ihr Augenlicht und wurde auch körperlich immer schwächer, bis sie uns für immer verlassen hat. Zum Abschied meiner Mutter schrieb ich folgendes Gedicht:

 
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331: Zum Abschied meiner Mutter – Auszug aus meinem Gedicht.

Ich träumte schon als kleiner Bub, Sportlehrer zu werden. Diesen Traumberuf durfte ich dann tatsächlich während rund 35 Jahren an verschiedenen Orten ausüben. Zuerst unterrichtete ich als Turnlehrer in Cham auf allen Volksschulstufen, dann als Seminarturnlehrer am Seminar Menzingen und bald darauf als Lehrbeauftragter in der Sportlehrerausbildung an der ETH Zürich. Ich erteilte Lektionen in den Fachbereichen Schwimmen, Tennis, Sportdidaktik vom 1.-6. Schuljahr, leitete zusammen mit Prof. Dr. Konrad Widmer das Seminar Spiel und koordinierte zu guter Letzt als Hauptverantwortlicher die ganze Sportdidaktik-Ausbildung.


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332 a/b/c: Die Ausbildung von Kindern und angehenden Lehrkräften im Fachbereich Bewegung und Sport war mir ein grosses Anliegen.


1985 kam es zu einem unerwarteten Führungswechsel. Mein Chef, Heinz Keller, Leiter der Kurse für Turnen und Sport, verliess die ETH und wurde Direktor der Sportschule Magglingen. Zutiefst bedauerte ich diesen Wechsel, denn unsere Zusammenarbeit war sehr gut. Glücklicherweise durfte ich jedoch einige Jahre später, als Heinz Keller das Bundesamt für Sport führte, unter seiner Leitung das Schweizerische Lehrmittelprojekt Sporterziehung in der Schule realisieren. Seine Stelle in Zürich übernahm der Magglinger Vizedirektor Guido Schilling. Dieser Wechsel bewog mich, eine andere Tätigkeit zu suchen.


Ich fand an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen eine neue Herausforderung und unterrichtete dort einige Jahre als Dozent für Sport und Didaktik. Den Sportunterricht für die angehenden Sekundarlehrpersonen gestaltete ich neu. Mit meinen Ideen stiess ich beim umsichtigen Rektor Alfred Noser immer auf offene Ohren. Nach Jahren guter Zusammenarbeit treffen wir uns immer wieder zum gemeinsamen Musizieren: Orgel und Alphorn. Und bereits mehrere Male gestalteten wir mit unserer Musik einen Gottesdienst.
 

Einer meiner prominentesten St. Galler Sport-Studenten war der Spitzenruderer Ueli Bodenmann. Während seinem zweiten Semester an der PH St. Gallen gewann er 1988 an den Olympischen Sommerspielen in Seoul die Silbermedaille im Doppelzweier. Durch Ueli fand ich den Zugang zum Rudersport. Gerne erinnere ich mich an die ersten Ruderlektionen auf dem Bodensee, die er mir mit grosser Begeisterung erteilte. Der Rudervirus hatte mich sofort gepackt.


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333: Ich lernte bei Ueli Bodenmann das Handwerk des Ruderns.

Anfänglich bekundete Ueli als Student zwar etwas Mühe, meine Philosophie des spielerischen Sportunterrichtes zu akzeptieren, denn als Hochleistungssportler hatte er eine andere Vorstellung von Sport und Training. 15 Jahre später schrieb er mir in einem Mail:
 

Zeiten und Personen haben mich geprägt. Du gehörst dazu. Im Sportunterricht und beim Rudern mit Junioren und Jugendlichen sind deine Ideen und Ansätze aktueller denn je. Ich freue mich, dass du Dank mir auch einige (Ruder-) Erfahrungen machen konntest.

Ueli und ich hatten vor einiger Zeit die Idee, das Ruderergometer concept2 als vielseitig anwendbares Trainingsgerät auszubauen. Wir entwickelten einen Bausatz, drehten einen Videofilm dazu und veröffentlichten ein Buch mit dem Titel «210 Spiel- und Übungsformen mit und um den Indoor Rower concept2». Obwohl wir für unser Projekt viele positive Rückmeldungen erhielten, endeten letztlich alle Bemühungen leider als Misserfolg. Das Erlebnis beim Drehen des Videofilmes, dem Verfassen des Buches und mit Ueli in einem Doppelzweier rudern zu dürfen, bleibt mir aber trotzdem in bester Erinnerung.

 
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334: Ich sitze stolz «am Schlag» des Doppelzweiers mit dem Silbermedaillengewinner Ueli Bodenmann.

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(Einschub vom 7. Juni 2019)
Und plötzlich wurde das oben erwähnte Buch wieder ein Thema! Darin hatte ich nämlich u.a. auch Übungen zur Anwendung in der Physiotherapie eingebaut, vielleicht bereits in der Vorahnung, dass ich einige davon irgendwann selber ausführen müsste?

 
Nach meiner Knieoperation vom 28. Mai 2019 (siehe Foto 382 ff.) muss ich mich nun tatsächlich intensiv mit Physiotherapie befassen, denn nur mit einem langfristigen, gezielten und regelmässigen Training werde ich mich von dieser Operation erholen. Das prophezeite mir gestern der Physiotherapeut Calvo Denoth unmissverständlich anlässlich meiner ersten Physio-Stunde im Fitnesscenter Update der Orthopädie St. Gallen.


«Nun muss ich also – gegen meinen bisherigen Willen – doch in ein Fitnesscenter!» war mein erster Gedanke, als ich das Aufgebot für mehrere Physiotherapie-Termine erhielt, denn seit meiner Ausbildung zum Trainer von swiss olympic vor vielen Jahren war ich erst einmal in einem grossen Fitnesstudio, nämlich in Zürich bei Herrn Kieser selber; daran erinnere ich mich noch sehr gut! Der Ablauf des Trainings verlief völlig ungewohnt!


Nach einer kurzen theoretischen Einführung seiner Idee ging's gleich los. Bis anhin vertrat ich die Ansicht (und hatte dies auch immer wieder so gelernt und meinen Sport Studierenden weitergegeben), dass man sich vor dem Sporttreiben zuerst gezielt aufwärmt und erst dann mit der Steigerung von Leistungsanforderungen beginnt, insbesondere beim Krafttraining. Doch bei diesem Erstkontakt mit der Kieser-Trainingsmethode war das völlig anders! Einfach: Auf die Plätze – fertig – los!

 

Es war Winter; unsere Muskeln beim Umziehen in der Garderobe noch kalt. Beim Eintritt in die «Maschinenhalle» (sie erinnerte mich sofort an meine Lehrzeit als Elektromechnaiker Lehrling in der mechanischen Werkstätte der Papierfabrik Cham) wurde mir Angst und Bange beim ersten Anblick dieser grossen Geräte. Und dann ging's gleich los: An die Maschinen, und gleich mit voller Kraft drücken oder ziehen, je nach Maschine, was das Zeug hält, war die Devise. Die Angst, eine Zerrung einzufangen, war gross, aber bei allen meinen Trainerkollegen passierte erstaunlicherweise nichts! Unsere Trainingstheorie: zuerst aufwärmen, dann erst Kraftübungen ausführen, geriet ins Wanken und löste beim nächsten Trainerseminar heftige und kontroverse Diskussionen aus; einig wurden wir uns nicht! Und wie es aussieht hat Kieser mit seiner Idee weiterhin grossen Erfolg.

 

Die Kieser-Ideen leuchteten mir zwar irgendwie ein, doch für die Umsetzung schien mir schon damals ein derartiger Maschinenpark mitten in der Stadt Zürich unverhältnismässig. Vieles wäre doch einfacher mit ganz traditionellen Geräten, die in jeder Turnhalle zu finden sind, möglich. Ich hielt mich auch nach dieser Erfahrung weiterhin an das Prinzip «zuerst aufwärmen und erst dann den Körper belasten».

 
Der erste Physiotherapietermin stand fest: 5. Juni 2019. Meine Frau chauffierte mich zum Update Fitnesscenter in Rorschach; ein grosser moderner Neubau. «Update – wer hat’s erfunden?» ging mir durch den Kopf.


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334a: Update – wer hat's erfunden? Es sind dies meine ehemaligen Nachbarjungens Dudel und Michi Ammann!


Klar, das waren doch tatsächlich meine beiden Berger Nachbarn Michael und Andrej Ammann, als wir vor über 30 Jahren von der Ostschweiz in den Kanton St. Gallen umgezogen sind. Andrej (sein Rufname «Dudel») und Michael (sein Rufname «Michi») waren Söhne des damaligen Vorstehers des Amtes für Turnen und Sport des Kantons St. Gallen, Walter Ammann. Andrej ging mit meinem Sohn Martin in Berg in die 5. Klasse; Michael war einige Jahre älter. Kurz nachdem ich als Dozent die ETH in Zürich verliess und an die PHS St. Gallen wechselte, begann Michael sein Sportstudium; wir hatten uns also irgendwie «verpasst». Diese beiden Jungens haben gemeinsam mit einigen anderen mutigen Kollegen das Risiko nicht gescheut und Schritt für Schritt ein Netzwerk von Fitnesscentern auf- und stetig ausgebaut; eine eindrückliche Erfolgsstory!

 

Nachdem ich mich mit meinen beiden Stöcken mühsam Stufe um Stufe die rote Treppe (es kam mir vor wie ein roter Teppich!) des Update Studios bis zum zweiten Stockwerk etwas umständlich hoch bewegt hatte, stand ich plötzlich in einer riesigen Halle. Ein Riesenmaschinenpark breitete sich vor mir aus. Und sofort kamen mir wieder Bilder aus meiner Zeit als Lehrling in der riesigen Metallwerkstatt der Papierfabrik Cham in den Sinn, lediglich diesmal ohne ölgeschwängerte Luft. Einige wenige Personen marschierten oder joggten auf einem Laufband oder bewegten sich an einer Maschine.


Eine Aufsichtsperson – wie ich erst im Nachhinein feststellte handelte es sich um Marc Zellweger, bis vor wenigen Jahren Schlüsselspieler des Fussballclubs St. Gallen und der Fussball-Nationalmannschaft – entdeckte mich, erkannte an meinen Krücken sofort, dass es sich bei mir um einen «neuen Physiotherapie-Kunden» handelt, und wies mich in einen nahegelegenen Raum. Da ich für meine Therapiestunde noch einige Minuten zu früh war, begab ich mich nochmals zurück in den Maschinenpark und bat Marc, ob er so nett sei und ein Foto von mir mit dem Hintergrund der Fitnessmaschinen machen würde. Das tat er gerne, wusste aber (noch) nicht, welches mein Beweggrund für dieses Foto war.


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334b: Marc Zellweger machte für mich ein Foto, wusste aber nicht warum!

  

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334c: Vor meiner ersten Physiotherapiebehandlung stand ich im Fitnessmaschinenpark des neuen Update Centers in Rorschach SG (mit integrierter Physiotherapie der Orthopädie St. Gallen).

 

Wie schon erwähnt, war ich seit dem ersten und einzigen Kiesertraining nie mehr in einem Fitnessstudio. Mein Anliegen als Sportlehrer war stets ein spielerischer und dennoch gezielter Sportunterricht, vom Kinderturnen bis hinauf zur Hochschule, und dies, wenn immer möglich, im Freien. Diesen «Spielvirus» konnte ich dank der Zusammenarbeit mit vielen kompetenten Lehrpersonen, Übungsleitenden und Trainern in der Buchreihe «100X Spiel- und Übungsformen» mit grossem Erfolg umsetzen (www.sportfachbuch.de > Alle Sportfachbücher > Spiel- und Übungsformen > ca. 30 Bände).

 

Krafttraining war für mich lange Zeit kein Thema; Ausdauer stand im Zentrum meines Trainings. Als ich jedoch Dank Ueli Bodenmann den Rudersport entdeckte, hat mich das Thema Krafttraining, insbesondere Kraftausdauer, plötzlich interessiert. Ich erwarb deshalb ein Rudertrainingsgerät concept2 als Ergänzung zum Training auf dem Wasser und trainierte regelmässig damit; meine Leistungen wurden zusehends besser.



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334d: Der Indoor Rower concept2 – Basis für ein vielseitiges Kraftgerät?

 

Während meinen Trainings auf dem Ruderergometer überlegte ich mir immer wieder, wie aus diesem einseitigen ein vielseitiges und spielerisches Trainingsgerät gebaut werden könnte. Die Idee faszinierte auch Ueli Bodenmann, und so begaben wir uns auf eine spannenden «Entdeckungs- und Entwicklungsreise». Nach unzähligen Stunden hatten wir es geschafft: Ein vielseitiges Ergänzungsset zum Indoor Rower concept2 und ein Buch als Anleitung inkl. Anmeldung beim Patentamt lagen vor.

 
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334e: Von der einseitigen zur vielseigen Anwendung des Indoor Rowers concept2.



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334f: Praxisbeispiele, die sich jetzt für meine Knietherapie bestens eignen!

 

Die Idee begeisterte anfänglich viele Freizeitsportler, Trainer und Physiotherapeuten, sogar einen damaligen Jugendbundestrainer aus Deutschland, doch ein durchschlagender Erfolg wurde das Gerät nie; es war schlicht für die Praxis zu kompliziert. Zumindest für mich hat sich der damalige Aufwand trotzdem gelohnt, denn ich ergänze nun mit diesem Gerät meine Knie-Physiotherapie.



Aber eigentlich hatte ich schon 1980 ein power board gebaut, bzw. ein Rollbrett umfunktioniert. Eine ähnliche Idee also wie beim Rudergerät. Dem in der Schweiz führenden Sportgerätehersteller Alder und Eisenhut gefiel die Idee und er nahm mein umgebautes Rollbrett ins Verkaufssortiment auf.


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334g: Mein selbst gebautes power board wurde von der Sportgerätehersteller-Firma Alder und Eisenhut ins Sortiment aufgenommen und vermarktet.


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334h: Einige der vielen möglichen Übungsbeispiele mit meinem power board auf einer schräg gestellten Langbank.


Meine Ideen waren aber überhaupt nicht neu, denn es gab bereits rund 100 Jahre früher, genau im Jahr 1866, einen Erfinder mit einem Seilzuggerät namens Abplanalp. Er zeigte damit Möglichkeiten auf, wie man zu Hause auf kleinstem Raum ein eigenes Fitnessstudio bauen könnte, und dies nur mit einem Gerät. Seine Übungen hiessen «Abplanalp's Rumpfturnen; das Gerät «Rumpfturn-Apparat».


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334i: Abplanalp's Rumpfturn-Apparat im Jahr 1866.


Es gab also schon immer Tüftler, auch im Sport. Wenn sich eine Idee durchsetzte wie z.B. das Snowboard, das Mountainbike oder Inline Skates usw., dann entwickelte sich daraus in Windeseile ein Boom, doch meistens flachte der anfänglich grösste Trend eines Tages wieder ab. Es stellt sich für mich deshalb die Frage, wie lange der Boom mit den Fitnessstudios anhält.


Meine Zweifel bestehen nach wie vor, doch vielleicht (ver-)führt mich mein Physiotherapeut Calvo Denoth im Verlauf des Aufbautrainings doch einmal in die «Fitness-Maschinenhalle» für ein gezieltes Krafttraining meiner Beinmuskulatur? Ob ich jedoch deshalb jemals ein Stammkunde des Update Fitnessstudios werde, wage ich zumindest heute zu bezweifeln, doch auch in diesem Fall lautet ein kluger Leitsatz: «Sag niemals nie!»

 
Bei dieser Gelegenheit nahm ich wieder einmal Kontakt mit meinen damaligen Nachbarjungens Dudel und Michi Ammann, die heutigen Chefs des Grossunternehmens Update fitness! Schon nach kurzem Gespräch kamen wir wieder ins Schwärmen in unsere damaligen Erlebnisse als Berger Nachbarn.


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Wieder zurück in meine interessanten Jahren an der PHS St. Gallen. Kurze Zeit nach Beendigung dieser Tätigkeit durfte ich beim Aufbau der PH Luzern in verschiedenen Funktionen mitwirken. Ich freute mich, zurückzukehren in vertraute Schulhäuser und Schulzimmer, in denen ich vor 45 Jahren als schüchterner Student meine Ausbildung zum Primarlehrer begonnen hatte. Da tauchten natürlich sofort wieder Bilder aus meiner damaligen Studienzeit im Luzerner Lehramtskurs V1 in den 70er Jahren auf, und ich erinnerte mich gut daran, wie ich täglich denselben Schulweg wie in meiner Kindheit zurücklegte: den Schlüsselrain hoch, am Ritterhaus vorbei, der Schloss-Gärtnereimauer entlang bis zum Hirsgarten, unter der Bahnunterführung durch, über die Fussgängerbrücke der Lorze, dem Bahngeleis und der hohen Kirchenmauer entlang bis zum Bahnhof. Die Sicht zum Kirchturm blieb zwar verdeckt, die Kirchenglocken jedoch waren gut zu hören.


Bei Glockengeläute der grossen St. Jakobskirche mit dem 80m hohen Kirchturm erinnerte ich mich gerne daran, dass ich als Knabe mithelfen durfte, zwei der insgesamt sieben Glocken in den hohen Glockenstuhl des Kirchturms hinaufzuziehen, zuerst die «Bruder Klausen-Glocke» und anschliessend die «Sakramentsglocke». Mit vielen Kindern stand ich erwartungsvoll in der langen Kolonne, fasste entschlossen das Hanfseil, welches über verschiedene Umlenkrollen geführt wurde, und zog auf Kommando mit allen andern kräftig die Glocke langsam hoch. 


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335: Glockenaufzug mit uns Chamer Kindern im Jahr 1959.
 

Kirchenglockengeläut ertönt immer zu bestimmten Anlässen, sei es für eine Uhrzeit, ein hohes Fest, eine Hochzeitsfeier, eine Messfeier oder auch bei einem Begräbnis. In meiner Kindheit warnten die Glocken sogar vor starken Gewittern. Wenn sich bei Wind und Sturm die mächtigen Tannen rund um unseren Waldschlupf bedrohlich bogen und wenn es im Geäst unheimlich rauschte und Blitz und Donner Unheimliches ankündete, dann sprengte meine Mutter Weihwasser ins Freie. 


Der Klang der Chamer Kirchenglocken stimmt mich aber immer traurig, wenn ich auf dem Chamer Friedhof am Grab meines Vaters, meiner Mutter oder meiner Brüder Toni und Willi stehe.

Zurück zu meinem damals täglichen Lehramtskurs-Schulweg zum Chomer Bahnhof. Oft plagten mich auf diesem Weg Zweifel, einerseits den hohen Anforderungen des Lehramtskurses (Umschulung von Berufsleuten zu Lehrpersonen innerhalb von 2 ½ Jahren) genügen zu können, und andererseits später wirklich ein guter Lehrer zu werden. Geprägt durch negative Erlebnisse in meiner Schulzeit setzte ich mir als angehender Lehrer das hohe Ziel, Kindern und Jugendlichen zu ermöglichen, in einer angstfreien Atmosphäre zu lernen, zu üben und zu leisten.

Ich erinnere mich sehr gut an den 21. November 1965, wie ich am kleinen Bahnhofschalter erwartungsvoll beim freundlichen Chamer Bahnhofvorstand Hans Wermelinger mit Stolz mein erstes Monats-Abonnement für unbeschränkte Anzahl Fahrten Cham-Luzern kaufte. Es kostete lediglich 28 Franken. 

 
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336: Der freundliche Bahnhofvorstand Wermelinger gab mit seiner Kelle jedem Zug das Signal: Abfahren – Bahn frei.

Noch sehe ich, wie Herr Wermelinger mit der leuchtend roten Bahnhof-Vorstands-Mütze im kleinen Stellwerk von Hand die Weichen betätigte, wie er mit der Kelle auf dem Bahnsteig bereit stand, die Fahrgäste begrüsste (er grüsste mich stets mit meinem Namen) und, nachdem der letzte Bahnkunde eingestiegen war, dem Lokomotivführer das Zeichen zur Abfahrt gab.



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337: In dieser Zeit wurden die Weichen noch von Hand gestellt. Das Stellwerk besteht heute noch am gleichen Standort wie damals, allerdings jetzt als Museumsobjekt hinter Glas im Bahnhof Cham.


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337a: Der alte Chomer Bahnhof, so wie ich ihn aus meiner Kindheit in Erinnerung habe.
 

Auch bezüglich Finanzierung meines bevorstehenden Studiums wurden in dieser Zeit Weichen gestellt. Ich verdiente bis anhin nur wenig Geld und war deshalb gezwungen, Wege zu suchen, das Lehramtsstudium selber zu finanzieren. Meinen Eltern war es nicht möglich, mich finanziell zu unterstützen. Deshalb ersuchte ich um ein Stipendium beim Kanton Zug. Die zuständige Instanz bot mir lediglich ein zinsloses Darlehen an. Von Kollegen aus dem Kanton Luzern erfuhr ich jedoch, dass sie ein Darlehen erhalten haben mit der Auflage, dass ihnen nach Abschluss des Studienganges mit jedem Jahr Schuldienst im Kanton Luzern Schritt für Schritt das Darlehen erlassen wird. Ermutigt durch diese Nachricht stellte auch ich ein Gesuch in Luzern. Erfreut erhielt ich dasselbe Angebot, nämlich Fr. 6000.-, wie meine Luzerner Kollegen, allerdings auch mit derselben Rückzahlungsklausel. Somit konnte ich fürs Erste bezüglich Finanzen sorgenfrei das Lehramts-Studium beginnen.

Unmittelbar nach Abschluss der Lehramtsschule begann mein Sportlehrerstudium an der ETH in Zürich. Wiederum stellte sich die Frage, wie alles zu bezahlen sei, denn mich drückte immer noch die Schuldenlast meines Darlehens beim Kanton Luzern. Etwas verzweifelt in dieser Situation fasste ich Mut und meldete mich direkt beim damaligen Zuger Regierungsrat Dr. Hans Hürlimann. Überraschend bot er mir ganz unbürokratisch einen Gesprächstermin an einem späten Freitagnachmittag an. Ich erinnere mich noch genau, wie ich ziemlich nervös an seiner Bürotüre anklopfte. Er bat mich einzutreten, und ich durfte ihm mein Anliegen schildern. Nach einem kurzen Gespräch beruhigte er mich und versicherte mir, dass der Kanton Zug die Kosten meines Luzerner Darlehens übernehmen wird. Mir fiel ein grosser Stein vom Herzen.

 
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338: Der Zuger Regierungsrat (und spätere Bundesrat) Dr. Hans Hürlimann hatte mein Finanzproblem schnell und unbürokratisch gelöst.

1973 wurde Herr Hans Hürlimann Bundesrat und 1979 Bundespräsident. Bei seinen Reden und Auftritten erinnerte ich mich immer wieder mit leichtem Stolz an unser Freitagnachmittagsgespräch, damals in seinem Büro im Regierungsgebäude in Zug. 
 

Ein schöner Zufall wollte es, dass dies nicht das letzte Gespräch mit dieser bekannten Persönlichkeit war! Während meiner Tätigkeit an der ETH fanden im Restaurant «Au Premier» im Hauptbahnhof Zürich ab und zu Besprechungen mit Vertretern aus anderen Hochschulen oder Sportverbänden statt. Bei einem solchen Anlass erkannte ich an einem Tisch nebenan Altbundesrat Hans Hürlimann. Wie vor meiner ersten Begegnung mit ihm in Zug fasste ich auch diesmal wieder Mut, begab mich an seinen Tisch, stellte mich vor und schilderte ihm die Freitagnachmittags-Besprechung von damals, als er mich in meiner finanziellen Not grosszügig unterstützt hatte. Verständlicherweise konnte er sich nicht mehr detailliert daran erinnern, freute sich aber sichtlich, dass sein damaliger Entscheid positive Folgen hatte und wünschte mir darauf weiterhin alles Gute.

Nach diesem gedanklichen Ausflug wieder zurück auf meinen Weg zum Chamer Bahnhof. Zum Bild des Chamer Bahnhofareals gehörte auch das eindrücklich grosse gelbe Saurer Postauto mit Chauffeur Laugery. Dieser Bus war jeweils unübersehbar mitten auf dem Bahnhofplatz parkiert. Cham – Sins – Hochdorf stand auf dem roten Schild seitlich des Postautos. Der Fahrplan war sehr bescheiden, lediglich eine Fahrt morgens, eine mittags und eine abends. Leider war ich selber nie Fahrgast in diesem besonderen Gefährt.


Eine Ausfahrt mit einem solchen Postauto – inzwischen ein Oldtimer – durfte ich 50 Jahre später, am 9. Mai 2015, doch noch erleben, anlässlich des Tages der offenen Türe im Schlosspark St. Andreas.


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339: Ein solches Postauto stand damals auf dem Chamer Bahnhofplatz.

Jeden Morgen marschierte ich auf dem Weg zum Bahnhof auch am Güterschuppen vorbei. Zur Bahnhofplatzseite hin befand sich eine hohe Rampe zum Ein- und Ausladen. Die Chamer Handwerker – auch mein Bruder Toni – holten dort ihre bestellten Materialien ab oder spedierten ihre angefertigten Produkte via Bahn irgendwohin. Der freundliche und stets fröhliche Vorsteher des Güterschuppens, Herr Wehrli, erfüllte seine Aufgabe freudig, prompt und zuverlässig.


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340: Der Chamer Gütterschuppen.

Für unsere Familie spielte dieser Güterschuppen einmal pro Jahr eine wichtige Rolle. Zu dieser Zeit gab es in Cham Hausierer (auch Reisende genannt), die von der Blindenwerkstätte Blidor in Adliswil verschiedenste Artikel wie Seifen, Bürsten, Waschmittel, Reinigungstücher usw. an den Haustüren zum Kauf anboten. Es waren immer zwei Männer, ein Blinder mit einem weissen Blindenstock und ein Sehender als Blindenführer. Dieses Auftreten gab den Kunden das Vertrauen, dass das zum Verkauf angebotene Material tatsächlich in einer Blindenwerkstatt weitgehend von blinden Menschen angefertigt würde. Diese Reisenden, welche über gute Umgangsformen und Fachkenntnisse verfügen mussten, waren die grossen Arbeitsbeschaffer für Blidor. Sie holten die Aufträge heim!


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341: Blidor-Reisende: Ein Sehender und ein Blinder unterwegs auf Kundensuche.

Diese beiden Männer begaben sich von Türe zu Türe, von Klingel zu Klingel und boten ihre Produkte an. Die Käufer konnten an der Haustüre verschiedenste Artikel bestellen, und einige Wochen später wurde das gewünschte Material ins Haus geliefert – in Cham von der Familie Bucher! Diese aufwändige Verteils- und Verkaufsarbeit organisierte unsere Mutter. Als erstes mussten wir alles Material beim Güterbahnhof abholen. Der Vorsteher, Herr Wehrli, kannte uns bereits gut, und die Übergabe erfolgte deshalb meist unbürokratisch und speditiv. Wir schichteten alle Artikel sorgfältig auf unseren kleinen Handwagen und transportierten die schwere Last mühsam schiebend gemeinsam zum Waldschlupf.
 

Im oberen Stockwerk unseres Waldschlupf-Hauses deponierten wir das viele und platzraubende Material fein säuberlich, was den Zugang zu den einzelnen Zimmern dadurch wesentlich erschwerte. Im ganzen Haus schmeckte es nach Seife. Wenige Tage später stand die aufwändige Auslieferung an. Wir nannten diese Aufgabe «verträge». Am Mittwochvormittag sortierte unsere Mutter zwecks guter Übersicht das Material nach bestimmten Ortsteilen, zum Beispiel fürs Duggeli oder für die Löbernstrasse. Kurz nach dem Mittagessen luden wir alles vorbereitete Material auf unseren Handwagen und wir – meine Mutter, meine Schwester Margrit und ich – marschierten in die Richtung, welche die Mutter zum voraus geplant hatte. Dann bestimmte sie, wer zu welchem Haus gehen musste, und dort lieferten wir die bestellte Ware ab. Natürlich hofften wir immer, dass nebst dem zu bezahlenden Betrag noch ein kleiner Batzen übrig bleiben würde, den wir jeweils als Sackgeld behalten durften. Zum Glück war bei den Kunden, die etwas bestellt hatten, meistens immer jemand zu Hause.


