Login für bereits registrierte Autoren. Neuregistrierungen erfolgen auf der Seite "Autobiographie schreiben". (Im Schreibfenster auf "Zur Registrieren" klicken.)
 
Von Maria Schneider
Schwielen der Arbeit heilen - Narben im Herzen bleiben
Es werden nur Texte von über 10 Seiten publiziert.
Zurzeit sind 266 Biographien in Arbeit und davon 128 Biographien veröffentlicht.
Vollendete Autobiographien: 59
 
Maria Schneider
Info Biographie
Info Autor
CV Autor
Mit eigenem Mail-Programm empfehlen
Letzte Aktivität
11.
Nichtschwimmerin wird Matrosin / 12.04.2019 um 14.02 Uhr
17.
Alles fährt Ski ... / 13.04.2019 um 9.27 Uhr
2.
Mobbing in der Schule / 13.04.2019 um 13.14 Uhr
1.
Meine Kindheit im Rheintal / 13.04.2019 um 13.14 Uhr
22.
Anhang / 13.04.2019 um 14.11 Uhr
21.
Meine Selbsterfahrungen und Erkenntnisse / 14.04.2019 um 5.16 Uhr
Zoom -
wysiwyg
Zoom +
nav read

Aktuelle Seite drucken
Aktuelles Kapitel drucken
Alles drucken
nav read
Print

nav read
Verzeichnis

<
rückwärts blättern
vorwärts blättern
>
1.
Meine Kindheit im Rheintal
2.
Mobbing in der Schule
3.
Wie zerstöre ich ein Mädchenleben?
4.
Eine Grossfamilie geht auf Reisen
5.
Wenn Träume platzen, dafür die erste Jugendliebe winkt
6.
Ade Rheintal - Ade Jugendliebe
7.
Ja ich will - ähm ich muss!
8.
Familie und Beruf - geht das?
9.
Verbotene Liebe - Schuldspruch "Ehebrecherin"
10.
Zwei konträre Familien stossen aufeinander
11.
Nichtschwimmerin wird Matrosin
12.
Freud und Leid sind nah beieinander
13.
Heiratsantrag auf dem Überlingersee
14.
Frau Kapitän kann nicht schwimmen
15.
Ein Faulenzerschiff - na und!
16.
Liebesnest und Kummerwinkel
17.
Alles fährt Ski ...
18.
Keine Beziehung dauert länger als jene zwischen Geschwistern - ob gut oder schlecht
19.
Gemeinderätin mit Ecken und Kanten
20.
Es zwickt überall - ich bin im Rentenalter angekommen
21.
Meine Selbsterfahrungen und Erkenntnisse
22.
Anhang
Meine Kindheit im Rheintal
Seite 1
Seite 1 wird geladen
1.  Meine Kindheit im Rheintal

Mein Geburtsort ist das Rheintalerdorf Widnau, das anfangs 19. Jahrhundert noch eine Kleinbauerngemeinde war und unter den jährlich wiederkehrenden Überschwemmungen litt. Der Rhein raubte den „Armenhäuslern“ regelmässig die spärliche Ernte. Mitte des Jahrhunderts begannen einzelne Kleinbauern mit der Seidenwinderei, dann mit der Kettenstickerei. Die Handstickmaschine brachte Verdienstmöglichkeiten und mit der Schifflistickmaschine und der technischen Weiterentwicklung zum Automaten wurde aus dem Nebenerwerb die Haupteinnahmequelle. Widnau wurde zum Dorf der Sticker. Nach dem ersten Weltkrieg, also in der Zeit der Arbeitslosigkeit, siedelte sich die Kunstseidefabrik „Viscose“ in Widnau an, ein Lichtblick für das ganze Tal. Die Fabrik schaffte Verdienstmöglichkeiten und wurde zum Motor für eine rasante wirtschaftliche, demografische und soziale Entwicklung der Gemeinde. So überliefert von Wikipedia.

Am 21. Oktober 1946 stand ein stolzer Papa im Büro der Gemeindeverwaltung in Widnau und meldete die Geburt seiner zweiten Tochter Maria Theresia an, die morgens früh um 6.50 Uhr das Licht der Welt erblickt hatte.

Marieli, wie ich genannt wurde, kurierte während dessen zuhause bereits ihre erste grosse Anstrengung aus. Im Schlafzimmer der Eltern bekam ich Sekunden nach dem Austritt aus der Nestwärme von Mamas Bauch den ersten Klaps auf den Hintern. Entweder wurde damit meine kleine Lunge aufgefordert selbständig zu arbeiten, oder es war schon die erste Lektion für das unartige Benehmen. Mein Geburtstermin wäre nämlich erst in drei Wochen gewesen.

Das Haus in dem ich zur Welt kam, war ein grosses Gebäude, im Eigentum der Gemeinde. Vier Holztreppen mit je zwölf Tritten führten zur riesigen Wohnung mit zehn Zimmern. Ein langer, schmaler Gang führte in die Räume links und rechts. In der Mitte links befand sich die grosse Wohnküche, die auch als Esszimmer diente. Am langen, rechteckigen Holztisch wurde nicht nur gegessen, er liess sich mit Mehl bestäuben um Teig auszuwallen und diente auch als Spiel- und Diskussionspunkt. Zwischen den beiden Fenstern, mit direktem Blick auf die Kirche, stand ein schwarzer Gusseisenherd mit zwei Löchern vorne und einem Wasserschiff hinten. Zur Glut brachten ihn Holzscheite, die vorne in eine Klappe geschoben wurden. Hier kochte meine Grossmama noch mit schweren Gusseisenpfannen.

Etwas später nach der Ansiedelung meiner Eltern wurde die Küche mit einem Gasherd modernisiert. Die Gerichte blieben zwar die gleichen, nur die Zubereitung erleichterte sich -  angeblich. Direkt anschliessend an den Gasherd war ein steinerner Abwaschtrog platziert mit fliessend kaltem Wasser. 
Vis-a-vis der Küche gelangte man auf einer Holztreppe direkt in den Estrich.
Die hintersten beiden Eckzimmer bewohnten meine Grossmama Agatha und der Grossvater Johann. Dann folgten links das Schlafzimmer und rechts die Stube meiner Eltern. Die restlichen Räume waren verschlossen, weil die ehemaligen Bewohner, Geschwister von meiner Mama, ausgezogen waren. In den unteren Stockwerken gab es nur öffentliche Räume. Im Erdgeschoss war eine grosse Turnhalle mit Umkleidekabine und im Mittelgeschoss ein Singsaal und ein Klassenzimmer. Eine steile Steintreppe führte ins Untergeschoss, zuerst in einen Abstellraum, dann ein Vorratsraum mit Holzregalen für die Einlagerung der Kartoffeln und den Äpfeln. Weiter ging es in den Heizungsraum, wo ein Koloss von einem Ofen stand. Ihn fütterte man mit Kohlen, welche im angrenzenden, lichtlosen Verlies eingelagert waren.

Zum Vereinshaus, so hiess das Gebäude, gehörte ein grosser Garten mit Gemüsebeeten und rundherum farbenprächtige Blumen. Dieser wertvolle Nahrungsspender war eingezäunt mit einem kunstvoll geschmiedeten Eisenzaun. Das Tor konnte nur mit einem grossen schwarzen Bartschlüssel geöffnet werden. Hinter dem Hag verdeckte ein vier Meter hoher Tujahag den Blick auf das Pfarrhaus. Ja, das Vereinshaus war eingeschlossen von öffentlichen Institutionen. Im Uhrzeigersinn: Die katholische Kirche, das katholische Pfarramt und das Altersheim. Wenige Schritte weiter der Friedhof und die Primarschule.

Meine Grosseltern, mütterlicherseits, waren mit ihrem Nachwuchs bereits seit vielen Jahren im Vereinshaus ansässig und besorgten die Hauswartung. Nach dem Auszug der sechs Kinder bewohnten die Grosseltern diese XXL-Wohnung alleine weiter.
Antonia, die zweitälteste Tochter der Grosseltern, also meine Mama, war im Vereinshaus aufgewachsen. Nach ihrer Heirat zog sie mit dem Ehemann in dieses grosse Nest zurück. Ihre Mutter räumte dem jungen Paar aber nur zwei Räume, ein Schlafzimmer und ein Wohnzimmer, zu. Die Küche war gemeinsames Gut und die Toilette, ausserhalb der Wohnung platziert, ebenfalls. Die restlichen Räume verwaltete ausschliesslich die Herrin – also meine Grossmama. So blieben vier möblierte Kammern, die früher von Antonias Geschwistern bewohnt waren, verschlossen.

Meine Eltern nisteten sich also auf engstem Raum mit den Grosseltern mütterlicherseits ein und gründeten gleich eine Familie. Mein Papa Arthur, aus dem französischen Jura stammend, wurde nicht nur von der angeheirateten Familie geächtet, nein, im ganzen Dorf galt er als Aussätziger. Ungeachtet dieser schwierigen Familienverhältnisse erweiterte sich die junge Familie am laufenden Band um einen Spross und erreichte bis 1959 die stattliche Zahl von acht Kindern; fünf Mädchen und drei Buben. Wäre nicht zwischendurch noch ein Schwesterchen verstorben wären sie neun gewesen. Mit jedem neuen Ankömmling veränderte sich auch das Wohnraumbedürfnis. Platz zur Ausdehnung wäre im Vereinshaus vorhanden gewesen, nur meine Grossmama Agatha stellte sich quer. Für sie standen die vier verschlossenen Kammern nicht zur Verfügung. Diese waren reserviert für allfällige Besuche der früheren Bewohner – ihrer ausgezogenen Kinder. Leider vergass die Herrin, dass ihre eigenen sechs Kinder das Privileg eines eigenen Zimmers in Anspruch nehmen konnten. Mit ihrer sturen Haltung liess sie aber die junge Familie in zwei Zimmern hausen und verwehrte so ihren eigenen Enkeln ein würdiges Aufwachsen.
Ja, der Entscheid von Mama in die Wohnung ihrer Eltern zu ziehen war unvernünftig. Waren es Gründe mit finanziellem Hintergrund, oder einfach die angenehmste Entscheidung? Für mich blieb es ein Rätsel. Heute bin ich mir aber sicher; dieser Beschluss war damals planlos und falsch, was sich noch zeigen wird.

Ja, meine Familie war eine XXL-Familie mit allen Vor- und Nachteilen und meine Kindheit war geprägt von den vielen Geburten, die ausschliesslich im Vereinshaus stattfanden. Das Ritual kannte ich schon bald auswendig. Mama legte sich im Schlafzimmer ins Bett, Papa holte die Hebamme Emma und die bestehende Kinderschar wartete in der Küche auf den ersten Schrei ihres neuen Geschwisterchens. Wenig später betrat dann die Hebamme die Küche, wo sie vor der verwunderten Augenschar den neuen Erdenbürger badete. Papa zum Hilfspfleger erhoben sorgte für warmes Wasser und frische Tücher. Wir Kinder verfolgten gespannt das Eintauchen des kleinen Winzlings ins Wasser und erlebten dann auch gleich das herzhafte Brüllen. Zusammen gingen wir anschliessend ins Schlafzimmer und freuten uns, dass Mama gesund und munter das Baby in den Armen hielt. Dass die drei erstgeborenen Mädchen, also auch ich, aufmerksam dem ersten Bad des Neuankömmlings zuschauten, registrierte die Hebamme beim ersten Sohn. Ich bemerkte sofort, dass mein Brüderchen etwas zwischen den Beinen hatte, was mir fehlte. Den Wissensdurst erklärte mir die Hebamme in kindlicher Form: „Dein Brüderchen hat ein „Pfiffeli“. Alle Buben haben das". Als Zweijährige befriedigte mich diese einfache Antwort. Damals!

Die Geburt des sechsten Geschwisterchens im Jahre 1953 erlebte ich wie gewöhnlich, nichts deutete darauf hin, dass meine kleine Schwester nur vierzehn Tage überleben würde. Es war für die ganze Familie ein grosser Schock, als Mama das kleine Bündel ins Spital nach Altstätten brachte und kurze Zeit später in einem weissen Sarg wieder heim holte. Warum das kleine Bündel nicht überlebte, blieb für mich ein Buch mit sieben Siegeln.
In Erinnerung bleibt mir einzig, dass meine kleine Schwester an meinem 7. Geburtstag verstorben war.

Die Vergrösserung der Familie ging aber nach diesem grossen Leid munter weiter und meine Erinnerung an die Kleinkindzeit beschränkt sich deshalb auf die sporadisch wiederkehrende Ankunft von neuen Geschwistern. Eine Vorbereitung auf die Erweiterung der Familie erlebten wir nie und eine Aufklärung warum Mama immer dicker wurde und woher das Baby schlussendlich kam blieb uns verwehrt. 

Eine Gutenachtgeschichte von meinen Eltern hörte ich nie. Das Zubettgehen war für mich so banal wie das Aufstehen am Morgen, ohne jegliche Zeremonien. Dafür erinnere ich mich
sehr gerne an die Vorschulzeit. In der Stube sass Mama am Fenster und strickte. Rund um sie herum sassen wir Kinder und sie lernte uns die schönsten Lieder singen. Freut euch des Lebens - Mein Hut der hat drei Ecken - Alle Vögel sind schon da - Am Brunnen vor dem Tore - Das Wandern ist des Müllers Lust - Bergvagabunden, wenn wir erklimmen sonnige Höhen. Ja, meine Mama liebte das Singen und mit den urchigen Liedern erweckte sie auch in mir die Freude mich musikalisch auszudrücken.
Ein kleines Bücherbord in der Stube an der Wand beherbergte die lustigen Geschichten von Globi, Papa Moll und Struwwelpeter. Diese abgegriffenen Bücher machten ständig die Runde und schon bald kannten wir Kinder die Textpassagen auswendig. Ein weiterer dicker Schinken war der Weltatlas. Dieses Druckwerk versüsste so manchen regnerischen Sonntagnachmittag. Papa sass mit seiner Kinderschar am Stubentisch und zeigte uns exotische Länder auf der ganzen Welt. Dabei lernten wir auch die dazu gehörenden Hauptstädte kennen. Ja, wir prägten uns die ganze Welt ein, mit dem Finger auf der Karte. War dies der Grundstein für mein späteres Fernweh?

Mit fünf Jahren ging für mich der Ernst des Lebens los. Mit einem rot-weiss karierten Stoffbeutel für die Finken stand ich, sMarieli, an der Hand meiner Mama vor dem Tor eines einstöckigen Hauses mit grossem Umschwung und Spielplatz. Zwei Nonnen in schwarzen Trachten und Flügelhauben empfingen uns. Schwester Zita, eine ältere mit strengen Gesichtszügen und Schwester Aloisia, eine jüngere mit lieblicher Ausstrahlung begrüssten alle Neuankömmlinge. Mit Namensaufruf wurden wir in zwei Gruppen eingeteilt. Die Kinder auf der rechten Seite wurden Schwester Zita zugeteilt und diejenigen auf der linken Seite Schwester Aloisia. Mit Freude gesellte ich mich zu meinen künftigen Kameraden auf der linken Seite. Meine ersten positiven Gefühle für Schwester Aloisia hatten sich in diesem Jahr bestätigt. Alle Kinder hatte sie gleich lieb, egal ob der Vater ein angesehener Dorfkönig oder ein unbekannter Zugezogener war.Den Wert dieser edlen Eigenschaft konnte ich erst später als Schülerin richtig einordnen.
Ich fühlte mich im Kindergarten sehr wohl, weil ich bereits mit viel Erfahrung im Gruppenspiel ausgestattet war. Zuhause waren wir damals bereits fünf Kinder und da hatte egoistisches Benehmen keinen Platz. Auch die Übungseinheit - kämpfen statt aufgeben - war mir nicht fremd.

Mobbing in der Schule
Seite 2
Seite 2 wird geladen
2.  Mobbing in der Schule

Im Frühjahr 1953 erwartete mich die obligatorische Schulzeit. Damit erlangte ich auch das Bewusstsein, dass nicht alle Kinder vorbehaltlos gleichgestellt waren. Mein Papa, der zugewanderte Eindringling aus der französischen Schweiz und Aussätziger im Dorf war Grund genug, auch seine Kinder zu plagen. Dazu trug meine Grossmama Agatha massgeblich bei. Als klatschsüchtiges Dorfblatt trieb sie die Abneigung gegen ihren ungeliebten Schwiegersohn an. Dass sie dabei auch ihre Grosskinder, also auch mich, bestrafte war ihr entweder nicht bewusst, oder sie nahm es böswillig in Kauf.
Meine Mama tolerierte diese Gemeinheiten stillschweigend. Vielleicht nahm sie die Diskriminierung ihres Ehemannes und Papa ihrer Kinder aus Rücksicht und Respekt vor ihrer eigenen Mutter in Kauf, oder ihr fehlten der nötige Mut und die Selbständigkeit.

Dem ersten Schultag fieberte ich mit grosser Freude entgegen. Ich war neugierig auf meine neuen Mitschüler, aber vor allem wollte ich lernen, viel lernen.
Dann folgte die erste bittere Enttäuschung bereits zu Beginn der Schulstunde. Alle Kinder mussten sich vorstellen: Name, Vorname, Heimatort und Arbeitsort des Vaters.
Als körperlich grosses Mädchen sass ich in der hintersten Bankreihe. Ja, Bankreihe! Damals gab es noch Holzbänke die unverrückbar zusammengebaut waren. In einer hochklappbaren Tischplatte wurden die Bücher und Hefte verstaut. Zwei Schüler teilten sich eine Bank und zur Ausrüstung gehörte eine Schreibtafel mit einer weissen Kreide und einen Schwamm.
Wir waren 48 Knaben und Mädchen im Klassenzimmer. Die Vorstellungen begannen in den vordersten Reihen und so war ich bei den letzten die ihre Daten vortragen durften. Alle meine Mitschüler waren einheimische mit den ortsüblichen Nachnamen und ihre Väter arbeiteten in der Kunstseidenfabrik Viscose im Dorf.
Dieser Einheitsbrei änderte sich schlagartig als ich mich vorstellen musste. Artig stand ich auf und begann mit meiner Vorstellung, so wie es meine Vorredner taten. Nur, ich hatte exotische Daten vorzutragen.

„Mein Name ist Maria Chopard“ sagte ich freudig. Obwohl es mein Lehrer vorne an der Wandtafel genau gehört hatte, forderte er mich auf: „Sag es nochmals, aber laut und deutlich.“ Verunsichert und mit rotem Kopf wiederholte ich meinen französischen Nachnamen. Genussvoll plagte der Lehrer mich weiter indem ich meinen Heimatort Sonvilier im französischen Jura wiederholen musste und er genoss es sichtlich, dass er mich auch in der Frage nach dem Arbeitsort meines Vaters bloss stellen konnte.
Mein Papa arbeitete nämlich nicht in der Viscose im Dorf, sondern als Lagerist bei der Firma Saurer in Arbon. Ich fühlte mich nach meiner Vorstellung völlig als Aussenseiterin, als einzige musste ich nämlich meine Daten repetieren und grinsende Gesichter der Mitschüler in Kauf nehmen.
Heimlich wünschte ich mir ebenfalls einen stinknormalen Nachnamen zu haben.
Zuhause wagte ich es nicht meine grausame Niederlage der ersten Schulstunde mitzuteilen. Von den Eltern erwartete ich keine Unterstützung und eine Auflehnung gegen die Herrschaft des Lehrers wagte ich nicht. Bei jeder noch so geringen Widerspenstigkeit, zuhause oder in der Schule, hörte ich den Satz: „Wenn du nicht spurst versorgen wir dich in einer Anstalt!“

Ja, in dem kleinen Kaff wo ich wohnte, sagten sich Fuchs und Hase gute Nacht. Alle  kannten sich und jeder schimpfte über jeden! Das Gemeindeoberhaupt, die Herren Lehrer und der Gemeindepolizist waren Persönlichkeiten ohne Fehl und Tadel. Weibliche Autoritäten gab es damals nicht.
Der Herr Pfarrer in seiner schwarzen Soutane mit dem weissen Stehkragen und direktem Draht zum Himmel horchte die ganze Bevölkerung in seinem Beichtstuhl aus und was er von der Kanzel predigte war höchstes Gebot und wurde befolgt.
So wuchs ich in einer obrigkeitshörigen Umgebung auf. Rebellionen im Dorf gab es keine und in der eigenen Familie wurde jegliches Aufbegehren mit einer Ohrfeige bestraft.

So versuchte ich meiner Enttäuschung alleine Herr zu werden. Aber schon bald reifte in mir der Trotz, mich durch Leistung hervor zu heben. Ich hatte genügend Intelligenz um mich von der Masse abzuheben und wurde bereits nach kurzer Zeit Klassenbeste. Mit meinen Fähigkeiten konnte ich zwar den parteiischen Lehrer etwas besänftigen, stiess aber bei den Mitschülern auf Abneigung. Streberinnen waren nicht beliebt, besonders bei den Knaben. Untertänige Mädchen hingegen wurden wohlwollend integriert, oder besser gesagt: Regiert!
Niemand wollte meine Freundin sein, ich war nur eine geduldete Schulkollegin. Ja, gescheit und erst noch mit exotischem Namen wirkten abschreckend.
Ich war auch benachteiligt an einem interessanten Schulweg teilnehmen zu können. Wir wohnten direkt neben dem Schulhaus und so konnte ich mit den abenteuerlichen Ausführungen meiner Mitschüler nicht mithalten. Mir verblieb es einzig mitzuhören wie in den Pausen aufregende Erlebnisse ausgetauscht wurden.
Ich passte auch physisch nicht ins Klassenbild. Die Mehrheit der Mädchen trugen hellbraune oder rote Haarzöpfe. Ich präsentierte mich mit kinnlangem dunklem Haar das auf der rechten Seite mit einer Masche zu einem Schweif gebunden war.
Dieses Andersheit zog sich wie ein roter Faden durch meinen Alltag. So tanzten wir auch mit der Esskultur aus dem Rahmen. Gab es bei den meisten Kameraden zuhause Gschwellti mit Appenzeller- oder Emmentalerkäse verdrückten wir Gschwellti mit Rollmöpsen und Roquefortkäse. Mein Papa als fremdartiger Geniesser fuhr mit dem Velo in die grössere Nachbargemeinde Heerbrugg wo bereits ein Grossverteiler exotische Genussmittel verkaufte. Diese Extrawurst, wie es meine Grossmama Agatha ärgerlich betonte, wusste in kurzer Zeit das ganze Dorf und die unbeliebte Exotenfamilie hatte erneut einen weiteren Minuspunkt in der Beliebtheitsskala eingefahren.

Eines verband mich aber mit meinen Mitschülern, wenn auch nicht gewollt, das Barfusslaufen. Schuhe waren für die meisten Kinder im Dorf ein Luxusartikel, die nur an wichtigen Tagen den Schuhkasten verliessen. Die strapazierten Fusssohlen der Kinder genossen nicht den gleichen Schutz wie die Schuhsohlen. So musste ich monatelang barfuss zur Schule gehen und barfuss im Freien spielen. Nur am Sonntag für den Kirchengang wurde der Schuhschrank geöffnet. Am Ende der Barfusszeit waren meine Füsse mit Hornhaut ausgestattet, die jedem rauen Boden trotzten.
Auch Kleiderprobleme kannten wir nicht. Ich hatte ein Sonntag- und ein Werktaggewand, welche die Mama selber genäht hatte und zwar in einer Grösse die Wachstumsschübe der nächsten Jahre problemlos überstanden.
Ich erinnere mich gut an die kurze blaue Baumwollhose, die für die schulischen Turnstunden obligatorisch waren und auch in der Freizeit zum Ballspielen im Freien herhalten mussten. Ich bin mir heute sicher, dass dieses Allzweckstück auch als Badehose gedient hätte, wenn Wassersport ein Thema gewesen wäre.

In der zweiten Primarklasse dirigierte uns der gleiche Lehrer wir in der ersten Klasse. Dann in der dritten Primarklasse wurde wir einem neuen Pädagogen zugeteilt und mit neuen Erlebnissen konfrontiert. Die Schulbänke blieben die alten, aber die Schreibtafel wurde durch Hefte ersetzt und geschrieben wurde nun mit einem Federhalter auf den eine Feder aufgesetzt werden musste. In der Schulbank eingelassen war ein Tintenfässchen.
Der ältere Lehrer war im Dorf bekannt als äusserst streng. Ich ging also mit etwas mulmigem Gefühl in die erste Lektion und glaubte daran, dass ich als gute Schülerin keine Probleme zu befürchten hätte. Was ich dann aber in den nächsten Monaten miterleben musste war an der der Grenze zum Unerträglichen.
Aus heutiger Sicht betrachtet, hatte dieser Lehrer überhaupt keine pädagogischen Fähigkeiten, eher eine gewaltsame Neigung. Seine berüchtigten Tatzen, welche er als Züchtigung meistens an den Knaben vollzog, musste ich während diesem Jahr etliche Mal miterleben. Mit dieser brutalen Strafe wollte er den Schülern seine Autorität beweisen. Noch heute höre ich das Knallen, wenn das Lineal auf die Hände der Bestraften schnellte und das leise Wimmern des Opfers. Aber auch die erstarrten Blicke der Kameraden haben sich in meinem Gedächtnis festgefressen. Bei mir hatte der Lehrer seine sadistische Ader einmal an den Haaren ausgelassen. Der Ziehschmerz war zwar unangenehm, aber von den anderen Gräueltaten abgesehen erträglich.

In der vierten Klasse wurde ich nicht mehr Zeuge von Schlägen, aber seelische Schmerzen können auch Narben hinterlassen. Ich wurde einem Lehrer zugeteilt, der meiner Familie nicht gut gesinnt war, oder einfacher gesagt: Er mochte meinen exotischen Papa nicht.
Wie üblich in der ersten Stunde im neuen Schuljahr übergab ich dem neuen Lehrer das von den Eltern unterschriebene Zeugnis. Er warf einen kurzen Blick auf die Vorjahre und kommentierte lapidar: „Deine bisherigen Noten von der ersten bis zur dritten Klasse sind alles Bestnoten. Diese Einserserie wird sich aber in diesem Jahr beenden.“
Ich erschrak über diese niederschmetternde Ankündigung und spürte hautnah die Abneigung des Lehrers. Den Mitschülern gab er dafür Grund für ein verachtendes Gelächter.
In den nächsten Wochen bemerkte ich, dass mir der Lehrer keine Beachtung schenkte, als wäre ich gar nicht anwesend. Meine Bemühungen gute Leistungen zu erbringen honorierte er nicht. Dafür betonte er bei jeder Gelegenheit die Andersartigkeit von Zugezogenen.
Ja, für mich war es ein bitteres Jahr, trotzdem liess ich nichts anbrennen. Ich wollte auch die vierte Klasse mit guten Noten abschliessen, obwohl sich die perfiden Worte des Lehrers zu Beginn des Schuljahres in meinem Hinterkopf eingenistet hatten.
Als ich am Ende des Schuljahres mein Zeugnis in den Händen hielt war ich dem Weinen nahe. Der Lehrer hatte seine Androhung tatsächlich umgesetzt. Er verpasste mir in zwei Fächern die Note 2. Für mich war es eine sehr traurige Erfahrung, weil ich mir sicher war, dass diese Notengebung willkürlich gegeben wurde.

Die schulfreie Zeit war damals aber noch nicht mit Freizeitangeboten jeglicher Art vollgestopft. Die grösste Lust und Freude war stets Völkerball spielen auf der Schulwiese. Die jährlichen Schulausflüge waren immer Wandertage in die umliegenden Berge, oder mit der damaligen Sprache ausgedrückt: Idiotenhügel. Dabei lernte ich dann noch grössere Käffer kennen, aber keine grösseren Gewässer als unseren Rhein.

Zuhause, im Vereinshaus, übertrugen die Grosseltern die Hauswartarbeiten immer mehr an ihre Tochter Antonia, also der Mama von mir. Sie entlasteten sich von der anstrengenden Arbeit in dem grossen Haus und die junge Familie profitierte dadurch mit etwas mehr Wohnraum in der riesigen Wohnung. Wir älteren Kinder bekamen endlich ein eigenes Mädchenzimmer. Zu dritt nächtigten wir in zwei Betten und waren glücklich dabei.
Ja, das grosse Haus verursachte eine Menge Arbeit und die delegierte Mama sofort weiter an die beiden ältesten Töchter. So mussten Margrit elf jährig und ich zehn jährig tatkräftig mithelfen und uns von der Arbeit zu drücken wagten wir nicht. Eine Ohrfeige zu kassieren wäre noch verkraftbar gewesen, aber die Drohung in den Kohlenkeller gesperrt zu werden nötigte uns die Arbeiten zuverlässig und korrekt zu erledigen.

Die fünfte und sechste Klasse besuchte ich bei einem jungen Lehrer der neu ins Dorf gezogen war. Er hatte keine Vorurteile und nahm alle Schüler gleichwertig an. Für mich ein freudiges Erlebnis und zugleich zwei lehrreiche und interessante Jahre, vor allem die sechste Klasse ein gutes Vorbereitungsjahr zum Übertritt in die Sekundarschule.

Dem Besuch der Sekundarschule ging eine anspruchsvolle Aufnahmeprüfung voraus. Über hundert Schüler aus dem Dorf und der näheren Umgebung wurden in verschiedenen Fächern geprüft. Ein besonders hinterlistiger Test blieb mir bis heute in Erinnerung.
In der ersten Prüfungseinheit stand an der Wandtafel folgender unkommentierter Satz: Gott gab uns Zeit – von Eile hat er nichts gesagt. Am Schluss des Tages war genau dieses Zitat die letzte Prüfungsaufgabe und verhalf mir zu einem tollen Erfolg. Ich hatte die Aufnahmeprüfung in die Sekundarschule mit Bravour gemeistert und war mächtig stolz auf meine Leistung, die ich alleine, ohne jegliche Hilfe bewältigt hatte. Zuhause wurde dieser Erfolg zur Kenntnis genommen ohne jegliches Lob.

Das erste Schuljahr in der Sekundarschule war dann allerdings wieder geprägt von Schikanen. Mein Klassenlehrer, ein älteres Semester, war bereits Hauptlehrer meines Onkels – dem Bruder meiner Mama – der später Theologie studierte und Pfarrer wurde. Dieser war ein absolutes Genie in allen Fächern und so setzte mein Klassenlehrer bei mir die Messlatte höher als für die übrige Klasse. Bei jeder kleinen Abweichung zu den guten Leistungen meines Onkels stufte er meine Arbeit auf primitive Weise herab.
Die Französischlektionen arteten für mich in einer richtigen Plage aus. Weil ich einen französischen Nachnamen hatte, wurde ich beim kleinsten Fehler regelrecht als dumm vorgeführt. Für mich war es unverständlich, dass mein fremdsprachiger Nachnamen mit einer perfekte Sprachkenntnis verbunden wurde, schliesslich wuchs ich in einem deutschsprachigen Dorf auf. Diese unerträglichen Sticheleien ohne jegliche Anerkennung der sonstigen guten Arbeiten bewirkten im Laufe des Jahres abfallende Leistungen und am Schluss nur noch ein ungenügendes Muss, statt eine Freude zur Schule zu gehen. Diese energielose Motivation kannte ich bisher nicht, im Gegenteil meine innere Triebfeder wirkte ohne Mithilfe von aussen. Ich ging bis anhin sehr gerne zur Schule.
Heute würden diese Verfehlungen der Pädagogen als Mobbing geahndet. Damals gehörte es aber zum Alltag und ich fühlte mich alleine gelassen, auch von zuhause.

Diesem zunehmenden Schulfrust setzte ich während des Schuljahres ein jähes Ende. Ich liess mich in die Abschlussklasse der Realschule versetzen ohne vorherige Rücksprache mit den Lehrern der Sekundarschule und den Eltern zuhause. Eine Trotzreaktion?
Nein, eine ernsthaft überlegte Tat. Mein Rückschritt von der Sekundarschule in die Oberstufe hatte mein Abschlussklassenlehrer am Anfang der ersten Stunde mit einer aufmunternden Willkommensgeste bereichert. Ich war gerührt von den aufbauenden Worten, die mir im letzten Jahr verwehrt wurden. Der freudige Applaus der Mitschüler freute mich ganz besonders. Die meisten kannte ich noch von der Primarschulzeit.
Nun galt es das letzte Schuljahr mit Freude anzugehen: Ich war bereit dazu.
Mein Lehrer erkannte schnell, dass ich viele gute Fähigkeiten hatte und förderte mich in den Bestrebungen den Beruf der Lehrerin zu ergreifen. Mehrfach durfte ich der Klasse vorstehen als seine Stellvertreterin. Dieses Vertrauen bereitete mir grosse Freude und die Klasse hatte riesigen Spass dabei.
Die grösste Hürde für meinen Lehrer war allerdings, meine Eltern von den beruflichen Wünschen ihrer Tochter zu überzeugen. Obwohl die Kosten für das Lehrerseminar durch Stipendien gesichert gewesen wären, lehnten meine Eltern ein Studium ab. Ja, die grosse Überzeugungsarbeit meines Lehrers stiess zuhause auf Granit. „Kommt nicht in Frage, Maria muss eine normale Arbeitsstelle antreten und Geld verdienen. Zudem nehmen wir vom Staat keine Almosen!“, vernichtete meine Mama den Berufswunsch.
Mit einem lachenden und einem weinenden Auge ging meine Schulzeit zu Ende. Ich  bedankte mich bei meinem einfühlsamen Lehrer für das lehrreiche und pädagogisch wertvolle Abschlussjahr und mit dem brillanten Zeugnis hoffte ich meine berufliche Laufbahn etwas später doch noch zu erreichen.

 

 

Wie zerstöre ich ein Mädchenleben?
Seite 3
Seite 3 wird geladen
3.  Wie zerstöre ich ein Mädchenleben?

Im pubertären Alter von dreizehn Jahren, also vom Kind zur jungen Frau, wurde ich Opfer von sexueller Tätlichkeit vom eigenen Papa. Das kam so: Ein kleines Geschwisterchen von mir war krank und Mama schlief mit dem Patient auf der Couch in der Stube.
So musste ich, wie bereits schon einige Male meine ältere Schwester, im Elternschlafzimmer schlafen. Im Kinderbettchen in der Ecke schlummerte unsere Jüngste,
damals erst einige Monate alt, und ich sollte die Betreuerin spielen, falls diese aufwachen würde. Warum war mir eigentlich nicht klar, diese Funktion hätte auch Papa übernehmen können. Aber dagegen sträuben war sinnlos.
So stieg ich an jenem Abend unschuldig und ohne jegliche Ahnung in Mamas Bett und übernahm somit die Überwachung. Mitten in der Nacht spürte ich plötzlich dass jemand unter meine Decke zwängte. Es war Papa der auch gleich sein steifes Glied an meinem Rücken rieb und gleichzeitig hörte ich ein ekliges Keuchen. Starr vor Grausen und unsäglicher Angst konnte ich mich nicht bewegen. Ich brachte aber auch keinen Laut über meine Lippen. Papa nahm meine Hand und führte sie zu seinem erregten Glied. Es gab für mich kein Entkommen mehr, meine Hand wurde zwangsmissbraucht für seine abartige Befriedigung. Ohne Rücksicht auf meine seelische Erschütterung legte er sich anschliessend wieder in sein Bett und schlief.
Bis ich das gerade Erlebte einordnen konnte war es morgen und ich musste in den Alltag zurückkehren. Gerne hätte ich jemandem meine Last mitgeteilt, aber ich wusste nicht wem und zudem schämte ich mich. So blieb diese schändliche Tat mein Geheimnis und ich hoffte, dass es sich nicht mehr wiederholen würde.
Leider war ich ziemlich naiv als ich glaubte, dass dieses Vergehen ein einmaliger Ausrutscher von Papa gewesen war. Einige Wochen später wurde ich erneut Opfer. Es war Abend und ich ging, bekleidet mit einem Nachthemd, vor dem Schlafengehen nochmals zur Toilette. Als ich auf dem Retourweg den Gang entlang ging war Licht in der Küche und beim Vorbeigehen sah ich Papa neben dem Gasherd stehen. Er forderte mich sofort auf hinein zu kommen. Angsterfüllt und völlig hörig folgte ich der Aufforderung und bevor ich realisierte was nun passiert, fing er an mich zu betatschen. Ich stand wie angewurzelt vor ihm und konnte vor Schreck weder schreien noch davon laufen. Er streichelte meine Brüste und betonte dabei, dass ich schon eine reife Frau sei. Seine Hände wanderten immer weiter nach unten. Dann hob er das Nachthemd hoch und steckte seine Finger in meine Scheide. Jetzt spürte ich wieder dieses eklige Keuchen, wie damals in der Nacht. Geschockt und verwirrt liess ich diese scheusslichen Berührungen über mich ergehen und hoffte inbrünstig, dass es schnell vorüber ging. Zum Schluss gab er mir noch einen Klaps auf den Hintern und entliess mich. Bedrückt und am Boden zerstört schlich ich in die Schlafkammer, wo meine beiden Schwestern bereits vor sich hin dösten. Wortlos legte ich mich ins Bett und weinte still vor mich hin. Immer wieder stellte ich mir die Frage: Was ist eigentlich gerade passiert mit mir? Warum hat Papa mir das angetan?

Dieser Abend veränderte mein Leben. In der folgenden Zeit ging ich meinem Papa immer aus dem Weg. Alleine unbeschwert durch die Wohnung zu laufen ging nicht mehr. Ich hängte mich immer bei einem Geschwister an um ja nicht in die Fänge von meinem Peiniger zu geraten. Dann einige Tage später als ich bereits im Bett lag und meine Schwestern noch nicht anwesend waren, stand plötzlich Papa im Pyama vor mir und forderte mich auf in die Toilette zu kommen. Ich zitterte am ganzen Leib, folgte aber seiner Aufforderung nicht.
Welche Gräueltat will er in der Toilette mit mir machen? Die schrecklichsten Bilder liefen wie ein Film in meinen Gedanken vorbei. Ich sah mich bereits in der übergrossen Toilette am Boden liegen und über mir der Quäler.
Schweissgebadet horchte ich auf den erlösenden Ton, als die Schlafzimmertüre meiner Eltern ins Schloss fiel. Kurze Zeit später kamen auch meine Schwestern ins Zimmer und nun wusste ich, dass mir im Moment nichts mehr passieren konnte. Aber auch nach dieser vereitelten Attacke wagte ich es nicht meiner Mama oder meinen Schwestern einzuweihen. Meine Scham war riesig und ich hatte nicht erklärbare Minderwertigkeitsgefühle, die sich in mein Gewissen hämmerte.

Meine Wut verlagerte sich still und heimlich auch auf meine Mama. Ich verdächtigte sie sogar einer Mitschuld. Warum schickt sie unaufgeklärte und unschuldige Mädchen ins Elternschlafzimmer zum Übernachten? Sicher kannte sie die Gelüste ihres Ehemannes aus eigener Erfahrung: Die grosse Kinderschar lässt grüssen. So stellte ich mir immer wieder Fragen: Warum beschützt Mama mich nicht? Bin ich alleiniges Opfer, oder sind meine Schwestern in der gleichen misslichen Lage?
Trotz dieser plagenden Fragen konnte ich mich niemandem anvertrauen. Durch meine verletzten Gefühle war ich total blockiert und es hämmerte in meinem Kopf:
Warum zerstört er mein noch junges Mädchendasein?
Erst einige Jahre später zu Peter meiner ersten Jugendliebe hatte ich grosses Vertrauen. Dazu später.

