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Von Maria Schneider
Marie - Kämpfen statt aufgeben
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Maria Schneider
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Vorwort
1.
Kindheit in einer Grossfamilie
2.
Mobbing in der Schulzeit/ Gefangen in einem exotischen Namen/ Papas Fehltritt
3.
Geld verdienen um jeden Preis/ Sängerin ohne Ambitionen/ Erste Jugendliebe
4.
Familienumzug in den Aargau/ Neuer Flirt mit Folgen/ Ende der Jugendliebe
5.
Ja, ich will - ähm ich muss/ Mutterliebe und Alltagsorgen
6.
Familie und Beruf/ Erste Schuljahre der Söhne
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Verbotene Liebe/ Gratwanderung Ehemann-Geliebter/ Schuldspruch "Ehebrecherin"
8.
Neue Freiheit/ Zwei konträre Familien stossen aufeinander/ Alleinerziehende Mutter
9.
Ja, ich will!
10.
Schicksalsschläge meistern/ Wonnen geniessen
11.
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Maries Selbsterfahrungen und Erkenntnisse
Meine Lebensgeschichte widme mich meinen beiden Söhnen Patrick und Daniel
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1946 - 1961

Kindheit in einer Grossfamilie

In Widnau im schweizerischen Rheintal, direkt an der österreichischen Grenze, erblickte Marie  im Oktober 1946 das Licht der Welt. Im Schlafzimmer ihrer Eltern bekam sie von der Hebamme den ersten Klaps auf den Hintern. Entweder wurde damit ihre kleine Lunge aufgefordert selbständig zu arbeiten, oder es war schon die erste Lektion für das unartige Benehmen. Ihr Geburtstermin wäre erst in drei Wochen gewesen.

Das Haus in dem sie geboren wurde, war ein grosses Gebäude, im Eigentum der Gemeinde. Vier Holztreppen mit je zwölf Tritten führten zur riesigen Wohnung mit zehn Zimmern. In den unteren beiden Stockwerken gab es nur öffentliche Räume. Im Erdgeschoss war eine grosse Turnhalle mit Umkleidekabine und im Mittelgeschoss ein Singsaal und ein Klassenzimmer.

Maries Grosseltern mütterlicherseits wohnten mit ihrem Nachwuchs bereits seit vielen Jahren dort und besorgten die Hauswartung. Nach dem Auszug der sechs Kinder aus dem Vereinshaus, wie dieses Haus genannt wurde, bewohnten die Grosseltern diese XXL-Wohnung alleine weiter.

Johanna die zweitälteste Tochter der Grosseltern und Maries Mutter war also im Vereinshaus aufgewachsen. Nach ihrer Heirat zog sie mit ihrem Ehemann in dieses grosse Nest ihrer Eltern zurück. Ihre herrische Mutter räumte dem jungen Ehepaar zwei Räume, ein Schlafzimmer und ein Wohnzimmer zu. Die Küche und die Toilette waren gemeinsames Gut und die restlichen Räume verwaltete ausschliesslich die Herrin. So blieben vier möblierte Kammern, die früher von Johannas Geschwistern bewohnt waren, verschlossen.

Johanna nistete sich also mit ihrem Ehemann Maurice auf engstem Raum mit ihren Eltern ein und die beiden gründeten gleich eine Familie. Maurice, aus dem französischen Jura stammend, wurde nicht nur in Johannas Familie nicht gerne gesehen, nein, im ganzen Kaff galt er als Aussätziger.

Marie kam als zweite Tochter der jungen Familie auf die Welt und mit der weiter anwachsenden Kinderschar veränderte sich auch das Wohnraumbedürfnis. Platz zur Ausdehnung wäre in dieser grossen Wohnung vorhanden gewesen. Nur die Mutter von Johanna stellte sich quer.

Für sie standen die vier verschlossenen Kammern nicht zur Verfügung. Diese waren reserviert für allfällige Besuche der früheren Bewohner – ihrer ausgezogenen Kinder. Sie vergass dabei, dass ihre eigenen sechs Kinder das Privileg eines eigenen Zimmers in Anspruch nehmen konnten. So liess sie die junge Familie in zwei Zimmern hausen und verwehrte damit ihren eigenen Enkeln ein würdiges Aufwachsen.

Ja, der Entscheid von Johanna in die Wohnung ihrer Mutter zu ziehen war unüberlegt. Wollte sie die Eltern bei der Hauswartarbeit unterstützen? Oder waren es Vernunftgründe mit finanziellem Hintergrund? Auf jeden Fall war dieser Beschluss planlos gefällt worden, was sich noch zeigen wird.

Die junge Familie erweiterte sich jährlich um einen Spross und erreichte bis 1959 die stattliche Zahl von acht Kindern: Fünf Mädchen und drei Buben. Wäre nicht zwischendurch noch ein Schwesterchen verstorben, wären sie neun.
Ja, sie waren nun eine Grossfamilie mit allen Vor- und Nachteilen.
Maries Kindheit war also geprägt von den vielen Geburten, die ausschliesslich im Elternschlafzimmer im Vereinshaus stattfanden. Das Ritual kannte sie schon bald auswendig. Mama legte sich im Schlafzimmer ins Bett, Papa holte die Hebamme Emma und die bestehende Kinderschar wartete in der Küche auf den ersten Schrei ihres neuen Geschwisterchens. Wenig später betrat dann die Hebamme die Küche, wo sie vor der verwunderten Augenschar den neuen Erdenbürger badete. Papa, zum Hilfspfleger erhoben, sorgte für warmes Wasser und frische Tücher.
Die Kinder verfolgten gespannt das Eintauchen des kleinen Winzlings ins Wasser und erlebten dann auch gleich das herzhafte Brüllen. Zusammen gingen sie dann ins Schlafzimmer und freuten sich, dass Mama gesund und munter das Baby in den Armen hielt.

Dass die drei erstgeborenen Mädchen, darunter Marie, aufmerksam dem ersten Bad des Neuankömmlings zuschauten, registrierte die Hebamme beim ersten Sohn. Marie bemerkte sofort, dass ihr Brüderchen etwas zwischen den Beinen hatte, was ihr fehlte. Den Wissensdurst erklärte ihr die Hebamme in kindlicher Form: „Dein Brüderchen hat ein „Pfiffeli“. Alle Buben haben dieses wichtige Teilchen.“
Die noch kleine Marie befriedigte diese einfache Antwort. Damals!

Die Geburt des sechsten Geschwisterchens im Jahre 1953 erlebte Marie wie gewöhnlich, nichts deutete darauf hin, dass ihre kleine Schwester nur vierzehn Tage überleben würde. Es war für Marie ein grosser Schock, als Mama das kleine Bündel ins Spital nach Altstätten brachte und kurze Zeit später in einem weissen Sarg wieder heim holte. Die Vergrösserung der Familie ging aber nach diesem grossen Leid munter weiter.

Maries Erinnerungen an die Kleinkindzeit beschränkten sich auf die jährlich wiederkehrende Ankunft der neuen Geschwister. Weitere wichtige Entwicklungsbemühungen von Seiten der Eltern waren ihr fremd. Die neuzeitlichen Forschungen, wonach die ersten drei Jahre die prägendste Zeit für Menschen sind, kamen für Marie um Jahre zu spät.
Einziger Vorteil ihrer Grossfamilie war, jeder sorgte für jeden.
Eine vorschulische Bildung konnte sie von ihren überforderten Eltern nicht erfahren, dafür brillierte sie im Windeln wechseln und schöppeln.
Unbewusst hatte Marie als Embryo bei der Verteilung der Talente zweimal in die Kiste Intelligenz gegriffen!

Mit sechs Jahren war sie reif für den Kindergarten. Mit einem rot-weiss karierten Stoffbeutel für die Finken stand sie an der Hand ihrer Mutter vor dem grossen Tor eines einstöckigen Hauses mit grossem Umschwung und Spielplatz. Schwester Zita, eine ältere Nonne mit strengen Gesichtszügen und Schwester Aloisia, eine jüngere Nonne mit lieblicher Ausstrahlung begrüssten alle Neuankömmlinge. Mit Namensaufruf wurden sie in zwei Gruppen eingeteilt. Die Kinder auf der rechten Seite wurden Schwester Zita zugeteilt und diejenigen auf der linken Seite Schwester Aloisia. Mit Freude gesellte Marie sie sich zu ihren Kameraden auf der linken Seite. Ihre ersten positiven Gefühle für Schwester Aloisia hatten sich in diesem Jahr bestätigt. Alle Kinder hatte sie gleich lieb, was Marie erst später als Schülerin richtig einschätzen konnte.

Marie fühlte sich im Kindergarten sehr wohl, weil sie bereits viel Erfahrung im Gruppenspiel mitbrachte. Zuhause waren sie damals bereits fünf Kinder und da hatte egoistisches Benehmen keinen Platz. Auch kämpfen statt aufgeben war eine Übungseinheit.

1953 – 1961
Mobbing in der Schule
Gefangen in einem exotischen Namen
Papas Fehltritt

Im Frühjahr 1953 erwartete Marie die obligatorische Schulzeit. Damit erlangte sie auch das Bewusstsein, dass nicht alle Kinder vorbehaltlos gleichgestellt waren.

Ihr Papa, der zugewanderte Eindringling aus der französischen Schweiz und Aussätziger im Dorf war Grund genug auch seine Kinder zu plagen. Dazu trug auch Maries herrschsüchtige Grossmama massgeblich bei. Als klatschsüchtiges Dorfblatt trieb sie die Abneigung gegen ihren ungeliebten Schwiegersohn im Dorf an. Dass sie damit aber auch ihre Grosskinder bestrafte war ihr entweder nicht bewusst, oder sie nahm es böswillig in Kauf. Maries Mama tolerierte diese Gemeinheiten stillschweigend. Vielleicht nahm sie die Diskriminierung ihres Ehemannes und Papa ihrer Kinder, aus Rücksicht und Respekt vor ihren eigenen Eltern in Kauf, oder ihr fehlten der nötige Mut und die Selbständigkeit.

Dem ersten Schultag fieberte Marie mit grosser Freude entgegen. Sie war neugierig auf ihre neuen Mitschüler, aber vor allem wollte sie lernen, viel lernen. Die erste bittere Enttäuschung folgte bereits zu Beginn der Schulstunde. Alle Kinder mussten sich vorstellen: Name, Vorname, Heimatort und Arbeitsort des Vaters. Als körperlich grosses Mädchen sass Marie in der hintersten Bankreihe. Es waren 48 Schüler und Schülerinnen im Klassenzimmer. Die Vorstellungen begannen in den vordersten Reihen und so war Marie bei den letzten die ihre Daten vortragen durfte. Alle ihre Kameraden waren einheimische mit den gleichen Nachnamen und ihre Väter arbeiteten in der gleichen Textilfirma im Dorf.
Dieser Einheitsbrei änderte sich schlagartig als Marie sich vorstellen musste. Artig stand sie auf und wollte ihre Vorstellung machen, so wie es ihre Vorgänger taten. Leider hatte sie aber exotische Daten bekannt zu geben. „Mein Name ist Chevalier sagte sie mit gedämpfter Stimme.“ Obwohl es ihr Lehrer vorne an der Wandtafel genau gehört hatte, forderte er Marie auf: „Sag es nochmals, aber laut und deutlich.“ Verunsichert und mit rotem Kopf wiederholte Marie ihren französischen Nachnahmen. Genussvoll plagte der Lehrer sie weiter indem sie ihren Heimatort im  französischen Jura wiederholen musste. Er genoss es sichtlich, dass er Marie auch in der Frage nach dem Arbeitsort ihres Vaters bloss stellen konnte. Ihr Papa arbeitete als Lagerist bei der Firma Saurer in Arbon und nicht in der Textilfabrik im Dorf. Marie fühlte sich nach dieser Vorstellung völlig als Aussenseiterin und heimlich wünschte sie sich ebenfalls einen stinknormalen Nachnamen zu haben. Zuhause wagte sie es nicht ihre grausame Niederlage in der ersten Schulstunde zu beklagen. Von den Eltern erwartete sie keine Unterstützung und die Grossmutter hätte neues Gift über ihren Papa ausschütten können. So versuchte Marie ihrer Enttäuschung alleine Herr zu werden.

Schon bald reifte in ihr der Trotz, sich durch Leistung hervor zu heben. Sie hatte eine überdurchschnittliche Intelligenz und war in kurzer Zeit die Klassenbeste. Mit ihren Fähigkeiten konnte sie zwar den parteiischen Lehrer etwas besänftigen, stiess aber bei den Mitschülern auf Abneigung. Freundinnen bekam sie keine, für alle war sie nur eine Schulkollegin. Ja, Intelligenz und exotische Abstammung wirkten abschreckend. Marie war auch benachteiligt an einem interessanten Schulweg teilnehmen zu können. Sie wohnte direkt neben dem Schulhaus und so konnte sie mit den abenteuerlichen Ausführungen ihrer Mitschüler nicht mithalten. Ihr verblieb es nur mitzuhören wie in den Pausen aufregende Erlebnisse ausgetauscht wurden.
Marie passte auch physisch nicht ins Klassenbild. Die Mehrheit der Mädchen trugen blonde oder rote Haarzöpfe. Sie präsentierte sich hingegen mit kinnlangem, dunklem Haar, das auf der rechten Seite mit einer Masche zu einem Schweif gebunden war. Dieses Anderssein zog sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. Gab es bei den meisten Kameraden zuhause täglich Rheintaler Ribelmais, tanzte sie mit ihrer Essenskultur aus der Reihe. Statt wie in der Provinz üblich im Tante-Emma-Laden einheimische Produkte zu kaufen und Gschwellti mit Appenzellerkäse zu essen, vertilgten sie zu den Kartoffeln Roquefortkäse und Rollmöpse. Ihr Papa als fremdartiger Geniesser nahm für den Einkauf exotischer Genussmittel den langen Weg in die Nachbargemeinde Heerbrugg in Kauf. Diese Extrawurst – wie es ihre Grossmama ärgerlich betonte, wusste in kurzer Zeit das ganze Dorf und die unbeliebte Exotenfamilie hatte erneut einen weiteren Minuspunkt in der Beliebtheitsskala eingefahren.
Die Aussenseiterrolle blieb Marie während der ganzen Primarschulzeit erhalten. Sie konnte sich einzig durch ihre schulische Überlegenheit bei den Lehrern etwas Achtung verschafften, dies jedoch zum Spott der Schulkameraden. Klassenbeste in allen Fächern wurde als Streberin und Besserwisserin abqualifiziert.
In der dritten Primarklasse wurde Marie mit einem sehr strengen Lehrer konfrontiert. Aus heutiger Sicht betrachtet, hatte er überhaupt keine pädagogischen Fähigkeiten, eher eine gewaltsame Neigung. Seine berüchtigten Tatzen, welche er als Züchtigung, meistens an den Knaben auslebte, musste sie während diesem Jahr etliche Male miterleben. Mit dieser brutalen Strafe wollte er den Schülern seine Autorität beweisen. Noch heute hört Marie das leise Wimmern der Bestraften, wenn das Lineal auf ihre Hände nieder prasselte. Bei ihr hatte der Lehrer seine sadistische Ader einmal an den Haaren ausgelassen. Der Ziehschmerz war unangenehm, aber von den anderen Gräueltaten abgesehen, erträglich.
Auch mit der vierten Primarklasse verbinden sich für Marie unangenehme Erinnerungen. Sie wurde einem Lehrer zugeteilt, der ihrer Familie nicht gut gesinnt war, oder einfacher gesagt, er mochte ihren exotischen Papa nicht. Wie üblich in der ersten Stunde im neuen Schuljahr übergab Marie dem neuen Lehrer das unterschriebene Zeugnis. Er warf einen kurzen Blick auf die Vorjahre und kommentierte lapidar: „Deine bisherigen Noten, von der ersten bis zur dritten Klasse sind alles Bestnoten. Diese Einerserie wird sich aber in diesem Jahr beenden.“ Marie erschrak über diese niederschmetternde Ankündigung und spürte hautnah die Abneigung des Lehrers. Den Mitschülern gab er dafür Grund für ein verachtendes Gelächter. Marie – die perfiden Worte des Lehrers im Hinterkopf - gab während des ganzen Jahres nie Anlass zur Rüge und ihre schulischen Leistungen waren jederzeit bestens. Trotzdem machte der Lehrer seine Ankündigung vom ersten Tag wahr. Er verpasste ihr tatsächlich in zwei Fächern die Note 1-2. Für Marie war es eine sehr traurige Erfahrung, weil sie sich sicher war, dass diese Notengebung willkürlich und nicht ihren guten Leistungen entsprach.
Die fünfte und sechste Primarklasse besuchte sie bei einem neu zugezogenen, jungen Lehrer, der sie unabhängig und neutral annahm und auch benotete. Es waren zwei lehrreiche Jahre und vor allem die sechste Klasse ein gutes Vorbereitungsjahr zum Übertritt in die Sekundarschule. Die beiden Noten 1-2 im Zeugnis blieben konstant, nur die damit bewerteten Fächer änderten. So musste sich Marie also daran gewöhnen, dass ein Zeugnis mit lauter Einsern der Vergangenheit angehörte.

Dem Besuch der Sekundarschule ging eine anspruchsvolle Aufnahmeprüfung voraus. Über hundert Schülerinnen und Schüler aus dem Dorf und der näheren Umgebung wurden in verschiedenen Fächern geprüft. Ein besonders hinterlistiger Test blieb Marie bis heute in Erinnerung. In der ersten Prüfungseinheit stand an der Wandtafel folgender, unkommentierter Satz: Gott gab uns Zeit – von Eile hat er nichts gesagt. Am Schluss des Tages war genau dieses Zitat die letzte Prüfungsaufgabe und verhalf ihr zu einem hervorragenden Erfolg. Sie hatte die Aufnahmeprüfung in die Sekundarschule mir Bravour gemeistert.

Das erste Schuljahr in der Sekundarschule war dann allerdings wieder geprägt von Schikanen. Maries älterer Klassenlehrer war bereits Hauptlehrer ihres Onkels – dem Bruder ihrer Mutter - der Theologie studierte und Pfarrer wurde. Dieser war ein absolutes Genie in allen Fächern. So setzte Maries Klassenlehrer bei ihr die Messlatte höher als für die übrige Klasse. Bei jeder kleinen Abweichung zu den guten Leistungen ihres Onkels, stufte er ihre Arbeit auf primitive Weise herunter. Auch die Französischlektionen arteten für Marie in einer richtigen Plage. Weil sie einen französischen Nachnamen hatte, wurde sie beim kleinsten Fehler regelrecht als dumm vorgeführt. Es war für Marie unverständlich, dass bei einem fremdsprachigen Nachnamen auch gleich eine perfekte Sprachkenntnis vorhanden sein müsste. Zudem war die französische Sprache nicht ihr Lieblingsfach, ihr fehlte schlicht die Lust für dieses Fach. Damit gab sie ihrem Lehrer richtig Ansporn sie zu schikanieren. Diese unerträglichen Sticheleien ohne jegliche Anerkennung ihrer allgemein guten Arbeiten, bewirkten im Laufe des Jahres abfallende Leistungen und am Schluss nur noch ein ungenügendes Muss, statt eine Freude zur Schule zu gehen. Diese energielose Motivation kannte Marie bisher nie, im Gegenteil die Triebfeder wirkte in ihr ohne Mithilfe von aussen.

Heute würden diese Verfehlungen der Pädagogen als Mobbing geahndet. Damals gehörte es aber zum Alltag und Marie fühlte sich alleine gelassen, auch von zuhause.

Diesem zunehmenden Schulfrust setzte Marie ein jähes Ende. Sie liess sich in die Abschlussklasse der Realschule versetzen. Ihr Rückschritt von der Sekundarschule in die Oberstufe hatte ihr Abschlussklassenlehrer am Anfang der ersten Stunde mit einer aufmunternden Willkommensgeste bereichert. Marie war gerührt von den aufbauenden Worten, aber auch vom freudigen Applaus ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler. Die meisten kannte sie noch von der Primarschule. Nun galt es das letzte Schuljahr mit Freude anzugehen; Marie war bereit dazu. Ihr Lehrer erkannte schnell, dass sie aussergewöhnlich gute Fähigkeiten hatte und förderte sie in ihren Bestrebungen den Beruf zur Lehrerin zu ergreifen. Mehrfach durfte Marie der Klasse vorstehen als seine Stellvertreterin. Dieses Vertrauen  bereitete Marie grosse Freude und die Klasse hatte riesigen Spass dabei.  Die grösste Hürde für den Lehrer war allerdings, die Eltern von Marie von den beruflichen Wünschen ihrer Tochter zu überzeugen. Obwohl die Kosten für das Lehrerseminar durch Stipendien gesichert gewesen wären, lehnten die Eltern ein Studium ab. Ja, die vielen Interventionen des Lehrers stiessen zuhause auf Granit. „Kommt nicht in Frage, Marie muss eine normale Arbeitsstelle antreten und Geld verdienen. Zudem nehmen wir vom Staat keine Almosen an!“, vernichtete ihre Mutter den Berufswunsch. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge ging Maries Schulzeit zu Ende. Sie bedankte sich bei ihrem einfühlsamen Lehrer für das lehrreiche und pädagogisch wertvolle Abschlussjahr. Mit dem brillanten Zeugnis hoffte sie aber, ihre berufliche Laufbahn etwas später doch noch zu erreichen.

Trotz der vielen Demütigungen in den Schuljahren erlebte Marie auch ein besonderes Erlebnis. Als Grossfamilie standen gemeinsame Ferien gar nie zur Diskussion, bis zu dem Frühlingstag als der Gemeindepräsident mit einer freudigen Nachricht auftauchte. Eine soziale Institution ermöglichte jedes Jahr einer Grossfamilie kostenlos gemeinsame Ferien. Als Gemeindeoberhaupt hatte er damals Maries Familie vorgeschlagen für diese Aktion und kam auch gleich den Zuschlag. So stand der Glücksbringer nun in der Familienküche und überbrachte die freudige Nachricht. Er betonte, dass die Familie eine Feriendestination wählen könne und ihn innerhalb einer Woche orientieren sollte wohin die Reise gehen sollte. Kaum war der gern gesehene Gast draussen, begann die Diskussion um den Ferienort. Papa schlug vor den Heimatort Sonvilier zu besuchen. Mama lehnte sofort ab, sie wollte ins Tessin. Die drei ältesten Schwestern Emma, Marie und Anna unterstützten aber Papas Vorschlag. Sie wollten einmal den Ort sehen wo sie ihre Wurzeln hatten. Also überbrachte Mama den Vorschlag ins Gemeindehaus und die Vorbereitungen nahmen ihren Lauf. In einem Schreiben der Institution wurde den Eltern von Marie mitgeteilt, dass die beiden Ferienwochen ab Mitte September stattfänden. Ein Haus in Monte Soleil oberhalb Sonvilier sei reserviert. Gleichzeitig orientierten sie, dass vierzehn Tage vor Ferienbeginn die Bahntickets und vier grosse Koffer geliefert würden.

Dann begann das Warten. Ende August kamen wie angekündigt die Reiseunterlagen und vier riesige Überseekoffer. Der Postbote der die grosse Fracht brachte lachte und fragte: „Wandert ihr aus oder geht eure Reise über den grossen Teich?“ Ja, Marie war ebenfalls erstaunt, solche riesige Koffer hatte sie noch nie gesehen. Am Tag der Abreise standen die Koffer total gefüllt bereit. Bis die Fahrt aber beginnen konnte, musste noch ein langer Weg zum Bahnhof Heerbrugg überwunden werden. So begann Papa mit der Verteilung der Lasten. Mama war zuständig für die kleinen Geschwister, das jüngste erst einjährig noch im Kinderwagen. Die schweren Koffer teilte er auf die vier ältesten Kinder auf, darunter auch Marie. Nur Papa selber begnügte sich mit der Verantwortung und den Reiseunterlagen. Spätestens nach einer Viertelstunde verfluchten die Kofferträger die Reise. Endlich am Bahnhof angelangt stieg die Freude aber wieder. Im Zug belegte die Familie zwei Abteile in der Holzklasse. Während der langen Anreise nach Sonvilier mussten sie zweimal umsteigen, eine richtige Tortur mit so viel Gepäck. Dann erreichten sie das Dorf im Jura und auf dem Bahnhofareal wartete bereits ein Traktor mit einem Anhänger. Der junge Bauer kam der Familie zu Hilfe und lud das Gepäck auf die Ladefläche. Emma fragte besorgt: „Wie kommen wir nun nach Monte Soleil?“

„Ganz einfach, setzt euch neben das Gepäck“, sagte der Bauer in vollem Ernst. So sassen sie alle nebeneinander auf der Ladefläche, natürlich ohne Sicherheitsgurt, und die Fahrt ging los. Rund acht Kilometer holperte das Gefährt auf einer Bergstrasse hoch. Die Jungmannschaft hatte natürlich die grösste Freude an der Fahrt. Nur die Mama war ungehalten, dass wir ans „Arschloch der Welt“ fahren, wie sie es giftig nannte. Das grosszügige Haus in Monte Soleil war unmittelbar neben dem grossen Bauernhof des Jünglings der uns hierauf gebracht hatte. Ansonsten waren nur Wiesen und weidende Kühe zu sehen. Die Bauernfamilie hatte zwei Söhne im gleichen Alter wie Emma und Marie. So gab es zwischen diesen vier Jugendlichen einen regen Austausch. Die Ostschweiz und die Westschweiz kamen sich näher, aber nur im kleinen Rahmen.

Bereits in der ersten Ferienwoche wurden Emma und Marie von den beiden Bauersöhnen Otto und Fritz in die Paarung der Kühe eingeweiht. Kurz vor Mittag rief Otto: „Emma komm ich zeige dir wie man eine Kuh deckt.“
„Was willst du zudecken?“, fragte Emma ahnungslos, ging aber trotzdem mit auf den Hofplatz. Da stand bereits Fritz mit einer Kuh. Dann kam vom Stall her Otto mit einem Stier am Nasenring. Das Paar stellte sich hinter die wartende Kuh und bevor Emma genau wusste was passiert, bestieg der Muni die Kuh. Emma schaute entsetzt dem kurzen Spiel zu und bevor sie Otto zurufen konnte: „Halt den Stier zurück!“, war die Aufregung vorbei und der Stier wurde wieder in den Stall zurück gebracht. Otto kam zurück zu Emma und sagte: „Das war nun die Deckung und in rund neun Monaten hat Rosa ein Junges.“ Jetzt erst dämmerte es Emma von welchem Schauspiel sie gerade Zeuge geworden war.
Ein Tag später wurde auch Marie von Fritz auf dem falschen Fuss erwischt. Anna und Marie spielten vor dem Haus Federball als Fritz vom Stall daher kam, an der Leine ein Pferd. Schon von weitem rief er: „Marie, heute bringe ich dir das Reiten bei.“ Marie erschrak und erwiderte: „Ich setz mich doch nicht auf diesen Gaul.“ Fritz liess nicht locker und reizte Marie: „Du bist doch eine Memme.“ Diese perfide Nennung stachelte sie an und sie willigte ein unter der Bedingung dass er die Leine nicht los lassen würde und das Pferd führte. So kam Marie zu ihrer ersten Reitstunde, aber auch zur Letzten. Marie sass auf dem Gaul wie auf einem Holzbock und wagte sich nicht zu bewegen. Schweissgebadet suchte sie nach wenigen Minuten wieder Bodenkontakt. Ja, die Feriengäste waren wirklich nicht Landwirtschaft tauglich.
In der zweiten Ferienwoche machte Papa sein Versprechen wahr. Er marschierte mit Emma, Marie und Anna bergab nach Sonvilier. Zuerst besuchten sie den Friedhof, wo sie nach verstorbenen Namensvettern suchten. Dann setzten sie sich in eine Gartenwirtschaft und befragten die ältere Wirtin nach den Vorfahren. Papa trank ein Bier und die Mädchen ein Glas Hahnenwasser, damals noch gratis. Allzu viele Neuigkeiten blieben ihnen verwehrt. Aber immerhin wussten sie nun wo ihre Wurzeln sind.
Zwei Tage vor der Abreise luden Otto und Fritz die drei ältesten Mädchen zu einer Mitfahrt nach St. Imier ein. Mit dem Traktor und dem Anhänger fuhren sie die Bergstrasse hinunter und am Bahnhof holten sie eine Ladung Strohballen ab. Die Heimfahrt wurde dann zu einem kleineren Fiasko. Otto lenkte den Traktor, Fritz und die Mädchen sassen hinten auf dem Anhänger. Sie hatten es lustig und Otto war einen Moment nicht konzentriert. Er fuhr über den Wegrand hinaus und der Anhänger kippte auf die Seite und rutschte den Hang hinunter. Die vier Jugendlichen hinten auf dem Anhänger konnten abspringen bevor das Vehikel zu rutschen anfing. Auch Otto konnte sich mit einem Sprung vom Traktor retten. Rund drei Meter unter dem Bergweg hielt ein Baum die stürzende Ladung auf. Ja, die fünf Jugendlichen hatten mehrere Schutzengel. Sie blieben alle unverletzt.  Besinnlich und ruhig liefen sie anschliessend den Rest des Weges heim. Als der Bauer die Schar erblickte rief er: „Was ist passiert, warum kommt ihr zu Fuss?“ Otto erzählte mit stockenden Worten seinem Vater von dem Unfall. Dieser nahm die Angelegenheit sehr gefasst und sagte: „Ich rufe gleich meinen Bruder an, dass er das abgestürzte Gefährt mit seinem Traktor wieder auf die Strasse zurück zieht.“ Zu Otto und Fritz sagte er noch: „Ihr zwei kommt mit, ihr säubert die Strasse von den Strohballen.“
Weniger Verständnis erwartete die Mädchen. Emma, Marie und Anna gingen leise ins Haus zurück. Sie erzählten der Mama von dem Missgeschick. Statt froh zu sein, dass ihren Töchtern nichts passiert ist, hielt sie ihnen eine Standpauke. Den Rest des Tages mussten die Schwestern im Hause verbringen und konnten Otto und Fritz nur vom Fenster aus beobachten, wie sie mit dem Vater wegfuhren und nach Stunden wieder heimkehrten. Ja, die Ferien im Jura bleiben Marie in ewiger Erinnerung.

Als Marie dreizehn Jahre alt war, näherte sich ihr Papa zum ersten Mal auf ungebührliche Weise. Ihre Mama verlangte immer wieder, dass Marie und ihre ältere Schwester Emma im Elternschlafzimmer schlafen mussten, wenn sie mit einem erkrankten Kind in der Stube übernachtete. Das jüngste Schwesterchen, erst einige Monate alt, lag in ihrem Kinderbett direkt neben den Ehebetten und wenn sie nachts aufwachte und etwas benötigte mussten die älteren Schwestern den Säugling beruhigen – so machte es sonst die Mama. Warum wurde Papa nicht eingespannt für diesen Dienst? Es hätte doch keine zusätzlichen Aufpasserinnen gebraucht. So stieg Marie unschuldig und ohne jegliche Ahnung eines Abends in Mamas Bett um die Betreuung ihrer kleinen Schwester zu übernehmen. Mitten in der Nacht spürte sie plötzlich, dass jemand unter ihre Decke zwängte. Es war ihr Papa, der auch gleich sein Glied an ihrem Rücken rieb und gleichzeitig hörte sie ein ekliges Keuchen. Starr vor Grausen konnte sich Marie nicht bewegen, sie brachte aber auch keinen Laut über ihre Lippen. Papa nahm ihre Hand und führte sie zu seinem erregten Glied. Es gab für Marie kein Entkommen mehr, ihre Hand wurde zwangsmissbraucht für seine abartige Befriedigung. Ohne Rücksicht auf Maries seelische Erschütterung legte er sich anschliessend wieder in sein Bett und schlief.  Bis Marie das gerade Erlebte einordnen konnte war es morgen und sie musste in den Alltag zurückkehren. Gerne hätte sie jemandem ihre Last mitgeteilt, aber sie wusste nicht wem und zudem schämte sie sich. So blieb es ihr Geheimnis und sie hoffte, dass es sich nicht wiederholen würde.

Leider war Marie ziemlich naiv als sie glaubte, dass dieses Vergehen ein einmaliger Ausrutscher von Papa war. Einige Wochen später wurde Marie erneut Opfer ihres eigenen Vaters. Es war Abend und Marie ging, bekleidet mit einem Nachthemd, vor dem Schlafen nochmals zur Toilette. Als sie den Flur entlang ging, war noch Licht in der Küche und beim Vorbeigehen sah sie Papa in der Küche stehen, der sie sofort aufforderte hinein zukommen. Angsterfüllt folgte Marie der Aufforderung und bevor sie realisierte was er wollte, fing er bereits an sie zu betatschen. Sie stand wie angewurzelt vor ihm und konnte vor Schreck weder schreien noch davon laufen. Er streichelte ihre Brüste und betonte dabei, dass sie schon eine reife Frau sei. Seine Hände wanderten immer weiter nach unten. Dann hob er das Nachthemd hoch und steckte seine Finger in ihre Scheide. Jetzt spürte Marie wieder dieses eklige Keuchen, wie damals in der Nacht. Unaufgeklärt und naiv liess sie diese scheusslichen Berührungen über sich ergehen und hoffte inbrünstig, dass es schnell vorüber ging. Zum Schluss gab er ihr noch einen Klaps auf den Hintern und entliess liess. Bedrückt und total verwirrt schlich Marie in ihr Schlafzimmer, wo ihre ältere Schwester bereits schlief. Wortlos legte sich Marie ins Bett und weinte still vor sich hin. Immer wieder stellte sie sich die Frage: Was ist eigentlich mit mir gerade passiert? Warum hat er das getan? Dieser Abend veränderte Maries Leben.

In der folgenden Zeit ging sie ihrem Papa immer aus dem Weg. Alleine unbeschwert durch die Wohnung zu laufen ging nicht mehr. Sie hängte sich immer bei einem Geschwister an um ja nicht in die Fänge von ihrem Peiniger zu geraten.
Einige Tage später als sie bereits im Bett lag und ihre Schwester noch nicht anwesend war, stand plötzlich ihr Papa im Pyama vor ihr. Er forderte sie auf in die Toilette zu kommen. Marie zitterte am ganzen Leib, folgte aber seiner Aufforderung nicht. Schweissgebadet horchte sie auf den erlösenden Ton, als die Schlafzimmertüre ihrer Eltern ins Schloss fiel. Zudem kam kurze Zeit später ihre Schwester ins Zimmer und dann wusste sie, dass ihr im Moment nichts mehr passieren konnte. Auch nach dieser vereitelten Attacke wagte es Marie nicht ihrer Mutter oder ihrer Schwester etwas zu erzählen. Ihre Scham war riesig und sie hatte nicht erklärbare Schuldgefühle, die sich in ihr Gewissen hämmerte. Ich habe mich bis heute doch nie bewusst aufreizend oder gar sexy benommen? Zudem kenne ich die Art der Verführung gar nicht.

Maries Wut verlagerte sich aber still und heimlich auch auf ihre Mama. Sie verdächtigte sie sogar einen Mitschuld. Warum schickt sie unaufgeklärte und unschuldige Mädchen ins Elternschlafzimmer zum Übernachten? Sicher kannte sie die Gelüste ihres Ehemannes aus eigener Erfahrung, die grosse Kinderschar lässt grüssen.
Warum schützt Mama ihre Töchter nicht? Diese Frage stellte sich Marie immer wieder. Bin ich alleiniges Opfer von Papa, oder sind meine Schwestern in der gleichen misslichen Lage? Auch diese Frage plagte Marie. Trotzdem konnte sie sich niemandem anvertrauen. Durch ihre Scham und ihre verletzten Gefühle war sie total blockiert.

Erst später zu Peter, ihrer ersten Jugendliebe, hatte sie grosses Vertrauen. Ihm beichtete sie ihre grausamen Erlebnisse und fühlte sich nachher wie von einer schweren Last befreit. Nur, ihre Erleichterung war Peters Bürde geworden sie zu beschützen. Wütend wollte er Maries Papa anklagen. Einzig Maries Bitte ihre Familie nicht zu zerstören hielt ihn von seinem Vorhaben ab.

Peter war und blieb der einzige Vertraute der von diesem traurigen Erlebnis wusste.

 
1961 – 1963
Geld verdienen um jeden Preis
Sängerin ohne Ambitionen
Erste Jugendliebe

Marie beendete im Frühjahr 1961 ihre Schuljahre. Ihr Wunsch Lehrerin zu werden war wegen der Engstirnigkeit ihrer Eltern ein Traum geblieben. Ihre Mama konnte es kaum erwarten bis auch die zweite Tochter Geld nach Hause brachte. Bereits eine Woche nach Schulschluss, noch nicht einmal 15 Jahre, stand sie vor dem grossen Eingangsportal einer einheimischen Textilfabrik. Hierher verpflanzte sie ihre Mutter um etwas Handfestes zu erlernen. Die Firma stellte Regenmäntel und Skijacken her. Mit einfachen Kenntnissen aus der Nähschule wurde Marie an einer Nähmaschine angelernt Einzelteile für die Produktion anzufertigen. Es war nicht ihr Traumberuf, aber Marie konnte dieser Arbeit doch noch etwas Positives abringen, ihre erste Skijacke und erst noch mit einem selbst genähten Teil. An die Zeit in dieser Textilfabrik erinnert sich Marie sehr gerne. Die Firmenleitung war äusserst personalfreundlich. In der Freizeit ermöglichte sie den Mitarbeitern grosszügig verschiedene Sportarten. So stellten sie auf dem Dachterrasse Ping Pong Tische auf und ermöglichte begeisterten Ballspielern an Turnieren teilzunehmen.

Als sich Marie trotz anfänglichem Widerwillen in der Näherei wohl fühlte, erlebte sie dann eine erneute Überraschung. Inzwischen 16 Jahre, hatte Mama eine lukrativere Arbeit gefunden und Marie musste sich ungefragt dem Diktat  unterwerfen. Im besagten Industriebetrieb im Dorf, wo die meisten Väter ihrer ehemaligen Mitschüler arbeiteten, waren junge Arbeitnehmerinnen willkommen in der Produktion mitzuarbeiten. Die Bezahlung war besser, aber die Arbeitsbedingungen entsprechend schlechter. Die Schichtarbeit war eine grosse Umstellung für Marie. Im Wochenrhythmus begann die Arbeit um 6 Uhr morgens bis 2 Uhr mittags oder um 2 Uhr mittags bis 10 Uhr abends. Marie wurde in der Spulenverarbeitung angelernt. So bediente sie eine lange Maschine die Garn auf Spulen wickelte. Die fertige Garnspule musste sie auf ein Förderband stecken. Diese äusserst langweilige Arbeit verrichtete Marie aber zur Zufriedenheit des Abteilungsleiters und er belohnte sie dafür mit der Versetzung in die Kontrolle. Marie schätzte diese Geste, konnte aber auch bei dieser Arbeit keinen Höhepunkt finden. Einzig ihre Mama freute sich, wenn sie ihr alle vierzehn Tage eine aufgebesserte Lohntüte abnehmen konnte. Marie fühlte sich inzwischen als eine richtige Geldbeschaffungsmaschine für die Familie.
Maries Papa interessierte die übermächtige Stellung von Mama innerhalb der Familie in keiner Art und Weise. Seine Lohntüte gab er ebenfalls alle vierzehn Tage pünktlich ab.

Unglücklich mit der eintönigen Arbeit suchte Marie heimlich nach einer Veränderung. Sie las Zeitungsinserate und weihte auch Bekannte in ihren Plan ein. Dann endlich ein Jahr später bekam Marie die Möglichkeit bei der Post in der Hauptstadt St. Gallen eine einjährige Postscheckamtslehre zu absolvieren. Es war nicht der grosse Wurf, aber ein Schritt in die richtige Richtung. Im Vorfeld gab es aber grosse Streitigkeiten zwischen ihr und ihrer Mama. Maries selbständige Entscheidung passte ihr nicht, weil sie befürchtete dass sie auch das Diktat über die anderen Töchter verlieren könnte. Diese diktatorische Eigenschaft ihrer Mama erinnerte Marie stark an die herrschsüchtige Grossmama. Ja, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm!

Für Marie war es sehr wichtig diese Lehre in der Fremde antreten zu können, sah sie doch die Möglichkeit sich weiter zu bilden. Die Arbeitsstelle war für Marie eine grosse Herausforderung, nicht bildungsmässig, sondern durch die grosse örtliche Entfernung. Jeden Morgen hiess es um halb fünf Uhr aufstehen, damit sie um halb acht Uhr in St. Gallen war. Von ihrem Zuhause nach Heerbrugg zur Bahnstation stählte eine Stunde Fussmarsch ihren Körper. Auf Holzbänken sitzend erreichte Marie in einer weiteren Stunde den Hauptbahnhof in St. Gallen. Der letzte Rest bis zur Arbeitsstelle war dann nur noch ein Katzensprung. Am Abend wiederholte sich das Prozedere in umgekehrter Reihenfolge. Maries Feierabend begann also erst nach acht Uhr. Trotzdem war Marie sehr glücklich mit ihrem neuen Job, der sie mehr forderte als die bisherigen simplen Tätigkeiten. Auch ihr Selbstwertgefühl machte einen Sprung nach oben, sie hatte sich durchgesetzt.

Während dieser anstrengenden Zeit reifte auch Maries erste Jugendliebe. Peter war in der Industriefirma tätig, wo Marie damals ihre Spulen betreute. Sie kannte den Werksmechaniker nur flüchtig. Immer wenn in ihrer Abteilung eine Maschine stockte, war er als letzte Hoffnung aufgeboten worden. Mit seiner Körpergrösse von zwei Metern war er nicht zu übersehen. Auch Marie fiel der flotte Jüngling damals sofort auf. Aber nebst einem kurzen Augenkontakt und einem gelegentlichen Winken kamen sich die beiden nicht näher. Marie war ein scheues Landei und Peter diesbezüglich auch kein Draufgänger. Also passierte in jener Zeit in Sachen Liebelei nichts.

In ihrer Freizeit spielte Marie mit ihrer jüngeren Schwester Anna Gitarre und sie sangen dazu bekannte Schlager. Kleinere Auftritte in Restaurants, Veranstaltungen und Volksfesten in der näheren Umgebung waren für sie bereits Erfolgserlebnisse. Als „Duo Rhyschwalbe“ erreichten sie bei einer Je-Ka-Mi-Veranstaltung in Romanshorn am Bodensee den zweiten Rang mit dem Schlage „Schuld war nur der Bossanova“ der deutschen Sängerin Manuela. Dieses gute Ergebnis beflügelte die beiden im nächsten Jahr wieder anzutreten und sie hofften insgeheim den erzielten Erfolg noch zu toppen. So versuchten sie ihr Glück ein Jahr später erneut mit dem Hit „Winni, winni – Wanna, wanna“ von der Girli Group „Tahiti Tamourés“ in der deutschen Fassung.
Beim Auftritt gab es dann eine spezielle Einlage. Anna vergass in ihrer Nervosität die an der Taille befestigte Serviette vom vorgängigen Nachtessen zu entfernen. So stand sie dann auf der Bühne mit einem quadratischen weissen Lappen vor dem weitschwingenden Rock. Diese kleine Zwischeneinlage wurde aber nicht bewertet: Marie und Anna sangen sich auf den ersten Platz. Als Siegerduo wurden sie von einer anwesenden Werbeagentur eingeladen in einer Nachwuchsshow im deutschen Fernsehen aufzutreten. In einer Musiksendung mit dem deutschen Sänger Gerhard Wendtland wollte die Agentur den beiden Schweizerinnen eine Chance geben sich der breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Anna war ausser sich vor Freude und sah sich schon auf der internationalen Bühne den Applaus entgegennehmen. Maries Freudentaumel hielt sich hingegen in Grenzen. In der Zwischenzeit verguckte sie sich nämlich in den grossen Werksmechaniker der ehemaligen Firma und sah darum bereits das keimende Pflänzchen in Gefahr.

Trotz der anbahnenden Sängerkarriere ging Marie jeden Tag zur Arbeit nach St. Gallen. Dann eines Abends als sie am Bahnhof Heerbrugg von der Arbeit heim kam, stand der grosse Werksmechaniker mit seinem Velo auf dem Perron. Peter, so hiess der Jüngling, war von seinem Wohnort Diepoldsau hierher geradelt und holte Marie ab. Überrascht, aber trotzdem glücklich liess sie sich von ihm heim begleiten. Trotz der etwas holperigen Annäherung wünschte sich Marie, dass ihr Heimweg nie enden würde. Nach einem ersten flüchtigen Kuss vor der letzten Abzweigung zu ihrem Haus radelte Peter wieder heimwärts. Eine Trennung direkt vor Maries Haustüre wagten sie nicht. Diesen für sie beide glücklichen Moment wollten sie nicht einem Schlüssellochgucker präsentieren. Ja, zuhause wurde die Heimkehr der Kinder genau überwacht. Diese wunderbare Heimbegleitung am Abend wiederholte sich nun immer wieder und zuhause war Maries Veränderung nicht unbemerkt geblieben. So lauerten Emma und Anna auf eine Möglichkeit um den unbekannten Begleiter ihrer Schwester zu begutachten. Die Kritik der beiden fiel dann nicht gerade schmeichelhaft aus. „Diese lange Bohnenstange hat zu wenige Haare auf dem Grind“, lästerte Emma. „Dafür zu viel Brillantine auf den Fäden“, gab Anna noch ihren Senf dazu. Nicht genug der Häme wurde auch noch das Fahrrad bemängelt. „Dieser arme Kerl hat nur ein Militärvelo“, lachten die beiden. Marie ärgerte sich zwar über die primitiven Lästerungen, entwaffnete die beiden aber: „Schämt euch, das ist nur Neid der Besitzlosen“.
Marie liess sich von diesen Pöbeleien nicht beeindrucken, sondern traf ihren Peter in den nächsten Wochen regelmässig und mit Freude. Als junger Teenager war sie verliebt über beide Ohren und wollte möglichst viel Freizeit mit ihm verbringen. An einem kalten Wintersonntag marschierten die beiden Verliebten nach Heerbrugg ins Kino. Für Marie eine Premiere, war sie bis dahin noch nie in einem Kino. Stolz hängte sie sich bei ihrem Begleiter ein. Die Nähe tat gut um die eisige Kälte zu ertragen, aber noch besser um seine Wärme zu spüren. Zum ersten Mal erlebte Marie dann während einer innigen Umarmung wie sich ein Zungenkuss anfühlte. Ja, Marie und Peter waren wirklich keine Draufgänger, aber im Moment konnten sie nicht voneinander lassen.

Diese Herzangelegenheit war aber mit einer Sängerkarriere, wie es Anna vorschwebte nicht vereinbar. Also weigerte sich Marie das Angebot für die Fernsehsendung anzunehmen. Sehr zur Enttäuschung der Agentur, aber noch mehr zog sie den Zorn von Anna auf sich. Dies war dann auch das Ende der Auftritte als „Duo Rhyschwalbe“ und Marie hatte diesen Schritt nie bereut.

Peter lebte mit seiner Familie im Nachbardorf Diepoldsau und hatte noch vier jüngere Geschwister. Marie kannte diese Familie persönlich nicht. Dann kam der Moment wo Peter seine Freundin der Familie vorstellen wollte. Mit dem Velo holte er Marie zuhause ab und zu Fuss marschierten sie am Rheinufer entlang zu ihm nach Hause. Die Eltern und die vier jüngeren Geschwister begrüssten Marie herzlich und es wurde ein angenehmer Abend. Trotzdem glaubte Marie zu erkennen, dass unter diesem Dach die Mutter das Oberhaupt war. Die jüngeren Geschwister von Peter bereicherten den Abend mit lustigen Einlagen, die Mutter beherrschte das Thema und der Vater war auffallend ruhig. Auf dem Heimweg bedankte sich Marie bei Peter für die nette Begegnung mit seiner Familie und versprach, ihm in absehbarer Zeit auch ihre Familie vorzustellen. Bereits eine Woche später sass Peter in der Stube der Grossfamilie. Marie konnte es natürlich nicht verhindern, dass ihre zickigen Schwestern bei jeder Gelegenheit eine zynische Bemerkung Richtung Peter schossen. Die Eltern verhielten sich korrekt und die Brüder massen sich einzig mit der Körpergrösse von Peter. Marie war zufrieden mit dem Verlauf des Besuches und Peter froh, dass er wieder draussen war.

Einen Monat später überraschte Peter Marie mit einer Einladung für ein gemeinsames Wochenende mit seinen Eltern ins Turbenthal.
„Fahren wir mit dem Zug?“, fragte Marie.    
„Nein, mit unserem Auto.“                            
„Habe ich recht gehört, ihr habt ein Auto?“, legte Marie nach.                    „Ja, meine Mutter hat ein Minibus, damit die ganze Familie Platz hat bei Ausfahrten.“      
Marie war baff, Autos waren damals noch eine Rarität.
„Ich würde mich freuen, wenn du mitkommen würdest“, wiederholte Peter die Einladung.

Marie liess ihrer Freude freien Lauf und ärgerte damit ihre beiden Schwestern, die ebenfalls noch nie in einem Auto mitgefahren waren. Dann war es soweit, Peter mit Familie holte Marie mit dem Auto zuhause ab. In dem besagten Minibus mit acht Plätzen fuhren sie ins Turbenthal. In einer abgelegenen Gegend stand ein herrschaftliches Anwesen mit grossem Umschwung. Auf dem Vorplatz scharten sich bereits viele Leute.                Marie fragte: „Wo sind wir hier und warum ist hier so ein Menschenauflauf?“
Peter sah die Verunsicherung von Marie und sagte:
„In einer halben Stunde beginnt die Versammlung.“
Leise flüsterte er ihr dann noch ins Ohr: „Nimm den ganzen Zauber, den du hörst nicht so ernst.“
Jetzt wurde Marie hellhörig und die Freude am Ausflug war dahin. Sie folgte an der Hand von Peter der Familie nach direkt in den Menschenknäuel. Hier wurden sie herzlich begrüsst, aber vor allem die Mutter von Peter wurde von den Anwesenden überschwänglich willkommen geheissen. Einige Minuten später öffnete sich ein Portal und im Türrahmen erschien eine männliche Gestalt in wallendem Gewand. Er begrüsste seine wartenden Schäflein und bat sie dann ins Gotteshaus.

Mamma mia, dämmerte es Marie nun. Ich bin hier in eine Sektengruppe geraten. Was mache ich nun?

Peter hielt Marie fest an der Hand und flüsterte:
„Du brauchst keine Angst zu haben, ich will den Zauber hier auch nicht. Sobald die Versammlung fertig ist, machen wir beide einen Spaziergang in den nahen Wald und ich erkläre dir was hier abläuft."
Marie vertraute Peter und wartete sehnlichst bis der Spuk vorbei war. Die balsamierten Worte hörte sie, stellte ihre Ohren aber auf Durchzug.

Vor dem Abendessen verschwanden Marie und Peter wie abgemacht in den Wald. Nun öffnete sich Peter und redete seinen Kummer von der Seele. Ja, es belastete ihn, dass seine ganze Familie mit dieser Sekte in Verbindung gebracht wurde. Eigentlich war es ja nur die Mutter, die aktiv mitmachte, der Rest der Familie zog sie einfach gnadenlos mit – auch Peter.
Warum tanzt Peter, als volljähriger Mann, immer noch nach der Pfeife seiner Mutter?
Dies beschäftigte Marie, jedoch beruhigte sie dann Peter, dass sie bis zur Abreise morgen Nachmittag dem Zauber beiwohnen würde – im zuliebe – aber nachher nichts mehr mit dieser Sekte zu tun haben möchte.

Nach dem Nachtessen und dem gemeinsamen Nachtgebet teilte sich die Menschenschar auf. Männlein und Weiblein bezogen getrennte Schlafstätten. So verbrachte Marie in einem Schlafsaal mit rund hundert Frauen jeglichen Alters die Nacht. Nicht in einem wohligen Bett, nein, am Boden liegend auf einer Matratze. Frustriert wohnte Marie dem restlichen Versammlungszauber bei, schwor sich aber:
Dies war der letzte Ausflug mit Peters Familie.
Die neugierigen Fragen ihrer Schwestern nach der Rückkehr erklärte Marie diplomatisch: „Es war ein schönes Wochenende mit Peter.“

 
1963 – 1968
Familienumzug in den Aargau
Neuer Flirt mit Folgen
Ende der  Jugendliebe

Das Jahr 1964 war für Maries Familie ein besonderes Ereignis. Papas lang gehegter Wunsch von Widnau weg zu ziehen wurde umgesetzt. Er suchte die Nähe seiner Mutter in Windisch im Kanton Aargau.

Bereits Anfang Jahr bewarb er sich um einen Job in der Firma BBC in Baden. Dieser riesige Betrieb war weltweit führend in der Energie- und Automationstechnik. Papa nahm das Angebot im Lager zu arbeiten wahr und verlegte seinen Wohnsitz sofort nach Baden. In einer BBC eigenen Herrenunterkunft nistete er sich ein bis seine ganze Familie nachzog. Im Herbst zog dann der Rest der Familie nach, in eine neue, betriebseigene Überbauung in Birr. Die Wohnung war sehr grosszügig, sechs Zimmer und zwei grosse Balkone. Die Wohnsiedlung mit über hundert Wohnungen in Birr war für die Mitarbeiter  aus dem Boden gestampft worden. Dieses Kaff war nun das Zuhause von Marie. Damit die Bewohner dieser Siedlung nicht von der Umwelt abgeschnitten waren, organisierte die Firma einen regelmässigen Busverkehr bis nach Baden.

Die BBC Baden wurde auch Maries Arbeitgeber. Im Technischen Büro lernte sie anhand von Plänen Werkzeichnungen erstellen. Eine interessante und anspruchsvolle Tätigkeit, die Marie zwar Freude machte, aber nicht ihren Wünschen entsprach.
Dieser Umzug hatte für Marie auch weniger erfreuliche Konsequenzen. Die Treffen mit Peter mussten der neuen Situation angepasst werden und beschränkten sich nur noch auf das Wochenende.

Im gleichen Zeitraum wie Maries Umzug in den Kanton Aargau, wechselte Peters Familie ebenfalls ihren Wohnort. Sie verliessen Diepoldsau und zogen nach Fischenthal. Dies halbierte die Distanz für Peter zu Marie um die Hälfte. Zudem wurde Peter von seiner Mutter mit einem Döschwo ausgerüstet, damit er seiner Arbeit in Widnau weiterhin nachgehen konnte. Mit dieser gelben Ente besuchte er dann am Wochenende auch Marie in Birr. Trotzdem gab es eine Fernbeziehung die sich mit vierzehntägigen Besuchen begnügen musste. Die wenigen Stunden des Besuches am Sonntag torpedierte Maries Mama noch zusätzlich. Böswillig setzte sie jeweils die kleine Schwester in den Fond des Wagens. Diese Aktion sollte verhindern, dass nichts Schamloses passieren konnte. Eine unsinnige und lieblose Schikane, Peter war ja nicht bekannt als Wüstling. Aber vielleicht wollte Mama auch die Beziehung torpedieren, weil sie in Peter nicht ihren
Lieblingsschwiegersohn sah. Für ihre Töchter sah sie Beamte und nicht Handwerker als Ehemänner.

Maries neue Arbeitsstelle in der BBC Baden wurde dominiert von Männern und zum ersten Mal wurde sie auch mit Menschen verschiedener Nationen konfrontiert. Bei den täglichen Busfahrten von Birr nach Baden und zurück wechselte sie mit einem sympathischen Chauffeur kleinere Höflichkeiten. Schon bald merkte Marie aber, dass aus den alltäglichen Worten charmante Komplimente ihren Tag versüssten. Ja, die Aargauer Mütter hatten auch anziehende Söhne! In den nächsten Monaten versuchte der Chauffeur immer mehr das Herz von Marie zu erobern. Aus dem fremden Fahrzeuglenker wurde ein liebenswerter Charmeur. Hans war ein attraktiver Mann und Marie fühlte sich geschmeichelt, wenn sich ihre Blicke ineinander verkeilten. Wochen vergingen und es kam zum ersten kurzen Treffen. Während seiner Abendschicht verbrachten die beiden die halbstündige Pause bei einem Kaffee. Nun lernte sie den privaten Hans richtig kennen. Er war zehn Jahre älter als Marie, verheiratet und hatte einen zweijährigen Sohn. Er wohnte in Brugg und war angeblich nicht der glücklichste Ehemann. Sein jüngerer Bruder Kurt wohnte in der gleichen Siedlung in Birr wie Marie. Diese Gelegenheit benützte Hans öfters zu einem Besuch bei ihm, in der Hoffnung Marie zufällig zu begegnen. Marie fühlte sich gebauchpinselt, dass ein viel älterer Mann um sie buhlte und es störte sie auch nicht dass er verheiratet war.

Hans arbeitete in zwei Schichten. Dies bot die Gelegenheit für ein kurzes Stelldichein während der halbstündigen Pause. Im hellgrünen Firmenbus und unromantisch auf einem Parkplatz kamen sich die beiden dann näher. Marie, inzwischen verliebt in Hans war glücklich diese wenigen Minuten mit ihm zusammen sein zu können. Dann kam der Moment wo sich die beiden nicht nur küssten, sondern sich innig liebten. Hans kannte das Liebesspiel - so fühlte es sich an, hingegen Marie war noch Jungfrau. Liebevoll und zärtlich führte Hans die Entjungferung durch. Einzig der Traum vom ersten Mal in einem Himmelbett erfüllte sich für Marie nicht. Es war die Liegestellung im roten Sportwagen von Hans.

Marie fühlte sich nun in zwei Welten verloren. Peter ihre Jugendliebe blieb bisher ohne sexuellen Kontakt und trotzdem glaubte sie ihn zu lieben. Nun war Hans in ihr Leben gekehrt und sie verliebte sich in ihn und erlebte zugleich auch die zärtliche Lust der Vereinigung.
Kann das gut gehen auf Dauer, ging es Marie immer wieder durch den Kopf.

Maries Freund Peter blieb die Veränderung in ihrer Beziehung nicht verborgen und wollte Klarheit schaffen. So beschlossen die beiden sich in Zürich zu einem klärenden Gespräch zu treffen. Auf neutralem Boden wollten Marie und Peter ihrem Verhältnis neuen Schwung geben, oder fair beenden.

Es war ein strahlend schöner Samstagmorgen als Marie zum Bahnhof Birr schlenderte, wo sie der Zug nach Zürich besteigen wollte. Viele Fragen zermarterten ihre Sinne.
War es vielleicht nicht die grosse Liebe, die uns gegenseitig anzog? Oder bin ich einfach noch nicht reif für eine feste Beziehung?
Traurig und mit gesenktem Kopf marschierte Marie dem Ziel entgegen, als ein Hupen sie aus den Träumen holte. Ein hellgrüner BBC-Bus hielt an und Hans rief freudig: „Wohin kann ich dich mitnehmen!“
Er war mit einer leeren Sonderfahrt unterwegs Richtung Luzern. Marie stieg ein und statt beim Bahnhof auszusteigen liess sie sich hinreissen mit Hans nach Luzern zu fahren. Eigentlich interessierte es sie nicht wohin sie fuhren. Angespannt und freudlos sass sie im Bus. Selbst die spassigen Sprüche von Hans konnte sie nicht aufheitern.
Ja, Marie wurde klar, dass sie sich feige vor der Auseinandersetzung mit Peter drückte. Im Nachhinein war sich Marie sicher, dass sie diese Entscheidung getroffen hatte um dem Ende der Beziehung mit Peter aus dem Wege zu gehen. Es war ein grosser Fehler, den sie nicht mehr gut machen konnte.

Peter stand nämlich pünktlich auf dem Perron und wartete vergebens auf Marie. Ein Natel gab es damals noch nicht und so fuhr er mit seinem Döschwo nach Birr um sie erfolglos zu suchen.
Am nächsten Tag entschuldigte sich Marie bei Peter in einem klärenden Brief und verabschiedete sich von ihm. Vergessen hat sie Peter aber nie.

Die Liaison mit Hans hatte aber keine Zukunft. Seine Frau gebar ihm in der Zwischenzeit einen zweiten Sohn, obwohl die Ehe von ihm angeblich als zerrüttet dargestellt wurde.
Marie verlies darauf die BBC und nahm eine neue Herausforderung in einer Autofirma in Schinznach an. Dieser Schritt war notwendig um die tägliche Begegnung mit Hans zu vermeiden.

Bereits ein halbes Jahr später gab es für Marie aber erneut einen Wechsel. Grossmama Agatha, die herrische Mutter ihrer Mama, erkrankte an Krebs. Bis zu ihrer Krankheit war sie die Haushälterin bei ihrem Sohn Pius, der in Wil im Kanton St. Gallen als Kaplan tätig war. Sie führte das Zepter in der Küche und im Haushalt. Als Priestermutter wurde sie in der Bevölkerung mit hohem Ansehen verehrt. Onkel Pius, der auch Götti von Marie war, brauchte dringend eine Hilfe für seinen Priesterhaushalt, aber auch eine Unterstützung bei der Pflege seiner kranken Mutter. Auf Druck von Mama entschied sich Marie, als 19-jähriges Mädchen und nach reiflicher Überlegung, vorübergehend diese schwierige Aufgabe zu übernehmen. Sicher war es damals eine Entscheidung für einen Neuanfang, weit weg von zuhause.

In der Kaplanei am Hofplatz in Wil war allerhand los. Die christlichen Schäfchen, vor allem ältere Frauen mit und ohne Sorgen besuchten den Herrn Kaplan in seiner Sprechstunde. Am Abend kamen dann meistens die verschiedenen katholischen Jugendvereine in den kleinen Saal im Untergeschoss. Darunter war auch die Jungwacht. Diese Organisation kannte Marie sehr gut. In den vergangenen Jahren nahm sie im Sommer an Jungwachtlagern teil. Onkel Pius als Präsident dieser Knabenschar holte Marie zur Mithilfe in der Küche. Für ihn war sie eine ehrenamtliche Hilfskraft und Marie kam dafür kostenlos zu Ferien in verschiedenen Orten der Schweiz. Mit über 200 Jungwächtern erlebte Marie interessante und kameradschaftliche Wochen in der Natur. Ein Extrazug der SBB brachte die Schar jeweils an ihren Ferienort und durch die gute Vernetzung von Onkel Pius zur Schweizer Armee durften die Militärbaracken als Unterkunft benützt werden.

