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Von Gisela Egli-Zemp
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Vollendete Autobiographien: 57
 
Gisela Egli-Zemp
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Letzte Aktivität
14.1.
Arbeiten / 24.03.2018 um 0.06 Uhr
2.2.
Meine Eltern / 24.03.2018 um 19.04 Uhr
24.
Religiosität / 04.04.2018 um 18.27 Uhr
24.
Religiosität / 07.04.2018 um 14.04 Uhr
25.
Nachgedanken / 10.04.2018 um 21.59 Uhr
8.
Sekundarschule und/oder Gymnasium? / 12.04.2018 um 17.05 Uhr
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1.
Erste Erinnerungen und Kindheit
2.
Meine Eltern
2.1.
Meine Mutter
2.1.
Was fällt dir als erstes ein, wenn du an deine Mutter denkst?
2.1.
QX Gibt es ein bestimmtes Bild früheren Glückes, das dir im Zusammenhang mit der Mutter in den Sinn kommt?
2.1.
QX Woher stammt deine Mutter? Was weisst du über ihr Leben? Wie hat sie den Krieg erlebt?
2.1.
QX Wie würdest du sie beschreiben?
2.1.
QX Wie hast du sie als Mutter empfunden?
2.1.
QX Was waren ihre herausragenden Eigenschaften?
2.1.
QX Was habt ihr alles zusammen unternommen?
2.1.
QX Hast du dich an deine Mutter gewandt, wenn dir etwas auf dem Herzen lag? Woran erinnerst du dich speziell?
2.1.
QX Welches war der Beruf deiner Mutter, bevor sie heiratete? Hat sie diesen Beruf auch nach der Heirat ausgeübt?
2.1.
QX Hatte sie Hobbies oder Leidenschaften? Was konnte sie besonders gut? Was machte sie besonders gern?
2.1.
QX Wie haben sich die Eltern kennen gelernt?
2.1.
QX Wie kleidete sie sich? War ihr das wichtig?
2.2.
Mein Vater
2.2.
Mein Vater
2.2.
Mein Vater
2.2.
Mein Vater
2.2.
Mein Vater
2.2.
Mein Vater
2.2.
Mein Vater
2.2.
Mein Vater
2.2.
Mein Vater
2.2.
Mein Vater
2.2.
Mein Vater
2.2.
Mein Vater
2.2.
Mein Vater
2.2.
Mein Vater
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
3.
Meine Grosseltern
3.1.
Mein Grossvater väterlicherseits
3.1.
Was sind deine Erinnerungen an diesen Grossvater?
3.1.
Was weisst du noch über das Leben und die Lebensumstände deines Grossvaters? Wie war das z.B. im Krieg/in den Kriegen?
3.1.
Was habt ihr zusammen unternommen?
3.1.
QX Was für Selbstzeugnisse oder Objekte über deinen Grossvater existieren noch? Was bedeuten sie dir?
3.1.
QX Was war seine berufliche Tätigkeit?)
3.1.
Erinnerst du dich an seinen Tod?
3.1.
Wie hat er im Alter gelebt?
3.1.
Erinnerst du dich an Personen, die im Leben deines Grossvaters eine wichtige Rolle, positiv oder negativ, gespielt haben?
3.2.
Meine Grossmutter väterlicherseits
3.2.
Was sind deine Erinnerungen an diese Grossmutter?
3.2.
Was weisst du noch über das Leben und die Lebensumstände deiner Grossmutter? Wie war das z.B. im Krieg/in den Kriegen?
3.2.
Was habt ihr zusammen unternommen?
3.2.
Was für Selbstzeugnisse oder Objekte über deine Grossmutter existieren noch? Was bedeuten sie dir?
3.2.
Was war ihre berufliche Tätigkeit?
3.2.
Erinnerst du dich an ihren Tod?
3.2.
QX Wie hat sie im Alter gelebt?
3.2.
Erinnerst du dich an Personen, die im Leben deiner Grossmutter eine wichtige Rolle, positiv oder negativ, gespielt haben?
3.3.
Mein Grossvater mütterlicherseits
3.3.
Was sind deine Erinnerungen an diesen Grossvater?
3.3.
Was habt ihr zusammen unternommen?
3.3.
Was für Selbstzeugnisse oder Objekte über deinen Grossvater existieren noch? Was bedeuten sie dir?
3.3.
Was war seine berufliche Tätigkeit gewesen?
3.3.
Erinnerst du dich an seinen Tod?
3.3.
Wie hat er im Alter gelebt?
3.3.
Erinnerst du dich an Personen, die im Leben deines Grossvaters eine wichtige Rolle, positiv oder negativ, gespielt haben?
3.4.
Meine Grossmutter mütterlicherseits
4.
Kindergartenjahre
5.
Krankheiten und Unfälle
5.1.
Ein Bruder krank
5.1.
Ein Bruder krank
5.1.
Ein Bruder krank
5.1.
Ein Bruder krank
5.1.
Ein Bruder krank
6.
Wohnen
7.
Primarschulzeit
7.1.
Grundschule Unterstufe
7.1.
Grundschule Unterstufe
7.1.
Grundschule Unterstufe
7.1.
Grundschule Unterstufe
7.1.
Grundschule Unterstufe
7.2.
Grundschule Oberstufe
7.2.
Grundschule Oberstufe
7.2.
Grundschule Oberstufe
7.2.
Grundschule Oberstufe
7.2.
Grundschule Oberstufe
8.
Sekundarschule und/oder Gymnasium?
9.
Meine Freizeit
9.1.
Lesen
9.1.
Lesen
9.1.
Lesen
10.
Beziehungen in der Jugend
10.1.
Beziehungen als Teenager
10.1.
Gibt es unauslöschliche Erinnerungen an Beziehungen aus dieser Zeit?
10.1.
QX Hast du dich gegen deine Eltern und überhaupt Autorität aufgelehnt?
10.1.
QX Warst du schon früh mit Sexualität konfrontiert? Wie? Wie hast du das erlebt und inwiefern hat dies dein späteres (Sexual-)Leben geprägt?
10.1.
QX Hattest du schon früh eine Freundin/einen Freund? Wie war das damals?
10.1.
QX Hattest du jemals ein "gebrochenes Herz"? Oder hast du jemandem das "Herz gebrochen?
10.2.
Beziehungen als Volljähriger bzw. Volljährige
10.2.
Beziehungen als Volljähriger bzw. Volljährige
11.
Meine besten Freunde bzw. Freundinnen
12.
Lehr- und Wanderjahre
13.
Universität, Hochschule
14.
Arbeiten
14.1.
Beruf oder Berufung?
14.1.
Beruf oder Berufung?
14.1.
Beruf oder Berufung?
14.1.
Beruf oder Berufung?
14.1.
Beruf oder Berufung?
14.1.
Beruf oder Berufung?
14.1.
Beruf oder Berufung?
14.2.
Unternehmensgründung
14.2.
Unternehmensgründung
14.3.
Berufliches auf und ab
14.3.
Berufliches auf und ab
14.3.
Berufliches auf und ab
14.3.
Berufliches auf und ab
14.3.
Berufliches auf und ab
14.3.
Berufliches auf und ab
14.4.
Arbeit, Familie und Freizeit
14.4.
Arbeit, Familie und Freizeit
14.5.
Arbeitskollegen ? Vorgesetzte ? Vorbilder?
14.5.
Arbeitskollegen ? Vorgesetzte ? Vorbilder?
14.5.
Arbeitskollegen ? Vorgesetzte ? Vorbilder?
15.
Eheleben
16.
Kinder
17.
Lebensfreude
18.
Worauf ich stolz sein darf
19.
Reue
20.
Gutes Leben im Alter
21.
Geschwister gestorben
21.1.
Einer meiner Brüder
21.2.
Meine einzige Schwester
22.
Ausblick
23.
Jugend heute
23.1.
Digitale Kinder
24.
Religiosität
25.
Nachgedanken
25.1.
Wiederkehrende Träume
25.1.
Wiederkehrende Träume
25.1.
Wiederkehrende Träume
25.1.
Wiederkehrende Träume
Die Aufzeichnungen sind Zeitdokumente. Ich widme sie den Geschichts- und Gesellschafts-Forschern.
1
Erste Erinnerungen und Kindheit
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit
Meine erste eigene Erinnerung war folgende: Meine Mutter setzte mich auf die weiss gestrichene Wickelkommode und zog mir die Schühchen an, was bedeutete, dass man draussen spazieren ginge. Nur von meiner Mutter wusste ich, dass ich dazu "Schulia" gesagt hatte, was so viel hiess wie Schuhe anzuziehen und aus dem Haus zu gehen. Meine eigene Erinnerung war, dass mir die Waden über der Kommodenkante in die Breite gedrückt wurden, wodurch sie sich schauderhaft verformten.
 
Bei der nächsten Erinnerung  war mein Bruder schon geboren und besass, obwohl noch ein Baby, ein kleines Blech-Spielzeug-Auto. Dieses nahm ich mit in den Hof des Wohnblocks (Fluntern, Zürich). Ein gleichaltriges Mädchen mit dunklen Locken kauerte zu mir nieder und entwand mir das Auto. Ich weinte oder schrie, meine Mutter holte mich rein und fragte, was passiert sein. Ich wusste die Worte dafür nicht. Von meiner Mutter weiss ich, dass sie mich damals schon mit Einkaufszettel in den kleinen Laden um die Ecke kleine Einkäufe tätigen liess. Selber weiss ich es nicht mehr, hatte mir wohl keinen grossen Eindruck gemacht.
 
 
Was weisst du über deine Geburt?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Was weisst du über deine Geburt?
Ich war das erste Kind meiner Eltern, aber nicht das erste  Enkelkind der Generation. Das nächste Spital war das "Sanitas". Dort waltete Gynäkologe Dr. Marius Meng. Der dirigierte auch das Streichorchester, wo mein Vater Geige spielte. Man meinte nun, es wäre die beste Option, mit dem weit herum bekannten Arzt und Dirigenten die Geburt abzuwickeln. 
Die Wehen begannen abends am 20. März 1950. Der Dirigent hatte keine Lust, die Nacht mit einer Geburt - und dann noch mit der Erstgeburt einer 29-jährigen - zu verbringen, auch wenn es das Kind eines Orchester-eigenen Geigers war. Von Beruf war mein Vater aber Ingenieur, Musik war Hobby.
 
Um die Wehen zu stoppen, wurde ein Medi wie Spasmo-Cybalgyn verschrieben - und auch eingenommen. Am nächsten Morgen im Sanitas wollte man die Geburt wieder zum Laufen bringen. Merke: Schon 1950 wollte man sich natürliche Abläufe zurecht biegen. Es wurde ein Murks. Abends um 19 Uhr wurde ich irgendwie auf die Welt geholt und mir dabei versehentlich den Kiefer ausgehängt, worauf meine Mutter mich die ersten 2 Tage gar nicht zu sehen bekam.
 
Dann war ich trinkfaul und nahm ab statt zu. Die Frau der Mütterberatung wusste keinen Rat. Eine Tante riet meiner Mutter: "Komm, wir geben dem Kind mal etwas Schwarztee, damit es wach wird". Sie flössten mir einen Teelöffel davon ein, nach einer Weile begann ich mit Armen und Beinen zu rudern und dann auch endlich an der Brust zu trinken. Von da an verlief mein Leben so wie es sich gehörte und ich gesund aufwachsen konnte.
 
Mir bleibt aber der Verdacht, ich hätte während dem "Murks" mal zu wenig Sauerstoff bekommen, denn ich habe Mühe mit Konzentration, das heisst, während dem Klavierspielen merke ich jeweils, wie ich kaum eine ganze Seite (leicht bis Mittelstufe) fehlerlos spielen kann, dann kommen unerklärliche Aussetzer, die mich stolpern oder absetzen lassen. Ich meinte, mit Üben bekäme ich das hin, tat es aber nicht. Mit meinem angeborenen pragmatischen Charakter machte es mir aber nicht wirklich etwas aus. Eine Karriere hätte ich eh nicht angestrebt, wegen der extremen Überei. 
 
Der Sauerstoffmangel hatte mir auch das Rechnungszentrum im Hirn etwas beeinträchtigt, und ein anderes Hirnteil, welches für Glaube und Aberglaube, Zauberglaube und Esoterik zuständig war, komplett abgewürgt. Darüber bin ich froh. Ich möchte gar nicht "solches Zeug" glauben müssen.
 
