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Von Hedy Barothy Olympiababy 1936
Es werden nur Texte von über 10 Internet-Seiten publiziert.
Zurzeit sind 454 Biographien in Arbeit und davon 251 Biographien veröffentlicht.
Vollendete Autobiographien: 150
 
Hedy  Barothy
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Vorwort
1.
Eintritt in eine Geschwisterschar
2.
Die drei Gymnasiasten
3.
Die Uniformierten
4.
Arier zum Frühstück
5.
Die nervenden aber gütigen Brüder
6.
Der Volksempfänger
7.
Kellernächte und Kinderkrankheiten
8.
Alles Schlimme birgt auch Gutes in sich
9.
Normalität im Kinderheim
10.
Soldaten und Paraden
11.
Zur Abwechslung
12.
Einschulung 1942
13.
Im Schulbunker und vor dem Hitlerbild
14.
Der letzte Zoobesuch mit Onkel Erich
15.
Die Altstadt in Trümmern
16.
Schule mit totalen Veränderungen
17.
Das Naziregime greift nach unserer Familie
18.
Ein neuer Bruder
19.
Möbelschuppen und Miniwohnung
20.
Dorfschule, Tiefflieger und Telepathie
21.
Kondensstreifen, Fliegergebrumm und Lametta
22.
Zwei Englische Jagdbomber beschiessen Kinder
23.
Weihnachten 1944 und Radio Beromünster
24.
Telepathie und Gewissheit
25.
Invasion, Besetzung, Kapitulation
26.
Umzug nach Dorlar an die Lahn
27.
Im schönen Tal der Lahn
28.
Nachhilfe im Glashaus und jeher Abschied
29.
Ein sanfter Spätsommertag
30.
Ein Schatten seiner selbst
31.
Die Grossmutter kommt zur Konfirmation.
32.
Ostern 1946 kommt näher
33.
Das Schwabenland gefällt uns
34.
Ein unverhofftes Wiedersehen
35.
Glückliche Jahre am Neckarstrand
36.
Die Suchaktion und die Koreakrise
37.
Marshallplan und Währungsreform 1948
38.
Schlusswort
Meinen beiden Kindern, meinen vier Enkeln und meinem sieben Jahre jüngeren Bruder, der von den letzten Kriegsjahren seines Lebens nichts mitbekommen hat.
Vorwort
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  Vorwort

Als die Winterolympiade 1936 in Garmisch-Partenkirchen abgehalten wurde, bin ich als viertes Kind meiner Eltern in Frankfurt am Main zur Welt gekommen. Von Beginn an spürte ich den starken Zusammenhalt in der Familie. Ich fühlte mich wohl im Kreise meiner drei älteren Geschwister. Was ich aber auch spürte, war, dass sich die Umwelt veränderte. Kaum hatte ich meinen älteren Bruder Hans-Martin und meinen Onkel Erich in mein Kinderherz geschlossen,  heisst es auch schon, von Beiden für immer Abschied nehmen. Sie kamen nicht mehr aus dem Krieg zurück. Das Abschiednehmen prägte meine junge Kindheit: Abschiednehmen von der Frankfurter Schule, von Schulkameradinnen, von Freunden meiner älteren Geschwister, ja selbst von der ersten Gymnastikgruppe. Von lieb gewonnenen Klavierstunden bei meiner Mutter, kurz, von allen gesellschaftlichen und kulturellen Ereignissen. Alles Verlorene prägte sich tief in mein Gedächtnis ein. In Gesprächen über die Kriegsjahre bis 1945 mit meiner neun Jahre älteren Schwester Ingeborg, bestätigte sie mir, dass meine Eindrücke und Empfindungen richtig seien. Dabei erklärte sie mir Zusammenhänge, sodass mir im Laufe der Jahre vieles verständlicher und plausibler wurde. Wie ein Vexierbild aus meinen damaligen Malheften, die sich durch sanfte Bleistiftstriche langsam entwickelten, schälten sich die Bilder der Kriegsjahre heraus und wurden oft Gegenstand von Erklärungsbedarf durch meine Eltern oder der älteren Schwester. Angeregt durch die Fragen meines sieben Jahre jüngeren Bruders Erich, der in Melbourne lebt und meines Enkels Marco, wie für mich der zweite Weltkrieg gewesen sei, fing ich an, darüber nachzudenken und beschloss, beiden zu berichten...
























Eintritt in eine Geschwisterschar
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1.  Eintritt in eine Geschwisterschar
Meine neun Jahre ältere Schwester Ingeborg gratulierte mir oft zu meinen Geburtstagen so:
"Mein liebes Olympia-Baby, bleibe stets frisch, fromm, fröhlich und frei im Sinne von Turnvater Jahn."
Man schreibt Mittwoch 12. Februar 1936, als mich meine Mutter gesund in Frankfurt am Main auf die Welt bringt. Ich bin ihr viertes Kind und in Garmisch-Partenkirchen laufen seit dem 6. Februar 1936 die IV. Olympischen Winterspiele auf Hochtouren. Die Nationalsozialisten, seit 1933 am Regieren, investieren alles, womit sie der ganzen Welt ein weltoffenes, erfolgreiches Regime präsentieren können. Dabei dient ihnen die Winter-olympiade als Probelauf für die im Juni 1936 in Berlin stattfindenden Sommerspiele. Bei der Besichtigung der neuen Schwester im Krankenhaus sagt mein zehn Jahre älterer Bruder Hans-Martin: "Die hat ja Finger wie Mehlwürmer". Und Bruder Werner, sechs Jahre älter als ich, meint: "Die bekommt keinen Mann, weil sie keine Haare hat." Die "Mehlwurmfinger" habe ich immer noch, dafür einen prächtigen Haarwuchs und obendrein seit 1961 einen gütigen Ehemann.
Ich bin in eine lebhafte Geschwisterschar hineingeboren. Lebhaft erinnere ich mich an weit zurückliegende Ereignisse, weil man sie in der Familie immer mal wieder erzählte. Nicht zuletzt auch wegen der vielen Fotos, die unser Vater von uns knipste. Sie füllen einige Alben und die Diapositive einige Bleikassetten. Als Ingeborg eines Tages die Rechnung des Krankenhauses auf dem Schreibtisch meines Vaters sieht, ruft sie erstaunt; "Was, soviel kostet das neue Baby; dafür hätte Pappi drei tolle Tretroller kaufen können." Ihr Gemüt beruhigt sie bald, denn kurze Zeit später können die drei mit ihren neuen Tretrollern im Palmengarten herumfahren.
Die drei Gymnasiasten
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2.  Die drei Gymnasiasten
Die Episoden um meine kleine Person halten sich hartnäckig. Ich bin ein Wassermann und bewundere kreative Ideen, respektive Äusserungen meiner älteren Geschwister bis heute. Zeugen sie doch von Anerkennung und Liebe. Sie zeigen mir schon früh, dass sie mich wahrnehmen, ernst nehmen und respektieren. Aber auch ich nehme sie wahr und beobachte sie. Als Vierjährige liege ich oft bäuchlings auf der breiten Holzplatte unter dem langen Kinderzimmertisch, an dem die drei Gymnasiasten ihre Hausaufgaben erledigen. An ihren Füssen, die in bunt gestrickten Pantoffeln stecken, lese ich ab, wer wirklich geistig arbeitet: Hans-Martin sitzt mit verschränkten Füssen da und wackelt mit seinen grossen Zehen, was bedeutet, dass er scharf nachdenkt. Ingeborgs Füsse hängen schlapp unter der Platte, auf der eine Menge flauschiger Steiff-Knopf-im-Ohr-Tiere hausen. Ein Zeichen dafür, dass sie eingenickt ist. Werners Füsse hingegen zappeln ununterbrochen beim lauten Rekapitulieren lateinischer Vokabeln, die ich bald nachplappere: "Qui, quae, quod, cuis, quem, quo." Worauf meine Eltern beschliessen, mich verfrüht einzuschulen... Worauf Ingeborg zu bedenken gibt: "Hedi hätte dadurch eine verkürzte Kindheit und wir brauchen ihren Puppenwagen unbedingt für den Transport der Karl May Bücher, die wir im Palmengarten lesen".
Der Palmengarten mit seinen 22 Hektaren liegt mitten in Frankfurt und nicht weit weg von unserer Wohnung. Er bietet mit seinen Gewächshäusern und Volieren, Ruderteichen und Spielwiesen für jeden etwas. Wir betrachten ihn als Erlebnisoase, Tummelplatz und sind bei Wind und Wetter nachmittags dort anzutreffen. Unter der Matratze des Puppenwagens liegen die Karl May Bücher, darauf sitzen meine Puppen viel zu hoch und purzeln häufig auf die Strasse, wenn die Bordkante zu wuchtig angefahren wird. Liebevoll sammeln die Brüder die Gepurzelten wieder ein und weiter geht es Richtung Ziel. An unseren Hälsen baumeln Brustbeutel mit Cellophanfenstern hinter denen die Jahreseintrittskarten einsehbar sind. Die Portiers kennen uns und winken uns durch. Bevor sich meine Geschwister in die Karl May Bücher vertiefen, deponieren sie mich vor der Konzertmuschel zum Nachmittagskonzert. Ich platziere meine Puppen links und rechts von mir auf die Stühle in der ersten Reihe. Ich ermahne sie, keinen "Mucks" zu machen und aufmerksam zuzuhören. Der Konzertmeister mit seiner schönen Violine schmunzelt mir freundlich zu und der Dirigent, ein etwas korpulenter Herr, gibt mir und meinen Puppenkindern das Programm bekannt. Meine ICH jedenfalls, weil ich nicht wahrnehme, dass neben meinen Puppen und auch hinter mir Leute sitzen.
Manchmal spielt das Orchester Sonaten von Robert Schumann, die auch meine Mutter auf dem Klavier zum Besten gibt. Einmal fragt mich der Dirigent, was sich meine Puppen wünschen. "Oh", frage ich zurück "kennen Sie Heinzelmännchens Wachparade?". Und schon hebt er den Taktstock, worauf das ganze Orchester den Puppenwunsch erfüllt. Ich merke nicht, dass sich unterdessen unsere Mutter neben meine Puppen gesetzt hat.
Die Uniformierten
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3.  Die Uniformierten
Nachdem das Orchester die Ouverture zu Mozarts Zauberflöte gespielt hat, fragt mich der Maestro, ob ich wüsste, wer das Glockenspiel spielte. Prompt antworte ich "dieser Papageno da hinten".
Nach Schluss des Konzertes unterhält sich der Dirigent mit Mammi, während ich die Puppen in den Wagen setze. Eine Dame und ein Herr betrachten sich meine Puppen ganz genau, was mich erstaunt. Es sind Schildkröt-Puppen: Inge, Hans, Bärbel, Strampelchen, ein Teddybär, eine skandinavische Puppe mit Lappenmütze, die unser Grossvater meiner Schwester von einer Reise mitbrachte, sowie ein Negerkind und ein eleganter Mandarin.
Sie warten bis meine Mutter das Gespräch mit dem Dirigenten beendet hat. Sie machen ihr klar, das es nicht angehe, ein kleines Mädchen mit Neger- und Chinesenpuppe ins Konzert zu schicken. Auch die anderen Puppen seien keine Arier und hätten in deutschen Konzerten nichts zu suchen. Mammi gibt keinen Kommentar ab und verabschiedet sich höflich von den beiden Uniformierten. Ich empöre mich und meine: "Die beiden sind musikalisch und waren ganz brav. Was meinte der Herr mit Arier". "Das ist eine schwierige Frage. Ich werde mir überlegen, wie ich sie dir beantworten kann", vertröstet Mammi mich.
Arier zum Frühstück
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4.  Arier zum Frühstück
Das tut sie dann beim Frühstück am nächsten Tag, "Nun", beginnt sie, "Arier sind zunächst einmal Menschen wie wir. Sie leben in Indien, auch in Asien, wie du hier auf der Atlaskarte sehen kannst. Aber sie leben auch hier in Skandinavien, wo dein Lappenmädchen herkommt und in Deutschland. Das Wort 'Arier' stammt aus der indischen Sprache, dem Sanskrit, Es bedeutet übersetzt 'Edler' im Sinne von hilfsbereit und barmherzig sein."
"Die Frau meinte, meine Puppen seien eben keine Arier", erinnere ich sie. "Das beruht auf einer Anordnung von Adolf Hitler. Er will, dass alle Menschen unter seiner Regierung Arier sind. Er drückt damit aus, dass keiner von einem anderen Volk abstammen darf. Hitler möchte damit die 'Arische Rasse in ganz Europa aufbauen'". "Aber", meine ich, "meine Puppen sind doch keine Menschen." "Das stimmt. Aber leider sind die Fabrikanten dieser schönen Puppen, jüdischer Abstammung. Sie dürfen diese Puppen nicht mehr fabrizieren. Sie mussten die Fabrik schliessen". "Da bin ich aber froh, dass Ingeborg und ich noch so schöne Schildkröt-Puppen haben" sage ich, rutsche vom Stuhl und sause ins Kinderzimmer. Als wir Hans-Martin von dieser Begegnung im Palmengarten erzählen, knurrt er: "Jetzt kontrollieren die Nazis schon die Kinderzimmer."
Wie ich aus Wikipedia erfahre, firmierte sich die Gesellschaft nach einem Brand neu unter der Bezeichnung 'Rheinische Gummi- und Celluloidfabrik'. Das Unternehmen wurde 1933 enteignet d.h. arisiert und ging in die I.G.Farben über.
Die nervenden aber gütigen Brüder
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5.  Die nervenden aber gütigen Brüder
Unser Vater fotografiert leidenschaftlich mit seiner Leica. Die Gäste-Toilette ist so eingerichtet, dass er die Aufnahmen selbst entwickeln und vergrössern kann. Für mich ist das eine geheimnisvolle Höhle, in der an Wäscheleinen nasse Filmrollen und nasse Fotos zum Trocknen hängen. Ich darf ihm helfen. Meine Aufgabe besteht darin, die verschiedenen Entwicklungsschalen zu beobachten und ihm zu melden, wenn ich Umrisse auf dem Fotopapier sehe und wen ich darauf erkenne. Wenn ich genug von dieser Arbeit habe, sage ich ihm, dass ich die Höhle verlassen will. Meistens muss ich etwas warten, bis er Licht machen kann.
Die Ergebnisse seiner Fotoarbeit haben die Kriegswirren in Alben und die Diapositive in Bleikassetten überlebt. Sie erinnern an unbeschwerte Jahre unserer Familie in Frankfurt am Main. Zunächst fühlen sie sich nur für mich so unbeschwert an. Immerhin verfüge ich über ein reichhaltiges Spielangebot. Ein mehrstöckiges Puppenhaus, in dem eine wohlhabende Familie wohnt, die ich neben meinen grossen Puppen gewissenhaft versorge, wobei mir meine Schwester hilft. Dann das Kasperletheater mit auf Stoff bunt gemalten Szenen zum Einhängen und einer Truppe holzköpfiger Schauspieler. Ein Spielzeugschrank mit interessanten Spielen, z.B. der Sandsteinbaukasten aus rotem Taunussandstein. Mit ihm bauen wir die schönsten Burgen und Dörfer. Hans-Martin spielt mir im Kasperletheater Grimmmärchen vor. Oder ein lustiges Stück aus dem Textbuch vom Kasper. Oft aber auch mit Bruder Werner ausgedachte Eigenproduktionen. Dann geht es ruppig zu. Das Krokodil beisst dem Kasper in die Hand, der Teufel feixt und führt mit seinem Klumpfuss einen wilden Tanz auf. Ich fürchte mich lauthals. Da erscheint das Gesicht von Hans-Martin in den Kulissen und beruhigt mich: "Du musst dich vor diesen Holzköpfen nicht fürchten".
Manchmal nerven mich meine Brüder. Besonders wenn sie die Märklin-Eisenbahnschienen von ihrem Zimmer in das Mädchenzimmer verlegen. Meistens tun sie das, wenn ich auf dem Sofa in Pappis Arbeitszimmer Mittagsschläfchen halten muss. Oft schlafe ich nur zum Schein. Ich höre das Rumpeln der Eisenbahnwagen, das Schnurren der Uhrwerklokomotiven. Flugs bin ich im Mädchenzimmer und sehe die Bescherung: Der Familienvater liegt im Backofen, die Bilder sind abgehängt, die kleinen Kinder stecken kopfüber in ihren Nachttöpfen. Das ganze Haus ist entmöbelt. Der lange, voll bepackte Güterzug schnurrt davon. Ein riesiges Durcheinander. Irgendwie, meinen die Brüder und die grosse Schwester, ist unser Vorgehen gerechtfertigt.Weil du
1. den Spielzeugschrank auspackst und nicht wieder einräumst. 
2. Mammis Patiencekarten mit Zuckerwasser an die Glastüren der Bücherschränke klebst, sodass der Schreiner alles auswechseln musste. 
3. Uns bei den Schulaufgaben beobachtest und nicht auf die Bäume klettern willst..
Ich gebe sofort alles zu und sie verzeihen mir. Aber ich beschwere mich auf das heftigste bei Mammi. "Ich verstehe leider nur Bahnhof. Du musst mit dieser Rasselbande selbst fertig werden".
Der Volksempfänger
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6.  Der Volksempfänger
Zu meinem Trost knipst mir Ingeborg den Volksempfänger auf Pappi`s Schreibtisch an. Dann höre ich
die dunkle Stimme der Zarah Leander. Sie singt "In der Nacht ist der Mensch nicht gern alleine" oder "Kann denn Liebe Sünde sein". Es sind Texte, die ich zwar nachsinge und heute noch weis. Aber sie
entsprechen nicht meinem Alter.  Besonders gefällt mir, wenn Pappi badet. Dann hocke ich vor dem
Badezimmer und geniesse sein Trällern: "Ich hab`s Fräulein Helen baden seh`n. oder  "In der Badewanne bin ich Kapitän" oder auch "Wer hat denn den Käse zum Bahnhof gerollt?" oder "Ich hab`s Fräulein Helen baden seh`n..."Weniger angenehm für mich ist das Dröhnen von Ansprachen der Regierungs-
männer. Ihre kreischenden und quakenden Stimmen verdüstern auch die Mienen meiner grossen Geschwister und zeichnen Sorgenfalten auf die Stirne meiner Eltern. Dann hole ich den Teddybär, setze ihn in meinen Lieblingssessel, drücke seine Bauchtaste und raune ihm in sein Plüschohr: "Brumme so laut du kannst, damit die da drin aufhören.
Es gibt nur eine Sorte Radioempfänger und das ist der "Volksempfänger" Er wurde von Otto Griessing bei der Firma Seibt in Berlin entwickelt und im August 1933 an der 10. Funkausstellung in Berlin vorgestellt.. Nur wenige Monate nach der Machtergreifung Hitlers kam er in alle deutsche Haushalte. Er steht fortan dem Reichspropagandaminister Joseph Goebbels zur Verbreitung flammender Reden und
Nationalsozialistischer Propaganda zur Verfügung. Sein Gehäuse, gestaltet von Walter Maria Kersting besteht aus Bakelit. Das gleiche Material  wie meine  grossen bunten Buchstaben, mit denen ich Wörter aus Bilderbüchern auf dem Fussboden auslege und sie nachlese. Bald kann ich schreiben. Ich beginne ein kleines Tagebuch zu führen, wie  meine grosse Schwester. Darin notiere ich in grosser ungelenker Schrift die zu uns kommenden Besucher: "Tante Maria mit der gepuderten Nase", "Heute ist Onkel Mark da. Lieber wären uns zwei Mark". "Omi ist mit grossem Hut und Droschke da"...
Etwas später beginnen die Luftangriffe auf Frankfurt am Main. Ich habe grosse Furcht, fange an, mich zu empören. So empöre ich mich darüber als man mir erklärt, dass es englische Piloten seien, die Bomben über unsere Stadt abwerfen. "Ja, kann man denen nicht sagen, sie sollen damit aufhören, weil unsere Omi auch englisch spricht." Statt zur Schule darf ich in die Turnstunde. gerade gegenüber von uns werden Gymnastikstunden für Kinder abgehalten. Das macht mit viel Spass. Leider dauert dieser Spass nicht all zulange an. Nach einigen Monaten wird die Turnhalle von Uniformierten beschlagnahmt und für die Kinder geschlossen. Vom vorderen Balkon unserer Wohnung beobachte ich, wie Lastwagen vorfahren und Matratzen ausladen. Das verstehe ich nicht, weil man mir erklärte, dass da Italiener einziehen würden, wo  meine Turnstunde war. Schon wieder muss ich mich empören und meine:
"Ich dachte Italiener seien Menschen und keine Matratzen." Mein grosser Bruder Hans-Martin knottert neben mir: "Die von den Nationalsozialisten propagierte Weltoffenheit verkehrt sich ins Gegenteil. Jetzt sind wir alle so offen, dass alle über uns herfallen können."
Kellernächte und Kinderkrankheiten
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7.  Kellernächte und Kinderkrankheiten
Die Bombenangriffe häufen sich. Nachts heulen die Sirenen. Hastig aus dem warmen Bett hüpfen und in die bereitgelegten Kleider schlüpfen, in den Keller hinunter sausen. Die Beleuchtung ist dürftig, weil strikte Verdunkelung geboten ist. Die Hausbewohner und unsere Mutter haben den Luftschutzkeller praktisch möbliert. Vier Doppelstockbetten, bequeme Sessel und Tische, sogar eine Spielecke für die Kinder. Teppiche aller Art wärmen den kalten Steinboden. Essen- und Wasservorräte, Verbandskästen, Gasmasken, warme Decken etc. lagern in den Obsthurten. Und auf einem Bücherregal, in dem sich Bücher für jeden Geschmack und Alter befinden, thront der mit Gleichstrom betriebene VOLKS-EMPFAENGER. Von ihm erhalten die Erwachsenen ausser unglaubwürdiger Propaganda kaum brauchbare Informationen. Aber ab und zu taucht mit schweren Stiefeln der 'Luftschutzwart' in der  Türe auf und zählt die anwesenden Personen. Es sind sicherlich 30  Hausbewohner anwesend, die auf Entwarnung warten. Meistens  sitze ich in der Spielecke, wo meine Schildkröt-Puppen ständiges Asyl haben. Es kracht über uns, es knattert über uns, es schlägt ein neben uns!
Nach einem solchen Angriff erkranke ich. Zunächst an einer Lebergelbsucht. Zu ihr gesellen sich Masern, Diphterie, ein schwacher Scharlachanfall, Keuchhusten, Mumpf und eine  Mittelohrenentzündung. Unser Hausarzt scheint ratlos. Von der  nahegelegenen Goethe Universität besucht mich ein Kinderarzt, verschreibt mir sehr gute Medikamente und empfiehlt Kalbfleisch mit gedämpften Gemüsen, Hühnersuppe und frisches Obst. Der gute Onkel Doktor besucht mich häufig, weil er selten einen fünfjährigen Patienten betreut, der alle Kinderkrankheiten gleichzeitig oder rasch hintereinander hat und obendrein auch im  Nachbarhaus wohnt. "Alles schön und gut und ein Glücksfall", meinte Mammi.
Die Lebensmittel sind streng rationiert. Jedes  Familienmitglied verfügt seit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 über Lebensmittelkarten mit Coupons, auf denen neben der Grammangabe auch das Produkt steht, welches man damit beim Lebensmittel-händler beziehen darf. "Dürfen ist ein frommer Wunsch", meint unser Pflichtjahrmädchen Ruth, "wenn es denn zur Verfügung stünde." Die gütige Ruth ist der Ersatz unserer  langjährigen Haushalthilfe Vera. Sie musste uns schweren Herzens  verlassen, weil sie bereits 25 Jahre alt ist und in die Fabrik vermittelt wurde. Die Nationalsozialisten führten bereits 1938 das "Pflichtjahr" ein. Es gilt für Frauen unter 25 Jahren und verpflichtet  sie zu einem Jahr Arbeit in der Land- und Hauswirtschaft.
Alles Schlimme birgt auch Gutes in sich
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8.  Alles Schlimme birgt auch Gutes in sich
Der Lebensmittelhändler an der Ecke, bei dem unsere Mutter Stammkundin ist, erscheint plötzlich mit einem Korb gefüllt mit bis dahin in Deutschland seltenen Gemüsesorten:
Avocado, Auberginen, Fenchel, Artischocken, Broccoli etc. Herr Fey ersucht meine Mutter um Rat, weil er  nicht weiss, wie man diese Gemüse putzt und kocht. Er weiss aber, dass wir eine "internationale Familie" sind. Meiner Mutter sind Fenchel und Avocado und alle anderen Sorten in seinem Korb bekannt. Entsprechende Rezepte finden sich im Kochbuch ihrer Grossmutter. Sie wählt mit Herrn Fey die einfachsten Rezeptvarianten aus, lässt die Seiten hektographieren und bringt sie in den Laden, wo sie für die Hausfrauen aufliegen. "Aber woher kommt denn das Gemüse so plötzlich?" fragt meine Schwester Ingeborg, die auch noch einige Sorten erkennt. "Die kommen direkt aus Italien. Die schickt uns der Mussolini. Der schickt auch Bauarbeiter für unsere Autobahnen. Der ist ein Freund unseres Führers. Der hat mit ihm einen Pakt geschlossen. Der darf den kürzesten Weg von Italien nach Deutschland nehmen. Alles kommt in plombierten Eisenbahnwagen durch die Schweiz gerollt hier an: Gemüse, Obst, Bauarbeiter und Juden. Alles wird auf dem Güterbahnhof ausgeladen. Die Juden sofort umgeladen und nach irgendwohin transportiert." rasselt Herr Fey seinen frostigen Kommentar in unserer Küche hinunter. Dank diesem Pakt werde ich schnell gesund.
Normalität im Kinderheim
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9.  Normalität im Kinderheim



