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Von Brigit König
"Meme, verzell vo früehner!" Brigittlis Geschichten aus den Jahren 1940-1948
Es werden nur Texte von über 10 Seiten publiziert.
Zurzeit sind 237 Biographien in Arbeit und davon 115 Biographien veröffentlicht.
Vollendete Autobiographien: 57
 
Brigit König
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5.
Vom blauen Ball mit gelben Punkten bis zur fremd gewordenen Grossmutter 1945-1946 / 18.08.2018 um 12.36 Uhr
5.10.
Vom blauen Ball mit gelben Punkten bis zur fremd gewordenen Grossmutter 1945-1946 / 18.08.2018 um 12.56 Uhr
5.4.
Vom blauen Ball mit gelben Punkten bis zur fremd gewordenen Grossmutter 1945-1946 / 18.08.2018 um 13.33 Uhr
3.2.
Vom Durchschlupf bis zum Geschrei mit Absicht 1943-1944 / 20.08.2018 um 7.42 Uhr
2.2.
Vom Plumpsklo bis zum Dampf unter dem Schirmhaus 1942-1943 / 05.09.2018 um 15.39 Uhr
6.
Von Mamis Geheimnis bis zur glücklichen Wende 1946-1948 / 25.09.2018 um 13.51 Uhr
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Vorwort
1.
Von einem wertvollen Fund bis zur Kaffeebohne in der Nase 1940-1942
1.1.
Coupon-Tätschli
1.2.
Das Pferd des Milchers
1.3.
Zwergenhäuschen
1.4.
Die Hauptsache
1.5.
Kaffeebohne in der Nase
2.
Vom Plumpsklo bis zum Dampf unter dem Schirmhaus 1942-1943
2.1.
Das Plumsklo
2.2.
Frau Jakobers unheimliches Papier 
2.3.
Ein geheimnisvolles Bébé
2.3.
2.4.
Glashaus und Märchenschloss
2.5.
Nur eine Übung
2.6.
Spannendes Knopfspiel
2.7.
Verdunkelung und Sirenengeheul 
2.8.
Verflixter Kieselstein
2.9.
„Verkäuferlis“ und die Dampfmaschine
3.
Vom Durchschlupf bis zum Geschrei mit Absicht 1943-1944
3.1.
Der Durchschlupf
3.2.
„Tschuwingum“ und „Kapuzinerbildli“
3.3.
Das hätte bös enden können
3.4.
Die gerissenen Blumen
3.5.
Der Zweifränkler
3.6.
Knallender Blitz
3.7.
"Schoggi-Bildli"
3.8.
Spinat und Geschrei
4.
Von der Feuersbrunst bis zu Herrn Röntgens Wunderstrahlen 1944-1945
4.1.
«Donder weder, doder weder!»
4.2.
Die Zahnfrau und böse Zahnteufelchen
4.3.
Erste Begegnung mit Feder und Tinte
4.4.
Nähnadel im Finger
4.5.
Wundersamer Guckkasten
5.
Vom blauen Ball mit gelben Punkten bis zur fremd gewordenen Grossmutter 1945-1946
5.1.
Blauer Ball mit gelben Punkten
5.2.
Der rumänische Anhänger
5.3.
„Buon giorno, arrivederci“
5.4.
Der reformierte Blumenkranz
5.5.
Der verflixte Dankesbrief
5.6.
Pelikan mit langem Schnabel
5.7.
Kniesocken und der Maiumzug
5.8.
Schulmilch
5.9.
Grossvatis rotes Luftseilbähnchen
5.10.
Grossmuettis Tränen
5.11.
Der Geruch der vermoderten Blumen
6.
Von Mamis Geheimnis bis zur glücklichen Wende 1946-1948
6.1.
Der Lippenstift
6.2.
Meine eigene Bibliothek
6.3.
Eine glückliche Wende
Meinen Enkelkindern: Hannes, Heidi und Rahel
1
Vorwort
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  Vorwort

Wie oft bat ich als kleines Mädchen meine Grossmutter immer und immer wieder, mir Geschichten «von früher» zu erzählen! Sie war eine Meisterin im Erzählen. Ich liess es nicht zu, dass sie auch nur ein Wort abänderte oder sogar ausliess.


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Nach einigen Jahrzehnten selber Grossmutter geworden, bettelten auch meine Enkelkinder: «Meme, verzell vo früehner!» Diesem Wunsch kam und komme auch ich immer gerne und mit grosser Lust nach.

Zu meinem 80. Geburtstag habe ich eine Sammlung spannender, abenteuerlicher oder alltäglicher Geschichten aus der Erinnerung des kleinen Brigittli - in seiner Kindersprache – aufgeschrieben. Ich freue mich, diese Geschichten aus den 1940er Jahren anlässlich meines 80. Geburtstags auf der Plattform meet-my-life weiterzugeben.

Brigit König
2018 
Coupon-Tätschli
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1.1.  Von einem wertvollen Fund bis zur Kaffeebohne in der Nase 1940-1942 – Coupon-Tätschli.

Im Erdgeschoss unseres Wohnhauses am Bundesplatz gab es eine Metzgerei. Mami und ich warteten mit einigen anderen Frauen an der Theke bis wir an der Reihe waren. Ich drängelte zwischen den Hausfrauen hin und her. Neben all den Schuhen fand ich am Boden einen kleinen braunen Papierfetzen. Ich hob ihn auf und gab ihn Mami. Mami und einige Kundinnen neben ihr lobten mich überschwänglich. Ich verstand nicht, weshalb ich plötzlich im Mittelpunkt stand, genoss es aber, offenbar ein besonders braves Kind zu sein. Mami schob mein Fundstück über die Theke und hob mich hoch. Der Metzger drehte Fleischstücke durch den Fleischwolf, die Stücke kamen als lange Fleischwürmer unten heraus.

Wir gingen weiter zur Gemüsehändlerin neben der Metzgerei. Ich schaute in jede der aufgestellten Gemüsekisten hinein. Ich hatte immer noch das Bild der Fleischwürmer in der Metzgerei vor mir. Jetzt zeigte ich auf einen Harass. «Wie heissen die dicken grünen Würmer in der Kiste?» «Das sind Stangenbohnen», erklärte Mami und die Gemüsehändlerin fügte in unangenehmer Fröhlichkeit bei: «Und du bist eine kleine Bohne, du!» Die Frau gefiel mir nicht. Ich packte eine Handvoll Bohnen und warf sie der Ladenbesitzerin ins Gesicht. Mami genierte sich furchtbar. Sie entschuldigte sich wortreich bei der Verkäuferin und schalt mich vor allen Kundinnen. Vorbei war es mit dem braven Mädchen aus der Metzgerei.

Abends gab es etwas ganz Feines zum Znacht: Hacktätschli mit Stangenbohnen und Kartoffelstock. Mami erzählte Vati, dass ich Lebensmittelcoupons für Fleisch gefunden hätte und dass wir jetzt dank mir Coupon­Tätschli essen konnten.


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(2) Lebensmittelkarten während der Rationierung

Lebensmittelkarten während der Rationierung

 

Das Pferd des Milchers
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1.2.  Von einem wertvollen Fund bis zur Kaffeebohne in der Nase 1940-1942 – Das Pferd des Milchers.

An der Taubenhausstrasse 6 klingelte der Milcher jeden Morgen allen Bewohnerinnen. Ich hörte die Klingeln von unten aufsteigend, leise, etwas lauter und immer lauter bis auch unsere Türglocke im 4. Stock schrillte. Mami packte das Milchkesseli aus Aluminium, nahm mich an der Hand und wir eilten ins Treppenhaus hinaus zum Lift. Wir fuhren mit Nachbarinnen und ihren Behältern hinunter. Ich liess Mamis Hand nicht los, weil ich nicht wusste, ob Frau Claire mit ihrem weissen Kleinspitz im 2. Stock zustieg oder ob sie mit ihrem immer kläffenden Hündchen schon unten bei den Briefkästen sei. Heute waren wir vor dem Spitz mit Frau Claire unten. Die Frauen rückten ihre Kopftücher zurecht, andere banden ihre Schürzen enger und alle plapperten wild darauf los. Ich verstand kein Wort, hörte aber auch nicht auf die schnatternden Frauen, denn ich musste vor Spitz auf der Hut sein. Der Milcher kam mit der weissen Gummischürze, seiner Brente und dem grossen Milch­-Schöpflöffel herein, hob den Deckel der Brente ab und legte ihn umgekehrt scheppernd auf den Boden. Eine Hausfrau nach der anderen hielt dem Milcher ihr Gefäss zum Füllen hin. Der Milcher nahm den hinter seinem Ohr eingeklemmten Bleistift und kritzelte jeder Frau etwas in ihr Milchbüchlein. Und schon ging ein Klappern los, weil alle noch ihren Briefkasten leerten.

Plötzlich gab es draussen vor der Haustüre Lärm. Jemand öffnete die Türe und rief laut: «Das Ross, das Ross!» Der Milcher stürzte hinaus und wir alle hinter ihm her. Auf der Strasse wartete wie immer sein schwarzes Pferd, das den Wagen mit mehreren Milchbrenten zog. Das Pferd war umgefallen und lag zuckend auf der Strasse. Die hölzerne Deichsel war gebrochen. Alle Leute diskutierten aufgeregt. Der Milcher versuchte, das Pferd aufzustellen, aber es gelang ihm nicht. Ich wollte näher gehen, um das Pferd besser sehen zu können. Mami hielt mich zurück und sagte, ich dürfe nicht zu nahe treten, denn das Pferd könnte ausschlagen und mich mit seinem Huf verletzen. Ich kriegte Angst und begann laut zu schreien. Schnell packte mich Mami. Wir gingen zurück ins Haus und mit der Milch hinauf in unsere Wohnung. Den ganzen Tag verfolgte mich das Bild des kranken, schwarzen Tieres auf der Strasse. In meiner Vorstellung wurde es immer grösser, schnaubte, schaute mich böse an und schlug mit allen vier Beinen auf mich ein. Von diesem Tag an machte ich immer einen grossen Bogen um alle Pferde herum und trachtete danach, ihnen ja nicht zu nahe zu kommen.

Zwergenhäuschen
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1.3.  Von einem wertvollen Fund bis zur Kaffeebohne in der Nase 1940-1942 – Zwergenhäuschen.




(1) Ein Ausflug in den Wald, immer ein Vergnügen!

Ein Ausflug in den Wald, immer ein Vergnügen!

Ein Ausflug in den schattigen Wald war für mich ein Fest. Ich liebte den weichen Waldboden voller Tannennadeln, den moderigen Geruch auf dem Waldweg mit vielen Überraschungen ringsum. Ich sammelte Steine, hellgrünen Sauerklee, kleine Äste, die ein Hirschgeweih oder eine perfekte Angelrute sein konnten.

Mami und ich waren im Gigeliwald. Am Wegrand stand eine rote Holzbank. Mami machte es sich auf ihr bequem, packte ihr Strickzeug aus und strickte drauflos. Mit meinem Zoccoli aus dem Tessin scharrte ich dürre Blätter von einer Seite zur anderen. Ich stapelte kleine Äste und Tannenzapfen zu Füssen meiner Mutter auf. Mami legte ihr Strickzeug weg und setzte sich zu mir auf den weichen Boden. Der Geruch des feuchten Laubes gab mir ein wohliges Gefühl. Wir bauten Zwergenhäuschen. Mami steckte kleine Astgabeln in den weichen Boden. Ich legte feine Äste darüber. Zuletzt deckten wir das Gerüst mit Moos ab. «Die Zwerge können jetzt im Zwergenhäuschen wohnen.» Mami erhob sich und setzte sich wieder zum Stricken hin.

Schon sah ich die kleinen Wichtel mit ihren roten Zipfelkappen, grünen Pluderhosen und gelbem Wams herbeilaufen. Interessiert beäugten sie ihr neues Haus mit dem moosigen Dach und brachten allerlei herbei: Vom Feuer geschwärzte kleine Kessel, winzige Teller und Tassen. Ein grösserer Zwerg schleppte sogar einen hölzernen Schaukelstuhl an. Ich legte ein Stück Tannenrinde auf Steine und bald sass eine grosse Zwergen­-Familie um den Tisch herum. In meiner hohlen Hand kochte ich Kartoffelstock. Ich zupfte grüne Blättchen von einem Haselstrauch in der Nähe ab. Genau wie ich liebten die Zwerge Salat nicht besonders. Ich befahl ihnen aber streng: «Esst jetzt euren Salat, den braucht es zum Wachsen. Ihr wollt doch sicher rasch grösser werden, oder? Und überhaupt gibt es kein Dessert, wenn ihr den Salat stehen lasst!» «Komm Brigittli, wir gehen heim.» Ich könne nicht weg, die Zwerge müssten zuerst fertig essen, rief ich bestimmt. «Doch, wir gehen jetzt. Wir müssen rechtzeitig mit dem Nachtessen bereit sein, wenn Vati heimkommt!» Widerwillig, immer noch ganz bei den Zwergen, trottete ich hinter Mami her bis sie zischte: «Pssst, leise, schau dort vorne ein Eichhörnchen!» Ich sah das niedliche Tierchen weiter vorne. Mami und ich gingen auf Zehenspitzen näher. Plötzlich rannte das Eichhörnchen weg und kletterte in Windeseile an einem Baumstamm hoch und verschwand in den Wipfeln des Waldes. Jetzt war ich das Eichhörnchen. Ich sprang Mami voraus, blieb stehen und äugte umher. Mami kam leise und langsam auf mich zu, aber doch zu laut, so dass ich wegsprang und mich hinter einem Baum versteckte, wo sie mich suchen musste. Und so waren wir flugs zuhause in der Küche beim Vorbereiten des Nachtessens.

Die Hauptsache
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1.4.  Von einem wertvollen Fund bis zur Kaffeebohne in der Nase 1940-1942 – Die Hauptsache.

Ich sass am kleinen Küchentisch in unserer Dreizimmerwohnung an der Taubenhausstrasse. Wie zuvor schon in meinem kurzen Leben kämpfte ich wieder einmal mit der Frühstücksmilch in der grossen Henkel­-Tasse. Der Duft der lauwarmen Milch stieg mir unangenehm in die Nase. Die Milch auszutrinken widerstand mir zutiefst. Aber sie musste ausgetrunken werden, auf Mamis Befehl. Ich wünschte Mami einmal mehr weit weg in einen dunklen Hexenwald. Aber sie gab keine Ruhe. «Mach fertig, trink endlich aus!» Trotzdem brachte ich es nicht über mich, den ersten Schluck zu nehmen. «Trink jetzt deine Milch! Bald kommt Frau Müller, um mir in der Waschküche oben mit der Wäsche zu helfen.»

Es klopfte, die Wohnungstüre ging auf und die kleine, pummelige Frau Müller mit ihrem lustig hüpfenden Haarknoten im Nacken kam herein. Sie blieb unter der Küchentüre stehen. Ich hörte Mami im Hintergrund: «Guten Morgen, Frau Müller. Ich sammle noch ein paar Wäschestücke zusammen und komme gleich. Brigittli muss nur noch seine Milch austrinken.» Ich hob die schwere Milchtasse auf und kostete mutig einen Schluck der schalen Milch. Ich erschrak. An meinen Zähnen und zwischen der Lippe klebte die zähe, runzelige Milchhaut. Ich spuckte sie auf den Tisch aus. Frau Müller beobachtete mich, kam zu mir und fragte freundlich: «Magst du die Milchhaut nicht?» Erschrocken schaute ich die Waschfrau an. Sie wickelte die Milchhaut geschickt um ihren Zeigefinger. Sie ging damit zum Steingut­-Becken, liess Wasser laufen und spülte die hässliche Milchhaut weg. «Milch ist gesund. Sie macht, dass du gross und stark wirst», sagte Frau Müller «das ist die Hauptsache.» Ich wusste nicht, was eine «Hauptsache» war. Wie ein wuchtiger Donnerschlag traf mich dieses Wort. Es erschlug mich fast, befreite mich jedoch gleichzeitig von der Milchhaut. Ich trank die Milch aus.

Mami kam in die Küche und machte sich mit der Waschfrau und mir im Schlepptau auf den Weg in die Waschküche. Erleichtert hüpfte ich den beiden Frauen hinten her. Im Verlauf des Tages kam mir dieses wuchtige Wort, diese «Hauptsache» immer wieder in den Sinn. Von der Dachterrasse neben der Waschküche aus schaute ich auf den Pilatusberg. Ich sah eine runzlige, weissliche Milchhaut vom Himmel herunterkommen. Sie blieb am höchsten Spitz des Pilatus hängen. Ein Regen kam und wusch alles fort. Das war für mich die «Hauptsache».

Kaffeebohne in der Nase
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1.5.  Von einem wertvollen Fund bis zur Kaffeebohne in der Nase 1940-1942 – Kaffeebohne in der Nase.

Grossmuetti sass auf dem Küchenstuhl. Sie klemmte die hölzerne Kaffeemühle zwischen die Knie und drehte den goldigen Griff rasch herum. In der Mühle knackte und knisterte es. Ich durfte auch ein paar Mal drehen. Grossmuetti stellte die Kaffeemühle auf den Küchentisch. Ich kletterte auf einen Stuhl hinauf. Grossmuetti sagte: «Zieh die kleine Schublade an der Mühle heraus!» Welch ein unheimlich guter Geruch! Grossmuetti leerte das Kaffeepulver in einen Behälter um. Sie erlaubte mir, auf die Kaffeemühle zu klopfen, bis alle noch eingeklemmten Bohnen auf den Tisch kollerten. Ich schnupperte an den Bohnen auf dem Tisch. Ich hob eine auf und hielt sie unter meine Nase. Der gute Geruch aus der Kaffeemühle war nur noch schwach. Ich schob die Kaffeebohne mit meinem Zeigefinger tief in mein Nasenloch hinauf. «Hör auf, in der Nase zu bohren», befahl Grossmuetti. «Die Bohne kommt nicht mehr herunter», wimmerte ich. «Wo, welche Bohne?» «Die Bohne in meiner Nase oben!» Grossmuetti packte mich, zog mich zu ihr und drückte und klopfte auf meine Nase. Sie befahl mir, fest auszuatmen. Ohne Erfolg! «Wir müssen sofort zu Mami gehen. Sie muss entscheiden, was mit der Bohne in der Nase zu tun ist!»