Mein ein Jahr später folgender Bruder war auch noch im Sanitas geboren worden, da beleidigte eine Hebamme meine Mutter, in dem sie sie wehleidig nannte. Die restlichen 4 Geschwister kamen zu Hause auf die Welt unter der Regie der Hebamme Huber mit den rot gefärbten Dauerwellen-Chruslen. 
 
Von da an waren Geburten eine nächtliche Unterbrechung ohne irgendwelche Zwischenfälle, obwohl meine Schwester eine Sturzgeburt war, einer die Nabelschnur um den Hals hatte, und einer total quer lag, es ihn dann aber durch die starken Wehen zusammenklappte und in die "normale" Steisslage drehte. Solche Details schadeten den Kindern nicht. Manchmal hörte ich in der Nacht die Tiefe Stimme der Hebamme, am Morgen lag das Neugeborene in der Zeine. (Wäschekorb)
 
Der spezielle leicht blumigen Geruch stillender Mütter ist mir heute noch in Erinnerung, besonders da ich bei mir selber diesen Duft ebenfalls in der Anfangsphase des Stillens bemerkte. 
 
 
 
 
  
Wie sind die Eltern auf deine(n) Vornamen gekommen? Haben deine Eltern gut gewählt?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Wie sind die Eltern auf deine(n) Vornamen gekommen? Haben deine Eltern gut gewählt?
Als Knabe hätte ich Benedikt geheissen. Das hätte mir gefallen, diesen Namen habe ich auch als Zunamen für eines meiner Kinder gewählt. Als Mädchen entschieden sich beide Elternteile spontan für "Gisela", weil drei verschiedene Vokale darin enthalten seien. Ich kann mich bis heute nicht mit diesem Namen anfreunden. Penelope, Pamela und Gisela, diese 3 Namen finde ich die schrecklichsten. Ich hatte nicht mal einen Zweitnamen bekommen wie sonst meine übrigen Geschwister. 
 
 
 
Hattest du auch Übernamen?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Hattest du auch Übernamen?

Meine Eltern riefen mich immer mit dem ganzen korrekten Namen mit allen 3 Silben. In der Schule wurde ich sofort zur Gisle, aber nicht zur Gisi. Es war mir eh egal, wer mich wie nannte. Jemand sagte mal zu mir - da war ich sicher schon in der Sek - "Giseli, machsch es Biseli is Wiseli?" Das entlockte mir aber nur ein leichtes Lächeln. Als ständiger Übernahme war das Gedicht eh viel zu lang.

 

 

In was für eine Zeit wurdest du geboren?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

In was für eine Zeit wurdest du geboren?
Kommentar: Interessant, dass im "aufgeschlossenen" Zürich in den 1950er Jahren offenbar die gleichen Moralvorstellungen vorherrschten wie im "schwarzen" St. Gallen.
 
Aus Basel weiss ich noch schlimmeres aus jenen Zeiten: eine Bekannte gebar ein Kind in einem Heim für Mütter in Not (oder so etwas). Die Schwestern wollten ihr die Brüste mit Kampfer einreiben und sie abbinden. Sie wehrte sich dagegen, sie wolle stillen und nicht teure Säuglings-Pulvernahrung kaufen. Ihr war rüber gebracht worden, dass Brüste etwas Schmutziges seien, die dürfe man nicht entblössen, auch nicht zum stillen, das bringe die jungen Mütter nur auf unkeusche Gedanken.
 
Das hat wohl auch mit den Umstandskleidern zu tun, welche einen Schwangerschaftsbauch verstecken sollten. Sah man eine Schwangere, dachte man automatisch, diese Frau hat Sex gehabt, die ist befleckt und unrein, die hat sich nicht gewehrt, als ein Unhold über sie herfiel.
 
Ich vermute, dass Schwangere in höheren Gesellschaftsschichten während der Zeit, als man den Bauch sehen konnte, zuhause blieben. Schwangere draussen mochten arme Bauernmägde und Fabrikarbeiterinnen gewesen sein, die ausser Haus gehen mussten. Auf alten Bildern sind Schwangere bis fast zum Baunabel runter eingeschnürt, und der Bauch quoll darunter hervor, war aber im weiten Rock unter den vielen Falten nicht schlüssig zu identifizieren. 
 
In alten Hebammenbüchern findet man Zeichnungen, wie die Gebärende im Bett liegt oder auf dem Gebärstuhl sitzt, die Hebamme greift unter die vielen Lagen von Röcken und holt dort das Neugeborene hervor oder hilft dazu. 
 
Ich frage mich, was der Grund für die Prüderie war. Es sieht doch danach aus, als wolle der Staat und/oder die Religion alles Sexuelle abklemmen. Wozu?
 
Sollte es weniger oder keine Kinder mehr geben? Womit wollten dann die Kriegsherren ihre Kriege führen, wenn kein Nachschub geboren wurde?
 
Oder sollte verhindert werden, dass arme Leute sich vermehrten? Dabei waren das doch die billigen Arbeitskräfte, welche die schwere Dreckarbeit verrichteten, wozu sich die Reichen zu gut waren.
 
Wollten die Leute, egal welchen Standes, sich sexuell betätigen, dann taten sie das eh. Ausserdem gibt es asexuelle Menschen, die wollen das gar nicht. Die Prüderie hatte also überhaupt keinen Einfluss auf das sexuelle Verhalten. 
 
Das einzig positive daran war, dass man gegen diese Gesetze verstossen konnte oder als Liebende Strategien wie Schwerverbrecher ausklügeln musste, um zusammen zu kommen. Von daher liess sich in tausendseitigen Liebesromanen Martyrien und Kämpfe schildern, welche Verliebte durchstehen mussten/wollten. Das schweisste sie eng zusammen. Liebe ohne geringste Hindernisse könnte eventuell schneller abflauen, da so ring verdient. Ich weiss es aber nicht wirklich, das ganze ist mir ein Rätsel. 
 
 
In was für eine Zeit wurdest du geboren?
 
1950 war schon eine Weile nach dem Krieg. Die Wirtschaft wurde mit Hilfe der Italienischen Gastarbeiter aufgebaut mit Strassen und Fabriken und der vielfältigen Infrastruktur. Meine Familie lebte im guten Mittelstand, so wie ich es empfand, andere meinten, wir wären eher arm gewesen, da Wintermäntel Occasion von Privat abgekauft und Haare selber geschnitten. Ich fand uns eher reich, weil immer ein Auto vorhanden war, wir im Einfamilienhaus mit Garten ringsum wohnten und jedes Jahr in die Ferien verreisten, abwechslungsweise in die Bündner Berge oder in Italien ans Meer. Im Garten hatten wir Obstbäume, aber keine Gemüsebeete, das lohnte sich nicht, Gemüse war im Laden zu billig, als dass Mütter sich dafür abrackern sollten. Der Gärtner von nebenan mähte regelmässig die Wiese (kein Rasen) und schnitt nach Bedarf die Obstbäume.
 
Ob mein Wintermantel aus dem Jelmoli oder aus der Epa oder als gebrauchte Occasion stammte, war mir so egal wie sonst kaum etwas. Was mich ernsthaft nervte, war die Haare-Schneiderei. Immer Pagenschnitt mit viel zu kurzen Stirnfransen. Erst ab 12 gelang es mir, mich wirksam zu wehren und die Haare wachsen zu lassen.
 
In dieser Zeit ging es - so viel ich weiss - den meisten Leuten finanziell recht gut, man fühlte sich auch in Sicherheit, logisch, der Krieg war vorbei und Vergangenheit. Was dieser Entwicklung zu mehr Freiheit entgegen stand, war die Moral: Kein Zusammenwohnen oder auch nur Schlafen vor der Ehe! Als meine Patentante als Verlobte zu Besuch kam, musste ihr Bräutigam auswärts in einem Hotel nächtigen !!!! Ich selber wurde übrigens akkurat  9 Monate nach der Hochzeit geboren. Waren mein Bruder und ich bei der Grossmutter in den Ferien, setzte sie uns mit samt Unterhosen in die Badewanne. Wir wussten nicht warum, Hauptsache, man konnte Luft in die Hosen einsperren und dann drücken, und dann blubberte die Luft gewaltig aus dem Wasser!
 
Heim oder Kinderheim waren Droh-Worte wie Samichlaus mit der Fitze. Meine Eltern gaben uns Kinder nicht mal in ein Schulferienlager, weil sie meinten, da müssten wir irgendwelchen Mangel erleiden oder würden zu hart angepackt. Mir war es einerlei, ich wusste mich eh immer zu beschäftigen, entweder allein oder mit den Geschwistern. 
 
Ich ging natürlich nicht unberührt in die Ehe, erwog sogar das erste Kind "zufällig" zu bekommen (von einem Freund, der mich nicht mehr so richtig wollte, schon gar nicht heiraten) und mit einer Kollegin aus Genf eine Wohngemeinschaft zu bilden. Obwohl ich wollte, wurde ich nicht schwanger. Wenig später schwante mir, dass Kinder einer ledigen jungen Mutter weggenommen werden könnten. Das hätten meine Eltern sicher verhindert, aber es galt damals als "Schande" ein uneheliches Kind zu bekommen. Drum heirateten mein nächster damaliger Freund und ich auch bald. Ich war 22, er 21. Ich wurde sofort schwanger und auch immer wieder, wenn ich das wollte. 
 
Wie Schwangerschaft und Geburt eines Kindes überhaupt je als Schande gelten konnte, werde ich nie verstehen.  
 
Die ganze Grausamkeit dieser Heim- und Verdingkinder kam erst viel später, also erst vor wenigen Jahren ans Licht. Das war eine ganz schreckliche und schreiend ungerechte Zeit für einen Teil der Menschen. Ich hatte Glück gehabt, aber man kann sich nicht aussuchen, wohin man geboren wird. Dessen bin ich mir immer bewusst, und ich verabscheute schon von Kind auf jeglichen Standesdünkel. In eine gute Familie hinein geboren zu werden ist kein eigener Verdienst. 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Was ist deine erste eigene Erinnerung an dein Leben?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Was ist deine erste eigene Erinnerung an dein Leben?
Als ich fünf Jahre alt wurde, man mir das erklärte, auf dem Geburtstagskuchen fünf Kerzen anzündete, wurde ich mir meines Lebens richtig bewusst. Ich meinte auch lange Zeit, dass ich mich seither an jede Minute des Lebens erinnern könne.
 
Welche andern frühen Ereignisse hast du nicht vergessen?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Welche andern frühen Ereignisse hast du nicht vergessen?
Bei uns passierten keine schlimmen Unglücke oder Krankheiten. Darum waren bleibende Ereignisse nebst Geburten von Geschwistern, Cousins und Cousinen und Nachbarn meistens Todesfälle greiser Verwandter. Es war die Zeit, als man mir einbläute, nicht ohne auf Autos zu achten über Strassen zu rennen, weil man unters Auto kommen könnte und dann tot sei. Ich stellte mir das bildlich vor. Liegt man am Boden und ein Auto fäht darüber, ist man platt gewalzt wie ein Blech oder ein Blatt Papier.  Das ist gestorben und tot.
 
Als eine Grosstante starb, hörte ich meine Mutter dem Vater berichten, die Tante Rosi sei am Schreibtisch gesessen und habe gerade begonnen, einen Brief zu schreiben, "Liebe Maria.." nicht viel mehr, dann hatte sie einen Herzschlag erlitten und war gestorben. Man fand sie steif am Schreibtisch mit etwas gesenktem Kopf. 
 
Vor meinem Augen sah ich das Bild von ihr, wie sie am Schreibtisch sass, aber weil tot, flach wie aus Karton ausgeschnitten. Komisch. Wie konnte sie so flach werden, ohne dass ein Auto über sie drüber gefahren war? Aber flach, das bedeutete tot. Erst wenn man flach wird oder ist, stirbt man. 
 