In dieser Zeit lernte Marie auch die Jugendleiter kennen, die zum Teil im gleichen Alter waren wir sie. Darunter gab es sportliche Burschen die Marie gefallen hätten, aber sie ihnen nicht. Georg, ein etwas klein geratener Jüngling suchte dafür ständig Maries Nähe, was wiederum von ihr nicht erwidert wurde. Da war dann auch noch Michael, Maries späterer Ehemann, der sich ihr nähern wollte. Er war gross gewachsen, ein dunkler Typ mit schwarzen Haaren – ein Südländertyp. Obwohl er ein passabler Bursche war, verspürte Marie keine Schmetterlinge im Bauch und liess auch ihn abblitzen. Mit allen diesen Jünglingen gab es nun in der Kaplanei erneut ein Wiedersehen, ohne dass sich etwas Ernsthaftes angebahnt hätte.
Marie besuchte während ihrer Zeit als Haushälterin bei Onkel Pius die Abend-Handelsschule. Schliesslich sollte die Arbeit im Priesterhaushalt auch wieder einmal ein Ende haben und sie dann bereit sein für eine neue Aufgabe.
Das erste Halbjahr in Wil war sehr streng. Nebst dem vielfältigen Haushalt hatte die Pflege der Grossmutter Priorität. Sie war nach kurzem Spitalaufenthalt bettlägerig nach Hause zurückgekehrt und nahm nun die Pflege ihrer Enkelin gerne entgegen. Die letzten Tage vor ihrem Tod wurde sie von einer Nonne gepflegt und überwacht. In der Kaplanei ging es wöhrend diesen Tagen zu und her wie in einem Bienenhaus. Alle Familienmitglieder, aber auch viele Bekannte aus Wil, wollten sich von Grossmama verabschieden. Nach ihrem Tod besorgte Marie den Haushalt für Onkel Pius noch ein weiteres Vierteljahr bis er eine neue Haushälterin gefunden hatte. Ja, das Jahr in Wil war für Marie finanziell ein Ehrenamt. Dennoch war es eine wertvolle Zeit. Sie lernte einen Haushalt zu führen und konnte sich kaufmännisch weiter bilden.
Zudem konnte Marie ihre Rückkehr in den Kanton Aargau befreit von jeglichen Altlasten in Angriff nehmen.

 
1968 – 1971
Ja, ich will – ähm ich muss
Mutterliebe und Alltagssorgen

Mit grosser Freude nahm Marie, nach ihrem Aufenthalt in Wil, die Anstellung bei einer Bank in Baden an. Weil sie finanziell nicht in der Lage war eine eigene Bleibe zu beziehen, zog Marie wieder bei ihren Eltern ein. Diese waren in der Zwischenzeit vom ländlichen Birr in die Stadt Brugg gezogen. Es erwartete Marie also eine kurze Bahnfahrt von Brugg zur Arbeitsstelle nach Baden. Mitten in der Altstadt bewohnten sie im obersten Stock eines Mehrfamilienhauses eine schöne Wohnung. Mit ihrer älteren Schwester Emma teilte sie ein Zimmer und der Weg zum Bahnhof war ein Katzensprung.

Jeden Tag fuhr Marie nun von Brugg nach Baden zur Arbeit. Nach kurzer Zeit waren ihr die regelmässig mitfahrenden Gesichter im Zugabteil schon richtig heimelig geworden, so auch eine Blondine. Heidi von Wildegg hatte den gleichen Weg wie Marie und vom ersten gegenseitigen Zuwinken ist eine schöne Freundschaft entstanden. Heidi war besorgt, dass Marie jeden Morgen einen Sitzplatz neben ihr bekam und fortan trafen sich die beiden auch zu gemeinsamen Mittagessen in Baden.

Heidi war Zahnarztgehilfin, die Tochter eines Bauunternehmers und wohnte in Wildegg. Sie hatte bereits ein eigenes Auto, was damals für eine junge Frau noch eine Seltenheit war. Mit ihrem weissen VW Käfer unternahm sie mit Marie einige Spritzfahrten. Dann bekamen die planlosen Ausfahrten plötzlich einen bestimmten Grund.
In Wildegg war eine Familie mit einem sportlichen Jüngling eingezogen. Diese Nachricht verbreitete sich in dem kleinen Nest in Windeseile und erreichte auch Heidi. „Diesen muss ich kennen lernen, koste es was es wolle“  sagte sie zu Marie. Also fuhren sie am kommenden Wochenende nach Zürich ins Hallenstadion an die Leichtathletikmeetings. Lorenz, der Sprinter aus Wildegg nahm am Wettkampf teil, unter ferner liefen. Trotzdem erntete er von den beiden angereisten Fans ein tosender Applaus. Nach dem Rennen gratulierten die beiden Lorenz für seinen guten Lauf, aber nur vordergründig. Eigentlich war das persönliche Kennenlernen Heidi viel wichtiger. So reisten Marie und Heidi in den nächsten Wochen stets an die verschiedenen Meetings um Lorenz zu unterstützen, aber vor allem ihm eine Liaison mit Heidi schmackhaft zu machen. Es klappte dann auch wirklich.

Heidi war Maries erste richtige Freundin. Diese einzigartige Freundschaft wurde ihr während der Schuljahre nie gewährt und nun erlebte sie dieses Glück wie ein Traum. Marie und Heidi verbrachten viele schöne Stunden miteinander. Dann heiratete Heidi ihren Lorenz und wurde schon bald Mutter einer Tochter. Sie blieb in Wildegg wohnen und bezog ein schönes Zuhause. Ihre Liebe gehörte nun ihrer Familie. So wurden die Treffen zwischen Marie und Heidi immer seltener bis sie ganz erloschen.

Nach dem Motto, was Heidi kann – kann ich auch, bahnte sich bei Marie ebenfalls eine Bekanntschaft an, die später sogar in der ersten Ehe ausartete.
Michael, der Marie in Wil bei seinen Annäherungen keine Schmetterlinge in den Bauch zauberte, besuchte in Liestal die Grenzwachtschule und hatte sich zu einem Besuch bei ihr angemeldet. Der grosse Mann in der schmucken Uniform war für jede Mutter der ideale Ehemann für ihre Tochter. So war es auch bei Maries Mama, sie himmelte den Bewerber richtig an als wäre sie die Auserwählte.
Michael hatte seine Absicht Marie zu erobern seit der Jungwachtzeit nicht geändert. Er war richtig verliebt in sie und versuchte es nun erneut. Marie fühlte sich nun richtig geschmeichelt. Die Tierchen im Bauch fehlten zwar immer noch, aber sie glaubte dass die Viecher den Landeplatz doch noch finden und die Liebe einimpfen werden.

Nach Maries erster Jugendliebe mit Peter gab es keine ebenbürtige Freundschaft mehr. Sie vergnügte sich mit ihrer Schwester Anna an verschiedenen Anlässen. Leider stand Marie immer im zweiten Glied. Wo die beiden auftauchten angelte Anna stets den besten Mann. Um mit ihrer Schönheit dem männlichen Wesen den Kopf zu verdrehen trug sie stets Schuhe mit hohen Absätzen und stolzierte mit wippenden Hüften auf die Tanzfläche. Ihre zierliche Figur und die langen Haare waren auf jedem Fest ein Anziehungspunkt. Sie wurde deshalb immer als erste zum Tanz aufgefordert. Manchmal war Marie traurig, dass sie erst als Notnagel die Bühne betreten konnte.
Ja, Marie war halt nicht gerade ein Männerschwarm, sie war gross und trug stets flache Schuhe. Dementsprechend war ihr Gang nicht wippend sondern eher berggängig. Wäre aber Unterhaltsamkeit und Wissen ausschlaggebend gewesen hätte Marie gepunktet. Leider ist aber Intelligenz nicht sichtbar und nicht gefragt bei den meisten Männern, konstatierte Marie.

Nun hatte sich aber Michael in Marie verguckt und liebte sie bedingungslos. Was wollte sie noch mehr? Er sah gut aus, hatte ein sicheres Einkommen als Bundesbeamter, also eine gute Wahl. Nach einer kurzen Bekanntschaft feierten Marie und Michael Verlobung. Die voreilige Schwangerschaft zwang die beiden dann die Heirat früher als geplant zu vollziehen. Im September 1968 heiratete Marie, ganz in weiss, so wie es Roy Black – ihr Lieblingssänger gesungen hatte, im Kapuzinerkloster in Wil ihren Michael. Ihr Götti Pius traute sie in Anwesenheit aller Familienmitglieder.

Michael als Grenzwachtaspirant war im zürcherischen Rafz tätig und wartete auf eine Festanstellung im Frühjahr 1969. Damit die beiden nicht zweimal in kurzer Zeit den Wohnort wechseln mussten, bezogen sie ihre erste gemeinsame Bleibe in Brugg. Michael kam zwei Tage die Woche heim und die restliche Zeit logierte er in Rafz. Seine Arbeit im Viertelstundentakt, bei Tag und Nacht erlaubten keine grössere Präsenzzeit zuhause.
Wie es damals Brauch war und von Michael auch gewünscht, beendete Marie mit ihrer Heirat die Arbeitsstelle in der Bank in Baden. Zukünftig sollte sie sich dem biederen Leben als Ehefrau und später als Mutter widmen.
Eine unvernünftige und unüberlegte Entscheidung. Schon kurz nach der Heirat gab es erste Probleme. Der geringe Aspiranten Lohn von Michael liess keine grossen Sprünge zu, obwohl Marie Erfahrung hatte im Umgang mit einem sparsamen Haushalt. In Brugg hatten die beiden eine kleine Wohnung zu bezahlen und in Rafz eine Bundesunterkunft. Die Eltern um Hilfe bitten wollte Marie nicht und der Allgemeinheit auf der Tasche liegen schon gar nicht. Also entschloss sie sich einer befristeten Arbeit nach zu gehen um mitzuhelfen die Finanzen im Lot zu behalten. Bereits im Oktober fand Marie eine Textilfirma in Windisch die bereit war sie einzustellen. Dort wurden Büstenhalter für die modische Dame hergestellt. Die Arbeit entsprach zwar nicht Maries beruflichen Fähigkeiten, aber als schwangere Frau im fünften Monat wurde sie nicht überhäuft mit besseren Angeboten.
Diese Arbeitsstelle brachte Marie Glück auf persönlicher Ebene die sie nie vergessen wird. Unmittelbar neben Maries Arbeitsstelle in Windisch lebte ihre Grossmama Anna Huber, die Mutter von Papa.
Marie lernte sie erst mit acht Jahren kennen, als sie ihre Familie in Widnau besuchte. Lag es am weiten Weg? Oder waren andere Probleme Grund für ihr langes Fernbleiben bei ihren Enkeln? Eine diesbezügliche Aufklärung durch ihre Eltern fand nie statt.
Als Grossmamas erster Besuch angesagt wurde freuten sich die Enkel riesig, waren aber auch neugierig. Ihr Nachname Huber machte die Enkel  etwas unsicher. 
Warum heisst unsere Grossmama nicht Chevalier wie wir?

Auf dem Schulatlas machten Marie und Emma sich geistig auf den langen Weg, den ihre Grossmama zurücklegen musste bis zu ihnen nach Widnau.
Von ihrem Häuschen, direkt an der Reuss, in Windisch musste sie zu Fuss eine gute Stunde bis zum Bahnhof Brugg laufen. Mit der Bahn führte ihr Weg dann nach Zürich, wo sie umsteigen musste. Die Weiterfahrt, nach einem langen Aufenthalt, endete in St. Gallen und nach einem weiteren Umsteigen erreichte sie Heerbrugg. Sie war also mehrere Stunden unterwegs und erst noch in der Holzklasse der SBB.

Dann war der Tag gekommen. Papa holte seine Mutter mit den drei ältesten Töchtern am Bahnhof ab. Voller Erwartung standen sie auf dem Perron, als die Bahn quietschend anhielt. Der Zugbegleiter mit seiner roten Ledertasche öffnete die Türe und über drei steile Treppentritte stieg eine elegante, kleine Dame aus dem Zug.
Papa ging auf seine Mutter zu und begrüsste sie herzlich. Emma, Marie und Anna marschierten ehrfurchtsvoll zu der noch fremden Dame. Sie stellten sich vor und waren entsetzt. Grossmama küsste die Mädchen zur Begrüssung. Diese Geste war in Widnau nicht gebräuchlich. Marie war sofort angetan von  Grossmamas Ausstrahlung. Sie passte irgendwie nicht ins Schema der Widnauer. Zudem sprach sie hochdeutsch, sie war eine gebürtige Deutsche aus Karlsruhe.

In den ersten Tagen ihres Besuches weihte die Grossmama ihre Enkel in das Geheimnis Huber/Chevalier ein.
Mit ihrem ersten Ehemann Arthur Chevalier hatte sie sechs Kinder. Er starb sehr früh und so wurden vier Kinder in Pflegefamilien gross gezogen. Papa als ältester und seine Schwester Pauline als zweitälteste blieben bei ihrer Mutter. Nach dem Maurice und Pauline erwachsen waren und auszogen heiratete sie ihren zweiten Mann Huber. Mit ihm zog sie nach Windisch in das kleine Häuschen an der Reuss, wo sie auch nach seinem Tode wohnhaft blieb. Es war mäuschenstille in der Stube als sich Grossmama ihren Enkeln erklärte. Endlich löste sich das Rätsel mit den beiden Nachnamen.
Ja, Maries Eltern waren nicht gerade kommunikativ im Umgang mit ihren Kindern.

Marie entging es nicht, dass Grossmama Anna, so nannten sie die Enkel, zuhause nicht willkommen war. Mama und ihre Mutter benahmen sich sehr abweisend. Den Enkeln hingegen war sie in kurzer Zeit ans Herz gewachsen. Sie mochten sie sehr gerne und lasen ihr jeden Wunsch von den Augen ab.
Grossmama Anna liebte ihre Enkel ebenfalls und verbrachte viel Zeit mit ihnen. Den Kinder lernte sie neue Spiele und machte sie mit der deutschen Küche bekannt. Die Enkel sassen jeweils rund um den Küchentisch, wenn Grossmama ihre selbstgemachten Dampfnudeln auswallte. Sie durften sogar selber Hand anlegen bei der Zubereitung, das war einfach Spitze.
Mama hingegen konnte den Kochkünsten von Grossmama nichts abgewinnen. War es Eifersucht oder allgemeine Abneigung? Marie war damals zu jung um dieses Rätsel zu lösen.
Was sie aber ärgerte, Grossmama Anna war nicht willkommen. Nach ihrer Abreise aus Widnau gab es keinen Besuch mehr von ihr. Papa hatte nur noch schriftlichen Kontakt zu ihr.

Nach dem Umzug von Maries Familie nach Birr waren sie nun in Grossmamas Nähe. Aber ausser Papa besuchte sie selten ein Familienmitglied. Sie war für ihre Enkel in der Zwischenzeit wieder fremd geworden und eine Aufmunterung durch ihre Eltern hat nie stattgefunden.

Dies änderte sich nun mit Maries neuer Arbeitsstelle in Windisch. Morgens und abends ging Marie zu Fuss zur Arbeit, ein öffentlicher Bus gab es nicht und ein Velo hatte sie nicht. Über Mittag blieb ihr die Möglichkeit in der Betriebskantine zu essen.
Nach einer Woche nahm Marie ihren ganzen Mut zusammen und klopfte bei ihrer Grossmama Anna an. Nervös stand sie vor der Haustüre und hatte Angst, dass sie nach den vielen Jahren, wo sie sich nicht um sie gekümmert hatte, nicht willkommen sein würde. Marie erlebte das Gegenteil, Grossmama umarmte und küsste sie wie damals bei ihrem ersten Besuch in Widnau. Marie freute sich riesig.

Ihr Häuschen war sehr klein, nebst der Schlafkammer gab es nur noch einen Raum; das Wohnzimmer und die Küche flossen ineinander. Alles war sehr niedrig und dunkel. Aber wenn Grossmama sprach erhellte sie mit ihrer lieblichen Stimme den ganzen Raum. Marie fühlte sich wohl bei ihr und als Grossmama erfuhr, dass sie nebenan arbeitete freute sie sich. Sie lud Marie sofort ein künftig das Mittagessen bei ihr einzunehmen. So verbrachte Marie die Mittagszeit fortan bei ihrer Grossmama und war überwältigt mit welcher Hingabe sie jeden Tag auf ihrem Holzofen eine einfache Mahlzeit zubereitete. Grossmama war glücklich dass sich Marie bei ihr wohlfühlte – und Marie war glücklich dass sie nicht nachtragend war.

Der Winter wurde sehr hart, viel Schnee und eisige Kälte erschwerten Marie die langen Fussmärsche zur Arbeit und zurück. Aber das Bewusstsein, am Mittag mit Grossmama Anna essen zu können, entschädigte sie für die Strapazen. Grossmama Anna war stets besorgt, dass es immer schön warm war, damit Marie nicht fror und freute sich riesig, dass sie die Schwangerschaft von Marie hautnah miterleben durfte.

Ende Januar hörte die Arbeitszeit für Marie in Windisch auf. Sie versprach Grossmama Anna nach der Geburt ihr den Urenkel vorzustellen.
Am 24. Februar 1969 gebar Marie ihren ersten Sohn, Patrick. Nur ein Monat später wurde Michael als Grenzwächter nach Kreuzlingen versetzt und damit war auch Maries Umzug ans andere Ende der Schweiz klar. Bevor sie aber wegzog besuchte sie nochmals ihre Grossmama Anna und legte ihr ihren Urenkel in die Armen. Ein bewegender Moment für Grossmama und Marie. Bei der Verabschiedung war beiden bewusst, dass sie sich nun eine Weile nicht mehr sehen würden.
Leider war es dann der letzte Besuch gewesen. Kurze Zeit später starb ihre liebe Grossmama Anna. Sie bleibt Marie in ewiger Erinnerung als elegante Dame beim ersten Besuch und als liebenswürdige Grossmama und Urgrossmama beim Abschied.

Die letzten beiden Wochen vor der Geburt ihres ersten Kindes übernachtete Marie bei ihren Eltern, weil Michael mehrheitlich abwesend war. Sie hatte sich aus praktischen Gründen für diesen Weg entschieden. Sie konnte so ihre Unsicherheit vor der nahenden Geburt etwas eindämmen und zudem hatte ihre Mutter vielfache Erfahrung im Gebären die ihr hilfreich sein könnten. Am Abend des 23. Februar gegen neun Uhr setzten die Wehen ein. Marie lag in der Stube auf dem Sofa und wartete bis die Wehen im  Fünfminutentakt kamen. So wurde sie von ihrer Frauenärztin vorbereitet. Also blieb sie ruhig im Gegensatz zu ihrer Mutter. Nervös und ungeduldig versuchte sie Michael in Rafz zu erreichen, ohne Erfolg. Kurz nach Mitternacht begleitete Mama Marie im Taxi ins Bezirksspital Brugg. An der Rezeption gab sie Marie und ihren Koffer ab, mit den Worten: „Machs guet.“

Bevor Marie alles realisierte war sie weg und sie war allein.

Eine Pflegerin holte Marie ab und brachte sie in ein Zimmer, heute würde man Abstellkammer sagen. Mitten im Raum stand ein Bett und an der Wand eine Kommode mit medizinischen Utensilien. Die Pflegerin gab Marie ein Spitalhemd und sagte: „Legen sie sich hin, ich komme später wieder vorbei.“ Die Tür fiel ins Schloss und Marie war wieder allein.

Allein mit ihren Schmerzen und allein mit ihren Sorgen ob alles gut geht.

Gegen ein Uhr nachts läutete Marie weil die Wehen nun laufend einsetzten. Die Hebamme schaute kurz zur Türe herein und meinte: „Das erste Kind braucht immer länger, machen sie sich keine Sorgen.“ Und schon war sie wieder weg. Eine weitere Stunde verging, Marie war immer noch alleine und hatte nebst den Schmerzen riesigen Durst. Wieder läutete sie. Die Hebamme kam erneut vorbei, schaute diesmal die Veränderung am Muttermund an und dann gab es plötzlich eine Hektik. Das Bett wurde in den Gebärsaal geschoben, wo bereits zwei weitere Frauen kurz vor der Geburt standen. Nur durch einen Vorhang getrennt, hörte Marie die Schmerzensschreie einer Italienerin: Mama mia, Mama mia, tönte es in allen Tonlagen.
Die beiden neben Marie gebärenden Frauen wurden von ihren Männern unterstützt, liebkost und nach der Geburt gelobt und beglückwünscht. Marie musste alles mithören, obwohl sie mit sich selber genug beschäftigt war. Alleine mit der Hebamme brachte Marie um 02.50 Uhr am
24. Februar 1969 ihren ersten Sohn Patrick auf die Welt. Er war 53 Zentimeter lang und wog 3.9 Kilo. Ihre grosse Freude, einen gesunden Jungen geboren zu haben, war aber getrübt durch den Umstand, dass niemand anwesend war der die Freude mit ihr teilte. Gegen Mittag kam dann Michael auf Besuch. Er war sichtlich stolz und hatte Freude.

In den nächsten Tagen erlebte Marie eine weitere Niederlage. Sie konnte nicht stillen und musste Patrick von Anfang an mit dem Schoppen ernähren.
Wie habe ich das verdient? Was habe ich falsch gemacht?
Diese Gedanken plagten Marie, weil die Kinderschwestern immer wieder betonten, dass Muttermilch durch nichts zu ersetzen sei. Maries Zimmernachbarin, eine junge Bäuerin, hatte Milch im Überfluss. Also wurde der Schoppen für Patrick mit der abgepumpten Muttermilch dieser Frau gefüllt. Nach einer Woche kehrte Marie mit ihrem Jungen nach Hause. Die grossen Erfahrungen aus ihrer Kindheit kamen ihr nun zum Vorteil und den Rest an Ratschlägen erteilte ihr Mama, auch ungefragt.

Ende März zog die junge Familie in den Thurgau. Michael trat nun beim Zollamt Kreuzlingen seine  Festanstellung an. Patrick als fünf Wochen altes Kleinkind tauften sie am letzten Sonntag vor ihrer Abreise in Brugg.

Mit drei Monaten bereitete Patrick seiner Mama die ersten grossen Sorgen. Er hatte einen Leistenbruch und musste operiert werden. Im Kantonsspital Münsterlingen herrschte die gleiche kalte Atmosphäre wie im Bezirksspital Brugg. Beim Treppenaufgang zum Empfang kam Marie die Kinderschwester entgegen und nahm ihr den Jungen weg. Lieblos verschwand sie mit dem kleinen Bündel hinter einer Türe. Zwischen Tür und Angel wandte sie sich noch an Marie: „Sie können sich morgen Nachmittag erkundigen wie die Operation verlaufen ist.“ Dann war sie weg und Marie stand verdutzt und traurig im Gang. Sie konnte sich nicht einmal von Patrick verabschieden.

Ein weiteres Mal fühlte sich Marie total alleine gelassen.

Bei ihren täglichen Besuchen im Spital konnte Marie ihren Kleinen nur durch ein Glasfenster in seinem Bettchen betrachten. Dann nach acht Tagen durfte sie ihren Liebling wieder heimholen.

In Kreuzlingen hatte sich die junge Familie schnell eingelebt. Die Wohnung im ersten Stock eines Mehrfamilienhauses war komfortabel, es schien alles in Ordnung zu sein. Marie hatte ihr neues Heim vor ihrem Einzug aber nie gesehen. Michael hatte der Wohnung nur über Auskünfte von Arbeitskollegen zugesagt.
Michael gefiel die unregelmässige Arbeitszeit bei der Grenzwache und Marie war mit ihrem kleinen Sohn beschäftigt. Ein kleiner Wermutstropfen erlebte Marie einzig mit den Bewohnern des Mehrfamilienhauses. Schnell stellte sie fest, dass unter den verschiedenen Familien ziemlich Unfrieden herrschte und sie als Neuling von den jeweiligen Parteien gerne mit hineingezogen worden wäre. Diese Intrigen weiteten sich dann unweigerlich auch auf die neu zugezogene Familie aus.
Marie ging wie jeden Tag, mit Patrick auf dem Arm, hinunter in den Abstellraum wo sie ihren Kinderwagen holte. Im Raum waren auf einer Seite Velos abgestellt und auf der anderen Seite zwei Kinderwagen. Also es hatte genügend Platz für alle abgestellten Sachen. Als sie an diesem Morgen heimkehrte vom Spaziergang stand eine Frau im Abstellraum und diskutierte mit der Hauswartin. Marie grüsste die beiden Damen, stellte ihren Kinderwagen ab und wollte die Treppe hoch gehen.
Dann beschwerte sich die Hauswartin bei Marie, dass sie den Kinderwagen der ebenfalls anwesenden Frau weggeschoben hätte. Marie verteidigte sich, dass sie den fremden Kinderwagen nie angelangt habe, zudem sei ja jede Menge Platz vorhanden ohne etwas verschieben zu müssen. Marie ging in ihre Wohnung und glaubte die Angelegenheit sei erledigt.
Nach dem Abendessen klingelte es an Maries Wohnungstüre. Als sie öffnete stand ein kräftiger Mann auf der Schwelle und brüllte gleich los: „Wenn sie noch einmal meine Frau beleidigen, haue ich ihnen eine runter.“        
Marie erschrak, entgegnete aber ruhig: „Ich kenne ihre Frau gar nicht. Zudem habe ich niemanden im Haus beleidigt.“
Der ungehobelte Kerl betitelte Marie sofort als Lügnerin und holte mit seiner rechten Hand zum Schlag aus.
Marie trat reflexartig ein Schritt zurück, schmetterte dann die Türe zu und verriegelte sie.
Was war denn das? Wer ist dieser Kerl und um welche Frau handelt es sich?“

Marie war entsetzt über diesen Zwischenfall und erzählte die erlebte Story Michael nach seiner Rückkehr von der Arbeit. Eine Intervention war im Moment nicht möglich, kannten sie die betroffenen Personen gar nicht. Sie beschlossen daher nichts zu unternehmen, falls sich dieser Auftritt nicht wiederholen würde.
Am nächsten Morgen wartete die Nachbarin auf dem gleichen Stockwerk auf die Rückkehr von Marie vom Spaziergang. Sie hatte am Vorabend den Tumult im Hausgang durch den Spion ihrer Wohnungstüre gesehen und den Lärm gehört. Sie klärte Marie auf, wer der Kerl war und welche Frau dahintersteckte. Sie mahnte Marie sich in Acht zu nehmen, da sich im Hause zwei Parteien gegenseitig das Leben vermiesen würden. Die Frau mit dem besagten Kinderwagen sei bekannt für ihre Intrigen und werde unterstützt von der Hauswartin.
Also doch dachte Marie, meine heimlichen Befürchtungen stimmen also.
Sie bedankte sich bei der Nachbarin für die Aufklärung und ging ohne weitere Diskussion in ihre Wohnung zurück. Für Marie war aber klar, in diesem Haus bleibe ich nicht.
So zog die junge Familie bereits nach einem Jahr wieder aus. Mitten in der Stadt fanden sie eine schöne Vierzimmerwohnung in einem Altbau. Gleichzeitig übernahmen sie die Hauswartung, was ihnen auch noch ein willkommenes Zusatzeinkommen bescherte.

Zwei Jahre später meldete sich weiteren Nachwuchs an. Die Schwangerschaft verlief bis zum achten Monat problemlos und die Niederkunft sollte im Oktober 1971 sein.
Am Sonntagmorgen 5. September bemerkte Marie plötzlich den Verlust von Fruchtwasser und nach Rücksprache mit dem Spital musste sie sofort in die Klinik kommen. Mit einem Taxi liess sich Marie nach Münsterlingen fahren. Michael blieb bei Patrick zuhause bis seine Eltern aus Wil eintrafen. Zudem hatte Michael noch Nachtdienst und brauchte seine vorgängige Ruhezeit, sagte er.

Marie stand also erneut alleine vor dem Empfang im Spital mit dem Koffer in der Hand.
Die Pflegerin erschien und statt eines verständnisvollen Wortes zum Eintritt schnauzte sie Marie an: „Geben sie mir den Koffer, sie dürfen doch keine Last tragen, wenn die Fruchtblase geplatzt ist.“ Marie hatte sich das Willkommen anders vorgestellt.
Die nächsten Stunden waren eine Tortur. Ins Bett verdonnert musste sie Untersuchungen am laufenden Band über sich ergehen lassen. Als der Chefarzt persönlich vor ihr Bett trat, wurde ihr die ernste Lage bewusst in der sie sich befand. Dieser erklärte ihr, dass ein Achtmonatskinds als Frühchen sehr gefährdet sei. Zudem sei kein Fruchtwasser mehr vorhanden, sodass ihr Baby auf dem Trockenen liege. Es wurden bereits grosse Vorbereitungen für diese Geburt getätigt, auch ein Brutkasten wurde vorbereitet.
Am Abend wurde versucht medikamentös die Wehen einzuleiten, was nicht gelang. Zwischen den ärztlichen Besuchen war Marie immer alleine im Zimmer.

Alleine mit ihren grossen Sorgen.

Michael war wieder bei der Arbeit und wollte später kommen. Nach ihren schlechten Erfahrungen, bereitete sich Marie bereits auf eine weitere Geburt ohne Ehemann – also allein – vor. Nach Mitternacht erfolgte ein zweiter Versuch die Wehen zu aktivieren, diesmal mit Erfolg. Etwas später setzten die Wehen ein und gegen vier Uhr morgens verlegten sie Marie in den Gebärsaal. In einer Boxe wartete sie nun mit der Hebamme auf die letzten Presswehen.
Dann, ganz oben in der Ecke am Fenster erblickte Marie eine grosse schwarze Spinne. Nebst den Wehen musste sie nun auch noch dieses Tierchen in Kontrolle halten. Ja, Marie ekelte sich vor Spinnen und nun musste sie sich gerade in diesem ungünstigen Moment auf so ein Biest konzentrieren.
Kurz bevor Daniel von seiner Nabelschnur getrennt wurde kam Michael in einem grünen Ärztekittel ans Bett. Er erlebte gerade noch wie ihr jüngster Spross an den Füssen hoch gehalten wurde und einen Klaps bekam damit er anfing zu schreien.

Daniel war alles andere als ein schönes Baby. Auf dem Kopf klebte eine undefinierbare Schicht, statt Haare. Der Schreck über diesen ungewohnten Anblick bemerkte die Hebamme und tröstete Marie: Ihr Sohn ist ein Frühchen und hat noch die Eierschale am Kopf. Dies löst sich in den nächsten Tagen selber ab.“ Marie war erleichtert und drückte ihren Liebling fest an die Brust. Daniel war nur 48 Zentimeter lang und 2.9 Kilo schwer. Das Köpfchen war so klein, dass die kleinste Kappe mit Watte gefüllt werden musste. In den ersten zwei Wochen hatte Daniel noch mit der Gelbsucht zu kämpfen, ebenfalls ein Mitbringsel als Frühchen. Wie bereits bei Patrick schöppelte Marie Daniel vom ersten Tag an und auch hier wurde fremde Muttermilch besorgt.

Zuhause entwickelte sich das Sorgenkind in Windeseile zu einem strammen Buben. Einzig die Haare liessen länger auf sich warten, der leichte Flaum wollte einer schönen Haarpracht keinen Platz machen. Dafür konnte Daniel bereits als Einjähriger laufen und viele Worte sprechen. Nach kurzer Zeit übernahm er im Kinderzimmer das Zepter und der zwei Jahre ältere Bruder musste sich immer mehr zur Wehr setzen.

Ja, Marie erlebte eine fantastische Zeit mit ihren beiden Söhnen, die sie nie missen möchte. Täglich war sie im Freien, auf dem Spielplatz oder beim Wasserbecken im Seeburgpark anzutreffen. Patrick war immer besorgt, dass seine Hosen nicht schmutzig wurden. Daniel hingegen kannte diesbezüglich keine Grenzen, seine Hosentaschen mussten zuhause immer von allerlei lebendigen, oder besser gesagt halbtoten Käfern und Heuschrecken gesäubert werden.

Marie und Michael waren Eltern mit viel Freude an den beiden Söhnen. Nur die Erziehung und Aufsicht der Buben blieb ausschliesslich an Marie hängen. Michael entschuldigte seine sparsame Zeit die er mit seinen Jungen verbrachte stets mit der grossen Belastung als Grenzwächter mit unregelmässigen Diensten.

 

1971 – 1978
Familie und Beruf
Erste Schuljahre der Söhne

1971 war für Marie ein ereignisreiches Jahr. Im September wurde ihr Sohn Daniel geboren und bereits im Dezember wurde ihr Wunsch vom Büroleben erfüllt. Seit ihrer unüberlegten Kündigung der Arbeitsstelle vor ihrer Heirat vermisste Marie die Bürotätigkeit. Darum kam es ihr gelegen, dass sich ein deutscher Versandhandel in Kreuzlingen niederliess. Diese suchten eine Bürohilfskraft mit sehr guten Schreibmaschinenkenntnissen, welche die täglichen Bestellungseingänge selbständig bearbeiten konnte, und dies zuhause in Heimarbeit.

Marie bewarb sich sofort ohne vorher Michael zu fragen. Seine ablehnende Haltung gegenüber einer arbeitenden Gattin kannte sie. Beim Vorstellungsgespräch wurde ihr klar, dass sie eine unter vielen Bewerberinnen war. Trotzdem glaubte sie fest daran, dass sie den Job erhalten würde. So war es denn auch. Bereits eine Woche später bekam Marie die Zusage, mit Beginn des Handels am 1.1.1972 zu starten. Diese Tätigkeit konnte Marie sehr gut in den Alltagstrott integrieren, ohne dass ihre beiden Buben auf irgendeine Annehmlichkeit verzichten mussten. Einzig Michael war am Anfang etwas verschnupft, weil er sich in seinem männlichen Stolz verletzt sah. Die Frauen seiner Arbeitskollegen arbeiteten nicht und so glaubte er auch, dass eine Frau an den Herd gehört und nicht in die Wirtschaft.
Marie verrichtete ihre Büroarbeiten gerne am Abend wenn Ruhe einkehrte und war glücklich mit dieser neuen Aufgabe. Die Arbeiten wiederholten sich täglich und waren nicht gerade hochstehend, dafür konnte sie aber Ende Monat ein anständiges Salär in Empfang nehmen. So war es Michael und Marie möglich das Autofahren zu erlernen und etwas später sogar ein Auto zu kaufen. Von nun an erlaubten sie sich gemeinsam in die Ferien zu fahren.

1975 zog Michael mit seiner Familie in eine neue Wohnung. Die Zollverwaltung baute direkt an der Grenze zu Deutschland ein grosses Mehrfamilienhaus für ihre Angestellten. Eine komfortable Wohnung in diesem Gebäude wurde zum neuen Heim der kleinen Familie. Für Michael war die Grenznähe besonders ideal, hatte er nur noch wenige Schritte bis zu seinem Tätigkeitsfeld.
Dem Glück stand nichts mehr im Wege; zwei tolle Jungs, ein schönes Zuhause und jährlich gemeinsame Ferien.
In der Überbauung lernte Marie auch Familien mit gleichaltrigen Kindern kennen, was hilfreich für sie war, aber vor allem gut für die beiden Buben, sie hatten nun Spielkameraden. Die Motivation einer Nachbarin veranlasste Marie dem Damenturnverein beizutreten. Jeden Dienstagabend genoss sie ein paar Stunden ohne Familie und ohne Büroarbeit. Sie liebte das Turnen an den Geräten, aber auch die verschiedenen Ballspiele. Herrlich fand sie auch der anschliessende Umtrunk, wo die Turnerinnen in einem Stammlokal lustige Stunden verbrachten.

Mit fünf Jahren musste Patrick in den Kindergarten. Rund zwanzig Minuten Fussweg musste er zurücklegen und erst noch eine Unterführung bei der Bahn passieren. Aber nach einer Woche in Begleitung von seiner Mama war es für ihn normale Selbstverständlichkeit.      Heute würde der lange Schulweg und die Nähe zur Eisenbahn einem Kind nicht mehr zugemutet. Die Mutter würde den Taxidienst übernehmen oder die Schule müsste einen Schulbus organisieren.
Patrick, der Sommer und Winter diesen Weg zurücklegte, kannte nichts anderes und trug auch keinen Schaden davon. Im Gegenteil der Schulweg war eine tolle Erfahrung mit seinen Kameraden. Nach zwei Jahren Kindergarten erwartete ihn die Primarschule und damit erweiterte sich auch sein Schulweg auf eine halbe Stunde Fussmarsch. Gleichzeitig wurde auch Daniel neu in den Kindergarten eingeschult. Ihn erwarteten die gleichen Abläufe wie bei seinem älteren Bruder. Auch mit Daniel erlebte Marie keinerlei Probleme. Ganz ungewohnt hatte Marie nun eine sturmfreie Bude. Anfangs waren es nur zwei Stunden pro Tag, wo sie alleine bestimmen konnte was sie unternehmen wollte. Ein tolles Gefühl!

In dieser Zeit reifte in Marie der Gedanke, eine Teilzeitstelle in einem Büro zu suchen um die Atmosphäre zwischen Schreibtisch, Telefon und technischen Apparaten zu spüren. Die momentane Heimarbeit im Wohnzimmer machte sie nach wie vor gerne, aber sie würde diese gerne eintauschen für einen Sitz in einem offiziellen Büro. Sie vermisste den Bürogeruch, das Rattern der verschiedenen Geräte und das Klingeln des Telefons. Aber auch den gelegentlichen Schwatz mit Bürokollegen fehlte ihr. Schon bald ging Maries Wunsch in Erfüllung. Das Elektrizitätswerk der Stadt suchte eine Büroangestellte in einem 50% Verhältnis. Das Vorstellungsgespräch brachte ihr Glück und die Anstellung war perfekt. Zwei Monate später fing Marie die Arbeit in der Administration an und teilte mit zwei weiteren Kolleginnen ein Büro.
Michael sah dieser Veränderung nicht gerade Wohlwollend entgegen. Er hätte sich gewünscht, dass sie weiterhin zuhause anonym gearbeitet  hätte. Mit der Arbeit ausser Haus wurde es nun öffentlich, dass seine Frau einer Arbeit nach ging und dies passte Michael nicht. Seine Arbeitskollegen beim Zoll unterstützten ihn bei seiner altmodischen Ansicht, dass eine Frau nach Hause gehört. Marie waren die anschliessenden Pöbeleien durch Michaels Arbeitskollegen egal. Solange ihre Familie unter ihrer Abwesenheit nicht zu leiden hatte, stimmte für sie ihr Entscheid.

Die anspruchsvolle Tätigkeit im Elektrizitätswerg weckte auch Maries Selbstvertrauen. Mit grossem Einsatz und viel Freude übte sie die Arbeit aus und schon bald wurden ihr immer mehr Aufgaben zugeteilt. Sie fühlte sich rundum glücklich. Mit etwas Verspätung verstand dann auch Michael den Entscheid von Marie und würdigte ihren beruflichen Wiedereinstieg. Die beide waren sich nun einig: Ein gutes Familienleben, zwei gesunde Buben – wenn auch manchmal richtige Bengel -, interessante und gut bezahlte Jobs und ein schönes Zuhause zu haben. Was wollten sie noch mehr?
Allerdings war sich Marie schon bald nicht mehr sicher ob Michael alles so rosarot sah. Er war ein introvertierter Typ und äusserte sich nur nach langem Hinterfragen. Jeder Auseinandersetzung ging er aus dem Weg. Seine ganze Welt war der Zoll und in der Freizeit das Schiessen im Schützenverein. Er hatte keine wirklichen Freunde, nur seine Berufskollegen. Deshalb verbrachte er die meiste Freizeit zuhause in den eigenen vier Wänden und zog an seiner Backpfeife. Die wenigen gemeinsamen Auftritte von Marie und Michael in der Stadt wurden aber als Bilderbuchehe qualifiziert.

Diese familiäre Idylle endete 1979 jäh.

 

1979
Verbotene Liebe
Gratwanderung Ehemann/Geliebter
Schuldspruch „Ehebrecherin“

Marie war eine äusserst pflichtbewusste Turnerin. Das Schwänzen einer Turnstunde kam für sie nicht in Frage und Ende Jahr wurde sie jeweils für null Absenzen mit einem Silberlöffel geehrt. Nebenbei nahmen die Turnerinnen aktiv am kulturellen Leben der Stadt teil. So bereicherten sie jeweils den jährlichen Fastnachtumzug in der Stadt mit einem eigenen Fastnachtwagen.

Anfangs Januar 1979 war Marie mit ihren Kolleginnen beschäftigt den seit letztem Herbst im Bau befindlichen Umzugswagen fertigzustellen. In einer grossen Scheune verbrachten sie viele Abende um das Vehikel dekorativ und fahrbereit auszustatten. Kontrolliert und überwacht wurden die Arbeiten von der Bodanesen Clique, die in der Stadt Fastnachtorganisator war. Als Bauchef dieser Gruppe amtete Christian, er war also unser Ansprechpartner. Als Handwerker gab er uns gute Ratschläge und Typs. Er war aber auch nicht abgeneigt mit den Frauen lustige Anekdoten auszutauschen. Ja, die Turnerinnen waren nicht nur eine speditive Arbeitsgemeinschaft, sondern auch eine fröhliche Frauenrunde. Am Fastnachtsonntag brillierten die Turnerinnen mit ihren Sujet, dem vier Meter hohen „Einfrankenstück“ der den hohen Schweizer Franken auf die Schippe nahm. Ihre gut trainierten Körper kleideten die Frauen in selbst gebastelte Kostüme. Schwarze Strumpfhosen und Rollkragenpullis gaben dem roten Cape eine edle Note und aus einem mitgebrachten Korb verteilten sie Schweizer Schokoladetaler.
In dieser heiteren und gut gelaunten Stimmung unterhielt sich Marie mit Bauchef Christian erstmals privat. In seinem blauen Bodanesenmantel und der Narrenkappe strahlte er ein weltmännisches Auftreten aus. Bisher kannte sie ihn ja nur in der blauen Handwerkeruniform. Marie fühlte sich wohl in seiner Nähe und sie verstanden sich sehr gut. Diese Harmonie stellte Marie aber auch bei ihren Turnkolleginnen fest, also alles im grünen Bereich.
Zur Kreuzlinger Fastnacht gehörte eine Woche später auch der traditionelle Bodanesenball. Diese heiteren Stunden verpassten die Turnerinnen nie, auch in jenem Jahr nicht. Gemeinsam führten sie nochmals ihre rassigen Fastnachtskostüme aus. Schnell war die Frauengruppe Mittelpunkt im Saal und beim Singen, Schunkeln und Tanzen waren sie begehrte Partnerinnen. In lockerer Atmosphäre wurde Marie von Christian zum Tanz auf die Bühne gebeten. Ja, er war nicht nur ein guter Handwerker, tanzen konnte er auch schwungvoll. Statt Marie an den Platz zurück zu führen, offerierte er ihr einen Drink an der Bar. Den Rest der Nacht verbrachten sie zusammen, beim Tanzen und auf dem Barhocker. Sie lernten gegenseitig die Identität des anderen kennen. Bis anhin beschränkte sich ihre Bekanntschaft nur auf die Fastnachtaktivitäten. Gegen Morgen hatte Marie ihre letzte Aufgabe zu erfüllen, die nicht mobilen Turnerinnen nach Hause zu fahren. Ja, ihre Kolleginnen hatten grosses Vertrauen zu ihr. Sie wussten dass Marie alle heil nach Hause bringen würde. Marie trank nämlich kein Alkohol. Zuerst verabschiedete sich Marie noch von Christian, mit einer Einladung von ihm im Gepäck.

Zuhause fand Marie für die restlichen Stunden der Nacht keinen Schlaf mehr. Ständig musste sie an Christian denken und was sie mit Michael nie erlebt hatte; Schmetterlinge flatterten in ihrem Bauch.
Bin ich etwa verliebt? Nein, nein, ich habe eine Familie redete sie sich ins Gewissen.

Am nächsten Dienstag ging Marie wie gewohnt zum Turnen. Statt wie immer mit den Frauen zum Schlummertrunk zu gehen, entschuldigte sie ihr Fernbleiben mit einer Notlüge. Mit ihrem ockergelben Opel Ascona für sie zum Treffpunkt mit Christian. Er stand bereits vor seinem Auto und wartete auf sie. Eigentlich hätten bei Marie spätestens jetzt die Alarmglocken läuten müssen. Stattdessen fielen sich die beiden in die Arme und waren einfach glücklich. Christian führte Marie in sein Haus ganz in der Nähe. Mit Champagner und feinen Häppchen bereitete er Marie ein herzliches Willkommen. Auf dem Sofa sitzend unterhielten sie sich; Ein Warmlaufen zur Vorbereitung auf schöne Stunden danach.

Dann wechselten sie von der Stube ins Schlafzimmer und liebten sich innig. Marie war selig und kein Gedanke erinnerte sie an die Hochzeitsschwüre mit Michael. Es war einfach zu schön. Beim Abschied verriet ihr Christian, dass er den 46ten Geburtstag hätte und sie das schönste Geschenk gewesen sei.

Auf dem Heimweg plagten Marie dann doch die ersten Gewissensbisse. Still und leise betrat sie das eheliche Schlafzimmer und hoffte inbrünstig, dass Michael jetzt nicht aufwachen würde. Sie hatte bunte Sommervögel im Bauch und ein schlechtes Gewissen im Kopf.
Warum hast du dich mit einem fremden Mann eingelassen?
Diese Frage beschäftigte Marie pausenlos.

Marie ging weiterhin wie gewohnt jeden Tag zur Arbeit und zuhause spielte sie die liebende Mama und Ehefrau. Allerdings empfand sie die Zärtlichkeiten mit Michael eher als Pflichtübung als Freude.
Wie empfand ich die Zärtlichkeiten vorher mit Michael?
Alles Grübeln brachte ihr keine aufschlussreiche Antwort. So flüchtete sich Marie in die Interpretation; Es war reine Gewohnheitssache, ohne tiefere Leidenschaft.

Christian kreuzte mit seinem Auto in den nächsten Tagen immer wieder ihren Heimweg. Nur mussten sich die beiden mit einem kurzen Winken begnügen. Trotzdem fühlte Marie jedes Mal eine wohlige Wärme in ihr aufsteigen. Also sie war tatsächlich bis über beide Ohren verliebt. Die heimlichen Treffen mit Christian musste Marie mit verrückten Ausreden ermöglichen. Trotzdem - oder erst recht, fühlte sie sich in seinen Armen wie im siebten Himmel.

Christian der bereits seit längerer Zeit in Trennung von seiner Frau lebte, aber noch nicht geschieden war, musste mit derselben Verheimlichung kämpfen. Jeglicher Verdacht einer Verbindung zu Marie wäre ihm gerichtlich zur Last gelegt worden.

Dieses Doppelleben erforderte von Marie sehr gute Nerven, was auf die Dauer nicht durchzuhalten war. Die Gratwanderung den Ehemann und den Geliebten zu befriedigen überforderte sie. Gesundheitlich Störungen forderten eine Klärung der Affäre. Inzwischen kannten sich Marie und Christian zwei Monate und viele glückliche Stunden. Deshalb war eine Entscheidung für Marie höchst brisant. Fällt ihr Los auf Christian, riskierte sie eine Scheidung, wählte sie ein Weiterleben mit Michael verpasste sie womöglich die Liebe ihres Lebens.

Auf einem Spaziergang im Wald eröffnete Marie ihrem Mann, dass sie einen Freund habe und ihn auch liebe. Sie betonte, dass sie sich im Moment in einer Zwickmühle fühle und ein Ausweg aus der Sackgasse suche. Sie gab Michael auch zu verstehen, dass die Familie ihr sehr viele bedeute.
Michaels trotzige Reaktion auf ihre offene Aussprache befremdete Marie sehr. Statt ein Versuch zu unternehmen seine Ehefrau zurück zu gewinnen, drohte er Marie sofort mit der Scheidung und verlangte den Namen des Liebhabers.
In diesem Moment waren bei Marie die Würfel für Christian gefallen.

Die nächsten Tage lebte Marie mit Michael zwar in der gleichen Wohnung, aber in einem Stummfilm. Dann, genau eine Woche nach der Aussprache, flatterte bereits das Aufgebot für ein erstes Gespräch beim Scheidungsrichter ins Haus. Auch der katholische Pfarrer mischte sich, auf Bitten von Michael, in die höchst persönliche Angelegenheit der beiden ein. Dieser drohte Marie mit dem Kirchenverbot und dem Entzug der Sakramente. Diese Intervention der Kirche ignorierte Marie. Hingegen der rechtliche Teil – die Scheidung – musste sie bis zum definitiven Urteil durchstehen.

Immer wieder wurde Marie von Michael bedrängt, den Namen des Ehebrechers bekannt zu geben. Auch der Gerichtspräsident nervte Marie mit derselben Frage. Beide blieben aber erfolglos, Marie schwieg. Mit dieser Hartnäckigkeit schützte Marie sich selber, aber auch Christian. Dieser war ja ebenfalls in der Warteschlaufe zum Scheidungstermin und eine Beziehung zu Marie wäre in seinem Rosenkrieg willkommenes Anwaltsfutter gewesen.

Damit Maries Söhnen Streitereien zwischen ihren Eltern erspart blieben, verliess sie mit ihnen die gemeinsame Wohnung und zog in eine eigene Bleibe. Sie wollte damit den beiden Buben die Achtung und den Respekt vor ihrem Papa erhalten. Streit zwischen ihren Eltern kannten die beiden bis anhin nicht. Während der elfjährigen Ehe ging Michael jeder Auseinandersetzung aus dem Weg. Was sich so harmonisch anhörte, war aber sicher ein grosser Fehler. Die beiden hatten dadurch nie die Möglichkeit sich aneinander zu reiben und sich dann auch wieder zu versöhnen. Diese Lebensweise betrachtete Michael als absoluter Liebesbeweis und nicht für eine mögliche Teilschuld.
Für Marie war die frühzeitige Trennung ein Auftanken und ein logischer Abstand zur bevorstehenden Scheidung.

Dann kam der schwerste Tag im Leben von Marie.
In ein paar Stunden bin ich frei. Ist es wirklich so, oder mache ich mir etwas vor?
Diese Frage und die Gedanken an eine mögliche Zukunft mit Christian plagten Marie morgens beim Frühstück.

Es ist später Nachmittag im September 1979, es regnete und die Bäume verloren bereits ihr Kleid. Diese Herbststimmung begleitete Marie durch die Stadt zum altehrwürdigen Gebäude des Bezirksgerichtes in Kreuzlingen. Marie atmete nochmals richtig durch, denn es waren nur noch wenige Minuten und auch wenige Schritte, dann würde sie vor den Schranken des Rechtsstaates stehen. Als Angeklagte wegen Ehebruchs musste sie sich verantworten.

Trotz dieses Vergehens stand Marie etwas später mit erhobenem Kopf vor dem Gerichtspräsidenten, einem kleinen Mann mit grauen Schläfen, aber mit grosser Macht. Seine perfiden Fragen prallten wie stumpfe Pfeile an Marie ab.
Diese zermürbende Veranstaltung ist doch nur noch eine formale Angelegenheit. Die Meinungen zum Urteil haben die sechs anwesenden Richter längst gefällt.
Ging es Marie durch den Kopf und in Bildern erlebte sie nochmals das unsägliche Vorspiel seit dem Frühjahr als ihr Noch-Ehemann die Scheidung einreichte.
Ich habe diese Zeit ohne seelischen Schaden überstanden, also werde ich das einseitige Urteil in wenigen Minuten auch ohne Ohnmacht hinter mich bringen.
Maries Puls raste, aber sie zwang sich konzentriert der Verhandlung zu folgen. Aufgeregt hörte sie dann die Worte des Gerichtspräsidenten.
Gemäss § 258 leitete er das Endurteil ein und mit der Vorlesung des Artikels 137 des Zivilgesetzbuches erklärte er die Parteien für geschieden – mit der Begründung: Ehebruch.

Michael als Kläger hatte den ausschliesslich männlichen Richtern glaubhaft erklärt, dass sie eine gute Ehe geführt und auch in intimer Hinsicht harmonisiert hätten. Er sei aber nicht mehr gewillt mit Marie zusammen zu leben, nachdem er eine Fremdbeziehung bemerkt habe. Er konnte das Gremium vorne im Saal an einem grossen Tisch davon überzeugen, dass er ohne Schuld und Sühne sei.

Gefasst nahm Marie die naive Unschuldsbeteuerung zur Kenntnis.
„Für mich als Beklagte kommt eine Weiterführung dieser Ehe auch nicht mehr in Frage.“, sagte sie ohne zu zögern.
Sie verschwieg auch nicht, dass sie eine neue Beziehung habe und das Urteil als Ehebrecherin nicht anzweifeln werde.

Trotz dieses Makels wurden Minuten später die beiden gemeinsamen Söhne durch Zuweisung der elterlichen Gewalt an Marie übertragen. Ein siegessicheres Lächeln huschte über Maries Gesicht, als sie die Begründung hörte: Die Beklagte ist offensichtlich ohne weiteres imstande die Kinder ordentlich aufzuziehen.

Nach dem offiziell ausgesprochenen Schuldspruch und den versöhnlichen Wünschen des Gerichtspräsidenten für eine gute Zukunft verliess Marie den Gerichtssaal mit gemischten Gefühlen. Auf der Steintreppe vor dem Gerichtsgebäude lüftete Marie ihren Kopf durch und streifte den Mief der letzten Stunde ab. Sie gab ihrem Ex-Ehemann zum Abschied nochmals die Hand und wünschte ihm alles Gute.

Nun war sie allein.

Sie setzte sich auf die Bank vor dem gedeckten Eingangsportal und schaute zum weinenden Himmel. Tränen erlösten sie von ihrem inneren Druck und ordneten ihre benebelten Gedanken. Dann hörte es auf zu regnen und in ihr stieg ein Wohlgefühl auf. So als möchte es ihr sagen: Du schaffst es! Marie blieb noch eine Weile sitzen und liess die letzten Monate nochmals an ihr vorbeiziehen.

Seit der Aussprache damals wurde sie von Michael ausspioniert. Er scheute sich nicht für diese schmutzigen Spitzeldienste auch seine Kollegen einzuspannen. Fuhr sie am Dienstagabend mit dem Auto zum Turnen folgte ihr ein Schnüffler bis kurz vor die Halle. Ihr Ex als Beamter konnte auf eine grosse Kollegialität bei den Ordnungshütern zählen. Mit seiner Mitleidstour hetzte Michael alle Bekannten gegen Marie auf und versetzte sie damit ihn ein wahres Spiessrutenlaufen. Erschwerend kam dazu, dass ihr Arbeitsweg am Zoll vorbei führte, wo er und seine Kollegen sie ständig beobachteten. Nachts auf dem Heimweg vom Turnen brauchte Marie riesige Kenntnisse über die Strassen und Umwege der Stadt, damit sie die Verfolger abhängen konnte. Dieses Wissen gehörte zu ihrer Arbeit im Elektrizitätswerk und boten ihr nun auch noch im Privatleben einen grossen Dienst.
Diese Last war nun vorbei, dafür war Marie glücklich, dass auch einer Ehebrecherin das Sorgerecht für ihre Beiden Buben anvertraut wurde.

Unverständlich war ihr aber, warum bei einer Scheidung unbedingt ein Täter oder in ihrem Fall eine Täterin bestimmt werden musste. Eine Ehe besteht bekanntlich aus Mann und Frau und Unstimmigkeiten werden im Regelfall auch von beiden Parteien begangen. Egal wer den ersten Schritt zu einem Bruch gemacht hat, es mangelte im Vorfeld sicher an gegenseitigem Vertrauen oder Liebe. Also sollte ihres Erachtens diese unwürdige Scheidungspolitik endlich einer fairen und gegenseitigen einvernehmlichen Kultur angepasst werden. Diese Gedanken versuchte Marie schnell beiseite zu schieben, nützten sie ihr im Moment sowieso nichts mehr.
Ja, Marie war einfach nicht im richtigen Zeitpunkt vor den Schranken gestanden. Seit der Liberalisierung des Scheidungsrechtes in der Schweiz im Jahre 2000 gibt es keine gesetzlich definierten Verschuldungsgründe mehr für die Auflösung einer Beziehung und der damit verbundenen Schuldzuweisung.

Marie wäre als nicht mit dem Titel „Ehebrecherin“ gekrönt worden.

 

1979 – 1989
Neue Freiheit
Zwei konträre Familien stossen aufeinander

Marie war nun frei – die Komödie hatte ein Ende – und ab sofort begann für sie ein neues Leben. Trotzdem marterten sie viele Fragen.

Gehen meine intimsten Wünsche in Erfüllung? Wird sich Christian nun auch wirklich für mich entscheiden? War ich eventuell nur interessant als Spiel mit einer verheirateten Frau, ohne Verpflichtungen für ihn?

Ja, diese Fragen konnte Marie in dieser ersten Nacht nach der Scheidung nicht abschliessend klären. Bis heute lebten sie nur von der Liebe, ohne gegenseitige Verantwortung. Ihr wurde klar, dass sie entwurzelt wurde von einer liebevollen Familie ihres Ex-Mannes, aber auch von ihren Turnkolleginnen. Die Familie von Michael liebte sie und hatte sich verständlicher Weise nach der Trennung von Marie losgelöst. Auch die lustige Atmosphäre mit den Turnerinnen hatte sich verkrampft und Marie verzichtete im Moment auf ihre liebgewonnen Turnstunden.

Christian versicherte Marie zwar immer wieder für sie da zu sein, aber war diese Aussage auch ernst gemeint? Habe ich vielleicht doch zu hoch gepokert? Erlebe ich im Moment nur eine Verliebtheit? Werde ich von Christian wirklich geliebt, oder suchte er in seinem verletzten Stolz über seine Scheidung, eine liebenswerte Gespielin? Werde ich von Christians Familie freudig aufgenommen?

Ja, Fragen, Fragen und nochmals Fragen hämmerten pausenlos an ihre Schläfen.

Nur eines war klar. Marie wird zukünftig als alleinerziehende Mutter ihrer beiden Söhne Patrick und Daniel, 10 und 8 Jahre, intensiv gefordert sein. Klar war auch, ihr toller Beruf als Kauffrau und die gute Anstellung im Elektrizitätswerk gaben sozialen Halt, sodass sie keine finanziellen Sorgen plagten. So nahm sie den ersten Tag nach der Scheidung mit viel Elan und Begeisterung an. Für ihren Arbeitsweg brauchte sie fünf Minuten zu Fuss, die sie mit erfrischender Leichtigkeit bewältigte. Im Büro wurde sie von ihrer Kollegin herzlich als „Single“ begrüsst und der Chef persönlich wünschte ihr viel Glück für die Zukunft und anerbot jederzeit für sie ein offenes Ohr zu haben. Der aufmunternde Empfang war wie Balsam auf eine geschundene Seele und Marie fühlte sich sichtlich erleichtert.

In den nächsten Wochen stieg Maries Wohlgefühl stetig an. Sie bewältige ihre Aufgaben als alleinerziehende Mutter, Geliebte, Berufsfrau, Haushälterin – eben Managerin – in allen Bereichen vorbildlich und die Gesundheit profitierte ebenfalls. Zudem brauchte sie sich nicht mehr zu verstecken, wenn sie ein Treffen mit Christian hatte. Marie fühlte sich mit ihren beiden Söhnen sehr wohl im neuen Heim, aber menschlich musste sie schon bald Tiefschläge - alleine - durchstehen.

Daniel als Zweitklässler wartete eines Mittags weinend an seinem Zimmerfenster auf die  Rückkehr von Mama von der Arbeit. Dann erzählte er schluchzend den Vorfall in der Schule. Ein älterer Schüler hatte ihn auf dem Pausenplatz ungeheuerlich verletzt mit den Worten: „Deine Mutter ist eine Hure, sie hat deinen Vater wegen eines anderen Mannes verlassen.“ Diese Aussage traf auch Marie bis ins innerste Mark. Beide Söhne und Marie hielten sich fest und weinten.
Gemeinsam klopften sie bei der Familie des Schülers an und knüpften den Knaben in Anwesenheit von dessen Eltern vor. Entsetzt über den Vorfall auf dem Pausenplatz erklärte die Mutter des Schülers traurig: „Ich kann die verletzenden Worte meines Sohnes nicht verstehen.“ Und zu Marie sagte sie, mit Tränen in den Augen: „Ich habe die gleichen Erfahrungen gemacht wie sie.“ Eine Entschuldigung tat Marie und ihren Söhnen gut und sie nahmen sie auch dankend entgegen.

Im Mehrfamilienhaus wo Marie mit ihren Buben wohnte, lebte auch eine Familie mit zwei gleichaltrigen Kindern, die sich sofort mit Patrick und Daniel anfreundeten. Dieser Kontakt war für Marie unbezahlbar, weil sie die Gewissheit hatte, dass bei ihrer Abwesenheit die Nachbarn stets ein Auge auf ihre Söhne warfen.

Bei gelegentlichen Besuchen von Christian in ihrem Heim, lernten ihn auch die Buben kennen. Sie begegneten Christian mit Respekt und akzeptierten seine Anwesenheit. Marie war über die gegenseitige Anerkennung glücklich und bereute deshalb ihren Schritt in ein neues Leben nicht.