Sobald wir zuhause waren und Grossmuetti Mami die Sache mit der Kaffeebohne in meiner Nase schilderte, begannen Mami und Grossmuetti laut zu streiten. Ich stand daneben und verstand nichts. Schliesslich gingen wir alle hinunter zur Praxis von Fräulein Dr. Bärtschi in unserem Haus. Ich musste ganz still sitzen. Die Ärztin schaute mit einer Lampe in mein Nasenloch hinein und holte mit einem Stäbchen die Kaffeebohne herunter. Als Belohnung bekam ich ein Stück Vitamin-Schokolade. Wir Kinder erhielten von Fräulein Dr. Bärtschi im Vorbeigehen hie und da ein solches Schokoladenstück. Ich liebte es. Als der Streit zwischen Mami und Grossmuetti beim Hochfahren im Lift wieder los ging, war meine Welt schon längst wieder in Ordnung.

Das Plumsklo
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2.1.  Vom Plumpsklo bis zum Dampf unter dem Schirmhaus 1942-1943 – Das Plumsklo.



(1) Pfarrhaus Utzenstorf (Foto zur Verfügung gestellt von Barbara Kummer, Utzenstorf)

Pfarrhaus Utzenstorf (Foto zur Verfügung gestellt von Barbara Kummer, Utzenstorf)

Jeden Sommer fuhr ich mit meinen Eltern und meinem Bruder in einem holprigen, lauten III. Klasse­Bahnwagen mit den Holzbänken nach Utzenstorf. Meine Eltern hüteten mit uns Kindern das Pfarrhaus während der Ferien meiner Tante und meines Göttis, dem Pfarrer.

Im Pfarrhaus stach mir zuerst der wohlbekannte Tabakgeruch der Pfeife meines Göttis in die Nase. Ich schlüpfte durch die alte dunkle Küche hindurch ins hellere Esszimmer mit dem langen Holztisch und den vielen Stühlen darum herum. Ich hüpfte durch die Terrassentüre hinaus in die Holzlaube, die ganz von grünen Blättern eingewachsen war. Und dann war ich schon im grossen Garten mit den hohen, uralten Tannenbäumen und den vielen farbigen Blumen. Vom Garten aus stahl ich mich ins Pflanzenzimmer hinein. Die Töpfe, Weidenkörbe mit nach Laub duftender Erde und Pflanzen in allerlei Gefässen verwandelten sich vor mir in einen Zauberwald. Zwerge rannten herum, Elfen kletterten an den Stängeln hoch und wirbelten Sternenstaub auf. Ich war ganz in dieser Wunderwelt gefangen, bis ich Tante Anni zum Zobig rufen hörte. Schnell aus dem Pflanzenzimmer hinaus, die drei breiten Stufen zur Balkontüre hinauf und ins Esszimmer hinein! Alle Familienmitglieder sassen schon rund um den Esstisch. Ich bekam ein Kissen auf den Stuhl, damit ich gut über den Tischrand hinaus sehen konnte. Mädi, die grosse Cousine und der ältere Cousin Peter brauchten keine Kissen mehr. Auf dem Tisch standen ein grosser selbst gebackener Butterzopf und eine Platte mit Schinken. «Nämet ome, nämet ome gnue vom Hamme!» übertönte Tantes Stimme das Gemurmel. Den Erwachsenen schenkte sie Milchkaffe in die grossen, braunen Keramiktassen mit den weissen Pünktchen ein. Wir Kinder bekamen einen Himbeersirup.

Noch während wir alle am Tisch sassen, rutschte ich unruhig auf meinem Kissen hin und her. Ich musste dringend aufs WC. Ich bekam heftig Herzklopfen. Ich hatte grosse Angst davor, in den oberen Stock hinauf zur dunklen Örtlichkeit zu gehen. Und doch konnte ich nicht mehr warten und rutschte vom Stuhl. «Ich muss aufs WC.» Am Ende des langen dunklen Ganges oben kam ich zur quietschenden Latrinen-­Türe. Dahinter war das düstere Plumpsklo. Ich getraute mich nicht, die Türe zu schliessen, auch wenn der starke Geruch hinaus schwappte. An der hinteren Wand stand eine Art Holzkiste in die ein rundes Loch eingelassen war. Dieses war mit einem Holzdeckel abgedeckt. Jetzt kam meine Mutprobe! Ich musste den Deckel am Holzgriff anfassen und abheben. Ein tiefes, schwarzes, stinkendes Loch tat sich vor mir auf. Ich stellte mir vor, wie ein böser Wolf oder schwarze Spinnen und anderes Getier, vielleicht sogar ein böser Geist, im Loch unten hockten. Trotzdem musste ich mich auf die Kiste hieven und über das Loch setzen, damit ich mein Geschäft hinter mich bringen konnte. Die anschliessende Putzarbeit erledigte ich mit dem dafür zugeschnittenem Zeitungspapier. Schnell den Deckel wieder drauf und nichts wie los nach draussen! – Mir gefielen die Ferien in Utzenstorf sehr, wenn nur das Plumsklo nicht gewesen wäre!



(2) Walterli und Brigittli vor dem Pfarrhaus der Grosseltern König

Walterli und Brigittli vor dem Pfarrhaus der Grosseltern König

 

Frau Jakobers unheimliches Papier 
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2.2.  Vom Plumpsklo bis zum Dampf unter dem Schirmhaus 1942-1943 – Frau Jakobers unheimliches Papier .



(1) Beim Spiel auf der Dachterrasse

Beim Spiel auf der Dachterrasse

Die allen zugängliche Dachterrasse unseres Hauses war ein Paradies für uns Kinder. An einem Morgen fuhr ich mit Mami samt ihrem Weidekorb im Lift bis zuoberst hinauf zur Waschküche. Während Mami in der Waschküche hantierte, hüpfte ich auf die grosse Dachterrasse hinaus. Wenn es warm genug war, konnten wir Kinder hier oben unter der Brause duschen und uns gegenseitig bespritzen. Heute war ich das einzige Kind hier. Ich hörte Schritte hinter mir, sah mich um und erblickte Frau Jakober vom dritten Stock. «Grüezi Frau Jakober!» Die immer freundliche Mutter von zwei kleinen Mädchen erwiderte meinen Gruss nicht. Sie schaute ganz eigenartig, wie durch mich hindurch. Ein ungutes Gefühl beschlich mich. Ich rannte hinein in die Waschküche zu Mami. «Geh doch noch ein wenig hinaus zum Spielen!» schlug Mami vor, «ich bin gleich fertig.» Ich wollte aber keinesfalls auf die Terrasse hinaus und wartete bei Mami. Sie hob ihren vollen Wäschekorb mit frisch gewaschenen Leintüchern auf und zusammen gingen wir hinaus, um die Wäsche aufzuhängen.

Draussen stand Frau Jakober immer noch am selben Ort. Die beiden Frauen begrüssten sich. Zur Sicherheit hielt ich mich am Schürzenband meiner Mutter fest. Ich beobachtete, wie Frau Jakober mit zitternden Fingern einen weissen Zettel, eingeklemmt unter ihrem Ledergurt, hervorzog und ihn Mami zum Lesen gab. Sofort verfinsterte sich Mamis Gesicht. Die beiden Frauen begannen aufgeregt zu tuscheln. Ich hatte keine Ahnung, was vorgefallen war, spürte nur, dass ein Unheil von Frau Jakobers Papier ausging. Nach einer Weile verabschiedeten sich die beiden Mütter. Mami hängte unsere Wäsche auf und wir gingen wieder in unsere Wohnung hinunter. «Was hat Frau Jakober gesagt?» «Das verstehst du noch nicht. Dafür bist du noch zu klein.» Ich wurde wütend und schlug mit meinen Fäusten auf die blöde Mutter ein. Sie hielt meine Hände fest und schimpfte laut mit mir. Weinend verzog ich mich hinter mein Bett.

Beim Nachtessen erzählte Mami Vati, dass ihr Frau Jakober das Aufgebot ihres Mannes für den Aktivdienst gezeigt habe. Sie sei verständlicherweise voller Angst, dass er als Grenzsoldat abkommandiert würde und dass ihm dort ein Unglück zustossen könnte. Während meine Eltern weiter redeten, spukte das Wort «Aktivdienst» in meinem Kopf herum. Ich konnte mir beim besten Willen nichts darunter vorstellen. Allein, dass es etwas sehr Gefährliches sein musste, spürte ich deutlich, und das machte mir Angst.

Ein geheimnisvolles Bébé
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2.3.  Vom Plumpsklo bis zum Dampf unter dem Schirmhaus 1942-1943 – Ein geheimnisvolles Bébé.

Mami nahm mich auf ihren Schoss und sagte mir geheimnisvoll, dass ich bald einen kleinen Bruder oder ein Schwesterchen bekäme. Ich konnte mir nichts darunter vorstellen. «Freust du dich auf das Bébé?» fragte Mami. Mit dieser Frage konnte ich nichts anfangen. Ich rutschte verlegen auf Mamis Schoss herum und schwieg. Ich wusste nicht, wie es mit einem Brüderchen oder Schwesterchen war. «Woher kommt eigentlich dieses Bébé?» wollte ich jetzt doch wissen. «Ja, mh, weisst du, mh, das ist halt so ...», antwortete Mami. Das war eigenartig, Mami gab mir immer für mich gut verständliche Antworten. Irgendetwas stimmte nicht. «Soll ich dir ein Liedchen vorsingen?» Normalerweise wollte ich immer, dass Mami mit mir sang, aber jetzt nicht. Erneut wollte ich wissen, woher dieses Bébé komme. Mami machte ein ernstes Gesicht und erzählte mir eine Geschichte von einem Bienchen, das sich auf eine Löwenzahnblüte setzte, weiterflog und sich mit Blütenstaub an den Beinchen auf eine andere Blüte setzte. Ungeduldig rutschte ich von Mamis Schoss. Ich hatte genug von dieser langweiligen Bienengeschichte. Ich ging zu meiner Puppenstube und spielte mit Annebäbi und ihren Kindern. Hier waren die Brüder und Schwestern schon da und alles war klar.

Als ich einige Wochen später im Bett lag und Mami mich zudeckte, setzte sie sich zu mir und sagte, dass unser Bébé bald komme. Sollte ich eines Morgens erwachen und meine Eltern wären nicht da, müsse ich ganz laut unserer Nachbarin, Frau Kühne rufen. Sie komme mich dann holen. Das gefiel mir. Ich ging sehr gern zu Frau Kühne. «Rufe jetzt laut Frau Kühne!» befahl Mami. «Frau Kühne, Frau Kühne, Frau Kühne!» schrie ich immer lauter. War das ein lustiges Spiel! «Das ist gut. Jetzt musst du aber schlafen!»

Als ich eines Morgens erwachte, war Grossmuetti da. Sie sagte freudenstrahlend: «Walterli ist da. Wir gehen jetzt zusammen an die Sälistrasse.» Ich wollte wissen, wo meine Eltern mit diesem geheimnisvollen Walterli waren. Grossmuetti erzählte mir, dass alle glücklich und zufrieden im Spital wären und dass wir meinen kleinen Bruder und Mami am Nachmittag besuchen würden. Das alles kam mir mehr als eigenartig vor. Aber ich freute mich sehr, ein paar Tage bei meinen Grosseltern wohnen zu dürfen.


(1) Brigittli mit Bébé Walterli

Brigittli mit Bébé Walterli
Glashaus und Märchenschloss
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2.4.  Vom Plumpsklo bis zum Dampf unter dem Schirmhaus 1942-1943 – Glashaus und Märchenschloss.



(1) Geschichten hören - ob von Grossmuetti oder vom Radio - immer ein Vergnügen!

Geschichten hören - ob von Grossmuetti oder vom Radio - immer ein Vergnügen!

Mit Grossmuetti war ich auf dem Waldweg hinauf zum Hotel Gütsch. Ich jammerte, ich sei müde und könne nicht mehr weiter gehen. Grossmuetti nahm mich bei der Hand und erzählte die Geschichte vom Glashaus. Ich vergass die Müdigkeit. Diese Geschichte wollte ich immer und immer wieder hören: «Schwester und Bruder gingen Hand in Hand auf dem Feldweg. Vor ihnen funkelte und leuchtete es. So schnell sie ihre Beine trugen gingen sie darauf zu. Es war ein Haus aus Glas. Die Kinder fanden die Türe und traten ein. Drinnen lagen überall Spielsachen herum. Die Geschwister setzten sich auf den Glasboden und spielten vergnügt damit. Der Bruder sagte, er habe Hunger. Sofort kamen ein kleiner Tisch und zwei Stühle von der Decke her zu den Kindern herunter. Der Bube und das Mädchen setzten sich an den Tisch. Die Schwester wünschte sich ihr Lieblingsessen, Kartoffelstock und grüne Erbsen. Schon stand ein Teller mit diesen Köstlichkeiten vor ihr, auch Gabel und Messer lagen daneben. Der Bruder staunte und wünschte sich Götterspeise. Noch bevor er diesen Gedanken zu Ende dachte, kamen ein Teller, beladen mit Apfelmus und Vanillecrème samt Löffel von der Decke herab auf den Tisch. Die Kinder assen alles auf, wurden müde und wünschten sich ein Bett. Sofort wurden zwei Betten mit weichen Kissen und warmen, feinen Decken von der Decke heruntergelassen. Die Geschwister legten sich hinein und schliefen ein.» «Fertig, halt, Grossmuetti!» rief ich. Wie die Kinder in Grossmuettis Märchen am Morgen erwachten und feststellten, dass die Türe verschwunden war und sie das Glashaus nicht mehr verlassen konnten, wie sie in grosser Angst waren bis sie endlich von ihren Eltern wieder gefunden wurden – diesen Teil wollte ich jetzt keinesfalls hören.

Wir kamen oben beim Hotel Gütsch an. Grossmuetti begann mir die Aussicht zu erklären: Die Türme, der See, weiter hinten die Berge. Das interessierte mich keinen Deut. Ich zappelte und konnte nicht mehr warten, ins Hotel hinein zu gehen und die Wendeltreppe im angebauten schneeweissen Turm hinaufzusteigen. Mit jeder Runde, die wir hinter uns liessen, erschienen wie durch Zauber farbige Fenster, eckige, dann runde und immer kleinere. Alle leuchteten in einer anderen Farbe, Rot, Grün, Blau und Gelb. Zuoberst auf dem Turm traten wir auf eine Terrasse hinaus. Sofort war ich Rapunzel und liess mein langes, prächtiges Haar, fein wie gesponnenes Gold, für den Prinzen hinunter. Eben als ich meinte, ein Zupfen an meinen langen Haaren zu spüren, rief mich Grossmuetti aus meinem Märchentraum heraus. Wir machten uns auf den Rückweg. Auf dem Heimweg bat ich Grossmuetti, mir die Geschichte vom Glashaus fertig zu erzählen. Nachdem sie geendet hatte, wollte ich noch mehr Geschichten hören. «Ein Hirte trieb seine Schafherde vor sich her. Sie kamen an eine schmale Brücke ohne Geländer über einen reissenden Bach. Der Mann mit seinem Stab stellte sich daneben und zählte seine Schafe, die über die Brücke gingen.» Ich wurde ungeduldig. «Was geschieht weiter?» «Ich kann nicht weiter erzählen, denn es kommen immer noch mehr Schafe. Der Hirte muss sie alle zählen.» Ich sah den nicht enden wollenden Zug der Schafe. Kurz war ich enttäuscht, hüpfte aber bald fröhlich neben Grossmuetti her und freute mich, als sie verkündete, dass Grossvati bald nach Hause komme und es für uns alle einen Hörnliauflauf mit Apfelmus gäbe.

Nur eine Übung
Seite 10
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2.5.  Vom Plumpsklo bis zum Dampf unter dem Schirmhaus 1942-1943 – Nur eine Übung.

Eines Tages nahm Mami meinen kleinen Bruder auf und hiess mich, ihr zu folgen. Wir gingen ins Treppenhaus hinaus. Gleichzeitig erschien unsere Nachbarin, Frau Kühne mit ihrem Sohn Jimmy unter ihrer Türe. Ich mochte Frau Kühne und Jimmy sehr. Oft war ich bei ihnen zu Besuch. Jimmy war etwa drei Jahre älter als ich und hatte ein spannendes Kinderbuch, das mir ausserordentlich gut gefiel. Es hiess «Punkt, Punkt, Komma, Strich» und war voll lustigen, fröhlichen Strichzeichnungen zum Zeichnen lernen. Jimmy lehrte mich, die Farbstifte mit verschiedenem Druck anzuwenden und die Farben zu mischen. Oft tollten wir auf den Betten herum, etwas, das ich bei mir zu Hause nicht durfte.