Ich fühle mich zwar besser, bin aber unterernährt. Meine Eltern schicken mich zum Aufpäppeln für einige Wochen in ein Kinderheim nach Nassau bei Limburg an der Lahn. Unter starkem Heimweh leide ich, lebe einige Tage wie in Trance, erhole mich aber rasch, weil sich ein aufgeweckter charmanter Junge um mich kümmert. Er kennt alle gängigen Schlager und Gassenhauer, die auch ich aus dem Volksempfänger quellend, auswendig kann. Er setzt sich auch ans Klavier und klimpert die Melodien dazu. Erst viel später, als der Krieg schon lange vorbei war, erfahre ich, dass der kleine Junge der Neffe eines damals berühmten Schlager- und Filmkomponisten war. Als ich vor ihm, richtig gut aufgepäppelt, gesund und munter das Kinderheim verlasse, raunt er mir ins Ohr "Du bist die Rosine im Kuchenteig meines Lebens, vergiss das nie...!"

Soldaten und Paraden
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10.  Soldaten und Paraden
Meine Mutter holt mich ab und wir fahren mit dem Zug durch das schöne Lahntal Richtung Frankfurt. Zunächst fällt mir nur auf, dass an den Haltebahnhöfen immer mehr Soldaten stehen. Auch sehe ich viele beschädigte Häuser, tiefe Löcher auf den Strassen. Auch unser Nachbarhaus ist stark beschädigt durch Sprengbomben. Meine Schwester Ingeborg steht zur Begrüssung in der Türe als Uniformierte. Sie muss in den "Bund deutscher Mädchen" (BDM) eintreten, wenn sie auf dem Gymnasium bleiben möchte. Meinem Bruder Hans-Martin geht es nicht beser. Er präsentiert sich mir als "Hitlerjunge" (HJ) und trägt ebenfalls eine Uniform. Beide sind auf dem Weg zu ihren zweimal wöchentlichen "Gruppenübungen". Begeistert scheinen sie mir nicht zu sein. Hans-Martin beruhigt mich und erzählt, dass er sein Reitpferd in einem Pensionstall trainiert, weil er an einem Turnier teilnehmen wird. Die beiden sind richtig erwachsen geworden, denke ich. In den letzten Sommerwochen wandert die ganze Familie an den Wochenenden im Taunus. "Damit wir alle wieder frische Luft atmen", erklärt Pappi. In der Tat empfinden wir alle die Atmosphäre und die Luft in Frankfurt bedrohlich. Fahren wir mit der Strassenbahn, buchstabiere ich von über die Strasse gespannten Schriftbändern: "Kanonen statt Butter", " Räder müssen rollen für den Sieg" und was ich nicht verstehe, auf Schaufenstern getünscht "Juden raus". Immer öfters sehe ich vom Balkon die langen Paraden in schwarzen hohen Stiefeln steckender Beine vorbei-marschierender SS- und SA-Leute. Ihr Ziel ist die nahe gelegene Festhalle. Dieses ordentliche steife Marschieren behagt mir nicht. Ich muss mich wieder empören und fülle meine Hände mit Sand, werfe ihn durch die Gitter des Balkons in ihre Richtung. Ich hoffe, diese Männer durcheinander bringen zu können, wenn die Sandkörner in ihre Gesichter fliegen. Er stammt aus einer Holzkiste mit obligatorischem Löschsand, weil immer öfters Brandbomben einschlagen. Der Sand ist mir willkommen. Ich backe schöne Kuchen damit und verziere sie mit abgefallenen Blüten und Blättern.
Zur Abwechslung
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11.  Zur Abwechslung
Meine Patentante Hedwig ladet mich ins Kaffehaus Rumpelmeyer ein. "Zur Abwechslung", betont sie. Der Kellner bringt mir einen hohen Becher mit bunten Eiskugeln, auf denen eine lustige, bunte Figur steckt. Es ist die Mickymaus, kreiert 1928 von Walt Disney für "Steamboat Willy", einen der ersten vertonten Zeichentrickfilme. Diese Mickymaus ist ein Geschenk aus Amerika für mich, geschickt von Emy, der Schwester meiner Tante. Hedwig gab heimlich dem  Kellner die Figur, weil Mickymaus als "Nicht Arier" unwillkommen ist.
Auf dem Heimweg besuchen wir an der Hauptwache meinen Vater in seinem Büro. Ich war schon öfters bei ihm, aber dieses Mal hat er keine Zeit für uns. Zum Trost darf ich mit dem Portier Paternoster fahren und Tante Hedwig schlägt vor, ins Goethehaus zu spazieren. Das liebe ich sehr. Goethes Papiertheater auf dem Dachboden seines Geburtshauses  zieht mich magisch an. Oft hocke ich aber auch im Loch des Stammes der dicken Buche im Garten hinter seinem Haus. Sie ist übrigens neben der Musikmuschel im Palmengarten der zweite feste Warteplatz. Im "Buchenloch" hockend stelle ich mir vor, wie der junge Johann Wolfgang dichtet. "Was ich nicht weiss, macht mir nicht heiss" oder "Ein Hündlein wird gesucht das weder knurrt noch beisst, zerbrochene Gläser frisst und Diamanten sch....". Konnte er sich das alles behalten oder hat er das aufgeschrieben? Die Sensationen bilden "Hänsel und Gretel" im schönen Opernhaus (heute Alte Oper). Mammi spielt mir auf dem Klavier die wichtigsten Szenen vor und wir beide singen das hübsche Lied von den 14 Engeln. Grossen Eindruck macht mir auch "Dornröschen", der Ballettnachmittag für Kinder. Zu beiden Vorstellungen trage ich ein hübsches Samtkleid mit weissem Spitzenkragen. Genäht hat es die Hausschneiderin aus dem Rückenteil eines Abendkleides meiner Mutter. Kurz, es wird alles unternommen, mich aufzuheitern und von den Schrecken der Bomben-nächte abzulenken.
Einschulung 1942
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12.  Einschulung 1942
Ostern 1942 erlebe ich den Schulbeginn in der Bonifatius-Volksschule unweit unserer Wohnung. Endlich.... Die Schultüte mit süssen Sachen drin war schnell aufgenascht. Der rote Lederranzen, den meine grosse Schwester Ingeborg schon in der Volksschule benutzte, beherbergt die Schiefertafel, den hölzernen Griffelkasten, ein Schwammdöschen, und der Schwamm baumelt an einem Band ausserhalb des Ranzens. Um den Bauch trage ich eine ebenfalls rote Ledertasche. Darin ist das in Butterbrotpapier eingewickelte Butterbrot, eine kleine Stoffserviette, und ab und zu eine gelbe Rübe oder ein Apfel. Fräulein Breitenbach, unsere Lehrerin in der ersten Klasse, unterrichtet spannend. Zu fast jedem neuen Buchstaben gibt sie eine kleine Geschichte zum besten. Oft zitiert sie aus dem ABC der Tiere von Wilhelm Busch. Beim L tönt das so: "die Lerche in die Lüfte steigt, der Löwe brüllt, wenn er nicht schweigt."
Im Schulbunker und vor dem Hitlerbild
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13.  Im Schulbunker und vor dem Hitlerbild
Als es so richtig gemütlich in der Klasse ist, etwa in der zweiten Woche, ertönen die Alarmsirenen. Wir müssen alles stehen und liegen lassen und in den Schulkeller sausen. Wir bekommen klassenweise unsere Plätze zugeteilt und der Unterricht geht weiter. Nach einer Weile ertönen die Entwarnungssirenen. Der Rektor erscheint in der Türe und erklärt uns, dass das eine "Fliegerdeckungsübung" sei. Damit hätten wir alle den Auftrag, im Ernstfall uns so diszipliniert zu verhalten wie eben. "Ihr könnt jetzt wieder geordnet in eure Klassenzimmer zurück". Alle Kinder sind verängstigt und wollen nach Hause. Stattdessen heisst es: Mit 'Heil Hitler' und ausgestrecktem Arm das Bild an der Wand zu grüssen, welches vor dem Probealarm nicht dort hing. Die Prozedur beginnt alphabetisch mit den Nachnamen. Mir schaudert, denn ich bin es gewohnt, dass man mir fremde Personen vorstellt bevor ich guten Tag sage. Also verhalte ich mich auch so und stehe stumm vor der grossen Fotografie. "Bitte Hedi, du bist dran", ermahnt mich Fräulein Breitenbach. "'Ich kenne diesen Onkel nicht, es tut mir leid" entgegne ich und gehe in meine Bank zurück. Damit beendet die Lehrerin die Uebung, erteilt uns Hausaufgaben und wünscht uns einen schönen Nachmittag. Für Mammi wird der Nachmittag unangenehm, weil sich Fräulein Breitenbach bei ihr über mich beschwert und meiner Mutter eine "falsche Gesinnung" vorwirft. Gottlob hatte ich Mammi - wie jeden Tag- ausführlich von der Schule erzählt. So auch von diesem. Ich sitze am langen Kinderzimmertisch und schreibe Zahlenreihen in die rot umränderten Häuschen der Schiefertafel. Da ruft mich Ruth, ich möge doch ins Wohnzimmer kommen. Als ich  Fräulein Breitenbach dort sitzen sehe, reiche ich ihr sofort die Hand, mache einen Knicks, so wie bei allen mir bekannten Besucher vor ihr. "Sie sehen ja selbst, dass Hedi so erzogen ist, wie sie sich eben benommen hat. Man kann ihr in diesem Fall sicherlich keinen Vorwurf machen, Vielleicht wäre es besser gewesen, man hätte den Kindern erklärt, wer der Herr auf dem Bild ist.
Die beiden Frauen unterhalten sich noch lange bei Kaffee und Kuchen, während ich mich verabschieden darf, um meine Hausaufgaben zu erledigen. Mammi kommt zu mir, umarmt mich und seufzt: "Das ist ja noch einmal gut gegangen. Wir leben eben leider in einer totalen Diktatur. Jetzt gilt es mit den Wölfen zu heulen. Damit verhindert man unangenehme Schwierigkeiten und schützt sich selbst und die anderen Familienmitglieder. Wenn du etwas hörst oder siehst, was du nicht verstehst, frage mich sofort. Abgemacht"?
 
