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Von Ljiljana Pospisek
Krokodil im Flieder
Es werden nur Texte von über 10 Seiten publiziert.
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Vollendete Autobiographien: 59
 
Ljiljana Pospisek
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Lattenzaun, Scheinwerfer
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Nimm ICH/ Sputnik- Schock
Vorwort
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  Vorwort

In der Literatur geht es nicht um Prinzipien, sondern um einzelne Menschen. Hier geht es um das Prinzip und nebenbei um einen Menschen.


 

Lindenbaum
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1.  Lindenbaum
 

In der Literatur geht es nicht um Prinzipien, sondern um einzelne Menschen. Hier geht es um das Prinzip und nebenbei um einen Menschen.

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Der Kater hat eine Maus ins Haus gebracht. Durchs Katzentörchen in die Stube. Sie versteckt sich zwischen Zeitungsständer und Klavier. Vor mir auf dem Tisch liegen unzählige Bücher. Von draussen höre ich den Lärm einer Baustelle. In unserer Strasse. Am Morgen noch Sonne, jetzt leicht bewölkt, verhangen. Draussen hängt die Wäsche. Mit welcher Geduld der Kater verharrt.

Kommunikation. Ich kann kommunizieren und dann, wiederum, kann ich nicht kommunizieren. Ich bin einmal hier, einmal dort und oft in Gedanken bei ihm. Die Bücher. Die Lust des Lesens, hier die Lust des Schreibens, dann die Lust des Gelesenwerdens –wie sagt man doch zwei Paar Schuhe? Drei Paar Schuhe? Ein jeder geht in seinen Schuhen. Der Gedanke war, die Idee war, ein Jahr lang in meinen Schuhen zu gehen. In mein dreiundvierzigstes Jahr. Drei Monate habe ich dieses Ziel verfolgt. Jetzt stehe ich an einem Punkt, blätterte zurück, fange nochmals an. Ist dieses Unterfangen aber überhaupt möglich? Ich sehe, ich wollte mich zwingen in der Gegenwart zu bleiben. Die Gegenwart. Das Jetzt. Das Präsens. Bemerke aber, dass die Vergangenheit meine Gegenwart dominiert. Im Jetzt bin ich im Vergangenen. Es ist so: Ich hole aus im Jetzt und lande im Zurück. Als wäre es ein Naturgesetz. Ist es womöglich auch. Ein Reflex?

Im Endeffekt ist eine Biographie eine Collage. Sie beginnt und klafft, eröffnet furchterregende Tiefen. So braucht es mich nicht zu wundern, dass mich ein Schwindel erfasst. Abgründe. Zerklüftungen. Gar eine Verzweiflung und Not überkommen mich. Niemals kann ich mir selbst in die Augen blicken, schauen. Tief in meine Augen sehen. Und doch, so scheint es mir, steht das hier Geschriebene (wieder eine Perfekt-Form) und das Jetzt-Erlebende beide ganz für sich stehend, vielleicht auch haben sie nichts miteinander zu tun. Im Text treten sie aber miteinander in Verbindung.

Ich schreibe das Jahr 1996. Ich stehe am Busbahnhof. Der Busbahnhof in einem kleinen Industriestädtchen. In %u0412%u0435%u043B%u0438%u043A%u0430 %u041F%u043B%u0430%u043D%u0430/ Velika Plana. Staub. Alles, aber auch alles scheint kaputt zu sein. Es stinkt nach Abgas. Die Busse kommen und gehen. Vergilbte Karten an der Chauffeur-Scheibe; die Ortschaften auf Kyrillisch geschrieben.

Ich war damals zwanzig Jahre alt. Eine Zeit, in der ich einen starken Hang zur Romantik und Nostalgie hatte. Das Melancholische zelebrierte ich regelrecht. Das Melancholische entsprach auch der Moll-Dur meiner Herkunft. Everything was in minor. Mit Trauer und Traurigkeit blicke ich zurück. Da ist etwas in mir, das nagt. Es ist vermengt mit Kindheit, Erinnerung, Verlust und schlechtem Gewissen.

Ich kann nicht bestimmten, was ich mir merken und, was ich mir nicht merken will. Mein Gedächtnis hat seinen eigenen Willen. Unser Gedächtnis hat seinen eigenen Willen. Der Teil in unserem Gedächtnis, in dem wir unsere persönlichen Schicksale speichern, ist das autobiographische Gedächtnis. Wie ein Tagebuch, das wir aktivieren, wenn man uns zum Beispiel fragt, was unsere erste Erinnerung ist, oder wie das Haus aussah, in dem wir als Kind lebten. Es ist aber auch ein Buch des Vergessens. Es herrschen eigene Gesetze. Die Ereignisse unseres Lebens, welche wir persönlich als erinnerungswert ansehen, vergessen wir. Andere Ereignisse, wie erfahrene Demütigungen und Verletzungen speichern wir, als wäre es erst gestern geschehen. Wer unter Depressionen oder auch Schlaflosigkeit leidet, weiss, in welcher Art eine schlimme Erinnerung eine andere schlimme Erinnerung hervorruft. Es wird wie ein Netzwerk von dunklen Gedanken aktiviert. Nie sind wir vor Überraschungen von Seiten unseres Gedächtnisses sicher: Plötzlich erinnert uns ein Geruch an etwas, das wir schon lange vergessen haben. Oder das Geschirr bei Freunden zu Besuch erinnert uns plötzlich an die eigene Kindheit, und wir erkennen, dass unser Geschirr diesem ähnlich war.

Die meisten Menschen datieren ihre ersten Erinnerungen irgendwo zwischen ihrem zweiten und vierten Lebensjahr. Natürlich gibt es Ausreisser in beide Richtungen. Es sind Fetzen, unklare Bilder mit Lücken dazwischen. „Wenn ich meine Kindheit erkunde (was nahezu der Erkundung der eigenen Ewigkeit gleichkommt)“, schrieb Nabokov in Erinnerung sprich, „sehe ich das Erwachen des Bewusstseins als eine Reihe vereinzelter Helligkeiten, deren Abstände sich nach und nach verringern, bis lichte Wahrnehmungsblöcke entstehen, die dem Gedächtnis schlüpfrigen Halt bieten.“ Nach Freud, die infantile Amnesie. Der Zeitabschnitt dauert von der Geburt bis zum Alter von sechs, sieben Jahren. (Der Kater hat die Maus aufgegeben. Er sitzt neben mir auf der Bank. Ich fühle mich unterstützt.) Nabokov schreibt, dass seine ersten Erinnerungen und allmähliche Auflösung des Dunkels oder des Entstehens der lichten Wahrnehmungsblöcke, damit zusammenhingen, dass bei ihm sukzessive ein Bewusstsein von Zeit entstand. Zeit! Kindsein und Zeit! Nabokov versucht eine Rekonstruktion dieses Erlebnisses, worin er sich an einen Spaziergang mit seinen Eltern erinnert und an seine Frage nach seinem und dem Alter der Eltern. Die Antwort löste bei ihm die Erkenntnis aus, dass er selbst vier war und seine Eltern genau wie er ein Alter hatten, einen ungeheuer belebenden Schockaus. „In diesem Augenblick wurde mir deutlich bewusst, dass das siebenundzwanzigjährige Wesen in weichem Weiss und Rosa, das meine linke Hand hielt, meine Mutter war, und das dreiundreissige Wesen in hartem Weiss und Gold, das meine Rechte hielt, mein Vater.“ Die Eltern treten erst dann in eine echte Existenz für den Jungen.

Eine berührende Wiedergabe einer Kindheitserfahrung. Sie erweckte in mir selbst eine längst vergessene, verlorene Empfindung. Wobei, ich Zeit mit Distanz verbinde. Die Distanz zeigt die Zeit auf. Von einem Ort A nach einem Ort B zu kommen und sich nicht bewusst zu sein, dass dazwischen vielleicht 160 Kilometer liegen. So, als hätte ich als Kind, meinem Wunsch entsprechend, rücklings zu A zurückkehren können. Wohl behütet in einer kleinen Welt, entstand mein Gefühl für Zeit, für Distanz an jenem einem Tag als meine Grossmutter väterlicherseits zu Besuch kam. So nehme ich diese Frau, diese Grossmutter in meine Mitte. Diese Frau, eine Ahnin, von der ich kaum etwas weiss. Ich war um die fünf Jahre alt damals. Der Versuch in die kindliche Amnesie einzutauchen scheint mir gewagt. Und dennoch, da ist einiges vorhanden. Eine Strickjacke. Eine graue, von meiner Grossmutter gestrickte Jacke. Sie war eine meisterhafte Strickerin. Der Bus, der gleich hinter dem Zaun hielt, zu jeder vollen Stunde. Sein Gestank nach Abgas. Schwertlilien. Hohe Schwertlilien. Ein Karton mit Kücken. Die heisse Glühbirne, ungesichert. Das Geräusch des Knisterns des Herdes. Die Ratten unter dem Maisspeicher. Eine Pfanne, das Öl überhitzt, fing Feuer. Palpitationen, ich spürte und hörte mein Herz. Der modrige Weinkeller. Die Fässer. Dunkel. Das unbeheizte Zimmer, in dem ich schlief. Die dicke Matratze. Das schummrige Licht durch das Fenster in demselben. Aber vor allem der Schmerz, das Gefühl: Heimweh. Heimatlosigkeit. Heimatlosigkeit und Heimweh fügten sich damals meinem Wesen hinzu. (Der Kater widmet sich wieder der Maus.)

Erinnerungen sind emotional begleitet. Sie können jedoch auch keinerlei Gefühle hervorrufen. Manchmal fühlt man einfach nichts.

 

            Alles, was uns widerfährt, als Geschehen oder Episoden eines Romans betrachten, den wir nicht mit unseren Augen, sondern mit dem Leben lesen. Allein in dieser Haltung können wir die Tücke der Tage, die Launen der Ereignisse bezwingen. Fernando Pessoa

 

Die kindliche Trägheit der schwülen heissen Sommertage. Der Körper ruhig gestellt, des Nachbars Radio, der Lokalsender. Und aus diesem Zustand der Traum von etwas, das sie nicht kennt, nicht weiss, darauf wartet. Löwenmaul. Hundsmaul. Sie Pflanze, Blume, welche allesamt und immer wieder kommt. Wachsen und zu den Erwachsenen dann zu gehören.

Das Sonnenlicht des Septembers. Das schönste für sie. Das wärmste fürs Auge. Die Wärme der Liebe, der Umarmung, des Händedrucks. Licht und Erinnerung. Und sie betet im Stillen wie es sich gehört. Die Zeit, welche Erinnerungen ineinander verschmelzen lässt. Das Herz als der einzige Spiegel der Wirklichkeit. Das Zelt Herz, in welches die damalige Kinderseele noch so gern Fuss setzen möchte, wo Chrottepösche blühen. Im Löwenzahnfeld ihrer Kindheit zählt sie die Vögel und träumt von Schokolade. Erst später schien es, die Menschen hätten überhand genommen. Das kalte Zimmer der Grosseltern. Ihr Geburts- und Sterbezimmer. Diese Zimmer. Fragmente einer Kindheit, Erinnerung.

 

Die Stimme Grossmutters und die Worte, der Laut der Pflanzennamen sind ihr seit jeher lieb. Sie geben ihr ein Gefühl von Zuhause, Heimat. Die Petrovka, der Peppingapfelbaum in dessen Schatten sie spielten oder unter der Smokva, Feige, beim Wasserschacht. Die Wespen im saftigen Apfelfleisch Fallobst gierig schmatzen. Die Fotographie der Grosseltern über ihrem Ehebett. Im Hintergrund ein Weizenfeld.

Ihr Verlust der beiden Söhne während des Zweiten Weltkriegs. Drei Töchter waren ihnen geblieben, deren eine ihre Mutter wurde. Im Garten der hohe alte Lindenbaum, Lipa, in einer Sturmnacht gebrochen. Nahe beim Brunnen, in dessen Abgrund einst der Grossvater, der Nonno, noch ein Kind, seinen Schuh, die Opanke, verloren haben soll. Der Vater schallt mit ihm während die Urgrossmutter unter den Toten weilte. Oben, bei den Rebbergen im Grab schlief. Und denkt sie heute, dann nimmt es sie wunder, in welch grosser Zahl ihre Vorfahren eingeschirrt in ein Leben lang waren. Grosseltern und Urgrosseltern. In welcher Beständigkeit von Armut, in welcher Art von Tagespflichten erfüllend und darüber hinaus schlafend und essend beisammen, sich wärmend wie Tiere im Stall im Winter. Die schwarzen Kleider, ihre öffentliche Trauer. Ihre Botschaft: Wir hatten einen Todesfall in der Familie. Das seidene Totentuch. Gar das Verhängen von Spiegeln und Bildern, damit die Seele nicht abgelenkt werde beim Fortgehen. Die Seele nicht zu irritieren auf ihrer letzten Reise, wobei sie noch eine Zeit lang unter uns Lebenden weilen wird. Sie wird noch eine etwas hier sein, unter uns und zuhören. Hören und sehen, wer sie geliebt, wer sie nicht liebte.

Die Fotografien von den Weinbergen. Sie sitzt im Schoss ihrer damals jungen, wunderschönen Mutter. Mamas dunkle Locken, ihr roter Mund. Zu Allerseelen sprach sie von ihren Brüdern. In seltenen Stunden sprach Mutter von ihrem Verlust, wobei sich ihre Mutter, die Grossmutter, nicht mehr an die Brüder, Söhne erinnerte bis zu den Tagen, den Tagen, nachdem der Tannenbaum mit Lametta und Sternspitz aufgeputzt, der März kam. Der Frühling sich ausstreckte bis zu den tüppigen schwülen Sommernächten. Der Buggele wieder erblühte und sie, die Nonna, die Baba, die Söhne beim Herd sitzen sah, ihre Mutter zum Kaffee trinken kam. Beunruhigt weinte ihre Tochter, die Tante, im Stillen. Sie sah den Tod kommen.

Die geschundenen alten Körper. Die Früchte der Ehe. Die Kinder, welche an Masern, Diphterie starben. Die spärlichen Erinnerungen an den Erstgeborenen. Der Akkordeonspieler. Die wehenden, wimmernden Kinderlaute, welche Mutter von ihrem Brüderlein gehört. Die Söhne wegstarben. Sie gaben ihre Herzen ihren weiblichen Geschwistern weiter, welche die Herzen hüteten und mit der Zeit im Wind verloren, sich einem Ehemann ergaben, in dem sie ihre Brüder und ihren Vater wiederzufinden suchten. Mutter meinen Vater wählte. Damals in Jugoslawien.

Nonno war nicht im Krieg. Über dem Heuleiterwagen war eine Backsteinwand, Cigla, über ihn gestürzt. Gehbehindert blieb er zuhause, bot den Partisanen Unterschlupf auf dem Dachboden. Vor dem blühenden Flieder, Ljiljak, ist er gesessen und hat Daumen gedreht oder kreuzüber, perpetuum mobile, die Fingerbeeren getüpft. Bis ihn die Beine wieder trugen und er notorisch nicht mehr sitzen konnte, bzw. nicht wollte? Immer war er unterwegs. Sitzen war für ihn nichts, nur wenn es zu essen gab oder Kaffee, setzte er sich kurz, ass schnell aus, trank schnell aus und ging wieder nach draussen. Abends, ja abends, wenn die Tagesschau lief, da setzte er sich kurz, oder vor dem Schlafen gehen, wenn das Feuer brannte im Ofen, da sass er und wärmte sich auf. Sie sieht ihn wie er auf dem Ackerfeld steht, gebückt. Sieht seine Hand wie er sie wirft, Samen in der Faust. Nonno, der Fliederäste abknickt und ihr als Strauss reicht. Sie sieht an der Kornelkirsche Nonnos Helm hängen. Sie sieht hoch und denkt wie sauer doch Kornelkirschen sind.

 

 

 

 

 

Bazooka Bubble Gum, Föhn, Löwenzahn
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2.  Bazooka Bubble Gum, Föhn, Löwenzahn

Als Kinder haben sie sich mit Löwenzahn die Nase gelb gerieben. Manchmal freiwillig, im Spiel, manchmal wurde man gepackt und eingestrichen. Erst später las sie, es gäbe den Aberglauben, wenn man sich mit Löwenzahn einreibe und sich dabei etwas wünsche, erfülle sich der Wunsch auch. Sie formten aus den Blumen Ringe, Brillen, Ketten. Sie musizierten. Chettibluama, Pfaffenblume, Pappeli, Furzere, Pfurri..... was hätte sie sich damals wünschen können?

 

Aufgewachsen ab dem 6 Lebensjahr in  Bad Ragaz. Einem weltberühmten Kurort. Der Hof Ragaz, der Quellenhof, das Open Air Freudenberg, Polo Hofer wegen seines Rufes vorerst eine Ablehnung vom Gemeindeamman erhielt. Musikfestspiele als sie Peter Ustinov begegnete. Dem Mann mit dem Schnurrbart und dem damals lustigen Namen Hercule Poirot. Ragaz, Kindergarten, Primarschule und Sekundarschule, am Ende des oder am Fuss des Taminatals, am Westrand der Rheinebene. Sarganserland, heute, Heidiland. Gegenüber, über dem Rhein, Graubünden mit Fläsch, Rofels, Bovels, Maienfeld, Jenins, Malans; die Bündner Herrschaft. Berge. Pardiel, Falknis, Pizol. Eine Föhngegend. Nichts für Menschen, die empfindlich auf Föhn reagieren. Auch Napoleon beklagte sich über Kopfschmerzen damals.

 

„Merci, dass yg hie gebora bin. Merci für jeda Klapf ant Ohra...“ Dr Satz vom Endo müasst heissa: Merci, dass ich do gebora bin. Merci für jedi Flättera/Schwinta ant Ohra... Merci für jeda Kink in Arsch, für jeda Chött uft Stross und jeda wunderschöna Morga – als Chind. Dr Erwin, iren Schualfründ, hät amigs sin Pök gessa. Das isch jo ganz normal gsi. Er und anderi händ au so Sacha gseit wia: Schpaniokel und Tschingg und Tamil und Jugo und: Schiesst mih doch ah! Oder: Du huara Schesa! Abr das isch jo normal gsi für d’achtziger Johr.(Endo Anaconda, Stiller Has: Merci.)

 

Dort zur Schule gegangen. In den Kindergarten, mochte keine Wiibeerli. Da war doch dieses Spiel: Ein Wiibeerli vergiftet, die Gruppe bestimmte welches, der Kandidat draussen vor der Tür, in der Garderobe. Er durfte hinein und konnte essen solange bis er das Vergiftete erwischte. Oder Schokolade eingepackt in Zeitungspapier und Schnur und dann mit Messer und Gabel essen. Sie sprach kein Wort Deutsch. Im Kindergarten war es schön, vor allem die goldene und silberne Wasserfarbe mit der man malen durfte. Da war Miriam. Miriam im Block 15, sie im Block 13. Miriam hatte ihr, neben der Kindergärtnerin Frau Rederer, Deutsch beigebracht. Als sie älter waren, versteckte sie ihre Bravo und Popcorn-Hefte bei ihr zuhause, weil sie von zuhause aus keine lesen durfte. Da war Christoph. Playmobil. Später dann, viel zu früh, Literatur. Literatur wie Remarque, Thomas Mann. Die Wohnung. Eine viereinhalb. Wohnwand in der Stube, Vitrine mit Kristallgläsern und schönen Schalen. Der Fernseher und Videorekorder, die Stereoanlage. Musik von meinem Bruder: Wham! Michael Jackson. Von den Eltern: La Paloma. Kein Kuckurukukuuu! Aber Taubengurren wie in ihrem Heimatdorf. Etwas schwierig alles. Weihnachten, Adventskalender, Lieder „Oh du fröhliche...“ Krippenspiel. Sie spielte die Maria. Fremde Kultur. Die Wochenenden im Pizol -Park Mels. Ein Miggy-Kind. Vater im Café, Mutter im Laden. In der Migros kaufte ihr Vater den Foxi. Ein Äffchen aus Plüsch. Lego. Viel Lego hat er ihr gekauft. Die Schule unterschiedlich. Oft langweilig und mühsam. Grobe und derbe Mitschüler. Schlecht in Mathe. Schlecht im Diktat. Manchmal ist sie eingeschlafen. Dann gab’s ein Elterngespräch.

„Strämpi“ Freiluftbad. Am Rhein spazieren. Im Giessenpark Schlittschuh laufen, die Schwäne und Enten. Die Bäume und Vögel. Der Ententanz: Nanananna-nanana..... Klavierstunden an den Donnerstagnachmittagen während die anderen Religionsunterricht hatten. Velo fahren, Musketiere spielen im Wäldchen, Züseln und tote Vögel begraben, ihr Grab schmücken und das Beerdigungsritual nachspielen. Birken. Die pergamentene Rindenhaut vom Birkenstamm ablösen, sie rollt sich ein. Keine Haustiere! Man lebt doch nicht mit Tieren zusammen! Dafür hatte Ingrid, in der Wohnung oberhalb, Meerschweinchen und Hasen und Kanarienvögel. Melanie unterhalb, Chinchillas. Schulweg: Die lange lange Bahnhofstrasse hinauf und hinunter, herauf, hinauf, herunter.... schön die Weihnachtssterne, die Strassenlaternen. „Es isch an Stern vo Betlehem.....“ und dann, wenn die Christbäume entsorgt wurden, auf die Strasse gestellt, noch die Lametta auf den Trottoirs..... glitzernd, magisch, zauberhaft. 3 ihre Lieblingszahl. „C-A-FF- trink nicht soviel Kaffee! Nicht für Kinder ist der.....“ Meer, kleine Inseln und Palmen gemalt. „Wetten, dass..“ mit Elsner. „Dalli-Dalli“ = Familienabende.  Dallas und Denver Clan. Charles Bronson Filme und Fred Astaire, Louis de Funés. Schlüssel um den Hals, Fernseher zuhause. Ja, Jerry Lewis „Der verrückte Professor“ und „Louis und seine ausserirdischen Kohlköpfe“. Otto und seine Ottifanten. Trockene Lippen. Föhn. Scharlach und Fasnacht. Aschenmittwoch. -E-E-. Manchmal nach Chur zum „Lädala“. Chur war eine Grossstadt. Passfoto-Automat in der Passage. Schwarz-Weiss. Nach Sargans ins Kino. Später dann: Disco Mayday von acht (?) bis halb zehn. Später Disco Opera, gar bis Mitternacht.... schwächt die Nerven, macht dich bla-ass u-und krank.“

 

Faszination für Zahlen. 
1= männlich, aber etwas verweichlicht. Gelb.
2= weiblich und streng. Rot.
4= weiblich, neutral. Gar lieb.
5= männlich und blau.
6= männlich & heimtückisch. Gelb.
7= weiblich, hart und eine  Schlange. Grün.
8= weiblich, langweilig und indifferent.
9= männlich und lieb.
10= männlich, verliebt in 11, verliebt in 8? (Konkurrenz von 6, wobei 7 mitmischt.)
11= stolz und unnahbar. 
12= weiblich und erhaben. Rigid.
13= männlich. Ein richtiger Macho. 
usw. à la Morgenstern.

Mutter.
Brot hat sie uns geschnitten, für Vater Kaffee gekocht, uns Milch aufgewärmt, hat gewaschen, geputzt. Sie hat uns Süssigkeiten gegeben, genäht und geflickt, die Kartoffeln geschält.




























Zwetschge
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3.  Zwetschge

Das Dorf ihrer frühen Kindheit.

Die damals noch nicht asphaltierte steinige Dorfstrasse auf der sie später Schlitten fuhren. Schlitten von Grossvater gebaut. Die Tante schon damals als junges Mädchen in der kühlen Dorfkirche kniete, Mutter Maria, Majka Bogorodica, die Gottesgebärerin anflehte, sie möge doch dafür sorgen, dass sie einen guten Ehemann finde. Später, als die Ehe kinderlos blieb, Speiseöl, Sonnenblumenöl darbrachte für die Fruchtbarkeit. Sie sieht die Tante wie sie sich vor dem Spiegel eincremt, wie sie sich die Wimpern mit so einem Gerät knickt.

 

Zuhause, im schönen Zimmer, in der Vitrine Pfauenfedern in der Vase. Der Grossvater mit Brot in der Hand über das tiefe Kleegras durch den Hof schlurft. Vor Jahren und bis 1976 und darüber hinaus. Sie riecht Apfelkompott. In der Küche ist ihre Mutter geboren. Sie schaut auf zum Drachentöter Georg. Sie sieht hoch zu einer Postkarte aus Nürnberg. Sie spielt mit dem Nachbarsjungen Peda und die Kinder gehen zusammen zum Friedhof. Sie stehen vor dem Grabstein und sie sagt: Das ist der Onkel meiner Tante. Teta sagt, sie sehe ihm sehr ähnlich. Die Kinder suchen nach Spuren in seinem Gesicht. Das Foto alt, verzerrt, geisterhafter je länger sie es betrachten. Wir Kinder rennen wieder ins Dorf zurück und finden auf dem Weg einen Plastiksack mit Medikamenten. Im Feldweg zu unseren Häusern, vergraben wir diesen als wäre es ein totes Tier. Und weil wir Hunger haben, trennen wir uns und gehen nachhause.

Die Familie sitzt am Tisch und schlürft Suppe. Sauerteigbrot. Grossmutter knetet den Teig. Vor ihrer Nase die blaue Emaille-Schüssel.

Wie später die Tante schallend gelacht hatte auf dem Nachhauseweg, in der finsteren Nacht: Vor dem Teufel musst du keine Angst haben, aber vor dem Teufel im Menschen. Fürchte dich nicht vor den Toten, es sind die Lebenden vor denen du Angst haben musst. Sie noch Hunger hatte, Teta eine Scheibe Sauerteigbrot mit Schmalz strich und Salz und Paprika darauf streute.

Sie sieht Grossmutter wie sie sich über dem Trog die Haare wäscht und spürt Wasserspritzer auf ihrer Haut. Die Tante kocht Kaffee. Sie sitzen und nippen an den blumigen kleinen Tassen. Die Grossmutter dreht die Tasse um. Der Kaffeesatz muss runter laufen. Die Masse muss etwas trocknen, sich festsetzen, haften. Die Tante liest im Kaffeesatz. Sie schwärmt, im Dorf gebe es eine Zigeunerin, die alles, aber wirklich alles in der Tasse sehe, voraussehe.

Vor dem Schlafen gehen die Füsse gewaschen werden mussten, morgens beim Gesichtswaschen das Wasser die Ellbogen runter rann. Bei Halsweh zähen gelben Honig auf dem Kaffeelöffel. Lindenblütentee. Dieses Kind, Honig im Mund, sollte also später das Unglück der Liebe erfahren? Dieses Kind sollte also später an einem Punkt stehen, wo es noch jung, aber schon mit einem Fuss darin steht, zurückblickt.

Ist es nicht so, dass sie sich dann doch nicht an Vater und Mutter erinnern kann? Sich aber an die violetten Knöpfe, die Knöpfe der violetten Bluse, sie auf dem Laminatboden sieht und aufliest? Und sie erinnert sich. Ist es nicht so, dass sie sich selbst erkennt anhand ihrer Schuhe, dass sie ihre Kinderfüsse sieht wie sie über die Torschwelle treten, von jenen Bauernhaustoren, welche man aus den Angeln hebt für die Durchfahrt des Heuwagens, des Traktors? Rote Plastiksandalen. Ist es nicht so, dass sie ihr Oberteil des Pyjamas sieht, die Brustseite wie sie voller Marmeladeflecken ist? Ist es nicht so, dass sie nur ihren Daumen sieht, in den sie sich auf dem Friedhof geschnitten hatte?

 

Sie findet sich wieder auf dem Bett und ist soeben aufgewacht. Das Fenster ist offen. der Wind bläst den blauen Vorhang ins Zimmer. Die Tauben gurren. Sie hört den Besen streichen. Zum Frühstück gibt es Milch, warme, mit Brot und Zucker. Die Eingangstüre ist offen. Im Hof sitzt Grossvater auf einem Schemel. An der Armlehne des Küchenstuhls vor ihm ist der Spiegel aus der Küche angelehnt. Grossvaters Hut hängt in der Küche am Nagel. Er rasiert sich. Pinselt sich mit Rasierschaum ein. Kaffeeduft. Grossmutter morgens beim Kämmen ihres langen Haares. Wie sie das Haar vom Kamm streicht und zu einem Knäuel zwischen Zeigefinger und Daumen filzt. Sie geht mit Grossmutter. Wir gehen Wege zum Wingert, Wege zum Bongert, Wege zum Acker, Wege zur Kapelle, Wege zum Laden, wo sie Bonbons für sie kauft. Ein Huhn pickt vom Strassenrand. Das Auto überrollt einen bereits überfahrenen Igel. Wie ein Granatapfel liegt er da mit seinem aus der Stachelhaut herausgequeschten Fleisch, Maden. Einmal lag ein Schwein auf der Autobahn. Damals im Sommer als sie mit ihren Eltern in die Ferien fuhr. Der Wagen holperte.

 

Eine Fotographie wie sie an einem Bleistift knabbert. Der angeknabberte Bleistift ihres Banknachbars in der Schule später. Und die Besuche der Gräber. Sträusse mit Plastikblumen, Plastikblumenkränze. Sie tritt auf eine Totenkranzschleife. Der Onkel kam zum Schlachten. Er schnitt dem Ferkel die Kehle durch. Er brühte es, hing es an den Hinterfüssen auf und rasierte seine Haut.

Im Herd knistert das harzige Holz. Diese Stunden abends. Das Ticken des Weckers. Die Stille und die Insekten um die Glühlampe. Sie surren und sausen. Nachtfalter.

Vater, Kung Fu
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4.  Vater, Kung Fu
 

Wie heisst doch dieser Satz?

Wir standen uns nicht nah, obwohl es immer hiess, ich sei ganz der Vater. Miljenko Jergovic. Vater.Tatsächlich ist sie die Tochter ihres Vaters. In welcher Hinsicht? Lesen ist etwas, das sie immer verband. Star Trek. Sie lieben Gesellschaft und lange philosophische Gespräche.

Ihr Vater selbst, früh Halbweise geworden. Als Ältester musste er sich als Mann im Haus behaupten, nur schon wegen seiner beiden Geschwister. Er musste sich sehr früh durchsetzen und eine Erziehungsfunktion übernehmen. Sie weiss, dass er sich die Schuhe mit seinem Vater teilen musste, als dieser noch lebte. Die Armut. Vater Jahrgang 1947. Vater den man fürchtete und zugleich liebte. Vater, ein Mann, der anderen immer half, andere Kinder zum Lachen bringen konnte und seinen eigenen Kindern Furcht beibrachte. Furcht ist der Garant für gutes Benehmen. Vater ist ein Synonym für Angst. Für sie, für Mama und für den Bruder. Wenn er die Wohnung verliess, atmeten wir auf. Man konnte Vater nicht aus dem Weg gehen. Ein Blick von ihm und man zitterte wie Espenlaub.

 

Vater biss sich immer leicht in die rechte Backe, wenn er nachdachte. Er hatte etwas Kindliches in seiner Körpersprache, wenn er beleidigt war. Er war gross und schlank. Er trug immer einen Schnurrbart. Er studierte Elektrotechnik und wurde dann Informatiker. So war sie ein Kind, das schon sehr früh einen Computer zuhause hatte. Er kaufte uns den Commodore und wir spielten Computerspiele. Nach der Schule kämpfte sie Kung Fu und erreichte gar den letzten Level. Das war in den 80-er Jahren. Später schrieb sie ihre erste Geschichte auf dem Computer und er druckte sie aus, damit sie den Text ihrem Lehrer zum Lesen geben konnte. Sie glaubt, die Geschichte handelte von zwei Marsmännchen, welche auf die Erde gekommen waren und immer eine Pizza stehlen mussten, wenn sie Hunger hatten. Und wie gesagt, Lesen hat sie verbunden. Sie durfte jedes Buch haben, das sie lesen wollte. Die Mutter sieht Menschen, die lesen, als faul an.

Die Eltern hatten keine Kindheit. Es gab keine Kindheit wie sie es heute gibt. Man hat ihr nicht vorgelesen. Man hat ihr nicht vorgesungen. Vater rief abends, in der Stube sitzend, in seiner herrischen Stimme: Ins Bett! Das Bett weint! Sie zog ihr Pyjama an, ging Zähne putzen und legte sich ins Bett. Ganz einfach. Nicht?

Vater stammt aus Crveni Breg. Bei der letzten Volkszählung 2002 ergaben sich 371 Einwohner. Urgrossmutter Todora lebte ihr Leben lang in diesem kleinen Bergdorf. Wir haben sie einige Male besucht. Das ist schon lange her. Sie erinnert sich an die kleinen Kätzchen, welche ums Häuschen schlichen. Eines hat sie dann gefangen, fasste es um den Bauch, es drehte sich blitzschnell um und biss sie in den Mittelfinger ohne loslassen zu wollen. Tränen, Blut. sie war vielleicht zehn, elf Jahre alt. Seit daher weiss sie wie man Wildkatzen anfasst bzw. nicht anfasst. Die jüngste Tochter Todoras ist bei ihrer Mutter geblieben, hat nie geheiratet. Sie sieht sie, Mariana, wie auf einem Schemel sitzt und Tabakblätter mit Nadel und Faden aneinanderreiht. Damit verdiente sie etwas Geld. Es war bestimmt nicht viel. Sieht Marianas Tabakfeld vor ihr. Die zwei Frauen lebten in einem Lemhäuschen, zwei Zimmer, kein Strom, kein Wasser. Aus diesem Dorf stammen die Djordjevic’. Die Kinder zogen nach Velika Plana, einem Industriestädtchen. Eine Tochter Todoras, ihre Grossmutter Rada und ihre eine Schwester. Die zweite Schwester heiratete in Nisch. Nisch, die zweitgrösste Stadt Serbiens. Zwischen diesen drei Orten liegen Distanzen von ungefähr 240 Kilometern. Vater selbst studierte später in Nis an der Technischen Hochschule. In Nisch bzw. im Dorf der Grosseltern lernte er Mutter kennen. Sie haben 1968 geheiratet.

 

Die Eltern sind Nachkriegskinder. Beide aus Partisanenfamilien. Das einzige, was manchmal durchdrang mit wenigen Worten, war die damals erlebte Not und Armut. Gerade weil Mutter nicht darüber spricht, ist sie überzeugt, dass sie der Tod ihrer zwei jüngeren Brüder sehr geprägt hat und schon im zarten Kindesalter erschreckt hat. Erst nach deren Tod kamen ihre zwei Schwestern auf die Welt. Zuerst Tante Radmila, Rada, dann Tante Srbijanka, Srpce, Teta. Wohl deshalb hatte ihre Nonna Nada die geisterhafte Vision, es sässe ein kleiner Junge in der Küche, den niemand anderer, ausser sie selbst, sehen konnte. Sie denkt aber, dass man den Tod in jener Zeit anders hingenommen hat. Das Schicksal war noch ein klarer Begriff und verantwortlich für Dinge, welche nicht zu ändern waren. Eine Fehlgeburt war Schicksal oder der Fluch, Folge einer Beschreiung, eines Erzfeindes. Es war und ist nach wie vor eine sehr abergläubische Gesellschaft. Gott und Teufel wirken, sorgen für eine gute Ernte oder eine schlechte Ernte. So waren ihre Vorfahren auch immer Selbstversorger.

 

Vater: Angst, unberechenbar. Vater war intelligent, gebildet und sprachbegabt. Er sprach ein sehr gutes Hochdeutsch und konnte sich gewandt ausdrücken. Er begann in der Schweiz als Nachtportier zu arbeiten. Damals Saisonier, ein Gastarbeiter. 1972. Später dann bekam er eine Stelle als Informatiker. Die Firma ging leider 1992/3 zu, Rezession. Danach fand er keine Stelle mehr. Schon gar nicht mit seinem Namen. Es war die Zeit des Bürgerkriegs auf dem Balkan. Diskriminierung und Rassismus ziehen sich durch ihr Leben, wie durch das Leben ihrer Eltern, wie ein roter Faden. Sie muss ehrlich gestehen, dass es bis heute nicht besser geworden ist.

 

Repetition
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5.  Repetition

<<Ich wollte nicht nur leiden, sondern auch die Originalität meines Leidens achten.<< Proust. Der Satz schwebt ihr als sie das Buch schloss noch vor Augen. Und vielleicht ist der Beginn dieser Erzählung, setzt sie an, erinnert sich an jene Reisen, sind jene Reisen, welche sie vor langer Zeit unternommen. Vielleicht aber auch eine Liebe, welche unwirklich scheint. Vielleicht eine Schilderung ihrer Begegnungen mit Menschen. Vielleicht ihre Beobachtungen des kleinen eritreischen Mädchens von gegenüber. Vielleicht auch ein Aufflackern einer Geschichte, eines Lebens, einst gewesen, eine Verzerrung in klaren Bildern. Eine Fiktion. <<Es heisst, die Trauer lösche durch ihre allmähliche Arbeit mit der Zeit den Schmerz aus; das konnte und kann ich nicht glauben, denn für mich tilgt die Zeit nur die Empfindungen des Verlusts (ich weine nicht), mehr nicht.<< Proust.

Der Kater hat eine Maus ins Haus gebracht. Durchs Katzentörchen in die Stube. Sie versteckt sich zwischen Zeitungsständer und Klavier. Vor mir auf dem Tisch liegen unzählige Bücher. Von draussen höre ich den Lärm einer Baustelle. In unserer Strasse. Am Morgen noch Sonne, jetzt leicht bewölkt, verhangen. Draussen hängt die Wäsche. Mit welcher Geduld der Kater verharrt.

Kommunikation. Ich kann kommunizieren und dann, wiederum, kann ich nicht kommunizieren. Ich bin einmal hier, einmal dort und oft in Gedanken bei ihm. Die Bücher. Die Lust des Lesens, hier die Lust des Schreibens, dann die Lust des Gelesenwerdens –wie sagt man doch zwei Paar Schuhe? Drei Paar Schuhe? Ein jeder geht in seinen Schuhen. Der Gedanke war, die Idee war, ein Jahr lang in meinen Schuhen zu gehen. In mein dreiundvierzigstes Jahr. Drei Monate habe ich dieses Ziel verfolgt. Jetzt stehe ich an einem Punkt, blätterte zurück, fange nochmals an. Ist dieses Unterfangen aber überhaupt möglich? Ich sehe, ich wollte mich zwingen in der Gegenwart zu bleiben. Die Gegenwart. Das Jetzt. Das Präsens. Bemerke aber, dass die Vergangenheit meine Gegenwart dominiert. Im Jetzt bin ich im Vergangenen. Es ist so: Ich hole aus im Jetzt und lande im Zurück. Als wäre es ein Naturgesetz. Ist es womöglich auch. Ein Reflex?

Im Endeffekt ist eine Biographie eine Collage. Sie beginnt und klafft, eröffnet furchterregende Tiefen. So braucht es mich nicht zu wundern, dass mich ein Schwindel erfasst. Abgründe. Zerklüftungen. Gar eine Verzweiflung und Not überkommen mich. Niemals kann ich mir selbst in die Augen blicken, schauen. Tief in meine Augen sehen. Und doch, so scheint es mir, steht das hier Geschriebene (wieder eine Perfekt-Form) und das Jetzt-Erlebende beide ganz für sich stehend, vielleicht auch haben sie nichts miteinander zu tun. Im Text treten sie aber miteinander in Verbindung.

Ich schreibe das Jahr 1996. Ich stehe am Busbahnhof. Der Busbahnhof in einem kleinen Industriestädtchen. In %u0412%u0435%u043B%u0438%u043A%u0430 %u041F%u043B%u0430%u043D%u0430/ Velika Plana. Staub. Alles, aber auch alles scheint kaputt zu sein. Es stinkt nach Abgas. Die Busse kommen und gehen. Vergilbte Karten an der Chauffeur-Scheibe; die Ortschaften auf Kyrillisch geschrieben.

Ich war damals zwanzig Jahre alt. Eine Zeit, in der ich einen starken Hang zur Romantik und Nostalgie hatte. Das Melancholische zelebrierte ich regelrecht. Das Melancholische entsprach auch der Moll-Dur meiner Herkunft. Everything was in minor. Mit Trauer und Traurigkeit blicke ich zurück. Da ist etwas in mir, das nagt. Es ist vermengt mit Kindheit, Erinnerung, Verlust und schlechtem Gewissen.

Ich kann nicht bestimmten, was ich mir merken und, was ich mir nicht merken will. Mein Gedächtnis hat seinen eigenen Willen. Unser Gedächtnis hat seinen eigenen Willen. Der Teil in unserem Gedächtnis, in dem wir unsere persönlichen Schicksale speichern, ist das autobiographische Gedächtnis. Wie ein Tagebuch, das wir aktivieren, wenn man uns zum Beispiel fragt, was unsere erste Erinnerung ist, oder wie das Haus aussah, in dem wir als Kind lebten. Es ist aber auch ein Buch des Vergessens. Es herrschen eigene Gesetze. Die Ereignisse unseres Lebens, welche wir persönlich als erinnerungswert ansehen, vergessen wir. Andere Ereignisse, wie erfahrene Demütigungen und Verletzungen speichern wir, als wäre es erst gestern geschehen. Wer unter Depressionen oder auch Schlaflosigkeit leidet, weiss, in welcher Art eine schlimme Erinnerung eine andere schlimme Erinnerung hervorruft. Es wird wie ein Netzwerk von dunklen Gedanken aktiviert. Nie sind wir vor Überraschungen von Seiten unseres Gedächtnisses sicher: Plötzlich erinnert uns ein Geruch an etwas, das wir schon lange vergessen haben. Oder das Geschirr bei Freunden zu Besuch erinnert uns plötzlich an die eigene Kindheit, und wir erkennen, dass unser Geschirr diesem ähnlich war.

Die meisten Menschen datieren ihre ersten Erinnerungen irgendwo zwischen ihrem zweiten und vierten Lebensjahr. Natürlich gibt es Ausreisser in beide Richtungen. Es sind Fetzen, unklare Bilder mit Lücken dazwischen. „Wenn ich meine Kindheit erkunde (was nahezu der Erkundung der eigenen Ewigkeit gleichkommt)“, schrieb Nabokov in Erinnerung sprich, „sehe ich das Erwachen des Bewusstseins als eine Reihe vereinzelter Helligkeiten, deren Abstände sich nach und nach verringern, bis lichte Wahrnehmungsblöcke entstehen, die dem Gedächtnis schlüpfrigen Halt bieten.“ Nach Freud, die infantile Amnesie. Der Zeitabschnitt dauert von der Geburt bis zum Alter von sechs, sieben Jahren. (Der Kater hat die Maus aufgegeben. Er sitzt neben mir auf der Bank. Ich fühle mich unterstützt.) Nabokov schreibt, dass seine ersten Erinnerungen und allmähliche Auflösung des Dunkels oder des Entstehens der lichten Wahrnehmungsblöcke, damit zusammenhingen, dass bei ihm sukzessive ein Bewusstsein von Zeit entstand. Zeit! Kindsein und Zeit! Nabokov versucht eine Rekonstruktion dieses Erlebnisses, worin er sich an einen Spaziergang mit seinen Eltern erinnert und an seine Frage nach seinem und dem Alter der Eltern. Die Antwort löste bei ihm die Erkenntnis aus, dass er selbst vier war und seine Eltern genau wie er ein Alter hatten, einen ungeheuer belebenden Schockaus. „In diesem Augenblick wurde mir deutlich bewusst, dass das siebenundzwanzigjährige Wesen in weichem Weiss und Rosa, das meine linke Hand hielt, meine Mutter war, und das dreiundreissige Wesen in hartem Weiss und Gold, das meine Rechte hielt, mein Vater.“ Die Eltern treten erst dann in eine echte Existenz für den Jungen.

Eine berührende Wiedergabe einer Kindheitserfahrung. Sie erweckte in mir selbst eine längst vergessene, verlorene Empfindung. Wobei, ich Zeit mit Distanz verbinde. Die Distanz zeigt die Zeit auf. Von einem Ort A nach einem Ort B zu kommen und sich nicht bewusst zu sein, dass dazwischen vielleicht 160 Kilometer liegen. So, als hätte ich als Kind, meinem Wunsch entsprechend, rücklings zu A zurückkehren können. Wohl behütet in einer kleinen Welt, entstand mein Gefühl für Zeit, für Distanz an jenem einem Tag als meine Grossmutter väterlicherseits zu Besuch kam. So nehme ich diese Frau, diese Grossmutter in meine Mitte. Diese Frau, eine Ahnin, von der ich kaum etwas weiss. Ich war um die fünf Jahre alt damals. Der Versuch in die kindliche Amnesie einzutauchen scheint mir gewagt. Und dennoch, da ist einiges vorhanden. Eine Strickjacke. Eine graue, von meiner Grossmutter gestrickte Jacke. Sie war eine meisterhafte Strickerin. Der Bus, der gleich hinter dem Zaun hielt, zu jeder vollen Stunde. Sein Gestank nach Abgas. Schwertlilien. Hohe Schwertlilien. Ein Karton mit Kücken. Die heisse Glühbirne, ungesichert. Das Geräusch des Knisterns des Herdes. Die Ratten unter dem Maisspeicher. Eine Pfanne, das Öl überhitzt, fing Feuer. Palpitationen, ich spürte und hörte mein Herz. Der modrige Weinkeller. Die Fässer. Dunkel. Das unbeheizte Zimmer, in dem ich schlief. Die dicke Matratze. Das schummrige Licht durch das Fenster in demselben. Aber vor allem der Schmerz, das Gefühl: Heimweh. Heimatlosigkeit. Heimatlosigkeit und Heimweh fügten sich damals meinem Wesen hinzu. (Der Kater widmet sich wieder der Maus.)

Erinnerungen sind emotional begleitet. Sie können jedoch auch keinerlei Gefühle hervorrufen. Manchmal fühlt man einfach nichts.

Basilikum, Weihrauch
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6.  Basilikum, Weihrauch

Kinderzeit, erlernte sie ihre erste Sprache. Es war die Grossmuttersprache. Die Grosseltern nahmen sie auf den Acker mit. Sie Kind sitzend im Schatten eines Walnussbaumes, auf einer Decke. Die Feuerwanzen machten ihr etwas Angst. Und wenn die Grossmutter in der Sommerhitze mit hochrotem Kopf das Unkraut jätete. Aus Langeweile, nach dem Mittagsschlaf, denn schon früh bereits auf dem Feld gewesen. Und damals als sie sich in den Daumen schnitt, an den herumliegenden Scherben, welche so bunt waren und sie sie anfassen, auflesen musste. Der bunte Friedhofsabfallhaufen. Aus den Totenkränzen ziehen Peda und sie Plastikblumen heraus. Mit welligen silbernen Haarnadeln steckt Nonna ihr Haar zurecht. Verbirgt ihr Haar unterm Kopftuch. Streicht es an den Schläfen, hinter den Ohren glatt. Wenn sie ihre beiden Daumen im Kreis drehte, gluckste sie aus der Kehle. Ein Kinderlaut. Hinten im Rachen, Kehlkopf, machte sie diese Laute. Eine Beschäftigung wie das Daumen drehen. Über der Küchentürschwelle ist sie gestolpert und fiel auf die Hände und Knie. Am Rand der Email-Schüssel schlug Nonna braune Eier auf. Knetete den Teig. Das Brot. Wickelte es in ein Tuch, warm, ein. Der Nachttopf in der Ecke des Zimmers. Desnachts war der Weg zu weit aufs Kloset. Ihre Augen gereizt vom Zwiebelschneiden, wenn Nonna oder Tante Srpce kochten. Das Wasser auf dem Herd fürs Baden. Die Grosseltern schauen die Tagesschau, davor gibt es Trickfilm. Dunkle Häuser. Die Bevölkerung ist angewiesen kein Licht brennen zu lassen. Militärübung. Es fliegen Flugzeuge über das Land. Und sie hört die Tante scherzen: Avione, avione, baci mi bonbone! (Flugzeug, Flugzeug, wirf mir Bonbons herunter!). Die Tante, die zuhause bleiben, bei den Eltern, den Haushalt aufrecht erhalten wird. Sie, die auf ein eigenes Leben verzichten wird. Das Kind, das sich auf den Schemel setzt. Das Kind, welches zum Brunnen geht und Wasser holt. Sie, die in den Dorfladen rennt, Kaffee und Limonade kauft für die Gäste, welche überraschend gekommen sind. Die Tante schlägt drei Kreuzzeichen auf Stirn und Brust. Mit welcher Hand? Die grossbuschigen Chrysanthemen, die Allerheiligenblumen. Diese üppigen Chrysanthemen für Allerheilgen und Allerseelen.