Als ich fünfzehn Jahre alt war zog unsere Familie aus dem Vereinshaus, mitten im Dorf, weg in ein Doppeleinfamilienhaus in der Nähe der österreichischen Grenze. Die Siedlung mit sechzehn Häusern wurde von der Gemeinde erstellt und an Familien mit Kindern günstig abgegeben. Die Gebäude waren komfortabel ausgestattet und verfügten auf zwei Stockwerken über sechs Zimmer, eine neuzeitliche Küche und ein Badezimmer. Im Untergeschoss Kellerräume und eine Garage. Im Gang direkt beim Hauseingang war ein Wandtelefon montiert. Ja, wir hatten zum ersten Mal ein eigenes Fernsprechgerät. Allerdings durfte es nur mit Bewilligung von Mama benützt werden. 
Was mir aber besonders imponierte - war, ich musste nicht mehr in einer Metallgelte in der Waschküche baden. Nein, im hellen Badezimmer war eine Wanne eingebaut und die Nasszelle verfügte auch über ein Doppellavabo, darüber ein schmaler Schrank mit Spiegeltüren.
Vom Fenster in meinem Zimmer im Obergeschoss sah ich direkt auf die Rheinbrücke.
Der Rhein trennte die beiden Länder Schweiz und Österreich voneinander. Über die grosse Rheinbrücke war ich etliche Male zu Fuss nach Lustenau unterwegs. Kein freudiger Ausflug zog mich dorthin. Nein, der Zahnarzt war dort angeblich billiger als in der Schweiz. Es war mir bekannt, dass auch etliche Mitschüler ihre Zähne im Ausland reparieren liessen.
In unserem Kaff gab es keinen Zahnarzt und die nächste schweizerische Gelegenheit wäre marschmässig genau so weit entfernt gewesen. Nur die helvetische Variante wäre besser gewesen, aber auch teurer. Also befahl Mama, dass ich in Lustenau meine Zähne zeigen und mit dem günstigen Schilling bezahlen musste. Auf dem Heimweg mit geschwollenem Backen musste ich jeweils auch noch ein Pfund billige Butter mit nach Hause bringen.
Ja, meine Mama war schon damals dem Einkaufstourismus verfallen. Die Zöllner auf beiden Seiten der Rheinbrücke wurden aber in jener Zeit noch nicht mit Erschöpfung geplagt, weil sie massenhaft Ausfuhrscheine stempeln mussten.

Mir bleiben die Besuche beim österreichischen Zahnarzt in schlechter Erinnerung. Der ältere Herr mit der schwarzen Hornbrille hatte seine Ausbildung wahrscheinlich in einem Schnellgang absolviert. Statt das schmerzende Loch beim rechten oberen Schneidezahn zu flicken, riss er gleich den ganzen Zahn heraus. Eine unglaubliche Zerstörung der vordersten Front des Gebisses. Ich war entsetzt und wütend als ich im Spiegel die grosse Kluft zwischen den Zähnen sah und jedes Mal wenn ich den Mund öffnete ärgerte ich mich über die grosse Lücke. Zuhause störte sich aber niemand an diesem Pfusch, Hauptsache es war billig.
Ich hasste den Zahnarzt aber nicht nur wegen seinem Murks, den er an mir verbrochen hatte. Nein, das unnötige Betatschen des Greises während der Behandlung war mir zuwider. Ich brauchte keine Streicheleinheiten und gehauchte Zärtlichkeiten vor und während der Behandlung.
Ja, es widerte mich an wenn der Alte mir sanft über den Kopf und Oberkörper streichelte und dabei anzügliche Bemerkungen hechelte. Als gebranntes Kind kamen mir die schrecklichen Taten von Papa hoch. Ich verweigerte nach diesem Vorfall einen weiteren Besuch bei diesem Rosshändler und nahm damit in Kauf, dass meine Zähne in den nächsten Jahren keinen weissen Kittel mehr zu sehen bekamen. Stattdessen versuchte ich mit der täglichen Zahnpflege meine restlichen Zähne zu schützen. Ich schwor mir aber: Wenn ich einmal selbst entscheiden kann, werde ich einen Zahnarzt in der Schweiz finden, der meine Zähne wieder vervollständigen wird, sodass ich mich nicht mehr scheuen muss den Mund zu öffnen. Zudem schwor ich mir, mich betatscht nie mehr ein alter Sack.


Eine Grossfamilie geht auf Reisen
Seite 4
Seite 4 wird geladen
4.  Eine Grossfamilie geht auf Reisen

Nebst den vielen Demütigungen in meiner Kindheit erlebte ich auch ein besonders schönes Erlebnis. Als Grossfamilie standen Ferien gar nie zur Diskussion bis zu dem Frühlingstag als der Gemeindepräsident mit einer freudigen Nachricht auftauchte. Eine soziale Institution der Schweiz ermöglichte jedes Jahr einer Grossfamilie kostenlos gemeinsame Ferien. Als Gemeindeoberhaupt hatte er damals meine Familie vorgeschlagen für diese Aktion und bekam auch gleich den Zuschlag. So stand der Glücksbringer nun in unserer Familienküche und überbrachte die freudige Nachricht. Er betonte, dass wir eine Feriendestination wählen könnten und ihn innerhalb einer Woche orientieren sollten wohin die Reise geplant sei. Kaum war der Gemeindeammann draussen, begann die Diskussion um den Ferienort. Papa schlug vor unseren Heimatort Sonvilier zu besuchen, Mama lehnte sofort ab, sie wollte ins Tessin mit welcher Begründung blieb sie uns schuldig. Wir drei ältesten Schwestern, Margrit, Theres und ich unterstützten sofort den Vorschlag von Papa. Also brachte Mama den Vorschlag ins Gemeindehaus und die Vorbereitungen nahmen ihren Lauf. In einem Schreiben der Institution wurde uns mitgeteilt, dass die beiden Ferienwochen ab Mitte September in Mont Soleil, oberhalb Sonvilier reserviert seien. Gleichzeitig orientierten sie, dass vierzehn Tage vor Ferienbeginn die Bahntickets und vier grosse Koffer geliefert würden.

Dann begann das Warten. Ende August kamen wie angekündigt die Reiseunterlagen und vier riesige Überseekoffer. Der Postbote, der die grosse Fracht ablieferte lachte und fragte: „Wandert ihr aus oder geht eure Reise über den grossen Teich?“
Ja, auch ich war erstaunt, solche riesige Koffer hatte ich noch nie gesehen. Am Tag der Abreise standen die gefüllten Transportbehälter bereit. Bis die Fahrt aber beginnen konnte, musste noch ein langer Weg zum Bahnhof Heerbrugg überwunden werden. So begann Papa mit der Verteilung der Lasten. Mama war zuständig für die kleinen Geschwister, das jüngste erst einjährig noch im Kinderwagen. Die schweren Koffer teilte er auf die vier ältesten Kinder auf, darunter auch ich. Nur Papa selber benügte sich mit der Verantwortung und den Reiseunterlangen. Spätestens nach einer Viertelstunde verfluchten wir Kofferträger die Reise. Endlich am Bahnhof angelangt stieg die Freude aber wieder. Im Zug belegten wir zwei Abteile in der Holzklasse. Während der langen Anreise nach Sonvilier mussten wir zweimal umsteigen, eine richtige Tortur mit so viel Gepäck. Dann erreichten wir das Dorf im Jura und auf dem Bahnhofareal wartete bereits ein Traktor mit einem Anhänger. Der junge Bauer kam uns zu Hilfe und lud das Gepäck auf die Ladefläche. Mama fragte besorgt: „Wie kommen wir nun nach Mont Soleil?“ „Ganz einfach, setzt euch neben das Gepäck.“, sagte der Bauer freundlich.
So sassen wir alle nebeneinander auf der Ladefläche, natürlich ohne Sicherheitsgurt, und die Fahrt ging los. Rund acht Kilometer holperte das Gefährt auf einer Bergstrasse hoch. Die Jungmannschaft hatte natürlich die grösste Freude an der Fahrt. Nur die Mama war ungehalten dass wir ans „Arschloch der Welt fahren“, wie sie es giftig ausdrückte. Das grosszügige Haus in Mont Soleil war unmittelbar neben dem grossen Bauernhof des Jünglings der uns hierauf transportiert hatte. Ansonsten waren nur Wiesen und weidende Kühe zu sehen. Die Bauernfamilie hatte zwei Söhne im gleichen Alter wie Margrit und ich. So gab es zwischen uns Jugendlichen einen regen Austausch. Die Ostschweiz und die Westschweiz kamen sich näher, im kleinen Rahmen.

Bereits in der ersten Ferienwoche wurden Margrit und ich von den beiden Bauernsöhnen Otto und Fritz in die Paarung der Kühe eingeweiht. Kurz vor Mittag rief Otto: „Margrit  komm ich zeige dir wie man eine Kuh deckt!“ „Was willst du zudecken?“, fragte sie ahnungslos, ging aber trotzdem auf den Hofplatz hinaus. Dort stand bereits Fritz mit einer Kuh. Dann kam vom Stall her Otto mit einem Stier am Nasenring. Das Paar stellte sich hinter die wartende Kuh und bevor Margrit genau wusste was passiert, bestieg der Muni die Kuh. Margrit schaute entsetzt dem kurzen Schauspiel zu und bevor sie Otto zurufen konnte: „Halt den Stier zurück!“, war die Aufregung vorbei und der Muni wurde wieder in den Stall zurück begleitet. Otto rief beim Weggehen zurück: „Das war nun die Deckung und in rund neun Monaten hat Rosa ein Junges.“ Jetzt dämmerte es Margrit von welchem Akt sie gerade Zeuge geworden war.

Ein Tage später wurde auch ich auf dem falschen Fuss erwischt. Ich spielte mit Theres vor dem Haus Federball als Fritz vom Stall her kam, an der Leine ein Pferd. Schon von weitem rief er: „Maria heute bring ich dir das Reiten bei!“ Ich erschrak und erwiderte: „Ich setz mich doch nicht auf diesen Gaul.“ Fritz liess aber nicht locker und reizte mich: „Du bist doch eine Memme.“ Diese perfide Nennung stachelte mich an und ich willigte ein unter der Bedingung, dass er die Leine nicht los lassen würde und das Pferd führte. So kam ich zu meiner ersten Reitstunde, aber auch zur Letzten. Ich sass auf dem Gaul wie auf einem Holzbock und wagte mich nicht zu bewegen. Schweissgebadet suchte ich nach wenigen Minuten wieder Bodenkontakt.
Ja, die Ostschweizergäste waren wirklich nicht Landwirtschaft tauglich.

In der zweiten Ferienwoche machte Papa sein Versprechen wahr. Er marschierte mit uns drei ältesten Mädchen bergab nach Sonvilier. Zuerst besuchten wir den Friedhof, wo wir nach verstorbenen Namensvettern suchten. Wir wollten sicher sein, dass es unseren Nachnamen tatsächlich noch gibt. Dann setzten wir uns in eine Gartenwirtschaft und befragten die ältere Wirtin nach den Vorfahren. Papa trank ein Bier und wir Mädchen mussten uns mit einem Glas Hahnenwasser begnügen, damals noch gratis. Allzu viele Neuigkeiten blieben uns aber verwehrt. Aber immerhin wussten wir nun wo unsere Wurzeln sind.

Zwei Tage vor unserer Heimreise luden die beiden Bauernsöhne Margrit, Theres und mich zu einer Fahr nach St. Imier ein. Mit dem Traktor und dem Anhänger fuhren wir die Bergstrasse hinunter und am Bahnhof holten wir eine Ladung Strohballen ab. Die Heimfahrt wurde dann zu einem kleineren Fiasko. Otto lenkte den Traktor, Fritz und wir  drei Mädchen sassen hinten auf der Ladefläche neben den Strohballen. Wir hatten es lustig und Otto war einen Moment nicht konzentriert. Er fuhr über den Wegrand hinaus, der Anhänger kippte auf die Seite und rutschte den Hang hinunter. Wir vier Mitfahrer auf der Ladefläche konnten abspringen bevor das Vehikel zu rutschen anfing. Auch Otto konnte sich mit einem Sprung vom Traktor retten. Rund drei Meter unter dem Bergweg hielt eine Baumgruppe die stürzende Ladung auf. Ja, wir fünf Teenager hatten mehrere Schutzengel, wir blieben alle unverletzt. Besinnlich und ruhig liefen wir anschliessend den Rest des Weges heim. Als der Bauer die Schar erblickte rief er: „Was ist passiert, warum kommt ihr zu Fuss?“ Otto erzählte mit stockenden Worten seinem Vater von dem Unfall. Dieser nahm die Angelegenheit sehr gefasst und sagte: „Ich rufe gleich mein Bruder an, dass er das abgestürzte Gefährt mit seinem Traktor wieder auf die Strasse zurück zieht.“ Zu Otto und Fritz sagte er noch: „Ihr zwei kommt mit und säubert die Strasse von den Strohresten.“
Weniger Verständnis erwartete uns Schwestern, wir gingen kleinlaut ins Haus zurück und erzählten der Mama von dem Missgeschick. Statt froh zu sein, dass ihre Töchter heil geblieben waren hielt sie uns eine Standpauke, weil unsere Kleider dreckig waren. Den Rest des Tages mussten wir dann im Haus verbringen und konnten Otto und Fritz nur vom Fenster aus beobachten, wie sie mit dem Vater wegfuhren und nach Stunden wieder zurückkehrten.

Ja, die Ferien im Jura bleiben mir in guter Erinnerung. Es war ein Erlebnis besonderer Klasse: Die Abgeschiedenheit, die Natur, die Tiere und die lustigen Bauernsöhne.

 

Wenn Träume platzen, dafür die erste Jugendliebe winkt
Seite 5
Seite 5 wird geladen
5.  Wenn Träume platzen, dafür die erste Jugendliebe winkt

Im Frühjahr 1961 beendete ich meine Schuljahre. Mein Wunsch Lehrerin zu werden scheiterte wegen der Engstirnigkeit meiner Eltern. Mama konnte es kaum erwarten bis auch ihre zweite Tochter Geld nach Hause brachte. Margrit die Älteste lieferte bereits seit einem Jahr ihre Lohntüte ab. Nun war ich an der Reihe. Bereits eine Woche nach Schulschluss, noch nicht einmal fünfzehn Jahre, stand ich vor dem grossen Eingangsportal einer einheimischen Textilfabrik. Hierher verpflanzte mich meine Mutter um etwas Handfestes zu erlernen, aber vor allem Ende Monat Geld zu sehen. Die Firma stellte Regenmäntel und Skijacken her. Mit einfachen Kenntnissen aus der Nähschule wurde ich an einer Nähmaschine angelernt Einzelteile für die Produktion anzufertigen. Es war nicht mein Traumberuf, aber ich konnte dieser Arbeit doch noch etwas Positives abringen, meine erste eigene Schijacke. An die Zeit in dieser Textilfabrik erinnere ich mich trotzdem sehr gerne. Die Firmenleitung war äusserst personalfreundlich. In der Freizeit ermöglichte sie den Mitarbeitern grosszügig verschiedene Sportarten. So stellten sie auf der Dachterrasse Pingpongtische auf und ermöglichte begeisterten Ballspielern an Turnieren teilzunehmen.

Als ich mich trotz anfänglichem Widerwillen in der Näherei wohl fühlte, erlebte ich dann eine erneute Überraschung. Inzwischen sechzehn Jahre hatte Mama eine lukrativere Arbeit für mich gefunden und so musste ich mich ungefragt dem Diktat unterwerfen. Im besagten Industriebetrieb im Dorf, wo die meisten Väter meiner ehemaligen Mitschüler arbeiteten, waren junge Arbeitnehmerinnen in der Produktion willkommen. Die Bezahlung war besser als in der Näherei, aber die Arbeitsbedingungen schlechter. Die Schichtarbeit war eine grosse Umstellung für mich. Im Wochenrhythmus begann die Arbeit um sechs Uhr morgens bis zwei Uhr nachmittags oder um zwei Uhr nachmittags bis zehn Uhr abends. Ich wurde in der Spulenverarbeitung angelernt. So bediente ich eine lange Maschine die Garn auf Spulen wickelte. Die fertigen Garnspulen musste ich dann auf ein Förderband stecken. Diese äusserst langweilige Arbeit verrichtete ich aber zur Zufriedenheit des Abteilungsleiters und er belohnte mich dafür mit der Versetzung in die Kontrolle. Ich schätzte diese Geste, konnte aber auch bei dieser Arbeit keinen Höhepunkt finden. Einzig Mama freute sich, wenn ich ihr alle vierzehn Tage eine aufgebesserte Lohntüte heim brachte. Ich hingegen fühlte mich inzwischen wie eine Geldbeschaffungsmaschine für die Familie.

Unglücklich mit der eintönigen Arbeit suchte ich heimlich nach einer Veränderung. Ich las Zeitungsinserate und weihte auch Bekannte in meinen Plan ein. Dann endlich nach einem Jahr bekam ich die Möglichkeit bei der Post in St.Gallen eine einjährige Postcheckamtslehre zu absolvieren. Es war nicht der grosse Wurf, aber ein Schritt in die richtige Richtung. Im Vorfeld gab es aber grosse Streitigkeiten zwischen mir und Mama. Meine selbständige Entscheidung passte ihr nicht. Sie befürchtete, dass sie auch das Diktat über die anderen Töchter verlieren könnte. Diese diktatorische Eigenschaft erinnerte mich stark an die herrschsüchtige Grossmama Agatha. Ja, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm!

Für mich war es sehr wichtig diese Lehre in der Fremde antreten zu können, sah ich doch die Möglichkeit mich weiter zu bilden. Die Arbeitsstelle war für mich eine grosse Herausforderung, nicht bildungsmässig, sondern durch die grosse örtliche Entfernung. Jeden Morgen hiess es um halb fünf Uhr aufstehen, damit ich um halb acht Uhr in
St.Gallen war. Von Zuhause zur Bahnstation Heerbrugg stählte eine Stunde Fussmarsch meinen Körper. Auf Holzbänken sitzend erreichte ich nach einer weiteren Stunde den Hauptbahnhof St.Gallen. Der letzte Rest bis zur Arbeitsstelle war dann nur noch ein Katzensprung. Am Abend wiederholte sich das Prozedere in umgekehrter Reihenfolge. Mein Feierabend begann also erst nach acht Uhr. Trotzdem war ich sehr glücklich mit meinem neuen Job, der mich mehr forderte als die bisherigen simplen Tätigkeiten. Auch mein Selbstwertgefühl machte einen Sprung nach oben: Ich hatte mich durchgesetzt.

Während dieser Zeit reifte auch meine erste Jugendliebe. Peter war in der Industriefirma tätig, wo ich damals die Spulen betreute. Ich kannte den Werksmechaniker nur flüchtig. Immer wenn in meiner Abteilung eine Maschine stockte, war er als letzte Hoffnung aufgeboten worden. Mit seiner Körpergrösse von zwei Metern war er nicht zu übersehen. Auch mir fiel der flotte Jüngling damals auf. Aber nebst einem kurzen Augenkontakt und einem gelegentlichen Winken kamen wir uns nicht näher. Ich war ein scheues Landei und Peter diesbezüglich auch kein Draufgänger. Also passierte in jener Zeit in Sachen Liebelei nichts.

In der kurz bemessenen Freizeit spielte ich mit meiner jüngeren Schwester Theres Gitarre und wir sangen dazu bekannte Schlager. Kleinere Auftritte in Restaurants, Veranstaltungen und Volksfesten in der näheren Umgebung waren für uns bereits Erfolgserlebnisse. Als „Duo Rhyschwalbe“ erreichten wir bei einer Je-Ka-Mi-Veranstaltung in Romanshorn am Bodensee den zweiten Rang mit dem Schlager „Schuld war nur der Bossanova“ der deutschen Sängerin Manuela.
Dieses gute Ergebnis beflügelte uns im folgenden Jahr wieder anzutreten und wir hofften insgeheim den erzielten Erfolg noch zu toppen. So versuchten wir das Glück mit dem Hit „Winni, winni – Wanna, wanna“ von der Girli Group Tahiti Tamourés, in der deutschen Fassung. Beim Auftritt gab es dann noch eine spezielle Einlage. Theres vergass in ihrer Nervosität die an der Taille befestige Stoffserviette vom vorgängigen Nachtessen zu entfernen. So stand sie dann auf der Bühne mit einem quadratischen Lappen vor dem weitschwingenden Rock. Diese kleine Zwischeneinlage wurde aber nicht bewertet und wir beide sangen uns auf den ersten Platz.
Als Siegerduo wurden wir von einer anwesenden Werbeagentur eingeladen in einer Nachwuchsshow im deutschen Fernsehen aufzutreten. In einer Musiksendung mit dem deutschen Sänger Gerhard Wendtland wollte die Agentur uns beiden Schweizerinnen eine Chance geben sich der breiten Öffentlichkeit vorzustellen.
Wir beide waren fasziniert und sahen uns schon auf der internationalen Bühne den Applaus entgegennehmen. Bis zur definitiven Vorbereitung für diesen Auftritt vergingen aber einige Wochen und für mich auch eine persönliche Wandlung. In der Zwischenzeit verguckte ich mich nämlich in den grossen Werksmechaniker der ehemaligen Firma und sah deshalb das keimende Pflänzchen in Gefahr. Mein Freudentaumel hielt sich also in Grenzen.

Während der anbahnenden Sängerkarriere ging ich wie gewohnt jeden Tag zur Arbeit nach St.Gallen. Dann eines Abends als ich am Bahnhof Heerbrugg ankam stand der grosse Werksmechaniker mit seinem Velo auf dem Perron. Peter, so hiess der Jüngling, war von seinem Wohnort Diepoldsau hierher geradelt und holte mich ab. Überrascht und freudig liess ich mich von ihm heim begleiten. Trotz der etwas holperigen Annäherung wünschte ich mir, dass der Heimweg nie enden würde. Nach einem flüchtigen Kuss vor dem Haus radelte Peter wieder heimwärts.
Diese Heimbegleitung am Abend wiederholte sich nun immer wieder und zuhause blieb meine Veränderung nicht unbemerkt. So lauerten meine Schwestern auf eine Möglichkeit um den unbekannten Begleiter von mir zu begutachten. Die Kritik der beiden fiel dann nicht gerade schmeichelhaft aus.
„Diese lange Bohnenstange hat zu wenig Haare auf dem Grind“, lästerte die eine. „Dafür zu viel Brillantine auf den Fäden“, gab die andere ihren Senf dazu. Nicht genug der Häme wurde auch noch das Fahrrad bemängelt. „Dieser arme Schlucker hat nur ein Militärvelo“, lachten die beiden.
Ich ärgerte mich zwar über die primitiven Lästerungen, entwaffnete die beiden aber: „Schämt euch, das ist nur Neid der Besitzlosen“.

Ich liess mich von diesen Pöbeleien nicht beeindrucken, sondern traf meinen Peter in den nächsten Wochen regelmässig und mit Freude. Als junger Teenager war ich verliebt über beide Ohren und wollte möglichst viel Freizeit mit ihm verbringen. An einem kalten Wintersonntag marschierten wir zwei Verliebten nach Heerbrugg ins Kino. Für mich eine Premiere, ich war noch nie in einem Kino. Stolz hängte ich mich bei Peter ein. Die Nähe tat gut um die eisige Kälte zu ertragen, aber noch besser um seine Wärme zu spüren. Zum ersten Mal erlebte ich dann während einer innigen Umarmung wie sich ein Zungenkuss anfühlte. Nur, bei der Annäherung von Peter zuckte ich zusammen und erstarrte.

Peter blieb diese Reaktion nicht unbemerkt und nach einiger Zeit fragte er behutsam nach dem Grund der jeweiligen Blockade. "Hast du jemals schlechte Erfahrungen gemacht mit der Nähe?", fragte er einfühlsam.
Ich hatte grosses Vertrauen in Peter und beichtete ihm mein grausames Erlebnis mit Papa, während mir Tränen über die Wangen kullerten. Peter hielt mich fest in den Armen und nach einer kurzen Verschnaufpause fühlte ich mich wie von einer schweren Last befreit. Nur, meine Erleichterung war nun Peters Bürde geworden. Wütend wollte er meinen Papa anklagen. Einzig meine innige Bitte, meine Familie nicht zu zerstören, hielt ihn von seinem Vorhaben ab.
Peter war und blieb bis heute der einzige Vertraute der von diesem traurigen Erlebnis wusste. Ja, Peter und ich waren wirklich keine Draufgänger, aber dieses Geheimnis schweisste uns richtig zusammen.

Diese Herzangelegenheit von mir war aber mit einer Sängerkarriere, wie es Theres vorschwebte nicht vereinbar. Also weigerte ich mich das Angebot für die Fernsehsendung anzunehmen. Sehr zur Enttäuschung der Agentur, aber noch mehr zog ich den Zorn von meiner Schwester auf mich. Dies war dann das Ende der Auftritte als „Duo Rhyschwalbe“ und ich hatte diesen Schritt nie bereut.

Peter lebte mit seiner Familie in Nachbardorf Diepoldsau und hatte noch vier jüngere Geschwister. Ich kannte diese Familie bis anhin nicht persönlich. Dann kam der Moment wo Peter mich seiner Familie vorstellen wollte. Mit dem Velo holte er mich zuhause ab und zu Fuss marschierten wir am Rheinufer entlang zu ihm nach Hause. Die Eltern und die jüngeren Geschwister begrüssten mich herzlich und es wurde ein angenehmer Abend. Trotzdem glaubte ich zu erkennen, dass unter diesem Dach die Mutter das Oberhaupt war. Die Kinder bereicherten den Aufenthalt mit lustigen Einlagen, die Mutter beherrschte das Thema und der Vater war auffallend ruhig. Auf dem Heimweg bedankte ich mich bei Peter für die nette Begegnung mit seiner Familie und versprach ihm, ihn nächstens mit meiner Familie zu konfrontieren.
Bereits eine Woche später sass Peter in der Stube unserer Grossfamilie. Ich konnte es natürlich nicht verhindern, dass meine zickigen Schwestern bei jeder Gelegenheit eine zynische Bemerkung Richtung Peter schossen. Die Eltern verhielten sich zurückhaltend und die Brüder massen sich einzig mit der Körpergrösse von Peter. Ich war zufrieden mit dem Verlauf des Besuches und Peter froh, dass er wieder draussen war.

Einen Monat später überraschte mich Peter mit einer Einladung für ein gemeinsames Wochenende mit seinen Eltern ins Turbenthal.
„Fahren wir mit dem Zug?“, fragte ich.
„Nein, mit unserem Auto.“, entgegnete Peter mit grosser Selbstverständlichkeit.
„Habe ich recht gehört, ihr habt ein Auto?“, legte ich nach.
„Ja, meine Mutter hat ein Minibus, damit die ganze Familie Platz hat bei Ausfahrten.“ 
Ich war baff – Autos waren damals noch eine Besonderheit.
"Ich sähe es gerne, wenn du mitkommen würdest“, wiederholte Peter die Einladung.

Ich liess meiner Freude freien Lauf und ärgerte damit meine Schwestern, sie waren ebenfalls noch nie in einem Auto mitgefahren.
Dann war es soweit. Peter mit Familie holte mich zuhause ab. Im Minibus mit acht Plätzen fuhren wir durch viele Dörfer und landwirtschaftliche Gegenden bis nach Turbenthal. In einer abgelegenen Gegend stand ein herrschaftliches Anwesen mit grossem Umschwung. Auf dem Vorplatz scharten sich bereits viele Leute.
Ich fragte Peter: „Wo sind wir hier und warum ist hier so ein Menschenauflauf?“
Peter sah meine Verunsicherung und sagte: „In einer halben Stunde beginnt die Versammlung.“ Leise flüsterte er mir noch ins Ohr: „Nimm den ganzen Zauber den du gleich hörst nicht so ernst.“
Jetzt wurde ich hellhörig und die Freude am Ausflug war nun angespannt. Ich folgte an der Hand von Peter der Familie nach, direkt in den Menschenknäuel. Dort wurden wir herzlich begrüsst, aber vor allem die Mutter von Peter wurde von den Anwesenden überschwänglich willkommen geheissen. Einige Minuten später öffnete sich im herrschaftlichen Anwesen ein Portal und im Türrahmen erschien eine männliche Gestalt in wallendem Gewand. Er begrüsste seine wartenden Schäflein und bat sie dann ins Gotteshaus.

Mamma mia, dämmerte es mir nun. Ich bin hier in eine Sektengruppe geraten. Was mache ich nun?

Peter hielt mich fest an der Hand und flüsterte: „Du brauchst keine Angst zu haben, ich will den Zauber hier auch nicht. Sobald die Versammlung fertig ist, machen wir beide einen Spaziergang in den Wald und ich erkläre dir was hier abläuft.“

Ich vertraute Peter und wartete sehnlichst bis der Spuk vorbei war. Die balsamierten Worte des Predigers hörte ich zwar, stellte meine Ohren aber auf Durchzug.
Vor dem Abendessen verschwanden Peter und ich wie abgemacht in den Wald. Nun öffnete er sich und redete seinen Kummer von der Seele. Ja, es belastete ihn, dass seine ganze Familie mit dieser Sekte in Verbindung gebracht wurde. Eigentlich war es nur die Mutter die aktiv mitmachte, der Rest der Familie zog sie einfach gnadenlos mit – auch Peter.
Warum tanzt Peter, als volljähriger Mann, immer noch nach der Pfeife seiner Mutter?
Dies beschäftigte mich sehr. Ich beruhigte Peter aber, dass ich bis zur Abreise morgen Nachmittag dem Zauber beiwohnen werde – im zuliebe – aber nachher nichts mehr mit dieser Sekte zu tun haben möchte.

Nach dem Nachtessen und dem gemeinsamen Nachtgebet teilte sich die Menschenschar auf. Männlein und Weiblein bezogen getrennt Schlafstätten. So verbrachte ich in einem Schlafsaal mit rund hundert Frauen jeglichen Alters die Nacht. Nicht in einem wohligen Bett, nein, am Boden liegend auf einer Matratze.
Frustriert wohnte ich dem restlichen Versammlungszauber bei, schwor mir aber:
Dies war der letzte Ausflug mit Peters Familie.

Die neugierigen Fragen ihrer Schwestern nach der Rückkehr erklärte ich diplomatisch: „Es war ein lehrreiches Wochenende, vor allem eine tolle Autofahrt.“

 

Ade Rheintal - Ade Jugendliebe
Seite 6
Seite 6 wird geladen
6.  Ade Rheintal - Ade Jugendliebe

Das Jahr 1964 war für mich und meine Familie ein besonderes Ereignis. Papas lang gehegter Wunsch vom Rheintal weg zu ziehen wurde umgesetzt. Er suchte die Nähe seiner Mutter in Windisch im Kanton Aargau. Als fünfzig Jähriger fand er sofort einen Job im Lager der riesigen Industriefirma BBC in Baden. 
So zog unsere Familie in eine betriebseigene Überbauung in Birr, wo der Betrieb ebenfalls ein grosses Werk betrieb. Die Wohnsiedlung mit über hundert Wohnungen war für die Mitarbeiter aus dem Boden gestampft worden. Dieses Kaff, noch schlimmer als Widnau, war nun unser Zuhause. Die Wohnung war mit sechs Zimmern sehr grosszügig und komfortabel ausgebaut und damit die Bewohner dieser abgelegenen Siedlung nicht von der Umwelt abgeschnitten waren organisierte die Firma einen regelmässigen Busverkehr bis nach Baden.
Die BBC Baden wurde auch mein Arbeitgeber. Im Technischen Büro lernte ich anhand von Plänen Werkzeichnungen zu erstellen. Eine interessante und anspruchsvolle Tätigkeit die mir Freude machte.
An meiner neuen Arbeitsstelle dominierten die Männer und zum ersten Mal wurde ich auch mit Menschen verschiedener Sprachen und Nationen konfrontiert. Auf dem Weg durch das Firmenareal begegnete ich einem schwarzen Mann, der mich freundlich anlächelte. Vielleicht grinste er aber nur, weil er in meine staunenden Augen sah.
Dieser Umzug hatte für mich auch weniger erfreuliche Konsequenzen. Die Treffen mit Peter mussten der neuen Situation angepasst werden und beschränkten sich nur noch auf das Wochenende.

Im gleichen Zeitraum wie wir wechselte auch Peters Familie ihren Wohnort. Sie verliessen Diepoldsau und zogen nach Fischenthal. Damit Peter aber weiterhin in der Viscose in Widnau seiner Arbeit nachgehen konnte, wurde er mit einem Döschwo ausgerüstet.
Mit dieser gelben Ente besuchte er mich dann am Wochenende in Birr. Trotzdem gab es eine Fernbeziehung die sich mit vierzehntägigen Besuchen begnügen musste.
Die wenigen Stunden am Sonntag, die Peter und ich miteinander verbringen konnten, torpedierte meine Mama noch zusätzlich. Während einer Ausfahrt setzte sie jeweils böswillig meine kleine Schwester in den Fond des Wagens. Diese Aktion sollte verhindern, dass nichts Schamloses passieren konnte. Eine unsinnige und lieblose Schikane, Peter war ja nicht bekannt als Wüstling. Mit ihrer Aktion wollte meine Mama die Beziehung verhindern, weil sie in Peter nicht ihren Lieblingsschwiegersohn sah. Für ihre Töchter schwebten ihr Beamte als Ehemänner vor und nicht Handwerker.

Bei den täglichen Busfahrten von Birr nach Baden zur Arbeit und zurück wechselte ich mit einem sympathischen Chauffeur kleinere Höflichkeiten. Schon bald bemerkte ich aber, dass aus den alltäglichen Worten charmante Komplimente den Tag versüssten. In den nächsten Wochen versuchte der Chauffeur immer mehr mein Herz zu erobern. Aus dem fremden Fahrzeuglenker wurde ein liebenswerter Charmeur.
Hans war ein attraktiver Mann und ich fühlte mich geschmeichelt, wenn sich unsere Blicke ineinander verkeilten. Dann kam es zum ersten kurzen Treffen. Während seiner Abendschicht verbrachten wir beide die halbstündige Pause bei einem Kaffee und nun  lernte ich den privaten Hans kennen. Er war zehn Jahre älter als ich, verheiratet und hatte einen zweijährigen Sohn, wohnte in Brugg und war angeblich nicht der glücklichste Ehemann.
Sein jüngerer Bruder wohnte in der gleichen Siedlung in Birr wie ich. Diese Gelegenheit benützte Hans öfters zu einem Besuch bei ihm, in der Hoffnung mir zufällig zu begegnen. Ich fühlte mich gebauchpinselt, dass ein viel älterer Mann um mich buhlte und es störte mich nicht, dass er verheiratet war.
Hans arbeitete in zwei Schichten. Dies bot die Gelegenheit für ein kurzes Stelldichein während seiner Ruhepause. Im hellgrünen Firmenbus und unromantisch auf einem Parkplatz kamen wir uns dann näher. Ich, inzwischen verliebt in Hans war glücklich diese wenigen Minuten mit ihm zusammen sein zu können. Dann kam der Moment wo wir beide uns nicht nur küssten, sondern innig liebten. Hans kannte das Liebesspiel, so fühlte es sich wenigstens an, ich hingegen war noch Jungfrau. Liebevoll und zärtlich führte mich Hans in die Glückseligkeit der Vereinigung ein. Einzig der Traum vom ersten Mal in einem Himmelbett erfüllte sich für mich nicht. Es war die unbequeme Liegestellung in seinem hellgrünen Firmenbus.

Ich fühlte mich nun in zwei Welten verloren. Peter meine Jugendliebe blieb bisher ohne sexuellen Kontakt und trotzdem glaubte ich ihn zu lieben. Nun war Hans in mein Leben gekehrt und ich verliebte mich und erlebte zugleich auch die zärtliche Lust der sexuellen Befriedigung.
Kann das gut gehen auf Dauer, ging es mir immer wieder durch den Kopf.

Peter blieb die Veränderung in unserer Beziehung nicht verborgen und wollte Klarheit schaffen. So beschlossen wir, uns in Zürich zu einem klärenden Gespräch zu treffen. Auf neutralem Boden wollten wir unserer Liebe neuen Schwung einimpfen, oder fair beenden.

Es war ein strahlend schöner Samstagmorgen als ich zum Bahnhof Birr schlenderte, wo ich den Zug nach Zürich besteigen wollte. Viele Fragen zermarterten meine Sinne.
War es vielleicht nicht die grosse Liebe die uns gegenseitig anzog? Bin ich einfach noch nicht reif für eine feste Beziehung? Oder hat mir Hans schlicht und einfach den Kopf verdreht?
Traurig und mit gesenktem Kopf marschierte ich dem Ziel entgegen als ein Hupen mich aus den Träumen holte. Ein hellgrüner BBC-Bus hielt an und Hans rief freudig:
„Wohin kann ich dich mitnehmen!“
Er war mit einer leeren Sonderfahrt unterwegs nach Luzern. Ich stieg ein und statt beim Bahnhof auszusteigen liess ich mich hinreissen mit Hans nach Luzern zu fahren. Eigentlich interessierte es mich nicht wohin wir fuhren. Angespannt und freudlos sass ich im Bus. Selbst die spassigen Sprüche von Hans konnten mich nicht aufheitern.
Ja, mir wurde klar, dass ich mich feige vor der Auseinandersetzung mit Peter drückte. Im Nachhinein war ich mir sicher, dass ich einem wahrscheinlichen Ende der Beziehung aus dem Wege gehen wollte. Es war ein grosser Fehler den ich nicht mehr gut machen konnte.

Peter stand damals pünktlich auf dem Perron und wartete vergebens auf mich. Ein Natel gab es damals noch nicht und so fuhr er mit seinem Döschwo nach Birr um mich zu suchen, erfolglos.
Nach einer schlaflosen Nacht entschuldigte ich mich in einem klärenden Brief bei Peter und verabschiedete mich von ihm. Vergessen konnte ich aber die schöne Zeit mit ihm nie.

Die Liaison mit Hans hatte aber keine Zukunft. Seine Frau gebar ihm in der Zwischenzeit einen zweiten Sohn, obwohl die Ehe angeblich als zerrüttet dargestellt wurde.
Ich verliess darauf die BBC und nahm eine neue Herausforderung in einer Autofirma in Schinznach an. Dieser Schritt war notwendig um die tägliche Begegnung mit Hans zu vermeiden.
Bereits ein halber Jahr später wartete eine neue Herausforderung auf mich. Grossmama Agatha erkrankte an Krebs. Sie lebte bei ihrem Sohn Fidel, der in Wil als Kaplan tätig war, führte das Zepter im Haushalt und war ihm auch eine administrative Hilfe. Als Priestermutter wurde sie in der Bevölkerung mit hohem Ansehen verehrt.
Nun wurde sie bettlägerig und Mamas Bruder Fidel brauchte dringend Hilfe. Onkel Fidel war mein Götti und so versuchte meine Mama mich für diese Aufgabe zu motivieren, natürlich mit der drohenden Verantwortungskeule. Also nahm ich, als neunzehnjähriges Mädchen, diese Herausforderung an. Sicher war damals nicht nur die fürsorgliche Liebe für meinen Entscheid massgebend, sondern ich sah eher einen Neuanfang, weit von zu Hause.