Der letzte Zoobesuch mit Onkel Erich
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14.  Der letzte Zoobesuch mit Onkel Erich
Am nächsten Tag besucht uns Onkel Erich, der Bruder von  Mammi. Er ist ein liebenswerter Onkel mit dem ich oft im Zoo bin und den ich unbedingt heiraten will. Er hätte nichts dagegen, obwohl der Altersunterschied erheblich sei. Den meisten Kummer bereite ihm allerdings, dass ich so klein sei, keine Aussteuer hätte und nicht kochen könne, wo doch die Liebe durch den Magen gehe. Immerhin verspricht er mir, sofort in den Zoo zu fahren und bei den Orang Utans vorbeizuschauen."Zieh dir was Hübsches an. Wir fahren gleich los". Als ich fertig bin, spricht er immer noch mit Mammi und setzt mich kurzentschlossen auf den Bücherschrank in Pappis Arbeitszimmer. Durch die offen stehende Flügeltür sehe ich, dass er bekümmert ist. Trotz allem schnappt er mich an den Beinen, hebt mich vom Bücherschrank, nimmt mich in seine Arme, winkt seiner Schwester zu, rennt die Stufen hinunter, setzt mich in seinen offenen Sportwagen, sich selbst ans Steuer und saust in den Zoo. Wir spazieren zu den Orang Utans, die ich so gerne habe. Wir, besonders ich, sind glücklich. Dann gehen unvermittelt die Sirenen los, gerade beim Eindunkeln. "Das ist sicherlich so eine 'Fliegerdeckungsübung' wie in der Schule". "Nein, nein, das ist bitterer Ernst. Ich fahre dich sofort nach Hause". Da angekommen winkt schon Hans-Martin in der Haustüre. "Wir sind im Keller". Onkel Erich erreicht seine Wohnung heil. Der Angriff gilt den Höchstwerken im Westen der Stadt. Es ballert, kracht, knallt über uns. Als wir nach der Entwarnung in die Wohnung kommen, ist das feine chinesische Teeservice in der Esszimmervitrine zerborsten. "Es  hielt dem Luftdruck nicht stand" erklärt Hans-Martin mir. "Ich bin froh", meint Mammi, "dass wir es immer benutzt haben, so hat es seine Bestimmung erfüllt". Sie wischt die Scherben zusammen und auch ein paar Tränen, weil es ein Familienstück war, das schon ihre Grossmutter in Hanau aufdeckte.
Einige Tage später erklärt mir Mammi, dass Onkel Erich nun Soldat geworden sei und lange nicht mehr nach Frankfurt kommen werde. 1947 erfahren wir, dass er in Stalingrad gefallen ist. Der erste schmerzliche Abschied in meinem sechsjährigen Leben.
Die Altstadt in Trümmern
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15.  Die Altstadt in Trümmern
Mit intensiven Fliegerangriffen, der auch die Flak nicht Herr werden kann, wird Frankfurt systematisch zerbombt. Wir sitzen nur noch im Keller. Dort herrscht der Galgenhumor. Alle Hausbewohner unterhalten sich, lachen, spielen mit den Kindern. Wir lachen, essen was gerade da ist, schlafen und scheren uns nicht die Bohne um die vom Himmel fallenden Bomben. Auf einmal hebt sich der Kellerboden. Ich spüre es noch heute deutlich. Er senkt sich wieder. Dann gespenstige Stille. Plötzlich ein Hämmern. Die Nachbaren zerschlagen ein für Notfälle vorbereitetes Mauerteil in unsere Hauswand. Nach und nach klettern sie durch das Loch. Mit bleichen Gesichtern, zitternd und hilflos rufen sie: "Das ganze Haus ist eingestürzt und einige sind noch in ihren Wohnungen! Wir konnten uns durch die Kellerfenster und durch den Vorgarten zu euch retten." Der Luftschutzwart erscheint auf unserer Kellertreppe mit einem Trupp Helfern. Sie kümmern sich um die Verletzten und empfehlen allen RUHE BEWAHREN. Jemand kocht mit dem letzten Rest Wasser Tee.  
Es dämmert schon als die "Entwarnung" heult und wir vorsichtig durch das Treppenhaus in unsere Wohnungen schleichen. Alle sind bis ins Mark erschüttert. Als wir in unsere Wohnung kommen, ist keine Fensterscheibe mehr in ihren Rahmen. Nur die bleiverglasten bunten Jugendstilfenster im Badezimmer sind ganz geblieben ."Das ist der einzige Raum, in dem wir jetzt zu wohnen haben" ordnet Mammi an. Es ist kalt. Der Wind pfeift durch die Wohnung. Es wird immer kälter. Zum Aufwärmen steigen Hans-Martin mit Ingeborg und Werner, der gerade von der Schülerlandverschickung aus Zakopane zurückgekommen ist, zu den Mansarden hoch. Ich klettere hinter ihnen her. Wir trauen unseren Augen nicht. "Wir können ja den Dom sehen. das war früher nicht möglich!" Alles raucht, alles liegt unter uns in Trümmern, die ganze Altstadt kurz und klein zerbombt. Nur der Dom, aus rotem Taunussandstein erbaut, ragt aus dem enormen Trümmerfeld rotgolden hervor. "Wer hat das erlaubt?" frage ich. "Der, den du auf dem Bild in deiner Schule nicht grüssen wolltest" erwidert mir  Hans-Martin und Werner meint: "Ihr werdet sehen, es kommt noch viel schlimmer". "Wieso willst du das wissen", fragt Hans-Martin. "Ich habe auf der Rückreise von Zakopane schrecklich zugerichtete deutsche Soldaten auf "Heimaturlaub" gesehen. Ganze Züge voller Verletzter aus Russland kommend Richtung Deutschland. Oft hielt unser Zug stundenlang, damit die Sanitätszüge rasch in Deutschland sind. Aber das ist nicht das Ende. Das kommt noch." Werner rollte mit seinen grossen  blauen Augen, fällt uns in die Arme und weint.
Der Glaser kommt, aber ohne Fensterscheiben. Mit einer Art Cellophanpappe verglast er alle Fenster der grossen Wohnung notdürftig. Wenn ich heute nachzähle, müssten es acht normale doppelteilige Fenster, drei dreiteilige Balkontüren und die Flügeltüren gewesen sein. "Ihr bekommt soviel wie ihr braucht. Wenn ich Glas geliefert bekomme, setze ich euch einige Scheiben ein". Vorerst hält das Cellophan-Kunstfenster die Kälte ab. Licht darf man sowieso nicht anknipsen"fügt er verbittert, lakonisch hinzu.
Schule mit totalen Veränderungen
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16.  Schule mit totalen Veränderungen
Die Schule, auch aus Taunussandstein erbaut wie unser Haus, bleibt unbeschädigt. Der Unterricht geht unverdrossen weiter, wenn auch viele Stunden im Luftschutzkeller. Eines Tages sehe ich gelbe Sterne, den Davidstern, als Abzeichen an den Kleidern einiger Mitschüler. Auch in meiner Klasse. Der Schulhof ist plötzlich mit Drahtzäunen in drei Abteilungen eingerichtet:
Teil A für Deutsche Jungen und Mädchen Evangelischer Religion
Teil B für Deutsche Jungen und Mädchen Katholischer Religion und Ausländer
Teil C für Jungen und Mädchen mit einem Stern auf den Kleidern
Plötzlich ist meine Freundin Diana Lombardi, die ich aus der Turnstunde kenne, auf Teil B in der Pause. Das geht einige Zeit so und dann sehe ich keine Schüler mehr mit dem Davidstern. "Wo sind sie geblieben?" frage ich Diana auf dem Nachhauseweg. "Sie sind abgeholt worden mit ihren Eltern weil sie Juden sind. Auch der Arzt im Nachbarhaus, der dich geheilt hat. Ich verrate dir noch etwas. Wir sind Italiener, eigentlich verbündet mit Deutschland, aber wir fahren Morgen zurück nach Neapel. Bleib gesund und lebe wohl". Diana Lombardi, ihre Geschwister, die mit Hans-Martin, Werner und Ingeborg schon viel länger als ich befreundet waren, sehen wir nie mehr wieder.
Das Naziregime greift nach unserer Familie
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17.  Das Naziregime greift nach unserer Familie

Noch eine Person sehe ich nie mehr wieder. Es ist Erich, der Bruder meiner Mutter. Er meldete sich freiwillig in die Armee, weil er den Eltern seiner Verlobten keinen Ariernachweis vorlegen kann. Er kam sofort nach Russland an die Front und ist seitdem in Stalingrad verschollen. Auch die Schwester meiner Mutter, Tante Emy, verschwand aus unseren Blicken. Sie floh aus Deutschland mit ihrem Ehemann. Da sie Anglistik und Romanistik studierte, konnte sich das Ehepaar nach Portugal durchschlagen, wo Tante Emy für eine Zeitung tätig war. Ihr Ehemann, ein Mediziner, wanderte nach New York aus um sich eine neue Existenz aufzubauen. Sie wollten nur kurze Zeit getrennt sein. Meiner Tante gelang die Ueberfahrt nach USA nicht. Sie blieb verschollen bis 1953. Auch meine Mutter konnte keinen Ariernachweis erbringen, den Hans-Martin so dringend gebraucht hätte. Er konnte als Flakhelfer, wie alle seine Klassenkameraden vom Goethe Gymnasium, in der Kaserne Bad Schwalbach sein Abitur ablegen. Er wurde von den Lehrern nach Fürstenfeldbruck oder Oberhofen empfohlen wegen seiner vorbildlichen Charaktereigenschaften. Das brachte unsere Eltern in Verzweiflung. Sie konnten den Rektor des Gymnasiums nicht davon überzeugen, dass Hans-Martin lieber Geschichte oder Jurisprudenz studieren würde als Offizier zu werden. Sie versuchten damit, den Ariernachweis zu verhindern, was ihnen nicht gelingen konnte. Denn der Grossvater meiner Mutter, also mein Urgrossvater, war jüdischer Abstammung. Er heirate eine deutsche Christin, deren sieben Kinder, darunter der Vater meiner Mutter, waren in weiser Voraussicht getauft. Allerdings nach Aufassung der Nationalsozialisten immer noch "Juden". Sie machte keinen Unterschied zwischen nationaler und religiöser Zugehörigkeit. So kam es also zur Tragik. Hans-Martin, kaum hielt er das Abitur in seinen Händen, wurde mit knapp 19 Jahren nach Erfurt verlegt, mit der Panzerfaust bewaffnet an die Ostfront nach Debrecen geschickt, um mit den Ungaren gegen die Russen zu kämpfen. Mein geliebter Bruder kam vermutlich bei der Einkesselung Budapests durch die Russen Mitte Februar 1945 ums Leben. Er ist auch bis zum heutigen Tag verschollen.
Mein Vater, ein waschechter Berliner, arbeitet auf der Commerzbank in Frankfurt am Main. Er ist Chefbuchhalter und Kassier. Zunächst als untauglich eingestuft, weil er Brille trägt. Immer mehr seiner Kollegen werden eingezogen. So betreut Pappi auch die jüdischen Bankkunden, die nach Hinterlegung einer saftigen "Ausreisesteuer" Deutschland legal verlassen dürfen. Kaum war die letzte Transaktion vollzogen - ich komme gerade aus der Schule - finde ich meinen Vater mit aufgestütztem Kopf an seinem Schreibtisch sitzen zu einer sehr ungewohnten Tageszeit gegen 13 Uhr. Denn er isst wochentags nie mit uns zu Mittag. Dafür kommt er aber bereits um 17.30 Uhr nach Hause. Zwar mit einem Packen Akten, aber immerhin mit soviel Zeit, dass er mit uns zu Nacht isst, mit uns plaudert oder sogar ein Gesellschaftsspiel spielt. Erstaunt sage ich ihm guten Tag und gebe ihm einen Kuss, frage gleichzeitig ob er Grippe hätte. "Nein, das ist es nicht. Ich muss Soldat werden und übermorgen zur Musterung einrücken. Du musst jetzt ganz tapfer sein und immer machen was Mammi zu dir sagt. Du musst in der Schule aufpassen und lernen, damit du eines Tages auf eigenen Füssen stehen kannst. Und du musst auf deinen kleinen Bruder Erich aufpassen." Es war ein schmerzhafter Abschied. Bis er 1946 aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft zurückkehrt, ausgemergelt aber zuversichtlich.