Die Definition für Zuhause ändert sich mit dem Alter, wobei das Gefühl der Heimat, für Heimat, lange Zeit unbewusst ist und zu einem individuellen Konstrukt wird. Damals, kam sie schlussendlich in den Zustand, wo sie Zuhause von geliebten Menschen abhängig sieht, dieses selbst aber auch in ihr suchen musste, in sich selbst hineinwühlte, als wäre sie am Pflanzen und Jäten. Ihr zuhause ist ein angelegtes Beet, welches nie fertig wird. Die Worte ihrer Grossmutter, Nonna, werden es aber immer sein. Vielleicht, wünscht sie sich manchmal jenes kleine Kind, Mädchen zu sein und fragt sich, vielleicht eine seltsame Formulierung, fragt sich, was für eine Spezies sind diese Menschen? Sie trägt in ihr diese Relikte, trägt ihre Vorfahren in ihr. Sie ist eine andere Kultur verpflanzt worden und so steht man da und ist eine Art fertiges Gemälde - eigentlich.


Sie löst gerne Kreuzworträtsel. Nagendes Leid: Reue. Es scheint ihr, dass Reue eines der schlimmsten Gefühle ist, welche wir Menschen aushalten müssen. Ist das der Punkt, der Übergang zum Erwachsensein?  
Es gibt Tage an denen sich dieses nagende Leid einstellt und Tage, an denen sie zuversichtlich in die Zukunft blickt und geht. 42 Jahre, so trifft der Satz, welcher sie einst so beeindruckt hatte längst nicht mehr auf sie zu: Wenn einer in sein dreissigstes Jahr geht, wird man nicht aufhören, ihn jung zu nennen. Er selber aber, obgleich er keine Veränderungen an sich entdecken kann, wird unsicher; ihm ist, als stünde es ihm nicht mehr zu, sich für jung auszugeben. Ingeborg Bachmann. Und so scheint es ihr heute, dass früher, als das Weiwassertrinken noch half, ihr die Grossmutter vor meiner Reise eine Flasche schenkte, sie noch die neugierige, freie junge Frau war und vor ihr die Grossmutter, sie sieht noch heute, sieht wie sie sich drei Kreuzzeichen auf Stirn und Brust schlägt, überkreuzt. Eine Reise unter vielen, führte sie damals nach Wien. Wien als Zwischenstation und danach weiter in die Schweiz. Sie riecht heute noch den Herbst, es war Oktober, und erinnert sich an ihre lederne schöne Tasche, welche ihr abhanden gekommen ist ohne, dass sie weiss wie. Auch lebt noch die Melancholie dieser Herbstabende in ihr weiter, ein Abschiednehmen und gleichzeitig eine jugendliche Freude des Gefühls von Freiheit. Ja, es waren damals die Tage des Weihwassers und die Grossmutter alterte. So hört sie noch heute die Worte ihrer Tochter, der Tante: Du weisst nicht wie schwierig es geworden ist mit deiner Grossmutter, mit meiner Mutter. Sie verhält sich wie ein Kind. Andauern will sie Kaffee trinken, obwohl es doch nicht gut ist für ihr Herz. Wenn ich ihr keinen gebe, trotzt und tobt sie. Einige Male ist sie alleine ins Dorf gegangen, ohne etwas zu sagen. Ich bin fast gestorben vor Sorge. Und weisst du wohin sie immer ging? In ihr altes Elternhaus, unten an der Toten Brennessel bei der Busstation. Das Elternhaus wurde schon vor 60 Jahren verkauft! Immerhin, weiss ich, wo ich sie suchen gehen muss. Sie ist alt und stur. Neulich, als ich Besuch hatte, die alte Kosara war hier und Ivo, da sassen wir hier in der Küche, sowie du und ich jetzt, unterhielten uns bis deine Grossmutter sagte: Tochter, gibt doch noch dem Kind auf dem Stuhl einen Saft. Und ich fragte: Verrückte alte Frau, was für ein Kind? Dort, dort beim Ofen, da ist ein kleiner Junge. Siehst du ihn nicht? Die alte Kosara, Ivo und ich blickten uns nur an. Sie wird wohl auch noch verrückt auf die alten Tage! Und ich bin kein Unmensch! Wenn ich ihr etwas verbiete, dann weil ich es muss. Dreissig Jahre sind es, habe ich mich um sie gekümmert und um meinen Vater, Gott hab ihn selig. Und ich bin darüber alt geworden. Unverheiratet und kinderlos. Aber ich habe mich nicht darüber beklagt. Und ich bin nicht weggegangen wie andere Kinder. Was hätte ich denn auch tun sollen. Deine Mutter und Tante Rada haben geheiratet und verliessen das Haus. Ich als Jüngste blieb zurück. So bin ich immer noch hier. Ach... eigentlich war ich mein ganzes Leben hier. Und als ich noch jung war und eine Nacht weg blieb, unten in der Stadt schlief und wieder nach Hause kam, da sassen die zwei Alten apathisch in der Küche und hatten nicht einmal das Essen angerührt, das ich vorgekocht hatte. Also wurden auch meine Besuche in der Stadt weniger. Das ist aber auch schon lange her.

 

                                                       ... can’t turn back the tide. Tom Waits. Grapefruit Moon.

Strecke Zürich-Wien Hbf. Das Jahr 1997. Die Stirn. Die gefurchte Stirn, parallele Linien, sonnengegerbt, leichte Hakennase, sehnig der Körper: Die Rentner, Rentnerinnen in den Jahren der Ausläufer des Balkankriegs, zu viert, fünft im Coupé von Wien zurück mit der Rente im Sack. Sie gerade mal 19/20 Jahre alt. „Komm, setz’ dich zu uns, Kind!“ Es konnte ihr nichts Besseres passieren als zu den Grossvätern und Müttern eingeladen zu werden. Die Strecke über Budapest, in der Nacht, weit weg von der Bündner Herrschaft. Die Frauen mollig, Dauerwelle. In Sargans entliess man sie, brachte sie auf den Zug. Auf dem Gleis, Pfefferspray und ein kleines Büchschen Aromat- als Symbol für Zuhause. Ihre Pflegefamilie winkt nach. Sie winkt zurück. Nächster Halt Buchs. Dann Feldkirch? Das Bargeld eingenäht, Rückseite Slip, am Rücken. In der Hexenschusskehle, Rückenmulde, ok, knapp darunter. (Die Schweiz? Pfefferspray und Aromat? Streu mi!)

Die Wimper: Wenn jemandem eine Wimper trepavica… da streifte man sie von der Wange, hält sie zwischen Zeigefinger und Daumen. Die Gesprächspartnerinnen wünschten sich etwas, im Stillen - comme il faut; dann hauchte man den Spitz (wie bei Vegeta) an, sie und dann sie und dann entzweihe man die Finger: Daumen und Zeige- und auf wessen Seite die Wimper kleben bleibt, dessen Wunsch geht in Erfüllung. Nicht ganz, aber doch, im Sinne: Er liebt mich, er liebt mich nicht, er liebt mich, er liebt mich nicht...... sie liebt mich, sie liebt mich nicht, sie liebt mich & sie liebt mich nicht......Wenn es nun schon, von mir, sie betreffend, losgetreten ist: Ich greife vor--- nehme vorweg, wie immer. Als ich dann da war, als ich dann nach 5-6 Jahren da war, als ich in dieser lang gezogenen Strasse, in dieser Ruinenstrasse, Ziegelbauten, kaum ein Haus fertig, stand, war, Rauch in der Luft, dieses billige, schwache Strassenlaternenlicht –Schummerlicht, der Staub, der Geruch des Abgases,  von allen Seiten, Hühnergegacker, Töpfe-Klirren-Klopfen, Kläffen, dieses Langgezogene und dann ein altes altes Lied im Radio von Balasevic. Da trat sie ins Freie, Gummisohlen über den Pfad, sokak- gelähmt... eine Überschwemmung der Emotionen. Da verstand sie, dass sie der Welt gehört und nicht die Welt ihr. Ajmo zajedno svi= Singt mit: Heute Nacht leidet mein Herz, heute Nacht schmerzt meine Seele. Der traurige Herbst schon längst vergangen, hoffnungslos hoffe ich.... (...). Ajdemo zajedno: www.youtube.com/watch?v=OcaOkSsAkc0">www.youtube.com/watch?v=OcaOkSsAkc0. Ljiljana Buttler: Nocas mi srce pati. Wunderbar! Und in diesem Zug-Abteil, (Wien, Budimpescht, Beograd) im COUPé: Da packte der Rentner das Hühnchen aus, entwickelte es der Alufolie, den Schinken, schnitt das Brot, das Messer zwischen Daumen Griff, Rinde, da öffnete man die Flasche Wein, die Flasche Aqua Vita, das Glas Ajvar, scharf. Pass auf! Und ganz plötzlich sass sie im SBB Zug, sie, die Generalabonnement-Zahlende/in, kam von der Arbeit, eine Pendlerin, kaufte sich ein Curry, vielleicht gegen 14.30 Uhr, HB Zürich nach Schaffhausen und freute sich auf das Essen. Da schlängelt sich ein Ehepaar durch den Gang: "Lass uns in den nächsten Wagon: Hier stinkt’s".

Vertigo
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7.  Vertigo

Denn wir sind damals an einer Schnittstelle angelangt. An einer Linie, welche die alte oder die andere Kultur von der neuen trennt. Wir sind in einem Ablauf der kulturellen Verschmelzung. Ein Prozess der Entfremdung aus Generationen der Deprivation. Ein Prozess der Identitätssuche mit historischem Gepäck. Einer Vergangenheit, welche schwer auf uns lastet. Auch eine Geschichte, welche noch nicht diskussionsreif ist. Nicht als diskussionsfähig angesehen wird. Irrational haben wir uns in die Büsche geschlagen. Ihre Sprache ist ein Verständigungsmittel. Sie ist nicht primär identitätsstiftend. Wie unsere Muttersprache birgt das Deutsche und Schweizerdeutsche dieselben Möglichkeiten die Welt zu beschreiben. Das eine oder andere Wort, mehrheitlich Dialektausdrücke und Ausdrücke in der Muttersprache, lässt sich für uns nicht ersetzen. Es ist aber eine Freude am Ausdruck diese zu verwenden. Sprachspiele. Nicht ohne Stolz switchen wir hin und her, geniessen es im Ausland unsere Fremdsprachenkenntnisse zu zeigen. Gerade wir, die wir doch Schweizer geworden, sprechen Sprachen, wobei unsere Muttersprache nicht gefragt ist. Mehr als Schweizer kamen wir uns vor, humorvoll und dann doch sehr ernst verteidigten, verteidigen wir die gute Seite der Gesellschaft. Wir, die wir uns mit der Kultur auseinandersetzen mussten. Die Kultur, die schweizerische war uns nicht einfach gegeben, in die Wiege gelegt worden. Nein, nur die Sprache war und ist nicht mehr wie bei unseren Eltern ein Symbol für die Herkunft. Zusammengehörigkeit. Sie ist aufgegeben worden nach und nach, ausselektiert, umgewandelt und aber auch beibehalten. Wie ein Durchstechen der Blase der Ethnizität. Wir stachen in den Luftballon und freuten uns an seinem Davonsausen. Die Kinder sind über die Schwelle, Kopf nach vorn, marschiert. Wir, dessen Eltern 1956, 1968, 1972, 1992 in die Schweiz gekommen sind und kamen. Wir essen gern bei Mutter, welche ungarischen Mohnkuchen, serbische Palatschinken, böhmische Knödel, mährische Pilzgerichte, macht. Es findet eine Erneuerung der Völker statt. Die Sprache eine Variabel.

Die Jugoslawen. Damals, nach dem Krieg, nach dem Krieg der Partisanen, damals, liess sie Tito gehen. Sie verteilten sich in der Fremde. Sie waren grösstenteils ungeschulte, einfache Menschen. Fleiss, Arbeitsmoral, Autorität, Stolz, Ehre. Die einen kamen und gingen bald wieder. Die anderen holten ihre Kinder endlich zu sich in die Schweiz. Die anderen, die blieben, holten die Kinder sehr spät, im Zittern des ausbrechenden Krieges auf dem Balkan. Dem Pulverfass. (Diesem ewigen Pulverfass.) Und andere schafften es wieder zurückzugehen, zu früh, ignorierend, was auf sie am Zukommen ist, wollten in ihr eigenes Haus zurück. Andere starben zu früh, die Arbeit nutzte sie vorzeitig ab. Andere hatten nichts als sie zurückkehrten. Die Gastarbeitergeneration zerfiel, zerbröselte. Sie gehörten weder dorthin, noch hierhin. Und dann, ja, als der Krieg kam, da verloren sie gänzlich, verloren sich selbst, glaubten zwar sich der Wurzeln, der eigenen Wurzeln zu besinnen und träumten vom alten Jugoslawien. Die anderen flohen von und aus diesem Jugoslawien. Die einen nostalgisch, die anderen traumatisiert. Sentimental die meisten.

Die Emigranten, in mehreren Schüben in die Schweiz gekommen, zerfielen nochmals in Teile, in Gruppen. Sie spalteten sich auf. Verachtung machte sich breit. Irritation im subtileren Fall, oder im heftigen? Infiltriert wurden sie von aussen und von der geringen Selbstachtung – von innen- geschlagen. Geknickt? Die Flüchtlinge brachten Kriminalität.

Nur die Situation in Bad Ragaz.

Es fanden Behauptungen und Gegenbehauptungen statt. Es schwindelte den Jugoslawen beinahe, dass sie nun 15, 20 Jahren mehr als Ausländer galten als damals als sie gekommen waren. Im Vergleich zu früher, lediglich Gastarbeiter, jetzt Feindbilder. Ja doch, ja doch ... sie sahen sich bedroht. Die anderen, die Neuen, machten ihnen den Vorwurf nicht zu wissen, was in der Heimat geschehen war, nicht mitreden zu können, weil sie sich verdrückt hatten, weil sie keine Ahnung, keinen blassen Schimmer hatten wie es für sie und jene war, die dort geblieben sind, nun flüchten mussten. Die Kroaten zeigten auf die Serben und umgekehrt. Die Nato warf ihre Bomben ab. Jeder wollte besser sein als der andere. Die Serben duckten sich auch. Gar die anderen fühlten sich mitgerissen in diese kulturelle Verwirrung. Die Tschechen zeigten auf die Kroaten und Serben wiederum mit dem Finger. Sie sagte, sie hätten sich schliesslich friedlich von der Slowakei getrennt.

Als der Krieg ausbrach wurden alle in den gleichen Topf geworfen. Stammten alle aus der gleichen Pfütze und Klunka und Gudla. Das empfand man als ungerecht und eben als bedrohlich. Es hiess, dass jene Flüchtlinge, die jetzt kamen, Abschaum waren. Behauptungen Gegenbehauptungen. Die Serben sagten, sie seien besser als die neuen Serben. Die Kroaten besser als die flüchtigen Kroaten und am meisten litten sie alle, wenn man sie auch noch mit den Kosovaren in die gleiche Schublade tat. Es gab Osteuropäer, Balkaner, weiter nach hinten wilde, unerforschte wilde, brutale unheimliche Völker, die Ivans und Vladimirs und..... der Balkan, unerforscht, je wilder desto faszinierender. Pygmäen eigentlich. Strohrocktragende in Heustöcken Lebende. Die Gastarbeiter also, die Jugoslawen, die Jugos. Und alle waren sie Yugos, die slawisch sprachen.

Innerhalb von 20 Jahren dann differenzierten sich die Emigranten dann aus. Heute sind es Serben, Bosnier, Herzegowiner, Kroaten, Vojvodiner, Kosovaren, Albaner, Shipis, Yugas und Yugos, makedonische Albaner, Makedonier..... und es scheint ihr, so sieht sie es  jedenfalls, dass ihre Kultur, die Landsleute aus einem kafkaesken Schlaf, aus einem walserischen Schlaf aufwachten. Oder: Das balkanische Dornröschen, Cindarella, Aschenputtel, Aschenbrödel, Pepeljuga wurde geküsst. Jene, die hier bereits in der Schweiz waren, wurden durch diese Ereignisse geradezu gepuscht in die Integration. Erst jetzt jetzt gab es einen wirklichen Grund sich zu unterscheiden, sich zu zeigen, sich zu äussern. Andere, verbargen sich. Schwiegen. Doch niemand kam drumherum besprochen zu werden. Und es geschah ein Wunder, nämlich, dass die Herkunft, das Private zu einem öffentlichen Thema wurde. Das worüber man nicht gesprochen hatte, auch nicht vor seinen Kindern, wurde gelüftet, aufgedeckt. Viele Stück- für -Stück -Ex-Jugoslawen muss eine Art Vertige erfasst haben. Denn da kamen diese Stimmen. Da kamen diese Leute, welche verkündeten. Da wurde plötzlich die eigene Kultur thematisiert. Dinge ausgesprochen, von denen die Alteingesessenen keine Ahnung hatten. Auch die Kinder, die Jugendlichen konnten sich ein Stück von diesem östlichen überzuckerten Kuchen etwas abschneiden. Die Pubertierenden gruppierten sich. Die Erwachsenen meuteten sich zusammen. Chamäleone schlossen sich zu Rudeln zusammen. In den hintersten Teilen der Helvetia, Emmithal, Chläggi oder Kurorten wie zum Beispiel Leukerbad, Bad Ragaz verstand einem die Migros- Angestellte nicht mehr. Der Kroate wollte eine Dünne, der Serbe eine Wähe. Der Bosnier einen Harass Bier, der Montenegriner eine Kiste Bier..... Eine Vertige. Das waren aber die alltäglichen Erscheinungen, welche nicht zu weiteren wirklichen Komplikationen führten. Kleine Sticheleien. Jedoch, was auch kam, neben vielen anderen Stecknadeln und seltsamen verwirrten nationalistischen Märchen der Vergangenheit war, die Beobachtung was Krieg auch bewirkte. Krieg bewirkte, nein Krieg führte zu Kunst.

Krieg zu Literatur führt. Man las von Dingen, welche man ahnte, worüber man schwieg und man erfuhr und lernte wie neu zu lieben, neu die Nostalgie zu fühlen und die Herkunft neu zu definieren und es geschah doch auch, tatsächlich, dass eine Art Aufwertung der eigenen Kultur, der Herkunft, in Gang kam. Eine Aufwertung durch die intellektuellen Flüchtlinge, eine stoische Haltung derselben, welche doch als Taxifahrer endeten zum Beispiel. Die einen waren nämlich endgültig im Exil angekommen. Sie hatten die Heimat verlassen, konnten und wollten und konnten wiederum nicht zurückkehren. Und die anderen waren nie angekommen, doch dann wurden sie, durch die Wirren, die politischen, wurden sie aufgerüttelt, aus ihrem Fuchsbau gelockt. Aus ihrem somnambulen Zustand herausgeohrfeigt. Aus ihrer alten Depression, ihrer Apathie geködert, weil sie endlich dachten etwas zu sagen  zu haben. Gerüttelt und geschüttelt. Sie wurden gezwungen aus ihren Reihen zu treten.

Ihre Adoleszenz war überschattet und vollskizziert mit serbisch orthodoxen, katholischen Kritzeleien auf Wänden und Bänken und Telefonzellenscheiben. Kulturelle Verwirrung. Aufgewachsen ist sie in einer Enklave. Weder hierhin noch dorthin- was so für Metaphern verwendet werden und welche man dann auch ausspricht vor der Ortsgemeinde, nach der Einreichung, dem Antrag zur Einbürgerung 1997.

Ihre Eltern stammten aus einer armen Gesellschaftsschicht. Aus jener Schicht, welche einen grossen Teil des Landes ausmachte. Was die mütterliche und die väterliche Seite voneinander unterschied, war, dass die einen doch schreiben und lesen und die anderen doch nicht schreiben und lesen konnten, lernten. Ungewollt nicht gebildet. Ungewollt nicht in die Schule gegangen. Ungewollt nicht fähig gewesen als die eigene Körperkraft, die Jugend und den Willen als Kapital anzusehen, als das Vermögen, welches sie zu einer besseren Existenz führen wird. Menschen. Philanthropisch schreibt sie 1944, 1946, 1947, 1948, 1950. Menschen gänzlich aus Flüssen goldgewaschen. Menschen gestrahlt aus unbedeutenden unauffälligen Steinen für das blosse Auge. Menschen ausgewandert. Menschen als Katzengold verkauft. L’or des foux-Menschen. So wurden sie auch in den Bürgerkrieg getrieben, in den Genozid. Unschuldig ist niemand.

 

Und das, was einst ihr war?

Ich sehe mich im Sonnenlicht. Ich sehe mich über den Waschtrog gebeugt, mir Hände, Gesicht und Ohren waschen. Es ist Zeit schlafen zu gehen. Zärtlichkeiten wie das Email-Becken mit lauwarmen Wasser zu füllen. Zärtlichkeit zusammen zu sein. In einem kleinen Haus. Rechts der Grossvater, links die Grossmutter, die Tante am Kaffeekochen. Der Bruder draussen mit dem Hund am Spielen. Die Morgen, welche frisch und kühl. Die Sonne steigt. Es wird heiss. Die Geräusche. Die Geräusche sind mir geblieben. Taubengurren, das Käuzchen, die Traktore, TRAKTORI. Die Hunde. Der Hahn. Grunzen aus dem Koben und das Gackern der Federtiere. Glucken der Enten, unten am Bach. Grossmutter und ich unterwegs. Auf dem Weg zum Arzt, zum Doktor. Ich muss geimpft werden. Ich will nicht. Man überredet mich, man lenkt mich ab, man schenkt mir etwas Süsses, ein Spielzeug. Aber danach doch, da wollte ich nicht gehen, konnte ich nicht gehen. Behauptete kein Gefühl in den Beinen zu haben. Ich bekam ein Kinderbuch, Bilderbuch geschenkt. Däumelinchen. Es wurde in einem jener "Ostblock"-Läden gekauft wie bei uns der Manor oder Globus. Ich liebte es. Bei einem Besuch, musste ich es einem kleinen Mädchen ausleihen und es, verkribbelte, beschmutzte das Buch Däumelinchen mit Schokolade. Ich stellte mir vor Däumlinchen sein und auf Blumen zu schlafen, welche sich dann schliessen und mir Schutz gewähren. Ich empfand es dann aber als furchtsam kleiner zu sein als zum Beispiel eine Biene. Halsschmerzen. Kühle, Frische am Morgen und dann das Wärmerwerden im Verlaufe des Vormittags. Hitze am Mittag. Licht nach 18.00 Uhr. Im Sommer. Steine, die ich fand. Zaubersteine? Meine Katze, die rote Tigerin. Ohrenschleifer. Welche Angst! Und die Eidechsen in den Steinmauern! Unser Hund Tarzan, der den Cousin leicht in die Hoden biss, weil Vladimir auf ihm reiten wollte. Die Panik der Erwachsenen. 

Baumnüsse, welche ich auf gar keinen Fall essen durfte bei Halsschmerzen.
Lindenblütentee. Der kleine Schwarz-Weiss-Fernseher mit Antenne auf dem Kühlschrank. Hagenbutte-Marmelade. Marmelade einkochen. Weisse Wäsche

im Kochtopf. Die Holzkelle zum Rühren. Glut. Herd. "Spiel nicht mit dem Feuer. (Nicht Züseln!), sonst machst du dir in die Hosen in der Nacht. 
Ins Bett gepinkelt, weil ich träumte, ich ginge auf die Toilette.

Die Schuhe Vaters. Seine Jacke. Sein Gang. Seine Unsicherheit.

Mutters zusammengekniffener Mund. Ihr Unglück.

Die Ehe, Streit und Vorwürfe. 

Der Grossvater.

Ich fragte Vater: Warum ist er denn so früh gestorben? Du warst doch erst 14. Jahre alt? "Dein Grossvater hat viel auf dem Boden, den nackten Boden, geschlafen, hat sich erkältet und ist daran gestorben." 

Was ist das für eine Antwort?

Die Grossmutter. Fit, jedoch beinahe blind am Ende. Eine meisterhafte Strickerin. Nonna Nadeschda. Klein, zierlich, einfach. Grossvater. Unruhig. Lustig. Still. 

Mutter, Karanfil
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8.  Mutter, Karanfil

Man geht davon aus, dass ein Kind seine Mutter liebt. Das sollte auch so sein. Ich fühle nichts. Doch, ich fühle eine ständige Angst vor Verletzungen. In jedem ihrer Sätze lauert ein Seitenhieb. Vielleicht damals, es gab eine Zeit, da war ich zuhause, allein und wenn Mutter von der Arbeit kam, habe ich mich immens gefreut und lief zu ihr und küsste sie überall und sie küsste mich und drückte mich. Ich kann mich erinnern, dass es schön war. Damals habe ich sie geliebt. Manchmal, da konnte ich meinen Kopf auf ihren Schoss legen und sie reinigte meine Ohren mit einer Haarnadel. Die Sonne schien durch das Wohnzimmerfenster. Es war so warm und ich fühlte wohl Geborgenheit.

Mein bisheriges Leben lang habe ich nach Entschuldigungen gesucht, warum unser Verhältnis nicht so ist wie in der Pampers-Werbung oder im Film, im Fernseher. Ich suchte für mich nach Gründen und es war immer ein Kampf um Liebe. Einerseits, um mein schlechtes Gewissen zu bekämpfen und andererseits, meine Sehnsucht nach einer liebenden Mutter zu erreichen, befriedigen, ermöglichen. Ich denke, man sollte meine Mutter würdigen. Sie hat kaum Anerkennung erhalten in ihrem Leben. Sie war es ja schlussendlich doch, die mich grossgezogen hat. Wenn meine Mutter eine andere wäre, müsste sie ihr Leben hier niederschreiben. Sie Jahrgang 1946. Ein Herbstkind. Sie ist klein. Schuhgrösse 35. Sie hat eine natürliche kleine Zahnlücke zwischen den oberen zwei Zähnen, was ihr immer ein besonderes Aussehen verlieh. Mutter ist überdurchschnittlich fleissig und ordentlich. Es ist so eine Haltung in ihr, etwas ganz tief in ihr Gesetztes. Aus einer Armut entstammt, welche sich hier wohl nur wenige vorstellen können, war die Sauberkeit, die Ordentlichkeit und der Fleiss die Kompensation für die Armut. Armut beschämt Menschen. Und vielleicht war auch diese Armut der Antriebsmotor für ihr Tun und Handeln.  Man muss Mutter also von dieser Seite aus sehen. Die Kehrseite dieser tief erlebten und durchlittenen Armut ist aber Härte, Gewalt und eine ständige Angst, welche sich in Aggressionen äussern konnte und hatte.

Freunde sagten, ich kann unmöglich eine Autobiographie schreiben. Meine Eltern leben noch. Das kann ich nicht tun. Nun, ich selbst bin hier frei. Mutter interessiert sich nicht dafür. Mutter liest kaum und Mutter kann kein Deutsch. Aber vor allem, interessiert sie sich nicht. Mutter ist ein sehr einsamer Mensch.

Vielleicht etwas seltsam für den Leser..... ein Versuch, eine Annäherung an meine Mutter: Es liegt ein Fels, ein Berg, ein Zentralmassiv auf meiner Brust beim Schreiben. Vielleicht bin ich einfach zu jung für das Schreiben einer Biographie. Vielleicht aber auch nicht. Das Herz aufräumen? Wenn mein Herz ein Haus wäre, würde ich meinen, dass ich im Estrich, unterm Dachgeschoss sitze, ganz hinten, frontal gesehen, in der linken Ecke, zusammengekauert und eingepackt in einen dicken Wollpullover. Durch die Dachluke sehe ich ein kleines Stück Himmel und frage mich, ob ich mich freuen werde, Schneeflocken an  die Scheibe, das Glas anhaften und dahinschmelzen zu sehen, vorausgesetzt, dass es im Estrich warm ist.  Das Schreiben ist ein sehr schweres Geschäft. Jedoch, entsteht bei manchen Fragen ein solcher Widerstand, dito, dass ich anders an die Themen herangehen muss. Sie langsam anvisieren und dann langsam und möglichst unauffällig einkreisen. So beginne ich mit Bea. Bea ist kein wichtiger Mensch in meinem Leben. Vielleicht empfinde ich auch etwas Verachtung für sie. Jedoch, so fühle ich, und somit glaube ich auch, dass sie das Herz am rechten Fleck hat. Aber warum dann meine leise, verborgene Verachtung? Ich sehe in ihr, beziehungsweise, beobachtete und hörte, wie sie über andere spricht. Ich sehe in ihr einen kollektiven Mitläufer, eine Täterin, eine, welche mitwirkt in schrecklichen Dingen. Schreckliche Dinge sind zum Beispiel, hier jetzt, in diesem Kontext, über andere Menschen zu lästern, böse Dinge zu sagen und darüber in der Gruppe zu lachen, wobei sich ja alle so einig sind. Das Lästern verbindet. Jedoch, wie es dieser Person geht, diesem Menschen, das ahnt niemand und gerade auch solche Mutterfiguren, Beas Rolle ist die Mutterrolle im Grunde genommen, kein, keinerlei Gespür, noch Intelligenz noch Vorbild noch eine Ahnung, wie es ist bzw. sie ist nicht fähig zur Empathie, zum Mitgefühl. So stimmt mich eigentlich jede Begegnung mit Bea etwas traurig. Da Bea aber eine Fremde für mich ist und mir gegenüber korrekt war, sobald ich aber den Rücken kehre, das Lokal verlasse, sieht es bestimmt anders aus- da sie aber eine Fremde ist und ich ich sie nicht kenne, tue ich ihr Unrecht. Ich empfinde aber manchmal das Bedürfnis, mit ihr, unter vier Augen, darüber zu sprechen. Nur weiss ich, dass ich mir damit Feinde zuziehen werde, wobei diese Menschen womöglich bereits meine Feinde sind, jedoch immer noch "passive" Feinde... Mittäter. Solange das so ist, befinde ich mich in Sicherheit oder es fällt mir leichter zu atmen in meinem Umfeld. Also werde ich es nicht tun. Bis ich es irgendwann doch tun werde- womöglich. Nun ist es aber so, dass Bea in mir auch keine Läster-Verbündete suchte, sucht, da sie doch insgeheim fühlen muss, dass sie mich auch etwas verachtet. Und nun muss ich über mich selbst lachen! Nun hat Bea nichts mit meiner Mutter gemeinsam, aber es kommt ungefähr hin. If you're down and troubled.......    you just call loud out my name...... if the sky above you turns dark........ keep your head together...... soon I'll be knocking upon your door.... Ich mochte schon immer Carol King.

Mutter trug als Mädchen und als junge Frau lange Zöpfe. Ihr Haar soll heller gewesen sein als heute und es war eine solche Art von Haar, dass sie die Zöpfe nicht zusammenbinden musste an den Enden. Sie drehte die drei Zopfstränge einfach ineinander und diese hielten sich.

Und wenn mir als Kind schlecht war oder als ich dieses Flusswasser getrunken hatte und mir in der Nacht fast das Herz aus dem Leib stiess, da stützte Danka mir die Stirn, während ich wie eine Ministrantin vor der Schüssel kniete. Später bei meinen Eskapaden während des Studiums, vermisste ich diese Mutterhand. Diese warme feste Mutterhand auf meiner Stirn.

Birnbaum, Birke, Berberitze
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9.  Birnbaum, Birke, Berberitze

"No one speaks English. Everything is broken." (Tom Waits)Die Pubertät & Adoleszenz hatte mich schwer erwischt. Eine therapieresistente, unheilbare Patientin. Wir standen auf Neonfarben, Ohrringe oder leuchtende Schuhbändel. Wir toupierten uns die Haare, die Franseln. Tranken Grüne Banane, Korn, Baileys, Bier war zu grauslig, statt Bier Panaché. Markenkleider. Hm. Benetton, Esprit. In Bad Ragaz wurde ein N’Pub eröffnet. Das war natürlich der Hit. Freundinnen. Schule. Verliebt. Nicht mehr verliebt. Zahnspange. Schülerjob: Werbungen verteilen. Vom Geld einen Fotoapparat gekauft. Fotografiert. Geträumt. Geträumt und die Situation zuhause wurde unerträglich. Ich lief fort. Flog nach San Francisco. Die Interpol fand mich. Zurück, kam ich in ein Benediktinisches Internat. An den Wochenenden und in den Ferien konnte ich bei der Familie des Gemeindeammans sein. Ich bestand die Aufnahmeprüfung für die Kantonsschule. Mein Klavierlehrer wurde mein gesetzlicher Beistand und liess mich bei seiner Familie wohnen und bleiben bis zur Matura. Schülerjob im Mövenpick. Einen Sommer in Lausanne/Pully für die Pro Juventute: Kinderhüten. Meine Freundin Silja. Meine Freundin Verena. Viel Spass. Zigaretten. Doro, meine Pflegeschwester rauchte – also begann ich auch zu rauchen. Zum Missfallen der Pflegemutter.

Meine Pubertät habe ich als äusserst schwierig empfunden. Schon mein Hang zum Schreiben und Lesen und Träumen erleichterte diese nicht wirklich, weil es mich von meiner Mutter entfremdete. Wohl nicht nur von ihr. Wie gesagt, sie hatte kein Verständnis dafür. Meine Mutter wollte aus mir eine perfekt Hausfrau machen. Und es lag klar auf der Hand, dass sie eine starke Neurose entwickelt hatte. So sehe ich es heute. Ich sehe sie mit einem Mandarinennetz die Sofas im Wohnzimmer abschrubben, welche so hell waren und allmählich einen schmuddeligen Ton annahmen. Sie rieb und schrappte bis ihre Finger bluteten.

Ich erfuhr in diesen Jahren eine enorm starke Entfremdung von/zu meinem Umfeld. Das war diese Situation zuhause. Der Vater, die Mutter. Da war Gorans Rekrutenzeit in Slowenien, Postojna 1989. Davor die Tschernobyl Geschichte, danach Gorans Heirat, die Golfkriege. Da waren vor allem diese Lieblosigkeiten der Eltern, die Gewalt, der Streit, die Vorwürfe, die Hausarreste, Strafen, das Schlagen. Die Angst. Viel Angst. Es kam das Umfeld dazu, die Kinder, welche dann geholt wurden aus Ex-Jugoslawien, in welche Gemeinschaft ich zwangsläufig kam und mich zunehmend nicht damit identifizieren konnte. Der ausgebrochene Nationalismus irritierte mich enorm. Und diesen erfuhr ich zuhause wie auch auf der Strasse. Überall. Ich kam mir leer vor und anders, empfand mich weit weg von diesen Jugendlichen, ja klar, sie waren auch meine Freunde und Freundinnen, mit welchen ich eben in diese Kinderdiscos ging wie Mayday oder Opera. Die ersten Erfahrungen mit Jungen, welche schmerzhaft waren, teilweise einfach schwierig, weil übergriffig im Sinne des grossen Missverständnisses körperliche und psychische Entwicklung zwischen Mädchen und Jungen. Kein Schutz von Zuhause. Der Anfang eines Doppellebens. Und dann gleichzeitig diese latente Diskriminierung. So fühlte ich mich auch unter Schweizer Jugendlichen nicht wirklich wohl. In dieser Konstellation veränderte sich mein Körper. In dieser Konstellation waren diese Stimmungsschwankungen, die mühsame Schule und auch dort immer das Doppelte leisten müssen als die anderen bzw. das zum Beispiel Abraten des Klassenlehrers vom Lateinunterricht, weil ich doch zweisprachig war und das Latein mich doch bestimmt überfordern würde. Und andere Ereignisse. (Jahre später musste ich das Latein an der Universität nachholen). Ich fühlte und war unglücklich, eingeengt, gefangen, unverstanden, ungeliebt -so fühlte ich mich.Ja, und bestimmt fühlte ich mich auch hässlich -obwohl ich es ja nicht war.Mit diesem Leben brach ich dann. Ich beschloss fortzugehen. Ich bin also ohne etwas zu sagen weggegangen. Brauchte damals ein Visum, fälschte die Unterschrift Vaters....Bei meiner Rückkehr aus den USA, da nahm man mich gleich auf die Polizei und befragte mich. Man stellte mir fragen wie, ob ich Drogen nehme oder schwanger wäre. Es war demütigend, ich mit einem Jet Lag. Man setzte mich auf einen Stuhl zwischen Aktenschränken, grauen metallenen Aktenschränken und liess mich stundenlang dort sitzen. Man wartete auf die Sozialarbeiterin aus Bad Ragaz. Ein Polizist erbarmte sich meiner und fragte: Wätsch äs Zeltli? (...)Nach all diesen Wirren, nahm mich der Gemeindeamman von Bad Ragaz zu sich nach Hause auf. Man schickte mich in ein benediktinisches Internat, man förderte mich, liess mich die Aufnahmeprüfung für die Kantonsschule machen, riet mir aber wochenlang davon ab in die Kantonsschule zu gehen, gerade in meiner Situation, sollte ich doch eine Lehrstelle suchen..... ich blieb stur. So war es also. Man liess mir also meinen Willen, quartierte mich ins Restaurant Grünau an der Melserstrasse ein und liess mich zur Schule gehen.An der Kantonsschule platzte ich beinahe vor Glück!Zum ersten Mal fühlte ich mich am richtigen Ort.Ich fühlte mich richtig. Die Kehrseite war diese Einsamkeit. Ich war zwar schon 17 Jahre alt aber ich war ein Kind, lebte in einem Zimmer in einem Restaurant, zitterte immer noch vor der Strafe meines Vaters.... und hatte den Druck die Kanti zu bestehen. Allein. Bis zu jenem magischen Moment in einem der Klavierübungszimmer als mein zukünftiger Klavierlehrer Olaf eintrat, wir uns kennenlernten, ich ihm vorspielte, in Tränen ausbrach, alles erzählte und Olaf beschloss mich bei sich zu Hause aufzunehmen.Er hat mir das Leben gerettet, mit weniger kann ich es nicht ausdrücken. Und da platzte ich nochmals beinahe vor Glück! In diesem Birnbaum- Birke- Berberitzen- Holunder RebenLAND Bündner Herrschaft.Ich war angekommen.Eine schwierige Zeit fand ihr Ende.

 

Am wenigsten weiss ich über meinen Vater. Und als er so weit war zu erzählen, behandelte er mich wie einen Kumpel, einen Kollegen. Ich kann nur sagen, dass das sehr befremdend ist und war. Zuerst war er der strafende, böse Vater und dann, der Mann, welcher mit seiner Tochter über Gott und die Welt plauderte.

Heute offenbart sich mir mein Leben wie ein einziges grosses schreckliches Ungetüm. Und ich sehe, dass ich trotz aller Umstände immer noch eine Träumerin bin. Und ich sehe die Gefahr dieses Traumwandelns, vor allem wie schwierig es für mich ist, mich in mein Leben einzufinden. Es scheint mir fast, dass trotz aller innerer Unruhe in der Jugend, ich damals dennoch, einen Platz hatte. Und heute?

So ziehe ich nun im Folgenden konzentrische Kreise, eine Spirale, versuche mich mir selbst anzunähern.

Ich weiss wenig über meine Geburt. Ich weiss allerdings, dass sich Vater betrunken hat aus Freude über meine Geburt, dass Mutter viel gelitten hat, um mich überhaupt auf die Welt zu bringen. Mutter hatte viele Fehlgeburten vor ihrer Schwangerschaft mit mir. Auch frühzeitige Todgeburten. Es scheint mir fast, von weit her höre ich es, bzw. fühle ich es, dass eine grosse Last auf mir liegt. Nach 7 Jahren hatten es meine Eltern geschafft ein zweites Kind zu bekommen. Eine Tochter. Hier bin ich!

Entgegen dem gängigen Weltbild gerade in diesem Kontext -man habe mich geliebt, gehegt und gepflegt, unterstützt, getröstet, respektiert und gefördert. Das war nicht der Fall. Es schüttelt mich noch heute, wenn ich an diese Grobheiten und Lieblosigkeiten denke. Meine Eltern hatten ihre Eltern und so gingen sie auch mit uns um. Wobei, meine Familie nicht zu der Familie gehört, was sich nun ja als logisch herausstellt, in der man einander erzählt, von sich erzählt, diskutiert usw.

Kalter Krieg: Als Kind habe ich natürlich nichts davon gemerkt.

Hätten die Eltern, eigentlich, nicht liebevoller zu ihren Kindern sein müssen in solchen Zeiten? Ich meine die Angst. Die Angst sucht Zuflucht in Liebe und Umsorgen seiner Liebsten. Nicht?

Ehrlich gesagt, ich denke kaum, dass meine Mutter nur eine Ahnung, geschweige denn, einen Begriff vom Kalten Krieg hatte. Das ging ihr womöglich in Anbetracht ihres eigenen Schicksals am Arsch vorbei.

 

Vor einigen Jahren fiel ich in einen Bach. Ich war mit Freunden draussen im Wald und wir sassen auf einem Felsen oder einer Art grossen Findling und plötzlich fiel ich als hätte mich jemand gestossen, hinunter. Ich fiel mit dem vorderen Körper auf und hatte mich wund und blau an den Steinen geschlagen. Es war ein Trigger, ich fühlte mich wieder als Kind und fühlte die Schmerzen nach einer Tracht Prügel. Es fühlte sich genau so an. Diese Schmerzen waren in meinem Körper eingeprägt.









Asphalt, Gewitter
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10.  Asphalt, Gewitter
 

Als mein Sohn noch klein war, sagte er einmal, nach dem Baden: Mama, ich habe Hagelhaut. Hagelhaut? Ich schlug in meinen deutschen Sprachatlas nach (falsches Buch), fand nur Informationen über Apokope (Die Gäns haben das Endung-e verloren) und Synkope (Wörter, die das Endung-e beibehalten haben: die Gänse). Ich kannte Gänsehaut. Es ist die Haut einer gerupften Gans gleichende menschliche Haut, wenn durch Kälte, Schreck oder Furcht (allgemeine emotionale Erregung) deren Talgdrüsen hervortreten. Und ich kenne die Spinatsuppe meiner Mutter! Ich weiss bis heute nicht, warum sie auf diese ihre Spinat-Suppe bestand.  Diese Spinatsuppe war der Samstags-Terror. Jeden Samstagmittag gab es Mamas Spinatsuppe. Die Suppe ist Ansichtssache, nichts Ausserordentliches, aber da war dieser schwabbelnde Spinat, die Ölaugen auf der Oberfläche und dann das Pouletfleisch: Bleich, weiss und teilweise noch mit Härchen.... und dann bekam ich immer Hühnerhaut. Bei den Serben heisst das Igelhaut. Nein, einfach stachelige/igelige Haut, wie bei einer Gans. Vielleicht ist Hühnerhaut, Gänsehaut oder Igelhaut auch so etwas wie wenn eine Katze einen Katzenbuckel macht und faucht?

Bei uns zuhause musste gegessen werden, was auf den Tisch kam. Als ich klein war und meine Mutter am Abend arbeitete, sich also mein Vater um mich kümmerte, da passierte es oft, ich denke meine Vater hatte sich doch etwas Pädagogisches überlegt, dass ich ausessen musste und erst aufstehen durfte, wenn der Teller leer. Ich bin lange, lange am Tisch gesessen. Vater in der Stube. Ich in der Küche. Das, bis ich den Einfall hatte und vor allem den Mut aufbrachte, die kleine Schublade am Esstisch mit Papiertaschentüchern auslegte und dann ganz vorsichtig und leise, das Essen in die Schublade löffelte und dann rief: Ich habe ausgegessen! Das Essen entsorgte ich dann im Müll, ganz unten. So steigen Erinnerungen auf beim einen Satz des eigenen Kindes: Mama, ich habe Hagelhaut. Wobei ich einmal einen "Fehler" machte, was auch zum Thema Hagel gehört. Mein Sohn Jan fragte immer wieder: Mama, wann habe ich Geburtstag? Mama, wann habe ich endlich Geburtstag? Mama, ich will auch Geburtstag haben, Mama! Ja, und wir Eltern wissen, dass wir den Kleinen Dinge wie achtund(g)(28)zwanzigster Januar (Wievielmal fünf Minuten gibt das? Wie viele Male Zähne putzen? Wie viele Male schlafen?) etwas praktischer und realistischer und anschaulicher beschreiben müssen. So sagte ich: Du hast Geburtstag, wenn der Schnee fällt. Und an einem Augusttag, als ein Platzregen Bern in den Staubduft stürzte, steigerte er sich in Hagel und Jans Vater, nahm Jan vom Kindersitz des Velos herunter und es rief: Mama! Ich habe Geburtstag! Es schneit! 

Liebe: "Ja, ich mag es auch, wenn der Asphalt nach einem sommerlichen Gewitter dampft und riecht." Ich bin geschieden. Geschieden und heute denke ich, dass ich dem Vater meiner Kinder Unrecht getan habe. Ich war zu jung, zu impulsiv, zu stolz und zu wütend, trug eine Wut in mir, welche nicht verarbeitet war und wurde. Und so sah ich nur die Flucht, statt Probleme anzupacken. Es fehlte mir an Wissen und an der Erfahrung von heute.

Ich erinnere mich auch wie müde ich manchmal war. Schrecklich müde am Morgen und drückte immer wieder auf snooze- was das auch immer heissen mag, in meinem Fall waren es 9 Minuten (weiss der Himmel wie ich auf neun Minuten kam) mehr und dann wieder snooze und dann stand ich auf, zog die Finken an, ging in die Küche, wusch die Espresso-Maschine aus, füllte Kaffee ins Sieb, stellte die Maschine auf die Platte, schalte Platte ein, schalte Radio ein, dreh etwas auf, gehe ins Schlafzimmer, habe mir gerade den BH zugeknöpft als ich höre Mama! Die Kleine oder der Grosse? Die Kleine, schnell Hosen an, T-Shirt, Haare hochstecken und dann bettwarmes Kind in die Arme, aufs Bett tragen und dann Mama!, der Grosse. Rüber, nehme ihn in die Arme, lege ihn in mein Bett. Da liegen sie. Ich torkle etwas vor Müdigkeit. Ich ziehe die Vorhänge auseinander: Wetter? Sonne! Puh...Glück gehabt. Also. Anziehen, beziehungsweise ausziehen, dann anziehen, dann Socken, frische, dann: Hopp in die Küche! Frühstück: Weetabix? Cornflakes? Jogurt? Milch? Wasser? Lätzchen anziehen, Espressomaschine von der Platte nehmen, die Kinder essen, Radio: Guten Morgen liebe Hörerinnen und Hörer, Kinder essen, ich bin im Badezimmer, Kontaktlinsen, Haare kämmen, Lippenstift, zurück, Kaffee und Konversation. Pausenbrot? Dinosaurier oder Transformer einpacken? Die Kleine holt sich schon die Jacke. Es läutet an der Tür. Linda ist schon da mit ihrem Vater. Der Grosse: Mama! Kannst du mir die Schuhe binden, aber keinen Doppelknopf! Ich öffne die Haustüre, Begrüsse. Jacke anziehen, Verkehrsstreifen, Kindergartentäschchen Felix, Pausenbrot, heute: Transformer, Kuss auf den Mund, kalt von der Milch: Tschüss Mama! Ich liebe dich. Türe zu. Die Kleine: Ich will auch mit in den Kindergarten.