In der Kaplanei am Hofplatz in Wil war allerhand los. Die christlichen Schäfchen, vor allem ältere Frauen mit und ohne Sorgen besuchten den Herrn Kaplan in seiner Sprechstunde. Am Abend kamen dann die verschiedenen katholischen Jugendvereine in den kleinen Saal im Untergeschoss. Darunter war auch die Jungwacht. Diese Organisation kannte ich sehr gut. In den vergangenen Jahren nahm ich im Sommer jeweils an den Jungwachtlagern teil. Onkel Fidel als Präsident dieser Knabenschar holte mich zur Mithilfe in der Küche. Für ihn war ich eine ehrenamtliche Hilfskraft und ich kam dafür kostenlos zu Ferien in verschiedene Orten der Schweiz.
Mit über zweihundert Jungwächtern erlebte ich interessante und kameradschaftliche Wochen in der Natur. Ein Extrazug der SBB brachte die Schar jeweils an ihren Ferienort und durch die gute Vernetzung von Onkel Fidel zur Schweizer Armee durften die Militärbaracken als Unterkunft benützt werden. In dieser Zeit lernte ich die Jugendleiter kennen, die zum Teil im gleichen Alter waren wie ich. Darunter gab es sportliche Burschen die mir gefallen hätten, aber ich ihnen nicht. Georg, ein etwas klein geratener Bursche suchte ständig meine Nähe, was wiederum mir nicht passte. Da war dann auch noch Leonard, mein späterer Ehemann, der sich mir nähern wollte. Er war gross gewachsen, ein dunkler Typ mit schwarzen Haaren – ein Südländertyp. Obwohl er ein passabler Bursche war, verspürte ich keine Schmetterlinge im Bauch und liess auch ihn abblitzen.
Mit allen diesen Jünglingen gab es nun in der Kaplanei ein Wiedersehen, ohne dass sich etwas Ernsthaftes angebahnt hätte. Dafür besuchte ich in dieser Zeit die Abend-Handelsschule. Schliesslich sollte meine Arbeit im Priesterhaushalt auch wieder einmal ein Ende haben und ich dann bereit für eine neue Aufgabe sein.
Die Anwesenheit im Haushalt des Onkels war sehr streng. Nebst den vielfältigen Aufgaben hatte die Pflege der Grossmama Agatha Priorität. Sie war nach einem kurzen Aufenthalt im Spital bettlägerig nach Hause zurückgekehrt und nahm nun die Pflege ihrer Enkelin gerne entgegen. Die letzten Tage vor ihrem Tod erhielt ich Hilfe von einer Nonne, die sie Tag und Nacht überwachte. In der Kaplanei ging es in dieser Zeit zu und her wie in einem Bienenhaus. Alle Familienmitglieder, aber auch viele Bekannte aus Wil, wollten sich von Grossmama Agatha verabschieden. Nach ihrem Tod besorgte ich den Priesterhaushalt noch ein Vierteljahr weiter bis Onkel Fidel eine neue Haushälterin einstellen konnte.
Ja, das Jahr in Wil war für mich finanziell ein Ehrenamt. Dennoch war es ein wertvoller Abschnitt, ich lernte einen Haushalt zu führen und konnte mich kaufmännisch weiter bilden. Ein weiterer für mich wichtiger Punkt war, ich konnte frei von jeglichen Altlasten in den Kanton Aargau zurückkehren.

Ja ich will - ähm ich muss!
Seite 7
Seite 7 wird geladen
7.  Ja ich will - ähm ich muss!

Nach meinem Aufenthalt in Wil nahm ich freudig meine neue Arbeitsstelle auf einer Bank in Baden im Kanton Aargau in Angriff. Weil ich finanziell nicht in der Lage war eine eigene Bleibe zu beziehen, zog ich wieder bei meinen Eltern ein. Diese waren in der Zwischenzeit vom ländlichen Birr in die Stadt Brugg gezogen, mitten in der Altstadt im obersten Stock eines Mehrfamilienhauses.
So teilte ich wieder ein Zimmer mit meiner älteren Schwester Margrit und zum Bahnhof war es ein Katzensprung.
Jeden Tag fuhr ich nun von Brugg nach Baden zur Arbeit. Nach kurzer Zeit waren mir die regelmässig mitfahrenden Gesichter im Zugabteil richtig heimelig geworden, so auch eine Blondine.
Heidi von Wildegg sass bereits im Zug und hatte die gleiche Endstation wie ich, Baden. Vom ersten gegenseitigen Zuwinken entstand eine schöne Freundschaft. Sie besorgte mir fortan jeden Morgen einen Sitzplatz neben sich und die Mittagspause verbrachten wir dann zusammen. Heidi war Zahnarztgehilfin und die Tochter eines Bauunternehmers. Sie hatte bereits ein eigenes Auto, was damals eine Rarität war. Mit ihrem weissen VW-Käfer unternahmen wir in der Freizeit lustige Spritzfahrten. Dann bekamen die planlosen Ausfahrten plötzlich einen bestimmten Grund. In Heidis Wohngemeinde war eine Familie mit einem sportlichen Jüngling eingezogen. Diese Nachricht verbreitete sich in dem kleinen Nest in Windeseile und erreichte auch Heidi.
„Diesen muss ich kennen lernen, koste es was es wolle.“, sagte sie zu mir.
Also fuhren wir am Wochenende nach Zürich ins Hallenstadion an das Leichtathletikmeeting. Alberto, der Sprinter aus Wildegg, nahm unter ferner liefen am Wettkampf teil. Trotzdem erntete er von uns beiden angereisten Fans ein tosender Applaus. Nach dem Rennen gratulierten wir beide Alberto zu seinem guten Lauf, aber nur vordergründig. Eigentlich war für Heidi das persönliche Kennenlernen ihres Verehrers wichtig. Beim ersten Mal kehrten wir jedoch heim ohne Einladung von Alberto. So reisten wir in den nächsten Wochen immer wieder an die sportlichen Veranstaltungen und unterstützten den Sprinter lauthals. Es klappte dann auch wirklich.
Heidi war eine tolle Freundin, mit ihr konnte man durch dick und dünn gehen. So eine Freundschaft hätte ich mir in den Schuljahren gewünscht und darum erlebte ich nun dieses Glück wie ein Traum. Wir zwei verbrachten viele schöne Stunden miteinander. Dann heiratete Heidi ihren Alberto und wurde schon bald Mutter einer Tochter. Sie bezog in ihrem Dorf ein schönes Haus und lebte fortan für ihre Familie.
So wurden unsere gemeinsamen Treffen immer seltener bis sie ganz erloschen. Ja, ich erlebte für eine kurze Zeit eine fantastische Freundschaft mit Heidi, die mein Leben positiv beeinflusste.

Nach dem Motto, was Heidi kann – kann ich auch, bahnte sich bei mir ebenfalls eine Bekanntschaft an, die später sogar in der ersten Ehe ausartete. Leonard der Jungwächter von Wil, der mir damals bei seinen Annäherungen keine Schmetterlinge in den Bauch zauberte, besuchte im Baselland die Grenzwachtschule und hatte sich zu einem Besuch angemeldet. Der grosse Mann in der schmucken Uniform war für jede Mutter der ideale Ehemann für ihre Tochter. So war es auch bei uns zuhause, Mama himmelte den Bewerber richtig an, als wäre sie die Auserwählte.
Leonard hatte seine Absicht mich zu erobern seit der Jungwachtzeit nicht aufgegeben. Er war richtig verliebt in mich und versuchte es nun erneut. Ich fühlte mich nun richtig geschmeichelt. Die Tierchen im Bauch fehlten zwar immer noch, aber ich glaubte damals dass die Viecher den Landeplatz doch noch finden und die Liebe einimpfen werden.

Ich war seit meiner Jugendliebe mit Peter keine ebenbürtige Freundschaft mehr eingegangen und vergnügte mich in der Freizeit mit meiner Schwester Theres  auf verschiedenen Festen. Leider stand ich dann immer im zweiten Glied. Wo wir auftauchten angelte Theres stets den besten Mann. Sie hatte Talent den männlichen Wesen den Kopf zu verdrehen und trug stets Schuhe mit hohen Absätzen. Damit stolzierte sie jeweils mit wippenden Hüften auf die Tanzfläche. Mit ihren langen Haaren und der zierlichen Figur wurde sie immer als erste zum Tanz aufgefordert.
Ich hingegen war meistens erst der letzte Notnagel der die Bühne betrat. Ja, ich war nicht gerade ein Männerschwarm, trug flache Schuhe und bewegte mich entsprechend berggängig.
Wäre aber Unterhaltsamkeit und Wissen ausschlaggebend gewesen hätte ich mit Sicherheit mehr gepunktet. Leider ist Intelligenz nicht sichtbar und bei den meisten Männern nicht gefragt, registrierte ich.

Nun war aber Leonard da und liebte mich bedingungslos. Was wollte ich noch mehr?
Er sag gut aus, hatte ein sicheres Einkommen als Bundesbeamter, also eine gute Wahl. Nach einer kurzen Bekanntschaft feierten wir Verlobung. Die voreilige Schwangerschaft zwang uns dann die Heirat früher als geplant zu vollziehen. Im September 1968 heirateten wir, ganz in weiss – so wie es Roy Black – mein Lieblingssänger gesungen hatte, im Kapuzinerkloster in Wil. Mein Götti Fidel traute uns in Anwesenheit aller Familienmitglieder.

Leonard als Grenzwachtaspirant war im zürcherischen Rafz tätig und wartete auf eine Festanstellung im Frühjahr 1969. Damit wir nicht zweimal in kurzer Zeit den Wohnort wechseln mussten, bezogen wir unsere erste gemeinsame Bleibe in Brugg.
Leonard kam zwei Tage die Woche heim und die restliche Zeit logierte er in Rafz. Seine Arbeit im Vierstundentakt, bei Tag und Nacht, erlaubte keine grössere Präsenzzeit zuhause. Wie es damals Brauch und von Leonard auch gewünscht war, beendete ich mit der Heirat die Arbeitsstelle auf der Bank in Baden. Zukünftig sollte ich mich dem biederen Leben als Ehefrau und später als Mutter widmen.
Eine unvernünftige und unüberlegte Entscheidung von mir. Schon kurz nach der Heirat gab es erste Probleme. Der geringe Aspiranten Lohn von Leonard liess keine grossen Sprünge zu. In Brugg hatten wir eine kleine Wohnung zu bezahlen und in Rafz eine Bundesunterkunft. Die Eltern um Hilfe bitten wollte ich nicht und der Allgemeinheit auf der Tasche liegen schon gar nicht. Also entschloss ich mich einer befristeten Arbeit nach zu gehen um mitzuhelfen die Finanzen im Lot zu behalten.
Bereits im Oktober fand ich eine Textilfirma in Windisch die bereit war mich einzustellen. Dort wurden Büstenhalter für die modische Dame hergestellt. Die Arbeit entsprach zwar absolut nicht meinen Vorstellungen und Fähigkeiten, aber als schwangere Frau im fünften Monat wurde ich nicht überhäuft mit besseren Angeboten.

Diese Arbeitsstelle brachte mir aber Glück auf persönlicher Ebene die ich nie vergessen werde. Unmittelbar neben meinem Arbeitsort in Windisch lebte meine Grossmama Anna, die Mutter von Papa.
Ich lernte meine Grossmama Anna erst mit acht Jahren kennen, als sie unsere Familie im Rheintal besuchte. Lag es am weiten Weg, oder waren andere Probleme Grund für ihr langes Fernbleiben? Eine diesbezügliche Aufklärung durch meine Eltern fand nie statt.

Damals als Grossmama Annas erster Besuch angesagt war freuten wir Enkel uns riesig und waren neugierig. Ihr Nachname Huber machte uns aber etwas unsicher.
Warum heisst unsere Grossmama nicht Chopard wie wir?

Auf dem Schulatlas machten Margrit und ich uns geistig auf den langen Weg, den unsere Grossmama zurücklegen musste bis zu uns ins Rheintal.
Von ihrem Haus direkt an der Reuss in Windisch musste sie zu Fuss eine gute Stunde bis zum Bahnhof Brugg laufen. Mit der Bahn führte ihr Weg dann nach Zürich wo sie umsteigen musste. Die Weiterfahrt, nach einem langen Aufenthalt, endete in St. Gallen und nach einem weiteren Umsteigen erreichte sie Heerbrugg. Sie war also mehrere Stunden unterwegs und erst noch in der Holzklasse der SBB.

Dann war der Tag gekommen. Papa holte seine Mutter mit den drei ältesten Töchtern am Bahnhof ab. Voller Erwartung standen wir auf dem Perron, als die Bahn quietschend anhielt. Der Zugbegleiter mit seiner roten Ledertasche öffnete die Türe und über drei steile Treppentritte stieg eine elegante, kleine Dame aus dem Zug. Papa ging auf seine Mutter zu und begrüsste sie herzlich. Margrit, Theres und ich marschierten ehrfurchtsvoll zu der noch fremden Dame. Wir stellten uns vor und waren entsetzt. Grossmama Anna küsste uns zur Begrüssung. Diese Geste war uns fremd und im Kaff auch nicht gebräuchlich. Das war aber nicht die einzige Eigenart die uns befremdete, sie sprach nicht wie wir Dialekt sondern hochdeutsch.
Dennoch war ich sofort angetan von Grossmama Annas Ausstrahlung. Sie passte irgendwie nicht ins Schema der Rheintaler.
Dann zuhause bestürmten wir Kinder sie mit vielen Fragen und Grossmama gab willig Auskunft. Wir erfuhren, dass sie eine gebürtige Deutsche aus Karlsruhe war und sie weihte uns auch in das Geheimnis Huber/Chopard ein. Mäuschenstill hörten wir zu was Grossmama zu erzählen hatte.

"Mein erster Ehemann war Arthur Chopard und mit ihm hatte ich sechs Kinder. Er starb sehr früh und ich war nicht in der Lage alle Kinder zusammen aufzuziehen. Deshalb wurden vier Kinder in Pflegefamilien gebracht. Euer Papa als ältester und seine Schwester Anna als zweitälteste blieben bei mir. Nachdem Arthur und Anna erwachsen waren und auszogen heiratete ich etwas später meinen zweiten Mann Albert Huber. Mit ihm zog ich nach Windisch in das kleine Häuschen an der Reuss, wo ich nach seinem Tode wohnhaft blieb."

Endlich löste sich das Rätsel mit den beiden Nachnamen. Ja, es bestätigte mir, meine Eltern waren nicht gerade kommunikativ im Umgang mit uns Kindern.

Der Aufenthalt von Grossmama Anna bei uns offenbarte aber auch eine unangenehme Kluft. Es entging mir nicht, dass sie nicht willkommen war. Mama und ihre Mutter benahmen sich sehr abweisend ihr gegenüber.
Uns Enkeln hingegen war sie in kurzer Zeit ans Herz gewachsen. Wir mochten sie sehr gerne und lasen ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Grossmama Anna liebte uns Enkel ebenfalls und verbrachte viel Zeit mit uns. Sie lernte uns neue Spiele und machte uns mit der deutschen Küche bekannt. Ihre selbst zubereiteten Dampfnudeln waren spitze und wir durften sogar bei der Anfertigung mithelfen.
Mama hingegen konnte den Kochkünsten von Grossmama Anna nichts abgewinnen.
War es Eifersucht oder allgemeine Abneigung?
Ich war damals zu jung um dieses Rätsel zu lösen. Was mich aber traurig machte: Grossmama Anna war sichtlich nicht willkommen. Nach ihrer Abreise aus dem Rheintal gab es keinen Besuch mehr von ihr bei uns und Papa hatte nur noch schriftlichen Kontakt zu ihr.

Nach unserem Umzug nach Birr waren wir nun in Grossmama Annas Nähe. Aber die Besuche bei ihr beschränkten sich auf das Nötigste. Sie war für uns Enkel in der Zwischenzeit wieder fremd geworden und eine Ermunterung der Eltern sie zu besuchen hat nie stattgefunden.

Nun hatte ich eine Arbeitsstelle in Windisch, in unmittelbarer Nähe von Grossmama Anna. Morgens und abends ging ich zu Fuss zur Arbeit, ein öffentlicher Bus gab es nicht und ein Velo hatte ich nicht. Über Mittag blieb mir die Möglichkeit in der Betriebskantine zu essen.
Nach einer Woche nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und klopfte bei Grossmama Anna an. Nervös stand ich vor der Haustüre und hatte Angst, dass ich nach den vielen Jahren ohne mich je um sie zu kümmern, nicht willkommen sein würde. Ich erlebte dann das Gegenteil, Grossmama Anna umarmte und küsste mich wie damals bei ihrem ersten Besuch im Rheintal. Ich freute mich riesig.
Das Häuschen wo sie wohnte war sehr klein, nebst der Schlafkammer gab es nur noch einen Raum; das Wohnzimmer und die Küche flossen ineinander. Alles war sehr niedrig und dunkel. Aber wenn Grossmama Anna sprach erhellte sie mit ihrer lieblichen Stimme den ganzen Raum. Ich fühlte mich wohl bei ihr und als sie erfuhr dass ich nebenan arbeitete, lud sie mich sofort ein künftig bei ihr das Mittagessen einzunehmen.
So verbrachte ich fortan die Mittagszeit bei ihr und war überwältigt mit welcher Hingabe sie jeden Tag auf dem Holzofen eine einfache Mahlzeit zubereitete. Grossmama Anna war erfreut, dass ich mich bei ihr wohl fühlte – und ich war glücklich dass sie nicht nachtragend war.
Der Winter wurde sehr hart, viel Schnee und eisige Kälte erschwerten mir den langen Fussmarsch zur Arbeit und zurück. Aber das Bewusstsein am Mittag mit Grossmama Anna in der warmen Stube gemeinsam essen zu können entschädigte mich für die Strapazen.
Ja, Grossmama Anna war stets besorgt, dass es immer schön warm war und freute sich meine Schwangerschaft hautnah miterleben zu dürfen. Ende Januar hörte meine Arbeitszeit in Windisch auf. Ich versprach Grossmama Anna sie nach der Geburt mit dem Urenkel zu besuchen.
Am 24. Februar 1969 gebar ich meinen ersten Sohn Patrick. Nur ein Monat später zogen Leonard und ich mit unserem kleinen Baby ans andere Ende der Schweiz, nach Kreuzlingen.
Bevor ich aber wegzog besuchte ich nochmals meine Grossmama Anna und legte ihr den Urenkel in die Armen. Ein bewegender Moment für sie und mich. Bei der Verabschiedung war uns beiden bewusst, dass wir uns nun eine Weile nicht mehr sehen würden.
Leider war es dann aber der letzte Besuch gewesen. Kurze Zeit später starb meine liebe Grossmama Anna.
Sie bleibt mir in ewiger Erinnerung als elegante Dame beim ersten Besuch im Rheintal und als liebenswürdige Grossmama und Urgrossmama beim Abschied.

Die letzten beiden Wochen vor der Geburt meines ersten Kindes übernachtete ich bei meinen Eltern, weil Leonard mehrheitlich abwesend war. Ich hatte mich aus praktischen Gründen dazu entschieden. Zum einen konnte ich die heimlichen Ängste vor der nahenden Geburt etwas eindämmen und zum anderen hatte meine Mama vielfache Erfahrung im Gebären die mir hilfreich sein könnten.
Am Abend des 23. Februar gegen neun Uhr setzten die Wehen ein. Ich lag in der Stube auf dem Sofa und wartete bis die Wehen im Fünfminutentakt kamen, so wurde ich von meiner Frauenärztin vorbereitet. Also blieb ich ruhig im Gegensatz zu meiner Mama. Nervös und ungeduldig versuchte sie Leonard in Rafz zu erreichen, ohne Erfolg.
Kurz nach Mitternacht begleitete sie mich im Taxi ins Bezirksspital Brugg. An der Rezeption gab sie mich und meinen Koffer ab, mit den Worten: „Mach‘s guet.“
Bevor ich an der Seite einer Pflegerin Richtung Geburtenabteilung lief, realisierte ich, dass Mama weg war und mich alleine zurück liess.
Die Pflegerin brachte mich in ein kleines Zimmer, heute würde man Abstellkammer sagen. Mitten im Raum stand ein Bett und an der Wand eine Kommode mit medizinischen Utensilien. Die Pflegerin gab mir ein Spitalhemd und sagte:
„Legen sie sich hin, ich kommen später wieder vorbei.“
Die Tür fiel ins Schloss und ich war allein. Allein mit meinen Schmerzen und allein mit meinen Sorgen ob alles gut geht.

Gegen ein Uhr nachts läutete ich weil die Wehen nun laufend einsetzten. Die Hebamme schaute kurz zur Türe herein und meinte:
„Das erste Kinde braucht immer länger, machen sie sich keine Sorgen.“
Und schon war sie wieder weg. Eine weitere Stunde verging, ich war immer noch allein und hatte nebst den Schmerzen riesigen Durst. Wieder läutete ich. Die Hebamme kam erneut vorbei und befriedigte meinen Durst indem sie mir einen nassen Waschlappen auf die Lippen legte. Gleichzeitig  bemühte sie sich noch die Veränderung am Muttermund zu kontrollieren. Dann gab es plötzlich eine Hektik. Das Bett wurde in den Gebärsaal geschoben, wo bereits zwei weitere Frauen kurz vor der Geburt standen.
Nur durch einen Vorhang getrennt hörte ich die Schmerzensschreibe einer Italienerin: Mama mia, mama mia tönte es in allen Tonlagen.
Die beiden neben mir gebärenden Frauen wurden von ihren Männern unterstützt und liebkost und nach der Geburt gelobt und beglückwünscht. Ich musste alles mithören, obwohl ich mit mir selber genug beschäftigt war.
Allein mit der Hebamme brachte ich um 02.50 Uhr am 24. Februar 1969 meinen ersten Sohn Patrick auf die Welt. Er war 53 Zentimeter lang und wog 3.9 Kilo.
Meine grosse Freude einen gesunden Jungen geboren zu haben war aber getrübt durch den Umstand, dass niemand anwesend war der die Freude mit mir teilte. Gegen Mittag kam dann Leonard auf Besuch. Er war sichtlich stolz und hatte Freude.
In den nächsten Tagen erlebte ich eine weitere Niederlage. Ich konnte nicht stillen und musste Patrick von Anfang an mit dem Schoppen ernähren.
Wie habe ich das verdient? Was habe ich falsch gemacht?
Diese Gedanken plagten mich, weil die Kinderschwester immer wieder betonte, dass Muttermilch durch nichts zu ersetzten sei.
Meine Zimmernachbarin, eine junge Bäuerin hatte Milch im Überfluss. Also wurde der Schoppen für Patrick mit der abgepumpten Muttermilch dieser Frau gefüllt.
Nach einer Woche kehrte ich mit meinem Jungen nach Hause. Die grossen Erfahrungen aus meiner Kindheit in einer Grossfamilie kamen mir nun zum Vorteil und den Rest an Ratschlägen erteilte mir Mama, auch ungefragt.
Ende März zogen wir dann als junge Familie in den Thurgau. Leonard trat nun beim Zollamt Kreuzlingen seine Festanstellung an.

Mit drei Monaten bereitete mir Patrick die ersten grossen Sorgen. Er hatte einen Leistenbruch und musste operiert werden. Im Kantonsspital Münsterlingen herrschte die gleiche kalte Atmosphäre wie im Bezirksspital Brugg. Beim Treppenaufgang zum Empfang kam mir die Kinderschwester entgegen und nahm mir den Jungen weg. Lieblos verschwand sie mit dem kleinen Bündel hinter einer Türe. Zwischen Tür und Angel wandte sie sich noch an mich:
„Sie können sich morgen Nachmittag erkundigen wie die Operation verlaufen ist.“
Dann war sie weg und ich stand verdutzt und traurig im Gang. Ich konnte mich nicht einmal von Patrick verabschieden. Ein weiteres Mal fühlte ich mich total allein gelassen. Bei meinem täglichen Besuch im Spital konnte ich meinen Kleinen nur durch ein Glasfenster in seinem Bettchen betrachten. Dann nach acht Tagen durfte ich meinen Liebling wieder heimholen.

In Kreuzlingen hatten wir uns schnell eingelebt. Die Wohnung im ersten Stock eines Mehrfamilienhauses war komfortabel, es schien alles in Ordnung zu sein. Ich hatte mein neues Heim vor dem Einzug nie gesehen, nur Leonard hatte vorher eine kurze Begutachtung gemacht. Jedenfalls fühlten wir uns wohl.
Dann registrierte ich, dass unter den verschiedenen Familien im Haus ziemlich Unfrieden herrschte. Diese Intrigen weiteten sich dann unweigerlich auch auf uns Neuzugezogenen aus.
Ich ging wie jeden Tag mit Patrick auf dem Arm die Treppe hinunter in den Abstellraum wo ich meinen Kinderwagen holte. Im Raum waren auf einer Seite Velos abgestellt und auf der anderen Seite ein Kinderwagen und neu auch meiner. Also es hatte genügend Platz für alle abgestellten Sachen.
Als ich an einem Morgen heimkehrte vom Spaziergang stand eine Frau im Abstellraum und diskutierte mit der Hauswartin. Ich grüsste die beiden Damen, stellte den Kinderwagen ab und wollte die Treppe hoch gehen. Da beschwerte sich die Hauswartin bei mir, dass ich den Kinderwagen der ebenfalls anwesenden Frau weggeschoben hätte. Ich verteidigte mich, weil ich den fremden Wagen gar nie angelangt hatte. Erwähnte noch, dass ja jede Menge Platz vorhanden sei ohne etwas verschieben zu müssen. Ich ging in meine Wohnung und glaubte die Angelegenheit sei erledigt.
Nach dem Abendessen klingelte es an meiner Wohnungstüre. Als ich öffnete stand ein kräftiger Mann auf der Schwelle und brüllte gleich los:
„Wenn sie noch einmal meine Frau beleidigen, haue ich ihnen eine runter.“
Ich erschrak, entgegnete aber ruhig: „Ich kenne ihre Frau gar nicht. Zudem habe ich niemanden im Haus beleidigt.“
Der ungehobelte Kerl betitelte mich sofort als Lügnerin und holte mit seiner rechten Hand zum Schlag aus. Ich trat reflexartig ein Schritt zurück, schmetterte die Türe zu und verriegelte sie.
Was war denn das? Wer ist dieser Kerl und um welche Frau handelt es sich?
Ich war entsetzt über diesen Zwischenfall und erzählte die erlebte Story Leonard nach seiner Rückkehr von der Arbeit. Eine Reklamation beim Hausverwalter schlossen wir aus, weil wir die betroffenen Personen nicht kannten und ein Eklat im Haus verhindern wollten.
Am nächsten Morgen wartete die Nachbarin vom gleichen Stockwerk auf meine Rückkehr vom Spaziergang. Sie hatte den Tumult im Hausgang vom Vorabend durch den Spion ihrer Wohnungstüre gesehen und den Lärm gehört. Sie klärte mich auf, wer der Kerl war und welche Frau dahinter steckte. Sie ermahnte mich Acht zu geben, da sich im Hause zwei Parteien berufen fühlen neue Ankömmlinge zu schikanieren.
Die Frau mit dem besagten Kinderwagen sei bekannt für ihre Intrigen und werde unterstützt von der Hauswartin.
Also doch dachte ich, meine heimlichen Befürchtungen stimmen also.
Ich bedankte mich bei der Nachbarin für die Aufklärung und ging ohne weitere Diskussion in meine Wohnung zurück. Für mich war aber klar, in diesem Haus bleibe ich nicht.
So zogen wir bereits nach einem Jahr wieder aus, direkt mitten in die Stadt. Eine schöne Vierzimmerwohnung in einem Altbau erwartete uns. Mit dem Einzug übernahmen wir auch die Hauswartung, was ein willkommenes Zusatzeinkommen bescherte.

Zwei Jahre später meldete sich weiteren Nachwuchs an. Die Schwangerschaft verlief bis zum achten Monat problemlos und die Niederkunft sollte im Oktober 1971 sein. Am Sonntagmorgen 5. September bemerkte ich plötzlich den Verlust von Fruchtwasser und nach Rücksprache mit der Frauenärztin musste ich sofort in die Klink kommen. Mit einem Taxi liess ich mich nach Münsterlingen fahren. Leonard blieb bei unserem Erstgeborenen zuhause bis ihn seine Eltern aus Wil abholten. Zudem hatte Leonard später noch Nachtdienst und brauchte seine vorgängige Ruhezeit, sagte er.
Ich stand also erneut allein vor dem Empfang im Spital mit dem Koffer in der Hand. Die Pflegerin erschien und statt einem verständnisvollen Willkommen zum Eintritt, schnauzte sie mich an: „Geben sie mir den Koffer, sie dürfen doch keine Last tragen mit einer geplatzten Fruchtblase.“
Ich hatte mir die Aufnahme anders vorgestellt.
Die nächsten Stunden waren eine Tortur. Ins Bett verdonnert musste ich Untersuchungen am laufenden Band über mich ergehen lassen. Als der Chefarzt persönlich vor mein Bett trat, wurde mir die ernste Lage bewusst in der ich mich befand. Dieser erklärte mir dann freundlich und sachlich, dass ein Achtmonatskind als Frühchen sehr gefährdet sei. Zudem sei kein Fruchtwasser mehr vorhanden, sodass mein Baby auf dem Trockenen liege.
Dann wurden grosse Vorbereitungen getroffen für die Geburt. Am Abend versuchten Pflegerinnen medikamentös Wehen einzuleiten, was misslang. Zwischen den spärlichen Besuchen des Spitalpersonals war ich immer allein im Zimmer. Allein mit meinen grossen Sorgen. Leonard war wieder bei der Arbeit und wollte später kommen. Nach meinen schlechten Erfahrungen bei der ersten Geburt, bereitete ich mich auf eine weitere Niederkunft ohne Ehemann – also allein – vor.

Nach Mitternacht erfolgte ein zweiter Versuch die Wehen zu aktivieren, diesmal mit Erfolg. Etwas später setzten die Wehen ein und gegen vier Uhr morgens verlegten sie mich in den Gebärsaal. In einer Boxe wartete ich nun mit der Hebamme auf die letzten Presswehen.
Dann, ganz oben in der Ecke am Fenster erblickte ich eine grosse schwarze Spinne. Nebst den Wehen musste ich nun auch noch dieses Tierchen im Auge behalten.
Ja, ich war und bin kein Spinnenfreund und nun musste ich mich gerade in diesem ungünstigen Moment auf so ein Viech konzentrieren!

Kurz bevor Daniel von seiner Nabelschnur getrennt wurde kam Leonard in einem grünen Ärztekittel ans Bett. Er erlebte gerade noch wie sein jüngster Spross an den Füssen hoch gehalten wurde und einen Klaps bekam damit er anfing zu schreien.
Ich bemerkte eine undefinierbare Schicht auf dem kleinen Köpfchen. Die Hebamme beruhigte mich sofort auf eine humorvolle Art:
„Ihr Sohn ist ein Frühchen und hat noch die Eierschale am Kopf, diese löst sich in den nächsten Tagen selber ab.“
Ich war erleichtert und drückte meinen Liebling fest an die Brust. Daniel war 48 Zentimeter lang und wog 2.9 Kilo.
In den ersten zwei Wochen hatte er noch mit der Gelbsucht zu kämpfen, ebenfalls ein Mitbringsel seiner zu frühen Geburt. Wie bei Patrick schöppelte ich ihn vom ersten Tag an und auch diesmal wurde fremde Muttermilch besorgt. Das kleine Sorgenkind entwickelte sich dann in Windeseile zu einem strammen Buben. Einzig sein Flaum auf dem Kopf wollte einer schönen Haarpracht keinen Platz machen. Dafür konnte er bereits als einjähriger laufen und viele Worte sprechen und übernahm im Kinderzimmer das Zepter, sodass der zwei Jahre älterer Bruder sich immer mehr zur Wehr setzen musste.

Ja, ich erlebte eine fantastische Zeit mit meinen beiden Söhnen, die ich nie missen möchte. Täglich war ich mit ihnen im Freien, auf dem Spielplatz oder beim Wasserbecken im Seeburgpark anzutreffen. Patrick war dann immer besorgt, dass seine Hosen nicht schmutzig wurden. Daniel hingegen kannte diesbezüglich keine Grenzen, seine Hosentaschen mussten zuhause jeweils von allerlei lebendigen, oder besser gesagt, halbtoten Käfern und Heuschrecken gesäubert werden.

Leonard und ich waren Eltern mit viel Freude an den beiden Söhnen. Nur die Erziehung und Aufsicht blieb ausschliesslich an mir hängen. Leonard entschuldigte seine sparsame Zeit, die er mit den beiden Jungs verbrachte, stets mit der grossen  Belastung als Grenzwächter mit unregelmässigen Diensten.

 

Familie und Beruf - geht das?
Seite 8
Seite 8 wird geladen
8.  Familie und Beruf - geht das?

1971 war für mich ein ereignisreiches Jahr. Im September wurde mein Sohn Daniel geboren und bereits im Dezember wurde mein Wunsch vom Büroleben erfüllt. Seit meiner  unüberlegten Kündigung der Arbeitsstelle vor der Heirat vermisste ich die Bürotätigkeit. Darum kam es mir gelegen, dass sich ein deutscher Versandhandel in Kreuzlingen niederliess. Diese suchten eine Bürohilfskraft mit sehr guten Schreibmaschinenkenntnissen, welche die täglichen Bestellungseingänge selbständig bearbeiten konnte, und dies zuhause in Heimarbeit.
Ich bewarb mich sofort ohne vorher Leonard zu fragen. Seine ablehnende Haltung gegenüber einer arbeitenden Gattin kannte ich. Beim Vorstellungsgespräch wurde mir klar, dass ich eine unter vielen Bewerberinnen war. Trotzdem glaubte ich fest daran den Job zu  erhalten. So war es denn auch.
Bereits eine Woche später bekam ich die Zusage, mit Beginn des Handels am 1.1.1972 zu starten. Diese Tätigkeit konnte ich sehr gut in den Alltagstrott integrieren, ohne dass meine beiden Buben auf irgendeine Annehmlichkeit verzichten mussten. Einzig Leonard war am Anfang etwas verschnupft, weil er sich in seinem männlichen Stolz verletzt sah. Die Frauen seiner Arbeitskollegen arbeiteten nicht und so glaubte er auch, dass eine Frau an den Herd gehört und nicht in die Wirtschaft.
Ich verrichtete die Büroarbeiten gerne am Abend wenn Ruhe einkehrte und war glücklich mit dieser neuen Aufgabe. Die Arbeiten wiederholten sich täglich und waren nicht gerade hochstehend, dafür konnte ich aber Ende Monat ein anständiges Salär in Empfang nehmen. So war es Leonard und mir möglich das Autofahren zu erlernen und etwas später sogar ein Auto zu kaufen. Von nun an erlaubten wir uns gemeinsam in die Ferien zu fahren.

1975 zogen wir in eine neue Wohnung. Die Zollverwaltung baute direkt an der Grenze zu Deutschland ein grosses Mehrfamilienhaus für ihre Angestellten. Eine komfortable Wohnung in diesem Gebäude wurde zu unserem neuen Heim. Für Leonard war die Grenznähe besonders ideal, hatte er nur noch wenige Schritte bis zu seinem Tätigkeitsfeld. Dem Glück stand nichts mehr im Wege; zwei tolle Jungs, ein schönes Zuhause und jährlich gemeinsame Ferien.
In der Überbauung lernte ich auch Familien mit gleichaltrigen Kindern kennen, was hilfreich war und den beiden Buben Spielkameraden bescherte.
Die Motivation einer Nachbarin veranlasste mich dann auch dem Damenturnverein beizutreten. Jeden Dienstagabend genoss ich ein paar Stunden ohne Familie und ohne Büroarbeit. Ich liebte das Turnen an den Geräten, aber auch die verschiedenen Ballspiele. Herrlich fand ich auch der anschliessende Umtrunk, wo die Turnerinnen in einem Stammlokal lustige Stunden verbrachten.

Mit fünf Jahren musste Patrick in den Kindergarten. Rund zwanzig Minuten Fussweg musste er zurücklegen und erst noch eine Unterführung bei der Bahn passieren. Aber nach einer Woche in Begleitung von seiner Mama war es für ihn Selbstverständlichkeit alleine zu gehen.   
Heute würde der lange Schulweg und die Nähe zur Eisenbahn einem Kind nicht mehr zugemutet. Die Mutter würde den Taxidienst übernehmen oder die Schule müsste einen Schulbus organisieren. Patrick, der Sommer und Winter diesen Weg zurücklegte, kannte nichts anderes und trug auch keinen Schaden davon. Im Gegenteil der Schulweg war eine tolle Erfahrung mit seinen Kameraden. Nach zwei Jahren Kindergarten erwartete ihn die Primarschule und damit erweiterte sich auch sein Schulweg auf eine halbe Stunde Fussmarsch.
Daniel erwarteten nach zwei Jahren die gleichen Abläufe wie bei seinem Bruder und auch mit ihm erlebte ich keinerlei Probleme.
Ungewohnt war für mich einzig die sturmfreie Bude zuhause. Anfangs waren es nur zwei Stunden pro Tag, wo ich alleine bestimmen konnte was ich unternehmen wollte. Ein tolles Gefühl!
In dieser Zeit reifte in mir der Gedanke, eine Teilzeitstelle in einem Büro zu suchen um die Atmosphäre zwischen Schreibtisch, Telefon und technischen Apparaten zu spüren.
Die momentane Heimarbeit im Wohnzimmer machte ich nach wie vor gerne, aber ich würde diese gerne eintauschen für einen Sitz in einem offiziellen Büro.
Ich vermisste den Bürogeruch, das Rattern der verschiedenen Geräte und das Klingeln des Telefons. Aber auch den gelegentlichen Schwatz mit Bürokollegen fehlte mir.
Schon bald ging mein Wunsch in Erfüllung. Das Elektrizitätswerk der Stadt suchte eine Büroangestellte in einem 50% Verhältnis. Das Vorstellungsgespräch brachte mir Glück und die Anstellung war perfekt. Zwei Monate später fing ich die Arbeit in der Administration an und teilte mit zwei weiteren Kolleginnen das Büro.
Leonard sah dieser Veränderung nicht gerade Wohlwollend entgegen. Er hätte sich gewünscht, dass ich weiterhin zuhause anonym gearbeitet hätte. Mit der Arbeit ausser Haus wurde es nun öffentlich, dass seine Frau einer Arbeit nach ging und dies passte ihm nicht. Seine Arbeitskollegen beim Zoll unterstützten ihn bei seiner altmodischen Ansicht, dass eine Frau nach Hause gehört. Mir waren die anschliessenden Pöbeleien durch Leonards Arbeitskollegen egal. Solange die Familie unter meiner Abwesenheit nicht zu leiden hatte, stimmte für mich der Entscheid.