Ein neuer Bruder
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18.  Ein neuer Bruder
Erich, unser neuer Bruder, erblickt an Mammis Geburtstag, 29. Oktober 1943, in Frankfurt am Main die Welt. Als ich ihn zum ersten Mal sehe, schliesse ich ihn sofort in mein Herz
und betrachte ihn als 'lebendige Puppe'. Alles was um ihn herum an Pflege geschieht,
nehme ich auf, übe es mit meinen Schildkröt-Puppen. Mammi kommt mit dem Baby bereits drei Tage nach der Entbindung auf eigene Verantwortung aus dem Krankenhaus. Sie erzählt uns später, dass sie im Wochenbett immer unruhiger wurde und den Gynäkologen um Entlassung bat, weil noch andere Kinder zu Hause seien. Ruth, unser gütiges Pflichtjahrmädchen, und Ingeborg, inzwischen 16 Jahre alt, betreuen das Baby und umsorgen Mammi. Gottlob ist Pappi noch zu Hause und erledigt Dinge für unsere Evakuierung und den Transport von Möbeln nach Brandoberndorf im Taunus. Eine Nacht nach der Entlassung unserer Mutter aus der Klinik, bombardieren Amerikaner und Engländer Frankfurt erneut. Dabei versinkt das Krankenhaus in Schutt und Asche. Die unruhige Vorahnung meiner Mutter bewahrheitet sich. Auch unser Haus bekommt zwei Sprengbomben ab, der Dachstuhl mit den Mansarden, wo unsere schönen Spielsachen in grossen Holzkisten aufbewahrt sind, ist völlig zerstört. Das Kasperltheater, die Märklineisenbahn, viele schöne Kinderbücher, die prächtige Kollektion unserer Fastnachtskostüme, das grosse Puppenhaus, der Kaufladen. Alles werde ich nie mehr wieder sehen. Dramatischer ist allerdings die schwere Lungenentzündung von Erich. Unser Baby bekommt nur feuchte, kalte und rauhige Luft zum Atmen. Ein neuer Arzt kam aus dem Universitätspital und brachte moderne Medizin mit. Allerdings nicht für Säuglinge. Er rechnet in unserem Badezimmer die Dosierung für Erich um und empfiehlt, Erich nicht hinzulegen sondern ihn 24 Stunden am Tag herumzutragen, Diese unermüdliche Arbeit verrichten alle in der Familie abwechselnd ausser mir.
Weihnachten 1943 begehn wir Ende November, weil Hans-Martin Urlaub hat und Pappi ins Militär muss. Das ist der einzige Zeitpunkt, zusammen Weihnachten zu feiern. Trotz allen Schwierigkeiten steht der  hohe Weihnachtsbaum im Esszimmer, reich geschmückt mit brennenden Kerzen bestückt. Ich sehe gespannt zu, wie Pappi mit einer langen Stange, an der eine brennende Kerze gesteckt ist, alle anderen Kerzen anzündet. "'Fidibus' nennt man das praktische Gerät", erklärt er mir. Ein unvergesslicher Eindruck. Erich, unser Bruderbaby, erholt sich langsam von der Lungenentzündung. Kurz nach unserem Weihnachtsfest kommt der evangelische Pfarrer, der auch die beiden Grossen konfimiert hatte, um Erich zu taufen. Im Beisein einiger Verwandter verwandelt sich das Esszimmer in eine Kapelle. Dann fängt die grosse Packerei an. Der Möbelwagen kommt, die Möbelträger schleppen alle mit roten Schildern bezeichneten Gegenstände samt Klavier durch das gewundene Treppenhaus. Bald präsentiert sich unser Zuhause mager, dürftig möbliert, alles schaut traurig aus, so wie wir. Mammi, Ingeborg, Werner, Erich Baby und ich besteigen den Zug. Es ist bitter kalt. Viele Soldaten, Verletzte und solche, die noch gesund sind, wimmeln auf den Bahnsteigen herum. Die Abfahrt verzögert sich. Erich hat Hunger. Sein Fläschchen ist eiskalt. Werner und ich steigen aus, laufen zur Lokomotive und wärmen das Milchfläschchen am Dampf der Lokomotive. Es klappt, Erich bekommt eine warme Mahlzeit. Ruckelnd und oft stehen bleibend erreichen wir mit Verspätung den kleinen Bahnhof von Brandoberndorf.
Möbelschuppen und Miniwohnung
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19.  Möbelschuppen und Miniwohnung
Niemand erwartet uns. Mammi fragt den Stationvorsteher nach dem Weg zu unserer neuen Adresse. Es ist nicht weit vom Bahnhof entfernt. Ein nett aussehendes Zweifamilienhaus mit Garten, es sieht hübsch aus. Die Besitzerin ist wenig entzückt, als sie uns sieht. Wir sind nur "Zwangseingewiesene vom Verband kinderreicher Familien" lässt sie uns spüren, und verkündet: "Heute könnt ihr nicht hier einziehen. Eure Möbel sind da drüben in der Scheune eingelagert. Hier ist der Scheunenschlüssel". Bumms ist die Haustüre zu. Müde und abgekämpft beisst Mammi in den sauren Apfel und meint: "Zum Glück sind die Möbel unter Dach. Wir werden sehen, wie wir schlafen können". Meine Schwester und ich schlafen auf dem grossen Esszimmertisch, auf den wir eine grosse Matratze hieven. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht hinunterfallen. Werner schläft hörbar auf zwei breiten aneinander gezogenen Polstersesseln. Mammi auf dem Sofa, auf dem ich so oft Mittagsschläfchen halten musste. Bettdecken aus der riesigen Kiste sind rasch verteilt und der restliche Proviant ebenso rasch aufgefuttert. Ueber der Scheune wohnt eine Frau, die sich um uns liebevoll kümmert und Erich das Milchfläschchen heiss runter bringt. Sie ist gebürtige Polin, kennt das Kriegselend und hilft wo sie kann.
Am nächsten Tag kommen Pappi mit Ruth aus Frankfurt nach. Ruth, Inge und Mammi gehen zu Frau Schön, der unhöflichen Vermieterin vom Vorabend. Sie ist immer noch schlecht gelaunt und verweigert die Besichtigung der Wohnung. Pappi begrüsst Frau Schön sehr höflich. Er zeigt ihr die von ihrem Mann unterschriebene Bestätigung der „Evakuations-behörde“. Sofort gibt sie  uns die Hausschlüssel und führt uns in den ersten  Stock. Hier befindet sich die Wohnküche, gegenüber das Badezimmer und eine Treppe höher drei kleine Mansarden und der Dachstuhl. „Wunderbar* bedankte sich Pappi. Frau Schön  poltert die Treppen hinunter. Pappi ermahnt mich:“ Du musst zu ihr besonders  höflich sein“ und zu Werner gerichtet: „Wenn du ihr irgendwie spontan behilflich sein kannst, dann tu es bitte“. Mammi, Ruth und Inge beraten, wie man mit so vielen Möbeln, die im Schuppen lagern, hier einziehen soll!
Am dritten Tag, als wir noch zwei Nächte auf dem Esszimmertisch im Schuppen schlafen müssen, ist alles klar. „Wir nehmen nur die Betten und die kleinsten Möbel mit, sowie drei Schränke für Kleider. Lange wird das ja hoffentlich nicht unsere Wohnung bleiben.“ Trösten sich die drei. "Und was wir vermissen, holen wir uns nach und nach“, ergänzt Werner.  Pappi reist ab und kommt erst nach dem Krieg im Juni 1946 wieder. 
Dorfschule, Tiefflieger und Telepathie
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20.  Dorfschule, Tiefflieger und Telepathie
Ingeborg und Werner fahren täglich mit dem Bummelzug nach Wetzlar ins Gymnasium. Mammi, Ruth, Erich und ich sind tagsüber alleine. Die Dorfschule befindet sich auf einem Hügel. Es ist ein recht kleines Gebäude mit einem Uhrenturm auf dem Dach. Ich steige die knarrende Holztreppe hinauf, klopfe an die Türe und warte. Barsch fährt mich eine Stimme an: "Kannst du nicht pünktlich sein"? "Ich heisse Hedi Jübner, guten Morgen. Wir sind vorgestern aus Frankfurt hier angekommen und wohnen bei Herrn und Frau Schön". "Ein Platz ist in der dritten Bank am Fenster". Wie der Lehrer heisst, weiss ich noch nicht.- Thema des Aufsatzes ist: Was tue ich zu Hause? Endlich sagt er mir, dass er Herr Schüler heisse und verteilt Hefte und Bleistifte, in das der Aufsatz und alle folgenden geschrieben werden müssen. Erst am Schluss dieses Schultages merke ich, dass die Schüler mehrere Klassen bilden. Es gibt Kleine, die 1.Klässler, dann ganz grosse, wie Werner und mittlere wie ich, also die 2. und 3. Klässler. Den Unterricht finde ich spannend, weil ich zuhöre, was die Grossen gerade durchnehmen.
Statt Turnstunde erhalten wir auf der grünen Wiese Unterricht in "Fliegerdeckung". Rennen und Fallen lassen in den gegenüberliegenden Strassengraben. Die Kommandos im strengen Ton von Herrn Schüler lauten: Reinhüpfen, auf den Bauch drehen, Gesicht nie nach oben, weil es leuchtet, Ruhe bewahren, bei Entwarnung aufstehen und hinausklettern. Dreimal hintereinander, täglich bei schönem Wetter natürlich, üben wir uns in "Fliegerdeckung". Im ganzen Dorf gibt es keinen Luftschutzkeller. Ein Bunker im Wald steht nur den hier Geborenen zur Verfügung. die Neuankömmlinge, wie wir, hätten dadrin keinen Platz im Notfall, steht auf dem Zettel, der den Schulkindern verteilt wird. "Die haben ja Nerven hier", meint Werner "Geradezu unverantwortlich. die wissen sicherlich nicht, was die Bomber in Frankfurt anrichten".

Margarine und Schwimmseife

Die liebe Ruth wird uns weggenommen und ist jetzt im einzigen Laden des Dorfes Verkäuferin. Sie ist 25 Jahre geworden und gilt nicht mehr als Pflichtjahrmädchen. wohnt aber noch bei uns. Sie bedient im Laden und vergiesst Tränen, wenn wir bei ihr einkaufen und sie nichts zu verkaufen hat, was wir benötigen. Es gibt bunt eingefärbte Seife auf dem Magarinen-Coupon der Lebensmittelkarte. Wir nehmen sie und spielen damit. Sie kann schwimmen, nur schäumen will sie nicht. Wir ernähren uns morgens, mittags und abends von Kartoffeln: Pellkartoffel, Salzkartoffel, Bratkartoffel, die mangels Oel oder Butter mit Malzkaffee gebraten werden. Im Dorf ragen fünf hohe Schornsteine in die Luft. Sie gehören den Vereinigten Lederfabriken, in denen Leder für Stiefel für "Frontsoldaten" hergestellt werden. Polnische Internierte verrichten die Arbeit. sie hausen hinter einem Drahtzaun in dürftigen Baracken am Schwarzen Weg, der bis zum ganz  hinten am Waldrand gelegenen Fabrik führt, sonnig ist und von uns zum Spaziergang mit dem Kinderwagen benutzt wird. Man munkelt, dass im stillgelegten Eisenbahntunnel Teile für die deutsche Wunderwaffe V II hergestellt werden. Von Juden Tag und Nacht.

Platz für Birnen

Mir gefällt der Dorfteich am besten von ganz Brandoberndorf. Mit Erich betrachte ich die darin schwimmenden Enten und Gänse, die sich laut schnatternd beim Auftauchen um die eingefangenen Algen zanken. Bevor es dunkel wird, verlassen sie den Teich und Laufen in ihre Höfe. Sie wissen ganz genau, wo sie wohnen. In der Zwischenzeit befreunde ich mich mit zwei Klassenkameradinnen. Wir spielen meistens bei mir, weil ich doch noch genügend Spielsachen habe, die Werner und ich nach und nach aus dem grossen Mädlerkoffer in der Scheune herausholen. Langsam füllt sich damit der Dachboden. "Wir brauchen Platz für Birnen, die bis Weihnachten reifen müssen" ordnet Ingeborg an. "Wir werden dir eine Spielecke auf dem anderen Bodenteil einrichten". Tatsächlich liefert ein junger Landwirt schöne grosse Birnen. Alle furchtbar hart. "Die müsst ihr bis Weihnachten ruhen lassen, immer wieder rumdrehen, bis sie gelb werden. Dann schmecken sie sehr gut". Diesen Birnensegen konnte Mammi im Eintausch gegen zwei weisser Oberhemden, Fliegen und Krawatten unseres Vaters ergattern. "Mit Reichsmark, die keinen Wert mehr hat, bekommen wir nichts. Aber die Landleute möchten sich zu ihren Festen nett anziehen. Dieser junge Bauer will heiraten. So kamen wir ins "Geschäft"erzählt Mammi.
Noch viele Kleidungsstücke unseres Vaters verwandeln sich in Eier, Butter, Milch, Honig, Speck, Zwiebeln, Kartoffeln u.ä."Was zieht Pappi denn an, wenn er wieder kommt" will ich wissen". Es sind noch viele Anzüge, Gürtel, Hemden Krawatten von ihm im Schuppen. "Er weis, was ich tue, ich schreibe ihm ins Feld".

Ruppelige Briefpost

Briefe und Postkarten im "Feldpoststil" erreichen uns von Pappi aus Ungarn. _Ihr ruppeliges, hässlich grau braunes Ansehen und Anfühlen mindert die Freude nicht. Gespannt höre ich zu, was Pappi vom Plattensee und Hans-martin aus Debrecen.
Später lese ich sie selbst und merke, dass Mammi mir nur die erfreulichen Dinge vorgelesen hat. "Hans-Martin kommt auf Urlaub zu uns", ruft Ingeborg. Sie wedelt mit einem Feldpost Telegramm. Tatsächlich holen wir ihn vom kleinen Sackbahnhof Brandoberndorf ab. Er ist ein Soldat, fröhlich und glücklich uns wiederzusehen. Seinen kleinen Bruder Erich, den er kaum richtig kennt, legt er sich in seine beiden Hände,
schaut ihn genau an und meint: "Du bist aber gewachsen und deine Strampelhosen mit dir". "Lass ihn bitte nicht fallen" ruft Mami und nimmt ihm das kleine Bündel ab.. Die Tage mit Hans-Martin vergehen bei lustigen Spielen und ernsten Gesprächen mit Mammi, Ingeborg und Werner wie im Flug. Er steht jetzt unter der Haustüre und verabschiedet sich von uns mit Tränen in den Augen. "Ich will nicht in den Krieg", murmelt er. Schweren Herzens begleiten wir ihn mit Mammi zum Bahnhof, die mit ihm ins ferne Erfurt fährt. Wir winken ihnen lange nach. Wir haben ihn nie mehr wieder gesehen.

Flugzeuge und ihr Gebrumm

Was wir aber tagsüber am hellen Himmel sehen, sind grosse Flugzeuge in hoher Höhe, die Richtung Frankfurt fliegen und laut brummen. Nachts hören wir sie auch. sie setzen Leuchtkugeln ab zur Orientierung und lassen Silberstreifen hinunter zur Desorientierung
der Fliegerabwehrtruppe überall. Die Silberstreifen sammeln meine Freundinnen ein,
schneiden sie in dünnere Streifen als Lametta für den Weihnachtsbaum. "Ihre wahre Bestimmung. Nur wäre ein gewisser Herr darüber entsetzt", stellt Werner lakonisch fest. Wir beobachten eines nachts einen hellen Feuerschein am Horizont. Im VOLKSEMPFAENGER vernehmen wir eine sonore Stimme: "Heute Nacht bombardierten Alliierte Flugverbände Frankfurt am Main, Mainz, Köln und alles was dazwischen liegt.! Die deutsche Luftwaffe erwiderte diesen Anschlag auf deutsches Kulturgut unmittelbar mit Angriffen auf London! "So machen wir das", zischte Werner vor sich hin und schloss mit " basta".

Das tägliche Menue

Wir leben hauptsächlich von Kartoffeln. Wenn wir Fallobst zu Kompott kochen, gibt es Kartoffelpuffer, ebenfalls mit Malzkaffee gebraten. Ingeborg ist Meisterin in deren Zubereitung.. Sorgfältig langsam backt sie einen Kartoffelpuffer nach dem anderen und serviert sie direkt aus der Pfanne auf die Teller, damit sie heiss genossen werden können. Wenn sie wieder eine Portion beim Backen hat, schaut sie versonnen aus dem Küchenfenster den Schwarzen Weg entlang, Richtung Lederfabriken mit ihren hohen Schornsteinen. Sie lässt den Bratenwender fallen und schreit: "Eben bombardieren kleine Flugzeuge die Fabrik. Jetzt kommen sie auf uns zu". Rasch schliesst sie das Fenster und schon ballert es in unserer Nähe. Das kleine Haus hebt sich. Eine Staubwolke quillt durch die Badezimmertüre, das Haus senkt sich, der Spuk ist vorbei. Wir zittern, Erich hustet. Eine halbe Stunde zuvor, besuchte ich die Bauernfamilie neben an. Sie haben gerade ein Baby bekommen. Ich will sehen, ob das Baby hübsch ist und welche Augen es hat. Die junge Mutter zeigt mir ihren kleinen Sohn und die Grossmutter zeigt mir frisch gelegte Hühnereier. Ich denke, sie will mir ein Ei schenken. Fehlanzeige. Ich darf nur fühlen wie warm es ist. Enttäuscht verabschiede ich mich und laufe nach Hause zum Kartoffelpuffer essen.

Rechtzeitig vor dem Bombenanschlag!

Den Angriff zweier englischer Jagdflieger auf den Bauernhof neben uns, erleben wir
zitternd. Mammi mit Klein-Erich im Arm, Inge, Werner und ich eng aneinandergeschmiegt stehen im Winkel, den die zwei Hausecken bilden. Die Erschütterungen durch die Bomben auf den Bauernhof lassen unser Haus ächzend erzittern; der Fussboden hebt und senkt sich, die Treppenstufen ins Parterre scheinen zu tanzen, dichter Staub wirbelt aus allen Fugen, Fensterscheiben klirren. Wir sehen nichts mehr. Dann herrscht Totenstille. jetzt bemerken wir, dass uns selbst nichts passiert ist. Nur der Schock nistet sich in unsere Knochen.
"Wir sind noch einmal davon gekommen", brummt Werner. Langsam bewegen wir uns
Richtung Küche...Unsere Lebensgeister kehren zurück. Das Bauernhaus in dem ich zehn Minuten vorher war, steht nicht mehr! Es ist zu einem rauchenden Trümmerfeld geworden. die Grossmutter findet man da drin verschüttet, daneben die junge Mutter tot. Den Kinderwagen samt Säugling umgekippt im Misthaufen. Der weiche Fall lässt das Baby am Leben. Der kleine Junge ist der einzige  Ueberlebende dieser Familie. Als ich mit meinem Mann 1980 in Brandoberndorf war erfahre ich, dass sich der kleine Junge von diesem Schrecken nicht mehr erholt habe und in seiner Entwicklung zurück geblieben sei. "Er lebt seither in einer geschlossenen Anstalt" berichtet mir die Tochter der damaligen Nachbarin.