Dann nahten die ersten Weihnachten und Maries Ex-Mann forderte mit den Söhnen den Heilig Abend zu verbringen. Marie willigte ein, weil sie wusste dass die Feier bei ihren ehemaligen Schwiegereltern stattfand und diese grossen Wert auf einen schönen Abend mit den Grosskindern legten. Sie gestalteten die  gemeinsame Weihnachtsfeier jedes Mal feierlich  und es waren besinnliche Stunden. Es wurden Weihnachtslieder gesungen und Gedichte zum Besten gegeben. Dieses friedliche Fest wollte Marie in diesem Jahr ihren Söhnen nicht vorenthalten. Am Heilig Abend als Maries Ex-Mann ihre Buben abholte, erlebte sie eine unglaubliche Geste. Ihre Söhne sagten: „Mami, bist du heute Abend bei Christian, sonst gehen wir nicht weg.“ Marie war gerührt und sagte. „Ja, ich gehe zu Christian und morgen feiern wir drei dann zusammen.“ Sichtlich erleichtert sah sie dann wie die beiden vor dem Einsteigen ins Auto von Michael ihr nochmals kurz zuwinkten.

Marie ging dann zu Christian, der ebenfalls das Weihnachtsfest alleine verbringen musste. Sie verbrachten dann zusammen einen ruhigen Abend in seiner Stube und hörten Weihnachtslieder. Beim Stille Nacht, heilige Nacht liess Marie ihren Tränen freien Lauf. In Gedanken sie Patrick und Daniel im Wohnzimmer der Grosseltern vor dem Christbaum stehen. Ihre Augen leuchteten mit dem Glanz der angezündeten Kerzen um die Wette. Marie war in diesem Moment aber nicht alleine mit ihren Emotionen, in Christians Augen schimmerten ebenfalls Tränen. Beide umarmten sich innig und linderten so ihre Gemütsbewegung.

Im Herbst des folgenden Jahres erschütterte ein schwerer Unfall die kleine Familie. Daniel und sein Freund Thomas spielten vor dem Wohnhaus. Nach einer Weile klingelte es an Maries Wohnungstüre und Thomas stand aufgeregt und mit den Händen gestikulierend da. „Daniel hat nur noch ein Bein, kommen sie sofort!“, rief er weinend. Beide rannten sie auf den Vorplatz hinaus, wo Daniel unter einem Baum lag. Sein Bein war zwar noch vorhanden, aber total nach hinten abgedreht. Marie wurde sofort klar; Daniel muss dringend ins Spital gebracht werden. Bevor sie weitere Schritte unternahm, stand bereits ein älterer Herr vor ihr. Er hatte den Unfall beobachtet und anerbot Daniel ins Spital nach Münsterlingen zu fahren. Eine grossartige Geste von einem bisher unbekannten Nachbarn. Daniel hatte den Oberschenkel gebrochen und musste acht Wochen im Spital liegen. Es war für Marie und Patrick eine sehr schwere Zeit. Daniel hatte Heimweh und die täglichen Besuche von Mama und Bruder endete jeweils in einem Tränenmeer.

In dieser schwierigen Zeit beschäftigte Marie nicht nur das Leiden von Daniel, sondern das unverständliche Verhalten von Christian.
Marie glaubte inzwischen, sie wären zu einer Familie zusammengewachsen, trotz zwei verschiedenen Wohnorten. Nun musste Marie bitter feststellen, dass sich Christian für einen kurzen Besuch im Spital drückte. Daniel hingegen unterliess es nie nach Christian zu fragen. Marie beruhigte ihren Sohn jedes Mal mit einer lapidaren Notlüge; Christian hat sehr viel Arbeit.

Christian war selbständig, er hatte eine Schlosserei mit drei Angestellten. Seine Arbeit liebte er und sie hatte stets Priorität. Also entschuldigte Marie seine Abwesenheit grosszügig, obwohl es sie innerlich verletzte. In solchen Momenten zweifelte sie immer wieder an der Aufrichtigkeit der Beziehung. Aber im nächsten Liebesrausch verwarf sie ihre negativen Gedanken.

Christian wurde in der Zwischenzeit ebenfalls geschieden. Er lebte im Elternhaus im Parterre und seine alte Mutter im ersten Stock. Das ermöglichte seinen beiden Töchtern, im gleichen Alter wie Maries Söhne uneingeschränkten Zugang ins Haus zur Grossmutter, aber auch zu Christians Wohnung. In dessen Wohnzimmer stellte er Marie etwas später seine beiden Töchter Gabriela und Yvonne vor. Es war eine steife Angelegenheit und Marie kam sich vor wie ein Möbelstück, das begutachtet wurde. Die Kälte, die Marie entgegen gebracht wurde, glich einem Eisberg. Einziges Verständnis für diese Ablehnung der beiden Mädchen, fand Marie im langen Scheidungskrieg den Christian und seine Ex-Frau ausgefochten hatten. Die Töchter drängten sie in die Rolle der Rivalin ihrer Mutter.
Marie versuchte die Unhöflichkeit der ersten Begegnung zu negieren und hoffte auf eine nächste Möglichkeit unter einem besseren Stern. Marie fiel beim ersten Treffen auch auf, dass die beiden Mädchen Christian mit dem Vornamen ansprachen und nicht Papa sagten. Die spätere  Nachfrage bei Christian ergab, dass dies bei ihnen üblich sei und die Mutter ebenfalls mit dem Vornamen angesprochen werde. Marie fand diese eigenartige Namensgebung speziell und sie war froh, dass bei ihr zuhause noch die traditionelle Gewohnheit Mama gelebt wurde.

Traurig und etwas unsicher ging es Marie durch den Kopf:
Hab ich mir eine solche Familie vorgestellt und wie wird es in Zukunft sein?

In der Familie ihres Ex-Mannes war sie von den Eltern und Brüdern herzlich aufgenommen worden. Ein kurzes Bedauern über ihren getroffenen Entscheid konnte sie in diesem Moment nicht leugnen.

Christian hatte auch noch eine acht Jahre ältere Schwester, Waltraud. Sie war Witwe und lebte in Romanshorn. Am Wochenende logierte sie bei ihrer Mutter in Kreuzlingen. So kam es unverhofft zu einer unwürdigen Begegnung zwischen Marie und ihr. Marie hielt sich in Christians Wohnung auf, weil ihre Söhne beim Vater waren. Während Christian sich kurz in seinem Geschäft aufhielt, lüftete Marie seine Wohnung durch. Als sie das Stubenfenster öffnete blickte sie frontal in das Gesicht einer unbekannten Frau. Diese fauchte Marie an: „Was machen sie in der Wohnung meines Bruders? Sie haben hier nichts verloren.“ Ohne eine Antwort zu geben schloss Marie das Fenster und setzte sich konsterniert auf das Sofa und wartete auf die Rückkehr von Christian. Sie erklärte ihm den unfreundlichen Vorfall. Genervt sagte er: „Nimm es nicht so ernst, dies ist meine Schwester. Sie ist eine verbitterte Frau und gönnt mir keine Freundin.“

Marie nahm diese Ausrede zur Kenntnis, reihte sie aber in die gleiche Ecke wie die erste Begegnung mit den Töchtern ein. Abermals wurde Marie den Verdacht nicht los, dass sie in dieser kalten Familie keinen Platz finden würde. Dieses Mal hegt sie sogar kurz Skepsis ob Christian sich gegen seine Familie überhaupt durchsetzen würde.

In den folgenden Wochen gab es für viele Bekannte in der Stadt einen Aha-Effekt, wenn sie Christian und Marie zusammen im Ausgang erlebten. Marie blieben dabei weitere negative Bekanntschaften nicht erspart. Die Vorstellungen bei Christians Kollegen endeten jeweils mit primitiven Verletzungen. Deprimierend war, dass sich Christian dabei nicht wohl fühlte, aber trotzdem kein Machtwort sprach. Warum? Diese Frage wühlte Marie jeweils auf und sie vermisste, dass sich Christian schützend vor sie stellte. Am Freitagabend vergnügte er sich immer im Kegelclub und einmal im Jahr wurden die dazu gehörenden Damen zum Nachtessen eingeladen. So stellte Christian seine Freundin beim Treffen vor. Marie, als Nichtalkoholikerin wurde gleich als Landpomeranze angegriffen und fühlte sich deshalb in dieser Runde nicht wohl. Aufmerksamkeit hole sich sie einzig mit ihren jungen 33 Jahren und den langen schwarzen Haaren. Der Durchschnitt dieser Möchtegernherren war über sechzig Jahre. Christian fühlte sich in diesem Club angeblich auch nicht wohl, aber er machte aus kollegialen und geschäftlichen Gründen mit. Kurze Zeit später gab er dann den Austritt, ob aus Liebe zu Marie oder als willkommenes Alibi blieb sein Geheimnis.

Christian hatte aber noch eine andere Leidenschaft, das Segeln auf dem Bodensee. Seit seiner Kindheit war er auf dem See zuhause. Die erste Jolle zimmerte er mit seinen Kollegen als Schulbub zusammen. Seine ganze Freizeit im Sommer verbrachte er früher auf dem Wasser. Seine erste Heirat und die Eröffnung seines eigenen Geschäftes forderten Höchstleistungen von ihm, was damals zu Lasten der Freizeit ging und das Segeln in den Hintergrund drängte. Als wiedergeborener Single entdeckte er nach seiner Scheidung erneut die Lust am Segeln. Nun versuchte Christian diese Leidenschaft auch seiner neuen Flamme schmackhaft zu machen.

Oh je! Was am Bodensee nicht unmöglich ist, passierte Marie. Unbewusst verliebte sie sich also in einen Segler und schon bald dämmerte es ihr, welchen Fisch sie an Land gezogen hatte. Christian war nicht nur Segler, er hatte auch ein eigenes Boot. Unvoreingenommen liess sich Marie auf das schnittige Segelboot zu einer Fahrt einladen.

„Willkommen auf der Giriz, so hiess das Boot, flötete Christian, als Marie vorsichtig auf dem Deck ins Cockpit tappte. Mangels Reling krallte sie sich am Grossbaum fest, immer den Abgrund des Bodensees im Visier.
Komm wir machen einen Schlag.“, sagte Jakob, während er bereits am Aussenbordmotor hantierte.
„Einen Schlag!“, empörte sich Marianne entsetzt und schaute ihn verwirrt an.
„Ja, heute ist ideales Segelwetter, ruhige See und aalglattes Wasser, also gut für Neulinge“, bekräftigte Christian sein Vorhaben.

Gut, das Rätsel löste sich nun. Der nautischen Ausdrücke nicht mächtig, atmete Marie erleichtert auf: „Aha, wir fahren hinaus.“                           „Ja, du kannst den Matrosen spielen, ich gebe dir die Kommandos.“
Mama mia, Jakob weiss doch gar nicht, dass ich nicht schwimmen kann, und was meinte er mit Kommandos? Augen zu und durch!
Befahl sich Marie trotz ihrer Abneigung.

Mit grosser Ruhe hantierte Christian an den Seilen herum, die ein grosses Tuch hochzogen. Dabei versuchte er seiner ahnungslosen Matrosin die nautischen Kommandos näher zu bringen. Es wurde ein anstrengender Ausflug. Die vielen neuen Ausdrücke überforderten Marie. Dazu kam auch noch das schlechte Gewissen, Christian nicht klaren Wein eingeschenkt zu haben, dass sie Nichtschwimmerin ist. Mit einem kurzen Stossgebet zum Himmel überstand sie die Segelfahrt ohne Trauma. Erleichtert dass die Seefahrt zu Ende war, verliess sie im Hafen die Giriz am Arm von Christian.
“Du hast dich tapfer geschlagen als Neuling in der Seefahrt“, rühmte er Marie.
„Ja, das glaube ich auch, sogar recht gut für eine Nichtschwimmerin“, gab Marie provozierend zurück.
„Was sagst du? Du kannst nicht schwimmen? Ist dir überhaupt bewusst was passiert wäre wenn du über Bord gefallen wärst?“, entsetzte sich nun Christian.
„Ja, ja, beruhige dich, es ist gut gegangen. Ich bin schon länger Nichtschwimmerin – als Seglerin.“                                                          „Ich fasse es nicht, das war äusserst fahrlässig. Wenn du wenigstens die Schwimmweste angezogen hättest.“
Wortlos verliessen sie den Hafen. Jakob immer noch in Schreckstarre und Marie angespannt, weil sie das zarte Pflänzchen ihrer Liebe davon schwimmen sah. Ja, eine Nichtschwimmerin und ein Segler sind wahrlich nicht das ideale Paar.
Beim Nachtessen fragte Christian wieder gefasst und mitfühlend: „Hattest du wenigstens ein bisschen Freude auf der Segelfahrt?“
„Ja, sicher, die Momente zwischen den Manövern!“, lachte Marie.
„Sicher wird dir das Segeln mit der Zeit auch Spass machen. Nur, du solltest unbedingt Schwimmen lernen“, sagte Christian nicht uneigennützig.

Dieser Ratschlag musste ja kommen. Marianne verschwieg, dass sie bereits zweimal die Schwimmschule als Nichtschwimmerin beendet hatte. Trotz der Tatsache, dass Christian sich in ein Landei verguckt hatte, wollte er das nächste Wochenende mit Marie auf dem Segelschiff verbringen. Die Einladung freute Marie, vor allem die Stunden mit ihm, erst dann kam die Giriz. Diese schönen Segeltörns wiederholten sich die nächsten Wochen immer wieder und Marie machte grosse Fortschritte als Matrosin.

In den Winterferien lernte Marie auch noch einen hervorragenden Skifahrer kennen. Die zwei Sportferienwochen verbrachten Marie mit ihren beiden Söhnen und Christian mit seinen beiden Töchtern zusammen in Zermatt. Ohne Vorurteil hatte Marie diesem Vorschlag von Christian zugestimmt. Sie hoffte insgeheim, dass während diesen Ferien eine kleine Annäherung zwischen ihr und den Mädchen entstehen könnte. Ausser Christian der ein Profiskifahrer war besuchten alle eine Skischule. Sie waren also nur morgens beim Frühstück und abends beim Nachtessen beisammen. Christians jüngere Tochter Yvonne verstand sich prima mit den Jungs von Marie und so gingen die drei nach der Skischule öfters ins Hallenbad. Gabriela hingegen weigerte sich und blieb zu Hause. Während Marie und Christian auf dem Sofa in ein Buch vertieft waren, zwängte sie sich stets zwischen die beiden. Sie benützte also jede Gelegenheit um die beiden auseinander zu reissen.
War es ihre egoistische Haltung, oder wurde sie im Vorfeld beauftragt?

Wer das gestörte Verhältnis zwischen den beiden Elternteilen von Gabriela kannte, wunderte sich kaum. Marie hatte also nur die Nacht im Schlafzimmer mit Christian alleine. Es waren lange vierzehn Tage und Marie war froh, ohne grössere Probleme wieder daheim zu sein. Die heimlich gewünschte Normalisierung der Beziehung zwischen ihr und den beiden Töchtern fand im kleinsten Rahmen statt, aber immerhin.

Vom Frühling bis in den Herbst waren wieder Segeltörns angesagt und Marie lernte die nautischen Regeln sehr schnell und konnte sie auch in der Praxis umsetzen. Obwohl sie inzwischen die Manöver und Anlandungen beherrschte sah Christian in ihr nur die Matrosin. Dies muss ein Ende haben sagte sich Marie und entschloss sich Frau Kapitän zu werden.

Zusammen mit zwei Kolleginnen entschied sie sich im benachbarten Konstanz die Segelschule zu besuchen. Als erstes musste die Theorieprüfung bestanden werden. Im Landratsamt in Konstanz wurden rund fünfzig Personen auf ihre theoretische Tauglichkeit geprüft. In einem grossen Saal, an alten Holzpulten die an die verflossenen Schuljahre erinnerten, warteten die gespannten Prüflinge auf den Startschuss. Frontal zu ihnen sassen ein halbes Dutzend Marineoffiziere in Uniform und überwachten sie. Dann erhob sich der Häuptling und sagte in militärischem Ton: „Ich nehme an alle die heute hier sitzen können schwimmen.“ Ein lautes und einstimmiges ja hallte durch den Saal. Nur Marie konnte diesen Schwur nicht leisten, da sie gar nicht schwimmen kann. Ihre vornehme Zurückhaltung beim ja brüllen blieb glücklicherweise unbemerkt und Marie war froh, dass der Startschuss für die Prüfungsaufgaben gefallen war.
Marie rechtfertigte sich im geheimen; ich bin auch nicht hier um eine Schwimmprüfung abzulegen, sondern die Theorieprüfung zum Führen eines Segels.
Weil Marie ihre Hausaufgaben ernst genommen hatte, bestand sie den Test. Ein einziger Fehler schlich sich ein.

Schwieriger gestaltete sich die Praxis. Jeden Freitagnachmittag ging sie im Konstanzer Hafen auf das Schulschiff. Der deutsche Segellehrer Rainer war den drei Schweizerinnen nicht gut gesinnt, obwohl sie den gleichen Obolus bezahlten wie die drei Mitschüler aus Deutschland. Entweder war Rainer kein Freund der Schweiz oder ein Frauenhasser. Um ihn in den folgenden Stunden etwas freundlicher zu stimmen, nahm Marie jedes Mal einen frisch gebackenen Kuchen und eine Kanne Kaffee mit. Diese Geste lockerte zwar die Stimmung unter den Segelschülern, dem sturen Schiffsoberhaupt entlockte sie damit aber nur ein müdes Lächeln. Nach acht Lektionen mussten die sechs Segelschüler die praktische Prüfung ablegen.
Am Prüfungstag regnete es unaufhörlich und die Zeremonie dauerte den ganzen Tag. Mitten auf dem Bodensee stand das Polizeiboot und erwartete die Prüflinge. Die angespannten Kandidaten wurden gleich in Zweiergruppen eingeteilt. Marie hatte Glück, ihr wurde ein junger Konstanzer als Partner zugewiesen. Dann ging es für das internationale Duo los. Jens und Marie bestiegen das Schulsegelschiff und gaben ihr Bestes. Windmässig wurden sie nicht verwöhnt und auch der leichte Regen konnte die beiden nicht aus der Ruhe bringen. Konzentriert machten sie die geforderten Manöver und das letzte Kommando, das Segelschiff in den Wind zu stellen und am Polizeiboot anzulegen, erforderte ein gutes Zusammenspiel zwischen Jens und Marie. Sie schafften es und hofften nun später ein positives Resultat entgegen nehmen zu können.

Auf der Fähre im Konstanzer Hafen wurden alle Prüflinge über das Ergebnis orientiert. Drei Schweizerinnen und eine Schar Deutsche waren gespannt wie ein Seidenfaden. Unter den erfolgreichen Kandidaten hörten Marie und Jens auch ihre Namen. Sie jubelten vor Freude und beglückwünschten sich gegenseitig.

Die erfolgreiche Segelprüfung beflügelte Marie auch die Motorbootprüfung zu wagen. Zusammen mit der ebenfalls erfolgreichen Schweizerin – eine Kollegin war durchgefallen – dieses Brevet auch zu machen. Es war natürlich auch ein berechnender Entscheid. Erfolgte die Motorbootschule direkt anschliessend an die  Segelschule wurde die Theorieprüfung nicht mehr fällig und Marie müsste dann auch nicht mehr schummeln als Nichtschwimmerin. Dieses Brevet würde ihr dann später einmal erlauben auch ein grösseres Motorboot zu steuern.      Marie und ihre Kollegin aus der Schweiz wechselten in der Fahrschule das Boot, aber nicht den Lehrer. Schliesslich waren sie sich an dieses Scheusal gewohnt und glaubten seine mürrische Laune noch etwas länger zu ertragen. Die praktischen Manöver mussten die beiden bei  der Rheinbrücke in Konstanz üben, da war die Strömung des Rheins besonders stark. Leider verschärfte Rainer seinen Ton gegenüber den Schweizerinnen noch um eine Oktave. Gegenseitig munterten sich die beiden Frauen  immer wieder auf, sie wollten ja nicht diesen „Scheisskerl“ umerziehen, sondern ganz einfach den Motorbootschein. Kurz vor der Prüfung eskalierte die Situation auf dem Schiff trotzdem. Die Kollegin von Marie steuerte das Boot an den nächsten Steg, sprang hinaus und verschwand. Für sie war nun das Motorbrevet ein Wunschtraum geblieben und Marie musste den Rest der Lektionen mit dem fiesen Kerl alleine Vorlieb nehmen. Ihr fester Wille war den Schein zu bekommen, dafür nahm sie auch ein pädagogisches Rindvieh in Kauf. Wenige Wochen später war Marie im Besitz dieses für sie wertvollen Papierstückes. Ab sofort war sie zertifizierte Segel- und Motobootführerin, also „Frau Kapitän kann nicht schwimmen“.

Bemerkenswertes erlebte Marie beim Erhalt ihres Führerausweises. Das Schweizerische Schifffahrtsamt war zuständig für die Ausstellung ihres Segel- und Motorboot Führerscheins, da der Bodensee ein internationales Gewässer ist und sie Schweizerin. Als Marie das gute Stück in den Händen hielt, bemerkte sie hinter den Prüfungsdaten ein „K“, was Christian in seinem Ausweis nicht hatte. Die Antwort der Schiffsbehörde überraschte Marie; sie haben die Prüfung in Deutschland abgelegt und nicht in der Schweiz. Marie war überrascht, musste aber trotzdem lachen und sagte zum Beamten: Gut habe ich meine Prüfungen in Konstanz abgelegt und nicht in Jena. Meine Papiere hätten dann das historische „J“ erhalten.

Ja, wir Kreuzlinger rühmten und rühmen uns immer noch als eine Einheit mit Konstanz. Nur die Realität sieht vielfach anders aus. Bester Beweis ist Maries Schifferpatent. Mit einem „K“ wurde sie gebrandmarkt, weil sie im Ausland ausgebildet wurde. Die Freude an der Schifffahrt verstärkte sich trotz des Schönheitsfehlers in ihrem Brevet und gab ihr zusätzlich Sicherheit.

Schiffstechnisch war nun alles Ordnung, aber familientechnisch blieb einiges im Argen. Als Mutter von zwei pubertierenden Jungs konnte sie nicht jede freie Minute auf den See, was Christian nicht verstehen konnte – oder wollte! Gut zeigten Maries Söhne Verständnis für die vielen Abwesenheiten ihrer Mama, wenn sie auf dem See herumgondelte. Zudem kam es Marie zugut, dass sie ihre Buben zu Selbständigkeit erzogen hatte. So konnte sie die Bedürfnisse von Christian und den beiden Söhnen unter einen Hut bringen. Das fehlende Mitgefühl von Christian für Maries Sorgen als Mutter entfachte immer wieder Unstimmigkeiten, ja sogar Zweifel an seinem Familiensinn.

Die Abneigung, die Christians Familie ihr entgegen brachte, erreichte am nächsten Weihnachtsabend seinen Höhepunkt. Die Einladung von Christian den Heiligabend in seinem Haus mit der ganzen Familie zu feiern nahm Marie an. Ihre beiden Söhne wusste sie gut aufgehoben beim Ex-Mann und seinen Eltern. Zusammen mit Christians Mutter, seiner Schwester und seinen Töchtern sollte es eine schöne Feier geben. Im Wohnzimmer stand der geschmückte Christbaum und rundum lagen Geschenke zu einem Berg angehäuft. So viele Geschenke auf einem Haufen hatte Marie noch nie erlebt. Vor der Bescherung war ein gemeinsames Essen geplant. Gabriela und Yvonne übernahmen zur Freude aller Anwesenden das Amt als Gastgeberinnen. So platzieren sie die Gäste nach ihrem Gutdünken. Marie wiesen sie den Platz am Tischkopf direkt bei der Türe zu und Christian am oberen Ende des Tisches. Das Servieren der Köstlichkeiten zelebrierten die beiden auf ihre Weise. Sie bedienten rundum die Familienmitglieder mit einem Lächeln und setzten sich dann auf ihre Plätze. Nur ein Teller blieb leer, Maries. Nach Sekunden, die Marie wie eine Ewigkeit vorkam, forderte Christians alte Mutter die Mädchen auf den Gast auch zu bedienen. Ohne sich von ihren Sitzen zu erheben, reichten sie Marie wortlos die Platte zum Selbstservice.
Gekränkt, aber mit Anstand liess Marie den Abend über sich ergehen. Ohnmächtig verfolgte sie den unwürdigen Ablauf der Weihnachtsfeier. Kaum war der letzte Bissen im Magen, wurde der Tisch abgeräumt und die Kerzen am Christbaum angezündet. Ohne Musik, ohne Kinderverse, dafür mit einer gnadenlosen Gier stürzten sich die beiden Töchter auf die Geschenke. Diese wurden aufgerissen und nach Inhalt taxiert. Nach dem Spuk lagen auf dem Stubenboden ein Haufen Geschenkpapier und Schnüre. Gabriela und Yvonne packten ihre neuen Sachen zusammen und wollten von Christian nach Hause gefahren werden. Marie fühlte sich wie in einem falschen Film. Können zwei Mädchen so grausam sein? Oder wurden sie auf primitive Art gesteuert? Marie war traurig und verletzt und konnte diese schreckliche Vorstellung nicht einreihen. Vor Mitternacht hatte dann auch der Christbaum seinen Dienst getan, er wurde geplündert und zum Fenster hinaus geschmissen.

Nach den vielen schönen und eindrucksvollen Weihnachtsabenden die Marie mit Michaels Familie verbringen durfte war sie froh, dass ihren beiden Söhnen diese unwürdige und lieblose Schau erspart blieb. In dieser schlaflosen Nacht schwor sich Marie, nie mehr mit dieser Familie Weihnachten zu feiern. Gleichzeitig zweifelte sie ein weiteres Mal am Familiensinn von Christian, ja sogar an seiner Liebe zu ihr. Auch diese tiefe Wunde überstand Maries Liebe zu Christian. Nur ihren Schwur löste sie ein. Sie blieb den künftigen Weihnachtsfeiern fern und blieb, ohne dass ihre Söhne es wussten, allein in ihrer Stube, war zwar traurig hatte aber ihren Frieden.

 

1989
Ja, ich will!

Ein herrlicher Frühlingstag im Jahre 1989 brachte Marie völlig aus der Fassung. Als Frau Kapitän salutierte sie voller Stolz dem Kapitän der vorbei fahrenden Fähre die von Meersburg nach Konstanz fuhr. Dann unterbrach Christian plötzlich die Ruhe: „Wir könnten in diesem Jahr doch heiraten.“ Marie verschlug es die Sprache und sie hielt sich am Steuerrad fest. „Warum so plötzlich, wir sind nun sei zehn Jahren zusammen auch ohne Trauschein.“
Sicher hatte es in dieser Zeit mehrere Gelegenheiten gegeben wo sie sofort ja gesagt hätte. Aber in diesem Moment konnte sie nicht entscheiden. Sie vertröstete ihn: „Ich werde es mir überlegen.“
Auf diese unerwartete Antwort war Christian nicht vorbereitet und entsprechend sauer. Auf der restlichen Fahrt nach Überlingen kehrte wieder Ruhe ein, nur etwas angespannter. Das Anlegemanöver im Hafen von Überlingen meisterten sie wie schon viele Male vorher ohne Probleme. Der anschliessende Spaziergang in der Stadt und das feine Nachtessen vermochten Christians Frust nicht vollständig zu entschädigen. Es gab einen wortkargen Abend.

In der Schiffskoje fand Marie diese Nacht keinen Schlaf. Alles drehte sich um die Frage: Will ich -  oder will ich nicht? Nebst den schönen gemeinsamen Stunden vernebelten aber auch unzählige Verletzungen und Demütigungen ihr klares Denken.                                                Eigentlich spielte Marie seit geraumer Zeit mit dem Gedanken nie mehr zu heiraten. Dazu hatte sie bereits ihren ledigen Nachnamen Chevalier wieder angenommen. In der Zwischenzeit fand Marie den französischen Klang nicht mehr exotisch, sondern liebte ihn sogar, als einen Teil vor ihr. Sie hatte zwar bei ihrer Namensänderung einen grösseren Wirrwarr in der eigenen Familie ausgelöst. Ihre beiden Söhne hatten nun ihren angeborenen Familiennamen ihres Ex-Mannes, Christian seinen eigenen und Marie nun ihren  eigenen.

So hatte es Marie nicht eilig die Frage der Heirat zu beantworten.
Ein Vierteljahr später, wieder auf der Segelfahrt Richtung Überlingen, kam die Frage von Christian erneut, diesmal etwas genervt, aber ganz bestimmt: „Heiraten wir nun im Oktober oder nicht?“
Marie sagte spontan: „Ja“. Christian war sichtlich erfreut und Marie erschrak über ihre Antwort. „Will ich es wirklich?“ Im Moment wusste sie es nicht mehr, was sie aber sicher wusste – ich liebe Christian.
Der Tag endete für beide glücklich und sie genossen die Stunden wie zwei frisch Verliebte.

In den nächsten Tagen begann Christian mit den Vorbereitungen. Hektisch liess er Vermählungskarten drucken und gemeinsam bestimmten die beiden die Empfänger der Nachricht. Mit der Zeit fand auch Marie Gefallen daran wieder zu heiraten. Ihre beiden Söhne freuten sich mit ihrer Mama. Besonders Patrick fand das Datum prima, er war in der Rekrutenschule und bekam für diesen Anlass drei Tage Urlaub.

Am Donnerstag, 12. Oktober 1989 um 16.00 Uhr heirateten Marie und Christian auf dem Standesamt in Kreuzlingen. Als die beiden das
„Ja-Wort“ hauchten, standen ihre beiden Söhne, die Schwester von Paul und einige nähere Verwandten im Trauzimmer und freuten sich.
Als elegante Braut trug Marie einen halblangen  grauen Jupes, eine rotmelierte Bluse und eine rote Kurzjacke. Ihre langen schwarzen Haare dekorierte ihre Coiffeuse mit einer weissen Seidenblume mit kleinem Schleiereinsatz. Ihre Füsse steckten in schwarzen flachen Schuhen mit einem roten Zierbändchen. Die vielen Komplimente durfte Marie ohne Überheblichkeit in Anspruch nehmen. Vor dem Rathaus stand eine riesige Menge Gratulanten. Maries Kolleginnen und Kollegen vom Bankverein, ihre ehemaligen Kameraden vom Elektrizitätswerk, Christians Gemeinderatskollegen, die Segelvereinigung Kreuzlingen, die einheimische Fastnachtsgesellschaft und je eine Clique aus Luzern und Lachen beehrten das Brautpaar mit ihrem Erscheinen. Christian wurde von der Fastnachtsclique dazu verdonnert seine Braut mit einem kleinen Boot, mit gehissten Segeln, die Hauptstrasse entlang zum Hotel Löwen zu ziehen. Dort war der Apéro bereit und die riesige Gesellschaft stiess mit den frisch Vermählten auf ihre Zukunft an. Das anschliessende Hochzeitsdiner im exklusiven Speiserestaurant Jakobshöhe in Kreuzlingen war dann einzig der Familie gewidmet. Eine brisante Abwesenheit nahm Marie mit Fassung zur Kenntnis. Die Töchter von Christian blieben der Trauung fern.

Am nächsten Morgen flogen Christian und Marie von Zürich nach New York in die Flitterwochen. Es war Maries erster Überseeflug und sie freute sich auf diese Metropole. Im Hotel Hilton Midtown bezogen sie im neunzehnten Stockwerk eine fantastische Suite. Marie fühlte sich wie in einem Traum. Ja, Christian verstand es immer wieder sie rundum glücklich zu machen. Während ihrem Aufenthalt in New York machten die beiden einen Kurzbesuch bei Christians Verwandten in Philadelphia. Maries gespaltene Einstellung zu seiner Tante seit ihrem Besuch in der Schweiz vor einigen Jahren versuchte sie abzustreifen.

Damals als Christians Tante mit ihrem Ehemann die Verwandten in der Schweiz besuchte, versuchte sie - bewusst oder unbewusst – einen Keil in die neue Beziehung zwischen Christian und Marie zu schlagen. Heimlich traf sie sich mit Christians Ex-Frau. Was sie damit bezweckte blieb ein Rätsel.

Nun stand Marie als Ehefrau von Christian vor ihr und wurde freundlich empfangen. Ob die Freundlichkeit ehrlich oder gespielt war spielte für Marie keine Rolle. In wenigen Stunden war sie wieder in New York. Mit Christian wollte Marie nun diese interessante Stadt erforschen. Die riesigen Wolkenkratzer hatten es ihr angetan. So erlebte sie den Ausblick vom Empire State Building und vom World Trade Center. Die Freiheitsstatue bestiegen Christian und Marie zu Fuss bis zur siebenstrahligen Krone nicht ganz freiwillig. Eine Menschenkette von über hundert Metern wartete vor dem Lift und wollte nach oben. Auf der Treppe hatten sie dafür keinen Andrang. Als ganz besonderes Ereignis besuchten die beiden die Oper Aida in der Metropolitan Opera, ein unvergesslicher Abend.
Nach dem einwöchigen Aufenthalt in dieser imposanten Stadt ging es aber nicht heimwärts. Sie flogen weiter nach San Francisco. Im Hotel Hyatt war bereits eine herrliche Unterkunft bereit. Zum ersten Mal in ihrem Leben sah Marie zwei Glaslifte an einer Fassade hochfahren und oben in einem Tunnel verschwinden. Dieses Erlebnis konnte sie bei einem Kaffee im Atrium des Hotels bestaunen. Jeden Tag besuchten Christian und Marie neue Sehenswürdigkeiten. So überquerte sie die Golden Gate Bridge und im dazugehörenden Park spazierten sie wie zwei frisch verliebte. Vom lebhaften Pier 39 blieb Marie vor allem die berühmte Seehundefamilie in Erinnerung und die Masse von Touristen.
Es waren herrliche zwei Wochen und auf dem Heimflug wünschte sich Marie, dass diese innige Zweisamkeit mit Christian auch ihren Alltag beflügeln würde.


1989 - 1999
Schicksalsschläge meistern
Wonne geniessen

Seit 1983 wohnte Marie mit ihren beiden Söhnen in einem Einfamilienhaus mitten in der Stadt Kreuzlingen. Dieser Altbau an der Kirchstrasse hatte Christian damals erworben und mit grosser Mithilfe von Marie und ihren Buben umgebaut.
Eigentlich hatte sich Marie immer ein Eigenheim gewünscht, aber bei diesem Objekt war ihr klar, dass eine Menge Arbeit auf sie zukommen würde. Trotzdem nahm sie diese Herausforderung an, nicht zuletzt weil ihre damals 14- und 12jährigen Bengel dies wünschten. Diese beiden sahen natürlich nicht die Arbeit, sondern ihre Freiheit im eigenen Haus und der schöne Umschwung als Festmeile.
Anfangs Jahr begannen die Umbauten mit dem Ziel, dass Marie mit Anhang Ende Juni einziehen konnte. Ja, es war ein mutiges Vorgehen mit viel Eigenleistung einen respektablen Umbau zu meistern. Es wurden dann nicht nur friedfertige Arbeitsstunden, die Reibereien häuften sich gegen Ende und am Schluss war es nur noch ein Wunder, dass sich Christian als einziger Handwerker und die drei Handlanger nicht die Köpfe eingeschlagen hatten. Marie schuftete  jeden Abend und jedes Wochenende, nebst ihrer Arbeit im Büro und dem eigenen Haushalt in ihrem zukünftigen Heim. Dies verlangte aber eine grosse Portion Idealismus, den sie bei ihren Söhnen nicht immer abholen konnte. Verständlich drückten sie sich zwischendurch  und dies zum Ärger von Christian. Für ihn gab es in diesen Monaten keine Freizeit und dasselbe verlangte er auch von Marie und den Söhnen. Diese Plagerei nahm Marie in Kauf, sah sie am Ende doch ein Bijou indem sie wohnen würden. Es war ein intensives und lehrreiches Halbjahr für Marie. Die handwerkliche Überlegenheit führte Christian den drei Laien stets vor Augen. Dabei vergass er aber leider immer wieder den respektvollen Umgang mit den Handlangern. Nicht selten vielen Worte die unangebracht und verletzend waren.
Zuhause verarbeitete Marie solche erniedrigenden Ausbrüche und zweifelte immer wieder am Sinn der Arbeiten. Ja, es war ein hoher Preis den sie eingegangen war dem Umbau zuzustimmen.                        Termingerecht waren Marie, Patrick und Daniel in ihr neues Heim eingezogen und die grosse Freude beherrschte in der nächsten Zeit die erlittenen Demütigungen.

Ja, Schwielen der Arbeit verheilen, Narben im Herz bleiben.

Im dreistöckigen Haus gab es keine Platznöte, alle drei hatten ihre eigenen Ruhezonen. Allerdings benötigte dieser Luxus auch eine Menge Arbeit. Gemeinsam schafften sie das.
Bereits ein Jahr später erweiterte sich die kleine Familie. Eine schwarze Katze gesellte sich zu ihnen. Puma, wie sie die Buben tauften, war ihr ein und alles. Die Katze hatte grossen Auslauf rundum das Haus.
Auch die gemeinsamen Weihnachtsfeiern wurden für Marie wahr. Patrick und Daniel wollten die Festtage in der eigenen Stube verbringen und auch Christian gesellte sich zu ihnen. Bei Marie gab es allerdings keine Massenbescherung. Ein feines Nachtessen und jedem ein kleines aber von Herzen kommendes Geschenk erfreute alle. Auch ein beleuchteter Christbaum und die Weihnachtslieder liessen die Augen der beiden Söhne erstrahlen. Grosser Mittelpunkt am Weihnachtsabend war aber Puma, der sich unter dem Christbaum räkelte. Christians negative Einstellung zum Weihnachtsfest versuchte Marie nun zu zähmen, was ihr aber nur teilweise gelang.
Bloss ein Jahr später bezahlte Puma ihre grosse Freiheit mit dem Leben. Erst zwei Jahre alt lag sie an einem Sommerabend vor dem Haus tot auf der Strasse. Das laute Schluchzen von Daniel, der sie behutsam aufhob und mit ihr die Treppe hoch in sein Zimmer rannte, prägte sich tief in Maries Herzen.
Wochen später kam Patrick mit der freudigen Nachricht nach Hause, dass die Katze seines Lehrers in wenigen Tagen Junge werfe und er ein Stubentiger abholen dürfe. Nicki hatte ein Tigerfell und war total verspielt. Die ganze Familie war wieder angetan von dem kleinen Wirbelwind. Schon bald hatte Nicki aber den Drang nach draussen. Sie kletterte hinter dem Haus auf den Zwetschgenbaum und miaute nachher herzzerbrechend, weil sie sich den Rückweg nicht mehr zutraute. Daniel kletterte sofort hoch und befreite sie von der misslichen Lage. Kaum hatte sie diesen Schrecken verdaut wagte sich Nicki auf die Strasse. War sie am Anfang noch vorsichtig, verlor sie schnell die Angst und rannte drauf los. Diese Unachtsamkeit von Nicki, aber auch einer jungen Autofahrerin wurde dem kleinen Büsi in einer Nacht zum Verhängnis. Gegen Mitternacht hörte Marie eine Autobremse quietschen und kurz danach klingelte es an ihrer Haustüre. Eine junge Frau trug Nicki in den Händen und erklärte weinend, dass sie die Katze nicht gesehen hätte. Bevor sich Marie um die blutende Katze kümmern konnte, hörte sie bereits ihre beiden Söhne die Treppe herunter springen. Schluchzend nahmen sie den wimmernden Nicki in die Arme und Marie fuhr sie zum Tierarzt. Was sie befürchtet hatten, traf die drei dann wie ein Donnerschlag. Nicki musste eingeschläfert werden. Die Verletzungen waren massiv, Nicki hätte nie mehr gehen können. Weinend verabschiedeten sie sich von Nicki und erst jetzt bemerkte Marie, dass auch die junge Autofahrerin anwesend war. Sie weinte ebenso still vor sich hin. Marie nahm die fremde Frau in den Arm und versuchte so ihr Schuldgefühl zu lindern. Mit Katzen hatten Marie, Patrick und Daniel wirklich kein Glück wirklich kein Glück. Trotz der tierfreundlichen Haltung. Sie hatten einen grossen Umschwung, Bäume zum Klettern, eine Katzenschleuse um jederzeit ein und aus zu gehen, zur Verfügung. Trotzdem wählten die Katzen immer das Risiko der Strasse. Eine weitere Katze lehnte Marie ab, zum Wohl des Tieres, aber noch mehr um ihren beiden Söhnen eine weitere bittere Erfahrung zu ersparen.

Christian, der bisher in seinem Elternhaus wohnte, zog nach der Heirat zu Marie an die Kirchstrasse. Als seine bisherige Mieterin dieser Liegenschaft stellte sie nun ihre Ansprüche. So wurde Marie nach wenigen Wochen Mitbesitzerin dieses Hauses. Getreu dem Motto: Gebrannte Kinder scheuen das Feuer, verlangte sie gleichzeitig einen offiziellen Ehe- und Erbvertrag. Die bisher erlebten Charaktereigenschaften ihrer angeheirateten Familie waren ihr Grund genug geeignete Vorsichtsmassnahmen zu treffen.
Nun lebten sie einen normalen Alltagstrott. Christian setzte sich für sein Geschäft ein und Marie liebte ihre Anstellung auf der Bank. Patrick und Daniel liebten ihr Zuhause, aber vor allem ihre sturmfreie Bude im Dachgeschoss. Inzwischen waren sie in der Pubertät und hatten auch ihre ersten Liebeleien. Die Freunde und Freundinnen trafen sich gerne in ihrem Reich. Diese Treffen im Dachgeschoss passten aber Christian nicht, vor allem die Anwesenheit von weiblichen Gästen störte ihn, obwohl er nie direkten Kontakt mit ihnen hatte. Statt mit Patrick und Daniel selber sein Problem anzusprechen beleidigte er Marie, keine Ordnung im Haus zu haben.

Er bestand darauf, dass Maries Söhne mit zwanzig Jahren das Haus verlassen und sich alleine durchsetzen müssten. Angeblich war diese Praxis in seiner Familie üblich und er habe sich auch alleine in der Welt behauptet. Der erste grosse Krach zwischen Marie und Christian war angezettelt und er drohte mit dem Auszug, wenn seine Forderungen nicht erfüllt würden. Einer gemeinsamen Diskussion mit den betroffenen Söhnen stellte er sich aber nicht, sondern überliess diese heikle Mission Marie. Wieder einmal fühlte sie sich alleine gelassen mit einer grossen Sorge.

Maries Qual war nun: Für wen entscheide ich mich? Riskiere ich eine erneute Scheidung, oder verliere ich meine beiden Söhne?

Diese Zentner schwere Last auf Maries Schultern  nahmen ihr etwas später ihre Söhne ab. Weitsichtig erklärten sie ihrer Mama, dass sie sich nun etwas früher als geplant eine eigene Wohnung suchen würden. Patrick verliess bereits einige Monate später seine geliebte Bude an der Kirchstrasse. Er zog hundert Meter von seiner Mama entfernt in eine kleine Wohnung. Traurig und trotzdem glücklich half sie ihrem Sohn eine heimelige Bleibe einzurichten. Zwei Jahre später bezog auch Daniel im gleichen Mehrfamilienhaus wie sein grosser Bruder eine kleine Wohnung. So waren sie einander Nahe und trotzdem hatte jeder sein eigenes Heim. Vom Wohnzimmerfenster sah Marie abends Licht in den beiden Wohnungen und wusste, sie sind daheim.

Marie und Christian waren nun allein. Nur ein schmerzhafter Stachel in Maries Herzen musste zuerst ausheilen. Einmal in der Woche lud Marie ihre Söhne zum Nachtessen ein, damit sie ihre Nähe spüren und an ihrem Leben teilhaben konnte.

Ja, Marie war sich sicher: Ich habe die besten Söhne der Welt!

Marie und Christian machten auch aktiv in einem zufällig zusammen gewürfelten Club mit. Diese handverlesene Gruppe wurde gegründet vom Ehepaar der Quartierbäckerei. Werner war in der Backstube Meister und Verena die Chefin im Laden. Die berühmten St. Galler Bürli waren regional bekannt und auch Marie gehörte zu den Stammkäufern dieser Spezialität. In ländlichen Gegenden, auch in Kreuzlingen, gehörte ein Schwatz an der Theke zum Alltag. So kannte Verena ihre Kunden mit Namen und auch Freuden und Nöte blieben ihr nicht fern.
Bei einem Bäckereibesuch von Marie und Christian lud die Bäckereisfrau die beiden ein zu einer Backstuben Party. Erfreut nahmen sie die Einladung an und trafen dann auf zwei weitere Ehepaare. Es wurde ein angeregter und lustiger Abend. Bevor sich die neue Runde trennte, beschlossen sie diese Zusammenkunft im gleichen Rahmen weiter zu führen und gaben dem Treffen den Namen Achter-Club.

Die illustre Gesellschaft setzte sich zusammen aus den Ersteinladenden:
Verena und Werner, den Bäckersleuten aus Dettighofen.
Adelheid und Helmut, den Eigentümern der Mühle Ellighausen, welche das Mehl in die besagte Bäckerei liefern konnte.
Helen und Wilhelm, sie aktive Pflegefachfrau im Spital und Schwester von Bäcker Werner und er selbständiger Steinmetz in Schaffhausen.
Christian und Marie vervollständigten den Achter-Club.
Die Gruppe deckte Wohnortmässig die ganze Region Thurgau und Schaffhausen ab. Sie trafen sich nun vierteljährlich bei einer Partei zum Nachtessen und anschliessendem geselligen Beisammensein. Marie und Christian waren jedes Mal fasziniert von den kulinarischen Köstlichkeiten, die mit viel Liebe zum Detail serviert wurden. Spiele, Witze, aber auch künstlerische Einlagen liessen jeden Abend zum Erfolg werden.

Bäcker Werner war ein leidenschaftlicher Maler und seine Bilder zeugten von der herrlichen Natur in der ganzen Region.
Steinmetz Wilhelm meisselte seine Steine in prachtvolle Kunstwerke. Grabsteine mit persönlichen Wünschen der Trauernden,  Schmucke Wasseroasen für durstige Vögel, und vieles mehr.
Christian als dritter Künstler in der Runde verwandelte harten Stahl in weiche Forman. Seine zum Teil grossen Kunstwerke zieren Strassenkreisel, aber auch Gärten in der Umgebung.
Einer musste noch als Kunstexperte walten und dafür war Helmut zuständig. Als Müller in seiner Mühle konnte er zwar das Mehl dem Bäcker liefern, aber ein süsses Kunstwerk blieb dann halt doch in den Händen des Bäckers.

Die vier Damen konnten sich mit ihren Künsten aus der Küche profilieren, was jede auf ihre Art mit Bravour meisterte.

Ein besonderes Privileg hatten alle vier Parteien aufzuweisen, ein eigenes Haus und Gärten die als Festplatz benützt werden konnten. Diese angenehme Situation beflügelte Wilhelm und Helen aus Schaffhausen an einem warmen Sommerabend zu einem Mondscheinbad einzuladen. Inmitten vieler Bäume und Sträucher plätscherte ein grosser Brunnen und dieser war auserkoren dem Achter-Club ein besonderes Erlebnis zu gewähren. Um dem Mondscheinbad einen besonderen Kick zu geben, schlug Wilhelm vor, den Apéro hüllenlos im Wasser zu geniessen.
Marie, als jüngstes Achter-Club-Mitglied war vom Vorschlag etwas irritiert, obwohl sie weder prüde noch unansehnlich war. Nachdem die älteren Semester mit Wonne nackt ins Bad drängten, wollte Marie keine Spielverderberin sein und setzte sich ebenfalls im Adamskostüm ins kühle Nass. In ausgelassener Stimmung servierte Helen Champagner und Wilhelm hielt die frivole Szene vom Balkon herunter fotografisch fest. Die Aufnahmen waren dann beim nächsten Treffen eine lustige Einlage.
Die Jahreswechsel und die Geburtstage der Club-Mitglieder wurden jeweils in geselliger Runde gemeinsam zelebriert. Zwanzig Jahre machten die Treffen ihre Runde ohne ermüdende Abnützungserscheinungen. Dann erkrankte Helen an Krebs und alle Freunde standen fassungslos an ihrem Sterbebett.
Mit Helen erlosch auch der Achter-Club. Einige Jahre blieb noch ein loser Kontakt untereinander, dann starb Werner und etwas später auch Helmuth. Verena und Adelheid zogen sich zurück und es gab nur noch selten ein Lebenszeichen von ihnen. Wilhelm lernte eine neue Freundin kennen, welche aber den Rest des Achter-Clubs nicht zu ihren Freunden zählte. So starb die einstige lustige Gesellschaft in Raten.

Für Marie und Christian war klar, sie erlebten eine tolle Zeit mit dem Achter-Club, die sie nicht missen möchten.

Fünf Jahre später erwarben Marie und Christian ein renovationsbedürftiges Dreifamilienhaus in unmittelbarer Nähe ihres Heims. Wie selbstverständlich nahmen die beiden die grosse Herausforderung eines Umbaus in Angriff. Christian konnte wieder seine Qualitäten als guter Handwerker einsetzen und Marie als zuverlässige Handlangerin brillieren. Nach einem Jahr intensiver Arbeit stand das Haus in neuem Glanz da und um die drei Mietwohnungen stritten sich die Bewerber. Ja, die beiden hatten eine grosse Leistung erbracht und freuten sich riesig über das gelungene Werk. Dem Haus gaben sie den Namen „Johannes“ und dies hatte einen wunderbaren Sinn. Die Bewohner im ersten Stockwerk, ein junges Paar bekam Zuwachs und ihr Sohn hiess Johannes.

Marie blickte aber auch auf etwas weniger erfreuliche Tatsachen zurück. Immer wieder musste sie blöde Demütigungen einstecken. Christians Ausraster war sich Marie gewohnt vom ersten Hausumbau an der Kirchstrasse und steckte sie locker weg. Grosse Mühe hatte Marie hingegen mit einer unüberlegten Äusserung von Christians Schwester Waltraud. An einem Samstagnachmittag kam sie mit ihrer Mutter im Rollstuhl auf das Gelände des Dreifamilienhauses und schaute ihrem Bruder und der Schwägerin bei der Arbeit zu. Ihr perfider Kommentar: „Christian, hier hast du aber eine riesige Arbeit geleistet und dies alles allein.“ Marie, noch im blauen Handwerkeroverall, konnte es nicht verkneifen und entgegnete ihr ironisch: „Ja, ich bin während Christian arbeitete immer im Schatten auf dem Liegestuhl gelegen!“ Statt korrigierende Unterstützung zu leisten, schwieg Christian und genoss das einseitige Lob. Solche Momente taten Marie weh, vor allem wenn sie bereits müde war von der schweren Handlangerarbeit. Marie liess sich aber nicht unterkriegen und hielt durch bis zum Schluss. Dabei erinnerte sie sich immer an einen Satz, den ihre Arbeitskollegin einmal locker ausgesprochen hatte. “Marie denk daran die Zeit arbeitet für dich“. Dieser Satz lenkte Marie durch viele Jahre mit Christian und bewahrheitete sich laufend.

Das neue Bijou an der Sonnenstrasse blieb auch Maries Söhnen nicht verborgen. Als Patrick mit seiner Freundin Karin zusammenzog, nistete er sich in der frei gewordenen Wohnung im Erdgeschoss ein. Wenige Monate später zog auch Daniel ins Haus „Johannes“ ein, ins Dachgeschoss. So waren wieder beide Söhne beisammen unter einem Dach, sie waren glücklich und empfanden ihre Bleiben als Rückkehr in die Familie. Auch Marie war über die neuen Mieter äusserst selig.

Zehn Jahre später heiratete Patrick seine Karin. Dies veranlasste Marie und Christian die  Liegenschaft „Johannes“ in die Hände einer jüngeren Generation zu legen. Die beiden waren nun die neuen Besitzer, was nicht nur Wohlgefühl bedeutete, sondern auch mit einer Menge Arbeit verbunden war. Sie nahmen die Herausforderung an und sind auch heute noch glücklich über ihren damaligen Entscheid.

Daniel konnte in der Zwischenzeit ebenfalls ein Doppeleinfamilienhaus erwerben. Die Liegenschaft war nur fünfzig Meter von seinem Bruder entfernt und angebaut an die Liegenschaft von Christians Elternhaus. Somit war nun der gesamte Gebäudekomplex an der Müllerstrasse in familiärer Bande. Auch dieses ältere Haus benötigte eine gründliche Renovation. Dies war dann wieder der Moment für Christian. Nun konnte er wieder seine handwerkliche Ader an einem Umbau auslassen. Zusammen mit Daniel und Christian zog auch Marie wieder den blauen Overall an und in den nächsten Monaten verbrachte sie ihre Freizeit auf der Baustelle. Ja, beim Hand- in Handarbeiten verstanden sich Marie und Christian blind. Eigentlich bräuchte es gar keine Ausraster oder Demütigungen. Für Christian überwog natürlich die Herausforderung der Arbeiten, bei Marie hingegen die Freude ihrem Sohn seinen eigenen Besitz mitzugestalten. Daniel war beim Einzug in sein neues Heim selig, zumal er sich in der Zwischenzeit in eine Freundin verliebt hatte, die etwas später bei ihm einzog.

Marie war sehr glücklich. Ihre beiden Söhne lebten nun jeder in seinem Haus und in unmittelbarer Nähe zu einander.

Im Mai 1999 heiratete Patrick im reifen Alter von 30 Jahren seine Karin. Es war ein bewegender Moment für Marie, als ihr Sohn am Altar stand und seiner zukünftigen Frau das Ja-Wort gab. Sie verfolgte an vorderster Front die Trauung und mit ihr rund fünfzig geladene Gäste. Der Hochzeitsmarsch begleitete das glückliche Paar durch den Mittelgang zum Altar. Karin in einem weissen Brautkleid und Patrick elegant in einem schwarz/weissen Anzug. Mit dem bekannten Hochzeitslied „Ave Maria“ wurde das Paar in die gemeinsame Zukunft geschickt. Dieses emotionale Lied hatte bei einigen Gästen Freudentränen auf Reisen geschickt, auch bei Marie.

Nun bin ich also Schwiegermutter. Ich werde im positiven Sinne daran arbeiten eine gute Schwiegermutter zu sein: gelobte sich Maria in diesen Minuten.

Diesen Freudentag zelebrierten die beiden Familien zu einem unvergesslichen Tag für das Hochzeitspaar. Auf dem Schaufelraddampfer „Hohentwiel“ schipperten sie auf dem Bodensee. Es war ein freudiges Ereignis, als der Kapitän mit seiner ganzen Crew das Brautpaar und die Gäste  auf der Gangway begrüsste und ins Schiff begleitete. Kulinarisch und musikalisch fehlte es an nichts. So entliessen die mitfeiernden Hochzeitsgäste das Brautpaar mit allen Ehren in die gemeinsame Zukunft. Ihr schönes Heim „Johannes“ ist nun ihr Mittelpunkt und Ruhepol.

Ein Jahr später kam auch Daniel unter die Haube. Er heiratete seine Freundin Gabi aus München. Diese Liaison hatte sehr unkonventionell begonnen. Daniel, der wie sein Bruder Patrick in der Guggenmusik „Panikorchester“ musizierte, lernte seine acht Jahre ältere Freundin Gabi an einem Fastnachtstreffen in der Nähe von München  kennen. Gabi war eine stolze Frau mit ausgeprägtem Berechnungssinn. Sie war intelligent und gut gebildet und dem Altersunterschied wurde keine Bedeutung zugemessen. Marie hingegen sah genau in diesen Eigenschaften die grösste Herausforderung für ihren Sohn. Dazu kam die deutsche Ellbogenmentalität, die den Schweizern nicht in die Wiege gelegt wurde. Ihre Bedenken behielt Marie aber für sich und akzeptierte Gabi bedingungslos. Sie unterstützte ihre neue Schwiegertochter bei den Vorbereitungen zur Hochzeit wie vor einem Jahr Patrick und Karin.

Die Heirat fand in der Basilika St. Ulrich in Kreuzlingen statt. Am Arm ihres ältesten Bruders – ihr Vater lebte nicht mehr - schritt sie wie eine Prinzessin zum Altar. Gabies Wunschmelodie „Amazing Craze“ wurde von einem Freund Maries und Christians gesungen, begleitet von der kirchlichen Orgel. Ein emotionaler Moment. Ergriffen schaute Daniel zu seiner Mama und in seinen Augen erkannte Marie Tränen.
Waren es Tränen der Freude?
Daniels Emotionen ergriffen auch Marie, sie konnte ihre Tränen auch nicht mehr verbergen.

Gabis geplante Hochzeitsfeier zeigte royalen Charakter. Eine goldverzierte Kutsche, gezogen von vier weissen Pferden holte das Brautpaar bei der Kirche ab. Dahinter folgten die Familienmitglieder und Gäste mit zweispännigen Gesellschaftswagen. Es wurde eine fantastische Fahrt durch die blühende Thurgauer Natur bis zum Seerhein in Gottlieben. Ein rauschendes Fest bis in die Morgenstunden brachte die beiden Nationen, wenn auch im kleinen Rahmen, zusammen. Die frischvermählten Daniel und Gabi bewohnten das umgebaute Haus an der Müllerstrasse und waren vorerst glücklich.
Nach zehn Jahren Ehe war die Harmonie zu Ende und die Scheidung ausgesprochen. Wenigstens gab es keine Kampfscheidung. Marie war traurig und in ihr kamen die Emotionen ihrer eigenen Scheidung wieder zum Vorschein. Darum war sie froh, dass sich bei Daniel diese entwürdigenden Geschehnisse von damals nicht wiederholten.

In der Zwischenzeit lebt Daniel wieder glücklich mit seiner neuen Lebenspartnerin in seinem Heim.

Marie versuchte aber auch zu ihren vier Schwestern den Kontakt nicht zu verlieren. Inzwischen waren alle verheiratet, zum Teil schon das zweite Mal. Der persönliche Kontakt untereinander blieb längere Zeit vernachlässigt. Ausreden wie Zeitmangel kannten sie alle, auch die Kinder- und die Ehemannbetreuung musste als Deckmantel für den Mangel an Lust herhalten. Dabei fehlte allen einfach die Motivation etwas gemeinsam zu unternehmen. Am Telefon hörte Marie immer die gleiche Leier, man sollte …! Dabei blieb es dann auch.

Im Jahre 1992 wollte Marie dieser Starre eine Wende geben. Sie startete eine Einladung an ihre Schwestern zum gemeinsamen Besuch des Christkindelmarktes in München. Alle waren sofort begeistert und so wollten sie mit dem Car in die Hauptstadt Bayerns fahren. Diese Art von Transportmittel eignete sich für die Schwestern am besten, da sie in der ganzen Schweiz verstreut wohnten. Jede konnte an ihrer nächsten Haltestelle ein- und auch wieder aussteigen. Marie war die letzte Passagierin die in St. Gallen an Bord kam, bevor sie die Grenze nach Deutschland passierten. Im verhärteten Ausdruck ihrer ältesten Schwester Emma konnte sie ablesen, dass die vier Frauen ein Problem wälzten. Auffallend war auch die Sitzordnung, Barbara und Jolanda sassen neben einander, Anna und Emma alleine hintereinander. Marie wurde beim Einsteigen der Platz neben Anna zugewiesen. So kam es, dass Emma die Fahrt ohne Sitznachbarin machte. Eigentlich hätte sich Emma über die grosse Platzfreiheit freuen müssen, stattdessen war sie verschnupft. Marie die das aufgebauschte Problem lösen und mit Emma den Platz tauschen wollte, wurde starrköpfig abgewiesen.
Marie war es von Anfang an klar, dass eine Reise mit fünf Frauen eine besondere Herausforderung verlangte. Mit fünf Schwestern aber ein besonderer Pferdefuss war. Sie wollte sich aber dieser Aufgabe stellen. Gleich nach der Ankunft im Hotel lockte der Weihnachtsmarkt und die fünf Schweizerinnen verbrachten angenehme Stunden. Vergessen war die blöde Sitzkomödie. Dann statteten sie dem Münchner Original Rudolph Mooshammer einen Besuch in seiner Boutique ab. Sie reservierten auch gleich das Abendessen im Restaurant „Hundskugel“, die dem Mann mit der extravaganten Frisur gehörte. Leider ging auch dieser Abend nicht ohne Scharmützel zu Ende. Vier Schwestern waren sich über das Menu und den Wein einig, nur Emma scherte aus. Sie begnügte sich mit einer Kleinigkeit und war auch nicht bereit mit einem guten Tropfen Wein auf den schönen Abend anzustossen. Der nächste Tag blieb ebenfalls nicht verschont von dümmlichen Kollisionen. Im späten Nachmittag verliessen die fünf Schwestern München wieder, gestaffelt verliessen sie den Bus wieder und kehrten heim. Sie verabschiedeten sich voneinander und für die Mehrheit war klar: Es war toll. Eine solche Auszeit von der Familie wiederholen wir.

Ein Jahr später organisierte Marie einen Kurztrip nach Birrfeld. Der Regionalflugplatz bot eine unterhaltsame Kulisse und im Garten sitzend, konnten sie auch die Kleinflugzeuge starten und landen sehen. Sie wählte diesen Ort aber aus, weil gefühlsmässig die Schwestern einen Bezug zu diesem Kaff hatten. Hier wohnten sie alle nach dem Auszug aus dem Rheintal. So sah Marie auch das Diskussionsthema im Fluss.
Der Tag begann herrlich mit Sonnenstrahlen und die Themen über Familie, Freunde und Bekannte sprudelten aus den fünf Schwestern. Witzige Anekdoten sorgten für lachende Gesichter und auch das Mittagessen im Freien schmeckte den Frauen.
Im Verlauf des Nachmittags kippte die gute Laune in eine akute Verstimmung. Die beiden jüngsten Schwestern Jolanda und Barbara sangen ein Loblied auf die Eltern, was die älteren drei Frauen nicht im gleichen Licht sahen. Sie hatten andere Erfahrungen gemacht in ihrer Jugend, was auf den grossen Altersunterschied hinwies. Zwischen der Ältesten und der Jüngsten beträgt die Distanz immerhin vierzehn Jahre. Dazwischen waren auch noch drei Brüder, die mit ihren Kapriolen ein eigenes Buch füllen würden.
Bei Emma brachte das Thema Eltern das Fass zum Überlaufen. Was sie bis zu diesem Nachmittag nie jemandem anvertraut hatte, platzte in diesem Moment aus ihr heraus. Mit rotem Kopf und zitternder Stimme erzählte sie von Papas Untat an ihr, der Vergewaltigung. Wortlos und geschockt hörten die vier Schwestern der Anklage zu. Jolanda und Barbara fanden als erste wieder ins Gespräch zurück. Leider aber in negativem Sinne. Sie beschuldigten Emma der Lüge und perfiden Verleumdung gegen den Papa.