Wir Kinder waren keineswegs stolz, eine derartige Arbeit in unserer Freizeit ausführen zu müssen, aber uns blieb keine andere Wahl. Wenn ich in ein Haus, in dem ein Kind aus meiner Klasse wohnte, etwas bringen sollte, bat ich meine Schwester, für mich dorthin zu gehen. Aber alles hatte aber auch positive Seiten, denn wir verdienten ein kleines Taschengeld und lernten auf diese Weise jede Strasse, jeden Weg und jeden kleinsten Winkel des Chamer Dorfes besser kennen als viele andere Kinder. Dies erleichterte meinen Auftrag auch später als Ausläufer beim Denner!

Nach diesem Abstecher in die Kinderzeit zurück zu den Bahnfahrten Cham – Luzern. Von Montag bis Samstag, jeden Tag einmal hin und zurück. Dieser aufwändige Weg während zweieinhalb Jahren hat sich für mich letztendlich gelohnt. Ich wurde Primarlehrer, später Turn- und Sportlehrer, und letztendlich Dozent für Sport.
 

Einen Teil der Wegstrecke habe ich gemeinsam mit Ferdy Firmin zurückgelegt. Wir lernten uns 1963 in einem Kurs «Schwimmen und Spiele» in Magglingen kennen.


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342: Erster Kontakt mit Ferdy Firmin an einem Kurs im Jahr 1963 in Magglingen.

Zufälligerweise begegnete ich Ferdy 3 Jahre später erneut, allerdings nicht im Zusammenhang mit Sport, sondern beim Vorstellungsgespräch bei Prof. Bannwart in Luzern. Wir beide schafften diese erste Hürde und wurden zur Lehrerausbildung zugelassen. Nachdem wir auch den halbjährigen Vorkurs bestanden hatten, begann die Ausbildung am Lehramtskurs V1.

Zu dieser Zeit wohnte Ferdy noch in Chur und sah sich deshalb gezwungen, irgendwo in die Nähe von Luzern umzusiedeln. Meine Mutter fand für ihn eine kleine Wohnung unweit vom Waldschlupf entfernt an der Zugerstrasse, wo früher unsere ehemalige Haushälterin Frau Pfeifer wohnte. In ihrer kleinen Stube hatte mich Frau Pfeifer in meiner Kinderzeit jassen gelernt.


Das Haus nebenan war die Ufenau, das Wohnhaus des Chamer Kaminfegermeisters Kasimir Kopp. Er war ein Chamer Original, meldete sich – zum Gelächter aller – an jeder Gemeindeversammlung zu Wort, aber für uns Kinder war er ein besonders dankbares Opfer für allerlei Streiche.


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342a: Kasimir Kopp, ein seltenes und spezielles Chomer Original!

 
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343: Kaminfeger Kasimir Kopp war stets mit einem Fahrrad unterwegs.

Auf einem kleinen Zugangsweg zum Haus des Kaminfegers stand auf einem Schild: Privatweg zur Ufenau. Wer dort unerlaubterweise durchmarschierte, musste mit einer gehörigen Schelte von Kasimir rechnen. Deshalb warnte ich Ferdy, diesen Privatweg besser nicht zu benützen und erzählte ihm einige für mich unvergessliche Episoden von diesem «Chomer» Kaminfeger:
 

Kasimir fuhr einmal pro Jahr auf seinem alten, rostigen Fahrrad zu uns in den Waldschlupf und russte unser hohes Kamin. Schwer beladen mit allem, was er für diese Arbeit benötigte, erschien er bei uns unten im Waldschlupf auf einem alten Velo (wie Foto 343).

Kasimir war ein guter Armbrustschütze. Er besass eine eigene private Armbrust-Schiessanlage hinter seinem Haus unmittelbar neben dem Bahngeleise. Von der nahegelegenen erhöhten Passerelle aus, der Bahnüberführung der Bahnlinie Zug-Cham, konnten wir Buben ihn beim Training gut «von oben herab» beobachten. Natürlich unterliessen wir es nicht, ihn aus dieser sicheren Distanz – wie wir glaubten – zu foppen. Am selben Tag – Familie Bucher sass bereits friedlich beim Nachtessen – polterte es heftig an der Haustüre. Meine Mutter öffnete, und gleich darauf schon stand Herr Kopp breitspurig mitten in unserer Küche. Mein Vater protestierte heftig, doch Kasimir kam trotzdem direkt auf mich zu und schimpfte ununterbrochen auf mich ein. Zum Glück sass ich hinter dem Tisch, und so konnte mir nichts passieren. Nach einer weiteren eindringlichen Aufforderung meines Vaters, er solle jetzt sofort unser Haus verlassen, verschwand er murrend. Auf Babas Frage, was ich denn schon wieder angestellt hätte, schilderte ich ihm, was vorgefallen war, allerdings in leicht abgeschwächter Form!

Ferdy und ich pendelten jeden Tag gemeinsam mit der Bahn zwischen Cham und Luzern. Jede Minute dieser Fahrten nutzten wir zum Lernen. Wir bildeten eine gute Lernpartnerschaft, wie ich es schon in der Sekundarschule mit Häsi Doswald positiv erlebt hatte. Nach Abschluss der Luzerner Lehramtsschule trennten sich jedoch unsere Wege. Ferdy absolvierte die Turn- und Sportlehrerausbildung an der UNI Bern und ich gleichzeitig an der ETH in Zürich. Sowohl Ferdy als auch ich erhielten bald darauf kleine Assistenz-Lehraufträge. Ferdy studierte weiter und doktorierte Jahre später in Psychologie und Pädagogik. Ich begann an der UNI in Zürich das Phil II-Studium als Sekundarlehrer, doch meine bescheidenen am Lehramtskurs erworbenen Grundlagen in Mathematik genügten den hohen Anforderungen bei weitem nicht. Ich gab deshalb den Plan nach 2 Semestern wieder auf und konzentrierte mich nur noch auf den Sport.
 

25 Jahre später kreuzten sich Ferdys und meine Wege erneut. Die Eidgenössische Sportkommission erteilte den Auftrag, ein neues Schweizerisches Sportlehrmittel für alle Stufen der Volksschule zu erarbeiten. Ich wurde als Projektleiter gewählt. Da ich wusste, dass sich Ferdy in seinen Studien und in seiner Doktorarbeit mit der Pädagogik der Vorschulkinder befasst hatte, war er für mich für die Mitarbeit in diesem Mammutprojekt, (Band 2 / Vorschule), bestens ausgewiesen. Im Jahr 2009 beendete Ferdy seine Lehrtätigkeiten an der UNI Bern. Einmal mehr hatte sich für mich durch diese Zusammenarbeit ein Kreis geschlossen.
 

Der spielerische Sportunterricht war mir schon immer ein grosses Anliegen. Deshalb veröffentlichte ich bereits während meiner aktiven Zeit als Sportlehrer eine eigene Sport-Buchreihe beim Hofmann-Verlag (sportfachbuch.de > Alle Sportfachbücher > Spiel- und Übungsformen). Als Projektleiter des Schweizerischen Lehrmittels Sporterziehung konnte ich auch dem Schulsport viele Impulse vermitteln. Diese Aufgabe ermöglichte mir, bereits mit 50 Jahren mehrheitlich zu Hause zu arbeiten und mich somit früh schrittweise aus dem Berufsleben als Turn- und Sportlehrer zurückzuziehen. Nach meinem 50. Geburtstag leitete ich den administrativ mühsamen Weg zum selbständig Erwerbenden ein. Seither bin ich mein eigener Chef und realisiere verschiedene Projekte.

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344: Der Grafiker Daniel Lienhard schenkte mir zum 50. Geburtstag dieses Logo bucherprojekte. Zwei Augen wie Golfbälle mit zwei gegengleichen Buchstaben.

Das Schweizerische Lehrmittelprojekt war ein hartes und intensives Stück Arbeit. Mit Genugtuung und grosser Erleichterung erlebte ich den Abschluss dieses Projektes. Es war für mich ein gutes Gefühl und eine grosse Ehre, zum Abschluss Bundesrat Ogi im Nationalratssaal vor vielen Vertretern des Schweizer Sports die sechsbändige Lehrmittelreihe zu überreichen.


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345: Ich durfte im Nationalratssaal Bunderat Ogi das Lehrmittel Sporterziehung überreichen – es war für mich ein spezielles Gefühl!

Anlässlich einer der letzten Lehrmittel-Tagungen der Eidgenössischen Sportkommission ESK in Magglingen hatte ich die Ehre, neben Anton Wicky, dem bekannten Alphornkomponisten, das Stück «s’Turnbuech isch fertig», zu spielen. Er widmete und komponierte es mir speziell für diesen Anlass.

 
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346: Toni Wicky komponierte für mich die Alphornmelodie «s’Turnbuech isch fertig».  Uraufführung am 10.11.1997 in Magglingen.


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347: Uraufführung des dreistimmigen Alphornstücks in der Sportschule Magglingen. Meine zittrigen Knie sind zum Glück nicht zu sehen.

Sport bedeutet mir nach wie vor sehr viel. Wenn immer möglich bewege ich mich jeden Tag in irgendeiner (intensiven) Form. Ebenso wichtig ist mir aber auch das Alphornspiel. Ich freue mich, mit diesem Instrument regelmässig klangvolle Töne zu spielen, sei es allein oder in einer Gruppe. An Stelle von Sportanlagen suche ich immer mehr geeignete Plätze fürs Alphornspiel. Ein Geheimtipp für Alphornspieler ist die Umgebung am Seealpsee. Wo ich früher an solcher Stelle, ausgerüstet mit einer Fischerrute, eher nach Forellen Ausschau hielt, tauche ich heute lieber mein Alphorn ins Wasser und freue mich am schönen Echo. Ebenso gerne spiele ich in Kirchen; das Echo ist meistens ebenfalls sehr schön.


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348: Am Seealpsee – früher eher mit einer Fischerrute, heute lieber mit einem Alphorn.

Wenn man mal in aller Ruhe zurückschaut – das ist als Pensionär gut möglich! – stellt man fest, dass alles so schnell vorbeiging: Die Ferien; die vergangene Woche, der soeben zu Ende gehende Tag. Und so war ich unerwartet schnell 70-jährig! Ich wollte kein Geburtstagsfest organisieren, sondern all jenen, die ich zu diesem Fest eingeladen hätte, ein spezielles Geschenk machen – (m)ein Buch schenken! Das habe ich getan.


Am 24. Juni 2015 – also an meinem 70. Geburtstag – verreisten wir mit einem befreundeten Ehepaar für einige Tage an den Titisee; ich wollte an diesem speziellen Tag «unerreichbar» sein. Am frühen Morgen spielte ich im Morgennebel mit einem unvergesslichen Echo; dies hielt mein Freund Wilfried Harringer – von mir unbemerkt – von seinem Hotelzimmer aus fest!


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348a: An meinem 70zisgten Geburtstag stand für mich die Zeit beim Alphornspiel am Titisee einen kurzen Moment still.

Heute leben wir in Freidorf in der Nähe des Bodensees. Der Standort unseres Hauses wird dem Strassennamen Seeblickstrasse gerecht, denn wir haben einen wunderschönen Ausblick auf den Bodensee.


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349: Traumhafte Aussicht – der Name Seeblickstrasse stimmt.
 

Bei Sturm können wir von unserem Balkon aus mehr als 20 blinkende Sturmwarnleuchten rund um den Bodensee zählen. In solchen Momenten erinnere ich mich an meine Zeit am Zugersee (Foto 227), die vielen Aktivitäten im Seerettungsdienst Ennetsee, die unvergesslichen Erlebnisse am Chamer Seeufer mit meinem «alten» Freund Toni Trottmann und die unzähligen kleinen Abenteuer rund um den Waldschlupf.

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(Einschub März 2019 und November 2019)
Es ist Frühling 2019. Wir befassen uns mit einer neuen Wohn-Situation, verkaufen unser Einfamilienhaus und ziehen um in eine Eigentumswohnung, ganz in der Nähe. Es ist mir gelungen, das Projekt «bergundseeblick», ein Famlienhaus mit 7 Wohnungen, in die Wege zu leiten. Mein Sohn plante das Vorhaben als Architekt ETH.


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349a: Winter 2019. Das im Neubau befindliche Mehrfamilienhaus bergundseeblick – unser zukünftiger Wohnort.


Bereits im November 2019 fand der Umzug statt und am 12.12.2019 erschien folgende Anzeige im Lokalblättli BERG AKTUELL:



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349b: Wir sind nach 15 Jahren in Freidorf wieder zurück in Berg!

Nun wohnen wir in einer geräumigen Attikawohnung mit Blick zum Bodensee und zum Alpsteingebirge. Das Wohnhaus wird dem von mir kreierten Namen bergundseelick gerecht. Natürlich hat ein solches Gebäude auch einen Lift. Treppensteigen ist jedoch eine der billigsten und vielleicht effektivsten Fitnessübung. Deshalb versuchen wir jeden Tag daran zu denken und uns möglichst oft nicht «liften zu lassen» sondern die Treppe zu benützen. Auch wenn Gäste kommen, versuche ich diese zum Treppensteigen zu motivieren, indem ich ihnen auf dem Beantworter sage: «Möchtet ihr mit dem Lift oder zu Fuss hinaufkommen? Wer zu Fuss die 56 Treppen hochsteigt, wird mit einer ganz speziellen Begrüssung belohnt!» Die Art der Belohnung wird dabei jedoch nicht genannt; sie soll überraschen! 


Wenn der Lift gewünscht wird, dann öffne ich von oben zuerst die Haustüre und anschliessend die Lifttüre und «hole» die Gäste direkt in unsere Wohnung. Wer Treppen steigen möchte, dem öffne ich nur die Haustüre und erwarte sie bei weit offener Wohnungstüre im Treppenhaus. Vor unserer Wohnungstüre im dritten Stock warten nämlich ein Bub und ein Mädchen und lacht den Gästen freundlich entgegen!


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349b_1: Der Aufstieg hat sich doch gelohnt bei dieser herzlichen Begrüssung, oder nicht?


Wir haben ein wunderschönes Haus verlassen, aber es war für uns zu gross und der Zeitpunkt für einen Rückzug in «kleinere Gefilde» schien uns richtig. Meine Frau wäre zwar gerne noch länger dort geblieben, aber es gelang mir, sie von diesem «Schritt» zu überzeugen. 


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249c: Zurück bleiben 15 Jahre Erinnerungen an ein schönes zu Hause.

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Und wieder noch weiter zurück in meine Kinderzeit. Da brauste ab und zu der Rote Pfeil unweit vom Schlossgarten entfernt vorbei. Ab und zu musste er jedoch vor dem Rotlichtsignal bei der Scheune des Bauernhofs Holzgang anhalten. Ein hastiges Ein- oder Aussteigen wäre in einem solchen Moment zwar verlockend gewesen, doch dies war selbstverständlich streng verboten. Beim Regionalzug von Zug nach Cham dagegen wagten wir dies trotzdem oft, wenn dieser «Bummler» am «Holzgang-Signal» anhalten musste. Dann galt: Blitzschnell aussteigen, den Absperrzaum ohne am rosteigen Draht anzuhängen zu überklettern und so schnell wie möglich auf der Holzgangwiese das Weite zu suchen. In diesem Falle kamen wir in den Genuss einer eigenen Haltestelle, nur wenige Meter vor unserer Haustüre.


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350: Bei roter Ampel musste selbst der Rote Pfeil anhalten.

Es kommt mir manchmal vor, als hätte ich in meiner Kindheit an der Haltestelle «zum Holzgang» im Abteil eines Roten Pfeils Platz genommen. Diese Zugsreise wurde durch meine Eltern, meine Geschwister, meine Schulkameraden, verschiedene Lehrpersonen und nicht zuletzt auch durch das abenteuerliche Umfeld des Schlossparks St. Andreas beeinflusst.


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351: Es kommt mir vor, als sei ich in meiner Kindheit in einen Roten Pfeil eingestiegen.

Im Verlauf meines Lebens führte mich dieser Rote Pfeil mit unterschiedlichen  Geschwindigkeiten durch verschiedene Gegenden, durch Tunnels, über hohe Brücken, durch herrliche Landschaften, aber auch durch trostlose Umgebungen, auch mal abwärts, mal aufwärts, doch dann meistens wieder geradeaus. Einige wenige Male standen die Signale jedoch auf Rot, zum Glück nur für kurze Zeit. Heute kommt es mir bei der Betrachtung der Pro Juventute Marke vor, als ob das Kind fragen würde: «Isch das scho sooo lang här?»


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352: Der Rote Pfeil –  2013; Sujet einer Pro Juventute-Briefmarke.

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Erneuter Einschub!

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(Einschub 18. Mai 2019)
Auf meine Empfehlung hin hat Alina Rüti, Redaktorin der Zuger Presse (Gratiszeitung im Kanton Zug mit einer Auflage von über 50'000 Ex.) meine Idee aufgenommen, dass nebst meinen Geschichten wahrscheinlich auch noch weitere Personen bereit wären, «Geschichten die ihr Leben schrieb» zu veröffentlichen. Dann hat sie mit Werner Gretener Kontakt aufgenommen, der ein Buch mit Hünenberger Geschichten geschrieben hat. Seither schreiben wir beide alle zwei Wochen Geschichten für die Zuger Presse, meine als «Chomer Geschichten» und seine als «Hünenberger Geschichten».


Heute, am 18. Mai 2019, las ich seine erste mit dem Titel «Wie der rote Pfeil zu einer gewöhnlichen blauen Lokomotive wurde». Natürlich begann ich gespannt zu lesen, denn nur schon der Titel weckte bei mir sofort wieder Erinnerungen an «meine Roter-Pfeil-Geschichten».

 


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352a: Werner Gretener's erste Hünenberger Geschichte vom Roten bzw. blauen Pfeil.

Es ging mir beim Lesen seiner Geschichte gleich wie vielen Menschen, die mein St. Andreas Buch gelesen hatten: Da erzählt einer eine Geschichte aus seinem Leben und sofort erinnert man sich an eigene, ähnliche oder beinahe gleiche Begebenheiten. Diese «Roter Pfeil Geschichte», verbunden mit den alljährlichen Weihnachtsausstellungen im Restaurant Bären von Herrn Baumgartner, riefen auch bei mir viele Kindheitserinnerungen wach.


Ich hatte als kleiner Bub weder den Wunsch nach einer Modelleisenbahn noch auf eine Roter Pfeil Lokomotive – das hätten sich meine Eltern gar nie leisten können – sondern lediglich auf eine ganz kleine Berg-und-Tal-Bahn. Eine winzig kleine Lokomotive musste man mit einer Feder aufziehen. Dann rollte sie mehrmals auf einer Schiene, vielleicht 80cm lang, mal abwärts und dann wieder aufwärts hin und her, bis die Feder lahm wurde und wieder aufgezogen werden musste. Ich spielte mit dieser Loki, bis ich eines Tages die Feder «überzog»; das Spielzeug war defekt! Mit dieser Erinnerung schrieb ich am gleichen Tag Werner Gretener folgendes Mail:

Salü Werner

Wir kennen uns (bis jetzt) lediglich als Chomer- bzw. Hünenberger-Geschichten-Schreiber, die in der Zuger Presse veröffentlicht werden. Mit Sicherheit haben wir beide ähnliche Erfahrungen gemacht beim Verfassen aber vor allem auch beim Recherchieren im Zusammenhang mit unseren Geschichten aus guten alten Zeiten. So könnte ich beispielsweise an Deiner Weihnachts-Ausstellung im Bären sofort anknüpfen, z.B.: Berg-und Talbahn ausgesucht und gewünscht, dann auf den Weihnachts-Wunschzettel geschrieben und dann vom Christkind an Weihnachten erhalten; später Versammlungen des Segelclubs Cham und des Seerettungsdienstes Ennetsee im gleichen Saal; ferner Gespräche mit Herrn Baumgartner in seinem Fischereiartikel-Laden an der Luzernerstrasse, den ich als leidenschaftlicher Fischer häufig besuchte usw.

Ich freue mich, dass Frau Rütti meinen Ball aufgenommen hat, in der Zuger Presse weitere Geschichten und Erzählungen zu veröffentlichen. Hoffentlich stirbt diese Idee nicht aus. Ich mache noch dieses Jahr mit; dann liegt der Ball bei Dir und hoffentlich noch bei weiteren Schreiberlingen!

Und jetzt noch eine ganz andere Idee: Bestimmt hast auch Du auch schon daran gedacht, dass Du einzelne Geschichten vergessen hast oder dann da und dort noch interessante Ergänzungen möglich wären. Besonders auch nach positiven Feedbacks auf jeweilige Hünenberger Geschichten, oder? Ich habe eine interessante Möglichkeit kennen gelernt, wie ich mein Buch «Start ins Leben im Schlosspark St. Andreas» dauernd aktualisieren kann, ohne dass mich dies etwas kostet. Schau do mal hinein unter www.meet my life. Suche dann unter Autoren mit dem Buchstaben B oder mit dem Jahrgang 1945. Dort wirst Du eine bereits häufig und vielseitig ergänzte Version meines Buches finden (im Kap. «10 Schlosspark adieu» auch den Text, den Du jetzt gerade liest!). Und diese Form ermöglicht es Personen, Lebensgeschichten von anderen Menschen zu lesen – gratis! Wir zwei haben ja das Verfassen von Geschichten in einem Buch nicht gemacht, um Geld zu verdienen. Vielleicht aber können wir einen Beitrag leisten, dass auch andere Personen dadurch motiviert werden und nun zum Schreibstift greifen? Falls Du mehr über meet my life erfahren möchtest, dann melde Dich doch einfach mal bei mir oder lies dazu die ausführlichen und leicht verständlichen Informationen im Internet unter meet my life!


Noch am gleichen Tag meldete sich Werner telefonisch bei mir. Es ergab sich ein sehr langes und äusserst interessantes Gespräch. Gleiche Erfahrungen; gleiche Geschichten; ganz ähnliche Rückmeldungen von Menschen, die sein (und/oder mein) Buch gelesen hatten. Werner sagte, dass er bereits wieder über 15 neue Geschichten geschrieben habe, aber er wisse noch nicht recht, wie «es» weitergehen soll. Es stellte sich auch heraus, dass Werner meinen Bruder Toni sehr gut kannte. Kunststück: Sie haben den gleichen Jahrgang 1939; da kennt man sich natürlich auch über die Gemeindegrenzen hinaus! Leider ist mein Bruder Toni schon seit vielen Jahren gestorben.

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Zurück zu meiner Roter-Pfeil-Geschichte: Während meiner Lebens-Zugreise nahmen im gleichen Abteil des Roten Pfeils meine Frau und später auch unsere zwei Kinder Platz. Martin, unser Sohn, ist bereits vor mehreren Jahren ausgestiegen, wohnt in Zürich, arbeitet als Mitinhaber des Architektenbüros Enzmann und Fischer Partner AG und hat eine Familie gegründet. Am 21. Januar 2015 teilte er uns mit grosser Freude mit, dass wir Grosseltern eines gesunden Mädchens geworden sind.


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353: Ich wurde am 21. Januar 2015 zum ersten Mal überglücklicher Grossvater.

Unsere Freude war überwältigend. «Gesund geboren und liebevoll umsorgt» heisst der Titel des zweiten Kapitels dieses Buches, und das gilt jetzt auch für mein Enkelkind Hannah. «Gesund geboren» zu werden ist seit der Geburt unserer Tochter Claudia vor 46 Jahren keine Selbstverständlichkeit mehr!

 
Und bereits nach kurzer Zeit, am 11. Juli 2017, kam das zweite Enkelkind – ein Knabe – auf die Welt. Wir freuen uns und sind unendlich dankbar, dass wir dieses Enkelkinderglück (mit-)erleben und geniessen dürfen! An unseren regelmässigen Enkelhütetagen in Zürich können wir immer wieder Fortschritte feststellen und uns daran freuen.


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353a: Unsere beiden Enkelkinder Hannah und Basil auf einem Spaziergang mit ihrem Grosi.

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(Einschub am 19. November 2019)
Die Zeit läuft und läuft! Heute war wieder einmal Züri-Enkeltag. Basil war an diesem Morgen nicht in der Krippe, aber Hannah für einen Halbtag im Kindergarten. Es wurde mir bewusst, dass wir uns erst noch riesig gefreut hatten über die Geburt von Hannah und zwei Jahre später von Basil, und heute schnuppert Hannah bereits Schulluft im imposanten Schulhaus Ilgen in der Stadt Zürich. Und die beiden Kleinen rennen bereits wild in der Wohnung und auf dem Pausenplatz – sie sagen diesem Platz nur «Pausi» – herum; Basil zwar häufig über seine Verhältnisse! Immer wieder muss er sich von den Eltern oder im schlimmeren Fall von einem Arzt pflegen lassen. Einige Narben in seinem Gesicht machen dies deutlich. So sehe ich mich gezwungen, ihn immer wieder zu ermahnen, entweder langsamer zu rennen oder beim Klettern vorsichtiger zu sein (was mir als Sportlehrer nicht leicht fällt!). Er kann einfach die Gefahren oft noch zu wenig einschätzen, will etwas wagen, auch solches, was er noch nicht kann. Seiner «grossen Schwester» nachzueifern, die sich bei waghalsigen Klettereien schon viel geschickter im Gleichgewicht halten kann, ist wahrscheinlich seine grösste Motivation. Und mit grosser Gewissheit wird er, wenn er so weitermacht, sie mit seinem enormen Bewegungsdrang bald «überholen», zumindest was seine motorischen Fertigkeiten betrifft.

 

Gegen 11.55 Uhr schlenderten Basil und ich zum Schulhaus Ilgen hinauf, gleich neben der Sophienstrasse 23, seit einigen Monaten Wohnort meines Sohnes Martin und seiner Frau Meret Arnold. Unsere Aufgabe war es, Hannah nach Schulschluss abzuholen. Um 11.58 öffnete Hannah die schwere Schulhaustüre, entdeckte uns und rannte mir mit grosser Freude in die Arme.

 

Nach dem Mittagessen und einer kurzen Mittagpause machten wir – meine Frau, Hannah, Basil und ich – uns auf zu einem Spaziergang. Zuerst zum Römerhofplatz, dann mit dem Dolderbähnli den Züriberg hinauf zum Dolder. Nach einem kurzen von Buchenblättern dicht überdeckten Waldweg standen wir vor der Eisbahn Dolder. Dann lief bei mir ein «Film» von Erinnerungen ab!

 

Mit Kurt Greter, meinem Schulfreund in der 3. Sek., durfte ich im Jahr 1963 zum ersten Mal in meinem Leben auf einer Kunsteisbahn Schlittschuh laufen. Vater Greter chauffierte uns mit seinem samtweichen Citröen ID nach Zürich (Foto 137). Bis anhin kannte ich nur das Natureis auf dem St. Andreas Schlossweiher und das Eisfeld auf dem Hartplatz der Chamer Turnhalle Städtli. Nun fühlte mich auf dieser riesigen Kunsteisfläche in einer ungewohnten Traumwelt.

 

Noch besser aber ist mir mein erstes Eishockeyspiel auf der Dolder Kunsteisbahn in Erinnerung. Ich hatte bis anhin weder in einer kompletten Ausrüstung noch an einem offiziellen Meisterschaftsspiel in einer Mannschaft mit 5 Feldspielern und einem top ausgerüsteten Goali Eishockey gespielt. Der Trainer Heini Bertschi gab mir den Auftrag, mich einfach in der Nähe und wenn immer möglich auf der gleichen Höhe von Nödi – dem Urgestein des Baarer Schlittschuhclubs – aufzuhalten und einfach das zu machen, was er mir jeweils befehlen würde. Mit schlotternden Knien suchte ich immer wieder die Nähe von Nödi und hoffte, dass er für mich die im Verlauf des Spiels anfallenden Probleme lösen würde. Das tat er natürlich souverän und immer in stoischer Ruhe. Er «schirmte» mich gut ab und meine Puckkontakte liessen sich deshalb an einer Hand zählen. Aber der Start war geglückt; ich war jetzt dabei; ich war jetzt ein richtiger Eishockeyspieler!



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353b: Links neben mir Nödi Sattler, das «Urgestein» des BSC; rechts ich als schüchterner junger Walter Bucher im Tenue des Baarer Schlittschuhclubs.

 

Der clevere Trainer Bertschi muss mein Talent als schnellen Schlittschuhläufer erkannt haben und verstand es, mich in den Trainings gezielt zu fördern. Bald gehörte ich bei den Junioren zu den Stammspielern und durfte oft fast während der gesamten Spieldauer auf dem Eis bleiben. Bei den Wechseln schickte Heini mich jeweils vom Sturm in die Verteidigung, dann wieder zurück in den Sturm. Somit stand ich während eines Drittels meist auf dem Eis und musste nicht auf der Auswechselbank bis zum nächsten Einsatz ausharren und frieren. Auch in der ersten Mannschaft – damals noch in der zweiten Liga – konnte ich zusehends Fuss fassen und gehörte nach einiger Zeit mit der Nummer 8 auf dem Rücken bereits zum Kader. Dies auch noch nach dem «Umzug» von Baar nach Zug, vom Baarer Schlittschuhclub BSC zum Eissportverein Zug EVZ. Nach dem Aufstiegsspiel in die erste Liga war dann aber für mich die kleine Eishockeykarriere zu Ende (Foto 312; Bildmitte zwischen Coach Ueli Huber und dem umsichtigen und initiativen Coach Hans Schumpf); das Sportlehrerstudium war jetzt für mich wichtiger.