Jagdflieger nehmen die Dorfschule ins Visier.

Am nächsten Tag sitze ich nahe dem Fenster in der Schule. Wir müssen einen Aufsatz schreiben und bekommen dazu das spezielle Heft ausgeteilt. Bevor ich beginne, überlege ich mir den Verlauf. Dann schreibe ich zügig, stocke um nach dem richtigen Ausdruck zu suchen, schaue dabei aus dem Fenster und sehe zwei Jagdbomber am blauen Himmel auf die Schule zufliegen. Ich rufe Herrn Schüler. "Das sind deutsche Kampfflieger, die uns beschützen", donnert er mich an. "Aber" sage ich "das sind Engländer, sie haben den Union Jacke aufgemalt". Da knallt er mir aufs Ohr und schuppst mich in die Ecke. Dennoch lässt er alle 25 Schüler die hölzerne Treppe hinunterstürmen, aus dem Gebäude heraus und über die Strasse rennen. Alle plumpsen in den Strassengraben, bleiben dort liegen bis es rund um sie herum still wird. Instinktiv laufe ich in die andere Richtung, lasse  mich in den Strassengraben fallen. unter den Aesten eines grossen Baumes liege ich da bis ich die Stimme von Werner höre, der mich nach diesem Angriff im ganzen Dorf sucht.

 
Kondensstreifen, Fliegergebrumm und Lametta
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21.  Kondensstreifen, Fliegergebrumm und Lametta
Was wir aber tagsüber am hellen Himmel sehen, sind grosse Flugzeuge in hoher Höhe, die Richtung Frankfurt fliegen und schrecklich brummen. Nachts hören wir sie auch. Sie setzen Leuchtkugeln zu Orientierung ab und lassen Silberstreifen herab zur  Desorientierung der Fliegerabwehrtrupps überall. Die Silberstreifen sammeln meine Freundinnen ein, schneiden sie in dünnere Streifen als Lametta für den Weihnachtsbaum. „Ihre wahre Bestimmung. Nur wäre ein gewisser Herr darüber entsetzt“ stellt Werner lakonisch fest. Gottlob haben wir seinen Satz nicht genau kapiert. Wir beobachten eines nachts einen hellen Feuerschein am Horizont. Im Volksempfänger vernehmen wir eine sonore Stimme: „Heute Nacht bombardierten Alliierte Bomberverbände Frankfurt
am Main, Mainz, Köln und alles was dazwischen liegt. Die deutsche Luftwaffe erwidert diese Anschläge auf deutsches Kulturgut unmittelbar mit Angriffen auf London!
Das ist mit der VII wirksam…“So machen wir das“ zischte Werner vor ich hin, und schloss mit „basta“!  Wir leben hauptsächlich von Kartoffeln. Wenn wir aus Fallobst Kompott kochen können, gibt es aus diesen Kartoffeln  Kartoffelpuffer, ebenfalls mit Malzkaffee
gebraten. Ingeborg ist Meisterin in deren Zubereitung. Sorgfältig langsam backt sie einen Kartoffelpuffer nach dem anderen und serviert sie direkt aus der Pfanne in die Teller, damit sie heiss genossen werden können. Wenn sie wieder eine Portion beim Braten hat, schaut sie versonnen aus dem Küchenfenster den Schwarzen Weg entlang, Richtung  Lederfabrik mit den hohen Schornsteinen. Sie lässt den Bratenwender fallen und schreit: „Da bombardieren kleine Flugzeuge die Fabrik. Jetzt kommen sie auf uns zu. Schnell die Fenster schliessen. Und schon ballert es ganz in  unserer Nähe .Das kleine  Haus hebt sich, eine Staubwolke quilt durch die Badezimmertüre, das Haus senkt sich. Der Spuk ist  vorbei. Wir zittern, Erich-Baby hustet. Eine halbe Stunde zuvor besuchte ich die Bauersfamilie neben an, die gerade auch ein Baby bekommen hat.  Ich will sehen, ob das Baby hübsch ist und welche Augen es hat. Die junge Mutter zeigt es mir und seine Grossmutter zeigt mir ein frischgelegtes Hühnerei. Ich denke, sie will das  mir
schenken. Fehlanzeige. Ich darf es nur fühlen wie warm es ist. Enttäuscht verabschiede ich mich und laufe nach Hause zum Kartoffelpufferessen. Als wir uns von dem Fliegerangriff erholt haben, schauen wir nach den anderen Häusern. Das Bauernhaus neben an steht nicht  mehr, alles in rauchenden Trümmern. Die Grossmutter findet man unter ihnen. Die junge Mutter ebenfalls. Den Kinderwagen mit dem Baby drin umgekippt im Misthaufen. Der weiche Fall lässt das Baby am Leben. Der kleine Junge ist der einzige Ueberlebende der Familie. Als ich mit meinem Mann 1980 in  Brandoberndorf war erfahre ich, dass sich der kleine Junge von diesem Schrecken nicht mehr erholt hat und in seiner Entwicklung weit zurück blieb.“ Er lebt seitdem in einer geschlossenen Anstalt“ erzählt uns die Tochter der damaligen Nachbarin.
Zwei Englische Jagdbomber beschiessen Kinder
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22.  Zwei Englische Jagdbomber beschiessen Kinder

Ich sitze in der Schule nahe am Fenster. Wir müssen einen Aufsatz schreiben und bekommen dazu das spezielle Heft ausgeteilt. Bevor ich beginne überlege ich mir den Inhalt. Dann schreibe ich zügig, stocke um nach dem richtigen Ausdruck zu suchen, schaue
dabei aus dem Fenster und sehe zwei Jagdbomberauf die Schule zufliegen. Ich rufe Herrn Schüler! „Das sind deutsche  Kampfflieger, die uns beschützen“, donnert er mich an.„Aber,“ sage ich, dass sind Engländer, sie haben hinten den „Union  Jack““. Da knallt er mir aufs Ohr und  schiebt mich in die Ecke.  Esvergehen einige Minuten. Dann war das Brausen der Jagdflugzeuge deutlich über der Schule und dem Dorf zu hören.
Herr Schüler kommandierte: „ Alle raus hier und in den Strassengraben“. Ein  Kind rief: Aber das sind doch Deutsche.“ Wir, etwa 25 Kinder,  stürmen die  hölzerne Treppe hinunter, aus dem Gebäude heraus und über die Strasse, plumpsen in den Strassengraben, bleiben dort liegen, bis es rund um uns still geworden war. Instinktiv laufe ich nicht mit den anderen in die gleiche Richtung. Ich lasse mich weiter entfernt in den Strassengraben fallen. Unter den Aesten eines grossen  Baumes liege ich da bis ich die Stimme von Werner höre, der mich im ganzen Dorf nach diesem Angriff suchte.  Er beruhigt mich, hilft mir aus meiner misslichen Lage heraus, umarmt mich und schleppt mich  eilig nach Hause.
Der Schrecken sitzt bei allen tief. Am Nachmittag erzählt uns Ruth, dass sechs Kinder tot geborgen wurden. Sie befanden sich unter denen, die alle in die gleiche Richtung zum Strassengraben liefen. Mammi beschliesst, mich nicht mehr in die Schule zu schicken und
mich selbst mit den Büchern der grossen Geschwister zu unterrichten. Das klappt hervorragend.. Auch Ingeborg und Werner fahren nicht mehr nach Wetzlar ins Gymnasium, weil Tiefflieger die Eisenbahnen beschiessen. So sind wir mit Erich-Baby alle zusammen zu Hause. Es ist ein schöner, sonniger Herbsttag 1944. Werner und ich schieben Erich in seinem Kinderwagen den Schwarzen Weg entlang. Wir sind fröhlich, weil Erich zu plappern beginnt. Er amüsiert uns mit seinen  Wortkreationen. Von sich selbst spricht Erich nur per „Er“ . Wenn ER“ etwas nicht will, sagt Erich  "will „ER“ nicht oder
baucht (braucht) „ER“ nicht oder - manchmal recht bestimmt: ,muuuus " (muss) „ER“ nicht. Der Schwarze Weg liegt in der prallen Sonne. Plötzlich hören wir Fliegergeräusche. Werner reisst Erich aus den Kinderwagen, kippt den Wagen um, schiebt mich, Erich
und sich selbst darunter. „Aha“, sage ich „ totale Fliegerdeckung. So sind  wir im Schatten“. Nach bangen Minuten ist alles wieder still. Vorsichtig lugt Werner aus dem umgekippten Kinderwagen hervor. Eine Stimme behauptet: „Ihr seid vielleicht
Angsthasen, das war ein deutsches Flugzeug“. Wir kehren sofort um. Ingeborg und Mammi beobachteten die Szene vom Küchenfenster aus. Sie bestätigen, dass das tatsächlich eine
deutsche  Maschine war, aber angeschossen. Irgendwo weit weg hätten sie eine Stichflamme gesehen als ob dieses Flugzeug abgestürzt sei. Wir erleben noch weitere Tieffliegerangriffe. Die englischen Jagdbomber, in denen nur immer ein Pilot sitzt,
beschiessen alles, was sich bewegt und fliegen so tief, dass man das Gesicht des Mannes am Steuer sehen kann. Bevor sie überhaupt zu hören sind, flüchten die Gänse und Enten aus dem Dorfteich, schnatternd  rennen sie in ihre Höfe zurück. Herr Schüler, mein Lehrer, besucht uns und ordnet kategorisch an, ich dürfe nicht zu Hause bleiben, ich müsse in die Schule sonst gäbe es eine saftige Strafe. „Es herrscht Ordnung und allgemeine Schulpflicht“. Ein paar Tage später als ich aus der Schule nach Hause trottle, sehe ich auf der Dorfstrasse ein Spalier Männer mit Beilen, Rechen, Hacken, Stöcken und Peitschen. Am Anfang dieser beidseitigen Männerreihe, kommen zwei Soldaten in fremder Uniform und Kappen in der Hand. Es sind englische  Piloten, die mit ihren Flugzeugen in der Nähe abgestürzt  sind. Sie fürchten sich vor den Drohungen der mit Ackerwerkzeugen bewaffneten Bauern. Sie ducken sich. Sie haben Angst und tun mir leid Aber innerlich denke ich  doch: ob sie die  sind, meine Schulkameraden erschossen haben?“

Noch lange beschäftigt mich  diese Frage, auf die ich keine Antwort  erhalten konnte.
Weihnachten 1944 und Radio Beromünster
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23.  Weihnachten 1944 und Radio Beromünster
Unterdessen ist es Weihnachten 1944 geworden. Ohne Tannenbaum,
ohne Geschenke, ohne  Essen aber mit Feldpostbriefen von Hans-
Martin und Pappi. Beide sind in Ungarn. Mammi zeigt mir auf der
grossen Europakarte im grossen Atlas, wo Ungarn liegt. Sie
markiert darauf alle am Krieg beteiligten Nationen mit farbigen
Stecknadeln. In Ungarn sind viele rote und wenig schwarze Nadeln
zu sehen. Die roten Nadeln sind die Russen, welche gegen die
schwarzen Deutschen  und grünen ungarischen Nadeln kämpfen,
 Der Volksempfänger funktioniert nicht mehr. Stattdessen holen
sich Mammi, Werner und Inge Informationen zur Lage aus einem
modernen Kleinradio. Nur unter der Bettdecke darf man den Sender
Beromünster, Schweiz , hören und niemanden darüber erzählen.
„Das ist streng verboten“ mahnt Mammi. Es ist die einzige Quelle,
die einmal in der Woche neutral über den Stand der Dinge
berichtet“. nach diesen neuesten Meldungen rücken die roten
Nadeln immer näher an die Grenzen zu Oesterreich  und
Deutschland.. „Bald werden die „Roten“ Berlin einnehmen, stellt
Werner fest. Ich darf auch zuhören unter der Bettdecke.  Ich
vernehme die seriöse  Stimme von Jean Rudolf von Salis und
glaube ihm sofort was er berichtet. Ahne aber nicht, dass ich ihn
40 Jahre später in Baden und beim Badener Tagblatt und auf seiner
Burg Brunegg kennenlernen werde.
Telepathie und Gewissheit
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24.  Telepathie und Gewissheit

Wir schreiben den 12. Februar 1945. Zu meinem neunten
Geburtstag gibt es ein schönes Geschenk und einen bleibenden
Schrecken. Mammi schenkt mir zwei Bände „Heidi“ von Johanna
Spyri. Es sind Bände, die sie als junges Mädchen 1915 geschenkt
 bekam und die sich zufällig in der grossen Kiste im
Möbelschuppen befanden. Mir kommen diese Einbände bekannt
vor. Mammi sagt mir, ich hätte sie Weihnachten 1944 schon einmal
bekommen und niemand hätte Zeit gehabt mir daraus vorzulesen.
Gottlob sind sie - wie so manche andere Dinge  - in die grosse Kiste
gewandert und jetzt könne ich lesen und hätte sicherlich Freude
daran.“ Tatsächlich. Ich halte eben diese beiden Bände in der
Hand. Ihre Widmung lautet: Meiner lieben kleinen Hedi.
Kriegsweihnacht 1944. Als dann meine Tochter Erika ins „Heidi-Alter“
kam, bat  ich Mammi, ihrer Enkelin auch die Bücher zu widmen. Sie schrieb
unter die Widmung von 1944: Meiner lieben Enkelin Erika von
Grossmutter 1974.
In der Nacht vom 12. auf den 13. Februar 1944 wälzt sich Mammi unruhig im Schlaf, Weinkrämpfe überrollen sie. Inge und Werner versuchen, sie zu beruhigen.
Lange vergebens. Sie murmelt immer wieder etwas, was wir nicht verstehen.
Unterdessen bin ich auch an ihrem Bett. Langsam erholt sie sich, blickt uns an
und erzählt von ihrem Traum: Sie habe Hans-Martin gesehen und  gespürt. Er seischwer verletzt und hätte nach ihr gerufen. So sei sie aufgeschreckt. Er habe ihr zugerufen
„es tut so weh“ und dann sei alles still geworden. Nach einer Weile sagt sie zu uns:
„Hans-Martin ist gestorben. Er kann nicht mehr nach Hause kommen“.  Viel später
sprechen wir sie auf dieses Vorkommnis an. Sie bestätigt uns erneut ihre damaligen
Gefühle. „Es gibt wirklich Telepathie“ fügt sie hinzu und ergänzt, dass sie sicher
war, Hans-Martin sei gefallen. Was sich trotz Suchaktionen über das Deutsche
Rote Kreuz leider bewahrheitet.