Vielleicht waren wir als junge Eltern einfach chronisch übermüdet und konnten keine klaren Gedanken fassen. Aber ja, wir haben auch nicht zueinander gepasst. Zwar weiss ich nicht mehr, ob ich das wirklich einschätzen kann. Versteht mich jemand in diesem Punkt?

 

 

 

Flieder
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11.  Flieder

 

Meine ersten Erinnerungen und Kindheit? Meine Geburt? Meine Mutter meinte, ich hätte als Baby ganz feines seidiges Haar gehabt und sie verglich es, als ehemalige Bäuerin, mit der Seide des Maises, sprich mit den Fäden am Kolben. Ich wurde im französischen Teil, im Welschland der Schweiz geboren, in Sierre. Mein Name? Diesen haben mein Pate und meine Patin ausgewählt. Ich habe nur einen Vornamen. Ich zähle mich nicht zur der Blume der Lilie. Ich bin eine weisser Sommerflieder.  Leylak. Das bedeutet auf Türkisch Flieder. Allerdings ist das Wort Flieder vleder auch eine Bezeichnung für Holunder, gerade im Deutschen, germanischen Sprachraum, ursprünglich. Ljiljak. Ich bin also eigentlich ein Ljiljak oder eine Ljiljak. Zwar vermute ich, dass mein Name auf die Lilie hinweist, der reinen Lilie des Christentums. (Deren Pollen übrigens Flecken hinterlassen, welche man nie mehr weg bringt.) Ich bevorzuge also den Flieder, weil ich hier lebe, wo ich lebe und das -vielleicht- prosaisch Schöne und überall in unserer Landschaft, sei es im Osten oder Westen, wächst. Flieder und Holunder sind ein Stück Heimat für mich.

Meine ersten Erinnerung sind vielleicht, ist vielleicht ein Raum. Dieser Raum wird mit einem  elektrischen Luftheizer gewärmt. Beton. Ein Boden aus rauem Beton. Dann ein gelbes Plastikhündchen, das halb so gross war wie ich. Ein Bleistift. Meine Mutter erzählte, ich hätte immer einen Bleistift in der Hand gehabt. Und dann sehe ich, ich denke nach einer langen Krankheit, meine Füsse. Kleine Füsse in roten Plastiksandalen, meine Knie und ich erinnere mich an kurze dunkelgrüne Hosen. Ich erinnere mich an den Zwetschgenbaum vor dem Haus meiner Grosseltern, an unsere grosse dicke rötsche Katze und an Feuer. Feuer. Herd. Wärme. Insektenschwärme um die Glühbirne vor der Eingangstüre. Ich erinnere mich an Brot, getunkt in warmer Milch. Zucker. Und womöglich noch vorher, war ein Erdbeben. Ich weiss, dass Mutter draussen am Wäsche aufhängen war als das Zimmer plötzlich erzitterte, ich aus dem Zimmer rannte, weinte vor Schreck und meine Mutter vor dem Eingang sehe, in Panik, wie sie die Treppe herunter rennt, mich aufhebt und nach draussen ins Freie trägt.

 

Das Lesebuch in der Grundschule. Ich erinnere mich nicht mehr, wie es aussah, noch wie es hiess. Aber es erinnerte mich an eine Erzählung von Peter Bichsel und, seltsamerweise in Verbindung dazu, an das Bild Der arme Poet von Spitzweg. Ich denke, es war jene Erzählung über einen alten vereinsamten und gelangweilten Mann. Dieser beschloss eines Tages alle Dinge in seinem Umfeld umzubenennen. So nannte er den Stuhl Tisch, den Tisch Topf, die Wand Bett, die Türklinke Tintenfass etcetera. In meiner kindlichen Fantasie, hielt ich den armen Poeten für diesen seltsamen Kauz, bis ich später verstand, dass das Bild nur als eine Art Beispiel einer Illustration zur Vermittlung von Allgemeinbildung diente. Was mich aber besonders an Spitzwegs Darstellung eines armen Poeten faszinierte, war der Regenschirm an der Decke! Da die Kopie nicht alle Details eines Kunstwerks wiedergeben kann, sah ich als kleines Mädchen nicht, dass der Schirm an Fäden an der Decke aufgehängt war. Oder, vielleicht ahnte ich es, aber mir gefiel der Gedanke, dass ein Dichter, ein Poet! ein Schriftsteller! so in seiner Welt versunken sein konnte, dass irgendwie der Regenschirm, wie ein Heissluftballon, zur Decke stieg und dort blieb.

Ich glaube, dass Spitzwegs Darstellung eines Poeten, abgedruckt in einem Lesebuch für die Grundstufe, in mir das Interesse für die Kunst weckte. Denn da war noch ein Bild, das eine der ältesten Geschichten unserer Kultur erzählt: Der Turmbau zu Babel von Brueghel. Ich fragte mich wochenlang, was geschehen wäre, wenn Gott die Sprache der Menschen nicht verwirrt hätte? Und dann musste ich an jenes Märchen denken, wo eine Stangenbohne bis in den Himmel hinauf wächst...

 

Als Mama damals in die Schweiz ging, die Kinder zurückgelassen wurden, so erzählte es die Tante, soll sie ratlos dagestanden haben. Sie soll mitten im Raum ihrer Geburt gestanden haben und sich die Hände gerieben, als würde sie sich waschen oder eincremen.

Eine sternklare Nacht. Ich sehe Mutter vor einem Berg Ziegeln sitzen und die Steine bewachen. Mutter die Ziegelwächterin. Der Vater schläft. Am Morgen wird sie ihm einen Kaffee kochen und für die Kinder Milch aufwärmen. Der siebenjährige Goran verwickelt sich in eine Prügelei am ersten Schultag und schlägt einem Jungen den Kopf blutig am Lavabo. Ich darf mit meinem Onkel dem Lastwagenfahrer mitfahren. Ich komme mir gross vor. Und wir Kinder werden zu den Grosseltern gebracht. Die Eltern fahren in einem silbrigen Auto davon und alle winken.   Und das Mädchen am Rande des Abgrunds, weiss noch nicht, dass sie ein Loch im Flügel hat. Sie spürt einen Druck, eine Schwere, zwischen den Schulterblättern. Sie steht da, am Rande des Abgrunds, und schaut zurück, hinab und hinauf, auf Menschen, die Äpfel schälen. Auf Menschen, welche ihre Füsse waschen und mit einem Tafelmesser die Hornhaut abschruppen. Sie schaut auf Grosseltern und Kinder, welche die Tagesschau schauen. Der Grossvater nickt immer wieder auf seinem Stuhl ein. Strom surrt einwenig. Weckerticken. Knistern des Feuers. Dösende Katzen.

Lattenzaun, Scheinwerfer
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12.  Lattenzaun, Scheinwerfer

Eines Tages, in Gornji Matejevac, kam meine Grossmutter Rada (väterlicherseits) auf Besuch. Das war eine Sensation. In ihrem Flechtkorb lagen lauter feine Sachen. Die  Grossmutter Rada mit ihren vielen Muttermalen im Gesicht. Weisse Bollen mit Haaren dran und man mich immer neckte, ich gleiche ihr am meisten. Ich erstarrte beinahe jedes Mal vor Schreck, denn schon sah ich mich der Hexe aus Hänsel und Gretel ähnlich, wenn ich dann einmal gross bin. Aber natürlich hatte Baba Rada nichts von dieser bösen Hexe. Ihr Lachen war strahlend, ihre Augen hell und glänzend. Sie war mollig mit weichen grossen Brüsten. Sie roch nach... ich weiss nicht... etwas nach modrigem Keller, faulenden Äpfeln und Karanfil (Nelken). 
Jedenfalls schlug sie vor mich zu ihr mitzunehmen. Ich könnte etwas Zeit bei ihr verbringen. Ich freute mich und wollte mit gehen. Allerdings hatte ich ja als Kind kein Zeit bzw. Distanzgefühl. Ich dachte nicht daran, beziehungsweise dachte wohl, dass ich ja jederzeit wieder nach Hause könne, wenn ich wollte. Ich erinnere mich an den grossen Reisebus unten in der Stadt, dass wir leicht zu spät waren, der Bus bereits die Rampe anfuhr und Grossmutter mit mir losrannte, dem Bus zuwinkte und dieser auch stehen blieb und uns auflud. 
So kam ich nach Doljna Livadica im Bezirk Zabare bei Velika Plana. Ihr Haus klein mit einem schönen Wintergarten. Im Nebenbau das Futter für die Tiere, der Karton, Wärme mit Glühbirne für die Kücken, welche ich dann auch anfassen durfte. Es war schon Nachsommer, der Herbst kündigte sich von Fern an. Deda Brana ihr zweiter Ehemann und Baba Rada. Und ich zerfiel beinahe vor Heimweh als ich realisierte, dass ich wirklich weit weit weg von meiner Baba Nada und Teta Srpce, meiner Katze Zutica (Gelbling) war. Man wollte mich nicht zurückbringen. Um mich abzulenken kamen meine Tante und mein Fischeronkel, mein Lastwagenfahrer- Onkel und nahmen mich zu ihnen. Wir machten zusammen Ausflüge an den Fluss Morava, gingen Fischen, strichen durch die Landschaft, assen Brot mit Pastete und abends durfte ich manchmal mit Fernsehen schauen.

 

Es war Herbst. Es dämmerte bereits. Es roch nach Rauch, nach Mist.

Jener Abend, ich draussen am Spielen, Baba Rada drinnen am Kochen, dass ein Auto heranfuhr, das Licht durch den Lattenzaun schimmert, die Türen sich öffnen und ich das, mir so bekannte Husten Vaters höre. Überraschung! Sie packten meine wenigen Sachen und fuhren am nächsten Tag mit mir in die Schweiz.

Goran, mein Bruder, wurde ein Jahr später nachgeholt.Als mein Bruder nachkam. Ratlos sitzt mein Bruder auf meinem Bett. Zum Fenster hinaus sieht man Ahornbäume und Beton. Auf dem leeren Fabrikplatz spielen Kinder Tennis. Mama steht in der Küche im plüschnen Überrock und macht Palatschinken. Es scheint mir noch heute so oder ich fühle es, wie traurig mein bleicher Bruder war. Wie still er war, wie unendlich unglücklich er war über den Wegzug. Wie er sich nicht vorstellen konnte in diesem anderen Land zu leben, die Sprache zu lernen... Freunde zu finden. Die Dinge nahmen ihren Lauf und wir beide hatten die Zeit zu durchleben, in der Fremde und gar mit uns fremden Eltern.

 

Und vielleicht ist es so wie Skarlet, eine Freundin, sagt, - viele Jahre später, Skarlet eine Dame von über 80Jahren, es gebe Tage an denen man durch die Stadt gehen könne/ könnte und jeden auf offener Strasse ohrfeigen.  

Da sind sie alle. Da gehen sie oder stehen. Da sitzen sie. Da führen sie Selbstgespräche oder spazieren und singen Arien. Der eine  aus Schaffhausen Don Giovanni, der andere mit Kopfhörer Volksmusik, der andere beschimpft wahllos Reisende im Zug. Der dritte bettelt um eine Zigarette. Da sind sie. Ihre Wege kreuzen sich. In  einer kleinen Stadt, in einer Kantonshauptstadt sind sie alle vertreten. Nimmt sie diese kleine Stadt oder nimmt sie eine andere. Die Engel sind überall. Eine gesellschaftliche Durchmischung. Es könnte sogar sein, dass die Gesellschaft bricht, auseinander bricht; sie wird durchgeschleust durch den Spalt der Zukunft. Wie die Bürste mit der eine Flasche gereinigt wird. Wie das Striemen des Fells eines Rosses. Denn wo gehobelt wird, müssen Späne fallen. Es sind nicht nur die Engel, es sind auch die Stehenden, jene, welche sich das Begehren der Macht ins Muskelfleisch gesogen haben. Sie trennen sich voneinander. Sie wünschen sich tausendmal am Tag alles Gute und Liebe und einen schönen Mittag und Abend und Appetit und Wochenende und Ferien und Erfolge und Glück und. Fratzenhafte Gesichter. Aufgesetzte Lebensfreude und Selbstdarstellung. Angespanntheit. Sie haben gepflegte Zähne. Niemand geht mit schwarzen Zähnen wie Räuber um oder wie die Bettler vor dem Vatikan. Es scheint alles in Ordnung. Warum soll es auch nicht so sein! Nichts Illusionistisches oder Desillusionierendes oder gar Negatives ist darin zu sehen. Warum denn auch? Es sind Strategien. Es sind Strategien, Automatismen, Höflichkeiten und Abläufe. Abläufe, welche funktionieren, sich bewährt haben, gar wenn etwas Schlechtes getan wird, ist es gut, wenn die Gruppe unterstützt. Es muss sein, damit das Band zusammengehalten werden kann, dass der Knoten nicht reisst, dass die Konturen des Herzens nachgezogen werden können, die Staatsgrenzen verteidigt werden können, die Familienbande nicht zerschellt an Heilig Abend, die Kinder den Osterhasen lieben aber nicht an ihn glauben. Damit wir nicht in den Bürgerkrieg fallen, in die Anarchie oder gar zurück in den Faschismus. Und man kann ausholen und sagen, nichts ist so wie es scheint. Die Leere, das Diffuse, die Windfahnen und Beamten, die Klarsichtigen und Schweigenden. Es muss Ordnung her. Stabilität. Privatheit. Denn weg mit den Kaskaden der Gedanken, Ideen und Interpretationen, die Stück für Stück, Hautschuppe für Hautschuppe, Wimper für Wimper, Seele für Seele das Hirn zerreissen wie Löschpapier gerissen wird. Wer ist Engel, wer ist Mensch? Wer ist oben oder unten? Wer ist drinnen, wer ist draussen? Und wenn Augenblicke kommen, welche sich anfüllen mit Idylle, dann staunt sie. Ihr Herz öffnet sich wie eine Nachtkerze. Beobachtbar vor dem blossen Auge. Das Aufblühen schwappt in die Unwirklichkeit; es giesst sich in eine schauderhafte Schwermut. Eine Achterbahn der Gefühle im Stillen und Unbemerkbaren. Im Unauffälligen und Banalen. Sie fällt aufs Steissbein und erkennt, dass sie ein Kind ist. Dass sie eine Geschichte hat, welche unter Abermillionen und mehr Biografien untergeht, sich in ihnen auflöst. Nachtkerzen öffnen sich überall! Wie könnte sie diesen Trieb unterdrücken? Wie könnte sie sagen, dass sie es nicht tun wird um das beobachtende Auge nicht zu erschrecken! Ja, Nachtkerze kompromittiert mit Striptease am kühlen Sommerabend, in jenem Moment, wo sich einer wieder zusammen puzzelt, Arkadien zurückerobert. Wie ein Augenaufschlag. Wie Schuppen von den Augen, wie eine Koketterie von Seiten des Teufels.

Wenn ich mit Migranten spreche aus meiner Generation, dann sind wir uns in dem Punkt einig, dass unsere Eltern nie gesprochen haben. Sie waren Meister im Verdrängen und der weitere Verlauf der jugoslawischen Geschichte machte sie nochmals zu Schweigenden. Was passierte in diesen Gastarbeiter Familien in den privatesten Räumen? Oder müssen wir auf nostalgische Bilder, Konstruktionen von Quittenbäumen zurückgreifen? Von Abrahams Schoss erzählen, während die Eltern im Ausland waren? Von den hohen Pappeln im Tal? Die bebauten Felder, ausgetrocknet im Sommer? Von den Grillen desnachts und den Insekten um die Glühlampe? Was geschah in diesen Wohnungen? Was geschah mit diesen Menschen, welche Töchter bestraften, ihnen den Kopf kahl rasierten? Den Söhnen, welche die Hand gegen die Väter erhoben? Was geschah in den anderen, in den vier Wänden der Personalhäuser? Der Blockwohnungen? Die ständigen Reibereien, die Demütigung am Arbeitsplatz? Der Arbeit in Sahara Wäschereien, in stinkigen Fabrikhallen, in Restaurants, wo ihr jeder auf den Hintern schlagen konnte? Was geschah dort?

 

 

Scheinwerfer, Lattenzaun
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13.  Scheinwerfer, Lattenzaun

 

In welcher Zeit?
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14.  In welcher Zeit?
 

Mein Geburtsjahr 1976: Wiedervereinigung Vietnams, China Naturkatastrophe, September starb Mao Zedong, BRD Wahlen Deutscher Bundestag, Helmut Schmidt als Sieger gegen Helmut Kohl, Gurtpflicht wird in Deutschland eingeführt, Präsident Jimmy Carter, Elvis Presley lebt noch, Tito Josip Broz lebt noch, Bundesräte wie Pierre Graber, Hans Hürlimann, der Schauspieler Louis de Funés hatte bereits seinen zweiten Herzinfarkt überstanden und Max Frisch erhielt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (...) In dieser Zeit, diesem Jahr wurde ich geboren. Also der Anfang meines Lebens. Ich wurde in die Zeit und die Welt meiner Eltern geboren. Beziehungsweise, ich wurde in MEINE Zeit geboren. Eigentlich seltsam, nicht? Getauft wurde ich übrigens erst mit 14 Jahren. Es geschah aus dem Anlass, dass mein Bruder, bzw. seine Braut, kirchlich heiraten wollte. So wurde ich, aus meiner Sicht, gezwungen die Taufe über mich ergehen zu lassen. Vielleicht gab es Mengenrabatt? Ich erinnere mich, dass der Pope mir ein Stück Haar abschnitt und mein Haupt benässte über dem Tauftrog und dass ich lernte wie man sich richtig überkreuzt als Serbisch-Orthodoxe.

Die Zeit, in die ich geboren wurde, was war das für eine Zeit? Mein Vater trug noch Jeans, später dann nicht mehr. Es war eine Zeit des Aufbruchs für meine Eltern. Gestritten wurde immer. Es kommen böse Erinnerungen auf. Jedoch begann meine bewusste Zeit zuerst weit weg von den Eltern. Meine ersten Jahre verlebte ich bei meinen Grosseltern mütterlicherseits. Mein Bruder, 7 Jahre älter, und ich verbrachten glückliche Jahre in einem kleinen serbischen Dorf, nahe der Stadt Nisch. Im Sommer war es heiss, im Winter war es kalt. Wir liebten es zu schlitteln. Mein Bruder pinkelte auf den Schnee, damit er zu Eis wurde. Das war vor dem Haus, damit wir runterrutschen konnten wie Eisläufer. Später dann Mombuts. (Das schreibt man wohl anders.) Mit diesen klappte es dann nicht. Der Grossvater hatte uns Schlitten geschreinert. Damals konnten wir noch auf der Dorfstrasse runtersausen. Wir lebten sehr bescheiden. Strom im Haus aber kein Wasser. Oft fiel der Strom aus. Im Sommer wurde das Wasser abgestellt. Ich ging oft zum Dorfbrunnen, um Wasser zu holen. Das war eines meiner ersten "Ämtli". Es war diese Zeit, in die geboren wurde und ich erinnere mich an die Pflanzen in unserem sehr grossen Garten. Apfelbäume, Birnbäume, Zwetschge, Weichseln, Kirschen, Linde und Kornelkirsche, Tulpen, Basilikum und Nelken.... Feigen. Erdbeeren und Tomaten, Gurken und Lauch. Und ich? Ja, ich war klein. Meine Grosseltern, in meiner Erinnerung, lieb, ausser als... ich rannte einmal über die Hauptstrasse und wurde beinahe überfahren. Ich wusste, dass ich etwas "Falsches" getan hatte und traute mich nicht nach Hause. Grossmutter schnappte mich dann später in einem Seitenpfad, und schimpfte schrecklich. Ich spüre noch heute den Griff um meinen Oberarm.  Es war also noch die Zeit des Kalten Krieges, so gab auch immer wieder aviatische Übungen, bei denen die Bevölkerung angehalten war abends alle Lichter auszuschalten, kein Licht durfte auf bewohnte Gebiete hindeuten. Das hat mir immer etwas Angst gemacht. Wir sassen dann in der Stube und Grossvater erzählte uns Geschichten während Flugzeuge durch den Himmel, die Wolken donnerten. Ich zucke heute noch zusammen, wenn ein Düsenjet oder ein Motorrad vorbei rasen.

Sarganserland
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15.  Sarganserland

Sarganserland. Sarganserland. Sarganserland. Well, if you want to sing out, sing out. And if you want to be free, be free.'Cause there's a million things to be.You know that there are.

Die Jeans, die Schuhe, die Socken, der Trainer zuhause. Der kleine Schlupfwinkel auf dem Areal der Elesta AG. Ein Kiesplätzchen, ein Versteck. Das Pony-Fahrrad. Der Sandkasten, die Buchennüsse, Buchenecken, der Regenwurm auf Elviras Nase, die Garage, die blonden Strähnen von der Sonne. Kaltes kaltes Wasser trinken nach dem Spielen draussen. Die Abende, Sommer, der Rasenmäher, sein Geräusch, der Duft des Grases. Die Schlüsselblumen in der kalten Tonvase auf dem Klavier. Die Musik. Ronja Räubertochter lesen und nachspielen im Freiluftbad Strämpi. Gierreizi, Schaukel. Pommes-Frites, Sinalco, Zitrone, Schnitzel. Kastanienbäume und Kiesplatz. Wind. Föhn. Bob fahren. Skianzug. Moonboots. Handschuhe, Kappe, Schal. Dä Plitsch und dä Platsch, zwei Rägatröpfli...... die kalten Schulgänge, Korridore, der Geräteraum, Fangnis, Versteckis. Der Hausabwart und Magnesium.Räuber Hotzenplotz. Zwackelmann, heiss ich!!! Die Töpfernhexe. Rüdiger, der kleine Vampir. Das kleine Gespenst. Mit Trix und Gägs, Sali zähma! Löwenzahn. Die Sendung mit der Maus. Schulbuch. Schulranzen. Nasse Füsse. Pfütze, Gudla. Regenblumen, der Tunnel.Kliby und Caroline? Didi Hallervorden? ;-) Ach ja.... Brüder Löwenherz und viele andere Bücher. Heute, als Clown, sehe ich zurück an jenen sonnigen warmen Dezembertag. Der Einundreissigste. Ein Bundspecht im Garten, niemand zuhause. Ich hinausging, zu Fuss von Maienfeld nach Fläsch. Meine einsamen Spaziergänge. Noch an Weihnachten schlüpfte ein Schmetterling in meinem Zimmer. Der Kokon hatte sich unter dem linken Fensterrahmen versteckt. Es war zauberhaft und doch auch etwas unheimlich. Traurig den Schmetterling in die freie Luft zu lassen.Ein föhniger Dezembertag. Ja, eigentlich dann doch auch, ein fröhlicher. Ich kehrte in die Traube ein. Ein Mann folgte kurz darauf, gross und schlank, wirkte etwas unsicher, setzte sich und wir sahen uns an und begannen ein Gespräch. Ich erinnere mich noch wie er sagte: Du bist eigen. Und ich erinnere mich an seine grossen rauhen Hände, unsere langen Winterspaziergänge, an Rohschinken und Blauburgunder, weiches, weisses Brot, an Ursula die Wirtin vom Landhaus. 
Das Schneebedeckte der Landschaft, das Rosablau des Himmels, Schneebuckel und Mulden überschneit, der Strauch mit Ruten, die verschneit aus dem Schnee ragen. Die Hecke, die Böschung, der Obstbaumgarten. Ein Vogel, der hoch über den Bäumen, Erlen, Pappeln schwebt. Ein Haus mit tief zu den Mauern hinuntergezogenem Dach, ein Schuppen daneben, Hühnergackern. Der Obstbaumhang. Hagebuttenstrauch.Vom Haus her ein Hundegebell zu hören. (Die Erinnerung ist wie ein Hund, der sich hinlegt, wohin er will. C.N.) Je nach Windrichtung dröhnte es von der Autobahn her.Dohlen.Viel sind wir gereist, Gabriel und ich. Cudillero, Asturien, der Cidre, die lebendigen Tage, Nächte, die Spanier mit ihrem Ola! Im Baskenland Randondella. In Biarritz die schwarze Tintenfisch-Pasta, das Meer, Salz in der Luft. In Toulouse der Mann mit dem Zylinder, dem Geigenkoffer und darin kiloweisen Totentrompeten, seine schwarzen Zähne und wie er die Trompeten roh ass, in den Mund steckte und rief: Ils sont bons! Comestibles! Comestibles! Die alte Frau im Hotelzimmer, Stock unter uns, ihre Zigarette im Mundwinkel, ihr verwahrlostes Aussehen. Toulouse: Eine junge Frau schreibt einen Brief und trinkt eine Noisette. Schön, eine Briefeschreiberin.
Und meine Hand in Gabriels Hand. Unsere Herzen aneinander.

Meine einsame Reise von Maienfeld nach Vila Real, in den Norden Portugals. Die Matura "im Sack", die Nacht davor, wieder übernächtigt, weil aufgeregt, Richtung Barcelona über Genf. Im Zug lernte ich zwei Frauen aus Brasilien kennen, welche mich auf eine Art adoptierten, mich gleich in ihr Hotel mitnahmen, es sei ein Kongress in Barcelona, könnte schwierig werden für mich etwas zu finden. Sie nahmen mich mit ins Nachtleben, kehrten mit mir ein, luden mich zum Abendessen ein. Muscheln, Hummer.... Im Hotel unterhielt ich mich mit dem Receptionisten. Er solle mich doch am Morgen wecken, damit ich meinen Zug nach Madrid erwische. Madrid, Salamanca, Bigo bzw Vigo -erinnere mich noch an das Missverständnis am Schalter, ich sagte Vigo, er sagte Bigo, Vigo, Bigo..... B und V liegen ja nahe auf den Lippen beieinander. Porto und dann mit der Schmalspurbahn nach Vila Real..... alleine, gondeln, herrliche Berglandschaft, Nebel, Regen, dazwischen Aufhellungen, Bauernvolk, das zusteigt und aussteigt... der Mann mir gegenüber, mich angrinsend... wir können uns nur schlecht verständigen. Regen, es schüttete in Vila Real... es goss so richtig. Der Taxifahrer wollte mich nicht zu meinem Zielort fahren, er meinte die Casa Mateus wäre ein Museum und am Sonntag wäre das Museum geschlossen, es habe keinen Zweck mich dorthin zu fahren. Und ich sagte, doch, doch, ich bin von der Familie Albuquerque persönlich eingeladen, man erwartet mich. Der Taxifahrer, wobei er sich weigerte mein Italienisch wirklich zu verstehen: Nein, das kann nicht sein. Und ich, doch das ist so. Ein sturer Portugiese.... Es goss in Strömen, er fuhr mich hin, er läutete an einem Gittertor und wie aus dem Nichts tauchten Dobermanns auf, kläfften, knurrten, drohten.
Man liess mich ein und ich streckte dem Taxifahrer zum Abschied die Zunge raus.Ich war gerade mal 22 Jahre alt.In der warmen Stube, beim Kaminfeuer, erwartete mich Gabriel.

Ich kehrte krank in die Schweiz zurück. Pfeifferisches Drüsenfieber, das Immunsystem geschwächt, die Kusskrankheit. Gabriel blieb in Paris zurück. Der Herbst war bereits da. Traurig war ich, so wie ich mich erinnere. Es war eine Schwere da und als ich die erste Nacht im Hotel Bergasthaus Pardiel übernachtete, weinte ich stundenlang vor Heimweh und Fernweh, so dass ich an meinem ersten Arbeitstag, als Service-Angestellte, aussah wie ein neugeborener Igel, nur dass die Augen darüber beinahe zu waren, weil sie geschwollen. Meine neue Chefin Angela, Angie, rügte mich sogleich: So kannst du doch nicht zur Arbeit kommen! Denn ich hatte einen Plan: um mich selbständig zu machen, nahm ich als Service- Angestellte eine Arbeit für die Wintersaison, um dann im Frühling 99 an die Uni zu gehen.
Jetzt weiss ich "woher de Chlütter chunnt"! Es fiel mir auf, dass ich gar nicht Kopfrechnen konnte, weil ich doch immer einen Taschenrechner gebraucht habe. Ja den Sinus und Cosinus und die n! = Fakultät usw.... man lachte mich aus.... bis ich wunderbar kopfrechnen konnte.
Am Mittag kamen immer die Bähnler, der eine aus Valzeina, der andere aus Ragaz, Vättis, der andere aus dem Tirol, wobei dieser mir mitteile er können einen Jodler, den sonst niemand anderer könne aus den umliegenden Dörfern, den tirolerischen, wo er aufgewachsen. Zürcher Skitouristen, Basler Skitouristen.... der Winter schlug zu, 99 gab es sehr viel Schnee, eingeschneit waren wir, Tannenäste fielen auf die Seile der Bahn.... Gabriel kam mich besuchen. Es gab einen Eklat. Er konnte nicht bei mir übernachten. Für das prüde Ragazer Wirtepaar war das unvorstellbar. So boten uns die Bähnler ihr Bett in der Seilbahnstation an. Oben auf der Veranda drei Zimmer, unten in der Halle die Gondeln. Gabriel und ich liebten uns in der Gondelstation.

Frühling. Eine Zeit des Aufbruchs. Die Universität. Zürich. Zimmer in der Stauffacherstrasse. Doro und ich spielten weiterhin junge elegante Damen, gingen Wein trinken in den Weissen Schwanen oder etwas essen im Weissen Wind... rauchten in der Splendid Bar. Studierten. Gabriel oft fort als Stadtschreiber als Stipendiat in Rom, in Edenkoben, in Paris in ...... nachgereist bin ich, wenn es möglich war. Die Beziehung kriselte.

In dieser Zeit lernte ich Stefan kennen. Ich weiss noch, einmal, kühler Sommerabend, irgendwo in der Ebene dieses wunderschönen Sarganserlandes, war ich etwas tuch, etwas trist. Da nahm mich Stefan an den Fussfesseln und half mir einen Handstand zu machen: Komm! Mach einen Handstand, das tut dir gut! Wie haben wir gelacht! Und Stefan liess sich auf mich ein und ich habe ihn wohl dann mit Haut und Haaren verschlungen, wünschte mir Kinder.












Doppelspassmacher
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16.  Doppelspassmacher

Vielleicht bilde ich es mir auch nur ein oder will es mir einbilden, dass ich glücklich war. Jedenfalls sehne ich mich heute nach dieser Zeit. Diese zwei Kinder, von denen die Anekdote weiter unten handelt, stammen von einem tschechischen Vater und einer serbischen Mutter. Es schimmert immer ein gewisses Bedauern durch, dass die Kinder weder tschechisch noch serbisch sprechen. Sie können sich rudimentär verständigen und verstehen daher doch schon einiges in diesen zwei Sprachen, aber sie sprechen sie nicht. Zudem kommen ja die Schulsprachen hinzu und manchmal, höre ich, ehrlich gesagt, nicht heraus, ob mein Sohn einen Dialekt spricht. Sein Schweizerdeutsch ist nicht nur verflacht, sondern auch zusammengewürfelt aus Berndeutsch, Bündnerdeutsch, Hochdeutsch, Schaffhauserdeutsch und Baslerdeutsch. Basler, so heute, da seine Freundin Baslerin ist. Das Mädchen, unsere Tochter,  dagegen, ist dem Schaffhauserischen ziemlich nahe dran, wenn nicht gar ganz. Sprache als ein Kriterium der Identität. Unser Personalausweis, Pass, kürzt die Identität in wenigen Angaben ab oder fasst zusammen. Aber hinter diesen Angaben eröffnen sich Welten. Hier erzähle ich die Geschichte der Familie Pospisek-Djordjevic oder umgekehrt, welche sich verstreut hat, teilweise, über den Globus, über die Länder, teilweise verstorben ist und sich auch aus den Augen verloren hat. Der Tod weiterer Familienmitglieder steht uns noch bevor.

Mutter hatte keine Wahl, sie musste es hinnehmen, dass ich keinen Serben geheiratet habe. Eva, meine Schwiegermutter, quälte sich damit ab, dass ihr Sohn eine Serbin geheiratet hat. Sie äusserte sich einst, Eva, beinahe entsetzt: Ich dachte sie ist eine Einheimische. Unter "Einheimische" verstand sie eine Bündnerin, Schweizerin. Eine Waschechte aus dem Land, in das sie mit ihrem Mann Milan geflohen war -noch vor dem Prager Frühling. Ich glaube mich zu erinnern, dass Stefan nicht über ihre Worte erfreut war. Mich selbst, verletzten sie. Denn damals, so glaube ich, fühlten wir uns beide, Stefan und ich, als Einheimische, weil es unser Zuhause war. Bei meiner Mutter hiess es lange Zeit, oft auch scherzhaft: Heirate, wen du willst, bloss keinen Türken. Anhand unserer Mütter zeigte sich, offenbarte, sich die Kluft der Kulturen und das Mass an Vorurteilen. Wir leben in einer Welt der Vorurteile. Stefan, sowie ich, haben natürlich, unsere Muttersprache gelernt. Denn zuhause wurde nur diese gesprochen. Jedoch muss man den Tatsachen ins Auge sehen, dass wir beide eine Küchen-Wohnzimmer- Muttersprache sprechen. Gut, da wir beide gebildet sind, entspricht das auch nicht ganz der Wahrheit. Hier, wo ich wohne, höre ich oft eine Nachbarin auf Tschechisch telefonieren. Ich höre es gerne und staune immer, dass es, dieses Tschechische, so etwas Ungarisches hat, eine Nebenschwingung, eine ungarische Melodie, obwohl es eine slawische Sprache ist.

Im Moment befindet sich meine Tochter in einem Flugzeug. Sie fliegt gerade von Sidney nach Singapur, Hong Kong? Auf dem Hinflug war Hong Kong eine Zwischenstation, weil sie Alen in Singapore besuchten: Alen, Stefans Bruder. In Australien lebt die Tante Stefans. Milans, meines Schwiegervaters, Schwester, Jana. Maru, die andere Schwester, ist in Mähren geblieben, in Zlin. Eva selbst, die Grossmutter meiner Kinder, stammt aus Beroun, Böhmen.


Ich weiss nicht mehr von wem die phänomenale Frage stammt, ob der Luftzug eines Schmetterlingsflügels in z.B. Venezuela, einen Tornado in Texas auslösen könnte. Aber das sind solche philosophischen Überlegungen, die uns denken machen und die, vor allem, nicht nachprüfbar sind. Wir kommen ihnen empirisch nicht bei und das ist auch gut so. Nicht alle Geheimnisse sollten gelüftet werden können und manche Geheimnisse sollten mahnen, vorsichtig mit unserem fragilen Leben umzugehen, weil auch alles andere zart zu sein scheint. Ein Schmetterling, der einen Tornado auslöst? Oder ein kleines Ungeschick, das Folgen hat? Zum Beispiel Anuschkas Fallenlassen der Sonnenblumenölflasche an der Translation der Linie von der der Jermolajewski-Gasse in die Bronaja in Moskau, wie der Teufel vorausgesagt hatte, rutschte Berlioz daran aus, fiel auf die Tram-Schiene und wurde geköpft. Besdomny sah den Kopf hüpfend über den Fahrdamm kullern. 
Aber die Schmetterlingsfrage ist eine ausserordentliche Frage und Bulgakows Roman Der Meister und Margerita ist ein ausserordentliches Buch. In unseren menschlichen, irdischen Gefilden gibt es dafür den Doppelspassmacher. Überall hat es Doppelspassmacher! Wo wir hingehen und wo wir einkaufen. Denn Spass ist toll, aber doppelter Spass ist noch besser!

Wir kamen an einem Sonntag, spät am Nachmittag, am Bahnhof Bern an und gingen, ich und meine Kinder, in den Coop einkaufen. Securitas stehen vor dem Eingang. Den Kinderwagen muss man draussen lassen. Mein Sohn eilt mit einem Tetrapack Capri - Sonne- Multivitaminsaft zu mir. Der Einkaufskorb ist schwer. Das Mädchen holt sich auch gleich eine Capri-Sonne: Mama, kaufen wir das? Mama! Hast du gesehen, was es dazu hat? Mama, es ist aber nicht bei der Packung! Mama, kannst du den Verkäufer fragen, ob er uns das geben kann? 

Mama! 


Das Ding, nach dem ich fragen soll in diesem Durcheinander, ist der Spassverdoppler. Der mix-it -hol dir deinen Spassverdoppler - Prends ton melangeur de goût et amuse-toi doublement! Es ist so ein Plastikding, in das man gleich zwei Röhrchen stecken kann und und! Zugleich zwei Capri-Sonne-Säfte trinken kann. Eben: Der Doppelspassmacher. 
Die Verkäuferin an der Kasse hat nur einen, denn diese gibt es nur in jeder 10er-Aktionsbox Multivitamin. Nur für kurze Zeit- Ausrufezeichen. Mein Sohn wartet bereits vorne am Ausgang mit seinem Scooter, was zur Folge hat, dass nur meine Tochter und ausnahmsweise, wie die Verkäuferin sagte, einen Doppelspassmacher bekommt. Die Kleine, jünger als ihr Bruder, kommt wieder einmal und endlich an diesem Tag an die Reihe. Sie hat einen und er hat keinen! Auf dem Heimweg im Tram dominiert das Thema: Mama, warum hat sie einen und ich keinen. Schon Abend. Die Kinder hatten viel frische Luft und Sonne. Zuhause: Mama, warum hat sie einen und ich keinen! Beim Pyjama anziehen, beim Zähneputzen.... letzter Satz beim Einschlafen: Mama, warum hat sie einen bekommen und ich keinen.....Am Morgen demonstriert das Mädchen als erstes, dass sie einen hat und er keinen.
Warum werden Hausfrauen und Mütter so wenig anerkannt? Das Institut Fresenius bestätigt durch regelmässige Qualitätskontrollen, dass Capri-Sonne frei von Konservierungsstoffen hergestellt wird und nur Früchte verwendet, die aus kontrolliert-integriertem Anbau stammen.


Am Nachmittag, als ich beide Kinder von der Krippe hole, müssen wir, wir müssen einfach! in den kleinen Konsum am Zäziliplatz (Cäcilienplatz/ Bern) gehen. Mein Sohn geht zur Verkäuferin und er erklärt ihr das Problem. Und....oh Mirakel... sie lacht und sagt: Ich komme gleich wieder. Sie geht und kommt zurück mit einem Spassverdoppler von Capri-Sonne!

Jetzt hat er, so wie sie, auch einen! Draussen, um mich etwas zu trösten, zeige ich den Kindern, dass wir die Packung aufblasen können, auf den Asphalt legen können und dann, mit voller Tornado-Wucht drauf stampfen und es macht: PÄNG

 

Es handelt sich hier wohl um eine Art "Rückeroberung". Es geht um eine Art der Rückeroberung seines -meines- eigenen Lebens. Eine Art wie "wieder Macht gewinnen" über die eigene Identität, die eigene Geschichte, des eigenen Werdegangs -eines Ichs, das noch im Entstehen ist, aber schon da ist, schon gelebt hat und erfahren hat. Dieses Schreiben hier müsste ein flow sein. Es ist aber wie eine Welle, welche fliesst, zurück und nach vorne und dann zwischendurch abklatscht an den Felsen, so richtig klatscht, dass sie in Milliarden von Tropfen verklatscht und sich dann wieder.... zusammenfügt, zusammenfliesst und die Rückeroberung, Rückeroberung = Land gewinnt, obwohl zunah' am Ufer mein Haus gebaut. Das Wasser steht unter dem Einfluss der Sterne.

Gib Buach, Mann!
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17.  Gib Buach, Mann!

Wenn man sich am Puls der Kulturvermischung befindet, ist die Tatsache nicht abzuweisen, dass –eben- sich die Kluft immer  mehr weitet. Oder eben ihre Schüler und Schülerinnen. In dieser Klasse finden sich alle Nationen. Von Sri Lanka über Ghana, von Bosnien über Sizilien, von Kosovo über Brasilien, von Eritrea über die Türkei, von Serbien über Portugal, von Mexiko über Süd Afrika, von der Ukraine schliesslich über Albanien. Sie alle haben ihre Erfahrungen gesammelt als Ausländer in der Schweiz. Die Lehrerin diskutiert mit den Kindern und Ennio beschreibt ausführlich die typische Schweizerin. Die Hosen hell, Dreiviertelhosen, irgend so eine Bluse oder ein T-Shirt, kurzes Haar, aber so ein richtiger doofer Schnitt am Nacken mehr Haar als auf der Seiten. Und diese Schuhe, wo kann man solche Schuhe kaufen? Sind das so...... heissen die etwa Gesundheitsschuhe? Und schliesslich die Socken weiter als die Knöchel hochgezogen. Ach ja, Brille. King Diamond der Ghanese mischt sich ein und gibt seine Verwunderung bekannt, dass der Schweizer, wenn er ins  Papiertaschentuch schnäuzt, immer einen Blick ins Tuch wirft um zu sehen, wie es ausssieht. Und diese Unordnung  bei den Schweizern, sagt Diamond King, gegen aussen wirken sie ordentlich und alles ist schön perfekt, aber wenn man zu ihnen nach Hause geht. Ja, da liegt zum Beispiel in der Stube noch Geschirr vom Essen rum, gar Joghurtbecher auf dem Fernseher und der Fernseher ist auch mit irgendwelchem Zeugs beschmiert. Ich würde nie einen Schweizer heiraten, sagt die serbische Schülerin Elmihana  aus Kosovo. Velimir wirft in den Raum, die Schweizer sind einfach dumm, Mann! Diamond King: Sie sind echt steif und können einem nicht mal in die Augen sehen. Echte Pflöcke! sagt der Italiener. 14, 15 Jahre junge Kinder. Sie fragt sich dann, was haben die Kinder erfahren, dass sie so erzählen? Oder was haben die Eltern erfahren, dass ihre Kinder so sprechen? Misstrauen auf beiden Seiten. Von den Schweizern und den Nichtschweizern, Inländern, Ausländern. Und diese Kinder, welche keine Perspektive haben. Keine Perspektive im beruflichen Sinne. Schon lange den Gedanken daran verloren. Wenn sie sich überhaupt trauen würden, sich von der Lehrerin führen zu lassen, ihre Versagensangst überwinden würden, dann hätte es doch zur Folge, dass dann von ihnen wiederum verlangt werden könnte und wohl auch wird, dass sie noch einen Schritt weiter gehen. Einem solchen Stress des Versagens, können sie sich nicht aussetzen lassen. Also verharren sie. Bleiben sie.  Manchmal denkt die Lehrerin, dass es ihnen gar nicht in den Sinn kommt, es könnte anders sein. Es ist nicht fair zu versuchen diese Kinder zu zwingen, wobei Zwingen nicht geht. Zumal, nein, wenn ich Jose sehe, den eher schmächtigen, kleinen vierzehnjährigen Jungen. Seine Augen sind blau. Jose, das Alphatier, in der Gang so und so. Wie er da vorne steht und bereist nach den ersten Lektionen, verkündet, die Lehrerin solle nicht glauben, sie könne hier der Chef sein. Mit der Faust auf den Tisch hat die Lehrerin geschlagen und etwas lauter gefragt, gesagt also: Und wer ist der Chef hier? Du? Denkst du, du bist hier der Chef? Joses Vater drogenabhängig, die Eltern geschieden. Man kennt diese Geschichten. Man weiss auch, dass an den Kindern andere Methoden von Strafen, als darüber reden, angewendet werden. Unsichere Kinder. Schon ihr beinahe blödes Grinsen weist darauf hin. Und wenn sie wollen, können sie. Dann kommen sie und unterhalten sich wunderbar mit der Lehrerin, fast als könne man das jetzt, das ist privat, nicht auf ein Schulfach bezogen. Schwache Schüler. Die Lehrerin fragt sie, wie würdet ihr folgenden Satz ausdrücken? Auf der Wandtafel: Chasch mer bitte ds Buach geh? Anela ruft: Gib Buach, Mann! Und es ist amüsant... und alle lachen, selbst die Lehrerin. Nur, dass diese Kinder nicht kontextbezogen mehr reden können. Sie  können nicht zwischen ihrem Jugendslang und einer ‚normalen’ Alltagssprache wechseln, so wie sie sprechen, sprechen sie mit allen, mit dem Lehrer, der Verkäuferin; Registerwechsel... diese Kinder, diese ausländischen Kinder, diese Kinder aus aller Welt.

 

So war auch sie eines dieser Kinder. Zu einer anderen Zeit. Wir alle, die wir hier leben, das und jenes erlebt haben, was unser Herz hart machte, so wie auch ihr Sohn, als noch klein, fragte: Gell Mama, alli Menscha händ as Herzli? haben Schwierigkeiten das Gegenüber an unserer Realität teilhaben zu lassen. Man kann sie nicht erreichen, und sie kann den anderen nicht erreichen. In dieser Verwirrung muss man sich zu helfen wissen. Führt gar die abstrusesten Erklärungen herbei. Oft führen unsere Gedanken zu weit, weil wir das Banale nicht annehmen wollen. Vielleicht können wir es nicht. Vielleicht kann sie es nicht. Es ist eine Art Trotzen, tief im Wesen angelegt. Ganz tief in ihr ist Selbstsucht. Nehmen wir die Liebe. Die Liebe muss als eine starke Liebe, da sie, unsere sie, nicht aus sich heraus kann. Wie der Typ des Melancholikers, sie die Melancholikerin, sich äusserst schwer verliebend, aber wenn, kann sie sich kaum aus diesem Netz befreien, verstrickt sich gar darin aus einer Lust, auch einer tief angelegten Lust. Wie selbstsüchtig ist die Liebe, wenn sie gar den Anspruch durch Vereinigung des Männlichen Weiblichen den Himmel zu besiegen? In welcher unzähligen Anzahl, Komplexität verästelt sich dieses uns gegebene Gefühl der Liebe? In Wasseradern.