Feige schwieg Marie damals, dabei hätte sie Emma unterstützen und ihr Leiden bestätigen müssen. Warum hatte sie dies nicht gemacht?

Aus heutiger Sicht ein unverzeihlicher Fehler. Damals war sie aber im ersten Moment wie vom Schlag getroffen und fand keine Worte. Etwas später glaubte sie, dass es besser wäre nicht weiter Öl ins Feuer zu giessen, damit die Stimmung noch ganz in den Keller rasselte. Als kleine Entschuldigung für ihre feige Tat nahm sie für sich in Anspruch, dass sie fassungslos war, dass eine weitere Schwester von Papas widerlichen Handlungen betroffen war.
Der schöne Tagesanfang endete mit dieser Offenbarung von Emma in einem missglückten Rückschlag für weitere Zusammenkünfte. Emma hatte ihre wahren Aussagen im schlechtesten Augenblick kundgetan. Damit drängte sie die ahnungslosen Schwestern in eine Abwehrstellung.

Die fünf Schwestern wurden nun in zwei Lager getrennt. Die jüngeren Beiden glaubten bedingungslos an die Ehre der verstorbenen Eltern und die beiden Ältesten, als geschädigte von Papa, konnten einer intakten Familie nichts abgewinnen. Nur die Position von Anna blieb unbekannt und konnte keiner Gruppe zugeteilt werden. Diese Grossstadtverhältnisse zogen sich viele Jahre hin. Diesmal war es nicht mehr die Motivation, die ein Zusammenkommen verhinderte, sondern der Ärger über die geteilten Familienansichten.

Vorsichtig tastete sich Marie im Jahre 1997 wieder an ein mögliches Treffen. Christian und sie feierten Eröffnung ihrer neuen Betriebshalle mit einem Tag der offenen Türe. Zudem war Marie neu in die erweiterte Firma ihres Ehemannes eingetreten und übernahm den administrativen Teil als Mitinhaberin. Sie fragte deshalb ihre Schwestern an, ob sie gemeinsam die Wirtschaft übernehmen könnten. Ohne zu zögern erhielt sie von allen eine Zusage. Es war eine gelungene Aktion. Ihre Schwestern und deren Ehemänner bestritten den ganzen Tag als Festwirte mit professioneller Bravour. Hand in Hand arbeiteten sie zusammen ohne jegliche Disharmonie, einfach fantastisch. Maries innere Anspannung über eine mögliche Familienfehde, die alles zerstört hätte fiel stündlich von ihr ab und wich grosser Freude. Ja, Maries Plan war ein grosses Risiko mit vielen Fragenzeichen gewesen. Sie erlebte darum eine unglaubliche Genugtuung beim Anblick der ehemals zerstrittenen „Hennen“, wie sie nun miteinander plauderten und blödelten.

Ja, gemeinsame Arbeiten verbinden und können verfeindete Parteien wieder zusammen bringen. Zudem ist der ganze Familienclan in einem Alter, wo Harmonie und Freude an erster Stelle sein müsste, gemäss dem Spruch:

„Reden ist Silber – Schweigen ist Gold“.

 
2000 - 2007
Einsatz für die Allgemeinheit
Gemeinderätin mit Ecken und Kanten

Marie setzte sich aber auch gerne für die Stadt Kreuzlingen ein. So war sie während dreiundzwanzig Jahren im Vorstand des Quartiervereins Egelshofen tätig, die letzten sechs Jahre als Präsidentin. Es war für sie immer eine Ehre sich für die Quartierbewohner politisch einzusetzen oder auch gesellschaftliche Anlässe zu organisieren.

Als Urnen Offiziantin überwachte sie während acht Jahren bei jeder Abstimmung mit einem weiteren Urnen Offizianten die korrekte Abgabe der Stimmzettel. Am Sonntag nach der Stimmlokalschliessung sortierte und zählte sie dann in einer Runde von vierzehn Stimmenzählern die Stimmzettel aus. Es war eine interessante Aufgabe, besonders die Präsenzzeit an der Urne. Viele Menschen lernte sie in dieser Zeit kennen und diese erinnerten sich dann bei der Kandidatur zur Gemeinderätin an sie und gaben ihr die Stimme.

Christian war dreizehn Jahre Gemeinderat der FDP in Kreuzlingen und stellte sein Amt zur Verfügung. Marie folgte dann nach dem Rücktritt 1995 in seine Fussstapfen. Eingebunden in die Fraktion FDP wurde ihr aber schon bald klar, dass sie mit dieser Partei wenig bis gar nichts am Hut hatte. Zur Fraktionsgemeinschaft gehörten auch drei Gemeinderäte der SVP. Diese drei Männer gehörten zwar von nationaler Seite her einer rechten Partei an, waren aber alles andere als Draufgänger. Die FDP ihrerseits, sieben Männer und zwei Frauen, darunter Marie, bestimmten die Marschrichtung in den Geschäften und behandelten die SVP Kollegen als freiwilliges Anhängsel. Marie fühlte sich in dieser Partei nicht willkommen und so verliess sie nach vier Jahren die FDP und wechselte zur SVP. Mit dieser Partei zog sie 1999 in den Wahlkampf mit dem Ziel eine eigene Fraktion zu erreichen. Der Abstimmungstag wurde dann für die SVP und Marie zu einem grossen Erfolg. Sie gewannen drei Sitze dazu und hatten ihr Ziel – eine Fraktion – erreicht. Vorbei war nun das Anhängsel an die FDP.
Marie übernahm gleich das Präsidium der Fraktion und bei der Kommissionsverteilung wurde ihr auch das Präsidium Gesellschaft Kultur und Sport anvertraut. Das bedeutete für sie, vier strenge Jahre. Die Parteibasis war zufrieden mit ihrer offensiven Arbeit und die Mehrheit der Fraktionsmitglieder auch. Einzig jene Kollegen die eine ruhige Kugel schieben wollten, waren mit ihrer konsequenten Sitzungsordnung etwas überfordert. Maries Ziel war es nun die SVP Sitze bei der nächsten Wahl zu erhöhen und in absehbarer Zeit stärkste Fraktion zu werden, dafür arbeitete sie.
Im Gemeinderat Kreuzlingen hatte die damalige Freiheitspartei drei Mitglieder, das bedeutete keine Fraktion und entsprechend heimatlos. Da ihre politischen Positionen in vielen Geschäften mit der SVP parallel verliefen, einigten sich die beiden Parteien für einen Zusammenschluss. Den Rest der Legislatur politisierte die SVP mit neun Sitzen auf Augenhöhe mit der FDP.

2003 wurde dann ein Schicksalsjahr für Marie. Die Wahlen wurden wieder ein Erfolg für ihre Partei, sie gewannen zwei weitere Sitze dazu. Mit elf Gemeinderäten starteten sie in die neue Legislatur und erkämpften sich zu den bestehenden Präsidien noch das begehrte Präsidium der Geschäftsprüfungskommission. Gleichzeitig war die SVP zum ersten Mal an der Reihe das Vizepräsidium des Gemeinderates zu besetzen. Dieses Amt war für Marie eine Wunschposition und sie stellte sich zur Verfügung. Ihre Fraktionskollegen waren einstimmig für dieses Vorhaben und anerkannten somit das riesige Engagement von Marie für die SVP. Eine Woche vor der Wahl bildete sich heimlich eine kleine Gruppe Frevler und Marie erfuhr erst ein Tag vor der Gemeinderatssitzung von diesem dunklen Vorhaben. Eine unbeteiligte Person machte Marie darauf aufmerksam, dass ihr ein Fraktionsmitglied die Wahl streitig machen werde. Wie konnte so etwas möglich sein, hatten drei Tage vorher bei der Fraktionssitzung doch alle zugestimmt?
Auf diese perfide Aktion vorbereitet betrat Marie am nächsten Abend den Gemeinderatssaal mit gemischten Gefühlen. Sie betrachtete während den ersten Minuten ihre Kolleginnen und Kollegen im Rat und versuchte sich auszumalen, wer in diese verwerfliche Aktion eingebunden war. Nach der erfolgreichen Wahl des Präsidenten des Gemeinderates stieg die Anspannung in Marie. Es wurden die Stimmzettel verteilt die Maries Urteil besiegeln sollten. Nach der Auszählung verlas der neue Präsident die Stimmen für das Vizepräsidium. Mit 16 Stimmen verpasste Marie das absolute Mehr genau wie ihr Gegenkandidat der ebenfalls 16 Stimmen auf sich vereinen konnte. Nun zeigte sich aber wer der Anführer dieser Aktion war. Ein Fraktionskollege, der bereits als Anhängsel in der FDP keine Meinung hatte, wollte nun Marie stürzen. Nach einer kurzen Diskussionspause in der Marie ihren Fraktionskollegen klar machte, dass sie keine Parteidoktrin wolle und dass derjenige das Amt antreten solle, der mehr Stimmen erhalte. Ihr war aber auch bewusst: Ein Gemeinderat ohne Opposition, also ein „Arschlecker“ hat grössere Chancen. Ihre Hoffnung setzte sie nun auf die Tradition, dass ein von der Partei vorgeschlagener Kandidat gewählt wird.

Dann folgte der zweite Wahlgang und der Rat verhalf dem Konkurrenten mit 18 Stimmen auf den Thron. Bevor sich der Rat den weiteren Geschäften widmen konnte, verlangte Marie noch das Wort. Sie verabschiedete sich vom Gemeinderat und trat per sofort von allen Ämtern zurück. Auch ihre Ehrenämter legte sie in diesen Minuten nieder. Sie packte ihre Sachen zusammen und verliess den Saal. Verdutzt schaute der Rat Marie hinterher. Mit diesem Rücktritt verabschiedete sich Marie aus dem Gemeinderat, nicht aber aus der Politik.
In den nächsten Tagen war Marie die meist gesuchte Person von Journalisten der Zeitungen und der Ostschweizer Fernsehstationen. Dieser Eklat im Kreuzlinger Gemeinderat machte weit über die Kantonsgrenze hinaus Aufsehen. Marie ging diesem Rummel aber aus dem Weg und war für niemanden ansprechbar.

Christian und Marie gingen am nächsten Morgen mit dem Schiff in ein verlängertes Wochenende und waren nicht mehr erreichbar.
Marie war zutiefst verletzt, weil ein Kollege aus der eigenen Partei mit Unterstützung der Linken und deren bürgerlichen Sympathisanten nun auf dem Thron sass. Der Verräter war kein Leistungsträger in der SVP, sondern ein Anpasser ohne eigene Meinung. Marie war es bewusst, dass sie von den Linken und den Grünen mit einem Denkzettel abgestraft wurde. Dieses Klientel hatte stets seine grosse Mühe mit ihr. Marie schwamm nicht auf der sozialen Schiene mit, sondern verfolgte eine rechts gerichtete Politik Zudem war sie stets gut vorbereitet und angriffig, trag Entscheidungen mit Hirn und zugunsten einer lebenswerten Stadt.

Einen schlechten Charakter bewiesen alle jene Gemeinderäte, die sich in den nächsten Wochen, mündlich oder schriftlich bei Marie gemeldet hatten. Der grosse Harsch dieser Lügner gab an,  Marie die Stimme gegeben zu haben. Ein kleiner Teil wollte ihr angeblich im ersten Wahlgang ein Denkzettel verpassen, aber im zweiten Wahlgang hätten sie dann für Marie gestimmt. Nur mit dieser Anzahl Ja-Stimmen wäre Marie haushoch gewählt worden.

Für Marie war der Beweis erbracht, dass sie nicht in dieses falsche Gremium gepasst hatte. Auch der SVP Kreuzlingen, der sie mit grossem Engagement zu dieser Stärke verholfen hatte, kehrte sie den Rücken. Ihre politische Richtung deckte sich besser mit der nationalen SVP, der sie treu blieb.


2007 - Krankheiten annehmen
Weite Welt ich komme …

Ja, für Marie und Christian stimmt der Werbeslogan „Reisen verbindet“. Nichts mögen sie mehr als fremde Länder. In diesen Momenten sind sie rundum glücklich, aber vor allem einig.

Bereits in den ersten Jahren ihrer Bekanntschaft machten sie immer wieder Städtereisen. Manchmal dienten diese räumlichen Entfernungen der gegenseitigen Liebesbezeugung. Viele seelische Verletzungen konnten in einer fremden Stadt gemildert oder ganz abgebaut werden. Sie waren dann alleine und aufeinander angewiesen. Maries komplizierten Familienverhältnisse verlangte doch ein grosses Mass an Verständnis und da war ein Abschalten in der Fremde wie Balsam.

Die erste Städtereise nach Hamburg sollte ein besonderes Erlebnis werden. Dann zwei Tage vor der Abreise war Christian wieder einmal unausstehlich. Im Geschäft lief nicht alles nach seinem Willen und er kam polternd zu Marie ins Büro. Seinen Ärger über einen Mitarbeiter in der Werkstatt teilte Marie nicht. Dies veranlasste ihn den Spiess umzudrehen und er liess seine Wut an Marie aus. Er verletzte sie verbal aufs primitivste und verliess die Firma. Marie vollendete ihre Arbeit pflichtbewusst und kehrte am Abend traurig heim. Wortlos und ohne Nachtessen gingen die beiden schlafen. Am Morgen bevor sie zur Arbeit fuhren, erklärte Marie ihm, dass sie nicht nach Hamburg mitreisen werde. Gegen Mittag kam dann der Treuhänder der Firma, ein Freund von Christian,  zu Marie ins Büro und bekniete sie die Reise anzutreten. Ihr solltet gemeinsam Auftanken und sich wieder finden, was besonders für euer Geschäft existentiell sehr wichtig ist. Legte er Marie bittend ans Herz. Diese Aktion war natürlich Christians Bitte. Statt sich bei Marie zu entschuldigen für den nicht tolerierbaren Ausrutscher, mobilisierte er seinen Freund. Nach diesen wohlmeinenden Schlichtungsversuchen und einem Überschlafen des Verdrusses willigte Marie ein.

Die Reise nach Hamburg konnte beginnen. Ihr war klar, Christian war zu feige um sich zu entschuldigen und sie war zu feige um alles abzublasen. Wortlos überstanden sie den Flug und diskussionsarm die ersten Stunden in Hamburg. Offensichtlich fühlten sich beide nicht wohl in ihrer Haut. Auf einer Bank am Ufer der Aussenalster wurde es Marie bewusst: Entweder mache ich den ersten Schritt zu einer Versöhnung, oder wir beide wackeln die nächsten drei Tage unglücklich und stumm durch die Gegend. Christian hatte bis anhin noch nie den ersten Schritt zur Versöhnung gemacht und wird es auch heute nicht tun. Marie nahm seine Hand und sagte: „Lass uns wieder lieb zu einander sein.“ Sie umarmten und küssten sich, wenn auch nicht gerade stürmisch. Trotzdem merkte Marie, dass Christian ein schwerer Stein vom Herzen gefallen ist. Von diesem Moment an erlebten sie die Stadt mit den vielen Sehenswürdigkeiten als besonders schön. Sie waren wieder glücklich.

Hamburg blieb für Marie seither die schönste Stadt und sie besuchten sie immer wieder. Vor allem die bekannten Cruise Days hatten es ihnen angetan, wie Hunderttausend weiteren Schiffsfans.

Kaum Rentnerin wurde Marie mit ersten Leiden konfrontiert. Bis zu ihrem Ausscheiden aus dem Berufsleben benützte Marie den Komfort im Spital nur damals bei den beiden Geburten. Neu ziehen sie diese Krankenhäuser an wie eine Klette. Dank der Mitgift ihrer Mutter leidet Marie an Diabetes mit allen seinen Nebenkrankheiten. Die Prognose dieser heimtückischen Krankheit versetzte Marie einen riesigen Schock und veränderte ihr Leben schlagartig. Medikamente in allen Farben und Grössen wurden ihr verschrieben und eine Ernährungsberaterin krempelte ihren Essensplan um. Trotz Maries disziplinierter Befolgung der ärztlichen Anweisungen erlebte sie schon bald einen Arterienverschluss im rechten Bein. Während eines kurzen Spitalaufenthaltes wurde ihr Gefässleiden mit einer Ballontherapie geöffnet. Diese sogenannte Schaufensterkrankheit musste Marie in der Zwischenzeit erneut am linken Bein therapiert werden.

Dass es auch ohne Gallenblase weiter geht, weiss Marie seit 2008, als die Chirurgen ihr das operierte Organ auf dem Silbertablett zur Ansicht vorlegten.

Den grössten Schock erlebte Marie 2009, als bei einer Ultraschalluntersuchung der rechten Halsschlagader eine Verengung von über 90% festgestellt wurde. In einer sehr heiklen Operation mit hohem Risiko konnte sie vor einem möglichen Hirnschlag bewahrt bleiben. Zum ersten Mal erlebte Marie, wie schmal der Grat zwischen Leben und Tod verläuft und welches Glück sie hatte von einer grossartigen Familie getragen zu werden. Einzig eine lange Narbe vom Halszäpfchen bis zum rechten Ohr erinnern sie noch an diese physische und psychische Belastung.

Nach diesem Schock und der Genesung war Marie aber wieder fit für weitere Reisen.

Schiffe waren und sind Maries und Christians Leidenschaft. Bis zu ihrer Pensionierung schipperten sie auf ihrem eigenen Boot auf dem Bodensee. Seit sie aber frei und ungebunden sind wechselten sie ihre Glückseligkeit auf grössere Schiffe. Auf vielen  Kreuzfahrten lernten sie die Annehmlichkeiten und den Luxus der verschiedenen Reedereien kennen. Die Tage und Wochen auf diesen grossen Schiffen waren für Marie und Christian Erholung pur und sie entschlossen sich eine Weltreise zu machen.  Für dieses grosse Vorhaben galt es aber einige wichtige Abklärungen zu treffen. Sie wollten auf keinem Schiff ihre Ferien verbringen wo Nonstop eine musikalische Lärmbelästigung die Freude trübt. Genau so wenig könnten sie sich an übermässiges Kindergeschrei gewöhnen. Es sollte eine ruhige Atmosphäre herrschen, wo auch ungestörtes Lesen möglich war.
Marie und Christian studierten also in den nächsten Wochen diverse Angebote und entschlossen sich dann auf der Queen Victoria anfangs Januar 2013 die Welt zu umfahren. Start und Heimkehr war in Hamburg, was für sie ideal war, sie konnten mit der Bahn ab Konstanz zum Einstiegsort gelangen.

Ja, das rüstige Rentnerpaar wollte sein Heim auf festem Boden und mit Blick auf den Bodensee und die Berge gegen ein Leben auf hoher See mit teilweise unruhigem Wellengang tauschen. Bis dahin blieben aber noch einige Monate Vorbereitungszeit. Die freudige Wartezeit füllte sich mit vielen organisatorischen Arbeiten. Ländervorschriften, Pässe, Impfungen und Visen mussten kontrolliert oder organisiert werden. Auch der Bekleidung schenkte Marie ein besonderes Augenmerk. Spezielle Erlebnisse bedürfen auch einmaliger Garderobe. Anfangs Dezember, also rund ein Monat vor der Abreise lagen alle Dokumente parat und auch die Abwesenheitsarbeiten für das Zuhause waren verteilt. Die Freude und Anspannung erhöhte sich von Tag zu Tag.

Dann passierte das Unfassbare. Marie wurde am frühen Freitagmorgen 7. Dezember 2012, mitten im Alltagstrott von einem akuten Schmerz im Rücken getroffen. Schmerzmittel aus der Hausapotheke nützten nichts, der bohrende Schmerz im Rücken machte Marie total bewegungsunfähig. Auch die spätere Spritze des Hausarztes brachte keine Heilung. Eine Einweisung ins Spital war nicht mehr zu umgehen. Der Krankenwagen stand eine Viertelstunde später vor dem Haus und Marie verliess vollgepumpt mit Medikamenten auf einer Bahre ihr Heim und wurde ins Kantonsspital Münsterlingen eingeliefert. Die schnell definierte Ankunftsdiagnose, eingeklemmter Nerv. Sie wurde nun medikamentös weiter behandelt und erhielt die freudige Nachricht, dass sie am Montag wieder wohlauf nach Hause gehen könne. Eine freudige Nachricht für Marie. Während nun die Infusion unaufhörlich in ihren Körper lief, spürte sie zwar keine Schmerzen mehr, aber in ihrem linken Bein stellte sie immer mehr Taubheitsgefühle fest. Sie verständigte am Samstagmorgen bei der Visite die Verantwortlichen über ihre Feststellungen. Diese trösteten sie aber, das alles in Ordnung sei. Am Sonntagmorgen versuchte sie ein weiteres Mal bei der Visite ihr Leiden zu erklären. Inzwischen zog sie ihr linkes Bein bereits nach, wenn sie zur Toilette ging. Der diensthabende Arzt nahm ihr Anliegen sofort Ernst und veranlasste, dass sich eine Neurologin der Angelegenheit annahm. Diese betrat wenige Minuten später das Zimmer und stellte verschiedene Fragen. Dann wurde Marie abgeholt für eine MRI Untersuchung. Die Diagnose wurde ihr aber vorerst nicht mitgeteilt, da dies Chefsache sei. So war Marie bis am Montagmorgen im Ungewissen. Der Chefarzt brachte ihr dann den niederschmetternden Befund, akuter Bandscheibenvorfall beim fünften Lendenwirbel und gab gleich das Vorgehen bekannt: „Wir werden sie ins Neuro-Zentrum nach Kreuzlingen verlegen, wo sie operiert werden müssen.“

Die Aufnahmediagnose bestätigte Marie, dass bisher nicht alles rund gelaufen war. Der Chirurg sagte dann zuversichtlich: „Wir werden das Bestmögliche geben, aber ihre Einlieferung kommt etwas spät.“ Glücklicherweise verlief die Operation dann ohne Komplikationen und Marie fühlte sich in den nächsten Tagen gut aufgehoben.

Nur an Marie nagte eine weitere Sorge.
Was passiert mit meiner bevorstehenden Weltreise? Kann ich die Kreuzfahrt in knapp drei Wochen antreten oder muss ich meinen Traum begraben?
Marie war traurig und lehnte Christians Pläne die Reise abzusagen entschieden ab. „Ich werde es schaffen.“, protestierte sie. Christian, der nicht so optimistisch war wie sie, versprach dennoch volle Unterstützung bei den Therapien. Die gute Betreuung durch das Pflegepersonal, der unbändige Wille von Marie und die täglichen Gehversuche am Arm von Christian zeigten dann auch erste Erfolge. So wurde die wehmütige Erwartung anfangs Januar die Meeresluft zu geniessen doch noch Wirklichkeit. Marie bekam von den Heilkundigen das Okay, die Reise antreten zu können. Ihre riesige Freude wurde zwar etwas gedämpft durch den Rucksack mit Medikamenten und den seitenlangen Therapieauflagen. Marianne war zuversichtlich, dass die Lähmungserscheinungen und das damit verbundene Nachziehen des linken Beines ein vorübergehendes Leiden ist. Das Hinkebein schmälerte ihre Freude auf die Weltreise nicht.

Am Dreikönigstag verliess Marie mit Christian ihr Heim und liess sich mit dem Nachtzug nach Hamburg bringen. Weitsichtig hatte Christian das Gepäck bereits im Voraus auf das Schiff transportieren lassen, sodass er sich nur noch um das Handgepäck und Marie kümmern musste.

In Hamburg wurden die beiden mit ersten kleineren Unstimmigkeiten konfrontiert. Die Taxifahrt vom Hauptbahnhof zum Cruise Center Hafen City teilten sie mit einem allein reisenden Engländer, der ebenfalls die Queen Victoria besteigen wollte. Die Fahrt wurde interessant, beide Parteien kämpften mit ihren Sprachschwierigkeiten. Je näher das Taxi der Hafencity kam, desto gespannter hielten die Passagiere Ausschau nach dem berühmten roten Cunard-Kamin. Bis zur letzten Minute glaubten sie nach jedem Häuserblock, dass der Anblick der eleganten Lady ihre Herzen höher schlagen liesse. Was einem Seefahrer nicht jeden Tag wiederfährt, erlebten die drei Taxipassagiere dann in Wirklichkeit. Die Queen Victoria war nicht da, die Hafenanlage geschlossen und niemand in Sicht, der sie aufnehmen wollte.
Marie fragte sich einen Moment schelmisch, ob dies eine Schikane der Deutschen war, weil sich die Schweiz wie auch England gegen die EU stemmten.
Die deutsche Taxifahrerin hingegen sagte gelassen: „Sicher hat die Queen Victoria kurzfristig im Cruise Center Altona angelegt.“ Die Fahrt verlängerte sich also um weitere zwei Kilometer. Dann endlich bogen sie in die Hafenanlage in Altona ein und wurden von dem Empfangskomitee der Queen Victoria willkommen geheissen.

Minuten später humpelte Marie wie ein verletzter Vogel am Arm von Christian die Gangway hinauf, statt wippend wie ein Model auf dem Laufsteg. Es blieb ihr nicht verborgen, dass sich die Empfangscrew um sie bemühte. Vor jeder Stolperfalle verhinderten ausgestreckte Hände einen möglichen Sturz. Marie war dankbar für diese Vorsichtsmassnahme. Es wurde ihr aber schmerzlich bewusst, sie war als Behinderte abgestempelt.
Am späten Nachmittag stand Marie mit Tränen in den Augen auf dem Aussichtsdeck und verfolgte die Ausfahrt vom Hafen Altona in Richtung Elbe. Gerührt hörte sie den gewaltigen Klang des Schiffhorns, mit dem sich die Queen Victoria von Hamburg verabschiedete. Sie konnte es kaum glauben, dass sie genau vor einem Monat die Fahrt mit der Ambulanz ins Spital in Anspruch nehmen musste. Liegend hörte sie damals ebenfalls Töne eines Horns, nur waren es keine freudigen Klänge, sondern das Martinshorn verlangte Vorfahrt.
Nun war sie an Bord und die weite Welt wartete auf sie. Auf der Queen Victoria wartete aber noch eine spezielle Überraschung auf Marie. Die Begrüssungsrede des Schiffoberhauptes über die Lautsprecheranlage an die Gäste wurde von einer weiblichen Stimme gehalten. Ja, der Kreuzfahrtdampfer war in den Händen einer Frau Kapitän.

Der erste Auftritt beim Dinner im vollbesetzten Speisesaal wurde für Marie zu einem Spiessrutenlaufen. Alle Blicke wanderten von ihrem hinkenden Gang hinauf zum angespannten Gesicht und wieder zurück. Marie künstelte ein Lächeln in ihr Gesicht und nahm gleichzeitig zur Kenntnis, dass ihr Humpelgang auch mit einem eleganten Hosenanzug nicht kaschiert werden konnte. Gegen Mitternacht und mitten auf der Elbe wurde Marie im Bett mit einem ungewohnten Ruck geweckt. Durch die geöffnete Balkontüre hörte sie ein tosendes Geräusch wie ein Wasserfall und immer wieder wurde sie durchgerüttelt. Ja, ein heftiger Sturm prasselte auf die Queen Victoria nieder und begleitete sie bis nach Southampton. Die Atlantiküberquerung bis nach New York nahm sieben Tage in Anspruch. Eine herrliche Erholungszeit für Marie. Mit einem Blick auf das Wasser begann der Tag und mit einem letzten Blick auf das Wasser endete der Tag. Zwischendurch erfüllte Marie ihre therapeutischen Auflagen. Sie humpelte am Arm von Christian auf dem Aussendeck ihre Laufrunden und in der Kabine forderten sie rote Gummibänder zu Dehnübungen auf. Zur Auflockerung spielte sie mit Christian im Spielzimmer Rummikub oder es ergaben sich gelegentlich interessante Diskussionen mit weiteren Gästen.

In New York leerte sich das Schiff, die meisten Passagiere wollten, trotz eisiger Kälte, diese interessante Metropole erleben. Marie und Christian blieben gezwungenermassen an Bord. Sie streiften dafür nochmals kurz ihren ersten Aufenthalt in dieser Stadt.
Marie und Christian machten 1989 ihre Hochzeitsreise nach New York und erlebten gleich ein unglaubliches Abenteuer. Beim Flug mit der Swissair wurde den Passagieren kurz vor der Landung auf dem John F. Kennedy-Flughafen einen schönen Aufenthalt in der wundervollen Stadt gewünscht, aber gleichzeitig auch vor möglichen Gefahren in berüchtigten Strassen gewarnt. Marie und Christian die gerne eine Stadt alleine zu Fuss erlebten, wollten auch New York so erkunden. Die Vorwarnung im Flugzeug bereits in der hintersten Schublade des Hinterkopfs abgelegt, marschierten sie selbstsicher durch Strassen und Plätze. Wenige hundert Meter vom Times Square entfernt wurden sie unsanft von der kriminellen Realität berüchtigter Strassen eingeholt. In Sekundenschnelle waren sie von einer Menge schwarzer Jugendlichen umzingelt. Christian, der eine braune Lederumhängetasche leger über die Schulter angehängt hatte, wurde das erste Opfer. Ein Dieb riss an der Ledertasche und im Zweikampf mit Christian eroberte er die Tasche. Der Übeltäter rannte mit der Tasche davon und Christian mit dem abgetrennten Schulterriemen hinterher. „Um Himmelswillen bleib hier!“, schrie Marie hysterisch in die Richtung der Flüchtenden und hielt beide Arme fest um ihren Leib gewunden. Vorsichtshalber hatte sie ihre Handtasche mit dem Tagesbudget und den nötigen Ausweiskopien verdeckt unter dem Regenmantel getragen. Nun stand sie plötzlich alleine mitten in dem unübersichtlichen Gedränge und schrie aus Leibeskräften: „Help me, help me!“ In Todesangst rief sie auch alle Heiligen um Hilfe und die wenigen Minuten kamen ihr wie eine Ewigkeit vor. Fuchtelnde Hände und entschlossene Augen richteten sich gegen sie. Plötzlich und wie aus heiterem Himmel hörte sie ein wildes Geschrei, verstand aber kein Wort. Der Stimme nach musste es eine Frau sein. Dann wurde Marie am Arm gepackt und aus den Händen der erstaunten Diebesbande gerissen. Der Gefahr entronnen, hörte sie die lauten Rufe der Retterin: „Go, go, go!“, brüllte sie.
Es war eine ältere, schwarze Frau. Diese ging mit einem kurzen Blick zurück schnellen Schrittes Richtung Times Square und die jugendliche Bande rannte in die Gegenrichtung davon.
Marie war befreit, aber die Schrecken der letzten Sekunden waren zu viel für sie. Wie ein Mehlsack sank sie auf das Trottoir und schlug mit dem Kopf auf dem harten Boden auf. Wieder in der Realität bemerkte sie eine blutende Wunde an der Stirn, aber schlimmer, ihre Tasche mitsamt dem Regenmantel war verschwunden.
„Wo ist Christian? Finde ich ihn wieder?“
Marie war klar, in dieser riesigen Stadt ist die Aussicht etwas Verlorenes wieder zu finden, gleich gross wie eine Stecknadel im Heuhaufen aufzugabeln. Die wildesten Gedanken suggerierten ihr eine ausweglose Situation. Sie rappelte sich auf und zwang ihre sieben Sinne zur Besonnenheit.
Habe ich wirklich jemand meinen Namen rufen gehört, oder leide ich an Halluzinationen?
Nein, der Ruf kam näher und nun erkannte sie auch die Stimme. Gottlob es war Christian. Entsetzt schaute er Marie an und sagte: „Du blutest an der Stirn, hat dich die Bande angegriffen?“ Bevor sich Christian in Rage manövrierte, schnitt ihm Marie das Wort ab und sagte: „Nein, ich bin hingefallen, aber nicht auf eine Samtunterlage. Es ist nur eine kleine Beule. Die Gauner haben mir aber die Tasche mit samt dem Regenmantel gestohlen.“ Dann setzte sie ein Lächeln auf und legte hämisch nach: „Wenn ich dich ansehe mein lieber Christian, musst du dich ebenfalls mit dem Schulterriemen deiner Tasche begnügen.“
Trotz des gerade erlittenen Überfalls überkam Marie eine innige Dankbarkeit. „Wir leben, und den materiellen Schaden können wir verkraften.“ Auf dem Rückweg ins Hotel gingen Marie und Christian beim nächsten Polizeiposten vorbei und wollten eine Anzeige erstatten. Sie staunten nicht schlecht als sie das Chaos im Büro wahrnahmen. Zwei Polizisten schickten sie unverrichteter Dinge weg mit einer Entschuldigung, in gebrochen deutscher Sprache: „Wir sind gerade überfallen worden und noch nicht in der Lage zu arbeiten, sorry!“
„Das ist New York!“, murmelte Marie vor sich hin, während sie mit Christian über den Times Square ins Hotel zurück marschierte.
Ja, New York muss man gesehen, aber auch erlebt haben.
Diese Erinnerungen erlebten Marie und Christian nun auf der Queen Victoria sitzend nochmals hautnah mit.
Dann ging die Reise weiter. Durch den 82. Kilometer langen Panamakanal gelangten sie in den Pazifik und schipperten der Küste Mexikos entlang nach San Francisco. Für Marie waren die frische Luft, das Rauschen der Wellen und die herrliche Fernsicht bis zum Horizont wirkungsvoller als alle Medikamente die sie im Rucksack mitgeschleppt hatte. Sie genoss das Leben auf der Queen Victoria in vollen Zügen.

Eine wunderbare Abwechslung im Schiffsalltag war die Einladung zum Kapitänsdinner. Marie, elegant in einem Hosenanzug und Christian im Smoking standen, wie hunderte gleichgesinnte Passagiere in der Warteschlange vor dem Eingang zum Queens Room, wo die Zeremonie abgehalten wurde. Alle warteten auf den grossen Moment von der Frau Kapitän persönlich begrüsst zu werden und den erhabenen Augenblick auf einem Foto festzuhalten. Marie freute sich aber besonders, einer Frau Kapitän gegenüber zu stehen.
Dann war es nur noch einen Schritt und Marie posierte mit Christian an der Seite von Frau Kapitän für ein Foto. Aufgefallen war ihr aber, die Kapitänin kam ihr einen Schritt entgegen und reichte ihr den Arm. Diese Geste hatte sie bei ihren Vorgängerinnen nicht gesehen und war stolz darauf. Nur wusste Marie klar, diese Hilfestellung nicht ihrer Ausstrahlung, sondern ihrem Hinkebein zu verdanken war. Dieser ungewollte Behindertenbonus erlebte sie in den nächsten Wochen immer wieder. Einen Status den sie nicht gesucht hatte, aber der ihr trotzdem aufgezwungen wurde.
Ja, ihre Laufkünste hatten seit Beginn der Reise noch keine grossen Sprünge zur Besserung gemacht. Das linke Bein wehrte sich trotz Maries disziplinierten Übungen ihr zu gehorchen und zwang sie weiterhin am Arm von Christian zu humpeln. Ärgerlich empfand Marie Gäste, die in mittleidigem Tonfall nach ihrem Befinden fragten und dann auch noch die Worte: Sie Arme ….“ hinterherschoben. Auch wenn diese Äusserungen unbedacht ausgesprochen wurden, quittierte sie Marie je nach Tagesform ziemlich gereizt. „Ich habe ein Problem mit dem linken Bein, nicht im Kopf!“

Dass zur Seefahrt auch Stürme gehören, wussten Marie und Christian. Trotzdem machten sie ihren Mittagsrundgang auf dem Aussendeck. Schon beim Hinausgehen verlangte die Türe nach Draussen einen kräftigen Druck. Beim Hineingehen dann wurde Christian von der Zentnerlast des Eingangs überrascht. Er hielt die Holztüre fest im Griff damit Marie heil ins Innere treten konnte. Leider verpasste er dann seinen Absprung und das schwere Holzgeschütz half mit, dass Christian fliegend in den Raum gelangte. Sein hochnäsiger Kommentar: „Besser ich als du. Zudem weiss ich, wie man hinfallen muss!“ Am Abend musste Marie dann feststellen, dass Jakob doch nicht genau gewusst hatte, wie man hinfallen muss! Sein Oberschenkel schmerzte und Marie verarztete ihn mit den Schmerzmitteln aus der Reiseapotheke.
Von San Francisco ging es weiter Richtung Hawaii. Christian, der mit seinem Präzisionsfernglas auf dem Balkon immer in Lauerstellung nach Erlebnissen Ausschau hielt, wurde in den Gewässern vor Hawaii belohnt. Er entdeckte vor der Küste Wale. Die Wasserfontänen die sie in die Höhe jagten und die Flossen die sie auf das Wasser klatschten, sah Marie sogar ohne Hilfsmittel.

Auf der sechs Tage langen Seefahrt von Hawaii bis Samoa wartete eine spezielle Überraschung auf die Schiffsgäste. Die Queen Victoria überquerte die Datumsgrenze – den Äquator. Traditionell wurde dieser Tag auf dem Schiff mit einem Ritual gefeiert. Auf dem Pooldeck stieg der Neptun mit seinen Meerjungfrauen aus den Fluten und begrüsste die Gäste. Er wünschte allen Seefahrern eine gute Fahrt und vor allem immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel. Die nautische Zeremonie wurde ergänzt mit lustigen Attraktionen der Crew.

Getreu dem seemännischen Merkspruch:

Von Ost nach West halt’s Datum fest - von West nach Ost lass’s Datum los,
fiel der 13. Februar ins Wasser, das heisst ein Kreuzfahrttag löste sich in Luft auf.

Nach einigen interessanten Anlandungen in Neuseeland gelangten sie nach Australien. Sydney war ein weiterer Höhepunkt der Kreuzfahrt. Vorbei am weltbekannten Opernhaus steuerte die Queen Victoria zum Circular Quai wo die Gäste zwei Tage die Möglichkeiten hatten diese Stadt zu besuchen. Marie und Christian waren nicht zum ersten Mal in Sydney und verzichteten deshalb auf eine Erkundigung zu Fuss. Maries Beinleiden hätte dies nicht goutiert. Sie liessen sich mit dem Taxi in das prunkvolle viktorianische Queen Victoria Building fahren und verbrachten einige interessante Stunden mitten im Rummel.

Nach den kühlen Tagen in Down Under ging die Fahrt weiter zu den Sundainseln ins indonesische Bali. An Bord hatte sich ab Sydney aber wieder ein männlicher Steuermann installiert. Frau Kapitän verabschiedete sich und flog heim nach Schweden in ihre Ferien. So wurden nun die täglichen nautischen Angaben am Mittag wieder von einem Herrn Kapitän verkündet. Nicht nur die hohen Temperaturen von 28 Grad morgens um sieben Uhr trieb Marie aus den Federn. Musikalische Willkommensgrüsse mit balinesischen Tänzen auf dem Pier war für Ohren und Augen ein richtiger Schmaus.
Zudem wurde Christian an diesem 6. März zum 80. Geburtstag von der Sonne durch die Balkontüre, aber noch schöner vom Stern der Liebe im gemeinsamen Bett wach geküsst. Etwas nachdenklich, aber mit einem entspannten Lächeln bedankte sich Christian mit den Worten: „Wir hatten bis heute eine schöne Zeit miteinander, hoffentlich können wir dies noch lange geniessen.“ Ja, vor genau 34 Jahren begann die Liebe zwischen Marie und Christian. Viele Hochs und Tiefs reicher lagen sie nun selig in ihrer Kabine der Queen Victoria und schauten auf die lange Zeit zurück.

In den nächsten Tagen dockte die Queen Victoria in einigen asiatischen Häfen an bis nach Shanghai. Christian interessierte sich sehr für den weltberühmten Transrapid, der das Stadtzentrum mit dem Flughafen Pudong verbindet und dabei mit einer Höchstgeschwindigkeit von 430 km/h fährt. Dieses Erlebnis liessen sich Marie und Christian  dann auch nicht entgehen und so fuhren sie mit dieser Schwebebahn. Während der Fahrt fixierten Maries Blicke ständig die Digitalanzeige über der Abteiltüre. Ein mulmiges Gefühl liess ihren Magen hoch steigen, obwohl die Bahn ruhig auf ihrer Spur dahin glitt. Nach sieben Minuten war der ganze Spuk vorbei.

Beim zweitägigen Aufenthalt in Hong Kong besuchten Marie und Christian den Hausberg „The Peak“ mit der steilsten Drahtseilbahn der Welt. Für die beiden Schweizer eine Ehrenrunde, weil die Konstruktion ein Schweizerprodukt ist. Auf einer Bootsfahrt mit einer Dschunke besichtigten sie das Fischerdorf Aberdeen. Marie war fasziniert von dem krassen Gegensatz, der hier aufeinander prallt. Auf dem Wasser hausen noch einige wenige Wassermenschen auf ihren Booten und unmittelbar dahinter erhob sich die imposante Skyline von Hong Kong mit ihren Hochhäusern. Beim Auslaufen der Queen Victoria aus dem Hafen von Hong Kong ertönte von einem oberen Balkon herunter ein Trompetensolo „Time to say goodbye“. Die Freude war nicht nur bei den Passagieren gross, auch die winkenden Zuschauer auf dem Pier applaudierten. Etwas später erfuhren sie dann, dass der Musikant ein Schweizer war, der mit seiner Ehefrau ebenfalls die Weltreise unternahm und seine Trompete mit sich führte.
Nach einem grösseren Passagierwechsel, wie gerade in Hong Kong war es für Marie immer interessant zu erfahren mit welchen Nationen sie die nächsten Wochen zusammen lebte. So liest sich die Passagierliste ab Hong Kong: Grossbritannien 1001 Personen, Australien 323 Personen, Amerikaner 149 Personen, Deutschland 111 Personen, Schweiz 14 Personen.

Die Queen Victoria nahm nun Kurs Richtung Vietnam und weiter nach Singapur. Diese Metropole besuchten Marie und Christian nicht zum ersten Mal, aber ihre Begeisterung für diese Stadt blieb. Sie gingen deshalb ohne Gruppenstress auf die Pirsch. Im Dachgarten der Marina Bay Sands erfreuten sie sich der fantastischen Aussicht und stillten den Durst. Die drei 55-stöckigen Hoteltürme tragen auf 191 Metern Höhe einen 340 Meter langen Dachgarten. Eine imposante Sehenswürdigkeit.

In Kuala Lumpur lockten die beiden Petronas Towers zu einem Ausflug mit dem Schiff. Der einheimische Reiseleiter kannte leider die schweizerische Pünktlichkeit nicht. Bei jedem Besichtigungshalt verspäteten sich die Weiterfahrten, weil er undisziplinierte Gäste nicht im Griff hatte. Der steigende Zeitverlust führte dazu, dass bis zum Ende der Tour eine nicht mehr einholbare Verspätung zur Rückkehr auf die Queen Victoria entstand. Um 17.15 Uhr sollten alle Gäste an Bord sein, damit eine Viertelstunde später abgelegt werden könnte. Der Tourenbus Nummer 11, also Maries Car, war aber um diese Zeit noch inmitten des endlosen Feierabendverkehrs blockiert. Immerhin verlor der Chauffeur des Cars die Nerven nicht und organisierte die Polizei. Mit zwei blau blinkenden Motorrädern lotsten die beiden Sicherheitsmänner den Bus zwischen den stehenden Kolonnen hindurch bis zum Schiff. Ja, die Polizei dein Freund und Helfer! Mit einem Hupkonzert von der Brücke und hunderten von Passagieren auf den Decks die applaudierten bedankten sich alle bei den beiden Helfern. Mit einer Stunde Verspätung konnte die Crew dann die Gangway einziehen und die Fahrt nach Colombo beginnen.

Marie konnte sich auch sehr gut entspannen mit einem interessanten Buch. So stöberte sie immer wieder in der Schiffsbibliothek nach einer geeigneten Lektüre. Dort lernte sie eine jüngere Frau mit einer schweren Behinderung kennen. Manuela aus Düsseldorf kam auf zwei Krücken in den Raum und gesellte sich zu ihr. Sie waren sich beide sofort sympathisch und unterhielten sich vorerst über die vielen Bücher in den Regalen. Dann öffnete Manuela ihr Herz und im angeregten Gespräch erfuhr Marie dann auch von der schrecklichen Erkrankung dieser Frau. Seit zwölf Jahren kämpfte die Düsseldorferin gegen eine Krankheit, die ihre Muskeln immer stärker zusammen zog, sodass sie in der Zwischenzeit auf die Hälfte ihrer einstigen Körpergrösse geschrumpft war. Marie bedrückte diese Offenheit, war aber begeistert vom Wesen dieser intelligenten Frau. Es beeindruckte sie zutiefst mit welcher Würde Manuela ihr Schicksal meisterte. Von Herzen wünschte sie dieser tapferen Frau eine schöne Kreuzfahrt und noch viele interessante Bekanntschaften. Ja, Marie wurde wieder einmal bewusst, dass ihr Hinkebein ein kleines Leiden war, gemessen an Manuelas Schicksal.

Die Seeroute von Colombo bis zum Suezkanal führte die Queen Victoria durch die berüchtigte Piratengegend, wo Schiffe immer wieder von Seeräubern angegriffen werden. Deshalb patrouillierten verschiedene Länder mit ihren Kriegsschiffen auf offener See, um Passagiere und Frachten zu schützen. Auf der Queen Victoria wurden auch Vorkehrungen getroffen um gewappnet zu sein. So wurden alle Passagiere über die Sicherheitsvorschriften instruiert und die richtige Handhabung geübt. Folgende Massnahmen an Bord mussten beachtet werden und wurden im Tagesjournal an alle verteilt:

Das Promenadendeck 3 wird nach Sonnenuntergang geschlossen.

Die externe Beleuchtung wird reduziert, nur die Sicherheitsbeleuchtung wird eingeschaltet bleiben.

Alle Gäste mit Aussenkabinen müssen nach Einbruch der Dunkelheit die Vorhänge schliessen und das Licht ausgeschaltet sein.

Auf dem Promenadendeck wurden grosse Lichtstrahler zur Abschreckung aufgebaut und Wasserschläuche verlegt, die mit Spritzpistolen zur Abwehr ausgerüstet waren. Zusätzlich patrouillierten bewaffnete Offiziere der Royal Navy auf den Aussendecks der Queen Victoria. Für absolute Sicherheit begleitete sogar ein Kriegsschiff der Royal Navy die Queen Victoria. Ja, die Reedereien müssen alles unternehmen um die Sicherheit der Passagiere zu gewährleisten.

Die Osterfeiertage an Bord wurden sehr besinnlich gefeiert. Für die gläubigen Passagiere wurden diese Tage im ökumenischen Sinne abgehalten. Im Theater zelebrierte der Schiffspfarrer die Osterliturgie und der Kapitän hielt eine feierliche Predigt. Ja, auf der Queen Victoria war während der ganzen Weltreise ein katholischer Seelsorger an Bord. Er war Ansprechperson für alle Religionen bei Sorgen und kirchlichen Anlässen.

Indien, wir kommen! Trotz totaler Überbevölkerung musste Mumbai auch noch die Gäste der Queen Victoria aufnehmen, aber nur für kurze Zeit. Marie erlebte dann die Wirklichkeit einer irrsinnigen Menschenmenge am eigenen Leib als wahrer Horror. Im Hauptbahnhof Mumbai wurde sie Zeuge, als ein gelber Zug einfuhr, total überfüllt, beidseitig hangelten menschliche Körper auf den Trittbrettern. Dann hielt der Zug und eine gewaltige Masse Menschen strömte Richtung Ausgang. Gut, dass Marie und Christian direkt an der seitlichen Fensterfront der Bahnhofshalle standen und sich festhalten  konnten. Sicher hätten sie sich in diesem Gewusel verloren, oder noch schlimmer, sie wären einfach zertrampelt worden.
Auf der Fahrt mit dem Ausflugsbus erlebte Marie eine weitere Exklusivität. Ein Lastwagen kam ihnen entgegen, was eigentlich nichts Besonderes wäre. Doch auf der Ladefläche dieses Transporters stand ein junger Elefant und schwenkte seinen Rüssel hin und her. Marie war sich nicht sicher, waren die Bewegungen aus Freude über die Ausfahrt oder wollte er die Leinen, die hinter seinen Ohren festgezurrt waren, abstreifen. Schlag auf Schlag erlebte Marie unglaubliche Momente. Wo auf der Welt darf eine Kuh sich auf einem Autoparkplatz ausruhen? Welcher Autofahrer in westlichen Ländern wartet geduldig bis eine einzelne Kuh die Fahrbahn wieder frei gibt? Diese Erlebnisse suggerierten Marie, dass die Kühe in Indien ein tolles Leben haben müssen.
In Mumbai besuchten Marie und Christian dann auch noch das Nationalheiligtum – das Gandhi-Museum. Es war eine eindrückliche Erfahrung das Hauptquartier des einzigartigen Freiheitskämpfers kennen zu lernen.  

Nach einem kurzen Abstecher nach Muskat in Oman nahm die Queen Victoria Kurs auf Dubai. Im Emirat am Persischen Golf weckte natürlich das höchste Gebäude der Welt, der Burj al Khalifa die Lust auf einen Ausflug. Oben angekommen spielte leider das Wetter nicht mit, es war neblig und die Sicht entsprechend schlecht. Marie tröstete sich, immerhin habe ich nun dieses imposante Gebäude von 828 Metern Höhe persönlich und hautnah erlebt. Wieder auf dem Boden machten die beiden einen Spaziergang in den umliegenden Park. In ihrem Erlebnisdrang entfernten sie sich immer weiter vom Ausgangspunkt, der Dubai Mall weg. Dann endlich dämmerte es Marie und sie fragte Christian: „Welcher Weg führt uns wieder zurück? Christian als alter Pfadfinger sagte gelassen: „Alle Wege führen nach Rom – und hier zur Dubai Mall!“ Nur, dieses Mal hatte er sich gewaltig verrechnet. Sie liefen längst im Kreis herum. Selbst der riesige Wolkenkratzer war für sie, als Anhaltspunkt, nicht mehr sichtbar. Passanten ansprechen führte nicht zum Erfolg, die Sprachschwierigkeiten waren zu gross. Dann erblickte Marie einen Gärtner bei der Arbeit und peilte ihn an. Allerdings stiess sie auch bei ihm auf sprachliche Probleme. Nachdem Marie ihm dann den Stadtplan mit der eingezeichneten Haltestelle des öffentlichen Verkehrs zeigte, hörte sie: „Ah ….!“ Den Rest des Satzes verstand sie nicht. Der junge Mann legte die Gartenschaufel zur Seite und gab ein Handzeichen, dass sie ihm folgen sollten. Ahmad, so hiess der nette Gärtner führte Marie und Christian bis zur Hauptstrasse und zeigte ihnen die Richtung zur Haltestelle. Immer wieder schaute Ahmad dabei zum Himmel und gestikulierte mit den Händen. Er wollte damit die beiden auf etwas aufmerksam machen, was bei Marie und Christian nicht ankam.
Minuten später wurden sie dann vom Sinn der Worte Ahmads eingeholt. Innert kurzer Zeit fegte ein gewaltiger Sandsturm durch die Stadt. Ein hilfsbereiter Passant packte die verdutzten Schweizer am Arm und zog sie zum nächsten Unterstand. Nun waren sie wenigstens teilweise geschützt vor der Sandwolke, die auf sie zu rollte. Auf der Strasse rannten die Leute davon und hielten Tücher vor Nase und Mund und schützten ihre Augen. Marie und Christian übernahmen diese Schutzmassnahmen ebenfalls und warteten im Unterstand bis der Sturm vorüber war. Eine gespenstische Atmosphäre erlebten sie gerade. Der trockene und heisse Wind wirbelte den roten Sand umher und vernebelte die Sicht. Schlussendlich verzog sich der Sandsturm in Richtung Schiffshafen. Marie und Christian schüttelten den roten Sand aus ihren Kleidern und sogar in den Nähten des Rucksackes hatten sich die kleinen Körner fest gekrallt. Zurück auf der Queen Victoria staunten die beiden nicht schlecht. Die Schiffsmannschaft war beschäftigt, die roten Staubkörner auf dem ganzen Schiff zu beseitigen. Der Sandsturm hatte auch auf dem Kreuzfahrtschiff Spuren bis in die kleinsten Winkel hinterlassen.
In Dubai wurden die Weltreisenden der Queen Victoria von der Schiffsreederei zu einem Gala-Abend ins Luxusresort Madinat Jumeirah eingeladen. Ein einmaliges Erlebnis – Luxus pur. Kulinarisch und unterhaltungsmässig wurde ihnen nur das Beste präsentiert. Eine ganz besonders schöne Geste durfte Marie mit nach Hause nehmen. Einheimische Künstler beschrieben und bemalten ein weisses Blatt mit den Wünschen der Gäste, aber in arabischer Sprache. Voller Stolz hielt Marie das Kunstwerk, welches Christian für sie anfertigen liess in ihren Händen. In roter Farbe waren auf dem weissen Papier ein Herz und die Worte: „Marie, ich liebe Dich“ aufgepinselt. Umrahmt war die Liebesbezeugung mit einem arabischen Dekor. Ein einmaliges Unikat. Marie war gerührt über die unerwartete Geste von Christian und freute sich riesig. Ja, diese Einladung war eine grandiose Idee der Reederei den Weltreisenden Danke zu sagen.

Die Seefahrt ging am anderen Morgen wieder weiter Richtung Jordanien und Ägypten zum Suezkanal. Dieser künstliche Wasserweg brachte die Seefahrer vom Roten Meer zum Mittelmeer, also wieder auf europäischen Boden. Bei kühleren Temperaturen schipperten sie bis nach Civitavecchia, den Anlaufhafen für Rom. Marie und Christian verzichteten auf die Massenwanderung nach Rom und besichtigten in einer kleinen Gruppe die Toscana.
Auf der Weiterfahrt Richtung Lissabon passierte die Queen Victoria die Strasse von Gibraltar. Diese Meerenge verbindet das Mittelmeer mit dem Atlantik und ist etwa 60 Kilometer lang und bis 44 Meter breit.

Bevor die Queen Vitoria die Endstation Hamburg anpeilte, machte sie noch einen Zwischenhalt in Southampton. Marie und Christian schlossen sich einer englischen Gruppe an mit dem Ziel das Schloss Windsor zu besichtigen. Die Fahrt mit dem Bus nahm fast zwei Stunden in Anspruch. Entlang des riesigen Windsor Parks und vorbei an der Pferderennbahn von Ascot gelangten sie dann zum Bahnhof Windsor. Dort begann ein Fussmarsch von etwa 500 Metern zum Schloss. Doch nach wenigen Minuten wurden sie von einem riesigen Polizeiaufgebot gestoppt. Windsors Strassen waren weiträumig gesperrt, weil die königliche Armee die Hauptprobe für den Staatsempfang des Emirs von Quatar übte. Dieser hohe Besuch sollte zwei Tage später mit allen militärischen Ehren würdevoll und ohne Panne stattfinden. Königliche Füsiliere in stolzen Uniformen, Reiter mit Mützen oder schwarzen Pelzhüten, Musikcorps mit und ohne Pferde und schreiende Hauptmänner liessen die Ausflügler eine volle Stunde warten bis die Strassen wieder freigegeben wurden. Marie konnte diesem unvorhergesehenen Ereignis trotzdem etwas Gutes abgewinnen. Zuschauerin einer königlichen Militärparade zu sein erlebt man nicht jeden Tag. Der Besuch im Schloss Windsor wurde dann, wegen der staatlichen Zwischeneinlage, in einem reduzierten Zeitplan bewältigt.

Nun ging es Nonstop der Endstation Hamburg entgegen. Der letzte Seetag auf der Queen Victoria war dem Abschied gewidmet. Marie und Christian packten ihre Koffer, nahmen Abschied von lieb gewonnen Weltreisenden. Der Schweizer Trompeter spielte beim Brunch nochmals „Time to say goodbay“. Tränen der Freude, des Glücks und des Abschieds füllten nicht nur weibliche Augen.

Am nächsten Morgen humpelte Marie zum letzten Mal am Arm von Christian die Gangway hinunter, zwar nicht mehr wie ein verletzter Vogel, aber von einem Gang auf dem Laufsteg noch meilenweit entfernt. Die Abschiedscrew gab Marie immer noch die nötige Sicherheit und verabschiedete sie mit den besten Genesungswünschen. Der letzte Blick zurück auf die Queen Victoria und ihre exzellente Crew war ein emotionaler Moment für Marie.

Geblieben sind die Erinnerungen an wundervolle Erlebnisse:

110 Nächte auf der Queen Victoria

37041.05 Seemeilen

am 26. Januar Durchquerung des Panamakanals

am 12. Februar und 16. Februar jeweils die Datumsgrenze überquert

am 17.April den Suezkanal durchquert

an 65 Seetagen erholt

36 Städte in 25 Ländern besucht

Und - … als Nichtschwimmerin kein einziges Mal die Schwimmbecken der Queen Victoria missbraucht!

 
Maries Erkenntnisse und Selbsterfahrungen

Marie schaut heute, als über 70 Jährige auf ein bewegtes Leben zurück mit freudigen Ereignissen, aber auch bitteren Niederlagen.

Ihre Kindheit in der Grossfamilie empfindet sie heute nicht als Vorteil, sondern eher als Belastung. Die Nachteile übersteigen die wenigen Vorteile bei weitem. Eine individuelle Betreuung und Förderung durch die Eltern fand nicht statt, sondern die Geschwister mussten einen Sonnenplatz selbst erobern. Auch den damaligen Lehrern kann sie heute keine pädagogischen Fähigkeiten aussprechen.

Es ist Marie aber bewusst, dass sie die damalige Zeit nicht in die Gegenwart versetzen kann, wo Kinder das höchste Gut sind, aber vor allem die höchste Verwöhnung geniessen. Marie erachtet die heutigen Grossfamilien nicht als nachahmenswert. Werden die Kinder gefragt, ob sie diese Art von Familienleben wirklich wollen? Bestimmt heute nicht einzig und allein die sehr gute finanzielle Absicherung durch den Staat den masslosen Kinderwunsch der Eltern?

Den Missgriff ihres Vaters hat Marie ohne Selbstzerfleischung und Depression überlebt, trotz mancher schlaflosen Nächte in denen sie heimlich unter der Decke weinte. Sie verarbeitete das Erlebte alleine und legte es im Kleinhirn ab, zum Schutz ihrer Familie, aber auch zu ihrem eigenen Wohlergehen. Verzeihen und vergessen konnte und kann sie diese Tat nie. Heute kann sie sich aber ohne jeglichen Groll in ihrer Autobiographie darüber äussern und ist stolz darauf, ihre Familie nicht der Ächtung der Gesellschaft ausgesetzt zu haben.

Das Ausbrechen aus ihrer ersten Ehe, das in der Scheidung endete und ihr den Titel „Ehebrecherin“ verlieh, ist für Marie, aus heutiger Sicht, kein Verbrechen gewesen, sondern ein Glücksfall. Der damalige Scheidungsgrund, die Liebe zu Christian, überlebte bis heute alle Stürme des Lebens.

Ich habe die besten Söhne der Welt, daran glaubte, und glaubt Marie noch heute.

Marie erlebte eine bunte Zeit als alleinerziehende Mutter. Zwei Söhne allein zu erziehen benötigte wirklich viel Energie und gegenseitiges Vertrauen von beiden Seiten. Maries Söhne mussten sich mit ihrer Doppelrolle als Mutter und Geliebten eines anderen Mannes auseinandersetzen. Eine schwierige Aufgabe, zumal Christian kein pflegeleichter Partner war. Es gab Tränen, Abneigungen und Verwünschungen, aber am Schluss siegte immer die Vernunft.

Das Leben an Christians Seite war für Marie ein  Bad der Gefühle, gespickt mit Blindheit, Traurigkeit, Eifersucht, Vertrauenseinbussen und Trennungsgedanken. Trotz aller negativen Erlebnisse erreichte die Liebe zu Christian eine Krönung. Verziehen sind die vielen Demütigungen, die sie öfters an die Grenzen ihrer Belastbarkeit brachten.

Die tiefe Abneigung von Christians Familie, die Marie entgegen gebracht wurde, überlebte sie ebenfalls ohne Trauma. Sanfte Annäherungsversuche in den letzten Jahren verdienen die Betonung sanft.

Heute als Rentner geniessen Marie und Christian ihr Leben in fast vollkommener Harmonie in ihrem schönen Heim und auf ausgedehnten Reisen. Sie lieben und achten einander. Kleinere Scharmützel gehören zu ihren Naturells und beleben den Alltag. Gerad in dieser letzten Phase ihres Daseins, wo kleinere und grössere Krankheiten zum Alltag gehören, ist das Geborgensein das höchste Gut.

Marie erlebt diese gegenseitige Fürsorglichkeit am eigenen Leib und ist dankbar, dass sie sich auf Christian und ihre beiden Söhne verlassen kann.

Christian zeigt Marie seine uneingeschränkte Liebe, wie nie zuvor in ihrer langen Beziehung. Sie geniesst dieses Mitgefühl in vollen Zügen und es bereitet ihr grosse Freude, Christian dieselbe Liebe und Fürsorge zu geben.

Ja, der Weg war lang, bis sich Marie ehrlich – nicht blind – und ohne Vorbehalte sagen kann:

Ich bin rundum glücklich!

Nur wer an sich glaubt,

ist im Stande nicht aufzugeben,

sondern sich immer von neuem zu motivieren.