Invasion, Besetzung, Kapitulation
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25.  Invasion, Besetzung, Kapitulation
Die schönen Birnen auf dem Dachboden haben in der Zwischenzeit Farbe angenommen. Sie sind saftig und schmecken mir sehr gut. Ich kann nicht widerstehen und probiere immer mal wieder eine. Anfangs waren sie zwar noch hart und etwas säuerlich. Aber nach und nach werden sie immer vollmundiger. Mit Entsetzen merke ich, dass es gar nicht mehr so viele sind. Als Ingeborg  sie einsammeln will, fehlen viele. „Wer hat sie gefuttert?“ „Ich“ wispere ich leise. Sie duften so fein und schmecken sehr gut“. „Aber wir wollten sie doch gemeinsam essen. Was machen wir denn jetzt nur. Sie reichen leider nur noch  für Mammi, Werner und mich." „Ich schenke euch den Rest“ meine ich grosszügig und flüchte weinend in die Spielecke auf dem grossen Dachboden. "Es gibt einen Kohlenklau und einen Birnenklau“ erklärt Werner. „Der Kohlenklau ist eine Figur der Propaganda. Ein hässliches Männlein, der in seinem Sack von Kokszügen die Kohlen klaut. Vom Birnenklau gibt es noch keine Karikatur“, beruhigt er mich und drückt mich fest an sich. Ich bin rehabilitiert, weil man mir verziehen hat  Einige Tage später rauscht es in der Ferne. Niemand weiss, was das sein könnte. Herr Schüler meint. „Dass sind deutsche Panzer im Endsieg,“ Das Rauschen, Knattern und Brummen kommt immer näher. Deutsche Soldaten ohne Waffen in viel zu langen Mänteln, kaputten Schuhen und zerbeulten Mützen huschen ängstlich durch das Dorf. "Sie sind auf der Suche nach Unterschlupf, Essen und ziviler Kleidung“ meint ein Nachbar. „Das sind Fahnenflüchtige“ meint ein anderer „Diese sind arme Teufel, denen wir helfen müssen“, ein anderer.  Mammi holt grosse weisse Bettlaken aus dem Möbelschuppen.. Ich wundere mich darüber. „Du wirst schon sehen, was wir damit machen werden“, erklärt sie geheimnisvoll. Das Rumpeln und Gerassel wird immer lauter. Mammi hängt die Bettlaken auf den Balkon, vor die Fenster und an den Gartenzaun. Nach den ärmlich aussehenden deutschen Soldaten huschen Männer in gut sitzenden Tarnanzügen und Helmen durchs Dorf. Sie tragen Gewehre im Anschlag und schauen vorsichtig hinter jede Hausecke. Sie schleichen sich an, denke ich. Die kennen Karl May. Sie wissen wie man sich deckt. „ Sie suchen einen Indianer“, sage ich laut. „Ach was, die wollen nicht von den Deutschen erschossen werden“, erklärt mir Werner. Das sind amerikanische Soldaten, die uns im Moment besetzen. Du wirst sehen, wie freundlich sie sein werden.“ Plötzlich rollen Panzer in der Kurve vor unserem Haus. Auf ihnen sitzen tatsachlich amerikanische Soldaten, darunter aber auch solche  mit schwarzen Gesichtern, wie mein Negerbaby, das ich auch nie mehr wieder gesehen habe. Einer der Panzer, kriegt die Kurve nicht mit seinen Raupen und fährt schnurstracks in den mit dem weissen Betttuch behangenen Gartenzaun. Wir stehen alle weit auseinander mit erhobenen Armen im Garten und warten gespannt ab, was sich da zusammenbraut. Erich-Baby sitzt in seinem Kinderstuhl und brummelt leise vor sich hin.. Da hebt ein Soldat auf dem Panzer ganz  langsam etwas aus dem Bauch seines Gefährts. Wir erwarten das Schlimmste. Eine Handgranate oder ähnliches, das er sichtbar nach oben zieht. „Er telefoniert bloss mal eben“ zischelt Werner erleichtert. Der Panzer  schnaubt rückwärts, legt den Gartenzaun dabei gänzlich um und rattert weiter die Dorfstrasse entlang, als ob nichts gewesen wäre. Es ist eine erleichterte Stille zu spüren. Dann fährt ein Jeep vor. Vier Soldaten mit Werkzeugen setzen den Gartenzaun wieder ein und hängen unser weisses Betttuch wieder sorgfältig dran. Die ganze Aktion dauert 15 Minuten. Da betritt ein grossgewachsener amerikanischer Soldat den Garten und fragt: „Everybody ok?“ Dont worry. We are here to bring freedom
to you“. Ausser Mammi, Inge und Werner versteht keiner, was er sagt. Niemand reagiert. Nach einer Weile sagt der Soldat auf deutsch: „Wir beschützen sie vor Hitler. Deutschland
wird kapitulieren. Wir sind von der Invasionsarmee. Wir sind in der Normandie gelandet. Wir informieren sie über das weitere Vorgehen. Bleiben sie ruhig und schlafen sie gut.“` Wir tun beruhigt, was er gesagt hat. Gehen ins Haus zurück und sind happy. Wer nicht happy ist, ist das Ehepaar Schön, unsere Vermieter. Beide sind eifrige Nazis. Beide glauben fest an den
"Endsieg". Der dicke Herr Schön, Direktor der Lederfabrik, schnaubt so wie der Panzer vorhin. „ Das lassen wir uns nicht gefallen. Wir werden uns verteidigen und schlägt die Türe zu. Tatsächlich hat er, der Bürgermeister und mein Lehrereinen  Widerstandstrupp aufgebaut. Alte Männer sind es, die einige Tage danach auch Jungens im Alter von 15 Jahren, wie Werner einziehen, wollen. Mammi versteckt daraufhin Werner und behauptet, er sei in Giessen in der Schule.  Sie will ihn nicht einer Sinnlosigkeit opfern. Es vergehen nur ein paar Stunden, kommt ein anderer amerikanischer Offizier mit einem Soldaten zu uns ins Haus und ordnet eine Hausdurchsuchung an. Wir müssen
alle im Hauseingang stehen. Wir sehen ins Wohnzimmer der Schöns. An der Wand hängt ein grosses Blumenbild. Der Soldat fragt Herrn Schön, wer hat das gemalt. Herr Schön zuckt mit den Schultern. Da hängt der Soldat das Bild ab, dreht es um und wir sehen Adolf  Hitler auf uns blicken. „Und Sie wollen kein Nazi sein?“ zweifelt auf englisch der Offizier. Packt Herrn Schön und führt ihn ab. Wir haben Herrn Schön nie wieder gesehen. Auch der
Bürgermeister wurde inhaftiert. Von meinem Lehrer fehlt hingegen jede Spur. Die internierten Polen hingegen erfreuen sich ihrer wieder gewonnenen Freiheit. Sie singen und tanzen auf dem Schwarzen Weg. Sie bekommen Reisepapiere und verlassen das Dorf. Einige verabschieden sich von uns. Wir steckten ihnen immer wieder mal Brot und Kartoffeln durch den Stacheldraht und grüssten sie, wenn wir auf unseren Spaziergängen bei ihnen vorbeikamen.Das Nachbarhaus,die Villa des anderen Direktors der Lederfabriken,
richten die Amerikaner zu ihrem Headquarter ein. Sie suchen mit Anschlägen dringend einen Dolmetscher. Als sich niemand meldet fragen sie Mammi ob Ingeborg, 18 jährig , diesen „job“ übernehmen könne. Sie wissen  genau Bescheid, wer im Dorfe wer ist, weil sie die Unterlagen aus dem Bürgermeisteramt geholt und eingesehen haben.  Ingeborg versah für ein paar Wochen dieses Amt so gut sie konnte. Ihr Schulenglisch reichte zwar oft nicht aus.Sie war nützlich und wird mit Lebensmitteln für die ganze Familie honoriert. Der amerikanische Soldatenkoch bringt uns Töpfe mit Porridge, Dosen mit Truthahn, Hershey-Schokolade,Jam, Weissbrot, Erdnussbutter, Kaffee-, Milch- und Eigelbpulver. Plötzlich haben wir soviel zu essen, dass wir es nicht verdauen können. Unsere Körper sind  es
nicht mehr gewohnt, fetthaltige Nahrung zu verarbeiten. Allen wird es schlecht.  Wir leiden unter Durchfall und Bauchweh im Wechsel. Nur Erich-Baby bleibt putzmunter. Da wendet sich das Blatt. Ein neuer amerikanischer Kommandant  befiehlt im Dorf. Er fordert uns
auf, ins Forsthaus zu ziehen, weil er das Haus in dem wir wohnen für  „offices“ benötige. Also packen wir den Kinderwagen, den Bollerwagen und den Leiterwagen voll und wandern ins Forsthaus zur Försterfamilie, die uns freundlich aufnimmt. Kaum dort angekommen, ereilt uns der Befehl, doch besser in zwei nebeneinander liegende Häuser am Dorfanfang zu ziehen. Auch das erfüllen wir prompt. Als wir dort vor dem Hoftor stehen kommt ein amerikanischer Soldat und dirigiert uns erneut in anderes Haus.
Wir stehen ratlos herum. Ihr könnt hier einziehen, befiehlt der Soldat. Aber da drin wohnten schon sehr viele und konnten uns nicht  aufnehmen. In dieser desolaten Situation verlangte meine Mutter eine  Erklärung vom Besetzungsbüro. Ein  Sergeant kommt
angefahren mit der Botschaft, wir könnten im Haus des Bürgermeisters einziehen, den die Amerikaner kurz zuvor verhaftet hatten..  Diese fünf Umzüge an einem  Tag verkraften wir schlecht, schlafen aber im fremden Haus sofort ein. Da fängt es erneut an zu ballern,
zu knattern, zu rumpeln. Wir dürfen kein Licht machen. Wir haben aber Vollmond.
Also sehen wir durch die Fensterscheiben hellbeleuchtete Panzerwagen mit Kanonen, grosse Panzer und viele Fuss-Soldaten.  Der Spuk bereitet uns Sorgen. Wir hoffen auf Kriegsende und jetzt fängt alles wieder an. „ Es handelte sich um ein Manöver zum
Aufscheuchen deutscher Soldaten in der Nähe, sie gefangen zu nehmen,“, erklärt uns der Sergeant, der uns kurz in der Nacht informiert. Er fordert uns auf, am nächsten Morgen wieder in unser Haus zu ziehen und entschuldigt sich bei Mammi sehr höflich. „Er habe“, so sagte er, in  der Zwischenzeit die Information erhalten, dass Mammis Mutter in New York geboren sei. Er schickt uns eine Unmenge Lebensmittel, verabschiedet sich von uns und ward nie mehr gesehen.  Noch viele weitere amerikanische Einheiten belagern das Dorf. Jetzt können wir ungestört Radio Beromünster hören. Aber auch den amerikanischen Soldatensender auf deutsch. Eine Stimme verkündet:
Deutschland hat heute am 8. Mai 1945 kapituliert. Der Krieg ist zu Ende.
Umzug nach Dorlar an die Lahn
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26.  Umzug nach Dorlar an die Lahn

Deutschland wird in vier Zonen aufgeteilt. Wir bleiben im
amerikanischen Sektor. Daran grenzt die englisch und französisch
besetzte Zone. Ab Hof bis Berlin-Ost übernehmen die Russen das
Kommando. Den grösseren Teil Berlins halten die Alliierten,
Amerikaner, Franzosen und Engländer besetzt..
 In diese Neuigkeiten stürmt plötzlich mein Lehrer, Herr Schüler,
zu uns herein. Wir haben nicht mehr mit ihm gerechnet. Er hält
einen Brief in der Hand mit der Bitte um Mammis Unterschrift.
Mammi liest den Text laut vor. Darin steht, dass er mir und den
anderen Schülern ein gerechter Lehrer  und kein Parteimitglied
gewesen sei.Mammi gibt ihm den Brief  zurück ohne zu
unterschreiben und wünscht ihm alles Gute. Ich habe ihn nie wieder
gesehen.
Kurze Zeit später verlassen wir Brandoberndorf und wohnen in Dorlar
an der Lahn. Hier setzt sich die Geschichte meiner Kinderjahre im
Krieg bis zur Währungsreform 1948 fort.

Im schönen Tal der Lahn
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27.  Im schönen Tal der Lahn
Gegen Herbst 1945 kann unsere Mutter eine grosse Wohnung
mieten. Das neue Dorf liegt 50 km von Brandoberndorf entfernt.
Es heisst Dorlar an der Lahn. Besonders ich bin gespannt, wie denn
der Umzug mit all den Sachen im Möbelschuppen vor sich gehen
wird. Vorsichtheitshalber sammle ich einmal in einem Karton alle
Spielsachen zusammen und lege obendrauf den spärlich gefüllten
Schulranzen. Dann setze ich mich aufs Sofa in unserer Mini-
Wohnküche und lausche dem Umzugsplan unserer Mutter. Der
klingt verheissungsvoll und spannend. So wird er dann auch. Ein
rumpeliger Lastwagen mit einer viel zu kleinen Ladefläche und
einem eher schmächtigen Fahrer fährt vor. Aus der Wohnung wird
alles Notwendige aufgeladen. Mammi mit Erich auf dem Schoss
und ich eingeklemmt zwischen dem Fahrer und ihr nehmen in der
engen Kabine Platz. Schon startet der Mann und im gemächlichen
Tempo - wegen der vielen Bombenlöcher auf den Landstrassen-
bewegen wir uns Richtung "neue Wohnung". In einer Kurve
fällt ein Holzsessel von unserer  Ladung krachend auf die andere
Strassenseite. Es ist mein Lieblingssessel aus Frankfurt, weil in ihm
mein Teddybär und ich den lauten Stimmen aus dem
VOLKSEMPFAENGER zugehört hatten. Der schmächtige Fahrer
bremst, steigt aus, wirft  die Trümmer des Sessels nach und nach
auf die übrige Ladung und brummt: 
Kurve zu scharf genommen, weiter nicht so schlimm".
Nachhilfe im Glashaus und jeher Abschied
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28.  Nachhilfe im Glashaus und jeher Abschied
Mit Marianne erledigen wir unsere Hausaufgaben im Nu. Werner,
der  an einen runden Tisch vor dem Glashaus lernt, meint 
nachdenklich: Was ihr hier lernt, trägt ein Hund auf seinem
Schwanz fort. Ihr werdet riesige Lücken zu füllen habe, wenn ihr
aufs Gymnasium kommt. Wenn, was man kaum zu glauben wagt!“
Wir beiden Mädchen sind empört und kontern: „Wie soll denn das
auch vorwärts gehen, wenn fast alle Kinder in der grossen Klasse
kaum richtig Deutsch sprechen?“ „Das weis ich jetzt auch nicht.
Aber macht Euch keine Sorgen, es wird schon wieder besser.“
Während dem wir mit meinen Puppen spielen, entwickeln Marianne
und ich die Idee, Kindern aus unserer Klasse besseres Deutsch
beizubringen. Am nächsten Tag, zeigen wir einem Lehrer unseren
Plan und erhalten die Erlaubnis.
Marianne meint, wir sollten uns nur zwei Mädchen aussuchen, die
einigermassen intelligent aussehen. Unsere Wahl fällt auf
Krimhilde von der Wolga und Uta aus Ostpreussen. Die Beiden
kommen gerne unserer Einladung nach. Anhand von einem
bebilderten Märchenbuch der Gebrüder Grimm, üben wir mit
ihnen Zuhören und in besserer Aussprache Nacherzählen. Eine
Methode zu der uns Werner geraten hatte. Wir vier verbringen
fröhliche Stunden im Glashaus, wobei das Spielen nicht zu kurz
kommt. Krimhilde entlockt der alten Blockflöte hübsche  Melodien
und so kommen wir auf die Idee, eine Theatervorstellung zu geben
und auch die anderen Schüler und Lehrer einzuladen. Wir sind
voller Enthusiasmus, werden aber ziemlich bald gebremst. Frau
Gille, die Vermieterin, verbietet uns das Glashaus zu benutzen, weil
sie darin wieder Gemüse anpflanzen lassen will. In der Schule
herrMit Marianne erledigen wir unsere Hausaufgaben im Nu. Werner,
der  an einen runden Tisch vor dem Glashaus lernt, meint 
nachdenklich: Was ihr hier lernt, trägt ein Hund auf seinem
Schwanz fort. Ihr werdet riesige Lücken zu füllen habe, wenn ihr
aufs Gymnasium kommt. Wenn, was man kaum zu glauben wagt!“
Wir beiden Mädchen sind empört und kontern: „Wie soll denn das
auch vorwärts gehen, wenn fast alle Kinder in der grossen Klasse
kaum richtig Deutsch sprechen?“ „Das weis ich jetzt auch nicht.
Aber macht Euch keine Sorgen, es wird schon wieder besser.“
Während dem wir mit meinen Puppen spielen, entwickeln Marianne
und ich die Idee, Kindern aus unserer Klasse besseres Deutsch
beizubringen. Am nächsten Tag, zeigen wir einem Lehrer unseren
Plan und erhalten die Erlaubnis.
Marianne meint, wir sollten uns nur zwei Mädchen aussuchen, die
einigermassen intelligent aussehen. Unsere Wahl fällt auf
Krimhilde von der Wolga und Uta aus Ostpreussen. Die Beiden
kommen gerne unserer Einladung nach. Anhand von einem
bebilderten Märchenbuch der Gebrüder Grimm, üben wir mit
ihnen Zuhören und in besserer Aussprache Nacherzählen. Eine
Methode zu der uns Werner geraten hatte. Wir vier verbringen
fröhliche Stunden im Glashaus, wobei das Spielen nicht zu kurz
kommt. Krimhilde entlockt der alten Blockflöte hübsche  Melodien
und so kommen wir auf die Idee, eine Theatervorstellung zu geben
und auch die anderen Schüler und Lehrer einzuladen. Wir sindscht Unruhe, weil viele Kinder vom Roten Kreuz in
Kinderheime abgeholt werden. Darunter sind leider auch Krimhilde
und Uta. Einige Tage später erfährt Marianne von ihrer Tante, dass
die Basler Mission ihre Eltern ausfindig gemacht habe. Marianne
packt ihre Habseligkeiten zusammen und reist nach Basel. Sie teilt
mir auf einer Postkarte mit, dass ihr Vater eine Mission in Kenia
übernimmt und sie alle bald nach Nairobi aufbrechen werden.
Weder Marianne, noch Krimhilde oder Uta habe ich in meinem
Leben nie wieder gesehen.
Ein sanfter Spätsommertag
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Seite 29 wird geladen
29.  Ein sanfter Spätsommertag
Die Ernährungslage hat sich seit der Kapitulation kaum verändert.Es gibt nur das zu kaufen, was auf den Lebensmittelkarten aufgerufen wird. Die Reichsmark verliert immer mehr an Wert und die Bauern wollen lieber Tauschhandel treiben als Geld entgegennehmen. Was angenehm auffällt ist die Ruhe im grossen Garten und das schöne Wetter. keine Tiefflieger, kein Bombergeschwader, kein Waffengetöse. Was besonders mich
empört ist die Tatsache, dass die hessischen Bäuerinnen im Dorf jeden Freitag im Backhaus feine Sachen backen. Da riecht es verführerisch nach frischem Brot und Zwiebelkuchen. Ich komme über einen Umweg von der Schule am Backhaus vorbei und sehe die Mutter eines Klassenkameraden. Sie winkt mir zu und ich hoffe,dass sie mir ein Stück Brot oder sogar einen Happen Zwiebelkuchen geben will. Fehlanzeige: Sie beschwert sich bei mir, dass ich an der letzten Prüfung ihren Buben nicht habe abschreiben
lassen. Er sei deshalb mit einer schlechten Note nach Hause gekommen. Erstaunt will ich ihr erklären, dass Abschreiben verboten sei und es mir leid tue, dass Fritz eine miese Note erhalten habe. Da droht sie mir mit einer Ohrfeige. Ich ducke mich weg und höre wie sie hinter mir herruft: „Fremdes Saupack, Ostdeutsches! „Ich bin aus Frankfurt am Main und wie Sie eine Hessin!“Schrei ich zurück und laufe weinend und enttäuscht nach Hause.
Eine Stunde später steht die Bäuerin beschämt vor unserer Haustüre. Unter ihren Armen klemmen zwei Brotlaibe und beide Hände halten ein grosses Blech mit Zwiebelkuchen. „Die Pferde sind mit mir durchgebrannt“  entschuldigt sie sich bei Mammi, übergibt ihr alles und  verabschiedet sich sofort. Diese Gaben verspeisen wir mit viel Genuss. Schon lange hatten wir nichts vergleichbar Gutes. Weniger angenehm war am nächsten Tag für
unsere Mutter das Gespräch mit der MP,  der Military Police, wegen der nächtlichen Ruhestörung der beiden soldiers vom camp auf der gegenüberliegenden Seite der Lahn.
Es war nicht für meine Ohren bestimmt, aber so viel konnte ich doch durch Fragen an meine älteren Geschwister herauskriegen, dass Frau Gille in Wetzlar ein Lokal betreibe, indem sie junge Mädchen hält, die sich mit Männern aller Art die Zeit vertreiben. Dabei haben sich die beiden amerikanischen Soldaten mit „Grippe“ angesteckt und wollten deshalb Frau Gille killen. „Gut sind sie vor der Türe geblieben“ beruhige ich mich. Viel Jahre später erklärte man mir den tatsächlichen Sachverhalt. Der MP Offizier lässt uns zur Entschuldigung immer wieder Lebensmittel zukommen. Ingeborg und Mammi haben Mühe zu entziffern, was auf den Konservenbüchsen steht und  andererseits keinen geeigneten Büchsenöffner, die gewaltigen Dosen zu öffnen. Hersheyschokolade, Kaugummi, Kakaopackungen, Corned Beef, Turkey, Eigelb- und Milchpulver, Kaffeepulver, Tea und Cookies.
Ein Schatten seiner selbst
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30.  Ein Schatten seiner selbst