Holunder
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18.  Holunder
Meine erste Liebe, meine erste romantische Liebe. Ich weiss noch, in jener Nacht, mitten in der Nacht, wachte ich auf - glühte vor Scham. Scham? Die Gefühle, Emotionen des Verliebtseins waren dermassen stark und verwirrend, dass sie beinahe mein adoleszierendes Herz sprengten. Ein sonniger, warmer Wintertag. 1997. Aber nicht lange her, waren wir noch junge Frauen = Mädchen. Wir zogen uns schöne Kleider an und lasen, lernten Gedichte. Herrliche Sommer! Wir hoben die Köpfe, streckten die Arme und riefen: Ich verrinne, ich verrinne, so wie Sand, der durch die Finger rinnt!!! (...) Viel sind wir spazieren gegangen, über die Rüfe, hinauf auf die Strasse nach Jenins. In der Bündte bestellten wir uns einen Sauser, Suuser, erzählten uns, schimpften über die Mitschüler oder Lehrer, sprachen über alles mögliche, führten uns auf wie junge Damen und dann.... dann, leicht beschwipst tänzelten wir die Strasse hinunter nach Maienfeld. 
Die Bündner Herrschaft wie eine Insel, wie eine verborgene Insel, denke ich manchmal. Als könnte sie sich, so verzaubert wie sie ist, wie das Dorf der Schlümpfe plötzlich unsichtbar machen und dann wieder auftauchen und sich zeigen in ihrem Sonnenschein, unter den hohen Bergen, ihrem Schutz und Himmelsanker und dann ihr wunderbarer Heuduft, ihr wunderbarer Mistduft, ihr wunderbarer Pferdeduft, ihr Rebenduft, ihr Schafduft ihr herbstlicher -schon wieder Zauber- wunderschön! Die Rebberge, die Mauern, der wilde expandierende Löwenzahn - über die Wiesen. Die Bienenschwärme und Rehe und die Froschwanderung von Fläsch -auf der Strasse von Fläsch zum Luzisteig. Dort oben vor Blazers das Übungsgelände des Militärs. Manchmal raschelte es im Gebüsch und ein armer Rekrut, mit verschmierten Gesicht und Helm lugte hervor. Man war sich daran gewöhnt. Manchmal spazierten wir bis nach Malans und kehrten dort ins Bahnhofsbuffet ein. Von dort die RHB, eine Station bis Landquart und dann mit dem Zug  zurück. Malens hatte schon etwas Städtischeres, obwohl Maienfeld selbst das Schloss Brandis, das Schloss Salenegg, das Städtchen, die Türmchen das verliehene Stadtrecht nach aussen wölbte. Am Abend sassen wir Mädchen in der Küche und lernten für die Schule. Manchmal bis nach Mitternacht, wenn es nicht anders ging. Morgens Rekordzahlen, gleich quer über die Wiese rennen, die Mauer runter, das Kiesweglein weiter, um die Ecke, Ecke und zum Bahnhof: Gerade noch den Zug erwischt! 
Der Zug fuhr nach Sargans. Sargans an sich nicht sehr schön, ausser das Städtchen mit seinem Schloss Sargans. Bei der kleinen Kapelle oben. Dort sassen wir zusammen, sahen runter, liessen uns vom Föhn wärmen und besprachen alles weitere, was Jugendliche so interessiert. Oft am Walensee baden. Der Walensee ist aber sehr kalt... wenn der Sommer gut war, wurde auch der Walensee gnädiger, milderte seine Wassertemperatur, so dass manchmal herrliche Ende August, Septembertage folgten. Wenn es schon dunkel war baden gehen. Zusammen sitzen am Feuer, draussen. Dieses viele Lachen über unwichtige Dinge -womöglich- dieses viele Lachen können wegen gar nichts!
Tel Aviv
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19.  Tel Aviv
 

Das Nachdenken, das Nachdenken ist unaufhaltsam. Das Nachdenken darüber wie, und es ist immer an der Zeit, diese ungewollte Anstrengung zu unternehmen, den Blick aufzuschlagen. Denn ich sehe mich in einer Steppe, zeitweise in einer Wüste. Ich spreche davon, was ich gestern war und ohne zu bemerken der Vergangenheit anzuhaften, versuche ich mir selbst zu erklären, wie ich bis dahin gekommen bin. Bewegt sich unser Leben zurück? Ist das Wachsen, das Erwachsenwerden, das Altern ein Weg zurück? Blick zurück? Ist es ein Schwindel wie es uns die Zeit selbst vorgaukelt?

So flüchte ich von Zeit zu Zeit, steige ich und sie in Flugzeuge, lasse mich erheben über die Erdoberfläche. Es ist eine Erleichterung fortgehen zu können. Auszutreten aus dem Alltag. Als kehrte der Mensch in sie und mich zurück.

Zum ersten mal in Israel. Ein Date in Israel. Zwei erwachsene Menschen, ein Mann und eine Frau treffen sich in Tel Aviv.

In der Nacht vor dem Flug hat sie kaum geschlafen. Geschneit hat es, dass die Busse und Züge Verspätung hatten. Sie dachte gar, vielleicht verpasse sie ihren Flug, da es ihr auch irgendwo, im Hinterkopf leise klopfte, dass ein solches Unternehmen ein Abenteuer, ungewiss. Einen Fremden in einer fremden Stadt in einem fremden Land zu treffen und sich darauf verlassen, dass es nichts weiter als ein Date ist; ein Kennenlernen. Was hat er gedacht? Und sie? Die Receptionistin gab ihr ein Glas Juice. Ausnahmsweise, obwohl Sabbat. Bereits dunkel. Kurz vor acht Uhr. Die Strasse Hayarkon verkehrsreich. Gegenüber der Strand, das Meer. Das Meer und sein Strand. In die Höhe schauen. Dort oben steht Orchid Hotel Tel Aviv. Die Lichter der Scheinwerfer und die schöne Receptionistin. Und dann da, dort diese Frau; sie. Sie sitzt in der Ecke im Wintergarten. Es ist ihr etwas kalt. Sie wartet auf einen Mann. Er ist im Zimmer und schläft und wird wohl nicht von alleine aufwachen, wenn sie ihn nicht bald aufweckt und sanft bittet aufzustehen, damit sie noch in die Stadt Essen gehen.

Er und sie. Sie und er haben sich gestern zum ersten Mal gesehen. Die Sonne schien. Es luftete. Sie sah ihn von hinten, wendete den Kopf und sie schauten sich an. Eine Gerbera zur Begrüssung. Der Taxifahrer hiess Monty. Israel.

Einen zweiten Juice wird sie nicht bekommen. Es pfeift und windet. Es pfeift und heult vom Wind. Ist sie depressiv? Ist es gar Verzweiflung? Oder ist es eine Situation als Widerspiegelung eines vollen, vitalen Lebens mit all seinen Höhen und Tiefen, Irritationen und Dramen? Ist es Unruhe, Ungeduld, Nichtwartenkönnen und Voreiligkeit? Oder weiss sie letztlich gar nicht, was sie im Tiefsten will? Ist es eine Torschusspanik des Lebens? Handelt es sich um eine Torschusspanik des Lebens?

Sie selbst fühlte sich wie ein Teenager, wie eine Studentin als sie das Flugzeug verliess. Am frühen Morgen war sie noch grantig und nervös, missgelaunt, müde. Am Flughafen, sobald sie ihren Koffer hatte, legte sie den Mantel hinein, zog ihre leichte Lederjacke an. Die Schwüle packte sie. Der Körper schwitzte. Ein Abenteuer. Weder kannte sie die Währung, noch wusste sie wie viel sie abheben sollte. Und sie wollte nicht ahnungslos ins Taxi steigen. Zuerst musste eine Zigarette geraucht werden. Schön war der Wind, der sie in die Arme nahm, sobald sich die Glastür trennte. Ein Kaffee musste her. Ein Stadtplan musste her. Das Geld hat sie abgehoben. Das einzige, das sie wusste, er hatte ihr geschrieben, ein Taxi koste 120 Sheikel. Das entspräche 40 Schweizer Franken. Eigentlich hatte sie keinen Mut in die Stadt hineinzufahren. Noch etwas allein sein. Noch etwas Akklimatisierung, ein Ritual führen. Etwas träumen. Jung fühlte sie sich.

Und hier im Wintergarten, wie sie so da sass. Vielleicht begann es damit, dass sie irgendwann, vielleicht ein Punkt, an dem sie gekippt ist. Ein Augenblick, der kippte. Ein verspäteter Augenaufschlag. Ein Adressat zum Phantom wurde. Eine Art Sprachlosigkeit, eine Stummheit, "modrige Pilze" im weiblichen Mund. Eine Behinderung überhaupt noch auf jemanden zuzugehen, ihn anzusprechen, Hallo zu sagen. Ein Zustand, wo auch die Liebsten zu Phantomen werden. Ein Stottern, wobei es gehört wird und gefragt wird: Hast du etwas gesagt? <Nein, nein, ich habe bloss laut gedacht.> Man erschrickt über sich selbst und krebst zurück.

Er ist herunter gekommen. Gewartet habe er, weil er dachte, sie wolle vielleicht noch etwas allein sein. Sie hat gewartet, weil sie dachte, er wolle und brauche noch etwas Schlaf. Und am Tag sind sie am Strand entlang spaziert, ihr nasses Haar unter der Wollmütze. Der Wind stark, das Meer das Meer. Kite- Surfer. Tauben. Berührt haben sie sich zwischendurch. Die Hände gehalten. Doch gestern, gestern da waren sie Erwachsene. Zwei Fremde. 
Zwei fremde Körper. Das was Mann und Frau tun. Hastig war es, ein ungeduldiger nervöser Liebhaber. Er drückte ihren Kopf in seinen Schoss, wobei sie ihn zurückwies: Zu schnell war es. Zu stark waren seine Bewegungen, zu fest, zu direkt, zu intensiv. Obwohl er gut riecht, denkt sie jetzt, hier unten im Wintergarten. Sie wollte ihm die Nervosität nehmen. Langsam, hat sie gesagt. Ganz langsam. Morgen sind wir ja auch noch zusammen. Und übermorgen haben wir auch noch Zeit. Zu stark, zu eilig, seine Bewegungen.

Nach Old Jaffa sind sie. Noch im Bett am Morgen, hat sie sich an ihn geschmiegt. Ihre Füsse in seine Füsse gewühlt. Genoss sie männliche Gesellschaft. Einen Mann neben sich zu haben. Nackt zu fühlen. Zu umfassen. Den Oberarm zu umklammern. Zu greifen und halten. Und in Jaffa, in der St. Peter’s Church, sah sie den Teufel am Boden liegen. Da lag er also.

Er erduldete den Aufenthalt in der Kirche. Stützte sich mit den Armen auf die Banklehne. Vorne sass ein Mönch. Gelesen haben sie, im Lokal, an der Sonne.

 

Sie mochte ihre Hand in seiner Hand. Sie mochte ihren Fuss an seinem Fuss. Und auf dem Flea Market fand sie die Kiste mit den alten Fotografien. Unanständig wühlte sie in ihr. Schamerfüllt, voyeuristisch, geküsst vom Kopf Johannes des Täufers. (Auf die Stirn hat er sie geküsst, zwischendurch während des Spaziergangs.) Und da warteten diese Bilder auf sie, gaben ihr die Gelegenheit den verpassten Augenaufschlag zu wiederholen.

Und da war dieses Bild. Das Sebaldsche und Gespenstische darin enthalten. Die Fotografie am Verblassen. 7 Männer. Zwei links nur noch ein dunkler Schatten. Einer rechts, phosphoriszierend, schwarzer Hut. Der vorübergehende Zionist Kafka als Geist? Was wusste sie von all diesen Dingen?

Wenig Kindliches zwischen ihnen, das sie teilen konnten. Die Witze über den Mossad. Jene Katzen, welche herumstreunen. Sind sie ferngesteuert und bespitzeln uns? Gespräche, welche sich ergaben, beinahe offen. Befragungen. Schweigen. Zusammen essen. Zusammen sitzen bei der St. Peter’s Church. Hochzeitspaare. Menschen, die sich heiraten. Es windet sanft.

Tracy Chapman Bang-Bang-Bang. Ein Hochzeitspaar mit Fotograf. Die Brautjungfer in einem ‚Matrix’-Mantel. Tauben. Rötlich, braun, zart, unten weiss, sehr feine Züge. (Vorher: Der Mönch in der braunen Kutte in der Kirche. Er stützte sich auf die Bank. Er seufzte unmerklich und wartete. Sie blieb stehen bei der Ikone Mutter und Kind. (Der Mönch mit geschlossenen Augen am Beten). Sie trinken Orangensaft. Ein alter Mann, sauber und ordentlich gekleidet, ohne Arme, geht barfuss über den Platz. Eine Wolke vor Sonne. Frösteln. Eine Gruppe orthodoxer Juden. Farbige Afrikaner. Katzen. Ein Flugzeug schrillt sich heran, klingt aus in der Ferne, verstummt beinahe. Aus der Vogelperspektive sah das Land grüner aus. Cat Stevens Morning has broken. Kaffeebohnen im Salz. Bei uns ist es Reis (Nimmt Salz keinen Geruch an?). „Das Buch liest sich gut“, sagt er. Vogelgezwitscher. Der Kühlschrank laut. Nina Simone I wish I could... I could share all love/ longing. Ein grüner Mülllaster. There is fiction in the space between Tracy Chapmann. Wieder Flugzeug. Wir werden nicht nach Jerusalem fahren. (Sollte man nicht unbedingt nach Jerusalem fahren, wenn man schon in Israel ist?) „Warst du schon einmal in Santiago di Compostella?“ fragt sie. „Nein, warum?“ Ich war mal dort. Ich meine, hast du keine Angst, dass ? Nein, ich war immerhin in Maria Zell. Warst du dort? Sie lacht: Nein. Warst du schon mal in Medjugorje? Beide lachen.

Es fiel ihr auf, dass sie ihn nie gehört hatte ihren Namen auszusprechen. Es fiel ihr schon letzte Nacht beim Liebesspiel auf. (Kann er ihren Namen überhaupt aussprechen?) Sie möchte ihn gerne danach fragen. Den Moment hat sie verpasst. Man sollte Fragen immer immediat stellen, denn sie sind wie Vögel, welche weiterziehen. Schön ist die Braut. Aber die Posen für die Fotos sind so gestellt. Verkrampft, unnatürlich. Hochzeitsbilder müssen freier sein, entspannter, denkt sie. (Kann ein guter Fotograf trotzdem ein gutes Foto schiessen?) Und diese Fotos in dieser Kiste. 20 Sheikel für das grosse. Zehn für die kleinen. Als hätte sie sich verliebt in die junge Frau. Ein Pagenschnitt. Schlank mit bemerkbaren Brüsten. Ihr schelmisches Lachen. Etwas Hasenzähne. Und dann auch ein zarter Ausdruck. Ein zartes Gleiten im Gesicht. Sie lacht, blickt zur Seite, lacht wohl jemandem verschmitzt zu und hält ihre Schwester am Arm. Es muss ihre Schwester sein. Sie ernst, verkrampfte Mundwinkel. Seitenscheitel. Aber auch sie, die Schwester, kann lachen –auf einer anderen Abbildung. Korfu, Griechenland, 1928.

Man muss reisen, damit man versteht, dass die Dinge auch anders gesehen werden können, in einem anderen Licht stehen können. Man versinkt beinahe in seinem gewohnten Umfeld. In seinen Ambitionen und Sorgen. Was auf der Hand liegt. Scham hat sie gefühlt. Scham seit sie denken kann. Die Scham, welche bis zu Adam und Eva reicht. Könnte man offener mit Menschen sprechen? Offenere Gespräche mit Menschen führen? Im intimsten Moment fühlte sie sich ausgeschlossen. Als sie jünger war, wünschte sie sich einen Reissverschluss am Körper ihres Geliebten, vorne/ auf der Brust, den sie öffnen könnte und hineinkriechen. Schmerz nicht verschmelzen zu können. (Wie ging dieser Spruch? ) Er sitzt neben ihr und liest die NZZ, welche sie letzte Woche aus der Schweiz mitgebracht hatte. Er hat etwas Verstecktes, etwas Trauriges. Still ist er. Ruhig. Kalt. Sie sieht die Tränen auf seiner Brust, auf seinem Hemd. Im Dunkeln kann er Liebe machen. Ihre Füsse im warmen Sand. Sein helles Hemd. Beider Grundausstattung: Sonnenbrille. Es wird einen Sonnenbrand geben! Der Altersunterschied zwischen diesen beiden Fremden ist nicht zu ignorieren. Da sitzen sie und lesen. Capuccino. Gestellt hat sie die Frage am letzten Abend, vor diesem Tag mit Capuccino am Strand: „Ich möchte dich etwas fragen. Wie spricht man meinen Namen aus?“ (Und dieses Foto aus der Kiste. Flea Market. Drei kleine Mädchen in Tracht. Skandinavien: 1930. Und die Frau im Flugzeug. Eine Polin. 1944 über Rumänien nach Israel geflohen.)

Es ist kein Zufall, dass man sich mit den ‚letzten Fragen’ beschäftigt beim Capuccino in Israel. Es könnte auch Cinque Terre sein, am Strand, beim Capuccino. Es ist dieses Gleiten in der Luft und als es regnete, da ging ein schlanker, grosser Mann im Neopren- Anzug, barfuss, mit seinem Surfbrett, bereits Nacht, in die Stadt hinein. Fasziniert. Sie stellte sich wieder die Frage: Sind die Menschen glücklicher hier als bei ihr zuhause? (Man stellt sich doch immer diese Fragen im Urlaub/ in den Ferien.) Am Strand, die Füsse im Sand, die Sonnenbrille, die Zeitung. Da murmelten sich die Fragen. Da wehte auf, säuselte: Theodizee. Kosmodizee. Soziodizee. Anthropodizee. Und es war vom Schiff aus zu begreifen, dass es nicht der Tod war, dass es nicht das Ende ihres Lebens, das ihr Sorgen bereitete. Es war/ist die Frage: Wie bis dahin und wie lange? Und das in dem Punkt, wie man so schön auf Serbisch sagt, bis zum Punkt: Die Kinder auf die Strasse führen *so dass sie sich sehen lassen können. Eine Sorge und Pflicht. Eine Sorge, welche über das eigene Leben hinausgeht, die jeden Egoismus ausklippst und bisweilen auf die Probe stellt. Autonomie gibt es nicht. (Und vielleicht ist dem Menschen Selbstbestimmung nicht gegeben?).

Sie hat viel erreicht. Sie hat eine gute Ausbildung. Sie hat Erfahrung im Beruf und im Bereich Beziehungen. Sie hat zwei Kinder auf die Welt gestellt. Sie ist zwischen verschiedenen Männern hin und her gerissen und liebt einen dritten. In ihn kippt sie all das, was ihre Sehnsucht ihr vorgaukelt. Aber zweifellos gehört zu den Pluspunkten ihrer Existenz diese Liebe. Diese Liebe ist bloss Sehnsucht und nicht Verwirklichung. Wer so etwas noch fühlen und erleben kann, ist noch ganz intensiv am Leben und steht hoch über all denen, die einfach ohne viel zu Überlegen ihr Leben leben und damit einigermassen zufrieden sind.

Ist es eine Gnade so fühlen zu dürfen? Gehört zur Liebe wie die Federn zum Huhn auch der Schmerz, das Verzichtenmüssen, die vergeblichen Wünsche, die Frustration, die Beelendung, die Qualen der Eifersucht, die Verzweiflung? Ist Erotik etwas, das unbedingt erfüllt werden muss? Kann sie als etwas Unerfülltes, ja Unerfüllbares genau so stark und himmelhochjauchzend Verzückendes sein? Würde sie mit jenem fernen Geliebten im realen Leben glücklich sein? Würden da nicht ebenso rasch wie bei anderen Beziehungen die Gewöhnung, die Meinungsverschiedenheiten, das Nachlassen der erotischen Anziehungskraft nach deren Erfüllung kommen?

Vielleicht sind wirklich die Lieben, die wir nicht zu leben brauchen, die glücklichsten, hellsten, strahlenden, weil sie sich ganz im Wünschen, im Sehnen und im Träumen erschöpfen?

Und da waren diese zwei Fremden. Er Realist. Sie eine Idealistin. Er sechzig. Sie noch vor Vierzig. Beim Abendessen hat er sie gefragt: <Möchtest du noch Kinder haben?“ Sie senkte den Blickt und bejahte. Und beide diese Fremden, diese Erwachsenen, diese Frau und dieser Mann, bangten um ihre Gesundheit. Bangten um ihr Leben und taten sich darum diese Abenteuer an. Und sie nahmen die Füsse aus dem Sand. Sie warfen die alten Zeitungen weg. Sie schritten über die Strasse zum Hotel. Sie nahmen ihr Gepäck, sie stiegen in ein Taxi und fuhren zum Flughafen. Und sie sprachen kaum ein Wort.

Im Flugzeug war diese Polin, welche 1944 über Rumänien nach Israel fliehen konnte. (Ihr Seufzer steckt ihr noch in den Ohren.) Und sie borgte sich ein Buch von ihr, worin sie las, dass man seine Gedanken, das Denken nicht ausschalten könne. Die Luft anhalten, ja. Aber das Denken! Und dies ausgekreist in die Vorstellung, dass der Stillstand des Denkens.... Da hob sie ihren Kopf, schaute unsere/ meine Protagonistin an und sagte:Bei mir zuhause, ich habe ein Haus und Garten in Haifa...da sitze ich manchmal draussen und es kommt vor, dass ich überhaupt nicht denke. 

Und in Wien, da wechselten er und sie einige kurze, kurzatmige Worte. Mundgeruch vom Flug, der Reise, der Schläfrigkeit. Ein Kuss. Ein Druck. Er die Treppe hinunter. Sie das Labyrinth weiter. Itzak, auch ein Flugpassagier, begleitete sie. Einsam schien er. Gross, übergewichtig mit Sprachfehler, auf dem Weg nach Stuttgart. Itzak blieb bei F12 stehen. Sie winkten sich zu, lächelten. Sie selbst steuerte die Raucherzelle an. Eine Tube für Raucher. Zwischen den Flügen nach Schweden und der Schweiz. Sie mit leichtem Sonnenbrand im Gesicht. Klein. Er gross. Bügeleisenhemd. Er verstand nicht. Sie fragte: Where are you from? Und es folgte ein Wort, ein Satz auf den anderen: Montenegro, Serbien, woher, wohin fliegst du, was arbeitest du, wer erwartet dich zuhause, Schweden Freundin, Schweiz geschieden, wie lange Lehrerin, wie lange Informatiker, wie alt die Kinder, woher die Eltern, wie gut dein Serbisch, wann sind die Eltern ausgewandert, wann dein Flug, welches Gate, woher kommst du mit dem Flugzeug, wie ist es in Tel Aviv, bist du schon lange mit deiner Freundin zusammen, Rauchverbot in Montenegro, rauchen wir noch eine? Händeschütteln, Namen preisgeben. Als sie die Augen aufschlug vor ihm, den Kopf hob, war es nicht der Sonnenbrand, welcher sich auf ihren Wangen zeigte . Wenn sie kein Flugzeug hätten nehmen müssen, hätten sie sich geküsst. Und zwar immediat in dieser Raucher-Tube. F 26 Wien- Zürich.

In einem Jahr verändert sich viel. Im letzten Sommer, in der Altstadt Bern, schien die Luft reiner zu sein. Vielleicht war es auch dieses Körpergefühl noch das Meer am Körper haften zu haben, die Hoffnung auch, welche erweckt war auf eine Liebe, welche nah und doch so fern schien. Ein Mädchen eigentlich, eine ewige Studentin. Standhaft aber verträumt. Jung war sie nicht, das Alter hatte aber noch nicht angeklopft. Er hatte etwas Besonderes, der August, nach langem Regen, während dessen viele behaupteten der Sommer daure noch an, während andere, den Herbst bereits rochen. Es war nicht mehr Sommer. Überhaupt sind die Sommer kurz in der Schweiz. Heute, ein Jahr später, der Herbst in der Luft. Das Sonnenlicht ist wärmer. Etwas Gewisses war verloren gegangen. Da war so etwas wie der Eindruck von Liebe. Einer Beziehung. Der Liebe des Lebens und der Entschluss für diese einzustehen. Das heisst, nicht zu kämpfen, da sie ja aus zwei Menschen bestand, aus zwei Menschen floss, aber daran zu glauben, dass sie bestand und dass sie sich entwickeln würde können. Ja, es war eine Gewissheit. Das war ein gutes Gefühl. Es bestand also kein Zweifel darin, dass sie sich verändert hatte. Die schönen Dinge in ihrem Leben waren da und die hässlichen, bösen. Die bösen haben ihre Spuren hinterlassen. Die schönen eine Melodie eines Grundtons. Die bösen, körperliche Bewegungen, die schönen Lachen. Überzogen war sie davon, dass die Gesellschaft, in der sie lebte, an einer Leere litt, welche ansteckend war. Es scheine als sei es eine Gesellschaft des Vergleichs. Eine Gesellschaft der Uniformität. Man will sich maximal gleichen, aber gleichzeitig anders sein; individuell. Die Nischen, Zimmerecken, sind vielfältig. Einsamkeitsräume der nackten Existenzangst. Der nackten Ungläubigkeit, beabsichtigten Naivität und ungewollten Pietätlosigkeit. Drehmomente der Flucht. Und jedes Mal, wenn durch einen Spalt, wie Licht, es durchschimmert, erschauert man. Erschauert sie. Quält sich selbst. Man zerstückelt sich förmlich, fragmentiert sich selbst, da man es nicht nach aussen tragen kann. Es gibt kein Verbot. Es ist eine Unmöglichkeit. Furcht. Einzig und allein die Liebe.

Man weiss nicht mehr, ob das Herz zu weich oder zu hart geworden ist. „Weil du mich um Verstand bittest, habe ich dir ein weises und verständiges Herz gegeben“, heisst es irgendwo, in der Bibel, in Cyberspace, in der Kirche St. Peter und Paul. Selbst der Gang in die Kirche. Dieser Trümmerhaufen eines Existenzbedürfnisses des Menschen ist zu einem stinkigen Haufen zerfallen. Vielleicht müsste man ehrlich sein und sagen: Zur Normalität hat es nicht ganz gereicht, zur Verrücktheit auch nicht. Normalität ist miteinander lachen und weinen zu können. Verrücktheit, keine Angst vor sich selbst zu haben. Was ist das also für ein Leben? Ja, es ist ein Leben im Wohlstand, ein Leben im Überfluss, ein Leben voller Illusionen. Ein Teil dieser Illusionen gar möglich. Jedoch nicht die Illusion der Normalität und des Verrücktseins. Beides ist nicht käuflich, auch nicht auf dem Flohmarkt zu finden. Vielleicht deshalb Schranktüren, Schränke, die in andere Welten führen? Wenn sie also eine Türe öffnet, in diesen Raum blickt---- eine harmlose Idee, so scheint es. Eine Wiederholung der eigenen Prophezeiung. Eine Frage des Glücks, des Zufalls, eine Frage der Selbstheilung.

Es gibt kein Glück. Glück hat es nie gegeben. Stabilität wäre ein Glück, dass man Zeit hat sich einzugewöhnen. Zeit sich an die Temperatur anzupassen. Zeit zum Überlegen. Zeit zum Nachdenken. Gerne wüsste sie wie man das zustande bringt. Gerne wüsste sie ein Rezept. Die unbekannte Anleitung der Anleitungen. Und dann diese Angst. Die Angst vor den Tagen. Die Angst vor den Molochen des Alltags. Der Moloch Staat und mit ihm der Moloch Gesellschaft. Die Moral, Regeln, Normen, Tugenden, Sünden..... diese ganzen Undsoweiter. Moloch Herz? Das Ersticken in der Provinz und das Verlorengehen in der Anonymität. Das , . Das Wort Disziplin, Stabilität, Vernunft. Pflicht? Ja, damit kann sie etwas anfangen. Was ist oder wäre also Vernunft in ihrem Falle?

Nun, sie ist eine Person mit einem aussergewöhnlichen Selbsterhaltungstrieb. Und sie gesteht, in diesem Sinn, ein Duplikat zu sein. Ja, gar ein Duplikat von Duplikaten. Denn, und das ist nun mit Herz auf der Zunge, zu eröffnen: Auch sie ist nur ein Mensch. Ein Mensch, die Nase mitten im Gesicht, Ohren links und rechts, Kniekehlen, Ohrläppchen etcetera. Als sie auf die Welt kam, war auch sie schuldlos; reinen Herzens. Später fühlte sie Schuld, welche sich dann als unbegründet herausstellte und, aber auch wiederum als die viel grössere Schuld erwies als ursprünglich gefühlt und befürchtet. Und das nach den Zeiten, wo auch sie dachte die Sonne liefe ihr nach.

Sie steht morgens auf, trinkt einen Kaffee, wobei sie gleich danach auf die Toilette muss. Sie freut sich über diese tägliche Routine ihres Lebens. Sie schätzt es auch duschen zu können, sich anzuziehen und in Schuhen aus dem Haus zu gehen. Des Öfteren muss sie sich ein Haar aus dem Gesicht zupfen, jeden Tag Zähneputzen, etwas Mani –und Pediküre betreiben und sie braucht Luft zum Atmen. Wasser, zumindest Flüssigkeit, zum Trinken. Des Weiteren mundet auch ihr ohne Salz das Essen nicht. Sie plant andauernd, sie plant und plant und plant, dass der Mond schon aufsteigt und sie ihre Pläne auf den nächsten Tag verschiebt, verschieben muss! Angefangen bei den Whattodo-Zettelchen bis zu den Vorschlägen in ihrem Umfeld wie: Sie geht öfters auf E-Finance und sieht sich ihre Konten und Vermögen an. Wobei das letztere nicht existiert. Sie schlägt Kochbücher auf und plant den Einkauf. Jedoch lässt sie sich  keine Pläne aufzwingen und hält sich dann nicht ganz an das Kochrezept, was natürlich zur Folge hat, dass.... Dieser Zug an ihrem Menschsein eröffnet Bücher. Darunter ein Buch ihrer selbst. Sie selbst fürchte sich vor der nächtelangen Lektüre dieses Buches. Interpretationen, ja, aber nicht zu tiefgründige. Zaghaft blättert sie manchmal. Viele Seiten wurden schon ausgerissen, dass Vorwort wird immer wieder aktualisiert und gar der Nachruf, nein, das Schlusswort, wurde auch schon angepeilt. Es macht ihr, obwohl sie bibliophil ist, nichts aus, Seiten aus Büchern zu reissen. Wenn es denn nicht anders geht. Jedenfalls denkt sie, wenn sie ihre Zukunft plant, lebt sie auch in der Gegenwart.

Denn sie ist sich bewusst, dass die Zeit nur allzu schnell vergeht. Das Planen hat sie sich vielleicht an der Universität angewöhnt. Da fällt ihr jener Morgen ein, damals im Studentenzimmer, als sie ans Lavabo trat, in den Spiegel blickte und diese Falte auf der Stirn entdeckte. Sie ist ihr also erhalten geblieben und furcht sich ein. Sie furcht sich in ihre Lappen ein. Sie nimmt an, dass diese Stirnfalte kein Duplikat ist. Denn das sind nur Äusserlichkeiten. Wie und wo und so weiter sich Falten bilden, hängt womöglich von der persönlichen, individuellen Sozialisation ab. So ist es wohl auch mit dem Verhalten sich nur im Verborgenen zu lieben im Gegensatz zu anderen Menschsein, welche es in den öffentlichen Parks machen, oder in luftigen Höhen. Der eigentliche Akt war meist so kurz, dass sie sich fragte: War’s das schon? Und das trotz langer Vorspiele. Tagelang hat sie aus dem Fenster geschaut. Den Mond angefleht. In Schale hat sie sich geworfen. Sang bei einem Chor mit. Ging Salsa tanzen. Auch gelesen hat sie. Die Sehnsucht nach der Vereinigung, nach der Duplikation in der Auflösung, war unbeschreiblich.

Es gibt populärwissenschaftliche Bücher über die Liebe und wissenschaftliche. Viele Menschensein geben es nur ungern zu, andere wissen darum und halten nicht hinter den Berg. Bevorzugt sind Partner mit Vermögen. Die Stimme ist enorm wichtig, sie kann betören und bezirzen. Je zahlreicher die, bzw. variationsreicher die Aussagen und Sätze in dieser schönen, für einem selbst schönen Stimme, desto feuriger das Herzrasen. Und wer nicht ein Sprecher ist, der trommelt oder musiziert, schreibt oder malt. Auch das bringt das Menschsein zum Flattern. Ein gesunder Körperzustand wirkt elektrisierend! Und wie bereits oben gesagt: Hat man ein Menschsein gefunden, geht es immer noch nicht zur Sache. Es folgen turbulente Flirt-Episoden oder schmerzhafte Wehklagen über die Auflösung in der Duplikation, der Duplikation in der Auflösung. Ja, es ist wahr,  gerade wenn sie wenn hier steht, in der Dusche, sich die Füsse mit kaltem Wasser abspritzt. Die Schiebetür wieder aufteilt. Hinaustritt. Im Spiegel ihr Duplikat sieht, Föhnen, wischiwaschi mit Vichy eincremt. Die Beisserchen mit Sensodyne, Augenbrauen glattstreicht, Haare bürstet, hochsteckt. „Sexy and I know it“ das Haus verlässt, weil ihr sowieso alles auf die Nerven geht! Das ist also ein Zustand! Und es ist keine Apathie! 1 1 ergibt 2. Selbstredend.

 

Rosen
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20.  Rosen

Denn ein wurzelnacktes Herz sollte vor dem Einpflanzen gewässert werden. Man stelle das Herz in einen Eimer Wasser und pflanze es danach möglichst bald ein. Herzen sind Tiefwurzler. Diese Herzen gedeihen am besten in lockeren Böden. Das Pflanzenloch sollte 10 cm tiefer ausgegraben werden als die Wurzeln des Herzens lang sind. Sie brauchen Pflege. Ein Wurzelschnitt ist zu empfehlen. Man kürze sie etwas, damit es zur Bildung von feinen zarten Wurzelfasern angeregt wird. Herzen haben eine Veredelungsstelle. An dieser Stelle sind die Wurzeln und oberirdischen Herzteile zusammengefügt. Es ist wichtig, dass das Herz mit seiner Veredlungsstelle mindestens 5 cm oberhalb der Bodenfläche liegt, damit der darunterliegende Teil keine Wildtriebe bildet. Der Boden rundum des Herzens sollte festgetreten werden, damit es seinen festen Halt gewinnt. Etwas Rosenerde anhäufen und vorher, vor dem Verankern das Herz noch etwas schütteln, damit alle Hohlräume ausgefüllt werden. Und zum Schluss braucht es grosszügig Wasser.

Ein hingebendes Herz treibt jedes Frühjahr von neuem. Um die Zeit Ende Februar, Anfang März, wenn der Schnee schmilzt, wenn die Tage langsam aber sicher länger werden. Man muss es pflegen. Die wilden unruhigen Triebe zurückschneiden, es damit verjüngen, zur Gesundheit und Vitalität verhelfen. Die ersten Gefühle nach einem langen bauen Winter sind wild wuchernd, stark, chaotisch und orientierungslos.  Die Schere zum Zuschneiden muss scharf sein, denn sonst wird das Gewebe zusammengequetscht. Die Wurzelränder fransen aus, rinnen aus. Ganz dicht oberhalb der nach aussen gerichteten Knospe. Schräg schneiden, damit Wasser an der Schnittstelle auslaufen kann. Falls der Winter gar zu verdriesslich war entferne man die Triebe, die durch Frost geschädigt worden waren. Entferne man die dunklen Verfärbungen. Man lichte das Herz danach aus! Schneide die dunklen schwachen Gedanken, Gefühle weg, lasse die guten, hoffnungsvollen und humorvollen stehen. Gelegentlich bildet sich Wildtrieb. Sie treiben unterhalb der Veredlungsstelle aus und sind starkwüchsig. Man reisse sie direkt an der Ansatzstelle des Herzens aus. Man giesse die Herzen damit sie aufblühen, aufduften. Man schneide die verwelkten Leidenschaften laufend ab, damit neue keimen können..... und vertreibe so den Grauschimmel, der unser Herz hart in seine Krallen nehmen kann.

Chrysanthemen
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21.  Chrysanthemen

Zu Vater fiel mir ein: Als hätte ihm der Trotz sein ganzes Leben verbaut.

Gestern war der Himmel hoch. Rosa. Von buckligen Wolken. Dort oben streiften sich die weissen Spuren, welche sich verzerrten in der Luft. Sich auflösten im Wind, im Wind auflösten. Die Kreuzung, der Treffpunkt zweier davincianischer Vögel, ist der Ort, des Verschwindens und Schwindens und der Vereinigung. Die zwei Vögel glichen sich wie Chamäleons/ Chameleone dem Himmel an, versunken versanken ins königsblaue Meer der Weite, hoch über meinen Kopf; dem respektlosen. Statt mich zu freuen, war ich beleidigt, trotzte. Statt zu lieben, war ich einsam. Statt zu leben, habe ich über die Vergangenheit nachgedacht und statt über die Vergangenheit nachzudenken, haderte ich mit der Zukunft. Ich trauerte also. Verliebt in die eigene Melancholie, trotze ich dem Leben die Ungerechtigkeit ab. Als corpus delicti eines Kindes. Und statt mich zu mässigen, hielt ich mich an mein Muster. Meine Patchworkdecke besteht aus einem Lätz, der das Fenster öffnet in eine staubige, trockene, betonierte Strasse. Auf dieser Strasse steht vom Blickwinkel aus, rechts, ein kleines Geschäft, das künstliche Blumen, Kränze, verkauft. Ein Leichenwagen davor, schräg geparkt. Warmer September. Eine Betonsäule, Strassenleuchte, Todesanzeigen. Weisses Papier mit schwarzem Rand. Und Wiederruf des Ereignisses, des Todes, des Gesichtes, des Bildes, Fotos, des Papiers, auf der Säule, der Strassenlaterne; das Bild meines Vaters.

Und die Paprikas auf dem Markt, dem Piac. Der letzte Stand, neben dem Fischgeschäft, dem Aquarium, das schmuddlige Wasser, die Karpfen mit ihren langen Schnurrbärten. Der Stand mit den diversen Konfitüreglasdeckeln in allen Mustern, Sujets. Der Abfall am Boden. Das Hallen. Daneben das ehemalige Schlachthaus der Stadt. Die Worte der Verkäuferin, ihre Sprache. Ihre Ausführung zur Qualität der Paprika. Ihre Erzählung wie es dazu kam, dass sie Marktfrau und jetzt noch auf ihren Mann warte. Der gleich komme. Und neben mir mein Bruder zweiten Grades. Dieser Junge ehemals, dieser kleine Junge, der rauchend sich auf der Landtoilette versteckte. Der jetzt, erwachsen wie ich. Der jetzt da ist. Er, der da ist und wir, die wir die Welt betrachten, wie damals, als wir noch klein waren. Damals: Nie ohne Spott. Jetzt mit wachem Kopf: Nie ohne Ironie. Nie ohne Zynismus. Nie ohne stumme Blicke, wobei wir uns nichts Konkretes mitzuteilen haben; jedoch beide sehen. Und sehend in der Poesie der Heimat, Hässlichkeit.  Ein Land ohne Segel. Keine Karacke. Keine Karavelle.

Vor dem Eingang zum Piac, ein Anschlagbrett. Weisses Papier mit schwarzem Rand. Und Wiederruf des Ereignisses, des Todes, des Gesichtes, des Bildes, Fotos, des Papiers; das Bild meines Vaters.

Als sie am Grab ihres Vaters stand, wobei auch Deda Kosta und Mutter.  Kosta: Seht ihr, der Sarg hat sich gesenkt, gesetzt. Man sieht es an der Erde.

Die Sonne brannte gnadenlos, wie es sich gehörte für einen serbischen Septembertag. Im September folgen heisse Tage und plötzlich kippt die Temperatur und der Regen breitet sich über das Land aus. Der serbische Himmel überwirft sich mit sich selbst. Es ist kein „Fruchtloses Grübeln“, es ist ein träges, eifriges und doch stillstehendes Weinen eines Teils Europas, der sich widerspiegelt in Millionen von Herzen. Es scheint, als bräuchte Deda Kosta einen Kindersitz beim Autofahren, da er so weit unten sitzt, so tief sinkt und seine dicken Brillengläser, diese Hornbrille, sein Käppi auf dem Kopf, dem weissen Haar, hervorlugt, wie ein Kind hinter dem Zaun. Hinten sitzt seine Frau Milka und eine Unbekannte. Heisser Tag. Zu schön das Wetter für eine Beerdigung bzw. für das Gedenken nach 40 Tagen. An jeder Strassenlaterne  die Todesanzeige. Vor dem grossen Bazar, Piac, im Zentrum der Kleinstadt am Schwarzen Brett. Wobei auf diesem Brett auch andere Anzeigen wie „Suchen Sie eine Nanny?“ oder „Reben der Sorte XY zu verkaufen!“ oder „Sibirische Husskys zu verkaufen“ oder Traktor (fast neu)...... Da ist sie auch einmal hinein mit ihrem Cousin Vladimir. Da haben sie sich mit einer Verkäuferin unterhalten. Da hat sie Fotos geschossen. Da haben die beiden zugehört und genickt und die Frau dachte, sie kämen von einer Zeitung und hinter ihnen war dieses Aquarium mit den Barschen und Welsen, den Welsen mit den langen Schnurrbärten, wie Churchill, aus dem durchfliessenden Fluss Morava. Da waren diese zahlreichen, in allen Varianten, Konfitüre-Deckel. Da war dieser blaue Himmel. Nicht bedeckt und nicht erinnernd an den Smog des Schlachthauses des Städtchens mitten im Zentrum. Ihr Onkel, der dort gearbeitet hatte. Ein Lastwagenfahrer. Ihn hatte sie nur kurz gesehen. Auf einem Traktor sass er und transportierte Holz für den Winter. Er hat sie nicht beachtet; konzentrierte sich auf seine Arbeit. Jahre schleifen an den Herzen wie der Wind an Steinen. Da war dieser blaue Himmel. Nicht bedeckt und nicht erinnernd an den Smog des Schlachthauses des Städtchens mitten im Zentrum. Es war alles da. Die Strassen waren da und die Fremde, die gleiche wie eh. Fremde vertraut. Und Vladimir war da. Gealtert mit, neben und fern von ihr. Seine Zähne schlechter, sein Haar schütterer, sein Temperament gezügelter. 
Der Sarg hat sich also gesenkt. Man hoffte auf die Erleichterung seiner Seele. Statt zu leben, starb Vater. Statt ein Vater zu sein, entschied er sich für die Rolle des Patriarchen. Als hätte ihm der Trotz sein ganzes Leben verbaut. Volare.... cantare..... nel blu, die pinto di blu, felice di stare la su....! Wir sitzen in einem Café. Schweigen uns an. Statt zu reden, schweigen sie sich an. Sonnenbrillen. Handtäschchen. Bruder, Schwester, Schwägerin, der Schwager der Schwägerin. Sonnenschirme Heineken. Hund auf dem Rasen. Schläft. Sie kamen soeben an. Mutter war nicht zuhause. Man sitzt und wartet. Die Beerdigung ist erst morgen. In Belgrad am Flughafen haben sie sie abgeholt. Fuhren sogleich in eine Mall. Sie beinahe entrüstet jetzt auf eine Shoppingtour zu gehen. Also holte sie sich einen Kaffee und setzte sich nach draussen, wartete auf die anderen. Beograd. Menschen einfach. Grauer Himmel. Nicht warm, nicht kalt. Der Kaffee wie in Starbucks, wohin sie nie geht. Zigarette. Und nun: Volare.... cantare..... nel blu, die pinto di blu, felice di stare la su....! Anstatt Bruder und Schwester zu sein, gingen sie sich aus dem Weg. Sie hatten sich nichts zu sagen. Sind so verschieden. Man beglich die Rechnung. Der Bruder ging zum Frisör. Sie und die Schwägerin zum Shopping. Zum Chinesen. Sie stand und schaute sich den Krempel an. Sie überlegte, ob sie etwas für die Kinder kaufen möchte, etwas mitbringen möchte. Und Sonja selbst, die Schwägerin, probierte Hose nach Hose, wählte Handtasche nach Handtasche. Fast, so wie sie da stand, zwischen den Kleiderständern und Rat gab, fast dachte sie: Jetzt muss jemand einlenken. Die Stimmung so drückend schon seit der Ankunft. Dieses Entscheidungslose, Schweigende. Diese Sonnenbrillenblicke. Und nun, Hausfrau am Einkaufen. Was geschieht? Ufert das jetzt aus? Der Chinese spricht gutes Serbisch. Statt zu telefonieren und zu fragen, wann genau die Beerdigung ist, las man die Anzeige auf der Betonsäule der Strassenlaterne. Vladimir hatte die Todesplakate im Zentrum der Stadt verteilt. Dieses Gelähmte, Entscheidungslose des Bruders Goran. Sonja neben ihm. Sonja und Goran seit 25 Jahren verheiratet. Ein Kind. Ich Seine Schwester. Goran übernimmt das Zepter: Er rufe Mutter dann schon an. Nach dem Chinesen kaufte ich einen Topf gelber Chrysanthemen. Im Freitag- Rucksack hatte er gut Platz, offen gegen oben. Der Himmel blau. Sonja schaute mich nur an, schwieg. Was gibt es denn bei Chrysanthemen zu schweigen? Warum kauft sie keine Blumen? Warum statt Chrysanthemen, Taschen, Handtaschen made in china? Pink, gelb. Warum die Hosen? Wie eine Ausserirdische kam sie sich vor. Als wäre dieses serbische Kleinstädtchen der Mond, Mars, Jupiter. Nicht allein, aber allein. Statt zu erzählen, stand man da, trug Chrysanthemen durch die Strassen. Eine Schweizer Freitag Tasche. Dunkelbau. Mein Handgepäck. Schnell wollte ich den Zoll passieren und mich in Ruhe ins Flugzeug setzen können. Mehr Heimat ist der Flughafen Kloten. Die Sms auf Serbisch, das iPhone nicht dazu eingestellt. Dieses Unentschiedene, Gelähmte. Die Augen hinter den Sonnenbrillengläsern. Als hätte ihm der Trotz sein ganzes Leben verbaut. Statt, dass er aufhörte zu trinken, trank er weiter. Sie musste sich zurückhalten mit dem Alkohol. Solange Goran dabei war. Wie erträgt man dieses Lähmende, Träge, nüchtern?

Nüchtern also brannte die Sonne auf ihren Kopf, statt zu scheinen. Der Pfarrer war da. Vater Stojan. Die Verwandtschaft war da. Die Freunde waren da. Der Bruder, Goran, hatte sich ein schwarzes Hemd in der Belgrader Mall gekauft. Jeans. Kein Fotoapparat. Er, ein Hobbyfotograf. Sonja mit Rossschwanz. Etwas Barthaare. Dunkel und gross und kräftig ist sie. Stubsnase. Eine schöne Frau. Mutters Gesicht als hätte sie ein Gespenst gesehen. Krampfhaft versucht sie sanft dreinzuschauen. Muckt beinahe auf... reisst sich zusammen. Reisst sich zusammen. Würde ja gerne noch eine Hassrede halten, muss gar eine halten, reisst sich zusammen. Goran steht da, ein Bein nach vorne. Sonja entfernt sich in die hintere Reihe. Die gelben Chrysanthemen. Das Brot. Der Wein. Das Essen auf dem Grab. Zucker. Biscuits. Kaffee. Lamakum (Ratluk).  Blumen, Kerzen. Karanfil. Die gelbeorangen –okernen- Nelken riss sie aus dem Boden, wie sie an meinen Ohren riss. Da sass ich am Morgen noch. Am Tisch, im Garten. Und Mutter rupfte die Blumen als wäre es Unkraut. Blumen für ihren Ex-Mann. Unkraut gehört auf sein Grab. Die Blumen entweiht mit der Absicht, warum man sie der Erde entriss. Das Wort pflücken gibt es hier nicht. Man zupft Wimpern, Haare der Augenbrauen. Hier werden von Mutters Hand Blumen gejätet!

Und da sassen wir also, Vladimir und ich. Und nun stehen wir am Grab. 2014.