Im ganzen Haus hörte man, wie Türen auf und zu gingen und wie die Frauen aufgeregt miteinander sprachen. Wir fuhren alle im grossen Lift in den Keller hinunter. Auf jeder Etage stiegen Frauen zu, auch Frau Jakober mit ihren beiden Töchtern, Frau Stalder mit den beiden Buben, im ersten Stock die Grosseltern Vonesch mit ihrer Enkelin Beatrice. Den Ausflug in den Keller mit den anderen Kindern im Hause war lustig. Als alle Hausbewohnerinnen und die Kinder im Keller versammelt waren, redete Herr Knoll, der Hauswart mit einer lauten Stimme zu den Frauen. Ich verstand kein Wort von dem, was er sagte. Jimmy und ich begannen einander zu zwicken und wir kicherten. Mein kleiner Bruder wollte von Mutters Armen hinunter und fing an zu quengeln. Unsere Mütter befahlen uns streng, ruhig zu sein. Plötzlich wurde das Kellerfenster halb unter dem Boden am Ende des langen Gangs aufgerissen und im Fensterrahmen erschienen zwei fürchterliche Masken. «Zuerst die Mütter mit den Kindern!» rief der Hauswart. Jetzt ging alles ganz schnell. Frau Kühne nahm Jimmy bei der Hand, hob ihn hoch und die schrecklichen Gestalten am Fenster rissen ihn ihr weg. Jimmy war verschwunden. Schon schob sich Mami mit dem weinenden Walti im Arm und mir vor. Der Hauswart hob mich hoch. Jetzt sah ich von nahe die graugrünen Masken mit den grossen runden Augen aus Glas und einer Art Büchse darunter. Ich fing nach Leibeskräften an zu schreien. Ich wollte niemals das gleiche Schicksal wie Jimmy erleiden. Mami redete mir gut zu und sagte, das seien unsere Luftschutz­-Soldaten. Sie würden uns helfen und mir nichts zu Leide tun. Die Masken sprachen mit einer dumpfen, eigenartigen Stimme von weit weg und doch so nah. Ich schrie weiter so laut ich konnte. Ein schrecklich maskiertes Wesen packte mich, zog mich durchs Kellerfenster hinaus und stellte mich auf der anderen Seite auf die Kieselsteine ab. Der Zweitklässler Jimmy stand da und sagte: «Es ist nur eine Übung!» Ich zitterte und schluchzte, verstand nicht, was vor sich ging. Schon waren Mami und Frau Kühne bei uns. Mami drückte meinen Bruder fest an sich und fasste mich an der Hand. Sie versuchte uns zu trösten und wiederholte mehrmals: «Das ist nur eine Übung!» Nach und nach waren alle Frauen und die greinenden Kinder im Hof unseres Hauses versammelt, gestikulierten und schnatterten. Die Maskenmänner hoben als Letzten Herrn Knoll aus dem Keller heraus. Sie zogen ihre Larven vom Kopf. Sie trugen die Masken mit den grossen kreisrunden Augenlöchern unter ihren Armen und winkten uns fröhlich zu. Ich war verwirrt. Wie konnten diese munteren Männer grässliche Masken aufsetzen, mit verstellter Stimme sprechen und jetzt so freundlich sein? Einer kam auf uns zu. Ich hielt mich fest an Mamis Rock. Der Soldat rief alle Kinder herbei. Er ging vor uns in die Hocke und zeigte uns die Maske, drehte und wendete sie auf alle Seiten. Jimmy getraute sich sogar, dieses Furcht einflössende Ding zu berühren. Das steigerte meine ohnehin schon grosse Hochachtung für den Nachbarjungen ins Unermessliche. Während die grossen Leute mit dem Hauswart und den beiden Soldaten redeten, spielten wir Kinder «Zinggi». Ich war wieder in meiner Welt und diese war in Ordnung.


(1) Wir Kinder der Taubenhausstrasse 6

Wir Kinder der Taubenhausstrasse 6

 

Spannendes Knopfspiel
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2.6.  Vom Plumpsklo bis zum Dampf unter dem Schirmhaus 1942-1943 – Spannendes Knopfspiel.


(1) Grossmuetti, Tante Anni, Brigittli, Walterli und Mami

Grossmuetti, Tante Anni, Brigittli, Walterli und Mami

«Heute besuchen wir Grosstante Anni in der Altstadt», sagte Mami. Den Weg bis zum Theater und weiter über die Rathausbrücke in die Gassen der Altstadt hinein kannte ich schon. Jedesmal brachten wir der Tante mit dem lustigen Haarknoten im Nacken etwas mit, etwa zwei Eier, eine Papiertüte mit Äpfeln oder einen kleinen Topf mit Bienenhonig, den wir bei einem Imker am Dattenberg oben kauften.

Es war ein sonniger Tag, als ich mit Mami auf dem Weg zur Tante war. Auf dem Rathausplatz blieben wir kurz stehen und gingen dann durch einen kurzen Tunnel unter den Häusern hindurch. Auf der anderen Seite war das Brandgässli. Ich bekam ein beklemmendes Gefühl im engen Gässchen mit den dunklen Häusern. Kein Sonnenstrahl drang hier durch. Dieses unangenehme Gefühl verstärkte sich noch, als wir ins schmale Haus eintraten und auf der knarrenden Holztreppe hinauf stiegen. Oben öffnete die Grosstante ihre Wohnungstüre und hiess uns herzlich willkommen. Wie erlöst war ich, als ich vom muffigen Treppenhaus in Tante Annas Wohnung trat! Auch hier war es immer noch eng und dunkel. Erst als die Tante uns in die Stube bat, nahmen die Dinge ringsum wieder bekanntere Konturen an. In der Mitte des Zimmers stand ein rechteckiger Holztisch mit vier Stühlen. Ich sah das Bett unter einem Bild der Madonna mit ihrem Kind und den Kasten aus dunklem Holz mit vielen Türchen und Schubladen mit glänzenden Griffen. Die beiden Frauen gingen in die winzige Küche mit dem alten Feuerherd. Ich zog es vor, in der helleren Stube beim Fenster zu warten.

Zurück in der Stube hörte ich Mami begeistert sagen: «Was du nicht sagst, du besuchst wirklich einen Samariterkurs und lernst alles über Erste Hilfe!» Die Tante zog eine Schublade auf und holte ein grosses, dickes Buch hervor. Sie legte es auf den Tisch. Die Frauen setzten sich nebeneinander an den Tisch. Mami hob mich auf ihren Schoss. So konnte ich mitverfolgen, wie die Tante eine Seite nach der anderen im Buch mit den farbigen Bildern umblätterte. «Das hier, das ist unser Herz!» Ich wusste wie ein Herz aussah: Zwei rote aneinander geschobene Blätter, oben rund, unten spitzig. Die Zeigefinger von Tante und Mami hüpften über einen rot­braunen Klumpen, von dem dünnere und dickere blaue und rote Schläuche weggingen. Ein Herz mit Schläuchen, das gibt es doch nicht, dachte ich. Ich wollte nicht weiter zuschauen und rutschte von Mamis Schoss. Tante Anni fasste mich bei der Schulter und führte mich zum Kasten und öffnete ein Türchen. Sie schaute mich mit ihren braunen Augen liebevoll an, fischte eine Holzschachtel heraus und drückte sie mir in die Hand. «Damit kannst du spielen!» Ich setzte mich auf den Boden, öffnete diese Schatzschachtel und fand viele weisse, schwarze und sogar durchsichtige Knöpfe verschiedener Grösse darin. Ich sortierte sie zuerst nach Farben, stapelte sie dann aufeinander und blies auf den Knopfturm bis er zusammenbrach. Ich vergass das Schlauchherz und auch seine Betrachterinnen. Für mich gab es nur noch das spannende Knopfspiel.

Verdunkelung und Sirenengeheul 
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2.7.  Vom Plumpsklo bis zum Dampf unter dem Schirmhaus 1942-1943 – Verdunkelung und Sirenengeheul .

Wir hatten Rollläden vor den Fenstern und Balkontüren. Jeden Abend liess Vati einen Laden nach dem andern scheppernd herunter. Manchmal durfte ich helfen und an der Gurte ziehen bis sie sich wieder anspannte, wenn der Laden ganz unten war. «Verdunkeln» nannten das meine Eltern und erklärten uns, dass feindliche Flugzeuge nachts kein Licht sehen dürften. Somit wären wir für sie unsichtbar.

Bei den Grosseltern gab es keine Rollläden. Darum hatte Grossmuetti Verdunkelungs-­Vorhänge aus schwarzem Stoff genäht. Am oberen Rand gab es zwei Ösen. Grossvati stülpte die schwarzen Vorhänge über zwei Häkchen am Fenster und schon war «verdunkelt». Während Grossmuetti die Vorhänge Grossvati zum Aufhängen reichte, erzählte er: «Alle Leute in der Schweiz müssen ihre Fenster nachts ‹verdunkeln›. Wir kennen eine Familie, die das nicht machte. Die Leute wurden gebüsst.» Ich fragte, was «gebüsst» bedeute. «Das heisst, dass man viel Geld aus seiner Kasse bezahlen muss.» Die Kasse, eine Blechschachtel in der Kommode meiner Grosseltern, kannte ich. Grossmuetti nahm hie und da ein 20­-Rappen­-Stück heraus und wickelte Wolle darum herum. Mit diesem Wollknäuel übte ich stricken. Wenn alle Wolle aufgebraucht war, kam das «Zwänzgerli» hervor. Ich schob es stolz durch den Schlitz meines Sparschweins.

In dieser Zeit heulten regelmässig die Sirenen auf den Dächern. Dieses lange, ununterbrochene Heulen erzeugte Druck und ein unangenehmes Gefühl in mir. Vati erklärte uns, dass man dem Geheul auch Fliegeralarm sage und wir alle rasch in den Keller hinunter gehen müssten, wenn der Alarm einmal länger dauern würde. Dieser Fall traf zum Glück nie ein.


(1) Brigittli mit ihren Grosseltern

Brigittli mit ihren Grosseltern

 

Verflixter Kieselstein
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2.8.  Vom Plumpsklo bis zum Dampf unter dem Schirmhaus 1942-1943 – Verflixter Kieselstein.

Grossmuetti liebte es, Ausflüge mit dem Dampfschiff auf dem Vierwaldstättersee zu machen. Sie nahm mich oft mit. Durch ein Fenster beobachtete ich das sich drehende und spritzende Schaufelrad. Zwischen dem glänzenden Messinggeländer hindurch sah ich der stampfenden feuerroten und silbrigen Dampfmaschine zu. Das Schnauben und Pusten der Maschine zog mich auch jetzt wieder in den Bann. Die goldigen kleinen Becher mit einem spitzen Deckel auf verschiedenen Maschinenteilen schienen auf den drehenden Rädern still zu stehen. Sie gefielen mir besonders. Der Maschinist tauchte auf, stellte sich zwischen zwei Rohre wie Trompeten und schon hörte ich die Stimme des Kapitäns vom obersten Deck: «Langsam, vor, zurück – anhalten!» Das Dampfschiff hielt an. Ich ging zurück zu Grossmuetti auf der rosaroten Bank auf dem Unterdeck draussen. Das Schiff stapfte weiter. Wiesen, Wälder und Berge zogen vorüber, in meinen Augen immer dasselbe. Langweilig! Ich war erleichtert, als Grossmuetti ankündigte, dass wir bei der nächsten Station aussteigen würden.

Hinter der Schifflände stiegen wir einen kleinen Hügel hinauf. Ich hüpfte fröhlich vor und hinter Grossmuetti herum. Auf der anderen Seite führte uns der Weg wieder hinunter. «Gib mir die Hand, du könntest auf den Kieselsteinen ausrutschen!» «Nein, nein, ich will allein gehen!» Ich sprang voraus und eh ich es mir versah, lag ich am Boden. Mein Knie schmerzte und blutete. «Ich hab es dir doch gesagt!» schimpfte Grossmuetti und half mir auf. Sie fand ein sauberes Taschentuch in ihrer schwarzen Tasche und tupfte mir damit das Knie ab. Ich weinte und schluchzte. «Zuhause kleben wir ein Pflaster auf die Wunde», tröstete mich Grossmuetti. Bald liess der Schmerz nach.

An der Sälistrasse überzog Grossmuetti mein Knie mit einem grossen Pflaster. Nach einigen Tagen oder auch erst nach einer Woche, als wir Kinder zuhause ein Bad nehmen mussten, zog Mami das Pflaster von meinem Knie weg. Sie stutze und murmelte: «Was ist denn das?» Sie fuhr mit ihren Fingern über mein Knie und sagte: «Da ist ein Buckel, der nicht zum Knie gehört. Wir müssen es Fräulein Doktor zeigen.» Wir fuhren mit dem Lift ins Erdgeschoss hinunter. Da war die Arztpraxis von Fräulein Dr. Bärtschi. Wir klingelten und Mutter Bärtschi, die in der Praxis mithalf, bat uns herein. Das Behandlungszimmer kannte ich gut. Ich war wegen Keuchhusten, starkem Halsweh oder Spulwürmern auch schon da. Das Fräulein Doktor zeigte auf einen grossen Stuhl. Auf ihn sollte ich mich setzen. Sie drückte an meinem Knie herum. «Wir müssen das öffnen», stellte sie fest. Mutter Bärtschi kam mit einem ovalen Becken, einem Tuch und anderen geheimnisvollen Sachen herbei. Fräulein Dr. Bärtschi sagte: «Es tut einen Moment weh, aber nicht lange. Du bist ein tapferes Mädchen». Sie rieb mein Knie mit einem stark riechenden Läppchen ab und zog mit einem kleinen Messer einen kurzen Schnitt in meine Haut. Ich wollte gleich mit Brüllen anfangen, aber im selben Moment gab mir Mutter Bärtschi ein von mir heiss geliebtes Vitamin­-Schokolade­nstückchen. «Das ist ein verflixter Kieselstein», rief Fräulein Doktor. Sie hob ihn mit einer Pinzette hoch und liess ihn in das kleine Becken fallen. Sie säuberte meine Wunde mit Jod. Das brannte grässlich und ich weinte jetzt trotz der Schokolade. «Es ist ja alles vorbei und gut! Wir verbinden jetzt dein Knie», sagte Fräulein Doktor. Mit dem frisch verbundenen Knie fuhr ich mit Mami mit dem Lift wieder hinauf. «Du bist tapfer gewesen», stellte Mami fest. «Wenn die Flasche mit dem Lebertran leer ist, kaufen wir bei den Bärtschis Vitamin­-Schokoladen. Du darfst sie anstelle des Lebertrans schlecken». Welch schöne Aussichten! Der von mir verhasste tägliche Esslöffel Lebertran würde durch die Vitamin­-Schokolade ersetzt. Wie gut, dass wir das Fräulein Doktor und die Frau Bärtschi im Haus haben!

„Verkäuferlis“ und die Dampfmaschine
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2.9.  Vom Plumpsklo bis zum Dampf unter dem Schirmhaus 1942-1943 – „Verkäuferlis“ und die Dampfmaschine.

«Darf ich zu Grossmuetti gehen?» bettelte ich. Ich liebte meine Grossmutter mit ihrem weissen, gewelltem Haar, den kleinen Fältchen um die Augen und den vielen Runzeln im Gesicht. Grossmuetti hatte viel Zeit für mich und erzählte immer wieder neue, spannende Geschichten, welche ich wieder und wieder hören wollte. Ich korrigierte Grossmuetti, wenn sie eine Geschichte abänderte.

Heute war ein spezieller Tag. Meine Eltern fuhren in die Ferien. Ich durfte unterdessen bei meinen Grosseltern wohnen. Ich hatte einen kleinen, dunkelbraunen Lederkoffer mit allen meinen Sachen gepackt. Damit machten sich Mami und ich auf den Weg zu Grossmuetti. Der Abschied von Mami fiel mir leicht. Schon öffnete ich bei Grossmuetti das kleine grüne Schränkchen und wühlte in meinen Spielsachen, als sie im Wohnzimmer rief: «Wollen wir Verkäuferlis spielen?» Sofort rannte ich zu ihr, Feuer und Flamme für mein Lieblingsspiel. Grossmuetti legte ein Kissen auf einen Stuhl und hob mich hinauf. Sie nahm mir gegenüber auf dem Sofa Platz, stellte das kleine Nähtischchen zwischen uns und ich durfte die Schublade herausziehen. Grossmuetti stellte sie aufs Tischchen. Eine aufregende Wunderwelt tat sich vor mir auf: Unser Verkaufsladen mit vielen farbigen Fadenspulen, dem sternförmig aufgewickelten «Sternlifaden», Stecknadeln mit bunten Glasköpfchen, kleinen Schachteln mit Nähnadeln, Schneiderinnen­-Kreide, Fingerhüten, Massbändern, Gummibändern und Dingen, deren Namen ich nicht kannte. Nur die kleineren und grösseren Scheren durfte ich nicht anfassen. Eine in der Form eines Storches faszinierte mich besonders. Mein Lieblingsstück war das bunte, gehäkelte «Gufechössi» voller Stecknadeln und einigen Nähnadeln mit schwarzen oder weissen Fadenresten. Grossmuetti und ich waren abwechselnd die Verkäuferin, welche auf Wunsch der Kundin diese Wunderdinge aus kleinen Fächern in der Schublade herausfischte und verkaufte. Die Zeit verging im Nu. Vor lauter Aufregung bekam ich einen heissen Kopf. Ich hustete immer wieder.

«Wir machen jetzt einen Hörnliauflauf mit Zwiebelschweize, das liebst du ja!» Wir gingen in die Küche und Grossmuetti fing an zu kochen. Während sie am grauweiss gesprenkelten Gasherd hantierte, kippte ich die Türe des Backofens auf und zog eine Tube Kondensmilch heraus. Eine solche bewahrte Grossmuetti immer im Backofen auf. «Darf ich ein wenig Kondensmilch saugen? » «Ausnahmsweise vor dem Essen, ja, weil du den Husten hast!» Genüsslich sog ich an der Kondensmilch­Tube. Leider musste ich auf Grossmuettis Befehl den Deckel viel zu schnell wieder zuschrauben und die Kondensmilch zurück in den Backofen legen. Grossmuetti war immer noch am Kochen, als ich wieder heftig zu husten begann. Sie legte mich aufs Kanapee in der Stube, deckte mich mit einer Wolldecke zu und rief Mami an. Ich hustete immer heftiger. «Das tönt ja wie ein bellender Hund. Bleib ganz ruhig! Mami kommt bald mit dem Dampfgerät.» Ich war überhaupt nicht unruhig. Grossmuetti war aufgeregt, weshalb, begriff ich nicht. Ich fühlte mich wichtig und im Mittelpunkt des Geschehens. Schon bald tauchte Mami mit dem mir schon bekannten Dampfgerät auf, welches man beim Roten Kreuz bei einem Anfall von «Falschem Krupp» holen konnte. Die beiden Frauen spannten einen Schirm über meinem Kopf auf und legten ein Frotteetuch darüber. Der warme Dampf pustete stossweise aus einem Röhrchen. Ich lag unter meinem zischenden Schirmhaus. Hei, war das ein lustiges Spiel! Zwischen den Hustenanfällen gluckste ich vor Lachen. Mami befahl mir, tief zu atmen. Nach einer Weile schlief ich ein. Am anderen Morgen hatte ich noch ein wenig Husten, war aber wohlauf. Meine Eltern fuhren getrost in die Ferienwoche. Ich genoss die schöne Zeit mit Spielen und Geschichten bei meinen Grosseltern.

Der Durchschlupf
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3.1.  Vom Durchschlupf bis zum Geschrei mit Absicht 1943-1944 – Der Durchschlupf.

Mami liess mich mit meinen kleinen Bruder für eine kurze Zeit allein zu Hause. Wir spielten im Wohnzimmer mit Holzklötzchen. Schon bald wurden wir dieses Spiels aber überdrüssig. Ich hatte die gute Idee, zu unseren Grosseltern zu gehen. Sie wohnten in Sichtweite von unserem Haus an der Sälistrasse. Bei den Grosseltern gab es ein grünes Kästchen voller Spielsachen für uns.