 
Was hat man dir von deiner Taufe erzählt?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Was hat man dir von deiner Taufe erzählt?
Eine Taufe war danach eine Seite oder zwei mit Fotos davon. Als mein zweitjüngester Bruder anno 1957 geboren wurde und meine Grosseltern zur Taufe angereist waren, lobe mich das Grossmueti, dass ich als Älteste so gut aufpasse auf meine drei jüngeren Geschwister. Ich korrigierte, ich hätte nun vier Geschwister. Da sagte sie: "Der zählt noch nicht!" Sie lebte noch in der Zeit, als lebend geborene Säuglinge noch lange nicht zuverlässig am Leben blieben. 
Welche Rolle spielten in deinem Leben deine Patin und dein Pate für dich?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Welche Rolle spielten in deinem Leben deine Patin und dein Pate für dich?
Von den Paten bekam man zu Weihnacht und Geburtstag regelmässig Geschenke, später "Göttibatzen" und wir Patenkinder schrieben Dankesbriefe. Beide Seiten freute es.  Sonst waren sie wie die übrige Verwandtschaft. Wir kamen immer gut aus mit all den Onkeln und Tanten usw. Eine religiöse Bedeutung hatte es nicht. Auch die, dass Kinder nach dem Tod der Eltern zu den Paten kommen, war nicht mehr im Vordergrund, weil die Menschen im Gegensatz zu früher nur noch selten starben wenn die Kinder noch kleiner waren; erst recht, dass gleich beide wegstarben.  
Falls du Geschwister hattest, wie haben sie dich aufgenommen?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Falls du Geschwister hattest, wie haben sie dich aufgenommen?
Ich habe keine älteren Geschwister. Sie kamen als Brüder 1951 und 1953 zur Welt, 1954 meine Schwester, 1957 und 1963 meine jüngsten Brüder. Ich freute mich immer auf Geschwister, besonders als ich 1957 kein Kleinkind mehr, sondern in der ersten Klasse war. Da checkt man schon alles bis ins Detail. Zwar wünschte ich mir noch eine weitere Schwester, aber schliesslich freut man sich über das, was geboren wurde und wollte es nicht mehr hergeben. Ich genoss die Zeit mit den kleinen Brüdern, half füttern und wickeln, an- und ausziehen und schaute ihnen ganz einfach gerne zu, wie sie herum fegnesteten. Ich konnte es kaum erwarten, eigene Kinder zu haben. 
Wie gross war dein erstes Zuhause? Erinnerst du dich an die einzelnen Räume?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Wie gross war dein erstes Zuhause? Erinnerst du dich an die einzelnen Räume?
Das  Haus war ein mittelgrosses Einfamilienhaus in einem Einfamilienhaus-Quartier in Züri-Örlikon, mit zwei hohen Zedern als Portal, Hortensienbüschen und Quittenbaum, auf der andern Seite mit Johannisbeerbüschen. Die Räume waren hoch und hell, alles grosszügig bemessen, Wohnküche, Stube, Büro und ein angebautes Musikzimmer mit Terrasse obendrauf und Luftschutzkeller darunter. Man fürchtete damals den Chruschtschowischen Atombomen-Angriff. 
 
Ein langer Flur diente zum hin- und herrennen. Die blank gewienerte Holztreppe in den oberen Stock zu drei Schlafzimmern und Badezimmer hinauf benutzten wir als Schlittelbahn. Die nächste Treppe war mit einer Tür abgetrennt, damit im Winter nicht zu viel Wärme in den Estrich hinauf entwich. Diese Treppe war aus dunklem Holz und nicht so hochglanzpoliert. Vielleicht war sie deshalb hinter einer Tür versteckt, keine Ahnung. Im Treppenhaus gaben Fenster mit buntem Glas viel Licht. Das gefiel mir besonders. 
Ein Schlafzimmer war das Elternzimmer, dann hatten wir ein Bubenzimmer für die Brüder der Jahrgänge 51 und 53, und ein Mädchenzimmer für meine Schwester und mich. Als die Nachzügler ankamen, dislozierte ich ins Mansardenzimmer hinauf. Mein liebstes Spiel war, von zuunterst beide Treppen hochzuklettern ohne den Flurboden und die Treppenstufen zu berühren. Ich war ein dünnes und gelenkiges Kind, da machte komplizierte Kletterei einen Riesenspass. 
 
Die Fenster waren hoch und grossflächig mit Vorfenstern für den Winter und grünen Holzjalusien gegen heisse Sommersonne. Jeden Freitag kam eine Reinigungsfrau von Morgens bis abends und speiste auch mit uns zu Mittag. Die Wände waren mit Tapeten beklebt. Die Dessins waren abstrakt, kleine Wölklein oder Würmlein. Bei Langeweile suchte man Figuren darin und fand sie auch. Flure und Treppenhaus waren mit weissem Gips bespachtelt. 
 
 
 
 
Wie sah dein Zimmer aus? Hattest du ein eigenes?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Wie sah dein Zimmer aus? Hattest du ein eigenes?
Mein Mansardenzimmer hatte ich für mich allein. Von Natur aus Sammlerin aller möglichen Materialien zum Basteln, hatte ich Mühe mit Ordnung. Wenn mir gesagt wurde, ich solle aufräumen, damit man mal staubsaugen könne, fing ich zwar an damit, verzettelte mich aber immer in den Fotos und Bildern, Büchern und Schallplatten, Kleidern und Puppenkleidern und Schulsachen, Radio, Kerzen, Zündholzschachteln, Schuhschachteln, Papeteriezeug, Fasnachtspistole, Efeu-Topf, Giesskännchen dazu, was auch immer. Lauter wichtige und brauchbare Dinge. Auch ein selbst genähtes Stoffsäcklein, worin ich 1000 abgezählte weisse Kieselsteine aufbewahrte. Statt aufzuräumen begann ich mit den Schätzen zu basteln oder wenigstens zu planen, was ich daraus kreieren wolle. 
 
Zwei alte Gitarren meines Grossvaters lehnten an der Wand. Später kam ich zu einer Balalaika, und ich fand, es wäre hübsch und originell, diese Instrumente an einer Schnur aufzuhängen. Ich knüpfte Lederriemen (aus irgend einem Estrich der Vorfahren) zusammen, befestigte sie am Kleiderschrank, führte  sie quer durchs Zimmer übers Bett und montierte sie an der gegenüberliegenden Wand. Die Riemen hatten einen ca. 45°-Winkel zum Schrankspiegel. Trat man zur Tür herein, sah man 6 Saiteninstrumente, 3 davon nur im Spiegel. 
 
Als meine Mutter hochging und ins Zimmer trat, hätte sie vor Schreck schier einen Herzschlag erlitten, erzählte sie mir später. Das war natürlich nie meine Absicht gewesen. 
 
Das Bett erbte ich von einer verstorbenen Grosstante. Wuchtig aus dunklem Holz mit Rosshaarmatratze und Steppdecke. Es knarrte laut, wenn ich mich hinlegte oder mich drehte. Das hörte man sicher bis in den nächst tieferen Stock, wo meine Eltern und Geschwister schliefen. 
 
Auch die andern Möbel für Kinderzimmer rekrutierten wir aus aufgelösten Haushalten der Vorfahren. Mir gefielen diese Möbel sehr, je älter desto lieber. Die 30-er-Jahre-Möbel der Eltern fand ich spiessig.  
Gab es ein Fenster, aus dem du besonders gern rausgeschaut hast? Was sahst du?
Seite 13
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Gab es ein Fenster, aus dem du besonders gern rausgeschaut hast? Was sahst du?
Mein Fenster in der Mansarde ging nach hinten hinaus und gegen Süden. Ich sah von da auf die Terrasse runter und in den Garten mit der Turnstange, mit der "Wöschhänki" und dem "Riiitiseil". Nebst Obstbäumen wuchsen am Gartenhag Fliederbüsche. Der Garten hintendran war viel grösser und vor allem länger als unserer. Alles voller Obstbäume. Und noch weiter hinten die nächste Parallelstrasse mit eher kleinen 3-stöckigen Wohnblöcken, wo auch etliche Klassenkameraden wohnten. 
Wenn in Sommerabenden Gewitter aufzogen, verdunkelten zuerst schwarze Wolken den Himmel, dann stürmte es mit eigenartig warmem Wind. Dieser riss die vielen Äste der Bäume herum, und ich war jedes mal völlig fasziniert von der Naturgewalt. Es brodelte nur so, die Zweige und Blätter wurden ringsum gepeitscht, und bevor der Regen einsetzte, begann es nach feuchtem Asphalt zu riechen. Natürlich gab es mächtige Gewitter mit ohrenbetäubendem Donnern und schaurigen Blitzen, aber Angst hatte ich nie, weil meine Eltern uns Kindern erklärt hatten, alle Häuser hätten Blitzableiter, das Regenwasser fliesse in die Kanalisation ab, es könne nichts passieren. Es hatte auch keine Bauernhäuser in der Gegend mit Heustöcken, die in Brand geraten konnten. So genoss ich die Naturschauspiele mit wohligem Schauern und grossem Staunen. 
Weisst du noch, wie die Küche ausgesehen hat?
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Weisst du noch, wie die Küche ausgesehen hat?
Die Küche war eine grosse Wohnküche mit weichem Korkboden, Elektroherd, Elektroboiler und crèmeweissen Einbauschränken. Auf 2 Seiten je ein Fenster. Eines davon direkt über dem Kochherd. Das war der Dampfabzug. Vor diesem Fenster kühlten auch die Wähenbleche mit den gebackenen Wähen aus oder was sonst noch abkühlen sollte. Einen Kühlschrank mit Gefrierfach besassen wir auch. Man soll nichts warmes dort rein stellen, sondern zuerst abkühlen lassen. Der Schüttstein war aus beige-gelblichem Steingut und so gross, dass man eine Waschgelte reinstellen, mit Warmwasser auffüllen und Kleinkinder darin baden konnte. Im oberen Stock war ein normales Badezimmer mit Badewanne, wo wir 4 ältesten Kinder jeden Samstag zusammen ins Wasser gesteckt wurden. Knapp vor der Pubertät wies man uns an, einzeln zu baden. Auch recht, da hatte man mehr Platz und niemand spritzte einem Wasser ins Gesicht oder fitzte einen mit dem nassen Waschlappen.
 
Unter der Küche im Keller war noch die Waschküche, die wurde bereits 1954 mit einer Waschmaschine ausgestattet. Der Trog diente noch als Waschgelegenheit für Männer mit Karrenschmiere an den Händen. Es hatte noch mehrere andere Kellerräume und einen Ausgang mit Treppe in den Garten rauf und natürlich die andere Treppe ins Erdgeschoss hinauf. Das Fenster über dem Waschtrog diente als weiterer praktischer Fluchtweg aus dem Keller. Auf den Waschtrog steigen, sich durch Fensterflügel, Lichtschacht und Abdeckgitter zwängen und schon war man draussen. Und wieder zurück. Das Haus besass somit 3 Ausgänge: Haustür, Kellertreppe und Waschküchenfenster! Ideal für abenteuerliche Räuber- und Poli- Spiele.
 
  
Wie war es draussen? Gab es einen Hof oder einen Garten?
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Wie war es draussen? Gab es einen Hof oder einen Garten?
Alle Einfamilienhäuser jener Strasse hatten einen Garten ringsum in verschiedenen Grössen. Ums Haus führte ein Kiesweg, weiter aussen die Wiese und eine Garage aus Eisenwinkelstangen und mit Schilfwand eingekleidet und Wellblechdach bedeckt , von meinem Vater selbst gebaut. Gartenhäge und Mäuerchen ringsum. Die Wöschhänki mit Gartenplatten belegt. Die Nachbarn hatte noch ein Hühnerhaus mit Hühnern, und ab und zu zwängte sich eines durch den Zaun zu uns rüber, in der Meinung, hier fände man noch etwas besseres. Dafür mussten wir manchmal eine unserer Schildkröten drüben suchen.
 
Die Gärten unterschieden sich: Blumengärten, Ziergärten, Obst- und Beeren-Gärten, Gemüsegärten oder Rasen mit Zierbäumchen.  Wir hatten ein paar Blumen auf der Strassenseite, Obstbäume und Beerensträucher seitlich und hinten raus, dort auch grössere Wiese mit Turnstange. Das hohe Gartentor hing etwas schief in den Angeln. Um es zu öffnen, musste man zwar die Klinke runter drücken, aber gleichzeitig mit dem Fuss das Tor anheben. Das wussten unsere Verfolger (kampfwütige Nachbarjungen) nicht. Natürlich konnte man auch über Mauern und Zäune klettern, aber das brauchte zu viel Zeit. Da waren wir längst woanders hin verschwunden. 
Wohnte noch jemand bei euch?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Wohnte noch jemand bei euch?
Mit einer 8-köpfigen Familie belegt, hatten keine andern Leute mehr Platz. Als ich erwachsen auszog, rückte sofort ein nächstes Geschwister nach, zuletzt hatten die jüngsten Kinder eigene Zimmer. Platz für andere Leute blieb nie. Wenn ich von auswärts zu Besuch kam, schlief ich beim jüngsten Bruder im "Büro" (Zimmer mit Schreibtisch, wo mein Vater die Administration der Familie besorgte, enthielt ausserdem Bücherschränke und Liegebett für Mittagsschläfchen, zuletzt Kinderschlafzimmer). 
Erinnerst du dich an deine Spiele? Was oder womit spieltest du/spieltet ihr besonders gern im Haus oder im Freien?
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Erinnerst du dich an deine Spiele? Was oder womit spieltest du/spieltet ihr besonders gern im Haus oder im Freien?
Wir spielten mit Puppen und Autos, Mecano mit Schräubchen, und Matador-Holzklötzchen mit Verbindungsstäbchen. Alle durften mit allem spielen, aber wir Mädchen wollten von selber die Puppen und Puppenstuben, und die Buben die Autos und technisches Zeug. Wir zeichneten und malten auch sehr viel und machten Scherenschnitte und Papierfaltspiele, hauptsächlich Papierflieger, übten Musikinstrumente, und dann, endlich: kamen die Legos, das ultimative Spielzeug. Wir bauten damit wie wild Häuser, bekamen auch immer neue Teile. Später folgte die Lego-Technik. Kinder entwickelten sich damit zu Ingenieuren. Physik in der Schule war nur noch Repetieren.
 