Statt dass ich etwas sagte, schwieg ich. Vater Stojan sang. Predigte im Singsang. Man stand da und schaute zu Boden. Wusste eigentlich nicht wohin schauen. Das Wetter prächtig! Kein schönerer Tag! Vater Stojan sprach von Bescheidenheit, von verfehltem Bedürfnis nach Überfluss. Eine Platte Fleisch auf dem Grab. Mutter wies an die Fliegen vom Fleisch zu scheuchen. Die Fliegen hatten es ihr angetan. Man solle die Fliegen verscheuchen, wies sie gestikulierend an. Irritiert fügten sich die Frauen, welche am nächsten beim Grab standen. Ich tat es nicht. Sollen doch die Fliegen ihr Vergnügen haben! Die Fliegen waren schliesslich nicht gelähmt oder entscheidungslos. Man zünde eine Kerze an und stecke sie in die trockene Erde. Erst zwei Tage später regnete es. Ich hatte das Grab nicht noch einmal aufgesucht. Waren wir alle etwa erleichtert? Fühlten wir deshalb nichts? War es Erleichterung und der Unglaube, dass eine Erleichterung endlich eintraf? Was ist mit den Karanfilen/ Nelken? War es nicht richtig, dass ich welche kaufte? Nahm mir Goran das übel? Die Mutter fand es wohl anständig. Anständig! Wenn ich dieses Wort nur höre! Hysterisch schüttelte Mutter den Kopf, zitterte. Sie habe solchen Stress! Alles müsse sie alleine machen! Niemand helfe ihr! Es müsste alles stimmen und alles müsse korrekt sein für den morgigen Tag! Alles! Abemagert, ihre dünnen Beine, glänzenden Schienbeine, die schwarze Kleidung, ihr Rücken, das Haar gewellt. Klein ist sie und wird noch kleiner. Ihr Mund verkniffen wie ein After beim Scheissen. So sah sie aus. Und ich schwieg am Grab und hörte Vater Stojan zu. Nach jedem Amen, ging eine Kette von Überkreuzungen durch die Gruppe, Gesellschaft. Ich tat es nicht. Warum sollte ich etwas tun, was ich nie getan habe? Goran tat es jedes Mal, wobei er gerne erzählte, er sei Atheist. Wenn Goran anfing zu philosophieren, strömten Ameisenvölker durch mich. Statt das Kreuz zu machen, schwieg ich. Bewegte mich nicht. Statt eine Tochter und Schwester zu sein, war ich ich. Ein Lätz Patchworkdecke war und ist das Grab meines Vaters. Ich fühlte keinen Platz für Trauer. So wie ich fühlte keinen Platz als Kind gehabt zu haben. Die Trauer um meinen Vater entriss Mutter. Ich hatte kein Recht Vater zu lieben. Dieses Recht stand mir nicht zu. Es war auch nicht der Vater Gorans oder meiner, der gestorben war, sondern der Mann der Mutter. Und für ihn hätte sie auch Kakteen mit der blossen Hand aus der Erde gerissen. Wenn nicht Liebe, dann auch nicht Trauer. Statt Trauer, auch keine Liebe und viceversa. Statt uns zu lieben, hat Mutter geklagt. Statt uns zu lieben, hat Mutter über Vater geklagt. Wie diese Tragödien so ablaufen und der Sarg hatte sich gesenkt. Später dann, im Restaurant, da kam Onkel Toma. Vaters bester Freund und legte mir nahe doch noch zu doktorieren. Da insistierte er, dass die Frau und die Tochter doch noch die Dissertation fertig mache. Goran schlich wortlos an uns vorüber. Und ich fragte mich, welcher Teufel in ihn gefahren sei. Der gute Onkel Toma, der gute alte Studienfreund Vaters. Der gute alte Toma. Noch in der Sonne am Friedhof fing er an das Thema anzupeilen. Mutters Mund verkniffen. Die Frauen am Fliegen wegscheuchen. Die Chrysanthemen waren für mich. Und Vater Stojan schlich sich dann davon, denn als seine Predigt zu Ende, war er überflüssig. Ich brachte ihm noch ein Glas Wasser und einen Kaffee. Meinen Slivovic kam ich nicht mehr zu trinken, da wir ja eine Reservation im Restaurant zum Mittagessen hatten. Schnell wurde alles abgeräumt. Der Zucker, Ratluk, Honig, der Kaffee, die Fleischplatte, das Brot, der Rotwein, die Kerzen. Während Onkel Toma mir das serbische Bildungssystem erklärte. Mühsam. Alle waren weg. Grossvater Kosta lud mich auf und wir fuhren ans andere Ende der Stadt. Am Morgen noch -in der Früh: Mutter rupfte die Blumen als wäre es Unkraut. Sie riss. Der Tisch lang im Restaurant. Saal. Die zwei besten Freunde Vaters separat an einem Tisch. Die Mutter und der Bruder weit weg. Sie hatten mir keinen Platz neben sich reserviert. Sie hatten sich einfach alle schon gesetzt als ich kam. Ich fühlte mich ausgeschlossen. Und in diesem Moment, entflog mir der Satz: Ihr seid doch alle nicht normal! An Sonja, Goran und Mutter gerichtet. Sie senkten den Blick. Weisses gestärktes Tischtuch. Am anderen Kopfende richtete man mir einen Platz. (Geht doch!) Ja, Wut kam auf. Leben. Leben. Leben. Essen. Mehrere Gänge. Menschen. Lange nicht gesehen. Ich war also auch eine Serbin. Ich gehörte dazu. Man reihte mich in die untere Hierarchie ein, damit man mich vom Hals halten konnte. Damit man sich so verhalten konnte wie immer. Damit ich weit weg war, denn ich veränderte doch immer alles. Ich war ungemütlich und unbequem. Ich bin die Tochter meines Vaters. Ich glich ihm bis auf die Spucke. In mir lebte er weiter. Und statt etwas zu sagen, eine kurze Rede zu halten, blieb ich sitzen. Als wäre ich bloss ein Gast. Ich begann mein Wesen zu kaschieren. Ich begann wieder wegzugehen, zu segeln. Fortzubleiben. Statt mir Mühe zu geben, meine Stimme zu geben, blieb ich sitzen und hielt mich an einer kleinen Tasse fest, als wäre sie ein Ruder. Ich trat in den Raum der Ethnologin, Soziologin. Und das Fronleichnamessen hätte ewig dauern können! Lasst uns für immer beisammen sein in diesem Saal! An diesem Ort! Lasst uns wie im Hades speisen und nichts empfinden, aber hören und sehen und denken! Nehmt uns die Gefühle und Begierden, und verstärkt alle anderen Sinne!

Welche ohne diese nichts wert. Für immer dieser eine Septembertag! Anstatt! Und die Haselruten legen wir vorher ins Wasser, bevor wir jemanden damit schlagen.

 Aber die Seligsprechung dauerte nicht ewig. Denn, obwohl eine Absprache stattfand, (nämlich, dass entweder die Witwe oder der Sohn das Initial geben) stand Vladimir auf. In diesem Augenblick, wie ein Dominoeffekt, erhoben sich alle vom Tisch und schüttelten sich die Hände. Ich erschrak in dem Moment. Dieser plötzliche immediate Aufbruch in der Gruppe. Vladimir verdutzt, mit einem grossen Fragezeichen im Gesicht: He Leute, ich wollte nur mal kurz pinkeln gehen! Jedoch war es zu spät und die Gesellschaft löste sich auf, war erlöst von dem Tag, bereits um halb Zehn in der sengenden Sonne am Friedhof, das Essen und nun die Müdigkeit danach, die paar Bierchen, der Weisswein usw. So dauerte die Seligsprechung nicht bis in alle Ewigkeit. Und auch dieses Beisammensitzen hatte sein Ende und auch ich wurde wieder entlassen aus meiner Rolle, welche ich ja gar nicht angenommen hatte. Es war typisch für Vladimir. Er war ein Experte. Fettnäpfchen! Ein Naturtalent! Amüsiert dann doch, verabschiedete ich mich und sah den Saal immer leerer werden. Die Mutter etwas mürrisch über das unvorhergesehene abrupte Ende. Es war also fertig. Man trauerte also um einen Mann, der wenig Interesse hatte an moderne, sagen wir, zeitgemässe Pädagogik. Das wird es auch sein, was Goran, Vater nicht verzeihen kann. Warum sollte er auch. Aber dann kommen alle diese Floskeln wie Ein Vater ist ein Vater, Blut ist dicker als Wasser. Und natürlich auch Respekt. Als wäre Respekt etwas, das mit den Genen gekoppelt ist und nicht etwas, das man sich erarbeiten muss. Natürlich wird Respekt sozialisiert. Liebe wird auch sozialisiert? Welche Art von Liebe denn? Welche Art von Respekt denn? Ich denke, diese Begriffe heissen da anders..... Vladimir trat zu mir: Hey, ich wollte wirklich nur pinkeln gehen! Warum stehen die alle gleich auf? Ich klopfe ihm sanft auf die Schultern und lache: Du schade, dass wir die Sache mit Tina Turner nicht durchgezogen haben. Er schaut sie wieder verdutzt an und sagt: Mensch, jetzt hör doch mal auf mit deinen Fantasiegeschichten! 
Mir war die Idee bei einem Glas Whiskey gekommen. Vladimir mir gegenüber, die Musik grauenhaft. Ein Double muss her, weisst du! Der Song You simply the best... tatatata... You simply the best! ... das wär doch einmal eine Seligsprechung! Mal was Modernes, Neues! Naja, etwas Sound beim Fronleichnamessen, nicht!

Vor Jahren, in Lichtenstein, im Malbun oben, da war sie an einem Geburtstagsfest. Da sass diese ganze Mischpocke. Liechtensteiner, Schweizer und Niederösterreicher. Ein lustiges Völkchen. Geburtstagsüberraschung: Tina Turner. You simply the best! Es war fantastisch. Eine Schwarze, lange Beine, wuchtiges Haar! Laute Musik! Sie waren alle hin und weg..... Es war aber auch etwas irritierend, glaubte ich in den Gesichtern zu sehen.

Das wäre doch etwas gewesen für diesen trostlosen Vormittag auf dem Friedhof, dann im Restaurant. Auch wenn das Wetter zu schön für solche Veranstaltungen und Rituale.

Die einen gingen nach Hause und die anderen gingen zu Mutter. Die serbische Mischpoke. Cousin väterlicherseits Zoran, seine Frau Daniela, ihr Sohn Marko. Onkel Toma. Goran und Sonja und Mirko. Vladimir und Mutter. Zoran war schon ‚selig’ vom Bier. Daniela äusserst interessiert mich einmal zu sehen und zu sprechen. Sie trug Jeans. Unsere Mischpoke also, oder sagen wir, die bucklige Verwandtschaft, war zerstritten. Da war Mutter, welche keinen ausgelassen hat mit ihren Beleidigungen. Da war Goran, der enttäuscht ist von seinen Verwandten und seine Mutter eigentlich nicht ausstehen kann. Seine Frau Sonja, unterhält sich auch nur oberflächlich mit ihrer Schwiegermutter. Vaters Bruder verstorben, die Schwester sich fernhaltend von Mutter, das heisst auch von der Seligsprechung und bereits von der Beerdigung vor vierzig Tagen. Ihr Ehemann, mein Lieblingsonkel eigentlich, vollends den Rücken gekehrt zur „Mischpoke“, ihre Kinder, zwei Söhne,  auch absent. Zoran, der Cousin, mit dem Spitznamen Cevapce, dünn, gelb im Gesicht, rötliches schütteres Haar, Zähne schwarz. Daniela mit Damenschnurrbart, einem Handy mit Bildern ihrer jüngsten Tochter, welche mit Downsyndrom auf die Welt kam.  Grossmutter, Vaters Mutter, im selben Jahr verstorben, jedoch im Frühling. Marko, mir unbekannt. Ich hatte die Kinder von Zoran und Daniela noch nie gesehen. Ein Zeitraum von 16 Jahren? Goran, der coole Mann aus der Schweiz, seine sanfte und hörige dicke Frau Sonja. Der Schwager Mirko, welcher die Funktion des Chauffeurs erfüllte. Jasmina, welche weg musste zur Arbeit, die Schwester Zorans, also meine Cousine. Sie selbst 6 Kinder. Zwei aus erster Ehe. Eines zur Adoption freigegeben. Zwei aus zweiter Ehe. Und nun eines aus dritter Ehe. Und Mutter, der Drache, der sich einbildet die ganze Mischpoke ernährt zu haben über vierzig Jahre hinweg. Sie wäre ein guter Al Capone geworden. Und Onkel Toma. Kein Onkel, sondern der beste Freund des seligen Vaters. Man respektierte Toma. Man respektierte ihn wirklich. Ein Teil der Mischpoke. Der andere Teil war gar nicht gekommen.

Ich hatte schon etwas Sonnenbrand.

Der Cellolehrer, der meinte, man könne halt nicht in allem gut sein, denn wenn man was tue, dann tue man etwas anderes dafür nicht. Nun. Es kam mir immer so vor, je mehr Jahre vergingen, als würden sich die vielen Linien, welche in den Horizont eintauchten, sich immer mehr verflechten. Jede Linie erschien mir als eine Möglichkeit zu leben. Als eine Möglichkeit, mit jungen quirligen Füssen auf dem Sprungbrett stehend, als junger Mensch die Welt zu erobern, die grosse Liebe zu finden, den Menschen zu begegnen, das Buch zu lesen, das Bild zu malen, das Haus zu bewohnen, die Spaziergänge zu machen... diese vielen Linien und dieses Gefühl von Zeit und von Hoffnung, bzw. wütender lebenshungriger Sprint.  Oder die fixe Idee verstanden zu werden. Diskussion zu führen mit Eltern. Etwas klar zustellen. Zu verstehen. Versöhnung. Vielleicht auch der Unglaube, es könne doch nicht sein, dass keine Liebe vorhanden. Kein Verständnis. Versuche um Versuche. Phasen von Ich-Botschaften, Phasen von Selbsterklärungen. Phasen von Zuhören und zu verstehen. Phasen von Wegbleiben und Umorientierung. Alles mögliche Phasen und verrückte Unternehmungen. Misslungene Beziehungen und immer wieder das Gefühl in einem Gefängnis zu sein. Eingeschlossen zu sein. Auch in diesen Tagen.

Staub in der Luft. Und am Abend, als ich zu Fuss nach Hause ging, da kehrte ich in ein Lokal ein. Ich war die einzige Frau. Schon bald tauchten junge Männer auf. Einige standen draussen auf dem Trottoir und schauten durch die Scheibe ins Lokal. Einer kam herein, trat zu mir und fragte, ob ich denn Feuer habe. Ich blickte von meiner Lektüre auf, antwortete: Selbstverständlich. Er stand immer noch da. Klar, man will ein Gespräch beginnen. Ich senkte den Kopf und las weiter; tat als würde ich lesen. Da kam schon der nächste junge Mann und fragte nach Feuer. Ich hob den Kopf, schaute ihn an und sagte: Komm, geh und frag einen Mann. Er: Aber nein, ich habe dich gefragt. Ich: Nein, komm, los, geh eins weiter und frag einen Mann. Der Ton ziemlich barsch. Jetzt war Ruhe. Nur ist es nicht so, dass man abends gegen zehn Uhr einfach in ein Lokal, ein normales, gehen konnte und lesen. Ich hatte eine gefährliche Situation provoziert.

Statt im Lokal zu sitzen, hätte ich mit ihrer Mutter sprechen können. Auch hatte ich der Tante versprochen am Abend vorbeizukommen. Ich konnte aber nicht. Ich konnte nicht mehr reden und zuhören. Traurig war es in dieser Stadt. Vielleicht gab es noch Erinnerungen an die Tage, an vergangene Tage, ferne Tage, wo noch so etwas war wie Freude. Freude in den Lüften und Freundschaft, Lachen, Witze, Sommer. Und es gab auch Tage der Zärtlichkeit. Zuhause? Nomaden tragen ihr Zuhause in der Hosentasche, im „Hosasack“. Nomadinnen schlafen unter einer Patchwork-Decke. Postkarten kommen mir in den Sinn. Fenster sind Postkarten. Ansichtskarten. Kollektiv-Familien-Alben.

Blubberlimonadenkind, Bubamara
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22.  Blubberlimonadenkind, Bubamara

Das Kind hat Fragen, welche nicht beantwortet werden und schleppt sie mit sich ins Erwachsenenalter. Der Riss war gerissen, die Kluft war geklüftet. Doch ich setze dieses Kind in das Gemälde, vor das Fenster zur Kindheit. Ich setze es auf den Schemel, dem dreibeinigen. Ich gebe ihm ein Schmalzbrot zum Z’Vieri. Ich schicke es zum Brunnen Wasser holen. Ich schicke es zum Dorfladen Kaffee holen oder Limonade für die Gäste. Ich nehme das Kind,

das Mädchen, auf meinen Schoss und schaukle es. Ich lasse es auf meinen Fussgelenken sitzen und hebe es hoch und runter. Ich kitzle es aus. Ich lasse es trotzen, wenn es sich waschen muss. Lasse es schmollen. Tröste es. Ein Kind unter Milliarden anderer Kinder! Sehe seine Vertrauensseligkeit, sein blindes Vertrauen. Sein Gehorchen und Folgen. Es greift nach meiner

grossen Hand. Sehe es mit dem Finger auf alles zeigen und wie es die Limonade im Glas blubbern lässt. Ich trage es ins Bett, wenn es im Auto eingeschlafen ist oder auf dem Sofa. Ich trage es überallhin. Ich schimpfe mit dem

Blubberlimonademädchen. Ein weiter breiter Flügelschlag! 

Ein Schmerz, den Goran und sie fühlten, den Schmerz herausgerissen worden zu sein und in den Rachen eines diffusen Entwurfs von Familie getunkt worden zu sein. Getunkt wie wenn ein Neugeborenes aus dem Mutterleib gezogen und am Füsschen zuerst einmal kopfvoran gependelt wurde. Jenes Zuhause haben sie lange gehegt und gepflegt. Es war ihr Schatz, ihre Bibel, ihr Parteiprogramm. Die Schweiz wäre ihnen schneller ans Herz gewachsen, wenn die Eltern nicht überfordert, wenn sie nicht haltlos durchgeschlichen wären.

Ein Netzt flicht sich über Dunst. Kinder auf der Strasse. Herbst. Rauch in der Luft. Motorsägen überall. Hundegebell. Viele  Kinder. Da war dieser Junge. Er war blond und blaue Augen. Er hielt eine Steinschleuder in seinen Händen. Er spannte den Gummi und schoss den Kieselstein. Der Kieselstein traf sie mitten in die Brust. Er traf sie dort, wo die Haut ganz dünn war und der Körper hart war. Und die Kinder lachten. Es blieb ein Abdruck auf dieser Stelle, der rot war, blau- violett, gelb -verschwand. 

Da war dieser Bach. Da war diese Brücke. Der Grossvater hatte Kätzchen, in einem Sack, in das Wasser geworfen. Da war dieser Schaum. Da war dieser viele Abfall im Wasser. Staute sich im natürlichen Gefälle des Baches. Brennnesseln am Ufer. Zwei Metallstangen, parallel, weit auseinander. Den Bach entlang führte ein enger Pfad. Entlang einer hohen Ziegelmauer und am

Ende, da war jemand, der verkaufte Fisch. Fisch in Klötzen. Fisch eingefroren in einem Eisblock. Fisch für die Feiertage. Ganz viel Fisch in einem Eisblock. Und Rouge. Lebensmittelfarbe für den Kuchen. Lebensmittelfarbe. Rote. Den Rest bekamen wir. Eine kleine Plastikdose, in der Kreisritze Farbe. Unser Lippenstift. Rot, gestrichen auf die dünnen Kinderlippen. Und der Fisch wurde

aufgetaut. Und gekochter Weizen mit kalter Milch. Nur dann gab es Weizen. Am St. Georgstag. 

Da war dieser Geruch von Zement. Zement. Da war dieser Mann. Das Ferkel war aufgehängt an der Wäscheleine. Kopf nach unten. Abgebrüht mit heissem Wasser. Er rasierte die zarte rosa Haut. Die Augen starr. Seine Augen konzentriert. Er nahm dem Ferkel die Eingeweide heraus. Das Rasiermesser. Die Grossmutter, auf einem Schemel, säuberte die Eingeweide. Vor ihr ein Email- Becken mit Schläuchen. Da war diese Plache. Heisser Tag. Auf dieser Plache trocknete der Weizen und man schlängelte sich zwischen dem Plastik zum Eingang des Hauses, zum Brunnen, zur Toilette.  Da war diese Strasse. Da war Urin auf Schnee, das zu Eis wurde. Da war dieser Geruch von Zement und das Geräusch der Zementmaschine. Mesalica. Die Männer mit nacktem Oberkörper. Da war dieses Ferkel im Holzofen. Da waren diese knusprigen Ohren und knackigen ‚Pfoten’. Da war die Eingeweide in Sulze eingelegt; quadratisch geschnitten in einem Suppenteller mit Paprikagewürz übersät. Da war die Flasche Slivovic und die gerillten Schnapsgläser.  Da kam einmal ein Päckchen mit der Post. Bunt und mit Faltbildern aus der Schweiz. Da war dieser grosse fette Kater; ein Tiger, der blinzelte und schlummerte neben dem Mädchen. Da war so etwas, wie nasse Wärme im Bett unter dem schweren Duvet: Das Mädchen hatte geträumt auf die Toilette zu gehen. 

Da war dieser Wind, der die blauen Vorhänge ins Zimmer hinein wehte. 

Da war dieser Laut von fallenden Zwetschggen vor dem Haus. Da war dieses Rauschen der Linde und der Apfelbäume.  Das Fallen von Obst. Das Klagen des Käuzchens, des Unglücksboten. Die Hausfassade, die abbröckelte. Der Soldatenhelm an der Kornelkirsche hängend. Die aufgetürmten Betonblöcke mit den Eidechsen, die flitzten. Und die Feige über dem Wasserschacht.

 

Auf meinem blossen Knie landete eine Bubamara. Warum landete sie nicht auf meiner Hand, damit ich zählen konnte, wie lange es noch bis zur Hochzeit dauert? Meine Mutter, Danka, fing bei meinen Zehen -die Füsschen des Marienfingers Zeigefinger und Mittelfinger- an: Ide bubamara, ide bubamara, ide bubamarica, ide buba mara, ide bubamara, ide bubamarica!Es geht der Marienkäfer; es geht das Marienkäferchen......Und immer schneller und bis zu meinen Ohrläppchen und ich schleuderte mein kindliches Lachen in die Luft!
Als Kind habe ich mich vor Schlangen und Spinnen gefürchtet.
An einem heissen serbischen Sommertag bin ich mit meinem Bruder unterwegs gewesen. Wir gingen einen Feldweg entlang, parallel zu ihm, führte ein Kanal eines kleinen Baches, der in der Hitze gänzlich ausgetrocknet war. Aus heiterem Himmel wollte ich in den Graben hüpfen und mitten im Sprung, fasste mich der Bruder unter die Arme und hob mich wieder zurück auf den Pfad: „Siehst du denn nicht, dass im Kanal eine Schlange ist?“, fragte er mich und ich erstarrte vor Schreck, als ich die grüne Schlange gleiten sah. Die Bubamara, hingegen liebte ich. Wenn er wegflog, hatte ich fast, in meiner Traurigkeit darüber, das Gefühl, ich wäre daran schuld. Der schöne rote Marienkäfer, muss der beliebteste Käfer überhaupt sein.

Istanbul
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23.  Istanbul
 

Man müsste etwas erleben, das zu erleben ist. Es ist nicht einfach in ein Flugzeug zu steigen. Denn heute bist du hier und zwei Stunden später bist du dort. Und du weisst nicht, was dich erwartet, wohin es wirklich geht. Gerade für sie, welche nun schon seit einigen Jahren ungewollt, schliesslich eingeschlosssen wurde zwischen virtuellen Mauern einer Schweizer Kleinstadt, sehen die Dinge plötzlich sehr gross aus, auch wenn sie nur ein Sturm im Wasserglas sind. Die Reise beginnt mit seltsamen Örtlichkeiten wie Flughäfen. Kein Hafen ist so wenig ein Hafen wie ein Flughafen. Als wären diese Orte in Miniatur, wobei man doch viele Kilometer hinter sich legt, das Wahrzeichen, das moderne Labyrinth unserer Gesellschaft. Es ist geradezu unheimlich. Kaum erfreut man sich an den Duty Free Shops, nachdem, einem doch so wichtige Dinge wie Wasser in einer kleinen Pet-Flasche und das Deodorant, entrissen wurden. Soll man da gleich in die Parfümerieabteilung treten und einkaufen? Nach der Enteignung, Einkauf für weniger als sonst? Ein geringer Trost, wenn man bedenkt, dass man ja das Wichtigste beisammen hatte und in der Aufregung, froh darüber ist, etwas zum Trinken zu haben und auch etwas zu haben, das verhindert, dass sich Menschen weiter weg von einem setzen. Nun, das sind natürlich Kinkerlitzchen. Am Flughafen Kloten Zürich selbst ein Louis, welchen sie einmal kennengelernt hatet am Rhein, an einer abgeschiedenen Badestelle, letzten Sommer. Louis grüsst den Hans aus der  Kerze, das heisst sie kennt Hans aus der Kerze vom Stammtisch. Louis kennt Hans. Und Louis fliegt nach San Francisco, wobei Hans in der Kerze sitzt und sein Tannenzäpfli trinkt. Er findet dieses tausendmal besser als das Falkenbier. Sie selbst fliegt nach Istanbul mit Zwischenaufenthalt, bzw. Umsteigen in Wien. Nein nein, Flughäfen sind seltsam. Und seltsame Dinge passieren an Flughäfen. Wie zum Beispiel, dass man dann, wenn man dann mal dort ist, also jetzt in Wien, inmitten dieser Niemandslandzone läuft, geht, stampft, erleichtert durch Fliessbänder, für einen Augenblick Superman, ja inmitten von Gates. A bis D und wohl noch weiter und... Und dass man eine Zigarette rauchen will. Da erlebt sie nichts Neues. Still ist es und es ist verdammt schwer sich nicht wie ein Stück Watte in Öl getunkt zu fühlen nach einer Stunde. Gar ein Ohrenwattestäbchen mit Schmalz gewichtet. So steht man in einer solchen Telefonzelle für Lebensmüde, da es ja Raucher sind. Keine artgerechte Haltung! Und da steht eine Frau. Grimmiger Gesichtsausdruck, billige Basartasche am Boden (seine Tasche kann man eh nirgends hinstellen, als auf den Boden), welche so da steht und raucht. Sie raucht und von der Seite, also beinahe verstohlen blickt sie zu ihr. Sie blickt auf die Handtasche am Boden. Sie verzieht keine Miene. Sie glaubt zu wissen, dass diese Frau jedenfalls eine Balkanerin sein muss. Wie könnte man das erklären? Aber es geht nicht darum, dass sie eine Balkanerin sein muss, sondern darum, dass sie einen starren Gesichtsausdruck hat und (zum Glück!) kein Wort an sie wendet. Denn sie ist wieder aus diesem schizophrenen, Sauna und Telefonzelle Raum getreten und als sie später wieder kam, da sah sie dieselbe Hexe in einer andern Tube, und dort schien sie, so schien es jedenfalls, zu wohnen, bzw. zu arbeiten. Denn sie würde einen Besen fressen, wenn die Hexe es nicht auf das Gepäck abgesehen hätte. Und das Gepäck, ist das Gepäck, das der Passagier oder die Passagierin bei sich hat, also nicht aufgegeben hat. Ach langweilig diese Diebe und Hexen und Diebinnen. Später dann, als sie den Weg suchte, in Wien also, zum Gate D, da kam sie an eine Kontrollstation vorbei, ein türkisches Ehepaar, Rentner, durchgefilzt wurden. Der schöne Wiener Jargon? Dialekt? Da waren also diese zwei Eheleute mit ihren grossen fetten Taschen und da waren also diese Zöllner, die Wiener oder Österreicher und sie stand da, als würde sie auf eine Theaterbühne sehen können, und da sagte der eine der Wiener Zöllner, wobei er mit dem Zeigfinger der rechten zum Himmel zeigte: Jaja, bald kommt auch noch der Davidstern! Er schlug damit, von sich aus, sich also selbst entscheidend, die Brücke zu ihr. Wobei sie verdutzt da stand, vielleicht kurz zu Boden blickte (sich fremdschämen?), auf den Mann zuging und ihn fragte, wohin es denn zum Gate D ginge. Dort dann angekommen, befand sie sich ausschliesslich unter Türken und Türkinnen. Man folge ihnen! Und sie folgte ihnen und sie sass neben ihnen, neben einer jungen Frau, einem Mädchen, dass sich ein Fischmenu bestellt hatte, noch knapp vor Abflug auf facebook war und offenbar, es kaum erwarten konnte nach Istanbul zu kommen. Liebe? Schmetterlinge im Bauch? Sie selbst ergötzte sich an den  österreichischen Boulevardzeitungen, was man in der Schweiz ‚Blick’ nennt. Zwei Hauptflughäfen in Istanbul. Passkontrolle. Wieder diese seltsamen eingeschirrten Wege, wobei hier wirklich Barrieren aus Plexiglas aufgestellt werden mussten, weil sich sonst niemand daran hält. In Zürich sind es noch gespannte Schleifen zwischen Stange und Stange und tatsächlich gab es am Istanbuler Flughafen bis zu der Passkontrolle, also jener mit Pässen aus der europäischen Union, jener mit den Pässen für ‚Einheimische’ und jener mit ‚andere Nationen’, ein Durcheinander. Ein Drüberklettern und dann Stau, weil sich zwei Gruppen frontal widertrafen und... Ana wartete nicht dort, wo sie warten sollte, sondern ging zu jenem Schalter mit ‚andere Nationalitäten’. Wobei sie auch höflich fragte, ob das denn okay wäre, und der Beamte nickte, nachdem Ana ihm ihren Schweizer Pass entgegenstreckte und auf die Theke stellte. Ein Lächeln, so bildete sie sich wenigstens ein, blitzte in seinem Gesicht auf. Und dann folgt die Gepäckgeschichte und das Förderband im Kreis und wieder im Kreis und wieder und...

Faszinierend ist es. Das Fliegen, diese Distanzüberwindung. Unmenschlich diese Bürokratie und Angst einflössend die zunehmenden Kontrollen. Die Latexplastikhandschuhe beim Durchsuchen des Gepäcks, die Ausbeute ein Nivea- Deodorant. Das Schuhe ausziehen eigentlich unwürdig, so unaristokratisch. Nicht? Diese Entblössung. Und die Rede des Flugkapitäns, je nach dem, welche Muttersprache. Die zweite Version, in seiner Fremdsprache, runtergehaspelt, gelallt und unverständlich. Alle diese kleinen Dinge. Dieses Durchschleusen. Und ja, natürlich, als Mensch schätzt man diese Distanzüberwindung. Und das andere Leben nimmt man mit. Es klebt an deinem Rücken. Es klebt wie versengte Engelsflügel.

Und nach all diesen Monaten, der Sehnsucht, der Sorge, ist es so weit, dass sie, die Mutter, das Terminal durchschreitet und nichts passiert. Und dann, dann die Kinder, von hinten über die Mama fallen, und sie beide Kinder in die Arme und hochhebt. So ist unser, deins und meins und ihr Leben ein Abenteuer. Und der Mensch führt ein Leben in Ehe, und auch diese Geschichte, dieses perpetuum mobile folgt. Die Ehe hat nie funktioniert und nun gibt es ein revival. Und ratlos ist sie. Und ratlos sind alle.

Und sie wünscht sich, dass es anders wäre. Und alle wünschen sich, dass es anders wäre und es ist aber so wie es ist und das ist der Schwachpunkt am Ganzen. Die ganze Familie krankt am Wunsch Es-könnte-auch-anders-Sein und auch an der Fähigkeit der Vorstellung, es könnte auch anders sein. Und von diesem Sprungbrett aus, von dem man nie springen wird –vielleicht. In der Sogukecesme Strasse ist sie gestolpert. Beim Hippodrom hörte sie einen Franzosen sagen: Das hier war einmal ein Hippodrom.

 

Was war deine Motivation für ein Studium?
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23.  Istanbul

Was war deine Motivation für ein Studium?
Ich weiss nicht? Die lange lange Bahnhofstrasse, vielleicht? 
Die Bahnhofstrasse war auf jeden Fall wichtig. 
Zuerst zu Fuss rauf und runter. Dann mit dem Velo rauf und runter und klar, runter und rauf und so fort. Genau. Die Sterne an den Laternen... nein... Strassenlampen und genau, die Glitzer-Lamettas nach Neujahr. Und der dunkle Wintermorgen. Etwas Zauber und Magie in meiner Kindheit. Konfetti Strassenbord. Romano und ich. da war doch einmal... war das Hotel Garni? Da ging doch eine Afrikanerin am Hotel vorbei und man konnte in den Hotelgarten oder Park (nein, viel zu klein) reinschauen und das... ja da ging sie zum/an den Zaun, blickte hinein (ach ja.... Sommer) und rief: Nehmen Sie sich doch Schuhwichse, das geht schneller!>>
Welche Studienrichtung und welche Fächer hast du ausgewählt?
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23.  Istanbul

Welche Studienrichtung und welche Fächer hast du ausgewählt?
Wir waren am Rhein spazieren und ich schrieb in den Sand: Philosophie.
Welche Hochschullehrer/-innen sind dir in Erinnerung geblieben oder haben dich gar geprägt?
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23.  Istanbul

Welche Hochschullehrer/-innen sind dir in Erinnerung geblieben oder haben dich gar geprägt?


Da berührte mich doch diese Passage in dem Buch, das ich neulich las: <<Plötzlich spürte ich, dass etwas oder jemand in meinem Zimmer war, hinter meinem Rücken. Es näherte sich langsam. Als ich den Kopf zur Seite drehte, sah ich einen  Fuchs, oder eher einen hageren Mann mit einem Fuchskopf, schwarz verkohlt und blutend, als sei er gerade einem Feuer entronnen. Wie versteinert blieb ich sitzen und wartete ab, gespannt, aber ohne Angst. Der Fuchs kam näher, hob den Kopf und sah mich auf Augenhöhe mit gequältem Blick an. Unvermittelt liess er mit einem schweren Schlag eine blutverschmierte Männerhand auf das von mir liegende leere Blatt niederfahren. Er beugte sich zu mir herüber und flüsterte in mein Ohr: >>Hör auf damit - du machst uns kaputt.<< (Du sagst es. S.37. 2016 Diogenes Verlag. Sylvia Plath, Ted Hughes. By Connie Palmen.)
Stadt
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24.  Stadt

Es gibt Tage, wenn man durch die Stadthausgasse geht, in der sich auch die Kerze befindet, wo man glauben könnte, man gehe an einer Räuberhöhle vorbei. Die Räuber versammelt an der Feuerstelle, polternd, fluchend, streitend, diskutierend! Kein halbwegs vernünftiger Mensch würde sich in ein solches Lokal trauen. Das Rabauken-Stimmen-Gewirr, das Barbuz-Gegröhle, Gejohle, scheint selbst die Fenster im zweiten Stock aufgerissen zu haben, so dass die ganze Stadt im Vergleich dazu, als ein Hort des Friedens gelten muss; wie im Coop oder der Migros, zu unfrequentierten Einkaufszeiten. Die Touristen in diesem kleinen Städtchen müssen sich gar fürchten und eilen raschen Schritts durch die Stadthausgasse, atmen auf, wenn sie wieder auf dem grossen Platz sind. Dem Platz mit seinen pittoresken Gemäuern, Fassaden, Kerkern und Türmen, Confiserien und Läden, inklusive des Brunnens, ähnlich dem Chindlifresserbrunnen Kornhausplatz Bern.

            Bei schönem Wetter sah man dutzendweise Männer mit ihren Söhnen hinausgehen zum Rhein. Sie gehen mit Rute und Kessel, Eimer und Korb. Den Spaziergängerinnen bot sich ein buntes Bild von allerlei Charakteren; fast Karikaturen. Der eine trug einen langen Mantel und hielt seine blossen Füsse ins Wasser. Der Junge neben ihm spielte Gameboy. Der andere trug ein lässiges Hemd, einen englischen Hut auf dem Kopf, angelehnt an eine Weide  und fischte. Der andere hielt in der einen Hand seine Pfeife, in der anderen die Angel. Als der Spaziergänger dann um die Krümmung des Flusses bog, sah er einen faselnackten Hippy auf einem Stein stehen und angeln. <>

Und wenn am Himmel Wolken aufzogen, es schwüler und drückender wurde –man den Regen ahnte- standen die meisten dieser Silhouetten an dem ziehenden Strom wie Statuen –als stellten sie Heilige oder Propheten dar. Sie schienen ein natürlicher Teil der Landschaft zu sein. <> (Ich denke angelehnt an G.Keller.) 

Die Stadt kommt mir ohne P leer vor. Schaffhausen war sein Lebenszentrum. Der Ort, wo er geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen, sich verliebt, geheiratet hat -sich für die Menschen eingesetzt hatte. 
Schaffhausen ist klein, wenig Anonymität. Das kann manchmal bedrückend, gar beängstigend sein und manchmal wird es einem auch wohlig, beinahe heimatlich -so viele Menschen zu kennen, den Kopf zu schütteln über Tratschgeschichten, Gosip, welche weder Hand noch Fuss haben, freudig zu begrüssen, einander zuzuwinken auf dem Fronwagplatz, Froni. Wie sagt man doch gleich? Ein fremder Fötzel? Dieser werde ich auch bleiben. Zugespitzt gesagt, es gibt Schaffhauser, welche vielleicht 2 Jahre brauchen, um dich zu grüssen, ein Jahr mehr, um dich anzusprechen und kaum hat man sich vorgestellt, gehört man zum Club der Gerüchteküche. So ging die Nachricht von Peters Tod wie ein Lauffeuer durch die Stadt. 
Schaffhausen ist im Moment meine Lebensmitte. Da schwatze ich manchmal im Raponi mit Hamid. Hamid ist an MS erkrankt. Er freut sich immer, wenn ich mir etwas Zeit nehme, um mit ihm zu sprechen. Ich habe von Hamid gelernt besser zuhören zu können, da er langsam spricht und immer deutlich zu artikulieren versucht. So sehe ich ihn und mich. Wir sind beide gleich alt. Hamid mit Rolator. Er hat keine Familie hier.
Da ist auch unser Jesus, den man mit Namen erwähnen muss: Heinz Möckli. Ein Lebenskünstler. Neulich wieder in der Stadthausgasse, barfuss auf der Gasse und verteilt den Leuten Lollypops. Heinz, ein Stadtoriginal. 
Da ist Herr B., der ständig Selbstgespräche führt, von irgendwelchen Leuten Flyer gratis in Briefkästen wirft, was Herr B als eine richtige Alltagsaufgabe sieht. Manchmal allerdings fahren ihm grausige Wörter aus dem Mund, wenn er bei den Stadtbussen steht. 
Bisher, so wie ich es bemerkte, ein einziger Transvestit in der Stadt. Scheu, unauffällig. 
Da ist die wunderbare Schäferei, das Mäh, in der Webergasse. Der Wirt aus Hamburg. Da ist das Lindli zum Promenieren und Lustwandeln. Der Munot für die Kinderfeste, Silvesterfeste, Open Airs, Bälle. Der Kreuzgang Allerheiligen zum Mittagessen, z'Zvieri essen bei angenehmen Temperaturen. Da ist Papi Geschäftsführer Kebab Charisma. 
Chäs Marilli, Daniele, Ermatinger Zuckerbäckerei, Erker, Schuhladen Facchiani. Das Stadtarchiv, wo der Friedensrichter, wo ich unlängst ein Atelier mietete im 2. Stock.
Und die Kerze von der eingangs die Rede war. Unsere Kerze! Wenn sie schliesst, steht uns ein Armageddon bevor. Ein Musiklokal, eine Kneipe, Knelle, eine Beiz, offiziell: Kulturlokal. Unser Wirt Rolf mit seinem Standardspruch: Jetzt gomma ham! Je nach Zustand kann dieser schon sehr früh am Abend ausgesprochen werden. Früher arbeitete Heidi dort, jetzt sind wir befreundet. Jetzt ist es Lina aus Split. Sie ist ein Gewinn. Endlich wieder kam Ordnung ins Lokal. Es hat nun ein Tuch nur für die Gläser, einen Lappen, ich glaub', der gelbe, nur für die Kaffeemaschine etc. Auch organisiert sie Silvesterabende, Geburtstage..., so dass wir an Feiertagen nicht ganz vereinsamen. Musikwoche Kerze ist ein Muss.
Dann die Freitagskonzerte an denen die Kerze zum Bersten voll ist. 
Unser Kerzen-Hans, unser Kerzen-Andi mit der runden Brille. Unser Stefan, welcher Bücher in der Kerze liest, befragt wird als wandelndes Lexikon, unser Kanadier mit seiner ewig andauernden Scheidungs- und Sorgerechtsgeschichte, unser Ire und Fischer, Fotograf Fredi mit Zahnlücke seitlich für die selbstgedrehte Zigarette. Bobbeler und Stark. Unser Verkäufer Tom, Verkäufer Elektronikabteilung Schwanen. Unser Wolf kurz vor der Pension überfordert mit dem Ausfüllen der Formulare für die AHV. (Nur verständlich aus meiner Sicht). Unser Sozialarbeiter, Krankenpfleger.. ach ja und Rolli, der ehemalige Eisenleger- ein Hans Dampf in allen Gassen - long ago. Unser Faxe von früher, leider verstorben. Unser Künstler Erwin Gloor. Seine Freunde Sperber und Peter. 
Es lebt in der Kerze. Auch ein Ort für Lehrlinge und Kantischüler. Heimelig, heterogen, gemütlich und derb. Ersparen sie sich ein Inserat! Sagen sie es am Stammtisch in der Kerze! 
Kein Alkohol an Schluckspechte und Schnappsdrosseln unter 16! ;-)









An jenem Morgen... Hahnenschrei
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25.  An jenem Morgen... Hahnenschrei

Es war sehr kalt. Ich fühle meine Beine nicht und doch, sie zittern während ich die Treppe hinuntergehe und mich links am Geländer festhalte. Der Polizist hinter mir fragt, ob ich Hilfe brauche. Ich verneine. Ich trage keine Socken, bin gerade mal in die Turnschuhe geschlüpft. Es ist Januar. Januar, 19 Tage nach Silvester. Am Silvester selbst sind wir auf die Munotzinne gestiegen, haben dort angestossen, die Kinder rannten herum, spielten Fangnis. Heiner war auch da. Er war in Begleitung einer Frau und da ich ihn nicht gesehen hatte, nicht bemerkt hatte, stupste er mich an und machte mich auf sich aufmerksam. Mir schien er fast etwas beleidigt. Seine Begleitung, eine grosse schlanke Frau mit langem dunklem Haar. Eine von jenen mit glatter Haut und glänzendem Schopf. Ich weiss noch wie wir anstiessen und die Kinder sich zu uns gesellten, wie kalt es auch dort oben auf der Zinne war. Die Nacht war aber klar. Es lag kaum Schnee wie es überhaupt nicht viel und selten in Schaffhausen schneit. Und ich weiss noch, dass ich an jenem Abend zu faul war, um überhaupt aufzustehen, das warme Sofa und den Fernseher, die Stube zu verlassen und hinauszugehen. Aber ich hatte es den Kindern versprochen und obwohl es ihm gleich ging wie mir, fand er, nur schon seiner Erziehung wegen, dass man nun doch aufstehen sollte, sich warm einpacken sollte und die Treppen hinauf auf die Zinne des Munots steigen. Wie gesagt, es war eine klare Nacht. Sternklar. Seit jenem Morgen, als ich kaum fähig war zu gehen, geschweige denn alleine die Treppe hinunterzusteigen, frage ich mich zunehmend, und eigentlich auch immer dringlicher, warum die Reaktion der Wut ausbleibt. Menschen, so heisst es, machen diese Stufe der Trauer durch. Im Gegenteil, es scheint mir, dass ich seit jenem Tag im Januar, immer sanfter werde. Mein Gemüt sich mehr und mehr glättet, seine Oberfläche kristallener Schnee ist und der Wind schön sauber die Schneesterne verweht, damit sie sich an anderer Stelle wieder anhaften können. Irgendwo las ich, dass alle Jahreszeiten vorbeigehen müssten, damit es besser geht. Ich fragte mich, ob es denn tatsächlich hilft, die Jahreszeiten zu durchleben, das Aufblühen und Aufleben, das Verwelken und Sterben, das Kahlwerden und Sauber werden. Ob es uns menschlichen Herzen hilft die Dinge zu verarbeiten oder sie wenigstens an einen Ort versorgen zu können, wo sie ihre Daseinsberechtigung erhalten? Die Trauer und Sehnsucht ihren Platz zurück erobern kann? Sollte es mich aber beunruhigen noch keinen Wutanfall erlebt zu haben? Der erste tote Mensch. Den ersten toten

Menschen, den ich sah, war eine alte Frau.

Der Herbst stach mir ins Herz. Gegen Abend, kam dieses Fieber auf, die trockenen Lippen vom Wind, dem Föhn. Ein Herman Hessisches Fieber, welches sich bei mir im Herbst äusserte. Einmal, tatsächlich, stiess ich mit einem Nachbarsjungen zusammen, um die Ecke des Wohnblocks. Ein andermal rieb ich mir das Auge und verkratzte es, der Föhn, das Fieber am Abend.

Mileva war, wie soll ich sagen... tot. Sie war aber sehr adrett in ihrem Zustand. Wie es sich gehört, war sie angezogen, in Schwarz, da Witwe. Sie lag aufgebahrt? Nein, hingelegt auf einen Tisch. Blouse, Rock, Strümpfe, Kopftuch und Lacktäschchen, verschränkten Armen, Lacktäschchen in den Händen über den Bauch. Lackschuhe. Tot.

Das Wort Grotesk, der Begriff, wurde mir immediat fassbar.

Vier Meter von Milevas Schlafzimmer entfernt, sass ich im Wohnzimmer und rauchte Lucky Strike bei Candle Light. Mileva, während ich als 19jährige alkoholisiert –wie man es doch nennt- dahin dämmerte, schlummerte- mich eigentlich wach hielt vor dem Kummer- ist Mileva aufgewacht mit Bauchschmerzen, eilte zum Klosett/Klo, klein und fein und mit dünnen Omabeinchen, setzte sich, drückte ab und verstarb. Der Hahn krähte. Ich war eingeschlafen und hatte die Kerze vergessen, welche niederbrannte und ein schwarzes Brandloch in/auf dem Tisch/ die Tischplatte hinterliess. Ein leeres Haus, nebenan starb Mileva. Und dann, nach dem Moment des Vogel- und Hühner-Aufschreis’: Ein Riss in der Luft, ein Aufschrei Milevas Tochter Zlata.

Meine erste Tote.

Dieser Herbst der Einsamkeit. 1997. Nicht der erste und nicht der letzte. Man reichte mir einen Pfefferspray und ein Streudöschen „Aromat“ vor der Reise. Man verabschiedete mich und entliess mich und ich war abenteuerlustig und hatte „Heimweh“. Früher, vor zwanzig Jahren, litt ich unter dem Elend meiner Erinnerung. Wie ein sexueller Missbrauch, den man sich mit H2O und Seife runterwaschen wollte. Es haftete etwas Klebriges, Russiges daran. Etwas, das mich vor mich selbst abhielt und Mitmenschen gar nicht an mich heranliess. Mileva tot auf dem Esstisch. Zlata, von der noch die Rede sein wird, Jahre später.
Ich bin mir nicht sicher, ob er noch da ist. Ich schaue mich um, fokussiere jeden Winkel der Gebäude. Ich sehe ihn nicht, fühle aber, dass er noch da ist, anders als noch vor einem Jahr. Früher sah ich ihn da und dort stehen. Ich bin erleichtert, dass und wenn er nicht mehr HIER ist. Denn, was hat er hier noch zu suchen? Fort soll er sein in eine Welt, welche schöner und weicher und besser als unsere HIER ist. ER ist auch fort. Ich dachte, man lache nicht! Wenn ich sterbe, sehe ich ihn wieder. Nur..... wenn ich ihn wiedersehe, könnte ich genau so gut meinen Vater Sinisa wiedersehen. Darauf bin ich nicht vorbereitet. Ich weiss, dass ich zwei Nächte nicht schlafen konnte, von Freitag bis Sonntag. An diesem Montag, Nach Sonntag und Freitag, nach jenen, starb er. Er rief nicht einmal an. 68. Es hatte gestürmt und geregnet, es klappten die Fensterläden. Es war ein Unheil und Sturm. Alle schliefen und ich sass wach, wach und wach und wach bis der Anruf kam. Auch ich habe ihn nicht angerufen. Wozu? Die Frage: Wie geht es? War nie der Anfang für ein Gesprächsthema zwischen uns. Es kribbelt in meinen Händen. Ich habe seine Hände. Sehr schöne Hände, aber seine. Nur wenn ich meine Hände betrachte.... und damals, als er den Autounfall hatte – es ist die Rede von meinem Vater- ich hineilte, ein Sonntag, ins Zimmer kam, er mir seine Hand hinstreckte, schwach und ich sie hielt, Blut umrandeten seine Fingernägel, er so hilflos, wie damals als meine Tochter auf die Welt kam, man mich aufschlitzte, ich diesen grausamen Sog spürte und plötzlich die Hand des Anästhesisten fasste, ergriff, drückte.... und sein Blick. Übergeordnet intim. Es war Todesangst inmitten und im Moment der Geburt Almas. Und im Krankenhaus, die einzige und letzte, erste Zärtlichkeit meines Vaters.