 

Nachdem mir die Aufnahmeprüfung für das Sportlehrerstudium an der ETH problemlos gelungen war, erlebte ich eine Zeit, wie ich es mir – nach der Zeit als Lehrling in der Papierfabrik Cham und dann nach dem sehr strengen Lehramtskurs in Luzern – nie annähernd hätte träumen lassen. So viel Freiheit! Da durfte ich plötzlich gehen und kommen, wann ich wollte. Und jeden Tag Sport auf dem Studienplan; davon hatte ich wirklich schon lange geträumt. Vieles, was in der Sportlehrerausbildung geboten oder gefordert wurde, machte mir keine Probleme. Viele motorische Fähigkeiten und Fertigkeiten erwarb ich im Turnverein, im Fussballclub und in meiner Kindheit im Waldschlupf. Es gab aber auch «Neuland», z.B. Volleyball.


In der eiskalten Lufthalle hinter der Rämiturnhalle mussten wir mit kalten Händen beim ungarischen Dozenten Horwath stundenlang das obere Zuspiel üben, was mir nie so richtig gelang; deshalb war es für mich äusserst langweilig.


Viel interessanter wurde es aber für mich, wenn wir in der gleichen Jahreszeit oben auf dem Dolder im Fach Eislaufen und Eishockey antreten mussten bzw. durften. Da konnte ich meinen «Trumpf» ausspielen, denn das letzte Spiel im Dress des EVZ lag nur wenige Monate zurück. Während sich einige meiner Kollegen nur auf wakeligen Füssen und sich am Eishockeystock aufstützend über das glatte Eis mühten, kurvte ich locker und gekonnt mit Stock und Puck wild umher. Doch beim Kunsteislaufen hatte auch ich Mühe, den Aufforderungen der Eislauflehrerein zu genügen. Ich war nicht gewohnt, auf Eiskunststiefeln zu laufen, hakte immer wieder mit den Zacken an der Spitze der Kuven auf dem Eis an und stürzte oft; das war für mich eher ungewohnt, aber da musste ich durch. Obwohl ich auch in dieser Sparte an der Schlussprüfung eine recht gute Figur machte und im Bereich Eishockey der beste war – zu einer 6 im Diplom reichte es mir im Fach Eislaufen und Eishockey dann doch nicht!


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353c: Kunsteislaufen war nie meine Stärke, gehörte aber auch zur Ausbildung.

Nun stand ich also mit meinen beiden Enkelkindern da, wo ich mein erstes «richtiges» Eishockespiel erlebte, das erste Mal auf einer Kunsteisbahn Schlittschuh laufen durfte, später einige Meisterschaftsspiele mit dem BSC bestritt und zu guter Letzt einige Übungsstunden im Rahmen meiner Sportlehrerausbldung absolvierte. Inzwischen sind rund 50 Jahre vergangen!


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353d: Mit meinen Enkelkindern auf der Dolder Kunsteisbahn.


«Möchti au emol!» haben der bewegungshungrige Basil und die talentierte Hannah vor dem Rückmarsch nach Hause gesagt, nachdem sie den vielen Kindern beim bunten Treiben auf der Eisfläche zugeschaut hatten. Ich freue mich jetzt schon, die beiden bei ihren ersten Gehversuchen auf Kuven zu unterstützen. Die Frage wird allerdings sein, ob ich «es» selber überhaupt nach so langer Zeit noch kann? Sicher bin ich nicht, doch das wird sich dann zeigen.

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Zurück zu unserer, zu meiner Familie. Unsere behinderte Tochter Claudia bleibt in unserem Zugsabteil sitzen. Wir begleiten und betreuen sie behutsam, reisen nun zu dritt weiter und versuchen so lange wie möglich die gemeinsame Fahrt zu geniessen, egal wohin die Reise geht!

Es ist (mit mir) viel passiert seit meiner Kindheit. Dies wird augenfällig, wenn man den fünfjährigen Walterli neben dem mittlerweile siebzigjährigen Walter sieht.


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354: Walterli von damals und Walter von heute.

Mein Leben ist Bewegung, auch heute noch! Während vielen Jahren übte ich verschiedenste Sportarten aus. Rudern lernte ich allerdings erst nach meinem vierzigsten Lebensjahr. Ich trainierte erstmals in meinem Leben regelmässig und systematisch sowohl auf dem Ruderergometer als auch mit meinem eigenen Skiff auf dem Alten Rhein. Anstatt wie beim Schwimmen mit den Händen Vortrieb zu erzeugen, tat ich dies nun mit zwei Ruder – immer wieder, immer wieder.
 

Das Rudern beeinflusste immer mehr meine Sichtweise auf gewisse Dinge im Leben, da Rudern eine Sportart ist, bei der man sitzt, rückwärts schaut, sich gleichzeitig vorwärts bewegt und die Ziellinie erst sieht, nachdem man sie passiert hat. Diesen wegweisenden Gedanken nehme ich mit in meine Zukunft und versuche immer häufiger, den Augenblick zu geniessen. Ich bin dankbar für alles, was hinter mir liegt und warte gespannt, was noch auf mich zukommt.


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355: Mit viel Zuversicht und Gottvertrauen mutig weiterrudern, mal kräftig …


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355a: … und öfter auch mal ganz gemütlich!


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(Einschub Ende Januar 2020)
Jeder Mensch wurde durch seine Biografie mehr oder weniger geprägt: Kindheit – in meinem Fall im Schlossgarten St. Andreas ganz speziell – , Eltern, Lehrpersonen, soziales Umfeld usw. All dies ist mir beim Schreiben meiner «Lebensgeschichten» bewusst geworden.


In meiner Kindheit war mein Vater Vorbild, in der Jungendzeit verschiedene Idole, so z.B. der schnelle Läufer Hansi Buri. Ihm eiferte ich beinahe blindlings nach, was mir auch ein gutes Stück weit gelang. Er begann eine Lehre als Elektromechaniker in der Papierfabrik Cham und so wollte ich es auch, das ist mir gelungen. Ihm einfach nachzueifern interessierte mich mehr als die Berufswahl! Ich wurde dann zwar diplomierter Elektromechaniker, war aber eigentlich dafür gar nicht geeignet! Sport wurde im Verlauf der vierjährigen Lehrzeit immer wichtiger! 


Wenn ich mich mit bald 75 Jahren auf Menschen zurückbesinne, die meine Tätigkeit als Sportpädagoge am meisten geprägt haben, dann sind dies Hermann Buri, Jean Brechbühl und Heinz Keller; Hermann und Jean sind leider bereits gestorben. Alle drei waren und bleiben für mich echte überzeugende Vorbilder. 


Hermann Buri
Ich erinnere mich genau an einen kühlen Sommerabend im Jahr 1963 im Strandbad Cham. Es stand eine «Wahlfachprüfung im Schwimmen» auf dem Programm. Diese fand alljährlich im August unmittelbar nach den Sommerferien für alle Chamer Sportvereine statt und wurde von der Vorunterrichts-Kommission des Kantons Zug organisiert. Der «Vorunterricht» war als sportliche Ertüchtigung aber vor allem als eine Vorbereitung auf das Militär gedacht und wurde später abgelöst durch Jugend und Sport. Diese Aktivitäten wurden von der Eidgenossenschaft unterstützt und subventioniert. Aus diesem Grund gab es in jedem Verein eine VU-Gruppe, die von gut in Magglingen ausgebildeten VU-Leitern betreut wurde. Für jede bestandene Leistungs- und Wahlfachprüfung wurde dem betreffenden Sportverein ein Geldbetrag ausbezahlt; für die Schwimmprüfung waren dies Fr. 2.- Mir ging es aber überhaupt nicht um diese zwei Franken, sondern vor allem ums Prestige meines Vereins, denn ich war im VKJ (Vorunterricht katholischer Jugend), eine Riege des erst 1957 gegründeten Katholischen Turnvereins KTV Cham. Den «anderen» vom ETV und vom Fussballclub wollte ich es zeigen! Jahre später hatte ich dann allerdings eine etwas tolerantere Ansicht in Sachen «Vereindligeist» (siehe Foto 105).


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355b: Mein Vorunterricht-Leistungsheft mit einem (mahnenden) Vorwort von Bundesrat Chaudet. U.a. steht: «… als Bürger und Soldat von morgen …».


Auf Kommando dieses mir bis anhin völlig unbekannten Experten aus Zug begaben wir uns zögerlich ins kalte Wasser, schwammen zum 20m entfernten Holzsteg, kletterten an den schlipfrigen Holzpfählen den Steg hoch und erwarteten schlotternd auf das Startkommando von Herrn Buri. Mit einem wuchtigen Startsprung tauchten wir in den von Wellen aufgewühlten See in Richtung des 50m entfernten gegenüberliegenden Holzstegs. Dort galt es, nach einer ganz kurzen Verschnaufpause sofort wieder in die Gegenrichtung zum Startsteg zurückzuschwimmen, links und rechts an entgegenschwimmenden Kameraden vorbei – und dies, wenn immer möglich, ohne Kollisionen. Nach 300 Metern wurde die Zeit gestoppt. Ich durfte stolz als Erster den Steg berühren; das war mein erster Erfolg im Schwimmen, aber vor allem ein Prestigeerfolg für unseren VKJ. Auch der anwesende Vorunterrichtsleiter Adolf Durrer freute sich an meinem Sieg. Bereits 7 Tage später absolvierte ich eine weitere Wahlfachprüfung: einen Leistungsmarsch; ebenfalls im «Eidgenössischen Leistungsheft» eingetragen und unterschrieben von Adolf Durrer! 


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355c: Jede meiner insgesamt 16 Wahlfachprüfungen wurde fein säuberlich ins Leistungsheft eingetragen und vom Vorunterrichtsamt bestätigt; auch jene vom 22.  und 29. August 1962.


Viel wichtiger als die Wahlfachprüfungen waren die Grundschulprüfungen. Jedes Jahr fand deshalb ein Wettkampf statt. Dieser bestand aus 5 Disziplinen: Schnelllauf 80 m; Weitsprung mit Anlauf, Weitwurf mit Wurfkörper (eine Art Handgranate aus Aluminium), Klettern an der Stange, Kugelstossen und nach Wahl eine weitere Übung. An Hand einer Wertungstabelle wurden Punkte errechnet. Ziel war es natürlich, jedes Jahr besser zu werden. Die Aushebung beinhaltete genau dieselben Disziplinen; der Vor-Unterricht lässt grüssen.


Damit das Leistungsheft noch etwas mehr «Gewicht» bekam, mussten wir dieses an der Aushebung dem Aushebungsoffizier vorzeigen. Auf der hintersten Umschlagsseite stand der Titel: Von den Eintragungen im Leistungsheft hat Kenntnis genommen; dann ein Stempel: Aushebungs-Offizier Zone VII. Da ich unbedingt Panzergrenadier werden wollte, haben die vielen Eintragungen und guten Sportresultate sicher einen wichtigen Beitrag geleistet. Aber eigentlich ging es bei dieser Aushebung nicht primär ums Militär, sondern um die Qualifikation, an der Expo 1964 in Lausanne an der «Schweizermeisterschaft aller Stellungspflichtigen» als Vertreter des Kantons Zug dabei zu sein. Das habe ich geschafft und der Wettkampf in Lausanne verlief für mich mit einigen persönlichen Bestleistungen sehr gut, belegte ich doch von insgesamt 600 Teilnehmenden als bester Zuger den 13. Rang.


Nun war also die Wahlfachprüfung Schwimmen im Chamer Strandbad fertig. Mit einem Frottiertuch auf dem nassen Rücken und noch stark schlotternd suchte ich nach dem «Rennen» schüchtern den Kontakt mit diesem Experten aus Zug und fragte ihn: «Herr Buri, ist es wahr, dass Sie demnächst einen Test 3-Kurs durchführen?» «Ja, das stimmt! Wenn du interessiert bist, dann musst du aber schon recht gut schwimmen und springen können. Steig doch nochmals schnell ins Wasser und zeige mir, wie Du schwimmen kannst!» forderte er mich mit seiner tiefen ruhigen Stimme auf. Ich warf mein Frotiertuch auf den Rasen, fasste mit der rechten Hand das eiskalte Treppengeländer, stieg Schritt um Schritt erneut ins kalte Wasser und schwamm «was das Zeug hielt» in meinem selbst angeeigneten Crawlstil der Strandbadmauer entlang bis zur nächsten etwa 30m entfernten Treppe. «Walter; das genügt! Du darfst gerne den Test3-Kurs besuchen» rief mir Herr Buri zu.


Das war unsere allererste Begegnung. Im Verlauf des Kurses, welcher in der Zuger Seelikon-Badi stattfand, lernte ich die Lehrweise dieses für mich faszinierenden Experten (und Menschen) kennen und war von ihm total begeistert. In der Zwischenzeit erfuhr ich auch, dass er einer der damals noch wenigen Zuger Turnlehrer war. Den Test bestand ich nach seinen Lektionen problemlos.


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355d: Das erste Chamer-Test-3-Diplom, unterschrieben von Hermann Buri.


«Ein solcher Turnlehrer wie der möchte ich auch einmal werden», dachte ich mir immer wieder. Und so traf ich bei einer anderen Gelegenheit Herrn Buri wieder in der Zuger Badi. Das war ein geeigneter Zeitpunkt ihn zu fragen, wie auch ich Turnlehrer werden könnte. «Ja, da musst Du entweder die Matura oder ein Primarlehrerpatent vorweisen können, denn dies ist die Zulassungsbedingung zur Ausbildung an der ETH in Zürich» antwortete er mit einer nachdenklichen Stimme, denn er wusste, dass ich in der Papierfabrik Cham die Lehre als Elektromechaniker absolvierte. «Aber du könntest Dir überlegen, die Ausbildung zum Sportlehrer an der Sportschule in Magglingen zu besuchen; dort hättest Du eine gute Chance nach einer abgeschlossenen Lehre!» empfahl mir Herr Buri dann doch noch. Dieser Gedanke liess mich lange nicht los; mehr noch: er wurde zum langfristigen Plan.

 

Eine Berufsmatura gab es in dieser Zeit noch nicht, aber plötzlich ging ein anderes Türchen auf. An der Kantonsschule Luzern wurden Umschulungslehrgänge für Berufsleute zu Primarlehrpersonen ausgeschrieben. Diese Chance packte ich und somit war auch für mich der Weg zur Ausbildung an der ETH frei. Der Zufall wollte es, dass Herr Buri und ich uns dort wieder begegneten! Er war Assistent für Wasserspingen und ich konnte von meinen bei ihm erlernten Fähigkeiten und Fertigkeiten profitieren. Ab und zu forderte er mich sogar auf, meinen Kolleginnen und Kollegen eine Eintauchübung oder einen Sprung zu zeigen; ich tat dies natürlich gerne und mit Stolz!

 

Schon kurze Zeit später gab Hermann Buri seinen Lehrauftrag auf und ich durfte seine Wassersprung-Assistenzstelle übernehmen. Nach dieser Zeit trafen wir uns vermehrt im Rahmen von Ausbildungskursen im Kanton Zug, u.a. ach bei Vorbereitungstrainings auf die Schwimminstruktorenausbildung (Foto 74a/b). Mittlerweile war ich bereits diplomierter Turnlehrer und amtete immer häufiger als sein Kurs-Assistent.


Unvergesslich ist für mich mein erster Schwimmkurs im Hallenbad des Lehrerseminars in Hitzkirch. Hermann hatte sich ganz unbemerkt immer mehr zurückgezogen und mich den Unterricht leiten lassen. Seine anschliessenden Tipps und die äusserst feine Kritik habe ich immer sehr geschätzt. Im Verlauf solcher gemeinsamen Kurse und vielen anderen Begegnungen, z.B. bei Volleyballspielen, bei denen er in einer sehr starken und fast unschlagbaren Mannschaft seines Lehrerseminars als Spielertrainer mitspielte und gleichzeitig coachte – wurde aus unserer Zusammenarbeit immer mehr eine Freundschaft. Diese pflegten wir viele Jahre, auch nach meinem Wegzug von der Innerschweiz in die Ostschweiz. Die Begegnungen wurden aber seltener.

 

Sowohl Herman wie auch ich engagierten uns jahrelang in der Technischen Kommission des Interverbandes für Schwimmen IVSCH, der Dachorganisation aller Schwimmsport treibenden Schwimmsportorganisationen der Schweiz. Vor einigen Jahren wurde der IVSCH aufgelöst und unter dem neuen Namen swimsports.ch weitergeführt. Wir «alten Hasen» des ehemaligen IVSCH trafen uns Jahre später zu regelmässigen Treffen. Bei diesen Zusammenkünften der IVSCH-Oldys kam es endlich wieder zu Begegnungen und guten Gesprächen mit Hermann.


Am Treffen in Biel/Magglingen im Spätherbst 2016 war Hermann nicht allein; seine eher schüchterne und zurückhaltende Frau Maria war dabei; das war ungewohnt; warum wohl? Gleich zu Beginn bei einem Kaffee schilderte Maria im Klartext, dass es Hermann gesundheitlich nicht gut geht; er sei sehr, sehr krank. Hermann sass daneben ohne etwas zu sagen. Die Botschaft war klar; die Betroffenheit von uns allen gross.

 

Trotz dieser schwierigen Situation und dem ruhigen Verhalten von Hermann ergab sich ein gemütliches, aber halt doch getrübtes Treffen. Beim Spaziergang durch Biel begab ich mich bei einer günstigen Gelegenheit neben Hermann, marschierte ruhig neben ihm und getraute mich kaum etwas zu sagen oder zu fragen. Hermann erkannte meine Unbeholfenheit und begann in seiner typisch ruhigen Art zu plaudern. Er erkundigte sich gleich zu Beginn, wie es Claudia, unserer behinderten Tochter, geht. Dann wagte auch ich es, ihm Fragen zu stellen. Ich war erstaunt, wie selbstverständlich er mit seiner Krebs-Diagnose umging. Eindrücklich und unvergesslich bleiben mir seine Gedanken zum nahenden Tod. «Walter, ich bin äusserst dankbar für all das, was ich erleben durfte. Was will ich mehr: ich habe eine gesunde Familie, eine liebe Frau und im Leben viel Glück gehabt. Ich bin einfach unendlich dankbar für alles». Das war unser letztes Treffen. 


Sein letztes Mail mit einmal mehr tiefsinnigen Gedanken schickte er mir am 7. Januar 2017. Kurz darauf ist er an den Folgen seiner Krankheit gestorben. An seiner Abdankung in Zug erinnerte ich mich nochmals an alles, was ich mit ihm erleben und von ihm lernen durfte. Ich werde Hermann nie vergessen.


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355e: Hermann, ich danke dir für alles, was ich von dir lernen durfte. Ich werde dich nie vergessen. 


Jean Brechbühl
Wenn man einen Menschen sehr lange kennt fällt es oft schwer, sich an die allererste Begegnung zu erinnern. Bei Jean Brechbühl ist es für mich einfach: es war ein Jugend & Sport-Zentralkurs Tennis in Magglingen. Ich kannte diesen älteren Herrn bisher nicht. Sein Verhalten fiel mir jedoch sofort auf: immer in Bewegung, einen Bleistift und einen Notizblock in der Hand, Bewegungen auf und ab, hin und her. Schnell erfuhr ich, dass es sich um den Direktor der Turnlehrerausbildung an der UNI Genf handelt. Heinz Keller, Leiter der Turnlehrerausbildung an der ETH in Zürich, hatte mir schon oft von diesem äusserst interessanten Herrn Brechbühl erzählt.


Irgendwann kam ich mit ihm ins Gespräch und bemühte mich, mein allerbestes Französisch aus der Tasche zu zaubern. «Sprich nur deutsch; ich verstehe dich gut!» bemerkte er lakonisch. So ergab das eine Wort das andere, die Unterhaltung wurde zusehends spannender. Es wurde auch bald klar, dass vor mir der Präsident des Tennislehrerverbandes stand. Von diesem Verband hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt nur vom Hören-Sagen Kenntnis. Meine bisherige Ausbildung erfolgte ausschliesslich über Jugend und Sport bis zum Leiter 3, dann zum J&S-Experten, anschliessend zum Tennisinstruktor. Diesen Weg bestritt ich gemeinsam mit meinem Freund Gérard Jenni, der allerdings ein wesentlich besserer Tennisspieler war als ich. Trotzdem habe auch ich die Tennisinstruktorenprüfung bestanden.

 

Nun also zurück zum oben erwähnten Expertenkurs in Magglingen. In einem Praxisteil spielten zwei Junioren miteinander Tennis und es galt, an Hand einer Fehlercheckliste ihre Technik zu bewerten. Und wieder konnte ich Jean Brechbühl beobachten, wie er im Verlauf dieser Praxissequenz hin und herlief, die Checkliste kritisch betrachtete und sich immer wieder Notizen darauf machte; er schien total unzufrieden zu sein mit dem Verlauf bzw. mit dieser Methode von Technikbewertung und äusserte sich auch entsprechend kritisch. Jetzt wurde mir der Meinungsstreit zwischen dem Tennisverband bzw. J&S und dem Tennislehrerverband, von dem ich ab und zu schön gehört hatte, zum ersten Mal bewusst. Was und wer dahintersteckte, war mir zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht klar.

 

Beim Mittagessen bemerkte ich eine intensive Diskussion am TVS-Tisch; Gérard und ich sassen ganz in der Nähe. Dort unterhielten sich die Herren Jean Brechbühl, Peter Holenstein und Heinz Hürlimann mit grosser Sicherheit über den vorangegangenen Praxisteil; ihr Fust war unverkennbar.


Traditionsgemäss folgte nach dem Mittagessen ein Abschlussreferat, diesmal vorgetragen von Marcel Meier. Er war damals Fachleiter Tennis und besonders bekannt durch seine TV-Reportagen von nationalen und internationalen Tennisturnieren. Er war ein blendender Rethoriker. Als ehemaliger Leichtathlet interessierte er sich minutiös für exakte, feinstrukturierte Bewegungsabläufe. In seinen Ausführungen kam er zur Technik des Stoppballschlages. «Der Stoppballschlag ist der mittlere Teil eines Sliceschlages» führte er aus und zeigte dazu ein Fotos des Ausnahmekönners Rod Laver (Roger Federer wird oft mit Rod Laver als Ausnahmetalent oder sogar als bester Spieler aller Zeiten in Verbindung gebracht!).
 

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355f: Stoppball des damaligen Weltklassespielers Rod Laver.

 

Das war nun zu viel für das TVS-Team. Aus ihrer Ecke (sie sassen während des ganzen Kurses immer nahe beieinander) ertönte heftiger Protest. Heinz Hürlimann ergriff das Wort, kritisierte die Aussage von Marcel Meier scharf und begründete seine Ansicht wie folgt: «Die Idee eines Stoppballs ist in erster Linie, den ankommenden Ball abzubremsen, ihn 'abzutöten', und dies könne auf ganz verschiedene natürliche Arten erfolgen. Es sei völlig falsch, einem Tennisschüler eine Technik zu vermitteln, wenn er die Idee oder das Ziel einer Handlung nicht versteht.» Totenstille im Theorieraum. Marcel versuchte, das Referat möglichst ohne weiter Seitengeräusche zu Ende zu bringen. Eine anschliessende Diskussion gab es nicht. Man verabschiedet sich – mit gemischten Gefühlen, ih mit erneut grosser Unsicherheit.

 

Zu dieser Zeit konnten Studierende bei uns in Zürich als Freifachangebot Tenniskurse besuchen. Es gelang mir Dank Unterstützung von Heinz Keller, dieses Fach immer beliebter zu machen, und so besuchten immer mehr Studierende diesen Wahlfachkurs. Zu guter Letzt wurde es sogar möglich, sich im Spezialfach Tennis auszuzeichnen. Das war auch die Zeit, als ich mit der Sammlung von Spiel- und Übungsformen im Tennis begann. Gemeinsam mit Studierenden trugen wir Ideen zusammen und ordneten diese nach einem von mir vorgegebenen Inhaltsverzeichnis. Dann galt es, alle Beispiele mit Schreibmaschine zu tippen, zu redigieren (u.a. mit Unterstützung von Gérard Jenni) und zu illustrieren (von Toni Trottmann). Nachdem der erste Entwurf auf dem Tisch lag, präsentierte ich bei einer passenden Gelegenheit dieses Sammelwerk auch Jean Brechbühl. Er zeigte sich zwar grundsätzlich interessiert, mahnte mich aber auch, nicht allzu sehr in Spielereien zu verfallen, denn Tennis spielen lerne man in erster Linie mit Tennis spielen! Andere sportliche Aktivitäten könnten aber durchaus auch dazu beitragen. Das Buch werde sicher im Tennisunterricht gute Dienste leisten, munterte er mich auf.


So kam ich auf die Idee, einen Schachzug zur Versöhnung zwischen dem Tennislehrerverband (Jean Brechbühl u.a.) und dem Tennisverband (Marcel Meier u.a.) zu planen. Ich präsentierte die Sammlung auch Marcel Meier. Er fand die Idee sofort sehr interessant. Gleich darauf bat ich ihn, ein Vorwort zu entwerfen, das sowohl von ihm als auch von Jean Brechbühl unterschrieben werden könnte; Marcel war spontan einverstanden. Über diese Idee informierte ich vorher natürlich auch Jean Brechbühl; auch er war einverstanden.


Der Vorwort-Entwurf liess nicht lange auf sich warten. Jean und Marcel unterschrieben; der sportpolitische Tennis-Graben wurde mit diesem Schritt wesentlich schmaler und weniger tief. Das Buch «1002 Spiel- und Übungsformen im Tennis» (Foto 219; 1. Auflage mit Heinz Günthardt auf der Titelseite als Eistennisspieler) wurde wie schon der Vorläufer 1001 im Schwimmen (Foto 75) ein Bestseller. Mit jeder Neuauflage wurden nur kleine Änderungen und Korrekturen vorgenommen. Im Jahr 2011 realisierte ich im Alleingang eine komplett neue Auflage. Dabei achtete ich ganz besonders darauf, möglichst viele Ideen von Jean Brechbühl einzubauen, also Aufgabenstellungen für Tennishandlungen an Stelle von Tennisbewegungen. Zuerst steht somit die Aufgabe, das WAS; das WIE sollte möglichst eigenständig entdeckt werden.


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355f_1: Lehren und Lernen im Tennis. Leitideen zur Überarbeitung von 1002, stark beeinflusst von den Ideen von Jean Brechbühl.


2018 war diese 8. Auflage bereits wieder vergriffen, und nun liegt die 9. und wahrscheinlich auch letzte Auflage vor. Es freut mich natürlich, dass dieses Handbuch nach rund 40 Jahren im Tennisunterricht immer noch rege benützt wird. 

 
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355f_2: Die Ideen im Band 1002 Spiel- und Übungsformen im Tennis sind auch nach 40 Jahren noch aktuell.

Zurück zum Tennismethodenzwist zwischen dem TVS und dem STV. Angeregt durch das Streitgespräch über einen Stoppball und aus Interesse an solch spannenden Ideen, von denen wir bis anhin in unseren Tennislehrgängen noch nie etwas gehört hatten, liebäugelten Gérard und ich mit der Ausbildung zum Berufstennislehrer beim Tennislehrerverband TVS. Wir meldeten uns an und fuhren guten Mutes an diesen teuren Wochenkurs nach Genf. Bis anhin mussten wir für eine Ausbildung nie etwas bezahlen, im Gegenteil, manchmal wurden wir sogar dafür noch entschädigt.


Schüchtern verfolgten wir die Ideen, die unser Klassenlehrer Heinz Hürlimann präsentierte. Einiges schien uns klar und gut verständlich; anderes völlig neu. Unsere Unsicherheit steigerte sich von Tag zu Tag, und auf der langen Autofahrtfahrt von Genf wieder nach Hause versuchten wir, unsere Gedanken zu ordnen, was jedoch nur teilweise gelang. Was der Unterschied zwischen bewegungs- und handlungsorientiertem Unterrichten ist, kristallisierte sich zwar immer mehr als zentrale Erkenntnis heraus, aber klare Antworten fanden wir (noch) nicht.