Auf den Pausenplätzen in der Schule schwangen wir das Schwingseil und die andern sprangen hindurch, von vorne oder von hinten oder man rannte durch, ohne springen zu müssen. Erst später kam Gummitwist auf. Es gab viele Anzählverse, um ein Spiel zu beginnen. Fangis war einfach und effektiv zur Energie-Verpuffung. Wusste man nicht was spielen, einigte man sich auf Fangis. Oder auf Hochfangis. Dann durfte man nur gefangen werden, wenn man auf dem Boden stand. Auf Mäuerchen, Geländern, Garteneinfass-Steinen etc. war man geschützt. Auf Schulwegen war das besonders interessant. Ich schaffte fast den ganzen Schulweg (ausser den Strassenüberkreuzungen) auf Gartengrenz-Steinen und an Holzzäunen und Fenstersimsen hangelnd. 
 
Kleine bunte Gummibälle waren sehr beliebt. Man konnte sie problemlos überall hin mitnehmen. Der Nervenkitzel bestand darin, den Ball nicht zu verlieren, denn die Gummisprungkraft war enorm. Da verschwanden die Bälle in hohen Dachkänneln, über Bäume und versanken in Blumenrabatten, wo man sie erst im Spätherbst wieder fand, dann allerdings brüchig von Wind und Wetter, von Regen und Sonne. Und wie erst gestritten wurde, weil jeder meinte, der andere habe ihm seinen Ball geklaut!
 
Meine Puppe hatte lange Haare, die kämmte und zöpfelte ich ausgiebig und frisierte und kämmte wieder, bis sie fast keine Haare mehr hatte. Da liessen meine Eltern eine neue Perücke aufkleben. Als ich sah, wie die Haare wieder weniger wurden, hörte ich zu kämmen auf, denn ich wollte unbedingt eine Langhaarpuppe haben. Mein Schwester hingegen schöppelte ein sogenanntes Gummibäbi. Dieses konnte man baden, das Wasser wieder rausdrücken, und füllte man das Wasser eines Schöppchens über den Mund rein, sickerte das Wasser durch den hohlen Gummikörper und floss in eine kleine Puppenwindel, welche die Puppenmutter dann zum trocknen aufhängte und wieder neu wickelte. 
 
Da ich meine jüngsten Geschwister geschöppelt, gefüttert, gewickelt und spazieren gefahren hatte, verspürte ich keine Lust, das Gummibäbi zu betreuen. Dieses war ja nur aus Gummi! Die Nahrung nur Wasser, alles gar nicht wirklich. Mich faszinierten nur die richtigen Menschenkinder und lebenden Tiere statt Plüschtieren. 
 
Mit Jasskarten spielte ich nur Schnappis. Die Jassregeln wusste ich zwar, aber ich hasste das Spiel, fand es langweilig, und die richtige Karte zu wählen stresste mich, denn der gegenübersitzende Spieler war ja der Partner, und der konnte furchtbar enttäuscht werden. 
 
Würfelspiele langweilten mich ebenso, aber ich mochte Strategiespiele wie Schach, Halma, und Mühle, im Laufe der Jahrzehnte kamen Riversi und Vier-gewinnt hinzu. Monopoly spielten wir auch, liehen aber einfach Geld von der Bank, anstatt etwas zu verpfänden, wenn uns das Geld ausging. Natürlich kauften wir prinzipiell alles, was wir erwischten, auch ohne Geld, denn das hatte ja die Bank, und wir schrieben einfach die Schulden auf, ohne sie ernsthaft je wieder zurückzahlen zu wollen. So konnten die Spielrunden ganze Nächte dauern. Wenn das Spielgeld ausging, zeichneten wir neues. Dafür war das Spiel allerdings nicht gedacht. Zum Glück redete uns niemand rein und wir konnten geschäften wie wir wollten.
 
Gameboys und andere Compi-Spiele und Tablets gab es noch lange nicht. Das bedeutete aber nicht, dass wir nichts zum Spielen gehabt hätten. Mit Schnurspielen vertrieben wir uns viele Zeit, und dann kamen die "Zieh-Hefte" in Mode. Das waren alte illustrierte Zeitschriften, jedenfalls Hefte. Jede Seite wurde um die Hälfte eingeschlagen, also umgefaltet. Dadurch entstanden inwendig Fächer. In diese hinein legte man Bildchen. Das konnten Schokolade-Sammelbildchen sein, oder ausgeschnittene Reklamebildchen. Bunte Hochglanzbildchen waren am beliebtesten aber auch am seltensten, die meisten Kinder hatten nur lausige Zeitungsbildchen mit Reklame von Abwaschmitteln und Haarshampoo drauf. Auch nicht oft traf ich auf Schauspieler-Kärtchen von Lilo Pulver, Sofia Loren, Gina Lollobrigida, Horst Buchholz, Paul Hubschmid und Konsorten. Keine Ahnung wo man die herbekommen konnte. Am Kiosk? Es interessierte mich nicht wirklich. 
 
Jedenfalls brachten wir Mädchen diese Ziehhefte in die Schule mit, und in den Pausen hielten wir einander die Dinger hin, man durfte irgendwo öffnen und das Bildchen daraus nehmen, es eventuell behalten oder auch nicht. Oft wurden Bildchen getauscht oder sonst wie gesammelt.
 
Wir hatten keine Händys. Aber jeder hatte zuhause einen Festanschluss, und draussen warteten an jeder Ecke Telefonkabinen, oft mehrere nebeneinander. Wir hatten genau gleichviel telefoniert wie die Kinder heute, einfach nicht mit Händys. Die Telephonie damals hatte einen ungeheuren Vorteil: Man konnte anrufen wen man wollte, fand alle Telefonnummern im Telefonbuch, ausserdem wusste der angerufene nicht, wer dran war und konnte es auch nie rausfinden.  Gingen meine Eltern am Samstag abend ins Kino (TV war noch nicht) stritten wir Kinder unterdessen nicht, sondern wir machten Telefönlis. In einem Laden 50 kg Kartoffeln vor die Türe von jemand anderem hin zu bestellen war nicht unser Ding. Schaden anrichten wollten wir nicht, auch wenn es nie ausgekommen wäre. Es soll welche gegeben haben, die solches taten. Unsere Telefonate gingen zum Beispiel so: Wir riefen einen Heizungsmonteur an und behaupteten, die Ölheizung sei kaputt, ob er schnell kommen und reparieren könne (am Samstag abend !!!) Der Monteur fragte dann, ob dies und das noch funktioniere oder nicht mehr und gab sich alle Mühe, uns durch die Geheimnisse des Ölbrenners zu navigieren, und schliesslich sagte mein Bruder am Telefon: "Sie, jetzt sehe ich gerade, dass da Wasser von der Decke runter tropft, auf die Heizung runter! Ist es das, was die Heizung kaputt gemacht hat?"
 
Der Monteur erschrak, was denn das sein könne, also der Heiztank könne deswegen eigentlich nicht kaputt gehen, aber das Wasser müsste ja von irgendwoher auslaufen, das klinge also nicht gut. Man möge schnell nachschauen, woher das Wasser komme. 
 
Mein Bruder erzählte mit stoischer Mine, während wir andern uns die Nase zuhielten um nicht losprusten zu müssen: "Wissen Sie, im oberen Stockwerk, genau über der Heizung, da haben wir das Schlauchboot von den letzten Ferien gelagert. Es hatte allweg noch Wasser drin, und das läuft jetzt aus und tropft durch die Decke auf die Heizung runter. Was sollen wir jetzt machen?"
 
Ich weiss nicht mehr, wie das und anderes ausging, denn ich hielt es nicht mehr aus, rannte aus dem Zimmer oder gar aus dem Haus und schrie vor lachen, warf mich auf den Rücken und zappelte mit den Beinen in der Luft, derart amüsierte es mich. 
 
Oder wir liessen 2 Nachbarn auf einander los. Der eine hatte Gäste mit etwas Gelächter und Musik bei offener Balkontür, aber nicht wahnsinnig laut. Ein anderer Nachbar weiter hinten hatte freie Sicht auf dessen Haus, konnte aber aus dieser Distanz sicher nichts hören, schon gar nicht durch geschlossene Fenster. Er war aber als Reklamierer bekannt, der dauernd lästerte, was die Leute alles machten, was sie nicht durften. 
 
Wir telefonierten in dessen Namen in die Privatparty rein, es wäre so laut, wir könnten nicht schlafen, ob er etwas leiser machen könne oder die Balkontüre schliessen. Der Partymann entschuldigte sich sofort, das tue ihm schrecklich leid, er werde selbstverständlich sofort die Balkontüre schliessen. Wir sahen ihm zu, wie er die Tür schloss. Nach einer weile riefen wir ihn wieder an, es sei immer noch laut, ob er nicht die Türe zumachen  .....  Der andere: Die Tür sei zu, und es sei gar nicht wirklich laut etc. Wir behaupteten seelenruhig,  seine Türe sei aber offen. Wir sahen hinter unseren Vorhängen durchs Fenster, wie der Nachbar auf den Balkon trat und zum fraglichen Nachbarn hinüber schaute, ihm winkte, aber der war gar nicht draussen, auch kein Licht in seinem Haus. Tags darauf wollte er sich entschuldigen, aber der andere wusste von nichts. 
 
Das kann man leider heute nicht mehr spielen, dafür erledigen das die Profis, rufen Geschäfte an und veralbern sie und liefern die Aufnahmen davon an Radiostationen, heute ins Youtube. 
 
     
 
 
 
Was für Bücher gab es in deiner Familie? Durftest du sie anschauen?
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Was für Bücher gab es in deiner Familie? Durftest du sie anschauen?
Meine Mutter entstammte einer Buchhändler-Familie und erbte folglich die Hälfte der dort noch vorhandenen Bücher. Mich interessierten nur Bilderbücher und Märchenbücher. Ein kleiner Teil der Bücher befand sich im Büro, der grössere Teil im Estrich. Meine Mutter las gerne neue Romane und Zeitschriften. Als junges Mädchen hatte sie sich in der Buchhandlung selber "aufgeklärt" mit diesen Büchern für das Fräulein oder den Jüngling. Das war ihren Eltern gerade recht. Das Thema war eben oberpeinlich. Das ist es sogar heute noch, weil manche Kinder nicht mit den Eltern über Sex sprechen wollen. Das hatte man halt davon, wenn die Kinder nichts derartiges zu hören und zu sehen bekamen. Ich fiel als Kind aus allen Wolken, als ich erkannte, dass das nicht nur die Halbstarken hinter den Büschen tun, sondern alle Eltern von Kindern, und ohne das kommt man nicht zu Kindern. Ich hatte gemeint, die beginnen einfach so von Zeit zu Zeit im Uterus zu wachsen und werden dann geboren.
 
Im katholischen Religionsunterricht wurde uns 13-jährigen Schülern auseinander gesetzt, was Unzucht sei. Denn es war eine Sünde, drum mussten wir das wissen, um nicht in die Hölle zu kommen. An Details erinnere ich mich nicht, aber daran: Wenn man zuhause bei den Eltern Bücher und Hefte finde mit nackten Menschen darin, dann sei das Unzucht und Sünde, dann sollten wir solche Hefte und Bücher soffforrtttt und ohne zu fragen in den Güselkübel schmeissen.
 