Wir verliessen die elterliche Wohnung und trippelten zur Sälistrasse zum Haus unserer Grosseltern. Mir war es nicht ganz geheuer, wusste ich doch genau, dass wir ohne das Wissen meiner Mutter nicht einfach weggehen durften. Zudem lastete die Verantwortung für meinen kleinen Bruder auf mir ohne dass ich wusste, worin diese genau bestand. Wir blieben vor dem Busch im leuchtenden Feuerkleid stehen und pflückten einige farbige Blätter ab. Ich trieb meinen Bruder zur Eile an, nahm ihn bei der Hand und wir stolperten zusammen zum Haus der Grosseltern. Bei der Haustüre drückte ich auf den mir gut bekannten Klingelknopf der Grosseltern. Alles blieb ruhig. Grossvati war bei der Arbeit, aber Grossmuetti hörte vielleicht das Läuten nicht.

Ich öffnete das metallisch glänzende Türchen des Milchkastens meiner Grosseltern von aussen, steckte meinen Arm hinein und drückte auf die inwendige Abschlusstüre gegenüber. Es klickte und der Durchgang ins Treppenhaus wurde wie durch Zauberhand geöffnet. Der mir wohlbekannte Duft des Hauses strömte mir entgegen. Walti hüpfte vor Aufregung und Freude auf und ab. Ich stemmte ihn ein wenig hoch, damit er durch den Milchkasten ins Treppenhaus hinein sehen konnte. Ohne Verzug hievte er sich in den Kasten hinein und durch ihn hindurch und landete mühelos und wohlbehalten im Treppenhaus. Sogleich folgte ich ihm. Ich war natürlich grösser als er und musste mich hin und her schlängeln, damit ich gut durch diesen ungewohnten Eingang hindurch gelangte. Jetzt waren wir im Haus drin. Wir stiegen die drei Stockwerke hoch und standen vor der verschlossenen Wohnungstüre der Grosseltern. «Grossmuetti, Grossmuetti, Grossmuetti», riefen wir immer lauter. Nichts tat sich. Jetzt schrien wir zweistimmig: «Grossmuetti!» Die Wohnungstüre der Nachbarin wurde geöffnet. Die freundliche Frau Bachmann und wischte ihre Hände an ihrer Schürze ab. «Kinder, was macht ihr denn da! Wie seid ihr hier herauf gekommen? Die Türe ist doch zu.» «Durch den Milchkasten», verkündeten wir stolz. Frau Bachmann schlug die Hände zusammen und schüttelte den Kopf. «Nein so was, nein so was!» rief sie das eine ums andere Mal. «Eure Grossmutter ist kurz weggegangen». Frau Bachmann lud uns zu ihr ins Wohnzimmer ein. Wir waren schon mit einem Bein in Frau Bachmanns Wohnung, als sie von uns wissen wollte, ob unsere Mutter denn nicht wisse, dass Grossmuetti an diesem Nachmittag weg sei. Ich erzählte Frau Bachmann, dass wir ohne Mami einzuweihen hierher gekommen seien. Ich spürte mein schlechtes Gewissen. Ich war erstaunt, als Frau Bachmanns Gesicht sofort Besorgnis zeigte. Schnell nahm sie ihre Schürze ab und ihre Jacke vom Bügel. «Kommt Kinder, ich bringe euch nach Hause!»

An je einer Hand von Frau Bachmann trippelten wir zurück an die Taubenhausstrasse. Wir fuhren alle mit dem Lift hinauf. Wir Kinder stürmten sofort in unsere Wohnung mit Frau Bachmann im Schlepptau. Unserer Mutter stand die Angst und Sorge im Gesicht, aber jetzt auch sogleich die Erleichterung, dass wir wohlbehalten wieder da waren. Frau Bachmann wurde von unserer Mutter zu einem Milchkaffee eingeladen und wir durften die Geschichte von unserem Ausflug durch den engen Durchschlupf hindurch ins Haus der Grosseltern hinein mehrmals erzählen. Nach jeder Schilderung fühlte ich mich noch stolzer als zuvor. Ich wusste aber auch, dass wir nur keine Schelte kriegten, weil Frau Bachmann da war.


(1) Emma und Christian Wickart-Steiger mit den Enkelkindern

Emma und Christian Wickart-Steiger mit den Enkelkindern

 

„Tschuwingum“ und „Kapuzinerbildli“
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3.2.  Vom Durchschlupf bis zum Geschrei mit Absicht 1943-1944 – „Tschuwingum“ und „Kapuzinerbildli“.

Ich ging neben Mami auf der Pilatusstrasse Richtung Bahnhof. Drei Soldaten in Uniformen mit Abzeichen kamen uns entgegen, hinter ihnen zwei Buben. «Tschuwingum, Tschuwingum, Tschuwinggumplis», bettelten die Knaben. Die jungen Soldaten lachten. Einer griff in eine seine Uniformtasche und zog ein kleines, längliches Päckchen heraus. Jetzt hielt er flache, geheimnisvolle Dinge in der Hand. Er gab jedem Knaben eines davon. «Tänkju!», sagten die Buben. Sie rissen die Folie ab und steckten das, was darin zum Vorschein kam, in den Mund. Staunend blieb ich stehen und schaute zu. Eh ich es mir versah, drückte mir ein Soldat auch ein glänzendes Plättchen in die Hand. Ich zeigte es Mami, die schon voraus gegangen war. Sie sagte, das sei Kaugummi, man könne ihn kauen, aber dürfe ihn nicht hinunterschlucken. Ich dürfe aber die Soldaten nicht anbetteln. Diese seien Amerikaner und hier im Urlaub. «Auf keinen Fall darfst von jemandem Unbekannten auf der Strasse etwas entgegen nehmen, das weisst du doch!» Ich fand es ungerecht, dass die Buben es durften und ich nicht. Ich merkte mir aber das Wort «Tschuwingum» und nahm mir vor, es in Zukunft den amerikanischen Soldaten zuzurufen, denn der Geschmack in meinem Mund war wunderbar.


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"Tschuwinggumplis!"

Ich kannte die Kapuziner mit den langen Bärten, den braunen Kutten und dem bammelnden Seil um die Taille und mit den Sandalen an den Füssen. Im Gegensatz zu den amerikanischen Soldaten durften wir Kinder auf die Kapuziner zugehen und höflich fragen: «Darf ich ein Bildchen haben?» Die freundlichen Ordensmänner, die überall in Luzern unterwegs waren, griffen in ihre Kutte und zogen ein farbiges Bildchen hervor. Diese Bildchen sammelte ich in meinem Kirchengesangbuch, weil meine Eltern meinten, dies sei der geeignete Ort dafür. Besonders gefiel mir ein Bild von einem Hirten mit einem langen Stab inmitten seiner Schafe auf einer Wiese. «Der Herr ist dein Hirte, dir wird nichts mangeln», stand in grossen Buchstaben unter dem Bild.

Grossmuetti schaute oft mit mir die Abbildungen in ihrem Buch «Das fleissige Hausmütterchen» an. Von daher kannte ich eine Art «Bügeleisen-­Maschine», durch deren Walzen man Tischwäsche und Servietten durchschieben konnte bis sie auf der anderen Seite faltenlos herauskamen. Das sei mangeln, sagte Grossmuetti. Auf den Sonntagsspaziergängen mit meinen Eltern auf der Allmend trafen wir im Winter oft einen Hirten mit seiner Schafherde an. Ich stellte mir vor, wie mich dieser Hirte mit einer Mangel platt drücken würde. Ich las ein zweites Mal, was unter dem Kapuzinerbildchen stand und entzifferte «Dir wird nichts mangeln». Das «Nichts» beruhigte mich.

Das hätte bös enden können
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3.3.  Vom Durchschlupf bis zum Geschrei mit Absicht 1943-1944 – Das hätte bös enden können.

Vati musste sich am Ellenbogen operieren lassen und war vorübergehend von der Arbeit freigestellt. Er weilte eine Zeit lang im Kurhaus auf Heiligenschwendi über dem Thunersee. Während Walti bei Grossmuetti und Grossvati war, durfte ich in den Sommerferien mit Mami für einige Tage Vati im Kurhaus besuchen. Wir wohnten alle drei in einem schönen, sonnigen Zimmer. Für mich gab es in dieser fremden Welt viel zu entdecken. Am besten gefiel mir der sprechende Papagei in einem grossen Käfig auf der Gästeterrasse.


(1) Brigittli und der Papagei auf Heiligenschwendi

Brigittli und der Papagei auf Heiligenschwendi

Ebenso gerne spielte ich mit Peter, dem ein wenig älteren Knaben vom Bauernhof nebenan. Wir sammelten schöne Steine und legten damit ein Mosaik. Ich beharrte darauf, es noch mit Bergblumen zu schmücken, was Peter nicht ganz passte – und schon kam Mami herzu und verkündete, dass ich mit ihr kommen müsse, da es bald Zeit zum Mittagessen sei. «Ihr dürft am Nachmittag wieder zusammen spielen», tröstete uns Mami. Wir liessen Peter mit hängenden Armen stehen.


(2) Brigittli mit ihren Eltern auf Heiligenschwendi

Brigittli mit ihren Eltern auf Heiligenschwendi

Am warmen, sonnigen Tag assen wir mit allen anderen Gästen auf der Terrasse der Pension. Kaum waren wir fertig, zappelte ich drauflos. «Darf ich jetzt wieder zu Peter hinüber?» Ich durfte und auf dem Weg blieb ich kurz beim Papagei stehen und erzählte ihm, dass ich jetzt mit Peter spielen und nachher wieder bei ihm vorbeikommen würde. «Guten Morgen, guten Morgen», krächzte der farbige Vogel und ich rannte weg.

Peter war schon auf dem Vorplatz vor dem Bauernhaus. Er hantierte an einem Wagen mit einer Deichsel herum. Gemeinsam befestigten wir den Leiterwagen mit einer dünnen Schnur am Sattel des roten Dreirads von Peter. Ich hielt die Enden der Schnur, damit mein Spiel­-Freund einen Knoten machen konnte. Jetzt durfte ich in den Leiterwagen klettern und Peter setzte sich stolz aufs Dreirad. Wir drehten einige Runden auf dem asphaltierten Vorplatz, jauchzten und lärmten und freuten uns an unserem Gefährt. Wir beschlossen, damit einen Ausflug zu machen und zogen das Gespann auf den Trampelweg, der dem Abhang entlang zum nächsten Bauernhof in einiger Entfernung führte. Peter mühte sich auf dem schmalen Fussweg mit Pedalen ab und ich sass zufrieden im Wagen. Plötzlich riss die Schnur. Der Leiterwagen scherte aus und rumpelte mit mir den Abhang Richtung Thunersee hinunter. Von der Terrasse der Haltenegg herab hörte ich die aufgeregten Stimmen meiner Eltern und dann die noch anderer Gäste rufen: «Steig, aus, steig aus, Brigit, steig sofort aus! Aussteigen!» Ich verstand nicht, weshalb ich aussteigen sollte. Ich wusste auch nicht wie, denn unterdessen hatte die Fahrt an Geschwindigkeit zugelegt. Ich sah Heustöcke vorbeisausen und schon tauchte vor mir ein Bauer mit seiner Heugabel auf. Er warf die Heugabel unter die Räder des Wagens und brachte ihn zum Kippen. Ich fand mich auf einem Heuhaufen wieder. Ich blickte zur Terrasse der Pension empor und sah meine Eltern und andere Leute in einer Ecke am Geländer stehen. Sie gestikulierten und riefen Unverständliches. Der Heuer meinte: «Das hätte bös enden können.» Mir war es ein Rätsel, was diese Aufregung sollte. Der Bauer packte den Leiterwagen an der Deichsel und nahm mich bei der Hand. So stiegen wir den Hügel hinauf. Oben standen meine Eltern auf dem schmalen Weg und überschütteten den Bauern mit Dank. Ich stand daneben und fand die Erwachsenen einmal mehr äusserst seltsam. Meine Eltern umarmten mich und strichen mir übers Haar. Peter und sein Velo waren verschwunden. «Wann gehen wir zurück? Ich möchte wieder zum Papagei. Das habe ich ihm versprochen!» Mit meinen Eltern kam ich zurück auf die Terrasse unserer Pension. Während die Leute um meine Eltern herum standen und alle laut und durcheinander redeten, ging ich zum Papagei. «Was haben Mami und Vati und alle die Leute nur? Sie sind so komisch heute!» «Guten Morgen, guten Morgen», plapperte das Federvieh.

Die gerissenen Blumen
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3.4.  Vom Durchschlupf bis zum Geschrei mit Absicht 1943-1944 – Die gerissenen Blumen.

Singen, spielen und herumtoben mit den anderen Kindern gefiel mir im Kindergarten sehr. Mussten wir aber still im Kreis auf unseren kleinen Stühlen sitzen und der Kindergärtnerin zuhören, so wurde ich rasch ungeduldig. Ich rutschte umher, stupste das Mädchen neben mir mit dem Fuss an und kicherte. Auch die Verwarnung von Fräulein Weishaupt fruchtete nichts, schon bald redete ich halblaut vor mich hin bis die Kinder in meiner Nähe glucksten und dann laut lachten. Zur Strafe musste ich in den Gang hinaus stehen und dort – wie es mir vorkam – stundenlang warten.

Endlich ging die Türe auf und alle Kinder strömten mit der Kindergärtnerin heraus. Wir gingen in den Garten des Dulaschulhauses hinaus. Der Unterricht ging draussen auf den Bänken an Tischchen weiter. Das Fräulein verteilte Musterblätter von farbigen Tapeten und jedem Kind ein Blatt weisses Papier. Sie stellte auf jeden Tisch ein Glas Leim mit einem am Deckel befestigten kleinen Pinsel. Wir bekamen die Aufgabe, aus dem Tapetenpapier Blumen auszureissen und diese aufs Papier zu kleben. Ich war immer noch schlecht gelaunt, weil ich in den Gang hinaus musste und jetzt wurde es noch schlimmer. Ich war fest überzeugt, dass gerissene Blumen niemals gleich schön aussehen wie wenn sie mit einer Schere glatt ausgeschnitten würden. «Ich brauche eine Schere!» rief ich. «Nein, Brigit, ich habe gesagt, das Blumenbild müsse mit den Händen sorgfältig gerissen werden!» Ich schlug mit den Schuhen ans Tischbein. Wutwellen rollten aus meinem Bauch herauf und blieben im Hals stecken. Ich blieb stocksteif sitzen und riss keine einzige Blume aus.

Das Fräulein gab mir einen Brief für meine Eltern mit. Am nächsten Tag musste Mami zur Kindergärtnerin. Als Mami nach Hause zurückkam, sagte sie, ich müsse Fräulein Weishaupt besser gehorchen.


(1) "Gehorche Fräulein Weishaupt besser!"

"Gehorche Fräulein Weishaupt besser!"

 

Der Zweifränkler
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3.5.  Vom Durchschlupf bis zum Geschrei mit Absicht 1943-1944 – Der Zweifränkler.
«Es wird hell», sagte ich Annebäbi, meiner kleinen Holzpuppe in meiner Puppenstube. Ich kippte einen winzigen Schalter um und schon brannte eine kleine Laterne und verströmte rötliches Licht. Vati hatte das Lämpchen für mich und meine Puppen an eine Batterie angeschlossen. «Komm Annebäbi, wir decken den Tisch», plapperte ich halblaut, als Mami rief: «Brigit, ziehe deine Schuhe und den Mantel an. Geh in die Bäckerei und hole ein Kilo Sauerteigbrot, bitte!» Ich protestierte, rief zurück: «Annebäbi bekommt das Morgenessen. Ich kann unmöglich weg!» «Es gibt kein Morgenessen ohne Brot, tu jetzt, was ich sage!» Schmollend erhob ich mich.

Mami half mir beim Anziehen der Winterschuhe. Diese hasste ich, hatte ich doch immer kalte Füsse darin. Die genagelte Holzsohle gab trotz dicker, handgestrickter Socken nicht warm. Mami knüpfte meinen Mantel zu, stülpte mir die Zipfelmütze über und band mir das Wollhalstuch um. «Lauf schnell und komm sofort wieder. Es ist kalt draussen!» Unter der Wohnungstüre drückte sie mir einen Zweifränkler in die Hand: «Halt den Batzen fest, verliere ihn ja nicht!» Ich hopste die Treppen hinunter und Mami winkte mir nach.

Nach wenigen Schritten im knirschenden Schnee war ich an der Obergrundstrasse, nicht weit von der Bäckerei Felber entfernt. Strassenarbeiter schaufelten Schnee vom Trottoir an den Strassenrand. Der schnell wachsende Schneeberg zog mich magisch an. Ich nahm einen Anlauf und sprang in den Schneehaufen hinein, trat zurück und sprang jauchzend erneut los. Wie lustig war es, sich in den weichen Schnee plumpsen zu lassen! «He, geh weg da, Kleine, sonst machen wir einen Schneemann aus dir!» rief einer der Männer mit den Schaufeln und lachte. Ich ging weiter zur Bäckerei. «Guten Tag, Frau Felber» sagte ich artig und zog meine Handschuhe aus. Die Bäckerin mit der weissen Latz­-Schürze meinte: «Sicher willst du ein Kilo Sauerteigbrot wie immer!» Sie wickelte das dunkle, knusprige Brot in ein Stück Papier und reichte es mir über den Ladentisch hinweg. Ich hielt meine Nase ans Papier und atmete den feinen Brotduft ein. «Das macht zwei Franken.» Erstaunt und dann erschrocken schaute ich auf meine leeren Hände. «Ich habe den Batzen verloren.» Frau Felder kam hinter der Theke hervor und half mir, in den Manteltaschen und sogar in den Fausthandschuhen nach dem Geld zu suchen, ohne Erfolg. «Du hast das Geldstück verloren. Nimm das Brot mit! Deine Mutter kann es mir das nächste Mal bezahlen.» Die Bäckerin lächelte freundlich und bediente weitere Kunden.