 

Bald stand die Tennislehrerprüfung in den Turnhallen von Oerlikon an. Meine grösste Sorge war, ob ich mit meiner bescheidenen Tennistechnik als schwacher B3-Spieler den hohen Anforderungen der Experten genügen würde, denn rings um mich waren alle besser klassiert als ich. Zum Glück wurde mir Roger Hegi, ein sehr guter und fairer Spielpartner, zugelost; er erkannte meine Nervosität, beruhigte mich und spielte mir alle Bälle samtweich zu, und somit konnte ich die geforderten Technikaufgaben recht gut lösen. Die Prüfungslektionen machten mir weniger Sorgen und mit meiner kleinen Diplomarbeit «Tennis in der Schule» hatte ich gefühlsmässig guten Kredit. Trotzdem war ich erstaunt und natürlich auch sehr erfreut, dass auch ich ein sehr gutes Gesamtresultat erzielt hatte; für Gérad war dies keine Frage. 


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355g: Das Tennislehrerdiplom bedeutete mir sehr viel; besonders auch die Unterschrift des damaligen Präsidenten Jean Brechbühl.

 

Unsere Prüfungsresultate müssen die Experten bemerkt haben, denn Gérad und ich wurden noch am Prüfungstag von Peter Holenstein, dem damaligen Technischen Leiter des TVS angefragt, ob wir an einer Mitarbeit im Ausbildungsteam des Tennislehrerverbandes interessiert seien. Diese Anfrage hat uns beide natürlich geehrt und die Antwort war klar. Bereits im nächsten Ausbildungslehrgang in Luzern standen Gérard und ich «auf der anderen Seite» und unterrichteten – wenn auch zeitweise noch etwas unsicher – die angehenden Tennislehrer.


Unvergesslich sind auch einige Tennisseminare in Deutschland. Jean Brechbühl wurde oft als Gastreferent eingeladen und es ist ihm immer gelungen, Tennisexperten von seinen Ideen zu überzeugen. In den jeweils anschliessenden Praxissequenzen durften Gérard und ich als stolze Brechbühl-Assistenten Übungssequenzen demonstrieren und kommentieren, das war ein spezielles Gefühl! Jahre später wagten wir uns als Vertreter des STV sogar einmal ohne Jean allein an ein Tennisseminar des Deutschen Tennisverbandes nach Trier. Auch wir versuchten mit viel Engagement und Überzeugungskraft die vielen Deutschen Tennisexperten von Jeans Idee zu überzeugen, aber es ist uns kaum im gleichen Mass gelungen, wie wenn er selber dabei gewesen wäre. Oft kopiert, doch nie erreicht!

 

Auf Zusammenkünften und Reisen mit Jean kam es immer wieder zu spannenden Diskussionen. So schilderte ich Jean einmal euphorisch, wie ich in meinem Sportunterricht Volleyball unterrichte. Er hörte mir interessiert zu. Dann aber stellte er mit kritisch sanftem Unterton die Frage: «Walti, bist Du sicher, dass das so richtig ist?» «Ja, ganz bestimmt» antwortete ich, «aber Jean, warum fragst du?» wollte ich dann unbedingt wissen. Mit seinem verschmitzten Lächeln flüsterte er: «Weisst Du, ein guter Lehrer ist immer etwas unsicher!» Das war und blieb einer der wichtigsten Leitsätze meines späteren Sportunterrichtes.

 

Der Einfluss von Jeans Ideen änderten schlagartig mein ganzes Denken und Handeln beim Vermitteln von sportlichen Techniken, sowohl im Tennis wie auch speziell im Schwimmen. Bis anhin ging ich im Schwimmunterricht wie folgt vor: ich beobachtete Studentinnen und Studenten beim Schwimmen. Wenn ich einen Fehler entdeckte versuchte ich, diesen zu korrigieren mit ganz konkreten Anweisungen wie z.B. «Sie müssen mit dem rechten Arm weiter oben ins Wasser eintauchen; schauen sie: SO!» Ich war überzeugt, meine Aufgabe sei es, den Lernenden am besten damit helfen zu können, wenn ich ihre Technikprobleme löse, also lediglich mit Bewegungsanweisungen aus meiner Sicht – bewegungsorientiert.

 

Nach meiner «Umschulung» durch Jeans Ideen vom bewegungs- zum handlungsorientierten Unterrichten sah die oben beschriebene Lernsequenz ganz anders aus. Wenn ich also feststellte, dass eine Schwimmerin beim Rückenkraul den Arm seitlich und nicht in der Hochhalte ins Wasser eintauchte, dann erkundigte ich mich bei ihr: «Zeigen sie mir bitte, in welcher Stellung sie vermuten, ihren Arm ins Wasser einzutauchen!» Erstaunt aber überzeugt demonstrierte mir die Studentin die Armhaltung so, wie ich es bei der Einführung der Rückenkraultechnik sowohl an Land wie auch im Wasser vorgezeigt hatte, nämlich richtig. «Toll, das wäre richtig!» bekräftigte ich die Aussage der Studentin, «aber ihre Armhaltung sieht bei ihnen leider anders aus, nämlich etwas so: Arm deutlich in Seit- und nicht in Hochhalte. Die Sensomotorik der Schultermuskulatur sendete ihr eine Falschmeldung ins Gehirn; sie spürte ihre Armhaltung nicht richtig. Deshalb stellte ich ihr die Aufgabe, ihren Arm in der Hochhalte auf die andere Seite, also sogar über und neben dem Kopf, einzutauchen (was natürlich falsch ist). Sie staunte mit grossen Augen, begann wieder zu schwimmen und siehe da, der Arm tauchte in korrekter gestrickter Hochhaltung ins Wasser.


Ich habe nach vielen solchen und ähnlichen Experimenten vermehrt mit «zwingenden Lernhilfen» versucht, das Körperempfinden und Körpergefühl der Teilnehmenden ganz gezielt in den Lernprozess einzubeziehen. Meine Studentinnen und Studenten (und ich!) haben gelernt, besser auf den eigenen Körper zu hören, mit den eigenen Signalen umzugehen und achtsamer zu werden, denn jeder Mensch lernt anders. Und je besser es Lehrpersonen – in welchem Fachbereich auch immer – gelingt, auf die individuellen Voraussetzungen von Lernenden einzugehen, desto grösser und schneller ist der Lernerfolg.

 

An einem anderen Tennislehrerkurs in St. Moritz sass ich nach einem Tennisspiel mit Jean beim Kaffe. Ich wusste, dass er beabsichtigte, als Präsident des TVS zurückzutreten. Ich hatte dafür kein Verständnis, denn Jean war erst kürzlich pensioniert worden. Da hätte er doch gewiss genügend Zeit für diesen Posten, versuchte ich ihn zu überreden. Ich fragte ihn dann ganz direkt: «Jean, warum hörst du denn jetzt schon auf?» Seine für ihn typische und gut überlegte Antwort war: «Weisst du, Walti, man muss gehen, so lange man noch gehen kann!» Auch diese «doppelbödige» Aussage von Jean wurde für mich ein wichtiger Leitsatz; ich habe ihn schon einige Male umgesetzt und wurde auch nicht von allen verstanden!

 

Zu meinem 50. Geburtstag schenkte mir Gérard einen Alpenrundflug, eine Fahrt ins Blaue. Neugierig und etwas nervös trafen wir uns am 4. August 2015 um 10 Uhr auf dem Flugplatz Altenthein. Da stand eine zweimotorige Cessna bereit.
 

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355h: Diese Cessna stand am 4. August 2015 um 10.00 Uhr zum Abflug bereit.

Nachdem die letzten Kontrolltests der beiden Piloten abgeschlossen waren, durfte ich ins vierplätzigen Flugzeug einsteigen; Gérard setzte sich neben mich. Nachdem sich alle angeschnallt hatten, drehten sich beide Propeller langsam, dann immer schneller. Ohrenbetäubender Motorenlärm, holpriges Rattern und langsames Anfahren längs der Abflugpiste, dann immer schneller und schon bald setzte die Maschine ab. Wohin wohl die Reise gehen sollte? Gérard meinte nur: «Lass dich überraschen!» Ich genoss den zauberhaften Ausblick, hatte aber sehr schnell die Orientierung (ohnehin keine Stärke von mir!) verloren. Aber irgendwie kam mir nach etwa einer Stunde die Gegend bekannt vor; wir näherten uns dem Engadin! Landung auf dem Flugplatz Samedan. Dort stand ein von Gérard organisiertes Privattaxi bereit, und dieses führte uns zum Tennisplatz St. Moritz. Jetzt war mir klar, warum ich die Tennisausrüstung mitnehmen musste; es stand ein Tennisspiel auf Gérards Programm! Nach kurzem Einspielen ging’s gleich los, Schlag auf Schlag, doch gegen Gérard hatte ich keine Chance. Obwohl er das Spiel gewann, wirkte er etwas betrübt. Als ich ihn darauf ansprach, meinte er nur: «Weisst du, ich habe Schmerzen im Brustbereich, denn vor kurzem erlitt ich einen Rippenbruch; aber das Geburtstags-Spiel mit dir wollte ich deshalb nicht weglassen!

 

Nach dem Duschen und einer Kaffeepause ging’s zügig mit dem Gérard-Taxi wieder zurück zum Flugplatz Samedan. Die beiden Piloten waren schon für den Abflug bereit. Einsteigen, Propeller in Bewegung setzen, Hochtouren abwarten und dann extrem schnell beschleunigen … und sofort gewannen wir an Höhe, ganz anders als in Altenrhein. Dies sei bei diesem Flugplatz wegen der ringsum nahen und hohen Berge sehr wichtig, verriet uns der Co-Pilot. «Und jetzt?» fragte ich mich? Der Flug ging südwärts; die Wolken verdichteten sich. Die Piloten wurden unsicher und leicht nervös. Der eine meinte, da vorne gehe es nach links; der andere glaubte, rechts sei richtig. Gérard und ich schauten uns nur verwundert an. Nachdem sich glücklicherweise die Wolken wieder etwas aufgelöst hatten, flogen wir über das Wallis; das hatte ich aus dem Gespräch der beiden Piloten herausgehört. Wallis; und dann wohin? Nach einem ruhigen Flug entdeckte ich weit vorne den Genfersee. «Ah, klar, zu Jean!» ging mir durch den Kopf, dies auszusprechen wagte ich aber doch nicht. Anflug, immer tiefer, dann ein sanftes Aufsetzen der Räder, langsames holpriges Ausrollen auf der Piste, immer langsamer bis endlich zum Anhalten auf einem Seitenarm des Flugplatzes. Wir befanden uns auf dem Flugplatz Annemasse. Und wer kam uns da im blauen Hemd mit erhobenen Armen entgegen: Jean Brechbühl! Ich ging zügig auf ihn zu und umarmte ihn voller Freude. 


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355i: Eine riesige Überraschung und grosse Freude: Jean empfängt uns auf dem Flugplatz Annemasse in der Nähe von Genf.

 

Eine weitere Überraschung war Gérard somit gelungen. Bei einem feinen Mittagessen unterhielten wir uns bei bester Laune und schönem (Flug-)Wetter ganz kurz über Tennis, aber dann auch über Gott und die Welt. Bei solchen unbeschwerten Stimmungen, z.B. nach einem anstrengenden Tennislehrerausbildungstag, erlebte ich Jean oft als äusserst unterhaltsamen und spassigen Witze-Erzähler aber vor allem als einen sehr belesenen, klugen, kritischen Mann. 


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355k: Ein Prosit auf meinen 50. Geburtstag, aber besonders auch auf dieses einmalige Treffen, das Gérard für mich arrangiert hat.


Schon bald war es wieder Zeit für den Weiterflug, zurück über das Berner Mittelland zum Startplatz der Cessna im Aargau. Dort bedankte ich mich herzlich bei den beiden Piloten, durfte mich ins Auto neben Gérard setzen, der mich dann wieder in «unsere» Ostschweiz zurück chauffierte; es war ein unvergesslicher Tag!

 

Nach meinem Wechsel von der ETHZ an die PHS St. Gallen war auch für mich die Zeit gekommen, dem TVS adieu zu sagen oder wie es Jean sagte «zu gehen». Dadurch kam es auch immer zu weniger Kontakten mit Jean; ja wir verloren uns fast aus den Augen. Die Tennisausbildung, die ich über einige Jahre als Freifachangebot für Sportstudierende aufgebaut hatte, führte Gérard erfolgreich weiter. Tennislehrer war lange Zeit sein Hauptberuf. Er startete seine Laufbahn in der Tennishalle Wilen bei Will, gründete eine eigene Tennisschule und bald darauf managte er immer grössere Projekte: Tenniscenter Dübendorf; Tenniscenter Corviglia St. Moritz; Umbau Hallenstadion, grosse Events usw. Seine steile berufliche Karriere beeindruckt mich auch heute noch sehr. 


Doch plötzlich ergab sich wieder eine Möglichkeit zur Zusammenarbeit von uns dreien. Jeans Lehrbuch Tennis von A bis Y musste überarbeitet werden. Gérard, in der Zwischenzeit Präsident des TVS geworden, fragte mich an, ob ich bei der Überarbeitung mitmachen würde. Die Antwort war natürlich sofort klar.


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355l: Titelbild des legendären Tennislehrbuches von Jean Brechbühl.


Die Zusammenarbeit mit Jean war äusserst interessant, aber nicht ganz einfach, denn jedes Detail musste diskutiert und dann meisten korrigiert werden.


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355l_1: Die Entwürfe stapelten sich in Genf bis auf Jeans Hüfthöhe!


Trotzdem schafften wir es nach einigem Hin und Her, ein tolles Lehrbuch herzustellen mit dem gleichen Konzept wie die Lehrmittelreihe Sporterziehung (A4-Ordner mit einzelnen Broschüren). Auch der Grafiker Daniel Lienhard war derselbe; die Skizzen zeichnete Edi Bachmann. Das Kernteam war jedoch unser «Trio» Jean, Gérard und ich.



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355m: Das Kernteam des Lehrmittels Tennis von A-Y.

 

Nur schon der Titel des Buches lässt die Philosophie erahnen, die Jean mir und vielen andern im Zusammenhang mit Ansichten über Lehrweisen im Sport mitgegeben hat, als er nach einer Methodendiskussion im Volleyball sagte: «Ein guter Lehrer ist immer etwas unsicher.» Es erstaunt deshalb nicht, weshalb sein Buchtitel nicht bei Z, sondern eben bei Y endet!

 

Kurz nachdem ich Jean im Jahr 2013 zu seinem 100. Geburtstag eine Karte mit einem beiliegenden Foto (Foto 355i) schickte, antwortete er mit einer handgeschriebenen Karte und einem für ihn typischen humorvollen Hinweis auf «unser» Alter mit der liebenswürdigen Widmung «Dein J.Brechbühl».


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355n: Handgeschriebener Kartengruss des 100-jährigen Jean Brechbühl.

 

Im Herbst 2013 besuchten meine Frau und ich ein befreundetes Paar in ihrem Ferienhaus bei Bourg en Bresse in Frankreich. Ich erkundigte mich deshalb vorgängig bei Jean, ob wir ihn auf der Hinfahrt nach Bourg en Bresse in Genf kurz besuchen dürften. Er freute sich sehr darüber. Wir suchten sein Haus und fanden am Rande der Stadt Genf eine alte traumhafte Villa mit grossem Baumbestand; im Hintergrund entdeckte ich zwischen Bäumen und Sträuchern ein Schwimmbad (ohne Wasser) mit einem Sprungbrett. Seine Frau empfing uns herzlich und begleitete uns zu Jean in seinen romantischen Wintergarten. Er sass, leicht nach vorne gebückt, auf einem Stuhl; auf seinen Beinen eine Wolldecke; neben ihm ein Rollator. Meine Unsicherheit, wie ich ihm begegnen soll, schob er mit seinem freundlichen und mir bestens vertrauten Gruss beiseite: «Salü Walti; wie geht es diiir?» Er war immer noch Jean, derselbe Jean, wie ich ihn in bester Erinnerung hatte. Die Unterhaltung war lebhaft, spannend und oft witzig, wie eh und je!


Nach diesem «Teeschwatz» fuhren wir weiter nach Bourg en Bresse, fanden nach einigem Nachfragen bei Ortsansässigen das schmucke Ferienhaus von Binzeggers und erlebten dort einen gemütlichen Abend mit intensivem Austausch über unsere gemeinsamen Erlebnisse in der Panzergrenadier-Rekrutenschule in Thun und in der Zeit des gemeinsamen Eishockeyspiels im Baarer Schlittschuhclub. In meinem Kopf aber beschäftigte mich nach wie vor der 100-jährige, geistig topfitte Jean.

 

In einem Zeitungsbericht zu seinem 100. Geburtstag schrieb Arturo Hotz: Der Genfer Sportpionier Jean Brechbühl, am 18. Juni 1913 geboren, war stets ein kritischer Zeitgenosse. Am Geschehen des 20. Jahrhunderts nahm er nicht einfach passiv teil, sondern leistete Wesentliches zur Entwicklung der Sportart Tennis und engagierte sich als Ausbildungsexperte für die künftigen Sportlehrer im obligatorischen Schulfach Turnen. Hauptberuflich war er jahrzehntelang Universitätssportlehrer sowie Ausbildungsverantwortlicher der damals schweizweit koordinierten eidgenössischen Turn- und Sportlehrerausbildung – bis 1978 an der Universität Genf. Er war mehrfacher Schweizer Meister im Tennis und mit seiner Tennistheorie stets seiner Zeit voraus.


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355o: Erinnerung an unser letztes Treffen anlässlich des Besuches bei Jean im Herbst 2013.

 

Wenige Monate nach seinem 100. Geburtstag erfuhr ich durch Zufall, Jean sei vor einigen Wochen gestorben. Zu gerne hätte ich in Genf von meinem geistigen Vater und Freund Abschied genommen, aber jetzt war es zu spät. Er ist gestorben, aber sein Gedankengut lebt weiter.


Heinz Keller
Auch wenn ich über 40 Jahre zurückblicken muss fällt es mir sehr leicht, den gemeinsamen Weg, den ich mit bzw. neben Heinz Keller zurücklegen durfte, mit einigen unvergesslichen Erinnerungen zu beschreiben.


In den ersten beiden Semestern der Turnlehrerausbildung richtete sich der Didaktik-Fokus auf den Sportunterricht in der Primarschule (1.-6. Klasse); ab dem dritten auf die Oberstufe (10-13. Schuljahr). Paul Gygax war der Dozent; ihm zur Seite stand der junge Assistent Heinz Keller. Thema seiner ersten Lektionen bei uns war «Einführung in die Technik des Stabhochsprunges». Der mir bis anhin unbekannte Assistent konnte uns auf Anhieb mit seiner motivierenden Art begeistern.


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355p: Heinz brachte mir in der Turnlehrerausbildung die Grundbegriffe des Stabhochsprunges bei.


Er hätte dies mit seinem feu sacré ohne Zweifel auch mit Steinstossen oder Sackspringen geschafft; denn seine Leidenschaft spornte uns einfach sofort an. Am Schluss der Lektion ermutigte er mich, ich solle doch unbedingt meinen Vorsatz, irgendeinmal einen Zehnkampf zu bestreiten, nicht aus den Augen verlieren. Die Stabsprungtechnik hätte ich ja heute schon ganz gut gelernt. Ein Zehnkampf sei etwas Faszinierendes, schilderte er in seinem akzentuierten Thurgauerdialekt. Er hatte uns allen grossen Eindruck gemacht und wir freuten uns schon auf seine nächste Lektion.

 

Kurz nach Abschluss meiner Ausbildung an den Kursen für Turnen und Sport sahen wir uns nur noch selten. Dies änderte sich schlagartig, als er nach dem unerwarteten Tod des damaligen Leiters Prof. Dr. J. Wartenweiler die Leitung übernahm.


Ich war bereits gemeinsam mit H.J. Graf Lehrbeauftragter im Schwimmen. Nachdem H.J. Graf als Schwimmdozent zurücktrat, signalisierte ich Heinz Keller, dass ich an weiteren Lehraufträgen interessiert sei, speziell an der Didaktik 1.-6. Klasse. Es dauerte nur wenige Monate und schon assistierte ich bei Heinz Keller während seinen Didaktiklektionen im Primarschulhaus Fluntern. Sein Umgang mit den Studierenden, aber ganz besonders auch mit den Kindern, beeindruckte mich wie schon damals beim Stabhochsprung. Bereits ein halbes Jahr später durfte ich seine Aufgabe übernehmen, aber es war mir bewusst, nach ihm ein schwieriges Erbe anzutreten. Die Aufgabe hat mich herausgefordert aber auch sehr befriedigt. Auch mir gelang es, die Studierenden für ihre zukünftige Arbeit mit Kindern zu begeistern. Erneut hatte ich bereits wieder viel gelernt bei Heinz Keller. Er schenkte mir viel Vertrauen und stärkte mich in meiner Haltung und in meinen Tätigkeiten. Meine Didaktiknachmittage in den Schulhäusern und auf den Spielwiesen Fluntern und Allenmoos mit rappenvollen Turnhallen (20 Kinder und mehr als 30 Studierende) bleiben unvergesslich.


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355q: Sportdidaktikunterricht auf der Spielwiese des Primarschulhauses Fluntern mit Kindern unter Einbezug der Studierenden.

 

In der Zwischenzeit wurden meine Lehraufträge weiter ausgebaut: Schwimmen, Tennis, Didaktik und später Ko-Leitung mit Prof. Dr. Konrad Widmer in einem Seminar Spiel. Die Anstellung am Lehrerinnenseminar Menzingen wurde zu viel; deshalb konzentrierte mich nur noch auf Zürich. Immer wieder klopfte ich mit neuen Ideen im Büro von Heinz an, und (fast) immer durfte ich meine Ideen realisieren. Zwei solcher Events waren das Weihnachtsschwimmen und die Seeüberquerung. Heinz unterstützte mich nicht nur, sondern machte auch immer selber mit, selbst an den Seeüberquerungen bei eisiger Kälte!


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355r: Während ich im Boot neben Herrn Egger, Kommandant der Seepolizei Zürich, am Trockenen sass, kämpfte Heinz als Vorbild sichtlich mit der Kälte. Mein Zuwurf eines Rettungsballes änderte nichts daran! 


Noch am gleichen Abend trafen sich alle, die mitgemacht hatten, zu einem Fondue. Heinz schenkte mir als Dank für die Organisation der ersten Seeüberquerung des Turnlehrerkurses Zürich das Buch «Bilder vom Zürisee» von Dr. Hans Hasler aus dem Jahre 1949 mit einer persönlichen Widmung. 


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355r_1: Kurz nach der Seeüberquerung hätte Heinz mit seinen vor Kälte erstarrten Fingern wohl kaum in dieser schönen Handschrift eine Widmung schreiben können. 

Gespannt schaute ich nach, was auf S. 158 zu lesen war!



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355r_2: Seegfrörni – Text und Foto weckten Erinnerungen an meine Kindheit am Zugersee.


Bei den Recherchen zu meiner «Zeitreise» mit Heinz fand ich zum Glück das Züri-Buch, das er mir vor 45 Jahren geschenkt hatte, wieder. Meine Enkelkinder Hannah und Basil, die jetzt in der Stadt Zürich aufwachsen, werden mit grosser Sicherheit wegen des Klimawandels keine Zürisee Eisgfrörni mehr erleben. Aber ich freue mich jetzt schon darauf, ihnen aus diesem Züri-Mundart-Büechli von der Eisgfrörni und auch von anderen Züri-Geschichten vorzulesen!


Aus der Zusammenarbeit mit Heinz wuchs zusehends eine feine Freundschaft, aber gelegentlich auch eine Konkurrenz. Wir beide waren nämlich begeisterte Dauerläufer. Es war nur eine Frage der Zeit, wer von uns als Erster einen Marathon absolvieren würde. Unerwartet fand ich im Herbst 1982 eine Postkarte mit dem Foto des Eifelturms in unserem Briefkasten an der Weststrasse 23 in Unterägeri. Ich erkannte die Handschrift sofort, und da stand geschrieben: «42.195 km Asphalt; 3h 03; heureux; Heinz!». Sonst nichts! Ich freute mich natürlich, aber diese Botschaft weckte in mir Revanchegelüste. Nachdem jeder von uns im Laufe der Zeit verschiedene Strassen- und Marathonläufe bestritten hatte und wir uns selbstverständlich immer wieder gegenseitig darüber informierten und dadurch auch für weitere Trainings motivierten, kam es im Jahr 1984 zum direkten «Vergleich». Wir beide starteten am Zürich-Marathon.


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355r_3: Unter Tausenden, aber doch ganz allein unterwegs!


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355r-4: «Wo ist Walter?» wird sich Heinz oft gefragt haben; ich ebenso: «Wo ist Heinz?»


Mehrere tausend Läuferinnen und Läufer standen (wie ich und irgendwo auch Heinz) an diesem sonnigen aber kalten Frühlingsmorgen am Start. Nach dem erlösenden Startschuss bewegte sich die Masse langsam vorwärts, bis es endlich etwas mehr Raum gab, sich im eigenen Lauftempo zu bewegen. «Wo ist Heinz?» sinnierte ich immer wieder. Ich hoffte, dass er beim Wendepunkt in Wädenswil noch hinter mir liegt, denn ich startete bewusst ziemlich schnell (was zwar gegen alle Regeln beim Marathon spricht). Mit jedem Meter nach dem Wendepunkt Richtung Ziel berechnete ich, dass dies der doppelte Abstand zwischen Heinz und mir betragen würde. Etwa zwei Minuten nach dem Umkehrposten begegneten wir uns mit einem vielsagenden beidseitigen Lächeln. Ich versuchte, locker weiterzulaufen und erreichte das Ziel in der Zeit von 2 Stunden 56 Minuten. Hocherfreut über diese persönliche Bestzeit verliess ich das Zielgelände, suchte mein gut verstecktes Velo, fuhr zum Parkplatz am Mythenquai, versorgte das Klappvelo in den Kofferraum und steuerte mein Auto fröhlich zurück nach Unterägeri.


Am Montag darauf gratulierte mir Heinz sehr herzlich, wenn auch mit ganz leisem Zähneknirschen mit der Bemerkung: «Leider für mich nur 3h 02!» Dieser kleine Vorsprung von winzigen Minuten blieb jedoch auch bei weiteren Versuchen unangetastet. Doch Heinzs beeindruckende Laufkarriere kam erst viel später!

 

Immer öfter standen wir uns auch auf dem Tennisplatz gegenüber. Heinz wurde nebst einem zähen Dauerläufer zusehends auch ein begeisterter Tennisspieler. Er war eigentlich der Schüler, dem ich als Tennislehrer am meisten Einzellektionen erteilte. Es war äusserst dankbar, einen derart lernwilligen motivierten Tennisschüler unterrichten zu können (und zugleich war er ja auch noch mein Chef!). Heinz war ein Leichtathlet und deshalb an exakten Bewegungsanweisungen interessiert. Doch mit meinen Bewegungsaufgaben musste er seine Bewegungsabläufe selber entdecken, was ihm meistens schnell gelang. Zu guter Letzt gab es zum Abschluss der Tennislektionen natürlich immer kleine Wettspiele, die ich fast immer zu meinen Gunsten entscheiden konnte.


Doch dies änderte sich schlagartig, als ich mich entschlossen hatte, nur noch beidseitig beidhändig Tennis zu spielen; die bilaterale Technikspielweise vom erfolgreichen Tennisspieler Roland Stadler faszinierte mich (siehe bei Foto …). Die Idee «Erfolg mit beiden Seiten» setzte ich auch im Didaktikunterricht für angehende Sportlehrkräfte immer gezielter ein; (fast) alles musste sowohl mit der rechten als auch mit der linken Hand geübt und vorgezeigt werden; ebenso mit dem linken und dem rechten Fuss.

 

Mitten in diesen freundschaftlichen «Zweikampf-Zeiten» schockierte mich die Mitteilung, dass Heinz Keller als Direktor an die Sportschule Magglingen gewählt wurde. Im Vorfeld hatten wir oft über mögliche Zukunftsperspektiven bezüglich einer festen Anstellung an der ETH diskutiert, doch dies schien sehr schwierig. Konkret war angedacht, dass ich die Stelle von Paul Gygax übernehmen könnte. Mit der Wahl von Heinz nach Magglingen gab es eine «Rochade»: Guido Schilling, bisher Vizedirektor an der ESSM, wurde die Leitung der Zürcher Kurse übertragen. Nachdem auch unter ihm meine Perspektiven für eine verbesserte Anstellung an der ETH nicht aussichtsreicher wurden, entschied ich mich schweren Herzens, mich nach einer anderen Stelle umzusehen. Das Ende der Züri-Zeit stand bevor; die Zukunft war noch völlig offen.