Da erinnerte ich mich an ein Buch im Estrich mit wunderschönen farbigen Bildern auf jeder der 200 Seiten. Es war eine Gemälde-Sammlung oder ein Gemälde-Katalog. Renaissance bis ca. 1930. Da waren sehr viele Leute abgebildet mit diesen seiden schimmernden Gewändern und Umhängen, die viele Falten warfen. Landschaften, Tiere, Stilleben und alte Schlösser prangten um die Wette. Sofort fiel mir Rembrandt auf, bei dem die Gesichter und Gegenstände wie Gold aus dem Dunklen leuchteten, und ja, dazwischen kamen auch immer wieder mal nackte Frauen. Sie standen im Wasser oder lagen auf einem Sofa, sassen vor einem Spiegel und kämmten sich die Haare etc. Ich fand, das seien genau so schöne Bilder wie die andern. Dieses Buch warf ich sicher nicht  in den Güselkübel. Der Pfarrer spinnt ja, dachte ich und liess das Buch im Estrich stehen, schaute es manchmal wieder an, alle Bilder, nicht nur die einen oder die andern. Es war aus heutiger Sicht keinerlei Porno darin. Wahrscheinlich hatte der Pfarrer das gemeint mit nackten Menschen.
 
Angst vor der Hölle hatte ich schon gar nicht, obwohl ich oft davon hörte, dass man in die Hölle komme, wenn man sündige, also den Eltern nicht gehorche, mit den Geschwistern streite, wenn man stehle oder töte. Das hatte ich eh nicht im Sinn, und wegen Geschwisterstreit in die Hölle, sicher nicht, dann käme überhaupt niemand in den Himmel. Es tangierte mich gar nicht. Wie gesagt, dieser Hirnteil war bei mir nicht vorhanden, wie bei andern nur eine Niere vorhanden ist oder das Herz auf der andern Seite liegt, oder wie Contergankindern ganze Extremitäten fehlten. Man fand in der Wiese auch komisch zusammen gewachsene oder verkrüppelte Blumen, das sind halt die Launen der Natur oder des Contergan. Oder des Alkohols. Jedenfalls der Genmutationen.    
Erinnerst du dich an Märchen, Gutenachtgeschichten, die man dir erzählt hat? Oder Kinderlieder, die man dir vorgesungen hat?
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Erinnerst du dich an Märchen, Gutenachtgeschichten, die man dir erzählt hat? Oder Kinderlieder, die man dir vorgesungen hat?
Uns wurden sehr viele Grimm- und andere Märchen erzählt und eben so viele Kinderlieder vorgesungen und musiziert. Meine Mutter erzählte schauspielerisch, wir mussten oft lachen, oder es schauderte uns, wenn Rumpelstilzchen der Königin ihr Kind wegnehmen wollte. Eine Geschichte habe ich sonst nie mehr woanders gehört oder gelesen: Die vom Liseli und dem Hühnchen. Es wohnten eine Mutter und ihr Kind, das Liseli, in einem kleinen Haus im Wald, und sie besassen ein einziges Hühnchen, welches ihnen jeden Tag ein Ei legte. Wenn die Mutter arbeiten ging, musste Liseli versprechen, das Gartentörchen immer geschlossen zu halten, damit das Hühnchen sich nicht in den wilden Wald hinaus verirrte.
 
Eines Tages vergass es das Törchen. Das Hühnchen spazierte überall im Wald herum und fand andere Körner und Gräser und Würmchen. Da kam ein kleines Männchen, nahm das Hühnchen mit in sein Haus und sperrte es ein. Dann scharrte das Männchen mit einem Löffel ein kleines Loch in den Boden. Das Hühnchen fragte, warum er das mache. "Damit ich Feuer in der Grube anzünden kann."
 
Das Hühnchen bekam Angst und weinte. Am nächsten Tag trug das Männchen viel Holz herein. Das Hühnchen fragte, was er damit vorhabe. "Dann setze ich die Pfanne auf das Feuer um dich zu braten und zu essen." 
 
Ich weiss nicht mehr alles genau, vielleicht brachte das böse Männchen noch andere Sachen und das Hühnchen fragte danach, und alles diente dazu, das Hühnchen zu braten und zu essen.
 
Die Mutter und Liseli suchten aber das Hühnchen schon lange, und endlich hörten sie es im fremden Haus vor Angst weinen. Sie brachen das Haus auf und nahmen das Hühnchen schnell wieder zu sich heim. Von da an vergass Liseli nie mehr, das Gartentürchen zu schliessen.
 
Ein einfache Geschichte, aber meine Mutter erzählte die wie ein Horror-Thriller.
 
Mit 5 wusste ich weder Buchstaben noch Zahlen, aber die Töne auf dem Klavier. Ich spielte die Melodien der einfachen Kinderlieder, meine Mutter begleitete dazu. Ich wurde eine typische Frau mit den 3 K's: Kinder, Katzen, Klavier.
 
 
Welches waren deine damaligen Medien? Telefon? Radio, TV, Bücher, Comics, Computer, Spielkonsolen, etc.? Gab es Vorschriften deiner Eltern?
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Welches waren deine damaligen Medien? Telefon? Radio, TV, Bücher, Comics, Computer, Spielkonsolen, etc.? Gab es Vorschriften deiner Eltern?
Telefon hatten wir schon immer. Meine Mutter und ihre Schwester telefonierten sich immer vor 8 Uhr morgens, weil es dann billiger war. Ich selber mochte telefonieren nicht, weil ich immer das Gefühl hatte, die Leute damit zu stören. Auf Jux-Telefonate musste ich verzichten, weil ich das Lachen nicht verklemmen konnte. Das Radio lief immer vor dem Mittagessen. Männiglich informierte sich, ob Chruschti schon die Atombomben abschiessen wolle oder noch nicht. Meine Eltern wollten uns Kindern nicht Angst machen, murmelten höchstens leise etwas über die Radionachrichten. Im Nachhinein denke ich, dass sie, nach dem ersten Weltkrieg geboren und direkt in den zweiten hineingewachsen, schon reale Angst hatten. Mir selber schien die Atombombe etwas irrationales. Mein Bruder tröstete uns: "Wenn die Atombombe kommt, sind wir alle sofort tot und merken gar nichts davon". 
 
Einen Fernseher schafften wir uns an als ich ca. 15 war.  Da hatte ich schon bald mal die Marx Brothers gesehen und mich begeistert. An mehr erinnere ich mich nicht vom TV. 
 
Bücher gab es im Überfluss, auch Globi-Bücher und Fix und Foxi. SJW-Hefte und Bildersammelbücher. Micky Mouse erhielten wir in ganzen Beigen als Zweitleser. Meine Eltern lasen Zeitungen und Zeitschriften.  
 
Einen Computer schaffte ich mir 1996 an. Meine Kinder installierten alles samt Drucker und Scanner und Bildbearbeitungsprogramm, damals noch Publisher. Das erste Notenschreibprogramm war capella. Das benütze ich heute noch, allerdings bald darauf in der Profi-Version mit Polyphoner Notensetzung. Ich besuchte nie einen Compi-Kurs, die Kinder zeigten mir laufend alles, was ich wissen wollte. 
 
Bald folgte auch der Internet-Anschluss und e-mail.
 
1965, als es bei meinen Eltern TV gab, brauchte es keine Vorschriften, denn so viel wurde gar nicht gesendet. 
 
25 Jahre später stänkerte die Lehrerin meiner Kinder immer, die Schüler sollten nicht TV gaffen, davon würden sie blöd. Dasselbe sagt man ja jetzt von Händys und Internet. Ich fand, die Kinder dürften jeden Tag eine halbstündige Kindersendung schauen. Das reichte einem davon aber nicht. Auch  2 Sendungen nicht. Ich glaubte nicht, dass man deswegen verblöde oder zu wenig Bewegung bekomme, aber sicher ist sicher, und ich liess durch den Elektriker ein Schloss einbauen. Ich konnte nun die Flimmerkiste abschliessen. 
 
Einmal kam ich vom Einkaufen zurück und hörte in der Stube oben eine Männerstimme. Wer sollte das sein? Die Glotze war ja abgeschlossen! ich rannte in die Stube, aber alle Kinder sassen auf dem Sofa und blätterten in Heften und Büchern. Sie mussten nicht mal das Lachen verbeissen und schauten mich scheinheilig mit Unschuldsblick an. Da knisterte es leise im TV. Das taten diese TV-Röhren von damals, wenn sie abkühlten. Ich griff mit der Hand an die Scheibe, und sie war ganz warm!  
 
"Wie habt ihr den Fernseher angekriegt?" wollte ich wissen. Der Älteste zeigte mir eine Büroklammer, die er halb aufgefaltet hatte. Damit kriegte fast alles auf. Für grössere Schlösser entwendete er mir Stricknadeln und bog die eine Spitze etwas um. Damit schloss er alles auf. Praktisch, wenn ein Schlüssel verloren ging! Allerdings waren die Türen in unserem alten Haus eh alle kaputt, waren verzogen und passten nicht mehr in den Türrahmen, oder das Holz war morsch und die Schlösser konnten einfach raus gezogen werden. 
 
Weil die Kinder das TV-Schloss mit der Büroklammer knackten, war ich die Verantwortung los. Ich liess mich nicht auf Machtspiele ein. Schon gar nicht wegen glotzophonieren. 
 
Wenig später kamen Videofilme und Videogeräte auf. Gleichzeitig waren Brutalofilme das landesgrösste Problem. Da hörte meine Toleranz auf. Grausamkeit duldete ich selbst als fiktive Filme nicht. Die Kinder hatten längst eigene Zimmer im Dachstock und eigene Geräte aus zusammen gespartem Geld von allerlei Jobs. Ich kontrollierte immer, was sie für Filme schauten. meist USA-Spielfilme und Komödien, auch Rocky und Rambo. Die fand ich idiotisch, aber es wurden keine Leute zersägt. Einmal wollte ein Schulkamerad zu meinen Kindern rauf. Der weisse neutrale Plastiksack schien mir verdächtig. Ich fragte, was er da mitführe. Eine Videokassette mit neutralem Umschlag ohne Bild.  Auf dem Rücken stand "Slaughter House". Meine Kinder kamen schon die Treppe runter um den Kameraden an mir vorbei zu schleusen. Ich palaverte: "Solche Brutalos werden hier nicht geschaut, ich bezahle nicht den Strom dafür." Das leuchtete ihnen offenbar ein. Ich bin nicht naiv, ich wusste, dass die Kinder einfach anderswo Filme schauten, für die mich der Strom reute. Es ist jedoch nicht dasselbe, ob im Elternhaus solche Filme zur freien Verfügung herum liegen oder ob man heimlich bei jemand anderem hinter abgeschlossener Tür sowas verbotenes reinzog. Bei einer Familie sollen sogar Pornofilme in der Stube herum gelegen haben.  Ich dozierte meinen Kindern, was ich davon hielt, nämlich, dass die künftigen Freundinnen keinen Spass an dieser Sorte Artistik-Sex hätten, dass die Filme nur alten Säcken dazu diente ... etc.
 
Vor dem Video-Zeitalter, als mein Mann noch im Autospritzwerk arbeitete, fanden er und die Kollegen zuweilen Schmalspurfilme in den Handschuhfächern der Kundenwagen.  Einer im Wohnblock besass einen Filmprojektor, welcher zusammen mit den Porno-Filmspulen durch alle Wohnungen wanderte. Ich wusste folglich, worum es sich da handelte. Zum Glück war ich nicht mehr Jungfrau, ich wäre sonst für den Rest des Lebens traumatisiert gewesen.   
 
 
 
 
 
Erinnerst du dich an Filme und/oder TV-Serien?
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Erinnerst du dich an Filme und/oder TV-Serien?
Nebst den Marx Brothers war mir auch Charlie Chaplin aufgefallen. Bonanza interessierte mich nicht, dafür Dallas. Ich ärgerte mich jedes Mal, dass die einander immer telefonierten und sagten, sie müssten sich sprechen, anstatt, dass sie es gleich sagten. Das war Zeitschinderei. Dass die immer Whisky soffen und Zigi qualmten übersah ich irgendwie. Es interessierte mich nicht, und die Schauspieler mussten ja nicht wirklich saufen und rauchen, wenn sie nicht wollten. Dass es reine Reklame für diese Produkte war, und dass die grosse Mehrheit der weltweiten Bevölkerung sich dazu verleiten liess und meinte, das gehöre zum Leben dazu, checkte ich damals nicht. Mich selber verleitete das zu gar nichts. Ich wollte durch Filme nur Geschichten erzählt bekommen.
 