 

 

Kindheit in einer Grossfamilie
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1.  Kindheit in einer Grossfamilie

1946 - 1961

In Widnau im schweizerischen Rheintal, direkt an der österreichischen Grenze, erblickte Marie  im Oktober 1946 das Licht der Welt. Im Schlafzimmer ihrer Eltern bekam sie von der Hebamme den ersten Klaps auf den Hintern. Entweder wurde damit ihre kleine Lunge aufgefordert selbständig zu arbeiten, oder es war schon die erste Lektion für das unartige Benehmen. Ihr Geburtstermin wäre erst in drei Wochen gewesen.

Das Haus in dem sie geboren wurde, war ein grosses Gebäude, im Eigentum der Gemeinde. Vier Holztreppen mit je zwölf Tritten führten zur riesigen Wohnung mit zehn Zimmern. In den unteren beiden Stockwerken gab es nur öffentliche Räume. Im Erdgeschoss war eine grosse Turnhalle mit Umkleidekabine und im Mittelgeschoss ein Singsaal und ein Klassenzimmer.

Maries Grosseltern mütterlicherseits wohnten mit ihrem Nachwuchs bereits seit vielen Jahren dort und besorgten die Hauswartung. Nach dem Auszug der sechs Kinder aus dem Vereinshaus, wie dieses Haus genannt wurde, bewohnten die Grosseltern diese XXL-Wohnung alleine weiter.

Johanna die zweitälteste Tochter der Grosseltern und Maries Mutter war also im Vereinshaus aufgewachsen. Nach ihrer Heirat zog sie mit ihrem Ehemann in dieses grosse Nest ihrer Eltern zurück. Ihre herrische Mutter räumte dem jungen Ehepaar zwei Räume, ein Schlafzimmer und ein Wohnzimmer zu. Die Küche und die Toilette waren gemeinsames Gut und die restlichen Räume verwaltete ausschliesslich die Herrin. So blieben vier möblierte Kammern, die früher von Johannas Geschwistern bewohnt waren, verschlossen.

Johanna nistete sich also mit ihrem Ehemann Maurice auf engstem Raum mit ihren Eltern ein und die beiden gründeten gleich eine Familie. Maurice, aus dem französischen Jura stammend, wurde nicht nur in Johannas Familie nicht gerne gesehen, nein, im ganzen Kaff galt er als Aussätziger.

Marie kam als zweite Tochter der jungen Familie auf die Welt und mit der weiter anwachsenden Kinderschar veränderte sich auch das Wohnraumbedürfnis. Platz zur Ausdehnung wäre in dieser grossen Wohnung vorhanden gewesen. Nur die Mutter von Johanna stellte sich quer.

Für sie standen die vier verschlossenen Kammern nicht zur Verfügung. Diese waren reserviert für allfällige Besuche der früheren Bewohner – ihrer ausgezogenen Kinder. Sie vergass dabei, dass ihre eigenen sechs Kinder das Privileg eines eigenen Zimmers in Anspruch nehmen konnten. So liess sie die junge Familie in zwei Zimmern hausen und verwehrte damit ihren eigenen Enkeln ein würdiges Aufwachsen.

Ja, der Entscheid von Johanna in die Wohnung ihrer Mutter zu ziehen war unüberlegt. Wollte sie die Eltern bei der Hauswartarbeit unterstützen? Oder waren es Vernunftgründe mit finanziellem Hintergrund? Auf jeden Fall war dieser Beschluss planlos gefällt worden, was sich noch zeigen wird.

Die junge Familie erweiterte sich jährlich um einen Spross und erreichte bis 1959 die stattliche Zahl von acht Kindern: Fünf Mädchen und drei Buben. Wäre nicht zwischendurch noch ein Schwesterchen verstorben, wären sie neun.
Ja, sie waren nun eine Grossfamilie mit allen Vor- und Nachteilen.
Maries Kindheit war also geprägt von den vielen Geburten, die ausschliesslich im Elternschlafzimmer im Vereinshaus stattfanden. Das Ritual kannte sie schon bald auswendig. Mama legte sich im Schlafzimmer ins Bett, Papa holte die Hebamme Emma und die bestehende Kinderschar wartete in der Küche auf den ersten Schrei ihres neuen Geschwisterchens. Wenig später betrat dann die Hebamme die Küche, wo sie vor der verwunderten Augenschar den neuen Erdenbürger badete. Papa, zum Hilfspfleger erhoben, sorgte für warmes Wasser und frische Tücher.
Die Kinder verfolgten gespannt das Eintauchen des kleinen Winzlings ins Wasser und erlebten dann auch gleich das herzhafte Brüllen. Zusammen gingen sie dann ins Schlafzimmer und freuten sich, dass Mama gesund und munter das Baby in den Armen hielt.

Dass die drei erstgeborenen Mädchen, darunter Marie, aufmerksam dem ersten Bad des Neuankömmlings zuschauten, registrierte die Hebamme beim ersten Sohn. Marie bemerkte sofort, dass ihr Brüderchen etwas zwischen den Beinen hatte, was ihr fehlte. Den Wissensdurst erklärte ihr die Hebamme in kindlicher Form: „Dein Brüderchen hat ein „Pfiffeli“. Alle Buben haben dieses wichtige Teilchen.“
Die noch kleine Marie befriedigte diese einfache Antwort. Damals!

Die Geburt des sechsten Geschwisterchens im Jahre 1953 erlebte Marie wie gewöhnlich, nichts deutete darauf hin, dass ihre kleine Schwester nur vierzehn Tage überleben würde. Es war für Marie ein grosser Schock, als Mama das kleine Bündel ins Spital nach Altstätten brachte und kurze Zeit später in einem weissen Sarg wieder heim holte. Die Vergrösserung der Familie ging aber nach diesem grossen Leid munter weiter.

Maries Erinnerungen an die Kleinkindzeit beschränkten sich auf die jährlich wiederkehrende Ankunft der neuen Geschwister. Weitere wichtige Entwicklungsbemühungen von Seiten der Eltern waren ihr fremd. Die neuzeitlichen Forschungen, wonach die ersten drei Jahre die prägendste Zeit für Menschen sind, kamen für Marie um Jahre zu spät.
Einziger Vorteil ihrer Grossfamilie war, jeder sorgte für jeden.
Eine vorschulische Bildung konnte sie von ihren überforderten Eltern nicht erfahren, dafür brillierte sie im Windeln wechseln und schöppeln.
Unbewusst hatte Marie als Embryo bei der Verteilung der Talente zweimal in die Kiste Intelligenz gegriffen!

Mit sechs Jahren war sie reif für den Kindergarten. Mit einem rot-weiss karierten Stoffbeutel für die Finken stand sie an der Hand ihrer Mutter vor dem grossen Tor eines einstöckigen Hauses mit grossem Umschwung und Spielplatz. Schwester Zita, eine ältere Nonne mit strengen Gesichtszügen und Schwester Aloisia, eine jüngere Nonne mit lieblicher Ausstrahlung begrüssten alle Neuankömmlinge. Mit Namensaufruf wurden sie in zwei Gruppen eingeteilt. Die Kinder auf der rechten Seite wurden Schwester Zita zugeteilt und diejenigen auf der linken Seite Schwester Aloisia. Mit Freude gesellte Marie sie sich zu ihren Kameraden auf der linken Seite. Ihre ersten positiven Gefühle für Schwester Aloisia hatten sich in diesem Jahr bestätigt. Alle Kinder hatte sie gleich lieb, was Marie erst später als Schülerin richtig einschätzen konnte.

Marie fühlte sich im Kindergarten sehr wohl, weil sie bereits viel Erfahrung im Gruppenspiel mitbrachte. Zuhause waren sie damals bereits fünf Kinder und da hatte egoistisches Benehmen keinen Platz. Auch kämpfen statt aufgeben war eine Übungseinheit.

Mobbing in der Schulzeit/ Gefangen in einem exotischen Namen/ Papas Fehltritt
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2.  Mobbing in der Schulzeit/ Gefangen in einem exotischen Namen/ Papas Fehltritt

1953 – 1961

Im Frühjahr 1953 erwartete Marie die obligatorische Schulzeit. Damit erlangte sie auch das Bewusstsein, dass nicht alle Kinder vorbehaltlos gleichgestellt waren.

Ihr Papa, der zugewanderte Eindringling aus der französischen Schweiz und Aussätziger im Dorf war Grund genug auch seine Kinder zu plagen. Dazu trug auch Maries herrschsüchtige Grossmama massgeblich bei. Als klatschsüchtiges Dorfblatt trieb sie die Abneigung gegen ihren ungeliebten Schwiegersohn im Dorf an. Dass sie damit aber auch ihre Grosskinder bestrafte war ihr entweder nicht bewusst, oder sie nahm es böswillig in Kauf. Maries Mama tolerierte diese Gemeinheiten stillschweigend. Vielleicht nahm sie die Diskriminierung ihres Ehemannes und Papa ihrer Kinder, aus Rücksicht und Respekt vor ihren eigenen Eltern in Kauf, oder ihr fehlten der nötige Mut und die Selbständigkeit.

Dem ersten Schultag fieberte Marie mit grosser Freude entgegen. Sie war neugierig auf ihre neuen Mitschüler, aber vor allem wollte sie lernen, viel lernen. Die erste bittere Enttäuschung folgte bereits zu Beginn der Schulstunde. Alle Kinder mussten sich vorstellen: Name, Vorname, Heimatort und Arbeitsort des Vaters. Als körperlich grosses Mädchen sass Marie in der hintersten Bankreihe. Es waren 48 Schüler und Schülerinnen im Klassenzimmer. Die Vorstellungen begannen in den vordersten Reihen und so war Marie bei den letzten die ihre Daten vortragen durfte. Alle ihre Kameraden waren einheimische mit den gleichen Nachnamen und ihre Väter arbeiteten in der gleichen Textilfirma im Dorf.
Dieser Einheitsbrei änderte sich schlagartig als Marie sich vorstellen musste. Artig stand sie auf und wollte ihre Vorstellung machen, so wie es ihre Vorgänger taten. Leider hatte sie aber exotische Daten bekannt zu geben. „Mein Name ist Chevalier sagte sie mit gedämpfter Stimme.“ Obwohl es ihr Lehrer vorne an der Wandtafel genau gehört hatte, forderte er Marie auf: „Sag es nochmals, aber laut und deutlich.“ Verunsichert und mit rotem Kopf wiederholte Marie ihren französischen Nachnahmen. Genussvoll plagte der Lehrer sie weiter indem sie ihren Heimatort im  französischen Jura wiederholen musste. Er genoss es sichtlich, dass er Marie auch in der Frage nach dem Arbeitsort ihres Vaters bloss stellen konnte. Ihr Papa arbeitete als Lagerist bei der Firma Saurer in Arbon und nicht in der Textilfabrik im Dorf. Marie fühlte sich nach dieser Vorstellung völlig als Aussenseiterin und heimlich wünschte sie sich ebenfalls einen stinknormalen Nachnamen zu haben. Zuhause wagte sie es nicht ihre grausame Niederlage in der ersten Schulstunde zu beklagen. Von den Eltern erwartete sie keine Unterstützung und die Grossmutter hätte neues Gift über ihren Papa ausschütten können. So versuchte Marie ihrer Enttäuschung alleine Herr zu werden.

Schon bald reifte in ihr der Trotz, sich durch Leistung hervor zu heben. Sie hatte eine überdurchschnittliche Intelligenz und war in kurzer Zeit die Klassenbeste. Mit ihren Fähigkeiten konnte sie zwar den parteiischen Lehrer etwas besänftigen, stiess aber bei den Mitschülern auf Abneigung. Freundinnen bekam sie keine, für alle war sie nur eine Schulkollegin. Ja, Intelligenz und exotische Abstammung wirkten abschreckend. Marie war auch benachteiligt an einem interessanten Schulweg teilnehmen zu können. Sie wohnte direkt neben dem Schulhaus und so konnte sie mit den abenteuerlichen Ausführungen ihrer Mitschüler nicht mithalten. Ihr verblieb es nur mitzuhören wie in den Pausen aufregende Erlebnisse ausgetauscht wurden.
Marie passte auch physisch nicht ins Klassenbild. Die Mehrheit der Mädchen trugen blonde oder rote Haarzöpfe. Sie präsentierte sich hingegen mit kinnlangem, dunklem Haar, das auf der rechten Seite mit einer Masche zu einem Schweif gebunden war. Dieses Anderssein zog sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. Gab es bei den meisten Kameraden zuhause täglich Rheintaler Ribelmais, tanzte sie mit ihrer Essenskultur aus der Reihe. Statt wie in der Provinz üblich im Tante-Emma-Laden einheimische Produkte zu kaufen und Gschwellti mit Appenzellerkäse zu essen, vertilgten sie zu den Kartoffeln Roquefortkäse und Rollmöpse. Ihr Papa als fremdartiger Geniesser nahm für den Einkauf exotischer Genussmittel den langen Weg in die Nachbargemeinde Heerbrugg in Kauf. Diese Extrawurst – wie es ihre Grossmama ärgerlich betonte, wusste in kurzer Zeit das ganze Dorf und die unbeliebte Exotenfamilie hatte erneut einen weiteren Minuspunkt in der Beliebtheitsskala eingefahren.
Die Aussenseiterrolle blieb Marie während der ganzen Primarschulzeit erhalten. Sie konnte sich einzig durch ihre schulische Überlegenheit bei den Lehrern etwas Achtung verschafften, dies jedoch zum Spott der Schulkameraden. Klassenbeste in allen Fächern wurde als Streberin und Besserwisserin abqualifiziert.
In der dritten Primarklasse wurde Marie mit einem sehr strengen Lehrer konfrontiert. Aus heutiger Sicht betrachtet, hatte er überhaupt keine pädagogischen Fähigkeiten, eher eine gewaltsame Neigung. Seine berüchtigten Tatzen, welche er als Züchtigung, meistens an den Knaben auslebte, musste sie während diesem Jahr etliche Male miterleben. Mit dieser brutalen Strafe wollte er den Schülern seine Autorität beweisen. Noch heute hört Marie das leise Wimmern der Bestraften, wenn das Lineal auf ihre Hände nieder prasselte. Bei ihr hatte der Lehrer seine sadistische Ader einmal an den Haaren ausgelassen. Der Ziehschmerz war unangenehm, aber von den anderen Gräueltaten abgesehen, erträglich.
Auch mit der vierten Primarklasse verbinden sich für Marie unangenehme Erinnerungen. Sie wurde einem Lehrer zugeteilt, der ihrer Familie nicht gut gesinnt war, oder einfacher gesagt, er mochte ihren exotischen Papa nicht. Wie üblich in der ersten Stunde im neuen Schuljahr übergab Marie dem neuen Lehrer das unterschriebene Zeugnis. Er warf einen kurzen Blick auf die Vorjahre und kommentierte lapidar: „Deine bisherigen Noten, von der ersten bis zur dritten Klasse sind alles Bestnoten. Diese Einerserie wird sich aber in diesem Jahr beenden.“ Marie erschrak über diese niederschmetternde Ankündigung und spürte hautnah die Abneigung des Lehrers. Den Mitschülern gab er dafür Grund für ein verachtendes Gelächter. Marie – die perfiden Worte des Lehrers im Hinterkopf - gab während des ganzen Jahres nie Anlass zur Rüge und ihre schulischen Leistungen waren jederzeit bestens. Trotzdem machte der Lehrer seine Ankündigung vom ersten Tag wahr. Er verpasste ihr tatsächlich in zwei Fächern die Note 1-2. Für Marie war es eine sehr traurige Erfahrung, weil sie sich sicher war, dass diese Notengebung willkürlich und nicht ihren guten Leistungen entsprach.
Die fünfte und sechste Primarklasse besuchte sie bei einem neu zugezogenen, jungen Lehrer, der sie unabhängig und neutral annahm und auch benotete. Es waren zwei lehrreiche Jahre und vor allem die sechste Klasse ein gutes Vorbereitungsjahr zum Übertritt in die Sekundarschule. Die beiden Noten 1-2 im Zeugnis blieben konstant, nur die damit bewerteten Fächer änderten. So musste sich Marie also daran gewöhnen, dass ein Zeugnis mit lauter Einsern der Vergangenheit angehörte.

Dem Besuch der Sekundarschule ging eine anspruchsvolle Aufnahmeprüfung voraus. Über hundert Schülerinnen und Schüler aus dem Dorf und der näheren Umgebung wurden in verschiedenen Fächern geprüft. Ein besonders hinterlistiger Test blieb Marie bis heute in Erinnerung. In der ersten Prüfungseinheit stand an der Wandtafel folgender, unkommentierter Satz: Gott gab uns Zeit – von Eile hat er nichts gesagt. Am Schluss des Tages war genau dieses Zitat die letzte Prüfungsaufgabe und verhalf ihr zu einem hervorragenden Erfolg. Sie hatte die Aufnahmeprüfung in die Sekundarschule mir Bravour gemeistert.

Das erste Schuljahr in der Sekundarschule war dann allerdings wieder geprägt von Schikanen. Maries älterer Klassenlehrer war bereits Hauptlehrer ihres Onkels – dem Bruder ihrer Mutter - der Theologie studierte und Pfarrer wurde. Dieser war ein absolutes Genie in allen Fächern. So setzte Maries Klassenlehrer bei ihr die Messlatte höher als für die übrige Klasse. Bei jeder kleinen Abweichung zu den guten Leistungen ihres Onkels, stufte er ihre Arbeit auf primitive Weise herunter. Auch die Französischlektionen arteten für Marie in einer richtigen Plage. Weil sie einen französischen Nachnamen hatte, wurde sie beim kleinsten Fehler regelrecht als dumm vorgeführt. Es war für Marie unverständlich, dass bei einem fremdsprachigen Nachnamen auch gleich eine perfekte Sprachkenntnis vorhanden sein müsste. Zudem war die französische Sprache nicht ihr Lieblingsfach, ihr fehlte schlicht die Lust für dieses Fach. Damit gab sie ihrem Lehrer richtig Ansporn sie zu schikanieren. Diese unerträglichen Sticheleien ohne jegliche Anerkennung ihrer allgemein guten Arbeiten, bewirkten im Laufe des Jahres abfallende Leistungen und am Schluss nur noch ein ungenügendes Muss, statt eine Freude zur Schule zu gehen. Diese energielose Motivation kannte Marie bisher nie, im Gegenteil die Triebfeder wirkte in ihr ohne Mithilfe von aussen.

Heute würden diese Verfehlungen der Pädagogen als Mobbing geahndet. Damals gehörte es aber zum Alltag und Marie fühlte sich alleine gelassen, auch von zuhause.

Diesem zunehmenden Schulfrust setzte Marie ein jähes Ende. Sie liess sich in die Abschlussklasse der Realschule versetzen. Ihr Rückschritt von der Sekundarschule in die Oberstufe hatte ihr Abschlussklassenlehrer am Anfang der ersten Stunde mit einer aufmunternden Willkommensgeste bereichert. Marie war gerührt von den aufbauenden Worten, aber auch vom freudigen Applaus ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler. Die meisten kannte sie noch von der Primarschule. Nun galt es das letzte Schuljahr mit Freude anzugehen; Marie war bereit dazu. Ihr Lehrer erkannte schnell, dass sie aussergewöhnlich gute Fähigkeiten hatte und förderte sie in ihren Bestrebungen den Beruf zur Lehrerin zu ergreifen. Mehrfach durfte Marie der Klasse vorstehen als seine Stellvertreterin. Dieses Vertrauen  bereitete Marie grosse Freude und die Klasse hatte riesigen Spass dabei.  Die grösste Hürde für den Lehrer war allerdings, die Eltern von Marie von den beruflichen Wünschen ihrer Tochter zu überzeugen. Obwohl die Kosten für das Lehrerseminar durch Stipendien gesichert gewesen wären, lehnten die Eltern ein Studium ab. Ja, die vielen Interventionen des Lehrers stiessen zuhause auf Granit. „Kommt nicht in Frage, Marie muss eine normale Arbeitsstelle antreten und Geld verdienen. Zudem nehmen wir vom Staat keine Almosen an!“, vernichtete ihre Mutter den Berufswunsch. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge ging Maries Schulzeit zu Ende. Sie bedankte sich bei ihrem einfühlsamen Lehrer für das lehrreiche und pädagogisch wertvolle Abschlussjahr. Mit dem brillanten Zeugnis hoffte sie aber, ihre berufliche Laufbahn etwas später doch noch zu erreichen.

Trotz der vielen Demütigungen in den Schuljahren erlebte Marie auch ein besonderes Erlebnis. Als Grossfamilie standen gemeinsame Ferien gar nie zur Diskussion, bis zu dem Frühlingstag als der Gemeindepräsident mit einer freudigen Nachricht auftauchte. Eine soziale Institution ermöglichte jedes Jahr einer Grossfamilie kostenlos gemeinsame Ferien. Als Gemeindeoberhaupt hatte er damals Maries Familie vorgeschlagen für diese Aktion und kam auch gleich den Zuschlag. So stand der Glücksbringer nun in der Familienküche und überbrachte die freudige Nachricht. Er betonte, dass die Familie eine Feriendestination wählen könne und ihn innerhalb einer Woche orientieren sollte wohin die Reise gehen sollte. Kaum war der gern gesehene Gast draussen, begann die Diskussion um den Ferienort. Papa schlug vor den Heimatort Sonvilier zu besuchen. Mama lehnte sofort ab, sie wollte ins Tessin. Die drei ältesten Schwestern Emma, Marie und Anna unterstützten aber Papas Vorschlag. Sie wollten einmal den Ort sehen wo sie ihre Wurzeln hatten. Also überbrachte Mama den Vorschlag ins Gemeindehaus und die Vorbereitungen nahmen ihren Lauf. In einem Schreiben der Institution wurde den Eltern von Marie mitgeteilt, dass die beiden Ferienwochen ab Mitte September stattfänden. Ein Haus in Monte Soleil oberhalb Sonvilier sei reserviert. Gleichzeitig orientierten sie, dass vierzehn Tage vor Ferienbeginn die Bahntickets und vier grosse Koffer geliefert würden.

Dann begann das Warten. Ende August kamen wie angekündigt die Reiseunterlagen und vier riesige Überseekoffer. Der Postbote der die grosse Fracht brachte lachte und fragte: „Wandert ihr aus oder geht eure Reise über den grossen Teich?“ Ja, Marie war ebenfalls erstaunt, solche riesige Koffer hatte sie noch nie gesehen. Am Tag der Abreise standen die Koffer total gefüllt bereit. Bis die Fahrt aber beginnen konnte, musste noch ein langer Weg zum Bahnhof Heerbrugg überwunden werden. So begann Papa mit der Verteilung der Lasten. Mama war zuständig für die kleinen Geschwister, das jüngste erst einjährig noch im Kinderwagen. Die schweren Koffer teilte er auf die vier ältesten Kinder auf, darunter auch Marie. Nur Papa selber begnügte sich mit der Verantwortung und den Reiseunterlagen. Spätestens nach einer Viertelstunde verfluchten die Kofferträger die Reise. Endlich am Bahnhof angelangt stieg die Freude aber wieder. Im Zug belegte die Familie zwei Abteile in der Holzklasse. Während der langen Anreise nach Sonvilier mussten sie zweimal umsteigen, eine richtige Tortur mit so viel Gepäck. Dann erreichten sie das Dorf im Jura und auf dem Bahnhofareal wartete bereits ein Traktor mit einem Anhänger. Der junge Bauer kam der Familie zu Hilfe und lud das Gepäck auf die Ladefläche. Emma fragte besorgt: „Wie kommen wir nun nach Monte Soleil?“

„Ganz einfach, setzt euch neben das Gepäck“, sagte der Bauer in vollem Ernst. So sassen sie alle nebeneinander auf der Ladefläche, natürlich ohne Sicherheitsgurt, und die Fahrt ging los. Rund acht Kilometer holperte das Gefährt auf einer Bergstrasse hoch. Die Jungmannschaft hatte natürlich die grösste Freude an der Fahrt. Nur die Mama war ungehalten, dass wir ans „Arschloch der Welt“ fahren, wie sie es giftig nannte. Das grosszügige Haus in Monte Soleil war unmittelbar neben dem grossen Bauernhof des Jünglings der uns hierauf gebracht hatte. Ansonsten waren nur Wiesen und weidende Kühe zu sehen. Die Bauernfamilie hatte zwei Söhne im gleichen Alter wie Emma und Marie. So gab es zwischen diesen vier Jugendlichen einen regen Austausch. Die Ostschweiz und die Westschweiz kamen sich näher, aber nur im kleinen Rahmen.

Bereits in der ersten Ferienwoche wurden Emma und Marie von den beiden Bauersöhnen Otto und Fritz in die Paarung der Kühe eingeweiht. Kurz vor Mittag rief Otto: „Emma komm ich zeige dir wie man eine Kuh deckt.“
„Was willst du zudecken?“, fragte Emma ahnungslos, ging aber trotzdem mit auf den Hofplatz. Da stand bereits Fritz mit einer Kuh. Dann kam vom Stall her Otto mit einem Stier am Nasenring. Das Paar stellte sich hinter die wartende Kuh und bevor Emma genau wusste was passiert, bestieg der Muni die Kuh. Emma schaute entsetzt dem kurzen Spiel zu und bevor sie Otto zurufen konnte: „Halt den Stier zurück!“, war die Aufregung vorbei und der Stier wurde wieder in den Stall zurück gebracht. Otto kam zurück zu Emma und sagte: „Das war nun die Deckung und in rund neun Monaten hat Rosa ein Junges.“ Jetzt erst dämmerte es Emma von welchem Schauspiel sie gerade Zeuge geworden war.
Ein Tag später wurde auch Marie von Fritz auf dem falschen Fuss erwischt. Anna und Marie spielten vor dem Haus Federball als Fritz vom Stall daher kam, an der Leine ein Pferd. Schon von weitem rief er: „Marie, heute bringe ich dir das Reiten bei.“ Marie erschrak und erwiderte: „Ich setz mich doch nicht auf diesen Gaul.“ Fritz liess nicht locker und reizte Marie: „Du bist doch eine Memme.“ Diese perfide Nennung stachelte sie an und sie willigte ein unter der Bedingung dass er die Leine nicht los lassen würde und das Pferd führte. So kam Marie zu ihrer ersten Reitstunde, aber auch zur Letzten. Marie sass auf dem Gaul wie auf einem Holzbock und wagte sich nicht zu bewegen. Schweissgebadet suchte sie nach wenigen Minuten wieder Bodenkontakt. Ja, die Feriengäste waren wirklich nicht Landwirtschaft tauglich.
In der zweiten Ferienwoche machte Papa sein Versprechen wahr. Er marschierte mit Emma, Marie und Anna bergab nach Sonvilier. Zuerst besuchten sie den Friedhof, wo sie nach verstorbenen Namensvettern suchten. Dann setzten sie sich in eine Gartenwirtschaft und befragten die ältere Wirtin nach den Vorfahren. Papa trank ein Bier und die Mädchen ein Glas Hahnenwasser, damals noch gratis. Allzu viele Neuigkeiten blieben ihnen verwehrt. Aber immerhin wussten sie nun wo ihre Wurzeln sind.
Zwei Tage vor der Abreise luden Otto und Fritz die drei ältesten Mädchen zu einer Mitfahrt nach St. Imier ein. Mit dem Traktor und dem Anhänger fuhren sie die Bergstrasse hinunter und am Bahnhof holten sie eine Ladung Strohballen ab. Die Heimfahrt wurde dann zu einem kleineren Fiasko. Otto lenkte den Traktor, Fritz und die Mädchen sassen hinten auf dem Anhänger. Sie hatten es lustig und Otto war einen Moment nicht konzentriert. Er fuhr über den Wegrand hinaus und der Anhänger kippte auf die Seite und rutschte den Hang hinunter. Die vier Jugendlichen hinten auf dem Anhänger konnten abspringen bevor das Vehikel zu rutschen anfing. Auch Otto konnte sich mit einem Sprung vom Traktor retten. Rund drei Meter unter dem Bergweg hielt ein Baum die stürzende Ladung auf. Ja, die fünf Jugendlichen hatten mehrere Schutzengel. Sie blieben alle unverletzt.  Besinnlich und ruhig liefen sie anschliessend den Rest des Weges heim. Als der Bauer die Schar erblickte rief er: „Was ist passiert, warum kommt ihr zu Fuss?“ Otto erzählte mit stockenden Worten seinem Vater von dem Unfall. Dieser nahm die Angelegenheit sehr gefasst und sagte: „Ich rufe gleich meinen Bruder an, dass er das abgestürzte Gefährt mit seinem Traktor wieder auf die Strasse zurück zieht.“ Zu Otto und Fritz sagte er noch: „Ihr zwei kommt mit, ihr säubert die Strasse von den Strohballen.“
Weniger Verständnis erwartete die Mädchen. Emma, Marie und Anna gingen leise ins Haus zurück. Sie erzählten der Mama von dem Missgeschick. Statt froh zu sein, dass ihren Töchtern nichts passiert ist, hielt sie ihnen eine Standpauke. Den Rest des Tages mussten die Schwestern im Hause verbringen und konnten Otto und Fritz nur vom Fenster aus beobachten, wie sie mit dem Vater wegfuhren und nach Stunden wieder heimkehrten. Ja, die Ferien im Jura bleiben Marie in ewiger Erinnerung.

Als Marie dreizehn Jahre alt war, näherte sich ihr Papa zum ersten Mal auf ungebührliche Weise. Ihre Mama verlangte immer wieder, dass Marie und ihre ältere Schwester Emma im Elternschlafzimmer schlafen mussten, wenn sie mit einem erkrankten Kind in der Stube übernachtete. Das jüngste Schwesterchen, erst einige Monate alt, lag in ihrem Kinderbett direkt neben den Ehebetten und wenn sie nachts aufwachte und etwas benötigte mussten die älteren Schwestern den Säugling beruhigen – so machte es sonst die Mama. Warum wurde Papa nicht eingespannt für diesen Dienst? Es hätte doch keine zusätzlichen Aufpasserinnen gebraucht. So stieg Marie unschuldig und ohne jegliche Ahnung eines Abends in Mamas Bett um die Betreuung ihrer kleinen Schwester zu übernehmen. Mitten in der Nacht spürte sie plötzlich, dass jemand unter ihre Decke zwängte. Es war ihr Papa, der auch gleich sein Glied an ihrem Rücken rieb und gleichzeitig hörte sie ein ekliges Keuchen. Starr vor Grausen konnte sich Marie nicht bewegen, sie brachte aber auch keinen Laut über ihre Lippen. Papa nahm ihre Hand und führte sie zu seinem erregten Glied. Es gab für Marie kein Entkommen mehr, ihre Hand wurde zwangsmissbraucht für seine abartige Befriedigung. Ohne Rücksicht auf Maries seelische Erschütterung legte er sich anschliessend wieder in sein Bett und schlief.  Bis Marie das gerade Erlebte einordnen konnte war es morgen und sie musste in den Alltag zurückkehren. Gerne hätte sie jemandem ihre Last mitgeteilt, aber sie wusste nicht wem und zudem schämte sie sich. So blieb es ihr Geheimnis und sie hoffte, dass es sich nicht wiederholen würde.

Leider war Marie ziemlich naiv als sie glaubte, dass dieses Vergehen ein einmaliger Ausrutscher von Papa war. Einige Wochen später wurde Marie erneut Opfer ihres eigenen Vaters. Es war Abend und Marie ging, bekleidet mit einem Nachthemd, vor dem Schlafen nochmals zur Toilette. Als sie den Flur entlang ging, war noch Licht in der Küche und beim Vorbeigehen sah sie Papa in der Küche stehen, der sie sofort aufforderte hinein zukommen. Angsterfüllt folgte Marie der Aufforderung und bevor sie realisierte was er wollte, fing er bereits an sie zu betatschen. Sie stand wie angewurzelt vor ihm und konnte vor Schreck weder schreien noch davon laufen. Er streichelte ihre Brüste und betonte dabei, dass sie schon eine reife Frau sei. Seine Hände wanderten immer weiter nach unten. Dann hob er das Nachthemd hoch und steckte seine Finger in ihre Scheide. Jetzt spürte Marie wieder dieses eklige Keuchen, wie damals in der Nacht. Unaufgeklärt und naiv liess sie diese scheusslichen Berührungen über sich ergehen und hoffte inbrünstig, dass es schnell vorüber ging. Zum Schluss gab er ihr noch einen Klaps auf den Hintern und entliess liess. Bedrückt und total verwirrt schlich Marie in ihr Schlafzimmer, wo ihre ältere Schwester bereits schlief. Wortlos legte sich Marie ins Bett und weinte still vor sich hin. Immer wieder stellte sie sich die Frage: Was ist eigentlich mit mir gerade passiert? Warum hat er das getan? Dieser Abend veränderte Maries Leben.

In der folgenden Zeit ging sie ihrem Papa immer aus dem Weg. Alleine unbeschwert durch die Wohnung zu laufen ging nicht mehr. Sie hängte sich immer bei einem Geschwister an um ja nicht in die Fänge von ihrem Peiniger zu geraten.
Einige Tage später als sie bereits im Bett lag und ihre Schwester noch nicht anwesend war, stand plötzlich ihr Papa im Pyama vor ihr. Er forderte sie auf in die Toilette zu kommen. Marie zitterte am ganzen Leib, folgte aber seiner Aufforderung nicht. Schweissgebadet horchte sie auf den erlösenden Ton, als die Schlafzimmertüre ihrer Eltern ins Schloss fiel. Zudem kam kurze Zeit später ihre Schwester ins Zimmer und dann wusste sie, dass ihr im Moment nichts mehr passieren konnte. Auch nach dieser vereitelten Attacke wagte es Marie nicht ihrer Mutter oder ihrer Schwester etwas zu erzählen. Ihre Scham war riesig und sie hatte nicht erklärbare Schuldgefühle, die sich in ihr Gewissen hämmerte. Ich habe mich bis heute doch nie bewusst aufreizend oder gar sexy benommen? Zudem kenne ich die Art der Verführung gar nicht.

Maries Wut verlagerte sich aber still und heimlich auch auf ihre Mama. Sie verdächtigte sie sogar einen Mitschuld. Warum schickt sie unaufgeklärte und unschuldige Mädchen ins Elternschlafzimmer zum Übernachten? Sicher kannte sie die Gelüste ihres Ehemannes aus eigener Erfahrung, die grosse Kinderschar lässt grüssen.
Warum schützt Mama ihre Töchter nicht? Diese Frage stellte sich Marie immer wieder. Bin ich alleiniges Opfer von Papa, oder sind meine Schwestern in der gleichen misslichen Lage? Auch diese Frage plagte Marie. Trotzdem konnte sie sich niemandem anvertrauen. Durch ihre Scham und ihre verletzten Gefühle war sie total blockiert.

Erst später zu Peter, ihrer ersten Jugendliebe, hatte sie grosses Vertrauen. Ihm beichtete sie ihre grausamen Erlebnisse und fühlte sich nachher wie von einer schweren Last befreit. Nur, ihre Erleichterung war Peters Bürde geworden sie zu beschützen. Wütend wollte er Maries Papa anklagen. Einzig Maries Bitte ihre Familie nicht zu zerstören hielt ihn von seinem Vorhaben ab.

Peter war und blieb der einzige Vertraute der von diesem traurigen Erlebnis wusste.

 

Geld verdienen um jeden Preis/ Sängerin ohne Ambitionen/ Erste Jugendliebe
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3.  Geld verdienen um jeden Preis/ Sängerin ohne Ambitionen/ Erste Jugendliebe

1961 – 1963

Marie beendete im Frühjahr 1961 ihre Schuljahre. Ihr Wunsch Lehrerin zu werden war wegen der Engstirnigkeit ihrer Eltern ein Traum geblieben. Ihre Mama konnte es kaum erwarten bis auch die zweite Tochter Geld nach Hause brachte. Bereits eine Woche nach Schulschluss, noch nicht einmal 15 Jahre, stand sie vor dem grossen Eingangsportal einer einheimischen Textilfabrik. Hierher verpflanzte sie ihre Mutter um etwas Handfestes zu erlernen. Die Firma stellte Regenmäntel und Skijacken her. Mit einfachen Kenntnissen aus der Nähschule wurde Marie an einer Nähmaschine angelernt Einzelteile für die Produktion anzufertigen. Es war nicht ihr Traumberuf, aber Marie konnte dieser Arbeit doch noch etwas Positives abringen, ihre erste Skijacke und erst noch mit einem selbst genähten Teil. An die Zeit in dieser Textilfabrik erinnert sich Marie sehr gerne. Die Firmenleitung war äusserst personalfreundlich. In der Freizeit ermöglichte sie den Mitarbeitern grosszügig verschiedene Sportarten. So stellten sie auf dem Dachterrasse Ping Pong Tische auf und ermöglichte begeisterten Ballspielern an Turnieren teilzunehmen.

Als sich Marie trotz anfänglichem Widerwillen in der Näherei wohl fühlte, erlebte sie dann eine erneute Überraschung. Inzwischen 16 Jahre, hatte Mama eine lukrativere Arbeit gefunden und Marie musste sich ungefragt dem Diktat  unterwerfen. Im besagten Industriebetrieb im Dorf, wo die meisten Väter ihrer ehemaligen Mitschüler arbeiteten, waren junge Arbeitnehmerinnen willkommen in der Produktion mitzuarbeiten. Die Bezahlung war besser, aber die Arbeitsbedingungen entsprechend schlechter. Die Schichtarbeit war eine grosse Umstellung für Marie. Im Wochenrhythmus begann die Arbeit um 6 Uhr morgens bis 2 Uhr mittags oder um 2 Uhr mittags bis 10 Uhr abends. Marie wurde in der Spulenverarbeitung angelernt. So bediente sie eine lange Maschine die Garn auf Spulen wickelte. Die fertige Garnspule musste sie auf ein Förderband stecken. Diese äusserst langweilige Arbeit verrichtete Marie aber zur Zufriedenheit des Abteilungsleiters und er belohnte sie dafür mit der Versetzung in die Kontrolle. Marie schätzte diese Geste, konnte aber auch bei dieser Arbeit keinen Höhepunkt finden. Einzig ihre Mama freute sich, wenn sie ihr alle vierzehn Tage eine aufgebesserte Lohntüte abnehmen konnte. Marie fühlte sich inzwischen als eine richtige Geldbeschaffungsmaschine für die Familie.
Maries Papa interessierte die übermächtige Stellung von Mama innerhalb der Familie in keiner Art und Weise. Seine Lohntüte gab er ebenfalls alle vierzehn Tage pünktlich ab.

Unglücklich mit der eintönigen Arbeit suchte Marie heimlich nach einer Veränderung. Sie las Zeitungsinserate und weihte auch Bekannte in ihren Plan ein. Dann endlich ein Jahr später bekam Marie die Möglichkeit bei der Post in der Hauptstadt St. Gallen eine einjährige Postscheckamtslehre zu absolvieren. Es war nicht der grosse Wurf, aber ein Schritt in die richtige Richtung. Im Vorfeld gab es aber grosse Streitigkeiten zwischen ihr und ihrer Mama. Maries selbständige Entscheidung passte ihr nicht, weil sie befürchtete dass sie auch das Diktat über die anderen Töchter verlieren könnte. Diese diktatorische Eigenschaft ihrer Mama erinnerte Marie stark an die herrschsüchtige Grossmama. Ja, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm!

Für Marie war es sehr wichtig diese Lehre in der Fremde antreten zu können, sah sie doch die Möglichkeit sich weiter zu bilden. Die Arbeitsstelle war für Marie eine grosse Herausforderung, nicht bildungsmässig, sondern durch die grosse örtliche Entfernung. Jeden Morgen hiess es um halb fünf Uhr aufstehen, damit sie um halb acht Uhr in St. Gallen war. Von ihrem Zuhause nach Heerbrugg zur Bahnstation stählte eine Stunde Fussmarsch ihren Körper. Auf Holzbänken sitzend erreichte Marie in einer weiteren Stunde den Hauptbahnhof in St. Gallen. Der letzte Rest bis zur Arbeitsstelle war dann nur noch ein Katzensprung. Am Abend wiederholte sich das Prozedere in umgekehrter Reihenfolge. Maries Feierabend begann also erst nach acht Uhr. Trotzdem war Marie sehr glücklich mit ihrem neuen Job, der sie mehr forderte als die bisherigen simplen Tätigkeiten. Auch ihr Selbstwertgefühl machte einen Sprung nach oben, sie hatte sich durchgesetzt.

Während dieser anstrengenden Zeit reifte auch Maries erste Jugendliebe. Peter war in der Industriefirma tätig, wo Marie damals ihre Spulen betreute. Sie kannte den Werksmechaniker nur flüchtig. Immer wenn in ihrer Abteilung eine Maschine stockte, war er als letzte Hoffnung aufgeboten worden. Mit seiner Körpergrösse von zwei Metern war er nicht zu übersehen. Auch Marie fiel der flotte Jüngling damals sofort auf. Aber nebst einem kurzen Augenkontakt und einem gelegentlichen Winken kamen sich die beiden nicht näher. Marie war ein scheues Landei und Peter diesbezüglich auch kein Draufgänger. Also passierte in jener Zeit in Sachen Liebelei nichts.

In ihrer Freizeit spielte Marie mit ihrer jüngeren Schwester Anna Gitarre und sie sangen dazu bekannte Schlager. Kleinere Auftritte in Restaurants, Veranstaltungen und Volksfesten in der näheren Umgebung waren für sie bereits Erfolgserlebnisse. Als „Duo Rhyschwalbe“ erreichten sie bei einer Je-Ka-Mi-Veranstaltung in Romanshorn am Bodensee den zweiten Rang mit dem Schlage „Schuld war nur der Bossanova“ der deutschen Sängerin Manuela. Dieses gute Ergebnis beflügelte die beiden im nächsten Jahr wieder anzutreten und sie hofften insgeheim den erzielten Erfolg noch zu toppen. So versuchten sie ihr Glück ein Jahr später erneut mit dem Hit „Winni, winni – Wanna, wanna“ von der Girli Group „Tahiti Tamourés“ in der deutschen Fassung.
Beim Auftritt gab es dann eine spezielle Einlage. Anna vergass in ihrer Nervosität die an der Taille befestigte Serviette vom vorgängigen Nachtessen zu entfernen. So stand sie dann auf der Bühne mit einem quadratischen weissen Lappen vor dem weitschwingenden Rock. Diese kleine Zwischeneinlage wurde aber nicht bewertet: Marie und Anna sangen sich auf den ersten Platz. Als Siegerduo wurden sie von einer anwesenden Werbeagentur eingeladen in einer Nachwuchsshow im deutschen Fernsehen aufzutreten. In einer Musiksendung mit dem deutschen Sänger Gerhard Wendtland wollte die Agentur den beiden Schweizerinnen eine Chance geben sich der breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Anna war ausser sich vor Freude und sah sich schon auf der internationalen Bühne den Applaus entgegennehmen. Maries Freudentaumel hielt sich hingegen in Grenzen. In der Zwischenzeit verguckte sie sich nämlich in den grossen Werksmechaniker der ehemaligen Firma und sah darum bereits das keimende Pflänzchen in Gefahr.

Trotz der anbahnenden Sängerkarriere ging Marie jeden Tag zur Arbeit nach St. Gallen. Dann eines Abends als sie am Bahnhof Heerbrugg von der Arbeit heim kam, stand der grosse Werksmechaniker mit seinem Velo auf dem Perron. Peter, so hiess der Jüngling, war von seinem Wohnort Diepoldsau hierher geradelt und holte Marie ab. Überrascht, aber trotzdem glücklich liess sie sich von ihm heim begleiten. Trotz der etwas holperigen Annäherung wünschte sich Marie, dass ihr Heimweg nie enden würde. Nach einem ersten flüchtigen Kuss vor der letzten Abzweigung zu ihrem Haus radelte Peter wieder heimwärts. Eine Trennung direkt vor Maries Haustüre wagten sie nicht. Diesen für sie beide glücklichen Moment wollten sie nicht einem Schlüssellochgucker präsentieren. Ja, zuhause wurde die Heimkehr der Kinder genau überwacht. Diese wunderbare Heimbegleitung am Abend wiederholte sich nun immer wieder und zuhause war Maries Veränderung nicht unbemerkt geblieben. So lauerten Emma und Anna auf eine Möglichkeit um den unbekannten Begleiter ihrer Schwester zu begutachten. Die Kritik der beiden fiel dann nicht gerade schmeichelhaft aus. „Diese lange Bohnenstange hat zu wenige Haare auf dem Grind“, lästerte Emma. „Dafür zu viel Brillantine auf den Fäden“, gab Anna noch ihren Senf dazu. Nicht genug der Häme wurde auch noch das Fahrrad bemängelt. „Dieser arme Kerl hat nur ein Militärvelo“, lachten die beiden. Marie ärgerte sich zwar über die primitiven Lästerungen, entwaffnete die beiden aber: „Schämt euch, das ist nur Neid der Besitzlosen“.
Marie liess sich von diesen Pöbeleien nicht beeindrucken, sondern traf ihren Peter in den nächsten Wochen regelmässig und mit Freude. Als junger Teenager war sie verliebt über beide Ohren und wollte möglichst viel Freizeit mit ihm verbringen. An einem kalten Wintersonntag marschierten die beiden Verliebten nach Heerbrugg ins Kino. Für Marie eine Premiere, war sie bis dahin noch nie in einem Kino. Stolz hängte sie sich bei ihrem Begleiter ein. Die Nähe tat gut um die eisige Kälte zu ertragen, aber noch besser um seine Wärme zu spüren. Zum ersten Mal erlebte Marie dann während einer innigen Umarmung wie sich ein Zungenkuss anfühlte. Ja, Marie und Peter waren wirklich keine Draufgänger, aber im Moment konnten sie nicht voneinander lassen.

Diese Herzangelegenheit war aber mit einer Sängerkarriere, wie es Anna vorschwebte nicht vereinbar. Also weigerte sich Marie das Angebot für die Fernsehsendung anzunehmen. Sehr zur Enttäuschung der Agentur, aber noch mehr zog sie den Zorn von Anna auf sich. Dies war dann auch das Ende der Auftritte als „Duo Rhyschwalbe“ und Marie hatte diesen Schritt nie bereut.

Peter lebte mit seiner Familie im Nachbardorf Diepoldsau und hatte noch vier jüngere Geschwister. Marie kannte diese Familie persönlich nicht. Dann kam der Moment wo Peter seine Freundin der Familie vorstellen wollte. Mit dem Velo holte er Marie zuhause ab und zu Fuss marschierten sie am Rheinufer entlang zu ihm nach Hause. Die Eltern und die vier jüngeren Geschwister begrüssten Marie herzlich und es wurde ein angenehmer Abend. Trotzdem glaubte Marie zu erkennen, dass unter diesem Dach die Mutter das Oberhaupt war. Die jüngeren Geschwister von Peter bereicherten den Abend mit lustigen Einlagen, die Mutter beherrschte das Thema und der Vater war auffallend ruhig. Auf dem Heimweg bedankte sich Marie bei Peter für die nette Begegnung mit seiner Familie und versprach, ihm in absehbarer Zeit auch ihre Familie vorzustellen. Bereits eine Woche später sass Peter in der Stube der Grossfamilie. Marie konnte es natürlich nicht verhindern, dass ihre zickigen Schwestern bei jeder Gelegenheit eine zynische Bemerkung Richtung Peter schossen. Die Eltern verhielten sich korrekt und die Brüder massen sich einzig mit der Körpergrösse von Peter. Marie war zufrieden mit dem Verlauf des Besuches und Peter froh, dass er wieder draussen war.

Einen Monat später überraschte Peter Marie mit einer Einladung für ein gemeinsames Wochenende mit seinen Eltern ins Turbenthal.
„Fahren wir mit dem Zug?“, fragte Marie.    
„Nein, mit unserem Auto.“                            
„Habe ich recht gehört, ihr habt ein Auto?“, legte Marie nach.                                                       „Ja, meine Mutter hat ein Minibus, damit die ganze Familie Platz hat bei Ausfahrten.“      
Marie war baff, Autos waren damals noch eine Rarität.
„Ich würde mich freuen, wenn du mitkommen würdest“, wiederholte Peter die Einladung.

Marie liess ihrer Freude freien Lauf und ärgerte damit ihre beiden Schwestern, die ebenfalls noch nie in einem Auto mitgefahren waren. Dann war es soweit, Peter mit Familie holte Marie mit dem Auto zuhause ab. In dem besagten Minibus mit acht Plätzen fuhren sie ins Turbenthal. In einer abgelegenen Gegend stand ein herrschaftliches Anwesen mit grossem Umschwung. Auf dem Vorplatz scharten sich bereits viele Leute.                                                                                                                   Marie fragte: „Wo sind wir hier und warum ist hier so ein Menschenauflauf?“
Peter sah die Verunsicherung von Marie und sagte:
„In einer halben Stunde beginnt die Versammlung.“
Leise flüsterte er ihr dann noch ins Ohr: „Nimm den ganzen Zauber, den du hörst nicht so ernst.“
Jetzt wurde Marie hellhörig und die Freude am Ausflug war dahin. Sie folgte an der Hand von Peter der Familie nach direkt in den Menschenknäuel. Hier wurden sie herzlich begrüsst, aber vor allem die Mutter von Peter wurde von den Anwesenden überschwänglich willkommen geheissen. Einige Minuten später öffnete sich ein Portal und im Türrahmen erschien eine männliche Gestalt in wallendem Gewand. Er begrüsste seine wartenden Schäflein und bat sie dann ins Gotteshaus.

Mamma mia, dämmerte es Marie nun. Ich bin hier in eine Sektengruppe geraten. Was mache ich nun?

Peter hielt Marie fest an der Hand und flüsterte:
„Du brauchst keine Angst zu haben, ich will den Zauber hier auch nicht. Sobald die Versammlung fertig ist, machen wir beide einen Spaziergang in den nahen Wald und ich erkläre dir was hier abläuft."
Marie vertraute Peter und wartete sehnlichst bis der Spuk vorbei war. Die balsamierten Worte hörte sie, stellte ihre Ohren aber auf Durchzug.

Vor dem Abendessen verschwanden Marie und Peter wie abgemacht in den Wald. Nun öffnete sich Peter und redete seinen Kummer von der Seele. Ja, es belastete ihn, dass seine ganze Familie mit dieser Sekte in Verbindung gebracht wurde. Eigentlich war es ja nur die Mutter, die aktiv mitmachte, der Rest der Familie zog sie einfach gnadenlos mit – auch Peter.
Warum tanzt Peter, als volljähriger Mann, immer noch nach der Pfeife seiner Mutter?
Dies beschäftigte Marie, jedoch beruhigte sie dann Peter, dass sie bis zur Abreise morgen Nachmittag dem Zauber beiwohnen würde – im zuliebe – aber nachher nichts mehr mit dieser Sekte zu tun haben möchte.

Nach dem Nachtessen und dem gemeinsamen Nachtgebet teilte sich die Menschenschar auf. Männlein und Weiblein bezogen getrennte Schlafstätten. So verbrachte Marie in einem Schlafsaal mit rund hundert Frauen jeglichen Alters die Nacht. Nicht in einem wohligen Bett, nein, am Boden liegend auf einer Matratze. Frustriert wohnte Marie dem restlichen Versammlungszauber bei, schwor sich aber:
Dies war der letzte Ausflug mit Peters Familie.
Die neugierigen Fragen ihrer Schwestern nach der Rückkehr erklärte Marie diplomatisch: „Es war ein schönes Wochenende mit Peter.“

 

Familienumzug in den Aargau/ Neuer Flirt mit Folgen/ Ende der Jugendliebe
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4.  Familienumzug in den Aargau/ Neuer Flirt mit Folgen/ Ende der Jugendliebe

1963 – 1968
Familienumzug in den Aargau
Neuer Flirt mit Folgen
Ende der  Jugendliebe

Das Jahr 1964 war für Maries Familie ein besonderes Ereignis. Papas lang gehegter Wunsch von Widnau weg zu ziehen wurde umgesetzt. Er suchte die Nähe seiner Mutter in Windisch im Kanton Aargau.

Bereits Anfang Jahr bewarb er sich um einen Job in der Firma BBC in Baden. Dieser riesige Betrieb war weltweit führend in der Energie- und Automationstechnik. Papa nahm das Angebot im Lager zu arbeiten wahr und verlegte seinen Wohnsitz sofort nach Baden. In einer BBC eigenen Herrenunterkunft nistete er sich ein bis seine ganze Familie nachzog. Im Herbst zog dann der Rest der Familie nach, in eine neue, betriebseigene Überbauung in Birr. Die Wohnung war sehr grosszügig, sechs Zimmer und zwei grosse Balkone. Die Wohnsiedlung mit über hundert Wohnungen in Birr war für die Mitarbeiter  aus dem Boden gestampft worden. Dieses Kaff war nun das Zuhause von Marie. Damit die Bewohner dieser Siedlung nicht von der Umwelt abgeschnitten waren, organisierte die Firma einen regelmässigen Busverkehr bis nach Baden.

Die BBC Baden wurde auch Maries Arbeitgeber. Im Technischen Büro lernte sie anhand von Plänen Werkzeichnungen erstellen. Eine interessante und anspruchsvolle Tätigkeit, die Marie zwar Freude machte, aber nicht ihren Wünschen entsprach.
Dieser Umzug hatte für Marie auch weniger erfreuliche Konsequenzen. Die Treffen mit Peter mussten der neuen Situation angepasst werden und beschränkten sich nur noch auf das Wochenende.

Im gleichen Zeitraum wie Maries Umzug in den Kanton Aargau, wechselte Peters Familie ebenfalls ihren Wohnort. Sie verliessen Diepoldsau und zogen nach Fischenthal. Dies halbierte die Distanz für Peter zu Marie um die Hälfte. Zudem wurde Peter von seiner Mutter mit einem Döschwo ausgerüstet, damit er seiner Arbeit in Widnau weiterhin nachgehen konnte. Mit dieser gelben Ente besuchte er dann am Wochenende auch Marie in Birr. Trotzdem gab es eine Fernbeziehung die sich mit vierzehntägigen Besuchen begnügen musste. Die wenigen Stunden des Besuches am Sonntag torpedierte Maries Mama noch zusätzlich. Böswillig setzte sie jeweils die kleine Schwester in den Fond des Wagens. Diese Aktion sollte verhindern, dass nichts Schamloses passieren konnte. Eine unsinnige und lieblose Schikane, Peter war ja nicht bekannt als Wüstling. Aber vielleicht wollte Mama auch die Beziehung torpedieren, weil sie in Peter nicht ihren
Lieblingsschwiegersohn sah. Für ihre Töchter sah sie Beamte und nicht Handwerker als Ehemänner.

Maries neue Arbeitsstelle in der BBC Baden wurde dominiert von Männern und zum ersten Mal wurde sie auch mit Menschen verschiedener Nationen konfrontiert. Bei den täglichen Busfahrten von Birr nach Baden und zurück wechselte sie mit einem sympathischen Chauffeur kleinere Höflichkeiten. Schon bald merkte Marie aber, dass aus den alltäglichen Worten charmante Komplimente ihren Tag versüssten. Ja, die Aargauer Mütter hatten auch anziehende Söhne! In den nächsten Monaten versuchte der Chauffeur immer mehr das Herz von Marie zu erobern. Aus dem fremden Fahrzeuglenker wurde ein liebenswerter Charmeur. Hans war ein attraktiver Mann und Marie fühlte sich geschmeichelt, wenn sich ihre Blicke ineinander verkeilten. Wochen vergingen und es kam zum ersten kurzen Treffen. Während seiner Abendschicht verbrachten die beiden die halbstündige Pause bei einem Kaffee. Nun lernte sie den privaten Hans richtig kennen. Er war zehn Jahre älter als Marie, verheiratet und hatte einen zweijährigen Sohn. Er wohnte in Brugg und war angeblich nicht der glücklichste Ehemann. Sein jüngerer Bruder Kurt wohnte in der gleichen Siedlung in Birr wie Marie. Diese Gelegenheit benützte Hans öfters zu einem Besuch bei ihm, in der Hoffnung Marie zufällig zu begegnen. Marie fühlte sich gebauchpinselt, dass ein viel älterer Mann um sie buhlte und es störte sie auch nicht dass er verheiratet war.

Hans arbeitete in zwei Schichten. Dies bot die Gelegenheit für ein kurzes Stelldichein während der halbstündigen Pause. Im hellgrünen Firmenbus und unromantisch auf einem Parkplatz kamen sich die beiden dann näher. Marie, inzwischen verliebt in Hans war glücklich diese wenigen Minuten mit ihm zusammen sein zu können. Dann kam der Moment wo sich die beiden nicht nur küssten, sondern sich innig liebten. Hans kannte das Liebesspiel - so fühlte es sich an, hingegen Marie war noch Jungfrau. Liebevoll und zärtlich führte Hans die Entjungferung durch. Einzig der Traum vom ersten Mal in einem Himmelbett erfüllte sich für Marie nicht. Es war die Liegestellung im roten Sportwagen von Hans.

Marie fühlte sich nun in zwei Welten verloren. Peter ihre Jugendliebe blieb bisher ohne sexuellen Kontakt und trotzdem glaubte sie ihn zu lieben. Nun war Hans in ihr Leben gekehrt und sie verliebte sich in ihn und erlebte zugleich auch die zärtliche Lust der Vereinigung.
Kann das gut gehen auf Dauer, ging es Marie immer wieder durch den Kopf.

Maries Freund Peter blieb die Veränderung in ihrer Beziehung nicht verborgen und wollte Klarheit schaffen. So beschlossen die beiden sich in Zürich zu einem klärenden Gespräch zu treffen. Auf neutralem Boden wollten Marie und Peter ihrem Verhältnis neuen Schwung geben, oder fair beenden.

Es war ein strahlend schöner Samstagmorgen als Marie zum Bahnhof Birr schlenderte, wo sie der Zug nach Zürich besteigen wollte. Viele Fragen zermarterten ihre Sinne.
War es vielleicht nicht die grosse Liebe, die uns gegenseitig anzog? Oder bin ich einfach noch nicht reif für eine feste Beziehung?
Traurig und mit gesenktem Kopf marschierte Marie dem Ziel entgegen, als ein Hupen sie aus den Träumen holte. Ein hellgrüner BBC-Bus hielt an und Hans rief freudig: „Wohin kann ich dich mitnehmen!“
Er war mit einer leeren Sonderfahrt unterwegs Richtung Luzern. Marie stieg ein und statt beim Bahnhof auszusteigen liess sie sich hinreissen mit Hans nach Luzern zu fahren. Eigentlich interessierte es sie nicht wohin sie fuhren. Angespannt und freudlos sass sie im Bus. Selbst die spassigen Sprüche von Hans konnte sie nicht aufheitern.
Ja, Marie wurde klar, dass sie sich feige vor der Auseinandersetzung mit Peter drückte. Im Nachhinein war sich Marie sicher, dass sie diese Entscheidung getroffen hatte um dem Ende der Beziehung mit Peter aus dem Wege zu gehen. Es war ein grosser Fehler, den sie nicht mehr gut machen konnte.

Peter stand nämlich pünktlich auf dem Perron und wartete vergebens auf Marie. Ein Natel gab es damals noch nicht und so fuhr er mit seinem Döschwo nach Birr um sie erfolglos zu suchen.
Am nächsten Tag entschuldigte sich Marie bei Peter in einem klärenden Brief und verabschiedete sich von ihm. Vergessen hat sie Peter aber nie.

Die Liaison mit Hans hatte aber keine Zukunft. Seine Frau gebar ihm in der Zwischenzeit einen zweiten Sohn, obwohl die Ehe von ihm angeblich als zerrüttet dargestellt wurde.
Marie verlies darauf die BBC und nahm eine neue Herausforderung in einer Autofirma in Schinznach an. Dieser Schritt war notwendig um die tägliche Begegnung mit Hans zu vermeiden.

Bereits ein halbes Jahr später gab es für Marie aber erneut einen Wechsel. Grossmama Agatha, die herrische Mutter ihrer Mama, erkrankte an Krebs. Bis zu ihrer Krankheit war sie die Haushälterin bei ihrem Sohn Pius, der in Wil im Kanton St. Gallen als Kaplan tätig war. Sie führte das Zepter in der Küche und im Haushalt. Als Priestermutter wurde sie in der Bevölkerung mit hohem Ansehen verehrt. Onkel Pius, der auch Götti von Marie war, brauchte dringend eine Hilfe für seinen Priesterhaushalt, aber auch eine Unterstützung bei der Pflege seiner kranken Mutter. Auf Druck von Mama entschied sich Marie, als 19-jähriges Mädchen und nach reiflicher Überlegung, vorübergehend diese schwierige Aufgabe zu übernehmen. Sicher war es damals eine Entscheidung für einen Neuanfang, weit weg von zuhause.

In der Kaplanei am Hofplatz in Wil war allerhand los. Die christlichen Schäfchen, vor allem ältere Frauen mit und ohne Sorgen besuchten den Herrn Kaplan in seiner Sprechstunde. Am Abend kamen dann meistens die verschiedenen katholischen Jugendvereine in den kleinen Saal im Untergeschoss. Darunter war auch die Jungwacht. Diese Organisation kannte Marie sehr gut. In den vergangenen Jahren nahm sie im Sommer an Jungwachtlagern teil. Onkel Pius als Präsident dieser Knabenschar holte Marie zur Mithilfe in der Küche. Für ihn war sie eine ehrenamtliche Hilfskraft und Marie kam dafür kostenlos zu Ferien in verschiedenen Orten der Schweiz. Mit über 200 Jungwächtern erlebte Marie interessante und kameradschaftliche Wochen in der Natur. Ein Extrazug der SBB brachte die Schar jeweils an ihren Ferienort und durch die gute Vernetzung von Onkel Pius zur Schweizer Armee durften die Militärbaracken als Unterkunft benützt werden.