Vater!
Das Monster knapp dem Tod entkommen. Es ekelt mich immer noch das vertrocknete Blut rundum seiner Nägel. Ich hasste ihn für diese Schwäche damals. Ich hasste ihn dafür. Ich hasste ihn für diesen intimen Moment. Wie auch der Anästhesist für sich und seine Profession missbraucht wurde von einer Fremden, welche gerade per Kaiserschnitt ihr Kind herausreissen liess.
Der knapp dem Tod entronnene Vater missbrauchte sein Kind – selbst dann.
Und wenn ich in die Augen meiner Tochter Alma sehe, sehe ich die gleiche Gnadenlosigkeit meiner selbst. Sie ist noch klein und sieht nicht, was ich sehe. Aber Alma ist eigentlich das, sie ist das, was mein Vater für eine Vorstellung von mir hatte. Es war ihm wohl nicht bewusst aber er hat es angestrebt. In mir sah er sich selbst und mich schickte er auf den Weg, so gut und wie er es verstand. Aber, für die Mutter des Objekts und den Bruder des Objekts –mich- zeigte er keine Gnade, kein Mitgefühl und kein Verständnis.

Warum auch? Er hatte ja mich.

Seit jener Nacht, jenem Morgen, als Peter tot aufgefunden, kann ich in Gedanken nicht mit ihm sprechen. Überhaupt, denke ich in Hochdeutsch – in meinem eigenen Pseudo-Hochdeutsch, wenn ich spreche, dann Schweizerdeutsch –meine liebste Sprache. Aber Denken nie... nur an Gedanken an P. keine Sprache mehr. Nichts. In Gedanken an ihn und zu ihm zu sprechen ist schlichtweg nicht möglich. Im Kopf Denken und Sprechen, das, was wir alle Tage tun, ist kein Kanal zu P. Es gibt keine Kopfsprache zu ihm, weil er tot ist. Bis heute nicht; 2 Jahre später. Ich habe an diesem Erlebnis, an diesem Schock, Kopf und Bauch verloren. Es ist ein Geschenk. Aber ohne Kopf und Bauch ist man kilometerweit- Lichtjahre entfernt voneinander. Kommt deshalb dieser Wutausbruch im Prozess des Trauerns nicht? Press any key to continue. Das Wochenende. Starke Angstzustände. Quälend, Irreal.... und von hinten so ein Einschleichen von Reue und Bedauern und Scham.... der ganze Cocktail. Achterbahn der negativen Gefühle. Gar ein Date nicht wahrgenommen. Es gab nichts wahrzunehmen. Kein Schritt zurück, kein Schritt nach vorne. Quälend. Aufgerafft, schliesslich und den Keller aufgeräumt, die Waschmaschine gefüttert, etwas im Garten rumgezupft. Gelitten. Geduscht in der Hoffnung mich besser zu fühlen. Ich wusste wirklich nicht mehr weiter. Überhaupt, wie steht man solche Zustände durch? Ich habe sie offenbar wieder durchgestanden...fast.... es hallt noch nach.... es ist noch da. Und kein Freund, der vorbeikommt und mich herauszerrt. Kein Verständnis, von keiner Seite. Ja, ich weiss, ich lasse mir ja auch nicht helfen- womöglich. Es geht um diese fehlende Kraft, Energie, überhaupt noch zu teilen. Wie soll es weiter gehen mit mir? Ich sehe meinen Kater T in der Wiese. Die Bierbüchse klickt, blitzschnell dreht er seinen Kopf in meine Richtung. Rolf war da. Ein mutiger Kerl. Kurz, war er da. Verliebt wie ein Schuljunge. Anständig, sanft und gutmütig.

Bilder in meinem Kopf. Hexen an der Bar, die mich anstarren. Alte, runzelige, verbissene Gesichter. Gestern Romy Schneiders Geburtstag. Ihre schöne Stimme. Und sehe mich, wie ich wieder, vollgestopft mit Entsetzen auf dem Sofa, die Bilder, Aufnahmen mit Magda Schneider und Hitler sehe, und dann wieder die Stimme Romy Schneiders. Was für eine konfuse Welt. Und ich erinnere mich an die Kindernachmittage, Wochenenden, deutsches Fernsehen... Winnetou, Sissi, Peter Alexander..... diese schönen alten Filme, die Klassiker am Wochenende, an Ostern und gestern an Romys Geburtstag und Todestag. Der Film: Mädchenjahre einer Königin. Ich, wieder ein kleines Mädchen mit Zahnspange und regenbogenfarbener Brille. Aber Magda Schneider als Groupie von Hitler? Und all die anderen! Pervers. Und wieder...diese schöne Stimme Romy Schneiders. Es berührt mich zutiefst. Wie Marilyn mich so berührt. Ich traure um Fremde. Horrorfilme sind bei weitem nicht so brutal und irritierend wie Biographien. Press any key to continue. “Die Beschreibung des Unglücks schliesst in sich die Möglichkeit zu seiner Überwindung ein.“ (Sebald)

Es windet. Die Fensterläden schlagen. Tulpen blüh’n, Blumen.

Es ist Frühling. Aber es weht ein bissiger, hässiger Wind. Press any key to continue. Von Zeit zu Zeit schlage ich die Hand vor den Mund und weine vor Entsetzen.  Insgeheim, von Zeit zu Zeit, hoffte ich, dass ich zaubern kann, dass es Zauber gibt und Magie, so eine Art Beschwörung und Ritual und Wunder, dass Peter wieder lebendig wird. Beim Umzug, habe ich seine Bücher, welche er in den letzten Monaten gelesen hatte, eingepackt. „Auf dem europäischen Kontinent herrschte Frieden an jenem Morgen des 28. Juni 1914, einem Sonntag, als Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau Sophie Chotek auf dem Bahnhof von Sarajevo ankamen. Nur 37 Tage später befand sich Europa im Krieg. Der Konflikt, der in jenem Sommer begann, mobilisierte 65 Millionen Soldaten, brachte drei Reiche zu Fall und forderte 20 Millionen militärische und zivile Todesopfer sowie 21 Millionen Verwundete. Die Gräuel des 20. Jahrhunderts in Europa gingen aus dieser Katastrophe hervor; es war, wie der amerikanische Historiker Fritz Stern es nannte, >>die erste Katastrophe des 20. Jahrhunderts, der Grosse Krieg, aus der sich alle folgenden Katastrophen ergaben<
Wenn ein Unglück geschieht, schrumpfen alle Wege nach Rom zu einer Rosine zusammen und da steht man, aufrecht oder gebeugt, bucklig oder verkümmert beinahe und schaut auf eine Sultanine runter, geschrumpfter Fruchtzucker, ein Schiessdreck ---- ach ja, die schönsten Schmetterlinge ernähren sich von Kuhfladen.

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26.  Press any key to continue

Es rührte ans Herz als C über den Tod sprach. Sie sagte: Der Tod ist nach wie vor ein Tabu. Ich nickte und sah sie an. Zwei Tassen Kaffee vor uns, ein Glas Wasser, ein Dienstag, Herrenacker Schaffhausen.Jetzt wieder: press any key to continue.Einen geliebten Menschen zu verlieren ist prägend und wirft uns auf uns selbst zurück. Dies in einer Wucht, dass wir den Boden unter den Füssen verlieren. Die Zeit löst sich auf und unser Wesen verschwimmt mit dem Raum. Anders: Für mich war die Erfahrung (und ich habe Menschen verloren, welche ich liebte.) einen geliebten Menschen zu verlieren prägend und warf mich auf mich selbst zurück. Das in einer Wucht, dass ich den Boden unter den Füssen verlor. Die Zeit löste sich für mich auf ich verschwamm mit dem Raum. Mein Körper verlor jegliches Gefühl. Es war als würde der Schmerz, der Verlust, die Trauer, den Körper gänzlich verdrängen, er wie seine Daseinsberechtigung verlor. Und dennoch war ich ja mein Körper. Dennoch brauchte ich diesen Körper als Gefäss.Ich fühlte ihn nicht mehr.Was ich erfahren habe, war dieser Platz in unserem Bett. Die Decke zur Seite gerollt, leer -als wäre er noch warm von seinem Körper. Als läge er noch da und schliefe.Ich fand in der Nacht nach Ps Tod keine Ruhe. Ich war dermassen aufgebracht, es schien mir als würde er mich rufen und etwas sagen wie: Bitte komm! Bitte komm und hol mich. Ich bin in einem Raum, ich finde mich nicht zurecht. Ich finde mich nicht zurecht. Bitte komm und hol mich.Ich war nahezu bereit mitten in der Nacht in die Pathologie nach Zürich zu fahren. Ich zog mich schon an. Der Ruf, die Botschaft waren dermassen stark, dass ich wie einem -ja, wie man sagt: einem Ruf folgen musste. Ich weiss nicht, wo hier die Grenze war zu einer anderen Welt oder zum Wahnsinn.
Press any key to continue.Zwei Nächte später träumte ich.Es war ein heller, lichter Traum, ein in warmes goldenes Sonnenlicht getauchter Traum, eine rötliche Abenddämmerung, nein kurz davor... es strahlte nochmals alles auf, leuchtete nochmals auf.... übergoss alles mit goldenem, Sonnenblumen- Licht. Ich befand mich in einem Flugzeug. Grosse Fenster, leer und glitt so still dahin, flog so still und sanft über die Landschaft. Da bemerkte ich, dass ich nicht alleine war. Da stand jemand neben mir. Eine Gestalt, eine grosse Silhouette, schlank, leicht und klar konturiert. Sie legte ihren rechten Arm über meine Schulter, ich schmiegte mich an und sagte: Oh sieh doch! Sie doch! Siehst du dort den See! Das ist der Walensee, siehst du die Silberpappeln im Wind wie sie glitzern wie Perlmutt! Dort bin ich aufgewachsen! Schau dort! Und dort..... das Land erstreckte sich in die Weite.
Und dann näherten wir uns dem Flughafen Kloten. Wir werden bald landen.
In diesem Augenblick erzitterten mir die Knie. Denn. denn... das Flugzeug hatte keinen Piloten. Es war ja gar kein Pilot da! Und mir wurde bewusst, dass ich gewusst hatte, bevor ich ins Flugzeug stieg, dass es keinen Piloten hat. Wie konnte ich in ein führungsloses Flugzeug steigen?! In mir brach Panik aus. Wir werden notlanden, abstürzen!
Die Gestalt drückte mich an sich und sagte: Nein nein. Wir werden noch lange nicht notlanden oder abstürzen oder stürzen. Noch lange nicht. Nein. Mach dir keine Sorgen.
Hab keine Angst. Es wird noch lange nicht geschehen.
Es schmerzt mich noch heute, dass P an jenem Morgen weggetragen wurde, fortgebracht wurde, in einen kalten Raum 'versorgt' wurde, allein - ganz allein- ohne niemanden, der bei ihm ist, ihm hilft... ja ihm hilft die Situation zu begreifen. Zu erwachen.
Als hätte ich gefehlt.Es schmerz mich noch heute wie ein Körper- für dich ein Mensch- der Mensch- weggenommen wird, wie über ihn verfügt wird, wie er einem enteignet wird.
Ich wünsche mir eine Totenwache, möchte nicht allein sein in der Phase, in der sich mein Geist oder meine Seele von meiner Hülle lösen. Ich möchte dann noch begleitet werden, nicht allein sein, Zeit und Zuversicht bekommen, dass ich tot bin, es begreifen können inmitten der Runde meiner Lieben. Das wünsche ich mir.Die Reaktionen.Wie durch einen Nebel, gedämpft.Es geht ein Gerücht um! Selbstmord! Suizid! Alle tuscheln auf den Strassen.
Es geht das Gerücht um, er befände sich im Spital. Es geht das Gerücht um.....
An der Bar, in der seine Beiz in der Webergasse, sobald ich rein komme, schweigen sie.Sie möchten gerne über P reden, ich störe dabei. Ich störe.
Die einen kommen auf mich zu, kondolieren, geben mir ihre Nummer, wollen helfen.
Die anderen gehen mir aus dem Weg als wäre nichts passiert... nur nichts dergleichen tun.
Die anderen stürzen sich über sein Hab und Gut, bestellen grosszügig eine Mulde.....Kindertränen, viele Tränen...... das Weinen, die Verzweiflung seines Sohnes höre ich noch heute, es bricht einem das Herz. Die einen greifen dich an als wärest du Schuld daran. Als wäre das alles nicht passiert, wenn du nicht existiertest. Etwas ganz Feindseliges, tief Vorwerfendes, Moralisches, schräges von der Seite- Blicken, Blinzeln. Als wäre ich eine Aussätzige. Dann Hilflosigkeit. Viel Ratlosigkeit.Die anderen, lachen, grölen sich ihren Bierbauch wund und flüstern: Geschieht ihm recht! Der hat meinen Sohn in eine geschlossene Jugendanstalt gesteckt. Die anderen tauchen auf, sitzen, wo sie noch nie waren, und starren dich an.... ohne jegliches Schamgefühl. Getuschel. Ignorieren. Wegschauen. Mitleidig anschauen.  Scharfen Blickes Angaffen. Die Umarmungen meiner Freunde. Die Unterstützung meines Bruders.

Press any key to continue. Continue.....

Transkription: Star Trek.
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27.  Transkription: Star Trek.
Eine gute Folge.
Hamburg
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28.  Hamburg

 

 

Alles, was ich bisher erzählt habe, gehört zu einem anderen Leben. Das stimmt so nicht. Es gehört zu einer anderen Lilliane. Ich bin mir selbst langweilig. Ja, früher fand ich mich noch interessant. Ich kann aber schreiben, dass ich meinen/unseren Benjamini wunderbar finde. Es geht ihm gut. Ich glaube, Benjamini ist auch froh, dass ich die Heizung eingeschaltet habe. Dann Sonne durch das vordere Fenster.

Ich konnte Themen nie direkt ansprechen. Nicht, wenn es um mich ging. (Das ist der Grund, warum ich nun diesen Text doch schreibe. Vielleicht hilft es mir, wenn ich ankündige, dass ich ihn dann nicht fertig schreiben werde. Fertig wird er jedoch nie sein, aber, dass ich dann doch einfach aufhören werde.... vielleicht mitten im Satz, mitten im Mittelteil mit einer vorangehenden Verkündung grosser Emotionen oder so in der Art.) Das Lesen ist ja freiwillig. Das Schreiben nicht. Thema Pete. Diese Stadt hier ist unvorstellbar ohne ihn. Und um auszuweichen, muss ich immer an meinen Sohn Jan denken und an jenen Abend. Eigentlich ein unbedeutender Abend. Aber da war dieser 13 Jährige Junge, Wochenende. Alma war zu ihrem Vater Pavel gegangen. Jan, dieser kleine Junge, kochte uns etwas. Und ich krank oder traurig... ich ein Schatten meiner Selbst, auf dem Sofa, vor dem Fernseher.Still und lieb sass er neben mir. Ich weiss nicht einmal mehr, was wir uns am TV ansahen. Als wollte & müsste ich beichten. Hier jetzt, in diesem Wort-Raum. Ich werde loslassen müssen. Ich bin noch nicht so weit. Und wieder auf sich selbst zurückgeworfen. Das Schlimmste –vielleicht/ ich weiss es doch nicht- ist, mit niemandem diese Trauer teilen zu können. Ich staunte schon über mich selbst über den Text der Beerdigung meines Vaters. Vor allem über die Stelle, wo sie den Mund zukneift wie ein After beim Scheissen. Nichts von all dem kann ich ändern. Bazooka Bubble Gum? Bazooka Joe and the GANG!

 

Übernächtigt trat ich die Reise nach Hamburg an. Mein Flug flog früh am Morgen. Wie gesagt, kein Auge zugetan, packte ich meinen Rucksack, in den Koffer Peters Kopfkissen, sein Pyjama. Ich stieg in den Bus, in den Zug und zückte am Check-In mein Ticket. Im Februar.Am Zoll leerte sie meinen Rucksack aus. Ich hatte wohl vielleicht mindestens 16 Feuerzeuge bei mir. Sie nahm Petes Zippo in die Hand und ich erschrak so sehr, sie könnte es mir wegnehmen, dass ich in Tränen ausbrach „Das dürfen sie mir nicht nehmen. Es gehört meinem verstorbenen Freund. Die Zöllnerin, keine Erinnerung überhaupt wie sie aussah, kam um die Theke hervor, umarmte mich und sagte: Alles gut. Ich weiss wie Ihnen zu Mute ist. Ich habe meinen Vater vor 3 Wochen verloren. Sie drückte mich, liess mir das Zippo, es war leer. Packte meine Sachen wieder ein und liess mich weiter. Ja, mir war zu Mute. Alleine alle Plätze für mich, sah über das Wolkenmeer, konnte es nicht fassen. Nasses Gesicht.

Flughafen Hamburg dann - trat hinaus. Luft. Keinerlei Orientierung, keinerlei Ahnung wohin, Zigaretten am Suchen, Panik plötzlich. Ich war beinahe entsetzt über mich selbst: Wie konnte ich, so fragte ich mich, in meinem Zustand allein in eine fremde Stadt fliegen, in ein fremdes Land. Vor allem: Was mache ich hier eigentlich? Was tue ich hier eigentlich? Es schwirrte nur so durch meinen Kopf. Ich wusste plötzlich nicht mehr wie ich 7 Tage Hamburg überstehen sollte. Wie ein Kind, verzweifelt, himmeltraurig.

Taxi.Taxi. Sehen sie dort das Hotel Atlantic, wo Udo Lindenberg wohnt. Dort die Alster, sehen Sie. Udo Lindenberg Cohibas und Rollmops. Durch die schweren Zeiten: "Es geht nicht immer gradeaus / Manchmal geht es auch nach unten / Und das, wonach du suchst / Hast du noch immer nicht gefunden."

Hotel. Das Hotel in einer ruhigen Seitenstrasse in der Nähe der Binnenalster. Ferdinandstrasse. Zwischen Jungfernstieg und Einkaufsmeile Mönckebergstrasse, Bahnhof. Unterm Säufermond: "Und die Zimmerdecke hebt sich / und die Wände brechen ein / auf dem Boden leere Flaschen / und er wieder so allein."Das Hotel in der Nähe des Rathhauses. In der Nähe Rathaus, Fachgeschäft Falkenhagen, wo Udo seine Hüte kauft.

Das Hotel Barcelo, schön, modern, gross. (Das ist also unser Zimmer, Pete. Hierher wären wir zusammen hingegangen.) Ich war erschöpft, legte mich sogleich ins Bett, schaltete den Fernseher an bis ich zu dösen anfing, die Stimmen nicht mehr deutlich wahrnahm...erst gegen Abend, wachte ich wieder auf.

Ich erinnere mich, dass ich immer noch nicht essen konnte. Der Appetit kam und kam nicht. Eine halbe Tablette zur Beruhigung der Nerven... vor allem, um diesen körperlichen Schmerz, diesen Trauerschmerz, diesen Verlustschmerz auszumerzen, zu dämpfen, diese Schmerzen nicht erleiden zu müssen „es tat so weh“. Das Buch, das ich mitnahm habe ich nicht einmal aufgeschlagen. Im Reisführer, um die Ecke im Buchladen gekauft, nur durchgeblättert. Keinerlei Konzentration. Ich konnte mich auf nichts konzentrieren, keinen klaren Gedanken fassen, schaffte es nicht einmal mit der U-Bahn zu fahren, der Fahrplan war für mich neblig, verschwommen, undeutlich. Marktplatz sass ich, im Freien. Es windete und regnete dazwischen. Der Platz vor dem Thaliatheater dort hob ich Geld ab. Kaufte mir eine wärmere Jacke, Kaffee in einem kleinen Lokal Ferdinandstrasse. Setzte mich in ein kleines italienisches Restaurant, bestellte Essen, rührte es nicht an, bekam keinen Bissen hinunter. Dem Personal war es ganz unangenehm. Mehrere Male: Non e buono, Signora? Ich begriff, dass ich mir für die folgenden Tage eine Art Routine schaffen musste, um zu überleben. Hotel lange schlafen, am zweiten Tag dann endlich die Chips und Gummibärchen aus der Zimmerbar probiert, TV. Am Morgen Kaffee und um die Häuser streifen, Marktplatz ein Bier trinken, zu den Italienern, in die Buchhandlung wieder - Geschichte des Franzbrötchens. Doch im Reiseführer blättern. Duschen. Zahnpasta und Schampo gekauft. In Petes Pyjama geschlafen, den Kopf auf seinem Kissen, sein Duft, meinen Foxi dabei. Einmal sah ich das Zimmermädchen, die Zimmerfrau. Sie lächelte mich warmherzig an.

Bis ich nach Finkenwerder fuhr zu K und S und ihren beiden Kindern. Ich hatte in der Einsamkeit überlegt wen ich in Hamburg kenne. Und es waren Karl und Sybille.

Wir hatten uns auf Cres-Losinj kennengelernt vor vielen Jahren. Alma war noch nicht auf der Welt. Mag mich erinnern, es war gegen Abend, auf einem felsigen Weg am Meer, wo wir uns plötzlich entgegenkamen und uns anfreundeten. Es hatte zeitweise viel geregnet und gewindet. Venezianisches Italo-Kroatisch als Sprache. Cres, geknickte langgezogene Meeresbucht. Strandkiefern. Zeichen jahrtausenderlanger harter Bauernarbeit, zerbröckelte Steinmauern zwischen den Feldern, die gromace, überwucherte Weiden, Dolinen mit roter Erde, in denen nur noch wilder Wein wächst wuchert, im Steineichendickicht endende Saumwege zwischen Dörfern. Schön war es, neu war es für uns. In Valun zusammen ein Appartement gemietet, Karl spielte auf seinem Akkordeon, Jan, Anton und die noch ganz kleine Nauka rannten umher. Nach Beli sind wir gefahren, die schmale Strasse hinauf, wo es hoch über dem Meer thront, Fisch gegessen und Wein getrunken.

Ein Wiedersehen in Hamburg, Finkenwerder. Am Quai ass ich Krabben und Kümelbrötchen, ich fing an zu essen, staunte über den Hafen, wartete auf die Fähre. Als sie kam trug sie den Namen Wolfgang Borchert. Finkenwerder, Bezirk Hamburg-Mitte. Auf der Finkeninsel. Elbinsel. Karl holte mich mit dem Auto ab. Wir hielten an einer Tankstelle, ich kaufte Süssigkeiten für die Kinder. Hamburgischer typischer Backsteinstil, das Dorf idyllisch, schön, klein.... irgendwie vertraut. Nordenkirchenweg Kirche St. Petrus. Zum Abendessen gab es Zopf und Apfelmuss und Schlagrahm. Tee. Warm in der Küche, sassen wir uns gegenüber und sprachen über eine knappe Woche Ferien/Urlaub zusammen damals auf Cres-Losinj. Ich erinnerte mich noch an Antons kleinen Rucksack vollgepackt mit Lego. Sybilles warme Stimme, ihre Art zu sprechen und wie wir dann einen langen langen Spaziergang unternahmen, mit Hund an der Seite und ich ihnen erzählte wie es mir ergangen war, wie es uns auch ergangen war, Stefan und mir und sie mir berichteten, was sie erlebt hatten. Karl lud mich für den Sonntag an einen Ringelnatz-Abend ein.

Ich ass also schon ganz wenig. Und dann war ich bereit ins Blumenstadtviertel Berne zu fahren, war viel zu früh dort, musste warten, es war etwas kalt und ja, der Himmel ganz rot. Dämmerung.

Im alten Gutspark Berne liegt das Berner Schloss. Linden gesäumte Auffahrt, Deepenhorngraben, nicht nur Linden auch Eichen, Buchen, Kiefern, Rhododendronbüsche und eine Edelkastanie, eine riesige.

Der Knopfakkordeonspieler, mein Karl und der Gitarrist und Sänger, Achim, trafen ein. Mehrheitlich Rentner und Rentnerinnen am Reziations-und Liederabend. Fühlte mich aufgehoben und weinte ununterbrochen während die Musik spielte. Sie berührte mich, so sehr, die Lieder, die Akkordeonmusik, die Texte, das unter Menschen-Sitzen. Ich war nicht mehr in der Fremde. Bananen Melonen Ananas alle Früchte haben.. Tränen, Schneuzen, mich etwas zurücknehmen..... Bananen, Melonen, Ananas –Alle Früchte haben etwas ....und wieder, vorne Karl am Spielen....- Alle Früchte haben etwas/ Frei gesagt: Unanständiges,/ Etwas Nuditätes an sich/ Darüber freue ich mich/ Denn das ist etwas Unbändiges...... Schneuzen, Ringelnatz.... Hans Gustav Bötticher, 1883-1934 Nationalsozialisten belegten den  eigentlich unpolitischen Ringelnatz wegen seiner begnadeten Spötteleien mit Auftrittsverbot. Ringelnatz’ Armut, Schwere zu überleben....Instinktiv oder auch bewusst/ Haben wir alle daran unsere Lust./ Aber die darüber erschreckt sind,/ Sich entrüsten und jemand verklagen,/ Denen wollen wir andere sagen,/ Dass wir schon lang nicht mehr a.A. geleckt sind./ Und das muss – wenn auch nur theoretisch -/ Immer mal wieder auf Erden geschehn./ Sonst werden wir Mehlbrei und hyperästhetisch,/ und werden rot, wenn wir Pfirsiche sehn.Ringelnatz tröstete mich, Achim und Karl, ihre Musik und Interpretation trösteten mich. Mit ausgeweinter Brust kam ich spät in meinem Hotel an.

Im Bett: Ich habe dich so lieb. Ich würde dir ohne Bedenken eine Kachel aus meinem Ofen schenken.....

           
Tulpe
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29.  Tulpe


Die Heimfahrten.Im Taxi. Dieter Wiesman im Radio. Als Folge halte ich die Tränen zurück.
Peter.P war immer so ruhig, das Tempo einhaltend, gefahren. Eine solche Ruhe und Sicherheit. Dann, auch die Tränen zurückhalten. Die Autobahn. Die Lichter. Der Liechtblick- geschrieben auf dem grossen Gebäude- gegenüber. Tränen zurückhalten. Der Mond und oben, hinten, der grüne Hügel und das Haus. Tränen zurückhalten. Seine Stirn streicheln. Seine Hand halten, seine tote Hand halten und dort sitzen.  Im Trauerraum. Vorgelesen habe ich ihm. Musik haben wir gehört. Den Munotmalt Whiskey getrunken und zusammen geraucht. Geraucht habe ich im Trauerraum. Der Zugangscode, sein Geburtsdatum. Das erste Mal wieder etwas Kleines gegessen im Trauerraum, neben Pete, Peters Leiche? Pete? Kreislers Alpenglüh'n haben wir gehört. Jan und ich sind dort gesessen. Zusammen und haben uns unterhalten. Ruhig und bestimmt, fein und artig und still.
Wie konnte es so weit kommen. Ich weine und bin übermüdet. Zuviel gearbeitet.
Und da waren diese wunderbaren, faszinierenden, auch schmerzhaften Dinge in meinem Leben:Ein Kaktus, eine Regenblume, ach der Löwenzahn, Schwiibluama, fürchtete mich vor dem Hahn, dem Güggel, die feinen flauschigen Bibeli, die Spatzen und ihr Frechsein, die Königskerze, die Seerose..... das Wasser, der Teich, das Schlittschuhlaufen, Maurus, ja und die Kaffeemühle, die rasselt, zerreibt kleine harte Körnchen, kleine braune Körnchen mit einem Schlitz in der Mitte, ich drehe die Kurbel wie ein Leierkastenmann. Der Herd, der Wasserkrug, das Gewürzschränkchen. Ach der Regenschirm und der Schemel, der dreibeinige. Tantes Nähmaschine, der Rechen draussen und die Zange. Das Fass und die Pumpe, ich den Schwengel rauf und runter, rauf und runter...... der Wasserkrug auf dem Küchentisch und die tickende Uhr. Meiner Tochter Backen küssen. Meines Sohnes Hals küssen und mich bedanken für das Geschirr- Aufräumen. Unser Kater Tigi im Wohnzimmer, in der Stube am Dösen und Lulu oben, ins Aquarium zu Lars und Fredi sehend. Meine Schultasche mit dem Heidi Sujet darauf. Die Veilchen und Schneeglöckchen und die Schlüsselblumen .... mein Flieder, die Taubnessel, Brennnessel...die Raupen und Ohrenschleifer. Der Duft der Rose, der Schwarze Stempel der Tulpe. Kornblumen. Peter Küsse, seine Lippen. Sein Händedruck. Alle schlaflosen Nächte.Schwalben im Dorf, welche mir Angst machten. Die Pfauenfeder, die Bücher, welche ich gelesen und genossen.Die Spinne und ihr Netz. Im Wald, der weiche Boden und die Krause Glucke. Der Zitronenfalter im Sommer und der Admiral. Winzige kleine Fröschchen. Meine Keiserschnitt-Narbe.Der Karpfen und Wels. Mein Onkel, der Fischer. Mein bleicher Bruder.

 

Kaffeesatz-Lesen, Träume
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30.  Kaffeesatz-Lesen, Träume

Wir zwei Frauen. Jede für sich und jede für die andere. Tante Srpce begann zu erzählen: Ich sass draussen im Sommer und hatte es vorerst gar nicht wahrgenommen, dass ein Mann in den Garten trat. Er war gross und schlank, sah  aus, so schön war er, wie James Bond! Er war nackt. Nackt wie ihn Mutter geboren hatte. Und wie ich so auf meinem Schemel sass, nein Dubar, konnte ich es gar nicht fassen. Er ging geradewegs auf mich zu. Er marschierte, hob seine Ellbogen links und rechts. Und wie ich so auf meinem Baumstrunk sass, begann ich mich zu überkreuzen links und rechts. Ich bat: Oh Gott! Oh mein Gott, was ist das für ein Mann in meinem Garten! Und kaum hatte ich das gesagt, bog er in die Blumen ab und verschwand in die Büsche. 

Erzählst du mir das im ernst?

Ja, natürlich! Das kann ich ja nicht jedem erzählen, sonst denken die Leute ich sei verrückt. Das ist letztes Jahr passiert.

Das muss der Teufel gewesen sein. Ich war nämlich bei unserem Vater Nikola und erzählte ihm, was geschehen war. Vater Nikola meinte, der Teufel könne verschiedene Gestalten annehmen. Ich hätte mich aber gerettet, weil ich gläubig bin. Wir waren ja nie Kommunisten. Wir haben auch zu jener Zeit unseren Glauben gelebt, gingen in die Kirche, ehrten die Heiligen.

Und das hat mich gerettet, weil ich gesagt habe ‚Oh mein Gott, was ist das für ein Mann in meinem Garten!’. Ich hätte Gott erwähnt und mich überkreuzt. Und das war letztes Jahr. Am Abend überraschenderweise. Und schön war er! Gutaussehend, gross, schlank, jung. Und wenn ich nicht gesagt hätte Oh mein Gott, wer weiss was dann passiert wäre....!

Und als wir noch in Strohbetten schliefen, Du warst noch nicht auf der Welt. Deine Tante Radica war damals in Deutschland. Es brach ein Gewitter aus. Es donnerte und blitzte und du weisst, dass ich dann Angst bekomme. Also versteckte ich meinen Kopf unter der Decke. Sobald der Donner vorbei war, lugte ich wieder unter der Decke hinaus. Und plötzlich bliess der Wind, ein Windstoss durch die gehäkelten Vorhänge. Ich schaue, schlafe nicht, und es kommt etwas so breites, schwarz wie ein Schatten und saust auf meine Brust zu, verwandelt sich in einen grossen Stein. Und als er mich niederdrückte, es mich niederdrückte, kam es mir so vor als würde ich in ein schwarzes Loch hinabsinken. Und ich flüsterte: Mama, Papa, Mama, Papa..... Es drückte mich aber nieder in das Loch. Und als ich merkte, dass mir niemand helfen konnte, hielt ich mich an der Stange des Bettes fest und flüsterte, ich konnte ja kaum Luft kriegen: Oh Gott! Nein! Geh weg von mir! Oh! Und es hob sich auf, verwandelte sich wieder in diesen schwarzen Schatten wie vorher, ein Windstoss, es surrte aus dem Fenster hinaus. Auch hier hat Vater Nikola gesagt, es sei der Teufel gewesen, der in mich dringen wollte. Oder er wollte mich ermüden, da ich ja anfing in ein schwarzes Loch zu sinken.

Ich habe Vater Nikola auch erzählt, dass ich von unserem Kloster Hl. Johann geträumt habe. Ich ging auf einem Weg. Jetzt haben sie ja eine Brücke gebaut. Aber in meinem Traum sind da viele Wege. Unzählige Wege. Pfade. Alle mit ebenmässigen Steinen gepflastert, wie im Spielfilm. Und überall sah man Quellen und Brunnen. Überall Frauen in langen weissen Kleidern. Überall Männer in weissen Hemden. Sie spazierten. Und Vater Nikola sagte, das seien Engel gewesen. Der Traum erschien mir so wirklich. Auch hielt ich einen Schlüssel in der Hand. Man sagte mir, es sei ein Zeichen und ich solle damit die Kapelle Hl. Johan aufschliessen. Und ich habe das auch wirklich machen wollen. Damals war aber, also jetzt in Wirklichkeit, der alte Mönch Sveta dort. Ich bin zu ihm gegangen und erzählte ihm meinen Traum. So und so, das und das habe ich geträumt. Der Mönch Sveta glaubte mir aber nicht und dachte ich wäre beschrien worden. Er erlaubte es mir nicht. Kosara, meine Nachbarin meinte, ich hätte mich einfach durchsetzen sollen. (Sie lacht) Ich hätte ihm einen Schubs geben sollen. Er war ja schon so alt, dass er gleich umgefallen wäre, wenn ich ihn nur berührt hätte.

Als ich noch ein Kind war, lebte im Kloster eine Nonne. Sie hielt Ziegen und andere Tiere. Wir hatten in der Nähe einen Gemüsegarten. Ich erinnere mich noch wie wir damals, deine Grossmutter und ich, unter den Pappeln schliefen, die rauschten. Deine Grossmutter, ich und unser Hund daneben. Das war schön. Sehr schön. Unsere Ernte haben wir mit der Nonne geteilt. Paprika, Kartoffeln.... man hat uns damals ausgelacht, weil wir mit der Nonne befreundet waren. Manchmal kam sie uns zuhause besuchen. Die Leute, diese Dummköpfe im Dorf, haben sich das Maul zerrissen. Und heute gehen sie alle in die Kirche. 

Weisst du mein Kind, als ich vor Jahren in der Kirche war...  ich war auf dem Markt und war gerade in der Gegend und dachte ich kehre schnell ein. In der Kirche sah ich einen Mann stehen, einen richtigen Herrn. Älter als ich, vielleicht 10 Jahre. Ich wollte eine Kerze anzünden. Und er aber küsste die Ikone und schimpfte, stiess unmögliche Fluchwörter aus. Er beschimpfte alles. Das war weder ein Engel, noch der Teufel. Ein Dämon auch nicht. Er drehte sich um und starrte mich an. Ich wusste, dass er auf mich wartete. Er durchbohrte mich regelrecht mit seinem Blick. In diesem Moment kamen die Leute in die Kirche. Weisst du, er war einer dieser Zwischenwesen. Die gibt es wirklich. Sie sind furchterregend. Es ist wichtig, dass wir glauben, dass wir uns so schützen.

Ich hatte auch einen anderen Traum. Als ich ein kleines Mädchen war, ging ich Wasser am Dorfbrunnen holen.  Niemand glaubt mir diese Geschichte. Aber ich habe da drei Frauen gesehen. Alle in schwarz gekleidet. Ich habe es als Kind geträumt..... Deine Grossmutter glaubte mir nicht. Sie schickte mich immer zum Wasser holen. Das war viel zu schwer für mich. Ich war noch klein. Deda Ceka kam per Zufall vorbei und half mir. Er schimpfte dann mit deiner Grossmutter, dass sie so ein kleines Mädchen zu so einer schweren Arbeit nötigte. Und am selben Abend, kam deine Grossmutter und befahl mir zum Brunnen zu gehen. Und ich hatte diesen Traum noch vor mir. Es überfiel mich eine Angst und ich schrie und weigerte mich. Es dämmerte ja schon! Ob die eine Frau wohl die Heilige Petra war? Ich hatte solche Angst! Aber deine Grossmutter zwang mich dazu. Sie war so eine Frau. Das ist aber nicht gut die Kinder zu zwingen. Ich träumte einmal von einem Mann mit einem Hut, der mich um den Hals fassen wollte und erwürgen. Aber natürlich träumt man Gutes und Böses. 

Und du hast wirklich einen nackten Mann in deinem Garten gesehen?

Ja, natürlich! Wieso sollte ich dich anlügen! Ich bin eine Frau von 55 Jahren. Da kann man nicht lügen! So etwas kann man nicht erfinden.  Das sind lebendige Wahrheiten! Und wer lügt, belügt sich selbst. Er belügt gar Gott. Weisst du, wenn ich in eine Kirche trete, dann muss ich weinen. Darum gehe ich nicht so oft hin, denn sobald ich drin bin, fliessen mir die Tränen.

Und wenn deine Mutter kommt, greift sie mich immer an. Immer sucht sie Streit. Wenn deine Tante Radica kommt, tut sie dasselbe. Als laste ein Fluch auf mir. Das ist schlimm. Ich kann tun, was ich will. Ich kann Gutes tun und helfen und alles. Wenn ich dann verwirrt bin, zutiefst bedrückt, wasche ich mich nicht einmal. Wenn du es mir glaubst. Es schmerzt mich in

der Seele und im Herzen. Man kann vieles heilen, aber unsere Seele lässt sich nicht behandeln. 

Ich habe dir alle Baumnüsse gegessen.

Macht nichts. Es gibt noch viel mehr.

So gib mir jetzt deine Tasse.

Sie liest in meiner Tasse.

Da ist eine Frau. Eine kräftige, dicke Frau, als würde sie dich angreifen. Sie wird dir etwas Bestimmtes sagen. Pass auf jeden Fall auf. Siehst du diese Bärin? Du hast ein Fenster. Jemand erkundigt sich nach dir. Etwas Geld hast du. Etwas wird dir Freude bereiten. Etwas wird dir das Herz erwärmen vor Freude. Jemand wird dir etwas schenken, so dass du selbst überrascht sein wirst. Auf der anderen Seite, hast du eine grosse Katze, die sich krümmt. Auf der männlichen Seite. Sie ist dermassen listig, dass man es sich gar nicht vorstellen kann. Du, die Katze ist auf beiden Seiten! Dann hast du jenes Tier, nicht jenes, eine Kuh oder einen Bison, kein schönes Tier. Es steht aber für Kraft und Ausdauer. Und einen weissen Bär hast du. Du wirst dich ‚medenisch’... wirst dich entzücken, hongiggleich werden..... Das ist alles, was ich in der Tasse sehe. So, jetzt kannst du einen Wunsch drücken.

Hast du gedrückt? Gut.

Pass auf, dass du keine Dummheit machst. Pass auf, dass du nicht blöddastehst. Ich weiss nicht, was du dir gewünscht hast. Aber pass wirklich auf, dass du dich nicht lächerlich machst. 

So, und wenn du jetzt noch einen Wunsch drückst, dann wähl doch bitte eine Stelle, an der es mehr Kaffeesatz hat.

Hmm... keine Ahnung, was du dir gewünscht hast. Was hast du dir wohl gewünscht....... eine Bärin, Frauenkörper, als würde sie die andere Bärin um etwas bitten. Und darunter die Zahl 5. 5 steht für Erfolg und Sieg. Das ist aber witzig mit der Bärin....

Drück deinen dritten Wunsch. Jetzt hast du ein Hündchen. Nicht weiss, nicht schwarz, nicht beige. Das steht für Treue. Jemand ist dir treu.  Bei diesem Wunsch muss du dir keine Sorgen machen. 

 

G.M.
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31.  G.M.

In einem alten Reiseführer über Jugoslawien, schreibt der Autor, dass er für die grosse, langweilige und schmutzige Stadt Nis niemals viel übrig gehabt hätte. Zum Übernachten empfiehlt er das Hotel Nis im Stadtinnern am Hauptplatz Trg Oslobodjenja. Wenn man vom Trg Oslobodjena über die grosse Brücke geht, die Nisava überquert, steht man vor der grossen Festung Tvrdjava. Den grössten Teil der Festung haben die Türken Ende des 17. Jahrhunderts erbaut. Der Autor vermutet, dass dort zuvor eine byzantinische Zitadelle gestanden habe. Das Haupttor ist sehr schön. Innerhalb der Festung, deren Wälle fast so stark sind, wie die Mauern um Dubrovnik, sind Pärke angelegt und ein Freiluftkino. Die Ruinen, die man beim Kino entdeckt, waren einst ein türkisches Waffenlager und eine Moschee.

Der Autor erwähnt das Museum der Volksrevolution.Im letzten Krieg hat es hier schwere Gefechte gegeben. Nis war wegen seiner strategischen Lage an der Verbindungsstrasse zur Agäis häufig umkämpft. Im Jahr 269 hat hier Kaiser Claudius die Goten zurückgedrängt und die Hunnen haben später auf ihrem Durchzug die Stadt geplündert. Kaiser Justitian liess Nis restaurieren. In der Zeit der Nemajiden-Dynastie hatte Nis eine grosse Bedeutung. Der Autor schreibt weiter, dass er immer gerne das Archäologische Museum besucht hätte: „Ich konnte es niemals besichtigen wegen der ärgerlichen serbischen Gewohnheit, genau in der Zeit, wenn die meisten Besucher zu erwarten sind, Museen und Galerien wegen Umbau oder Umhängen der Bilder zu schliessen.“ Und er fährt fort: „Man muss aber bedenken, dass sich in einer fünfhundert Jahre währenden halben Sklaverei eine Lethargie herausgebildet hat, für die man das Volk nicht verantwortlich machen kann.

Als Ausflugsziel ist Cele Kula (Schädelturm) empfehlenswert. Es ist ein schauerliches memento mori aus der Türkenzeit. Der Autor schildert die Entstehung des Schädelturms folgendermassen: Dieses makabre Denkmal ist entstanden, als die Serben im Mai des Jahres 1809 eine Armee aufstellten, um in Nis die schwache türkische Garnison anzugreifen. Statt vorzugehen und die unbestreitbare zahlenmässige Übermacht auszunützen, vergeudeten sie sehr unklug ihre Zeit damit, sich auf dem nahen Hügel Cega einzugraben. Inzwischen erhielten die Türken Verstärkung und griffen an. Sie vermochten die Serben einzuschliessen, und deren Anführer Sindjelic, der nach serbischer Tradition den Tod der Schande vorzog, entzündete mehrere Fässer mit Schiesspulver. Diese Explosion zerfetzte die Serben und auch eine grosse Anzahl türkischer Angreifer. Der türkische Pascha gedachte den Serben eine Lektion zu erteilen. Ein Herold ging durch Nis und bot für jeden serbischen Schädel eine Belohnung. Diese Schädel wurden zunächst den einheimischen Sattlern übergeben, die sie mit Baumwolle ausstopften, dann wurden die Trophäen nach Konstantinopel gesandt. Die restlichen Schädel von etwa tausend Serben wurden in den Mörtel-Bewurf des Turmes eingebettet.> Der französische Schriftsteller Lamartin ist 1830 auf der Rückkehr seiner Orientreise am Schädelturm vorbeigekommen. In 1833, the French poet Alphonse de Lamartine found himself in front of the tower and wrote down his impressions, which later became a part of a book, published in 1850, titled  Travels to the East (read online here: https://archive.org/details/travelsineastinc01lama)

 

Aus dieser Gegend stamme ich. Der Schädelturm ist nicht mehr spektakulär; die meisten Schädel wurden gestohlen oder heimgeholt. Es ist heiss im Sommer und die Landschaft ist dürr. Die Menschen sprechen nach wie vor von den Türken. Im Freiluftkino habe ich einen Film mit Schwarzenegger gesehen. Ich sass ich im Park der grossen Festung und hörte mir serbische Schlager an. Am Tor hatte ich schon oft auf jemanden gewartet. Bei der Festung befindet sich der grosse Markt und die Busstation. Auf dem Markt arbeitete meine Grosstante als Blumenverkäuferin. Ich selber hatte schon Zwetschken, Äpfel und Birnen auf dem Markt feilgeboten.

Ich wünschte mir in Nis zu leben. Das Leben in Nis kam mir fabelhaft vor, denn dort gab es immer Eis und Kino und faszinierend waren die grossen Einkaufshäuser und meine Verwandten, die anders waren als die Dorfbewohner von Gornji Matejevac, wo ich mit meinen Grosseltern lebte.

Blutbuche
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32.  Blutbuche

 

Besenrauke Schöllkraut Purpur- Knabenkraut Grosses Knabenkraut Hundswurz Pastinak Wiesensilge Pyrenäen- Storchschnabel Blutauge Quirlblütiger Salbei Blaustern Sibirische Schwertlilie Bergminze Hohlzahn Braunelle Grosse Fetthenne Greiskraut Bocksbart Kompass-Lattich Sumpf-Pippau Spinnenragwurz Queller Knäuel Fuchsschwanz Gilbweiderich Pfennigkraut Schafgarbe Haarstrang Bärenklau Acker-Spark Taubekopf- Leimkraut!

Ich sehe eine Blaumeise vom Fenster aus. Es regnet. Jan, mein Sohn, nennt sie ‚Blauköpfchen’. Abends, sobald die Kinder im Bett liegen, ich sie regelmässig atmen höre und langsam Stille und Ruhe ins Haus einkehrt, setze ich mich an den Schreibtisch.

 

Als wäre ich ein Flieder und trüge diesen Mann in meiner Baumkrone. Als wöge ich ein Krokodil in meiner Blütentracht/Pracht, umhauchte ich es mit Bluascht und betäubte es mit meinen Pollen, ihn. Der Himmel wie Wellen des Meeres. Der Himmel hoch und blau, blau und licht und hell und strahlend, tief und weit. Und ich sehe ihn an seinem weit geöffneten Fenster stehen und zur Blutbuche sprechen. Sommer! Er hebt seinen Kopf, biegt seinen Nacken, wirft seinen Atlas über die Dächer Schaffhausens und holt tief Luft. Und er sagt: Ein herrlicher Baum ist das!

Atmen! Atmen können im Leben! Individuell sein können! Liebe künden können, sich nicht in der Schuld fühlen geliebt worden zu sein, geliebt zu werden, geliebt zu haben und zu lieben! Keine Macht aus Angst üben! Am Fenster stehen, Sonnenflut und einen Baum bewundern und diesen Moment, Augenblick, zusammen durchatmen, leben. Sprechen können miteinander wie es wahre Liebende seit jeher taten. Sich treffen an einem Punkt, an einem Ort im Leben, wo die Dinge sich erschliessen, wo sich die optischen Täuschungen zur/ in Wahrheit entpuppen und die Welt spürbar wird in ihrer Bewegung, ihrer Drehung und Dynamik. Glück in der Ruhe und Sicherheit der Liebe. Sich selbst ehren, lieben und stolz auf sich sein und aufgeben, aufgeben und darum mutig sein, sich nicht verantwortlich fühlen für Dinge, Geschehnisse, für die man nicht für kann. Zärtlich und freundschaftlich, mild und humorvoll zueinander sein. Leben unter Menschen. Denn zart sind unsere Herzen und unsere Erinnerung ein Schiff auf hoher See. Eine Beziehung künden zu dürfen und eine neue beginnen. Kann ich das? Mein Leben lang habe ich Häuser alleine gebaut und dachte, es müsse so sein, denn einer muss da sein. Einer ist da. Natürlich hatte ich illusorische Vorstellungen davon. Man stellt sich etwas vor und glaubt fest daran, weil man es sich so sehr wünscht und manfrau steckt nicht den Kopf in den Sand, sondern man fliegt, geblendet von der Sonne oder vom Vollmondschein durch die Lüfte. So wirft uns die Liebe auf uns selbst zurück und erhöht uns gegenseitig, seit eh und je.Nur einmal hatte Vater vor mir geweint, aber ansonsten war er jemand der seinen Mann stand. Nie hat er geweint am Grab seines Vaters. Aber hingegangen ist er mit seiner Familie. Da stand er zwischen seinem Sohn und seiner Tochter und die Mutter legte eine Flasche Slivovic vor den Grabstein. Vater zündete sich zwei Zigaretten an, wie Humphrey Bogart in Casablanca, legte eine Zigarette auf den Grabsaum und die andere rauchte er schweigend. Und die Familie stand da ebenfalls schweigend. Wenn die Zigarette ausgeraucht war von Vater und von Grossvater, dann gingen wir wieder zurück zum Auto.