Ich erinnere mich an Versteckte-Kamera-Streiche von Kurz Felix. Seine Art von Streichen blieb unerreicht. Der Glacé-Verkäufer, der das Glacé etwas abschleckte, weil zu viel aufs Cornet geraten war, worauf einige Kunden lachend davon zogen und das Glacé assen, aber andere sich echauffierten, empörten, schimpften und gar mit der Lebensmittelpolizei drohten. Ich lachte Tränen. Oder der Warenhaus-Lift, der im oberen Stock nicht in ein anderes Warenabteil führte sondern direkt ins private Schlafzimmer eines fremden Ehepaares im Bett. Die Hereingelegten waren so schockiert, dass keine Logik mehr in ihr Hirn drang, wonach es gar nicht möglich ist, mit einem Lift in ein fremdes Schlafzimmer zu gelangen. Da gab es auch mal Guetzli zu degustieren, bis sich irgendwann herausstellte, dass es Hundebiscuits waren, worauf viele Degustanten die Guetzli plötzlich gruusig fanden. In einer ländlichen Blasmusik wurde für ein wichtiges Konzert geübt. Ein falscher Trompeter hinter einem Vorhang blies bei immer derselben Stelle falsch, was den Dirigenten an den Rand des Wahnsinns brachte, und die Musiker einander in die Haare gerieten, weil jeder meinte, der andere wäre es gewesen. Das Aquarium im Wartezimmer, wo jemand mit einem versteckten Rüeblischnipsel so tat, als fange er Goldfische raus und ässe sie.
 
Bald entdeckte ich Gregory Peck auf alten Schwarzweissfilmen. Von da an begann ich, Filme nach Besetzung auszusuchen. Ich schaute auch alle Folgen aller Staffeln von Dr. House wegen Robert Sean Leonard als Dr. Wilson. Es folgten noch viele weitere Darsteller und auch Darstellerinnen - allen voran Julia Roberts und Jennifer Aniston - deren Filme ich schaute, weil sie dabei waren, auch wenn es nicht mein Filmgenre war. Ich zähle jetzt nicht alle auf.  
Erinnerst du dich an deine Bilderbücher, Tonbandkassetten, CDs, usw. oder an solche, die deine Freunde oder Freundinnen besassen?
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Erinnerst du dich an deine Bilderbücher, Tonbandkassetten, CDs, usw. oder an solche, die deine Freunde oder Freundinnen besassen?
Wir hatten wunderschöne Bilderbücher aus der Buchhandlung der Grosseltern in Zug. Ausser den gängigen Märchen bleiben mir auch die 'Wurzelkinder', 'Max und Moritz' und 'Strubelpeter' in bester Erinnerung.
 
Ich achtete nicht darauf, was die andern an Musik oder Filmen konsumierten. Als 1963 meine Schulfreundin Ringo Starr mit Paul MacCartney verwechselte, fiel mir George Harrison auf, hörte im Radio Luxenbourg "She loves you yeah yeah yeah" und "I want to hold your Hand", kaufte unverzüglich die Platten  und viele der nächsten und die meisten Langspielplatten dazu. Ich fand sie wirklich gut, viel besser eben als andere Popmusik. George Harrison schnitt ich aus allen Bravo-Heftchen aus, die ich nur seinetwegen kaufte, und tapezierte die Wände damit.
 
Ich hörte aber immer noch nicht auf die andern, und die Beatles wären mir auch ohne Freundin von selber etwas später aufgefallen. Von den Rolling Stones gefiel mir nur sehr weniges, dafür umso mehr von den Walker Brothers, die hier nicht so richtig gross raus kamen. Dafür waren sie einfach zu gut. Sie sangen wundervoll begleitete Jazz-Standards mit engelsreinen Stimmen ("The sun ain't gonna shine anymore", "My ship is coming in") der Leadsänger hiess erst noch Scott Engel, und sah auch aus wie einer.  
 
Mit den Beatles lernte ich englisch. In der Schule gab es das Fach nicht, in der Sek erst ab der zweiten Klasse. Da war es schon zu spät für Oxford-Englisch. Ich hatte den Liverpooler Dialekt bereits verinnerlicht. Meine Mutter hatte mir alle Texte übersetzt. Sie schüttelte den Kopf: "So ein Gewäsch!"  Lennon- und Harrison-Texte fand ich genial. 
 
Daneben blieb ich aber der klassischen Klaviermusik treu, dem Kirchenchor und späteren Chören, lernte 5 Semester Orgel am Konsi in Zürich, meine Mutter spielte Chopin und Lizst, was sich berauschend anhörte, für mich zum selber spielen viel zu schwer war. Eine Freundin, die ich Genf kennen gelernt hatte, bröckelte Bachs leichte Präludien zusammen. Obwohl derart unsicher und unzusammenhängend fast Note für Note abgespielt, fuhr mir die Genialität dieser Kompositionen durch alle Knochen. Das war die totale Musik. Egal welches Instrument, egal wie langsam oder fehlerhaft, das war  D I E   Musik. Ich kaufte im Musikhug alle Bachnoten, die vorrätig waren, Wohltemperiertes Klavier, Partiten, englische und französische Suiten, Kleine Präludien und Fugen, Magdalenas Notenbüchlein, Schemelli-Lieder, Toccaten, Cembalo-Konzerte, die andern Konzerte, Klavierauszüge von Passionen  und Weihnachsoratorium, h-moll-Messe, Goldberg-Variationen, Kantaten, manches als Taschenpartitur  und und und ...
 
Während meine Kinder noch klein waren und miteinander spielten, übte ich wie besessen Bach. Zuerst monatelang nur mit einer Hand, dann mit der andern, dann mit beiden Händen zusammen aber nur halb so schnell. Mir selber gefiel es so, dass ich die Fortschritte erst gar nicht bemerkte. Als ich bei meiner Mutter zuhause Inventionen und Sinfonien klimperte, war sie baff und konnte nicht verstehen, wie ich das schaffte. Sie selber fand Bach viel schwerer als alles andere, ich fand ihn aber leichter, weil Bach noch kein Klavier und kein Pedal besass und seine Cembalo-Kompositionen leicht zu greifen waren ohne grosse Sprünge und Arpeggien über mehrere Oktaven hin. Die Klavier-Komponisten nützten das Pedal wacker aus. Ohne Pedal klingen die Stücke unmöglich. Ausserdem verlangen sie ein gewisses Tempo, eine Virtuosität gar, sonst hört man die Melodie nicht richtig.
Die Orgelwerke enthalten auch Pedal, aber das ist nicht das Hall-Pedal des Klaviers, sondern eine weitere Klaviatur. Diese Stücke beherrschte ich natürlich nie. Schaute aber den Noten nach, wenn ich sie hörte, oder spielte nur leichte Abschnitte selber.   
Erinnerst du dich an die Geburt von Geschwistern? Was hattest du dabei für Gefühle?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Erinnerst du dich an die Geburt von Geschwistern? Was hattest du dabei für Gefühle?
Die Geburten meiner Geschwister lösten in mir höchste Glücksgefühle aus. Ich war einfach nur glücklich, diese kleinen Menschen aufwachsen zu sehen, ihre Entwicklung zu beobachten, die Glückseligkeit, sie zu füttern oder auf den Armen herum zu tragen. Mein Gehirn und mein vegetatives Nervensystem sind so veranlagt, Belohnungshormone, Kuschelhormone usw. Ich dachte mir damals schon Namen für meine künftigen Kinder aus, wünschte mir Zwillinge, dann Drillinge, aber warum nicht gleich Vierlinge? Oder am besten Fünflinge, denn in Kanada lebten zur Zeit Fünflings-Mädchen, die beeindruckten mich so ungeheuerlich wie meine Brüder eine DC-8 oder ein Raupenpanzer.
 
  
Wer passte auf dich auf, wenn deine Eltern nicht konnten? Gab es Kinderkrippen, Kinderhorte, o. ä.?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Wer passte auf dich auf, wenn deine Eltern nicht konnten? Gab es Kinderkrippen, Kinderhorte, o. ä.?
Ich glaube kaum, dass meine Mutter mich als Säugling allein gelassen hat. Man kann Kinder schliesslich überall hin mitnehmen, ausser in die Oper, aber da musste sie ja nicht unbedingt hin, wenn sie Säuglinge hatte. Opern gibt es nämlich immer wieder.
 
Zuweilen wurden wir in Herbstferien oder so zu Grosseltern gebracht. Ab ungefähr 8 oder 9 Jahren oblag mir die elterliche Gewalt über meine Geschwister, wenn die Eltern Kino oder Klassikkonzert besuchten. Sonst gingen sie nirgends hin ohne uns. Nicht dass ich wüsste.
Ich behielt die Kleinen auch im Auge wenn meine Mutter da war, aber mit Kochen beschäftigt, Wäsche aus der Waschküche holte oder im oberen Stock die Betten frisch bezog. 
 
Ich fand das ja schön und gut, aber mir wurde auch wiederholt mit ernster Miene gesagt, dass ich die Verantwortung über meine Geschwister hätte und dass ich ihnen kein schlechtes Beispiel geben dürfe, denn wer ein schlechtes Beispiel gebe, bekomme einen Mühlstein um den Hals und werde im Meer versenkt. Da war noch tiefes Mittelalter in meinen Eltern drin. Der Spruch muss aus der Bibel oder dem Katechismus gekommen sein. Nur schon 5 Jahre später hätte meine Mutter so etwas nie mehr gesagt, schon gar nicht einem Kind. 
 
Ich wusste nicht was 'Beispiel' sei, 'Verantwortung', 'Mühlstein'; nur 'im Meer versenkt', das verstand ich. Aber weshalb im Meer versenken? Bestimmt wieder so ein Grimm-Märchen. Genauer nachfragen wollte ich nicht, ich wollte am liebsten überhaupt nichts davon wissen. Was ich nicht verstand, ängstigte mich auch nicht. Also lieber nicht verstehen und an was anderes denken. Es passierte nie etwas und ich schob diese Art Sprüche ins Stammhirn runter oder sonst wohin. 
Wovor hattest du am meisten Angst?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Wovor hattest du am meisten Angst?
Wenn ich 'Angst' höre, kommt mir als erstes in den Sinn, dass ich nie und vor nichts je Angst hatte. Wohl geprägt von den vielen Beteuerungen des Vaters, es könne nichts passieren, man müsse nie Angst haben. Also: ich fürchtete weder Spinnen noch Mäuse oder Blindschleichen, weder dunkle modrig riechende Keller oder spinnwebige Estriche, weder Velo und Rollschuh fahren noch klettern in die höchsten Wipfel der Zedern vor dem Haus, so dass man am nur noch dünnen Stamm hin und her schwingen konnte. Vor allem fürchtete ich keine Dinge, die gar nicht an mich heran kamen: Diebe, Räuber, Mörder, Pistolen, böse Männer. Das war nur Märchenzeug. 
 
Lass ich ein paar Sekunden Zeit vergehen, kommen doch noch andere Erinnerungen und Gefühle aus den Tiefen herauf. Als das erste mal eine grosse schwarze Hausspinne daher krabbelte, zuckte ich leicht zusammen, weil es so ungewohnt war, dieses Krabbeln auf 8 langen dünnen Beinen. Man sagte mir sofort, das seien   N U R   Spinnen, die hätten Angst vor Menschen. Ich hielt meinen Finger ans Spinnengesicht. Sie tappte mit jedem Fühler einmal an meinen Finger und musste ihrerseits erkennen: das ist ein Mensch! Nichts wie weg! Sie machte kehrt und raste in ihr Versteck, ein kleines Loch im Gips in einer finsteren Ecke hinter einer Tür. Tatsächlich. Spinnen haben Angst vor uns. Im Garten entdeckte ich die faszinierenden Kreuzspinnen. Jede ein bisschen anders in Farbe und Muster, doch immer in der Mitte etwas Kreuz-ähnliches. Von schwarz/weiss braun/weiss, braun/gelb, mehrere Kombinationen zusammen, beige/rot bis rosa/weiss. Ja, rosa, etwas schwarz für feinste Konturen, und weiss! 
 
Mäuse und Blindschleichen, Frösche und Kröten, Salamander, Eidechsen und Käfer aller Arten gefallen mir von Natur aus. Diese fürchtete ich nie. Alle andern Tiere auch nicht, sogar knurrende Hunde liessen mich kalt, aber ich liess diese aus unbewusstem Reflex in Ruhe.
 
In den sehr frühen Jahren hatte ich mal vor zwei Dingen Angst, aber ich wusste es nicht mehr, meine Mutter erzählte es mir nur: Mein nächst geborener Bruder war der Fuchs im Hühnerstall und sorgte ständig für Geschrei. Mit dem Samichlaus hatten meine Eltern verabredet, dass er dem 3-jährigen Thomi zuerst mal die Leviten lese und ihn dann in den grossen Jutesack reinschaufle, ihm sage, dass er ihn mitnehme in den Wald hinaus, und dass er dort bei ihm wohnen und jeden Tag Holz hacken müsse. 
 