In dieser Zeit lernte Marie auch die Jugendleiter kennen, die zum Teil im gleichen Alter waren wir sie. Darunter gab es sportliche Burschen die Marie gefallen hätten, aber sie ihnen nicht. Georg, ein etwas klein geratener Jüngling suchte dafür ständig Maries Nähe, was wiederum von ihr nicht erwidert wurde. Da war dann auch noch Michael, Maries späterer Ehemann, der sich ihr nähern wollte. Er war gross gewachsen, ein dunkler Typ mit schwarzen Haaren – ein Südländertyp. Obwohl er ein passabler Bursche war, verspürte Marie keine Schmetterlinge im Bauch und liess auch ihn abblitzen. Mit allen diesen Jünglingen gab es nun in der Kaplanei erneut ein Wiedersehen, ohne dass sich etwas Ernsthaftes angebahnt hätte.
Marie besuchte während ihrer Zeit als Haushälterin bei Onkel Pius die Abend-Handelsschule. Schliesslich sollte die Arbeit im Priesterhaushalt auch wieder einmal ein Ende haben und sie dann bereit sein für eine neue Aufgabe.
Das erste Halbjahr in Wil war sehr streng. Nebst dem vielfältigen Haushalt hatte die Pflege der Grossmutter Priorität. Sie war nach kurzem Spitalaufenthalt bettlägerig nach Hause zurückgekehrt und nahm nun die Pflege ihrer Enkelin gerne entgegen. Die letzten Tage vor ihrem Tod wurde sie von einer Nonne gepflegt und überwacht. In der Kaplanei ging es wöhrend diesen Tagen zu und her wie in einem Bienenhaus. Alle Familienmitglieder, aber auch viele Bekannte aus Wil, wollten sich von Grossmama verabschieden. Nach ihrem Tod besorgte Marie den Haushalt für Onkel Pius noch ein weiteres Vierteljahr bis er eine neue Haushälterin gefunden hatte. Ja, das Jahr in Wil war für Marie finanziell ein Ehrenamt. Dennoch war es eine wertvolle Zeit. Sie lernte einen Haushalt zu führen und konnte sich kaufmännisch weiter bilden.
Zudem konnte Marie ihre Rückkehr in den Kanton Aargau befreit von jeglichen Altlasten in Angriff nehmen.

 

Ja, ich will - ähm ich muss/ Mutterliebe und Alltagsorgen
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5.  Ja, ich will - ähm ich muss/ Mutterliebe und Alltagsorgen

1968 – 1971

Mit grosser Freude nahm Marie, nach ihrem Aufenthalt in Wil, die Anstellung bei einer Bank in Baden an. Weil sie finanziell nicht in der Lage war eine eigene Bleibe zu beziehen, zog Marie wieder bei ihren Eltern ein. Diese waren in der Zwischenzeit vom ländlichen Birr in die Stadt Brugg gezogen. Es erwartete Marie also eine kurze Bahnfahrt von Brugg zur Arbeitsstelle nach Baden. Mitten in der Altstadt bewohnten sie im obersten Stock eines Mehrfamilienhauses eine schöne Wohnung. Mit ihrer älteren Schwester Emma teilte sie ein Zimmer und der Weg zum Bahnhof war ein Katzensprung.

Jeden Tag fuhr Marie nun von Brugg nach Baden zur Arbeit. Nach kurzer Zeit waren ihr die regelmässig mitfahrenden Gesichter im Zugabteil schon richtig heimelig geworden, so auch eine Blondine. Heidi von Wildegg hatte den gleichen Weg wie Marie und vom ersten gegenseitigen Zuwinken ist eine schöne Freundschaft entstanden. Heidi war besorgt, dass Marie jeden Morgen einen Sitzplatz neben ihr bekam und fortan trafen sich die beiden auch zu gemeinsamen Mittagessen in Baden.

Heidi war Zahnarztgehilfin, die Tochter eines Bauunternehmers und wohnte in Wildegg. Sie hatte bereits ein eigenes Auto, was damals für eine junge Frau noch eine Seltenheit war. Mit ihrem weissen VW Käfer unternahm sie mit Marie einige Spritzfahrten. Dann bekamen die planlosen Ausfahrten plötzlich einen bestimmten Grund.
In Wildegg war eine Familie mit einem sportlichen Jüngling eingezogen. Diese Nachricht verbreitete sich in dem kleinen Nest in Windeseile und erreichte auch Heidi. „Diesen muss ich kennen lernen, koste es was es wolle“  sagte sie zu Marie. Also fuhren sie am kommenden Wochenende nach Zürich ins Hallenstadion an die Leichtathletikmeetings. Lorenz, der Sprinter aus Wildegg nahm am Wettkampf teil, unter ferner liefen. Trotzdem erntete er von den beiden angereisten Fans ein tosender Applaus. Nach dem Rennen gratulierten die beiden Lorenz für seinen guten Lauf, aber nur vordergründig. Eigentlich war das persönliche Kennenlernen Heidi viel wichtiger. So reisten Marie und Heidi in den nächsten Wochen stets an die verschiedenen Meetings um Lorenz zu unterstützen, aber vor allem ihm eine Liaison mit Heidi schmackhaft zu machen. Es klappte dann auch wirklich.

Heidi war Maries erste richtige Freundin. Diese einzigartige Freundschaft wurde ihr während der Schuljahre nie gewährt und nun erlebte sie dieses Glück wie ein Traum. Marie und Heidi verbrachten viele schöne Stunden miteinander. Dann heiratete Heidi ihren Lorenz und wurde schon bald Mutter einer Tochter. Sie blieb in Wildegg wohnen und bezog ein schönes Zuhause. Ihre Liebe gehörte nun ihrer Familie. So wurden die Treffen zwischen Marie und Heidi immer seltener bis sie ganz erloschen.

Nach dem Motto, was Heidi kann – kann ich auch, bahnte sich bei Marie ebenfalls eine Bekanntschaft an, die später sogar in der ersten Ehe ausartete.
Michael, der Marie in Wil bei seinen Annäherungen keine Schmetterlinge in den Bauch zauberte, besuchte in Liestal die Grenzwachtschule und hatte sich zu einem Besuch bei ihr angemeldet. Der grosse Mann in der schmucken Uniform war für jede Mutter der ideale Ehemann für ihre Tochter. So war es auch bei Maries Mama, sie himmelte den Bewerber richtig an als wäre sie die Auserwählte.
Michael hatte seine Absicht Marie zu erobern seit der Jungwachtzeit nicht geändert. Er war richtig verliebt in sie und versuchte es nun erneut. Marie fühlte sich nun richtig geschmeichelt. Die Tierchen im Bauch fehlten zwar immer noch, aber sie glaubte dass die Viecher den Landeplatz doch noch finden und die Liebe einimpfen werden.

Nach Maries erster Jugendliebe mit Peter gab es keine ebenbürtige Freundschaft mehr. Sie vergnügte sich mit ihrer Schwester Anna an verschiedenen Anlässen. Leider stand Marie immer im zweiten Glied. Wo die beiden auftauchten angelte Anna stets den besten Mann. Um mit ihrer Schönheit dem männlichen Wesen den Kopf zu verdrehen trug sie stets Schuhe mit hohen Absätzen und stolzierte mit wippenden Hüften auf die Tanzfläche. Ihre zierliche Figur und die langen Haare waren auf jedem Fest ein Anziehungspunkt. Sie wurde deshalb immer als erste zum Tanz aufgefordert. Manchmal war Marie traurig, dass sie erst als Notnagel die Bühne betreten konnte.
Ja, Marie war halt nicht gerade ein Männerschwarm, sie war gross und trug stets flache Schuhe. Dementsprechend war ihr Gang nicht wippend sondern eher berggängig. Wäre aber Unterhaltsamkeit und Wissen ausschlaggebend gewesen hätte Marie gepunktet. Leider ist aber Intelligenz nicht sichtbar und nicht gefragt bei den meisten Männern, konstatierte Marie.

Nun hatte sich aber Michael in Marie verguckt und liebte sie bedingungslos. Was wollte sie noch mehr? Er sah gut aus, hatte ein sicheres Einkommen als Bundesbeamter, also eine gute Wahl. Nach einer kurzen Bekanntschaft feierten Marie und Michael Verlobung. Die voreilige Schwangerschaft zwang die beiden dann die Heirat früher als geplant zu vollziehen. Im September 1968 heiratete Marie, ganz in weiss, so wie es Roy Black – ihr Lieblingssänger gesungen hatte, im Kapuzinerkloster in Wil ihren Michael. Ihr Götti Pius traute sie in Anwesenheit aller Familienmitglieder.

Michael als Grenzwachtaspirant war im zürcherischen Rafz tätig und wartete auf eine Festanstellung im Frühjahr 1969. Damit die beiden nicht zweimal in kurzer Zeit den Wohnort wechseln mussten, bezogen sie ihre erste gemeinsame Bleibe in Brugg. Michael kam zwei Tage die Woche heim und die restliche Zeit logierte er in Rafz. Seine Arbeit im Viertelstundentakt, bei Tag und Nacht erlaubten keine grössere Präsenzzeit zuhause.
Wie es damals Brauch war und von Michael auch gewünscht, beendete Marie mit ihrer Heirat die Arbeitsstelle in der Bank in Baden. Zukünftig sollte sie sich dem biederen Leben als Ehefrau und später als Mutter widmen.
Eine unvernünftige und unüberlegte Entscheidung. Schon kurz nach der Heirat gab es erste Probleme. Der geringe Aspiranten Lohn von Michael liess keine grossen Sprünge zu, obwohl Marie Erfahrung hatte im Umgang mit einem sparsamen Haushalt. In Brugg hatten die beiden eine kleine Wohnung zu bezahlen und in Rafz eine Bundesunterkunft. Die Eltern um Hilfe bitten wollte Marie nicht und der Allgemeinheit auf der Tasche liegen schon gar nicht. Also entschloss sie sich einer befristeten Arbeit nach zu gehen um mitzuhelfen die Finanzen im Lot zu behalten. Bereits im Oktober fand Marie eine Textilfirma in Windisch die bereit war sie einzustellen. Dort wurden Büstenhalter für die modische Dame hergestellt. Die Arbeit entsprach zwar nicht Maries beruflichen Fähigkeiten, aber als schwangere Frau im fünften Monat wurde sie nicht überhäuft mit besseren Angeboten.
Diese Arbeitsstelle brachte Marie Glück auf persönlicher Ebene die sie nie vergessen wird. Unmittelbar neben Maries Arbeitsstelle in Windisch lebte ihre Grossmama Anna Huber, die Mutter von Papa.
Marie lernte sie erst mit acht Jahren kennen, als sie ihre Familie in Widnau besuchte. Lag es am weiten Weg? Oder waren andere Probleme Grund für ihr langes Fernbleiben bei ihren Enkeln? Eine diesbezügliche Aufklärung durch ihre Eltern fand nie statt.
Als Grossmamas erster Besuch angesagt wurde freuten sich die Enkel riesig, waren aber auch neugierig. Ihr Nachname Huber machte die Enkel  etwas unsicher. 
Warum heisst unsere Grossmama nicht Chevalier wie wir?

Auf dem Schulatlas machten Marie und Emma sich geistig auf den langen Weg, den ihre Grossmama zurücklegen musste bis zu ihnen nach Widnau.
Von ihrem Häuschen, direkt an der Reuss, in Windisch musste sie zu Fuss eine gute Stunde bis zum Bahnhof Brugg laufen. Mit der Bahn führte ihr Weg dann nach Zürich, wo sie umsteigen musste. Die Weiterfahrt, nach einem langen Aufenthalt, endete in St. Gallen und nach einem weiteren Umsteigen erreichte sie Heerbrugg. Sie war also mehrere Stunden unterwegs und erst noch in der Holzklasse der SBB.

Dann war der Tag gekommen. Papa holte seine Mutter mit den drei ältesten Töchtern am Bahnhof ab. Voller Erwartung standen sie auf dem Perron, als die Bahn quietschend anhielt. Der Zugbegleiter mit seiner roten Ledertasche öffnete die Türe und über drei steile Treppentritte stieg eine elegante, kleine Dame aus dem Zug.
Papa ging auf seine Mutter zu und begrüsste sie herzlich. Emma, Marie und Anna marschierten ehrfurchtsvoll zu der noch fremden Dame. Sie stellten sich vor und waren entsetzt. Grossmama küsste die Mädchen zur Begrüssung. Diese Geste war in Widnau nicht gebräuchlich. Marie war sofort angetan von  Grossmamas Ausstrahlung. Sie passte irgendwie nicht ins Schema der Widnauer. Zudem sprach sie hochdeutsch, sie war eine gebürtige Deutsche aus Karlsruhe.

In den ersten Tagen ihres Besuches weihte die Grossmama ihre Enkel in das Geheimnis Huber/Chevalier ein.
Mit ihrem ersten Ehemann Arthur Chevalier hatte sie sechs Kinder. Er starb sehr früh und so wurden vier Kinder in Pflegefamilien gross gezogen. Papa als ältester und seine Schwester Pauline als zweitälteste blieben bei ihrer Mutter. Nach dem Maurice und Pauline erwachsen waren und auszogen heiratete sie ihren zweiten Mann Huber. Mit ihm zog sie nach Windisch in das kleine Häuschen an der Reuss, wo sie auch nach seinem Tode wohnhaft blieb. Es war mäuschenstille in der Stube als sich Grossmama ihren Enkeln erklärte. Endlich löste sich das Rätsel mit den beiden Nachnamen.
Ja, Maries Eltern waren nicht gerade kommunikativ im Umgang mit ihren Kindern.

Marie entging es nicht, dass Grossmama Anna, so nannten sie die Enkel, zuhause nicht willkommen war. Mama und ihre Mutter benahmen sich sehr abweisend. Den Enkeln hingegen war sie in kurzer Zeit ans Herz gewachsen. Sie mochten sie sehr gerne und lasen ihr jeden Wunsch von den Augen ab.
Grossmama Anna liebte ihre Enkel ebenfalls und verbrachte viel Zeit mit ihnen. Den Kinder lernte sie neue Spiele und machte sie mit der deutschen Küche bekannt. Die Enkel sassen jeweils rund um den Küchentisch, wenn Grossmama ihre selbstgemachten Dampfnudeln auswallte. Sie durften sogar selber Hand anlegen bei der Zubereitung, das war einfach Spitze.
Mama hingegen konnte den Kochkünsten von Grossmama nichts abgewinnen. War es Eifersucht oder allgemeine Abneigung? Marie war damals zu jung um dieses Rätsel zu lösen.
Was sie aber ärgerte, Grossmama Anna war nicht willkommen. Nach ihrer Abreise aus Widnau gab es keinen Besuch mehr von ihr. Papa hatte nur noch schriftlichen Kontakt zu ihr.

Nach dem Umzug von Maries Familie nach Birr waren sie nun in Grossmamas Nähe. Aber ausser Papa besuchte sie selten ein Familienmitglied. Sie war für ihre Enkel in der Zwischenzeit wieder fremd geworden und eine Aufmunterung durch ihre Eltern hat nie stattgefunden.

Dies änderte sich nun mit Maries neuer Arbeitsstelle in Windisch. Morgens und abends ging Marie zu Fuss zur Arbeit, ein öffentlicher Bus gab es nicht und ein Velo hatte sie nicht. Über Mittag blieb ihr die Möglichkeit in der Betriebskantine zu essen.
Nach einer Woche nahm Marie ihren ganzen Mut zusammen und klopfte bei ihrer Grossmama Anna an. Nervös stand sie vor der Haustüre und hatte Angst, dass sie nach den vielen Jahren, wo sie sich nicht um sie gekümmert hatte, nicht willkommen sein würde. Marie erlebte das Gegenteil, Grossmama umarmte und küsste sie wie damals bei ihrem ersten Besuch in Widnau. Marie freute sich riesig.

Ihr Häuschen war sehr klein, nebst der Schlafkammer gab es nur noch einen Raum; das Wohnzimmer und die Küche flossen ineinander. Alles war sehr niedrig und dunkel. Aber wenn Grossmama sprach erhellte sie mit ihrer lieblichen Stimme den ganzen Raum. Marie fühlte sich wohl bei ihr und als Grossmama erfuhr, dass sie nebenan arbeitete freute sie sich. Sie lud Marie sofort ein künftig das Mittagessen bei ihr einzunehmen. So verbrachte Marie die Mittagszeit fortan bei ihrer Grossmama und war überwältigt mit welcher Hingabe sie jeden Tag auf ihrem Holzofen eine einfache Mahlzeit zubereitete. Grossmama war glücklich dass sich Marie bei ihr wohlfühlte – und Marie war glücklich dass sie nicht nachtragend war.

Der Winter wurde sehr hart, viel Schnee und eisige Kälte erschwerten Marie die langen Fussmärsche zur Arbeit und zurück. Aber das Bewusstsein, am Mittag mit Grossmama Anna essen zu können, entschädigte sie für die Strapazen. Grossmama Anna war stets besorgt, dass es immer schön warm war, damit Marie nicht fror und freute sich riesig, dass sie die Schwangerschaft von Marie hautnah miterleben durfte.

Ende Januar hörte die Arbeitszeit für Marie in Windisch auf. Sie versprach Grossmama Anna nach der Geburt ihr den Urenkel vorzustellen.
Am 24. Februar 1969 gebar Marie ihren ersten Sohn, Patrick. Nur ein Monat später wurde Michael als Grenzwächter nach Kreuzlingen versetzt und damit war auch Maries Umzug ans andere Ende der Schweiz klar. Bevor sie aber wegzog besuchte sie nochmals ihre Grossmama Anna und legte ihr ihren Urenkel in die Armen. Ein bewegender Moment für Grossmama und Marie. Bei der Verabschiedung war beiden bewusst, dass sie sich nun eine Weile nicht mehr sehen würden.
Leider war es dann der letzte Besuch gewesen. Kurze Zeit später starb ihre liebe Grossmama Anna. Sie bleibt Marie in ewiger Erinnerung als elegante Dame beim ersten Besuch und als liebenswürdige Grossmama und Urgrossmama beim Abschied.

Die letzten beiden Wochen vor der Geburt ihres ersten Kindes übernachtete Marie bei ihren Eltern, weil Michael mehrheitlich abwesend war. Sie hatte sich aus praktischen Gründen für diesen Weg entschieden. Sie konnte so ihre Unsicherheit vor der nahenden Geburt etwas eindämmen und zudem hatte ihre Mutter vielfache Erfahrung im Gebären die ihr hilfreich sein könnten. Am Abend des 23. Februar gegen neun Uhr setzten die Wehen ein. Marie lag in der Stube auf dem Sofa und wartete bis die Wehen im  Fünfminutentakt kamen. So wurde sie von ihrer Frauenärztin vorbereitet. Also blieb sie ruhig im Gegensatz zu ihrer Mutter. Nervös und ungeduldig versuchte sie Michael in Rafz zu erreichen, ohne Erfolg. Kurz nach Mitternacht begleitete Mama Marie im Taxi ins Bezirksspital Brugg. An der Rezeption gab sie Marie und ihren Koffer ab, mit den Worten: „Machs guet.“
Bevor Marie alles realisierte war sie weg und sie war allein.
Eine Pflegerin holte Marie ab und brachte sie in ein Zimmer, heute würde man Abstellkammer sagen. Mitten im Raum stand ein Bett und an der Wand eine Kommode mit medizinischen Utensilien. Die Pflegerin gab Marie ein Spitalhemd und sagte: „Legen sie sich hin, ich komme später wieder vorbei.“ Die Tür fiel ins Schloss und Marie war wieder allein.
Allein mit ihren Schmerzen und allein mit ihren Sorgen ob alles gut geht.
Gegen ein Uhr nachts läutete Marie weil die Wehen nun laufend einsetzten. Die Hebamme schaute kurz zur Türe herein und meinte: „Das erste Kind braucht immer länger, machen sie sich keine Sorgen.“ Und schon war sie wieder weg. Eine weitere Stunde verging, Marie war immer noch alleine und hatte nebst den Schmerzen riesigen Durst. Wieder läutete sie. Die Hebamme kam erneut vorbei, schaute diesmal die Veränderung am Muttermund an und dann gab es plötzlich eine Hektik. Das Bett wurde in den Gebärsaal geschoben, wo bereits zwei weitere Frauen kurz vor der Geburt standen. Nur durch einen Vorhang getrennt, hörte Marie die Schmerzensschreie einer Italienerin: Mama mia, Mama mia, tönte es in allen Tonlagen.
Die beiden neben Marie gebärenden Frauen wurden von ihren Männern unterstützt, liebkost und nach der Geburt gelobt und beglückwünscht. Marie musste alles mithören, obwohl sie mit sich selber genug beschäftigt war. Alleine mit der Hebamme brachte Marie um 02.50 Uhr am
24. Februar 1969 ihren ersten Sohn Patrick auf die Welt. Er war 53 Zentimeter lang und wog 3.9 Kilo. Ihre grosse Freude, einen gesunden Jungen geboren zu haben, war aber getrübt durch den Umstand, dass niemand anwesend war der die Freude mit ihr teilte. Gegen Mittag kam dann Michael auf Besuch. Er war sichtlich stolz und hatte Freude.

In den nächsten Tagen erlebte Marie eine weitere Niederlage. Sie konnte nicht stillen und musste Patrick von Anfang an mit dem Schoppen ernähren.
Wie habe ich das verdient? Was habe ich falsch gemacht?
Diese Gedanken plagten Marie, weil die Kinderschwestern immer wieder betonten, dass Muttermilch durch nichts zu ersetzen sei. Maries Zimmernachbarin, eine junge Bäuerin, hatte Milch im Überfluss. Also wurde der Schoppen für Patrick mit der abgepumpten Muttermilch dieser Frau gefüllt. Nach einer Woche kehrte Marie mit ihrem Jungen nach Hause. Die grossen Erfahrungen aus ihrer Kindheit kamen ihr nun zum Vorteil und den Rest an Ratschlägen erteilte ihr Mama, auch ungefragt.

Ende März zog die junge Familie in den Thurgau. Michael trat nun beim Zollamt Kreuzlingen seine  Festanstellung an. Patrick als fünf Wochen altes Kleinkind tauften sie am letzten Sonntag vor ihrer Abreise in Brugg.

Mit drei Monaten bereitete Patrick seiner Mama die ersten grossen Sorgen. Er hatte einen Leistenbruch und musste operiert werden. Im Kantonsspital Münsterlingen herrschte die gleiche kalte Atmosphäre wie im Bezirksspital Brugg. Beim Treppenaufgang zum Empfang kam Marie die Kinderschwester entgegen und nahm ihr den Jungen weg. Lieblos verschwand sie mit dem kleinen Bündel hinter einer Türe. Zwischen Tür und Angel wandte sie sich noch an Marie: „Sie können sich morgen Nachmittag erkundigen wie die Operation verlaufen ist.“ Dann war sie weg und Marie stand verdutzt und traurig im Gang. Sie konnte sich nicht einmal von Patrick verabschieden.
Ein weiteres Mal fühlte sich Marie total alleine gelassen.
Bei ihren täglichen Besuchen im Spital konnte Marie ihren Kleinen nur durch ein Glasfenster in seinem Bettchen betrachten. Dann nach acht Tagen durfte sie ihren Liebling wieder heimholen.

In Kreuzlingen hatte sich die junge Familie schnell eingelebt. Die Wohnung im ersten Stock eines Mehrfamilienhauses war komfortabel, es schien alles in Ordnung zu sein. Marie hatte ihr neues Heim vor ihrem Einzug aber nie gesehen. Michael hatte der Wohnung nur über Auskünfte von Arbeitskollegen zugesagt.
Michael gefiel die unregelmässige Arbeitszeit bei der Grenzwache und Marie war mit ihrem kleinen Sohn beschäftigt. Ein kleiner Wermutstropfen erlebte Marie einzig mit den Bewohnern des Mehrfamilienhauses. Schnell stellte sie fest, dass unter den verschiedenen Familien ziemlich Unfrieden herrschte und sie als Neuling von den jeweiligen Parteien gerne mit hineingezogen worden wäre. Diese Intrigen weiteten sich dann unweigerlich auch auf die neu zugezogene Familie aus.
Marie ging wie jeden Tag, mit Patrick auf dem Arm, hinunter in den Abstellraum wo sie ihren Kinderwagen holte. Im Raum waren auf einer Seite Velos abgestellt und auf der anderen Seite zwei Kinderwagen. Also es hatte genügend Platz für alle abgestellten Sachen. Als sie an diesem Morgen heimkehrte vom Spaziergang stand eine Frau im Abstellraum und diskutierte mit der Hauswartin. Marie grüsste die beiden Damen, stellte ihren Kinderwagen ab und wollte die Treppe hoch gehen.
Dann beschwerte sich die Hauswartin bei Marie, dass sie den Kinderwagen der ebenfalls anwesenden Frau weggeschoben hätte. Marie verteidigte sich, dass sie den fremden Kinderwagen nie angelangt habe, zudem sei ja jede Menge Platz vorhanden ohne etwas verschieben zu müssen. Marie ging in ihre Wohnung und glaubte die Angelegenheit sei erledigt.
Nach dem Abendessen klingelte es an Maries Wohnungstüre. Als sie öffnete stand ein kräftiger Mann auf der Schwelle und brüllte gleich los: „Wenn sie noch einmal meine Frau beleidigen, haue ich ihnen eine runter.“        
Marie erschrak, entgegnete aber ruhig: „Ich kenne ihre Frau gar nicht. Zudem habe ich niemanden im Haus beleidigt.“
Der ungehobelte Kerl betitelte Marie sofort als Lügnerin und holte mit seiner rechten Hand zum Schlag aus.
Marie trat reflexartig ein Schritt zurück, schmetterte dann die Türe zu und verriegelte sie.
Was war denn das? Wer ist dieser Kerl und um welche Frau handelt es sich?“

Marie war entsetzt über diesen Zwischenfall und erzählte die erlebte Story Michael nach seiner Rückkehr von der Arbeit. Eine Intervention war im Moment nicht möglich, kannten sie die betroffenen Personen gar nicht. Sie beschlossen daher nichts zu unternehmen, falls sich dieser Auftritt nicht wiederholen würde.
Am nächsten Morgen wartete die Nachbarin auf dem gleichen Stockwerk auf die Rückkehr von Marie vom Spaziergang. Sie hatte am Vorabend den Tumult im Hausgang durch den Spion ihrer Wohnungstüre gesehen und den Lärm gehört. Sie klärte Marie auf, wer der Kerl war und welche Frau dahintersteckte. Sie mahnte Marie sich in Acht zu nehmen, da sich im Hause zwei Parteien gegenseitig das Leben vermiesen würden. Die Frau mit dem besagten Kinderwagen sei bekannt für ihre Intrigen und werde unterstützt von der Hauswartin.
Also doch dachte Marie, meine heimlichen Befürchtungen stimmen also.
Sie bedankte sich bei der Nachbarin für die Aufklärung und ging ohne weitere Diskussion in ihre Wohnung zurück. Für Marie war aber klar, in diesem Haus bleibe ich nicht.
So zog die junge Familie bereits nach einem Jahr wieder aus. Mitten in der Stadt fanden sie eine schöne Vierzimmerwohnung in einem Altbau. Gleichzeitig übernahmen sie die Hauswartung, was ihnen auch noch ein willkommenes Zusatzeinkommen bescherte.

Zwei Jahre später meldete sich weiteren Nachwuchs an. Die Schwangerschaft verlief bis zum achten Monat problemlos und die Niederkunft sollte im Oktober 1971 sein.
Am Sonntagmorgen 5. September bemerkte Marie plötzlich den Verlust von Fruchtwasser und nach Rücksprache mit dem Spital musste sie sofort in die Klinik kommen. Mit einem Taxi liess sich Marie nach Münsterlingen fahren. Michael blieb bei Patrick zuhause bis seine Eltern aus Wil eintrafen. Zudem hatte Michael noch Nachtdienst und brauchte seine vorgängige Ruhezeit, sagte er.

Marie stand also erneut alleine vor dem Empfang im Spital mit dem Koffer in der Hand.
Die Pflegerin erschien und statt eines verständnisvollen Wortes zum Eintritt schnauzte sie Marie an: „Geben sie mir den Koffer, sie dürfen doch keine Last tragen, wenn die Fruchtblase geplatzt ist.“ Marie hatte sich das Willkommen anders vorgestellt.
Die nächsten Stunden waren eine Tortur. Ins Bett verdonnert musste sie Untersuchungen am laufenden Band über sich ergehen lassen. Als der Chefarzt persönlich vor ihr Bett trat, wurde ihr die ernste Lage bewusst in der sie sich befand. Dieser erklärte ihr, dass ein Achtmonatskinds als Frühchen sehr gefährdet sei. Zudem sei kein Fruchtwasser mehr vorhanden, sodass ihr Baby auf dem Trockenen liege. Es wurden bereits grosse Vorbereitungen für diese Geburt getätigt, auch ein Brutkasten wurde vorbereitet.
Am Abend wurde versucht medikamentös die Wehen einzuleiten, was nicht gelang. Zwischen den ärztlichen Besuchen war Marie immer alleine im Zimmer.
Alleine mit ihren grossen Sorgen.
Michael war wieder bei der Arbeit und wollte später kommen. Nach ihren schlechten Erfahrungen, bereitete sich Marie bereits auf eine weitere Geburt ohne Ehemann – also allein – vor. Nach Mitternacht erfolgte ein zweiter Versuch die Wehen zu aktivieren, diesmal mit Erfolg. Etwas später setzten die Wehen ein und gegen vier Uhr morgens verlegten sie Marie in den Gebärsaal. In einer Boxe wartete sie nun mit der Hebamme auf die letzten Presswehen.
Dann, ganz oben in der Ecke am Fenster erblickte Marie eine grosse schwarze Spinne. Nebst den Wehen musste sie nun auch noch dieses Tierchen in Kontrolle halten. Ja, Marie ekelte sich vor Spinnen und nun musste sie sich gerade in diesem ungünstigen Moment auf so ein Biest konzentrieren.
Kurz bevor Daniel von seiner Nabelschnur getrennt wurde kam Michael in einem grünen Ärztekittel ans Bett. Er erlebte gerade noch wie ihr jüngster Spross an den Füssen hoch gehalten wurde und einen Klaps bekam damit er anfing zu schreien.

Daniel war alles andere als ein schönes Baby. Auf dem Kopf klebte eine undefinierbare Schicht, statt Haare. Der Schreck über diesen ungewohnten Anblick bemerkte die Hebamme und tröstete Marie: Ihr Sohn ist ein Frühchen und hat noch die Eierschale am Kopf. Dies löst sich in den nächsten Tagen selber ab.“ Marie war erleichtert und drückte ihren Liebling fest an die Brust. Daniel war nur 48 Zentimeter lang und 2.9 Kilo schwer. Das Köpfchen war so klein, dass die kleinste Kappe mit Watte gefüllt werden musste. In den ersten zwei Wochen hatte Daniel noch mit der Gelbsucht zu kämpfen, ebenfalls ein Mitbringsel als Frühchen. Wie bereits bei Patrick schöppelte Marie Daniel vom ersten Tag an und auch hier wurde fremde Muttermilch besorgt.

Zuhause entwickelte sich das Sorgenkind in Windeseile zu einem strammen Buben. Einzig die Haare liessen länger auf sich warten, der leichte Flaum wollte einer schönen Haarpracht keinen Platz machen. Dafür konnte Daniel bereits als Einjähriger laufen und viele Worte sprechen. Nach kurzer Zeit übernahm er im Kinderzimmer das Zepter und der zwei Jahre ältere Bruder musste sich immer mehr zur Wehr setzen.

Ja, Marie erlebte eine fantastische Zeit mit ihren beiden Söhnen, die sie nie missen möchte. Täglich war sie im Freien, auf dem Spielplatz oder beim Wasserbecken im Seeburgpark anzutreffen. Patrick war immer besorgt, dass seine Hosen nicht schmutzig wurden. Daniel hingegen kannte diesbezüglich keine Grenzen, seine Hosentaschen mussten zuhause immer von allerlei lebendigen, oder besser gesagt halbtoten Käfern und Heuschrecken gesäubert werden.

Marie und Michael waren Eltern mit viel Freude an den beiden Söhnen. Nur die Erziehung und Aufsicht der Buben blieb ausschliesslich an Marie hängen. Michael entschuldigte seine sparsame Zeit die er mit seinen Jungen verbrachte stets mit der grossen Belastung als Grenzwächter mit unregelmässigen Diensten.

Familie und Beruf/ Erste Schuljahre der Söhne
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6.  Familie und Beruf/ Erste Schuljahre der Söhne

1971 – 1978
1971 war für Marie ein ereignisreiches Jahr. Im September wurde ihr Sohn Daniel geboren und bereits im Dezember wurde ihr Wunsch vom Büroleben erfüllt. Seit ihrer unüberlegten Kündigung der Arbeitsstelle vor ihrer Heirat vermisste Marie die Bürotätigkeit. Darum kam es ihr gelegen, dass sich ein deutscher Versandhandel in Kreuzlingen niederliess. Diese suchten eine Bürohilfskraft mit sehr guten Schreibmaschinenkenntnissen, welche die täglichen Bestellungseingänge selbständig bearbeiten konnte, und dies zuhause in Heimarbeit.

Marie bewarb sich sofort ohne vorher Michael zu fragen. Seine ablehnende Haltung gegenüber einer arbeitenden Gattin kannte sie. Beim Vorstellungsgespräch wurde ihr klar, dass sie eine unter vielen Bewerberinnen war. Trotzdem glaubte sie fest daran, dass sie den Job erhalten würde. So war es denn auch. Bereits eine Woche später bekam Marie die Zusage, mit Beginn des Handels am 1.1.1972 zu starten. Diese Tätigkeit konnte Marie sehr gut in den Alltagstrott integrieren, ohne dass ihre beiden Buben auf irgendeine Annehmlichkeit verzichten mussten. Einzig Michael war am Anfang etwas verschnupft, weil er sich in seinem männlichen Stolz verletzt sah. Die Frauen seiner Arbeitskollegen arbeiteten nicht und so glaubte er auch, dass eine Frau an den Herd gehört und nicht in die Wirtschaft.
Marie verrichtete ihre Büroarbeiten gerne am Abend wenn Ruhe einkehrte und war glücklich mit dieser neuen Aufgabe. Die Arbeiten wiederholten sich täglich und waren nicht gerade hochstehend, dafür konnte sie aber Ende Monat ein anständiges Salär in Empfang nehmen. So war es Michael und Marie möglich das Autofahren zu erlernen und etwas später sogar ein Auto zu kaufen. Von nun an erlaubten sie sich gemeinsam in die Ferien zu fahren.

1975 zog Michael mit seiner Familie in eine neue Wohnung. Die Zollverwaltung baute direkt an der Grenze zu Deutschland ein grosses Mehrfamilienhaus für ihre Angestellten. Eine komfortable Wohnung in diesem Gebäude wurde zum neuen Heim der kleinen Familie. Für Michael war die Grenznähe besonders ideal, hatte er nur noch wenige Schritte bis zu seinem Tätigkeitsfeld.
Dem Glück stand nichts mehr im Wege; zwei tolle Jungs, ein schönes Zuhause und jährlich gemeinsame Ferien.
In der Überbauung lernte Marie auch Familien mit gleichaltrigen Kindern kennen, was hilfreich für sie war, aber vor allem gut für die beiden Buben, sie hatten nun Spielkameraden. Die Motivation einer Nachbarin veranlasste Marie dem Damenturnverein beizutreten. Jeden Dienstagabend genoss sie ein paar Stunden ohne Familie und ohne Büroarbeit. Sie liebte das Turnen an den Geräten, aber auch die verschiedenen Ballspiele. Herrlich fand sie auch der anschliessende Umtrunk, wo die Turnerinnen in einem Stammlokal lustige Stunden verbrachten.

Mit fünf Jahren musste Patrick in den Kindergarten. Rund zwanzig Minuten Fussweg musste er zurücklegen und erst noch eine Unterführung bei der Bahn passieren. Aber nach einer Woche in Begleitung von seiner Mama war es für ihn normale Selbstverständlichkeit.                                 Heute würde der lange Schulweg und die Nähe zur Eisenbahn einem Kind nicht mehr zugemutet. Die Mutter würde den Taxidienst übernehmen oder die Schule müsste einen Schulbus organisieren.
Patrick, der Sommer und Winter diesen Weg zurücklegte, kannte nichts anderes und trug auch keinen Schaden davon. Im Gegenteil der Schulweg war eine tolle Erfahrung mit seinen Kameraden. Nach zwei Jahren Kindergarten erwartete ihn die Primarschule und damit erweiterte sich auch sein Schulweg auf eine halbe Stunde Fussmarsch. Gleichzeitig wurde auch Daniel neu in den Kindergarten eingeschult. Ihn erwarteten die gleichen Abläufe wie bei seinem älteren Bruder. Auch mit Daniel erlebte Marie keinerlei Probleme. Ganz ungewohnt hatte Marie nun eine sturmfreie Bude. Anfangs waren es nur zwei Stunden pro Tag, wo sie alleine bestimmen konnte was sie unternehmen wollte. Ein tolles Gefühl!

In dieser Zeit reifte in Marie der Gedanke, eine Teilzeitstelle in einem Büro zu suchen um die Atmosphäre zwischen Schreibtisch, Telefon und technischen Apparaten zu spüren. Die momentane Heimarbeit im Wohnzimmer machte sie nach wie vor gerne, aber sie würde diese gerne eintauschen für einen Sitz in einem offiziellen Büro. Sie vermisste den Bürogeruch, das Rattern der verschiedenen Geräte und das Klingeln des Telefons. Aber auch den gelegentlichen Schwatz mit Bürokollegen fehlte ihr. Schon bald ging Maries Wunsch in Erfüllung. Das Elektrizitätswerk der Stadt suchte eine Büroangestellte in einem 50% Verhältnis. Das Vorstellungsgespräch brachte ihr Glück und die Anstellung war perfekt. Zwei Monate später fing Marie die Arbeit in der Administration an und teilte mit zwei weiteren Kolleginnen ein Büro.
Michael sah dieser Veränderung nicht gerade Wohlwollend entgegen. Er hätte sich gewünscht, dass sie weiterhin zuhause anonym gearbeitet  hätte. Mit der Arbeit ausser Haus wurde es nun öffentlich, dass seine Frau einer Arbeit nach ging und dies passte Michael nicht. Seine Arbeitskollegen beim Zoll unterstützten ihn bei seiner altmodischen Ansicht, dass eine Frau nach Hause gehört. Marie waren die anschliessenden Pöbeleien durch Michaels Arbeitskollegen egal. Solange ihre Familie unter ihrer Abwesenheit nicht zu leiden hatte, stimmte für sie ihr Entscheid.

Die anspruchsvolle Tätigkeit im Elektrizitätswerg weckte auch Maries Selbstvertrauen. Mit grossem Einsatz und viel Freude übte sie die Arbeit aus und schon bald wurden ihr immer mehr Aufgaben zugeteilt. Sie fühlte sich rundum glücklich. Mit etwas Verspätung verstand dann auch Michael den Entscheid von Marie und würdigte ihren beruflichen Wiedereinstieg. Die beide waren sich nun einig: Ein gutes Familienleben, zwei gesunde Buben – wenn auch manchmal richtige Bengel -, interessante und gut bezahlte Jobs und ein schönes Zuhause zu haben. Was wollten sie noch mehr?
Allerdings war sich Marie schon bald nicht mehr sicher ob Michael alles so rosarot sah. Er war ein introvertierter Typ und äusserte sich nur nach langem Hinterfragen. Jeder Auseinandersetzung ging er aus dem Weg. Seine ganze Welt war der Zoll und in der Freizeit das Schiessen im Schützenverein. Er hatte keine wirklichen Freunde, nur seine Berufskollegen. Deshalb verbrachte er die meiste Freizeit zuhause in den eigenen vier Wänden und zog an seiner Backpfeife. Die wenigen gemeinsamen Auftritte von Marie und Michael in der Stadt wurden aber als Bilderbuchehe qualifiziert.

Diese familiäre Idylle endete 1979 jäh.

 

Verbotene Liebe/ Gratwanderung Ehemann-Geliebter/ Schuldspruch "Ehebrecherin"
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7.  Verbotene Liebe/ Gratwanderung Ehemann-Geliebter/ Schuldspruch "Ehebrecherin"

1979
Marie war eine äusserst pflichtbewusste Turnerin. Das Schwänzen einer Turnstunde kam für sie nicht in Frage und Ende Jahr wurde sie jeweils für null Absenzen mit einem Silberlöffel geehrt. Nebenbei nahmen die Turnerinnen aktiv am kulturellen Leben der Stadt teil. So bereicherten sie jeweils den jährlichen Fastnachtumzug in der Stadt mit einem eigenen Fastnachtwagen.

Anfangs Januar 1979 war Marie mit ihren Kolleginnen beschäftigt den seit letztem Herbst im Bau befindlichen Umzugswagen fertigzustellen. In einer grossen Scheune verbrachten sie viele Abende um das Vehikel dekorativ und fahrbereit auszustatten. Kontrolliert und überwacht wurden die Arbeiten von der Bodanesen Clique, die in der Stadt Fastnachtorganisator war. Als Bauchef dieser Gruppe amtete Christian, er war also unser Ansprechpartner. Als Handwerker gab er uns gute Ratschläge und Typs. Er war aber auch nicht abgeneigt mit den Frauen lustige Anekdoten auszutauschen. Ja, die Turnerinnen waren nicht nur eine speditive Arbeitsgemeinschaft, sondern auch eine fröhliche Frauenrunde. Am Fastnachtsonntag brillierten die Turnerinnen mit ihren Sujet, dem vier Meter hohen „Einfrankenstück“ der den hohen Schweizer Franken auf die Schippe nahm. Ihre gut trainierten Körper kleideten die Frauen in selbst gebastelte Kostüme. Schwarze Strumpfhosen und Rollkragenpullis gaben dem roten Cape eine edle Note und aus einem mitgebrachten Korb verteilten sie Schweizer Schokoladetaler.
In dieser heiteren und gut gelaunten Stimmung unterhielt sich Marie mit Bauchef Christian erstmals privat. In seinem blauen Bodanesenmantel und der Narrenkappe strahlte er ein weltmännisches Auftreten aus. Bisher kannte sie ihn ja nur in der blauen Handwerkeruniform. Marie fühlte sich wohl in seiner Nähe und sie verstanden sich sehr gut. Diese Harmonie stellte Marie aber auch bei ihren Turnkolleginnen fest, also alles im grünen Bereich.
Zur Kreuzlinger Fastnacht gehörte eine Woche später auch der traditionelle Bodanesenball. Diese heiteren Stunden verpassten die Turnerinnen nie, auch in jenem Jahr nicht. Gemeinsam führten sie nochmals ihre rassigen Fastnachtskostüme aus. Schnell war die Frauengruppe Mittelpunkt im Saal und beim Singen, Schunkeln und Tanzen waren sie begehrte Partnerinnen. In lockerer Atmosphäre wurde Marie von Christian zum Tanz auf die Bühne gebeten. Ja, er war nicht nur ein guter Handwerker, tanzen konnte er auch schwungvoll. Statt Marie an den Platz zurück zu führen, offerierte er ihr einen Drink an der Bar. Den Rest der Nacht verbrachten sie zusammen, beim Tanzen und auf dem Barhocker. Sie lernten gegenseitig die Identität des anderen kennen. Bis anhin beschränkte sich ihre Bekanntschaft nur auf die Fastnachtaktivitäten. Gegen Morgen hatte Marie ihre letzte Aufgabe zu erfüllen, die nicht mobilen Turnerinnen nach Hause zu fahren. Ja, ihre Kolleginnen hatten grosses Vertrauen zu ihr. Sie wussten dass Marie alle heil nach Hause bringen würde. Marie trank nämlich kein Alkohol. Zuerst verabschiedete sich Marie noch von Christian, mit einer Einladung von ihm im Gepäck.

Zuhause fand Marie für die restlichen Stunden der Nacht keinen Schlaf mehr. Ständig musste sie an Christian denken und was sie mit Michael nie erlebt hatte; Schmetterlinge flatterten in ihrem Bauch.
Bin ich etwa verliebt? Nein, nein, ich habe eine Familie redete sie sich ins Gewissen.

Am nächsten Dienstag ging Marie wie gewohnt zum Turnen. Statt wie immer mit den Frauen zum Schlummertrunk zu gehen, entschuldigte sie ihr Fernbleiben mit einer Notlüge. Mit ihrem ockergelben Opel Ascona für sie zum Treffpunkt mit Christian. Er stand bereits vor seinem Auto und wartete auf sie. Eigentlich hätten bei Marie spätestens jetzt die Alarmglocken läuten müssen. Stattdessen fielen sich die beiden in die Arme und waren einfach glücklich. Christian führte Marie in sein Haus ganz in der Nähe. Mit Champagner und feinen Häppchen bereitete er Marie ein herzliches Willkommen. Auf dem Sofa sitzend unterhielten sie sich; Ein Warmlaufen zur Vorbereitung auf schöne Stunden danach.

Dann wechselten sie von der Stube ins Schlafzimmer und liebten sich innig. Marie war selig und kein Gedanke erinnerte sie an die Hochzeitsschwüre mit Michael. Es war einfach zu schön. Beim Abschied verriet ihr Christian, dass er den 46ten Geburtstag hätte und sie das schönste Geschenk gewesen sei.

Auf dem Heimweg plagten Marie dann doch die ersten Gewissensbisse. Still und leise betrat sie das eheliche Schlafzimmer und hoffte inbrünstig, dass Michael jetzt nicht aufwachen würde. Sie hatte bunte Sommervögel im Bauch und ein schlechtes Gewissen im Kopf.
Warum hast du dich mit einem fremden Mann eingelassen?
Diese Frage beschäftigte Marie pausenlos.

Marie ging weiterhin wie gewohnt jeden Tag zur Arbeit und zuhause spielte sie die liebende Mama und Ehefrau. Allerdings empfand sie die Zärtlichkeiten mit Michael eher als Pflichtübung als Freude.
Wie empfand ich die Zärtlichkeiten vorher mit Michael?
Alles Grübeln brachte ihr keine aufschlussreiche Antwort. So flüchtete sich Marie in die Interpretation; Es war reine Gewohnheitssache, ohne tiefere Leidenschaft.

Christian kreuzte mit seinem Auto in den nächsten Tagen immer wieder ihren Heimweg. Nur mussten sich die beiden mit einem kurzen Winken begnügen. Trotzdem fühlte Marie jedes Mal eine wohlige Wärme in ihr aufsteigen. Also sie war tatsächlich bis über beide Ohren verliebt. Die heimlichen Treffen mit Christian musste Marie mit verrückten Ausreden ermöglichen. Trotzdem - oder erst recht, fühlte sie sich in seinen Armen wie im siebten Himmel.

Christian der bereits seit längerer Zeit in Trennung von seiner Frau lebte, aber noch nicht geschieden war, musste mit derselben Verheimlichung kämpfen. Jeglicher Verdacht einer Verbindung zu Marie wäre ihm gerichtlich zur Last gelegt worden.

Dieses Doppelleben erforderte von Marie sehr gute Nerven, was auf die Dauer nicht durchzuhalten war. Die Gratwanderung den Ehemann und den Geliebten zu befriedigen überforderte sie. Gesundheitlich Störungen forderten eine Klärung der Affäre. Inzwischen kannten sich Marie und Christian zwei Monate und viele glückliche Stunden. Deshalb war eine Entscheidung für Marie höchst brisant. Fällt ihr Los auf Christian, riskierte sie eine Scheidung, wählte sie ein Weiterleben mit Michael verpasste sie womöglich die Liebe ihres Lebens.

Auf einem Spaziergang im Wald eröffnete Marie ihrem Mann, dass sie einen Freund habe und ihn auch liebe. Sie betonte, dass sie sich im Moment in einer Zwickmühle fühle und ein Ausweg aus der Sackgasse suche. Sie gab Michael auch zu verstehen, dass die Familie ihr sehr viele bedeute.
Michaels trotzige Reaktion auf ihre offene Aussprache befremdete Marie sehr. Statt ein Versuch zu unternehmen seine Ehefrau zurück zu gewinnen, drohte er Marie sofort mit der Scheidung und verlangte den Namen des Liebhabers.
In diesem Moment waren bei Marie die Würfel für Christian gefallen.

Die nächsten Tage lebte Marie mit Michael zwar in der gleichen Wohnung, aber in einem Stummfilm. Dann, genau eine Woche nach der Aussprache, flatterte bereits das Aufgebot für ein erstes Gespräch beim Scheidungsrichter ins Haus. Auch der katholische Pfarrer mischte sich, auf Bitten von Michael, in die höchst persönliche Angelegenheit der beiden ein. Dieser drohte Marie mit dem Kirchenverbot und dem Entzug der Sakramente. Diese Intervention der Kirche ignorierte Marie. Hingegen der rechtliche Teil – die Scheidung – musste sie bis zum definitiven Urteil durchstehen.

Immer wieder wurde Marie von Michael bedrängt, den Namen des Ehebrechers bekannt zu geben. Auch der Gerichtspräsident nervte Marie mit derselben Frage. Beide blieben aber erfolglos, Marie schwieg. Mit dieser Hartnäckigkeit schützte Marie sich selber, aber auch Christian. Dieser war ja ebenfalls in der Warteschlaufe zum Scheidungstermin und eine Beziehung zu Marie wäre in seinem Rosenkrieg willkommenes Anwaltsfutter gewesen.

Damit Maries Söhnen Streitereien zwischen ihren Eltern erspart blieben, verliess sie mit ihnen die gemeinsame Wohnung und zog in eine eigene Bleibe. Sie wollte damit den beiden Buben die Achtung und den Respekt vor ihrem Papa erhalten. Streit zwischen ihren Eltern kannten die beiden bis anhin nicht. Während der elfjährigen Ehe ging Michael jeder Auseinandersetzung aus dem Weg. Was sich so harmonisch anhörte, war aber sicher ein grosser Fehler. Die beiden hatten dadurch nie die Möglichkeit sich aneinander zu reiben und sich dann auch wieder zu versöhnen. Diese Lebensweise betrachtete Michael als absoluter Liebesbeweis und nicht für eine mögliche Teilschuld.
Für Marie war die frühzeitige Trennung ein Auftanken und ein logischer Abstand zur bevorstehenden Scheidung.

Dann kam der schwerste Tag im Leben von Marie.
In ein paar Stunden bin ich frei. Ist es wirklich so, oder mache ich mir etwas vor?
Diese Frage und die Gedanken an eine mögliche Zukunft mit Christian plagten Marie morgens beim Frühstück.

Es ist später Nachmittag im September 1979, es regnete und die Bäume verloren bereits ihr Kleid. Diese Herbststimmung begleitete Marie durch die Stadt zum altehrwürdigen Gebäude des Bezirksgerichtes in Kreuzlingen. Marie atmete nochmals richtig durch, denn es waren nur noch wenige Minuten und auch wenige Schritte, dann würde sie vor den Schranken des Rechtsstaates stehen. Als Angeklagte wegen Ehebruchs musste sie sich verantworten.

Trotz dieses Vergehens stand Marie etwas später mit erhobenem Kopf vor dem Gerichtspräsidenten, einem kleinen Mann mit grauen Schläfen, aber mit grosser Macht. Seine perfiden Fragen prallten wie stumpfe Pfeile an Marie ab.
Diese zermürbende Veranstaltung ist doch nur noch eine formale Angelegenheit. Die Meinungen zum Urteil haben die sechs anwesenden Richter längst gefällt.
Ging es Marie durch den Kopf und in Bildern erlebte sie nochmals das unsägliche Vorspiel seit dem Frühjahr als ihr Noch-Ehemann die Scheidung einreichte.
Ich habe diese Zeit ohne seelischen Schaden überstanden, also werde ich das einseitige Urteil in wenigen Minuten auch ohne Ohnmacht hinter mich bringen.

Maries Puls raste, aber sie zwang sich konzentriert der Verhandlung zu folgen. Aufgeregt hörte sie dann die Worte des Gerichtspräsidenten.
Gemäss § 258 leitete er das Endurteil ein und mit der Vorlesung des Artikels 137 des Zivilgesetzbuches erklärte er die Parteien für geschieden – mit der Begründung: Ehebruch.

Michael als Kläger hatte den ausschliesslich männlichen Richtern glaubhaft erklärt, dass sie eine gute Ehe geführt und auch in intimer Hinsicht harmonisiert hätten. Er sei aber nicht mehr gewillt mit Marie zusammen zu leben, nachdem er eine Fremdbeziehung bemerkt habe. Er konnte das Gremium vorne im Saal an einem grossen Tisch davon überzeugen, dass er ohne Schuld und Sühne sei.

Gefasst nahm Marie die naive Unschuldsbeteuerung zur Kenntnis.
„Für mich als Beklagte kommt eine Weiterführung dieser Ehe auch nicht mehr in Frage.“, sagte sie ohne zu zögern.
Sie verschwieg auch nicht, dass sie eine neue Beziehung habe und das Urteil als Ehebrecherin nicht anzweifeln werde.

Trotz dieses Makels wurden Minuten später die beiden gemeinsamen Söhne durch Zuweisung der elterlichen Gewalt an Marie übertragen. Ein siegessicheres Lächeln huschte über Maries Gesicht, als sie die Begründung hörte: Die Beklagte ist offensichtlich ohne weiteres imstande die Kinder ordentlich aufzuziehen.

Nach dem offiziell ausgesprochenen Schuldspruch und den versöhnlichen Wünschen des Gerichtspräsidenten für eine gute Zukunft verliess Marie den Gerichtssaal mit gemischten Gefühlen. Auf der Steintreppe vor dem Gerichtsgebäude lüftete Marie ihren Kopf durch und streifte den Mief der letzten Stunde ab. Sie gab ihrem Ex-Ehemann zum Abschied nochmals die Hand und wünschte ihm alles Gute.

Nun war sie allein.

Sie setzte sich auf die Bank vor dem gedeckten Eingangsportal und schaute zum weinenden Himmel. Tränen erlösten sie von ihrem inneren Druck und ordneten ihre benebelten Gedanken. Dann hörte es auf zu regnen und in ihr stieg ein Wohlgefühl auf. So als möchte es ihr sagen: Du schaffst es! Marie blieb noch eine Weile sitzen und liess die letzten Monate nochmals an ihr vorbeiziehen.

Seit der Aussprache damals wurde sie von Michael ausspioniert. Er scheute sich nicht für diese schmutzigen Spitzeldienste auch seine Kollegen einzuspannen. Fuhr sie am Dienstagabend mit dem Auto zum Turnen folgte ihr ein Schnüffler bis kurz vor die Halle. Ihr Ex als Beamter konnte auf eine grosse Kollegialität bei den Ordnungshütern zählen. Mit seiner Mitleidstour hetzte Michael alle Bekannten gegen Marie auf und versetzte sie damit ihn ein wahres Spiessrutenlaufen. Erschwerend kam dazu, dass ihr Arbeitsweg am Zoll vorbei führte, wo er und seine Kollegen sie ständig beobachteten. Nachts auf dem Heimweg vom Turnen brauchte Marie riesige Kenntnisse über die Strassen und Umwege der Stadt, damit sie die Verfolger abhängen konnte. Dieses Wissen gehörte zu ihrer Arbeit im Elektrizitätswerk und boten ihr nun auch noch im Privatleben einen grossen Dienst.
Diese Last war nun vorbei, dafür war Marie glücklich, dass auch einer Ehebrecherin das Sorgerecht für ihre Beiden Buben anvertraut wurde.

Unverständlich war ihr aber, warum bei einer Scheidung unbedingt ein Täter oder in ihrem Fall eine Täterin bestimmt werden musste. Eine Ehe besteht bekanntlich aus Mann und Frau und Unstimmigkeiten werden im Regelfall auch von beiden Parteien begangen. Egal wer den ersten Schritt zu einem Bruch gemacht hat, es mangelte im Vorfeld sicher an gegenseitigem Vertrauen oder Liebe. Also sollte ihres Erachtens diese unwürdige Scheidungspolitik endlich einer fairen und gegenseitigen einvernehmlichen Kultur angepasst werden. Diese Gedanken versuchte Marie schnell beiseite zu schieben, nützten sie ihr im Moment sowieso nichts mehr.
Ja, Marie war einfach nicht im richtigen Zeitpunkt vor den Schranken gestanden. Seit der Liberalisierung des Scheidungsrechtes in der Schweiz im Jahre 2000 gibt es keine gesetzlich definierten Verschuldungsgründe mehr für die Auflösung einer Beziehung und der damit verbundenen Schuldzuweisung.

Marie wäre als nicht mit dem Titel „Ehebrecherin“ gekrönt worden.

Neue Freiheit/ Zwei konträre Familien stossen aufeinander/ Alleinerziehende Mutter
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8.  Neue Freiheit/ Zwei konträre Familien stossen aufeinander/ Alleinerziehende Mutter

1979 – 1989
Marie war nun frei – die Komödie hatte ein Ende – und ab sofort begann für sie ein neues Leben. Trotzdem marterten sie viele Fragen.

Gehen meine intimsten Wünsche in Erfüllung? Wird sich Christian nun auch wirklich für mich entscheiden? War ich eventuell nur interessant als Spiel mit einer verheirateten Frau, ohne Verpflichtungen für ihn?

Ja, diese Fragen konnte Marie in dieser ersten Nacht nach der Scheidung nicht abschliessend klären. Bis heute lebten sie nur von der Liebe, ohne gegenseitige Verantwortung. Ihr wurde klar, dass sie entwurzelt wurde von einer liebevollen Familie ihres Ex-Mannes, aber auch von ihren Turnkolleginnen. Die Familie von Michael liebte sie und hatte sich verständlicher Weise nach der Trennung von Marie losgelöst. Auch die lustige Atmosphäre mit den Turnerinnen hatte sich verkrampft und Marie verzichtete im Moment auf ihre liebgewonnen Turnstunden.

Christian versicherte Marie zwar immer wieder für sie da zu sein, aber war diese Aussage auch ernst gemeint? Habe ich vielleicht doch zu hoch gepokert? Erlebe ich im Moment nur eine Verliebtheit? Werde ich von Christian wirklich geliebt, oder suchte er in seinem verletzten Stolz über seine Scheidung, eine liebenswerte Gespielin? Werde ich von Christians Familie freudig aufgenommen?

Ja, Fragen, Fragen und nochmals Fragen hämmerten pausenlos an ihre Schläfen.

Nur eines war klar. Marie wird zukünftig als alleinerziehende Mutter ihrer beiden Söhne Patrick und Daniel, 10 und 8 Jahre, intensiv gefordert sein. Klar war auch, ihr toller Beruf als Kauffrau und die gute Anstellung im Elektrizitätswerk gaben sozialen Halt, sodass sie keine finanziellen Sorgen plagten. So nahm sie den ersten Tag nach der Scheidung mit viel Elan und Begeisterung an. Für ihren Arbeitsweg brauchte sie fünf Minuten zu Fuss, die sie mit erfrischender Leichtigkeit bewältigte. Im Büro wurde sie von ihrer Kollegin herzlich als „Single“ begrüsst und der Chef persönlich wünschte ihr viel Glück für die Zukunft und anerbot jederzeit für sie ein offenes Ohr zu haben. Der aufmunternde Empfang war wie Balsam auf eine geschundene Seele und Marie fühlte sich sichtlich erleichtert.

In den nächsten Wochen stieg Maries Wohlgefühl stetig an. Sie bewältige ihre Aufgaben als alleinerziehende Mutter, Geliebte, Berufsfrau, Haushälterin – eben Managerin – in allen Bereichen vorbildlich und die Gesundheit profitierte ebenfalls. Zudem brauchte sie sich nicht mehr zu verstecken, wenn sie ein Treffen mit Christian hatte. Marie fühlte sich mit ihren beiden Söhnen sehr wohl im neuen Heim, aber menschlich musste sie schon bald Tiefschläge - alleine - durchstehen.

Daniel als Zweitklässler wartete eines Mittags weinend an seinem Zimmerfenster auf die  Rückkehr von Mama von der Arbeit. Dann erzählte er schluchzend den Vorfall in der Schule. Ein älterer Schüler hatte ihn auf dem Pausenplatz ungeheuerlich verletzt mit den Worten: „Deine Mutter ist eine Hure, sie hat deinen Vater wegen eines anderen Mannes verlassen.“ Diese Aussage traf auch Marie bis ins innerste Mark. Beide Söhne und Marie hielten sich fest und weinten.
Gemeinsam klopften sie bei der Familie des Schülers an und knüpften den Knaben in Anwesenheit von dessen Eltern vor. Entsetzt über den Vorfall auf dem Pausenplatz erklärte die Mutter des Schülers traurig: „Ich kann die verletzenden Worte meines Sohnes nicht verstehen.“ Und zu Marie sagte sie, mit Tränen in den Augen: „Ich habe die gleichen Erfahrungen gemacht wie sie.“ Eine Entschuldigung tat Marie und ihren Söhnen gut und sie nahmen sie auch dankend entgegen.

Im Mehrfamilienhaus wo Marie mit ihren Buben wohnte, lebte auch eine Familie mit zwei gleichaltrigen Kindern, die sich sofort mit Patrick und Daniel anfreundeten. Dieser Kontakt war für Marie unbezahlbar, weil sie die Gewissheit hatte, dass bei ihrer Abwesenheit die Nachbarn stets ein Auge auf ihre Söhne warfen.

Bei gelegentlichen Besuchen von Christian in ihrem Heim, lernten ihn auch die Buben kennen. Sie begegneten Christian mit Respekt und akzeptierten seine Anwesenheit. Marie war über die gegenseitige Anerkennung glücklich und bereute deshalb ihren Schritt in ein neues Leben nicht.