Schnell rannte ich nach Hause. Noch bevor Mantel und Schuhe ausgezogen waren, beichtete ich Mami den Verlust des Zweifränklers. «Was machst du für Dummheiten! Komm, zeige mir, wo du das Geld verloren hast!» Mami schlüpfte rasch in ihren Mantel und in ihre Schuhe und gab Walterli in Frau Kühnes Obhut. Wir gingen zum Schneehaufen und gruben mit bald klammen Händen darin, fanden aber das Geldstück nicht. Jetzt kamen die Männer mit den Schaufeln herzu und halfen bei der Suche. Wir fanden den Zweifränkler nicht mehr. Mami ärgerte sich. Das machte mich betrübt und dann wütend. Ich redete kein Wort mehr und schmollte. Ich wurde für etwas beschuldigt, für das ich meiner Meinung nach nichts konnte. Wir gingen weiter zur Bäckerei. Im Laden erzählte Mami die Geschichte vom verlorenen Geldstück im Schneehaufen und bezahlte das Brot. Frau Felber lächelte freundlich: «S’gschäch nüd Schlemmers!» Wieder daheim erzählte ich alles dem Schneemann auf dem Balkon. Der Schneemann lächelte und tröstete mich.


(1) Brigittli und der Schneemann
Brigittli und der Schneemann

 

Knallender Blitz
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3.6.  Vom Durchschlupf bis zum Geschrei mit Absicht 1943-1944 – Knallender Blitz.

Vatis Lieblingsspielzeug war die «Leica» in einem Lederetui. Wir durften diesen Wunderapparat nicht berühren, nur zuschauen, wenn Vati einen Deckel aufklappte und eine Rolle in eine dafür vorgesehene Vertiefung legte. «Es darf ja kein Licht dazukommen, kein Fünkchen», murmelte Vati. Er zog an einer Lasche und aus der Rolle kam ein Stück glänzendes, hellbraunes Papier mit kleinen Löchern an den Rändern hervor. Vati zog weiter daran, hängte es ein und klappte die «Leica» zu. Während er ein Rädchen drehte, durften wir auf ein winzig kleines Fenster am Fotoapparat schauen und «Halt!» rufen, sobald die Zahl 1 erschien.

Wieder einmal war Weihnachten. Die Geschenke waren ausgepackt. Die Kerzen an unserem Christbaum brannten noch. Vati brachte einen Papierstreifen mit einem Beutel daran und eine Schnur. Er befestigte alles an der Lampe über dem Esstisch. Die «Leica» platzierte er darunter auf einem Stapel Bücher auf dem Tisch. «Alle aufs Kanapee sitzen!» Zu viert sassen wir in einer Reihe. Vati erhob sich wieder, ging hinter die «Leica» und schaute durch sie hindurch. Er drehte und schraubte, kam zurück, schob uns noch ein wenig hin und her und ging wieder zu seinem Fotoapparat. Ich wurde unruhig und schielte auf meine Geschenke. «Brigit, still sitzen, nicht bewegen!» rief Vati. Jetzt schraubte er ein kleines schwarzes Kabel mit einem silbrigen Knopf an den Apparat, drückte darauf und sagte: «Ganz ruhig sitzen, nicht mehr bewegen, immer die Lampe an der Decke anschauen! Lächeln, lächeln!» So schnell als möglich setzte er sich zu uns. Plötzlich gab es einen grässlichen Knall. Aus dem Beutel an der Schnur schoss ein Blitz. Ich erschrak furchtbar und Walti begann zu weinen. «Es ist nichts passiert», tröstete Mami, «bald könnt ihr euch auf dem Weihnachtsbild fürs Album sehen.» Erst jetzt rückte der Weihnachtsbaum mit den flackernden Lichtern wieder in mein Blickfeld. Unsere Geschenke lagen immer noch darunter. Wir Kinder rutschten vom Kanapee und waren bald in unser Spiel mit den neuen Spielsachen vertieft.



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Achtung, knallender Blitz!

Nach Weihnachten durfte ich mit Vati und seiner «Leica» ins Fotogeschäft Schneider beim Bahnhof gehen. Hinter dem Ladentisch drehte Herr Schneider am Rad der «Leica»: «Es sind 36 Bilder!» Er nahm die Fotorolle sorgfältig aus der «Leica» heraus und legte sie in eine Papiertüte. «Bitte Chamois halbmatt, glatter Rand, je einen Abzug!» sagte Vati. Auf dem Heimweg versprach Vati, dass wir in ein paar Tagen die Fotografien samt den Negativen abholen könnten. Bald lag die Fotografie vor uns auf dem Tisch. Wir kicherten drauflos. Vati meinte: «Das ist wieder ein gut gelungener Schnappschuss der Leica!» Mami sagte: «Man sieht euch die Angst vor dem Blitz an.» «Pumm, pumm!» rief Walti.

"Schoggi-Bildli"
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3.7.  Vom Durchschlupf bis zum Geschrei mit Absicht 1943-1944 – "Schoggi-Bildli".

Die Konditorei Kohler befand sich wenige Schritte von unserem Haus entfernt. Dort gab es «Zwänzgerstückli» zu kaufen. Die kleinen runden Törtchen hiessen so, weil jedes zwanzig Rappen kostete. Am Samstag nahm Mami Walti und mich mit in die Konditorei. Wir Kinder durften je ein «Zwänzgerstückli» hinter der Glasscheibe fürs Sonntags-­Dessert auswählen. Ein Törtchen mit grünem Zuckerguss und einem braunen Schokolade­-Punkt in der Mitte war mein Lieblingsstück. Auch Walti wählte ein «Stückli» aus und Mami kaufte je eins für Vati und für sich selber dazu. Während die Verkäuferin die «Zwänzgerstückli» einpackte, zeigte Walti auf zwei Blechtafeln an der Wand oben: «Was steht da geschrieben?» Die schwarzen Lettern auf weissem Hintergrund hatte ich schon oft entziffert: «Altes Brot ist nicht hart, aber kein Brot ist hart.» Jetzt las ich halblaut die goldenen Buchstaben auf der roten Tafel: «Nestlé­ Chocolat». «Du hast richtig gelesen», meinte Frau Kohler, «seit kurzem verkaufen wir erstmals wieder Schokoladetafeln.» Bald gehörten die roten, schwarzen, blauen und lilafarbenen Schokoladen zum gewohnten Angebot im Laden. Auch in unserer Familie lag immer eine Tafel in der Küchenschublade. Das Beste dabei war für mich nicht nur die Schokolade, sondern das farbige Bildchen, welches in jeder Schokoladetafel versteckt war. Walti und ich sammelten die «Schoggi-Bildli» selber und in der ganzen Nachbarschaft leidenschaftlich, bis wir genug zum Einkleben ins Sammleralbum «Nestlé­-Peter-­Cailler-­Kohler»­ hatten.

Ich setzte mich mit meinem mir liebsten Album, «N.P.C.K. erzählt» auf den Boden. Lange schaute ich das Bild auf dem Buchdeckel an. In einem Rahmen mit farbigen Blumen sassen eine Prinzessin mit wallendem weissen Kleid und ihr Prinz auf einem Thron, den eine lachende Schnecke mit grossen Augen und Fühlern trug. Mit Geige und Trompeten musizierende Feen begleiteten das Gefährt. Kleine Käfer mit farbigen Flügeln zollten Beifall. Ich öffnete das Buch und ergötzte mich an mehreren farbigen Märchenbildern auf jeder Seite. Schon bald las ich die Geschichten dazu selber, immer und immer wieder. Der Höhepunkt waren die beiden Seiten mit dem Märchen von Zwergen mit roten Zipfelmützen. Ein Zwerg schnitt mit einem Messer eine frisch gepflückte Erdbeere entzwei. Die Beere war viel grösser als der kleine Zwerg. Beim Betrachten dieses Bildchens bekam ich jedesmal grosse Lust auf Erdbeeren. Erdbeeren gab es bei uns aber jeweils nur im Sommer am Waldrand auf der Südseite des Sonnenbergs. Und das nur während kurzer Zeit.

Spinat und Geschrei
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3.8.  Vom Durchschlupf bis zum Geschrei mit Absicht 1943-1944 – Spinat und Geschrei.

Es war Sonntag. Am Morgen pilgerten Walti und ich mit Vati an die Reuss zum Café Brugger. Zuhause bereitete Mami das sonntägliche Mittagessen vor. Im Café bestellte Vati vier Pastetli. Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Ich liebte die „Brugger-Pastetli“. Sie standen egelmässig an Sonntagen auf unserem Speisezettel. Im knusprigen Gehäuse war eine runde Kugel aus Fleisch versteckt. Immer ass ich zuerst das Pastetenhaus und sparte die Fleischkugel als krönender Abschluss bis zuletzt auf.

Zuhause rief uns Mami bald zu Tische. Wir kletterten auf unsere Stühle. Vati schob jedem ein im Backofen aufgewärmtes Pastetli auf den Teller und Mami schöpfte das Gemüse dazu. Meine Enttäuschung war gross: Statt wie üblich Zuckererbsli mit Rüebli gab es heute zu den Pastetli Spinat. Ich ass das Pastetli mit der feinen Füllung auf. Der Spinat aber widerstand mir dermassen, dass ich mir einfach nicht vorstellen konnte, ihn aufzugabeln, zu zerkauen und hinunterzuschlucken. «Ich habe genug, ich mag nichts mehr essen.» Meine Eltern glaubten mir kein Wort. «Iss deinen Spinat auf. Er ist gesund und gibt gutes Blut!» Klar, Spinat schmeckte nach Blut! «Den Spinat kann ich nicht essen!» rief ich panisch und wollte den Familientisch verlassen. Mami sah mich streng an und befahl mir, das gesunde Gemüse aufzuessen. «Bevor dein Teller leer ist, gehst du nicht vom Tisch!» Hilfesuchend schaute ich Vati an, aber er nickte bestätigend. So blieb mir nichts anderes übrig, als viele kleine Portionen des verpönten grünen Breis in den Mund zu schieben. Hinunter schlucken aber konnte ich sie nicht. Mit dem Spinat im Mund sass ich immer noch allein im Esszimmer bis es mir zu viel wurde. Ich spuckte den Spinat in weitem Bogen über den Tisch aus und fing an zu heulen. Mami kam, packte mich und stellte mich erst im kleinen Badezimmer wieder ab. Sie ging hinaus und schloss die Türe mit dem Schlüssel hinter sich ab. Ich schrie aus Leibeskräften drauflos und stampfte wie wild auf den Boden: «Du blöde, blöde Kuh. Ich gehe fort, für immer!» Ich steigerte mich mehr und mehr mit meinem Gebrüll und Gestampfe hinein bis ich heiser wurde. Plötzlich stürmte Mami ins Badezimmer und knallte das offene Fenster zu. «Hör sofort auf, was denken nur die Nachbarn!» Sie ging wieder hinaus und schloss ab. Mit Ausdauer schrie und brüllte ich noch lauter, trat die Badewanne und schlug um mich. Das wirkte. Die Türe wurde erneut geöffnet und ich freigelassen. Wie war ich jetzt erleichtert: Der Spinat war weg und mein Geschrei brachte mir meine Freiheit zurück.


(1) Esszimmer und Balkon, Taubenhausstrasse

Esszimmer und Balkon, Taubenhausstrasse

 

«Donder weder, doder weder!»
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4.1.  Von der Feuersbrunst bis zu Herrn Röntgens Wunderstrahlen 1944-1945 – «Donder weder, doder weder!».

Die Sonne schien. Walti und ich waren mit Vati auf unserem Balkon an der Taubenhausstrasse. Wir beobachteten Herrn Bucher, der reife Brombeeren in seinem grossen Beerengarten unten erntete. Jetzt hörten wir ein Brummen, das immer näher kam. Hinter dem Kirchturm der Pauluskirche tauchte ein Flugzeug auf, drehte sich und verschwand wieder. Mein kleiner Bruder hopste von einem Fuss auf den andern und rief aufgeregt: «Donder weder, doder weder!» Die Sprache des gut Zweijährigen brachte uns zum Lachen. Vati erklärte, dass das Flugzeug wieder komme und wieder gehe, weil es auf der Allmend gestartet sei und am Schluss wieder dort lande. Und wirklich erschien der kleine Brummer am Himmel erneut. Gebannt beobachteten wir, wie das Flugzeug seine Runden drehte.

«Fugi um, Fugi um!» rief der kleine Walti und drehte sich auf dem Balkon als Flugzeug im Kreis herum. Ich streckte meine Arme als Flügel aus und drehte mich auch bis mir schwindlig wurde. Wir lachten und glucksten. «Was ist das, schaut her, was ist denn das?» Vati schaute besorgt. Wir blieben neben ihm stehen und sahen eine grosse, graue Rauchsäule zwischen der Kirche und dem Lindengarten aufsteigen. Vati drehte sich um, rief in die Wohnung hinein: «Eri, komm schnell, es brennt!» Mami erschien unter der Balkontüre und die ganze Familie schaute gebannt auf die schnell grösser werdende Rauchwolke. Jetzt hörte ich auch ein schauerliches Zischen. «Die Scheune vom Pferdehändler Kaufmann am Paulusplatz brennt, oje, oje ... die armen Pferde!» rief Mami. Kaum hörte ich «die armen Pferde» tauchte ich in eine Angstwolke und fing an zu schreien. Damit steckte ich meinen Bruder an. Unsere Eltern zogen uns schnell ins Wohnzimmer hinein und sprachen beruhigend auf uns ein. Vati erzählte Mami von Waltis Babysprache auf dem Balkon, was bewirkte, dass Walti sofort wieder mit seinem «Donder weder, doder weder» anfing, immer lauter, bis die ganze Familie fast nicht mehr mit Lachen aufhören konnte.



(1) Walterli

Walterli

 

Die Zahnfrau und böse Zahnteufelchen
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4.2.  Von der Feuersbrunst bis zu Herrn Röntgens Wunderstrahlen 1944-1945 – Die Zahnfrau und böse Zahnteufelchen.
«Die Zahnfrau kommt, steht alle auf!» befahl Fräulein Dové unserer Schulklasse. Herein kam die Zahnfrau mit einer riesengrossen Kartonschachtel und einer langen weissen Rolle unter dem Arm. Gespannt schaute ich zu, wie die Frau die Rolle an einer Schnur über die schwarze Wandtafel hängte und ausrollte. Auf der grossen Bildtafel kletterten viele kleine schwarze Teufelchen mit Hörnern und langen Schwänzen auf abgebildeten Zähnen herum. Die Zahnfrau erklärte uns ein Bild nach dem anderen und erzählte von Löchern in den Zähnen. Ich hörte nicht recht zu. Ich reimte mir meine eigene Geschichte mit den Zahnteufeln zusammen. Die Bösewichte hatten einen Bohrer wie die Strassenarbeiter und bohrten die Zähne an. Sie lachten hinterlistig und böse, versteckten sich hinter einem Zahn und kamen plötzlich wieder hervor gesaust. Aber ich war schneller. «Wartet nur, blöde Zahnteufel, euch erwische ich!» Jetzt klopfte die Zahnfrau mit einem langen Stab auf einen durchlöcherten Zahn auf dem Bild. «Das passiert, wenn ihr eure Zähne nicht jeden Tag putzt! Der Zahnarzt bohrt eure Löcher aus und füllt sie mit einer silbrigen Masse auf. Das tut sehr fest weh.» Was die Frau erzählte, stimmt nicht, dachte ich. Ich hatte nämlich drei kleine Löcher in meinen Zähnen. Meine Tante Marili, die Zahnärztin, hatte sie mit ihrer ratternden Bohrmaschine mit den vielen kleinen Rädchen geflickt. Das tat nicht weh, kitzelte nur ein wenig. Sprecht mir nach, befahl die Zahnfrau jetzt: «Ich putze jeden Abend meine Zähne!» So laut wir konnten, riefen wir 48 Mädchen: «Ich putze jeden Abend meine Zähne!» Die Zahnfrau öffnete die grosse Schachtel und rief uns nach vorne zum Tisch. Sie packte kleine runde Dosen aus. Sofort gefielen mir die feuerrot glänzenden am besten. Wir durften alle einen farbigen Behälter mit an unseren Platz nehmen. Ich ergatterte einen roten. Die Zahnfrau und unsere Lehrerin teilten uns eine zur Dose passende Zahnbürste aus. Wir durften den Deckel der Dose wegnehmen und die Zahnfrau zeigte uns, wie man die Bürste ins Zahnpulver tauchte, damit schnell in den Mund fuhr und die Zähne bürstete. Das Pulver fühlte sich rau an und schmeckte nach nichts. Es störte mich, dass wir es nach dem Putzen hinunterzuschlucken mussten. Die Freude an der feuerroten Dose und der roten Zahnbürste überwog aber alles. Mit Beidem rannte ich schnell nach Hause, um Mami diese Wunderdinge zu zeigen.
Erste Begegnung mit Feder und Tinte
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4.3.  Von der Feuersbrunst bis zu Herrn Röntgens Wunderstrahlen 1944-1945 – Erste Begegnung mit Feder und Tinte.

Kurz nachdem die Schule begonnen hatte, erkrankte ich an den Masern und musste zu Hause bleiben. Als ich wieder gesund war, sass ich noch sehr müde und ziemlich lustlos an meinem schräg gestellten Schulpult aus massivem Holz. Ich betrachtete alle Spuren, Kleckse und Kratzer, welche die vielen Kinder, die schon vor mir an diesem Pult sassen, hinterlassen hatten.

Auf Geheiss der Lehrerin klappten alle Schülerinnen den Holzdeckel des Pultes hoch und fischten ein Heft mit blauem Umschlag und weissen Seiten mit schwarzen Linien heraus. «Legt das Heft vor euch hin und öffnet es dort, wo wir letztes Mal mit Schreiben aufgehört haben!» Ich öffnete mein neues Heft. Alle Seiten waren leer. «Jetzt nehmt den Federhalter, tunkt die Feder nicht zu tief ins Tintenfässchen auf eurem Pult ein und schreibt sorgfältig eine Linie mit dem Buchstaben L», befahl die Lehrerin. Ich tauche die Feder mit zitternder Hand ins Tintenfass und brachte sie langsam über das aufgeschlagene Schreibheft. Ich kannte schon alle Buchstaben. Ich hatte sie mir schon im Kindergarten selber beigebracht. Einen kurzen Moment lang hörte ich den Kratzgeräuschen der Federn der Mitschülerinnen zu. Ich setzte die Federspitze aufs Papier, stellte mir ein L vor und zog die Feder von oben nach unten. Welche Freude, jetzt durfte auch ich mit Tinte und Feder schreiben! Nun galt es, an den Strich des Buchstabens unten einen kürzeren anzubringen. Ich bemühte mich, den untersten Punkt der Linie zu treffen. Das gelang mir und ich zog einen Strich von links nach rechts. Ich gab aber zu viel Druck und stach mit der spitzen Feder ein Loch ins Papier, bevor der zweite Strich des L fertig war. Vor Schreck liess ich den Federhalter fallen. Fast die ganze schneeweisse Heftseite war mit Tinte verkleckert. Ich wusste nicht, wie mir geschah. Ich war enttäuscht und dann traurig, die Freude am Schreiben mit Feder und Tinte war dahin.