Ohne mein Wissen organsierte mein Didaktik-Assistent Walter Spinnler mit einigen Studierenden einen unvergesslichen Abschied. Kurt Murer, bereits stellvertretender Leiter neben Guido Schilling, lud mich eines Tages zu einem sehr frühen Morgenessen in Zürich ein. Der frühe Zeitpunkt schien mir etwas suspekt, aber einer Einladung sollte man ja grundsätzlich nicht widersprechen. Die Fahrt hinter Kurt durchs Sihltal verlief wie gewohnt, doch in Adliswil zeigte er mir mit seinem Blinker, dass die Fahrt Richtung Hallenbad geht; langsam ging mir ein Licht auf.


Schon vom Parkplatz aus erkannte ich, dass das ganze Hallenbad und nicht nur das Café voll beleuchtet war. Ich wurde an der Hallenbadtüre von einem Studenten abgeholt und gleich gebeten, die Schuhe auszuziehen und ihm zu folgen. Ich trat ins Hallenbad und da tummelten sich gegen 100 johlende, pfeifende und singende junge Frauen und Männer im Wasser und spielten Ballone in die Luft; dies an einem so frühen Morgen!
 

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355s: 100 Studenten gingen für mich morgens um halb Sieben ins Wasser.


Mir stockte der Atem; die Freude war riesig; die Überraschung perfekt. Kurz nach dem Umziehen ging’s dann aber los; ich wurde mit verschiedenen Spielen (heraus-)gefordert, natürlich zum Gelächter aller! Doch nicht genug: im Verlauf des Morgens erschien sogar Heinz Keller, der bereits in Magglingen arbeitete und dort wohnte. Er kam mit seinen rostbraunen VW Golf und musste deshalb noch früher aufstehen als alle andern, denn die Autofahrt dauert – trotz der gewohnt zügigen Fahrweise von Heinz – mehr als zwei Stunden. Seine pointierte Abschiedsrede rundete den Anlass würdig ab. Zu guter Letzt reichten wir uns die Hände mit dem Versprechen, trotz allem gemeinsam weiterhin viele hundert Kilometer zu laufen. Der Abschied tat weh, aber der Entscheid war, wie es sich im Nachhinein zeigte, richtig.


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355t: Ein Versprechen unter Freunden: Weiterhin mit- und nicht gegeneinander laufen.


Doch wie weiter? Ich bewarb mich für die Stelle von Hansjörg Würmli, Sportdozent an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen; seine Pensionierung stand kurz bevor. Ich war stolz, seine Stelle trotz starken ortsansässigen Konkurrenten übernehmen und weiterführen zu dürfen. Als ich Alfred Noser Jahre später einmal fragte, warum er mir sogar als Zuger bei der attraktiven Stellenvergabe eine Chance «neben» den St. Galler Bewerbern gab, meinte er kurz, klar aber unmissverständlich: «Herr Bucher, ich bin ein Glarner!»

 

Im Frühling 1987 betrat ich in der Ostschweiz ein mir bis anhin völlig unbekanntes «Neuland», aber dieser Neustart tat mir gut. Wir fanden bald auch ein geeignetes zu Hause für unsere Familie und lebten uns bald gut in der kleinen Gemeinde Berg SG ein.

 

Die Arbeit an der PHS faszinierte mich sehr, denn ich spürte, dass vieles im Argen lag und deshalb ein grosses Potential an Änderungen und Verbesserungen möglich war. Dies alles nicht zuletzt dank der grossen Unterstützung des Rektors Prof. Dr. Alfred Noser. Ich durfte den Sportunterricht für angehende Sportlehrkräfte der Sekundarstufe 1 gemeinsam mit meiner tollen Assistentin Marlis Hitz grundlegend reorganisieren.

 

Bereits nach wenigen St. Galler Jahren erfuhr ich, dass das Schweizerische Lehrmittel Schwimmen im Auftrag der Eidgenössischen Sportkommission ESK überarbeitet werden soll. Da solche Aufträge und Projekte auch administrativ immer über die ESSM abliefen, lag es auf der Hand, mit Heinz Keller Kontakt aufzunehmen. Mit Begeisterung motivierte er mich, ich solle mich unbedingt für diese Aufgabe bei der ESK bewerben. Das habe ich getan, und das Projekt wurde mir von der ESK übergeben. Auf meinem Arbeitsvertrag gab es zwei Unterschriften: Links Walter Bucher; rechts Heinz Keller; eine erneute Zusammenarbeit – wenn auch nur «am Rande» – war eine zusätzliche Motivation. Ich wagte es, mit einem grossen Team diese spannende aber auch schwierige Aufgabe anzupacken. An der PHSG konnte ich mein Pensum leicht reduzieren.
 

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355u: Das 25köpfige Autorenteam des Schweizerischen Lehrmittels Schwimmen.

 

Noch während der Bearbeitung des Lehrmittels Schwimmen war es auch an der Zeit, die in die Jahre gekommene Lehrmittelreihe «Turnen und Sport» völlig neu zu gestalten. Solche Totalüberarbeitungen fanden alle 15-20 Jahre statt. Es wurde sowohl ein Projektwettbewerb als auch die Stelle eines Projektleiters ausgeschrieben. Heinz Keller motivierte mich auch für dieses Grossprojekt. Gemeinsam mit dem Grafiker Daniel Lienhard und dem Sportdozenten Kurt Murer reichten wir ein Konzept ein. Gleichzeitig bewarb ich mich als Projektleiter. Wir hatten den Projektwettbewerb gewonnen und ich wurde von der ESK als Projektleiter gewählt. Viele zähe aber interessante Diskussionen mit vielen Experten aus der ganzen Schweiz im Fachbereich Bewegung und Sport führten letztendlich zu einem überzeugenden Gesamtkonzept für alle Schulstufen von der Vorschule bis zur Maturität.

 

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355v: Gesamtkonzept der Schweizerischen Lehrmittelreihe Sporterziehung mit 6 Bänden und je 7 Broschüren von der Vorschule bis zur Maturität.



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355v: Ein vielversprechendes, vom Grafiker Daniel Lienhard gestaltetes Logo.

Das Projekt zog sich mehrmals in die Länge. Doch nach drei Startversuchen und letztendlich rund 10 Jahren lagen 6 Bände in drei Landessprachen auf dem Tisch. In der letzten Phase wurden 5 Bände auch noch ins Rätoromanische übersetzt. Die Akzeptanz in vielen Einführungskursen, die ich weitgehend selber leitete, war sehr gross; ein schöner Lohn für diese aufwändige und sehr oft belastende Zeit. In Notsituationen suchte ich jeweils Rat und Unterstützung bei Heinz; er war für mich der wichtigste Coach in Krisensituationen.


Unvergesslich ist deshalb der Abschluss dieses Mammutprojektes an einer ESK-Tagung im Herbst 1997. Der bekannte Alphornspieler Anton Wicky komponierte auf meinen Wusch  eine Alphornmelodie mit dem Titel «s’Turnbuech isch fertig». An dieser Tagung fand die Uraufführung mit Anton, seinem Sohn und mir statt (Foto 347). Die Gestik von Heinz und der fröhliche Gesichtsausdruck von mir nach dem Auftritt sagen alles!
 

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355x: Wohlwollende «Manöverkritik» von Heinz Keller nach der Uraufführung der Alphornmelodie «s'Turnbuech isch fertig».

 

Für mich lag nun Magglingen wieder weit weg; Kursbesuche und Tagungen wurden wesentlich seltener. Auf leisen Sohlen hatten sich in dieser Zwischenzeit Heinz und seine Frau Barbara immer näher an die Spitze der älteren Schweizer OL-Gilde herangetastet, sie sogar teilweise überholt. Doch nicht genug! Das Keller-Team rannte vermehrt auch an internationalen OL-Wettläufen mit. Es kam noch besser: An der WM 2017 für 75jährige wurde Heinz sogar Weltmeister. Mein kleiner Minutenvorsprung am Zürcher Marathon war somit nur noch Schnee von gestern! Und wie ich mich für Heinz gefreut habe! In einem Zeitungsbericht war zu lesen:

Im anspruchsvollen Dünengelände nördlich von Auckland konnte Heinz Keller seinen grössten Erfolg seit seinem Einstieg in den OL-Sport feiern. Der ehemalige Leichtathlet mit Spezialgebiet Zehnkampf startete seine OL-Karriere erst im späteren Seniorenalter und konnte sich in den letzten 15 Jahren stetig verbessern. Sein Durchhaltewille wurde nun in Neuseeland mit dem Weltmeistertitel belohnt. Gestartet als Siebter des Qualifikationswettkampfes, konnte er seine sechs vor ihm liegenen Konkurrenten aus Skandinavien im detailreichen Dünengelände um sieben Minuten und mehr distanzieren und einen unerwarteten Sieg landen.

 

Im Verlauf der folgenden Jahre trafen wir – Heinz mit seiner Frau; meine Frau und ich – uns jährlich, einmal im Osten und dann wieder im Westen der Schweiz. Bei diesen stets sehr herzlichen Begegnungen mit vielen interessanten Gesprächen auf Wanderungen erinnerten wir uns immer wieder gerne an unsere gemeinsamen Zeiten; wir wurden echte Freunde.


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355y: Lang lebe unsere Freundschaft!


Heinz hat mir während dieser langen Zeit viel gegeben. Ich durfte bei und von ihm sehr viel lernen. Er hat mein Selbstvertrauen gestärkt. Ich hoffe, noch lange mit und neben ihm unterwegs sein zu dürfen. Ist es ein Zufall, dass das letzte Foto unserer Zeitreise die Nummer 355y hat? Das «Z» fehlt, steht noch aus, wie bei Jean's Buchtitel Tennis von A-Y. Auf dieses «Z» wie ZUKUNFT, freue ich mich.

Auf der Zeitreise meines bisherigen Lebens haben Hermann Buri, Jean Brechbühl und Heinz Keller mein Berufsleben geprägt; ich habe ihnen viel zu verdanken. Gleichzeitig wurde mir einmal mehr bewusst, dass jede Reise irgend einmal zu Ende geht.

Waldschlupf 3 – neue Zeit
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11.  Waldschlupf 3 – neue Zeit

Die Zeit im Schlosspark St. Andreas schien eine Weile still zu stehen. Es stellte sich die Frage, wer dieses Anwesen endlich übernehmen, hegen und pflegen könnte? Der Gemeinde Cham bot sich die einmalige Chance, dieses Prunkstück zu erwerben, doch ihre Befürchtungen waren zu gross, den Unterhalt dieser grossen Anlage langfristig finanzieren zu können. Dann entstand in und um Cham ein ungutes Gefühl, dass irgendeine ortsfremde Institution oder eine reiche Person das Schlossgut übernehmen könnte. Doch glücklicherweise eröffnete sich plötzlich eine völlig hoffnungsvolle neue Perspektive. 
 

(1)

357: Neustart – dort, wo einst unser alter Waldschlupf stand.


Die junge Familie Pacher brachte Licht und Hoffnung am St. Andreas-Horizont. Sie bezog das Haus Maienrain und schmiedete Pläne für die Zukunft des St. Andreas-Anwesens. Zusammen mit meinem Bruder Willi erhielt ich eines Tages die Möglichkeit, Plan-Modelle einer möglichen Überbauung von St. Andreas anzusehen. Herr Pacher zeigte und erklärte uns begeistert seine Zukunftsvisionen.


(2)

358: Herr Pacher öffnete meinem Bruder Willi und mir das alte Eisentor des Schlosses.

Die wegweisende Idee, mit Neubauten in der Parkanlage die Finanzierung des Unterhaltes der Schlossanlage auf lange Sicht sicher zu stellen, war bestechend. Frau und Herr Pacher liessen ein Projekt ausarbeiten, bei dem das Schloss nach wie vor das Zentrum bilden und dass auf den beiden Eckseiten des Schlossareals grosse Wohnblöcke stehen sollten.
 

(3)

359: Das Bauprojekt der Schlossanlage war für Cham zu wuchtig. Das Waldhaus war am gleichen Standort wie unser ehemaliger Waldschlupf geplant.

Die einzelnen Mietwohnungen in den mehrstöckigen Wohnblöcken hätten denselben Grundriss wie das Schloss gehabt. Jeder würde gegenüber der oberen und der unteren Etage jeweils leicht versetzt bzw. gedreht sein. Die Idee dieser Bauweise war, dass sich alle Mieter wie eine «Schlossherrschaft» hätten fühlen können. Die Idee war bestechend.


(4)

360: Jedes Stockwerk hätte dem Grundriss des Schlosses entsprochen.

Es folgten hitzige Debatten und viele kontroverse Diskussionen in der Chamer Bevölkerung zu diesem Projekt. Viele begrüssten die Bemühungen der Familie Pacher und fanden, es sei lobenswert, sich für den Erhalt der wunderschönen Schlossanlage zu engagieren. Auch ich war von der Pacherschen Idee überzeugt und glaubte daran, dass dies ein möglicher Weg sein könnte, den Erhalt des Schlosses und des Schlossparkarels auf lange Sicht sicher zu stellen. Deshalb versuchte auch ich im Vorfeld der Abstimmung einen kleinen Beitrag zu leisten. 

 
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361: Auch ich versuchte, das Pacher-Projekt zu unterstützen.

Es kam am 9. Dezember 2007 zur Abstimmung. Obwohl der Gemeinderat und viele Chamer Bürgerinnen und Bürger dem Projekt zugestimmt hatten, wurde es von der Mehrheit in abgelehnt. Das visionäre Projekt war vermutlich – zumindest für Cham – zu utopisch und doch etwas zu mächtig. Viele Chamer hätten sich nicht vorstellen können, ihre traditionellen Volksfeste auf dem Hirsgartengelände neben einem Hochhaus zu feiern oder den gemütlichen Sonntagsspaziergang am See nicht mehr in gewohnter und vertrauter Umgebung geniessen zu können.
 

Nach diesem Entscheid blieb es wieder längere Zeit ruhig um St. Andreas, nicht jedoch bei Familie Pacher, denn sie planten unentwegt weiter, gaben die Hoffnung nicht auf und suchten andere Wege.
 

Bis zu seiner Pensionierung arbeitete mein Vater als Schlossgärtner auf dem Schlossareal St. Andreas und fühlte sich dort zeitlebens wohl und beheimatet. Mein Wunsch war deshalb, auch einmal erleben zu dürfen, wie man sich als 65jähriger in einer Umgebung fühlt, in der man lange zufrieden und glücklich leben durfte. Ich bat Familie Pacher um Erlaubnis, mit meiner Frau einen Spaziergang durch den Park machen zu dürfen, um alte Erinnerungen aufzufrischen und ihr von meinen Erlebnissen zu erzählen. Dies wurde mir spontan gewährt. Nach unserem Rundgang, auf dem ich an vielen Stellen meiner Frau vorschwärmte, was ich alles erlebt hatte, waren wir im Maienrain eingeladen. Ich erzählte und schwärmte auch dort weiter von meinen Erinnerungen.


Im Garten tummelte sich während unserer Gespräche der 12jährige Clemens Pacher mit waghalsigen Sprüngen auf einem grossen Trampolin. In diesem Moment erinnerte ich mich an meine riskanten, aus grosser Höhe gewagten Sprünge ins weiche Heu in der Scheune des Waldschlupfs.


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362: Wir hatten noch kein Trampolin, dafür einen Heustock mit «Sprungturm»!

Bei diesem interessanten Gedankenaustausch kamen wir erneut auf den Brief von Herrn von Schulthess zu sprechen, in welchem er mich vor 14 Jahren ermuntert hatte, ein St. Andreas-Büchlein zu verfassen (Abb. 3a). «Das sollten Sie doch wirklich tun!» doppelte nun Frau Pacher nach. Doch es blieb auch nach der netten Aufforderung bei diesem Besuch wieder nur bei der Idee.


Kaum zwei Jahre später betrübte uns die traurige Mitteilung, dass Herr Ferdinand Pacher verstorben sei. Wieder verstrich einige lange Zeit, bis ich erneut mit Frau Pacher Kontakt aufnahm. Ich schlug ihr vor, gemeinsam einen Spaziergang in meine St. Andreas-Vergangenheit zu unternehmen und dabei an verschiedenen für mich bedeutungsvollen Stellen anzuhalten und dort von meinen Erlebnissen und Schlosspark-Abenteuern zu erzählen. Sie freute sich über diese Idee und wünschte, dass sie diese Geschichten auf einem Tonträger festhalten dürfe. Im Geheimen dachte ich mir bereits zu diesem Zeitpunkt, dass ich wahrscheinlich alle diese Geschichten in irgend einer Form sammeln und aufschreiben werde. Am 2. September 2014 war es soweit; wir spazierten miteinander durch den Schlosspark.


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363: Vor dem ehemaligen Obergärtnerhaus begann unser Spaziergang und das Erzählen meiner ersten St. Andreas-Geschichte.

Wir starteten beim ehemaligen Obergärtnerhaus, denn das alte, eiserne Eingangstor zum Schlossgarten war wegen den Bauarbeiten bereits abgebrochen. Nach der Schilderung einiger Kindergeschichten im Zusammenhang mit diesem Riegelhaus schlenderten wir auf dem Kiesweg der Thujahecke entlang und am Holzschopf und der Schreinerei vorbei bis zum Waldschlupf. Mit gemischten, etwas wehmühtigen Gefühlen stand ich nun vor dem Neubau des dritten Waldschlupfs und begann zu erzählen.


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364: Der dritte Waldschlupf im Bau.

Wir spazierten weiter durch unser ehemaliges Waldschlupf-Wäldchen. Ich wünschte mir in diesem Moment, es mögen bald wieder Kinder von Bewohnern des Waldschlupfs 3 hier herumrennen, wie ich dies in meiner Kindheit tun durfte.


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365: Der Walschlupf 3 weckt Hoffnung für neues Leben auf St. Andreas.

Weiter ging es am Brüggli vorbei dem See entlang, auf dem gelben Kiesweg beim Bambuswäldchen Richtung Weiher, wiederum dem See entlang bis zum ehemaligen Saustall, der inzwischen in ein charmantes Badehäuschen umgestaltet wurde. Anschliessend spazierten wir gemächlich zwischen mächtigen Rhododendrengruppen hinauf zur Schlossgärtnerei und schlussendlich zurück ins schöne, frisch renovierte Schloss. Der Spaziergang mit vielen Schilderungen endete auf der Sonnenterrasse.


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366: Nach dem Spaziergang in die Vergangenheit ein spannendes Gespräch auf der Terrasse.

Mit einem herzlichen Händedruck verabschiedeten wir uns nach diesem Spaziergang im Schlosspark St. Andreas und ich versprach Frau Pacher, die eben geschilderten und einige weitere Geschichten aufzuschreiben.


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367: Abschied – und gleichzeitig Start des Projektes.

Schon wenige Tage später begann ich, alte Kontakte aufzufrischen. So nahm ich zuerst Kontakt auf mit Ursula Ast, der Tochter des ehemaligen Obergärtners. Die Idee begeisterte sie und sofort schwärmte auch sie von früher. Spontan bot sie mir an, Unterlagen, Fotos und Dokumente ihres Vaters für das Buch zur Verfügung zu stellen.


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368: Die Zeitreise in meine St. Andreas- und Chomer Vergangenheit begann.

Bald darauf nahm ich auch mit den beiden Töchtern des ehemaligen Schlosschauffeurs Walter Stuber Verbindung auf, die ich seit mehr als 50 Jahren nicht mehr gesehen hatte. Ich erzählte am Telefon Rosemarie, der älteren Schwester, von früheren St. Andreas-Zeiten und sofort realisierte sie, wer mit ihr sprach. Unglücklicherweise entsorgte sie bei einem Umzug ihre alten Fotobücher. Sie bedauerte, dass sie deshalb nur noch ein paar wenige Erinnerungs-Fotos aufbewahrt hätte. Gleich darauf telefonierte ich mit ihrer jüngeren Schwester Anita. Auch sie erinnerte sich gerne an unsere guten alten Zeiten und begann spontan zu berichten.

Zu guter Letzt nahm ich mit meinen drei Schwestern Kontakt auf. Rita, die jüngste, war begeistert von der Idee eines St. Andreas-Büchleins und bot mir an, mit einer eigenen kleinen Schloss-Geschichte mit dem Titel «Ich war einmal ein Engel» einen Beitrag zu leisten. Auch Margrit, zwei Jahre ältere als ich, schwärmte von unserer unbeschwerten Kinderzeit im Waldschlupf. Zuletzt telefonierte ich mit meiner ältesten Schwester Gertrude, welche seit längerer Zeit in Amerika lebt. Sie besuchte damals mit Mungg (Cornelia von Schulthess) die Chamer Primarschule. Auf unverkennbar typisch amerikanische Art begann sie pausenlos zu erzählen, dass sie auch hin und wieder von St. Andreas träume und dass sie schon einmal selber die Absicht hegte, ein Buch zu schreiben mit dem Titel «Im Schatten des Schlosses».
 

Jetzt stand mir die schwierige aber auch spannende Aufgabe bevor, alle Erzählungen und Berichte zu ordnen und aufzuschreiben. Bald reihte sich Geschichte an Geschichte, Seite an Seite.


Mein Freund Daniel Lienhard gestaltete den Buchumschlag. Auf der Vorderseite bearbeitete er eine Flugaufnahme des Schlossareals, die ich selber im Jahr 1976 von einem Helikopter aus gemacht hatte. Und auf dem hinteren Umschlag ist der alte Waldschlupf abgebildet, wo mein eigentlicher «Start ins Leben» begann.
 

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369: Umschlag zum Buch Start ins Leben – im Schlosspark St. Andreas.

Kurz vor der Fertigstellung des Buches ergaben sich anfangs Mai 2015 gleich zwei Gelegenheiten, meine vielen Erinnerungen mit zwei speziellen Reisen vom Bodensee an den Zugersee abzurunden.

Am 8. Mai 2015 fand das traditionelle, alle 5 Jahre stattfindende Klassentreffen der 1945er statt. Wir alle besuchten vor rund 63 Jahren gemeinsam den Kindergarten. Dann folgte jedoch die getrennte Mädchen- bzw. Knaben-Primar- und Sekundarschulzeit.


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370: Die Fototechnik hat seither grosse Fortschritte gemacht!


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371:  Knabenklasse 2. Sek. Jahrgang 1945. Ich sitze in der 3. Reihe, zweiter von links.
 
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372: Mädchenklasse 2. Sek. Jahrgang 1945.

Mittlerweile sind wir alle 70jährig. Das Alter hat bei allen Spuren hinterlassen! Einige unserer Schulkolleginnen und -kollegen sind leider bereits gestorben. Nach freundlichen und anfänglich etwas schüchternen Wortwechseln fanden wir uns sehr schnell wieder zurückversetzt in unsere Schulzeit. Erstaunlich war für mich, dass ich alle nicht an ihrem (veränderten!) Aussehen, sondern an ihrer Stimme sofort wieder erkannte. Und wie es an einem Klassentreffen üblich ist, wurde auch diesmal eine Klassenfoto gemacht und zwar vor unserem damaligen Kindergartengebäude; im Unterschied zu damals jetzt alle zusammen, Frauen und Männer.


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373: Chamer Klassentreffen der 1945er am 8. Mai 2015.
 

Zur zweiten Chamer Reise startete ich gleich am nächsten Tag. Die «Tage der offenen Türe» sind jährlich ein gut besuchter, traditioneller Anlass im Schlosspark St. Andreas. Mein Vater war an einem solchen Tag jeweils beauftragt, nach der offiziellen Besuchszeit dafür zu sorgen, dass alle Besucherinnen und Besucher den Park wieder verliessen. Mit Stolz durfte ich Baba dabei als «kleiner Hilfspolizist» begleiten.

Im Laufe der Jahre erweiterte Familie Pacher das Angebot für die Besucher. Im Mai 2014 spielte die Swanee River Jazz Band aus Cham mit dem Bandleader Ruedi Sidler. In gemütlicher Atmosphäre freuten sich die Gäste einerseits über die musikalische Unterhaltung am Seeufer und andererseits am kulinarischen Angebot. Nach einem Gespräch mit Ruedi, den ich seit meiner Kindheit kenne und der mir immer als erfolgreicher Fischer imponierte, kam mir die Idee, bei einer nächsten Gelegenheit an derselben Stelle mit Alphornklängen der Alphorngruppe Bodensee die Gäste zu erfreuen.

Frau Pacher zeigte sich von meiner Idee erfreut und empfahl mir ein Gespräch mit dem Organisator dieser «Tag der offenen Türe», dem Präsidenten von Cham Tourismus, Hans Martin Öhri. Das traf sich gut, denn ihn kannte ich seit unserer gemeinsamen Zeit als Eishockeyspieler beim EVZ. Hans Martin fand die Idee überzeugend und stellte in Aussicht, er werde mein Vorhaben gerne dem Vorstand von Cham Tourismus präsentieren. Dann informierte ich meinerseits unsere Alphorngruppe, und es meldeten sich spontan 15 Spielerinnen und Spieler für diesen besonderen Anlass an. Um diese Reise vom Bodensee an den Zugersee als besonderen Ausflug zu gestalten, charterte ich ein Saurer Postauto aus den Fünfzigerjahren.
 

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374: Wir fuhren mit einem Oldtimer-Postauto vom Bodensee an den Zugersee. Bei einem Zwischenhalt setzte ich mich selber ans Steuer …
 

Ich wünschte mir für diese Fahrt ein Oldtimer-Postauto, weil ich in meiner Kindheit oft davon träumte, entweder Lokomotivführer oder Postautochauffeur zu werden. Gleichzeitig freute ich mich an der Erinnerung an das gelbe Postauto, das jeweils auf dem Chamer Bahnhofplatz stand, in dem der Chauffeur Laugeriy geduldig auf einige wenige Fahrgäste wartete (Foto 339).
   

Am 9. Mai 2015 reiste ich mit 14 Kolleginnen und Kollegen der Alphorngruppe Bodensee erwartungsvoll vom Bodensee an den Zugersee. Der Chauffeur parkierte auf meinen besonderen Wunsch das alte Postauto direkt vor dem Schloss St. Andreas. Frau Sibylle Pacher, die Schlossherrin, empfing uns herzlich.


Nach einem Begrüssungsständchen vor dem Schloss zeigte ich meinen Kolleginnen und Kollegen den Waldschlupf, wo ich meine Kinder- und Jugendzeit im Schlosspark St. Andreas verbrachte. Nach einem Spaziergang durch den Park stellten wir uns an der Seemauer beim «Känzeli» auf und spielten im Verlauf des Nachmittags einige Alphornmelodien. 

 
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375: Die Alphorngruppe Bodensee spielte zum Empfang und zum Abschied vor dem Schloss St. Andreas.
 

Zum Abschluss dieser Reise spielten wir ein letztes Mal vor der historischen Kulisse des Schlosses St. Andreas. Tief beeindruckt vom Aufenthalt im Schlosspark, erfreut über gute Begegnungen und zufrieden über die Freude der Zuhörer an unserem Alphornspiel, fuhren wir mit einer Geschwindigkeit von ungefähr 70 Kilometern pro Stunde  – passend zu meinem Geburtstag – mit unserem Oldtimer-Postauto wieder zurück in meine neue Heimat am Bodensee.

Anhang – oder vorwärts zum (Neu-) Start?
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12.  Anhang – oder vorwärts zum (Neu-) Start?

Das vorliegende Buch entstand ursprünglich anlässlich meines 70. Geburtstages als Geschenk für Freunde, Verwandte und Bekannte. Bei den vielen Rückmeldungen kam es oft zu äusserst spannenden Gesprächen mit intensivem Austausch von gemeinsamen Erlebnissen. Dies war auch ein Beweggrund, bisherige Geschichten in Form von «Einschüben» anstatt einer dritten Auflage zu ergänzen. Das Buch lebt zudem als digitales Medium auf der Plattform meet-my-life weiter – so lange wie möglich!

In loser Folge erzähle ich in diesem und in allen anderen Kapiteln Geschichten in Form von weiteren Einschüben mit Datum, die sich nach Abschluss der Schreibarbeiten am Buch abgespielt haben; fürwahr ein kleiner Neustart!