Die anspruchsvolle Tätigkeit im Elektrizitätswerk weckte auch mein Selbstvertrauen. Mit grossem Einsatz und viel Freude übte ich die Arbeit aus und schon bald wurden mir immer mehr Aufgaben zugeteilt. Ich fühlte mich rundum glücklich. Mit etwas Verspätung verstand dann auch Leonard meinen Entscheid und würdigte meinen beruflichen Wiedereinstieg.
Wir waren uns einig: Ein gutes Familienleben, zwei gesunde Buben, interessante und gut bezahlte Jobs und ein schönes Zuhause zu haben. Was wollten wir noch mehr!

Allerdings war ich mir schon bald nicht mehr sicher ob Leonard alles so rosarot sah. Er war ein introvertierter Typ und äusserte sich nur nach langem Hinterfragen. Jeder Auseinandersetzung ging er aus dem Weg. Seine ganze Welt war der Zoll und in der Freizeit das Schiessen im Schützenverein. Er hatte keine wirklichen Freunde, nur seine Berufskollegen. Deshalb verbrachte er die meiste Freizeit zuhause in den eigenen vier Wänden und zog an seiner Backpfeife.
Die wenigen gemeinsamen Auftritte von Leonard und mir in der Stadt wurden aber als Bilderbuchehe qualifiziert.

Diese familiäre Idylle endete 1979 jäh.

 

Verbotene Liebe - Schuldspruch "Ehebrecherin"
Seite 9
Seite 9 wird geladen
9.  Verbotene Liebe - Schuldspruch "Ehebrecherin"

Ich war eine äusserst pflichtbewusste Turnerin. Das Schwänzen einer Turnstunde kam für mich nicht in Frage und Ende Jahr wurde ich jeweils für null Absenzen mit einem Silberlöffel geehrt. Nebenbei nahmen wir Turnerinnen aktiv am kulturellen Leben in der Stadt teil. So bereicherten wir jeweils den jährlichen Fastnachtumzug mit einem eigenen Sujetwagen, so auch für die närrischen Tage im Jahre 1979.
Wir Turnerinnen waren beschäftigt den im Bau befindlichen Umzugswagen fertigzustellen. In einer Scheune verbrachten wir viele Abende um das Vehikel dekorativ und fahrbereit auszustatten. Kontrolliert und überwacht wurden die Arbeiten von der Bodanesen-Clique, die Fastnachtsorganisator war. Als Bauchef dieser Gruppe amtete Paul, er war also unser Ansprechpartner und gab uns gute Ratschläge.
Am Fastnachtsonntag brillierten wir Turnerinnen mit unserem Sujet, einem vier Meter hohen „Einfrankenstück“ das den hohen Schweizerfranken auf die Schippe nahm. Unsere gut trainierten Körper kleideten wir in selbst gebastelte Kostüme. Schwarze Strumpfhosen, schwarze Rollkragenpullis und ein rotes Cape erzeugten ein tolles Bild. Dazu verteilten wir Schweizer Schokoladetaler.

In dieser heiteren und gut gelaunten Stimmung unterhielt ich mich mit unserem Bauchef Paul erstmals privat. In seinem Bodanesenmantel und der Narrenkappe strahlte er ein weltmännisches Auftreten aus. Bisher kannte ich ihn nur in der blauen Handwerkeruniform. Ich fühlte mich wohl in seiner Nähe und wir verstanden uns sehr gut. Diese Harmonie stellte ich aber auch bei meinen Turnkolleginnen fest, also alles im grünen Bereich.
Zur Kreuzlinger Fastnacht gehörte eine Woche später auch der traditionelle Bodanesenball. Diese heiteren Stunden verpasste die Damenriege nie, auch in jenem Jahr nicht. Gemeinsam führten wir nochmals unsere rassigen Fastnachtskostüme aus. Schnell waren wir Mittelpunkt im Saal und beim Singen, Schunkeln und Tanzen begehrte Partnerinnen.
In vorgerückter Stunde wurde ich von Paul zum Tanz auf die Bühne gebeten. Ja, er war nicht nur ein ideenreicher Handwerker, er konnte auch schwungvoll tanzen. Statt wieder an meinen Platz zurückzukehren liess ich mich von ihm zu einem Drink an der Bar einladen. Den Rest der Nacht verbrachten wir dann zusammen, mal beim Tanzen, mal auf dem Barhocker. Wir offenbarten uns gegenseitig die Identität, bis anhin beschränkte sich unsere Bekanntschaft nur auf die Fastnachtsaktivitäten. Kurz vor Ballschluss verabschiedete ich mich von ihm mit einer Einladung im Gepäck.

Zuhause fand ich für die restlichen Stunden der Nacht keinen Schlaf mehr. Ständig musste ich an Paul denken und was ich mit Leonard nie erlebt hatte; Schmetterlinge flatterten in meinem Bauch.
Bin ich etwa verliebt? Nein, nein, ich habe eine Familie redete ich mir ins Gewissen.

Am nächsten Dienstag ging ich wie gewohnt zum Turnen. Statt mit den Frauen zum Schlummertrunk zu gehen, entschuldigte ich mein Fernbleiben mit einer Notlüge. Mit meinem ockergelben Opel Ascona fuhr ich zum abgemachten Treffpunkt mit Paul. Er stand bereits vor seinem Auto und wartete auf mich. Eigentlich hätten bei mir spätestens jetzt die Alarmglocken läuten müssen. Stattdessen fielen wir uns in die Arme und waren einfach glücklich. Paul führte mich in sein Haus ganz in der Nähe. Mit Champagner und feinen Häppchen hiess er mich herzlich Willkommen. Auf dem Sofa im Wohnzimmer sitzend unterhielten wir uns, ein Warmlaufen zur Vorbereitung auf schöne Stunden danach.
Dann wechselten wir ins Schlafzimmer und liebten uns innig. Ich war selig und kein Gedanke erinnerte mich an die Hochzeitsschwüre mit Leonard. Es war einfach zu schön. Beim Abschied verriet mir Paul: Ich habe meinen 46ten Geburtstag und du warst mein schönstes Geschenk.
Auf dem Heimweg plagten mich dann die ersten Gewissensbisse. Still und leise betrat ich das eheliche Schlafzimmer und hoffte inbrünstig dass Leonard jetzt nicht aufwacht. Ich hatte bunte Sommervögel im Bauch und ein schlechtes Gewissen im Kopf.
Warum hast du dich mit einem anderen Mann eingelassen?
Diese Frage beschäftigte mich nun pausenlos. Ich ging weiterhin wie gewohnt zur Arbeit und zuhause spielte ich die liebende Mama und Ehefrau. Allerdings empfand ich die Zärtlichkeiten mit Leonard eher als Pflichtübung als Freude.
Wie empfand ich die Zärtlichkeiten mit Leonard vorher?
Alles Grübeln brachte mir keine aufschlussreiche Antwort. So flüchtete ich mich in die Interpretation; Es war reine Gewohnheitssache ohne tiefere Leidenschaft.
Paul kreuzte in den nächsten Tagen immer wieder – rein zufällig – meinen Arbeitsweg und ein kurzes Winken liess jedes Mal eine wohlige Wärme in mir hochsteigen. Ich war tatsächlich verliebt bis über beide Ohren und heimliche Treffen mit dem Angebeteten wurden zu richtigen Balanceakten. Trotzdem – oder erst recht – fühlte ich mich dann in seinen Armen wie im siebten Himmel.
Paul der bereits seit längerer Zeit in Trennung von seiner Frau lebte, aber noch nicht geschieden war, musste mit derselben Verheimlichung kämpfen wie ich. Jeglicher Verdacht einer Verbindung zu mir wäre ihm gerichtlich zur Last gelegt worden.
Dieses Doppelleben erforderte von mir sehr gute Nerven, was auf eine längere Dauer nicht durchzuhalten war. Die Gratwanderung den Ehemann und den Geliebten zu befriedigen überforderte mich. Gesundheitliche Störungen forderten eine Klärung der Affäre. Inzwischen kannten Paul und ich uns zwei Monate und viele glückliche Stunden. Deshalb war eine Entscheidung für mich höchst brisant.
Fällt mein Los auf Paul riskiere ich eine Scheidung, wählte ich ein Weiterleben mit Leonard verpasste ich womöglich die Liebe meines Lebens.

Auf einem Spaziergang eröffnete ich Leonard, dass ich einen Freund habe und ihn auch liebe. Ich betonte, dass ich mich im Moment in einer Zwickmühle fühle und ein Ausweg aus der Sackgasse suche. Ich gab ihm auch zu verstehen, dass die Familie mir sehr viel bedeute.
Leonards trotzige Reaktion auf meine offene Aussprache befremdete mich sehr. Statt ein Versuch zu unternehmen mir aus der Not zu helfen und damit seine Ehefrau zurück zu gewinnen, drohte er mir sofort mit der Scheidung und verlangte den Namen des Liebhabers.
In diesem Moment waren bei mir die Würfel für Paul gefallen.

Die nächsten Tage lebten Leonard und ich physisch zwar in der gleichen Wohnung, aber psychisch in zwei Welten.
Dann genau eine Woche nach der Aussprache flatterte bereits das Aufgebot für ein erstes Gespräch beim Scheidungsrichter ins Haus.
Auch der von Leonard beigezogene katholische Pfarrer mischte sich in die höchst persönliche Angelegenheit ein. Dieser drohte mir mit dem Kirchenverbot und dem Entzug der Sakramente. Diese Intervention des Pfarrers ignorierte ich, kehrte der Kirche aber den Rücken und trat aus der Gemeinschaft.
Hingegen der rechtliche Teil – die Scheidung – musste ich bis zum definitiven Urteil durchstehen. Immer wieder wurde ich von Leonard bedrängt den Namen des Ehebrechers bekannt zu geben.
Auch die Gerichtsvollstrecker nervten mich mit derselben Frage. Beide blieben erfolgslos, ich schwieg. Mit dieser Hartnäckigkeit schützte ich mich selber, aber auch Paul. Dieser war ja in der Wartschlaufe zum Scheidungstermin und eine Beziehung zu mir wäre gefundenes Anwaltsfutter gewesen in seinem Rosenkrieg.

Damit ich meinen Söhnen Streitereien zwischen Leonard und mir ersparen konnte, verliess ich mit ihnen die gemeinsame Wohnung. Ich wollte damit den beiden Buben die Achtung und den Respekt vor ihrem Papa erhalten, da sie Streitigkeiten zwischen den Eltern bis anhin nicht kannten.
Dieses friedliche Zusammenleben war nicht zuletzt Leonard zu verdanken der jeder Auseinandersetzung aus dem Weg ging. Diese ungewollte Harmonie war aber sicher ein grosser Fehler, wir hatten dadurch nie die Möglichkeit sich aneinander zu reiben und sich dann auch wieder zu versöhnen.
Leonard erachtete  diese Lebensweide als absoluter Liebesbeweis und nicht als mögliche Teilschuld. Für mich war die frühzeitige Trennung deshalb ein Auftanken und ein logischer Abstand zur bevorstehenden Scheidung.

Dann kam der entscheidende Tag, der mein bisheriges Leben umkrempelte.
In ein paar Stunden bin ich frei, ist es wirklich so oder mache ich mir etwas vor?
Diese Frage und die Gedanken an eine mögliche Zukunft mit Paul plagten mich morgens beim Frühstück.

Es ist später Nachmittag im September 1979 und der Himmel weinte während ich durch die Stadt zum altehrwürdigen Gebäude des Bezirksgerichts in Kreuzlingen lief. Ich atmete nochmals richtig durch, denn es waren nur noch wenige Minuten und Schritte, dann stand ich vor den Schranken des Rechtsstaates. Als Angeklagte wegen Ehebruchs musste ich mich verantworten.
Trotz dieses Vergehens stand ich dann mit erhobenem Kopf vor dem Gerichtspräsidenten, einem kleinen Mann mit grauen Schläfen und mit grosser Macht. Seine perfiden Fragen prallten wie stumpfe Pfeile an mir ab.
Diese zermürbende Veranstaltung ist doch nur noch eine formale Angelegenheit. Die Meinungen zum Urteil haben die fünf anwesenden Richter längst gefällt.
Während mir dieser Standpunkt durch den Kopf ging, erlebte ich nochmals das unsägliche Vorspiel seit dem Frühjahr als mein Noch-Ehemann die Scheidung einreichte.
Ich habe diese frustrierende Zeit ohne seelischen Schaden überstanden, also werde ich das einseitige Urteil in wenigen Minuten auch ohne Ohnmacht hinter mich bringen.
Mein Puls raste, aber ich zwang mich konzentriert der Verhandlung zu folgen. Aufgeregt hörte ich dann die Worte des Gerichtspräsidenten.
„Gemäss § 258 leite ich das Endurteil ein und mit der Vorlesung des Artikels 137 des Zivilgesetzbuches erkläre ich die beiden Parteien für geschieden – mit der Begründung: Ehebruch der Angeklagten.“

Leonard als Kläger hatte den ausschliesslich männlichen Richtern glaubhaft erklärt, dass wir eine gute Ehe geführt und auch in intimer Hinsicht harmonisiert hätten. Er sei aber nicht mehr gewillt mit mir zusammen zu leben, nachdem er eine Fremdbeziehung bemerkt habe. Er konnte das Gremium vorne im Saal an einem grossen Tisch auch davon überzeugen, dass er ohne Schuld und Sühne sei.
Gefasst nahm ich die naive Unschuldsbeteuerung zur Kenntnis.
"Für mich als Beklagte kommt eine Weiterführung dieser Ehe auch nicht mehr in Frage.“, sagte ich ohne zu zögern. Ich verschwieg auch nicht, dass ich eine neue Beziehung habe und das Urteil als Ehebrecherin nicht anzweifeln werde.

Trotz dieses Makels wurden Minuten später die beiden gemeinsamen Söhne durch Zuweisung der elterlichen Gewalt an mich übertragen. Ein siegessicheres Lächeln huschte über mein Gesicht, als ich die Begründung hörte:
"Die Beklagte ist offensichtlich ohne weiteres imstande die Kinder ordentlich aufzuziehen.“

Nach dem offiziell ausgesprochenen Schuldspruch und den versöhnlichen Wünschen des Gerichtspräsidenten für eine gute Zukunft verliess ich emotionslos den Gerichtssaal. Auf der Steintreppe vor dem Gebäude lüftete ich meinen Kopf durch und streifte den Mief der letzten Stunde ab. Ich gab meinem Ex-Ehemann zum Abschied nochmals die Hand und wünschte ihm alles Gute.
Nun war ich allein. Ich setzte mich auf die Bank vor dem gedeckten Eingangsportal und schaute zum weinenden Himmel. Tränen erlösten mich von meinem inneren Druck und ordneten meine benebelten Gedanken. Dann hörte es auf zu regnen und in mir stieg ein Wohlgefühl auf, so als möchte es mir sagen: Du schaffst es!
Ich blieb noch eine Weile sitzen und liess die letzten Monate nochmals an mir vorüberziehen. Seit der damals alles entscheidenden Aussprache mit Michael wurde ich von ihm ausspioniert. Er scheute sich nicht für die Spitzeldienste auch seine Kollegen einzuspannen. Mit seiner Mitleidstour hetzte er gemeinsame Bekannte gegen mich auf und versetzte mich damit in ein wahres Spiessrutenlaufen.

Diese Last war nun vorbei, dafür war ich glücklich, dass mir als Ehebrecherin das uneingeschränkte Sorgerecht für die beiden Buben anvertraut wurde.

Mit dem Titel „Ehebrecherin“ konnte ich leben.

 

 

Zwei konträre Familien stossen aufeinander
Seite 10
Seite 10 wird geladen
10.  Zwei konträre Familien stossen aufeinander

Ich war nun frei und ab sofort begann für mich ein neues Leben. Trotzdem marterten mich viele Fragen.
Gehen meine intimsten Wünsche in Erfüllung? Wird sich Paul nun auch wirklich für mich entscheiden, oder war ich eventuell nur interessant als Spiel mit einer verheirateten Frau, ohne Verpflichtungen?
Diese Fragen konnte ich in dieser ersten Nacht nach der Scheidung nicht abschliessend klären. Bis heute lebten Paul und ich nur von der Liebe, ohne gegenseitige Verantwortung. Mir wurde klar, dass ich nun entwurzelt wurde von einer liebevollen Familie meines Ex-Mannes, aber auch von meinen Turnkolleginnen.
Leonards Familie liebte mich und hatte sich verständlicher Weise nach der Trennung von mir gelöst. Auch die lustige Atmosphäre mit den Turnerinnen hatte sich verkrampft und ich verzichtete vorerst auf meine liebgewonnen Turnstunden.

Paul versicherte mir zwar immer wieder für mich da zu sein, aber war diese Aussage auch ernst gemeint? Habe ich vielleicht doch zu hoch gepokert? Erlebe ich im Moment nur eine Verliebtheit? Werde ich von Paul wirklich geliebt, oder suchte er in seinem verletzten Stolz über seine Scheidung, eine liebenswerte Gespielin? Werde ich von seiner Familie freudig aufgenommen?
Ja, Fragen, Fragen und nochmals Fragen hämmerten pausenlos an meine Schläfen. Nur eines war Wirklichkeit, ich werde zukünftig als alleinerziehende Mutter meiner beiden Söhne intensiv gefordert sein. Klar war auch, mein toller Beruf als Kauffrau und die gute Anstellung im Elektrizitätswerk geben mir sozialen Halt, sodass mich  keine finanziellen Sorgen plagen.

So nahm ich den ersten Tag nach meiner Scheidung mit viel Elan und Begeisterung an. Für meinen Arbeitsweg brauchte ich fünf Minuten zu Fuss, die ich mit erfrischender Leichtigkeit bewältigte. Im Büro wurde ich von meiner Kollegin herzlich als „Single“ begrüsst und der Chef persönlich wünschte mir viel Glück für die Zukunft und anerbot jederzeit ein offenes Ohr für mich zu haben. Der aufmunternde Empfang war wie Balsam auf eine geschundene Seele.
In den nächsten Wochen stieg mein Wohlgefühl stetig an. Ich bewältigte meine Aufgabe als alleinerziehende Mutter, Geliebte, Berufsfrau, Haushälterin – eben Managerin -  in allen Bereichen vorbildlich und die Gesundheit profitierte ebenfalls. Ein weiterer positiver Effekt waren die Treffen mit Paul, ich musste mich nicht mehr verstecken.
Auch meinen beiden Söhnen stellte ich Paul vor, damit sie eingebunden waren in die neue Beziehung . Sie begegnetem ihm mit Respekt und akzeptierten seine gelegentliche Anwesenheit bei uns. Ich war glücklich über die gegenseitige Anerkennung.

Schon bald musste ich aber einen Tiefschlag einstecken. Daniel als Zweitklässler wartete eines Mittags weinend an seinem Zimmerfenster auf meine Rückkehr von der Arbeit. Dann erzählte er schluchzend den Vorfall in der Schule. Ein älterer Schüler hatte ihn auf dem Pausenplatz ungeheuerlich verletzt mit den Worten:
„Deine Mutter ist eine Hure, sie hat deinen Vater wegen eines anderen Mannes verlassen.“ Diese Aussage traf auch mich bis ins innerste Mark. Beide Söhne und ich hielten uns fest und weinten.
Gemeinsam klopften wir bei der Familie des Schülers an und knüpften den Knaben in Anwesenheit seiner Eltern vor. Entsetzt über den Vorfall auf dem Pausenplatz erklärte die Mutter des Jungen traurig: „Ich kann die verletzenden Worte meines Sohnes nicht verstehen.“ Eine Entschuldigung tat uns dreien gut und wir nahmen sie dankend entgegen.

Dann nahten die ersten Weihnachten und mein Ex-Mann forderte den Heiligen Abend mit den Söhnen zu verbringen. Ich willigte ein, weil die Feier jeweils bei seinen Eltern stattfand und äusserst feierlich zelebriert wurde.
Als Leonard die Buben am Weihnachtstag abholte erlebte ich eine unglaubliche Geste. Meine Söhne sagten: „Mami bist du heute Abend bei Paul, sonst gehen wir nicht weg.“
Ich war gerührt und sagte: „Ja, ich werde heute Abend mit Paul feiern.“
Sichtlich erleichtert sah ich dann wie die beiden vor dem Einsteigen ins Auto von Leonard  mir nochmals zuwinkten.
Ich ging dann zu Paul, der ebenfalls das erste Weihnachtsfest alleine verbringen musste. Wir verbrachten dann einen ruhigen Abend in seiner Stube und sahen fern. Als wir dann das Stille Nacht, heilige Nacht hörten liess ich meinen Tränen freien Lauf. Ich war aber in diesem Moment nicht alleine mit meinen Emotionen, in Pauls Augen schimmerten ebenfalls Tränen. Wir umarmten uns dann innig und linderten so unsere Gemütsbewegung.

Im Herbst des folgenden Jahres erschütterte ein schwerer Unfall unsere kleine Familie. Daniel und sein Freund Thomas spielten vor dem Wohnhaus. Nach einer Weile klingelte es an meiner Wohnungstüre und Thomas stand aufgeregt und mit den Händen gestikulierend da.
„De Dani hät nu no eis Bei, chond sie schnell use!“, schrie er weinend.
Wir beide rannten sofort auf den Vorplatz hinaus wo Daniel unter einem Baum lag. Sein Bein war zwar noch vorhanden, aber total nach hinten abgedreht. Mir wurde sofort klar, dass er dringend ins Spital gebracht werden musste. Bevor ich weitere Schritte unternahm stand bereits ein älterer Herr vor mir und anerbot Daniel ins Spital nach Münsterlingen zu fahren. Eine grossartige Geste von einem bisher unbekannten Nachbarn der den Unfall beobachtet hatte.
Daniel hatte den Oberschenkel gebrochen und musste acht Wochen in der Klinik liegen. Dies war eine sehr schwere Zeit für Patrick und mich. Daniel hatte Heimweh und unsere täglichen Besuche endeten jeweils in einem Tränenmeer.

In dieser schwierigen Zeit beschäftigte mich nicht nur das Leiden von Daniel, sondern das unverständliche Verhalten von Paul. Ich musste bitter feststellen dass er sich von einem kurzen Besuch im Spital drückte. Warum nur?
Daniel hingegen fragte immer wieder nach ihm. Ich beschwichtigte mein Sohn dann mit der lapidaren Notlüge: „Paul hat sehr viel Arbeit.“

Ja, Paul hatte als selbständig Erwerbender, einer Schlosserei mit drei Angestellten, hatte  wirklich viel Arbeit, aber ein kurzer Besuch wäre trotzdem möglich gewesen.
Ich entschuldigte seine Abwesenheit grosszügig, obwohl es mich innerlich verletzte. In solchen Momente zweifelte ich immer wieder an der Aufrichtigkeit der Beziehung, schliesslich gehörten meine beiden Söhne bedienungslos in unsere Beziehung.
Im nächsten Liebesrausch warf ich aber meine negativen Gedanken wieder von Bord.

Paul wurde in der Zwischenzeit ebenfalls geschieden. Er lebte im Elternhaus im Parterre und seine alte Mutter im ersten Stock. In seinem Wohnzimmer stellte er mir etwas später seine beiden Töchter vor. Es war eine steife Angelegenheit und ich kam mir vor wie ein Möbelstück das begutachtet wurde. Die Kälte, die mir entgegen gebracht wurde glich einem Eisberg. Verständnis für diese Ablehnung der beiden Mädchen, erklärte ich mir einzig im langen Scheidungskrieg den Paul mit seiner Ex-Frau ausgefochten hatte. Die Töchter drängten mich in die Rolle der Rivalin ihrer Mutter, obwohl ich nicht der Grund dieser Trennung war. Ich versuchte die Unhöflichkeit dieser ersten Begegnung zu verdrängen und hoffte auf eine nächste Möglichkeit unter einem besseren Stern. Mir fiel bei diesem Treffen auf, dass die beiden Mädchen Paul mit dem Vornamen ansprachen und nicht Papa sagten. Die spätere Nachfrage bei ihm ergab, dass dies in seiner Familie üblich sei und die Mutter der beiden ebenfalls mit dem Vornamen angesprochen werde. Ich fand diese eigenartige Anrede speziell und war froh, dass diese Ansprechvariante bei uns zuhause noch die traditionelle Gewohnheit war.
Traurig und etwas unsicher ging es mir durch den Kopf: Habe ich mir eine solche Familie gewünscht und wie wird es in Zukunft sein? Die Familie meines Ex-Mannes nahm mich herzlich auf. Ein kurzes Bedauern über meinen getroffenen Entscheid Leonard zu verlassen konnte ich in diesem Moment nicht leugnen.

Paul hatte auch noch eine acht Jahre ältere Schwester. Sie war Witwe und lebte in St. Gallen. Am Wochenende logierte sie bei ihrer Mutter in Kreuzlingen. So kam es unverhofft zu einer unwürdigen Begegnung mit ihr. Ich hielt mich in Pauls Wohnung auf, weil meine beiden Söhne beim Vater waren. Während Paul sich kurz in seinem Geschäft aufhielt, lüftete ich seine Wohnung durch. Als ich das Stubenfenster öffnete blickte ich frontal in das Gesicht einer fremden Frau, die im Garten hantierte. Ohne Begrüssung fauchte diese mich an: „Was machen sie in der Wohnung meines Bruders? Sie haben hier nichts verloren.“ Ohne eine Antwort zu geben schloss ich das Fenster und setzte mich konsterniert auf das Sofa und wartete auf die Rückkehr von Paul. Ich erklärte ihm den unfreundlichen Vorfall. Genervt sagte er: „Nimm es nicht so ernst, dies ist meine Schwester. Sie ist eine verbitterte Frau und gönnt mir keine Freundin.“
Ich nahm diese Ausrede von Paul zur Kenntnis, reihte sie aber in die gleiche Ecke wie die erste Begegnung mit den Töchtern ein. Abermals wurde ich den Verdacht nicht los, dass ich in dieser kalten Familie keinen Platz finden würde. Dieses Mal hegte ich sogar kurz Skepsis ob Paul sich gegen seine Familie überhaupt durchsetzen würde.

In den folgenden Wochen gab es für viele Bekannte in der Stadt einen Aha-Effekt, wenn sie Paul und mich zusammen im Ausgang erlebten. Mir blieben dabei weitere negative Erlebnisse nicht erspart. Die Vorstellungen bei Pauls Kollegen endeten jeweils mit primitiven Verletzungen. Deprimierend war, dass sich Paul dabei nicht wohl fühlte, aber trotzdem kein Machtwort sprach. Warum?
Am Freitagabend frönte Paul dem Kegeln und einmal im Jahr wurden die Frauen  zum Nachtessen eingeladen. So stellte mich Paul seinen Kollegen vor und weil ich Nichtalkoholikerin war verpassten mir die Herren gleich den Titel Landpomeranze. Ich fühlte mich in dieser Herrenrunde, mit einem Altersdurchschnitt von über sechzig Jahren, sichtlich unwohl. Zudem traf ich zufälligerweise auf den Grobian, der mir vor über zehn Jahren in der ersten Wohnung in Kreuzlingen, eine Ohrfeige verpassen wollte.
Paul als jüngstes Mitglied im Club fühlte sich angeblich auch nicht heimisch, aber seine Motivation war kollegialer und geschäftlicher Natur. Kurze Zeit später gab er seinen Austritt, ob aus Liebe zu mir blieb sein Geheimnis.

 

Nichtschwimmerin wird Matrosin
Seite 11
Seite 11 wird geladen
11.  Nichtschwimmerin wird Matrosin

Paul hatte eine weitere Leidenschaft. Als Wasserratte liebte er das Segeln auf dem Bodensee. Seit seiner Kindheit war er auf dem See zuhause. Die erste Jolle zimmerte er mit seinen Kollegen als Schulbub zusammen. So verbrachte er seine Freizeit im Sommer meistens auf dem Bodensee. Als pflichtbewusster Unternehmer verlagerte er seine Prioritäten auf das Geschäft und verdrängte das Segeln etwas in den Hintergrund. Gefestigt im Berufsleben und mit neuer Freundin wollte er seine Leidenschaft wieder beleben. So versuchte er mir das Schifferleben schmackhaft zu machen.

Oh je! Was am Bodensee nicht unmöglich ist, passierte mir. Ich verliebte mich also in einen Segler und schon bald dämmerte es mir, welchen Fisch ich an Land gezogen hatte. Paul war nicht nur Segler, er hatte auch ein eigenes Boot. Unvoreingenommen liess ich mich auf das schnittige Segelboot zu einer Fahrt einladen.
"Willkommen auf der Giriz“, so hiess das Boot, flötete Paul, als ich vorsichtig auf dem Deck ins Cockpit tappte. Mangels Reling krallte ich mich am Grossbaum fest, so hiess der Holzpfahl, der mit einem weissen Tuch umwickelt war.
"Komm wir machen einen Schlag“, sagte Paul, während er bereits am Aussenbordmotor hantierte.
"Einen Schlag!“, empörte ich mich entsetzt und schaute ihn verwirrt an.
"Ja, heute ist ideales Segelwetter, ruhige See und aalglattes Wasser, also gut für Neulinge.“, bekräftigte Paul sein Vorhaben.
Gut, das Rätsel löste sich nun. Der nautischen Ausdrücke nicht mächtig, atmete ich erleichtert auf: „Aha, wir fahre hinaus.“
"Ja, du kannst den Matrosen spielen, ich gebe dir die Kommandos.“
Mamma mia, Paul weiss doch gar nicht, dass ich nicht schwimmen kann und was meinte er mit Kommandos?
Buh….. Augen zu und durch, befahl ich meiner Abneigung.

Mit grosser Ruhe hantierte Paul an den Seilen herum, die ein grosses Tuch hochzogen. Dabei versuchte er seiner ahnungslosen Matrosin die nautischen Kommandos beizubringen. Es wurde ein anstrengender Ausflug. Die vielen neuen Ausdrücke überforderten mich. Dazu kam auch noch das schlechte Gewissen, Paul nicht klaren Wein eingeschenkt zu haben, dass ich Nichtschwimmerin bin.
Mit einem kurzen Stossgebet zum Himmel überstand ich die Segelfahrt ohne Trauma. Erleichtert dass die Seefahrt zu Ende war verliess ich im Hafen die „Giriz“ am Arm von Paul.
"Du hast die tapfer geschlagen als Neuling in der Seefahrt“, rühmte er mich.
"Ja, das glaube ich auch, sogar recht gut für eine Nichtschwimmerin“, gab ich provozierend zurück.
"Was…sagst…du? Du kannst nicht schwimmen? Ist dir überhaupt bewusst was passiert wäre, wenn du über Bord gefallen wärst?“, entsetzte sich Paul.
"Ja, ja, beruhige dich, es ist gut gegangen. Ich bin schon länger Nichtschwimmerin – als Seglerin!“
"Ich fasse es nicht das war äusserst fahrlässig. Wenn du wenigstens die Schwimmweste angezogen hättest.“
Wortlos verliessen wir beide den Hafen. Paul immer noch in Schreckstarre und ich angespannt, weil ich das zarte Pflänzchen meiner Liebe davon schwimmen sah.
Ja, eine Nichtschwimmerin und ein Segler sind wahrlich nicht das ideale Paar.
Beim Nachtessen fragte Paul wieder gefasst und mitfühlend: „Hattest du wenigstens ein bisschen Freude auf der Segelfahrt?“
"Ja, sicher. Am meisten bei der Einfahrt in den Hafen“, lachte ich.
"Sicher wird dir das Segeln mit der Zeit auch Spass machen. Nur, du solltest unbedingt schwimmen lernen“, sagte Paul nicht uneigennützig.
Dieser Ratschlag musste ja kommen. Ich verschwieg, dass ich bereits zweimal die Schwimmschule als Nichtschwimmerin beendet hatte.

Ja, ich hatte tatsächlich zweimal den Orden „Nichtschwimmerin“ verdient und das kam so:
Als Jugendliche in Widnau erlebte ich ein einmaliges Ereignis. Das benachbarte Dorf Berneck baute ein öffentliches Schwimmbad mit Springturm. Auf grossen Reklametafeln lockten die Betreiber Besucher an. Schwimmer köderten sie mit der Spitzensportkeule ins Wasser und die Nichtschwimmer wurden animiert innerhalb von nur acht Wochen diesen gesundheitsfördernden Sport zu erlernen. Immer wieder las ich die verführerischen Werbesprüche. Dieser Aufruf beflügelte mich dann, den angebotenen Schwimmkurs zu besuchen. Mit meinem Elan motivierte ich auch meine jüngere Schwester Theres  mitzumachen. Voller Begeisterung nahmen wir den einstündigen Fussmarsch ins Schwimmbad in Kauf, um die nötigen Instruktionen für das Vorhaben kennen zu lernen. Damit wir in dieses angeblich lebenswichtige Fach Schwimmen eintauchen konnten, gab der künftige Trainer die notwendigen Bestimmungen bekannt.
Ich hörte ihn sagen: „Es ist Pflicht einen Badeanzug und eine Badekappe zu tragen. Zudem muss das Kursgeld von fünf Franken für die acht Lektionen bei Beginn bar bezahlt werden.“
"Um Himmelwillen!“, sagte ich zu Theres. „Wir haben weder das eine, noch das andere. Wie kommen wir bis zur ersten Lektion in einer Woche zu diesen Sachen?“ Die Meinung der Eltern kannte ich auswendig. Schwimmen ist nicht notwendig und kostet nur eine Stange Geld.
Trotzdem brachte ich das Anliegen zuhause vor, um gleich mit voller Wucht das „Nein“ zu kassieren.
"Wir sind eine Grossfamilie und können nicht jedem Kind seine extravaganten Wünsche erfüllen!“, brüllte Mama durch die Küche und zwar in einer Lautstärke, dass sogar der Nachbar Zeuge der Absage wurde.
So schlitterte ich mit dem Thema Schwimmen in eine Niederlage. Diese Schlappe erzeugte in mir aber keine Resignation, sondern Ehrgeiz und Widerstand. In den nächsten Tagen hatte ich nur einen Gedanken: Wer könnte uns helfen?

Auf dem Schulweg ging ich am Haus einer gut betuchten Nachbarsfamilie vorbei. Auf dem Liegestuhl im Garten räkelte sich die Tochter in einem bunten Badekleid.
Ohne lange zu überlegen fragte ich:
"Haben Sie vielleicht einen weiteren Badeanzug, den sie nicht mehr brauchen?“
Ich erklärte der Nachbarin den unerfüllbaren Wunsch. Diese stand auf und sagte:
"Warte einen Moment.“ Sie verschwand im Haus und ich sah dem wippenden Gang des eleganten Fräuleins nach.
Am Gartenhag angelehnt philosophierte ich: Sehe ich in einem Badekleid auch so toll aus?
Bevor ich weitere Wunschträume wälzte, überreichte mir die Nachbarin zwei Badekleider mit dazu passenden Kappen und sagte: „Es sind halt nicht mehr die neuesten Modelle.“
Mit glühenden Wangen stammelte ich: „Danke vielmals, für mich sind diese Badekleider die schönsten.“
Während ich selig nach Hause rannte, hörte ich die Geberin noch rufen: „Viel Glück beim Schwimmen lernen!“
Minuten später standen Theres und ich im neuen Badeanzug vor dem Spiegel und waren glücklich.
Jetzt fehlte uns nur noch das Geld für den Kurs. Woher nehmen ohne zu stehlen? Taschengeld hatten wir nicht und die Absage von Mama für den sinnlosen Kurs steckte uns noch in den Gliedern. Ich musste also eine erfolgsversprechende Beschaffungsmöglichkeit suchen. In Gedanken klapperte ich alle Verwandten ab, die als Spender in Frage kommen könnten. Dann kam mir die rettende Idee, meine Patin.

Im Rheintal war es damals Tradition, dass ein Patenkind am Neujahrstag von der Gotte zum Mittagessen eingeladen wurde und als Geschenk einen silbernen Fünfliber und einen selbstgebackenen Zopf mit nach Hause nehmen durfte.
Meine Patin war Tante Ida, die Schwester meiner Mama. Sie bewirtschaftete mit ihrem Mann einen grösseren Bauernhof im Dorf und hatte vier Kinder. Sie kannte also die exotischen Wünsche der Jungen aus eigener Erfahrung. Die Idee der Geldbeschaffung war geboren.
Nach der Schule schlenderte ich hoffnungsvoll, aber auch etwas nervös, zum Hof meiner Gotte. Minutenlang stand ich am Dorfbach, der direkt am Landwirtschaftsbetrieb meiner Patin vorbei floss und stierte ins fliessende Wasser. Ich suchte nicht nach möglichen Fischen, sondern feilte an einer überzeugenden Wortwahl für meine Bitte. Dann betrat ich die Küche, wo meine Gotte gerade Kartoffeln für das Abendessen schälte.
"Grüezi Gotte Ida“, sagte ich mit fröhlicher Stimme und wechselte dann gleich zu einer ernsthaften Miene: „Ich habe ein grosses Anliegen mit dir zu besprechen.“
"Setz dich zu mir auf die Bank und schiess los“, ermunterte sie mich.
Wie ein Geschoss platzte der sorgfältig zurechtgelegte Satz aus meinem Mund.
"Könnte ich in diesem Jahr den Neujahrs-Fünfliber früher bekommen?“
Dann schilderte ich meinen Wunsch, den Schwimmkurs zu besuchen. Nach einem längeren Wortwechsel wurde die Gotte weich und versprach mir zu helfen.
Ich holte Luft und verdoppelte sofort meinen Wunsch. Ich musste für meine Schwester ebenfalls Geld beschaffen. Theres hatte keine Möglichkeit ihre Patin anzusprechen, diese lebte in den USA.
"Gut ich gebe dir die beiden Fünfliber als Kredit. Dafür bekommst du in den nächsten zwei Jahren keinen Batzen zum Neujahr.“, rechnete mir die Parin mit strenger Miene vor.
"Danke, danke vielmals!“, freute ich mich.
Wonne und Stolz vermischten sich auf dem Heimweg und ich sah mich bereits als zukünftige Schwimmerin.

Voller Freude marschierten Theres und ich am Samstag zum Schwimmbad Berneck. Warme Sonnenstrahlen begleiteten uns in den bunten Badekleidern zum Sammelplatz. Vor dem Becken mit dem Springturm standen Minuten später zwölf Nichtschwimmerinnen ihrem Kursleiter gegenüber.
Herr Sieber wird uns doch nicht von diesem Turm ins Wasser jagen?
Ging es mir ängstlich durch den Kopf. Bevor sich meine Angst aber in eine Panik verwandelte stand ich brav, wie befohlen, in der Kolonne vor der Leiter, welche direkt zum Absprungbrett führte.
Theres fing an zu weinen, fand aber keine Gnade vor dem strengen Lehrer. Bereits als erste musste sie die Leiter hoch klettern. Den Absprung zögerte sie immer wieder hinaus, bis dem Lehrer der Geduldsfaden riss und er ihr zurief: „Entweder du springst jetzt oder ich helfe nach!“ Als kleine Hilfestellung ergänzte er noch: „Es passiert dir nichts, dafür sorge ich.“
Theres sprang, platschte ins Wasser, ging unter, kam wieder hoch, schluckte Wasser und brüllte wie ein Stier! Bevor sie aber das Becken leer trank, hievte sie Herr Sieber in die Höhe und schwamm mit ihr an den Beckenrand.
Nach diesem Drama gingen wir restlichen Teilnehmerinnen gesittet die Leiter hoch und liessen uns, wenn auch widerwillig, ins Wasser plumpsen. Den provokativen Start ins Schwimmerleben hatten wir nun hinter uns gebracht, schlimmer konnte es nicht mehr werden.