Thomi freute sich auf das Abenteuer, kroch selber in den Sack hinein, ich aber ( ca. 4) hatte mir die Seele aus dem Leib geschrien. Obwohl Thomi meine antiken Porzellanpuppen zerbrochen hatte, mir ständig alles wegnahm und ansonsten nie um Gründe verlegen war, weshalb er uns treten und schlagen müsse, um diesen Bruder schrie ich um mein Leben. Es war wohl nicht das Mitleid mit ihm, sondern die Empathie. Ich meinte, ich selber wäre im Sack, würde fortgeschleppt und müsste im Wald Holz hacken. 
 
Man musste Thomi sofort aus dem Sack holen. Er war etwas enttäuscht, dass das Abenteuer schon vorbei war. Ich aber wich Samichläusen mein Leben lang aus. 
 
Zum andern:  Ich hatte ein damals übliches Dreiradvelo und fuhr auf der Strasse vor dem Gartentor herum, denn im Garten war Kies und Wiese, da war es mir zu mühsam, aber asphaltierte Strassen waren luxuriös zum befahren mit was auch immer für Rädern. 
 
Zwei volle Ochsnerkübel standen vor dem Gartentorpfosten. Das Zeitungspapier guckte zerfleddert zwischen Deckel und Kübel hervor, und ich meinte, den Gestank von faulenden Küchenabfällen zu riechen. 
 
Da dröhnte der Kübelwagen (/Güselwagen) heran, stoppte, zwei Kübelmänner mit Lederschürzen und dicken Lederhandschuhen fassten die Kübel, hängten sie am Wagen ein und halfen nach, damit der Unrat in den Wagen platschte. Mit Schwung knallten sie die Blechkübel wieder an den Gartenpfosten zurück, und alles rasselte und schepperte. Das war es noch nicht, aber da lachte einer mich an, fasste am Lenker meines Dreirads und fragte neckisch, ob er mich und mein Velöli auch gleich mitnehmen solle. 
 
Ich war zu klein und zu unerfahren, um den Scherz zu durchschauen. Ich schrie los, meine Mutter stürzte heraus und brachte mich in Sicherheit. Sie hatte mir gewiss erzählt, dass der Mann nur ein Kübelmann war und er nur Spass gemacht hatte, er hätte mich sicher nicht mitgenommen, auch das Velöli nicht. Es nützte nichts. Güselwagen und Kübelmänner waren fortan No-gos. Nicht, dass ich wirklich Angst gehabt hätte, die tun mir ja nichts, ich wunderte mich einfach, warum ich auf dem Schulweg immer reflexartig die Strassenseite wechselte oder gar einen Umweg machte. Dienstags und Freitags wurde der Güsel eingesammelt. Das ergab etliche Kilometer Umwege im Laufe der Schul- und Lehrzeit.
 
Selbst in Kloten, wo ich mit Mann und unseren ersten 3 Kindern 5 Jahre gewohnt hatte und mit dem Kinderwagen einkaufen ging, wich ich den Kübelwagen noch aus, ohne etwas dabei zu überlegen. Erst im Dorf Trasenpfupfingen, wo alle einander kannten und die Güselmänner zwei Oberstufen-Brüder aus einer Familie waren, hörte der Reflex sofort auf. Man grüsste sich, man alberte und scherzte. 
 
Ein Trauma erfuhr ich mit Thomi im Landesmuseum Zürich. An einem Sonntag regnete es ununterbrochen. Wir damals schon mindestens 5 Kinder tobten in der Stube, dass es für meine Eltern nicht zum Aushalten war. Den Thomi irgendwo einzusperren machte es nur schlimmer, entweder trat er die Türe ein, entwich durch die Fenster, selbst im Obergeschoss, oder er schrie derart, dass man es keine Sekunde länger aushielt. Da drückte uns die Mutter etwas Münz in die Hand: "So, ihr fahrt jetzt mit dem Tram in die Stadt runter und geht ins Landesmuseum all die Sachen anschauen. Abends kommt ihr wieder heim!"
 
Wir waren vermutlich 11 und 12-jährig. Plötzlich ganz brav traten wir in den Regen hinaus an die Haltestelle und reisten dahin, wo man uns geschickt hatte. Das Landesmuseum war staubig und muffig, bunte Kleider und Bilder waren zu meiner Enttäuschung vergilbt oder schlecht beleuchtet, und Rüstungen und Kriegszeug interessierten mich natürlich  
 nicht. Trotzdem blieb ich immer an Thomis Seite. Das Landesmuseum war endlos weitläufig und mehrstöckig. Wenn ich Thomi verlor, würde ich ihn nicht mehr finden, vor allem, weil er mich gar nicht suchen würde. 
 
Wir gelangten zu den Pfahlbauern, ihren Häusern, Geräten und bildlichen Darstellungen ihrer Lebensweise. In der Mitte des Raumes prangte ein steinerner Tisch mit einer Glasplatte als Abdeckung.
 
"Oh, schau mal! Das ist toll! Komm schau!" rief er vor dem Tisch. Ich ahnungslos heran, blickte durch die Glasplatte - da lag das fast vollständige Skelett eines Pfahlbauers. Mir fuhr die grausliche Erkenntnis ein, dass es Menschenknochen waren, dass wir alle solche Knochen in uns drin haben, und dass der Schädel der Kopf war, statt der Augen nur noch die Höhlen, und weil die Zähne komplett nackt im Kiefer steckten, meinte man, der Schädel grinse.  
 
Das war meine erste bewusst erlebte Panikattacke. Dass es eine solche war, wusste ich natürlich nicht, das erfuhr ich erst ein halbes Jahrhundert später.  Mein Herz klopfte sofort doppelt so schnell und so stark, dass es mir an die Rippen polterte, diese wurden glühend heiss, der Schweiss brach eiskalt aus und es kribbelte durch den ganzen Körper. Das Gefühl ist ganz und gar unerträglich und verstehe jeden, der sich dabei umbringt, damit das aufhört. 
 
Ich rannte dann mal weg und erholte mich wieder. Ich bin resilient, muss man wissen. Ich vermied fortan Tische und Schaukästen, wo Knochen drin liegen könnten. Es gibt keinen einzigen vernünftigen Grund, warum man sich vor Knochen fürchten sollte, schon gar nicht als 12-jährige. Aber es war so. Viele Jahre träumte ich regelmässig von Skeletten, die sich plötzlich zu bewegen und zu stöhnen begannen, oder sie stanken, buddelten sich aus dem Boden raus, ich fand sie in Kleiderschränken, und manchmal meinte ich zu wissen, dass das halb verfaulte Skelett mit den Kleiderfetzen diese oder jene Cousine war oder sonst jemand bekanntes. Jeder dieser Albträume bescherte mir eine heftige lange andauernde Panikattacke. 
 
Und ich konnte rein nichts dagegen tun! In früheren Jahren hatte ich zu Gott gebetet, er möge machen, dass Thomi uns andere Geschwister in Ruhe lasse. Es nützte nichts. In der Schule kapierte ich die  (komplizierteren) Sätzli-Rechnungen nicht. Ich betete darum, dass ich endlich draus käme. Es nützte nichts. Und es nützte auch nichts, zu beten, dass ich keine Albträume mehr hätte. Mir war endgültig klar, dass es keinen Gott und keine Schutzengel gäbe, keine Seele, keinen Himmel und keine Hölle, nicht mal das Fegefeuer! Selbst meine Mutter hatte mir verraten, dass sie total erleichtert sei, weil sie eingesehen habe, dass das alles gar nicht stimmen könne. Wenige Jahre vorher hatte sie noch gesagt: "Wenn ich in den Himmel komme, dann stehe ich vor Gott hin und frage ihn, warum er das so gemacht hat, dass Menschen Tiere töten und essen müssen*, und dann muss er mir das sagen!" 
 
* im Wirtschaftsaufschwung predigte die Fleischindustrie, Fleisch zu essen sei unerlässlich für die Entwicklung des Gehirns wegen dem Eiweiss, und ohne Fleisch hätte man nicht genug Blut, kurzum, ohne Fleisch werde man krank und verblöde und sterbe unterernährt frühzeitig. Meine Mutter glaubte das irgendwie und kochte zur Sicherheit tapfer mindestens alle 2 Tage Fleisch und ass auch davon, aber sie war wegen starker Menstruation trotzdem immer blutarm. Meine Schwester und ich gaben sämtliches Fleisch den Brüdern weiter, aber wir wurden weder dumm noch krank. In Gegenteil, könnte man sogar behaupten. Protein ist nicht nur in Fleisch, wie die Industrie dem Volk weis machen wollte, sondern in vielen Gemüsen, Vollkornprodukten, Nüssen, Bohnen und Milch in allen Formen. 
 
Wir besuchten aber auch nach der "Erkenntnis" die Kirchen und sangen und musizierten in Kirchen wie auch an profanen Anlässen und Konzerten. Religion war Kultur, die biblischen Geschichten  Träume der Menschheit und wunderbar poetisch.
 
Das Thema Religion folgt aber später.
 
Hier ist immer noch das Kapitel "Angst". Ich weiss nur, dass ich vor sehr vielem  k e i n e Angst habe und hatte, was andere fürchteten. Angstfrei lebt es sich herrlich. Ich musste dafür teuer bezahlen, denn mit 45 (vermutlich wegen hormonellen wechseljährlichen Umstellungen) fiel ich wegen etwas Durchfall und Übelkeit in solche Panik, dass ich im Spital Zuflucht suchte und fand. Mein Hausarzt war selber schon psychisch nicht mehr ganz beieinander (starb wenig später an Hirntumor) und glaubte mir nicht, dass ich psychosomatisch erkrankt war. Dank Psychiatrie und Medis und viel Geduld bis die Medis richtig wirkten, schaffte ich es in die Wirklichkeit zurück und war wieder ganz mich selber.
 
Mich regt nur auf, w
t !!!!! Das ist uhueresaublödes Geschwätz und hindert andere beeinflussbare depressive Menschen daran, Hilfe anzunehmen.
 
Ja, man kann nicht alle in einen Topf werfen, es gibt tausende verschiedene Formen von Depressionen, es gibt wohl welche, bei denen hört es von selber wieder auf, und andere, bei denen nützt alles nichts, aber versuchen sollte man es wenigstens.  Das allerbildungsfernste ist, statt zu ärztlich verschriebenen Medis zu Alkohol und Drogen zu greifen in der Meinung, das sei wenigstens 'natürlich' und die Medis seien böse giftige "chemische Keule zur Beruhigung der Menschen in der Psychi", dabei leiden die Patienten selber am meisten unter der Angst und Unruhe. 
 
Ich nehme meine Medi seit 20 Jahren (beim Versuch auszuschleichen stürzte ich total ab) und habe immer tiptop gute Blutwerte und alles ist in Ordnung. Leber, Niere, alles optimal. Wer Angst vor Medis hat, soll einfach aufhören zu rauchen und Alk zu saufen, denn mit einer einzigen Zigi pumpt man so viele gesundheitsschädliche Stoffe in sich rein, wie man es mit Medikamenten erst in Jahrzehnten schafft oder nicht mal dann. 
 
Skelett- und andere Albträume habe ich längst nicht mehr, aber andere unangenehme typische Träume. Gibt's noch ein Kapitel Albträume? Wenn nicht, komme ich hierher zurück.
enn ich lese oder in Spielfilmen sehe, dass man keine Antidepressiva und andere Medis nehmen solle, weil giftig, und man sei dann nur noch benebelt. Das stimmt sowas von gar nich
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Erinnerst du dich an die Jahreszeiten?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Erinnerst du dich an die Jahreszeiten?
Nach meiner Erinnerung waren die Jahreszeiten schon damals sehr unterschiedlich, heute vielleicht noch etwas mehr. Es gab Winter mit Schnee und fast ohne, Sommer waren kalt und heiss und nass und trocken und alles durcheinander.
 
Einmal schneite es noch anfangs Juni. Genau so konnte es im Frühling und im Herbst extrem unterschiedlich werden von knall heiss, dass man an den Schatten rennt, bis Wintermantel-kalt. Ende August ist jeweils Chilbi in Trasenpfupfingen. Manchmal kämpften wir um jeden kleinsten Schattenplatz, die Kinder spritzten sich kühlendes Wasser aus den Spritzpistolen zu, sofern sie nicht gleich in den Dorfbrunnen badeten und pflotschten; man ass Glacé, und wenn abends die ärgste Hitze vorbei war, konnte man barfuss gehen.
 