Nähnadel im Finger
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4.4.  Von der Feuersbrunst bis zu Herrn Röntgens Wunderstrahlen 1944-1945 – Nähnadel im Finger.


(1) Grosseltern Wickart mit den Enkelkindern
Grosseltern Wickart mit den Enkelkindern

«Grossmuetti, bitte erzähle von früher!» Grossmuetti setzte sich neben mich aufs Sofa und begann: «Ich war das zweitälteste von acht Kindern und wäre so gerne Lehrerin geworden. Das ging nicht, weil das Geld dafür fehlte. Ich lernte Damenschneiderin.» Diese Geschichte kannte ich gut. Ich unterbrach Grossmuetti und bat sie, dort weiterzufahren, als sie vom Welschland zurückkam, Grossvati heiratete und vornehme Damen zu ihr kamen, um schöne Kleider schneidern zu lassen. Grossmuetti zeigte stolz auf den kleinen Tisch mit der Nähmaschine. «Wir sparten Geld und kauften für mich diese Nähmaschine.» Silberne Lettern leuchteten auf der schwarz glänzenden Maschine. Wenn Grossmuetti davor sass und mit den Füssen das breite Pedal unter dem Tisch trat, bewegte sich die Handkurbel oben auf magische Weise mit. Die Nähmaschine fesselte mich immer wieder. Ich fing an zu zappeln und bettelte: «Grossmuetti, darf ich bitte mit der Maschine nähen?» Grossmuetti setzte sich auf den Stuhl vor der Maschine und nahm mich auf ihren Schoss. Sie zog ein kleines Stück Stoff aus einer Schublade am Tisch heraus und legte es unter den Nähfuss mit dem Faden. Mit der Hand brachte sie die Handkurbel in Schwung und begann mit den Füssen zu treten. Die Maschine klopfte und rasselte. Die Nähnadel glitt über den Stoff. «Ich will selber nähen, bitte, bitte!» Grossmuetti zeigte mir, wie ich der Handkurbel einen Stoss versetzen musste und wie man das Stoffstück mit beiden Händen in gebührendem Abstand zur Nadel langsam nach hinten schob. «Das Treten übernehme ich», sagte sie. Schon ging es los, aber nicht für lange. Plötzlich spürte ich einen heftigen Schmerz. Die Nadel steckte in meinem Fingernagel fest. Ich schrie wie am Spiess. Noch lauter als ich schrie Grossmuetti: «Ruhig, ruhig, halte deine Hand ganz still!» Sie drehte die Nadel mit der Handkurbel zurück und mein Finger war befreit. Übrig blieben ein blutendes kleines Loch im Fingernagel und der grosse Schrecken von Grossmutter und Enkelin. Als Grossmuetti mich wieder beruhigt hatte, betupfte sie meinen Fingernagel mit Jod und legte ein Pflaster um meinen Finger. Sie zog mich aufs Sofa und erzählte mir das Märchen von Aschenbrödel. Dabei vergass ich Schrecken und Schmerz. Es gab nichts Schöneres, als Grossmuettis Geschichten zu hören!

Wundersamer Guckkasten
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4.5.  Von der Feuersbrunst bis zu Herrn Röntgens Wunderstrahlen 1944-1945 – Wundersamer Guckkasten.


(1) Brigittli und Walterli auf dem Sonnenberg
Brigittli und Walterli auf dem Sonnenberg

Es war Frühsommer und warm. Wir machten einen Spaziergang auf den Sonnenberg. Auf den Wiesen tollten mein Bruder und ich herum wie junge Ziegen. Wir kamen zu einer schönen Blumenwiese und pflückten rote, weisse und blaue Blumen. Wir gaben den Strauss in Mamis Obhut.

Beim hinunter Gehen auf dem steilen Weg im Gigeliwald klagte ich über schmerzende Zehen. «Zu Hause schauen wir, ob dir deine Schuhe zu klein geworden sind», versprach Mami. Und wirklich stellte sich heraus, dass uns unsere Schuhe zu klein geworden waren. Am nächsten Tag durften wir mit Mami in den Schuhladen. Wir waren voller Vorfreude auf die neuen Schuhe. Ein Schuhkauf war jedes Jahr eine aufregende Sache.

Im Geschäft setzte sich die Schuhverkäuferin vor mich auf einen kleinen Schemel, zog mir die Schuhe aus und sagte, sie hole neue Schuhe. Bald kam sie mit dunkelbraunen Lederschuhen in zwei verschiedenen Grössen zurück. Diese Schuhe gefielen mir auf Anhieb. Ich hob einen auf und roch daran. Wunderbar, dieser Geruch des Leders! Während einer kurzen Diskussion der Schuhverkäuferin mit meiner Mutter, sah ich mich mit diesen glänzenden Schuhen in die Schule stolzieren und auf dem Pausenplatz herumrennen. Die Verkäuferin schob meine Füsse in die neuen Schuhe. «Die tun mir weh!» reklamierte ich. Die Verkäuferin versprach mir, dass die Schuhe nach ein paar Schritten bald nicht mehr schmerzen würden. Jetzt wollte mein Bruder auch neue Schuhe anprobieren. Mami sagte, er müsse noch warten, dürfe aber zum Schuh-­Durchleuchtungsapparat mitkommen, wo man die Füsse von innen ansehen könne.

So gingen wir alle zu diesem wundersamen Kasten aus Holz. Ich durfte auf einen Treppenabsatz stehen und einen Fuss in die Öffnung dahinter schieben. Aus dem Kasten ragten oben drei verschieden lange, ovale, schwarze Rohre heraus. Ich zog mich hoch und guckte durchs niedrigste Rohr, durch eines schaute die Verkäuferin und durchs dritte spähte Mami mit Walti auf dem Arm. Die Verkäuferin zog an einem Hebel und ein grünlich­-weisses Licht ging an. Ich sah meinen Fuss und alle Fussknöchelchen. «Bewege deine Zehen!» befahl die Frau und stellte in Übereinstimmung mit Mami fest, dass diese Schuhe eine Nummer zu klein für mich waren. Ich bekam die grösseren. Jetzt war Walti an der Reihe. Ich hatte die neuen Schuhe an den Füssen und durfte zu meiner grossen Freude meine Füsse immer wieder in den Guckkasten stecken und zusehen, wie meine Zehen sich bewegten. Wie spannend war der Schuhkauf!

Am Tisch beim Abendessen erzählten wir Vati von den neuen Schuhen und vom Guckkasten. Vati war eben dabei, für Walti eine Schnitte vom Luzerner Sauerteigbrot abzuschneiden, als er anfing, uns begeistert über die Erfindung von Herrn Röntgen mit seinen Wunderstrahlen zu unterweisen. Der Elektroingenieur­Vater erzählte anschliessend ausführlich von einem Mann, der mit diesen Strahlen die «Schuhguck­maschine» erfunden hatte. «Vati, wann schneidest du mir endlich Brot ab?» rief mein Bruder ungeduldig und so wurde die Belehrung von der Erfindung und Erbauung des wundersamen Guckkastens beendet. Mami bestrich das fein duftende Brot mit Butter und unser Abendessen ging weiter.

Blauer Ball mit gelben Punkten
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5.1.  Vom blauen Ball mit gelben Punkten bis zur fremd gewordenen Grossmutter 1945-1946 – Blauer Ball mit gelben Punkten.

Am Ende des ersten Schuljahres bekam ich im Frühling mein Schulzeugnis. Ich war überaus stolz und freute mich über das rosafarbene Büchlein. Ich blätterte darin und fand unter dem Titel «Primarschule, I. Klasse» lauter Sechser. Die Ziffern – besonders alle derselben Sorte interessierten mich nicht. Wichtig war, dass ich jetzt alt und gross genug war, um ein Zeugnis zu erhalten. Rasch lief ich nach Hause und war erstaunt, dass Mami sich noch fast mehr freute als ich und noch erstaunter, als mich auch Vati mit meinem Zeugnis in seinen Händen am Abend lobte. Mir gefiel es, im Mittelpunkt zu sein und mehr als mein kleiner Bruder am Tisch beachtet zu werden.

Am darauf folgenden Samstag stolzierte ich an Vatis Hand zum Spielwarenladen in der Altstadt. Im Geschäft voller Wunderdinge durfte ich für die guten Noten einen Ball in einem grossen Korb auswählen. Ein eigener Ball, ein lang gehegter Wunsch von mir! Ich musste nicht lange überlegen. Der blaue Ball mit den gelben Punkten gefiel mir auf Anhieb.

Auf dem Heimweg beschloss Vati, noch einen Abstecher zur Flora­-Buchhandlung an der Pilatusstrasse zu machen. Vati schaute ein Buch nach dem anderen an und mir wurde es bald langweilig. Zu meinem Leidwesen begann er noch ein Gespräch mit dem Buchhändler. «Ich will nach Hause, Vati, ich will nach Hause, komm doch jetzt!» Ich wollte sofort mit dem eigenen Ball mit den anderen Kindern unseres Hauses im Hof spielen. Bald darauf verliessen wir zum Glück die Buchhandlung und gingen heim.

Zuhause wollte ich sofort in den Hof hinunter, wo immer ein paar Kinder spielten. Wir schlugen die Bälle an die Hauswand, klatschten einmal, dann zweimal und zählten, wie oft wir unsere Bälle auffangen konnten, bevor sie auf den Boden fielen. Das Zeugnis hatte ich längst vergessen. Der blaue Ball mit den gelben Punkten war lange Zeit mein Lieblingsspielzeug!


(1) Brigittlis Zeugnis, 1947

Brigittlis Zeugnis, 1947

 

Der rumänische Anhänger
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5.2.  Vom blauen Ball mit gelben Punkten bis zur fremd gewordenen Grossmutter 1945-1946 – Der rumänische Anhänger .



(1) Brigittli in der rumänischen Tracht

Brigittli in der rumänischen Tracht

Seit Tagen freute ich mich auf die Fasnacht. Meine Eltern kannten Leute aus Rumänien. «Rumänien», dieses Wort gefiel mir. Ich konnte mir nichts darunter vorstellen, drehte aber das Wort in meinem Mund nach allen Seiten um und sprach es hoch und tief aus. Ich durfte an der Fasnacht eine rumänische Tracht tragen, welche uns die fremdländische Familie auslieh. Ich fühlte mich unheimlich stolz in der weissen, farbig bestickten Bluse, der roten ärmellosen Weste und dem langen Rock. Dazu trug ich ein schwarz­rotes Kopftuch. Als krönender Abschluss hängte mir Mami den rumänischen Anhänger um. So fein wie ein Scherenschnitt war das Kreuz an der Kette gearbeitet.

Mit Mami und Walti als Indianer zog ich zwischen vielen anderen fasnächtlich verkleideten Gestalten durch die Strassen. Als stolze Rumänin schaute ich am Strassenrand dem Fasnachtsumzug zu und versuchte um die Wette mit anderen Kindern eine Orange vom Narren auf dem «Fritschiwagen» aufzufangen. Nach dem Umzug sprangen wir Kinder übermütig herum, aber bald schon spürte ich meine kalten Füsse in den unbequemen hohen Schnürschuhen mit den genagelten Holzsohlen. Ich bemitleidete mich und jammerte Mami vor. Walti tat es mir sofort nach. «So so, das ‹Kuhnageln› habt ihr», meinte Mami. «Wir gehen nach Hause und wärmen uns auf.»

Zuhause zogen wir die Schuhe aus. In der warmen Stube begannen die Füsse zu kribbeln. Das mir vertraute, schmerzende «Kuhnageln» begann erst recht. Wir lungerten greinend auf dem Sofa herum. Mami ging in die Küche und machte uns etwas Warmes zum Trinken. «Brigit, wir müssen dein Kostüm ausziehen, bevor du trinkst und es womöglich verkleckerst!» Ich protestierte, ich wollte eine Rumänin bleiben. Aber Mami zog die Weste weg, knöpfte die weisse Bluse über meinem dicken Pullover auf, zog sie mir über den Kopf und streifte den Rock ab. Plötzlich hielt sie inne und starrte mich an: «Wo ist der Schmuck, um Gottes Willen, wo ist der Anhänger?» Die Kette blieb verschwunden. Wir suchten im Wohnzimmer, im Gang und im Treppenhaus. «Das kann nicht sein, du hast den kostbaren rumänischen Schmuck verloren. Er war einzigartig, so kunstvoll gefertigt», rief Mami. «Was machen wir jetzt, wie sage ich es unseren Bekannten! Was wird Vati sagen, wenn er das hört!» Ich fand das Kostüm auch ohne den Anhänger noch genau so schön und verstand Mamis Aufregung nicht. Aber je mehr Mami von Unglück, Peinlichkeit und Katastrophe sprach, umso schuldiger fühlte ich mich. Der Indianer Walti begann laut zu weinen.

Am liebsten hätte ich mich unter dem Sofa verkrochen, stand aber wie versteinert davor. Ich spürte deutlich, dass ich für den Verlust des Schmuckes nichts konnte. Trotzdem wuchs ein unangenehmer Klumpen in meinem Bauch zusehends. Ich wusste mir nicht zu helfen, weinte und schluchzte im Duett mit dem Indianer. Das setzte dem Geschimpfe von Mami endlich ein Ende. Der verheissungsvolle Fasnachtstag endete unglücklich. – Der rumänische Anhänger war und blieb unauffindbar.

„Buon giorno, arrivederci“
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5.3.  Vom blauen Ball mit gelben Punkten bis zur fremd gewordenen Grossmutter 1945-1946 – „Buon giorno, arrivederci“.

Vor Ostern reisten Grossmuetti und Mami mit uns Kindern in die Ferien. «Im Tessin sprechen die Leute alle italienisch», sagte Mami. Statt „grüezi“ würden die Leute „buon giorno“ und statt „adieu“ „arrivederci“ sagen. In der Eisenbahn übten wir diese in meinen Ohren lustig und wohlklingenden Wörter fleissig.

Wir wohnten in Montagnola in zwei Zimmern in einer Pension. Vor dem Ferienhaus war ein grosser Vorplatz. Für uns Kinder war das ein wunderschöner Spielplatz. In einem geflochtenen kleinen Stubenwagen sass eine Puppe mit langen schwarzen Zöpfen. Es gab auch einen Puppenwagen für Spaziergänge mit den Puppenkindern. Walti füllte einen kleinen hölzernen Wagen mit Kieselsteinen und transportierte sie von einem Ort zum anderen. Die grossen Leute lagen in Liegestühlen, redeten oder lasen.



(1) Terrasse der Pension in Montagnola

Terrasse der Pension in Montagnola

Jeden Tag machten wir einen Spaziergang. «Schaut, das sind Weinstöcke», sagte Mami. Sicher nicht, dachte ich. Einmal mehr wollte mir Mami einen Bären aufbinden! Ich bin doch nicht blöd, dachte ich: Ich weiss, dass Wein in Flaschen ist und nicht an Stöcken. «Bäh, bäh, bäh!» rief ich. «Sei nicht immer so frech!» befahl Mami. Ich wurde wütend und trottete schmollend hinter den anderen her.

Zurück bei der Pension hörte ich auf dem Weg eine Frau in einer Sprache sprechen, die ich nicht verstand. Das war wohl Italienisch! Ich sah eine Grossmutter in einem langen schwarzen Rock und mit einem schwarzen Kopftuch. Am Rücken trug sie einen grossen Korb voller dünner Baumäste. Sie hatte einen Wanderstab in der einen Hand, an der anderen ging ein Mädchen mit einer grossen, weissen Haarschleife. «Buon giorno, arrivederci, buon giorno, arrivederci», krähte ich. Die Grossmutter und das Mädchen lachten. Mami und Grossmuetti kamen herbei und schon bald sprachen die drei Frauen halb italienisch, halb deutsch zusammen.


(2) Walterli und Brigittli mit der Tessiner Nonna in Montagnola

Walterli und Brigittli mit der Tessiner Nonna in Montagnola

«Heute müsst ihr rechtzeitig ins Bett, morgen ist Ostern», sagte Mami nach dem Nachtessen.

Auf dem Tisch beim Morgenessen fanden Walti und ich zwei Körbchen mit einem Schokolade­ Osterhasen darin. Die Osterhasen sassen auf einem Moosbett. Welche Freude! Wir durften die Osternester mit auf unser Zimmer nehmen. Später gingen wir ins Dorf. Gebannt schauten wir zu, wie sich im Kirchturm oben ein Rad mit einer Glocke daran drehte und Töne von sich gab. Das Geläute stimmte mich wehmütig: «Ich will weiter gehen!» Wir machten einen Osterspaziergang, pflückten Blumen und schöne Gräser, sahen Schafe und Ziegen – der Ostertag verging im Nu. Abends brachte Mami uns müde Kinder ins Bett, löschte das Licht und verschwand. Ich zischte: «Walti, die Osterhasen!» Wir grabschten nach unseren Osternestern, rissen das Cellophanpapier von den süssen Hasen und bissen genüsslich die langen Schokolade­ Ohren ab. Wir schmatzen und assen, bis nichts mehr von den Osterhasen übrig war und schliefen sofort ein.

Ich erwachte. Es war mir sterbeübel. Und schon erbrach ich den ganzen Schokoladehasen und mehr über die Bettdecke. Mein Bruder erwachte und jammerte: «Uhh, das stinkt» und übergab sich ebenso. «Mami, Mami», riefen wir aus Leibeskräften. Mami und Grossmuetti kamen in ihren Nachthemden und waren entsetzt, als sie die Bescherung sahen. Sie öffneten die Fenster und riefen nach der Besitzerin der Pension. Diese rauschte mit Wasserkessel und Lappen an. Während Walti und ich schlotternd unter einer Wolldecke in einer Ecke sassen, putzten alle Frauen wie wild unser Zimmer. Die Betten wurden frisch bezogen. Nach einer gefühlten Ewigkeit durften wir wieder unter die Decken schlüpfen und unsere Verdauungsprobleme der Schokolade­-Osterhasen und ihre Folgen ausschlafen.

Der reformierte Blumenkranz
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5.4.  Vom blauen Ball mit gelben Punkten bis zur fremd gewordenen Grossmutter 1945-1946 – Der reformierte Blumenkranz .