Dann nahten die ersten Weihnachten und Maries Ex-Mann forderte mit den Söhnen den Heilig Abend zu verbringen. Marie willigte ein, weil sie wusste dass die Feier bei ihren ehemaligen Schwiegereltern stattfand und diese grossen Wert auf einen schönen Abend mit den Grosskindern legten. Sie gestalteten die  gemeinsame Weihnachtsfeier jedes Mal feierlich  und es waren besinnliche Stunden. Es wurden Weihnachtslieder gesungen und Gedichte zum Besten gegeben. Dieses friedliche Fest wollte Marie in diesem Jahr ihren Söhnen nicht vorenthalten. Am Heilig Abend als Maries Ex-Mann ihre Buben abholte, erlebte sie eine unglaubliche Geste. Ihre Söhne sagten: „Mami, bist du heute Abend bei Christian, sonst gehen wir nicht weg.“ Marie war gerührt und sagte. „Ja, ich gehe zu Christian und morgen feiern wir drei dann zusammen.“ Sichtlich erleichtert sah sie dann wie die beiden vor dem Einsteigen ins Auto von Michael ihr nochmals kurz zuwinkten.

Marie ging dann zu Christian, der ebenfalls das Weihnachtsfest alleine verbringen musste. Sie verbrachten dann zusammen einen ruhigen Abend in seiner Stube und hörten Weihnachtslieder. Beim Stille Nacht, heilige Nacht liess Marie ihren Tränen freien Lauf. In Gedanken sie Patrick und Daniel im Wohnzimmer der Grosseltern vor dem Christbaum stehen. Ihre Augen leuchteten mit dem Glanz der angezündeten Kerzen um die Wette. Marie war in diesem Moment aber nicht alleine mit ihren Emotionen, in Christians Augen schimmerten ebenfalls Tränen. Beide umarmten sich innig und linderten so ihre Gemütsbewegung.

Im Herbst des folgenden Jahres erschütterte ein schwerer Unfall die kleine Familie. Daniel und sein Freund Thomas spielten vor dem Wohnhaus. Nach einer Weile klingelte es an Maries Wohnungstüre und Thomas stand aufgeregt und mit den Händen gestikulierend da. „Daniel hat nur noch ein Bein, kommen sie sofort!“, rief er weinend. Beide rannten sie auf den Vorplatz hinaus, wo Daniel unter einem Baum lag. Sein Bein war zwar noch vorhanden, aber total nach hinten abgedreht. Marie wurde sofort klar; Daniel muss dringend ins Spital gebracht werden. Bevor sie weitere Schritte unternahm, stand bereits ein älterer Herr vor ihr. Er hatte den Unfall beobachtet und anerbot Daniel ins Spital nach Münsterlingen zu fahren. Eine grossartige Geste von einem bisher unbekannten Nachbarn. Daniel hatte den Oberschenkel gebrochen und musste acht Wochen im Spital liegen. Es war für Marie und Patrick eine sehr schwere Zeit. Daniel hatte Heimweh und die täglichen Besuche von Mama und Bruder endete jeweils in einem Tränenmeer.

In dieser schwierigen Zeit beschäftigte Marie nicht nur das Leiden von Daniel, sondern das unverständliche Verhalten von Christian.
Marie glaubte inzwischen, sie wären zu einer Familie zusammengewachsen, trotz zwei verschiedenen Wohnorten. Nun musste Marie bitter feststellen, dass sich Christian für einen kurzen Besuch im Spital drückte. Daniel hingegen unterliess es nie nach Christian zu fragen. Marie beruhigte ihren Sohn jedes Mal mit einer lapidaren Notlüge; Christian hat sehr viel Arbeit.

Christian war selbständig, er hatte eine Schlosserei mit drei Angestellten. Seine Arbeit liebte er und sie hatte stets Priorität. Also entschuldigte Marie seine Abwesenheit grosszügig, obwohl es sie innerlich verletzte. In solchen Momenten zweifelte sie immer wieder an der Aufrichtigkeit der Beziehung. Aber im nächsten Liebesrausch verwarf sie ihre negativen Gedanken.

Christian wurde in der Zwischenzeit ebenfalls geschieden. Er lebte im Elternhaus im Parterre und seine alte Mutter im ersten Stock. Das ermöglichte seinen beiden Töchtern, im gleichen Alter wie Maries Söhne uneingeschränkten Zugang ins Haus zur Grossmutter, aber auch zu Christians Wohnung. In dessen Wohnzimmer stellte er Marie etwas später seine beiden Töchter Gabriela und Yvonne vor. Es war eine steife Angelegenheit und Marie kam sich vor wie ein Möbelstück, das begutachtet wurde. Die Kälte, die Marie entgegen gebracht wurde, glich einem Eisberg. Einziges Verständnis für diese Ablehnung der beiden Mädchen, fand Marie im langen Scheidungskrieg den Christian und seine Ex-Frau ausgefochten hatten. Die Töchter drängten sie in die Rolle der Rivalin ihrer Mutter.
Marie versuchte die Unhöflichkeit der ersten Begegnung zu negieren und hoffte auf eine nächste Möglichkeit unter einem besseren Stern. Marie fiel beim ersten Treffen auch auf, dass die beiden Mädchen Christian mit dem Vornamen ansprachen und nicht Papa sagten. Die spätere  Nachfrage bei Christian ergab, dass dies bei ihnen üblich sei und die Mutter ebenfalls mit dem Vornamen angesprochen werde. Marie fand diese eigenartige Namensgebung speziell und sie war froh, dass bei ihr zuhause noch die traditionelle Gewohnheit Mama gelebt wurde.

Traurig und etwas unsicher ging es Marie durch den Kopf:
Hab ich mir eine solche Familie vorgestellt und wie wird es in Zukunft sein?

In der Familie ihres Ex-Mannes war sie von den Eltern und Brüdern herzlich aufgenommen worden. Ein kurzes Bedauern über ihren getroffenen Entscheid konnte sie in diesem Moment nicht leugnen.

Christian hatte auch noch eine acht Jahre ältere Schwester, Waltraud. Sie war Witwe und lebte in Romanshorn. Am Wochenende logierte sie bei ihrer Mutter in Kreuzlingen. So kam es unverhofft zu einer unwürdigen Begegnung zwischen Marie und ihr. Marie hielt sich in Christians Wohnung auf, weil ihre Söhne beim Vater waren. Während Christian sich kurz in seinem Geschäft aufhielt, lüftete Marie seine Wohnung durch. Als sie das Stubenfenster öffnete blickte sie frontal in das Gesicht einer unbekannten Frau. Diese fauchte Marie an: „Was machen sie in der Wohnung meines Bruders? Sie haben hier nichts verloren.“ Ohne eine Antwort zu geben schloss Marie das Fenster und setzte sich konsterniert auf das Sofa und wartete auf die Rückkehr von Christian. Sie erklärte ihm den unfreundlichen Vorfall. Genervt sagte er: „Nimm es nicht so ernst, dies ist meine Schwester. Sie ist eine verbitterte Frau und gönnt mir keine Freundin.“

Marie nahm diese Ausrede zur Kenntnis, reihte sie aber in die gleiche Ecke wie die erste Begegnung mit den Töchtern ein. Abermals wurde Marie den Verdacht nicht los, dass sie in dieser kalten Familie keinen Platz finden würde. Dieses Mal hegt sie sogar kurz Skepsis ob Christian sich gegen seine Familie überhaupt durchsetzen würde.

In den folgenden Wochen gab es für viele Bekannte in der Stadt einen Aha-Effekt, wenn sie Christian und Marie zusammen im Ausgang erlebten. Marie blieben dabei weitere negative Bekanntschaften nicht erspart. Die Vorstellungen bei Christians Kollegen endeten jeweils mit primitiven Verletzungen. Deprimierend war, dass sich Christian dabei nicht wohl fühlte, aber trotzdem kein Machtwort sprach. Warum? Diese Frage wühlte Marie jeweils auf und sie vermisste, dass sich Christian schützend vor sie stellte. Am Freitagabend vergnügte er sich immer im Kegelclub und einmal im Jahr wurden die dazu gehörenden Damen zum Nachtessen eingeladen. So stellte Christian seine Freundin beim Treffen vor. Marie, als Nichtalkoholikerin wurde gleich als Landpomeranze angegriffen und fühlte sich deshalb in dieser Runde nicht wohl. Aufmerksamkeit hole sich sie einzig mit ihren jungen 33 Jahren und den langen schwarzen Haaren. Der Durchschnitt dieser Möchtegernherren war über sechzig Jahre. Christian fühlte sich in diesem Club angeblich auch nicht wohl, aber er machte aus kollegialen und geschäftlichen Gründen mit. Kurze Zeit später gab er dann den Austritt, ob aus Liebe zu Marie oder als willkommenes Alibi blieb sein Geheimnis.

Christian hatte aber noch eine andere Leidenschaft, das Segeln auf dem Bodensee. Seit seiner Kindheit war er auf dem See zuhause. Die erste Jolle zimmerte er mit seinen Kollegen als Schulbub zusammen. Seine ganze Freizeit im Sommer verbrachte er früher auf dem Wasser. Seine erste Heirat und die Eröffnung seines eigenen Geschäftes forderten Höchstleistungen von ihm, was damals zu Lasten der Freizeit ging und das Segeln in den Hintergrund drängte. Als wiedergeborener Single entdeckte er nach seiner Scheidung erneut die Lust am Segeln. Nun versuchte Christian diese Leidenschaft auch seiner neuen Flamme schmackhaft zu machen.

Oh je! Was am Bodensee nicht unmöglich ist, passierte Marie. Unbewusst verliebte sie sich also in einen Segler und schon bald dämmerte es ihr, welchen Fisch sie an Land gezogen hatte. Christian war nicht nur Segler, er hatte auch ein eigenes Boot. Unvoreingenommen liess sich Marie auf das schnittige Segelboot zu einer Fahrt einladen.

„Willkommen auf der Giriz, so hiess das Boot, flötete Christian, als Marie vorsichtig auf dem Deck ins Cockpit tappte. Mangels Reling krallte sie sich am Grossbaum fest, immer den Abgrund des Bodensees im Visier.
Komm wir machen einen Schlag.“, sagte Jakob, während er bereits am Aussenbordmotor hantierte.
„Einen Schlag!“, empörte sich Marianne entsetzt und schaute ihn verwirrt an.
„Ja, heute ist ideales Segelwetter, ruhige See und aalglattes Wasser, also gut für Neulinge“, bekräftigte Christian sein Vorhaben.

Gut, das Rätsel löste sich nun. Der nautischen Ausdrücke nicht mächtig, atmete Marie erleichtert auf: „Aha, wir fahren hinaus.“                                                                                                           „Ja, du kannst den Matrosen spielen, ich gebe dir die Kommandos.“
Mama mia, Jakob weiss doch gar nicht, dass ich nicht schwimmen kann, und was meinte er mit Kommandos? Augen zu und durch!
Befahl sich Marie trotz ihrer Abneigung.

Mit grosser Ruhe hantierte Christian an den Seilen herum, die ein grosses Tuch hochzogen. Dabei versuchte er seiner ahnungslosen Matrosin die nautischen Kommandos näher zu bringen. Es wurde ein anstrengender Ausflug. Die vielen neuen Ausdrücke überforderten Marie. Dazu kam auch noch das schlechte Gewissen, Christian nicht klaren Wein eingeschenkt zu haben, dass sie Nichtschwimmerin ist. Mit einem kurzen Stossgebet zum Himmel überstand sie die Segelfahrt ohne Trauma. Erleichtert dass die Seefahrt zu Ende war, verliess sie im Hafen die Giriz am Arm von Christian.
“Du hast dich tapfer geschlagen als Neuling in der Seefahrt“, rühmte er Marie.
„Ja, das glaube ich auch, sogar recht gut für eine Nichtschwimmerin“, gab Marie provozierend zurück.
„Was sagst du? Du kannst nicht schwimmen? Ist dir überhaupt bewusst was passiert wäre wenn du über Bord gefallen wärst?“, entsetzte sich nun Christian.
„Ja, ja, beruhige dich, es ist gut gegangen. Ich bin schon länger Nichtschwimmerin – als Seglerin.“      „Ich fasse es nicht, das war äusserst fahrlässig. Wenn du wenigstens die Schwimmweste angezogen hättest.“
Wortlos verliessen sie den Hafen. Jakob immer noch in Schreckstarre und Marie angespannt, weil sie das zarte Pflänzchen ihrer Liebe davon schwimmen sah. Ja, eine Nichtschwimmerin und ein Segler sind wahrlich nicht das ideale Paar.
Beim Nachtessen fragte Christian wieder gefasst und mitfühlend: „Hattest du wenigstens ein bisschen Freude auf der Segelfahrt?“
„Ja, sicher, die Momente zwischen den Manövern!“, lachte Marie.
„Sicher wird dir das Segeln mit der Zeit auch Spass machen. Nur, du solltest unbedingt Schwimmen lernen“, sagte Christian nicht uneigennützig.

Dieser Ratschlag musste ja kommen. Marianne verschwieg, dass sie bereits zweimal die Schwimmschule als Nichtschwimmerin beendet hatte. Trotz der Tatsache, dass Christian sich in ein Landei verguckt hatte, wollte er das nächste Wochenende mit Marie auf dem Segelschiff verbringen. Die Einladung freute Marie, vor allem die Stunden mit ihm, erst dann kam die Giriz. Diese schönen Segeltörns wiederholten sich die nächsten Wochen immer wieder und Marie machte grosse Fortschritte als Matrosin.

In den Winterferien lernte Marie auch noch einen hervorragenden Skifahrer kennen. Die zwei Sportferienwochen verbrachten Marie mit ihren beiden Söhnen und Christian mit seinen beiden Töchtern zusammen in Zermatt. Ohne Vorurteil hatte Marie diesem Vorschlag von Christian zugestimmt. Sie hoffte insgeheim, dass während diesen Ferien eine kleine Annäherung zwischen ihr und den Mädchen entstehen könnte. Ausser Christian der ein Profiskifahrer war besuchten alle eine Skischule. Sie waren also nur morgens beim Frühstück und abends beim Nachtessen beisammen. Christians jüngere Tochter Yvonne verstand sich prima mit den Jungs von Marie und so gingen die drei nach der Skischule öfters ins Hallenbad. Gabriela hingegen weigerte sich und blieb zu Hause. Während Marie und Christian auf dem Sofa in ein Buch vertieft waren, zwängte sie sich stets zwischen die beiden. Sie benützte also jede Gelegenheit um die beiden auseinander zu reissen.
War es ihre egoistische Haltung, oder wurde sie im Vorfeld beauftragt?

Wer das gestörte Verhältnis zwischen den beiden Elternteilen von Gabriela kannte, wunderte sich kaum. Marie hatte also nur die Nacht im Schlafzimmer mit Christian alleine. Es waren lange vierzehn Tage und Marie war froh, ohne grössere Probleme wieder daheim zu sein. Die heimlich gewünschte Normalisierung der Beziehung zwischen ihr und den beiden Töchtern fand im kleinsten Rahmen statt, aber immerhin.


Vom Frühling bis in den Herbst waren wieder Segeltörns angesagt und Marie lernte die nautischen Regeln sehr schnell und konnte sie auch in der Praxis umsetzen. Obwohl sie inzwischen die Manöver und Anlandungen beherrschte sah Christian in ihr nur die Matrosin. Dies muss ein Ende haben sagte sich Marie und entschloss sich Frau Kapitän zu werden.

Zusammen mit zwei Kolleginnen entschied sie sich im benachbarten Konstanz die Segelschule zu besuchen. Als erstes musste die Theorieprüfung bestanden werden. Im Landratsamt in Konstanz wurden rund fünfzig Personen auf ihre theoretische Tauglichkeit geprüft. In einem grossen Saal, an alten Holzpulten die an die verflossenen Schuljahre erinnerten, warteten die gespannten Prüflinge auf den Startschuss. Frontal zu ihnen sassen ein halbes Dutzend Marineoffiziere in Uniform und überwachten sie. Dann erhob sich der Häuptling und sagte in militärischem Ton: „Ich nehme an alle die heute hier sitzen können schwimmen.“ Ein lautes und einstimmiges ja hallte durch den Saal. Nur Marie konnte diesen Schwur nicht leisten, da sie gar nicht schwimmen kann. Ihre vornehme Zurückhaltung beim ja brüllen blieb glücklicherweise unbemerkt und Marie war froh, dass der Startschuss für die Prüfungsaufgaben gefallen war.
Marie rechtfertigte sich im geheimen; ich bin auch nicht hier um eine Schwimmprüfung abzulegen, sondern die Theorieprüfung zum Führen eines Segels.
Weil Marie ihre Hausaufgaben ernst genommen hatte, bestand sie den Test. Ein einziger Fehler schlich sich ein.

Schwieriger gestaltete sich die Praxis. Jeden Freitagnachmittag ging sie im Konstanzer Hafen auf das Schulschiff. Der deutsche Segellehrer Rainer war den drei Schweizerinnen nicht gut gesinnt, obwohl sie den gleichen Obolus bezahlten wie die drei Mitschüler aus Deutschland. Entweder war Rainer kein Freund der Schweiz oder ein Frauenhasser. Um ihn in den folgenden Stunden etwas freundlicher zu stimmen, nahm Marie jedes Mal einen frisch gebackenen Kuchen und eine Kanne Kaffee mit. Diese Geste lockerte zwar die Stimmung unter den Segelschülern, dem sturen Schiffsoberhaupt entlockte sie damit aber nur ein müdes Lächeln. Nach acht Lektionen mussten die sechs Segelschüler die praktische Prüfung ablegen.
Am Prüfungstag regnete es unaufhörlich und die Zeremonie dauerte den ganzen Tag. Mitten auf dem Bodensee stand das Polizeiboot und erwartete die Prüflinge. Die angespannten Kandidaten wurden gleich in Zweiergruppen eingeteilt. Marie hatte Glück, ihr wurde ein junger Konstanzer als Partner zugewiesen. Dann ging es für das internationale Duo los. Jens und Marie bestiegen das Schulsegelschiff und gaben ihr Bestes. Windmässig wurden sie nicht verwöhnt und auch der leichte Regen konnte die beiden nicht aus der Ruhe bringen. Konzentriert machten sie die geforderten Manöver und das letzte Kommando, das Segelschiff in den Wind zu stellen und am Polizeiboot anzulegen, erforderte ein gutes Zusammenspiel zwischen Jens und Marie. Sie schafften es und hofften nun später ein positives Resultat entgegen nehmen zu können.

Auf der Fähre im Konstanzer Hafen wurden alle Prüflinge über das Ergebnis orientiert. Drei Schweizerinnen und eine Schar Deutsche waren gespannt wie ein Seidenfaden. Unter den erfolgreichen Kandidaten hörten Marie und Jens auch ihre Namen. Sie jubelten vor Freude und beglückwünschten sich gegenseitig.

Die erfolgreiche Segelprüfung beflügelte Marie auch die Motorbootprüfung zu wagen. Zusammen mit der ebenfalls erfolgreichen Schweizerin – eine Kollegin war durchgefallen – dieses Brevet auch zu machen. Es war natürlich auch ein berechnender Entscheid. Erfolgte die Motorbootschule direkt anschliessend an die  Segelschule wurde die Theorieprüfung nicht mehr fällig und Marie müsste dann auch nicht mehr schummeln als Nichtschwimmerin. Dieses Brevet würde ihr dann später einmal erlauben auch ein grösseres Motorboot zu steuern.                                                                     Marie und ihre Kollegin aus der Schweiz wechselten in der Fahrschule das Boot, aber nicht den Lehrer. Schliesslich waren sie sich an dieses Scheusal gewohnt und glaubten seine mürrische Laune noch etwas länger zu ertragen. Die praktischen Manöver mussten die beiden bei  der Rheinbrücke in Konstanz üben, da war die Strömung des Rheins besonders stark. Leider verschärfte Rainer seinen Ton gegenüber den Schweizerinnen noch um eine Oktave. Gegenseitig munterten sich die beiden Frauen  immer wieder auf, sie wollten ja nicht diesen „Scheisskerl“ umerziehen, sondern ganz einfach den Motorbootschein. Kurz vor der Prüfung eskalierte die Situation auf dem Schiff trotzdem. Die Kollegin von Marie steuerte das Boot an den nächsten Steg, sprang hinaus und verschwand. Für sie war nun das Motorbrevet ein Wunschtraum geblieben und Marie musste den Rest der Lektionen mit dem fiesen Kerl alleine Vorlieb nehmen. Ihr fester Wille war den Schein zu bekommen, dafür nahm sie auch ein pädagogisches Rindvieh in Kauf. Wenige Wochen später war Marie im Besitz dieses für sie wertvollen Papierstückes. Ab sofort war sie zertifizierte Segel- und Motobootführerin, also „Frau Kapitän kann nicht schwimmen“.

Bemerkenswertes erlebte Marie beim Erhalt ihres Führerausweises. Das Schweizerische Schifffahrtsamt war zuständig für die Ausstellung ihres Segel- und Motorboot Führerscheins, da der Bodensee ein internationales Gewässer ist und sie Schweizerin. Als Marie das gute Stück in den Händen hielt, bemerkte sie hinter den Prüfungsdaten ein „K“, was Christian in seinem Ausweis nicht hatte. Die Antwort der Schiffsbehörde überraschte Marie; sie haben die Prüfung in Deutschland abgelegt und nicht in der Schweiz. Marie war überrascht, musste aber trotzdem lachen und sagte zum Beamten: Gut habe ich meine Prüfungen in Konstanz abgelegt und nicht in Jena. Meine Papiere hätten dann das historische „J“ erhalten.

Ja, wir Kreuzlinger rühmten und rühmen uns immer noch als eine Einheit mit Konstanz. Nur die Realität sieht vielfach anders aus. Bester Beweis ist Maries Schifferpatent. Mit einem „K“ wurde sie gebrandmarkt, weil sie im Ausland ausgebildet wurde. Die Freude an der Schifffahrt verstärkte sich trotz des Schönheitsfehlers in ihrem Brevet und gab ihr zusätzlich Sicherheit.


Schiffstechnisch war nun alles Ordnung, aber familientechnisch blieb einiges im Argen. Als Mutter von zwei pubertierenden Jungs konnte sie nicht jede freie Minute auf den See, was Christian nicht verstehen konnte – oder wollte! Gut zeigten Maries Söhne Verständnis für die vielen Abwesenheiten ihrer Mama, wenn sie auf dem See herumgondelte. Zudem kam es Marie zugut, dass sie ihre Buben zu Selbständigkeit erzogen hatte. So konnte sie die Bedürfnisse von Christian und den beiden Söhnen unter einen Hut bringen. Das fehlende Mitgefühl von Christian für Maries Sorgen als Mutter entfachte immer wieder Unstimmigkeiten, ja sogar Zweifel an seinem Familiensinn.


Die Abneigung, die Christians Familie ihr entgegen brachte, erreichte am nächsten Weihnachtsabend seinen Höhepunkt. Die Einladung von Christian den Heiligabend in seinem Haus mit der ganzen Familie zu feiern nahm Marie an. Ihre beiden Söhne wusste sie gut aufgehoben beim Ex-Mann und seinen Eltern. Zusammen mit Christians Mutter, seiner Schwester und seinen Töchtern sollte es eine schöne Feier geben. Im Wohnzimmer stand der geschmückte Christbaum und rundum lagen Geschenke zu einem Berg angehäuft. So viele Geschenke auf einem Haufen hatte Marie noch nie erlebt. Vor der Bescherung war ein gemeinsames Essen geplant. Gabriela und Yvonne übernahmen zur Freude aller Anwesenden das Amt als Gastgeberinnen. So platzieren sie die Gäste nach ihrem Gutdünken. Marie wiesen sie den Platz am Tischkopf direkt bei der Türe zu und Christian am oberen Ende des Tisches. Das Servieren der Köstlichkeiten zelebrierten die beiden auf ihre Weise. Sie bedienten rundum die Familienmitglieder mit einem Lächeln und setzten sich dann auf ihre Plätze. Nur ein Teller blieb leer, Maries. Nach Sekunden, die Marie wie eine Ewigkeit vorkam, forderte Christians alte Mutter die Mädchen auf den Gast auch zu bedienen. Ohne sich von ihren Sitzen zu erheben, reichten sie Marie wortlos die Platte zum Selbstservice.
Gekränkt, aber mit Anstand liess Marie den Abend über sich ergehen. Ohnmächtig verfolgte sie den unwürdigen Ablauf der Weihnachtsfeier. Kaum war der letzte Bissen im Magen, wurde der Tisch abgeräumt und die Kerzen am Christbaum angezündet. Ohne Musik, ohne Kinderverse, dafür mit einer gnadenlosen Gier stürzten sich die beiden Töchter auf die Geschenke. Diese wurden aufgerissen und nach Inhalt taxiert. Nach dem Spuk lagen auf dem Stubenboden ein Haufen Geschenkpapier und Schnüre. Gabriela und Yvonne packten ihre neuen Sachen zusammen und wollten von Christian nach Hause gefahren werden. Marie fühlte sich wie in einem falschen Film. Können zwei Mädchen so grausam sein? Oder wurden sie auf primitive Art gesteuert? Marie war traurig und verletzt und konnte diese schreckliche Vorstellung nicht einreihen. Vor Mitternacht hatte dann auch der Christbaum seinen Dienst getan, er wurde geplündert und zum Fenster hinaus geschmissen.

Nach den vielen schönen und eindrucksvollen Weihnachtsabenden die Marie mit Michaels Familie verbringen durfte war sie froh, dass ihren beiden Söhnen diese unwürdige und lieblose Schau erspart blieb. In dieser schlaflosen Nacht schwor sich Marie, nie mehr mit dieser Familie Weihnachten zu feiern. Gleichzeitig zweifelte sie ein weiteres Mal am Familiensinn von Christian, ja sogar an seiner Liebe zu ihr. Auch diese tiefe Wunde überstand Maries Liebe zu Christian. Nur ihren Schwur löste sie ein. Sie blieb den künftigen Weihnachtsfeiern fern und blieb, ohne dass ihre Söhne es wussten, allein in ihrer Stube, war zwar traurig hatte aber ihren Frieden.

Ja, ich will!
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9.  Ja, ich will!

1989 
Ein herrlicher Frühlingstag im Jahre 1989 brachte Marie völlig aus der Fassung. Als Frau Kapitän salutierte sie voller Stolz dem Kapitän der vorbei fahrenden Fähre die von Meersburg nach Konstanz fuhr. Dann unterbrach Christian plötzlich die Ruhe: „Wir könnten in diesem Jahr doch heiraten.“ Marie verschlug es die Sprache und sie hielt sich am Steuerrad fest. „Warum so plötzlich, wir sind nun sei zehn Jahren zusammen auch ohne Trauschein.“

Sicher hatte es in dieser Zeit mehrere Gelegenheiten gegeben wo sie sofort ja gesagt hätte. Aber in diesem Moment konnte sie nicht entscheiden. Sie vertröstete ihn: „Ich werde es mir überlegen.“
Auf diese unerwartete Antwort war Christian nicht vorbereitet und entsprechend sauer. Auf der restlichen Fahrt nach Überlingen kehrte wieder Ruhe ein, nur etwas angespannter. Das Anlegemanöver im Hafen von Überlingen meisterten sie wie schon viele Male vorher ohne Probleme. Der anschliessende Spaziergang in der Stadt und das feine Nachtessen vermochten Christians Frust nicht vollständig zu entschädigen. Es gab einen wortkargen Abend.

In der Schiffskoje fand Marie diese Nacht keinen Schlaf.
Alles drehte sich um die Frage: Will ich -  oder will ich nicht?
Nebst den schönen gemeinsamen Stunden vernebelten aber auch unzählige Verletzungen und Demütigungen ihr klares Denken. Eigentlich spielte Marie seit geraumer Zeit mit dem Gedanken nie mehr zu heiraten. Dazu hatte sie bereits ihren ledigen Nachnamen Chevalier wieder angenommen. In der Zwischenzeit fand Marie den französischen Klang nicht mehr exotisch, sondern liebte ihn sogar, als einen Teil vor ihr. Sie hatte zwar bei ihrer Namensänderung einen grösseren Wirrwarr in der eigenen Familie ausgelöst. Ihre beiden Söhne hatten nun ihren angeborenen Familiennamen ihres Ex-Mannes, Christian seinen eigenen und Marie nun ihren eigenen.

So hatte es Marie nicht eilig die Frage der Heirat zu beantworten.

Ein Vierteljahr später, wieder auf der Segelfahrt Richtung Überlingen, kam die Frage von Christian erneut, diesmal etwas genervt, aber ganz bestimmt: „Heiraten wir nun im Oktober oder nicht?“
Marie sagte spontan: „Ja“. Christian war sichtlich erfreut und Marie erschrak über ihre Antwort.
„Will ich es wirklich?“ Im Moment wusste sie es nicht mehr, was sie aber sicher wusste – ich liebe Christian.
Der Tag endete für beide glücklich und sie genossen die Stunden wie zwei frisch Verliebte.

In den nächsten Tagen begann Christian mit den Vorbereitungen. Hektisch liess er Vermählungskarten drucken und gemeinsam bestimmten die beiden die Empfänger der Nachricht. Mit der Zeit fand auch Marie Gefallen daran wieder zu heiraten. Ihre beiden Söhne freuten sich mit ihrer Mama. Besonders Patrick fand das Datum prima, er war in der Rekrutenschule und bekam für diesen Anlass drei Tage Urlaub.

Am Donnerstag, 12. Oktober 1989 um 16.00 Uhr heirateten Marie und Christian auf dem Standesamt in Kreuzlingen. Als die beiden das „Ja-Wort“ hauchten, standen ihre beiden Söhne, die Schwester von Paul und einige nähere Verwandten im Trauzimmer und freuten sich.
Als elegante Braut trug Marie einen halblangen  grauen Jupes, eine rotmelierte Bluse und eine rote Kurzjacke. Ihre langen schwarzen Haare dekorierte ihre Coiffeuse mit einer weissen Seidenblume mit kleinem Schleiereinsatz. Ihre Füsse steckten in schwarzen flachen Schuhen mit einem roten Zierbändchen. Die vielen Komplimente durfte Marie ohne Überheblichkeit in Anspruch nehmen. Vor dem Rathaus stand eine riesige Menge Gratulanten. Maries Kolleginnen und Kollegen vom Bankverein, ihre ehemaligen Kameraden vom Elektrizitätswerk, Christians Gemeinderatskollegen, die Segelvereinigung Kreuzlingen, die einheimische Fastnachtsgesellschaft und je eine Clique aus Luzern und Lachen beehrten das Brautpaar mit ihrem Erscheinen. Christian wurde von der Fastnachtsclique dazu verdonnert seine Braut mit einem kleinen Boot, mit gehissten Segeln, die Hauptstrasse entlang zum Hotel Löwen zu ziehen. Dort war der Apéro bereit und die riesige Gesellschaft stiess mit den frisch Vermählten auf ihre Zukunft an. Das anschliessende Hochzeitsdiner im exklusiven Speiserestaurant Jakobshöhe in Kreuzlingen war dann einzig der Familie gewidmet. Eine brisante Abwesenheit nahm Marie mit Fassung zur Kenntnis. Die Töchter von Christian blieben der Trauung fern.

Am nächsten Morgen flogen Christian und Marie von Zürich nach New York in die Flitterwochen. Es war Maries erster Überseeflug und sie freute sich auf diese Metropole. Im Hotel Hilton Midtown bezogen sie im neunzehnten Stockwerk eine fantastische Suite. Marie fühlte sich wie in einem Traum. Ja, Christian verstand es immer wieder sie rundum glücklich zu machen. Während ihrem Aufenthalt in New York machten die beiden einen Kurzbesuch bei Christians Verwandten in Philadelphia. Maries gespaltene Einstellung zu seiner Tante seit ihrem Besuch in der Schweiz vor einigen Jahren versuchte sie abzustreifen.

Damals als Christians Tante mit ihrem Ehemann die Verwandten in der Schweiz besuchte, versuchte sie - bewusst oder unbewusst – einen Keil in die neue Beziehung zwischen Christian und Marie zu schlagen. Heimlich traf sie sich mit Christians Ex-Frau. Was sie damit bezweckte blieb ein Rätsel.

Nun stand Marie als Ehefrau von Christian vor ihr und wurde freundlich empfangen. Ob die Freundlichkeit ehrlich oder gespielt war spielte für Marie keine Rolle. In wenigen Stunden war sie wieder in New York. Mit Christian wollte Marie nun diese interessante Stadt erforschen. Die riesigen Wolkenkratzer hatten es ihr angetan. So erlebte sie den Ausblick vom Empire State Building und vom World Trade Center. Die Freiheitsstatue bestiegen Christian und Marie zu Fuss bis zur siebenstrahligen Krone nicht ganz freiwillig. Eine Menschenkette von über hundert Metern wartete vor dem Lift und wollte nach oben. Auf der Treppe hatten sie dafür keinen Andrang. Als ganz besonderes Ereignis besuchten die beiden die Oper Aida in der Metropolitan Opera, ein unvergesslicher Abend.
Nach dem einwöchigen Aufenthalt in dieser imposanten Stadt ging es aber nicht heimwärts. Sie flogen weiter nach San Francisco. Im Hotel Hyatt war bereits eine herrliche Unterkunft bereit. Zum ersten Mal in ihrem Leben sah Marie zwei Glaslifte an einer Fassade hochfahren und oben in einem Tunnel verschwinden. Dieses Erlebnis konnte sie bei einem Kaffee im Atrium des Hotels bestaunen. Jeden Tag besuchten Christian und Marie neue Sehenswürdigkeiten. So überquerte sie die Golden Gate Bridge und im dazugehörenden Park spazierten sie wie zwei frisch verliebte. Vom lebhaften Pier 39 blieb Marie vor allem die berühmte Seehundefamilie in Erinnerung und die Masse von Touristen.
Es waren herrliche zwei Wochen und auf dem Heimflug wünschte sich Marie, dass diese innige Zweisamkeit mit Christian auch ihren Alltag beflügeln würde.

 

Schicksalsschläge meistern/ Wonnen geniessen
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10.  Schicksalsschläge meistern/ Wonnen geniessen

1989 - 1999 
Seit 1983 wohnte Marie mit ihren beiden Söhnen in einem Einfamilienhaus mitten in der Stadt Kreuzlingen. Dieser Altbau an der Kirchstrasse hatte Christian damals erworben und mit grosser Mithilfe von Marie und ihren Buben umgebaut.

Eigentlich hatte sich Marie immer ein Eigenheim gewünscht, aber bei diesem Objekt war ihr klar, dass eine Menge Arbeit auf sie zukommen würde. Trotzdem nahm sie diese Herausforderung an, nicht zuletzt weil ihre damals 14- und 12jährigen Bengel dies wünschten. Diese beiden sahen natürlich nicht die Arbeit, sondern ihre Freiheit im eigenen Haus und der schöne Umschwung als Festmeile.
Anfangs Jahr begannen die Umbauten mit dem Ziel, dass Marie mit Anhang Ende Juni einziehen konnte. Ja, es war ein mutiges Vorgehen mit viel Eigenleistung einen respektablen Umbau zu meistern. Es wurden dann nicht nur friedfertige Arbeitsstunden, die Reibereien häuften sich gegen Ende und am Schluss war es nur noch ein Wunder, dass sich Christian als einziger Handwerker und die drei Handlanger nicht die Köpfe eingeschlagen hatten. Marie schuftete  jeden Abend und jedes Wochenende, nebst ihrer Arbeit im Büro und dem eigenen Haushalt in ihrem zukünftigen Heim. Dies verlangte aber eine grosse Portion Idealismus, den sie bei ihren Söhnen nicht immer abholen konnte. Verständlich drückten sie sich zwischendurch  und dies zum Ärger von Christian. Für ihn gab es in diesen Monaten keine Freizeit und dasselbe verlangte er auch von Marie und den Söhnen. Diese Plagerei nahm Marie in Kauf, sah sie am Ende doch ein Bijou indem sie wohnen würden. Es war ein intensives und lehrreiches Halbjahr für Marie. Die handwerkliche Überlegenheit führte Christian den drei Laien stets vor Augen. Dabei vergass er aber leider immer wieder den respektvollen Umgang mit den Handlangern. Nicht selten vielen Worte die unangebracht und verletzend waren.
Zuhause verarbeitete Marie solche erniedrigenden Ausbrüche und zweifelte immer wieder am Sinn der Arbeiten. Ja, es war ein hoher Preis den sie eingegangen war dem Umbau zuzustimmen.
Termingerecht waren Marie, Patrick und Daniel in ihr neues Heim eingezogen und die grosse Freude beherrschte in der nächsten Zeit die erlittenen Demütigungen.

Ja, Schwielen der Arbeit verheilen, Narben im Herz bleiben.

Im dreistöckigen Haus gab es keine Platznöte, alle drei hatten ihre eigenen Ruhezonen. Allerdings benötigte dieser Luxus auch eine Menge Arbeit. Gemeinsam schafften sie das.
Bereits ein Jahr später erweiterte sich die kleine Familie. Eine schwarze Katze gesellte sich zu ihnen. Puma, wie sie die Buben tauften, war ihr ein und alles. Die Katze hatte grossen Auslauf rundum das Haus.
Auch die gemeinsamen Weihnachtsfeiern wurden für Marie wahr. Patrick und Daniel wollten die Festtage in der eigenen Stube verbringen und auch Christian gesellte sich zu ihnen. Bei Marie gab es allerdings keine Massenbescherung. Ein feines Nachtessen und jedem ein kleines aber von Herzen kommendes Geschenk erfreute alle. Auch ein beleuchteter Christbaum und die Weihnachtslieder liessen die Augen der beiden Söhne erstrahlen. Grosser Mittelpunkt am Weihnachtsabend war aber Puma, der sich unter dem Christbaum räkelte. Christians negative Einstellung zum Weihnachtsfest versuchte Marie nun zu zähmen, was ihr aber nur teilweise gelang.
Bloss ein Jahr später bezahlte Puma ihre grosse Freiheit mit dem Leben. Erst zwei Jahre alt lag sie an einem Sommerabend vor dem Haus tot auf der Strasse. Das laute Schluchzen von Daniel, der sie behutsam aufhob und mit ihr die Treppe hoch in sein Zimmer rannte, prägte sich tief in Maries Herzen.
Wochen später kam Patrick mit der freudigen Nachricht nach Hause, dass die Katze seines Lehrers in wenigen Tagen Junge werfe und er ein Stubentiger abholen dürfe. Nicki hatte ein Tigerfell und war total verspielt. Die ganze Familie war wieder angetan von dem kleinen Wirbelwind. Schon bald hatte Nicki aber den Drang nach draussen. Sie kletterte hinter dem Haus auf den Zwetschgenbaum und miaute nachher herzzerbrechend, weil sie sich den Rückweg nicht mehr zutraute. Daniel kletterte sofort hoch und befreite sie von der misslichen Lage. Kaum hatte sie diesen Schrecken verdaut wagte sich Nicki auf die Strasse. War sie am Anfang noch vorsichtig, verlor sie schnell die Angst und rannte drauf los. Diese Unachtsamkeit von Nicki, aber auch einer jungen Autofahrerin wurde dem kleinen Büsi in einer Nacht zum Verhängnis. Gegen Mitternacht hörte Marie eine Autobremse quietschen und kurz danach klingelte es an ihrer Haustüre. Eine junge Frau trug Nicki in den Händen und erklärte weinend, dass sie die Katze nicht gesehen hätte. Bevor sich Marie um die blutende Katze kümmern konnte, hörte sie bereits ihre beiden Söhne die Treppe herunter springen. Schluchzend nahmen sie den wimmernden Nicki in die Arme und Marie fuhr sie zum Tierarzt. Was sie befürchtet hatten, traf die drei dann wie ein Donnerschlag. Nicki musste eingeschläfert werden. Die Verletzungen waren massiv, Nicki hätte nie mehr gehen können. Weinend verabschiedeten sie sich von Nicki und erst jetzt bemerkte Marie, dass auch die junge Autofahrerin anwesend war. Sie weinte ebenso still vor sich hin. Marie nahm die fremde Frau in den Arm und versuchte so ihr Schuldgefühl zu lindern. Mit Katzen hatten Marie, Patrick und Daniel wirklich kein Glück wirklich kein Glück. Trotz der tierfreundlichen Haltung. Sie hatten einen grossen Umschwung, Bäume zum Klettern, eine Katzenschleuse um jederzeit ein und aus zu gehen, zur Verfügung. Trotzdem wählten die Katzen immer das Risiko der Strasse. Eine weitere Katze lehnte Marie ab, zum Wohl des Tieres, aber noch mehr um ihren beiden Söhnen eine weitere bittere Erfahrung zu ersparen.


Christian, der bisher in seinem Elternhaus wohnte, zog nach der Heirat zu Marie an die Kirchstrasse. Als seine bisherige Mieterin dieser Liegenschaft stellte sie nun ihre Ansprüche. So wurde Marie nach wenigen Wochen Mitbesitzerin dieses Hauses. Getreu dem Motto:
"Gebrannte Kinder scheuen das Feuer" verlangte sie gleichzeitig einen offiziellen Ehe- und Erbvertrag. Die bisher erlebten Charaktereigenschaften ihrer angeheirateten Familie waren ihr Grund genug geeignete Vorsichtsmassnahmen zu treffen.
Nun lebten sie einen normalen Alltagstrott. Christian setzte sich für sein Geschäft ein und Marie liebte ihre Anstellung auf der Bank. Patrick und Daniel liebten ihr Zuhause, aber vor allem ihre sturmfreie Bude im Dachgeschoss. Inzwischen waren sie in der Pubertät und hatten auch ihre ersten Liebeleien. Die Freunde und Freundinnen trafen sich gerne in ihrem Reich. Diese Treffen im Dachgeschoss passten aber Christian nicht, vor allem die Anwesenheit von weiblichen Gästen störte ihn, obwohl er nie direkten Kontakt mit ihnen hatte. Statt mit Patrick und Daniel selber sein Problem anzusprechen beleidigte er Marie, keine Ordnung im Haus zu haben.

Er bestand darauf, dass Maries Söhne mit zwanzig Jahren das Haus verlassen und sich alleine durchsetzen müssten. Angeblich war diese Praxis in seiner Familie üblich und er habe sich auch alleine in der Welt behauptet. Der erste grosse Krach zwischen Marie und Christian war angezettelt und er drohte mit dem Auszug, wenn seine Forderungen nicht erfüllt würden. Einer gemeinsamen Diskussion mit den betroffenen Söhnen stellte er sich aber nicht, sondern überliess diese heikle Mission Marie. Wieder einmal fühlte sie sich alleine gelassen mit einer grossen Sorge.

Maries Qual war nun: Für wen entscheide ich mich? Riskiere ich eine erneute Scheidung, oder verliere ich meine beiden Söhne?


Diese Zentner schwere Last auf Maries Schultern  nahmen ihr etwas später ihre Söhne ab. Weitsichtig erklärten sie ihrer Mama, dass sie sich nun etwas früher als geplant eine eigene Wohnung suchen würden. Patrick verliess bereits einige Monate später seine geliebte Bude an der Kirchstrasse. Er zog hundert Meter von seiner Mama entfernt in eine kleine Wohnung. Traurig und trotzdem glücklich half sie ihrem Sohn eine heimelige Bleibe einzurichten. Zwei Jahre später bezog auch Daniel im gleichen Mehrfamilienhaus wie sein grosser Bruder eine kleine Wohnung. So waren sie einander Nahe und trotzdem hatte jeder sein eigenes Heim. Vom Wohnzimmerfenster sah Marie abends Licht in den beiden Wohnungen und wusste, sie sind daheim.

Marie und Christian waren nun allein. Nur ein schmerzhafter Stachel in Maries Herzen musste zuerst ausheilen. Einmal in der Woche lud Marie ihre Söhne zum Nachtessen ein, damit sie ihre Nähe spüren und an ihrem Leben teilhaben konnte.

Ja, Marie war sich sicher: Ich habe die besten Söhne der Welt!


Marie und Christian machten auch aktiv in einem zufällig zusammen gewürfelten Club mit. Diese handverlesene Gruppe wurde gegründet vom Ehepaar der Quartierbäckerei. Werner war in der Backstube Meister und Verena die Chefin im Laden. Die berühmten St. Galler Bürli waren regional bekannt und auch Marie gehörte zu den Stammkäufern dieser Spezialität. In ländlichen Gegenden, auch in Kreuzlingen, gehörte ein Schwatz an der Theke zum Alltag. So kannte Verena ihre Kunden mit Namen und auch Freuden und Nöte blieben ihr nicht fern.
Bei einem Bäckereibesuch von Marie und Christian lud die Bäckereisfrau die beiden ein zu einer Backstuben Party. Erfreut nahmen sie die Einladung an und trafen dann auf zwei weitere Ehepaare. Es wurde ein angeregter und lustiger Abend. Bevor sich die neue Runde trennte, beschlossen sie diese Zusammenkunft im gleichen Rahmen weiter zu führen und gaben dem Treffen den Namen Achter-Club.

Die illustre Gesellschaft setzte sich zusammen aus den Ersteinladenden:
Verena und Werner, den Bäckersleuten aus Dettighofen.
Adelheid und Helmut, den Eigentümern der Mühle Ellighausen, welche das Mehl in die besagte Bäckerei liefern konnte.
Helen und Wilhelm, sie aktive Pflegefachfrau im Spital und Schwester von Bäcker Werner und er selbständiger Steinmetz in Schaffhausen.
Christian und Marie vervollständigten den Achter-Club.
Die Gruppe deckte Wohnortmässig die ganze Region Thurgau und Schaffhausen ab. Sie trafen sich nun vierteljährlich bei einer Partei zum Nachtessen und anschliessendem geselligen Beisammensein. Marie und Christian waren jedes Mal fasziniert von den kulinarischen Köstlichkeiten, die mit viel Liebe zum Detail serviert wurden. Spiele, Witze, aber auch künstlerische Einlagen liessen jeden Abend zum Erfolg werden.

Bäcker Werner war ein leidenschaftlicher Maler und seine Bilder zeugten von der herrlichen Natur in der ganzen Region.
Steinmetz Wilhelm meisselte seine Steine in prachtvolle Kunstwerke. Grabsteine mit persönlichen Wünschen der Trauernden,  Schmucke Wasseroasen für durstige Vögel, und vieles mehr.
Christian als dritter Künstler in der Runde verwandelte harten Stahl in weiche Forman. Seine zum Teil grossen Kunstwerke zieren Strassenkreisel, aber auch Gärten in der Umgebung.
Einer musste noch als Kunstexperte walten und dafür war Helmut zuständig. Als Müller in seiner Mühle konnte er zwar das Mehl dem Bäcker liefern, aber ein süsses Kunstwerk blieb dann halt doch in den Händen des Bäckers.

Die vier Damen konnten sich mit ihren Künsten aus der Küche profilieren, was jede auf ihre Art mit Bravour meisterte.

Ein besonderes Privileg hatten alle vier Parteien aufzuweisen, ein eigenes Haus und Gärten die als Festplatz benützt werden konnten.
Diese angenehme Situation beflügelte Wilhelm und Helen aus Schaffhausen an einem warmen Sommerabend zu einem Mondscheinbad einzuladen. Inmitten vieler Bäume und Sträucher plätscherte ein grosser Brunnen und dieser war auserkoren dem Achter-Club ein besonderes Erlebnis zu gewähren. Um dem Mondscheinbad einen besonderen Kick zu geben, schlug Wilhelm vor, den Apéro hüllenlos im Wasser zu geniessen.
Marie, als jüngstes Achter-Club-Mitglied war vom Vorschlag etwas irritiert, obwohl sie weder prüde noch unansehnlich war. Nachdem die älteren Semester mit Wonne nackt ins Bad drängten, wollte Marie keine Spielverderberin sein und setzte sich ebenfalls im Adamskostüm ins kühle Nass. In ausgelassener Stimmung servierte Helen Champagner und Wilhelm hielt die frivole Szene vom Balkon herunter fotografisch fest. Die Aufnahmen waren dann beim nächsten Treffen eine lustige Einlage.
Die Jahreswechsel und die Geburtstage der Club-Mitglieder wurden jeweils in geselliger Runde gemeinsam zelebriert. Zwanzig Jahre machten die Treffen ihre Runde ohne ermüdende Abnützungserscheinungen. Dann erkrankte Helen an Krebs und alle Freunde standen fassungslos an ihrem Sterbebett.
Mit Helen erlosch auch der Achter-Club. Einige Jahre blieb noch ein loser Kontakt untereinander, dann starb Werner und etwas später auch Helmuth. Verena und Adelheid zogen sich zurück und es gab nur noch selten ein Lebenszeichen von ihnen. Wilhelm lernte eine neue Freundin kennen, welche aber den Rest des Achter-Clubs nicht zu ihren Freunden zählte. So starb die einstige lustige Gesellschaft in Raten.

Für Marie und Christian war klar, sie erlebten eine tolle Zeit mit dem Achter-Club, die sie nicht missen möchten.


Fünf Jahre später erwarben Marie und Christian ein renovationsbedürftiges Dreifamilienhaus in unmittelbarer Nähe ihres Heims. Wie selbstverständlich nahmen die beiden die grosse Herausforderung eines Umbaus in Angriff. Christian konnte wieder seine Qualitäten als guter Handwerker einsetzen und Marie als zuverlässige Handlangerin brillieren. Nach einem Jahr intensiver Arbeit stand das Haus in neuem Glanz da und um die drei Mietwohnungen stritten sich die Bewerber. Ja, die beiden hatten eine grosse Leistung erbracht und freuten sich riesig über das gelungene Werk. Dem Haus gaben sie den Namen „Johannes“ und dies hatte einen wunderbaren Sinn. Die Bewohner im ersten Stockwerk, ein junges Paar bekam Zuwachs und ihr Sohn hiess Johannes.

Marie blickte aber auch auf etwas weniger erfreuliche Tatsachen zurück. Immer wieder musste sie blöde Demütigungen einstecken. Christians Ausraster war sich Marie gewohnt vom ersten Hausumbau an der Kirchstrasse und steckte sie locker weg. Grosse Mühe hatte Marie hingegen mit einer unüberlegten Äusserung von Christians Schwester Waltraud. An einem Samstagnachmittag kam sie mit ihrer Mutter im Rollstuhl auf das Gelände des Dreifamilienhauses und schaute ihrem Bruder und der Schwägerin bei der Arbeit zu. Ihr perfider Kommentar: „Christian, hier hast du aber eine riesige Arbeit geleistet und dies alles allein.“ Marie, noch im blauen Handwerkeroverall, konnte es nicht verkneifen und entgegnete ihr ironisch: „Ja, ich bin während Christian arbeitete immer im Schatten auf dem Liegestuhl gelegen!“ Statt korrigierende Unterstützung zu leisten, schwieg Christian und genoss das einseitige Lob. Solche Momente taten Marie weh, vor allem wenn sie bereits müde war von der schweren Handlangerarbeit. Marie liess sich aber nicht unterkriegen und hielt durch bis zum Schluss. Dabei erinnerte sie sich immer an einen Satz, den ihre Arbeitskollegin einmal locker ausgesprochen hatte. “Marie denk daran die Zeit arbeitet für dich“. Dieser Satz lenkte Marie durch viele Jahre mit Christian und bewahrheitete sich laufend.

Das neue Bijou an der Sonnenstrasse blieb auch Maries Söhnen nicht verborgen. Als Patrick mit seiner Freundin Karin zusammenzog, nistete er sich in der frei gewordenen Wohnung im Erdgeschoss ein. Wenige Monate später zog auch Daniel ins Haus „Johannes“ ein, ins Dachgeschoss. So waren wieder beide Söhne beisammen unter einem Dach, sie waren glücklich und empfanden ihre Bleiben als Rückkehr in die Familie. Auch Marie war über die neuen Mieter äusserst selig.

Zehn Jahre später heiratete Patrick seine Karin. Dies veranlasste Marie und Christian die  Liegenschaft „Johannes“ in die Hände einer jüngeren Generation zu legen. Die beiden waren nun die neuen Besitzer, was nicht nur Wohlgefühl bedeutete, sondern auch mit einer Menge Arbeit verbunden war. Sie nahmen die Herausforderung an und sind auch heute noch glücklich über ihren damaligen Entscheid.

Daniel konnte in der Zwischenzeit ebenfalls ein Doppeleinfamilienhaus erwerben. Die Liegenschaft war nur fünfzig Meter von seinem Bruder entfernt und angebaut an die Liegenschaft von Christians Elternhaus. Somit war nun der gesamte Gebäudekomplex an der Müllerstrasse in familiärer Bande. Auch dieses ältere Haus benötigte eine gründliche Renovation. Dies war dann wieder der Moment für Christian. Nun konnte er wieder seine handwerkliche Ader an einem Umbau auslassen. Zusammen mit Daniel und Christian zog auch Marie wieder den blauen Overall an und in den nächsten Monaten verbrachte sie ihre Freizeit auf der Baustelle. Ja, beim Hand- in Handarbeiten verstanden sich Marie und Christian blind. Eigentlich bräuchte es gar keine Ausraster oder Demütigungen. Für Christian überwog natürlich die Herausforderung der Arbeiten, bei Marie hingegen die Freude ihrem Sohn seinen eigenen Besitz mitzugestalten. Daniel war beim Einzug in sein neues Heim selig, zumal er sich in der Zwischenzeit in eine Freundin verliebt hatte, die etwas später bei ihm einzog.

Marie war sehr glücklich. Ihre beiden Söhne lebten nun jeder in seinem Haus und in unmittelbarer Nähe zu einander.

Im Mai 1999 heiratete Patrick im reifen Alter von 30 Jahren seine Karin. Es war ein bewegender Moment für Marie, als ihr Sohn am Altar stand und seiner zukünftigen Frau das "Ja-Wort gab".
Sie verfolgte an vorderster Front die Trauung und mit ihr rund fünfzig geladene Gäste. Der Hochzeitsmarsch begleitete das glückliche Paar durch den Mittelgang zum Altar. Karin in einem weissen Brautkleid und Patrick elegant in einem schwarz/weissen Anzug. Mit dem bekannten Hochzeitslied „Ave Maria“ wurde das Paar in die gemeinsame Zukunft geschickt. Dieses emotionale Lied hatte bei einigen Gästen Freudentränen auf Reisen geschickt, auch bei Marie.

Nun bin ich also Schwiegermutter. Ich werde im positiven Sinne daran arbeiten eine gute Schwiegermutter zu sein: gelobte sich Maria in diesen Minuten.

Diesen Freudentag zelebrierten die beiden Familien zu einem unvergesslichen Tag für das Hochzeitspaar. Auf dem Schaufelraddampfer „Hohentwiel“ schipperten sie auf dem Bodensee. Es war ein freudiges Ereignis, als der Kapitän mit seiner ganzen Crew das Brautpaar und die Gäste  auf der Gangway begrüsste und ins Schiff begleitete. Kulinarisch und musikalisch fehlte es an nichts. So entliessen die mitfeiernden Hochzeitsgäste das Brautpaar mit allen Ehren in die gemeinsame Zukunft. Ihr schönes Heim „Johannes“ ist nun ihr Mittelpunkt und Ruhepol.


Ein Jahr später kam auch Daniel unter die Haube. Er heiratete seine Freundin Gabi aus München. Diese Liaison hatte sehr unkonventionell begonnen. Daniel, der wie sein Bruder Patrick in der Guggenmusik „Panikorchester“ musizierte, lernte seine acht Jahre ältere Freundin Gabi an einem Fastnachtstreffen in der Nähe von München  kennen. Gabi war eine stolze Frau mit ausgeprägtem Berechnungssinn. Sie war intelligent und gut gebildet und dem Altersunterschied wurde keine Bedeutung zugemessen. Marie hingegen sah genau in diesen Eigenschaften die grösste Herausforderung für ihren Sohn. Dazu kam die deutsche Ellbogenmentalität, die den Schweizern nicht in die Wiege gelegt wurde. Ihre Bedenken behielt Marie aber für sich und akzeptierte Gabi bedingungslos. Sie unterstützte ihre neue Schwiegertochter bei den Vorbereitungen zur Hochzeit wie vor einem Jahr Patrick und Karin.

Die Heirat fand in der Basilika St. Ulrich in Kreuzlingen statt. Am Arm ihres ältesten Bruders – ihr Vater lebte nicht mehr - schritt sie wie eine Prinzessin zum Altar. Gabies Wunschmelodie „Amazing Craze“ wurde von einem Freund Maries und Christians gesungen, begleitet von der kirchlichen Orgel. Ein emotionaler Moment. Ergriffen schaute Daniel zu seiner Mama und in seinen Augen erkannte Marie Tränen.
Waren es Tränen der Freude?
Daniels Emotionen ergriffen auch Marie, sie konnte ihre Tränen auch nicht mehr verbergen.

Gabis geplante Hochzeitsfeier zeigte royalen Charakter. Eine goldverzierte Kutsche, gezogen von vier weissen Pferden holte das Brautpaar bei der Kirche ab. Dahinter folgten die Familienmitglieder und Gäste mit zweispännigen Gesellschaftswagen. Es wurde eine fantastische Fahrt durch die blühende Thurgauer Natur bis zum Seerhein in Gottlieben. Ein rauschendes Fest bis in die Morgenstunden brachte die beiden Nationen, wenn auch im kleinen Rahmen, zusammen. Die frischvermählten Daniel und Gabi bewohnten das umgebaute Haus an der Müllerstrasse und waren vorerst glücklich.
Nach zehn Jahren kinderlose Ehe war die Harmonie zu Ende und die Scheidung ausgesprochen. Wenigstens gab es keine Kampfscheidung.
Marie war traurig und in ihr kamen die Emotionen ihrer eigenen Scheidung wieder zum Vorschein. Darum war sie froh, dass sich bei Daniel diese entwürdigenden Geschehnisse von damals nicht wiederholten.

In der Zwischenzeit lebt Daniel wieder glücklich mit seiner neuen Lebenspartnerin in seinem Heim.


Marie versuchte aber auch zu ihren vier Schwestern den Kontakt nicht zu verlieren. Inzwischen waren alle verheiratet, zum Teil schon das zweite Mal. Der persönliche Kontakt untereinander blieb längere Zeit vernachlässigt. Ausreden wie Zeitmangel kannten sie alle, auch die Kinder- und die Ehemannbetreuung musste als Deckmantel für den Mangel an Lust herhalten. Dabei fehlte allen einfach die Motivation etwas gemeinsam zu unternehmen. Am Telefon hörte Marie immer die gleiche Leier, man sollte …! Dabei blieb es dann auch.

Im Jahre 1992 wollte Marie dieser Starre eine Wende geben. Sie startete eine Einladung an ihre Schwestern zum gemeinsamen Besuch des Christkindelmarktes in München. Alle waren sofort begeistert und so wollten sie mit dem Car in die Hauptstadt Bayerns fahren. Diese Art von Transportmittel eignete sich für die Schwestern am besten, da sie in der ganzen Schweiz verstreut wohnten. Jede konnte an ihrer nächsten Haltestelle ein- und auch wieder aussteigen. Marie war die letzte Passagierin die in St. Gallen an Bord kam, bevor sie die Grenze nach Deutschland passierten. Im verhärteten Ausdruck ihrer ältesten Schwester Emma konnte sie ablesen, dass die vier Frauen ein Problem wälzten. Auffallend war auch die Sitzordnung, Barbara und Jolanda sassen neben einander, Anna und Emma alleine hintereinander. Marie wurde beim Einsteigen der Platz neben Anna zugewiesen. So kam es, dass Emma die Fahrt ohne Sitznachbarin machte. Eigentlich hätte sich Emma über die grosse Platzfreiheit freuen müssen, stattdessen war sie verschnupft. Marie die das aufgebauschte Problem lösen und mit Emma den Platz tauschen wollte, wurde starrköpfig abgewiesen.
Marie war es von Anfang an klar, dass eine Reise mit fünf Frauen eine besondere Herausforderung verlangte. Mit fünf Schwestern aber ein besonderer Pferdefuss war. Sie wollte sich aber dieser Aufgabe stellen. Gleich nach der Ankunft im Hotel lockte der Weihnachtsmarkt und die fünf Schweizerinnen verbrachten angenehme Stunden. Vergessen war die blöde Sitzkomödie. Dann statteten sie dem Münchner Original Rudolph Mooshammer einen Besuch in seiner Boutique ab. Sie reservierten auch gleich das Abendessen im Restaurant „Hundskugel“, die dem Mann mit der extravaganten Frisur gehörte. Leider ging auch dieser Abend nicht ohne Scharmützel zu Ende. Vier Schwestern waren sich über das Menu und den Wein einig, nur Emma scherte aus. Sie begnügte sich mit einer Kleinigkeit und war auch nicht bereit mit einem guten Tropfen Wein auf den schönen Abend anzustossen. Der nächste Tag blieb ebenfalls nicht verschont von dümmlichen Kollisionen. Im späten Nachmittag verliessen die fünf Schwestern München wieder, gestaffelt verliessen sie den Bus wieder und kehrten heim. Sie verabschiedeten sich voneinander und für die Mehrheit war klar: Es war toll. Eine solche Auszeit von der Familie wiederholen wir.

Ein Jahr später organisierte Marie einen Kurztrip nach Birrfeld. Der Regionalflugplatz bot eine unterhaltsame Kulisse und im Garten sitzend, konnten sie auch die Kleinflugzeuge starten und landen sehen. Sie wählte diesen Ort aber aus, weil gefühlsmässig die Schwestern einen Bezug zu diesem Kaff hatten. Hier wohnten sie alle nach dem Auszug aus dem Rheintal. So sah Marie auch das Diskussionsthema im Fluss.
Der Tag begann herrlich mit Sonnenstrahlen und die Themen über Familie, Freunde und Bekannte sprudelten aus den fünf Schwestern. Witzige Anekdoten sorgten für lachende Gesichter und auch das Mittagessen im Freien schmeckte den Frauen.
Im Verlauf des Nachmittags kippte die gute Laune in eine akute Verstimmung. Die beiden jüngsten Schwestern Jolanda und Barbara sangen ein Loblied auf die Eltern, was die älteren drei Frauen nicht im gleichen Licht sahen. Sie hatten andere Erfahrungen gemacht in ihrer Jugend, was auf den grossen Altersunterschied hinwies. Zwischen der Ältesten und der Jüngsten beträgt die Distanz immerhin vierzehn Jahre. Dazwischen waren auch noch drei Brüder, die mit ihren Kapriolen ein eigenes Buch füllen würden.
Bei Emma brachte das Thema Eltern das Fass zum Überlaufen. Was sie bis zu diesem Nachmittag nie jemandem anvertraut hatte, platzte in diesem Moment aus ihr heraus. Mit rotem Kopf und zitternder Stimme erzählte sie von Papas Untat an ihr, der Vergewaltigung. Wortlos und geschockt hörten die vier Schwestern der Anklage zu. Jolanda und Barbara fanden als erste wieder ins Gespräch zurück. Leider aber in negativem Sinne. Sie beschuldigten Emma der Lüge und perfiden Verleumdung gegen den Papa.