Auf dem Heimweg waren meine Schwester und ich auffallend still. Die erste Lektion hatte uns die Sprache verschlagen. Nach einigen Minute fragte Theres leidend: 
"Hast du dir das Schwimmen auch so schrecklich vorgestellt?“
Ich beschwichtigte sofort und beruhigte meine Schwester: „Nächste Woche wird es sicher besser gehen.“
Innerlich kämpfte aber auch ich mit der Abneigung gegen das Paddeln. Um diesem Tag doch noch etwas Positives abzugewinnen sagte ich: „Wir hatten immerhin sehr schöne Badekleider.“
Die Lust auf das Schwimmen hatte sich aber auch bei mir nach dieser ersten Lektion markant verringert. Aber aufgeben kam nicht in Frage. So gingen wir beide in den nächsten Wochen pflichtbewusst ins Schwimmbad und versuchten das Glück jedes Mal von neuem.

Nach einigen Lektionen konnten die meisten Mädchen schwimmen. Zu den Unbeholfenen gehörten nur die beiden Schwestern. Sobald ich im Wasser meine Künste zeigen wollte, blieb es beim Versuch. Ich ruderte ständig wie wild, aber vorwärts ging es keinen Meter. Alle gut gemeinten Ratschläge von Herrn Sieber fruchteten nicht und ich kam zur Erkenntnis: Wir beide sind total ungeeignet für den Schwimmsport. Um nicht als Versagerinnen abgestempelt zu werden, besuchten wir den Kurs bis zum letzten Tag. Einerseits war aufgeben nicht meine Art und zweitens hatte ich zwei Neujahrsbatzen dafür investiert.
Dennoch war für mich klar: Ich bin zur Nichtschwimmerin verdammt!

Einige Jahre später nach dem Umzug nach Kreuzlingen an den Bodensee holte mich das Thema Schwimmen erneut ein.
Als aktive Turnerin absolvierte ich die wöchentlichen Ertüchtigungsübungen mühelos und mit grossem Eifer. Nur einmal im Jahr hätte ich gerne geklemmt. Zum Jahresabschluss gönnten wir Turnerinnen uns einen besonderen Höhepunkt. Wir wechselten von der Turnhalle ins Hallenbad.
„Oh je!“ Statt neidisch vom Beckenrand die Runden der Kolleginnen zu bewundern, liess ich mich für einen erneuten Schwimmkurs erwärmen. Überzeugt davon, dass es diesmal klappen würde startete ich mit fünf weiteren Damen die Übungen.
Eine kleine, rundliche Lehrerin strahlte Optimismus aus und erleichterte damit den Einstieg. Für die perfekten Trockenübungen bekam ich das erste Lob. Ich freute mich darüber, wusste aber, bis zu diesem Lernabschnitt hatte ich schon als Jugendliche gute Noten bekommen. Die nächsten Lektionen im Nichtschwimmerbecken, mit Schwimmhilfen entfachten in mir die ersten Hoffnungsschimmer. Mit den Armbewegungen brillierte ich und war somit in bester Gesellschaft in dieser Frauengruppe. Dann kamen die Übungen mit den Beinen dazu. Nur, diese beiden Stelzen wollten partout den Bodenkontakt nicht freigeben! Die Kolleginnen ruderten bereits elegant ihre Runden im Becken, nur ich stand noch wie eine Säule im Wasser. Enttäuscht beendete ich den Kurs ein weiteres Mal ohne Erfolg.
Ja, das Wasser hatte wirklich kein Mitleid mit mir und bescherte mir den Orden „Nichtschwimmerin“.
Resigniert tröstete ich mich:
Im Wasser habe ich nicht die Geschmeidigkeit eines Fisches, dafür bin ich im Alltag kein aalglatter Mensch!
Ja, diese beiden misslungenen Schwimmversuche hatte ich Paul verschwiegen, bevor ich als Matrosin auf der „Giriz“ herum turnte.

Trotz der Tatsache dass sich Paul in ein Landei verguckt hatte das nicht schwimmen konnte, wollte er das nächste Wochenende wieder mit mir auf dem Segelschiff verbringen. Die Einladung ermunterte mich, aber vor allem freute ich mich auf die Stunden mit ihm.  Am Samstagmorgen legten wir im Heimathafen ab und peilten Friedrichshafen an. Ich freute mich darauf diese Stadt kennen zu lernen. Zuerst konzentrierte ich mich aber die Aufgaben als Matrosin zur Zufriedenheit des Kapitäns zu erledigen. Ich bewegte mich, mit der Schwimmweste, sehr sicher und vor allem mit der Gewissheit im Visier von Paul zu sein.
In der Zeppelinstadt flanierten wir durch die einladende Uferpromenade in die Altstadt. Gegen Mitternacht kehrten wir dann in unser Liebesnest zurück und machten es uns auf einer der beiden länglichen Liegeflächen bequem. Bei einer gesamten Schiffsbreite von 1.80 Meter brauchte es keinen Rechenschieber um die Bettbreite zu berechnen. Aber bei Liebenden zählen ja nicht die Zentimeter, sondern die innige Nähe!
Um eine Erfahrung reicher verliess ich am Sonntagabend die „Giriz“ im Heimathafen. Es war ein tolles Wochenende.

Diese schönen Segeltörns wiederholten sich in den nächsten Wochen immer wieder und Paul stellte mich mit Stolz seinen Kollegen vor. Ich wurde freundlich aufgenommen in den Seglerkreisen, glaubte ich.
Es war aber meiner Aufmerksamkeit nicht entgangen, dass ich als Landei und Nichtschwimmerin eine grössere Angriffsfläche bot als der Vorsegel im Wind.
Ich registrierte die hämischen Bemerkungen bei geselligen Anlässen mit einem Achselzucken. Meine Priorität galt dem richtigen Bedienen der „Giriz“ und konnte mich dabei auf die Unterstützung von Paul verlassen. Ungeachtet der Nörgler und Besserwisser verbrachte ich viele lehrreiche Stunden auf dem Schiff und fühlte mich äusserst wohl.
Ich holte die Segel auf dem Vorschiff bei schönem, wie auch bei stürmischem, Wetter ohne Mühe ein, auch ohne Reling.
Trotzdem holte mich das Thema „Schwimmen“ immer wieder ein. Bei Clubausfahrten vergnügten sich die anderen Mitglieder im Wasser und mir blieb das Beobachten der Wasserratten vom Deck der „Giriz“. Dann fragte ich mich immer wieder:
Warum bin ich zu blöd zum Schwimmen?“

Mit der Zeit sah ich meiner Schwäche gelassen in die Augen und konzentrierte mich dafür auf das Steuern der „Giriz“. Dieses Gefährt war mir gut gesinnt und gab mir die Geborgenheit auf dem Wasser, welche mir das Schwimmen nicht vermitteln konnte.
Schnell vertiefte ich mich in die Seemannssprache. Gerade weil ich als Nichtschwimmerin abgestempelt war, musste ich mindestens mit den nautischen Ausdrücken brillieren können. Bei Manövern und in geselligen Runden wurde jeglicher Fehler perfid durch die Mühle gedreht. So lernte ich stundenlang die nautischen Ausdrücke: Mast, Takelage, Beschläge, Art der Besegelung, Krängung, perfekte Segelstellung, Spinnacker und viele mehr, in eine handfeste Umsetzung zu verwerten.

Ja, die hochdekorierten Freizeitkapitäne legten grossen Wert auf einen seemännischen Umgang und der elegante, dunkelblaue Blazer mit goldenen Achselpatten hob sie erhaben von dem einfachen Matrosen ab. Ich hatte Glück, Paul war seit seiner Jugend Segler und kannte die Tücken des Bodensees, aber auch die Macken der Wassersportler. Er zeigte Verständnis für die anfängliche Unbeholfenheit von mir, hoffte aber insgeheim aus dem Landei eine gute Matrosin zu machen.
Matrosin – nicht Frau Kapitän!

In den nächsten Jahren war die „Giriz“ von Frühling bis Herbst in der Freizeit das Zuhause von mir. Das Schiff bot zwar eine karge Unterkunft. Die Stehhöhe in der Kajüte war für Liliputaner gedacht, dafür waren die schmalen Liegeflächen ein Seelenschmaus.
Ich liebte in der Zwischenzeit jede Einzelheit auf dem Schiff. Mein ganzer Stolz war aber, als Steuerfrau auf der Holzbank im Cockpit sitzend die Pinne zu bedienen. Egal ob bei Flaute, starkem Wind, Ausweichmanövern oder Richtungsänderungen, stets reagierte ich konzentriert. Ich genoss die Ruhe und das Zischen der weggeschobenen Wellen. Selbstverständlich war ich immer dem aufmerksamen Auge des Kapitäns ausgesetzt. Er bemerkte jeweils jeden kleinen Fehler und dann wurden keine Liebeserklärungen gehaucht, nein, herrische Belehrungen gebrüllt.
Die feindseligsten Minuten auf der Schifffahrt waren jeweils die Anlegemanöver in den Häfen. Die Anspannung begann bereits hundert Meter vor dem Einlaufen.
"Sind die Leinen parat?“, tönte es dann vom Cockpit, wo inzwischen der Kapitän persönlich die Pinne führte.
Auf der Mole stand meistens der Hafenmeister, winkte dem Kapitän freundlich zu und verwies ihn auf einen freien Hafenplatz. Der arbeitenden Matrosin auf dem Vorschiff schenkte er nur ein müdes Lächeln.
"Bist du bereit zum Anlegen, wir nehmen Platz 102 vorne links“, schallte es dann patriarchalisch in Richtung Bug.
"Ja klar!“, versuchte ich dann meine aufkeimende Wut zu zügeln.

Wendig bewegte ich mich auf dem Vorschiff beim Einlaufen in den Hafenplatz von links nach rechts und wieder zurück, bis das Schiff fest vertäut war. Die immer lauter werdenden Kommandos des Kapitäns schluckte ich missmutig hinunter.
Endlich, die „Giriz“ war bezwungen und die Schiffscrew hatte die normale Tonlage wieder gefunden. Die anschliessende Verschnaufpause benützte ich dann um mich selber auf die Schulter zu klopfen:
"Ist das nicht eine grossartige Landung für eine Nichtschwimmerin?“, provozierte ich meinen Geliebten.
"Absolute Konzentration und Beachtung der Befehle gehört zur Seefahrt“, verteidigte sich Paul, immer noch in der Kapitänsrolle!
Ich liess nicht locker und erwiderte selbstbewusst: „Welche Nichtschwimmerin hätte sich auf einem Boot ohne Reling bewegt wie zuhause auf dem Stubenboden? Aber ich verstehe, der Kapitän hat immer recht, auch wenn er einen Seich kommandiert!“
Ein kurzes Anstossen auf die perfekte Landung senkte dann kurze Zeit später die Anspannung und mit einer Umarmung wurde der Tonfall zweier Liebenden wieder hergestellt.

Jedes Jahr beteiligte sich Paul an der Clubregatta, neu nun mit mir als Matrosin. Obwohl die „Giriz“ ein Rennboot war, belegten wir beide stets die hinteren Ränge. Selbstverständlich hatte die Matrosin versagt; am Wind die Segel nicht richtig getrimmt und um die Bojen zu langsam manövriert. Die Liste der begangenen Fehler nahm ich während der Feldpredigt des Kapitäns zur Kenntnis, aus der Fassung brachten mich die Belehrungen aber nicht. Ich quittierte die teils ungehobelten Worte mit dem passenden Eintrag ins Log.

Segeln kann jeder lernen,
der eine kann’s schneller,
der andere hat etwas länger.
Jemanden liebhaben und verstehen,
das ist Charaktersache und
kann nicht gelernt werden!

Fünf Jahre begleitete ich die „Giriz“ im Frühjahr seetüchtig aus dem Winterlanger ins Wasser. Die Saison hindurch polierte ich sie auf Hochglanz und freute mich über die bewundernden Blicke der Mitsegler. Im Herbst verabschiedete ich dann meine beste Freundin mit einem wehmütigen Blick ins Winterlager. Während der Schiffssaison lernte ich verschiedene Häfen auf schweizer-, deutscher- und österreichischer Seite kennen. Ich vertraute aber nicht nur meinem guten Gedächtnis, sondern führte akribisch ein Logbuch. Dieses Tagebuch war nicht nur aus nautischer Sicht wertvoll, sondern beherbergte auch Pech und Pannen, wie auch der teilweise rüde Umgangston zwischen der Crew.

Einige Beispiele gefällig:

Während eines lustigen Trinkgelages im Heimathafen machte sich die teure Sonnenbrille von Paul selbständig. Mit stolzem Blick nach oben näherte sie sich langsam dem Bodenseegrund und machte es sich im Schlamm gemütlich. Die Selbstversuche mit dem Bootshaken misslangen kläglich. Die Brille machte keine Anstalten sich an die Zinken des Hakens zu klammern. Erst ein herbei gerufener Taucher entriss das gute Stück dem schlammigen Boden und gab das Nasenvelo dem Eigner zurück.

***

Im Hafen von Hagnau versenkte ich während des Ablegemanövers den Bootshaken. Oh je! Es war kein 08/15-Haken, nein, er gehörte zum Schiffsinventar und hatte einen Stiel aus Teakholz. Alle Versuche ihn zu bergen scheiterten kläglich. Seither ruht er auf dem Grund als illegaler Gast in Deutschland.

***

Die Heimfahrt an einem Sonntagnachmittag von Friedrichshafen nach Kreuzlingen wurde zur Irrfahrt. Kapitän Paul hat bei dichtem Nebel die Orientierung verloren und meine Hinweise auf seinen falschen Kurs in den Wind geschlagen. Als dann das Kornhaus in Rorschach sichtbar wurde, dämmerte es ihm und mit einer abrupten Wende fand er dann doch noch auf die richtige Fährte. Im Heimathafen sind die beiden dann mit einigen Stunden Verspätung eingetroffen.
Fazit: Der Kapitän hat immer Recht – auch wenn er nicht Recht hat!

***

Der Badespass hinter der Insel Mainau endete mit einem Malheur. Die Wegfahrt verzögerte sich, der Motor lief nur das Schiff bewegte sich keinen Meter. Aufgefahren? Nein, es schleudert kein Dreck auf. Getriebeschaden?
Die angebotene Hilfe eines Motorboots nahm die Crew der „Giriz“ gerne entgegen, wäre aber nicht notwendig gewesen. Beim Abschleppen bemerkte ich, dass ich kein Gang eingelegt hatte. Ich wurde dafür mit Häme und Schadenfreude eingedeckt!

***

Ein immer wiederkehrender Eintrag, den nur eingeweihte Böötler auf Anhieb verstehen: Heute war wieder das SBB-Programm angesagt.
"Sünnele – bädele – bürstele!“
Gut, dieser Eintrag verflüchtigte sich von Jahr zu Jahr mehr!

***

Ja, die vielen Einträge sind Zeugen einer ungeschminkten Seefahrerzeit.

Die Schiffssaison 1986 bescherte mir Freude am laufenden Band. Im neu erbauten Yachthafen in Kreuzlingen nahmen Paul und ich unseren eigenen Bootsplatz in Empfang.
Zudem quartierten wir unser neues Segelboot im Heimathafen ein. Im Herbst des vergangen Jahres erwarben wir von einem älteren Ehepaar ihre schöne Mahagoniyacht. Sie war grösser und komfortabler ausgerüstet – und hatte eine Reling! In der Kajüte musste nicht mehr auf den Knien gerobbt werden, sie hatte Stehhöhe. Ein herrschaftlicher Salon für gemütliche Stunden, ein Waschraum mit Toilette und eine total eingerichtete Kombüse. Im Cockpit war ein grosses Steuerrad vor einer weissen Kompasssäule. Auch für Verliebte war vorgesorgt. Im Vorschiff konnten sich zwei Personen angenehm einnisten. Die Schlafkoje war im Dreieck angelegt und sorgte mit zwei Fenstern und einem Oberlicht für genügend Helligkeit und frischer Luft. Verliebte hatten die Möglichkeit die Köpfe zusammen zu stecken oder bei Verstimmung die Füsse aneinander zu reiben. Als Steuerfrau hantierte ich nun nicht mehr an einer Pinne, sondern drehte am riesigen Steuerrad.

Das ganz grosse Hochgefühl erwartete mich im Juni. Inmitten der Seglergemeinschaft fand die Taufe von fünf Booten statt, darunter unsere neue Mistral. Als Mitorganisatorin hatte ich im Vorfeld eine Menge Arbeit auf mich genommen.
Die Wünsche, aber vor allem der Gehorsam der fünf männlichen Kapitäne erforderte mehr als nur Fingerspitzengefühl. Während mancher hitzigen Debatte wäre ich gerne ins kühle Nass des Bodensees gesprungen und davon geschwommen. Diesen genussvollen Anblick konnte ich den adligen Bootsbesitzern leider nicht bieten. Die Taufe hätte abgesagt werden müssen, weil sich die Herren zu Tode gelacht hätten, ob des Gezappels und Geschreis der Nichtschwimmerin!

Dann war es soweit. Am Samstag, 27. Juni 1986 lagen an der Mole fünf beflaggte und mit Blumen geschmückte Schiffe. Sie warteten auf den Moment wo Neptun mit seinem Gefolge aus den Fluten stieg.
Endlich näherte sich ein kleines Schlauchboot, an Bord stand der Neptun mit seinen grünen Haaren und dem Dreizack in der Hand. Begleitet wurde er von seiner Elfe und einem Gehilfen.
Die elegant gekleideten Skipper und ihre geladenen Gäste warteten unterdessen auf der Mole gespannt auf die feierliche Zeremonie.
Der Gott des Meeres stieg unter grossem Applaus auf die Mole und begrüsste alle Anwesenden.

Hochgeschätztes Volk der Segler beiden Geschlechts!
Ich, Neptun, der Allmächtige Herrscher aller Meere, 
der weise Vater des Bodensees,
gebe Euch hiermit kund,
dass ich im Jahre 1986 des Herrn, am 27. Juni,
aus dem edlen Reich unter dem Wasser gekommen bin
um fünf Schiffe zu taufen.
Ihr habt mich an dieses Gewässer gelockt,
um Eure Schiffe zu taufen,
damit sie nach alter Tradition
in die Gemeinschaft der christlichen Seefahrt
aufgenommen werden können.
Ihr lieben Besitzer und Segler,
betreibt Aufwand für Euer Schiff,
versprecht alle Regeln und Gesetze
der Schifffahrt zu achten.
Und versprecht, dies auch zu tun!

Dann schritt das göttliche Trio zur Tat und taufte alle fünf Boote nacheinander auf ihre auserkorenen Namen.
Unser Schiff wurde auf den edlen Namen „Santa Maria“ getauft und Paul gelobte: Ich bin Willens und guten Sinns, alle Regeln und Gesetze der Schifffahrt zu achten und verspreche dies zu tun!“ Sein Versprechen machte er aber nicht ohne einen Blick auf mich, der Frau Steuermann, zu werfen.

In den nächsten Wochen wurden auf der „Santa Maria“ intensiv die Funktionen der Elektronik geübt. Dann starteten wir in die erste Ferienwoche mit dem neuen Schiff. Ich als Steuerfrau und Paul, der Kapitän, wurde zum Matrosen degradiert. Er nahm den Positionswechsel gelassen und reagierte auf die Kommandos der Steuerfrau korrekt – aber nicht wortlos.
"Du hast ja genügend Zeit gehabt auf der „Giriz“ die Manöver zu üben, einmal muss es auch eine Frau begreifen“ lästerte er zickig vom Vorschiff, wo er gerade die Leinen zum Anlegen parat legte.
Die erste Landung mit der „Santa Maria“ gelang mir auf Anhieb, was allerdings nicht alleine am Können der beiden Crewmitglieder lag, nein, es war windstill und das Wasser aalglatt. Trotzdem war ich stolz, dass die „Santa Maria“ die Jungfernfahrt gut überstanden hatte. Gegen Mitternacht machten wir Bekanntschaft mit der Schlafkoje im Vorschiff. Im dreieckigen Himmelbett wählten wir für die erste Nacht die Variante „Kopf an Kopf“. Das erste Erwachen am nächsten Morgen war äusserst romantisch. Durch das Seitenfenster warf die Sonne ihre Strahlen genau auf das Liebesnest.
"Ist es dir bewusst, dass du ein richtiger Glückspilz bist?“, flüsterte ich meinem Liebsten ins Ohr.
"Ja, ja, ich bin schon öfters von der Sonne geweckt worden!“, kam es nüchtern zurück.
"Ja schon, aber sicher bist du noch nie von der Sonne durchs Schiffsfenster und einem Stern im Bett wach geküsst worden!“
"Ha, ha…!“

Ausgeruht und unternehmenslustig peilten wir Bregenz an. Dieser Hafen kannte ich von früheren Übernachtungen gut, so gab es auch keine Probleme mit dem Anlegen. Waren sich Paul und ich auf See nicht immer einig, vertrauten wir uns auf dem Land blindlings. Auf festem Boden und auch noch auf vorarlbergischem Gebiet spielte ich meinen Vorteil aus. Im Rheintal aufgewachsen waren die Vorarlberger bereits meine Nachbarn und sprachlich vertraut. So erinnerte ich mich gut an die Schulreise in der Oberstufe auf den Pfänder.

Die Pfänderbahn beförderte schon damals die Touristen auf die Bergstation. Nur, als Schülerin wurde ich damals zu Fuss nach oben gejagt und natürlich auch wieder herunter. Beim Wandern zum Tierpark bestaunten wir dazumal die vielen Gäste auf der Terrasse, bei Speis und Trank. Unsere Schülergruppe aus Widnau hingegen verpflegte sich aus dem Rucksack. Die Wurst vom Feuer und der Tee aus der Flasche waren zwar nicht so vornehm wie die Speisen auf der Aussichtsterrasse, aber sicher viel lustiger.
Wie könnte ich mich nach so vielen Jahren an diesen Auslug erinnern, wenn ich damals mit Messer und Gabel im Restaurant gegessen hätte.
Diesen Strapazen von jener Zeit setzten sich Paul und ich nun aber nicht aus. Wir betrachteten von der Gondel aus den immer kleiner werdenden Schiffshafen und die näher kommende Bergstation. Wir setzten uns auf die Aussichtsterrasse im Bergrestaurant und assen gemütlich „Kaiserschmarrn mit Pflaumenmus“, tranken einen Kaffee dazu und bestaunten das herrliche Panorama über den Bodensee, fast bis nach Kreuzlingen. Es war zwar nicht so lustig wie damals als Schülerin, aber angenehm ruhig.

Ja, der Bodensee ist wirklich ein schöner Fleck Erde. Wenn es ihn nicht gäbe, man müsste ihn erfinden.
Diesen See werde ich einmal als Frau Kapitän durchqueren!, träumte ich vor mich hin.

 

 

Freud und Leid sind nah beieinander
Seite 12
Seite 12 wird geladen
12.  Freud und Leid sind nah beieinander

Ein kurzer Segelschlag sollte einen Samstagnachmittag verschönern. Es herrschte Seglerwetter, der Wind war konstant und die „Santa Maria“ glitt flott dahin. Auf dem Bodensee wimmelte es von Freizeitkapitänen. In diese trügerische Ruhe zogen plötzlich schwarze Wolken auf und der Wind frischte auf. Nach kurzer Zeit setzte die Starkwindwarnung ein, ersichtlich an den Sturmwarnleuchten die 40 Blitze in der Minute abfeuerten. Diese machten auf die Gefahr des Aufkommens von Windböen mit Geschwindigkeit zwischen 25 bis 33 Knoten, also 6 – 8 Windstärken aufmerksam. Für einen korrekten, nicht ängstlichen, Schiffsführer bedeutete dies das Wetter zu beobachten und die Heimkehr anzutreten.
Ich glitt noch unter Vollbesegelung über das Wasser, gab aber meine ersten Kommandos an Paul damit er die Segelfläche verringern sollte. Die kleineren Boote und vorbildlichen Kapitäne grösserer Yachten verzogen sich in die nächsten Häfen. Mein Ansinnen ebenfalls den Heimathafen anzusteuern kam bei Paul nicht gut an.
"Wir segeln weiter, nur unfähige Schiffsführer suchen bei jedem Lüftchen ein Schutzhafen auf“, lästerte er.
So segelte ich unter höchster Anspannung weiter. Nach wenigen Minuten verschlechterte sich die Wetterlage und ein nahender Sturm lag in der Luft. Die Sturmwarnleuchten jagten jetzt 90 Blitze in der Minute an die unverbesserlichen Kapitäne. Dieses Feuerwerk warnte vor Sturmwinden ab 34 Knoten, also über 8 Windstärken. Trotz des sofortigen Segelwechsels auf die kleine Sturmfock nahm die „Santa Maria“ ein beachtliches Tempo auf.
Paul frohlockte: „So macht das Segeln richtig Spass!“
Ich konnte die Euphorie nicht teilen, konzentrierte mich aber mit äusserst gestressten Nerven.
Ich kommandierte: „Ich peile Immenstaad an, dieser Hafen ist am schnellsten zu erreichen.“

Inzwischen säuberte sich der See von den Schiffen. Dafür tauchten die Boote der Seepolizei auf. Nicht genug des Kitzels riss eine starke Windböe die Sturmfock aus der Verankerung und präsentierte sich nach Sekunden wie eine weisse Flagge in der Höhe. Nun fing die „Santa Maria“ auch noch an zu tanzen und mein letzter Geduldsfaden war angerissen.
Meine letzte Hoffnung war das deutsche Polizeiboot. Ich sah wie das blaue Boot der deutschen Wasserschutzpolizei in rasanter Fahrt auf mich zukam. Freundlich und hilfsbereit fragten sie mich nach den Problemen, schliesslich wehte immer noch die weisse Sturmfock auf dem Top. Ich erklärte ihnen das Malheur und sagte, dass ich Immenstaad anfahren werde. In beruhigendem Abstand zur „Santa Maria“ begleitete die Wasserschutzpolizei die Fahrt bis in den Hafen und nach der sicheren Landung verabschiedeten sich die Helfer. Ich bedankte mich herzlich bei ihnen und es wurde mir bewusst, welch grosse Leistung die beiden Polizisten gerade für mich erbracht hatten. Hilfsbereit und freundlich trotz fahrlässigem Verhalten bei Sturm. Ja, der Wasserschutzpolizei gebührte ein herzliches Dankeschön.
Sicher werde ich mich bei der nächsten Ausweiskontrolle auf See an die gute Tat erinnern und mich nicht mehr nerven, weil ich angehalten wurde. So mein Vorsatz damals.

Auf einer Heimfahrt von Bodman machten Paul und ich einen kurzen Zwischenhalt hinter der Mainau. Zufällig trafen wir auf Kapitän Ruedi mit seiner „Samba“. Dieser lud uns ein bei ihm seitwärts anzulegen. Ein gemeinsamer Willkommensdrink war dann der Auftakt zu einer Schnapsidee.
"Komm wir schwimmen gemeinsam hinüber zum Strandkiosk in Litzelstetten“, gab Ruedi den Ton an. Seine restliche Crew und auch Paul waren begeistert von der grandiosen Idee, nur ich kam ins Schwitzen.
Wie soll ich rund fünfhundert Meter schwimmen, wenn ich bereits nach dem Loslassen der Schiffsleiter im Bodensee verschwinde?
"
Ich bleibe an Bord“, gab ich kurz zum Ausdruck. Dann prasselten jede Menge gut gemeinte Ratschläge auf mich nieder.
"Zieh die Schwimmflügeli an und halte dich an uns fest.“
"Schlüpf in den Rettungsring, wir ziehen von vorne und stossen von hinten.“
Ich liess mich von diesen ironischen Sprüchen nicht bezirzen. „Ich bin Nichtschwimmerin und bleibe hier, pasta!“

Dann schwamm die Gruppe davon. Ich platzierte mich auf dem Vorschiff und sah den rudernden Körpern nach, spürte aber keine Traurigkeit, dass ich an der lustigen Runde in der Strandbar nicht teilhaben konnte. Ich vertiefte mich ins Logbuch, überflog die vergangenen Seefahrten und verewigte die neuesten Episoden. Während ich in Gedanken versunken da sass und mich mit einem Schirm vor der intensiven Sonnenbestrahlung schützte, bemerkte ich plötzlich ein Rucken auf der Backbordseite.
Erstarrt sah ich in die Augen von zwei jungen Männern, die im Begriff waren die Reling zu übersteigen. Schlagartig griff ich zum Bootshaken, der in Griffnähe lag und hastete wie eine Furie in die Richtung der Eindringlinge.
Erschrocken über die massive Abwehr liessen sich die beiden ins Wasser fallen und tauchten kurz unter, dann schwammen sie davon.
Ich war mir sicher, dieser ungebetene Besuch galt nicht mir als Frau, sondern einer möglichen Beute.
Den später Zurückkehrenden erzählte ich von meiner mutigen Tat und kassierte, statt ein Lob, ein erstauntes „Was du hast …?“ Paul regte sich auf: „Kann ich dich nicht kurz alleine lassen? Stell dir vor was passiert wäre, wenn du über Bord gefallen wärst?“
"Reg dich nicht auf, ich bin noch hier!“, gab ich gelassen zurück. Auf der restlichen Heimfahrt herrschte dann eine angespannte Ruhe auf der „Santa Maria“.

Auch eine traurige Erfahrung in der Seefahrt blieb mir nicht erspart. Paul lud seine ehemaligen Wasserballkollegen zu einem Ausflug auf den Bodensee. Mit zwei Booten startete die lustige Männerrunde zum geselligen Beisammensein. Ich als einzige Frau war nur geduldet, weil ich als Steuerfrau der „Santa Maria“ willkommen war.
Zwischen Münsterlingen und Altnau wurden die Anker geworfen und die beiden Boote zusammengehängt. Es sollte ein vergnügter Nachmittag werden bei Kaffe und Kuchen und etwas stärkerem ….! Zuerst wollten die Kollegen aber eine Schwimmrunde demonstrieren. Sie sprangen ins Wasser und die Kapriolen rund um die Schiffe waren für alle ein Riesenspass.
Plötzlich sah ich dass sich ein Schwimmer von der Gruppe löste und über die Bootsleiter ins andere Boot kletterte. Oben angekommen sackte er zusammen. Ich schrie sofort um Hilfe und in Sekundenschnelle waren alle Männer an Bord und kümmerten sich um den in Lebensgefahr schwebenden Kollegen.
Mit Volldampf steuerten sie Bottighofen an, wo die avisierte Rettung auf sie wartete.

Dieses dramatische Ereignis bescherte mir eine besondere Aufgabe. Während sich alle Wasserballer auf dem abfahrenden Boot um ihren Kollegen bemühten, rief mir Paul verzweifelt zu: „Kannst du die „Santa Maria“ alleine zurück bringen?“
"Ja sicher, ich fahre direkt in den Heimathafen“, beruhigte ich ihn. Dann sauste die traurige Männerschar davon.

Die „Santa Maria“ wurde nun von mir als Steuerfrau alleine und ohne göttliche Aufsicht des Kapitäns heil nach Hause gefahren. Bei der Einfahrt in den Hafenplatz erwartete mich Paul bereits und lobte meinen Mut. Er teilte mir aber auch die traurige Nachricht mit, dass der Kollege bereits unterwegs verstorben sei.
Ja, der stramme Wasserballer konnte zwar schwimmen, nur nützte es ihm in diesem Moment nichts mehr. Er verstarb auf dem Deck eines Schiffes.
Dass ich kein Schifferpatent besass war im Moment ebenfalls Nebensache. Das dicke Lob von Paul freute mich aber ganz besonders.

Ja, Freud und Leid sind nah beieinander!

 

 

 

 

 

Heiratsantrag auf dem Überlingersee
Seite 13
Seite 13 wird geladen
13.  Heiratsantrag auf dem Überlingersee

Ein Segeltörn nach Überlingen im Frühjahr 1989 brachte mich als Steuerfrau der „Santa Maria“ aus dem Kurs, nicht schiffstechnisch, nein emotional. Ich sass wie bereits hunderte Male am Steuer und beobachtete im Überlingersee das Näherkommen der Fähren von Meersburg nach Konstanz oder umgekehrt.
Dann setzte sich Paul neben mich auf die Kapitänsbank und sagte: „Wir könnten in diesem Jahr doch heiraten.“
Diese liebevoll ausgesprochenen Worte brachten mich total aus der Fassung und ich hielt mich krampfhaft am Steuer fest. Nachdem ich zuerst tief Luft geholt hatte, antwortete ich etwas verwirrt, aber doch bestimmt: 
"Warum so plötzlich, wir sind nun seit zehn Jahren zusammen ohne Trauschein.“
Sicher hätte es früher Momente gegeben wo ich sofort ja gesagt hätte. Aber in diesem Moment konnte ich mich nicht entscheiden. Ich vertröstete ihn:
"Ich werde es mir überlegen.“
Auf diese Antwort war Paul nicht vorbereitet und entsprechend sauer reagierte er.
"Gib mir Bescheid wenn du es dir überlegt hast.“
Ich war von der Überrumpelung immer noch baff und es war mir nicht klar, will Paul mich als Ehefrau sichern oder hat er Angst plötzlich ohne Steuerfrau herum gondeln zu müssen.

Die Vorbeifahrt des Fährschiffes „Konstanz“ neutralisierte die aus dem Ruder gelaufene Atmosphäre auf der „Santa Maria“. Ich hatte jedes Mal grossen Respekt beim Kreuzen der Fähren. Meistens geriet ich in die Schusslinie von beiden, die eine wollte nach Konstanz und die andere nach Meersburg. Die Distanz und die Geschwindigkeit bestimmten dann meine Durchfahrt oder Warteschlaufe. Dieses Mal übertünchte der Heiratsantrag von Paul den Respekt vor den grossen Schiffen bei weitem. Bis sich die Anspannung gelegt hatte, lagen wir vertäut im Osthafen von Überlingen.

In dieser Nacht fand ich in der Koje keinen Schlaf. Alles drehte sich um die Frage:
Will ich oder will ich nicht?
Nebst den schönen Stunden vernebelten unzählige Verletzungen und Demütigungen mein klares Denken. Ich war darum froh, dass ich die Antwort noch etwas hinaus schieben konnte.

Am nächsten Tag schlenderten Paul und ich in Überlingen der Seepromenade entlang bis zum Landungsplatz. Dieser zentrale Platz ziert ein origineller Brunnen. Das Kunstwerk, ein Bodenseereiter auf Kufen, ist eine Satire des Künstlers Peter Lenk.
Mir sind die Werke dieses Künstlers nicht unbekannt. Sein berühmtestes Werk, jedenfalls in meinen Augen, ist aber die „Imperia“ das Wahrzeichen von Konstanz und mit ihr verbindet mich eine persönliche Anekdote.
Die Statue im Hafen von Konstanz zeigt eine üppige Kurtisane, auf ihren Händen trägt sie zwei nackte Männlein. Der Mann ihrer rechten Hand trägt auf seinem Haupt die Krone eines Königs und hält einen Reichsapfel in der Hand. Die Figur ihrer linken Hand trägt eine päpstliche Tiara und sitzt mit übereinander geschlagenen Beinen dort. Das Kunstwerk war zu Beginn heftig umstritten, vor allem die Darstellung des Papstes. Diese Kritik legte sich aber bald.
Jahre später stellte der Künstler eine Kopie der Papstfigur im Bahnhof Konstanz aus. Das zwei Meter hohe und sieben Tonnen schwere Kunstwerk erregte erneut Ärger, vor allem in erzkatholischen Kreisen. Die Statue muss vom Bahnhof Konstanz verschwinden, so der Tenor.
Ich pilgerte jedoch immer wieder zur Stätte des liebgewonnen Papstes und forderte in einem Leserbrief den Stadtrat von Kreuzlingen auf, dem verstossenen Papst aus Konstanz im städtischen Seepark Asyl zu gewähren. Die sture Obrigkeit hatte aber dafür kein Gehör und so verschwand der Steinpapst aus Konstanz und aus meinen Augen.

Diese ungewöhnliche Geschichte war dann jedoch nicht zu Ende. Eine Reporterin der regionalen Tageszeitung widmete mir und dem Papst eine Kolumne, worin sie passende Worte fand über die unverkrampfte Art der Leserbriefschreiberin, die als politische Heimatbewahrerin bekannt war und nun dem nackten Papst aus Konstanz Asyl gewähren wollte. Für diese brillante Zeitungsspalte wurde die Reporterin mit dem Ostschweizer Medienpreis gekrönt, und ich – als Protagonistin – durfte an der Preisverleihung im Pfalzkeller in St. Gallen dabei sein.
Eine fantastische Geschichte, wie sie nur das Leben schreiben kann.

Paul und ich segelten die nächsten Monate mit der „Santa Maria“ auf dem Bodensee, wie bisher als Paar ohne Trauschein. Dann ein Vierteljahr später, wieder auf der Fahrt nach Überlingen, kam die aufgeschobene Frage von Paul erneut, diesmal etwas genervt, aber ganz bestimmt:
„Heiraten wir nun im Oktober oder nicht?“
Ich sagte spontan: „Ja“.
Paul war sichtlich erfreut und ich erschrak über meine Antwort.
Will ich es wirklich?
Im Moment wusste ich es nicht, aber was ich mir sicher war: Ich liebe Paul und möchte ihn nicht verlieren.
Der Segeltörn endete für beide glücklich und sie verliessen die „Santa Maria“ im Heimathafen wie zwei frisch verliebte.

In den nächsten Tagen beschleunigte Paul die Vorbereitungen auf die Hochzeit und mit der Zeit fand auch ich Gefallen daran, wieder zu heiraten. Am Donnerstag, 12. Oktober 1989 um 16.00 Uhr heirateten Paul und ich auf dem Standesamt in Kreuzlingen. Als wir das „Ja-Wort“ bekräftigten standen meine beiden Söhne und nähere Verwandte im Trauzimmer Zeuge.
Vor dem Stadthaus stand eine riesige Menge Gratulanten. Meine Arbeitskolleginnen und Kollegen, Pauls Gemeinderatskolleginnen und Kollegen, die Segelvereinigung Kreuzlingen, die einheimische Fastnachtsgesellschaft und je eine Clique aus Luzern und Lachen beehrten uns mit ihrem Erscheinen.
Als Segler wurde Paul dazu verdonnert, seine frisch angetraute Ehefrau in einem kleinen Boot auf Rädern die Hauptstrasse entlang bis zum Hotel Löwen zu ziehen. Dort stiess die riesige Gratulationsgesellschaft auf eine glückliche Zukunft des Brautpaars an.
Es war ein eindrucksvoller Tag für mich. Eine brisante Abwesenheit nahm ich mit Fassung zur Kenntnis. Die Töchter von Paul blieben den Feierlichkeiten fern.

Am nächsten Tag flogen Paul und ich nach New York in die Flitterwochen. Es war mein erster Überseeflug und ich freute mich auf diese Metropole. Im Hotel Hilton Midtown im neunzehnten Stockwerk nisteten wir uns ein. Es war wie in einem Traum.
So erlebte ich den Ausblick vom Empire State Building und die Originaltürme des World Trade Centers. Die Freiheitsstatue bestiegen wir zu Fuss bis zur siebenstrahligen Krone, allerdings nicht ganz freiwillig. Eine Menschenkette von über hundert Metern wartete bereits vor dem Lift und wollte nach oben. Auf der Treppe hingegen hatten wir keinen Andrang. Als ganz besonderes Ereignis für mich war der Besuch der Metropolitan Opera, wo die Oper Aida gespielt wurde.