Meistens nachmittags, gehe ich mit Klein-Erich runter auf den
Mühleweg und bringe ihm bei, mit seinem Holzdreirad zu lenken
und die Richtung zu halten. Wir setzen uns auf die Bank bei der
Lahnbrücke, spielen mit den schönen Kieselsteinen. Ich bringe ihm
das Zählen bei: Eins, zwei drei. Bei jeder Zahl lege ich ihm einen
Kieselstein auf die Bank. Nach einer Weile macht er das selbst und
beginnt seine Finger abzuzählen. Ich ergänze auf fünf. Er findet das
lustig und zählt auch meine Finger nach. “Kluges Kerlchen“, lobe
ich ihn und schiebe ihm ein Stückchen Apfel in den Mund. Da
rumpelt ein altersschwacher Holzbauernwagen mit einem
klapprigen Pferd vorne dran über die Lahnbrücke. Wir schauen zu,
wie der Bauer wohl das Fuhrwerk einiger massen sicher auf der
Spur halten wird. Im Flimmern des Sonnenlichtes auf dem Asphalt
bemerke ich ganz weit hinten eine Gestalt. Sie wird von einem
amerikanischen Militärlastwagen überholt und ist wegen aufwirbeln-
dem Staub wie von der Bildfläche verschwunden. Nach einer
Weile taucht sie wieder auf. Schwankend kommt eine Figur immer
näher, die in einem deutschen Militärmantel gekleidet ist. Ich
erkenne schwere Schuhe und eine schräg sitzende Mütze auf ihrem
Kopf.  Ihr schwerer, schwankender Gang hält auch nicht die Spur
so wie der Bauernwagen, der ihr jetzt begegnet. Dennoch scheint
sie zielstrebig zu sein, denke ich. Kaum ist diese merkwürdige
Gestalt aber auf der Brücke, erkenne ich sie. Es ist  Pappi, ruft es in
mir.  Oder ein Schatten seiner selbst? Oder eine Fata Morgana?
Ich setze Klein-Erich auf die Kieselsteine vor die Bank und renne
der Gestalt entgegen.   „Hedi, du hier?“ Die Gestalt schliesst mich 
in seinen übelriechenden Militärmantel und lässt mich nicht mehr
los. Ich rappele mich aus dem Mantel und zeige Richtung Bank,
wo Klein-Erich auf den Kieseln hockt. „Wir müssen zu ihm.“ 
Pappi hebt mich wieder hoch und trägt mich auf die Bank zu, lässt
sich erleichtert nieder und schaut auf den kleinen Jungen am
Boden. „Ist das Erich-Baby?“  Pappi erlebte die Entwicklung von
Erich drei Jahre lang nur über Fotos. „Wo wohnt ihr? Ist es
noch weit? Wo ist Mammi? „ Ich beantworte ihm alle Fragen,
beruhige ihn und versichere, dass alle gesund und munter seien.
Der Weg zur Wohnung sei nicht weit. Er solle sich doch erst einmal
ausruhen, etwas trinken und die Apfelschnitze essen. Alles tut
Pappi bereitwillig. Er ist froh, ein wenig bemuttert zu werden. Zwei
Familienmitglieder unverhofft plötzlich wiederzusehen strengt an,
denke ich. Was wird er wohl empfinden Mammi, Inge und Werner
anzutreffen? Nach einer Weile, er ass die Apfelschnitze genüsslich,
erholte sich sichtlich und wir nahmen den kurzen Weg nach Hause
unter die Füsse. Erich klammerte sich verunsichert an mich.
Wir stapfen die vielen Treppen durch den schönen Garten langsam
hinauf. Auf  halber Höhe ruf ich Mammi. Sie kommt auf die
Terrasse, sieht die Gruppe und traut ihren Augen nicht. „Wen habt
ihr denn da mitgebracht?“ lacht sie herzhaft und rennt Pappi in die
Arme. Als Inge und Werner aus der Schule kommen, können die
beiden es kaum glauben, dass Pappi aus dem Krieg abgemagert,
erschöpft aber glücklich zurück ist. Er erzählt, dass er aus Ungarn
immer Richtung Westen mit seinen Kameraden und dem Funkgerät 
abkommandiert worden sei um den Vorgesetzten zu funken, wie die
Lage am Plattensee Richtung Budapest sich entwickle. Das
Funkgerät empfing  störungsanfällige Funksprüche, sodass Pappi
und seine Gruppe dem Offizier nur noch mitteilen konnten, keinen
Empfang mehr zu haben und ihm um  weitere Befehle bat. Sie
warteten ab, ob sie in diesem Chaos jemanden antreffen würden,
der ihren Vorgesetzten kennt oder der ihnen eine Befehl erteilt.. Sie
nahmen das Funkgerät als Alibi auf ihren Marsch Richtung Wien 
 mit um zu demonstrieren, dass sie immer noch auf einen
Befehl warteten. Er berichtet, dass er schlussendlich in
amerikanische Kriegsgefangenschaft gekommen war und in Linz
stationiert wurde. Dann  verschob man ihn mit zehn anderen
deutschen Soldaten nach München, wo seine Entlassung erfolgte.
Die Amerikaner suchten Leute mit Spezialberufen, Aerzte, Juristen,
Wirtschaftsleute, prüften diese auf Herz und Nieren. Sie
versicherten in Einzelgesprächen mit ihnen, gerecht vorzugehen
und gaben zu, dass sie zum Wiederaufbau Deutschlands Experten
bräuchten. Auch auf Grund von Pappis Weigerung, in die NSDAP
einzutreten hatten sie Beweise und verfügten auch bei allen
Ausgesuchten über deren beruflichen Werdegang. Ausserdem war
es den Amerikanern bekannt, dass Pappi mit einer „Vierteljüdin“
verheiratet, deren Familie in Hanau harten Schikanen sowie
Internierungen in KZs ausgesetzt waren. Sie entliessen Pappi
mit dem Versprechen, sich auf der amerikanischen
Kommandatur innert vier Wochen zu melden und stellten ihm ein
Zuweisungspapier nach Brandoberndorf aus, unserem letzten
Wohnsitz.. Pappi erzählt, wie erschüttert er die zerstörten Städte kaum noch
erkannte, sich zu Fuss, per Anhalter auf Pferdefuhrwerken, irgendwelchen Karren
und alten Autos, mit  Holzvergasern, mühsam nach Brandoberndorf durchkämpfte.

Dort  angekommen war seine Enttäuschung über unseren  Wegzug bitter.
Die Feldpostbriefe von Mammi erreichten ihn in Ungarn nicht 
mehr. Das Headquarter war in dem Haus eingerichtet, in das wir
in Brandoberndorf aus Frankfurt evakuiert, wohnten.
Dort  teilte man ihm unsere neue Adresse mit und gab ihm bis
kurz vor Dorlar eine Mitfahrgelegenheit auf einem amerikanischen
Lastwagen.  Der Fahrer erhielt unterwegs die Order, einen anderen
Weg einzuschlagen, sodass Pappi zu Fuss weiter ging. Er fragte in
einem Bauernhaus nach einer Landkarte. Die Leute wurden misstrauisch deshalb
zeigte Pappi ihnen seine amerikanischen Entlassungspapiere.
Daraufhin legten sie ihm eine Karte vor, auf der er den Weg nach Dorlar verfolgen konnte.

So machte er sich, zwar erschöpft ,aber glücklich darüber,
bald sein Ziel erreicht zu  haben, auf die rund 10 km lange 
Schlussetappe zu  uns
Die Grossmutter kommt zur Konfirmation.
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31.  Die Grossmutter kommt zur Konfirmation.
Die Schule geht für mich gemächlich weiter. Klein-Erich kann nicht an seinen Vater gewöhnen. Pappi gibt sich alle Mühe mit ihm. Er spielt sogar im Sandkasten mit Erich und veranstaltet Autorennen mit den Miniaturautos. Es hilft leider gar nichts. Erich sagt ständig: „Der Mann soll fort. Der Mann soll gehen“.  Ein Brief aus Frankfurt kündigt den Besuch unserer Grossmutter an. Von ihr hörten wir nach dem letzten Bombenangriff auf Frankfurt anfangs 1945 nichts mehr. Voller Besorgnis fuhr meine Mutter nach Frankfurt Trotz  widriger Verkehrsverbindungen und Tieffliegerbeschuss auf die Eisenbahnen. „Grossmutter ist sehr abgemagert, aber zuversichtlich." Berichtet Mammi bei ihrer Rückkehr. Inzwischen funktioniert die Post, wieder, sodass Postkartennachrichten hin und her gehen. Nur von Bruder  Hans-Martin und Onkel Erich fehlt  jede Spur.
Ostern 1946 kommt näher
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32.  Ostern 1946 kommt näher
Und damit auch die Konfirmation von Werner. Niemand von uns wusste, dass die Amerikaner die Sommerzeit eingeführt haben. Der Gottesdienst beginnt um 9 Uhr steht auf dem Blatt; aber nichts über die Zeitumstellung. Wir sitzen alle angezogen beim Frühstück, Werner bereits im Konfirmandenanzug, da fangen die Glocken an zu läuten. Eine Stunde früher als gewöhnlich. Wir hören lautes Rufen, das von der hinteren Bruchsteingartenmauer kommt, an der der Kirchenbezirk angrenzt. Werner bleibt nichts anderes übrig, als kurzerhand über die Mauer zu klettern. Wir sausen durch den Garten und mit grossen Schritten um über die Dorfstrasse die Kirche zu erreichen. Pappi trägt Erich. Der Kleine ist ganz gefügig, schmiegt sich beim Rennen an seinen Vater und jauchzt vor  Freude über das zügige Tempo. Das Eis scheint geschmolzen, zwischen ihnen. Wir sind aber nicht die Letzten. Es kommen noch
weitere Konfirmanden mit ihren Angehörigen. Der Pfarrer schmunzelt, gibt dem Organisten einen Wink. Dieser intoniert für den Chor das Weihnachtslied „Ihr Kinderlein kommet.“ Der
Chorleiter hat es sich für diese ungewollte Verspätung kurzfristig ausgedacht. Er sorgt damit für Spass und Entspannung. Unsere Grossmutter läuft nicht so eilig mit uns zur Kirche. Sie sitzt auf einem Gartenstuhl dicht an der Mauer und  behauptet: „ Ich habe alles verstanden.“ Dabei beobachtet sie den  Ziegenbraten im Backofen und deckt den Esszimmertisch. Kaum sind die  Osterfeiertage vorbei, begleitet Pappi Grossmutter  zurück nach Frankfurt. Er besucht den kläglichen Gebäuderest der Commerzbank, in der er solange Chefbuchhalter und Kassier war. Am Schluss noch Treuhänder für jüdischer Kunden, die gegen eine saftige Ausreisesteuer Deutschland  verlassen durften. Er führt parallel Gespräche mit einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, die in der Bank Plakate aufgehängt hatte. Finanzexperten sind gesucht und so  schliesst Pappi mit dieser Gesellschaft einen Arbeitsvertrag ab mit dem Auftrag, eine Filiale in Stuttgart zu gründen. Er erläutert uns seinen Berufsplan und meint, dass ein Umzug nach  Stuttgart für uns alle Vorteile bringen wird. Inge kann das Abitur, welches de Amerikaner nicht anerkennen, nachholen. Werner kann das Abitur anstreben und Hedi in eine weiterführende Schule gehen, ihre Lücken auszufüllen. Noch immer fehlt jede Spur unseres ältesten Bruders Hans-Martin, Tante Emy und Onkel Erich, den Geschwistern von Mammi. Der Abschied von Dorlar fällt mir erstaunlich leicht. Ich fiebere neuen Erlebnissen entgegen.
Das Schwabenland gefällt uns
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33.  Das Schwabenland gefällt uns
Stuttgart lese ich beim Einlaufen des Zuges einige Male. Ganze,
unzerstörte Häuser nur wenige Male. Zerstörte Strassen, unerhört
riesige Trümmerhaufen viele Male. Die Strassenbahn bringt uns
rumpelnd nach Zuffenhausen. Hier wohnen wir bei Familie Muck,
einem Möbelfabrikanten, dem ersten Klienten meines Vaters für die
neue Zweigstelle. Die beiden gemütlichen Mucks nehmen uns in
einer leer stehenden Büroetage auf und möblieren uns mit allem
was noch da ist und nötig ist. Wir fühlen uns sofort  wohl.  Pappi
zeigt uns im Stadtzentrum seine Büros, die früher eine
Anwaltskanzlei waren. Deren eingebaute Möbel schreinerte damals
die Firma Muck. Wir finden die Räume etwas überdimensioniert,
aber Pappi meint, die werden wir noch alle füllen.
„Kennen die Stuttgarter keine Paternoster? frage ich und bemängele
den klapprigen Aufzug in den vierten Stock des Wilhelmbaus, wo
sich die neue Filiale  der Düsseldorfer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft
befindet. "Die sind verboten", informiert mich Pappi.
Du kannst jetzt alleine den Aufzug benutzen und erinnert mich sanft  an meine
Paternosterfahrten in Frankfurt. Das Gewimmel in der Stadt gefällt mir.
Wir besuchen sogar das allererste Nachmittagskonzert im Hotel Zeppelin.
Wir sind begeistert über die rassige Spielweise des Orchesters Montovani,  
seinem Violinisten und die feinen Kuchen, die serviert werden.
Am liebsten würde ich jeden Nachmittag dahin gehen. Aber alleine darf
ich nicht. Ausserdem gibt es noch andere Dinge  zu erledigen.
Zum Beispiel eine Schule für mich zu finden. Da fast alle kaputt sind,
dauern die Ferien bedeutend länger als üblich.. Inge und Werner ergeht es ähnlich.
Sie kümmern sich um Erich, der jetzt schon bis hundert zählen kann
und alle leere Blätter vollmalt, deren er habhaft wird. Weil wir keinen Ball
haben, spielen wir mit grossen Kartoffeln Rollball, eine Abwandlung von
Boccia, wie ich später feststelle
Was uns  alle zermürbt, ist, kein Ahnung über den Verbleib von Onkel Erich und
Tante Emy Langerhans (die Geschwister meiner Mutter) und unserem Bruder
Hans-Martin zu haben.
Ein unverhofftes Wiedersehen
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34.  Ein unverhofftes Wiedersehen
Per  Zufall treffen wir in der trümmerbeladenen Stadt eine Cousine von Mammi Trudel Henning.  Sie ist auf der Suche nach einer Stelle ist. Mammi vermittelt sie  Pappi. Trudel verfügt über eine gute kaufmännische Ausbildung und einige Sprachkenntnisse. Sie lacht so lustig quirrlig und ist immer guter Laune. Dabei besticht sie (in dieser Trümmerlandschaft einmalig) über ein elegantes Aeusseres. Sie scheint eine Menge schöne Kleider zu haben, meint Ingeborg  und fügt hinzu: „Auch wenn sie mir nur ein einziges schenken würde, käme ich da   nicht hinein“.
In der Tat Ingeborg ist so gross wie mein Vater und überragt unsere Mutter fast um zwei Köpfe. Sie benötigt Schuhgrösse 41, ich dagegen nur 35. Ein Problem, das Mammi praktisch angeht. Ingeborg trägt Schuhe meines Vaters, weil es keine zu kaufen gibt. Die Schneiderin näht sehr geschmackvolle Kleider aus Gardinen unserer Frankfurter Wohnung und zaubert aus zwei verschiedenen Kleidern naher Verwandter in Hanau je ein Neues für Ingeborg und mich Ingeborg wird auch zum Hingucker. Ich profitiere auch von dieser Schneiderin. Bekommen wir beide doch zwei wunderbar warme Wintermäntel aus der weinroten Portiere, die einst zwischen Wohn- und Esszimmer   In Frankfurt ihren Dienst tat. Als wir zwei in Stuttgart unbewusst über den  „Schwarzmarkt“ laufen, schreit jemand hinter uns her: „Da schaut zwei neue Bonzentöchter!“ 
Ueber Verbindungen von Trudel zu amerikanischen Verwandten erfährt sie, dass Emy, die Schwester unserer Mutter,  in Spanien lebt ohne ihren Mann. Von Hans-Martin und Onkel Erich ist ihr und anderen Verwandten nichts bekannt.
Glückliche Jahre am Neckarstrand
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35.  Glückliche Jahre am Neckarstrand
        