Ich war vor vielen Jahren mit meinen Eltern bei der Grossmutter zu Besuch. Es war Sommer. Grossmutters zweiter Ehemann war gestorben. Wir setzten uns in den Wintergarten. Grossmutter schenkte Slivovic ein und als sie beim dritten Glas angelangt war, stiess sie eines um. Sofort sagte sie: „Macht nichts! Das ist ein Schluck für meinen verstorbenen Ehemann. Gott möge seiner Seele gnädig sein.“ Ihr Satz war noch nicht fertig, als Vater plötzlich aufschluchzte, sein Gesicht in die Hände verbarg und in sich zusammenfiel. Er sah für einen Bruchteil einer Sekunde, wie ein Kind aus und baute sich im nächsten Moment wieder auf, breitete wieder seine Schultern aus, wie ein Vogel seine Flügel und es schien, als sei nichts vorgefallen.

Als ich mit Jan in der Brockenstube war, versetzte mich etwas ruckartig in meine Kindheit. Es war eine Schultasche. Die gleiche Schultasche, wie ich sie als Kind hatte. Eine blau-rote Tasche mit dem Sujet der Biene Maja. Ich hob die Tasche auf und öffnete sie. Es befand sich darin ein Filmstreifen. Im Negativ erkannte ich auf dem einen Bild ein Mädchen. Es lag am Ufer eines Sees oder Flusses, trug ein Kleid, stützte sich auf ihren Ellbogen. Das Mädchen erweckte den Eindruck durch ihrer Körperhaltung, als würde sie jemanden necken wollen. Auf einem anderen Bild, versuchen zwei Mädchen eine Frau (ihre Mutter?) ins Wasser zu stossen, wie es Kinder bei Erwachsenen vergeblich versuchen. Ich habe nie mit Vater gespielt. Ich hätte auch nie Spass halber daran gedacht ihn aus kindlicher Spielfreude ins Wasser stossen zu wollen. Ich hatte Angst vor Vater.

Hat ihn das gekränkt?

 

Ich denke es ist etwas vom Schwersten seine Gefühle einordnen zu können, unseren Stimmungen einen Namen geben. Gerade auch wenn es um diese geht. Was ist denn Traurigkeit? Wie unterscheidet sie sich von der Trauer? Worüber ist der Mensch traurig aber wonach trauert er? Was ist Melancholie? Ist Melancholie ein schlechtes oder ein gutes Gefühl? Wie äussert sie sich in unserem alltäglichen Leben? Welche Formen kann sie annehmen? Kann sie auch ins Extrem kippen? Wenn das eintritt, ist sie dann noch als Melancholie zu bezeichnen? Gibt es gar eine süsse, bittere Melancholie? Müssen wir uns genieren, wenn wir manchmal grundlos traurig sind? Dürfen wir zu unserer Traurigkeit stehen? Wie gehen wir persönlich, jeder einzelne von uns mit der Traurigkeit um? Dürfen wir die Traurigkeit überhaupt zulassen? Kann es sein, dass die Melancholie auch etwas Fruchtbares hervorbringen kann? Kann der Mensch aus seiner Melancholie Kreativität, gar Kunst schöpfen? Natürlich, trifft alles zu.

Diese vielen Fragen sind nach wie vor aktuell. Konsumgesellschaft vor dem Kollaps. Immerzu müssen wir uns selbst beglücken mittels der zahlreichen Angebote, welche uns in den Erstweltländern angeboten werden, wobei wir fast zugeschüttet werden damit. Und wenn wir traurig sind, hält man uns gerne vor, dass wir bedenken müssen, dass es anderen Menschen viel schlechter geht. Wobei wir Klagen und Traurigkeit nicht verwechseln sollten. In vielerlei Hinsicht lässt sich unsere Gesellschaft wenig Zeit für Traurigkeit. Dies betrifft auch den Umgang mit dem Tod und Zeit zu haben den Verlust eines geliebten Menschen zu verarbeiten; zu verinnerlichen. Als ich das schrieb, wusste ich noch gar nicht, was Verlust ist. Seltsam, rückblickend. Ein hübscher Text an sich. Zusammen gepuzzelt, gespickt mit Fragen.
Almost blue. Schwierig. Es kommt mir so vor, als würde meine linke Schulter nur schmerzen, weil ich tatsächlich unter Herzschmerz leide. Auch unter Weltschmerz.  Almost blue. Press any key to continue. Erkenntnis macht eben nicht glücklich. Träumen beglückt. Hoffen gibt Aufschwung. Vernunft ohne an Morgen zu denken.  Ich weiss, mag mich erinnern, dass, ich denke, während der Gymnasialzeit, der Pubertät und allmählichen Adoleszenz, in mir dieses "Befürchten" aufkam. Ich sah mein Leben, eine Art Lebenslinien, Lebenswege aufgefächert vor mir, ins unendliche, aus der Sicht, laufen. Und da war dieses Gefühl mich zu verlieren. Als gäbe es doch diese Stimme der Wahrheit ins uns, welche uns zuflüstert: Pass auf. Pass auf. Egal, was du tust, was du machst, was du wählst: Das Leben ist sehr sehr gefährlich. Es endet letal und es wird dich früher oder später bezirzen, irreführen, dich blenden. Ein verfehlter Moment, ein Wimpernniederschlag und du hast es nicht gesehen. Und du hast eine Chance nicht wahrgenommen.  Wobei Chancen das sind, was man nicht voraussieht. Ich weiss nicht, wann es angefangen hat. Vielleicht doch. Mein Leben lang hatte ich Bindungsangst. Daran ist meine Ehe gescheitert, gewisse Freundschaften, Beziehungen. Und als gäbe es tatsächlich diese Stimme, die säuselt, man sie vielleicht mit dem Rascheln des Laubs oder dem Wind, dem Gieren der Strassenlaterne, verwechselt, dem Rauschen im Quittenbäumchen.... dem leicht Hin- und Verwackeln der Lichtschatten: Als ich soweit war anzunehmen. Als ich tatsächlich Vertrauen fasste zu einem Menschen, da ist mir diese Bezugsperson weggestorben. Es fehlen mir die Worte. Und wenn ich daran denke, was für schlimme Dinge Menschen erleben, dann bleibt mir ganz die Sprache weg. Unsere Geburt ist ein Ausgespucktwerden in ein Universum der Unwissenheit und eine Weite ohne konkrete Sterne. Anhaltspunkte. Die Melancholie ist eine philosophische Grunderfahrung. Sie ist etwas, das nur wir selbst mit uns selbst ausmachen können. Sie ist eine innere Erfahrung, in der wir wohl jenen Mythos der Kugelmenschen oder der Vertreibung aus dem Paradies wieder empfinden, aber die so tief liegen, dass wir nach Worten suchen müssen, um sie erfassen zu können. Nur sind nicht alle Dinge materiell zu fassen. In diesem Sinn ist auch die Auskleidung der Gefühle in Worte ein unmögliches Unterfangen, oder eben dadurch, ein ewiger Versuch des Ausdrucks? Diese innere Erfahrung, dieser Schmerz und Trauer begleiten uns immer. Und es ist nicht nur ein Ausdruck unserer menschlichen Winzigkeit, unserer Kleinigkeit, sondern gerade durch das Erkennen unserer Schwäche, finden wir die Kraft und die Motivation uns selbst zu erfinden.

Religiös bin ich nicht erzogen worden. Im Gegenteil, ich besuchte den Klavierunterricht, während die anderen Kinder im Religionsunterricht sassen. Jesus begegnete mir zum ersten Mal im Kindergarten beim Krippenspiel. Ich durfte Maria spielen und meine erste Kindheitsliebe war Josef. Ich verstand nichts von der ganzen Aufführung. Ich wusste nicht, warum Weihnachten, warum Krippenspiel, warum drei Könige, warum Christkind und Glöckchen und Traurigkeit, denn Miriam, meine Freundin, suchte sich ihr Weihnachtsgeschenk aus einem Katalog aus und bekam es doch dann tatsächlich auch!

Später besuchte ich ein benediktinisches Internat und hielt mich oft im Kloster und in der Kirche auf. In der Kirche spürte ich Geborgenheit. Die Bibel hatte ich nur gekannt von Strafaufgaben, weil ich zuviel schwatzte im Unterricht, musste ich einige Male den Anfang der Genesis abschreiben.

Mein Sohn Jan, als noch klein, sagte auf die Geschichte von Jesus hin, sagte der kleine Junge: Das ist aber eine traurige Geschichte. Und empört war er, als ich mit ihm ein Kinderbuch las über Entstehungsgeschichten aus aller Welt. Dieses Buch gefiel ihm sehr und die Geschichten sind ja fantastisch. Aber, er wunderte sich, warum im Buch ein Bild von Gott gemalt war. Er sagte: „Mama, warum hat es hier ein Bild von Gott? Gott sieht man doch nicht. Er ist doch durchsichtig!“ Seine Verkündigung, dass Gott manchmal zu ihm spreche, war noch verblüffender. Natürlich handelt es sich um ein Phänomen, das auch anders erklärbar ist. Er sagte: „Mama, weißt du dass Gott manchmal meinen Namen ruft? Wie das? Na, ich höre jemanden meinen Namen rufen und denke, das bist du. Dann frage ich: Mama, hast du etwas gesagt? Und du antwortest: Nein, warum. Nein, ich habe nichts gesagt. Dann war es doch Gott, der mich gerufen hat, nicht?“




Ohne Schatten
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33.  Ohne Schatten

Es fällt mir auf, dass ich nicht fassbar bin- was das auch immer heisst und bedeutet.
Manchmal sitze ich da und denke darüber nach. Liebe. Es werden nun bald 16 Jahre sein. Als er klein war, auf die Welt kam, da war ich für ihn da. Füttern, Pflegen, Umsorgen, Einkleiden, Da -Sein, Spielen.Heute? Da ist diese Dankbarkeit mir/ uns gegenüber, dass wir ihn fördern und unterstützen. Für ihn einstehen. Da sind... und in den Intervallen.... sehe ich, dass ich auch für meinen Sohn "unfassbar" bin. Nicht greifbar bin, besser gesagt. Eine Fremde- vielleicht.Und wie ist das in der Beziehung der Erwachsenen?Heute, sehe ich, dass es an mir liegt. Durch die Schriftsteller erfahren wir es, durch Menschen, welche sich geäussert haben. Durch jene, welche es ausformulierten oder es nicht konnten, aber erzählt haben mittels Geschichten. Dieses tiefe Etwas, dieses Bedürfnis nach starker Liebe, Nähe.Von unserer Sorte gibt es viele. Von unserem Schlag.Dieser Unglaube in die eigene Kraft, welche uns zu Einsamen macht und Ungläubigen. Dieses enorme Bedürfnis nach Nähe.
Und so sehe ich es auch heute: Die Liebe. Umsorge mich, umsorge mich nicht. Sei da. Sei da ohne mich zu umsorgen. Umsorge mich. Sei da.Es geht an die Substanz in der reifen Beziehung. Wenn die Jahre gehen, laufen und galoppieren.Wenn wir zusammen wachsen, zusammen erfahren, zusammen gleichzeitig alt werden,vorher erwachsener, reifer.
Und da stehe wir nun: Mit den gleichen Bedürfnissen, aber blind.
Umsorgen wir uns, es ist Liebe, egal unter welchen Umständen, in welchen Lebenssituationen.Mit unseren Kindern können wir das, wenn wir zu den glücklichen Erdenbürgern gehören. Mit unseren Partnern? Mit unserer Erwachsenen-Liebe? Mit dem, was wir sind, jetzt? Und manchen von uns ist nicht zu helfen. Und die Jugend währt kurz, wie ein Bengalisches Licht. Dann erst fängt das Leben an.

 

Peter Schlemihls verlorener Schatten.Gerne hätte ich sein Leben ins Glück gewendet und ihn bis zum Ende begleitet -im Glück- nota bene.Gerne wäre ich Sängerin, Biologin oder Schauspielerin geworden. Nein, Clown. Mein Traumberuf wäre der klavierspielende Clown gewesen mit Doktortitel Biologie. Gerne hätte ich dieses Leben als Mann gelebt. Gerne hätte ich P vor 20 Jahren kennengelernt und mit ihm vier Kinder grossgezogen. Gerne wäre ich glücklicher gewesen -es mir selbst gegönnt.

 

Dummheiten machen wir alle. Rückblickend.... Scheu und Anstand.Nicht darüber zu sprechen, was mich beschäftigte. Aber es ist Scheu und nicht dazu stehen zu können, Komplimente und Lob nicht annehmen zu können. An sich zu zweifeln unentwegt. Nicht geliebt zu haben aus vollem Herzen. Nicht zugehört zu haben. Nicht sehen wollen. Weggeschaut zu haben. Egoismus. Nicht gelobt zuhaben. Unbedingt mehr loben, wo Lob angebracht ist. Mangel an Dankbarkeit. Mangel an Zuversicht "ohne Grund".Mangel an Fleiss. Geflüchtet vor Verantwortung. Zuviel Verantwortung getragen, nein, tragen wollen. Der Hilflose Helfer. Übermut und Geringschätzung.

 

Ja, sie sind überall: diese kleinen Teufelchen, die blauen Engelchen, die Schatten, die Flieger, diese kleinen Spassverderber, diese Unwirklichkeitsmacher, diese Sorgenboten, die Stechereien in der Herzgegend, diese Finsternüsse, diese kriechenden kleinen Psychiater, die sich in deinem Kopf festhaken und zu dir sprechen, diese kleinen buckligen Männchen, diese Tomzacks, diese Abbilder Marlene Dietrichs, diese Ratten und weissen Mäusschen, pinkige Elefanten und Belzebübchen, Bauernfänger und Fischerles!

 

Briefe schreiben. Im Teenager-Alter hatte ich sehr viele Brieffreundschaften und liebte es Briefe zu schreiben. Erinnere mich, was es mir bedeutete. In den Ferien einen Jungen kennenzulernen, oft flüchtige und unbedeutende Begegnungen, für die kurze Zeit, die Adressen auszutauschen und dann Briefe zu schreiben, Liebesbriefe zu schreiben an einen Bekannten-Unbekannten. In dieser Brieffreundschaft zu träumen und zu schwelgen, Lieblingssongs zu zitieren und Sehnsucht zu umschreiben -als wäre es wirklich lediglich ein Kinderspiel. Ja doch, es war einfach ein Spiel, eine Lust Briefe zu schreiben, wobei es nötig war einen konkreten Adressaten zu haben, herauszufischen aus dem Meer der kindlichen Verliebtheit, der spielerischen. Dû bist mîn, ich bin dîn. des solt dû gewis sîn. dû bist beslozzen in mînem herzen, verlorn ist das sluzzelîn: dû muost ouch immêr darinne sîn.

 

<Gott, Mäuschen, ist das ein schweres Geschäft heute. So düster der Himmel ist. Freue mich auf meinen Kurs heute Abend, muss noch vorbereiten, quäle mich durch die PH website, schreibe Rechnungen, mache Termine ab, räume das Schlafzimmer auf, stopfe Wäsche in die Maschine und höre meine Tochter Klavier üben. Ausgeschlafen und nüchtern. Gestern gar abstinent. Morgen Vorstellungsgespräch in ZH, danach Mittagessen in Chur und noch einen kurzen Besuch bei Mama. Am Mittwoch Hospitation und Nägel mit Köpfen. Am liebsten, eigentlich, jetzt den Ofen anheizen und malen oder mich setzen und lesen. Das wäre ein schöner Nachmittag. Vermisse dich und möchte dich überallhin küssen. Nehme deine e-mail ernst und sehe dich vor mir schreiben und von Zeit zu Zeit an die frische Luft gehen. Die Nächte Durchwachen und Schreiben gehen schlecht zusammen. Mittwoch?>

Meer, Mutter
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34.  Meer, Mutter

 

Die Abende in Osor waren voller Heimweh und Fernweh. Am Quai, am Promenandenquai, versammelten sich am frühen Abend die Einwohner und fischten mit primitiven Methoden Fische aus dem Kanal. Ein Angelhacken und ein fester Faden, waren alles was sie dazu brauchten. In diesem Gemurmel der Stimmen, bin ich auf der Bank gesessen, spürte den Wind auf meiner Haut und lauschte einer Idylle von Gemeinschaft.

Dieses kleine Osor hat eine facettenhafte Geschichte. Eine reiche und bewegte Vergangenheit. Es war zuerst, soviel man weiss, von den Liburnern, Angehörige der Illyrer, besiedelt. Das liburnische Osor war die wichtigste Station an der Bernsteinstrasse, welche in der Ostsee begann und in Griechenland endete. Osor hatte mächtige überseeische Handelsbeziehungen, es brauchte sogar Kyklopenmauern, um sich zu schützen. Einst war Osor, neben Pula, die zweitgrösste Stadt der adriatischen Ostseeküste. Osor überstand den awarisch-slawischen Ansturm. Nach dem Untergang des römischen Reiches gehörte es zu Byzanz, bis die Sarazenen (‚Araber’) es nieder brannten. Dann anerkannte es die Herrschaft der Kroaten an, später war es eine venezianische Stadt, wurde von den Franzosen und von den Österreichern besetzt, später von den Italienern. Heute gehört es wieder zu Kroatien.

Durch schmale, von niedrigen Mauern umgebene, Wege bin ich gegangen, entdeckte ein Lokal, eingerichtet für Ballerman -Abende, trank dort meinen Kaffe mit einem Glas Wasser, hörte mir den HipHop-Sound an.

 

Vor vielen Jahren, als ich in der Nähe von Mutter lebte und in jenem Sommer einem Studentenjob nachging, sah ich einmal vom Zug aus meine Mutter auf einer Bank am Rhein sitzen. Danka war in den Ferien und ich wusste noch gar nicht, dass sie wieder zurück war. Ich sah sie aus dem Zug und sie trug ein Kleid, dass sie seit vielen vielen Jahren nicht mehr getragen hatte. Es war dieses ärmellose, schwarze Kleid mit bunten grossen Krokusblüten. Sie sass auf dieser Bank allein und blickte über den Rhein hinauf zu den Bergen. Oder sie schaute einfach in die Ferne. Es war nur ein kurzer Moment von einem Bild. Es erfasste mich eine tiefe Traurigkeit und ein starkes Mitleid mit Mutter und sie wirkte für diese paar Sekunden wie ein Mädchen, da sie auch sehr abgenommen haben musste, um ihr altes Krokus-Kleid tragen zu können. Aus dem Zug sah ich Danka und sie war eine Fremde.

Wie kann ich es vermeiden, ihr Unrecht zu tun?

Schreiben
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35.  Schreiben

Es gibt Dinge, welche ich nicht verstehe. Darüber habe ich nicht schreiben können. Ich sehe aber nun trotzdem klarer, eben, weil ich es weggelassen habe. Zwischenmenschliche Beziehungen verstehe ich zum Beispiel nicht. Da sind einige offene Kapitel. Das Verhalten von Teresa zum Beispiel. Eine Randfigur aus heutiger Sicht, jedoch ein Teil meiner Geschichte. Doros unausgesprochene Sätze. Doros Methode vorzuwerfen =sich also abzugrenzen ohne zusagen was warum wozu. Manchmal beschleicht mich doch der Gedanke, dass es eine tiefe Bosheit ist. Das Offensichtliche will man ja nicht wahrhaben. Das muss auch so sein. Die Beziehung zu meinem Bruder desgleichen. Vielleicht weiss er es auch nicht. So wie ich es nicht weiss. Dieses Diffuse, Unfassbare, Ungreifbare, Nebelige und Unheimliche. Tabellarische persönliche Dinge? Sexualität. Diese wird enorm überbewertet und ist tatsächlich etwas Animalisches und Zerstörerisches. Themen, welche objektiv -also im Kollektiv Mitleid/Empathie erwecken (sofern man das beurteilen kann -selbst) werden gerne erzählt. So mein Thema Kindheit oder mein Thema Rassismus (wobei das letztere sehr heikel ist....). Gott bewahre, dass mein zukünftiger Arbeitgeber oder mein jetziger diese Autobiographie lesen. Nur... jetzt ist es draussen. Ich meine.... nur schon und verständlicherweise, hat der Vater meiner Kinder... ich weiss nicht, ich bilde mir ein, dass er mir gegenüber milder ist. Auf der anderen Seite spüre ich aber auch einen Missmut von seiner Seite... dass er Thema ist. Natürlich. Eine Standortbestimmung- eine politische- sehe ich als sehr wichtig an. Es ist auch Synonym für eine Vergesellschaftlichung der eigenen Person. Ich als Teil des Kollektivs. Aber auch das ist heikel.... wobei die Interpretation so oder so kommt -auch wenn man nicht darüber schreibt. Schreiben ist Heraustreten. Schreiben ist Raum fühlen.
Zum Schreiben -über sich selbst: Dazu stehen. Zum Leben und seinen Erfahrungen. 
Obwohl, ein Niederschreiben sehr subjektiv ist. Man müsste andere darum bitten, unser Leben zu schildern. 

So in Hauptetappen zusammenzufassen und diese Posten dann auch ernst nehmen. 

Diese Posten stellten dann diesen tabellarischen Lebenslauf dar. 

Ich müsste diesen anders gestalten. 

Denn man ist versucht, durch unser System, das eigene Leben in linearen Tabellen und Formularen, 

in CVs reinzuquetschen. 

Was-angeblich-wichtig-ist. 

Nur ist die Sache so, dass ganz wichtige persönliche Ereignisse nicht ausgesprochen werden. 

Zum einen liegt es daran, dass man oft keine Worte dafür findet und zum anderen,

dass man Angst hat, das Gegenüber würde/könnte einem nicht verstehen. 
Zum Beispiel, eine wichtige und tiefgründige Erfahrung, war die Erfahrung des Raums. 
Der Raum und mein Körper. Mein Fühlen und Sehen. Gerade wenn ich Zug fahre 

und hinaus blicke, die Landschaft betrachte und dann eben, diese Wiesenparzellen, 

umrandet von Hecken = Räume. 

Sie vom Zug aus zu sehen entthront sie ihrer Magie. 

Evoziert Sehnsucht. 

Auf diesem Stück Wiese, umrandet von Hecken SELBST zu stehen, 

eröffnet Raum und ein Gefühl/Wahrnehmung von ICH. 

Es ist magisch. 

Wann hast du dieses Raumempfinden erfahren? 

Seltsamerweise löst es auch das ICH auf und entbindet es der Zeit. 
Als Kind unter einer Baumkrone zu liegen.... usw. 

Ein kleines Wäldchen wie der Regenwald. 

Die Enge der eigenen vier Wände. 

Die Vogelperspektive. 

Das-drin-sein.. im Gebüsch, Hecke, Bongert = Obstgarten. 

Im Auto, ausserhalb des Autos. 
Im Herzen eines Menschen zu sein, 

ausserhalb zu stehen. 

Im Leben zu sein, ausserhalb des Lebens zu sein. 

Im Schreiben oder Berichten. 

Es sind zwei verschiedene Genres. 

Räume.

Dienstag
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36.  Dienstag

Und da sassen wir nun, Flurin und ich im Babü in Chur. Da sassen wir, & schauten uns an, sahen uns in die Augen. Wir 2 alte Matrosen. Es beschäftigt mich. Flurin ist und war für mich in diesem Sinn sehr wichtig, weil ich mit ihm, so sehe ich es, eine lange und ebenbürtige Freundschaft erleben durfte. Unsere Generation. Die Geschichten unterschiedlich. Flurin ein Schweizer, Bündner. Diese Bündnerische hat uns verbunden und wohl auch unsere Lebenslage. Wir waren beide bereits über dreissig, ich geschieden, er auch in der Art geschieden, ein Kind aus einer Beziehung. Wir beide hatten noch ein Studium zu beenden und fanden uns in dieser Zeit als Freunde, welche alles zusammen besprechen, einander helfen. Stefan gehört bestimmt auch zu unserer Mitte, unserer Generation. Es ist nun mal nicht mehr so, dass man zusammen Kinder hat und dann für immer zusammen bleibt auf Biegen und Brechen. Bei unseren Eltern war das anders. Es befremdet mich schon, wenn ich meine Zeit ansehe und gleichzeitig sehe ich auch etwas sehr Gesundes und Vernünftiges darin. Es ist in Ordnung Beziehungen aufzulösen auch wenn Kinder da sind. Oft geht es ja gar nicht anders. Jede Trennung, jede Scheidung hat aber auch etwas sehr Trauriges. Interessant finde ich es zurückzublicken. So wie Flurin und ich, eben über dreissig, uns erhofften und bemühten eine neue Beziehung aufzubauen, welche auch hält. Für ihn war es insofern schwer, dass die Partnerinnen wenig Interesse für seinen Sohn zeigten, für mich wohl auch bzw., es war klar, dass ich damals noch zwei kleine Kinder in die Beziehung mitnehmen würde. Auf dieser Suche haben wir uns als Freunde unterstützt und ich weiss noch wie wir einmal wieder zurückfuhren von Chur nach Bern und Flurin meine Tochter Alma im Arm hielt die ganze Zugfahrt hinüber. Er sagte: Weisst du, das war jetzt schön. Es hat mir gut getan die kleine Alma im Arm zu halten. Es hat mich beruhigt und mir geholfen mich von meinen Sorgen und dem Konflikt mit meinen Eltern von diesem Wochenende Abstand zu nehmen. 
So haben sich auch unsere Wege geteilt, getrennt. Flurin heiratete, bekam zwei Kinder. Ich begann eine neue Beziehung. Wir beide zogen auseinander- an einen anderen Ort  und wie die Zeit läuft, sahen wir uns immer seltener. Wir beide waren angekommen -wieder- angekommen in der Familie und auch, vor allem das, in der Arbeitswelt. Und die Zeit vergeht schnell. So trafen wir uns neulich wieder und ohne lange Umschweife sprachen wir über unser Leben und unsere Situation und erkannten auch, dass das Leben uns viele Aufgaben aufbürdet, Verantwortung und dass wir eine Zeit hatten, welche uns noch versprach das Glück zu finden. Das soll nun doch nicht traurig klingen auch wenn ich... meine Umschreibung, wir zwei alten Matrosen. Waren wir schon zu alt für das Glück? Ach... Glück wandelt sich.... die Vorstellung davon wandelt sich..... glücklich sind wir auf jeden Fall, weil wir gesund sind und in einem Erstweltland leben. So haben wir uns in die Augen gesehen. Eine Floskel? Es gibt nichts über eine gute Freundschaft.

 

Ich habe dich so lieb, ich würde dir ohne Bedenken eine Kachel aus meinem Ofen schenken.Die Dinge werden nicht einfacher, die Liebe schon gar nicht. Und doch besteht die Hoffnung. Da ist jemand, dessen Art und Wesen mich berührt. Seine Schultern, sein Gang, sein Schritt. Sein Lächeln. Seine Handbewegungen beim Sprechen, Erzählen. Sein Einrollen der Zigarettenpackung, wohl wegen der gewohnten Meeresluft. Sein Blick, sein verborgenes Nachdenken, sich Zurückziehen, traurig Sein. Seine zeitweisen leisen Einsprengsel von lieben Worten. Sein Muttermal auf der Wange. Seine Erzählungen. Die Musik, die er hört. Die Zeitungen, Artikel, die er liest und seine Kochkunst. Und wieder dieses Lachen, vor allem der Mund. Seine Stimme. Seine kleine Tasse Kaffee und die Lesebrille. Sein Respekt aber auch seine Zurückweisung.Sein Necken: Alle schönen Frauen schnarchen.


 

Hyazinthe
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37.  Hyazinthe

  Ihr Duft= eine P/proustsche Madeleine.

<<Ich wollte nicht nur leiden, sondern auch die Originalität meines Leidens achten.<< Proust. Der Satz schwebt ihr als sie das Buch schloss noch vor Augen. Und vielleicht ist der Beginn dieser Erzählung, setzt sie an, erinnert sich an jene Reisen, sind jene Reisen, welche sie vor langer Zeit unternommen. Vielleicht aber auch eine Liebe, welche unwirklich scheint. Vielleicht eine Schilderung ihrer Begegnungen mit Menschen. Vielleicht ihre Beobachtungen des kleinen eritreischen Mädchens von gegenüber. Vielleicht auch ein Aufflackern einer Geschichte, eines Lebens, einst gewesen, eine Verzerrung in klaren Bildern. Eine Fiktion. <<Es heisst, die Trauer lösche durch ihre allmähliche Arbeit mit der Zeit den Schmerz aus; das konnte und kann ich nicht glauben, denn für mich tilgt die Zeit nur die Empfindungen des Verlusts (ich weine nicht), mehr nicht.<< Proust.

Der Kater hat eine Maus ins Haus gebracht. Durchs Katzentörchen in die Stube. Sie versteckt sich zwischen Zeitungsständer und Klavier. Vor mir auf dem Tisch liegen unzählige Bücher. Von draussen höre ich den Lärm einer Baustelle. In unserer Strasse. Am Morgen noch Sonne, jetzt leicht bewölkt, verhangen. Draussen hängt die Wäsche. Mit welcher Geduld der Kater verharrt.

Kommunikation. Ich kann kommunizieren und dann, wiederum, kann ich nicht kommunizieren. Ich bin einmal hier, einmal dort und oft in Gedanken bei ihm. Die Bücher. Die Lust des Lesens, hier die Lust des Schreibens, dann die Lust des Gelesenwerdens –wie sagt man doch zwei Paar Schuhe? Drei Paar Schuhe? Ein jeder geht in seinen Schuhen. Der Gedanke war, die Idee war, ein Jahr lang in meinen Schuhen zu gehen. In mein dreiundvierzigstes Jahr. Drei Monate habe ich dieses Ziel verfolgt. Jetzt stehe ich an einem Punkt, blätterte zurück, fange nochmals an. Ist dieses Unterfangen aber überhaupt möglich? Ich sehe, ich wollte mich zwingen in der Gegenwart zu bleiben. Die Gegenwart. Das Jetzt. Das Präsens. Bemerke aber, dass die Vergangenheit meine Gegenwart dominiert. Im Jetzt bin ich im Vergangenen. Es ist so: Ich hole aus im Jetzt und lande im Zurück. Als wäre es ein Naturgesetz. Ist es womöglich auch. Ein Reflex?

Im Endeffekt ist eine Biographie eine Collage. Sie beginnt und klafft, eröffnet furchterregende Tiefen. So braucht es mich nicht zu wundern, dass mich ein Schwindel erfasst. Abgründe. Zerklüftungen. Gar eine Verzweiflung und Not überkommen mich. Niemals kann ich mir selbst in die Augen blicken, schauen. Tief in meine Augen sehen. Und doch, so scheint es mir, steht das hier Geschriebene (wieder eine Perfekt-Form) und das Jetzt-Erlebende beide ganz für sich stehend, vielleicht auch haben sie nichts miteinander zu tun. Im Text treten sie aber miteinander in Verbindung.

Ich schreibe das Jahr 1996. Ich stehe am Busbahnhof. Der Busbahnhof in einem kleinen Industriestädtchen. In %u0412%u0435%u043B%u0438%u043A%u0430 %u041F%u043B%u0430%u043D%u0430/ Velika Plana. Staub. Alles, aber auch alles scheint kaputt zu sein. Es stinkt nach Abgas. Die Busse kommen und gehen. Vergilbte Karten an der Chauffeur-Scheibe; die Ortschaften auf Kyrillisch geschrieben.

Ich war damals zwanzig Jahre alt. Eine Zeit, in der ich einen starken Hang zur Romantik und Nostalgie hatte. Das Melancholische zelebrierte ich regelrecht. Das Melancholische entsprach auch der Moll-Dur meiner Herkunft. Everything was in minor. Mit Trauer und Traurigkeit blicke ich zurück. Da ist etwas in mir, das nagt. Es ist vermengt mit Kindheit, Erinnerung, Verlust und schlechtem Gewissen.

Ich kann nicht bestimmten, was ich mir merken und, was ich mir nicht merken will. Mein Gedächtnis hat seinen eigenen Willen. Unser Gedächtnis hat seinen eigenen Willen. Der Teil in unserem Gedächtnis, in dem wir unsere persönlichen Schicksale speichern, ist das autobiographische Gedächtnis. Wie ein Tagebuch, das wir aktivieren, wenn man uns zum Beispiel fragt, was unsere erste Erinnerung sei/ist, oder wie das Haus aussah, in dem wir als Kind lebten. Es ist aber auch ein Buch des Vergessens. Es herrschen eigene Gesetze. Die Ereignisse unseres Lebens, welche wir persönlich als erinnerungswert ansehen, vergessen wir. Andere Ereignisse, wie erfahrene Demütigungen und Verletzungen speichern wir, als wäre es erst gestern geschehen. Wer unter Depressionen oder auch Schlaflosigkeit leidet, weiss, in welcher Art eine schlimme Erinnerung eine andere schlimme Erinnerung hervorruft. Es wird wie ein Netzwerk von dunklen Gedanken aktiviert. Nie sind wir vor Überraschungen von Seiten unseres Gedächtnisses sicher: Plötzlich erinnert uns ein Geruch an etwas, das wir schon lange vergessen haben. Oder das Geschirr bei Freunden zu Besuch erinnert uns plötzlich an die eigene Kindheit, und wir erkennen, dass unser Geschirr diesem ähnlich war.

Die meisten Menschen datieren ihre ersten Erinnerungen irgendwo zwischen ihrem zweiten und vierten Lebensjahr. Natürlich gibt es Ausreisser in beide Richtungen. Es sind Fetzen, unklare Bilder mit Lücken dazwischen. „Wenn ich meine Kindheit erkunde (was nahezu der Erkundung der eigenen Ewigkeit gleichkommt)“, schrieb Nabokov in Erinnerung sprich, „sehe ich das Erwachen des Bewusstseins als eine Reihe vereinzelter Helligkeiten, deren Abstände sich nach und nach verringern, bis lichte Wahrnehmungsblöcke entstehen, die dem Gedächtnis schlüpfrigen Halt bieten.“ Nach Freud, die infantile Amnesie. Der Zeitabschnitt dauert von der Geburt bis zum Alter von sechs, sieben Jahren. (Der Kater hat die Maus aufgegeben. Er sitzt neben mir auf der Bank. Ich fühle mich unterstützt.) Nabokov schreibt, dass seine ersten Erinnerungen und allmähliche Auflösung des Dunkels oder des Entstehens der lichten Wahrnehmungsblöcke, damit zusammenhingen, dass bei ihm sukzessive ein Bewusstsein von Zeit entstand. Zeit! Kindsein und Zeit! Nabokov versucht eine Rekonstruktion dieses Erlebnisses, worin er sich an einen Spaziergang mit seinen Eltern erinnert und an seine Frage nach seinem und dem Alter der Eltern. Die Antwort löste bei ihm die Erkenntnis aus, dass er selbst vier war und seine Eltern genau wie er ein Alter hatten, einen ungeheuer belebenden Schockaus. „In diesem Augenblick wurde mir deutlich bewusst, dass das siebenundzwanzigjährige Wesen in weichem Weiss und Rosa, das meine linke Hand hielt, meine Mutter war, und das dreiundreissige Wesen in hartem Weiss und Gold, das meine Rechte hielt, mein Vater.“ Die Eltern treten erst dann in eine echte Existenz für den Jungen.

Eine berührende Wiedergabe einer Kindheitserfahrung. Sie erweckte in mir selbst eine längst vergessene, verlorene Empfindung. Wobei, ich Zeit mit Distanz verbinde. Die Distanz zeigt die Zeit auf. Von einem Ort A nach einem Ort B zu kommen und sich nicht bewusst zu sein, dass dazwischen vielleicht 160 Kilometer liegen. So, als hätte ich als Kind, meinem Wunsch entsprechend, rücklings zu A zurückkehren können. Wohl behütet in einer kleinen Welt, entstand mein Gefühl für Zeit, für Distanz an jenem einem Tag als meine Grossmutter väterlicherseits zu Besuch kam. So nehme ich diese Frau, diese Grossmutter in meine Mitte. Diese Frau, eine Ahnin, von der ich kaum etwas weiss. Ich war um die fünf Jahre alt damals. Der Versuch in die kindliche Amnesie einzutauchen scheint mir gewagt. Und dennoch, da ist einiges vorhanden. Eine Strickjacke. Eine graue, von meiner Grossmutter gestrickte Jacke. Sie war eine meisterhafte Strickerin. Der Bus, der gleich hinter dem Zaun hielt, zu jeder vollen Stunde. Sein Gestank nach Abgas. Schwertlilien. Hohe Schwertlilien. Ein Karton mit Kücken. Die heisse Glühbirne, ungesichert. Das Geräusch des Knisterns des Herdes. Die Ratten unter dem Maisspeicher. Eine Pfanne, das Öl überhitzt, fing Feuer. Palpitationen, ich spürte und hörte mein Herz. Der modrige Weinkeller. Die Fässer. Dunkel. Das unbeheizte Zimmer, in dem ich schlief. Die dicke Matratze. Das schummrige Licht durch das Fenster in demselben. Aber vor allem der Schmerz, das Gefühl: Heimweh. Heimatlosigkeit. Heimatlosigkeit und Heimweh fügten sich damals meinem Wesen hinzu. (Der Kater widmet sich wieder der Maus.)

Erinnerungen sind emotional begleitet. Sie können jedoch auch keinerlei Gefühle hervorrufen. Manchmal fühlt man einfach nichts.

 

 



Muttermal
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38.  Muttermal

Stellen Sie sich diese junge Frau vor. Da steht sie am Busbahnhof. Der Busbahnhof in einem kleinen Industriestädtchen Serbiens. Staub. Alles, aber auch alles scheint kaputt zu sein. Es stinkt nach Abgas. Die Busse kommen und gehen. Vergilbte Karten an der Chauffeur-Scheibe; die Ortschaften auf Kyrillisch geschrieben. Grauer Himmel, verhangen an diesem Tag. Herbst 1996, sie befand sich auf dem Rückweg in die Schweiz. Der Bus nach Belgrad trifft ein. Das Gepäck wird unten eingeladen. Man sucht sich einen Platz, erst dann werden die Tickets gekauft. Sie setzt sich ungefähr in der Mitte, ein Polizist neben ihr. So staunt sie nicht schlecht. Er nimmt seine Kappe ab, dreht seinen Kopf zu ihr und strahlt sie wie ein Sonnenschein an. Sie denkt sich: Na, das kann ja heiter werden. Als der Kartenverkäufer kommt, nickt ihn der Polizist weg. Sie wurde also schon mal zu einer Gratisfahrt nach Belgrad eingeladen. Irritiert schaut sie ihn an, er reicht ihr die Hand und stellt sich als Dejan Dimic vor. Freut mich, ich bin L.D. Ein redseliger junger Mann: Weißt du, ich bin immer noch nicht verheiratet. Meine Eltern werden langsam nervös. (Er kichert mehrmals in einem Satz). Die graue Autobahn nach Belgrad. Links und rechts Felder, Dörfer, Geissen, Ziegen, Hühner. Dunst in der Ferne. Weißt du, ich hatte Streit mit meiner Verlobten. Ich weiss nicht mehr worüber. Es muss etwas nicht Wichtiges gewesen sein. Beleidigt trennten wir uns und gingen nach Hause. Nach einer Woche vielleicht, dachte ich: Ach komm, gib dir einen Ruck und ruf sie an. (Er kichert wieder. Als würde er einen Witz erzählen.) Du glaubst es nicht! Am Telefon erfuhr ich, dass sie geheiratet hat! Kicher, kicher, kicher.... Ist das wirklich wahr? Ja, klar. Echt passiert. Du Armer!Sie schaut aus dem Fenster. Oh.. ich sehe, du hast so einen kleinen süssen, schönen Leberfleck hinter deinem Öhrchen. Ich möchte diesen Leberfleck küssen. Darf ich?Der Polizist, eigentlich noch ein Milicajac, bückt sich schon vor. Sie weicht zurück, drückt die Schultern an die Scheibe. Nein. Das kannst du nicht! Ach komm!Er versucht es noch einmal. Sie klebt förmlich an der Busscheibe. Dann lacht er wieder, kichert: So ein süsses Muttermal. Sag mal, woher kommst du? Was machst du hier? Warum fährst du nach Belgrad? Du bist nicht von hier, oder?

Nein, ich bin nicht von hier. Ich habe hier in Velika Plana meine Familie, meine Verwandten besucht. Jetzt reise ich wieder nach Hause. Ja, in die Schweiz. Ich bin in der Schweiz geboren, ja genau. In der Jovana Cvijica, ja beim Gymnasium, haben meine Eltern ein Haus. Ich weiss nicht, ob du meine Eltern kennst. Der Polizist fokusiert wieder ihr Muttermal. Unangenehm, denkt sie sich. Wie geht man mit einem Polizisten um? Skandalös, dass er keine Fahrkarte kaufen musste. Weisst du, Polizist zu sein, ist auch nicht mehr das Wahre. Sie wollten uns nach Kosovo schicken. Was soll ich bitteschön in Kosovo machen? Was habe ich dort unten zu suchen? Nein, da mache ich nicht mit.Ich bin doch nicht verrückt und lasse mich von den Schiptaren umbringen. Und für wen das? Sieh dir dieses Land an! Angeblich unser Vaterland! Was ist davon geblieben? Du solltest mal unsere Dienstwagen sehen! An meinem fehlt die Klappe über dem Kofferraum! So fahren wir durch die Gegend! Als Polizisten! Und die Leute, die sind alle durchgekanallt. Alles verrückte, so scheint es mir. Nein, nein, ich fahre bestimmt nicht in den Kosovo. Fuck auf Kosovo. Jebem ti ja Siptari i Kosovo Polje.

Eine lange mühsame Reise mit einem kichernden schwaffelnden Polizisten an der Seite, ständige Protektion des Muttermals. Öde Autobahnstrecke. Dunst. In Belgrad angekommen, bestand er darauf ihre Tasche zu tragen. Er trägt ihre Tasche zu den Taxiständen. Zielgerichtet und selbstbewusst geht er auf einen Taxifahrer zu und stellt klar, dass er sie dorthin bringt, wohin sie will und, dass er sie nicht abzockt. Doch noch ein Kuss auf dein Muttermal?Kicher... Nein!Er zieht ab. Der Taxifahrer sieht sie verächtlich an: Wozu brauchst du den? Was ist das für einer?Es folgen Schimpfworte und der Taxifahrer spuckt, um seine Verachtung zu unterstreichen, auf den Boden.

Damals war sie 20 Jahre alt. Eine gute Zeit. Sie besuchte noch das Gymnasium, etwas später dran als die anderen. Sie freute sich auf den Abschluss, um dann an die Universität zu gehen.

Heute ist sie 43. Ein Alter und kein Alter. Eine Primzahl. Anfang März 2019

Ein Schneemann und eine Schneemännin sind sich begegnet. Diese Beziehung hält kein Jahr lang. Einen Winter vielleicht? Obwohl hier, am nördlichsten Punkt der Schweiz, kann man eigentlich kaum von Winter sprechen. Zu tief gelegen, nur wenig Schnee. Abgesehen davon, dass der Klimawandel zu spüren ist. Heute scheint gar die Sonne. Sie strotzt nur vor Licht. Sonnenschein, im Winter eigentlich auch selten. Meistens Hochnebel, Monotonie, Stürme zeitweise. Es war an einem Abend, kurz vor der Arbeit, als sie einen ihr fremden Mann an der Bar sitzen sah. Sie blickte kurz beim Vorübergehen durch die Fenster rein. Sah seinen Rücken und das etwas schüttere Haar. Sie glaubt sich zu erinnern, dass neben ihm Margrit sass. Sie musste zur Arbeit. Zwei Abende pro Woche leitete sie einen Kurs für Fremdsprachige, Deutsch. Es war ein Anfängerkurs. Sechs Kursteilnehmer. Eine einzige Frau. Rosa aus der Dominikanischen Republik. Klein, mollig, schüchtern. Jeton, ein Kosovare, sympathisch, etwas zurückgezogen. Florion, noch jünger, 21. Jahre, beinahe noch ein Kind, ein Junge, so schien es ihr. Der immer lachende, lächelnde Nicola aus Sizilien, Gianni, eher extrovertiert aus Bologna. Der Amerikaner, James, zurückhaltend, skeptisch. Tomas, der Tscheche. Er arbeitet als Knecht im Hallau. Und Armando, Brasilianer, homosexuell und sehr ehrgeizig dabei Deutsch zu lernen. Ein Anfängerkurs. So steht sie vorne und spricht und sieht in jedem Gesicht, dass beinahe nichts verstanden wird. Die Gesichter entspannen sich aber mit der Zeit, nach jeder Kursveranstaltung verstehen sie mehr. Das ist auszuhalten. In der Pause geht sie nach draussen Rauchen. Gianni und sie stehen dann auf dem Herrenacker. Es ist kalt. Sie unterhalten sich etwas. Sie lässt ihn dann aber in Ruhe. Er telefoniert mit seinen Kindern nach Italien. Gianni macht immer länger Pause als abgemacht. So steht sie schon wieder im Zimmer und fährt mit der Lektion fort. Nach zehn Uhr verlässt sie die Schule, es windet, es ist kalt und geht zum Bus; fährt nach Hause. Müde und hungrig, noch etwas unruhig.

Und da sass er an der Bar. Sie setzte sich auf die andere Seite. Schaute ihn an. Schön hat er zurück gelächelt. Sie sprachen über die Theke hinweg  miteinander. Sie hörte ihn schlecht, die Stimmen dazwischen. Immer wieder fragte sie nach: Ich höre dich so schlecht, was hast du gesagt? Es fiel das Wort Balkan. Es fiel der Schriftsteller Name Miljenko Jergovic, Bora Cosic, es fiel der Name Tito und die Brijuni Inseln, der Papagei Koki. Und sie setzten sich näher zusammen als die anderen gegangen waren und irgendwann, legte sie ihre Hand in die seine. Manchmal scheint es, als würden sich Menschen gegenseitig zähmen, s’apprivoiser.

Das Walnusshaus. Von Jergovic. Eine Geschichte, welche im Jetzt beginnt, zurück schreitet in die hochpolitische und dramatische Biographie des Westbalkans, von der Ablösung der osmanischen Herrschaft bis zur Bombardierung Dubrovniks. Im Jetzt beginnt sie: 90er Jahre Dubrovnik.

2001 war sie mit T in Dubrovnik. Seltsamerweise ist ihr eine Erinnerung stark im Gedächtnis geblieben. Abends, die Mantis, Gottesanbeterin auf der Strasse, auf dem sich etwas abkühlenden Asphalt, wie sie da stand, wie ertappt wirkte und T und sie das Tier bestaunten und kaum sich zu rühren getrauten aus Angst, sie möge davon gehen. Grün wie saftiges gesundes Gras war sie. Damals war diese andere Liebe, diese Liebe zu T. Er war für sie eine Erleichterung, eine Rückkehr zur Normalität.