Zufälliges Treffen von alter Bekannten. Es war ein schöner Zufall! Ich wurde zum 80. Geburtstag meines  «Gefreiten-Freundes» Willy Erzer nach Basel eingeladen. Zufälligerweise sass ich am gleichen Tisch mit zwei Personen, die ich mehr als 50 Jahre nicht mehr gesehen hatte: Ruth und Kurt Dössegger-Weingand. Nach einer sehr herzlichen Begrüssung war das Gesprächsthema selbstverständlich unsere gemeinsame Chamer Zeit. Darauf fragte ich bei Willy nach, wie er die Dösseggers kennen lernte. «Im Jahr 2002 war ich Generalsekretär am Eidgenössischen Turnfest in Bubendorf BL mit gegen 70'000 Teilnehmenden, und Ruth Dössegger wirkte als Infochefin des Schweizerischen Turnverbandes im Oragnisationskommitee mit. Seither sind wir befreundet» erklärte Willy.

In der Chamer «Meitli-Pfadi» erlebte Ruth Dössegger – so erzählte sie voller Begeisterung – viele unvergessliche Stunden im Schlosstürmli von St. Andreas unter der Leitung von «Mungg» (Pfadfindername von Cornelia von Schulthess). Im Sport engagierte sich Ruth für das Mädchen- und Frauenturnen, anfänglich regional und später auch gesamtschweizerisch. Ruth’s Vater war der Chamer Turnpionier. Durch sein unermüdliches Engagement prägte er viele Jahre das Vereinsleben des Turnvereins und wurde später sogar Ehrenmitglied des Schweizerischen Turnverbandes. Anlässlich diese Auszeichnung wurde er von Frau und Herrn von Schulthess persönlich eingeladen.


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376: Franz Weingand, DER Chamer Turnpionier, nach einem Turnfest.

Und Ruths Mann, Kurt Dössegger, war Mitglied des Eidgenössischen Turnvereins ETV Cham. Zur selben Zeit turnte ich im Katholischen Turnverein KTV Cham, also bei der «Konkurrenz». Ich war jedoch schon damals überzeugt, dass ein gemeinsamer Chamer Turnverein erfolgreicher gewesen wäre. Wie gerne wäre auch ich in der starken 10x80m-Staffel des ETV Cham mitgerannt; tempomässig wäre ich nicht abgefallen! Bis heute erinnere ich mich noch an alle zehn Sprinter dieser schnellen Läufergruppe.  

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377: Die schnelle 10x80-Staffel des ETV Cham im Jahr 1965.


Da soll es einmal einen schüchternen Buecher gegeben haben!
Zufällig entdeckte ich in der Zuger Presse vom 25. Juni von Ruth Dössegger einen «Schulreisebericht» des TV Cham 1884. Bestimmt hätte ich einige dieser zum Teil gleichaltrigen TV Senioren wieder erkannt. Und ich stelle mir vor, wie sie nach der unten folgenden Erzählung von Giuseppe über mich gewitzelt hätten, wenn ich dabei gewesen wäre: «Klar, de Buecher isch halt nid bi üs im Eidgenössische, sondern nur im Katholische Turnverein gsii; drum häd er ned so rächt trouet herezlänge!».


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377a: Vom schüchternen Bucher zum «Endlechbucher»!

Beim Lesen des Berichtes wurde mir bewusst, dass meine Mutter tatsächlich eine Entlebucherin war; sie wurde im Dorf Schüpfheim geboren und ist dort in einer Grossfamilie mit 13 Kindern aufgewachsen. Natürlich – und sicher auch verständlich! –  musste ich beim Lesen des Berichtes schmunzeln, speziell wegen dem «Entlech-Bucher»!

Die folgende Fischergeschichte ist kein Fischerlatein! Päuli Lustenberger amtete während 25 Jahren als Chauffeur und Hauswart auf St. Andreas. Er wohnte im selben Haus, ja sogar in derselben Wohnung wie damals wir Buchers. Als Bub bestaunte ich immer wieder seine spezielle und äusserst erfolgreiche Fischertechnik. Wenn alle andern Hobbyfischer unmittelbar neben Päuli erfolglos ihre Würmer badeten, bissen die Fische bei ihm an!


Nachdem er meine Chamer Geschichten gelesen hatte, erzählte er mir weitere Chamer-, aber ganz besonders auch St. Andreas-Episoden. Er beschrieb mir unter anderem folgende, beinahe unglaubliche Geschichte:
 

Ich wurde vom damaligen Aufseher Twerenbold von der Enten-Volière im Chamer Inseli angefragt, ob ich einige Karpfen fangen könne, da er diese gerne im Entenweiher einsetzen würde, um die Attraktion der Volière zu bereichern. Zusammen mit dem damaligen Obergärtner Wolfgang Weber lösten wir diese schwierige Aufgabe wie folgt: Wir fuhren nachts im Schlossweiher mit dem kleinen Flachboot von Herrn von Schulthess ganz langsam Richtung Seerosen. Ich kniete vorne auf dem Boot und Wolfgang ruderte ganz ruhig in die gewünschte Richtung: «Rächts – links – graduus – haaalt – …» kommandierte ich ganz leise. Gleichzeitig leuchtete ich mit dem starken Lichtstrahl meiner grossen Taschenlampe den lehmigen Weihergrund aus. Entdeckte ich einen Karpfen, so richtete ich den Lichtstrahl während zwei bis drei Minuten direkt in dessen Augen. 


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378: Päuli’s Lichtstrahl hypnotisiert die Karpfen.

Wie hypnotisiert blieb der betreffende Karpfen sofort stehen. Jetzt bewegte ich den Lichtstrahl langsam in die Nähe unseres Bötchens. Wie von dieser Lichtquelle magnetisiert angezogen, schwamm nun der Karpfen ganz langsam in meine gewünschte Richtung. Fangbereit hielt ich den Feumer jedoch schon vorher ins Wasser. Kurz bevor der Karpfen diesen erreichte, löschte ich das Licht. Der Karpfen erschrak und flitzte direkt ins Netz. Er war gefangen – ohne Angel!

Ich bedauerte natürlich, von dieser spannende Fangtechnik erst viele Jahre nach meiner Zeit als Schlossweiherfischer zu erfahren. Aber einen grossen Karpfen mit einer Fischerrute ans Land zu ziehen war damals selbstverständlich nicht weniger spannend!

Dr. Kaufmann war (m)ein Chamer Sportarzt! In meiner Kinderzeit kannte ich nur zwei Hausärzte: Dr. Jung und Dr. Spiller sen. Etwas später engagierten sich bereits vier Ärzte für das gesundheitliche Wohl der Chamer Bevölkerung, nämlich: Dr. Meyer, Dr. Gaus, Dr. Spiller jun. und Dr. Kaufmann. Heute gibt es in Cham mehr als 60 Ärzte.

Dr. Hans Kaufmann eröffnete 1962 seine Praxis an der Néstlestrasse. Dort wohnte er bis zu seinem Tod vor einem Jahr. Als stürmischer Eishockeyspieler durfte ich nach Verletzungen ab und zu seine Dienste in Anspruch nehmen. So passierte es auch einmal, dass ich nachts um 23 Uhr nach einem Eishockeyspiel in Luzern mit meinem Kollegen Beat Landtwing schüchtern an seiner Haustüre klingelte. Dr. Kaufmann öffnete zu später Stunde im Schlafanzug das hölzerne Guckloch, erkannte die Situation sofort, öffnete die Türe und nähte Beats Wunde.


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379: Mein Chamer Sportarzt Dr. Kaufmann öffnete mir vor 50 Jahren zu später Stunde sein Guckloch – und 50 Jahre später nochmals speziell nur für dieses Foto!

In meiner Zeit als Chamer Sportlehrer operierte er mein linkes Knie. Da meine Meniskusbeschwerden trotz verschiedenen physiotherapeutischen Massnahmen nicht wesentlich besserten, wurde eine Operation unumgänglich. Die grosse Narbe am Knie erinnert mich heute noch an Dr. Kaufmann.


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380: Das Dr. Kaufmann-OP-Team an der Arbeit. Die Narbe am linken Knie blieb – auch 50 Jahre nach der Operation, und ist immer noch deutlich erkennbar.
 

Wo, wie und wann hatte ich mich denn am Knie verletzt? Zug, 1. April 1964: «Aushebung». Alle 19jährigen Chamer Jünglinge waren in diesem Jahr stellungspflichtig und mussten deshalb in der Zuger Neustadtturnhalle antreten. Dort wurden wir bezüglich unserer Wehrdiensttauglichkeit auf «Herz und Nieren» geprüft. Mein grösster Wunsch war es, Panzergrenadier zu werden. Ich wusste jedoch, dass hohe Anforderungen zu erfüllen und dass nur zwei Plätze pro Kanton zu vergeben waren. 



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381: Mein erster Marschbefehl: Antreten zur Aushebung am 1.4.1964 in Zug.

Mit Eifer und Ehrgeiz absolvierte ich die vier Disziplinen 80m-Lauf (auf einer Asphaltstrasse), Weitsprung, Weitwurf und Klettern. In allen Disziplinen erzielte ich die Bestnote 1. Auch der ärztliche Untersuch verlief erfolgreich; ich war «kerngesund». Am Nachmittag erwarteten wir gespannt das alles entscheidende Gespräch mit dem Aushebungsoffizier.
 

Die Mittagspause vertrödelten wir in der Turnhalle. Zum Spass liess ich die Schaukelringe bis auf Reichhöhe herunter und baumelte locker an den Ringen. Plötzlich und unerwartet zogen einige Kollegen am Seil und hievten mich zur Decke hoch. Nach anfänglichem Gelächter erkannten sie jedoch bald meine missliche Lage und wurden sich des gefährlichen Manövers bewusst. Deshalb erlösten sie mich umgehend aus meiner äusserst ungemütlichen Position und liessen die Ringe wieder hinunter. Knapp über dem Hallenboden liessen sie das Seil unachtsam los und ich landete unsanft auf dem Boden. Ein tiefer, stechender Schmerz durchdrang sofort mein linkes Knie. Nach einigen Minuten konnte ich erstaunlicherweise wieder gehen bzw. humpeln, doch das Knie schwoll zusehends stark an. Die Beschwerden liessen in den folgenden Tagen zwar etwas nach, doch bei unkontrollierten Bewegungen schmerzte es mich immer wieder. Der Weg zum Arzt war unumgänglich und nach einiger Zeit eine Operation absehbar.

Die Operationsmethoden von damals sind nicht zu vergleichen mit denen von heute. In Vollnarkose wurde mir die ganze Innenseite des inneren Meniskus am linken Knie entfernt. Ich erinnere mich noch, als Dr. Kaufmann mir einen Tag nach der Operation am Spitalbett den weggetrennten Meniskus zeigte und sagte, er müsse dieses «Beweisstück» zusammen mit dem Unfall- und Operationsprotokoll der Militärversicherung abgeben. Nach der OP folgten 14 Tage Bettruhe; 14 lange Tage. Anschliessend wurde mir eine sanfte Physiotherapie verschrieben. Danach begann ich wieder zu trainieren, und im Herbst startete ich vorsichtig mit dem Eistraining auf der Kunsteisbahn Rapperswil (in Zug gab es damals noch keine Kunsteisbahn). Bald hatte ich überhaupt keine Beschwerden mehr.
 

Bis heute hat mein linkes Knie viele Belastungsproben überstanden trotz vielen sportlichen Aktivitäten im Alltag als Sportlehrer und mehreren Marathonläufen. Regelmässig trainiere ich in meinem eigenen «Outdoor-Fitness-Center», und halte somit auch meine Kniebeschwerden in Grenzen.



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382: Regelmässiges Training als Knietherapie, aber auch zur Erhaltung der eigenen Fitness.

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(Einschub am 8. Mai 2019).
Die Kniearthrosenprobleme wurden im Verlauf der letzten Jahre immer grösser. Nun habe ich mich für eine Knie-Gelenksersatz-Operation entschieden. Am 28. Mai 2019 findet der Eingriff statt; operieren wird Dr. Pierre Hofer. Mit ihm habe ich vor 10 Jahren auf dem Rootsee an den Master-Schweizer Meisterschaften im Vierer ohne Steuermann gerudert, doch leider reichte es nicht ganz aufs Podest! 


In diesem Zusammenhang wurden nun bei mir natürlich verschiedene Erinnerungen an unsere gemeinsame Ruderzeit wach. So erzählte Pierre z.B. nach einem harten Rudertraining unter der Dusche, er sei einmal während eines Trainings auf dem Wohlensee (Stausee bei Bern) in einen Rehbock gerudert. Wir lachten ihn natürlich aus und dachten, das sei wieder einmal eine so typische erfundene «Ruder Lateingeschichte».


Der Zufall wollte es, dass Pierre Recht bekam. Wir trainierten auf dem Alten Rhein hart auf die bevorstehenden Schweizer Meisterschaften auf dem Rootsee im Doppelvierer. Plötzlich befahl Pierre, der vorne am «Schlag» sass, in seinem Bernerdialäkt: «Stopp! Lueged jetz äis hingere. Gsäht er jetz diä zwöi Reh, wo da grad jetz des übere schwümme? Glaubet er jetz ändli, dass i äinisch in e Rehbock inegruderet bi?»


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382a: Dieser Zeitungsbericht vom 5. Mai 2019 erinnerte mich an die wahre Schilderung von Pierre!


Ob es wohl bei der Rettung dieses Rehs etwa so ausgesehen hat?


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382b: Ein schwimmendes Reh wird von der Polizei gerettet.

Nun also, heute in genau 20 Tagen, wird mein damaliger Ruderkollege und heutige Sportarzt der Hirslanden-Klinik Heiden, Dr. Pierre Hofer, mein Knie operieren. Ich bin gespannt, wie das Ganze ablaufen wird aber vor allem, ob die Schmerzen nach der Operation gelindert werden oder sogar gänzlich verschwinden.


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382c: Dr. Pierre Hofer hat gut lachen …


Es waren lange 20 Tage, aber dann begann eine spannende Zeitreise bis zum Tag X, am 28. Mai 2019, mit einem «Neustart ins Leben mit einem Teilgelenkersatz».


Nun war es also soweit: 27. Mai 2019. Gemäss «Aufgebot» waren alle Sachen eingepackt, Dokumente unterschrieben und alles mehrmals kontrolliert. 12.15 Uhr Abfahrt Richtung Heiden im Appenzellerland; meine Frau am Steuer; ich (äusserlich) ruhig sitzend daneben. 12.40 Ankunft auf dem Parkplatz des Spitals. Marsch Richtung Reception.

  

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382d: Freundlicher Empfang in der Klinik Hirslanden am Rosenberg in Heiden.


13.00 Uhr Anmeldung mit allen Unterlagen an der Reception: Abgabe von ID, Krankenkassenausweis, Patientenverfügung, ausgefüllter Fragebogen z.H. des Anästhesisten usw., Zimmerbezug. Zimmer 211, ein Zweierzimmer, in diesem Moment für mich allein. Dann die ersten Eintrittstests (Blutentnahme, Blutdruckmessung usw.) und dann das Gespräch mit dem Anästhesiten Dr. Gerhard Treinen. Nach kurzer Diskussion wird entschieden: Lumbalanästhesie. Der Ablauf wird im Detail erklärt. Ich höre interessiert zu, verstehe jedoch nicht jedes Detail. Ist mir eigentlich egal; diesem Typ vertraute ich voll.

 
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382e: Dr. Gerhard Treinen, mein Anästhesist; er versetzte mich in den Halbschlaf!


Nach Treinens detaillierten Informationen kamen wir nicht ganz zufällig auch auf den Sport zu sprechen, denn ich erklärte ihm, dass mich viele Sporterlebnisse mit Dr. Pierre Hofer, der mich am darauffolgenden Tag operieren würde, verbinden. Es stellte sich schnell heraus, dass auch er, Gerhard Treinen, ein Sportler ist oder zumindest einmal einer war, denn bereits mit 17 Jahren lief er eine sensationelle 10km-Laufzeit von 33 Minuten und wurde deshalb sofort als grosses Lauftalent entdeckt. Doch leider war sein inneres Feuer und die Begeisterung für das Laufen zu schwach; er gab bald wieder auf.

 

Heute nun sass dieses damalige Lauftalent als schätzungsweise 50jähriger Arzt vor mir, im weissen offenen Doktor-Mantel; allerdings mit Konturen eines leicht gewölbten Bauches. Er schlug etwas verlegen mit flacher Hand auf sein Bäuchlein und seufzte lächelnd: «Ich weiss; es sind rund 20 Kilo zu viel, aber …!» Auf meine Frage, warum er denn nicht mehr laufe, rechtfertigte er sich: «Ja, zu viel Arbeit, keine Zeit und dann noch zwei Kinder!» Ich versuchte mit allen Mitteln, ihn zu motivieren, wieder vermehrt etwas gegen seinen Stress und somit auch für seine Gesundheit zu tun, einfach wieder ab und zu laufen zu gehen. Ob’s gewirkt hat? Wir verabschiedeten uns mit einem herzlichen kräftigen Händedruck.

 

Der Zeitpunkt der Operation näherte sich. Die Empfehlung einer Krankenschwester, bereits für die erste Nacht eine Schlaftablette einzunehmen, wies ich ab in der festen Überzeugung, dass ich in diesem schönen Zimmer, in dem ich zumindest eine Nacht noch allein sein würde, mit Sicherheit gut schlafe, denn ich kann ja wirklich immer gut schlafen. Doch weit gefehlt! Ich wälzte mich die ganze Nacht hin und her und fand einfach den Schlaf nicht, bis es endlich Morgen wurde.

 

Dienstag, 28. Mai 07.30 Uhr: Eine Krankenschwester kommt ins Zimmer und teilt mit, dass ich erst um 12.50 Uhr operiert werde. Trotzdem gäbe es kein Morgenessen, denn ich müsse mindestens 6 Stunden vor der Operation nüchtern sein; höchstens einen schwarzen Kaffee könne sie mir noch offerieren, allerdings ohne Milch. Diese Offerte nahm ich gerne an und trank den Kaffee in vielen kurzen Intervallen.

 

Darauf folgte ein langweiliger Vormittag; ich durfte das Zimmer nicht mehr verlassen; musste einfach warten. Um 11.30 Uhr kam plötzlich Hektik auf. Ich erhielt zwei Tabletten; diese würden mich erst einmal etwas beruhigen und schläfrig machen, wurde mir erklärt. Das war mir recht. Dann plötzlich – Ruck zuck – zack zack. Zwei Personen standen an meinem Bett; die eine löste mit dem Fuss die Arretierung und schon schoben mich die beiden aus dem Zimmer, rollten das Gefährt geräuschlos und ohne ein Wort zu reden durch einen langen Gang, hielten vor einem Lift an, zogen das «Rollbett» hinein. Dann Weiterfahrt durch mehrere Türen bis zu einem gespenstischen Raum wo einige ganz in Grün gekleidete Männer und Frauen mich in Empfang nahmen. Ohne lange zu zögern fassten 4 Leute an den Ecken meines Leintuches an und hoben mich auf Kommando von meinem Bett auf einen harten Schragen. Dann lugte Dr. Pierre Hofer, natürlich auch bis zu den Augen grün getarnt, durch einen Spalt von aufgehängten grünen Tüchern hindurch. Ich konnte nur seine Augen hinter zwei grossen Brillengläsern sehen, erkannte ihn jedoch sofort.

  

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382f: Auch das Gesicht war verdeckt, doch ich erkannte Pierre sofort an seinen Augen.

 

Mit leiser aber vertrauenswürdiger Stimme flüsterte er mir in seinem sympathischen Berner Dialekt zu: «So Wauti, jetz gäids los!» Seither weiss ich eigentlich nicht mehr, was passierte, obwohl mir keine Vollnarkose verpasst wurde.


Bereits um ca. 14.30 Uhr lag ich wieder in meinem Bett im Zweierzimmer 211, für mich zum Glück immer noch als einziger Patient. Es sei alles gut gegangen, rapportierte eine Krankenschwester. Ich solle jetzt einfach etwas vor mich «herdösen» … Etwas anderes war mir in diesem Zustand auch gar nicht möglich; für einige Zeit schlief ich ein.


Mittelweile war es bereits später Nachmittag. Schmerzen spürte ich zu diesem Zeitpunkt praktisch keine. Ich stellte lediglich fest, dass eine Maschine mein linkes Knie ganz langsam und fein auf und ab bewegte; weh tat dies überhaupt nicht.


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382g: Die «Knie-Bewegungs-Maschine» bewegte sich langsam und gespenstisch wie ein Tängeli-Kunstwerk auf und ab.


Punkt 17.30 Uhr servierte eine Krankenschwester das Nachtessen, allerdings für mich sehr ungewohnt am Bett auf einem kleinen Tisch. Etwas ungeschickt und ungewohnt versuchte ich in unbequemer fast horizontaler Lage zu essen und zu trinken. Trinken mit einem Trinkhalm; essen möglichst ohne zu kleckern; schwierig für mich! Dann wieder liegen und warten, einfach nur warten.

 

Spät abends, es war bereits 22 Uhr, besuchte mich Dr. Pierre Hofer, jetzt im weissen Arztmantel mit Stehkragen! Mit seinem typischen Schalk im Gesicht informierte er: «S’esch aues guet gange, Wauti; jetz muesch äifach e chli Gedoud ha; das chond scho guet! Lueg emol diä bäide Fotine a; so hed's vorhär und so nachhär uusgsee! Gseesch diä roui Schtäu da hin wo i mit der Pinzette druufzäige? Das wär jetz emmer no schlimmer worde wenn'd zuegwartet hättisch. S'chond scho gut, Wauti! S'brucht jetz eifach vöu Gedoud! I ga jetz häi u de no e haub Schtond go tschogge» und husch, schon war er wieder weg.
 

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382h: Deutlich sichtbar: Ein Teil des Femurs (Oberschenkelknochen) ist abgenutzt.

 

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382i: Der Teilgelenkersatz ist eingebaut; das ist keine Knochenschlosser- sondern eine komplizierte «Feinmechaniker-Arbeit».


Die beiden eindrücklichen, beinahe Furcht erregenden Fotos liessen mich nicht mehr los. Der Entscheid, mein Knie zu operieren, war also richtig, denn am Femur war blanker Knochen sichtbar; so hätte es früher oder später immer mehr weh tun müssen und wäre sicher nie besser geworden! «Hoffentlich heilt das gut», dachte ich.


«Welch ein Energiebündel!» sinnierte ich nach der Visite von Pierre und erinnerte mich gleichzeitig an die vielen sportlichen Erfolge, die er sowohl als Trainer, Coach aber auch als Sportler erreicht hat, so z.B. an den Moment, als ich 1996 mit einem Kollegen die beiden Ruder Olympiasieger im Doppelzweier von Atlanta, Michael und Markus Gyr, auf dem Flughafen Kloten mit einem Alphonständchen begrüsste. Plötzlich stand Pierre zwischen vielen jubelnden Fans und einigen Clubmitgliedern unseres Seeclubs Rorschach strahlend neben mir und schrie mir ins Ohr: «Mer si Olympiasieger, Wauti; Olympiasieger si mer!» Oder aber auch an die harten Trainingsfahrten im Vierer ohne Steuermann mit ihm auf dem alten Rhein, egal ob bei Regen oder bissiger Kälte. Dann versuchte ich, einzuschlafen. Die zweite Nacht stand bevor.

 

Obwohl ich mit Medikamenten «eingedeckt» wurde, konnte ich nur in ganz kurzen Intervallen schlafen. Nicht das Knie, sondern der Rücken tat zusehends weh. Ich musste auf dem Rücken liegen bleiben, doch normalerweise schlafe ich auf dem Bauch. Die wildesten Gedanken kreisten in meinem Kopf. Immer wieder erinnerte ich mich an Pierres Aussage anlässlich der ersten Konsultation: «Wäisch Wauti, die erschte 48 Schtung si härt u es tuet e chli weh, aber nachhär geid’s de schnöu!» Endlich tagte es auch an diesem zweiten Morgen, wenn auch sehr langsam. Die Vögel, insbesondere eine Mönchsgrasmücke – der Lieblingsvogel meiner Frau – zwitscherten und trillerten in verschiedensten Tönen. Ich lauschte und lauschte und liess einfach die Zeit verstreichen.

 

Mittwoch, 08.30 Uhr. Zuverlässig wie eine Schweizeruhr brachte mir eine nette, hochdeutsch sprechende Krankenschwester das Frühstück ans Bett: 1 Gipefli, 1 Weggli, Butter, Kannen mit Milch und Kaffee, 1 Orangensaft und  1 Joghurt –  wie in einem Hotel. Schon kurz nach dem Morgenessen wurde die Wunde gepflegt und dann gleich die «Knie-Bewegungsmaschine» angesetzt. Und wieder ging's los: Auf – ab; auf – ab …

 

Der Besuch meines Freundes Wilfried Harringer vor dem Mittagessen lockerte den Tag auf. Wilfried geht seit rund 15 Jahren an einem Stock. Ein tragischer Verkehrsunfall änderte mit einem heftigen Crash im Sekundenbruchteil sein Leben. Er – damals ein fitter und gut trainierter Sportler – wurde von einem Auto angefahren und brutal weggeschleudert. Schwer verletzt brachte man ihn ins Spital und nach den ersten Notoperationen wurde er ins Paraplegikerzentrum Notwil verlegt. Dank professioneller ärztlicher Unterstützung und verschiedensten Therapien, aber besonders auch Dank der unermüdlichen Begleitung und Betreuung seiner Frau und seinen beiden Töchtern durfte er während einer langen Geduldsprobe immer wieder kleine, aber wirklich kleine Fortschritte erleben. Doch die Kraft und das Gefühl seiner linken Körperseite konnte nur noch rudimentär wieder hergestellt werden. Dank grossem physiotherapeutischem Aufwand und einem eisernen Willen kann Wilfried sich heute mit der Gehhilfe eines Stockes und auf längeren Strecken mit seinem Elektrorollstuhl mehr oder weniger frei «bewegen».

 

Wir beide haben uns vor 10 Jahren in der Alphorngruppe Bodensee kennen gelernt, spielen oft miteinander mit unseren Carbon Alphörnern und sind jetzt beste Freunde.
  

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382k: Alphornduo «W&W»: Wilfried und Walti bei «einer kleinen Nachtsmusik» oder an einem sonnigen Tag in Pany GR.


Nun stand also Wilfried an meinem Bett, in der linken Hand einen Gehstock haltend, und erkundigte sich nach meinem Zustand. In diesem Moment wurde mir wirklich bewusst, was es heissen mag, auf einen Stock angewiesen zu sein. Nicht nur für einige Tage oder während ein paar Wochen, wie das bei mir sein wird, sondern ein ganzes Leben lang!

 

Zufälligerweise trat während unseres Gesprächs Dr. Treinen ins Zimmer. Ich stelle meinen Freund Wilfried – zugegeben mit etwas Stolz – als Dr. Harringer vor, und schon bald fachsimpelten die beiden miteinander über die zur Zeit aktuellen Methoden in der Anästhesie.

 

Dr. Treinen wollte nach dem Gespräch «unter Kollegen» (ich habe interessiert zugehört aber nicht alles verstanden!) wissen, wie ich seine Teilnarkose erlebt habe. «Ich bemerkte von allem praktisch nichts, bis ich wieder in mein Zimmer transportiert wurde; also tip tope Arbeit!» frohlockte ich. Dr. Treinen freute sich sichtlich und wollte gehen, doch dann sprach ich ihn nochmals auf meine Empfehlungen an, wieder vermehrt Sport zu treiben: «Haben meine Motivationsversuche etwas bewirkt?» fragte ich nachdrücklich. «Auf jeden Fall!» antwortete er und verliess das Zimmer mit einem Schmunzeln.

 

Am Vormittag stand erneut eine Physiotherapeutin, eine andere als gestern, vor mir und gab mir neue Instruktionen, wie ich mit den beiden Stöcken korrekt gehen und Treppen steigen solle. Schon nach kurzer Zeit hatte ich diese Bewegungsaufgaben bestanden.

 

Am späteren Vormittag huschte Dr. Pierre Hofer ins Zimmer, prüfte meine Wunde und machte einen neuen Verband, mit dem ich bereits ab sofort duschen dürfe. Es sei wie vorgesehen bisher gut verlaufen; alles Weitere liege nun weitgehend an mir! Er käme am Samstag wieder, und dann würde entschieden, wann ich nach Hause gehen dürfe. Ich schlief endlich besser ein und war während der Nacht nur noch wenige Male wach.