 
Langsam normalisiert sich unser Leben. Durch Pappis Tätigkeit in und um Stuttgart herum, erledigt er auch, dass die Städtischen Werke Esslingen am Neckar wieder zum Laufen kommen. Die mittelalterliche Stadt wurde nicht bombardiert. Pappi wird fündig und mietet im 5. Stock des Bürogebäudes der Firma Quist 5 Räume, mit Teeküche und einem Badezimmer. Die guten Wohngegenden von Esslingen sind mit amerikanischen Offiziersfamilien bis auf weiteres besetzt. Unsere Eltern beissen in den sauren Apfel um das Familienleben zu normalisieren. Werner wird ins Schelztor-Gymnasium und ich in die Waisenhof-Volksschule eingeschrieben. Ingeborgs Abitur wird von den Amerikanern nicht anerkannt. Sie lebt zehn Monate im Internat in Heppenheim, wo sie das Abitur nochmals ablegt. Klein-Erich und ich erhalten im Esslinger Hallenbad Schwimmunterricht. Damit sind wir in den Esslinger Schwimmverein aufgenommen und dürfen die hübsche, saubere Anlage am Neckarufer benutzen. Eine gute Sache, denn der Staub im Industriegebiet verursacht Erich wieder Hustenreize. In meiner Klasse sind kaum Kinder aus anderen Gegenden Europas. Fast alle sprechen Schwäbisch. Es grenzt an ein Wunder, noch soviel Normalität im Süden Deutschlands an zu treffen.
Trotzdem kommt es im Deutschunterricht zu komischen Situationen. Wir werden aufgefordert, Wörter mit X zu nennen. Das funktioniert auch relativ gut, wenn man bedenkt, dass die schwäbische Aussprache viele X-Laute benutzt. Nach einer Weile des Nachdenkens verkündet mein Banknachbar neue X-Wörter: Xaver, Xsangbuch, Xselsbrot und Xsundheit. Prima, lobt ihn der Lehrer. "Aber leider stimmt nur der Xaver". Ich frage, was denn Xsangbuch und Xselsbrot seien. Alle lachen mich aus und meinen, dass ich doch keine Deutsche sei.  Zu meiner Ehrenrettung übersetzt mir der Lehrer, Xsangbuch mit Kirchenge-
sangbuch und Xselsbrot mit Marmeladebrot. Xsels sei mittelalterlich und meint Eingekochtes. Also Obst wird  zu Marmelade gekocht, kommt aufs Brot, was dann kurzer  hand zum "Xselsbrot" wird wegen der eingekochten Träuble. Was ist das für ein Obst möchte ich wissen. Ach so! Träuble sind Johannis- oder Stachelbeeren. Der Lehrer will im Gegenzug von mir wissen, welche X-Wörter ich vorzuschlagen habe. Mir fallen ein: Xantippe, Xanten, Xerxes Daraufhin muss ich den Kindern erklären, was diese Wörter bedeuten: Nun Xantippe war die zänkische Frau vom Sokrates, Xanten ist eine deutsche Stadt am Niederrhein römischer Gründung und Xerxes war ein persischer Feldherr. Stetig hole ich meine schulischen Lücken auf und lerne nette Kinder kennen. Werner spielt im Schultheater mit und ich singe
im Gesangsverein. So nehmen wir beide am Esslinger Kulturleben teil, das sich langsam etabliert.
Die Suchaktion und die Koreakrise
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36.  Die Suchaktion und die Koreakrise
Werner entdeckt im Radio die Suchmeldungen vom Roten Kreuz, die jeden Tag zu mehreren Sendezeiten und in speziellen Sparten ausgestrahlt werden. Er ist fest davon überzeugt, dass wir Hans- Martin durch diesen Suchdienst finden werden. Er schreibt sich auf,   wann die Sparte Deutsche Soldaten ausgestrahlt wird. So sitzen wir beide mit Zetteln und Bleistiften ausgerüstet vor dem kleinen Radio in unserem Schlafzimmer. Unzählige fremde Namen werden im Laufe dieser vielen Wochen aufgerufen. Der Name Jübner Hans- Martin mit Suchnummer ist nicht dabei. Wir lassen uns deshalb nicht entmutigen. Eines Tages wird ein Jübner Hans-Martin genannt. Wir schreiben dem Roten Kreuz auf die Suchpostkarte, die wir auf der Stadtverwaltung erworben haben. Und warten sehnsuchtsvoll ab, was wohl geschehen wird.  Auf der Antwortkarte steht, dass sich ein Jübner Hans-Martin zur Zeit noch im Konzentrationslager Dachau befindet. Mammi schreibt der Lagerverwaltung Dachau und bittet um einen Besuchstermin.  Sie fährt zusammen mit Werner sehr beschwerlich mit dem Zug  nach Bayern. Die Deutsche Bundesbahn in einem zerstörten Zustand, verfügt kaum noch über genügend Lokomotiven und hat lange Verspätungen. Aber die beiden schlagen sich nach Dachau durch. Sie zeigen die Postkarte des Roten  Kreuzes im Sekretariat und werden gebeten einen Tag später wieder zukommen. Mammi fragt, ob es eine verbindliche Namensliste aller derzeitigen  Insassen gäbe. „Ja, die haben wir“, bestätigt die Angestellte und erlaubt Werner und Mammi die Einsichtnahme. Tapfer kämpfen sich die Beiden durch die Namen, die nicht alphabetisch sondern nach Eintrittsdatum geordnet sind. Das bis dahin als Konzentrationslager der Nazis betriebene Areal ist riesig. Die Amerikaner benutzen einen Teil davon als Gefangenenlager für Deutsche Soldaten. Fieberhaft gehen Mammi und Werner diese endlosen Listen genau durch. Den Namen von Hans-Martin Jübner finden sie nicht. Zwar viele "Hübner" mit anderen Vornamen. Plötzlich entdeckt Mammi den Namen Veti Fritz. Sie meldet die Entdeckung der Angestellten und bittet darum, dass Veti Fritz aufgerufen werde. Das geschieht unbürokratisch schnell. Vorher will die Beamtin wissen, ob diese Person mit Mammi verwandt sei. Nein, das ist der Name eines Jugendfreundes aus meiner Berliner Schulzeit. Ein Nachbarbub sozusagen. Nach einer Weile geht die Tür auf und Veti Fritz steht abgemagert, in Begleitung einer Roten Kreuzschwester und eines amerikanischen Soldaten vor ihr. Beide sind verdattert, sich nach so langer Zeit wieder zu sehen. Die Schwester empfiehlt Veti Fritz noch einige Tage bis zur vollständigen Abheilung einer Infektion in Pflege zu bleiben. Die Entlassungspapiere werden ausgefüllt bereit gestellt. Unterdessen ist in Esslingen plötzlich Kriegsstimmung ausgebrochen. Die amerikanischen Besatzungssoldaten fahren in Vollmontur, bewaffnet  durch die Strassen mit ihren Jeeps. Kontrollieren jeden und fragen selbst die Schulkinder nach deren Wohnadresse. Es wird eine Ausgehsperre und Verdunkelung verordnet. Ich habe Angst und zittere ob jetzt schon wieder ein  Krieg ausbricht? Es ist das Jahr 1947. Ingeborg beruhigt mich und erklärt  mir anhand des alten Weltatlasses, wo sich der Krisenherd befindet. „Du siehst, er ist auf der anderen Welthalbkugel, also weit, weit weg von uns. Die  amerikanischen Soldaten haben die Order, alles kritisch zu beobachten, was für uns ein Schutz ist, damit uns nichts passiert. Die Schule bleibt eine  Woche geschlossen und in den Schwimmverein darf man auch nicht. Also geh ich mit Erich spazieren, was aber auch nicht so gerne von den MP-Soldaten gesehen wird. Sie winken mir zwar zu : "Go home with your Baby"
Die Die Tageszeitung berichtet von der Koreakrise, die sich dann gottlob für Europa nicht dramatisiert. Bald werden die Verordnungen aufgehoben und die Schule geht weiter. Mammi und Werner kommen erschöpft von Dachau zurück. Beide sind niedergeschlagen, enttäuscht und sehr sehr traurig, dass Hans-Martin sich nicht unter den Insassen befand. Lange noch rätselten wir, wie es zu dieser Radiomeldung kommen konnte. Bis heute ist es nicht aufgelöst worden.
Das Gute an der Suchaktion war natürlich, dass Veti Fritz entlassen wurde und uns öfters in  Esslingen besuchen kam...
Marshallplan und Währungsreform 1948
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37.  Marshallplan und Währungsreform 1948
Das völlig zerstörte Deutschland sowie sämtliche westeuropäische Lander liegen in allen Bereichen ihrer Existenz am Boden. Die gesamte Infrastruktur funktioniert kaum.
An Wiederaufbau war ohne die grosszügige Wirtschaftsförderung der USA nicht zu denken.
Von 1948 bis 1952 pumpen die USA 142 Milliarden Dollar in den "alten Kontinent" unabhängig davon ob sie Kriegsbefürworter-oder Gegner gewesen waren. So entwickelt sich aus diesem zaghaften Pflänzchen ein innovatives Industrie- und Handelsgebiet. Eine Umstellung von Reichsmark in Deutsche Mark ist unumgänglich. Am für mich geheimnisvollen Tag X erhielt jeder Bürger DM 40,-- unter Vorweisung seines Personalausweises und strenger Registrierung. das waren die einzigen Stunden, an denen alle Deutschen, vom Baby bis zum Greis, gleich reich waren! Mein Vater nimmt mich mit
zu diesem historischen Augenblick im Rathaus von Esslingen am Neckar. Wir laufen gemächlich los und ich klappere in meinen Holzpantinen neben ihm her. Der Schreiner hatte sie mir gezimmert und mit Sohlen aus abgefahrenen Autoreifen "stumm gemacht". Sie haben rote Halteriemen, die  mir gefallen. Mir passen meine Schuhe nicht mehr. Diejenigen meiner älteren Geschwister sind noch zu gross.
Den Spaziergang in die Stadt mit meinem Vater werde ich nie vergessen. Er führt uns durch die Esslinger Pliensau-Strasse an allen Läden vorbei, deren Schaufenster entweder verhangen oder mit Blumen und Pflanzen dekoriert sind. Nur im Fenster des Pralinenladens von Jochen Heesch, einem Schauspieler, sehen wir uns vertraute Packungen der Firma Sarotti.
"Das sind Holzattrappen, aber immerhin schon eine kluge Werbung", erklärt mir Pappi. Nach eine Weile setzt er  hinzu: "Du wirst heute ein Wunder erleben. Wenn wir nach dem Mittagessen im "Wilden Mann" zusammen mit Werner und Mammi durch die Pliensau-Strasse laufen, werden alle Schaufenster ein neues Angebot zeigen". Ich schüttele mich innerlich, obwohl ich natürlich recht gespannt darauf war, was das wohl für ein Wunder sein soll. Wir tauschen im Esslinger Rathhaus die abgegriffene Reichsmark gegen das "Neue Geld" um, das sich im Dollarformat farbig knisternd präsentiert beim Nachzählen.
Mit dem neuen Geld in Pappis Aktentasche machen wir uns auf den Weg ins vereinbarte Restaurant. Dort treffen wir auch die Cousine von Mammi, Erica von Reitzenstein, die bei den Württembergischen Landesbühnen Bühnenmeisterin ist. Ich erzähle ihr, dass nur der Schokoladenladen von Jochen Heesch hübsch dekoriert sei. Sie schmunzelt und erzählt. dass diese Dekoration ihr erster Auftrag in DM sei, die sie nachdem Mittagessen gleich mal abholen werde. "Ich nehme dich mit, Jochen gibt dir Schokolade und dann kannst du auch gleich noch ins Schuhgeschäft gegenüber."  "Aber die haben keine Schuhe für mich, das Schaufenster ist leer". Pappi tröstet mich: "Ich versprach dir, dass du heute ein Wunder erleben wirst. Nachdem Besuch bei Jochen Heesch kaufen wir dir Schuhe." Tatsächlich. der Laden war voller Schuhkartons. Die Verkäuferin kennt uns sehr gut und kommt nach einem Augenblick mit drei Schuhschachteln im Arm zu mir. Alle Paare passen wie angegossen. Es sind Stiefel zum Wandern und für Regenwetter, Sommersandalen sowie normale Halbschuhe.
Ein wahres Wirtschaftswunder!!!



Schlusswort
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38.  Schlusswort
Schlusswort

Beim Aufzeichnen meiner Kindheit von 1936 bis 1948 stelle ich fest,
dass sich der laute Ruf "Nie wieder Krieg" leider nicht erfüllt hat.
Die schon längst verödet geglaubten Angstgefühle aus meinen
frühen Kinderjahren stiegen in mir hoch. Ich musste mich selbst disziplinieren.
Mein Mann half mir dabei. Aber er gab zu, auch in ihm regten sich die
1956 in Budapest erlebten Bilder und Ereignisse wie ein Film..
Seit Beendigung des Zweiten Weltkriegs sind weltweit bis heute um die
230 Kriege geführt worden. Die meisten von ihnen als sogenannte
Stellvertreterkriege auf fremden Territorien. Und heute?
Ueberfällt der russische Staatspräsident Wladimir Putin mit
tschetschenischen Soldaten skrupellos die Ukraine. Noch dazu ein
Brudervolk! Millionen Menschen sind in Zentraleuropa vor einem
Europäer auf der Flucht.. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.
Diese Situation ähnelt unheimlich derjenigen, die Adolf Hitler am 1.September 1939
mit deutschen Soldaten in polnischen Uniformen inszeniert hat, wobei er
zynisch verlauten liess, ""Es werde seit 5.45 Uhr zurückgeschossen."
Geschichte wiederholt sich leider doch. Nur  mit noch schlimmeren Waffen.
Das menschliche Elend, die sie verursachen ist unverzeihbar.
Eine Apokalypse, angezettelt von einem machthungrigen Staatspräsidenten, der im
19. Jahrhundert zu leben scheint und sich das "Grosse Russische Reich" zurück träumt...
Wie wird dieser bedrohliche Konflikt wohl enden?
Daneben breitet sich das Corona Virus weiter aus. Es bleibt zu hoffen, dass sich die unverbesserlichen Nichtimpfer zur Injektion bewegen lassen um wenigstens diese
Gefahr einzudämmen, was Dank wissenschaftlicher Forschung auch gelingen
wird.
UNSERE FÖRDERER
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