Schlüsselblumen blühten in den Gärten. Wir Kinder konnten wieder draussen spielen. In der Schule drehte sich kurz vor den Osterferien fast alles um etwas für mich Geheimnisvolles, den «Weissen Sonntag». Die Mädchen in meiner Klasse redeten voller Vorfreude über ihre weissen Röcke und die weissen Blumenkränze im Haar. Ich hatte weder Kleid noch Kranz und fühlte mich ausgeschlossen. Zuhause beklagte ich mich darüber. Mami erklärte mir, dass alle katholischen Kinder ein Fest feiern würden, dass wir als protestantische Familie aber diesen Brauch nicht kannten. Das fand ich völlig ungerecht. «Ich will unbedingt auch ein Kränzchen mit weissen Blumen!» Tagtäglich bestürmte ich Mami mit diesem Wunsch und abends trug ich ihn Vati vor. Beim Nachtessen klärten mich meine Eltern darüber auf, dass es in Luzern vor allem Katholiken gebe und im Kanton Bern, wo Vati herkomme, vor allem Reformierte. Darum würde ich jede Woche den reformierten Religionsunterricht im Gemeindehaus der Lukaskirche besuchen. Der Unterricht bei Herrn Pfarrer Sturzenegger gefiel mir ausserordentlich gut. Wir hatten eine reich bebilderte Kinderbibel. Oft las ich die Geschichten darin. «Josef und seine Brüder» gefiel mir besonders. Die Geschichte von Abraham, der seinem Sohn auf Geheiss von Gottvater den Hals abschneiden musste und erst im letzten Moment davor zurückgehalten wurde, verabscheute ich. Im Religionsunterricht erzählte uns der Herr Pfarrer nicht nur Geschichten aus der Bibel, jedes Kind hatte auch ein Kirchengesangbuch und die Aufgabe, jede Woche zuhause die Worte eines Liedes auswendig zu lernen. «Lobe den Herren, den mächtigen König der Erde», sangen wir mit dem Herrn Pfarrer aus voller Kehle. Wenn wir aber zur Zeile «Der wie auf Flügeln des Adlers dich sicher geführet» kamen, presste ich meine Lippen zusammen und sang nicht mir. Ich befürchtete, auf den Flügeln eines Adlers auf Nimmerwiedersehen davongetragen zu werden, wie der fliegende Robert mit seinem Schirm im Buch vom Struwwelpeter.

Dass es katholische und reformierte Leute gab, begriff ich jetzt, aber nicht, weshalb ich nicht auch einen weissen Haarkranz haben durfte. Ich liess Mami nicht in Ruhe und brachte sie fast zur Verzweiflung mit Bitten und Betteln um einen Blumenkranz. Schlussendlich nahm sie mich in einen Laden mit und kaufte mir ein Kränzchen mit verschieden farbigen Filzblümchen und grünen Blättchen dazwischen. «So du ‹Stürmi›, jetzt hast du deinen reformierten Blumenkranz!» Ich schwamm im Glück und mochte kaum mehr auf den Weissen Sonntag mit dem Blumenkranz im Haar warten.

Der verflixte Dankesbrief
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5.5.  Vom blauen Ball mit gelben Punkten bis zur fremd gewordenen Grossmutter 1945-1946 – Der verflixte Dankesbrief.

Weihnachten! Unter dem Christbaum mit den brennenden roten Kerzen durften wir unsere Päckli öffnen. Sofort erkannte ich das flache, in Weihnachtspapier eingewickelte Paket. Es war die Schachtel mit 30 Farbstiften, das alljährliche Weihnachtsgeschenk meiner Gotte aus Zürich. Das Papier kam mir bekannt vor. Nach jedem Weihnachtsfest glättete Mami die Geschenkpapiere mit ihren Händen, faltete sie sorgfältig zusammen und versorgte sie in einer Schachtel. Im nächsten Jahr wurden sie wieder hervorgeholt und neue Sachen von unserer Wunschliste damit verpackt.

Schon bevor ich das Geschenk der Gotte ganz geöffnet hatte, war mir der Duft der Holzstifte ganz gegenwärtig. Ich klappte den Deckel der Farbstift-­Schachtel auf und fuhr mit meiner Nasenspitze über die Stifte. Ich zog genüsslich deren Duft ein und war vollkommen glücklich! Jetzt kam ein weiterer Höhepunkt: Ich leerte die Schachtel aus und ordnete die Farbstifte mit Hilfe des Abbildes auf der Blechschachtel neu ein. Ich würde bald wieder am Zeichen­-Wettbewerb des Pestalozzi-Kalenders teilnehmen und wie jedes Jahr mit meiner Farbstift­-Zeichnung einen Preis gewinnen. Und Vati musste wieder und wieder mit einem scharfen Messer meine geliebten Farbstifte nachspitzen.


(1) Gotte Martha Woelber-Hirt an Brigittlis Taufe

Gotte Martha Woelber-Hirt an Brigittlis Taufe

Es gab noch ein Geschenk, das jedes Jahr zuverlässig für mich unter dem Christbaum lag. Vom Grossvater Bart aus Utzenstorf – so hiess er, weil er ein kleines, weisses Bärtchen trug – erhielt ich immer an Weihnachten einen wunderbar glänzenden Fünfliber. Diesen durfte ich durch den Schlitz meines Keramik­Schweinchens schieben. Dummerweise konnte man es nur öffnen, wenn man es mit einem Hammer zerschlug. Das war nicht erlaubt. «Sparen» nannten das meine Eltern.

Nach der Feier rief die alljährliche Pflicht, die Geschenke schriftlich zu verdanken. Mit den neuen Farbstiften war das Briefchen für meine Gotte bald gemalt. «Liebe Gotte! Ich danke dir für die Farbstifte. Viele Grüsse von Brigit». Das war einfach. Jedes Jahr war aber diese Ungewissheit, ob ich im Brief für Grossvater Bart für den «Fünflieber» oder für den «Fünfliber» danken musste. Ich versuchte beides, radierte alles wieder aus, schrieb neu und wusste zuletzt nicht mehr, was richtig war. Es war mir auch nicht klar, ob ich «liber» oder «lieber» Grossvater schreiben musste. Ich holte Mamis Rat. Sie sagte, was zum Grossvater gehöre, schreibe man mit einem «e» und das Geldstück brauche kein «e». Das war mir rätselhaft, tönte doch beides genau gleich beim Lesen. Ich schrieb also: «Lieber Grossvater! Ich danke dir für den Fünfliber.» Ich zeigte Mami den Brief. «Du hast so oft radiert, dass es nicht gut aussieht. Schreibe alles nochmals schöner!» Schmollend setzte ich mich an mein Kindertischchen und brachte mit viel Anstrengung und zu Mamis Befriedigung den verflixten Dankesbrief endlich zu Stande. Ich rannte weg und schrie: «Du dummer, blöder Fünfliber. Ich will dich nicht, überhaupt nicht, nie mehr!» Im nicht zugänglichen Schweinekässeli war der sowieso zu nichts zu gebrauchen. Wie ich ihn hasste!


(2) Grossvater Bart, Mami und Walti, zwei Onkel, Brigittli mit Tante, Cousine und Cousin

Grossvater Bart, Mami und Walti, zwei Onkel, Brigittli mit Tante, Cousine und Cousin

 

Pelikan mit langem Schnabel
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5.6.  Vom blauen Ball mit gelben Punkten bis zur fremd gewordenen Grossmutter 1945-1946 – Pelikan mit langem Schnabel.

Eines Morgens erwachte ich früh. Mir war übel und ich rief jammernd: «Mami, Mami!» Noch schlaftrunken kam Mami an mein Bett, befühlte meine Stirne: «Du bist krank. Heute musst du im Bett bleiben.» Krank im Bett zu sein war meistens eine gute Sache. Der Fiebermesser wurde in meine Achselhöhle geklemmt und nach zehn Minuten las Mami das Resultat ab. War das Fieber hoch, bekam ich feuchte Wickel um die Knöchel, bei Halsweh heisse Zwiebelringe in einem Tuch um den Hals. Hatte ich Durst, bekam ich sofort Tee. War es mir langweilig, erzählte mir Mami eine Geschichte. Krank im Bett durfte ich jeweils die Fotoalben mit den aus farbigem Stoff gepolsterten Buchdeckeln anschauen. Die mit vier Ecken auf braunes Papier geklebten Fotos von Ski­- und Bergtouren meiner Eltern, von uns Kindern beim Baden am See, vom Christbaum oder die Bilder unserer Ausflüge nach Utzenstorf zu den Verwandten kannte ich längst. Trotzdem blätterte ich gerne eine Seite nach der anderen um und prägte mir die Bilder immer wieder neu ein. Am besten gefiel mir am Kranksein, dass ich im Bett Dinge zum Spielen bekam, die ich sonst nicht anrühren durfte.

«Mir ist’s langweilig!» rief ich ein ums andere Mal, bis Mami in der Küche antwortete: «Ich hole eine Überraschung für dich.» Ich hörte sie mit der Nachbarin, Frau Kühne, tuscheln. Bald kam sie mit Familie Kühnes «Anleitungsbuch zum Zeichnen» zurück. Dieses Buch durfte ich bei meinen häufigen Besuchen in der Nachbarwohnung immer wieder anschauen. Welch ein Glück! Ich liebte dieses Buch so sehr. Die Langeweile war weg. Ich schaute die fröhlichen Strichzeichnungen an und blätterte jede Seite sorgfältig um. Auf einer sah ich einen Metzger, der Würste hochhob. Im selben Moment wurde es mir wieder übel und ich fing an zu weinen. «Was ist los?» wollte Mami wissen. «Die Würste im Buch machen, dass es mir übel wird!» Ich konnte das geliebte Buch nicht weiter anschauen. Mami stellte ein Becken aus Emaille neben mein Bett für den Fall, dass ich erbrechen musste. Sie machte sich wieder an die Hausarbeit und nahm das Buch mit.

«Mir ist’s langweilig, mir ist’s so langweilig!» krähte ich bald wieder. Auch Mamis Befehl, einfach ruhig im Bett zu liegen, fruchtete nichts. Ungeduldig schnappte sich Mami das erst beste Ding, an dem sie vorbeikam und brachte es mir ans Bett. Es war ihr Briefbeschwerer, ein glänzender schwarz­weisser Pelikan auf einem kleinen Sockel. Ich drehte und wendete diesen Vogel, strich über seinen Bauch und die Flügel, betastete den spitz zulaufenden Schnabel. Ich setzte mich auf, hielt den Pelikan in meiner Hand und erzählte ihm, dass ich krank sei. Plötzlich fiel der Briefbeschwerer polternd zu Boden. Ich erschrak fürchterlich. Das ungewohnte Geräusch brachte augenblicklich Mami herbei. Sie sah die Bescherung, bückte sich und hob den Pelikan auf. Sein Schnabel war abgebrochen. Mami schrie mich wütend an: «Kannst du nicht besser aufpassen, du weisst doch, dass du den Dingen Sorge tragen sollst!» Ich fühlte mich schrecklich, zog die Bettdecke über meinen Kopf und schluchzte. Ich hörte, wie Mami mit dem zerbrochenen Pelikan wegging und dann wieder zurückkam. Sie zupfte an meiner Bettdecke, schlug sie zurück, strich mir übers Haar und meinte: «Du bist wirklich krank!» Ich wurde wieder froh, weil ich keinen Ärger im Gesicht von Mami mehr entdecken konnte. Ein ungutes Gefühl, wieder einmal absichtslos etwas Dummes angestellt zu haben, blieb aber noch an mir haften, bis ich wieder gesund war und das Bett verlassen konnte.

Kniesocken und der Maiumzug
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5.7.  Vom blauen Ball mit gelben Punkten bis zur fremd gewordenen Grossmutter 1945-1946 – Kniesocken und der Maiumzug.

Es war Frühling und schon recht warm. «Ich möchte Kniestrümpfe anziehen. Alle in der Schule tragen schon Kniestrümpfe», behauptete ich. «Nein, es ist zu früh und zu kühl, du könntest dich erkälten! Ganz sicher trägt noch kein Mädchen Kniestrümpfe!» Kurzentschlossen fischte ich ein Paar handgestrickte Kniesocken aus meiner Kleiderschublade und schob sie in meine Schürzentasche. Ich verliess unsere Wohnung, um in die Schule zu gehen. Schnell hüpfte ich ein paar Treppenstufen hinunter, setzte mich auf die Treppe und zog meine kratzenden Wollstrümpfe und die dazugehörende Strumpfbänder aus. Ich stopfte alles in meine Schultheke und zog die Kniestrümpfe an. Welche Erleichterung war das! Wie angenehm war es, ohne «Gschtältli» mit den Strumpfbändern und den dicken Strümpfen draussen an der Sonne zu gehen! Ein wunderbares Gefühl!

Nach der Schule zwängte ich mich im Treppenhaus wieder ins «Gschtältli», klammerte die Strümpfe daran und legte die Kniesocken in der Wohnung rasch in meine Schublade zurück. Diese heimliche Prozedur musste ich noch einige Tage lang durchführen, bis Mami endlich fand, es sei warm genug für Kniesocken.

Mit Walti und Mami war ich auf dem Balkon und schaute zum Lindengarten hinunter. Die hellgrünen Blätter der Lindenbäume waren schon hervorgekommen. Das war die Zeit, wo wir Kinder in unserem Haus wieder draussen zusammen spielen konnten. «Achtung, der Umzug kommt», rief Mami. Wir hörten eine rassige Musik, dazwischen Trommelwirbel. Bald kamen die Musikanten in dunkelblauen Uniformen in unser Blickfeld. Hinter ihnen marschierten viele Männer am Lindengarten vorbei, schwenkten ihre Hüte und riefen mir Unverständliches. «Das ist der ‹Maiumzug›, diese Leute haben heute frei», klärte uns Mami auf. Ich wollte wissen, weshalb Vati arbeiten müsse und warum er nicht hinter der Musik herziehe. «Es sind Arbeiter. Vati ist Elektro-Ingenieur und arbeitet im Büro in Zug, darum hat er am 1. Mai nicht frei.» Diese Logik verstand ich nicht. «Darf ich jetzt in den Garten zum Spielen gehen?» Ich durfte und vergass Musikanten, Arbeiter und Büroleute sogleich.

Schulmilch
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5.8.  Vom blauen Ball mit gelben Punkten bis zur fremd gewordenen Grossmutter 1945-1946 – Schulmilch.

Während der Rationierung der Nahrungsmittel bekamen alle Schulkinder jeden Tag eine Pausenmilch. Bald würde die Schulglocke zur 10­-Uhr-­Pause schrillen. Ich hoffte, dazu auserwählt zu werden, zusammen mit einer Klassenkameradin einen Harass mit den Milchfläschchen für unsere Klasse zu holen. Ich gab mir Mühe, flink zu arbeiten, alle Rechnungen auf dem Aufgabenblatt zu lösen. Ich verfolgte aufmerksam und still den Unterricht, was mir nicht leicht fiel. So konnte ich mir vielleicht das Privileg der Milchträgerin einhandeln.

Es funktionierte wirklich. Trudi und ich durften das Klassenzimmer vor der 10-Uhr-Pause verlassen und die Klassen­-Milch holen. Auf der Treppe vom Keller wieder hinauf war es schwierig, das Gleichgewicht zu halten. Wir kamen aber wohlbehalten in unserem Schulzimmer im dritten Stock oben an. Im selben Moment wurde zur Pause geläutet. Wir platzierten den Harass auf einem dafür vorgesehenen Stuhl neben dem Pult der Lehrerin. Fräulein Müller forderte alle Kinder auf, hintereinander und ohne zu sprechen zur Milchausgabe zu kommen. Sie gab jedem Kind ein Milchfläschchen. Ich war stolz, jeder vorbei kommenden Kameradin einen Trinkhalm aus einer Schachtel in die Hand zu drücken. So ausgerüstet gingen alle Mädchen zurück an ihren Platz, um die Milch zu trinken. Jetzt durften auch Trudi und ich ein Milchfläschchen und ein Röhrchen nehmen und damit an unser Pult gehen. Bis alle 48 Mädchen ihre Milch abgeholt hatten, war Trudis und meine Milch natürlich ziemlich abgekühlt.

Ich war stolz darauf, den Harass zu holen und die Trinkhalme zu verteilen. Aber die lauwarme Milch auszutrinken kostete einige Überwindung. Ich beschwerte mich zu Hause und teilte mit, dass ich keine Schulmilch mehr wolle, zumal ich schon zu Hause jeden Morgen eine Tasse Milch austrinken müsse. Mami erzählte mir anschaulich, wie alle Kinder rund um die Schweiz herum kaum genug zum Essen und Trinken bekämen und oft für ein wenig Milch und ein kleines Stück Brot betteln müssten. Sie sagte, dass ich froh und dankbar sein sollte, jeden Tag Milch und genug zu essen zu haben.

Abends im Bett überlegte ich mir lange, wie die von mir verabscheute lauwarme Schulmilch zu den armen Kindern rund um unser Land geschickt werden könnte: Mit einem Leiterwagen wie die Frauen auf dem Gemüsemarkt einen hatten vielleicht, oder mit einem zweirädrigen Handwagen der Gepäckträger am Bahnhof? Ich fand keine Lösung und schlief ein.

Grossvatis rotes Luftseilbähnchen
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5.9.  Vom blauen Ball mit gelben Punkten bis zur fremd gewordenen Grossmutter 1945-1946 – Grossvatis rotes Luftseilbähnchen .



(1) Grossvati, Mami, Grossmuetti mit Walterli und Brigittli

Grossvati, Mami, Grossmuetti mit Walterli und Brigittli

«Grossvati ist auf der Strasse umgefallen. Er ist krank und muss im Bett bleiben», erzählte uns Mami. Wir besuchten unsere Grosseltern. Während Mami mit Grossmuetti im Wohnzimmer redete, kletterte ich auf Grossvatis Bett herum und kuschelte mich an ihn. Er sprach nicht mit mir. Ich turnte auf Grossmuettis Bett herum. Von den hohen Betten aus äugte ich im Schlafzimmer umher: Da war die Uhr im hölzernen Kasten mit einem Fenster, durch das ich den Pendel hin­ und her schwingen sah. Plötzlich gab sie laute Töne von sich. Ich lauschte andächtig. Dieser Klang verursachte ein Kribbeln in meinem Bauch. An der Wand stand der alte Wellenschrank aus glänzendem Holz. Schaudernd erinnerte ich mich, wie mein kleiner Bruder und ich uns einmal zusammen im Kasten versteckten. Die Türe ging zu und das alte Schloss schnappte ein. Wir konnten nicht mehr aus dem Kasten hinaus. Ich befürchtete, mit Walti zwischen den grosselterlichen Kleidern zu ersticken. Grossmuetti hörte unser Poltern und befreite uns.