Nach dem einwöchigen Aufenthalt in dieser imposanten Stadt flogen wir weiter nach San Francisco. Dort logierten wir im Hotel Hyatt und zum ersten Mal sah ich zwei Glaslifte an einer Fassade hochfahren und oben in einem Tunnel verschwinden. Auch diese Stadt erkundeten wir meistens zu Fuss. Wir überquerten die Golden Gate Bridge, spazierten im Golden Gate Park und flanierten im lebhaften Pier 39.Ich war einfach glücklich. Auf dem Heimweg wünschte ich mir, dass diese innige Zweisamkeit mit Paul auch den Alltag zuhause beflügeln würde, also nie zu Ende geht.

Seit 1983 wohnte ich mit meinen beiden Söhnen in einem Einfamilienhaus mitten in der Stadt Kreuzlingen. Dieses schöne Heim hatte Paul damals als renovationsbedürftiges Objekt erworben und wir hatten es gemeinsam umgebaut, mit dem Ziel ein eigenes Zuhause für meine kleine Familie. Es war ein mutiges Vorgehen mit viel Eigenleistung einen respektablen Umbau zu meistern und es wurden dann nicht nur friedfertige Arbeitsstunden. Die Reibereien häuften sich gegen Ende der Arbeiten und am Schluss war es nur noch ein Wunder, dass sich Paul als einziger Handwerker und wir drei Handlanger nicht die Köpfe eingeschlagen hatten. Ich schuftete jeden Abend und jedes Wochenende in meinem zukünftigen Heim und dies verlangte eine grosse Portion Idealismus, den ich bei meinen beiden Söhnen nicht immer abholen konnte. Ich hatte gewisses Verständnis dafür, elf und dreizehn jährige Buben wollten auch Freizeit mit Freunden verbringen, wofür hingegen Paul keine Toleranz zeigte.
Es war ein intensives und lehrreiches Halbjahr für mich. Die handwerkliche Überlegenheit führte Paul uns drei Laien stets vor Augen. Dabei vergass er leider immer wieder den respektvollen Umgang mit uns Handlangern. Nicht selten fielen Worte die unangebracht und verletzend waren. Zuhause verarbeitete ich solche erniedrigenden Ausbrüche und zweifelte immer wieder am Sinn dieser Arbeiten. Ja, es war ein hoher Preis den ich eingegangen war, als ich dem Umbau zugestimmt hatte.
Dann zog ich mit Patrick und Daniel in unser neues Heim ein und die Freude beherrschte die erlittenen Demütigungen.
Ja, Schwielen der Arbeit heilen – Narben im Herz bleiben.

Ein Jahr später erweiterte sich unsere kleine Familie mit Puma, einer schwarzen Katze. Sie war der Liebling von allen und genoss den grossen Auslauf rundum das Haus. Bloss ein Jahr später bezahlte Puma ihre grosse Freiheit mit dem Leben. An einem Sommerabend lag sie tot auf der Strasse direkt vor dem Haus.
Das laute Schluchzen von Daniel, der sie behutsam aufhob und mit ihr die Treppe hoch in sein Zimmer rannte, prägte sich tief in mein Herz.
Die Sehnsucht nach einem Büsi liess meine beiden Buben nicht mehr los. So kam Patrick wenige Wochen später mit der freudigen Nachricht nach Hause, dass die Katze seines Lehrers in wenigen Tagen Junge werfen würde und er einen Stubentiger abholen dürfe.
Nicki hatte ein Tigerfell und war total verspielt. Wir alle waren wieder angetan von dem kleinen Wirbelwind. Schon bald hatte Nicki aber den Drang nach draussen. Sie kletterte hinter dem Haus auf den Zwetschgenbaum und miaute nachher herzzerbrechend weil sie sich den Rückweg nicht mehr zutraute. Daniel befreite sie dann von der misslichen Lage. Kaum hatte sie aber diesen Schrecken verdaut, wagte sie sich auf die Strasse. War sie am Anfang noch vorsichtig, verlor sie schnell die Angst und rannte drauf los. Diese Unachtsamkeit von Nicki, aber auch von einer jungen Autofahrerin wurde dem Büsi in einer Nacht zum Verhängnis.
Gegen Mitternacht hörte ich eine Autobremse quietschen und kurz danach klingelte es an unserer Haustüre. Eine junge Frau trug Nicki in den Händen und erklärte weinend, dass sie die Katze nicht gesehen hätte. Bevor ich mich um das blutende Büsi kümmern konnte, hörte ich bereits meine beiden Söhne die Treppe herunter springen. Schluchzend nahmen sie ihren wimmernden Liebling in die Arme und ich fuhr sie sofort zum Tierarzt. Was ich befürchtet hatte, traf uns drei dann wie ein Hammerschlag. Nicki musste eingeschläfert werden. Die Verletzungen waren derart massiv, dass Nicki nie mehr hätte gehen können.
Weinend verabschiedeten wir uns von Nicki. Erst beim Verlassen der Praxis bemerkte ich, dass auch die junge Autofahrerin anwesend war. Sie weinte still vor sich hin und ich nahm die fremde Frau in den Arm und versuchte ihr so das Schuldgefühl zu lindern.
Ja, mit Katzen hatten wir wirklich kein Glück, trotz der tierfreundlichen Haltung. Die Lieblinge hatten einen grossen Umschwung, Bäume zum Klettern und eine Katzenschleuse erlaubte ihnen freien Ein- und Ausgang.
Eine weitere Katze lehnte ich ab, zum Wohl des Tieres, aber noch mehr um meinen beiden Buben eine weitere bittere Erfahrung zu ersparen.

Aus zwei Heimen mach eins, das ist der Normalfall bei frisch Verheirateten.
Geht das auch bei uns?
Paul, der bis zu unserer Heirat in seinem Elternhaus wohnte, zog nun in unser Heim ein. Nur, in unserem Fall war die Ausgangslage etwas heikler, ich hatte noch zwei Söhne. Vertragen sich diese Gegensätze im Alltag?
Ja, gelegentliche Besuche und ein ständiges Beisammensein sind zwei Paar Stiefel. So hoffte ich, dass uns dieses Kunststück gelingen möge.

Patrick und Daniel liebten ihr Zuhause, aber vor allem ihre sturmfreie Bude im Dachgeschoss. Inzwischen waren sie in der Pubertät und hatten auch ihre ersten Liebeleien. Die Freunde und Freundinnen trafen sich gerne in ihrem Reich. Diese Treffen im Dachgeschoss passten aber Paul nicht, vor allem die Anwesenheit von weiblichen Gästen störte ihn, obwohl er nie direkten Kontakt mit ihnen hatte.
Statt mit Patrick und Daniel selber sein Problem anzusprechen, beleidigte er mich, keine Ordnung im Hause zu haben.
Er bestand darauf, dass die beiden Söhne mit zwanzig Jahren das Haus verlassen und sich alleine durchsetzen müssen. Angeblich war diese Praxis in seiner Familie üblich und er habe sich alleine in der Welt herumgeboxt und sei nicht am Rockzipfel der Mutter gehangen, so sein Tenor.
Der erste Krach zwischen mir und Paul als Ehepaar war angezettelt und er drohte mit dem Auszug, wenn seine Forderungen nicht erfüllt würden.
Einer gemeinsamen Diskussion mit den beiden Söhnen stellte er sich nicht, sondern überliess diese heikle Mission mir. Wieder einmal fühlte ich mich alleine gelassen mit einer grossen Sorge.
Meine Qual war nun:
Für wen entscheide ich mich? Riskiere ich eine erneute Scheidung oder verliere ich meine beiden Söhne?
Diese Zentner schwere Last auf meinen Schultern nahmen mir meine beiden Söhne ab. Weitsichtig erklärten sie mir, dass sie sich nun halt etwas früher als gewünscht eine eigene Wohnung suchen würden.
Patrick verliess dann bereits einige Wochen später seine geliebte Bude im Dachgeschoss. Er zog hundert Meter von unserem Heim entfernt in eine kleine Wohnung. Traurig half ich meinem Sohn eine heimelige Bleibe einzurichten.
Zwei Jahre später bezog auch Daniel im gleichen Mehrfamilienhaus wie sein grösserer Bruder eine kleine Wohnung. So waren sie einander nahe und trotzdem hatte jeder sein eigenes Heim.
Vom Wohnzimmer aus sah ich abends Licht in beiden Wohnungen und wusste, sie sind zuhause.
Paul und ich waren nun allein. Nur ein schmerzhafter Stachel in meinem Herzen musste zuerst ausheilen.
Einmal in der Woche lud ich meine Söhne zum gemeinsamen Nachtessen ein, damit ich ihre Nähe spüren und an ihrem Leben teilhaben konnte.
Ja, ich war mir damals - wie auch heute noch - sicher: Ich habe die besten Söhne der Welt!






Frau Kapitän kann nicht schwimmen
Seite 14
Seite 14 wird geladen
14.  Frau Kapitän kann nicht schwimmen

Für die Schiffsaison 1990 hatte ich grosse Pläne. Das aufregende Vorjahr endete als Ehefrau von Paul. Dieses Jahr wollte ich nun mein persönlicher Wunsch vollbringen. Ich wollte Frau Kapitän werden.

Im benachbarten Konstanz meldete ich mich für die Segelschule an. Nicht weil es günstiger war als in der Schweiz, nein, der zeitliche Rahmen war ausschlaggebend. In Kreuzlingen wurden die Lektionen je nach Wetter hinaus gezögert, was unter Umständen die ganze Saison beanspruchen konnte. In Konstanz hingegen war die zeitliche Vorgabe klar geregelt, die Schulung dauerte acht Wochen und wurde jeweils einmal pro Woche, mit oder ohne Wind, durchgeführt. Diese strikte, aber vor allem kurze, Regelung passte mir.

Als erstes musste eine Theorieprüfung abgelegt werden. Im Landratsamt in Konstanz sass ich mit weiteren rund fünfzig Kandidaten in einem grossen Saal. Die alten Holzpulte erinnerten mich an die längst verflossenen Schuljahre. Vorne an der Stirnseite sassen ein halbes Dutzend Offiziere in Marineuniform. Vor ihnen auf dem Tisch lagen ihre steifen Mützen. Der „General“ begrüsste alle Anwesenden in einem unmissverständlichen Marschallton, sodass jedem klar wurde, jetzt gilt es Ernst. Die erste Frage aus dem Mund des Häuptlings in die Menge lautete:
"Ich nehme an, ihr alle hier drin könnt schwimmen!“
Ein eindrückliches „Ja“ tönte durch den Saal.
Nur ich konnte diesen Schwur nicht leisten, ich kann ja gar nicht schwimmen. Ich war aber auch nicht hier her gekommen um eine Schwimmprüfung abzulegen, sondern die Theorieprüfung zum Führen eines Segels, brodelte es in meiner Brust.
Mir fiel dann ein Felsbrocken vom Herzen, niemand hatte bemerkt, dass ich geschwiegen hatte und mit Erleichterung hörte ich die Worte des Häuptlings:
"Gut, dann beginnen wir mit der schriftlichen Prüfung, aber merkt euch, wer abschreibt fliegt sofort raus.“
Jetzt legte sich meine Angespanntheit. Was nun kam hatte ich in den letzten Tagen intensiv gelernt. Still und konzentriert widmete ich mich den rund hundert Fragen. Als erste trat ich dann nach vorne an den Tisch der Offiziere und übergab meine Prüfungsblätter zur Korrektur. Freudestrahlend nahm ich die Gratulation des Kontrolleurs entgegen, der mir lächelnd sagte:
"Sie haben nur eine Frage falsch beantwortet und somit bestanden.“

Mit dieser erfolgreichen Teiletappe begann für mich in der folgenden Woche das Praktikum auf dem Schulschiff „Columbus“. Sechs Schüler, drei Frauen aus der Schweiz und drei Männer aus Deutschland waren in den nächsten acht Wochen jeden Freitagnachmittag aneinander gebunden.
Rainer unser Segellehrer musste uns in dieser Zeit die verschiedenen Manöver, die diversen Knoten, aber auch das lebensrettende „Mann über Bord“ eintrichtern. Letztere Aufgabe war eine sehr wichtige Übung, damit Personen aus dem Wasser gerettet werden könnten.
Mit den drei Schweizerinnen, darunter ich, hatte Rainer das Heu nicht auf der gleichen Bühne. Er schikanierte uns unmotiviert und ich war mir nicht sicher, hasste er die Frauen generell oder nur die Schweizerinnen. Diese Unart konnte mich aber nicht entmutigen. Ich peilte ja nicht den Segellehrer an, sondern den Segelschein! Um Rainer freundlicher zu stimmen, brachte ich die nächsten Wochen jeweils Kuchen und Kaffee mit auf das Schiff. Es lockerte zwar die Stimmung unter den Segelschülern, dem sturen Schiffsoberhaupt entlockte ich damit keinen Freudentaumel.
Nach acht Wochen war es soweit, die Herren Marineoffiziere erwarteten die Prüflinge mitten auf dem Bodensee auf der Fähre „Konstanz“. Dort wurden die Kandidaten im Zufallsprinzip paarweise auf das Prüfungsboot abkommandiert.
Ich hatte Glück, mein Partner war Jens, ein junger Konstanzer Hobbysegler. Das Wetter war uns zwar nicht gut gesinnt, es regnete und mit Wind wurden wir auch nicht verwöhnt. Trotzdem mussten wir Prüflinge unser Können beweisen. Jens und ich, beide mit einigen Erfahrungen im Segeln, erledigten unsere Manöver mit grosser Präzision und das abschliessende Kommando, das Segelschiff in den Wind zu stellen und am Polizeiboot anzulegen klappte haargenau.
Nach den letzten Prüflingen wurden auf dem Oberdeck der Fähre die Namen der erfolgreichen Kandidaten bekannt gegeben. Wir drei Schweizerinnen waren gespannt wie ein Seidenfaden kurz vor dem Zerreissen, hatten wir doch nicht optimale Voraussetzungen während den Schulstunden mit Rainer. Als dann die Namen von Jens und mir ertönten, machten wir beide einen Luftsprung und umarmten uns vor Freude. Es war einfach spitze! Von den sechs Schülern von Rainer hatten fünf die Prüfung bestanden, nur eine Schweizerin verliess die Fähre ohne Brevet.
Jetzt war ich brevetierte Frau Kapitän auf Segelbooten. Dass ich nicht schwimmen konnte, blieb gottlob mein Geheimnis.

Die Tatsache, dass ich für unsere „Santa Maria“ aber auch die Motobootprüfung benötigte, stachelte mich an sofort weiter zu machen. So blieb mir erspart erneut die Theorieprüfung zu durchlaufen und bei der heiklen Frage nach dem Schwimmen wieder in Wallungen versetzt zu werden.
Bereits eine Woche später kurvte ich zusammen mit der weiteren Schweizerin, die bestanden hatte, auf dem Bodensee umher. Wir wechselten in der Fahrschule zwar das Boot, aber nicht den Lehrer. Schliesslich hatten wir uns an dieses Scheusal gewöhnt und hofften insgeheim, dass er wenigstens eine Spur Freude zeigte über unseren Erfolg bei der Segelprüfung. Er war ja massgeblich an unserem Gelingen beteiligt gewesen.
Leider hatten wir uns gewaltig geirrt. Rainer behandelte uns zwei Schweizerinnen weiterhin äusserst blöd. Damit es möglichst kompliziert wurde, lotste er uns durch den See Rhein. An der Rheinbrückenkonstruktion mussten wir das Anlegen unter reissendem Wasser lernen. Seine Schikane gegen uns beide erhöhte er noch um eine Oktave.
Er hat sicher eine Frauen-Phobie oder er hat Lust am Leiden seiner Schützlinge, vermutete ich.
Gegenseitig munterten wir uns immer wieder auf. Wir wollten ja nicht diesen „Scheisskerl“ umerziehen, sondern ganz einfach den Motorbootschein.
Kurz vor der Prüfung eskalierte die Stimmung auf dem kleinen Motorboot von Rainer. Für meine Kollegin war eine dumme Beleidigung des Lehrers eine zu viel. Sie steuerte das Schiff an den nächsten Steg, sprang auf das Festland und verschwand auf Nimmerwiedersehen. Nun musste ich die verbleibenden Lektionen mit Rainer alleine durchziehen. Für mich gab es aber trotzdem nur ein Ziel, das Brevet. Also harrte ich geduldig aus. Nach einem Monat konnte ich die Prüfung ablegen und bestand sie ohne Zusatzrunde. Ein herrliches Gefühl!

Wenige Tage später war ich im Besitz dieses wertvollen Papierstückes. Ab sofort war ich zertifizierte Segel- und Motorbootführerin.

Bemerkenswertes erlebte ich beim Studieren meines Führerausweises. Der Bodensee ist ein internationales Gewässer. Für die Ausstellung meines Führerausweises war also die Schweizerische Schifffahrtskontrolle den Kantons Thurgau in Kreuzlingen zuständig, obwohl ich die Prüfung in Deutschland abgelegt hatte.
Als ich das gute Stück Papier in den Händen hielt, bemerkte ich hinter den Prüfungsdaten ein „KN“ was Paul in seinem Ausweis nicht hatte. Neugierig erkundigte ich mich bei der Schiffsbehörde, was dies zu bedeuten habe. Die Antwort des Beamten überraschte mich dann:
"Sie haben die Prüfung in Konstanz abgelegt und nicht in der Schweiz.“
"Aha, international gilt nicht für den Kanton Thurgau!“, schleuderte ich dem verdutzten Staatsbediensteten ins Gesicht.
"Gut habe ich meine Prüfung in Konstanz abgelegt und nicht in Jena, mein Ausweis hätte dann das historische „J“ erhalten!“, zischte ich wütend nach.

Mit diesem „KN“ wurde ich gebrandmarkt, weil ich in Deutschland ausgebildet wurde, dabei rühmten und rühmen sich die beiden Städte Konstanz und Kreuzlingen immer wieder einer Einheit.
Für mich war aber in Wirklichkeit nur eines wichtig. Ich war nun definitiv:

Frau Kapitän kann nicht schwimmen.

 

 




 

Ein Faulenzerschiff - na und!
Seite 15
Seite 15 wird geladen
15.  Ein Faulenzerschiff - na und!

Ein halbes Jahrzehnt später wagten Paul und ich nochmals einen Schiffswechsel. Vom gutmütigen Segelboot zum noch gemütlicheren Motorboot - einem Faulenzerschiff!

Immer wieder waren wir Stammgäste an der Internationalen Bodenseemesse in Friedrichshafen, so auch im Jahre 1995. Es war unsere Leidenschaft neue Boote zu besichtigen oder neue Geräte die das Schifffahren optimierten kennenzulernen.
Pauls Vorurteile die Halle mit den „Faulenzerschiffen“, wie er Motorboote betitelte, zu ignorieren warf er damals über Bord und wir durchkämmten auch jene Ecke.
Wir stiegen Treppen hoch, Treppen nieder, kein Schiff war vor uns sicher, alle wurden taxiert und bewertet. Die schnittige Kunststoffyacht war zu schnell und verbrauchte zu viel Sprit. Beim nächsten Exemplar passte das Liebesnest nicht unseren Ansprüchen. Ständig fiel der Vergleich zu unserer „Santa Maria“ negativ aus. Bevor wir die Halle lustlos verlassen wollte, fiel mein Blick auf ein Stahlschiff und ich hatte das Gefühl, dass dieses träge Familienboot gut zu uns passen würde. Für eine Besichtigung war ich aber nicht mehr ansprechbar. Müde vom stundenlangen Herumlaufen liess ich mir Prospekte aushändigen um zuhause die Schiffsdaten zu studieren.

In den nächsten Wochen begutachteten wir in verschiedenen Häfen Motorboote. Langsam aber sicher reifte in uns die Vernunft, dass ein Wechsel vom Segel- zum Motorboot sinnvoll wäre. So liessen wir uns in verschiedenen Schiffsportalen von angebotenen Occasionen überzeugen. Gegen Ende der Saison machten wir dann Nägel mit Köpfen und benützten eine Woche Ferien um drei verschiedene Boote, an drei verschiedenen Orten zu besichtigen.

Die erste Station war im deutschen Rüdesheim am Rhein. Schon der erste Blick auf das angebotene Schiff überzeugte uns nicht. Eine Inspektion des Innern erübrigte sich. Wir bedankten uns bei dem älteren Ehepaar für die Offerte und verabschiedeten uns.

Die nächste Station war der Fluss Havel in Mecklenburg Vorpommern, wo ein Geschäftsmann sein heimeliges Boot zum Verkauf anpries. Bereits eine Stunde vor dem Termin standen Paul und ich beim anvisierten Standort. Am kleinen Privatsteg war nur ein einziges Schiff festgemacht.
"Mamma mia!“, entsetzte ich mich. „Schiff kann man zu diesem Seelenverkäufer nicht mehr sagen.“ Dieses Boot kann es nicht sein, waren wir beide uns einig. Sicher kommt der Verkäufer mit seinem Juwel, wie auf dem Bild angeboten, gleich angefahren.
Dann die Überraschung: Der Geschäftsmann, vom Aussehen her eher ein Aussteiger, kam zu Fuss auf den Steg gelaufen und stellte sich lächelnd vor.
"Haben Sie bereits einen Augenschein genommen?“, fragte er unbekümmert.
"Das ist aber nicht wirklich ihr angebotenes Juwel?“, fragte ich höflich aber bestimmt. „Aber sicher, kommen Sie, wir gehen hinein.“, erwiderte er in vollem Ernst.
Ein echter Witzbold, ging es mir durch den Kopf.
Paul empörte sich: „Wir brauchen das Innere nicht zu sehen, uns reicht das äussere Bild. Das uns geschickte Bild und die Wirklichkeit sind meilenweit voneinander entfernt.“ Damit erledigte sich auch dieses Angebot.

Die letzte Möglichkeit war in Emden in Ostfriesland. Im Seehafen an der Mündung der Ems in die Nordsee lag das zum Verkauf stehende Stahlschiff. Diesmal ein Prachtstück. Für mich war es Liebe auf den ersten Blick. Die „Apollo“, so hiess das Schiff, wurde uns von einem freundlichen Ehepaar vorgeführt. Die Eheleute, beide um die sechzig Jahre, waren sichtlich gerührt während der Probefahrt im Ijsselmeer. Sie erklärten uns die traurigen Umstände des Verkaufs. Der Mann war im Frühjahr schwer erkrankt und das geplante Leben als Rentner auf dem zweijährigen Schiff liess sich nun nicht mehr verwirklichen.
Die Würfel für den Kauf fielen bereits auf der Probefahrt, mit mir am Steuer. Die „Apollo“ und sämtliches Zubehör waren im besten Zustand. Zusätzlich verfügte das Heckteil über eine Plattform, die mit einer Leiter direkt ins Wasser führte. Ideal für Nichtschwimmer, die nur den Füssen eine Abkühlung gönnten.

Zuhause begannen für Paul und mich sofort die Vorbereitungen um die „Apollo“ an den Bodensee zu transportieren. Im Frühjahr holte dann ein Schiffstransporter den elf Meter langen und über drei Meter breiten Dampfer an den Überlingersee, wo sie von uns in Empfang genommen und in den Heimathafen überführt wurde.

Bis dahin genoss ich noch die letzten Stunden auf der „Santa Maria“. Wehmütig verabschiedete ich meine schöne Segelyacht, die zu neuen Besitzern nach Locarno am Lago Maggiore übersiedelte. Mit einem letzten Lebewohl im Log schickte ich sie auf Reisen.

Liebe „Santa Maria“

Herzlichen Dank, dass du mich zehn Jahre lang, von 1986 bis 1996, begleitet hast. Du hast mich einzigartig bereichert und mir auf den vielen Segeltörns ein richtiges Zuhause gegeben. Auch bei garstigem Wetter bliebst du ruhig und hast die teils grossen Wellen mit deinem Rumpf abgefangen. Du gabst mir Sicherheit und Vertrauen, was ich als Nichtschwimmerin besonders schätzte. Missgeschicke hattest du mir stets verziehen und mit Selbstverständlichkeit das nächste Ziel angesteuert. Hautnah hast du meine Tränen bei Schockmomenten und Streitigkeiten, wie auch Freuden und Spässe miterlebt. Du hast teilgenommen und mitgefördert am Zusammenwachsen mit meinem geliebten Paul. Ich wünsche dir, in der neuen Familie im Tessin weiterhin verzaubernde Stunden. Trage deine Zuverlässigkeit und Gutmütigkeit auf den Lago Maggiore aus. Ich werde dich nie vergessen!

 Zwei Jahre später weilten Paul und ich, während einer Schweizerreise mit dem Auto, im Tessin. Spontan besuchten wir unangemeldet im Hafen von Locarno unser ehemaliges Schiff. Enttäuscht und mit grosser Wehmut stand ich vor der vernachlässigten Segelyacht. Ja, die „Santa Maria“ war in den vergangenen beiden Jahren nie mit einem Polierlappen verwöhnt worden.
"Wie kann man eine solche Perle vernachlässigen?“, wetterte ich und streichelte ein letztes Mal über den Bug.

Inzwischen fühlte sich unser neues Faulenzerschiff im Heimathafen schon heimisch. Einige schiffstechnische Änderungen mussten vorgenommen werden. Was im hohen Norden von Deutschland schiffstauglich zugelassen war, entsprach auf dem Bodensee nicht den Normen. Um die „Apollo“ als neues Familienmitglied zu integrieren, gaben wir ihr während einer geselligen Taufe den neuen Namen „Santa Maria 2“. Schiffstechnisch und die Aussenansicht waren grossartig. Aber was nur Vertraute sahen; innen verbarg sich ein wahres Liebesnest.
Der Bug ein Dreieckraum mit einem Oberlicht wurde in eine Gästekoje für zwei Personen eingerichtet.
Die vollständige Kombüse, mit Gasherd, Kühlschrank und Kaffeemaschine, erlaubte Zweisamkeit mit gehobener Gastronomie.
Der maritime Salon eignete sich gesprächsfördernd für Segler- und Fischerlatein und die blauen Sitzpolster schluckten auch die intimsten Liebesbezeugungen.
Im Mittelteil war der Eingang backbord- und steuerbordseitig durch Schiebetüren.
Im Heckteil, direkt unter dem Aussensteuerstand wurde eine Doppelschlafkoje zum Liebesnest umfunktioniert. Die seitlichen Fenster ermöglichten am Tag einen herrlichen Blick aufs Wasser und in der Nacht mit hellblauen Gardinen kein unnötiges „Aha-Erlebnis“ der Nachbarn. Der Einstieg ins Bett bescherte Liebenden einen besonderen Kick. Die auf drei Seiten abgeschlossene Koje führte unweigerlich zu einer akrobatischen Nummer beim Einsteigen. Ich wählte meinen Liegeplatz an der Fensterfront und musste also zuerst einsteigen oder dann meinen Geliebten übersteigen, was in harmonischen Momenten ein wahres Glücksgefühl auslösen konnte. Bei Stunk in der Mannschaft hingegen, was ja auch vorkommen kann, war es dann eher ein Hindernis.
Eine schiffseigene Toilette mit Dusche erlöste Nachtpinkler vor gefährlichen Kletterpartien über die Bugleiter zur Hafenanlage.
Die angenehme Breite des Schiffes erlaubte es auf dem Vorschiff, seitwärts an der Reling zwei Klappfahrräder zu befestigen. So waren Paul und ich auch an Land mobil und konnten angelaufene Ortschaften fahrend auskundschaften.

Bei der ersten Ausfahrt mit der „Santa Maria 2“ stand ich mit stolzer Brust im Steuerstand und lenkte sie aus dem Heimathafen, Richtung Friedrichshafen.

Ich gab auch gleich die Hierarchie auf dem Schiff bekannt, schliesslich waren wir ja nun zwei Kapitäne an Bord, aber keine Matrose. Also beförderte ich mich gleich zum Kapitän 1 und Paul zum Kapitän 2.

Eine unbeschreibliche Freude begleitete mich auf dieser ersten Fahrt. Immer wieder versetzten mich die vielen Knöpfe und Hebel ins Rätseln und manchmal konnte nur der technisch begabte Paul das Mysterium lösen.
Paul prägte sich auf dieser Fahrt auch wichtige Abläufe im Motorenraum ein. Schliesslich müsste bei einem Störfall jeder Griff sitzen, ohne Bedienungsanleitung in der Hand.
Ja, wir beide waren nach den vielen Jahren auf See ein eingespieltes Team und wollten es auch weiterhin bleiben.

Friedrichshafen wählte ich als erster Anlegehafen für die „Santa Maria 2“ weil mir die grossen Gästeplätze bekannt waren. Zudem schlenderten wir jeweils gerne durch die Uferpromenade. Dieses Mal setzten wir uns aber auf die mitgeführten Velos und radelten zu den Zeppelinwerken, ausserhalb der Stadt. Im Gartenrestaurant sitzend bestaunten wir die Abflüge und Landungen der Luftschiffe. Plötzlich hörten wir eine Stimme durch die Lautsprecheranlage.
"Zwei Plätze sind noch frei für die Fahrt in einer Stunde. Interessenten melden sich bitte an der Kasse.“
Ohne lange zu überlegen beeilten wir uns zum Schalter und wenige Minuten später hielten wir zwei Tickets zur Mitfahrt in den Händen. Aufgeregt liessen wir uns mit zehn weiteren Mitfahrenden über die Route und die Vorschriften des Ein- und Aussteigens instruieren.

Dann warteten wir im Schatten sitzend geduldig auf den grossen Moment. In Gedanken war ich bereits mitten in der Zeppelingeschichte. Vor Jahren hatten Paul und ich das Zeppelinmuseum in Friedrichshafen besichtigt und uns an dem begehbaren Passagierraum der Hindenburg im originalgetreuen Nachbau ergötzt. Dieses weltbekannte Gefährt verunglückte im Jahre 1937 in Lakehurst, im Bundesstaat New Jersey in Amerika.

Zuhause in Kreuzlingen können wir den Zeppelin bei schönem Wetter immer wieder über dem Bodensee kreisen sehen und jedes Mal träumte ich einmal mitfahren zu können.
Nun sollte dieser Wunsch Wirklichkeit werden.

Endlich war es soweit: Die Passagiere des Rundfluges, bei dem Paul und ich dabei sein konnten wurden aufgerufen. Im Entenmarsch folgten wir der Begleiterin über die Wiese zum Luftschiff. Diszipliniert wie im Militär standen wir rechts der Treppe des Zeppelins in Einerkolonne hintereinander. Dann ging oben die Türe auf und eine Person stand im Rahmen. Unsere Begleiterin erklärte den Ablauf:
"Das Ein- und Aussteigen ist wie folgt einzuhalten. Zuerst kommt eine Person von oben nach unten, dann darf eine Person von unten nach oben. Diese Reihenfolge muss eingehalten werden bis zum Schluss. Habt ihr alle verstanden?“
Dieses Vorgehen hatte folgenden Grund: Würden alle gemeinsam aussteigen, wäre der Zeppelin zu leicht und würde in die Luft steigen.
Nach wenigen Minuten war der Passagierwechsel reibungslos vorüber und die Türe wurde verschlossen. Das Luftschiff hob ab und los ging’s.
"Hurra wir fliegen!“, freute ich mich.
Sogleich erklärte uns der Pilot, dass ein Luftschiff nicht fliegt, sondern fährt. Die Erklärung liege in der Physik.
Mir, wie auch allen anderen Passagieren, war es eigentlich egal ob wir fuhren oder flogen. Hauptsache es ging gemächlich vorwärts. Auf rund 300 Metern Höre glitt der Zeppelin über den Bodensee. Dem klaren Wetter hatten wir es zu verdanken, dass wir sogar den Grund des Bodensees sehen konnten. Nicht angeschnallt wie im Flugzeug, nein, frei wie ein Vogel durften wir uns im Zeppelin bewegen und zum offenen Fenster hinaus schauen.
Über Konstanz demonstrierte der Pilot die Manövrierfähigkeit dieses riesigen Vogels. Er drehte nach links ab und überfuhr kurz die Landesgrenze. Als Kreuzlingerin triumphierte mein Herz, als wir das grosse Dach der Bodensee-Arena, den Schiffshafen und den Yachthafen bis zum Schwimmbad von oben betrachten konnten.
Die Rückfahrt zum Landeplatz wurde mit einem weiteren Höhepunkt angereichert. Auf dem Bodensee vor Romanshorn hatten sich die Bodenseeschiffe zu einer Sternfahrt zusammen gefunden und die Kapitäne tauschten auf dem Bug stehend ihre Sektflaschen aus.
Der Pilot des Zeppelins beschloss spontan diesem festlichen Rahmen einen besonderen Kick zu verleihen. Er kreiste mit dem Luftschiff über den Schiffen und über Funk applaudierten die Passagiere der Schiffe und wir vom Zeppelin uns gegenseitig zu. Herrlich!
Dann kehrten wir an den Ausgangspunkt zurück und der Zeppelin wurde an seinem Mastfahrzeug festgemacht. Eine wunderbare Landung.

Für mich war die Fahrt mit dem Zeppelin vom Ticketlösen bis zum Verlassen des Luftschiffes ein einzigartiges Erlebnis.

 

 

 

Liebesnest und Kummerwinkel
Seite 16
Seite 16 wird geladen
16.  Liebesnest und Kummerwinkel

Das Liebesnest auf unserer „Santa Maria 2“ eignete sich auch als Zufluchtsort für Herzschmerz. Die Distanz vom Liebesnest zum Kummerwinkel oder der Trotzkiste war ein kleiner Schritt der auch mir nicht verborgen blieb.
So trieb mich ein heftiger Streit mit Paul an einem Abend im Herbst aus dem Zuhause. Zuflucht gewährte mir die „Santa Maria 2“, die ruhig im Hafen lag. Die Liebeskoje war mir in dieser Nacht Schlafstätte und Herzwehtröster. Das maritime, dunkelblaue Kopfkissen schluckte die Tränen und der Wellenschlag eines spät heimkehrenden Schiffes übertönte das leise Wimmern. Ich hauchte mir den Schmerz von der Seele und das Gieren der Holzplanken spendete mir verständnisvolles Mitgefühl.
Was hat den Streit ausgelöst und warum flüchtete ich aus dem Haus? Hatte ich keine andere Möglichkeit Paul die Stirn zu bieten?
Ich fand keine plausible Antwort. Einziger Lichtblick in dieser Dunkelheit war der Mond, der ohne Vorbehalt in die Koje leuchtete.

Es war bereits nach Mitternacht und ich fand keinen Schlaf. Das Durcheinander in meinem Kopf trieb mich hinaus ins Cockpit. Die frische Luft und tausend Sterne am Himmel versuchten meinen Weltschmerz zu lindern.
Lange sass ich stumm da und horchte auf die kleinsten Bewegungen im Hafen. Bei jedem Windstoss schlugen schlecht vertäute Leinen der Segelboote an die Masten.
Wie gebe ich mir jedes Mal grosse Mühe dieses unangenehme Geräusch an unserem Boot zu eliminieren, versank ich kurz in glückliche Stunden.
Ja, ich verrichte meine Anlegemanöver äusserst korrekt. Niemand sollte in der Nachtruhe gestört werden, tröstete ich mich mit einem Eigenlob.

Plötzlich tauchten zwei Autoscheinwerfer auf und erhellten den Hafen. Ich beobachtete die Szene genau.
Ist es Paul der mich sucht? Wen zieht es sonst nach Mitternacht in den Hafen? Sind es eventuell Diebe, die sich Beute auf den verlassenen Schiffen erhoffen?
Ich wusste nicht genau soll ich mich freuen oder ängstigen. Die grosse Distanz und die grellen Lichter liessen mich ratlos zurück.
Das Auto blieb einige Minuten stehen ohne menschliche Bewegung rundum, dann brauste es wieder davon. Mit ihm verschwand auch die heimliche Hoffnung, dass Paul mich vermisst.
In mir regte sich nun der Trotz und ich legte mich wieder ins Liebesnest zurück.
Frau Kapitän lässt sich nicht unterkriegen, schwor ich mir.
Nach jedem Regen scheint auch wieder die Sonne – und nach einem blöden Streit erwacht auch wieder die alte Liebe. So war es auch bei mir.
Die nächsten Wochenenden auf der „Santa Maria 2“ entschädigten mich für die vergangenen Wirren.

Etwas später kam der Tag wo die Trotzkiste der „Santa Maria 2“ ihre erste Bewährung leisten musste. Paul benützte nach einem unlogischen Zwist das maritime Therapiezentrum.

Im familieneigenen Unternehmen, wo Paul technischer Leiter war gab es Zoff mit einem Werkstattarbeiter. Ich, als kaufmännisches Gewissen und Personalchefin in Union, wurde in die Auseinandersetzung hineingezogen und nach genauer Analyse konnte ich Pauls Schuldzuweisung an seinen Mitarbeiter nicht unterstützen. Dies ärgerte ihn und er beschuldigte mich der Illoyalität. Jegliche klärende Diskussion verweigerte er und verschanzte sich in der Werkstatt.
Beim gemeinsamen Mittagessen war er immer noch verstimmt. Trotzdem gingen wir beide wieder gemeinsam zur Arbeit. Während des Nachmittags verschwand Paul unauffällig aus dem Betrieb.
Ich fuhr nach Feierabend heim und fand einen Zettel auf dem Stubentisch. Kurz und bündig gar er mir darin zu verstehen, dass er Zeit zum Nachdenken brauche. Ich erschrak im ersten Moment, dann wurde ich wütend.
Was für ein Schlappschwanz, statt sich einer Diskussion zu stellen haut er einfach ab!

Ich fuhr zum Hafen und wollte nachsehen ob er allenfalls die „Santa Maria 2“ als Therapiezentrum entdeckt hatte.
Oh Schreck! Das Schiff war weg und der Platz leer, so wie meine Gedanken in diesem Moment.

Als er die ganz Nacht nicht nach Hause kam und auch am nächsten Tag verschwunden blieb, macht ich mir Sorgen, vermied aber telefonisch Kontakt mit ihm aufzunehmen, bewusst verletzt und trotzig.
Kurz vor Feierabend erreichte mich im Geschäft eine Faxnachricht von Paul aus Friedrichshafen. Emotionslos erklärte er im Schreiben, dass er im Yachthafen angelegt habe und ich, falls ich Lust hätte, nachkommen könnte.
So nicht, bäumte sich in mir der Stolz auf. Zuerst davon laufen und dann erwarten dass ich ihm noch nachlaufe. Nein, nein, und nochmals nein, nicht mit mir!
Ich liess Paul in seinem Trotzwinkel schmoren und gab keine Antwort. Am nächsten Morgen, es war Samstag und ich war nun schon zwei Nächte allein gewesen, weckte mich überraschend ein Anruf aus Deutschland. Ich schenkte dem Klingeln kein Gehör und verdammte damit die lieblose Tat von Paul.
Ihm hingegen wurde es ziemlich mulmig auf der „Santa Maria 2“.
Warum geht sie nicht ans Telefon? Ist sie eventuell gar nicht zuhause?
Dass sich Paul nun Sorge machte ahnte ich schadenfroh, erfuhr es aber erst später.