 

Donnerstag, 30. Mai: Auffahrt, ein staatlicher Feiertag. Es herrscht Ruhe im Spital. Viele Ärzte seien an diesem Tag nicht am Operieren, hat man mir erklärt. Trotzdem aber wiederum Physiotherapie, diesmal Treppen rauf und Treppen runter, mit und ohne Geländer, aber mit korrektem Einsatz der Stöcke. «Langsam, langsam Herr Bucher; seien sie vorsichtig!» ermahnte mich die junge Frau. Meine Erklärung, ich wäre Sportlehrer (gewesen!), nahm sie sichtlich kritisch wahr.

 

Freitag, 31. Mai: Gleich nach dem Morgenessen wieder Physiotherapie. Die Bewegungsabläufe wurden mir immer vertrauter. Es ging jetzt vermehrt darum, möglichst alle Tätigkeiten (wieder) selbständig auszuführen. Auf meine Bitte hin, dass sie – die junge Physiotherapeutin – mir bitte den linken Schuh schnüren würde, erwiderte sie: «Ich helfe ihnen heute gerne, doch das müssen sie ab Morgen selber machen können!» Dann ging's wieder zum Treppensteigen und korreten Marschieren, zurück ins Zimmer, Kniebewegungsmaschine ansetzen usw.


Am Nachmittag wieder Besuch und Spaziergang mit meiner Frau bei strahlendem Frühlingswetter im wunderschönen Spitalareal. Vor dem Einschlafen bestellte ich nochmals eine Schlaftablette, sah mir noch das Tennisspiel auf dem Center cort von Roland Carros Stan Wavrinka gegen Grigor Dimitrov an, doch Stan konnte seine Drittrunden-Partie nicht zu Ende spielen (am darauffolgenden Tag gewann er aber dann dieses spannende Spiel). Nach dem Spielabbruch wegen Dunkelheit zog ich die Nachtvorhänge und dann wurde es auch rund um mich immer dunkler. Nur einmal kurz wach, dann bin ich gleich wieder eingeschlafen.

 

Samstag, 1. Juni: Traumhafter Morgen mit viel Sonnenschein und einem wunderbaren Blick auf den Bodensee. Wenn auch etwas umständlich, aber voller Überzeugung zügelte ich den kleinen fahrbaren Tisch auf den Balkon und bat die Krankenschwester, welche wieder punktgenau um 07.30 mit einem grossen Tablett ins Zimmer trat, mich doch bitte auf dem Balkon zu bedienen, was sie mit Freude tat. Welche ein schönes Gefühl …
 

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382l: Mein Morgentisch im Spital mit herrlichem Blick auf den Bodensee, auf «meinem Bodensee».


Gegen 9 Uhr begrüsst mich die Physiotherapeutin und unterrichtet mich mit einigen einfachen Übungen, die ich in Zukunft auf dem Stuhl immer wieder ausführen solle, so z.B. den linken Fuss ganz langsam und ohne an die Schmerzgrenze zu gehen nach vorne und dann wieder langsam zurückzuziehen, aber eben ohne dass es weh tut! Dies wiederholte sie immer wieder. «Treppenlaufen wollen sie nicht mehr üben, das können sie, oder?» fragte sie mich ordnungshalber. Dann verabschiedete sie sich, wünschte mir alles Gute und ermahnte nochmals, dass ich mir wirklich Zeit lassen und Geduld üben sollte. «Das nehme ich mir zu Herzen!» versprach ich ihr, und wusch war sie weg.

 

Ich setzte mich wieder an meinen MAC um an der für mich spannenden Geschichte «Neustart ins neue Leben mit einem Kniegelenksersatz» weiter zu schreiben, doch da marschierte schon Pierre, mein Arzt, hinter der Krankenschwester ins Zimmer. Strahlend wie immer erkundigte er sich: «Wiä gäid’s?» «Ich fühle mich sehr gut!» antwortete ich, auch wenn dies vielleicht leicht übertrieben war. «Auso, stah äinisch uuf u mach es paar Schrette!» forderte er mich mit bestimmter Stimme auf. «Aber ich bin noch nie ohne Stöcke marschiert!» erwiderte ich total verunsichert. «Macht nüt; stah jetz äifach langsam uuf, streck s’Chnöi langsam düre, stah uufrächt – näe ganu ufrächt, nid so wiä e aute Maa – nimm mini Hand (er gab mir aber nur zwei Finger!) und jetz loufsch äifach emaol da hiä gäge diä Türe dert!» Welch ein Wunder; ich konnte wieder gehen, allein, ohne Stöcke. Ich konnte es kaum glauben. «Gseesch Wauti, s’gäit ja!» frohlockte Pierre, «jetz äifach ruig uufboue, äis ums angeri wiä im Schport, gäu!» Dann wollte er nochmals meine Wunde sehen; auch damit war er zufrieden. «Ja, i däm Fau chasch du am Mändi weder häi!» fasste er zusammen. «Aber Du hast doch gesagt, dass ich eventuell bereits morgen Sonntag das Spital verlassen könnte, falls alles i.O. ist?» wollte ich doch noch wissen. Dann ein kurzer Blick in die Krankengeschichte, welche die danebenstehende Krankenschwester in den Händen hielt. Dann schaute er mich nochmals verschmitzt und prüfend an und meinte: «Ja guet, dä chasch du morn häi. Aber mäld di jederziit, wenn’s Problem sötti gäh; du känsch mini Handynommere. I fröi mi!» «Und wenn du wüsstest, wie ich mich freue!» antwortete ich! Mit zügigen Schritten und flatterndem offenen Arztmantel verschwand er durch die Türe, bereits auf dem Weg zur nächsten Krankenvisite.

 

Diese gute Nachricht musste ich erst etwas wirken lassen; die Freude und das Erstaunen waren einfach überwältigend. Vor 4 Tagen – also am Dienstag – wurde ich operiert, und heute Samstag stand ich bereits wieder auf beiden Füssen; mehr noch: Ich konnte schon wieder gehen, ohne Stöcke, wenn auch nur einige Meter. Das hätte ich tatsächlich nie geglaubt, wenn mir das vorher jemand erzählt hätte. Oder doch? Pierre hatte mir dies bereits vor einem Monat beim ersten Gespräch in der Klinik am Rosenberg St. Gallen so geschildert. Er muss es ja wissen nach so vielen Operationen. Ich bin ihm und seinem ganzen Team sehr dankbar.


Auch das Mittagessen wurde mir auf dem Balkon serviert. Immer wieder schweifte mein Blick durch die Geranien über das Kirchenkreuz hinaus auf den riesigen blauen Bodensee. Ich liess den Gedanken freien Lauf, stellte mir aber immer wieder ernsthafte Fragen:

  • Kreuz?
  • Kirche?
  • Gott?
  • Glaube?
  • Grenzen?
  • Horizonte?

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382m: Blick durch die Geranien über das Kirchenkreuz hinaus auf den Bodensee – mit tiefgründigen Gedanken und vielen schönen Erinnerungen an «meinen Zugersee».

 

Ruhig liegt er da, dieser grosse See. Einige Segelboote lassen sich von der leichten Bise vorwärtstreiben. Noch höre und fühle ich in Gedanken dieses feine, manchmal auch zügige Plätschern an der Schiffsseite, denn ich hatte bereits als 19jähriger Elektromechaniker-Lehrling mit allem ersparten Sackgeld ein eigenes kleines hölzernes Segelboot gekauft, einen Vaurien (Foto 228), etwa vergleichbar mit einem billigen Kleinwagen, dem 2 CV («Döschwo»).


Auch wenn ich mich gerne an den Zugersee erinnere, jetzt ist der Bodensee mein See! Jetzt ist dies hier meine Heimat. In den mittlerweile mehr als 30 Jahren Ostschweiz lernte ich viele nette Menschen kennen. Es ergaben sich einige wunderschöne Freundschaften, aber gleichzeitig habe ich auch Freunde aus der Innerschweiz verloren; das ist der Lauf der Zeit!

 

Ich stellte fest, dass ich beinahe ins Philosophieren kam! Aber diese Tage, diese wenigen 6 Tage im Spital Hirslanden am Rosenberg in Heiden, boten mir die Möglichkeit, wieder einmal in mich zu gehen und mir Gedanken zu machen, was jetzt wichtig oder weniger wichtig ist und was dereinst noch sein wird. Es ist gewiss auch eine Alterserscheinung, so zu denken, aber ich mache mir zusehends Gedanken über das Leben, über mein Leben, was war, was ist und was vielleicht noch kommen mag. Was konnte und durfte ich nicht schon alles erleben? Heute weiss ich, dass ich hoffen darf auf eine Zeit ohne Knieschmerzen, auf unbeschwerte Wanderungen, egal ob bergauf oder bergab, auf lockere Golfrunden und vielleicht sogar endlich wieder mal auf einen lockeren Lauf?

 

Samstagnachmittag, 15 Uhr. Eine mir bereits vertraute Krankenschwester begrüsst mich zum Austrittsgespräch. Sie setzt sich neben mich, stellt einen grosse Papiertasche auf den Tisch und instruiert mich, wann ich in den nächsten Tagen und Wochen welche Medikamente einnehmen muss. Ich hoffe, all die Informationen nicht zu vergessen! Zum Glück hat eine zweite Krankenschwester in der Gegenwart von Rita am Abend alles nochmals wiederholt.

 

Nach dem Nachtessen fand nochmals ein kleiner Rundgang mit meiner Frau auf lauschigen Wegen inmitten von bunten Blumenwiesen rund um das Spital statt im Gedanken: nur noch eine Nacht!
 

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382n: Bereits am 4. Tag nach der Operation schon auf einem Spaziergang rund um das Hirslanden Spital in Heiden.

 

Sonntag, 2. Juni: «Nein, ich brauche für diese letzte Nacht keine Schlaftablette; ich werde sicher gut schlafen!» sagte ich gestern Abend der betreuenden Krankenschwester. Ich schaute im Bett noch einige Zeit Tennisspiele von Roland Carros an und dann drehte ich mich zur Seite. Nun ruhig schlafen war die Devise. Doch irgendwie fand ich einfach den Schlaf nicht, wälzte mich nach links, dann wieder nach rechts, letztendlich sogar mutig auf den Bauch, so wie ich es gewohnt bin. Aber es tat immer irgendwo ein bisschen weh, entweder im Rücken oder dann doch im Knie. Nach einigen kurzen Schlafsequenzen begab ich mich aufs WC. Die Nachtschwester – für mich verdient dieser Beruf das Prädikat «Helden des Alltags» – muss dies bemerkt haben und schlich deshalb ganz leise und wie gewohnt mit einer Taschenlampe in der Hand ins Zimmer und fragte nach, ob alles in Ordnung sei. «Alles in Ordnung!» antwortete ich, aber eigentlich wäre mir in diesem Moment eine Schlaftablette recht gewesen. Den Mut, eine solche nochmals zu verlangen, hatte ich nicht, obwohl noch mindestens 5 Stunden Nacht bevorstanden. Wieder im Bett versuchte ich es erneut, auch mit Einschlaftechniken, von denen ich schon oft gehört hatte. Irgendwie muss es dann doch geklappt haben, denn als ich wieder erwachte, schien bereits die Sonne ins Zimmer und das wunderschöne Vogelgezwitscher stimmte mich fröhlich. Es sollte gemäss Wetterbericht bereits heute einen ersten Hitzetag mit 30 Grad geben!

 

Wie schon gestern liess ich mir auch heute das Morgenessen an meinen selbst installierten kleinen Morgentisch servieren. Und wieder dieser herrliche Blick auf den Bodensee, zwischen den Geranien hindurch, genau dazwischen das schlichte Kreuz auf dem Dach der katholischen Kirche Heiden. Ich schaute einfach hinaus, durch die Geranien, über das Kreuz Richtung Bodensee. Und wieder liess ich meinen Gedanken freien Lauf, tief dankbar, dass dies alles so «problemlos» vorbeiging, und dass ich tatsächlich bereits 4 Tage nach der Operation die ersten Schritte ohne Stöcke gehen durfte, nein musste! Pierre hatte es mir befohlen und ich vertraute ihm ein weiteres Mal. «Es» ging; nein, «ich» ging mit sanfter Hilfe seiner Hand. Dieses Gefühl ist kaum zu beschreiben aber seltsam und wunderbar zum Erleben! Trotzdem nehme ich alle Empfehlungen ernst, nicht zu schnell zu viel zu wollen. Ich bin sicher, dass Rita mich immer wieder «mit Nachdruck» daran erinnern wird.

 

Bereits um 9 Uhr besuchte mich Dr. Schneider zur Abschlussviste. Ich lag auf dem Bett, hörte klassische Musik und liess mein Knie ein letztes Mal mit der Knie-Bewegungsmaschine Artromot-K1 bis knapp an die Schmerzgrenze 80 Grad auf- und abbewegen. Dr. Schneider, assistiert von der Krankenschwester Wagner, unterhielt sich kurz mit mir und versicherte, dass alle ihm vorliegenden Informationen dafür sprechen würden, dass ich heute nach Hause gehen dürfe. Nachdem ich ihm kurz erklärte, welche Beziehung zwischen Pierre Hofer und mir besteht, ergab sich auch mit ihm wieder ein Gespräch über Sport. Scheu fragte ich nach, ob ich denn in Zukunft wieder joggen dürfe. Er riet mir eher davon ab, denn allzu viele Schläge auf das Kniegelenk könnten ein Lösen des Gelenksersatzes provozieren. Klar, kurz mal auf ein Tram zu rennen sei kein Problem, aber an Stelle von längeren Läufen soll ich doch weiterhin die mir bereits vertrauten Sportarten wie Rudern, Biken, Skaten, Schwimmen usw. betreiben, also Sportarten ohne grosse Druckschläge auf das Knie. Als ich nachfragte, ob er selber gerne laufe, bemerkte er etwas nachdenklich: «Eigentlich schon, aber jetzt leider nicht mehr, denn auch ich habe Knieprobleme!» Dann wünschte er mir alles Gute und verliess das Zimmer. Ich blieb noch eine Weile liegen; der Artromot-K1 surrte immer noch gespenstisch ruhig weiter und das Knie hob und senkte sich im Schneckentempo. Ein letztes Mal setze ich den Kopfhörer auf und liess klassische Musik von Radio swiss classic auf mich wirken …

 

Jetzt nur noch «nichts wie weg» war plötzlich mein Gedanke. Ich sammelte meine sieben Sachen im Zimmer ein (meistens ohne Stöcke!) und packte alles in meine Sporttasche. Dann setzte ich mich an meinen MAC um die kleine Zeitreise vom vergangenen Montag bis heute – das waren gerademal 5 Tage! – fertig zu schreiben. Plötzlich stand Rita im Zimmer 211. Ich umarmte sie und sagte mit grosser Freude: «Wir können gehen; ich habe alles gepackt!»


Da Rita mich bezüglich meiner Zuverlässigkeit in Sachen Packen bestens kennt, ging sie nochmals durch alle Räume und kontrollierte, ob wirklich jedes Regal in den Schränken leer war. Dann packte sie die grosse Sporttasche und das kleine Blumenbouquet; ich die Ledertasche. Im Gang verabschiedeten wir uns von der Krankenschwester Wagner, die mich während einigen Tagen betreute. Dann noch kurz an der Reception die ID abholen, den Feedbackbogen in Empfang nehmen, mit herzlichem Dank bei Frau Naef verabschieden und dann ab zu unserem ZOE, dem Elektro-Taxi, von Rita nahe beim Haupteingang parkiert. «Steig vorsichtig ein!» ermahnte mich Rita. «Kein Problem!» antwortete ich, und schon sass ich bequem auf dem Vordersitz. Ich konnte es einfach immer noch nicht glauben, dass dieser Spuk jetzt wirklich schon vorbei sei; aber er ist vorbei! Jetzt bin ich dran, an dieser meiner Schwäche, nämlich Geduld, zu arbeiten!

 

Mein langjähriger Chamer Freund Toni Trottmann, der schon mehrere und viel kompliziertere Operationen an seinem Bewegungsapparat hinter sich hat und mit dem ich vor vielen Jahren eine schwierige Aufgabe gemeistert hatte (Foto 305 und 308), schickte mir gestern nur ein Foto; damit sagte er alles, denn er weiss was es heisst, Geduld zu haben!
  

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382o: Geduld, einfach nur Geduld – das werde ich in den nächsten Wochen und Monaten erst noch lernen müssen!


Bereits am 5. Mai stand der erste von einigen Physiotherapie-Terminen in der Orthopädie St. Gallen an. Ich machte mich auf einen langen Weg gefasst und war gewillt, die Anweisungen, Tipps und «Hausaufgaben» der Therapeuten zu befolgen.


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382p: Motivierter Start in die Physiotherapie!

In der Zuversicht, dass sich meine Bemühungen lohnen werden, plane ich nun in Zusammenarbeit mit meinem Physiotherapeuten die langfristige REHA; diese dauert erfahrungsgemäss 4-6 Monate. Es kommt mir vor wie eine langfristige Planung auf einen bevorstehenden grossen Wettkampf, etwa vergleichbar mit meinem wohl höchsten sportlichen Ziel im Jahr 1986: Ironman in Zürich. Auch damals hatte ich lange und gezielt darauf trainiert und dann das Ziel – wenn auch in bescheidener Zeit von 11 1/2 Stunden – glücklich erreicht (Foto 106).


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382q: Langsam, wirklich langsam und systematisch aufwärts mit sicherem Griff am (gedanklichen) Halteseil, wie dies mein Enkelkind Hannah demonstriert!

Bereits 10 Tage später fand die erste Nachkontrolle in der Orthopädie St. Gallen statt. Pierre Hofer begrüßte mich herzlich und stellte freudig fest: «Du loufsch scho föu besser aus no vor ere Woche!» Dann wurden die Fäden entfernt, die Wunde und das Knie kontrolliert; alles i.O. Zu guter Letzt gab mir Pierre noch zwei Röntgen-Fotos mit und wünschte mir alles Gute, bis zum nächsten Termin am 10. Juli.



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382r: Röntgenbilder meines «neuen Knies von vorne und von der Seite


(Einschub am 16. Juli 2019)
«Vier bis sechs Wochen solltest du die Krücken benützen!» empfahl mir Dr. Pierre Hofer nach der Operation. In der ersten Zeit gehorchte ich ihm, aber …


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382s: Nach drei Wochen standen die Krücken mehrheitlich in einer Ecke!

 

… bereits nach 3 Wochen bewegte ich mich meistens ohne; es «ging» immer besser. Die dreimaligen Physiotherapien pro Woche bei Calvo Denoth im Fitnesscenter Update Rorschach brachten schnelle Fortschritte. Pierre war nach der zweiten Nachkontrolle vom 10. Juli zufrieden mit dem Heilungsprozess, mahnte mich aber einmal mehr, nicht zu viel zu tun; ich solle einfach immer wieder auf den Körper «hören». Wenn ich zu viel und zu intensiv trainiere, würde ich dies bitter büssen müssen. Ab und zu musste ich dann nach zu intensiven Trainings tatsächlich büssen, aber ich wusste es (und Rita hat es mir immer wieder gnadenlos gesagt): «Selber schuld!»

 

«Darf ich wieder Golf spielen?» war eine meiner abschliessenden Fragen bei Dr. Hofer. «Klar darfst du das. Du darfst alles machen, was dir nicht weh tut, aber hör einfach auf deinen Körper!»

 

Am 16. Juli 2019, begab ich zum ersten Mal mit meinem «neuen Knie» wieder auf den Golfplatz. Gespannt packte ich meine sieben Sachen vor der Fahrt zum nahegelegenen Golfpark Waldkirch. Rita löste zwei Tickets; meines heftete ich an meinem Bag fest.


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382t: Start zur ersten Golfrunde mit meinem «neuen Knie».


Auf der Driving Range führte ich vorsichtig behutsam einige Probeschwünge aus, aber der Drang, möglichst schnell einen Ball möglichst weit zu spielen und zu schauen, was passiert, war stärker. «Links oder rechts zuerst?» überlegte ich kurz, denn im Vorfeld hatte ich mir ausgedacht, dass sich nach meiner Knieoperation vielleicht die eine Körperseite besser eignen bzw. weniger Schmerzen bereiten würde als die andere, also eine gute Ausgangslage!


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382u: Seit mehreren Jahren spiele ich links und rechts Golf.


Also zuerst links! Mit einem Pitching Wedge traf ich den ersten Ball auf Anhieb sehr gut, und im Knie spürte ich überhaupt nichts. Also nochmal! Und wieder tat es nicht weh! Dann ein erster Versuch auf der rechten Seite, diesmal mit einem Holz 5. Ich habe den Ball zwar nicht optimal getroffen, aber auch hier: kein Schmerz, nichts! Mein Knie hält! Ich mache innerlich grosse Freudensprünge!

 

Rita stösst zu mir auf der Driving Range und erkundigt sich, ob’s geht. «Ich spüre nichts! Tut nirgends weh! Wir können beruhigt auf die Runde gehen!» antwortete ich hocherfreut. Dann erlebten wir miteinander eine unbeschwerte 9 Loch Runde und ich spielte sogar auf zwei Löchern Par. Ich hätte nie geglaubt, dass ich bereits 6 Wochen nach der Operation wieder auf einem Golfplatz stehen und unbeschwert Bälle in die Weite «pfeffern» kann; ich freue mich sehr und bin dem Gelenks-Kunsthandwerker Dr. Pierre Hofer und dem ganzen Orthopädie-Team sehr dankbar. Doch gerade kostengünstig war die ganze Geschichte nicht, sogar lediglich als allgemein versicherter Patient. Darüber machte ich mir immer wieder Gedanken.


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(Einschub am 28.11.2019)
Den heutigen Tag werde ich so schnell nicht vergessen! Ich durfte in einen Alltag des vieldiskutierten und kritisierten teuren Gesundheitswesens aus einer speziellen Perspektive hineinschauen, diesmal nicht als Patient, sondern als «stiller Beobachter» bzw. als «Bewegungstherapeut» – so wurde ich bei Beginn der Sprechstunden jeweils vorgestellt. Während dieser Zeit ging mir einiges durch den Kopf! Doch wie kam es überhaupt dazu


Vor 50 Jahren hat man mir nach einem Anriss durch eine ungeschickte Bewegung den inneren Meniskus am linken Knie operiert bzw. ganz entfernt (Foto 379). Trotzdem konnte ich mich rund 50 Jahre lang beschwerdefrei bewegen. Das Knie wurde durch das kurz nach der OP wieder aufgenommene Eishockeytraining und später durch die vielen Dauerläufe bis hin zu über 10 Marathonläufen arg strapaziert. Irgendwann hemmten mich muskuläre Beschwerden bei langandauernden Belastungen; an einen weiteren (und vielleicht einem letzten, schon lange geplanten Marathonlauf mit meinem Sohn) wurde nichts. Ich wechselte die Sportart und trainierte im Rudersport intensiv weiter.

 

Vor rund 15 Jahren machte sich mein Kniegelenk immer öfter «bemerkbar». Mein Hausarzt Dr. Bernhard Wälti verordnete eine Arthroskopie bei einem Chirurgen, um genauere Ursachen bezüglich der Schmerzen herauszufinden. Das Fazit war eindeutig: leichte Arthrose am linken Knie. Mögliche Massnahmen: Knieprothese oder Physiotherapie. Ich war geschockt, denn ich hatte mich noch nie mit einem «künstlichen Gelenk» befasst. So lange wie möglich mit einer OP abzuwarten war mein Entscheid.

 

Dank intensivem Training mit Biken, Skaten und Rudern konnte ich die Beschwerden lange Zeit in einer guten Balance halten. Im Herbst 2018, also rund 15 Jahre nach der Arthroskopie, litt ich immer mehr unter den Schmerzen im linken Knie; an einem Tag wenig, am anderen Tag wieder stärker, einfach lästig. Der Hausarzt liess erneut ein Röntgenbild machen und zeigte mir, dass die Arthrose am linken Innenknie weiter fortgeschritten war als vor 15 Jahren. Er empfahl mir die OP mit einem Knieprothese.

 

Bei der Wahl des Chirurgen kam mir sofort Dr. Pierre Hofer in den Sinn, mit dem ich vor 18 Jahren wettkampfmässig in einem Doppelvierer ruderte. Ich suchte seinen Rat. Nach kurzen und gezielten Abklärungen war für ihn und für mich klar: OP mit Teilgelenkersatz. Der weitere Verlauf ist ab Foto 382 ff. detailliert beschrieben.

 

Die OP verlief plangemäss. Die Schlussabrechnung mit OP, Spitalaufenthalt, Physiotherapie und Arztbesuche betrug ca. Fr. 8000.-; ein stolzer Betrag! Ich machte mir deshalb erneut ernsthafte Gedanken über die ständig steigenden Krankenkassenprämien, wie ich dies vor 30 Jahren bereits einmal zusammen mit meinem Freund Gérard Jenni mit einem konkreten Projekt angedacht hatte.


Wir nannten das Projekt «FITBON». Wir erarbeiteten ein Modell, das Menschen belohnen sollte, die sich bemühen, durch regelmässiges Bewegen und der Bereitschaft zu periodischen Kontrolltests einen Beitrag für ihre eigene Gesundheit zu leisten. Diese Bemühungen sollten von den Krankenkassen unterstützt werden (z.B. durch Ermässigung ihrer Prämien o.Ä.) und viele Menschen jeden Alters vermehrt für Bewegung, Spiel und Sport motivieren. Die Idee fand grundsätzlich guten Anklang, doch gegen die Realisierung sprach – so das Hauptargument der Versicherungsexperten – das Solidaritätsprinzip. Wir gaben das Projekt enttäuscht wieder auf.


Eine kleine Genugtuung: Wenige Jahre später gab es unter den Krankenkassen beinahe einen Wettbewerb, wer das bessere Angebot in dieser Richtung hat, z.B. Ermässigung beim Besuch eines Fitnesstrainings usw. Die SWICA z.B. wirbt heute für diese Idee wie wir vor 30 Jahren und verspricht wie folgt sogar viel Geld: 


Warum belohnen wir einen aktiven Lebensstil mit bis zu CHF 800.– im Jahr? Körperliche Fitness, eine ausgewogene Ernährung und Entspannung sind wichtige Bestandteile eines ausgeglichenen, gesunden Lebensstils. Deshalb unterstützt SWICA Ihr persönliches Engagement in allen Gesundheitsbereichen mit grosszügigen Beiträgen aus den Zusatzversicherungen COMPLETA PRAEVENTA und OPTIMA. Profitieren Sie vom vielfältigen Angebot in der Gesundheitsförderung – zum Beispiel Fitness, Klettern, Tanzen, Ernährungsberatung, Massagen, Farbtherapien, Tai Chi Kurse und vieles mehr.


Bei einem Gespräch bei einer Nachkontrolle meines Knies unterhielt ich mich mit Pierre Hofer über die hohen Kosten im Gesundheitswesen und letztendlich über ein Finanzierungsmodell, das ich mir nach meinen persönlichen Erfahrungen mit meinem Knie selbst ausgedacht habe: Der Patient sollte in speziellen Fällen einen Teil der Kosten selber tragen müssen. Wenn also eine Operation aus der Sicht des Arztes (evtl. mit Einholung einer Zweitmeinung) zum Zeitpunkt X noch nicht unbedingt nötig ist und mit physiotherapeutischen Massnahmen oder mit Medikamenten für eine gewisse Zeit hinausgeschoben werden könnte, aber vom Patient unbedingt gewünscht wird, dann sollte der Patient die Hälfte der Kosten übernehmen. Zu meinem Fall: Ich «ertrug» 15 Jahre lang die latenten Schmerzen, ausgelöst durch meine Kniearthrose. Mit regelmässigem, wenn immer möglich täglichem Training (Biken, Rudern, Skaten) konnte ich jedoch «damit leben». Jetzt aber war es Zeit für eine OP, auch für mich! Jetzt wäre ich sogar bereit gewesen, einen Teil der Kosten selber zu übernehmen. «Wäre dies nicht ein gangbarer Weg – zumindest in gewissen Fällen?» wollte ich von Pierre wissen.

 

«Das ist nicht realisierbar!» entgegnete er. Die Einschätzung von Schmerzen, die ein Patient spürt bzw. mir in der Sprechstunde mitteilt, ist das eine; die Untersuchung und die Interpretation von Röntgenbildern u.a.m. ist das andere. Ob eine OP durchgeführt werden soll oder nicht, entscheidet letztendlich immer der Patient. Das ist ein sehr schwieriges Problem. Komm doch mal in meine Praxis und sieh einfach mal während einigen Sprechstunden zu. Vielleicht verstehst Du dann die Problematik deines Versicherungsmodells, aber auch die Ursachen der hohen Kosten etwas kritischer!» Diese Einladung nahm ich natürlich sehr gerne an.