Ein paar Tage später war Mami ganz schwarz angezogen. Das war für mich ungewohnt. Ich fühlte mich weit weg von ihr, obwohl sie vor mir stand. Sehr ernst sagte sie: «Gestern ist Grossvati gestorben. Er ist nicht mehr da und kann nicht mehr mit uns reden.» Das beeindruckte mich nicht besonders, denn seit Grossvati im Bett liegen musste, redete er ja schon nicht mehr. Vati kam früher nach Hause. Am späten Nachmittag gingen wir alle an die Sälistrasse. Wieder einmal waren meine Eltern so richtig komisch! Sie befahlen uns, ganz leise zu sein. Grossvati lag mit geschlossenen Augen in seinem Bett in einem weissen Nachthemd, die Hände über seinem Bauch gefaltet. Auf seiner Brust und auf dem Kissen lagen weisse Blumen. «Sälü Grossvati!» rief ich. Die Erwachsenen zischten leise: «Psssst!» Ich verstand überhaupt nicht, was los war. Grüsste ich die Leute nicht artig, wurde ich jedesmal gescholten. Mami flüsterte: «Du darfst Grossvati ganz sorgfältig an den Händen berühren.» Ich legte meine Hand auf Grossvatis Hände und spürte sofort, dass etwas ganz anders war als sonst. Die Hände waren kalt und fühlten sich fremd an. Ich zog meinen Bruder, der an Vatis Hosenbeinen zupfte, hinaus zum grünen Kästchen mit unseren Spielsachen. Wir suchten das hölzerne Karussell mit Pferden und Reitern zum Zusammenstecken heraus. Wir waren immer noch in unser Spiel vertieft, als meine Eltern aus dem Schlafzimmer herauskamen und mitteilten, dass wir nach Hause gingen.

Am Abend im Bett sah ich das Bild vom vertrauten und doch fremden Grossvati mit den kalten Händen und den Blumen um ihn herum vor mir. Leise rief ich: «Grossvati, Grossvati». Er erhob sich, stand neben seinem Bett und war sofort in einer kleinen, leuchtend roten Kabine einer Luftseilbahn. Kurz sah ich Grossvati zufrieden an der Sonne im Bähnchen sitzen. Als es sich in Bewegung setzte, winkte er mir zu und lächelte. Immer schneller glitt das Bähnchen an einem Seil in den blauen Himmel hinauf und verschwand darin. Glücklich und zufrieden schlief ich ein.

Grossmuettis Tränen
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5.10.  Vom blauen Ball mit gelben Punkten bis zur fremd gewordenen Grossmutter 1945-1946 – Grossmuettis Tränen.



(1) Grossvatis 70. Geburtstag. 2. März 1944

Grossvatis 70. Geburtstag. 2. März 1944

Wie gerne ging ich immer zu Grossmuetti! Ich kannte sie nur fröhlich und bei guter Laune. Sie war lieb und freundlich, spielte mit mir und erzählte wunderbare Geschichten. Ich freute mich, nach der Schule zu Grossmuetti zu gehen und den ganzen Nachmittag mit ihr verbringen zu dürfen. Ich drückte beim Hauseingang auf ihre Klingel, die Haustüre ging auf und ich sprang schnell die Treppen hoch. Grossmuetti stand unter der Türe. Wir umarmten uns fest wie immer. Im selben Augenblick fing Grossmuetti an zu weinen. Tränen kollerten über ihr runzeliges Gesicht und sie schluchzte. Ich erschrak und trat zurück. Hatte ich ihr weh getan? Hatte ich etwas Dummes angestellt? In mir stieg eine riesengrosse Traurigkeit auf, wie ich sie bis anhin nicht kannte. Alles schien sich in mir zusammenzuziehen. Ich konnte kaum mehr atmen. «Grossmuetti, was hast du, was hast du denn, warum weinst du?» Sie nahm mich bei der Hand und führte mich ins Wohnzimmer, wo wir beide aufs Sofa sanken. «Wenn nur der Grossvati noch hier wäre, wenn er doch zurückkäme. Jetzt bin ich ganz allein», jammerte sie. Ich hörte Grossmuettis Worte. Meine geliebte Grossmutter wurde mir immer fremder. Ich war wie gelähmt, fühlte mich tieftraurig und bedrückt. Ich spürte Grossmuettis Trauer und Schmerz. Es war kaum zum Aushalten. Ich sass aufgewühlt neben Grossmuetti auf dem Sofa.

Plötzlich sah ich Grossvati vor uns stehen. Grossvati war nicht traurig, ihm ging es gut. Zu Grossmuetti sagte ich: «Grossvati geht es gut. Er ist nicht traurig. Er ist doch einfach nur gestorben.» Grossmuetti sah mich erstaunt an. Jetzt erschien ein schwaches Lächeln auf ihrem Gesicht. Sie trocknete ihre Tränen mit dem Taschentuch weg und putzte sich die Nase. Der Druck und die Traurigkeit in mir liessen ein wenig nach. Ich nahm einen tiefen Atemzug und rief: «Ich möchte das Hütchen-­Spiel machen!» Ich eilte zum Kästchen mit meinen Spielsachen und kam mit dem Spiel zurück. Grossmuetti half mir, das Spielbrett und die Figuren aufzustellen und bald waren wir beide ins Spiel vertieft.

Eine Zeit lang zögerte ich jedesmal, wenn ich vor Grossmuettis Türe stand. Ich wollte auf keinen Fall nochmals ihre Traurigkeit und ihre Tränen miterleben und diese so heftig in mir selber spüren.

Der Geruch der vermoderten Blumen
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5.11.  Vom blauen Ball mit gelben Punkten bis zur fremd gewordenen Grossmutter 1945-1946 – Der Geruch der vermoderten Blumen .

Grossmuetti machte mit mir häufig den langen Spaziergang von der Sälistrasse zum Friedental. Dort rannte ich zwischen den Gräbern herum, sah Kreuze aus Holz, Steinblöcke, weisse Engel und andere Figuren. Überall gab es viele Blumen in allen Farben. Man dürfe nichts anfassen und müsse ruhig sein, erklärte mir Grossmuetti. Vor jedem Grab war ein kleiner Wasserbehälter mit einem winzigen Besen darin. Wenn Grossmuetti nicht hinschaute, tauchte ich den Besen schnell ins Wasser, drehte mich damit um mich selber und verspritzte das Wasser. Dabei musste ich aufpassen, dass ich bei diesem lustigen Spiel nicht erwischt wurde. Wir gingen weiter bis unter das grosse, schneeweisse Gebäude des Krematoriums. Das sei so etwas wie eine Kirche, sagte Grossmuetti. Beim Brunnen am Weg nahmen wir eine Spritzkanne und ein Gefäss mit. Damit gingen wir weiter zu Grossvatis Grab. Grossmuetti stand ganz still davor und ich scharrte mit den Schuhen ungeduldig in den Kieselsteinen. Grossmuetti zog einen Lappen aus ihrer Tasche und drückte ihn mir in die Hand. Damit durfte ich die goldenen Lettern auf der liegenden Steinplatte sauber reiben. Ich putzte «Christian Wickart 1874-1946» bis alles glänzte. Unterdessen hatte Grossmuetti verwelkte Blumen abgezupft und in den kleinen Kübel geworfen. Sie goss die Blumen auf Grossvatis Grab. Sie sagte, sie wolle jetzt mit Grossvati reden, ich solle mit dem Gefäss mit den Blumenabfällen zum Brunnen gehen und die verwelkten Blumen in die dafür vorgesehene Grube werfen. Leider gab es auf den Gräbern beim Krematorium weder Engel noch kleine Besen und Wasser zum Spritzen. Darum war ich bald bei der Grube für die verwelkten Blumen angekommen. Ich leere mein Gefäss aus und stellte es zu den anderen. Ein ungewohnter Geruch stieg mir in die Nase. Immer wieder beugte ich mich über die Grube, schnappte nach frischer Luft hinter mir, drehte mich und schnupperte wieder über der Grube. Dieser Geruch der vermoderten Blumen zog mich unheimlich an und stiess mich gleichzeitig heftig ab. «Wo bleibst du so lange?» Grossmuetti erschreckte mich, als sie mit der leeren Spritzkanne hinter mir auftauchte. Sie stellte alles an ihren Platz zurück. Wir machten uns auf den Heimweg.


(1) Brigittli und Walterli mit Mami und Grosseltern Wickart

Brigittli und Walterli mit Mami und Grosseltern Wickart

 

Der Lippenstift
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6.1.  Von Mamis Geheimnis bis zur glücklichen Wende 1946-1948 – Der Lippenstift.


(1) Mamis Geheimnis - Brigittlis Zwickmühle
Mamis Geheimnis - Brigittlis Zwickmühle

«Wir gehen in die Stadt zum Einkaufen», sagte Mami, «ich mache mich nur noch rasch bereit.» Ich lag bäuchlings am Boden und las in meinem spannenden Buch «Tilla und der Neunerclub». Das Kapitel, in dem die tapfere Tilla mit den Jungs auf Räuberjagd durch den Wald pirscht, war zu Ende. Langsam kam ich von der Geschichte in die Gegenwart zurück. «Mami, Mami, wo bist du?» Keine Antwort! Ich trottete durchs Wohnzimmer und wieder hinaus. Durch die offene Türe sah ich Mami im Badezimmer vor dem Spiegel stehen. Welch ungewohnter Anblick! Mit einem dicken Farbstift malte sie ihre Lippen an. Sie nahm einen Waschlappen, wischte die Farbe wieder weg, seufzte, presste die Lippen fest zusammen und malte sie mit dem geheimnisvollen Stift erneut rot an. Jetzt lächelte sie ihrem Spiegelbild zu. «Mami, was machst du?» Der Malstift fiel zu Boden: «Wie hast du mich erschreckt!» Mami hob den Stift auf und zeigte ihn mir. «Das ist ein Lippenstift. Neuerdings kann man die kaufen», erklärte sie mir. Das leuchtende Rot des Stifts gefiel mir. Ich könnte einen solchen Stift gut zum Malen brauchen, dachte ich. Warum Mami damit nicht auf Papier, sondern auf ihre Lippen malte, verstand ich nicht. Ich schaute ins gewohnte Mami­ Gesicht. Mit den roten Lippen kam es mir zugleich vertraut und doch ganz fremd vor. Mami nahm den Lippenstift wieder zu sich, setzte eine Hülse darauf und hielt ihn in ihrer geschlossenen Hand fest. «Komm mit!» Wir eilten ins Schlafzimmer. Mami öffnete ihre Wäscheschublade und schob den Lippenstift zuhinterst unter ihre Wäsche. Mit einem Ruck schloss sie die Schublade wieder zu. «Du darfst Vati gar nichts vom Lippenstift erzählen! Du kannst doch ein Geheimnis gut für dich behalten, oder?» Ich verstand nicht, weshalb Vati nichts von diesem Stift wissen durfte. Auch er stülpte silbrige Hülsen auf seine Bleistifte, wenn er mit dem Zeichnen seiner Pläne fertig war. Verwirrt nahm ich mir jedoch fest vor, nichts zu verraten. «Wenn wir zurück sind, wische ich die Farbe wieder weg. Komm jetzt, wir gehen in die Stadt!» Ein unangenehmes Gefühl wich nicht mehr von mir: Ich wollte Mami nicht verraten und andererseits keine Geheimnisse vor Vati haben. Ich war in der Zwickmühle und wusste nicht, wie ich wieder herauskommen könnte.

Meine eigene Bibliothek
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6.2.  Von Mamis Geheimnis bis zur glücklichen Wende 1946-1948 – Meine eigene Bibliothek.

Nachdem ich das Lesen so richtig entdeckt hatte, schenkten mir meine Eltern zwei Bücher der Schriftstellerin Elisabeth Müller, «Theresli» und «Christeli». Ich freute mich riesig. Nicht nur meine Eltern hatten im Wohnzimmer eine Bibliothek mit vielen Büchern in einem Bücherschrank, auch ich war jetzt Besitzerin von zwei spannenden Mädchen­Geschichten. Ich las sie mehrmals hintereinander. Zum Geburtstag und an Weihnachten bekam ich immer wieder Bücher. Täglich lag ich bäuchlings am Boden und las. Dabei vergass ich die Welt um mich herum und tauchte ganz in die Geschichten ein. Ungeahnte Welten taten sich mir auf und regten meine Fantasie an.

Als sich schon etliche Kinderbücher in einer Ecke unseres Esszimmers aufgestapelt hatten, beschlossen meine Eltern, dass ich eine eigene Bücherecke bekommen sollte. Mami erzählte mir, wie die Bücher in der Bibliothek, in der sie als junge noch unverheiratete Frau arbeitete, geordnet, eingefasst und beschriftet worden waren. Wir gingen zusammen in eine Papeterie in der Stadt und kauften eine Rolle beigefarbenes Packpapier und Etiketten. Am grossen Esstisch zeigte mir Mami, wie das Packpapier je nach Grösse des Buches richtig zugeschnitten, gefalzt und das Buch damit eingefasst wurde. Sie empfahl, die Bücher nach Autoren zu ordnen. Also schrieb ich mit einem schwarzen Farbstift auf die Etiketten: «Müller Elisabeth, Theresli», «Spyri Johanna, Heidi», «Malot Hector, Heimatlos». Mami und ich arbeiteten einen ganzen Nachmittag lang an meiner Bibliothek bis alle Bücher ordentlich eingefasst und mit Etiketten versehen waren. Am Abend zeigten wir Vati das Resultat. Vati versprach, am Wochenende zwei Bretter unter dem Fenstersims im Esszimmer anzubringen. Eine Woche später konnte ich meine Bibliothek unter dem Fenster einrichten. Ich war unheimlich stolz auf die alphabetisch aufgereihten und schön eingefassten Bücher, meine eigene Bibliothek.

Eine glückliche Wende
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6.3.  Von Mamis Geheimnis bis zur glücklichen Wende 1946-1948 – Eine glückliche Wende.

Als ich etwa zehn Jahre alt war, kamen die ersten, für alle erschwinglichen Grammophon-Platten auf den Markt. Am Familientisch gab es eine längere Diskussion darüber, welche Platte man zuerst für den neu angeschafften Grammophon kaufen sollte. Meine Eltern entschieden sich vorsichtig für eine kleine 17cm­-Schallplatte zum Ausprobieren: «Eine kleine Nachtmusik» von Wolfgang Amadeus Mozart. Die ganze Familie sass gespannt im Wohnzimmer und lauschte andächtig den Tönen, welche die dünne Nadel auf ihrer wundersamen Reise durch die Rillen der Platte hervorbrachte. Jeden Abend und am Sonntag schon am Morgen erklang bei uns zu Hause «Eine kleine Nachtmusik». Bald konnten wir einzelne Passagen wieder erkennen und später dazu summen. Eine kleine Nachmusik zog bei uns ein und gehörte neben den Staubsaugergeräuschen, der Stimme des Nachrichtensprechers von Radio Beromünster und unseren eigenen zu unserem Familienalltag. Wir Kinder bekamen später die Aufgabe, herauszufinden, welches Instrument gerade die Führung hatte. Auf diese Weise lernten wir unmerklich die verschiedenen Tonfärbungen der Musikinstrumente auseinander halten.

Im Esszimmer in unserer Dreizimmerwohnung stand das schwarze Klavier, auf dem Mami aus Freude und Vergnügen spielte und ich mich mit den von meiner Klavierlehrerin verordneten Tonleitern abmühte. Als ein älterer Nachbar in unserem Hause starb, durfte ich eine Woche lang nicht mehr Klavier spielen. Weshalb das so war, begriff ich nicht. «Das macht man einfach so!», bemerkte Mami. Ich war dem Verstorbenen unendlich dankbar für die verordnete Klavierpause. Jede Woche ging ich einmal nach der Schule in die Klavierstunde zu Fräulein Brunner. Ihr Vorname war Antoinette, was ich unheimlich vornehm fand. An der Zähringerstrasse ging ich in ihr Haus hinein und über die quietschenden Holztreppen sechs Stockwerke hinauf in ihre heimelige Wohnung. Während des Aufstiegs im Treppenhaus wurde mir so richtig bewusst, wie langweilig es war, Tonleitern und Etüden zu üben. Ich hasste alle Klaviere. Ich setzte mich auf den Schemel vor dem Klavier, welchen die Lehrerin für mich höher geschraubt hatte und starrte auf die weissen und schwarzen Tasten. Spontan drehte ich mich um: «Ich will nicht mehr Klavier spielen.» Fräulein Brunner schaute mich erstaunt an. Ich erwartete eine Schelte oder mindestens eine Zurechtweisung. «Welche Musik gefällt dir denn? Wie möchtest du am liebsten Musik machen?» Ohne nachzudenken antwortete ich: «Ich möchte ‹Die Kleine Nachtmusik› singen. Ich möchte die Töne lieber aus meinem Hals heraus machen!» «Aha, du möchtest lieber ein Blasinstrument spielen!» Ohne weiteren Kommentar holte Fräulein Brunner eine helle, hölzerne Flöte aus dem Wandschrank heraus und begann darauf zu spielen. Ich war fasziniert und wusste sofort, dass ich Flöte spielen wollte. Die Lehrerin versprach mir, mit meinen Eltern zu sprechen und ihnen vorzuschlagen, dass ich vom Klavier auf die Flöte umsteigen sollte.

Bald erhielt ich eine eigene Blockflöte aus hellem Holz. Ich lernte dieses Instrument bei Fräulein Brunner rasch sehr gut spielen. An kleinen Schulkonzerten spielten eine Klassenkameradin und ich Blockflöte und Cello. Mit der Zeit bekam ich eine grössere tiefer klingende Blockflöte. Sie war schwarz und aus glänzendem Palisanderholz, dessen Geruch ich liebte. Jede Woche brachte mir Antoinette Brunner neue Finessen des Blockflötenspiels bei. Nie verlor ich die Freude daran. Das war eine glückliche Wende in meinem jungen Leben.



(1) Familie König musiziert

Familie König musiziert

 

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