Schnell packte Paul sein Bündel zusammen und fuhr los. Zuhause traf er auf eine leere Bude und auf dem Stubentisch lag ebenfalls ein Zettel. Paul las erleichtert, aber auch etwas enttäuscht:
Mir geht es gut, ich mache ein schönes Wochenende in den Bergen.
Ja, ich wollte mit meinem Fortgehen klar machen: Was du kannst – das kann ich auch.
Am Sonntagabend sassen wie wieder gemeinsam am Stubentisch und mussten   eingestehen, wie blöd wir uns benommen hatten.
Ich ermahnte Paul aber: „Worte im Zorn ausgesprochen, kommen wie Stromschläge an und können Nebenwirkungen auslösen“.
"Ich hoffe du hast in der Trotzkiste wenigstens die richtige Antwort auf dein Problem gefunden?“
Mit einem Augenzwinkern sorgte ich für eine Rückkehr in den Alltag. Für mich war damit die dumme Angelegenheit vom Tisch – bis zum nächsten Mal!

Ich wälzte in jener Nacht aber trotzdem ein weiteres Mal unser Verhältnis zu einander.
Warum gibt es zwischen uns beiden sporadisch Streitigkeiten? Wir sind doch beide erwachsen und in keiner Weise voneinander abhängig, obwohl wir verheiratet sind.
Sind wir eventuell Egoisten, die nur an sich selber denken? Nein, ichbezogene Menschen sind wir beide nicht und der grosse Altersunterschied von 13 Jahren empfanden wir doch nie als Hindernis. Wir machen im Privatleben alles gemeinsam und führen gleichberechtigt das Familienunternehmen.
Sicher bringt Paul altersmässig buntere Erfahrungen im gesellschaftlichen Leben mit und in beruflicher Hinsicht ist er ein handwerklicher Alleskönner. Aber sein Familiensinn bleibt weitgehend auf der Strecke, getreu dem deutschen Sprichwort:
Was Hänschen nicht lernt - lernt Hans nimmer mehr!
Dafür kann ich als Spross einer Grossfamilie mit den Eigenschaften: Rücksicht, Sparsamkeit und Durchsetzungsvermögen brillieren. Auch hier passt ein chinesische Zitat wunderbar.
Reichen die Wurzeln tief, gedeihen die Zweige
.

Ich kam in jener Nacht zur Einsicht: Mit Paul habe ich mir wirklich kein pflegeleichter Partner ausgesucht.
Aber halt: Bin ich pflegeleicht – eher nicht!

Was für mich damals einzig zählte und heute immer noch gilt: Ich liebe Paul sehr, seine Zärtlichkeiten geniesse ich in vollen Zügen und ein gelegentlicher Streit gehört einfach dazu, wie ein reinigendes Gewitter.

Ja, es heisst nicht umsonst: Gegensätze ziehen sich an!

 

 

 

 

 

 

Alles fährt Ski ...
Seite 17
Seite 17 wird geladen
17.  Alles fährt Ski ...

Meine aufpolierte Karriere als Nichtschwimmerin zur Frau Kapitän relativierte sich im Winter gleich wieder.
Paul lud mich zu einem Wochenende nach Flims ein.
„Ich nehme an du kannst Skifahren?“, sagte er auf der Hinfahrt so nebenbei.
„Ja, ja, ich bin schon auf Skiern gestanden, aber das ist schon lange her.“, murmelte ich etwas verlegen.
"Gelerntes vergisst man nie", ermunterte er mich.
„Wir mieten uns eine Skiausrüstung vor Ort, dann können wir einen herrlichen Skitag im Schnee verbringen.“, meinte Paul.
Ich nickte bestätigend, im Inneren hingegen kribbelte es: Soll ich ihm sagen, dass ich erst einmal auf Skiern stand, aber keine Abfahrt machte?
Besser nicht, eventuell kehren wir bei der nächsten Ausfahrt wieder um und das schöne Wochenende ist Geschichte.

Mir gingen aber die Bilder meines verhängnisvollen Skiausflugs mit der Schule durch den Kopf.
In der Primarschule in Widnau wurde ein Skitag organisiert. Die meisten Schüler hatten eigene Skier und diejenigen die keine hatte, waren selbst verantwortlich diese zu organisieren. Also ich gehörte zu den Letzteren, wollte aber unbedingt dabei sein.
So ging wich wieder einmal auf Betteltour. Meine Nachbarin, welche mir bereits mit den Badekleidern Hilfe geleistet hatte, wurde erneut zur Retterin. Sie hatte ein Paar uralte Ski mit Stöcken aus braunem Holz im Keller stehen, die sie nicht mehr brauchte. Zudem schenkte sie mir auch noch die passenden Skischuhe.
Das noble Fräulein fuhr inzwischen mit neueren Modellen und übergab mir die Antiquität aus dem Keller. Ich war glücklich, dass ich mitmachen konnte, ohne zuhause die alte Leier zu entfachen, das können wir uns nicht leisten, wir sind eine Grossfamilie.
Dann war der erwartete Tag da und die Klasse wanderte mit den Skischuhen an den Füssen und den Skiern mit Stöcken auf den Schultern nach Berneck. Von dort mit dem Postauto nach Oberegg. Auf den Idiotenhügel stapften wir tapfer hintereinander her und kamen oben fröhlich an. Dann schnallten wir die Skier an und auf Kommando des Lehrers fuhren alle hinter ihm her den Berg hinunter. Das heisst alle, ausser mir. Meine Bindung löste sich und der Holzski suchte alleine das Weite.
Ich stand nun oben und schaute verdutzt dem fliegenden Brett nach. Dann hörte ich den Lehrer noch rufen:
„Jetzt kannst du den Hügel hinunter laufen bis zum Restaurant und dort nimmst du das Postauto nach Berneck.“
Die Klasse fuhr bis ins Tal hinunter und ich sah sie erst wieder am nächsten Tag in der Schule.
Ich stapfte mit dem restlichen Ski den Hügel hinunter bis zum Restaurant, wo ich dann das Postauto nehmen sollte. Müde setzte ich mich vor dem Eingang auf die Bank und wartete. Es war eisig kalt und die Serviertochter hatte Erbarmen mit mir.
„Komm an die Wärme, bis zur Abfahrt geht es noch eine Weile.“
Inzwischen war es bereits am Einnachten und das letzte Postauto bergabwärts sollte mich nach untern mitnehmen. Nur, ich sass an der Wärme und weil niemand an der Station wartete, fuhr der Chauffeur ohne Anhalten weiter. Ich rannte zwar noch zur Türe hinaus, sah aber nur noch die Schlusslichter im Wald verschwinden.
Ich ging ins Restaurant zurück und fragte die Serviererin: „Wie komme ich nun nach Berneck?“
„Natürlich zu Fuss, heute fährt kein Auto mehr hinunter.“, gab sie belustigend zurück.
Traurig und auch etwas ängstlich marschierte ich dann der Strasse nach hinunter, bei eisiger Kälte und totaler Finsternis. Kein Lebewesen begegnete mir. 
Der Marsch war bei der Talstation aber noch nicht zu Ende. Von Berneck schleppte ich mich noch nach Hause, wenigstens spendeten mir auf dieser Etappe brennende Laternen etwas Mitleid.
Nach diesem unglücklichen Skierlebnis war für mich der Bedarf an Schneesport gedeckt.

Nun bahnte sich in Flims ein weiteres Abenteuer auf Skiern an.
Zuvor genoss ich mit Paul eine unbeschwerte Liebensnacht in den Bergen. Hätte ich beim vorherigen Nachtessen Paul klaren Wein eingeschenkt über meine fatale Skierfahrung, wäre mir viel Ärger bei der Abfahrt vom nächsten Tag erspart geblieben. Aber ich hätte allenfalls auch riskiert, dass Paul grantig geworden wäre und die Liebesnacht ins Wasser gefallen wäre.

Am nächsten Morgen liessen wir beide uns auf den Crap Sogn Gion hochfahren. Dort schnallten wir vor dem Abhang die Skier an – Paul Ruck Zuck und ich etwas umständlicher. Ja, Paul entpuppte sich auch als Skikanone!
Dann ging die Abfahrt los, Paul voraus und ich sollte in seiner Spur nachkommen. Nur, ich stand wie festgefroren am Abhang und schaute mit einem mulmigen Gefühl nach unten.
Paul, bereits einige Kehren weiter unten rief mir zu: „Fahr endlich los!“
Ich gab mir einen Ruck und ging in die Stemmbogenstellung. Die erste Querpassage ging ordentlich, dann kam aber die Kehre und ich sass im Schnee. Von unten hörte ich die ersten Belehrungen, was ich alles falsch gemacht hatte.
Ich machte einen weiteren Versuch, und einen weiteren Versuch, landete aber ständig auf dem Po.
Inzwischen wurden die Buhrufe von Paul lauter und meine Verunsicherung grösser.
„Ein Wort noch und ich stecke die „Scheissski“ in den Schnee und lauf hinunter!“, rief ich zornig in die Bergluft, meinte aber Paul.
Die schroffe Antwort von unten: „Du kannst gar nicht Skifahren!“, war der Satz zu viel.
Ich schnallte die Skier ab, steckte sie in den Schnee und stapfte bergab. Jegliche Aufmunterung durch Paul ignorierte ich.
„Halte immer links, dann kommst du an der Gondelbahnstation an.“, hörte ich ihn noch rufen.
Paul stapfte nach oben, nahm meine Skier auf die Schultern und sauste die Piste hinunter.
Ich stapfte mit den Skischuhen durch den Schnee, aber nicht nach links, nein, nach rechts.
Nach rund zwei Stunden Marsch, kalten Füssen und müden Beinen, realisierte ich, dass ich mich verlaufen hatte und nicht mehr wusste wo ich war. Weit und breit nichts und niemand zu sehen. Die weisse Pracht wurde für mich langsam aber sicher zur dunklen Angst.

Dann kam endlich ein älteres Paar entgegen. Ich atmete auf und fragte nach dem Weg zur Gondelbahnstation.
„Oh je, da haben sie sich aber verlaufen, sie müssen links halten.“, meinte der freundliche Herr.
Ha, ha! Diesen Typ hatte ich heute schon einem gehört!“
Ich stampfte nun auf die andere Seite und mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch ging es rasant bergab.
Nach weiteren zwei Stunden Marsch, aber einer gefühlten Ewigkeit traf ich bei der Gondelbahnstation ein.
Paul wartete dort auf mich und seine Sorge und Aufregung hatte sich in seinem Gesicht festgekrallt.
„Wo warst du so lange, ich habe schon bald Wurzeln geschlagen?“
„Ich habe mich an der Ski Bar herrlich amüsiert!“, provozierte ich.
„Hier gibt es keine Ski Bar!“, konterte Paul.
"Ja, die war eben rechts nicht links!"

Die glimpflich abgelaufene Skitour feierten wir beide dann trotzdem auf der Heimfahrt.
Selbstverständlich kam dann zuhause ein weiterer Ratschlag:
„Du musst unbedingt eine Skischule besuchen."

Keine Beziehung dauert länger als jene zwischen Geschwistern - ob gut oder schlecht
Seite 18
Seite 18 wird geladen
18.  Keine Beziehung dauert länger als jene zwischen Geschwistern - ob gut oder schlecht

Wie wahr! Ich habe eine reiche Auswahl an Geschwistern. Mit vier Schwestern und drei Brüdern bin ich gross geworden. Das heisst aber nicht, dass die Geschwisterliebe gottgegeben ist. Nein, im Gegenteil Geschwister bekommt man ungefragt und muss mit ihnen zurechtkommen.

Diese Erfahrung musste auch ich schmerzlich machen. Meine vier Schwestern verlor ich sprichwörtlich aus den Augen, als ich vom Aargau in die Ostschweiz zog. Sicher waren die Eigeninteressen grösser als die Entfernung zu einander.
Später versuchte ich aber immer wieder Kontakt zu ihnen aufzubauen. Inzwischen waren alle verheiratet, zum Teil bereits das zweite Mal. Ausreden wie Zeitmangel kannten wir alle, auch die Kinder- und Ehemannbetreuung musste als Deckmantel herhalten. Dabei fehlte allen einfach die Motivation etwas gemeinsam zu unternehmen. Am Telefon hörte ich immer die gleiche Leier, man sollte ….! Dabei blieb es dann auch.

Im Jahre 1992 wollte ich dieser Starre eine Wende geben. Ich startete eine Einladung an meine Schwestern zum gemeinsamen Besuch des Christkindelmarktes in München.
Alle waren sofort begeistert und so wollten wir mit dem Car in die Hauptstadt Bayerns fahren. Diese Art von Transportmittel eignete sich für alle am bestens, da wir in der ganze Schweiz verstreut wohnten. Jede konnte an ihrer nächsten Haltestelle ein- und auch wieder aussteigen.
So kamen dann vier Schwestern planmässig mit dem Bus nach St. Gallen, wo ich als letzte Passagierin an Bord kam, bevor wir die Grenze nach Deutschland passierten.
Im verhärteten Ausdruck meiner ältesten Schwester Margrit konnte ich ablesen, dass die vier Frauen ein Problem wälzten. Auffallend war auch die Sitzordnung, Jeannette und Brigitta sassen neben einander, Margrit und Theres alleine hintereinander.
Mir wurde beim Einsteigen der Platz neben Theres zugewiesen. So kam es das Margrit die Fahrt ohne Sitznachbarin machen musste. Eigentlich hätte sie sich über die grosse Platzfreiheit freuen müssen, stattdessen war sie verschnupft. Ich wollte das aufgebauschte Problem lösen und bot ihr meinen Platz an, wurde aber starrköpfig abgewiesen.
Mir war es von Anfang an klar, dass eine Reise mit fünf Frauen ein besonderer Pferdefuss war. Ich wollte mich dieser Aufgabe aber stellen.
Gleich nach der Ankunft im Hotel in München lockte der Weihnachtsmarkt und wir gingen gemeinsam hin und verbrachten angenehme Stunden.
Vergessen – oder zumindest sistiert – war die blöde Sitzkomödie. Wir statteten dann dem Münchner Original Rudolph Mooshammer einen Besuch in seiner Boutique ab. Dabei reservierten wir auch gleich das Abendessen im Restaurant „Hundskugel“, das dem Mann mit der extravaganten Frisur gehörte.
Leider ging dann dieser Abend nicht ohne Scharmützel zu Ende. Vier Schwestern waren sich über das Menu und den Wein einig, nur Margrit scherte aus. Sie begnügte sich mit einer Kleinigkeit und war auch nicht bereit mit einem guten Tropfen auf den schönen Abend anzustossen. Ich machte gute Miene zum bösen Spiel meiner älteren Schwester. Auch der nächste Tag blieb nicht verschont von dümmlichen Kollisionen, aber es gelang mir wenigsten einen bösartigen Streit zu verhindern. Im späten Nachmittag verliessen wir München wieder und kehrten heim.
Wir verabschiedeten uns voneinander friedlich und für die Mehrheit war klar: „Es war eine gute Idee. Eine solche Auszeit von der Familie wiederholen wir.

Ein Jahr später organisierte ich eine Begegnungsrunde im Birrfeld im Kanton Aargau. Der Regionalflugplatz bot eine unterhaltsame Kulisse und im Garten sitzend konnten wir die Kleinflugzeuge starten und landen sehen. Ich wählte diesen Ort aus, weil gefühlsmässig alle Schwestern einen Bezug zu diesem Kaff hatten. Im Dorf Birr wohnten wir nach dem Auszug aus dem Rheintal. So glaubte ich den Gesprächsstoff anzukurbeln.

Der Tag begann herrlich mit Sonnenstrahlen und die Themen über Familie, Freunde und Bekannte sprudelten aus den anwesenden vier Schwestern. Theres musste leider das Treffen, berufsbedingt, kurzfristig absagen.
Witzige Anekdoten sorgten für lachende Gesichter und auch das Mittagessen im Freien schmeckte allen.
Im Verlauf des Nachmittags kippte die gute Laune in eine akute Verstimmung. Die beiden jüngsten Schwestern Jeannette und Brigitta sangen ein Loblied auf unsere Eltern, was wir beide Älteren nicht im gleichen Licht sahen. Wir hatten andere Erfahrungen gemacht in unserer Jugend, was auf den grossen Altersunterschied hinwies. Zwischen der Ältesten und der Jüngsten beträgt der Altersunterschied immerhin vierzehn Jahre.
Dazwischen waren auch noch drei Brüder, die mit ihren Kapriolen ein eigenes Buch füllen würden.
Bei Margrit brachte das Thema Eltern das Fass zum überlaufen. Was sie bis zu diesem Nachmittag nie jemandem anvertraut hatte, platzte in diesem Moment aus ihr heraus. Mit rotem Kopf und zitternder Stimme erzählte sie von Papas Untat an ihr, der Vergewaltigung. Wortlos und geschockt hörten wir übrigen Schwestern der Anklage zu.
Jeannette und Brigitta fanden als erste wieder ins Gespräch zurück. Leider aber in negativem Sinne. Sie beschuldigten Margrit der Lüge und perfiden Verleumdung gegen unseren Papa.
Feige schwieg ich damals, dabei hätte ich Margrit beipflichten, oder mindestens die Möglichkeit bestätigen müssen.
Warum hatte ich es nicht getan?

Aus heutiger Sicht ein unverzeihlicher Fehler. Damals war ich aber im ersten Moment wie vom Schlag getroffen und fand keine Worte und Minuten später glaubte ich dann, dass es besser wäre nicht weiter Öl ins Feuer zu giessen, damit die Stimmung nicht ganz in den Keller rasselte.
Als kleine Entschuldigung für meine feige Tat nahm ich für mich in Anspruch, dass ich fassungslos war, dass eine weitere Schwester von Papas widerlichen Handlungen betroffen war.
Der schöne Tagesanfang endete mit dieser Offenbarung von Margrit in einem missglückten Rückschlag für weitere Zusammenkünfte. Sie hatte ihre wahren Aussagen im schlechtesten Augenblick kundgetan und drängte damit die ahnungslosen Schwestern in eine Abwehrstellung.

Die fünf Schwestern wurden danach in zwei Lager getrennt. Die jüngeren Beiden glaubten bedingungslos an die Ehre der verstorbenen Eltern und die beiden Ältesten, als geschädigte von Papa, konnten einer intakten Familie nichts abgewinnen. Nur die Position von Theres blieb unbekannt.
Diese Grossstadtverhältnisse zogen sich viele Jahre hin. Diesmal war es nicht Motivation die ein Zusammenkommen verhinderte, sondern der Ärger über die geteilten Familienansichten.

Vorsichtig tastete ich mich im Jahre 1997 wieder an ein mögliches Treffen.
Paul und ich feierten Eröffnung unserer neuen Betriebshalle mit einem Tag der offenen Türe.
Ich als Mitinhaberin und kaufmännische Leiterin der Firma fragte deshalb meine Schwestern an, ob sie mir an diesem Festtag zur Seite stehen und die Wirtschaft übernehmen könnten. Ohne zu zögern erhielt ich von allen Schwestern eine Zusage.

Es war eine gelungene Aktion. Die Schwestern und ihre Ehemänner bestritten den ganzen Tag die Festwirtschaft mit professioneller Bravour. Hand in Hand arbeiteten sie zusammen ohne jegliche Disharmonie, einfach fantastisch.
Meine innere Anspannung über eine mögliche Familienfehde, die alles zerstört hätte, fiel stündlich von mir ab und wich grosser Freude.
Ja, mein Plan war ein grosses Risiko mit vielen Fragezeichen gewesen und ich erlebte deshalb eine unglaubliche Genugtuung beim Anblick der ehemals zerstrittenen „Hennen“ wie sie nun miteinander plauderten und blödelten.
Ja, gemeinsame Arbeiten verbinden und können verfeindete Parteien wieder zusammen bringen.
Ich freute mich über die neu erwachte Freundschaft zwischen den Schwestern. Es war mir aber bewusst, dass dieses zarte Pflänzchen mit viel Aufmerksamkeit gepflegt werden musste.

Die drei Brüder von mir sind wahrlich keine Aushängeschilder, deshalb verlor ich den Kontakt zu ihnen schon vor vielen Jahren. Besondere Ereignisse in positiver oder negativer Sache erreichten mich nur via meine Schwestern.
Trotzdem sind und bleiben die drei Brüder Familienmitglieder.

Ja, Geschwister wird man nicht los, selbst dann nicht, wenn man es vielleicht möchte!

Gemeinderätin mit Ecken und Kanten
Seite 19
Seite 19 wird geladen
19.  Gemeinderätin mit Ecken und Kanten

Kreuzlingen ist eine wunderbare und lebenswerte Stadt. Damit es aber auch rund läuft sorgt ein siebenköpfiger Stadtrat als Exekutive und ein vierzigköpfiger Gemeinderat als Legislative für Sicherheit und Ordnung.
Damit diese Gesellschaftsordnung gewährleistet wird braucht es Personen die sich für öffentliche Aufgaben zur Verfügung stellen.
So war ich bereit nicht nur Annehmlichkeiten zu konsumieren, sondern stellte mich auch gerne in den Dienst der Öffentlichkeit.
Während dreiundzwanzig Jahren war ich im Vorstand des Quartiervereins Egelshofen tätig, zuerst Kassierin, dann die letzten sechs Jahre Präsidentin. Es war für mich immer eine Ehre sich für die Quartierbewohner politisch einzusetzen oder auch gesellschaftliche Anlässe zu organisieren.
Als Urnenoffiziantin überwachte ich während acht Jahren bei jeder Abstimmung, zusammen mit einem weiteren Offizianten, die korrekte Abgabe der Stimmzettel und am Sonntag nach der Stimmlokalschliessung wurde noch ausgezählt.
Es war eine interessante Aufgabe und besonders an der Urne lernte ich viele Menschen kennen, die mich dann bei der Kandidatur zur Gemeinderätin unterstützten.

Mein Mann Paul war während dreizehn Jahren Gemeinderat der FDP Kreuzlingen, und stellte sein Amt 1995 zur Verfügung. Ich schaffte es seine Nachfolgerin zu werden. Eingebunden in die Fraktion der FDP wurde mir aber schon bald klar, dass ich mich in dieser Runde nicht wohl fühlte. Zur Fraktionsgemeinschaft gehörten auch drei Gemeinderäte der SVP. Diese drei Männer gehörten zwar von nationaler Seite her einer rechten Partei an, waren aber alles andere als Draufgänger.
Die FDP ihrerseits sieben Männer und zwei Frauen, darunter ich, bestimmten die Marschrichtung in den Geschäften. Die SVP-Kollegen waren einzig ein Anhängsel zur Fraktionsvergrösserung.
So verliess ich nach einer Legislaturperiode die FDP und wechselte zur SVP. Mit dieser Partei zog ich in den Wahlkampf 1999 mit dem Ziel eine eigene Fraktion zu erreichen. Der Abstimmungstag wurde dann für die SVP und mich zu einem grossen Erfolg. Wir gewannen drei Sitze dazu und hatten unser Ziel – eine Fraktion – erreicht. Vorbei war nun das Anhängsel Dasein in der FDP.
Ich übernahm gleich das Präsidium der Fraktion und bei der Kommissionsverteilung wurde mir auch das Präsidium Gesellschaft, Kultur und Sport anvertraut. Das bedeutete für mich vier strenge Jahre.
Die Parteibasis war zufrieden mit meiner offensiven Arbeit und die Mehrheit der Fraktionsmitglieder auch. Einzig jene Kollegen die eine ruhige Kugel schieben wollten, waren mit meiner konsequenten Sitzungsordnung nicht ganz zufrieden.
Mein Ziel in der vierjährigen Amtszeit war die Anzahl Sitze bei der nächsten Wahl nochmals zu erhöhen und in absehbarer Zeit stärkste Fraktion zu werden, dafür arbeitete ich hart.
Zum Gemeinderat Kreuzlingen gehörte damals auch die Freiheitspartei mit drei Mitgliedern. Das bedeutete für diese drei Männer keine Fraktion und entsprechend heimatlos. Da die politischen Positionen der Freiheitspartei in vielen Geschäften mit der SVP parallel verliefen, einigten sich die beiden Parteien auf einen Zusammenschluss. So politisierte die SVP dann der Rest der Legislatur mit neun Sitzen auf Augenhöhe mit der FDP.

Das Jahr 2003 wurde dann ein Schicksalsjahr für mich. Die Wahlen wurden wieder ein Erfolg für meine Partei, wir gewannen zwei weitere Mandate dazu. Mit elf Gemeinderäten starteten wir in die neue Amtszeit. Zu den bestehenden Kommissionspräsidien erkämpfte ich noch das begehrte Präsidium der Geschäftsprüfungskommission.
Gleichzeitig war die SVP zum ersten Mal an der Reihe das Vizepräsidium des Gemeinderates zu besetzen. Dieses Amt war für mich eine Wunschposition und ich stellte mich zur Verfügung. Meine Fraktionskollegen waren einstimmig für dieses Vorhaben und anerkannten damit das riesige Engagement von mir für die Partei.
Am Vortag der Gemeinderatssitzung wo ich zur Vizepräsidentin gewählt werden sollte, erfuhr ich von einem Mitglied einer anderen Fraktion, dass mir ein Mitglied der eigenen Fraktion die Wahl streitig machen werde. Angeblich hatte sich seit ein paar Tagen eine kleine Gruppe Frevler gebildet um mir die Wahl zu vermiesen.
Ich war entsetzt: Wie kann so etwas möglich sein, hatten doch drei Tage vorher bei der Fraktionssitzung alle zugestimmt?

Auf diese perfide Aktion vorbereitet betrat ich am Donnerstagabend den Gemeinderatssaal mit gemischten Gefühlen. Ich betrachtete während den ersten Minuten meine Kolleginnen und Kollegen im Rat und versuchte mir auszumalen, wer in diese verwerfliche Aktion eingebunden war.
Nach der erfolgreichen Wahl des Gemeinderatspräsidenten stieg die Anspannung in mir. Es wurden die Stimmzettel verteilt die mein Urteil besiegeln sollten. Nach der Auszählung verlas der neue Präsident die Stimmen für das Vizepräsidium. Mit 16 Stimmen verpasste ich das absolute Mehr genau wie mein Gegenkandidat der ebenfalls 16 Stimmen auf sich vereinen konnte.
Nun zeigte sich aber wer der primitive Frevler war. Ein Fraktionskollege der bereits als Anhängsel in der FDP keine grossen Stricke zerrissen hatte, wollte mich nun besiegen.
Nach einer kurzen Diskussionspause in der ich meinen Fraktionskollegen klar machte, dass ich keine Parteidoktrin abgeben werde und dass derjenige das Amt antreten soll, der mehr Stimmen erhalten sollte. Mir war aber auch bewusst:
Ein Gemeinderat ohne jegliche Opposition, also ein „Arschlecker“ hat grössere Chancen. Meine Hoffnung setzte ich nun auf die Tradition, dass ein von der Partei vorgeschlagener Kandidat gewählt wird.

Dann folgte der zweite Wahlgang und der Rat verhalf dem Konkurrenten mit 18 Stimmen auf den Thron.
Bevor sich der Rat den weiteren Geschäften widmen konnte, verlangte ich noch das Wort.
Ich verabschiedete mich vom Gemeinderat Kreuzlingen und trat per sofort von allen Ämtern zurück. Auch meine Ehrenämter legte ich in diesen Minuten nieder. Ich packte meine Sachen zusammen und verliess den Saal. Verdutzt schauten mir die Ratskolleginnen und Ratskollegen hinterher.
Mit diesem Rücktritt verabschiedete ich mich aus dem Gemeinderat, nicht aber aus der Politik.

In den nächsten Tagen war ich die meist gesuchte Person von Journalisten der regionalen Zeitungen und der Ostschweizer Fernsehstationen. Dieser Eklat im Kreuzlinger Gemeinderat machte weit über die Kantonsgrenze hinaus Aufsehen.

Ich ging diesem Rummel aber aus dem Weg und war für niemanden ansprechbar.
Paul und ich gingen am nächsten Morgen mit der „Santa Maria 2“ in ein verlängertes Wochenende und waren nicht erreichbar.
Ich war zutiefst verletzt, weil ein Kollege aus der eigenen Partei mit Unterstützung der Linken nun auf dem Thron sass. Der Verräter war kein Leistungsträger in unserer Partei, sondern ein Anpasser.
Mir war bewusst, dass ich von den Linken und den Pseudobürgerlichen mit einem Denkzettel abgestraft wurde. Ich schwamm nicht auf der sozialen Schiene mit, sondern verfolgte eine rechts gerichtete Politik. Zudem war ich immer gut vorbereitet und traf Entscheidungen zugunsten einer lebenswerten Stadt.

Einen schlechten Charakter bewiesen alle jene Gemeinderäte, die sich in den nächsten Tagen schriftlich bei mir gemeldet hatten. Der grosse Harsch dieser Lügner wollte mir glaubhaft machen, dass sie mir ihre Stimme gegeben hätten.
Nur mit dieser stattlichen Anzahl Ja-Stimmen hätte ich haushoch gewonnen.
Für mich war dieses Lügengebilde Beweis genug, dass ich nicht in dieses falsche Gremium gepasst hatte. Auch der SVP Kreuzlingen, der ich mit grossem Engagement zu dieser Stärke verholfen hatte, kehrte ich den Rücken.

Es zwickt überall - ich bin im Rentenalter angekommen
Seite 20
Seite 20 wird geladen
20.  Es zwickt überall - ich bin im Rentenalter angekommen

Ja, diese Feststellung machte ich persönlich. Kaum Rentnerin fingen die ersten Wehwehchen los und gipfelten dann in ernsthaften Erkrankungen. Bis zu meinem Ausscheiden aus dem Berufsleben benützte ich den Komfort im Spital nur damals bei den beiden Geburten. Neu ziehen mich diese Krankenhäuser an wie eine Klette.
Trotzdem liess ich mir die Freude am Leben und Reisen nicht nehmen.

Dank der Mitgift meiner Mutter leide ich an Diabetes mit allen seinen Nebenkrankheiten. Die Diagnose dieser heimtückischen Krankheit versetzte mir einen riesigen Schock und veränderte mein Leben schlagartig. Medikamente in allen Farben und Grössen wurden mir verschrieben und eine Ernährungsberaterin krempelte meinen Essensplan um.

Warum wurde diese Krankheit nicht schon viel früher bemerkt? Ich habe meine sporadischen Kontrollbesuche doch immer gewissenhaft gemacht und auch darauf hingewiesen, dass meine Mutter Diabetikerin war.

Ich nahm nun diese unsichtbare Krankheit an versuchte das Beste daraus zu machen. Trotz meiner disziplinierten Befolgung der ärztlichen Anweisungen erlebte ich schon bald einen Arterienverschluss im rechten Bein. Während eines kurzen Spitalaufenthaltes wurde mein Gefässleiden mit einer Ballontherapie geöffnet. Diese sogenannte Schaufensterkrankheit musste ich in der Zwischenzeit erneut am linken Bein therapieren lassen.
Dass es auch ohne Gallenblase weiter geht, weiss ich seit 2008, als die Chirurgen mir das operierte Organ auf dem Silbertablett zur Ansicht vorlegten. Bevor ich dieses kleine Häufchen zur Begutachtung bekam, plagte es mich während Monaten mit üblen Koliken. 
Den grössten Schock erlebte ich aber im Jahre 2009, als bei einer Ultraschalluntersuchung der rechten Halsschlagader eine Verengung von 93% festgestellt wurde. In einer sehr heiklen Operation mit hohem Risiko konnte ich vor einem möglichen Hirnschlag bewahrt bleiben.
Zum ersten Mal erlebte ich, wie schmal der Grat zwischen Leben und Tod verläuft und welches Glück ich hatte von einer grossartigen Familie getragen zu werden. Einzig eine lange Narbe vom Halszäpfchen bis zum rechten Ohr erinnern noch an diese physische und psychische Belastung.
Nach diesem Schock und der Genesung war ich aber wieder fit für Reisen.
Ja, für Paul und mich stimmt der Werbeslogan „Reisen verbindet“.
Nichts mögen wir mehr als grosse Städte und fremde Länder. In diesen Momenten sind wir rundum glücklich, aber vor allem einig.

Schiffe waren und sind unsere Leidenschaft. Bis zu unserer Pensionierung schipperten wir während dreissig Jahren mit dem eigenen Boot auf dem Bodensee. Seit wir aber frei und ungebunden sind wechselten wir unsere Glückseligkeit auf internationale Gewässer. Auf vielen Kreuzfahrten lernten wir die Annehmlichkeiten und den Luxus der verschiedenen Schiffe kennen. Die Tage und Wochen auf diesen grossen Schiffen waren für uns beide Erholung pur und so entschlossen wir eine Weltreise zu machen.  

Dieses grosse Vorhaben verlangte aber wichtige Abklärungen im Vorfeld. Wir wollten auf keinem Schiff Ferien verbringen wo Nonstop eine musikalische Lärmbelästigung die Freude trübt. Genau so wenig wollten wir uns einem ständigen Kindergeschrei aussetzen. Wir wollten eine ruhige Atmosphäre, wo auch ungestörtes Lesen möglich war. 
Ich studierte also während vielen Wochen diverse Angebote verschiedener Reedereien und entschlossen uns dann auf der Queen Victoria anfangs Januar 2013 die Welt zu umfahren. Die Reederei Cunard war uns von einer früheren, längeren Kreuzfahrt mit der „Queen Maria 2“ in bester Erinnerung.
Start und Heimkehr war in Hamburg, was für uns ideal war, wir konnten mit der Bahn ab Konstanz zum Einstiegsort gelangen.
Ja, als rüstiges Rentnerpaar wollten wir unser Heim auf festem Boden mit Blick auf den Bodensee und die Berge, gegen ein Leben auf hoher See mit teilweise unruhigem Wellengang tauschen.
Bis dahin blieben aber noch einige Monate Vorbereitungszeit. Die freudige Wartezeit füllte sich mit vielen organisatorischen Arbeiten. Ländervorschriften, Pässe, Impfungen und Visen mussten kontrolliert oder organisiert werden. Auch der Bekleidung schenkte ich ein besonderes Augenmerk. Spezielle Erlebnisse bedürfen auch entsprechender Garderobe.
Anfangs Dezember, also rund ein Monat vor der Abreise lagen alle Dokumente parat und auch die Kontrollgänge für das Zuhause waren verteilt. Die Freude und Anspannung erhöhte sich von Tag zu Tag.

Dann passierte das Unfassbare. Ich wurde am frühen Freitagmorgen 7. Dezember 2012, mitten im Alltagstrott von einem akuten Schmerz im Rücken getroffen. Schmerzmittel aus der Hausapotheke nützten nichts, der bohrende Schmerz im Rücken machte mich total bewegungsunfähig. Auch die spätere Spritze des Hausarztes brachte keine Heilung. Eine Einweisung ins Spital war nicht mehr zu umgehen. Der Krankenwagen stand eine Viertelstunde später vor dem Haus und ich verliess vollgepumpt mit Medikamenten auf einer Bahre mein Heim und wurde ins Kantonsspital Münsterlingen eingeliefert. Die schnell definierte Ankunftsdiagnose, eingeklemmter Nerv. Ich wurde nun medikamentös weiter behandelt und erhielt die freudige Nachricht, dass ich am Montag wieder wohlauf nach Hause gehen könne. Eine freudige Nachricht für mich.

Während nun die Infusion unaufhörlich in meinen Körper lief, spürte ich zwar keine Schmerzen mehr, aber in meinem linken Bein stellte ich immer mehr Taubheitsgefühle fest. Ich verständigte am Samstagmorgen bei der Visite die Verantwortlichen über meine Feststellungen. Diese trösteten mich aber, das alles in Ordnung sei.
Am Sonntagmorgen versuchte ich ein weiteres Mal bei der Visite mein Leiden zu erklären. Inzwischen zog ich nämlich mein linkes Bein bereits nach, wenn ich zur Toilette gehen musste. Dieses Mal nahm der diensthabende Arzt mein Anliegen Ernst und veranlasste, dass sich eine Neurologin meiner Sorge annahm.
Diese betrat wenige Minuten später das Zimmer und stellte verschiedene Fragen. Dann wurde ich abgeholt für eine MRI Untersuchung. Die Diagnose wurde mir aber vorerst nicht mitgeteilt, da dies Chefsache sei. So war ich bis am Montagmorgen im Ungewissen.
Der Chefarzt brachte mir dann den niederschmetternden Befund, akuter Bandscheibenvorfall beim fünften Lendenwirbel und gab gleich das Vorgehen bekannt: „Wir werden sie ins Neuro-Zentrum nach Kreuzlingen verlegen, wo sie operiert werden müssen.“
Die Aufnahmediagnose in der neuen Klinik bestätigte mir, dass bisher nicht alles rund gelaufen war. Der Chirurg sagte dann zuversichtlich: „Wir werden das Bestmögliche geben, aber ihre Einlieferung kommt etwas spät.“
Glücklicherweise verlief die Operation dann ohne Komplikationen und ich fühlte mich in den nächsten Tagen gut aufgehoben.

Nur an mir nagte eine weitere Sorge. Was passiert mit meiner bevorstehenden Weltreise? Kann ich die Kreuzfahrt in knapp drei Wochen antreten oder muss ich meinen Traum begraben?
Ich war traurig, lehnte aber Pauls Pläne die Reise abzusagen entschieden ab.
„Ich werde es schaffen.“, protestierte ich.
Paul, der nicht so optimistisch war, versprach mir dennoch volle Unterstützung bei den Therapien.
Die gute Betreuung durch das Pflegepersonal, der unbändige Wille von mir und die täglichen Gehversuche am Arm von Paul zeigten dann auch erste Erfolge.
So wurde die wehmütige Erwartung anfangs Januar die Meeresluft zu geniessen doch noch Wirklichkeit. Ich bekam von den Heilkundigen das Okay, die Reise antreten zu können.
Meine riesige Freude wurde zwar etwas gedämpft durch den Rucksack mit Medikamenten und den seitenlangen Therapieauflagen.
Aber ich war zuversichtlich, dass die Lähmungserscheinungen und das damit verbundene Nachziehen des linken Beines ein vorübergehendes Leiden ist und mit strikter Einhaltung der ärztlichen Verordnungen geheilt würde. Das Hinkebein schmälerte meine Freude auf die Weltreise nicht.

Am Dreikönigstag verliessen Paul und ich unser Heim und liessen uns mit dem Nachtzug nach Hamburg bringen. Weitsichtig hatten wir das Gepäck bereits im Voraus auf das Schiff transportieren lassen, sodass sich Paul nun nur noch um das Handgepäck und mich kümmern musste.