Da sass ich nun bereits einige Tage später im Sprechzimmer eines Chefarztes im weissen Outfit mit weissen Jeans und weissem Hemd – für mich eine völlig ungewohnte Kleidung. Eine Assistentin fragte prompt gleich beim ersten Blickkontakt: «Sind Sie auch Arzt?». «Nein, ich bin lediglich vom Chefarzt eingeladen worden, als ‘Bewegungstherapeut’ einmal einen Einblick in einen Arztpraxis-Alltag zu erhalten» antwortete ich mit einem Schmunzeln. Die Assistentin nickte mit einem vielsagenden Lächeln und verliess den Raum; ich wartete geduldig aber sehr gespannt, bis «es losging».

 

Schon nach wenigen Minuten erschien Pierre Hofer, begrüsste mich kurz und forderte mich auf, ihm gleich zu folgen. Mit extrem zügigen Schritten marschierte er in Richtung einer verschlossenen Türe, klopfte kurz aber kräftig einmal an, öffnete und begann sofort mit dem Patienten zu reden. Dann stellte er mich vor: «Das ist Herr Bucher. Er ist Bewegungstherapeut und schaut mir heute etwas über die Schultern!» Dann reichte der Patient auch mir die Hand, und schon begann ein spannender Frag- und Antwort-Dialog. Der Patient schilderte seine aktuelle Befindlichkeit, wo’s noch besonders weh tut und was sich leicht verbessert hat. Dann forderte der Arzt ihn auf, sich auf die Liege zu setzen, um sein Knie anzusehen.


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382v: Routineuntersuch einige Wochen nach der Operation, wie ich es life mitverfolgen durfte (Foto aus dem Internet!). Dieses Szenario war mir persönlich bestens vertraut!

 

Mit einigen «Kunstgriffen» stellte Pierre schnell den aktuellen Genesungsstand fest, empfahl, weiterhin die Physiotherapie zu besuchen und in einem Monat zur nächsten Kontrolle zu erscheinen. Der Patient war sehr zufrieden mit dem Untersuch, verabschiedete sich von uns beiden und verliess den Raum, ohne wieder seine beiden Stücke zu verwenden.


Kaum war die Türe im Schloss, nahm Pierre ein kleines Speichergerät in die Hand und diktierte in kurzen markanten Sätzen inkl. Angaben zu Satzzeichen wie Komma, Punkt, Fragezeichen usw. den pfannenfertigen Bericht. Dann ein kurzer Blick auf den Bildschirm, wo nach einigen Klicks ein Röntgenbild des nächsten Patienten erschien. Nur ein kurzes Studium als Resumé der Krankengeschichte des folgenden Patienten, und schon forderte er mich mit einem Lächeln auf: «Komm Walti, es geht gleich weiter!» Und wieder folgte ich Schritt für Schritt dem nach der Seite flatternden weissen Arztmantel, bis wieder eine Türe aufging, und es wiederholte sich ein ähnliches Szenario.

 

Ich durfte während mehr als 5 Stunden im Viertelstundentakt Patientenkonsultationen life miterleben. Tatsächlich war dies ein Erlebnis besonderer Art, aber aus einer ganz anderen Perspektive, als wie ich unlängst selber mit meinem Knie als Patient «dran» war. Ich war sehr beeindruckt, wie es Pierre immer wieder gelang, allen Patienten die Gewissheit zu verleihen, dass «es» sicher gut kommt. Dass dies oder jenes, wenn auch schmerzlich, zwar zum Heilungsprozess gehört. Dass es jedoch einfach Zeit braucht, bis eine Wunde wirklich total verheilt ist, und dies könne bis zu 500 Tage dauern. Dass zwar die Medizin in den letzten 40 Jahren riesige Fortschritte gemacht hat, der Heilungsprozess jedoch nach wie vor wie die Laune der Natur bzw. der Heilungsprozess jedes einzelnen je nach Konstitution, Gesundheits- und Fitnessstand, Gewicht und Alter, individuell verläuft. Dass aber alle Patienten einen Heilungsprozess aktiv unterstützen können, sei es durch die Physiotherapie, insbesondere aber auch durch die zukünftige Lebensweise: sich weiterhin regelmässig bewegen, gesund ernähren, das Gewicht unter Kontrolle halten usw. Das heisse aber nicht, in Askese zu verfallen, sondern das Leben zu geniessen und sich zu freuen, dass man dank einem medizinischen oder in diesem Fall chirurgischen Eingriff wesentlich an Lebensgewohnheiten wiedererlangen kann.


Bei allen Patienten hat sich der Arzt auch erkundigt, von wem sie aktuell in der Physiotherapie betreut werden. So konnte er auch die Stimmung in seinem «verlängerten Physiotherapie-Arm» wahrnehmen. Und in jedem Fall durfte er durchwegs äusserst positive Feedbacks einholen. Gefreut (und gut erinnert) hat mich natürlich bei dieser kleinen Umfrage auch der Name meines Physiotherapeuten Calvo Denoth! Und dabei wurde mir bewusst, dass ich meine physiotherapeutischen Hausaufgaben nicht in jeder Beziehung zur Zufriedenheit von Calvo (und vom mir!) ausführe. Ich trainiere nach wie vor zu einseitig im Ausdauerbereich nur mit Rudern und Biken, aber die Bemühungen, auch für meinen Oberkörper und andere vernachlässigte Muskelgruppen vermehrt etwas zu tun, habe ich sträflich vernachlässigt. Deshalb will ich in Zukunft wieder vermehrt mit meinem selbst umgebauten Ruder-Ergometer concept2 meine Oberkörpermuskulatur gezielt trainieren.



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382w: Vermehrt wieder an meinem selbst (um-)gebauten concept2-Skiergometer trainieren


Ich habe in allen Patientengesprächen gut gespürt, dass Pierre jeder einzelne Patient, jede einzelne Patientin wichtig ist. Und alle haben ebenso wahrgenommen, dass er ihnen helfen will, wieder «auf die Beine» zu kommen bzw. sich wieder beschwerdefrei bewegen zu können. 

 

Dass dies nicht immer einfach ist, habe ich bei einer Sprechstunde mit einer leicht übergewichtigen, schwarz angezogenen jungen Frau miterleben können. Da kommt jemand zum Arzt und jammert, dass man ihr wohl kaum mehr helfen könne. Sie sei völlig verzweifelt. Der letzte Arzt hätte ihr gesagt, dass er ihr nicht mehr weiterhelfen könne. Auch die Psychotherapie führe nicht zum Erfolg. Und ja, ihre Knieschmerzen seine brutal; sie könne sich kaum mehr einige Meter schmerzfrei bewegen.


Nachdem Pierre ihre «Leidensgeschichte» geduldig angehört und sie nach einem kurzen Untersuch beruhigen konnte, dass ihre lästigen Knieschmerzen nicht von ihren «kranken Knien», sondern mit aller Wahrscheinlichkeit in den Hüften ausgelöst würden, strahlte die Frau. Sie bewegte sich auf der Behandlungsliege zwar schwerfällig aus der Rückenlage wieder zurück in den Sitz, aber sie war sichtlich um «Tonnen Schwermut» leichter. Nachdem Pierre ihr aufgezeigt hatte, wie es nun weitergehen wird, verliess sie hoffnungsvoll und mit einem Lächeln das Sprechzimmer. Hoffnungsvoll und mit einem Lächeln wie alle anderen Patienten und Patientinnen, die ich während einigen Sprechstunden-Minuten auf dem Weg ihrer «Leidensgeschichte kennen lernen durfte.

 

Zeitweise ging es in dieser Praxis zu und her wie in einem Bienenhaus. Pierre war Dreh- und Angelpunkt für alles: Patientenbetreuung mit Gesprächen; klinische Tests; Verabschiedung von Patienten, sofort nach jeder Konsultation ein Gesprächsprotokoll diktieren; dazwischen Telefonanrufe; immer wieder Assistentinnen und Assistenten, die vom Chef etwas wissen wollten … und schon ging’s ins nächste Sprechzimmer nebenan, wo bereits die nächste Patientin wartete.

 

Nach diesen fünf spannenden «Non-stop-Stunden» schlenderte ich gemütlich Richtung Bahnhof. Unmittelbar vor meiner Nase fuhr das Postauto weg. Zeit also für einen kurzen Bummel durch die Altstadt. Da fiel mir ein rostiges Schild auf, das mich sofort wieder an die verschiedenen Gespräche erinnerte, die Pierre mit seinen Patientinnen und Patienten geführt hat. Alle, aber wirklich alle verliessen das Zimmer mit erhobenem Kopf und geradem Rücken. Alle glaubten daran, dass nun (fast) alles wieder möglich ist. Dass Optimismus auch in einem Heilungsprozess wichtig ist, war ich schon immer überzeugt; nach diesem eindrucksvollen Halbtags aber noch mehr.


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382x: (Fast) alles ist in der Medizin möglich, aber eben nur «fast»!

Der Prozess vom Erstkontakt Patient-Arzt mit Befragungen, Abklärungen, Diagnose, dann Operation, anschliessend Nachkontrollen und begleitete Rehabilitation inkl. Physiotherapie bis zur vollständigen Heilung kann lange, sehr lange dauern. Die Kosten sind in jedem Fall hoch. Aber wenn man einmal wirklich «hinter die Kulissen» schauen durfte, was es an technischen Apparaturen in einer Klinik braucht und wie viele Personen in einem ganzen Ablauf involviert sind, urteilt man anders und versteht die hohen Gesundheitskosten etwas besser. Aber die Aufwärtsspirale der Krankenkassenprämien darf nicht endlos steigen. Ich bin überzeugt, dass in einzelnen Fällen gespart werden könnte. Ob die zurzeit aktuell diskutierte Tendenz zur Fusion von kleineren Spitälern zu grossen zentralen Gesundheitszentren die Lösung ist, kann ich zu wenig einschätzen. Wenn jedoch eine Operation nach Abklärung des Arztes (evtl. mit Einbezug einer Zweitmeinung) nicht zwingend nötig, sondern lediglich vom Patienten gewünscht wird, sollten nach meiner Ansicht solche Patienten mindestens einen Teil der Kosten übernehmen müssen. Die grösste Schwierigkeit besteht wohl darin, objektiv abklären zu können, ob eine OP tatsächlich unbedingt nötig oder nur «gewünscht» wird. Und zu guter Letzt stellt sich die Frage, ob regelmässiges, gezieltes und kontrolliertes Bewegen in jedem Alter nicht die beste Prophylaxe gegen Unfälle und Verletzungen ist. Und ob wirklich das Solidaritätsprinzip gerechtfertigt ist, wenn Personen, die sich bewusst grossen Risiken (z.B. beim Variantenfahren) aussetzen und sich dabei schwer verletzen, nicht auch zumindest für einen Teil ihrer Spitalkosten aufkommen müssten. Handlungsbedarf ist ohne Zweifel da; griffige Massnahmen zurzeit (noch) nicht.



Sich regelmässig bewegen beschäftigt mich Zeit meines Lebens; insbesondere was sinnvolles und körperschonendes Bewegen betrifft. In diesem Zusammenhang erinnere mich wieder an all meine Bemühungen für beidseitiges Bewegungslernen im Sport generell, speziell aber im Tennis und im Golf. Diesem Aspekt schenkte ich im Rahmen meiner Tätigkeit als Sportdozent an der PHS St. Gallen grosse Aufmerksamkeit. Bei den Fertigkeitstest am Ende ihrer Ausbildung mussten die Sport-Studierenden (Sek. I) diverse sportliche Techniken sowohl rechts wie auch links vorzeigen können in der Hoffnung, dass sie diese Idee auch in ihrer Praxis als Lehrpersonen im Fachbereich Sport umsetzen und vielseitig anwenden würden.

 

Doch wie kam ich eigentlich auf diese Idee, beide Körperseiten zu trainieren? Im Jahr 1985 begegnete ich Roland und Roger Stadler, welche sich schon immer für die bilaterale, also beidseitige Tennistechnik engagierten haben. Roland spielte viele Jahre äusserst erfolgreich auf nationalen und internationalen Ebenen mit einem beidhändigen Griff (ohne Griffwechsel) auf beiden Seiten. Die Idee faszinierte mich und ich versuchte es auch. Ich wurde zwar dadurch kein besserer Tennisspieler, aber diese Technik zu lernen machte mir riesig Spass.


In einem Team, finanziell und ideal unterstützt vom Hünenberger Max Baumann, verfolgten wir die Idee weiter und haben diese im Buch «Erfolg mit beiden Seiten» veröffentlicht. Darin haben wir mit verschiedenen Überlegungen und Erklärungen angeregt, das beidseitige Sporttreiben, insbesondere aber auch das Tennisspiel, vermehrt anzuwenden. Im Fussball und im Handball ist dies heutzutage Pflicht, im Tennis doch eher eine Ausnahme. Doch viele Tennisprofis spielen zumindest auf der Rückhand beidhändig. Roger Federer spielt allerdings nach wie vor nur mit einer Hand, und das seit Jahren mit grossem Erfolg, also ein Riesenerfolg mit (nur) einer Seite!
 

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382y: Das Buch und die Idee «Erfolg mit beiden Seiten» hatte leider nicht den erwarteten Erfolg.

 

In einem Interview im Zusammenhang mit unserem Beidseitigkeitsprojekt erklärte mir am 24. Januar 1986 Werner Günthör, Weltmeister im Kugelstossen, warum er ab und zu auch mit der linken Hand die Kugeln stösst: «Ich trainiere immer wieder bewusst links und rechts und erlebe den Bewegungsablauf auf diese Weise anders. Wenn wir, d.h. mein Trainer Pierre Egger oder ich, einen technischen Fehler feststellen, dann versuche ich, diesen auf der anderen Seite zu spüren bzw. zu korrigieren. So habe ich schon oft technische Feinheiten gut in den Griff bekommen, weil mir dabei die andere Seite wichtige sensomotorische Informationen vermittelt.»


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382y-1: Auch Kugelstoss-Weltmeister Werner Günthör trainierte seine motorischen Fähigkeiten und Fertigkeiten auf beiden Körperseiten (mein Interview am 24.1.1986).



Im meinem Golfspiel stelle ich dank meiner beidseitigen Technik fest, dass ich mit dem gleichen Schläger (z.B. mit einem linken und einem rechten Eisen 7) unterschiedlich weit spiele. Links schlage ich weiter als rechts! Und dabei spüre ich, dass ich auf der linken Seite mehr Zug habe, also mehr schwinge, und dass ich rechts zwar mehr Kraft einsetze, aber dafür nicht schwinge, sondern auf den Ball «knalle». Links führe ich also einen Schwung und rechts eher einen Schlag aus. Nun versuche ich vermehrt, auch rechts locker zu schwingen anstatt einfach nur «draufzuballern».

 

Und wie stets generell im Golf bezüglich links oder rechts? Die meisten Golfer spielen rechts, d.h. die linke Hand ist hinten, die rechte vorne. Doch immer öfter wird auch links gespielt. Immer wieder habe ich bei Begegnungen mit links Spielenden über die Links-Rechts-Problematik diskutiert und dabei erfahren, dass man nicht zwingend Linkshänder sein muss, wenn man links spielt oder umgekehrt. Und oft traf ich ehemalige Eishockeyspieler, die ihre gewohnte Schlagtechnik vom Slaphshot unbedingt vom Eishockey aufs Golf übertragen wollten und deshalb links spielen.

 

Doch im Eishockey oder im Unihockey wird meistens links gespielt (rechte Hand hinten, linke vorne). Wer jedoch am linken Flügel spielt, sollte zwingend auch auf der linken Seite spielen, nur schon wegen dem Spiel an der Bande.


In meiner Eishockey-Zeit hielt die Mehrheit der Spieler ihren Schläger auf der linken Körperseite. Das Foto aus einem Eishockeyspiel zwischen Ambri Piotta und dem Baarer Schlittschuhclub BSC im Jahr 1965 (der BSC wurde später der EV Zug) zeigt einen Angriff unserer Mannschaft (ich führe den Puck links). Interessant: Alle spielen ausnahmslos links (rechte Hand hinten; linke vorne)!


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382z: Aufstiegsspiel Baarer Schlittschuhclub gegen Ambri Piotta im Jahr 1965. Alle Spieler auf dem Foto halten bzw. führen den Schläger auf der linken Körperseite.

 

Warum spielen denn nicht mehr Leute auch links Golf? Diese Frage stellt sich immer wieder, besonders bei Anfängern. Ich glaube, das hat sich aus der Geschichte dieses Spiels so entwickelt, doch «wer hat’s denn eigentlich erfunden?» Es gibt verschiedene Theorien, aber wahrscheinlich hat Golf die Wurzeln im Land- oder Feldhockeyspiel in Schottland. Der Feldhockeyschläger hat nur auf der einen Seite eine Schlagfläche; die andere Seite des Schlägerkopfes ist abgerundet.

 

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382z1: Es gibt nur rechte Feldhockeyschläger. Gab es wohl deshalb in der Anfangszeit des Golfsportes auch nur rechte Golfschläger?



Der Feldhockeschläger wird deshalb ausschliesslich auf der rechten Körperseite geführt, also mit der linken Hand hinten und mit der rechten Hand vorne gehalten. Will man den Ball von der linken auf die rechte Seite führen, muss der Schläger bzw. die Schlagfläche gedreht werden. Aus diesem Grund gab es in den Anfängen des Golfsportes ausschliesslich nur rechte Schläger; linke waren die absolute Ausnahme und zudem extrem teuer. Und wohl deshalb wurde in der ersten Zeit lediglich rechte Golfschläger produziert und das Golfspiel somit ausschliesslich rechts gespielt. Auch heute stehen in einem Golfshop im Verhältnis viel weniger linke Schläger zur Auswahl als rechte. Und von rund 150 Weltklasse-Profis spielen lediglich 5-10 links.

 

Bei mir ist es wie damals im Tennis: Seit ich links und rechts Golf spiele, habe ich wieder mehr Spass an diesem Spiel; besser wurde (und werde) ich aber deswegen nicht! Und jetzt nach der Knieoperation erst recht! Ich gehe weiterhin gerne in die Physiotherapie, nicht zuletzt auch, weil mich der Physiotherapeut Calvo Denoth nebst einem systematischen Aufbautraining immer wieder mit neuen herausfordernden Bewegungsaufgaben bis hin zum «Seiltanz», auch auf der Seite des operierten Knies, testet. Ich freue mich auf neue Herausforderungen in der Physiotherapie, egal ob links oder rechts!


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382z2: Nebst üblichen Aufbautraining auch immer wieder koordinative Herausforderungen.

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Nach diesen gedanklichen Reisen in die Thematik des beidseitigen Bewegens wieder zurück ins Jahr 2016 – zum Knie der Nation! Im Januar 2016 verletzte sich Roger Federer, der wahrscheinlich beste Tennisspieler aller Zeiten, am Knie. Dies passierte jedoch auch nicht beim Sport, sondern wie bei mir bei einer Spielerei, er mit seinen Kindern, ich an der Aushebung beim Sturz von den Schaukelringen. In der Tagespresse vom 5. Februar 2016 war zu lesen:

Roger Federers «Knie der Nation» verletzt»! An seinem Knie wurde ein Meniskusanriss festgestellt. Das Missgeschick passierte nicht auf dem Tennisplatz. Federers Management teilte am Mittwoch mit, dass die Operation erfolgreich verlaufen sei. Wie seine weitere Karriereplanung verlaufen soll, sei noch ungewiss. Aber Roger soll bereits in wenigen Wochen wieder zurück sein.


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383: Roger Federer gewann 2001 als 19-jähriger in Wimbledon das Spiel gegen Pete Sampras. 
(Dieses Foto war die Titelseite der 7. Auflage meines Tennisbuches 1002 Spiel- und Übungsformen im 
Tennis)

Der Sturz im legendären Spiel gegen Pete Sampras hatte zum Glück keine negativen Folgen für Roger, im Gegenteil. Es war der Beginn eines einmaligen, sensationellen Höhenflugs eines Ausnahmekönners.

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(Einschub am 4. Juni 2019)
Meine spannende Hirslanden-Klinik-Zeit ging schneller als erwartet vorbei. Ich bin nach der Operation meines Kniegelenkes (Teilgelenkersatz) bereits wieder zu Hause. In der heutigen Thurgauer Zeitung fand ich einen Artikel mit dem Titel «Das zweite Leben». Da am heutigen Tag der Viertelfinal an den French open in Paris zwischen den beiden Schweizern Stan Wawrinka und Roger Feder ausgetragen wird, wurden die Knie-Leidensgeschichten der beiden Superathleten ausführlich geschildert. Beide hatten Knieprobleme; beide haben sich wieder gut erholt und spielen heute wieder auf Weltklasseniveau gegeneinander. Ich stehe erst am Beginn einer voraussichtlich längeren REHA und bin motiviert, gezielt und sorgfältig zu trainieren. Wenn ich im Zeitungsartikel lese, dass sich Stan Wawrinka während 8 Wochen an Krücken bewegt hat, dann spornt mich dies  zusätzlich an!


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383a: Roger Federer spielt gegen Stan Wawrinka im Viertelfinal an den French open 2019.

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Jetzt aber wieder zurück bzw. vorwärts zum Start! Im Dezember 2015 erhielt ich von einem Freund den Artikel aus der Zuger Zeitung «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit in Cham» u.a. mit folgendem Hinweis:

Auf chamapedia.ch soll ein Nachschlagewerk über die Gemeinde Cham entstehen. Im von der Wikipedia bekannten Layout sollen Texte, Fotos, Videos und Audiodateien zu verschiedenen Themen (Personen, Strassen, Häuser, Gewerbe etc.) aufgeschaltet und die Sammlung ständig erweitert werden.
 

Interessiert nahm ich Kontakt auf mit dem Initianten des Projektes, Thomas Gretener. Dieser Name weckte in mir alte Erinnerungen: Kenne ich diese Person? Könnte es sein, dass Thomas als Schüler bei mir im Sportunterricht war? Nach unserem ersten Gespräch bestätigte Thomas meine Vermutungen und ergänzte, dass er bei mir sogar an einem Schul-Tennis-Kurs teilgenommen habe und mittlerweile ein begeisterter Tennisspieler sei.


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384: In Cham fand 1968 im Rahmen des freiwilligen Schulsports der erste Schultenniskurs statt; Thomas Gretener war auch dabei.

Ich beglückwünschte Thomas zu seiner Idee chamapedie.ch und informierte ihn über mein Buch-Projekt «Start ins Leben im Schlosspark St. Andreas». Begeistert über meine vielen Chamer Geschichten schwärmte auch er sofort von eigenen Erlebnissen im Dorf. Darauf diskutierten wir weitere Möglichkeiten, Chamer Ereignisse festzuhalten.

In der Zeit, in der ich mich mit dem vorliegenden Buch beschäftigte, kommt mir vor wie das Würfelspiel MONOPOLY, das wir als Kinder spielten. Wer mit Würfeln auf dem Feld «Chance» landete, musste das oberste orange Kärtchen ziehen. Auf einigen Kärtchen stand: Vorwärts zum Start bzw. zurück auf Feld eins.

Nach meinen erlebnisreichen Erfahrungen und den vielen spannenden Gesprächen im Zusammenhang mit diesem Buch könnte ich eigentlich nochmals einen (Neu-)Start wagen. 


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385: Wie im MONOPOLY: Zurück auf Feld 1!

Nun wage ich es tatsächlich nochmals, wenn auch auf eine andere Art! Heute, am 19.3.2019, also bereits 4 Jahre nach Fertigstellung des Buches, habe ich mich entschlossen, alle Texte und Fotos auch auf der Plattform meet my life all jenen zugänglich zu machen, die sich für Geschichten aus vergangenen Zeiten interessieren und selber solche schreiben oder geschrieben haben. Franz Hohler hat an der meet my life Awardverleihung 2019 gesagt: «Jedes Leben ist ein Roman!» Auch meines war und ist ein Roman, und ich bin dankbar für jeden Tag, mit dem er verlängert wird. Nun schreibe ich weiterhin darüber, weil ich nicht vergessen will, was ich erleben durfte. Zufällig entdeckte ich unlängst  auf einem Kalender folgenden Text, der gut dazu passt! Das Zitat stammt von Sir Walter Raleigh. Er lebte von 1554 bis 1618 und war u.a. Seefahrer, Schriftsteller und Berater.


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386: Jeder kann ein Buch schreiben!

Zuerst sind es vielleicht nur einige kleine Geschichten, dann werden es mit dem Schreiben immer mehr, und zu guter Letzt entsteht vielleicht sogar daraus ein Buch? Wetten?

Dank
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13.  Dank

Mein Dank gilt allen Beteiligten, die mich bei der Realisierung dieses Buches unterstützt haben.

 

Arendt-Bucher Rita

Mit meiner Schwester Rita erlebte ich eine schöne Zeit im Waldschlupf, bis auch wir, die letzten zwei der insgesamt sechs Kinder, auszogen. Rita hat das Manuskript korrigiert. Ihr eigener Beitrag «Ich war einmal ein Engel» fand einen Ehrenplatz im Buch. Den Engel zu ihrer Geschichte haben sie und ihr Mann in der eigenen Schreiner-Kunst-Boutique hergestellt. Leider ist ihr Mann Frank Arendt früh gestorben.

 

Amrhein Hermann

Mein Schwager Hermann Amrhein fand die Nadel im Heuhaufen in Form von Berichten und Fotos der Seegfrörni 1963 bzw. von einer einmaligen eisigen Standartenübernahme in der Bucht des Chamer Strandbades. Er setzte sein Netzwerk ein, sowohl als ehemaliger Chefredaktor der Zuger Nachrichten wie auch als Militär-Offizier.

 

Amrhein Lisbeth

Meine Schwägerin Lisbeth Amrhein hat das Manuskript korrigiert und Verbesserungen vorgeschlagen.

 

Bohli Erich

Erich Bohli ist der Gründer der Plattform meet my life. Er hat mich bei der Einarbeitung des Buchmanuskriptes auf die Plattform meet my life tatkräftig und geduldig unterstüzt.

 

Bruggmann Beni

Zusammen mit dem Fussballexperten Beni Bruggmann gab ich schon drei Fussballbücher heraus. Man nennt ihn auch «Köbi Kuhn des Schweizer Kinderfussballs». Als ehemaliger Sportjournalist und erfahrener Lehrer stellte er sich spontan zur Verfügung, das Manuskript zu lektorieren.

 

Bucher-Amrhein Rita

Meiner Frau Rita möchte ich für die grosse Geduld während der Bearbeitung des Buches, aber vor allem für den stilistischen «Feinschliff», ganz herzlich danken.

 

Kronawitter-Bucher Margrit

Meine Schwester Margrit schilderte mir einige Erinnerungen aus ihrer Kindheit.

 

Lienhard Daniel

Mit dem Grafiker Dani Lienhard verbindet mich eine 30jährige Freundschaft. Er bearbeitete viele meiner Sportbücher. Unser grösster, gemeinsamer «Brocken» war die Gestaltung und Bearbeitung des viersprachigen Mammut-Projektes «Lehrmittel Sporterziehung». Ebenso gestaltete er für mich unzählige Umschlagseiten von Büchern und Broschüren, auch des vorliegenden Buches; ebenso das Logo bucherprojekte.

 

Maret Wilfried

Wie sich Kreise schliessen! Anlässlich eines zufälligen Kaufes eines alten VW Cabriolets ergab sich mit Wilfried Maret eine gemeinsame St. Andreas-Geschichte.

 

Odermatt-Ast Ursula

Ursula ist zwar einige Jahre älter als ich, aber uns verbinden dennoch viele schöne Erlebnisse als Nachbarskinder im Schlosspark. Sie erzählte mir Kindergeschichten, speziell auch von ihrem Bruder René, meinem Vorbild in der Kinderzeit. Besonders interessant und aufschlussreich waren die Unterlagen und Fotos ihres Vaters.

 

Pacher Sibylle

Sibylle Pacher spielte das Zünglein an der Waage, als es darum ging, das St. Andreas-Buch zu realisieren. Obwohl im Verlauf der Bearbeitung des Buches aus der ursprünglichen Idee vom «Spaziergang in die Vergangenheit durch den Schlosspark St. Andreas» eine Zeitreise durch mein Leben entstand, freut sie sich am vorliegenden Buch.

 

Palfalusi Michaela

Sibylle Pacher spielte das Zünglein an der Waage, als es darum ging, das St. Andreas-Buch zu realisieren. Obwohl im Verlauf der Bearbeitung des Buches aus der ursprünglichen Idee vom «Spaziergang in die Vergangenheit durch den Schlosspark St. Andreas» eine Zeitreise durch mein Leben entstand, freut sie sich am vorliegenden Buch.

 

Sax Beat

Mit Bea