Feige schwieg Marie damals, dabei hätte sie Emma unterstützen und ihr Leiden bestätigen müssen. Warum hatte sie dies nicht gemacht?

Aus heutiger Sicht ein unverzeihlicher Fehler. Damals war sie aber im ersten Moment wie vom Schlag getroffen und fand keine Worte. Vielleicht war es auch besser, kein weiteres Öl ins Feuer zu giessen, damit die Stimmung noch ganz in den Keller rasselte.
Als kleine Entschuldigung für ihre feige Tat nahm Marie für sich in Anspruch, dass sie fassungslos war, dass eine weitere Schwester von Papas widerlichen Handlungen betroffen war.
Der schöne Tagesanfang endete mit dieser Offenbarung von Emma in einem missglückten Rückschlag für weitere Zusammenkünfte. Emma hatte ihre wahren Aussagen im schlechtesten Augenblick kundgetan. Damit drängte sie die ahnungslosen Schwestern in eine Abwehrstellung.

Die fünf Schwestern wurden nun in zwei Lager getrennt. Die jüngeren Beiden glaubten bedingungslos an die Ehre der verstorbenen Eltern und die beiden Ältesten, als geschädigte von Papa, konnten einer intakten Familie nichts abgewinnen. Nur die Position von Anna blieb unbekannt und konnte keiner Gruppe zugeteilt werden. Diese Grossstadtverhältnisse zogen sich viele Jahre hin. Diesmal war es nicht mehr die Motivation, die ein Zusammenkommen verhinderte, sondern der Ärger über die geteilten Familienansichten.


Vorsichtig tastete sich Marie im Jahre 1997 wieder an ein mögliches Treffen. Christian und sie feierten Eröffnung ihrer neuen Betriebshalle mit einem Tag der offenen Türe. Zudem war Marie neu in die erweiterte Firma ihres Ehemannes eingetreten und übernahm den administrativen Teil als Mitinhaberin. Sie fragte deshalb ihre Schwestern an, ob sie gemeinsam die Wirtschaft übernehmen könnten. Ohne zu zögern erhielt sie von allen eine Zusage. Es war eine gelungene Aktion. Ihre Schwestern und deren Ehemänner bestritten den ganzen Tag als Festwirte mit professioneller Bravour. Hand in Hand arbeiteten sie zusammen ohne jegliche Disharmonie, einfach fantastisch. Maries innere Anspannung über eine mögliche Familienfehde, die alles zerstört hätte fiel stündlich von ihr ab und wich grosser Freude. Ja, Maries Plan war ein grosses Risiko mit vielen Fragenzeichen gewesen. Sie erlebte darum eine unglaubliche Genugtuung beim Anblick der ehemals zerstrittenen „Hennen“, wie sie nun miteinander plauderten und blödelten.

Ja, gemeinsame Arbeiten verbinden und können verfeindete Parteien wieder zusammen bringen. Zudem ist der ganze Familienclan in einem Alter, wo Harmonie und Freude an erster Stelle sein müsste, gemäss dem Spruch:

„Reden ist Silber – Schweigen ist Gold“.

 

Einsatz für die Allgemeinheit/ Gemeinderätin mit Ecken und Kanten
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11.  Einsatz für die Allgemeinheit/ Gemeinderätin mit Ecken und Kanten

2000 - 2007
Marie setzte sich aber auch gerne für die Stadt Kreuzlingen ein. So war sie während dreiundzwanzig Jahren im Vorstand des Quartiervereins Egelshofen tätig, die letzten sechs Jahre als Präsidentin. Es war für sie immer eine Ehre sich für die Quartierbewohner politisch einzusetzen oder auch gesellschaftliche Anlässe zu organisieren.

Als Urnen Offiziantin überwachte sie während acht Jahren bei jeder Abstimmung mit einem weiteren Urnen Offizianten die korrekte Abgabe der Stimmzettel. Am Sonntag nach der Stimmlokalschliessung sortierte und zählte sie dann in einer Runde von vierzehn Stimmenzählern die Stimmzettel aus. Es war eine interessante Aufgabe, besonders die Präsenzzeit an der Urne. Viele Menschen lernte sie in dieser Zeit kennen und diese erinnerten sich dann bei der Kandidatur zur Gemeinderätin an sie und gaben ihr die Stimme.

Christian war dreizehn Jahre Gemeinderat der FDP in Kreuzlingen und stellte sein Amt zur Verfügung. Marie folgte dann nach dem Rücktritt 1995 in seine Fussstapfen. Eingebunden in die Fraktion FDP wurde ihr aber schon bald klar, dass sie mit dieser Partei wenig bis gar nichts am Hut hatte. Zur Fraktionsgemeinschaft gehörten auch drei Gemeinderäte der SVP. Diese drei Männer gehörten zwar von nationaler Seite her einer rechten Partei an, waren aber alles andere als Draufgänger. Die FDP ihrerseits, sieben Männer und zwei Frauen, darunter Marie, bestimmten die Marschrichtung in den Geschäften und behandelten die SVP Kollegen als freiwilliges Anhängsel. Marie fühlte sich in dieser Partei nicht willkommen und so verliess sie nach vier Jahren die FDP und wechselte zur SVP. Mit dieser Partei zog sie 1999 in den Wahlkampf mit dem Ziel eine eigene Fraktion zu erreichen. Der Abstimmungstag wurde dann für die SVP und Marie zu einem grossen Erfolg. Sie gewannen drei Sitze dazu und hatten ihr Ziel – eine Fraktion – erreicht. Vorbei war nun das Anhängsel an die FDP.
Marie übernahm gleich das Präsidium der Fraktion und bei der Kommissionsverteilung wurde ihr auch das Präsidium Gesellschaft Kultur und Sport anvertraut. Das bedeutete für sie, vier strenge Jahre. Die Parteibasis war zufrieden mit ihrer offensiven Arbeit und die Mehrheit der Fraktionsmitglieder auch. Einzig jene Kollegen die eine ruhige Kugel schieben wollten, waren mit ihrer konsequenten Sitzungsordnung etwas überfordert. Maries Ziel war es nun die SVP Sitze bei der nächsten Wahl zu erhöhen und in absehbarer Zeit stärkste Fraktion zu werden, dafür arbeitete sie.
Im Gemeinderat Kreuzlingen hatte die damalige Freiheitspartei drei Mitglieder, das bedeutete keine Fraktion und entsprechend heimatlos. Da ihre politischen Positionen in vielen Geschäften mit der SVP parallel verliefen, einigten sich die beiden Parteien für einen Zusammenschluss. Den Rest der Legislatur politisierte die SVP mit neun Sitzen auf Augenhöhe mit der FDP.

2003 wurde dann ein Schicksalsjahr für Marie. Die Wahlen wurden wieder ein Erfolg für ihre Partei, sie gewannen zwei weitere Sitze dazu. Mit elf Gemeinderäten starteten sie in die neue Legislatur und erkämpften sich zu den bestehenden Präsidien noch das begehrte Präsidium der Geschäftsprüfungskommission. Gleichzeitig war die SVP zum ersten Mal an der Reihe das Vizepräsidium des Gemeinderates zu besetzen. Dieses Amt war für Marie eine Wunschposition und sie stellte sich zur Verfügung. Ihre Fraktionskollegen waren einstimmig für dieses Vorhaben und anerkannten somit das riesige Engagement von Marie für die SVP. Eine Woche vor der Wahl bildete sich heimlich eine kleine Gruppe Frevler und Marie erfuhr erst ein Tag vor der Gemeinderatssitzung von diesem dunklen Vorhaben. Eine unbeteiligte Person machte Marie darauf aufmerksam, dass ihr ein Fraktionsmitglied die Wahl streitig machen werde. Wie konnte so etwas möglich sein, hatten drei Tage vorher bei der Fraktionssitzung doch alle zugestimmt?
Auf diese perfide Aktion vorbereitet betrat Marie am nächsten Abend den Gemeinderatssaal mit gemischten Gefühlen. Sie betrachtete während den ersten Minuten ihre Kolleginnen und Kollegen im Rat und versuchte sich auszumalen, wer in diese verwerfliche Aktion eingebunden war. Nach der erfolgreichen Wahl des Präsidenten des Gemeinderates stieg die Anspannung in Marie. Es wurden die Stimmzettel verteilt die Maries Urteil besiegeln sollten. Nach der Auszählung verlas der neue Präsident die Stimmen für das Vizepräsidium. Mit 16 Stimmen verpasste Marie das absolute Mehr genau wie ihr Gegenkandidat der ebenfalls 16 Stimmen auf sich vereinen konnte. Nun zeigte sich aber wer der Anführer dieser Aktion war. Ein Fraktionskollege, der bereits als Anhängsel in der FDP keine Meinung hatte, wollte nun Marie stürzen. Nach einer kurzen Diskussionspause in der Marie ihren Fraktionskollegen klar machte, dass sie keine Parteidoktrin wolle und dass derjenige das Amt antreten solle, der mehr Stimmen erhalte. Ihr war aber auch bewusst:
Ein Gemeinderat ohne Opposition, also ein „Arschlecker“ hat grössere Chancen. Ihre Hoffnung setzte sie nun auf die Tradition, dass ein von der Partei vorgeschlagener Kandidat gewählt wird.


Dann folgte der zweite Wahlgang und der Rat verhalf dem Konkurrenten mit 18 Stimmen auf den Thron. Bevor sich der Rat den weiteren Geschäften widmen konnte, verlangte Marie noch das Wort. Sie verabschiedete sich vom Gemeinderat und trat per sofort von allen Ämtern zurück. Auch ihre Ehrenämter legte sie in diesen Minuten nieder. Sie packte ihre Sachen zusammen und verliess den Saal. Verdutzt schaute der Rat Marie hinterher. Mit diesem Rücktritt verabschiedete sich Marie aus dem Gemeinderat, nicht aber aus der Politik.
In den nächsten Tagen war Marie die meist gesuchte Person von Journalisten der Zeitungen und der Ostschweizer Fernsehstationen. Dieser Eklat im Kreuzlinger Gemeinderat machte weit über die Kantonsgrenze hinaus Aufsehen. Marie ging diesem Rummel aber aus dem Weg und war für niemanden ansprechbar.

Christian und Marie gingen am nächsten Morgen mit dem Schiff in ein verlängertes Wochenende und waren nicht mehr erreichbar.
Marie war zutiefst verletzt, weil ein Kollege aus der eigenen Partei mit Unterstützung der Linken und deren bürgerlichen Sympathisanten nun auf dem Thron sass. Der Verräter war kein Leistungsträger in der SVP, sondern ein Anpasser ohne eigene Meinung. Marie war es bewusst, dass sie von den Linken und den Grünen mit einem Denkzettel abgestraft wurde. Dieses Klientel hatte stets seine grosse Mühe mit ihr. Marie schwamm nicht auf der sozialen Schiene mit, sondern verfolgte eine rechts gerichtete Politik Zudem war sie stets gut vorbereitet und angriffig, trag Entscheidungen mit Hirn und zugunsten einer lebenswerten Stadt.

Einen schlechten Charakter bewiesen alle jene Gemeinderäte, die sich in den nächsten Wochen, mündlich oder schriftlich bei Marie gemeldet hatten. Der grosse Harsch dieser Lügner gab an,  Marie die Stimme gegeben zu haben. Ein kleiner Teil wollte ihr angeblich im ersten Wahlgang ein Denkzettel verpassen, aber im zweiten Wahlgang hätten sie dann für Marie gestimmt. Nur mit dieser Anzahl Ja-Stimmen wäre Marie haushoch gewählt worden.

Für Marie war der Beweis erbracht, dass sie nicht in dieses falsche Gremium gepasst hatte. Auch der SVP Kreuzlingen, der sie mit grossem Engagement zu dieser Stärke verholfen hatte, kehrte sie den Rücken. Ihre politische Richtung deckte sich besser mit der nationalen SVP, der sie treu blieb.

 

Krankheiten annehmen/ Weite Welt - ich komme
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12.  Krankheiten annehmen/ Weite Welt - ich komme

2007 
Ja, für Marie und Christian stimmt der Werbeslogan „Reisen verbindet“. Nichts mögen sie mehr als fremde Länder. In diesen Momenten sind sie rundum glücklich, aber vor allem einig.

Bereits in den ersten Jahren ihrer Bekanntschaft machten sie immer wieder Städtereisen. Manchmal dienten diese räumlichen Entfernungen der gegenseitigen Liebesbezeugung. Viele seelische Verletzungen konnten in einer fremden Stadt gemildert oder ganz abgebaut werden. Sie waren dann alleine und aufeinander angewiesen. Maries komplizierten Familienverhältnisse verlangte doch ein grosses Mass an Verständnis und da war ein Abschalten in der Fremde wie Balsam.

Die erste Städtereise nach Hamburg sollte ein besonderes Erlebnis werden. Dann zwei Tage vor der Abreise war Christian wieder einmal unausstehlich. Im Geschäft lief nicht alles nach seinem Willen und er kam polternd zu Marie ins Büro. Seinen Ärger über einen Mitarbeiter in der Werkstatt teilte Marie nicht. Dies veranlasste ihn den Spiess umzudrehen und er liess seine Wut an Marie aus. Er verletzte sie verbal aufs primitivste und verliess die Firma. Marie vollendete ihre Arbeit pflichtbewusst und kehrte am Abend traurig heim. Wortlos und ohne Nachtessen gingen die beiden schlafen. Am Morgen bevor sie zur Arbeit fuhren, erklärte Marie ihm, dass sie nicht nach Hamburg mitreisen werde. Gegen Mittag kam dann der Treuhänder der Firma, ein Freund von Christian,  zu Marie ins Büro und bekniete sie die Reise anzutreten.
"Ihr solltet gemeinsam Auftanken und sich wieder finden, was besonders für euer Geschäft existentiell sehr wichtig ist",
legte er Marie bittend ans Herz. Diese Aktion war natürlich Christians Bitte. Statt sich bei Marie zu entschuldigen für den nicht tolerierbaren Ausrutscher, mobilisierte er seinen Freund. Nach diesen wohlmeinenden Schlichtungsversuchen und einem Überschlafen des Verdrusses willigte Marie ein.

Die Reise nach Hamburg konnte beginnen. Ihr war klar, Christian war zu feige um sich zu entschuldigen und sie war zu feige um alles abzublasen. Wortlos überstanden sie den Flug und diskussionsarm die ersten Stunden in Hamburg. Offensichtlich fühlten sich beide nicht wohl in ihrer Haut. Auf einer Bank am Ufer der Aussenalster wurde es Marie bewusst:
Entweder mache ich den ersten Schritt zu einer Versöhnung, oder wir beide wackeln die nächsten drei Tage unglücklich und stumm durch die Gegend. Christian hatte bis anhin noch nie den ersten Schritt zur Versöhnung gemacht und wird es auch heute nicht tun.
Marie nahm seine Hand und sagte: „Lass uns wieder lieb zu einander sein.“ Sie umarmten und küssten sich, wenn auch nicht gerade stürmisch. Trotzdem merkte Marie, dass Christian ein schwerer Stein vom Herzen gefallen ist. Von diesem Moment an erlebten sie die Stadt mit den vielen Sehenswürdigkeiten als besonders schön. Sie waren wieder glücklich.

Hamburg blieb für Marie seither die schönste Stadt und sie besuchten sie immer wieder. Vor allem die bekannten Cruise Days hatten es ihnen angetan, wie Hunderttausend weiteren Schiffsfans.


Kaum Rentnerin wurde Marie mit ersten Leiden konfrontiert. Bis zu ihrem Ausscheiden aus dem Berufsleben benützte Marie den Komfort im Spital nur damals bei den beiden Geburten. Neu ziehen sie diese Krankenhäuser an wie eine Klette. Dank der Mitgift ihrer Mutter leidet Marie an Diabetes mit allen seinen Nebenkrankheiten. Die Prognose dieser heimtückischen Krankheit versetzte Marie einen riesigen Schock und veränderte ihr Leben schlagartig. Medikamente in allen Farben und Grössen wurden ihr verschrieben und eine Ernährungsberaterin krempelte ihren Essensplan um. Trotz Maries disziplinierter Befolgung der ärztlichen Anweisungen erlebte sie schon bald einen Arterienverschluss im rechten Bein. Während eines kurzen Spitalaufenthaltes wurde ihr Gefässleiden mit einer Ballontherapie geöffnet. Diese sogenannte Schaufensterkrankheit musste Marie in der Zwischenzeit erneut am linken Bein therapiert werden.


Dass es auch ohne Gallenblase weiter geht, weiss Marie seit 2008, als die Chirurgen ihr das operierte Organ auf dem Silbertablett zur Ansicht vorlegten.


Den grössten Schock erlebte Marie 2009, als bei einer Ultraschalluntersuchung der rechten Halsschlagader eine Verengung von über 90% festgestellt wurde. In einer sehr heiklen Operation mit hohem Risiko konnte sie vor einem möglichen Hirnschlag bewahrt bleiben. Zum ersten Mal erlebte Marie, wie schmal der Grat zwischen Leben und Tod verläuft und welches Glück sie hatte von einer grossartigen Familie getragen zu werden. Einzig eine lange Narbe vom Halszäpfchen bis zum rechten Ohr erinnern sie noch an diese physische und psychische Belastung.

Nach diesem Schock und der Genesung war Marie aber wieder fit für weitere Reisen.

Schiffe waren und sind Maries und Christians Leidenschaft. Bis zu ihrer Pensionierung schipperten sie auf ihrem eigenen Boot auf dem Bodensee. Seit sie aber frei und ungebunden sind wechselten sie ihre Glückseligkeit auf grössere Schiffe. Auf vielen  Kreuzfahrten lernten sie die Annehmlichkeiten und den Luxus der verschiedenen Reedereien kennen. Die Tage und Wochen auf diesen grossen Schiffen waren für Marie und Christian Erholung pur und sie entschlossen sich eine Weltreise zu machen.  Für dieses grosse Vorhaben galt es aber einige wichtige Abklärungen zu treffen. Sie wollten auf keinem Schiff ihre Ferien verbringen wo Nonstop eine musikalische Lärmbelästigung die Freude trübt. Genau so wenig könnten sie sich an übermässiges Kindergeschrei gewöhnen. Es sollte eine ruhige Atmosphäre herrschen, wo auch ungestörtes Lesen möglich war.

Marie und Christian studierten also in den nächsten Wochen diverse Angebote und entschlossen sich dann auf der Queen Victoria anfangs Januar 2013 die Welt zu umfahren. Start und Heimkehr war in Hamburg, was für sie ideal war, sie konnten mit der Bahn ab Konstanz zum Einstiegsort gelangen.

Ja, das rüstige Rentnerpaar wollte sein Heim auf festem Boden und mit Blick auf den Bodensee und die Berge gegen ein Leben auf hoher See mit teilweise unruhigem Wellengang tauschen. Bis dahin blieben aber noch einige Monate Vorbereitungszeit. Die freudige Wartezeit füllte sich mit vielen organisatorischen Arbeiten. Ländervorschriften, Pässe, Impfungen und Visen mussten kontrolliert oder organisiert werden. Auch der Bekleidung schenkte Marie ein besonderes Augenmerk. Spezielle Erlebnisse bedürfen auch einmaliger Garderobe. Anfangs Dezember, also rund ein Monat vor der Abreise lagen alle Dokumente parat und auch die Abwesenheitsarbeiten für das Zuhause waren verteilt. Die Freude und Anspannung erhöhte sich von Tag zu Tag.


Dann passierte das Unfassbare. Marie wurde am frühen Freitagmorgen 7. Dezember 2012, mitten im Alltagstrott von einem akuten Schmerz im Rücken getroffen. Schmerzmittel aus der Hausapotheke nützten nichts, der bohrende Schmerz im Rücken machte Marie total bewegungsunfähig. Auch die spätere Spritze des Hausarztes brachte keine Heilung. Eine Einweisung ins Spital war nicht mehr zu umgehen. Der Krankenwagen stand eine Viertelstunde später vor dem Haus und Marie verliess vollgepumpt mit Medikamenten auf einer Bahre ihr Heim und wurde ins Kantonsspital Münsterlingen eingeliefert. Die schnell definierte Ankunftsdiagnose, eingeklemmter Nerv. Sie wurde nun medikamentös weiter behandelt und erhielt die freudige Nachricht, dass sie am Montag wieder wohlauf nach Hause gehen könne. Eine freudige Nachricht für Marie. Während nun die Infusion unaufhörlich in ihren Körper lief, spürte sie zwar keine Schmerzen mehr, aber in ihrem linken Bein stellte sie immer mehr Taubheitsgefühle fest. Sie verständigte am Samstagmorgen bei der Visite die Verantwortlichen über ihre Feststellungen. Diese trösteten sie aber, das alles in Ordnung sei. Am Sonntagmorgen versuchte sie ein weiteres Mal bei der Visite ihr Leiden zu erklären. Inzwischen zog sie ihr linkes Bein bereits nach, wenn sie zur Toilette ging. Der diensthabende Arzt nahm ihr Anliegen sofort Ernst und veranlasste, dass sich eine Neurologin der Angelegenheit annahm. Diese betrat wenige Minuten später das Zimmer und stellte verschiedene Fragen. Dann wurde Marie abgeholt für eine MRI Untersuchung. Die Diagnose wurde ihr aber vorerst nicht mitgeteilt, da dies Chefsache sei. So war Marie bis am Montagmorgen im Ungewissen. Der Chefarzt brachte ihr dann den niederschmetternden Befund, akuter Bandscheibenvorfall beim fünften Lendenwirbel und gab gleich das Vorgehen bekannt: „Wir werden sie ins Neuro-Zentrum nach Kreuzlingen verlegen, wo sie operiert werden müssen.“

Die Aufnahmediagnose bestätigte Marie, dass bisher nicht alles rund gelaufen war. Der Chirurg sagte dann zuversichtlich: „Wir werden das Bestmögliche geben, aber ihre Einlieferung kommt etwas spät.“ Glücklicherweise verlief die Operation dann ohne Komplikationen und Marie fühlte sich in den nächsten Tagen gut aufgehoben.

Nur an Marie nagte eine weitere Sorge.
Was passiert mit meiner bevorstehenden Weltreise? Kann ich die Kreuzfahrt in knapp drei Wochen antreten oder muss ich meinen Traum begraben?
Marie war traurig und lehnte Christians Pläne die Reise abzusagen entschieden ab.
„Ich werde es schaffen.“, protestierte sie. Christian, der nicht so optimistisch war wie sie, versprach dennoch volle Unterstützung bei den Therapien. Die gute Betreuung durch das Pflegepersonal, der unbändige Wille von Marie und die täglichen Gehversuche am Arm von Christian zeigten dann auch erste Erfolge. So wurde die wehmütige Erwartung anfangs Januar die Meeresluft zu geniessen doch noch Wirklichkeit. Marie bekam von den Heilkundigen das Okay, die Reise antreten zu können. Ihre riesige Freude wurde zwar etwas gedämpft durch den Rucksack mit Medikamenten und den seitenlangen Therapieauflagen. Marianne war zuversichtlich, dass die Lähmungserscheinungen und das damit verbundene Nachziehen des linken Beines ein vorübergehendes Leiden ist. Das Hinkebein schmälerte ihre Freude auf die Weltreise nicht.


Am Dreikönigstag verliess Marie mit Christian ihr Heim und liess sich mit dem Nachtzug nach Hamburg bringen. Weitsichtig hatte Christian das Gepäck bereits im Voraus auf das Schiff transportieren lassen, sodass er sich nur noch um das Handgepäck und Marie kümmern musste.

In Hamburg wurden die beiden mit ersten kleineren Unstimmigkeiten konfrontiert. Die Taxifahrt vom Hauptbahnhof zum Cruise Center Hafen City teilten sie mit einem allein reisenden Engländer, der ebenfalls die Queen Victoria besteigen wollte. Die Fahrt wurde interessant, beide Parteien kämpften mit ihren Sprachschwierigkeiten. Je näher das Taxi der Hafencity kam, desto gespannter hielten die Passagiere Ausschau nach dem berühmten roten Cunard-Kamin. Bis zur letzten Minute glaubten sie nach jedem Häuserblock, dass der Anblick der eleganten Lady ihre Herzen höher schlagen liesse. Was einem Seefahrer nicht jeden Tag wiederfährt, erlebten die drei Taxipassagiere dann in Wirklichkeit. Die Queen Victoria war nicht da, die Hafenanlage geschlossen und niemand in Sicht, der sie aufnehmen wollte.
Marie fragte sich einen Moment schelmisch, ob dies eine Schikane der Deutschen war, weil sich die Schweiz wie auch England gegen die EU stemmten.
Die deutsche Taxifahrerin hingegen sagte gelassen: „Sicher hat die Queen Victoria kurzfristig im Cruise Center Altona angelegt.“ Die Fahrt verlängerte sich also um weitere zwei Kilometer. Dann endlich bogen sie in die Hafenanlage in Altona ein und wurden von dem Empfangskomitee der Queen Victoria willkommen geheissen.

Minuten später humpelte Marie wie ein verletzter Vogel am Arm von Christian die Gangway hinauf, statt wippend wie ein Model auf dem Laufsteg. Es blieb ihr nicht verborgen, dass sich die Empfangscrew um sie bemühte. Vor jeder Stolperfalle verhinderten ausgestreckte Hände einen möglichen Sturz. Marie war dankbar für diese Vorsichtsmassnahme. Es wurde ihr aber schmerzlich bewusst, sie war als Behinderte abgestempelt.
Am späten Nachmittag stand Marie mit Tränen in den Augen auf dem Aussichtsdeck und verfolgte die Ausfahrt vom Hafen Altona in Richtung Elbe. Gerührt hörte sie den gewaltigen Klang des Schiffhorns, mit dem sich die Queen Victoria von Hamburg verabschiedete. Sie konnte es kaum glauben, dass sie genau vor einem Monat die Fahrt mit der Ambulanz ins Spital in Anspruch nehmen musste. Liegend hörte sie damals ebenfalls Töne eines Horns, nur waren es keine freudigen Klänge, sondern das Martinshorn verlangte Vorfahrt.
Nun war sie an Bord und die weite Welt wartete auf sie. Auf der Queen Victoria wartete aber noch eine spezielle Überraschung auf Marie. Die Begrüssungsrede des Schiffoberhauptes über die Lautsprecheranlage an die Gäste wurde von einer weiblichen Stimme gehalten. Ja, der Kreuzfahrtdampfer war in den Händen einer Frau Kapitän.

Der erste Auftritt beim Dinner im vollbesetzten Speisesaal wurde für Marie zu einem Spiessrutenlaufen. Alle Blicke wanderten von ihrem hinkenden Gang hinauf zum angespannten Gesicht und wieder zurück. Marie künstelte ein Lächeln in ihr Gesicht und nahm gleichzeitig zur Kenntnis, dass ihr Humpelgang auch mit einem eleganten Hosenanzug nicht kaschiert werden konnte. Gegen Mitternacht und mitten auf der Elbe wurde Marie im Bett mit einem ungewohnten Ruck geweckt. Durch die geöffnete Balkontüre hörte sie ein tosendes Geräusch wie ein Wasserfall und immer wieder wurde sie durchgerüttelt. Ja, ein heftiger Sturm prasselte auf die Queen Victoria nieder und begleitete sie bis nach Southampton. Die Atlantiküberquerung bis nach New York nahm sieben Tage in Anspruch. Eine herrliche Erholungszeit für Marie. Mit einem Blick auf das Wasser begann der Tag und mit einem letzten Blick auf das Wasser endete der Tag. Zwischendurch erfüllte Marie ihre therapeutischen Auflagen. Sie humpelte am Arm von Christian auf dem Aussendeck ihre Laufrunden und in der Kabine forderten sie rote Gummibänder zu Dehnübungen auf. Zur Auflockerung spielte sie mit Christian im Spielzimmer Rummikub oder es ergaben sich gelegentlich interessante Diskussionen mit weiteren Gästen.


In New York leerte sich das Schiff, die meisten Passagiere wollten, trotz eisiger Kälte, diese interessante Metropole erleben. Marie und Christian blieben gezwungenermassen an Bord. Sie streiften dafür nochmals kurz ihren ersten Aufenthalt in dieser Stadt.
Marie und Christian machten 1989 ihre Hochzeitsreise nach New York und erlebten gleich ein unglaubliches Abenteuer. Beim Flug mit der Swissair wurde den Passagieren kurz vor der Landung auf dem John F. Kennedy-Flughafen einen schönen Aufenthalt in der wundervollen Stadt gewünscht, aber gleichzeitig auch vor möglichen Gefahren in berüchtigten Strassen gewarnt. Marie und Christian die gerne eine Stadt alleine zu Fuss erlebten, wollten auch New York so erkunden. Die Vorwarnung im Flugzeug bereits in der hintersten Schublade des Hinterkopfs abgelegt, marschierten sie selbstsicher durch Strassen und Plätze. Wenige hundert Meter vom Times Square entfernt wurden sie unsanft von der kriminellen Realität berüchtigter Strassen eingeholt. In Sekundenschnelle waren sie von einer Menge schwarzer Jugendlichen umzingelt. Christian, der eine braune Lederumhängetasche leger über die Schulter angehängt hatte, wurde das erste Opfer. Ein Dieb riss an der Ledertasche und im Zweikampf mit Christian eroberte er die Tasche. Der Übeltäter rannte mit der Tasche davon und Christian mit dem abgetrennten Schulterriemen hinterher. „Um Himmelswillen bleib hier!“, schrie Marie hysterisch in die Richtung der Flüchtenden und hielt beide Arme fest um ihren Leib gewunden. Vorsichtshalber hatte sie ihre Handtasche mit dem Tagesbudget und den nötigen Ausweiskopien verdeckt unter dem Regenmantel getragen. Nun stand sie plötzlich alleine mitten in dem unübersichtlichen Gedränge und schrie aus Leibeskräften: „Help me, help me!“ In Todesangst rief sie auch alle Heiligen um Hilfe und die wenigen Minuten kamen ihr wie eine Ewigkeit vor. Fuchtelnde Hände und entschlossene Augen richteten sich gegen sie. Plötzlich und wie aus heiterem Himmel hörte sie ein wildes Geschrei, verstand aber kein Wort. Der Stimme nach musste es eine Frau sein. Dann wurde Marie am Arm gepackt und aus den Händen der erstaunten Diebesbande gerissen. Der Gefahr entronnen, hörte sie die lauten Rufe der Retterin: „Go, go, go!“, brüllte sie.
Es war eine ältere, schwarze Frau. Diese ging mit einem kurzen Blick zurück schnellen Schrittes Richtung Times Square und die jugendliche Bande rannte in die Gegenrichtung davon.
Marie war befreit, aber die Schrecken der letzten Sekunden waren zu viel für sie. Wie ein Mehlsack sank sie auf das Trottoir und schlug mit dem Kopf auf dem harten Boden auf. Wieder in der Realität bemerkte sie eine blutende Wunde an der Stirn, aber schlimmer, ihre Tasche mitsamt dem Regenmantel war verschwunden.
„Wo ist Christian? Finde ich ihn wieder?“
Marie war klar, in dieser riesigen Stadt ist die Aussicht etwas Verlorenes wieder zu finden, gleich gross wie eine Stecknadel im Heuhaufen aufzugabeln. Die wildesten Gedanken suggerierten ihr eine ausweglose Situation. Sie rappelte sich auf und zwang ihre sieben Sinne zur Besonnenheit.
Habe ich wirklich jemand meinen Namen rufen gehört, oder leide ich an Halluzinationen?
Nein, der Ruf kam näher und nun erkannte sie auch die Stimme. Gottlob es war Christian. Entsetzt schaute er Marie an und sagte: „Du blutest an der Stirn, hat dich die Bande angegriffen?“ Bevor sich Christian in Rage manövrierte, schnitt ihm Marie das Wort ab und sagte: „Nein, ich bin hingefallen, aber nicht auf eine Samtunterlage. Es ist nur eine kleine Beule. Die Gauner haben mir aber die Tasche mit samt dem Regenmantel gestohlen.“ Dann setzte sie ein Lächeln auf und legte hämisch nach: „Wenn ich dich ansehe mein lieber Christian, musst du dich ebenfalls mit dem Schulterriemen deiner Tasche begnügen.“
Trotz des gerade erlittenen Überfalls überkam Marie eine innige Dankbarkeit. „Wir leben, und den materiellen Schaden können wir verkraften.“ Auf dem Rückweg ins Hotel gingen Marie und Christian beim nächsten Polizeiposten vorbei und wollten eine Anzeige erstatten. Sie staunten nicht schlecht als sie das Chaos im Büro wahrnahmen. Zwei Polizisten schickten sie unverrichteter Dinge weg mit einer Entschuldigung, in gebrochen deutscher Sprache: „Wir sind gerade überfallen worden und noch nicht in der Lage zu arbeiten, sorry!“
„Das ist New York!“, murmelte Marie vor sich hin, während sie mit Christian über den Times Square ins Hotel zurück marschierte.
Ja, New York muss man gesehen, aber auch erlebt haben.
Diese Erinnerungen erlebten Marie und Christian nun auf der Queen Victoria sitzend nochmals hautnah mit.

Dann ging die Reise weiter. Durch den 82. Kilometer langen Panamakanal gelangten sie in den Pazifik und schipperten der Küste Mexikos entlang nach San Francisco. Für Marie waren die frische Luft, das Rauschen der Wellen und die herrliche Fernsicht bis zum Horizont wirkungsvoller als alle Medikamente die sie im Rucksack mitgeschleppt hatte. Sie genoss das Leben auf der Queen Victoria in vollen Zügen.


Eine wunderbare Abwechslung im Schiffsalltag war die Einladung zum Kapitänsdinner. Marie, elegant in einem Hosenanzug und Christian im Smoking standen, wie hunderte gleichgesinnte Passagiere in der Warteschlange vor dem Eingang zum Queens Room, wo die Zeremonie abgehalten wurde. Alle warteten auf den grossen Moment von der Frau Kapitän persönlich begrüsst zu werden und den erhabenen Augenblick auf einem Foto festzuhalten. Marie freute sich aber besonders, einer Frau Kapitän gegenüber zu stehen.
Dann war es nur noch einen Schritt und Marie posierte mit Christian an der Seite von Frau Kapitän für ein Foto. Aufgefallen war ihr aber, die Kapitänin kam ihr einen Schritt entgegen und reichte ihr den Arm. Diese Geste hatte sie bei ihren Vorgängerinnen nicht gesehen und war stolz darauf. Nur wusste Marie klar, diese Hilfestellung nicht ihrer Ausstrahlung, sondern ihrem Hinkebein zu verdanken war. Dieser ungewollte Behindertenbonus erlebte sie in den nächsten Wochen immer wieder. Einen Status den sie nicht gesucht hatte, aber der ihr trotzdem aufgezwungen wurde.
Ja, ihre Laufkünste hatten seit Beginn der Reise noch keine grossen Sprünge zur Besserung gemacht. Das linke Bein wehrte sich trotz Maries disziplinierten Übungen ihr zu gehorchen und zwang sie weiterhin am Arm von Christian zu humpeln. Ärgerlich empfand Marie Gäste, die in mittleidigem Tonfall nach ihrem Befinden fragten und dann auch noch die Worte: Sie Arme ….“ hinterherschoben. Auch wenn diese Äusserungen unbedacht ausgesprochen wurden, quittierte sie Marie je nach Tagesform ziemlich gereizt. „Ich habe ein Problem mit dem linken Bein, nicht im Kopf!“


Dass zur Seefahrt auch Stürme gehören, wussten Marie und Christian. Trotzdem machten sie ihren Mittagsrundgang auf dem Aussendeck. Schon beim Hinausgehen verlangte die Türe nach Draussen einen kräftigen Druck. Beim Hineingehen dann wurde Christian von der Zentnerlast des Eingangs überrascht. Er hielt die Holztüre fest im Griff damit Marie heil ins Innere treten konnte. Leider verpasste er dann seinen Absprung und das schwere Holzgeschütz half mit, dass Christian fliegend in den Raum gelangte. Sein hochnäsiger Kommentar: „Besser ich als du. Zudem weiss ich, wie man hinfallen muss!“ Am Abend musste Marie dann feststellen, dass Jakob doch nicht genau gewusst hatte, wie man hinfallen muss! Sein Oberschenkel schmerzte und Marie verarztete ihn mit den Schmerzmitteln aus der Reiseapotheke.
Von San Francisco ging es weiter Richtung Hawaii. Christian, der mit seinem Präzisionsfernglas auf dem Balkon immer in Lauerstellung nach Erlebnissen Ausschau hielt, wurde in den Gewässern vor Hawaii belohnt. Er entdeckte vor der Küste Wale. Die Wasserfontänen die sie in die Höhe jagten und die Flossen die sie auf das Wasser klatschten, sah Marie sogar ohne Hilfsmittel.


Auf der sechs Tage langen Seefahrt von Hawaii bis Samoa wartete eine spezielle Überraschung auf die Schiffsgäste. Die Queen Victoria überquerte die Datumsgrenze – den Äquator. Traditionell wurde dieser Tag auf dem Schiff mit einem Ritual gefeiert. Auf dem Pooldeck stieg der Neptun mit seinen Meerjungfrauen aus den Fluten und begrüsste die Gäste. Er wünschte allen Seefahrern eine gute Fahrt und vor allem immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel. Die nautische Zeremonie wurde ergänzt mit lustigen Attraktionen der Crew.

Getreu dem seemännischen Merkspruch:
Von Ost nach West halt’s Datum fest - von West nach Ost lass’s Datum los,
fiel der 13. Februar ins Wasser, das heisst ein Kreuzfahrttag löste sich in Luft auf.

Nach einigen interessanten Anlandungen in Neuseeland gelangten sie nach Australien. Sydney war ein weiterer Höhepunkt der Kreuzfahrt. Vorbei am weltbekannten Opernhaus steuerte die Queen Victoria zum Circular Quai wo die Gäste zwei Tage die Möglichkeiten hatten diese Stadt zu besuchen. Marie und Christian waren nicht zum ersten Mal in Sydney und verzichteten deshalb auf eine Erkundigung zu Fuss. Maries Beinleiden hätte dies nicht goutiert. Sie liessen sich mit dem Taxi in das prunkvolle viktorianische Queen Victoria Building fahren und verbrachten einige interessante Stunden mitten im Rummel.


Nach den kühlen Tagen in Down Under ging die Fahrt weiter zu den Sundainseln ins indonesische Bali. An Bord hatte sich ab Sydney aber wieder ein männlicher Steuermann installiert. Frau Kapitän verabschiedete sich und flog heim nach Schweden in ihre Ferien. So wurden nun die täglichen nautischen Angaben am Mittag wieder von einem Herrn Kapitän verkündet. Nicht nur die hohen Temperaturen von 28 Grad morgens um sieben Uhr trieb Marie aus den Federn. Musikalische Willkommensgrüsse mit balinesischen Tänzen auf dem Pier war für Ohren und Augen ein richtiger Schmaus.
Zudem wurde Christian an diesem 6. März zum 80. Geburtstag von der Sonne durch die Balkontüre, aber noch schöner vom Stern der Liebe im gemeinsamen Bett wach geküsst. Etwas nachdenklich, aber mit einem entspannten Lächeln bedankte sich Christian mit den Worten: „Wir hatten bis heute eine schöne Zeit miteinander, hoffentlich können wir dies noch lange geniessen.“ Ja, vor genau 34 Jahren begann die Liebe zwischen Marie und Christian. Viele Hochs und Tiefs reicher lagen sie nun selig in ihrer Kabine der Queen Victoria und schauten auf die lange Zeit zurück.


In den nächsten Tagen dockte die Queen Victoria in einigen asiatischen Häfen an bis nach Shanghai. Christian interessierte sich sehr für den weltberühmten Transrapid, der das Stadtzentrum mit dem Flughafen Pudong verbindet und dabei mit einer Höchstgeschwindigkeit von 430 km/h fährt. Dieses Erlebnis liessen sich Marie und Christian  dann auch nicht entgehen und so fuhren sie mit dieser Schwebebahn. Während der Fahrt fixierten Maries Blicke ständig die Digitalanzeige über der Abteiltüre. Ein mulmiges Gefühl liess ihren Magen hoch steigen, obwohl die Bahn ruhig auf ihrer Spur dahin glitt. Nach sieben Minuten war der ganze Spuk vorbei.


Beim zweitägigen Aufenthalt in Hong Kong besuchten Marie und Christian den Hausberg „The Peak“ mit der steilsten Drahtseilbahn der Welt. Für die beiden Schweizer eine Ehrenrunde, weil die Konstruktion ein Schweizerprodukt ist. Auf einer Bootsfahrt mit einer Dschunke besichtigten sie das Fischerdorf Aberdeen. Marie war fasziniert von dem krassen Gegensatz, der hier aufeinander prallt. Auf dem Wasser hausen noch einige wenige Wassermenschen auf ihren Booten und unmittelbar dahinter erhob sich die imposante Skyline von Hong Kong mit ihren Hochhäusern. Beim Auslaufen der Queen Victoria aus dem Hafen von Hong Kong ertönte von einem oberen Balkon herunter ein Trompetensolo „Time to say goodbye“. Die Freude war nicht nur bei den Passagieren gross, auch die winkenden Zuschauer auf dem Pier applaudierten. Etwas später erfuhren sie dann, dass der Musikant ein Schweizer war, der mit seiner Ehefrau ebenfalls die Weltreise unternahm und seine Trompete mit sich führte.
Nach einem grösseren Passagierwechsel, wie gerade in Hong Kong war es für Marie immer interessant zu erfahren mit welchen Nationen sie die nächsten Wochen zusammen lebte. So liest sich die Passagierliste ab Hong Kong: Grossbritannien 1001 Personen, Australien 323 Personen, Amerikaner 149 Personen, Deutschland 111 Personen, Schweiz 14 Personen.


Die Queen Victoria nahm nun Kurs Richtung Vietnam und weiter nach Singapur. Diese Metropole besuchten Marie und Christian nicht zum ersten Mal, aber ihre Begeisterung für diese Stadt blieb. Sie gingen deshalb ohne Gruppenstress auf die Pirsch. Im Dachgarten der Marina Bay Sands erfreuten sie sich der fantastischen Aussicht und stillten den Durst. Die drei 55-stöckigen Hoteltürme tragen auf 191 Metern Höhe einen 340 Meter langen Dachgarten. Eine imposante Sehenswürdigkeit.


In Kuala Lumpur lockten die beiden Petronas Towers zu einem Ausflug mit dem Schiff. Der einheimische Reiseleiter kannte leider die schweizerische Pünktlichkeit nicht. Bei jedem Besichtigungshalt verspäteten sich die Weiterfahrten, weil er undisziplinierte Gäste nicht im Griff hatte. Der steigende Zeitverlust führte dazu, dass bis zum Ende der Tour eine nicht mehr einholbare Verspätung zur Rückkehr auf die Queen Victoria entstand. Um 17.15 Uhr sollten alle Gäste an Bord sein, damit eine Viertelstunde später abgelegt werden könnte. Der Tourenbus Nummer 11, also Maries Car, war aber um diese Zeit noch inmitten des endlosen Feierabendverkehrs blockiert. Immerhin verlor der Chauffeur des Cars die Nerven nicht und organisierte die Polizei. Mit zwei blau blinkenden Motorrädern lotsten die beiden Sicherheitsmänner den Bus zwischen den stehenden Kolonnen hindurch bis zum Schiff. Ja, die Polizei dein Freund und Helfer! Mit einem Hupkonzert von der Brücke und hunderten von Passagieren auf den Decks die applaudierten bedankten sich alle bei den beiden Helfern. Mit einer Stunde Verspätung konnte die Crew dann die Gangway einziehen und die Fahrt nach Colombo beginnen.


Marie konnte sich auch sehr gut entspannen mit einem interessanten Buch. So stöberte sie immer wieder in der Schiffsbibliothek nach einer geeigneten Lektüre. Dort lernte sie eine jüngere Frau mit einer schweren Behinderung kennen. Manuela aus Düsseldorf kam auf zwei Krücken in den Raum und gesellte sich zu ihr. Sie waren sich beide sofort sympathisch und unterhielten sich vorerst über die vielen Bücher in den Regalen. Dann öffnete Manuela ihr Herz und im angeregten Gespräch erfuhr Marie dann auch von der schrecklichen Erkrankung dieser Frau. Seit zwölf Jahren kämpfte die Düsseldorferin gegen eine Krankheit, die ihre Muskeln immer stärker zusammen zog, sodass sie in der Zwischenzeit auf die Hälfte ihrer einstigen Körpergrösse geschrumpft war. Marie bedrückte diese Offenheit, war aber begeistert vom Wesen dieser intelligenten Frau. Es beeindruckte sie zutiefst mit welcher Würde Manuela ihr Schicksal meisterte. Von Herzen wünschte sie dieser tapferen Frau eine schöne Kreuzfahrt und noch viele interessante Bekanntschaften. Ja, Marie wurde wieder einmal bewusst, dass ihr Hinkebein ein kleines Leiden war, gemessen an Manuelas Schicksal.


Die Seeroute von Colombo bis zum Suezkanal führte die Queen Victoria durch die berüchtigte Piratengegend, wo Schiffe immer wieder von Seeräubern angegriffen werden. Deshalb patrouillierten verschiedene Länder mit ihren Kriegsschiffen auf offener See, um Passagiere und Frachten zu schützen. Auf der Queen Victoria wurden auch Vorkehrungen getroffen um gewappnet zu sein. So wurden alle Passagiere über die Sicherheitsvorschriften instruiert und die richtige Handhabung geübt. Folgende Massnahmen an Bord mussten beachtet werden und wurden im Tagesjournal an alle verteilt:

Das Promenadendeck 3 wird nach Sonnenuntergang geschlossen.

Die externe Beleuchtung wird reduziert, nur die Sicherheitsbeleuchtung wird eingeschaltet bleiben.

Alle Gäste mit Aussenkabinen müssen nach Einbruch der Dunkelheit die Vorhänge schliessen und das Licht ausgeschaltet sein.

Auf dem Promenadendeck wurden grosse Lichtstrahler zur Abschreckung aufgebaut und Wasserschläuche verlegt, die mit Spritzpistolen zur Abwehr ausgerüstet waren. Zusätzlich patrouillierten bewaffnete Offiziere der Royal Navy auf den Aussendecks der Queen Victoria. Für absolute Sicherheit begleitete sogar ein Kriegsschiff der Royal Navy die Queen Victoria. Ja, die Reedereien müssen alles unternehmen um die Sicherheit der Passagiere zu gewährleisten.


Die Osterfeiertage an Bord wurden sehr besinnlich gefeiert. Für die gläubigen Passagiere wurden diese Tage im ökumenischen Sinne abgehalten. Im Theater zelebrierte der Schiffspfarrer die Osterliturgie und der Kapitän hielt eine feierliche Predigt. Ja, auf der Queen Victoria war während der ganzen Weltreise ein katholischer Seelsorger an Bord. Er war Ansprechperson für alle Religionen bei Sorgen und kirchlichen Anlässen.


Indien, wir kommen! Trotz totaler Überbevölkerung musste Mumbai auch noch die Gäste der Queen Victoria aufnehmen, aber nur für kurze Zeit. Marie erlebte dann die Wirklichkeit einer irrsinnigen Menschenmenge am eigenen Leib als wahrer Horror. Im Hauptbahnhof Mumbai wurde sie Zeuge, als ein gelber Zug einfuhr, total überfüllt, beidseitig hangelten menschliche Körper auf den Trittbrettern. Dann hielt der Zug und eine gewaltige Masse Menschen strömte Richtung Ausgang. Gut, dass Marie und Christian direkt an der seitlichen Fensterfront der Bahnhofshalle standen und sich festhalten  konnten. Sicher hätten sie sich in diesem Gewusel verloren, oder noch schlimmer, sie wären einfach zertrampelt worden.
Auf der Fahrt mit dem Ausflugsbus erlebte Marie eine weitere Exklusivität. Ein Lastwagen kam ihnen entgegen, was eigentlich nichts Besonderes wäre. Doch auf der Ladefläche dieses Transporters stand ein junger Elefant und schwenkte seinen Rüssel hin und her. Marie war sich nicht sicher, waren die Bewegungen aus Freude über die Ausfahrt oder wollte er die Leinen, die hinter seinen Ohren festgezurrt waren, abstreifen. Schlag auf Schlag erlebte Marie unglaubliche Momente.
Wo auf der Welt darf eine Kuh sich auf einem Autoparkplatz ausruhen? Welcher Autofahrer in westlichen Ländern wartet geduldig bis eine einzelne Kuh die Fahrbahn wieder frei gibt? Diese Erlebnisse suggerierten Marie, dass die Kühe in Indien ein tolles Leben haben müssen.
In Mumbai besuchten Marie und Christian dann auch noch das Nationalheiligtum – das Gandhi-Museum. Es war eine eindrückliche Erfahrung das Hauptquartier des einzigartigen Freiheitskämpfers kennen zu lernen.  


Nach einem kurzen Abstecher nach Muskat in Oman nahm die Queen Victoria Kurs auf Dubai. Im Emirat am Persischen Golf weckte natürlich das höchste Gebäude der Welt, der Burj al Khalifa die Lust auf einen Ausflug. Oben angekommen spielte leider das Wetter nicht mit, es war neblig und die Sicht entsprechend schlecht. Marie tröstete sich, immerhin habe ich nun dieses imposante Gebäude von 828 Metern Höhe persönlich und hautnah erlebt. Wieder auf dem Boden machten die beiden einen Spaziergang in den umliegenden Park. In ihrem Erlebnisdrang entfernten sie sich immer weiter vom Ausgangspunkt, der Dubai Mall weg. Dann endlich dämmerte es Marie und sie fragte Christian: „Welcher Weg führt uns wieder zurück? Christian als alter Pfadfinger sagte gelassen: „Alle Wege führen nach Rom – und hier zur Dubai Mall!“ Nur, dieses Mal hatte er sich gewaltig verrechnet. Sie liefen längst im Kreis herum. Selbst der riesige Wolkenkratzer war für sie, als Anhaltspunkt, nicht mehr sichtbar. Passanten ansprechen führte nicht zum Erfolg, die Sprachschwierigkeiten waren zu gross. Dann erblickte Marie einen Gärtner bei der Arbeit und peilte ihn an. Allerdings stiess sie auch bei ihm auf sprachliche Probleme. Nachdem Marie ihm dann den Stadtplan mit der eingezeichneten Haltestelle des öffentlichen Verkehrs zeigte, hörte sie: „Ah ….!“ Den Rest des Satzes verstand sie nicht. Der junge Mann legte die Gartenschaufel zur Seite und gab ein Handzeichen, dass sie ihm folgen sollten. Ahmad, so hiess der nette Gärtner führte Marie und Christian bis zur Hauptstrasse und zeigte ihnen die Richtung zur Haltestelle. Immer wieder schaute Ahmad dabei zum Himmel und gestikulierte mit den Händen. Er wollte damit die beiden auf etwas aufmerksam machen, was bei Marie und Christian nicht ankam.
Minuten später wurden sie dann vom Sinn der Worte Ahmads eingeholt. Innert kurzer Zeit fegte ein gewaltiger Sandsturm durch die Stadt. Ein hilfsbereiter Passant packte die verdutzten Schweizer am Arm und zog sie zum nächsten Unterstand. Nun waren sie wenigstens teilweise geschützt vor der Sandwolke, die auf sie zu rollte. Auf der Strasse rannten die Leute davon und hielten Tücher vor Nase und Mund und schützten ihre Augen. Marie und Christian übernahmen diese Schutzmassnahmen ebenfalls und warteten im Unterstand bis der Sturm vorüber war. Eine gespenstische Atmosphäre erlebten sie gerade. Der trockene und heisse Wind wirbelte den roten Sand umher und vernebelte die Sicht. Schlussendlich verzog sich der Sandsturm in Richtung Schiffshafen. Marie und Christian schüttelten den roten Sand aus ihren Kleidern und sogar in den Nähten des Rucksackes hatten sich die kleinen Körner fest gekrallt. Zurück auf der Queen Victoria staunten die beiden nicht schlecht. Die Schiffsmannschaft war beschäftigt, die roten Staubkörner auf dem ganzen Schiff zu beseitigen. Der Sandsturm hatte auch auf dem Kreuzfahrtschiff Spuren bis in die kleinsten Winkel hinterlassen.
In Dubai wurden die Weltreisenden der Queen Victoria von der Schiffsreederei zu einem Gala-Abend ins Luxusresort Madinat Jumeirah eingeladen. Ein einmaliges Erlebnis – Luxus pur. Kulinarisch und unterhaltungsmässig wurde ihnen nur das Beste präsentiert. Eine ganz besonders schöne Geste durfte Marie mit nach Hause nehmen. Einheimische Künstler beschrieben und bemalten ein weisses Blatt mit den Wünschen der Gäste, aber in arabischer Sprache. Voller Stolz hielt Marie das Kunstwerk, welches Christian für sie anfertigen liess in ihren Händen. In roter Farbe waren auf dem weissen Papier ein Herz und die Worte: „Marie, ich liebe Dich“ aufgepinselt. Umrahmt war die Liebesbezeugung mit einem arabischen Dekor. Ein einmaliges Unikat. Marie war gerührt über die unerwartete Geste von Christian und freute sich riesig. Ja, diese Einladung war eine grandiose Idee der Reederei den Weltreisenden Danke zu sagen.


Die Seefahrt ging am anderen Morgen wieder weiter Richtung Jordanien und Ägypten zum Suezkanal. Dieser künstliche Wasserweg brachte die Seefahrer vom Roten Meer zum Mittelmeer, also wieder auf europäischen Boden. Bei kühleren Temperaturen schipperten sie bis nach Civitavecchia, den Anlaufhafen für Rom. Marie und Christian verzichteten auf die Massenwanderung nach Rom und besichtigten in einer kleinen Gruppe die Toscana.

Auf der Weiterfahrt Richtung Lissabon passierte die Queen Victoria die Strasse von Gibraltar. Diese Meerenge verbindet das Mittelmeer mit dem Atlantik und ist etwa 60 Kilometer lang und bis 44 Meter breit. Bevor die Queen Vitoria die Endstation Hamburg anpeilte, machte sie noch einen Zwischenhalt in Southampton. Marie und Christian schlossen sich einer englischen Gruppe an mit dem Ziel das Schloss Windsor zu besichtigen. Die Fahrt mit dem Bus nahm fast zwei Stunden in Anspruch. Entlang des riesigen Windsor Parks und vorbei an der Pferderennbahn von Ascot gelangten sie dann zum Bahnhof Windsor. Dort begann ein Fussmarsch von etwa 500 Metern zum Schloss. Doch nach wenigen Minuten wurden sie von einem riesigen Polizeiaufgebot gestoppt. Windsors Strassen waren weiträumig gesperrt, weil die königliche Armee die Hauptprobe für den Staatsempfang des Emirs von Quatar übte. Dieser hohe Besuch sollte zwei Tage später mit allen militärischen Ehren würdevoll und ohne Panne stattfinden. Königliche Füsiliere in stolzen Uniformen, Reiter mit Mützen oder schwarzen Pelzhüten, Musikcorps mit und ohne Pferde und schreiende Hauptmänner liessen die Ausflügler eine volle Stunde warten bis die Strassen wieder freigegeben wurden. Marie konnte diesem unvorhergesehenen Ereignis trotzdem etwas Gutes abgewinnen. Zuschauerin einer königlichen Militärparade zu sein erlebt man nicht jeden Tag. Der Besuch im Schloss Windsor wurde dann, wegen der staatlichen Zwischeneinlage, in einem reduzierten Zeitplan bewältigt.


Nun ging es Nonstop der Endstation Hamburg entgegen. Der letzte Seetag auf der Queen Victoria war dem Abschied gewidmet. Marie und Christian packten ihre Koffer, nahmen Abschied von lieb gewonnen Weltreisenden. Der Schweizer Trompeter spielte beim Brunch nochmals „Time to say goodbay“. Tränen der Freude, des Glücks und des Abschieds füllten nicht nur weibliche Augen.

Am nächsten Morgen humpelte Marie zum letzten Mal am Arm von Christian die Gangway hinunter, zwar nicht mehr wie ein verletzter Vogel, aber von einem Gang auf dem Laufsteg noch meilenweit entfernt. Die Abschiedscrew gab Marie immer noch die nötige Sicherheit und verabschiedete sie mit den besten Genesungswünschen. Der letzte Blick zurück auf die Queen Victoria und ihre exzellente Crew war ein emotionaler Moment für Marie.

Geblieben sind die Erinnerungen an wundervolle Erlebnisse:

110 Nächte auf der Queen Victoria

37041.05 Seemeilen

am 26. Januar Durchquerung des Panamakanals

am 12. Februar und 16. Februar jeweils die Datumsgrenze überquert

am 17.April den Suezkanal durchquert

an 65 Seetagen erholt

36 Städte in 25 Ländern besucht

Und - … als Nichtschwimmerin kein einziges Mal die Schwimmbecken der Queen Victoria missbraucht!

 

Maries Selbsterfahrungen und Erkenntnisse
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13.  Maries Selbsterfahrungen und Erkenntnisse

 

Marie schaut heute, als über 70 Jährige auf ein bewegtes Leben zurück mit freudigen Ereignissen, aber auch bitteren Niederlagen.

Ihre Kindheit in der Grossfamilie empfindet sie heute nicht als Vorteil, sondern eher als Belastung. Die Nachteile übersteigen die wenigen Vorteile bei weitem. Eine individuelle Betreuung und Förderung durch die Eltern fand nicht statt, sondern die Geschwister mussten sich einen Sonnenplatz selbst erobern. Auch den damaligen Lehrern kann sie heute keine pädagogischen Fähigkeiten aussprechen.

Es ist Marie aber bewusst, dass sie die damalige Zeit nicht in die Gegenwart versetzen kann, wo Kinder das höchste Gut sind, aber vor allem die höchste Verwöhnung geniessen. Marie erachtet die heutigen Grossfamilien nicht als nachahmenswert. Werden die Kinder gefragt, ob sie diese Art von Familienleben wirklich wollen? Bestimmt heute nicht einzig und allein die sehr gute finanzielle Absicherung durch den Staat den masslosen Kinderwunsch der Eltern?


Den Missgriff ihres Vaters hat Marie ohne Selbstzerfleischung und Depression überlebt, trotz mancher schlaflosen Nächte in denen sie heimlich unter der Decke weinte. Sie verarbeitete das Erlebte alleine und legte es im Kleinhirn ab, zum Schutz ihrer Familie, aber auch zu ihrem eigenen Wohlergehen. Verzeihen und vergessen konnte und kann sie diese Tat nie. Heute kann sie sich aber ohne jeglichen Groll in ihrer Autobiographie darüber äussern und ist stolz darauf, ihre Familie nicht der Ächtung der Gesellschaft ausgesetzt zu haben.


Das Ausbrechen aus ihrer ersten Ehe, das in der Scheidung endete und ihr den Titel „Ehebrecherin“ verlieh, ist für Marie, aus heutiger Sicht, kein Verbrechen gewesen, sondern ein Glücksfall. Der damalige Scheidungsgrund, die Liebe zu Christian, überlebte bis heute alle Stürme des Lebens.

 

Marie erlebte eine bunte Zeit als alleinerziehende Mutter. Zwei Söhne allein zu erziehen benötigte wirklich viel Energie und gegenseitiges Vertrauen von beiden Seiten. Maries Söhne mussten sich mit ihrer Doppelrolle als Mutter und Geliebten eines anderen Mannes auseinandersetzen. Eine schwierige Aufgabe, zumal Christian kein pflegeleichter Partner war. Es gab Tränen, Abneigungen und Verwünschungen, aber am Schluss siegte immer die Vernunft.

Gerade deswegen ist Marie überzeugt: Ich habe die besten Söhne der Welt.

Das Leben an Christians Seite war für Marie ein  Bad der Gefühle, gespickt mit Blindheit, Traurigkeit, Eifersucht, Vertrauenseinbussen und Trennungsgedanken. Trotz aller negativen Erlebnisse erreichte die Liebe zu Christian eine Krönung. Verziehen sind die vielen Demütigungen, die sie öfters an die Grenzen ihrer Belastbarkeit brachten.

Die tiefe Abneigung von Christians Familie überlebte Marie ebenfalls ohne Trauma. Sanfte Annäherungsversuche in den letzten Jahren verdienen die Betonung "sanft".


Heute als Rentner geniessen Marie und Christian ihr Leben in fast vollkommener Harmonie in ihrem schönen Heim und auf ausgedehnten Reisen. Sie lieben und achten einander. Kleinere Scharmützel gehören zu ihren Naturells und beleben den Alltag. Gerad in dieser letzten Phase ihres Daseins, wo kleinere und grössere Krankheiten zum Alltag gehören, ist das Geborgensein das höchste Gut.


Marie erlebt diese gegenseitige Fürsorglichkeit am eigenen Leib und ist dankbar, dass sie sich auf Christian und ihre beiden Söhne verlassen kann.

Und Christian zeigt Marie seine uneingeschränkte Liebe, wie nie zuvor in ihrer langen Beziehung.
Sie geniesst dieses Mitgefühl in vollen Zügen und es bereitet ihr grosse Freude, Christian dieselbe Liebe und Fürsorge zu geben.


Ja, der Weg war lang, bis sich Marie heute ehrlich – nicht blind – und ohne Vorbehalte sagen kann:


Ich bin rundum glücklich!
Nur wer an sich glaubt, ist im Stande nicht aufzugeben,
sondern sich immer von neuem zu motivieren.
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