Von Zürich aus nahmen sie den Zug nach Triest. Trst. Sie war aufgeregt. Sie war dermassen aufgeregt. Seit 2000 war sie Schweizer Staatsbürgerin, konnte ihren jugoslawischen Pass, welcher in der Schublade, liegen lassen (sie nahm ihn natürlich trotzdem mit), konnte jetzt mit einem roten Büchlein nach Slowenien fahren. Ein ganz neues Gefühl. Eine Freude. Eine Freiheit vor allem. Kein Visum mehr, einfach in den Zug steigen und in ihr Kindheitsjugoslawien fahren. Mit T an der Seite.

Melokomödie
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39.  Melokomödie

Und sie legte ihre Hand in die seine, in Pauls Hand. Am nächsten Abend holte er sie von der Schule ab, kurz nach Zehn. Sie sieht seine Silhouette auf dem Herrenacker. Hinter ihm das en miniature aufgestellte Weihnachtsdorf, mit dem montierten Chalet, der kleinen Eisbahn für die Kinder, die Holztische und Bänke, Stände, Essensstände, bereits geschlossen. Den Lichtketten, weihnachtlich, kitschig, romantisch.

In die Neustadt- Bar sind sie. Jazz- Abend, live. Felix bediente sie. Felix mit weissem Hemd, Chilet und Fliege. Gin Tonic. Gross ist Paul, im schwarzen Mantel, witzig, angenehm[1].

Er bezahlte. Sie standen auf. Verliessen die Bar. Spazierten zum Bahnhof. Sie schmiegte sich an ihn und kurz vor dem Bustop der 3 und 4 Busse, drehten sie sich zueinander wie Blumen zum Licht und küssten sich. Ihr Poncho fiel auf den Boden. Die Tasche lies sie im freien Flug fallen. Und sie nahm seine Hand, schmiegte sie unter ihre Bluse. Die kalte, kühle, grosse Hand an ihrer Haut. Über ihrem Herzen. Sie liebt kalte Hände, weil sie selbst immer so warm ist.

In Bern. Gardez la contenance! Das Motto 2019. Zibelegässli. Rathhausgasse. Luft. Februar. 3EIDGENOSSEN. Klick Feuerzeug. Klack Autotüre. Ratter Koffer. Kinderwagen. Velokourier. Ca. 15.43 Uhr. Friedlich. Wieder dieses Gefühl des Wartens. Als müsste ein Wunder geschehen. Das muss natürlich aufhören. Das mit dem Warten. Davor Bettmer Alp, Betten, Wallis. Blick auf’s Matterhorn. Zuhause ein Matterhorn auf sie am Warten, wartend. Es mit Humor nehmen? Nun ja. Das Matterhorn in Schaffhausen. Wie viel Humor hatte Markus Werner? Gardez la contenance zuerst mit Humor und dann Gardez la contenance ohne Humor? Variationen?

Sie dachte sich, ausnahmsweise, ein Mal nicht auf Prüde zu machen. Prüd ist ein gutes Wort. Das Resultat: Es ist empfehlenswert. Etwas irritierend und auch etwas beeindruckend, um so mehr: empfehlenswert. Ewas ein schlechtes Gewissen. Nur das mit dem „schlechten Gewissen“ lässt sich nicht ganz einordnen, woher es kommt. Aber eben, trotzdem: Etwas ein schlechtes Gewissen. Ich meine grundsätzlich, das schlechte Gewissen, das ist so etwas wie ein Wanderpokal. Oder anders: Der Kelch, der nicht an einem vorübergeht. Gut. Wo anfangen? Irgendwo sollte doch angefangen werden können?

Die Flagge ist gehievt. Auf ihr steht: Keine Nachricht! Keine Antwort! =Niemandsland hat keine Stimme! Da fragt sie sich: Führt ein Niemandsland eine eigene Politik? Hat ein Niemandsland eine Haltung? Ist es ein Staat? Hat er eine Regierung? Wohnen da viele Menschen? Würde sie Asyl bekommen? Oder kann sie sich einbürgern lassen? Zahlt jemand Steuern? Giesst jemand den Garten, die Blumen? Gibt es im Niemandsland Buchsbäume befallen vom Parasiten? Wie heisst der Käfer nochmal? Kann man/frau sich im Niemandsland befinden und gleichzeitig auch nicht? Haben Menschen, welche im Niemandsland leben, Finger? Haben sie einen Mund? Sind es Menschen? Wenn ja, was für Menschen? Wie es doch heisst: Fragen über Fragen.

Der Berg wiegt schwer. Die Flagge weht im Wind. Sie hat seine Nummer gewählt. Er nahm nicht ab. Also hat sie es verkackt und jedes einzelne Gefühlchen, jedes einzelne Nervlein löst sich in Myriaden andere auf. Es kribbelt regelrecht während der Auflösung, Aufspaltung, Auseinandersanden; ihr Körper verrinnt in Sand.

Warum hat sie es getan? Lag es wirklich nur am Alkohol? War es Kristines Beleidigung, welche sie dermassen getroffen hatte? Was hatte Kristine denn genau gesagt? Was war es denn genau? Kann es wieder gut werden? Würde Paul ihr verzeihen? Fühlt er denn etwas für sie? Ja, sie betet im Stillen. Press any key to continue.

Es ist früh am Morgen. Die Motivation hält sich in Grenzen. Paul hat sich bis heute nicht gemeldet. Gestern in der Stadt mit Verena. Eine Wohnungsräumung. Komm mit, es hat auch viele Bücher. Vielleicht hat es welche für dich. Sie sträubte sich etwas: Oh nein, lieber nicht. Du weißt wie ich es mit Büchern habe. Ich sollte zuhause meine eigenen Bücher aussortieren. Ich weiss gar nicht, weshalb ich sie noch habe. Ein sonniger Sonntag. Neustadt. Ein alter Mann war gestorben. Er lebte in einer fünfeinhalb Zimmerwohnung. Eine grosszügige Wohnung. Überall liegen grosse gefüllte Müllsäcke herum. Ein Marco ist am Räumen. Christoph, Verenas Freund, ist am Helfen. Die Stimmung etwas angespannt. Es riecht leicht nach Urin, würde sie meinen. Staub. Vom Anfassen die Hände klebrig. Unglaublich, was so alles übrig bleibt von einem Leben eines alten Mannes. Er soll 50 Jahre hier gelebt haben. Und jetzt ist es aufgeräumt, sagt Christoph. Ein Bauernhimmelbett hinter einem massiven grossen Schrank. Bücherregale, unmässige Anzahl Bücher.  Porzelanfiguren, Porzelanpuppen in einem Korb. Porzelanobjekte, Figürchen, Kätzchen, Hündchen,  als kleines Piano ein Aschenbecher. Klavier. Kleine Orgel. Spinnräder, gar zwei, etwas unheimlich, findet sie. Wanduhren. Unausgepackter Christbaumschmuck. Viele Kunstbücher Giotto, Velasquez, Dürrer, van Gogh, Cezanne.... Bilder, die Bilderrahmen könnte man brauchen. Seltsamerweise viele Lampen, an der Decke, auf den Tischchen. Das ganze Leben des alten Mannes, wohl auch von seinen Toten, bereits verstorbenen. Staub haftet auf allen Dingen.

Stifters Liebe zu alten Dingen...... Ja, da musste sie an Adalbert Stifter denken. Antiquarische Dinge übten auf ihn eine grosse Faszination aus. Mittelalterliches unbrauchbares Zeug, Trödel oder Plunder. Es sind Objekte, welche die Phantasie beflügeln und aus vergangenen Leben von Menschen erzählen. Der Plunder lädt dazu ein, sich Geschichten von diesen Leben zu spinnen, diesen Menschenschicksalen, die vielleicht wirklich geschehen sind oder auch nicht. Diese Dinge tragen Erinnerungen in sich, beinhalten persönliche Informationen. Erinnerungen und Familiengeschichte. Ja, sie kennt diese Liebe zu alten Gegenständen, zum Stöbern in Brockenstuben, auf Flohmärkten und zum Kauf von alten, aus der Zeit gekommen Dingen, die es sonst wo nicht zu kaufen gibt. Es ist aber auch die Bedeutung der Dinge, die wir geschenkt bekommen oder geerbt haben. Diese Dinge haben ihre Geschichte, stammen aus einem Kontext, der sich vielleicht erahnen lässt und uns eben dazu anregt, Geschichten zu erfinden oder gar nachzuforschen. Plunder, Tandel, Trödel beflügeln unsere Vorstellungskraft, und wir können an ihnen hängen. Wer zu diesen Sammlern gehört, kennt auch die Überempfindlichkeit, die in uns manchmal zum Vorschein kommt, wenn wir eines dieser erworbenen Objekte jemand anderem zeigen. Das Gegenüber aber vielleicht entdeckt in uns lediglich einen Zug von Kindlichkeit –wobei es sich durchaus um eine Art Kindlichkeit handelt, wir belächelt werden, als Folge sogleich unsere Demonstration bedauern, als wäre der Gegenstand entzaubert worden, als hätten wir gar zu viel von unserer Seele preisgegeben. Das alles vollzieht sich im Stillen als Reaktion auf das gutmütige Lächeln des Anderen. Es scheint so zu sein, dass die Dinge von der Persönlichkeit des Besitzers leben.

            Das Buch am Boden sticht ihr sofort in die Augen: Mythologische Landeskunde von Graubünden. Ein Bergvolk erzählt. Fünf Dörfer. Herrschaft. Prättigau. Davos. Schanfigg. Chur. Das ist für sie. Wie Kien aus Canettis Blendung, muss sie nun doch ein Buch retten. Sie nimmt noch ein Ledertäschchen mit. Danach gehen die zwei Frauen. Verena und sie. Weisst du Vee, seit das mit P passiert ist, es geht mir also seit gestern besser, es scheint als würde das Erlebnis eine gewisse Dumpfheit aufrechterhalten, so dass ich mit der Situation besser umgehen kann. Ich meine, Paul hat sich nicht gemeldet. Ich weiss nicht einmal, wie ich reagieren werde, wenn er sich meldet. Und er meldet sich bestimmt. Sich darüber den Kopf, das Herz?, zu zerbrechen nützt nichts. Als würde Paul in diesem unbekannten Niemandsland leben. Paul.

Am nächsten Tag, Montag, sieht das Leben wieder viel konkreter aus. Bedeckter Himmel, Hochnebel über Schaffhausen. Es ist Zeit nun aufzustehen, den Tag zu beginnen. Konkrete Handlungen. Einfach konkret. Der Tochter Frühstück gemacht, die Kinder verabschiedet. Allein. Sie selbst schafft es nicht zu frühstücken. Seit Jahren nimmt sie sich vor zu frühstücken. Etwas in den Magen, nicht nur Kaffee und Lungenbrot. Jeden Morgen das gleiche Versagen. Irgendwie sieht sie sich bestraft. In einer Buchkritik stand: Flucht vor sich selbst. Das brachte sie zu Rage. Aber warum? Ist es denn Flucht vor sich selbst? Soll dieser Text dazu dienen nicht vor sich selbst zu flüchten? Ist es überhaupt möglich mittels Schreiben die Karten offen zu legen? Etwas Fiktion? Die Wahrheit? Was ist Wahrheit? Jedenfalls soll es keine Flucht vor sich selbst sein. Press any key to continue. Diesen Satz hat sie von Connie Palmen übernommen. Ihr Buch hatte ihr letztes Jahr über die Runden geholfen. Es war ein Geschenk. Ein Geschenk von einem Menschen von dem sie am wenigsten dachte, er würde ihr etwas schenken, ein Buch zum Beispiel. Undankbar wie sie ist, von Geburt an, hat sie es ihm nicht einmal gesagt wie sehr er ins Schwarze getroffen hatte. Es ist Zeit den Anwalt anzurufen.

Zuerst ging sie duschen, sich anziehen. Dann räumte sie die Möbel in der Stube um. Ein Geschiebe, Getrage, Verschiebe, Gestosse. Den Tisch, es ging vor allem um einen Arbeitsplatz, den Tisch zog sie aus und platzierte ihn vor dem vorderen Fenster. So, jetzt kann gearbeitet werden. Rechtsanwalt Sale Tomovic nahm ab und wusste sogleich wer sie war. Eine Vollmacht muss her. Diese muss von einem Notar beglaubigt werden. Entweder in Serbien oder in der Schweiz. Entweder per Post oder per Mail. Es braucht einen Stempel. Ob sie doch nach Serbien käme... Warum eigentlich musste sie vorher zwei Gläser Weisswein trinken? Dazwischen das iPhone auf laut geschaltet – für den Fall, dass Paul anruft. Die Sache ist die, es handelt sich um Familie. Die Sache ist die, es handelt sich um ihren Vater. Die Sache ist die, es handelt sich um ihre Sippe. Sippe, was für ein blödes Wort. Das alles ist ein Teil dieses Matterhorns. Dieser riesige Berg. Das Erbe Vaters. Das materielle Erbe Vaters. Vater. Jetzt, wo der Tisch vor dem Fenster steht, stellt sie fest, dass gegenüber im Wohnblock eine Hexe lebt. Zebramuster-Oberteil, pinkige Haarspange, alt, schwarz gefärbtes Haar, an den Schläfen weiss. Haaransatz. Das ist also die ewig telefonierende Tschechin von nebenan.

Das iPhone läutet nicht. Knorr Quick Soup, nur etwas kleines Essen bevor sie zur Gewerkschaft muss. Die Unterlagen durchgesehen. Auflösung Gewerkschaft SYNA Kanton Schaffhausen. Streitigkeiten um das verbliebene Geld. Drohungen gar von der Hauptsektion Zürich. Das Ganze irgendwie verfahren. Sie selbst Präsidentin im kleinen Kanton  der Dachorganisation Travail.Suisse. Kaum je etwas Sinnvolles dafür getan. Oder doch? Die Politik, das Soziale des Kantons. Als Nachfolgerin gewählt in die Konsultativkommission für Wirtschaftsfragen. Ein Gruselkabinett. Ein Filz. Eine Parade sondergleichen. Es fehlt ihr an Dünkel. Die Knorr-Suppe wartet; Curry-Geschmack. Mindestens die 198 Etappe, Hürde, seit heute Morgen 6.45 Uhr. Die Suppe essen. Bereits 12.43 Uhr. Heute noch ein Eheschutzverfahren, dolmetschen auf Serbisch. Bereit sein für morgen. Gut angezogen für’s Kantonsgericht. Sie, Dolmetscherin für Menschen mit wenig Rechten. Wenn sie Rechte hätten, würde man nicht sie als Dolmetscherin nehmen. Scherz beiseite. Minukyn, ihr Sohn, oben in seinem Zimmer, Pubertätstestosteron - Schreie. Er ist am Gamen. Mittagspause. Zum Vater Mittagessen will er nicht. Sie fragt: Warum? Weiss nicht. Alles klar. Sie hat ihm etwas zubereitet. Käsetoast mit Fleischkäse, Salat dazu. Hat es ihm sogar rauf gebracht. Das Telefon läutet nicht. Sie bezweifelt, dass der Salat gegessen wird. Dieser, anscheinend, weniger Vitamine als ein in Wasser aufgelöstes Kleenex-Taschentuch. Sieht aber für’s Auge phänomenal aus. 12.51 Uhr. DiogenesVerlag, Echtzeitverlag zurückgeschrieben. 3 Absagen von Zürcher Kantonsschulen auf eine Bewerbung. 12.53. Wie gesagt: Montag; konkret. Kein Anruf. Und gestern noch, überlegte sie, ob sie den Schrank doch nehmen sollte/soll. Ein Bauernschrank, wunderbar bemalt, originell. 200 Fr. für den Transport. In Form von Brettern. Ob es viele Treppen zu ihrer Wohnung habe.... ein schöner Schrank. Ja, wirklich ein schöner Schrank. Sie könnte ihn ja vielleicht an die Spitze des Matterhorns stellen. So eine Art Installation? Mal etwas anderes. Dort oben hin- aufs Matterhorn, da könnte sie ebenfalls eine Fahne aufstellen, ein Banner: Mayday! S.O.S. Niemandsland! Von der Spitze des Eisbergs. 13.00; jetzt muss die Suppe gegessen werden. 13.08; definitiv. 13.13. Auch keine Mail. Press any key to continue. 43 Jahre alt. Ein unbedeutendes Alter. Eine Primzahl.

Vor dem Gericht die klassische Situation. Diesmal eine kleinere Tragödie. Beide jung, 26 Jahre alt. Beide aus Serbien. Aber doch nicht ganz. Sie, aufgewachsen in der Schweiz, der deutschen Sprache mächtig. Er, aufgewachsen in Serbien; als Fremdsprache Englisch. Keine Kinder. Von daher eine mittlere Tragödie. Sie stellt sich vor wie diese Beziehung mit einem/in einem immensen Enthusiasmus begann. Dieses verbindende Element der Kultur, der Muttersprache. Seine Chance aus diesem Serbien heraus zu kommen, in die Schweiz zu ziehen, hier zu arbeiten. Die glücklichen Eltern. Bei ihr, dass die gottseidank einen Serben gewählt hat und die Eltern dort, dass der Sohn eine Perspektive hat. Die Beziehung endet in Streit. Übermässiger Alkoholkonsum wird vorgeworfen, Streit und Drohungen. Sie weint. Er bewahrt Fassung; soll so aussehen, als würde er die Fassung bewahren. Er ohne Anwalt. Sie mit Anwalt. Irgendwie ist schon die Situation, dass er eine Dolmetscherin braucht abstufend in der Hierarchie. Sie ist in der stärkeren Position. Die böse Richterin, die Gerichtsschreiberin, die Assistentin. Sie sitzt als Dolmetscherin zwischen den zwei Seiten. Die Schwierigkeiten einer binationalen Ehe. Hier wäre es ja nicht der Fall, jedoch sind die Unterschiede beträchtlich grösser als das Paar, vielleicht, zu Anfang dachte. Die Dolmetscherin kann sich vorstellen, dass es schwierig ist seinen Mann zu stehen. Eine Ausbildung, welche nichts zählt. Eine Muttersprache, welche nichts zählt. Eine integrierte und berufstätige Ehefrau. Attraktiv und selbstständig. Man könnte denken, dass Liebe bei weitem nicht ausreicht. Wohl deshalb der Alkohol. Auffallend war dieser billige schäbige Aktenkoffer ihres Anwalts. Knapp kamen er und die Dolmetscherin an der Befangenheit vorbei. In einer so kleinen Stadt scheinen Zufälle nicht zu existieren. Sie hatten vor vielen Jahren über Parship Kontakt.

Nach dem Gericht ging für Erwin sie Blumen kaufen. Ein breiter grosser Strauss mit roten Gerberas eingebettet im schmucken Grün und Weiss. Für sich selbst gönnte sie sich eine teure Gesichtscreme. Denn gerade neulich, im Schreckensort Umkleidekabine, in diesem kalten weissen Licht, sah sie ihre Haut wie Leder von Pfadfinderschuhen, welche durch ganze Brombeergebüsche gegangen sind. Abgenutzt, keine Schrammen oder Kratzer, sondern die Poren, diese Flecken, gerade unterhalb des Haaransatzes auf der Stirn.... Unreine, bleiche Haut. Das Haar trocken, filzig im Licht, ungeordnet als würde ein Kamm gar nichts nützen. Der BH knapp zu klein für die Brüste, welche auseinanderlaufen wie Gaumenzäpfchen und der  dicke Bauch, man nenne es Wams oder Ranzen, die fetten Oberarme. Hatte sie nicht einmal eine Taille? Von den Zähnen nicht zu sprechen; sie ist Raucherin. Es ist ihr immer ein Rätsel, warum der Kunde trotzdem einkauft, obwohl diese Umkleidekabinen Gruselkabinette sind. Oder wird gerade deswegen gekauft? Je niedergeschlagener oder gar angeekelter, desto mehr Konsum? Sie ist bestimmt die einzige, welche dermassen schrecklich aussieht. Alle anderen sehen viel besser aus..... wie ist das eigentlich bei den grossen und teuren Kleidergeschäften? Sieht man da gleich vor dem Spiegel der Umkleidekabine aus? Es werden wohl eher Räume sein. Bei Channel oder Lagerfeld oder Joop oder ....  Paul hat nicht angerufen. Sie sollte ihm ein solches Umkleidekabinenphoto schicken.

Erwin tritt ins Lokal, in die Hopfenstube. Sie entwickelt den Strauss sogleich aus dem Seidenpapier, kniet vor Erwin nieder: Lieber, lieber, allerliebster Erwin. Hier sind Blumen für dich mit der inständigen Bitte: Bitte, bitte trink nicht mehr soviel! Trink vielleicht einen Drittel weniger! Liebster Erwin!

Erwin ist gerührt. Er sieht ihr ins Gesicht, dann auf die Blumen, dann wieder in ihre Augen. Bea beobachtet das ganze hinter der Bar. Sie holt eine Vase, stellt die Blumen hinein. Erwin setzt sich und sie trinken ein Bier zusammen. Erwin geht es nicht gut: Weisst du, es geht mir psychisch schlecht. Ich werde bald 80. Jetzt übertreib mal nicht, du bist erst 76. Bis 80 geht das noch eine halbe Ewigkeit.Erwin lacht. Es ist ihr bewusst, dass sie bei diesem Thema nicht mitreden kann. Wie könnte sie es wirklich emotional nachvollziehen?

 

In Bern. Auf dem Kornhausplatz spielt eine junge Frau Alphorn. Rathausgasse. Frisch. Keine Sonne. Der Enthusiasmus hält sich in Grenzen. Heute morgen an der PH, Pädagogische Hochschule. Sie war die Zweitälteste, hatte das Gebäude verfehlt, statt 2e, 2a Fabrikstrasse. Nach dem Seminar sank die Laune rapide. Welche Möglichkeiten standen ihr offen? Sind es Möglichkeiten oder sind es auch vor allem Willensfragen. Betreffend einiger Punkte. Sie schreibe es sich von der Seele. Wenn es eine Seele gibt, dann ist es vielleicht der Knoten, den sie seit einiger Zeit spürt unterhalb der linken Brust. Ganz spontan fällt ihr ein: Sie müsse das Haus aufräumen. Man hinterlässt als Verstorbene kein unaufgeräumtes Haus oder ein Chaos, das dann die anderen wegschaffen müssen, entsorgen. Das ist auch so, wenn man das Haus verlässt, vielleicht auf eine Reise geht. Dann räumt man auf. Denn man weiss nie. Früher war ihr der Gedanke unerträglich, dass jemand alle ihre privaten Sachen durchsehen könnte. Gott, wie peinlich! Heute ist ihr das egal. Es sollte kein Puff sein. Gut. Der eine Weg wäre das Haus aufzuräumen, den Hausarzt aufzusuchen, sich untersuchen zu lassen, Diagnose und dann zu sterben. Wer weiss. Vielleicht geht es schnell. Vielleicht geht es langsam. Zwei Kinder im Alter von 12 und 16 Jahren zurücklassen. Und das Problem Paul hätte sich dann auch aufgelöst. Vielleicht. Der andere Weg wäre aufzuräumen, mit dem Rauchen aufzuhören, Diagnose und sterben. Noch ein Weg wäre aufräumen, mit dem Rauchen aufzuhören, falscher Alarm, einen Job zu finden, von dem man leben kann und mit dem man leben kann. Ein anderer Weg wäre Paul riefe an und entschiede sich für eine Beziehung. Griessnockerl hat er ihr gekocht, erzählte ihr von Tito. Tito ein Tierfreund. Unser Drug Tito, Pauls und meiner, unser aller. Auf den Brijuni Inseln äsende Zebras, Antilopen und Mufflons. Die Elefantendame Lanka, ein Geschenk der indischen Premierministerin Indira Gandhi ja und Koki. Koki, der 60 Jahre alte australische Gelbhaubenkakadu. Koki krächzt Tito Titound hat einige gute kroatische Schimpfwörter drauf.

So oder so wird sie zum Arzt gehen müssen. S. B., der Seminarmensch, möchte ja auch ein Arztzeugnis von ihr. Sie hatte an den ersten zwei Sitzungen gefehlt. Der Hausarzt, der grumelige Dr. Herth ist im Urlaub. Welche Wege gibt es noch? Schwierig objektiv zu sein. Aus ihrer Sicht sind die 42 Jahre Leben eine einzige Katastrophe. Gut, nein, die zwei Kinder, sind Sonnen am Horizont, am hohen Himmel. Die Freundschaft zu Ve. Ja. Aber sonst. Eine Freundschaft, die hält. Geliebt zu werden als Mutter und als Mutter lieben zu können. Dringt etwas die Sonne durch den Berner Himmel? Die Kellnerin versteckt sich im Lokal hinter dem Zigarettenautomaten. Zerrüttete Beziehungen, unausgesprochene Ausgänge, gar... gerade in dieser Situation ein Anflug von Minderwertigkeit. Schon lange nicht mehr gefühlt. Hängt das mit der Umkleidekabine zusammen? Hängt das mit den Eltern zusammen? Warum kann man einer Krankheit, der Tod folgt ja danach, nicht gelassener entgegensehen? Warum, empfindet man seine Fehler dermassen schwerwiegend. Als schwerwiegend? Andere scheinen entspannter damit umzugehen. Oder sieht das nur so aus? Sind das diese verschiedenen Spiegel?

Sie ist seit über einem Jahr arbeitslos. Auf Stellen suche, heisst das korrekterweise, da Zwischenverdienst. Sie verliert Stück für Stück die Identifikation mit ihrem Beruf, den sie ausgeübt hat. Was ist das für ein Gefühlt? Wie geht es weiter? Ja, Gewerkschaftsarbeit, unentgeltliche Rechtsberatung, Dolmetschen in 3 Sprachen. Aber ihr Beruf als Lehrerin? Eine Zukunft als Schriftstellerin? Eine Arbeit musste her. Sie fühlt sich zunehmend ohnmächtig. Wie ist es dazu gekommen? Wie soll es weiter gehen? Ist Sterben doch eine Option? Wie angemerkt: Die Laune ist deutlich gesunken. Diese Stadt Bern weckt viele Erinnerungen. Gerne möchte sie diese alle aufrollen, nachvollziehen, begreifen und wieder durchleben. Etwas Klarheit schaffen. Gerne möchte sie jemanden kennenlernen, der sie versteht.

Unser Lied: Oh Partigano, porta mi via, che mi sento die morir. Tod dem Faschismus! Freiheit dem Volk! Keine Nachricht von Paul. 

Wird es mit dem viel weniger Rauchen so sein wie bei Stifter mit dem Essen?

Es ist nur schwer vorstellbar, dass Stifter, der Autor von Nachsommer, zwischen den Zeilen an Dinge denkt, wie: “Rindfleisch, gegack. Kitzl, gebratenes Huhn, Haselhuhn, Taube, Kalbsbraten, Schinken, saure Leber, Schweinsbraten, Sardinen“usw. Stifters exzessive Essanfälle, seine Kompensation der stets drohenden Armut. Sein Motivationssteigerer war das Hinauszögern des Essens oder gar die Verlängerung der Vorfreude auf dieses, ein Mittel, sich nach dem langen anstrengenden Schreiben zu belohnen. Das Schreiben ermöglichte es ihm, die Zeit zwischen den Malzeiten zu überbrücken, was sich auch in seinem Werk zeigt. Stifter ordnet die Tagesabläufe seiner Geschichten in Perioden zwischen Frühstück, Mittagessen und Abendessen. Die Mahlzeiten strukturieren diese. In einem weiten Rahmen ist eine solche Pathologie eine Erscheinung des 19.Jahrhunderts. Stifters Fresswut und deren ausführliche Dokumentation, sei das Resultat einer Angst, unter welcher die ganze Epoche leide. Es ist die Angst vor dem Vergehen der Dinge in einer Zeit des Umbruchs, einer Neuordnung der menschlichen Lebensweise, der Ablösung der Werte und dem Aufkommen der Industrialisierung. Globalisierung in ihrem frühesten Stadium. Altbekannte und sinngebende Ordnungsmuster verschieben sich und erhalten neue Stellenwerte.

In welcher Zeit lebt sie? Wie geht sie damit um? Was geschieht eigentlich?

Stifter soll sich Schritt für Schritt an den Tod heran gegessen haben. Nach Sebald, ein anderer kafkascher Hungerkünstler, ein anderer Umgang mit der immer enger einkreisenden Entfremdung, die mehr und mehr bedrohlicher wirkte mit der Entwicklung der Globalisierung oder der „sukzessiven Entfaltung des Weltgeistes" Es begegnen sich persönliches und kollektives Unglück.

Die Entfaltung des Weltgeistes? Wie sieht unser Weltgeist im Moment aus?

Vielleicht hängt Stifters Essverhalten mit dem frühen Tod seines Vaters und der finanziellen Not, die daraus folgte, zusammen. Die Fotos, Photographien Stifters zeigen „einen in zunehmendem Mass melancholischen und morosen Menschen, der sich, aller Wahrscheinlichkeit nach, emotional systematisch zugrunde gerichtet hat“.

Ihre Photographien aus den letzten Jahren. Entsetzt ist sie. Es sind vor allem die Augen, die zunehmende fleckige unreine Haut, aber vor allem diese Augen. Etwas hatte sie verloren, etwas, das einst da war, sichtbar und unsichtbar. Was war geschehen?

Stifter erhielt zeit seines Lebens nicht die Anerkennung, die ihm zugestanden wäre. Er soll kaum über sein Innenleben gesprochen haben. Selten hat er sich über sich selbst geäussert. Es scheint gar so, dass er sich über sich selbst nicht wirklich bewusst war. Er realisierte seine soziale und psychische Prägung nicht wirklich. „So wie ich in den Kreis der vornehmen Leute trete, wiederholt sich in mir regelmässig die Empfindung eines Schulknaben, wenn der Direktor, der Pfarrer oder der Bischof vor ihm steht.“ Er fühlte sich offenbar gehemmt in der öffentlichen Gesellschaft, und es gelang ihm nie, wirklich Fuss zu fassen in besseren Kreisen. Sich-Gehemmt-Fühlen- und Ausgeschlossen-Sein. War das einer der Gründe, weshalb sie es nicht schaffte Fuss zu fassen als Gymnasiallehrerin? Gerade auch die damalige Prüfungslektion, die Situation, der Druck, der Stress. In der Folge hatte sie Schlafmittel genommen und lag drei Tage im Bett. Das Kapitel, ein Zimmer, dessen Tür sie nicht öffnen will, kann, noch nicht.

Stifters Ernsthaftigkeit, das Triste, ergaben sich aus einer Isolation, vielleicht gar von ihm selbst auferlegten, welche sich in einem Schritt für Schritt vollziehenden Rückzug zeigte. Stifter, der den Ansprüchen der Gesellschaft nicht entsprechen konnte. Stifter eine Art Exilant; ein Heimatloser. „Seit jeher stimmte etwas nicht“ und das zeigt sich an einer kleinen Bruchstelle, die den Blick auf eine Welt zeigt, welche mit noch so viel Fleiss und Bemühung und Verdrängung, nicht wettzumachen war; nicht zu verdecken war.

Porto
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40.  Porto

Ein regnerischer Freitag. Die Stimmung schlecht. Minykins Freundin ist da. Die Kinder bereiten sich etwas zum Essen zu. Leichter Kater. Die letzte Kapsel Kaffee. Das Toiletten-Papier geht aus. Ein Inteview mit Adriana Altaras gesehen. Sie bewundert sie. Ja, Altaras hat eine kraftvolle Ausstrahlung, strahlt Sympathie aus und leistet enorm viel im Kulturbereich. Paul schenkte ihr Altaras Buch Titos Brille. Sie schenkte ihm Conny Palmens Du sagst es. Er schenkte ihr Navid Kermani Entlang den Gräben. Eine Reise durch das östliche Europa bis nach Isfahan. Sie schenkte ihm W.G.Sebald Austerlitz. Der Kater kommt vom gestrigen Abend. Sie ärgert sich über sich selbst. Was für eine langweilige Runde es gestern war. Sie wieder die Beraterin, spricht mit Rolf über seine bevorstehende Knieoperation. Als Paul und sie in der Kerze waren, sagte er: Ah, ich sehe, du bist hier so eine Art Sozialarbeiterin. Sie war verdutzt. Aber Recht hat er. Zu Palmens Du sagst es, meinte er: Es brennt ja alles. Es brennt ja von Anfang an.

 

Erkältungskapseln. Eukalyptusöl. Die Rückenschmerzen unerträglich. Sie versucht sie ständig zu ignorieren. Heute eine Einladung zu einem Fest mit langweiligen Menschen. Alkohol. Bald wird sie duschen müssen, sich anziehen. Das Wetter unwirtlich. Man sollte sein Haus bei solch’ Wetter eigentlich gar nicht verlassen. Und wo ist Paul? Ist er schon in Kroatien? Scheint dort vielleicht die Sonne? Denkt er an sie? Eine tiefe Traurigkeit breitet sich aus.

Sie haben sich kurz vor Weihnachten kennengelernt. Eigentlich weiss sie das Datum gar nicht. Es muss eine Woche vor Heidis Geburtstag gewesen sein. Was für ein Orientierungspunkt. Weihnachten feierte sie mit ihrem Ex-Mann, mit T und den Kindern. Ihr Freund Haug hatte ihr den Floh ins Ohr gesetzt eine Gans zu braten! Er hatte ihr eine Gans ins Ohr gesetzt. Ein mühsames Unterfangen. T kam zu spät, die Gans wurde trocken. Die Familie knabberte etwas am Fleisch herum. Die Knösel waren verkocht, klebrig, haarig an der Oberfläche. Rotkraut mochte niemand. Es war ein langweiliges trauriges Weihnachten. T tat sich schwer ihre Schrift zu lesen. Sie hatte ihm eine schöne Karte dazugelegt zum Geschenk. Sie war verletzt, betüpft, es zog sich etwas in ihr zusammen und sie dachte sich: Kann er denn nicht endlich aufhören sie immer kleiner machen zu wollen? Sie immer als lächerlich darstellen zu wollen? Sie immer nach unten zu drücken? T, er, merkt es womöglich gar nicht. Und Vee sagte gestern: Warum lässt du dir das gefallen?Warum sie sich das gefallen lässt.... Instinkt, Intuition? Sonst würde es nur noch schlimmer werden. Baustelle Nummer 1. Über Weihnachten hörte sie andauernd Oliver Dragojevic. Es war als würde etwas mediterane adriatische Sonne scheinen. Olivers zarte Gesichtszüge, so zart wie Pauls. 15.März, 15.46. Regen, Wind.

Wohin sie blickt, sieht sie Diskriminierung und Rassismus. Sie kann es nicht vermeiden. Sie ist wie ein Seismograph. Gestern, vor dem Gericht, das Lachen der Richterin. Wie sie gelacht hat. Man braucht ja einen Feldstecher um zur Instanz zu sehen, um zu erkennen, wer dort sitzt als wäre man beim Nasen -Ohren Spezialisten, führe ein Eingangsgespräch. Diesmal sind wir in Afrika. Gesuch Änderung Scheidungsurteil. Ein Einigungsverfahren. Der Beklagten Anwalt ein Schäferhund. 280 CHF die Stunde. Kläger ohne Anwalt. Es wird abgebrochen wegen der so genannten Passivlegitimation. Was für ein Wort! Sie nimmt mal an, dass sie eine Aktivlegitimation hat diese Story hier zu schreiben. Rechtlich alles korrekt, nur wie die Richterin gelacht hat. Dieses Hexenfrauenlachen. Creepy. In der Nacht wacht sie auf und sieht das Gericht vor sich. Kurz flackert es auf und löst sich auf wie eine beschädigte dahin rottende Fotographie. Jetzt Finnischer Tango. 16.22.

17.März, 20.21. Badewanne und Lavabo geschruppt. Für die Kinder gekocht. Sonntagabend. Morgen wird sie bei Erwin eine Malstunde nehmen. Aufräumen war doch ein Thema. Es ist zu schmerzhaft aufzuräumen. Alles Spuren, die ihr Herz beschweren, der Schatten der Vergänglichkeit auf allen Dingen, wohl doch vieles wirklich weggeworfen werden sollte. Auch verschenkt oder weiter gegeben werden. Aber es geht ein Schmerz von den Sachen aus. Eine Trauer, die von den Dingen stumm gesendet wird? Ist es nur eine Spiegelung ihrer selbst? Es ist Reue und Verlust. Ja, sie ist auch eine Nostalgikerin, nicht nur ein Messi. Sie meidet die Konfrontation.

 Zu diesem Fuss - Fassen - in - der – Gesellschaft: Sie fühlt wie Adriana Altaras, eine grosse Sympathie und Verbindung zu den Gastarbeitern. Zu diesen Menschen fühlt sie sich hingezogen. Eine Romantikerin? Paul selbst bezeichnete sich scherzhaft als Gastarbeiter.

Artikel über die Trainerhose.

 TV arte. Demonstrationen in Serbien. Anschlag, nein, Mord an Muslime in Neuseeland. Mays Brexit-Problem erscheint im Vergleich irrelevant. 8 Jahre Syrienkrieg. Es freut sie, dass die Serben demonstrieren. Und dann die Sendung über Kroatien. So als wäre sie Paul näher. Skype ist jedenfalls installiert. Dito. Keine Mails. Auch dito. Beim Kochen kam ihr der Gedanke, dass Paul vielleicht Suizid gefährdet ist. Sie fragte sich, ob er sein Ableben schon einmal geplant hatte. Kleine Unwetterblitze durch ihren Kopf. Ein Löffel Kokos-Fett in die Pfanne. Wäre es möglich, dass Paul nicht wirklich weiterleben will? Nur wusste sie nicht wie sie auf diesen Gedanken, eher auf dieses Gefühl kam. Revue passieren lassen. Sie sieht ihn vor sich und sie weiss, sie hat es gesehen, dass er zurückhält. Zurückhält und dass sie, nicht die Person ist, welche auf diesen kalten blauen Ball in seiner Brust losgeht. Wer ist sie denn schon, dass sie eine solche Grenze überschreiten dürfte? Konfrontation ist nicht ihre Stärke. Immer noch nicht. Sie sieht Paul am Hafen sitzen.

Kleenex
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41.  Kleenex

Seine Zuneigung und sein Interesse hatten sie aber aufgewertet. Sie erhöht, das, was sie jetzt am dringendsten bräuchte in ihrer Situation. In einem hintersten Winkel in ihr, war sie wütend auf ihn, weil er, dass er, ihr diese Illusion nicht bot. Dass er sich der Projektionsfläche entzog. Wir sprechen hier also nicht von Liebe. Wir sprechen womöglich von Forderungen von ihrer Seite an ihn. Forderungen, die Erwartung der Schafpelz, die nicht erfüllt werden. Ein einziger Kuschmar. Zwischen Erkenntnis, Selbstmitleid und Depression. Womöglich beginnt hier genau die Liebe. Die Liebe zum Beispiel zu sich selbst. Jetzt ins Bett zu gehen, sich hinlegen, Netflix einzugeben, Star Trek Next Generation, kurz darauf geht die Schlafzimmertüre auf, der Kater Tigi springt aufs Bett. Einschlafen. Keine Nachricht aus dem Niemandsland Paul.

Vielleicht findet sie ja noch einen gewissen Spass daran, dass im Niemandsland der Strom ausgefallen ist. Paul föhnt sich die Haare sowieso nicht. Oder doch?

Die Servietten.
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41.1.  Kleenex – Hier gewünschten Monat eingeben. .

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Aufstehen. E-Mails checken. Nichts. Aufräumen.

Angefangen zu schreiben. Alles gelöscht. Problem Programm. Grauenhaft. Arte Kadare am hören, Steinbecks USA. Aufräumen. Grauenhaft, was sich alles ansammelt. Nerf- Patronen, Badeenten, kleine Kindersöckchen, Haarspangen, Stifte, Bleistifte, Malstifte, Leuchtstifte, Hustenbonbons bis 2020, Bücher, welche gelesen und alt, nicht gelesen und alt, Ordner gefüllt mit gehaltenen Unterrichtslektionen, Stoff aus dem sie ein Kleid nähen wollte, 20 kroatische Kuna. Denkt wieder an Paul. Eine Zaine voller Socken, ihre selbstgemalten Bilder; kein Platz zum Aufhängen, Zeichnungsmappen, ein Mohnkalender aus 2014, Kinderkleider. Wie sich davon trennen? Wie trennt man sich? Lange Zeit hatte sie auf ein drittes Kind gehofft. Das stand auch zwischen ihr und Peter. Auch Minykin und Alma fragten sie danach. Damals. Gerne hätte sie noch ein Kind bekommen. An welcher Gabelung war sie falsch abgebogen? Staub, viel Staub und Spinnenwaben, Spinnenhupen. Einfach nur grauenhaft. Draussen scheint die Sonne. Samstagvormittag.

Fördert Putzen Schreiben?

Bzw. fragt man sie in letzter Zeit öfter: Arbeitest du? Hast du gearbeitet heute?

Ohne Arbeit ist man niemand, Männer tun sich noch schwerer damit. Ihre Rolle als Hausfrau? Ordnung oder Unordnung wird dazu benutzt den Charakter zu deuten. Gar ein psychologisches Profil zu erstellen. Das zieht sich wiederum zur Erziehung. Die Kinder und die Mutterrolle und, ob diese erfüllt wird oder nicht. Bzw. wie sie erfüllt werden sollte. Das Korsett der Gesellschaft sollte kein Orientierungspunkt sein. Das Fenster geputzt in der Küche. Auf den Knien die hartnäckigen Flecken geschruppt, den Leisten entlang geschruppt.
Durchblick= saubere Fenster->März.

Nimm ICH/ Sputnik- Schock
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42.  Nimm ICH/ Sputnik- Schock

Sehr geehrte Frau Marshmallow

Vielen Dank für Ihre Bewerbungsunterlagen und herzliche Gratulation zum Gewinn des Biography Awards 2019. Leider haben wir im Moment keine freie Stelle, melden uns aber gerne bei Ihnen, wenn wir eine Stellverteterin brauchen. Freundliche Grüsse

Guten Tag Frau Balkan

Rektor H-U R. hat mir Ihre Spontanbewerbung weitergeleitet. Gerne weise ich Sie auf unsere aktuelle Stellenausschreibung auf dem kantonalen Stellenportal für ca. 50% Deutschunterricht hin, auf die Sie sich spezifisch bewerben dürfen.

 Spontanbewerbungen werden bei uns üblicherweise in die Liste der potentiellen Anwärter/-innen für Stellvertretungen aufgenommen. Freundliche Grüsse

 

Sehr geehrte Frau Wer schon wieder?

Besten Dank für die Zustellung Ihrer Bewerbung und das damit bekundete Interesse an unserer Schule. Momentan haben wir keine Pensen zu vergeben, weshalb wir Ihre Bewerbung leider nicht berücksichtigen können. Wir publizieren unsere Stellenangebote jeweils im Stellenmarkt unter www.be.ch/">www.be.ch und empfehlen Ihnen, bei Interesse diese Seite zu einem späteren Zeitpunkt zu konsultieren.

Für Ihr Verständnis danken wir Ihnen und hoffen, dass Sie eine Ihren Vorstellungen entsprechenden Herausforderung finden werden. Dazu wünschen wir Ihnen viel Erfolg.

Guten Tag Frau Jugo

Vielen Dank für Ihre Bewerbung und Ihr Interesse, am Gymnasium und an der Fachmittelschule Neufeld das Fach Deutsch zu unterrichten. Momentan und in absehbarer Zeit sind an unserer Schule alle entsprechenden Stellen besetzt. Gerne bewahren wir Ihr Dossier jedoch bei uns auf, damit wir Ihre Anfrage bei einer Vakanz erneut prüfen können.

In der Zwischenzeit wünschen wir Ihnen alles Gute und viel Erfolg.

Freundliche Grüsse

Sehr geehrte Frau Rösti

Besten Dank für Ihre Bewerbung. Wir schreiben jeweils auf der Seite des Kantons Bern aus, wenn eine Stelle frei ist. Da dürfen Sie sich dann gerne bewerben.

 

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Wieder in Bern.

Der Sputnik Schock. PH Bern. Unterlagen PH.

Murmel-Diskussion.

Er rief erst am Montag an. Als es läutete, konnte sie nicht abnehmen. Sie rief zurück, er war gerade an der Tankstelle. Sie wartete, er rief an, müsse noch Enkelkind vom Kindergarten holen. Später dann rief er nochmals an. Sie machten in der Stadt ab. Montag. Das Hardereck war geschlossen. Schwierig am Montag, wie auch sonntags. Eine kleine Provinzstadt. Er kam ihr entgegen. Sie stand vor der St. Johan. Zum Glück rief gerade Erwin an. Sie sah ihn seitlich sich nähern. Sonnenbrille, Absätze, schwarzer Mantel. Kein Plan wie sie ihm begegnen soll, hob ihren Kopf zu ihm hoch, er bückte sich, wollte sie auf den Mund, sie konnte nicht, hielt die Wangen hin. Wir gehen in die Galerie, jedoch muss ich dich warnen. Die Galerie ist eine richtige Knelle. Die Galerie sah geschlossen aus. Das täuschte aber nur. Drinnen dunkel, Faschnachtsdekoration und verhangene Fenster.

Paul bestellte seinen Weisswein. Sie bekam ihr Tannenzäpfchen. Antje servierte an jenem Nachmittag. Es war hellichter Tag! Die Sonne schien draussen! Und sie beide, sie zwei Raben, sassen in der Galerie, in einer dunklen, verrauchten Kneipe. Schlager. Es fiel ihr etwas schwer in Pauls Augen, in seine Augen zu sehen. Da fragte er sie, ob sie denn Skype habe? Er würde sie anrufen sobald er in Kroatien wäre. Da sagte er, er käme zurück im Mai und hätte dann eine Wohnung von einem Freund, der in Asien wäre. Da fuhr er fort, er würde sie mitnehmen im Juli, Anfang Juli. Sie könnten zusammen nach Kroatien fahren und bis nach Serbien fahren. Er hörte ihr aufmerksam zu. Bestellte seinen Weisswein. Ging mehrmals auf die Toilette. Erzählte von seiner Erkältung. Sie konnte nicht aufstehen, an ihn treten, ihn küssen. Etwas Verhärtetes war in ihr. Viel Unsicherheit, Scheu. Ein Abschätzen der Situation, seiner Stimmung, seines Verhaltens ihr gegenüber. Tapfer führten sie Konversation. Murmelgespräche?

Verwirrt ging sie die Neustadtgasse hoch. Keinerlei Gefühl. Eine kleine Träne vom Wind, der Kälte. Wie im Kino: Jetzt sich umdrehen und zu ihm rennen und er würde sie in die Arme -die zwei Dinger rechts und links des RUMPFES-  nehmen, wie Fred Astaire Audrey Hepburn oder wie Gary Cooper Audrey Hepburn in die Arme nehmen und leidenschaftlich küssen. Es folgten Liebesbeteuerungen, Händedrücken, Küsse. Vesprechen!

Stattdessen Haberhaus, Stammtischrunde Montag. Erwin und Co. Sperber erzählt von den Rinderrassen und ihre Ausbreitung und Zucht in Europa. Emil, schon etwas dement, mag nicht zuhören, unterbricht Sperber mit flachen Spässen und zwinkert ihr zu. Erwin trinkt selig sein Bier, obwohl er gerade letzte Woche, beschlossen hatte nicht mehr zu trinken. Das war ja klar. Ihr Erwin.

Erst in der Nacht, vielleicht gegen 4/5 Uhr morgens rieselten langsam die Gefühle durch. Verwirrt war sie nach wie vor. Hat er es ernst gemeint? Hat er das ernst gemeint? Warum verbringen sie nicht eine Nacht zusammen bevor er abreist? Wegen der Kinder? Hat er es ernst gemeint? Was hat er gemeint? Sie hatte ein Murmelgespräch mit ihm geführt. Nach drei Wochen beinahe ohne Nachricht. Murmelgespräche, Skype installiert. Etwas Rollmops zusammen schlabbern? Hey!? ....evtl. dazu Grönemeyer? Oder doch: Lepa Brena? Die Fantastischen Vier? 


 

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