In Hamburg wurden wir beide mit ersten kleineren Unstimmigkeiten konfrontiert. Die Taxifahrt vom Hauptbahnhof zum Cruise Center Hafen City teilten wir mit einem allein reisenden Engländer, der ebenfalls die Queen Victoria besteigen wollte. Die Fahrt wurde interessant, beide Parteien kämpften mit ihren Sprachschwierigkeiten. Je näher das Taxi der Hafencity kam, desto gespannter hielten wir Ausschau nach dem berühmten roten Cunard-Kamin. Bis zur letzten Minute glaubten wir nach jedem Häuserblock, dass der Anblick der eleganten Lady unsere Herzen höher schlagen liesse.
Was einem Seefahrer nicht jeden Tag wieder fährt, erlebten die drei Taxipassagiere dann in Wirklichkeit. Die Queen Victoria war nicht da, die Hafenanlage geschlossen und niemand in Sicht, der uns aufnehmen wollte.
Ich fragte mich einen Moment schelmisch, ob dies eine Schikane der Deutschen war, weil sich die Schweiz wie auch England gegen die EU stemmten.
Die deutsche Taxifahrerin hingegen sagte gelassen: „Sicher hat die Queen Victoria kurzfristig im Cruise Center Altona angelegt.“
Die Fahrt verlängerte sich also um weitere zwei Kilometer. Dann endlich bogen sie in die Hafenanlage in Altona ein und wurden von dem Empfangskomitee der Queen Victoria willkommen geheissen.

Minuten später humpelte ich wie ein verletzter Vogel am Arm von Paul die Gangway hinauf, statt wippend wie ein Model auf dem Laufsteg.
Es blieb mir nicht verborgen, dass sich die Empfangscrew vorzugsweise um mich bemühte. Vor jeder Stolperfalle verhinderten ausgestreckte Hände einen möglichen Sturz. Ich war dankbar für diese Vorsichtsmassnahme. Es wurde mir aber schmerzlich bewusst, ich wurde als Behinderte abgestempelt.
Am späten Nachmittag stand ich mit Tränen in den Augen auf dem Aussichtsdeck und verfolgte die Ausfahrt vom Hafen Altona in Richtung Elbe. Gerührt hörte ich den gewaltigen Klang des Schiffhorns, mit dem sich die Queen Victoria von Hamburg verabschiedete.
Ich konnte es kaum glauben, dass ich genau vor einem Monat die Fahrt mit der Ambulanz ins Spital in Anspruch nehmen musste. Liegend hörte ich damals ebenfalls Töne eines Horns, nur waren es keine freudigen Klänge, sondern das Martinshorn verlangte Vorfahrt. Nun war ich an Bord und die weite Welt wartete auf mich, ein überwältigendes Gefühl.

Auf der Queen Victoria wartete aber eine spezielle Überraschung. Die Begrüssungsrede des Schiffoberhauptes über die Lautsprecheranlage an die Gäste wurde von einer weiblichen Stimme gehalten.
Ja, der Kreuzfahrtdampfer war in den Händen einer Frau Kapitän, bisher war dies die Hoheit der Männer.

Der erste Auftritt beim Dinner im Speisesaal wurde für mich zu einem Spiessrutenlaufen. Alle Blicke wanderten von meinem hinkenden Gang hinauf zum angespannten Gesicht und wieder zurück. Ich künstelte ein Lächeln in mein Gesicht und nahm gleichzeitig zur Kenntnis, dass mein Humpelgang auch in einem eleganten Hosenanzug nicht kaschiert werden konnte.

Gegen Mitternacht und mitten auf der Elbe wurde ich im Bett mit einem ungewohnten Ruck geweckt. Durch die geöffnete Balkontüre hörte ich ein tosendes Geräusch wie ein Wasserfall und immer wieder wurde ich durchgerüttelt. Ja, ein heftiger Sturm prasselte auf die Queen Victoria nieder und begleitete uns bis nach Southampton.
Die Atlantiküberquerung bis nach New York nahm sieben Tage in Anspruch. Eine herrliche Erholungszeit für mich. Mit einem Blick auf das Wasser begann der Tag und mit einem letzten Blick auf das Wasser begann die Nacht.
Zwischendurch erfüllte ich meine therapeutischen Auflagen und am Arm von Paul  humpelte ich auf dem Aussendeck meine Laufrunden. Ein Ausflug in die interessante Metropole New York blieb uns beiden aber verwehrt. Wir setzten uns in den prachtvollen Aufenthaltsraum und liessen nochmals kurz unseren ersten Aufenthalt in dieser Stadt an uns vorüberziehen.

Paul und ich machten 1989 unsere Hochzeitsreise nach New York und erlebten gleich ein unglaubliches Abenteuer. Beim Flug mit der Swissair wurde den Passagieren kurz vor der Landung auf dem John F. Kennedy-Flughafen einen schönen Aufenthalt in der wundervollen Stadt gewünscht, aber gleichzeitig auch vor möglichen Gefahren in berüchtigten Strassen gewarnt.
Wir beide erkunden gerne eine Stadt alleine zu Fuss, so wollten wir auch New York erleben. Die Vorwarnung im Flugzeug bereits in der hintersten Schublade des Hinterkopfs abgelegt, marschierten wir selbstsicher durch Strassen und Plätze. Wenige hundert Meter vom Times Square entfernt wurden wir unsanft von der kriminellen Realität berüchtigter Strassen eingeholt. In Sekundenschnelle waren wir von einer Menge schwarzer Jugendlicher umzingelt. Paul, der eine braune Lederumhängetasche leger über die Schulter angehängt hatte, wurde das erste Opfer. Ein Dieb riss an der Ledertasche und im Zweikampf mit Paul eroberte er die Tasche. Der Übeltäter rannte mit der Tasche davon und Paul mit dem abgetrennten Schulterriemen hinterher.

„Um Himmelswillen bleib hier!“, schrie ich hysterisch in die Richtung der Flüchtenden und hielt beide Arme fest um meinen Leib gewunden. Vorsichtshalber hatte ich meine Handtasche mit dem Tagesbudget und den nötigen Ausweiskopien verdeckt unter dem Regenmantel getragen. Nun stand ich plötzlich alleine mitten in dem unübersichtlichen Gedränge und schrie aus Leibeskräften: „Help me, help me!“
In Todesangst rief ich auch alle Heiligen um Hilfe und die wenigen Minuten kamen mir wie eine Ewigkeit vor. Fuchtelnde Hände und entschlossene Augen richteten sich gegen mich.
Plötzlich und wie aus heiterem Himmel hörte ich ein wildes Geschrei, verstand aber kein Wort. Der Stimme nach musste es eine Frau sein. Dann wurde ich am Arm gepackt und aus den Händen der erstaunten Diebesbande gerissen.
Der Gefahr entronnen, hörte ich die lauten Rufe der Retterin: „Go, go, go!“ Es war eine ältere, schwarze Frau. Diese ging mit einem kurzen Blick zurück schnellen Schrittes Richtung Times Square und die jugendliche Bande rannte in die Gegenrichtung davon.
Ich war befreit, aber die Schrecken der letzten Sekunden waren zu viel für mich. Wie ein Mehlsack sank ich auf das Trottoir und schlug mit dem Kopf auf dem harten Boden auf. Wieder in der Realität bemerkte ich eine blutende Wunde an der Stirn, aber schlimmer, meine Tasche mitsamt dem Regenmantel war verschwunden.
Wo ist Paul? Finde ich ihn wieder?
Mir war klar, in dieser riesigen Stadt ist die Aussicht etwas Verlorenes wieder zu finden, gleich gross wie eine Stecknadel im Heuhaufen aufzugabeln. Die wildesten Gedanken suggerierten mir eine ausweglose Situation. Ich rappelte mich auf und zwang meine sieben Sinne zur Besonnenheit.
Habe ich wirklich jemand meinen Namen rufen gehört, oder leide ich an Halluzinationen? Nein, der Ruf kam näher und nun erkannte ich auch die Stimme. Gottlob es war Paul. Entsetzt schaute er mich an und sagte:
„Du blutest an der Stirn hat die Bande dich angegriffen?“
Bevor sich Paul in Rage manövrierte, schnitt ich ihm das Wort ab und sagte:
„Nein, ich bin hingefallen, aber nicht auf eine Samtunterlage. Es ist nur eine kleine Beule. Die Gauner haben mir aber die Tasche mit samt dem Regenmantel gestohlen.“
Dann setzte ich ein Lächeln auf und legte hämisch nach:
„Wenn ich dich ansehe mein lieber Paul musst du dich ebenfalls mit dem Schulterriemen deiner Tasche begnügen.“
Trotz des gerade erlittenen Überfalls überkam mich eine innige Dankbarkeit.
Wir leben und den materiellen Schaden können wir verkraften.
Auf dem Rückweg ins Hotel gingen Paul und ich beim nächsten Polizeiposten vorbei und wollten eine Anzeige erstatten.
Wir staunten nicht schlecht als wir das Chaos im Büro wahrnahmen. Zwei Polizisten schickten uns unverrichteter Dinge weg mit einer Entschuldigung, in gebrochen deutscher Sprache: „Wir sind gerade überfallen worden und noch nicht in der Lage zu arbeiten, sorry!“
„Das ist New York!“, murmelte ich vor mich hin, während wir beide über den Times Square ins Hotel zurück marschierten.
Ja, New York muss man gesehen, aber auch erlebt haben.

Diese Erinnerungen erlebten wir beide nun auf der Queen Victoria sitzend nochmals hautnah mit. Dann ging die Reise weiter. Durch den 82 Kilometer langen Panamakanal gelangten wir in den Pazifik und schipperten der Küste Mexikos entlang nach San Francisco. Für mich waren die frische Luft, das Rauschen der Wellen und die herrliche Fernsicht bis zum Horizont wirkungsvoller als alle Medikamente die ich im Rucksack mitgeschleppt hatte. Ich genoss das Leben auf hoher See in vollen Zügen.

Eine wunderbare Abwechslung im Schiffsalltag war die Einladung zum Kapitänsdinner. Ich im eleganten Hosenanzug und Paul im Smoking standen wie hunderte gleichgesinnte Passagiere in der Warteschlange vor dem Eingang zum Queens Room, wo die Zeremonie abgehalten wurde. Alle warteten auf den grossen Moment von der Frau Kapitän persönlich begrüsst zu werden und den erhabenen Augenblick auf einem Foto festzuhalten. Ich freute mich aber ganz besonders einer Frau Kapitän gegenüber zu stehen.
Dann war es nur noch einen Schritt und ich posierte mit Paul an der Seite für ein Foto mit dem Schiffsoberhaupt. Aufgefallen war mir, die Kapitänin kam mir einen Schritt entgegen und reichte mir den Arm. Diese Geste hatte ich bei meinen  Vorgängerinnen nicht gesehen und war stolz darauf. Nur wusste ich klar, diese Hilfestellung galt nicht meiner Ausstrahlung, sondern war meinem Hinkebein zu verdanken.

Dieser ungewollte Behindertenbonus erlebte ich in den nächsten Wochen immer wieder. Einen Status den ich nicht gesucht hatte, aber der mir trotzdem aufgezwungen wurde. Ja, meine Laufkünste hatten seit Beginn der Reise noch keine grossen Sprünge zur Besserung gemacht. Das linke Bein wehrte sich trotz meiner disziplinierten Übungen zu gehorchen und zwang mich weiterhin am Arm von Paul zu humpeln.
Ärgerlich empfand ich jeweils Gäste die in mittleidigem Tonfall nach meinem  Befinden fragten und dann auch noch die Worte: Sie Arme …. hinterherschoben.
Auch wenn diese Äusserungen unbedacht ausgesprochen wurden, quittierte ich sie ziemlich gereizt. „Ich habe ein Problem mit dem linken Bein, nicht im Kopf!“

Zur Seefahrt gehören auch Stürme und auf Schiffen werden dann auch entsprechende Warnungen zur Vorsicht auf den Aussendecks ausgesprochen. So machten Paul und ich trotz Empfehlungen zur Vorsicht unseren Mittagsrundgang draussen. Schon beim Hinausgehen verlangte die Türe ins Freie einen kräftigen Druck. Beim Hineingehen wurde dann Paul von der Zentnerlast des Eingangs überrascht. Er hielt die Holztüre fest im Griff damit ich heil ins Innere treten konnte. Leider verpasste er dann seinen Absprung und das schwere Holzgeschütz half mit, dass Paul fliegend in den Raum gelangte.
Sein hochnäsiger Kommentar: „Besser ich als du. Zudem weiss ich, wie man hinfallen muss!“
Am Abend musste ich dann feststellen, dass Paul doch nicht genau gewusst hatte, wie man hinfallen muss! Sein Oberschenkel schmerzte und ich verarztete ihn mit den Schmerzmitteln aus der Reiseapotheke.

Vom kalifornischen San Francisco ging es weiter Richtung Hawaii. Paul war mit seinem Fernglas auf unserm Balkon stets auf Lauerstellung und hielt Ausschau nach Erlebnissen. In den Gewässern vor Hawaii wurde er belohnt. Vor der Küste schwammen Wale, ihre Wasserfontänen die sie in die Höhe jagten und die Flossen die sie auf das Wasser klatschten, sah sogar ich ohne Hilfsmittel.  

Nach der sechs Tage langen Seefahrt von Hawaii bis Samoa wartete eine spezielle Überraschung auf uns. Die Queen Victoria überquerte die Datumsgrenze – den Äquator. Traditionell wurde dieser Tag auf dem Schiff mit einem Ritual gefeiert. Auf dem Pooldeck stieg der Neptun mit seinen Meerjungfrauen aus den Fluten und begrüsste die Gäste. Er wünschte allen Seefahrern eine gute Fahrt und vor allem immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel. Die nautische Zeremonie wurde ergänzt mit lustigen Attraktionen der Crew.
Getreu dem seemännischen Merkspruch:
von Ost nach West halt’s Datum fest – von West nach Ost lass’s Datum los
So fiel der 13. Februar ins Wasser, das heisst ein Kreuzfahrttag löste sich in Luft auf.

Nach einigen interessanten Anlandungen in Neuseeland und Australien erreichten wir Asien. An Bord hatte sich in der Zwischenzeit in Sydney einen Kapitänswechsel vollzogen, neu hatte sich wieder ein Herr Kapitän auf den Thron gesetzt.

In Bali trieben mich nicht nur die hohen Temperaturen von 28 Grad morgens um sieben Uhr aus den Federn. Musikalische Willkommensgrüsse mit balinesischen Tänzen auf dem Pier war für Ohren und Augen ein richtiger Schmaus. Zudem wurde Paul an diesem 6. März zum 80. Geburtstag von der Sonne durch die Balkontüre, aber noch schöner vom Stern der Liebe im gemeinsamen Bett wach geküsst.
Etwas nachdenklich, aber mit einem entspannten Lächeln bedankte sich Paul mit den Worten: „Wir hatten bis heute eine schöne Zeit miteinander, hoffentlich können wir dies noch lange geniessen.“
Ja, vor genau 34 Jahren begann die Liebe zwischen mir und Paul. Viele Hochs und Tiefs reicher lagen wir nun selig in unserer Kabine der Queen Victoria und schauten auf die lange Zeit zurück.

Weiter dockten wir in den nächsten Tagen in einigen asiatischen Häfen an bis nach Shanghai. In dieser Metropole interessierte uns vor allem der weltberühmte Transrapid, der das Stadtzentrum mit dem Flughafen Pudong verbindet und dabei mit einer Höchstgeschwindigkeit von 430 km/h fährt. Dieses Erlebnis liessen wir uns dann nicht entgehen und so fuhren wir mit dieser Schwebebahn. Während der Fahrt fixierten meine Blicke ständig die Digitalanzeige über der Abteiltüre. Ein mulmiges Gefühl liess meinen Magen hoch steigen, obwohl die Bahn ruhig auf ihrer Spur dahin glitt. Nach sieben Minuten war der ganze Spuk vorbei.

Der nächste zweitägige Aufenthalt war Hong Kong. Dort war ein Besuch auf dem Hausberg „The Peak“ mit der steilsten Drahtseilbahn der Welt ein Muss und auf einer Bootsfahrt mit einer Dschunke ins Fischerdorf Aberdeen zeigte sich ein krasser Gegensatz. Auf dem Wasser hausten noch einige wenige Wassermenschen auf ihren Booten und unmittelbar dahinter erhob sich die imposante Skyline von Hong Kong mit ihren Hochhäusern.
Beim Auslaufen der Queen Victoria aus dem Hafen von Hong Kong ertönte von einem oberen Balkon herunter ein Trompetensolo „Time to say goodbye“.
Die Freude war nicht nur bei den Passagieren gross, auch die winkenden Zuschauer auf dem Pier applaudierten. Etwas später erfuhren wir dann, dass der Musikant ein Schweizer war, der mit seiner Ehefrau ebenfalls die Weltreise unternahm und seine Trompete mit sich führte.
Nach jedem grösseren Passagierwechsel wurde im Tagesjournal die neue Zusammensetzung der Passagiere bekannt gegeben.
Ab Hongkong lebten folgende Nationen für die nächsten Wochen auf dem Schiff:
Grossbritannien 1001 Personen, Australien 323 Personen, Amerikaner 149 Personen, Deutschland 111 Personen, Schweiz 14 Personen.

Die Queen Victoria nahm nun Kurs Richtung Vietnam, Singapur nach Malaysia. In Kuala Lumpur lockten die beiden Petronas Towers zu einem Ausflug.
Ein einheimischer Reiseleiter begleitete unsere Gruppe. Leider kannte er die schweizerische Pünktlichkeit nicht. Bei jedem Besichtigungshalt verspätete sich die Weiterfahrt, weil er undisziplinierte Gäste nicht im Griff hatte. Der steigende Zeitverlust führte dazu, dass bis zum Ende der Tour eine nicht mehr einholbare Verspätung zur Rückkehr auf die Queen Victoria entstand.
Um 17.15 Uhr sollten alle Gäste an Bord sein, damit eine Viertelstunde später abgelegt werden könnte. Der Tourenbus Nummer 11, also unser Car, war aber um diese Zeit noch inmitten des endlosen Feierabendverkehrs blockiert. Immerhin verlor unser Chauffeur die Nerven nicht und organisierte die Polizei. Mit zwei blau blinkenden Motorrädern lotsten die beiden Sicherheitsmänner den Bus zwischen den stehenden Kolonnen hindurch bis zum Schiff.
Ja, die Polizei dein Freund und Helfer! Mit einem Hupkonzert von der Brücke und hunderten von Passagieren auf den Decks die applaudierten, bedankten sich alle bei den beiden Helfern.
Mit einer Stunde Verspätung konnte die Crew dann die Gangway einziehen und die Fahrt nach Colombo beginnen.

Ich liebte die Seetage und konnte mich dabei sehr gut entspannen mit einem interessanten Buch. So stöberte ich immer wieder in der Schiffsbibliothek nach einer geeigneten Lektüre. Dort lernte ich eine jüngere Frau mit einer schweren Behinderung kennen. Manuela aus Düsseldorf kam auf zwei Krücken in den Raum und gesellte sich zu mir. Wir waren uns beide sofort sympathisch und unterhielten uns vorerst über die vielen Bücher in den Regalen.
Dann öffnete Manuela ihr Herz und im angeregten Gespräch erfuhr ich dann von der schrecklichen Erkrankung dieser Frau. Seit zwölf Jahren kämpfte die Düsseldorferin gegen eine Krankheit, die ihre Muskeln immer stärker zusammen zog, sodass sie in der Zwischenzeit auf die Hälfte ihrer einstigen Körpergrösse geschrumpft war.
Mich bedrückte diese Offenheit, war aber begeistert vom Wesen dieser intelligenten Frau. Es beeindruckte mich zutiefst mit welcher Würde Manuela ihr Schicksal meisterte. Von Herzen wünschte ich dieser tapferen Frau eine schöne Kreuzfahrt und noch viele interessante Bekanntschaften.
Ja, mir wurde wieder einmal bewusst, dass mein Hinkebein ein kleines Leiden war, gemessen an Manuelas Schicksal.

Die Seeroute von Colombo bis zum Suezkanal führte die Queen Victoria durch die berüchtigte Piratengegend, wo Schiffe immer wieder von Seeräubern angegriffen werden. Deshalb patrouillierten verschiedene Länder mit ihren Kriegsschiffen auf offener See, um Passagiere und Frachten zu schützen.
Auf der Queen Victoria wurden auch Vorkehrungen getroffen um gewappnet zu sein. So wurden alle Passagiere über die Sicherheitsvorschriften instruiert und die richtige Handhabung geübt.
Folgende Massnahmen an Bord mussten beachtet werden und wurden im Tagesjournal an alle verteilt:
Das Promenadendeck 3 wird nach Sonnenuntergang geschlossen.
Die externe Beleuchtung wird reduziert, nur die Sicherheitsbeleuchtung wird eingeschaltet bleiben.
Alle Gäste mit Aussenkabinen müssen nach Einbruch der Dunkelheit die Vorhänge geschlossen halten und das Licht ausgeschaltet sein.

Auf dem Promenadendeck wurden grosse Lichtstrahler zur Abschreckung aufgebaut und Wasserschläuche verlegt, die mit Spritzpistolen zur Abwehr ausgerüstet waren. Zusätzlich patrouillierten bewaffnete Offiziere der Royal Navy auf den Aussendecks der Queen Victoria. Für absolute Sicherheit begleitete uns sogar ein Kriegsschiff der Royal Navy.
Ja, die Reedereien müssen alles unternehmen um die Sicherheit der Passagiere zu gewährleisten.

Indien, wir kommen! Trotz totaler Überbevölkerung musste Mumbai auch noch die Gäste der Queen Victoria aufnehmen, aber nur für kurze Zeit.
Ich erlebte dann die Wirklichkeit einer irrsinnigen Menschenmenge am eigenen Leib als wahrer Horror. Im Hauptbahnhof Mumbai wurde ich Zeuge, als ein gelber Zug einfuhr, total überfüllt, beidseitig hangelten menschliche Körper auf den Trittbrettern. Dann hielt der Zug und eine gewaltige Masse Menschen strömte Richtung Ausgang.
Gut, dass Paul und ich direkt an der seitlichen Fensterfront der Bahnhofshalle standen und sich festhalten konnten. Sicher hätten wir uns in diesem Gewusel verloren, oder noch schlimmer, wir wären einfach zertrampelt worden.
Auf der Fahrt mit dem Ausflugsbus erlebte ich eine weitere Exklusivität. Ein Lastwagen kam uns entgegen, was eigentlich nichts Besonderes wäre. Doch auf der Ladefläche dieses Transporters stand ein junger Elefant und schwenkte seinen Rüssel hin und her.
Ich war mir nicht sicher, waren die Bewegungen aus Freude über die Ausfahrt oder wollte er die Leinen, die hinter seinen Ohren festgezurrt waren, abstreifen.
Schlag auf Schlag erlebte ich unglaubliche Momente.
Wo auf der Welt darf eine Kuh sich auf einem Autoparkplatz ausruhen? Welcher Autofahrer in westlichen Ländern wartet geduldig bis eine einzelne Kuh die Fahrbahn wieder frei gibt?
Diese Erlebnisse suggerierten mir, die Kühe in Indien müssen ein tolles Leben haben.
In Mumbai besuchten Paul und ich auch das Nationalheiligtum – das Gandhi-Museum. Es war eine eindrückliche Erfahrung das Hauptquartier des einzigartigen Freiheitskämpfers kennen zu lernen.  

Nach einem kurzen Abstecher nach Muskat in Oman erreichten wir Dubai. Im Emirat am Persischen Golf weckte natürlich das höchste Gebäude der Welt, der Burj al Khalifa die Lust auf einen Ausflug. Oben angekommen spielte leider das Wetter nicht mit, es war neblig und die Sicht entsprechend schlecht. Ich tröstete mich, immerhin habe ich nun dieses imposante Gebäude von 828 Metern Höhe persönlich und hautnah erlebt.
Wieder auf dem Boden machten Paul und ich einen Spaziergang in den umliegenden Park. In unserem Erlebnisdrang entfernten wir uns immer weiter vom Ausgangspunkt, der Dubai Mall weg.
Dann endlich dämmerte es mir und ich fragte Paul:
„Welcher Weg führt uns wieder zurück?
Paul, als alter Pfadfinder sagte gelassen: „Alle Wege führen nach Rom – und hier zur Dubai Mall!“
Nur, dieses Mal hatte er sich gewaltig verrechnet. Wir liefen längst im Kreis herum. Selbst der riesige Wolkenkratzer war für uns, als Anhaltspunkt, nicht mehr sichtbar. Passanten ansprechen führte nicht zum Erfolg, die Sprachschwierigkeiten waren zu gross.
Dann erblickte ich einen Gärtner bei der Arbeit und peilte ihn an. Allerdings stiess ich auch bei ihm auf sprachliche Probleme. Nachdem ich ihm dann den Stadtplan mit der eingezeichneten Haltestelle des öffentlichen Verkehrs zeigte, hörte ich: „Ah ….!“ Den Rest des Satzes verstand ich nicht.
Der junge Mann legte die Gartenschaufel zur Seite und gab ein Handzeichen, dass wir ihm folgen sollten. Ahmad, so hiess der nette Gärtner, führte uns bis zur Hauptstrasse und zeigte uns die Richtung zur Haltestelle. Immer wieder schaute Ahmad dabei zum Himmel und gestikulierte mit den Händen. Er wollte uns damit auf etwas aufmerksam machen, was bei uns beiden nicht ankam.
Minuten später wurden wir dann vom Sinn der Worte Ahmads eingeholt. Innert kurzer Zeit fegte ein gewaltiger Sandsturm durch die Stadt.
Ein hilfsbereiter Passant packte uns beide am Arm und zog uns zum nächsten Unterstand. Nun waren wir wenigstens teilweise geschützt vor der Sandwolke, die auf uns zu rollte. Auf der Strasse rannten die Leute davon und hielten Tücher vor Nase und Mund und schützten ihre Augen. Wir beide übernahmen dann diese Schutzmassnahmen ebenfalls und warteten im Unterstand bis der Sturm vorüber war.
Eine gespenstische Atmosphäre erlebten wir gerade. Der trockene und heisse Wind wirbelte den roten Sand umher und vernebelte die Sicht. Schlussendlich verzog sich der Sandsturm in Richtung Schiffshafen.
Paul und ich schüttelten den roten Sand aus unseren Kleidern und sogar in den Nähten des Rucksackes hatten sich die kleinen Körner fest gekrallt.
Zurück auf der Queen Victoria staunten wir beide nicht schlecht. Die Schiffsmannschaft war beschäftigt, die roten Staubkörner auf dem ganzen Schiff zu beseitigen. Der Sandsturm hatte auch auf dem Kreuzfahrtschiff Spuren bis in die kleinsten Winkel hinterlassen.

In Dubai wurden die Weltreisenden der Queen Victoria von der Schiffsreederei zu einem Gala-Abend ins Luxusresort Madinat Jumeirah eingeladen. Ein einmaliges Erlebnis – Luxus pur. Kulinarisch und unterhaltungsmässig wurde uns nur das Beste präsentiert. Eine ganz besonders schöne Geste durfte ich mit nach Hause nehmen.
Einheimische Künstler beschrieben und bemalten ein weisses Blatt Papier mit den Wünschen der Gäste, aber in arabischer Sprache.
Voller Stolz hielt ich das Kunstwerk, welches Paul für mich anfertigen liess in meinen Händen. In roter Farbe waren auf dem weissen Papier ein Herz und die Worte:
„Maria, ich liebe Dich“ aufgepinselt.
Umrahmt war die Liebesbezeugung mit einem arabischen Dekor. Ein einmaliges Unikat. Ich war gerührt über die unerwartete Geste von Paul und freute mich riesig.
Ja, diese Einladung war eine grandiose Idee der Reederei den Weltreisenden Danke zu sagen.

Die Seefahrt ging am anderen Morgen wieder weiter Richtung Jordanien und Ägypten zum Suezkanal. Dieser künstliche Wasserweg brachte uns Kreuzfahrer vom Roten Meer zum Mittelmeer, also wieder auf europäischen Boden. Bei kühleren Temperaturen schipperten wir bis nach Civitavecchia, den Anlaufhafen für Rom.
Auf der Weiterfahrt Richtung Lissabon passierte die Queen Victoria die Strasse von Gibraltar. Diese Meerenge verbindet das Mittelmeer mit dem Atlantik und ist etwa 60 Kilometer lang und bis 44 Meter breit.

Bevor die Queen Vitoria aber die Endstation Hamburg anpeilte, machten wir noch einen Zwischenhalt in Southampton. Paul und ich schlossen uns einer englischen Gruppe an mit dem Ziel das Schloss Windsor zu besichtigen.
Die Fahrt mit dem Bus nahm fast zwei Stunden in Anspruch. Entlang des riesigen Windsor Parks und vorbei an der Pferderennbahn von Ascot gelangten wir dann zum Bahnhof Windsor. Dort begann ein Fussmarsch zum Schloss. Nach wenigen Minuten wurden wir von einem riesigen Polizeiaufgebot gestoppt.
Windsors Strassen waren weiträumig gesperrt, weil die königliche Armee die Hauptprobe für den Staatsempfang des Emirs von Quatar übte. Dieser hohe Besuch sollte zwei Tage später mit allen militärischen Ehren würdevoll und ohne Panne stattfinden. Königliche Füsiliere in stolzen Uniformen, Reiter mit Mützen oder schwarzen Pelzhüten, Musikcorps mit und ohne Pferde und schreiende Hauptmänner liessen die Ausflügler eine volle Stunde warten bis die Strassen wieder freigegeben wurden.
Ich konnte diesem unvorhergesehenen Ereignis trotzdem etwas Gutes abgewinnen. Zuschauerin einer königlichen Militärparade zu sein erlebt man nicht jeden Tag.
Der Besuch im Schloss Windsor wurde dann, wegen der staatlichen Zwischeneinlage, in einem reduzierten Zeitplan bewältigt.

Nun ging es Nonstop der Endstation Hamburg entgegen. Der letzte Seetag auf der Queen Victoria war dem Abschied gewidmet. Wir packten unsere Koffer und nahmen Abschied von lieb gewonnen Weltreisenden. Der Schweizer Trompeter spielte beim Brunch nochmals „Time to say goodbay“.
Tränen der Freude, des Glücks und des Abschieds füllten nicht nur weibliche Augen.

Am nächsten Morgen humpelte ich zum letzten Mal am Arm von Paul die Gangway hinunter, zwar nicht mehr wie ein verletzter Vogel, aber von einem Gang auf dem Laufsteg noch meilenweit entfernt.
Die Abschiedscrew gab mir immer noch die nötige Sicherheit und verabschiedete mich mit den besten Genesungswünschen. Der letzte Blick zurück auf die Queen Victoria und ihre exzellente Crew war ein emotionaler Moment für mich.

Geblieben sind mir Erinnerungen an wundervolle Erlebnisse:
110 Nächte auf der Queen Victoria
37041.05 Seemeilen
am 26. Januar den Panamakanal durchquert
am 12. Februar und 16. Februar jeweils die Datumsgrenze überquert
am 17.April den Suezkanal durchquert
65 Seetage Erholung pur
36 Städte in 25 Ländern besucht
Und - … als Nichtschwimmerin kein einziges Mal die Schwimmbecken der Queen Victoria missbraucht!

 

Meine Selbsterfahrungen und Erkenntnisse
Seite 21
Seite 21 wird geladen
21.  Meine Selbsterfahrungen und Erkenntnisse

Heute schaue ich als über 70 Jährige auf ein bewegtes Leben zurück mit freudigen Ereignissen, aber auch bitteren Niederlagen.

Meine Kindheit in der Grossfamilie empfinde ich heute nicht als Vorteil, sondern eher als Belastung. Die Nachteile übersteigen die wenigen Vorteile bei weitem. Eine individuelle Betreuung und Förderung durch die Eltern fand nicht statt, sondern die Geschwister mussten sich einen Sonnenplatz selbst erobern.

Auch den damaligen Lehrern kann ich heute keine pädagogischen Fähigkeiten attestieren.
Es ist mir aber bewusst, dass ich die damalige Zeit nicht in die Gegenwart versetzen kann, wo Kinder das höchste Gut sind, aber vor allem die höchste Verwöhnung geniessen.
Ich erachte die heutigen Grossfamilien nicht als nachahmenswert. Werden die Kinder gefragt, ob sie diese Art von Familienleben wirklich wollen, oder ist nicht einfach die allumfängliche soziale Absicherung massgebend?

Den Missgriff meines Vaters habe ich ohne Selbstzerfleischung und Depression überlebt, trotz mancher schlaflosen Nächte in denen ich heimlich unter der Decke weinte. Ich verarbeitete das Erlebte alleine – ohne me-too - und legte es im Kleinhirn ab, zum Schutz meiner Familie, aber auch zu meinem eigenen Wohlergehen. Verzeihen und vergessen konnte und kann ich diese Tat aber nie.
Heute kann ich mich aber ohne jeglichen Groll darüber äussern und bin stolz darauf, meine Familie nicht der Ächtung der Gesellschaft ausgesetzt zu haben.

Das Ausbrechen aus meiner ersten Ehe, das in der Scheidung endete und mir den Titel „Ehebrecherin“ verlieh, ist für mich, aus heutiger Sicht, kein Verbrechen gewesen, sondern ein Glücksfall. Der damalige Scheidungsgrund, die Liebe zu Paul, überlebte bis heute alle Stürme des Lebens.

Mein Wunsch Lehrerin zu werden hat sich zwar nicht erfüllt. Trotzdem fand ich in meinem Beruf als Kauffrau meine Erfüllung. War es am Anfang die Büroarbeit zu Hause, dann die wunderbare Anstellung im Elektrizitätswerk, gefolgt von der einmaligen Stelle beim Bankverein und schlussendlich die verantwortungsvolle Arbeit als Mitinhaberin der Metallbau Schneider AG in Kreuzlingen, zusammen mit meinem Mann. Jede einzelne Aufgabe brachte mir viel Erfahrung und vor allem Spass und Freude.

Ich habe die besten Söhne der Welt, daran glaubte ich damals und glaube es heute noch.
Als alleinerziehende Mutter erlebte ich eine bunte Zeit. Zwei Söhne allein zu erziehen benötigte wirklich viel Energie und gegenseitiges Vertrauen von beiden Seiten.
Meine Söhne mussten sich mit meiner Doppelrolle als Mutter und Geliebten eines anderen Mannes auseinandersetzen. Eine schwierige Aufgabe, zumal Paul kein pflegeleichter Partner war. Es gab Tränen, Abneigungen und Verwünschungen, aber am Schluss siegte immer die Vernunft.

Das Leben an Pauls Seite war für mich ein Bad der Gefühle, gespickt mit Blindheit, Traurigkeit, Eifersucht, Vertrauenseinbussen und Trennungsgedanken.
Trotz aller negativen Erlebnisse erreichte die Liebe zu Paul eine Krönung. Verziehen sind die vielen Demütigungen, die mich öfters an die Grenzen meiner Belastbarkeit brachten.
Die tiefe Abneigung von Pauls Familie, die mir entgegen gebracht wurde, überlebte ich ebenfalls ohne Trauma. Sanfte Annäherungsversuche in den letzten Jahren verdienen die Betonung sanft.

Heute als Rentnerin geniesse ich mit Paul ein Leben in fast vollkommener Harmonie in unserem schönen Heim und auf ausgedehnten Reisen. Wir lieben und achten einander. Kleinere Scharmützel gehören zu unseren Naturells und beleben den Alltag.
Gerade in dieser letzten Phase unseres Daseins, wo kleinere und grössere Krankheiten zum Alltag gehören, ist das Geborgensein das höchste Gut.
Ich erlebe diese gegenseitige Fürsorglichkeit am eigenen Leib und bin dankbar, dass ich mich  auf Paul und meine beiden Söhne, mit ihren Frauen, verlassen kann.
Paul zeigt mir heute seine uneingeschränkte Liebe, wie nie zuvor in unserer langen Beziehung. Ich geniesse dieses Mitgefühl in vollen Zügen und es bereitet mir grosse Freude, Paul dieselbe Liebe und Fürsorge zu geben.

Ja, der Weg war lang, bis ich ehrlich – nicht blind – und ohne Vorbehalte sagen kann:

Ich bin rundum glücklich!
Nur wer an sich glaubt,
ist im Stande nicht aufzugeben,
sondern sich immer von neuem zu motivieren.



Zum Schluss ein Zitat von Rose Kennedy
Man sagt, die Zeit heile alle Wunden. Dem Stimme ich nicht zu.
Die Wunden bleiben, mit der Zeit schützt die Seele den gesunden Verstand und bedeckt ihn mit Narbengewebe und der Schmerz lässt nach, aber er verschwindet nie.



Anhang
Seite 22
Seite 22 wird geladen
22.  Anhang
Ich habe mich entschieden meine Lebensgeschichte auf Meet-my-life zu veröffentlichen, weil ich überzeugt bin damit ein Beitrag zur Dokumentation der Forschung von Kultur- und Literaturwissenschaft der Universität Zürich einen Dienst zu erweisen. 

Ich bin mir sicher, dass ich in meiner Autobiografie meine Identität als Autorin, Erzählerin und Schlüsselfigur mit einem grossen Objektivitätsanspruch beschrieben habe.

Es ist mir aber bewusst, dass einer objektiven Berichterstattung eine subjektive Autorenposition gegenübersteht und auch bin ich nicht geschützt davor, die subjektive Wahrnehmung total auszublenden.

Heute leben diejenigen die Schuld auf sich geladen haben nicht mehr und meine Söhne und Geschwister können sich als Erwachsene mit Weisheit und gesundem Menschenverstand mit meinen Erlebnissen auseinandersetzen.
UNSERE FÖRDERER
Bearbeiten Inhaltsverzeichnis
Klicke das grüne Plus-Zeichen an. Du hast dann verschiedene Möglichkeiten, dein Inhaltsverzeichnis und deine Fragen zu bearbeiten. Z. B. Neue Kapitel kreieren, eigene Fragen "erfinden", Kapiteltitel und Fragen abändern.
Kleine rote Kästchen neben den Fragen bedeuten, dass zu diesem Text ein Leserkommentar abgegeben wurde. Du findest ihn oben im Funktionsmenü (neben dem Druckbefehl).
Das kleine Buchsymbol neben den Fragen zeigt dir an, dass du dazu schon etwas geschrieben hast und der Text gespeichert wurde.
Funktionsmenü
Über diese Buttons kannst du verschiedene Funktionen aufrufen: Speichern deines Textes, Drucken und Fotos oder Dokumente einfügen, die Kommentare deiner Leser anschauen und entscheiden, wie du mit ihnen verfahren willst. Oder die für dich angenehmste Schriftgrösse zum Schreiben einstellen. Über die Funktion Drucken kannst du deinen Text kapitelweise oder gesamthaft ausdrucken oder auf deinem PC zusätzlich in Word speichern (Befehl Export), was du regelmässig machen solltest. In den FAQ findest du Antworten auf Fragen, die dich vielleicht noch beschäftigen.
Mit diesen Buttons kannst du zwischen verschiedenen Ansichten wechseln. Schreiben, Lesen des aktuellen Kapitels, Lesen des ganzen Textes. Über Vorversionen erhältst du Zugang zur Backup Funktion. Damit kannst du für jede Frage einzeln auf frühere Versionen zurückgreifen oder diejenigen Versionen selbst speichern, die du vorerst behalten möchtest.
Schreibfenster
Klicke links im Scrollbalken auf eine Frage und schreibe in diesem Fenster was dir dazu einfällt, wie du das von "Word" kennst. Dein Text wird jeweils automatisch gespeichert, wenn du auf eine neue Frage wechselst.
143#0#909#0#0