An einer anderen Chilbi war es unter 10 °. Wir schlotterten in Pullövern und Regenmänteln oder auch schon Wintermänteln, je nachdem wie lange es schon so kalt war. An einem Herbst schneite es schon Anfang November so, dass meine Kinder mannshohe Schneeballen rollten; in andern Novembern badeten meine Kinder noch in den Brunnen, was ich nur erfuhr, weil an einem Elternabend eine andere Mutter empört berichtete, sie hätte im November noch Kinder im Brunnen baden gesehen.
 
Ich wusste, das konnten nur meine gewesen sein, denn sich bewegende Kinder haben viel wärmer als Erwachsene meinen. Kalt baden härtet doch ab! Die Kinder werden heute total verweichlicht. Geht mich nichts mehr an, jeder nach seiner Façon! Wenn die immer so viel Zeit verlieren wollen mit hundert Kleidern anziehen, sollen sie eben! Meinen Kindern hat es jedenfalls nicht geschadet, die waren am wenigsten krank in der ganzen Schule. 
 
Bei Hitze war ich schon aufmerksamer. Im Juni fanden jeweils Schulturntage statt von vielen Dörfern zusammen. Ein neuer Sportplatz in Wildenklingen war noch ohne Bäume oder Häuschen für Schatten, auch Sonnenschirme hielt man für überflüssig. Die Schülergruppen waren nacheinander dran mit Darbietungen und Wettkämpfen, alle andern mussten unterdessen warten. Aber wo denn? Nicht mal ein Dorfbrunnen war in der Nähe. Ich bläute meinen Kindern ein, sofort heim zu fahren (sie fuhren mit Velos ins Nachbardorf) wenn es zu heiss werde und nicht genug Schatten vorhanden.
 
Keine Ahnung, was sie unterdessen machten. Sie kamen zwar nicht vor dem Abend heim, dürften sich aber im Dorf herumgetrieben haben an schattigen Hauswänden, unter Torbögen, in einem Dorfbrunnen oder gar im nächsten Wald.  Andere Mütter schimpften hinterher, dass ihre Kinder in der Sonne schmachten mussten und nun Kopfweh und Übelkeit hätten bis hin zum Erbrechen und Fieber.
 
Ich fragte, ob sie denn ihren Jungen nicht gesagt hätten, sie sollten zum Warten an den Schatten verreisen, und wenn es ihnen für die Spiele in der Sonne zu heiss werde, einfach heim kommen. "Das durfte man doch nicht! Man musste dort bleiben!" 
 
"Die können doch nicht so was Unvernünftiges befehlen. Warum lasst ihr euch diesen Unfug vorschreiben ?!?! Meine Kinder haben keine Sonnenstiche und Hitzschläge, die sind einfach abgehauen ohne zu fragen und fertig. Es reklamierte niemand deswegen. Wir sind doch  hier nicht in der Sklaverei!" 
 
Aber das wäre dann das Kapitel Schule oder Gehorsam.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Welche Rolle spielten Sonntage und Feiertage wie Weihnachten, Sankt Nikolaus, Ostern und Geburtstage in deinem Kinderleben?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Welche Rolle spielten Sonntage und Feiertage wie Weihnachten, Sankt Nikolaus, Ostern und Geburtstage in deinem Kinderleben?
Die Sonntage in meiner Kindheit in den 50-er- und 60-er-Jahren gestalteten wie es sich damals gehörte und wie es die Eltern wünschten. Wir besuchten kaum je die Frühmessen um 8 Uhr, aber das Hochamt um 9 Uhr. Singen, Orgelmusik, Prunkvolle Messgewänder, Weihrauch, das Klingeln vor der Wandlung, Kultur pur.
 
Während den Predigten tauschten wir Mädchen Kirchenbildchen aus, bis uns der Kirchensigrist sie wegnahm. Hätte er zwar gar nicht gedurft, aber nach der Messe konnten wir unsere Madonnen mit Kind, Jesussen mit Flammenherzen und stilisierten Kreuzigungen wieder abholen.
 
Der Chor auf der Empore verzog sich hinter die Orgelpfeifen. Dort lagerten nebst Notenheften Weinflaschen, Gläser und Aschenbecher in den Notenschränken. Man durfte nur nicht zu laut werden. Manchmal reklamierte der Pfarrer, es störe, wir sollten nicht laut reden.
 
Die Organistin las in einem Buch oder Heft oder döste vor sich hin. Man weiss von Johann Sebastian Bach, dass er während der Predigten in Leipzig ins Zimmermann'sche Cafehaus abrauschte und es sich gut gehen liess. Der war genau so wenig fromm wie wir heutzutage. In seiner Familie sangen sie Lieder, man hatte ja kein Radio, und wenn Cousins zu Besuch waren, wurden die Texte der meist religiösen Inhalte abgeändert, immer ordinärer und zotiger und schlüpfriger. Das hat Albert Schweitzer bei den Recherchen zu seinem Bachbuch mitbekommen.
 
Unterdessen schmorte daheim im Bratentüpfi das Poulet oder ein Braten der Vollendung entgegen. Mit Reis oder Nudeln, Salat und Dessert, Süssmost und für Vater ein Glas Rotwein wurde das Sonntagsessen zelebriert. Von diesen für uns zu reichhaltigen Menus wurde uns Kindern fast schlecht, jedenfalls kämpften wir danach um einen Platz auf dem Stubenkanapee. Sobald etwas erholt, kam der Marschbefehl zum Spaziergang. Wir wollten nicht mit, aber wir mussten. In schönen Kleidern und geputzten Schuhen. Da lustwandelten all die Elternpaare und führten mehr oder weniger sichtlich stolz ihren Nachwuchs vor. Wie Schwäne und Enten. 
 
Mein Vater besass natürlich einen Fotoapparat, womit er die Ausflüge dokumentierte. Die Bilder in den Albümern schauten wir Kinder so oft und gern an, dass die Bücher bald auseinander gefallen wären, hätte man sie nicht mit Chleuppi laufend repariert. 
 
Oft führte der Spaziergang in den nahen Wald am Züriberg. Dort fanden wir es dann wieder lustig, stiegen über Stock und Stein und Wurzeln und rutschten ein Tobel runter, fanden einen Bach und stauten ihn in Rekordzeit, weil bald die väterliche Stimme zu einem Treffpunkt rief. Meist gelangte man an ein Ausflugsrestaurant. Da gab es ein Böterliwasser, auch mal Nussgipfel oder eine Ovomaltine.
 
Die Grosi eines Schulkameraden meiner Kinder erzählte uns, dass sie auch spazieren mussten, aber vor der Wirtschaft angekommen, ging der Vater allein rein, und Frau und Kinder mussten warten, bis er wieder rauskam. Das war derb!
 
Es gab auch Autofahrten, um zur Abwechslung wo anders zu spazieren. Dafür belohnte man uns in der Gartenwirtschaft mit Glacé-Coups! Das war fair.
 
Die Sonntagabende verliefen wie sonst auch. Was wollte man mehr? Es war alles gut. Später kam die Flimmerkiste hinzu. Alle schauten dasselbe, man hatte praktisch keine Auswahl. Wir lagen nicht herum, sondern sassen auf Stühlen, weil es uns so leichter fiel, ans Gerät zu gehen um die Lautstärke zu regulieren, denn Fernbedienungen gab es noch nicht. 
 
An Ostern wurden Nester versteckt mit Eiern und Schokohasen. Je grösser wir Kinder, desto raffinierter wurden die Verstecke. Mein Vater klebte schon mal Nester unter einer Tischplatte an. Weil wir 5 und später 6 Kinder waren und alle nach allem suchten, konnten die Nester innert nützlicher Frist gefunden werden. Die Sucherei war die Hauptsache dieses Tages, die Spannung, die detektivische Phantasie, wo man noch suchen könnte, denn das Haus war gross. 
 
Es folgte das obligate traditionelle Eiertütschen. Ich stopfte mir lieber gleich den Schokohasen rein. Ob wirklich ein Osterhase die Eier bemalte und die Nester brachte, hinterfragte ich gar nicht, war auch nicht erstaunt, dass die Eltern selber die Nester spendierten. 
 
Am ersten August durften wir Bengalische Zündholzer abbrennen und Vater liess ein paar Raketen steigen. Lampions fingen Feuer und brannten ab. Politische Reden interessierten uns Kinder nicht, und ob die Eltern sich das anhörten weiss ich überhaupt nicht. Politik war bei uns kaum ein Thema, es ging uns ja gut. Sonst sind mir die warmen Abende in Erinnerung, wo man noch lange mit allen andern Kindern draussen herum wuseln durfte. Regnete es, war das Pech, dann blieben wir einfach drin.
 
Das nächste Fest war der Samichlaustag. Das war für mich ein Graus wegen jener Begebenheit, wo so einer Thomi im Sack mitnehmen sollte. Der Glaube, dass ein Samichlaus einer war, der von den Engeln laufend Berichte bekam, was die Kinder gut oder eben nicht gut machten: nicht folgen, fluchen, streiten, trödeln, nicht aufpassen, hielt noch eine Weile, weil alle das glaubten. Das machte es umso schlimmer. Ich wollte gar nie andern etwas wegnehmen oder z'Leid werken, das waren immer Versehen und Vergessen oder man provozierte mich so lange, bis ich endlich aus dem Busch kam. Warum musste ich immer mit den kleinen Geschwistern hinstehen und ein in der Schule gelerntes Verslein aufsagen? Und mich danach blöd anmachen lassen? 
 
Ich war vermutlich schon in der ersten Klasse, als ich am Vorabend auf dem Heimweg war. Da traf ich Gregi Huber, eigentlich ein problemloses Nachbarskind. Irgend etwas passte ihm nicht, keine Ahnung mehr was, müsste eigentlich mit Thomi zu tun gehabt haben, aber er brachte mich dazu, dass ich schimpfte, er sei ein cheibe huere blöde Siech. Das war ganz klar geflucht. Und erst noch draussen, unter freiem Himmel! Das hatten die Engel sicher gehört und aufgeschrieben. Und morgen kam der Samichlaus! Das würde er bestimmt nicht vergessen. Heilige Bimbam, wie blöd von mir, mich so kurz davor zu solchem Fluchen hinreissen zu lassen. 
 
Der Samichlaus kam mit dem Guetzli- und Mandarinli-Sack, der Schmutzli mit der Fitze. Aus dem riesigen roten Buch las der Samichlaus die üblichen Litaneien herunter: besser folgen, besser aufpassen, weniger streiten, und ich sollte natürlich die Geschwister besser hüten. Noch besser? Wie denn?
 
Komisch, die verdiente strenge Rüge wegen dem Fluchen blieb aus. Warum? Warum wusste der das jetzt nicht, war ja erst gestern gewesen? Da schwante mir, dass er nur den Spickzettel herunter leierte, den meine Eltern geschrieben hatten. Was sie nicht mitbekamen, wusste auch der Samichlaus nicht. Ich verriet es meinen Eltern nicht. Da wären sie nur enttäuscht gewesen. 
 
2 oder 3 Jahre später wieder am Samichlaustag. Obwohl ich inzwischen offiziell wusste, dass es nur ein verkleideter Mann war, den man extra herbestellte, ärgerte mich die Veranstaltung immer mehr, ich fühlte mich vorgeführt und blamiert und zu etwas gezwungen, was mir zutiefst zuwider war. Am nächsten Tag fragte meine Mutter, ob ich gemerkt hätte, wer den Samichlaus gespielt hätte. "Nein, keine Ahnung. Warum?"
"Hast du es wirklich nicht gemerkt?" wunderte sich meine Mutter. 
Nein und es war mir natürlich völlig Wurscht. Meine Mutter wieder: "Hast du nicht gemerkt, dass er Papis orangen Bademantel an hatte?"
"So? A-ha, jetzt wo du es sagst."
"Und die Bauarbeiter-Schuhe?"
"Nicht bemerkt, ich schaue doch nicht auf Schuhe!"
"hast du ihn nicht an der Stimme erkannt?"
"Nein. Wer war es denn?" fragte ich mehr aus Höflichkeit als dass ich es wirklich hätte wissen wollen.
 
Es war der Baupolier, welcher mit zwei Maurern zusammen seit dem Spätsommer unseren Luftschutzkeller aushob, dann das Musikzimmer darüber baute und zuletzt die Terrasse oben drauf. Solche Arbeiten dauerten früher viel länger als heutzutage. Kleine Zementmischer kannte man schon, Trax zum Erde ausheben, aber sonst, Pickel und Schaufeln, Zementsäcke, Ziegelsteine und Maurerkellen, Senkblei und Wasserwaage. Viel mehr war da nicht, aber umso mehr strenger Handarbeit. 
 
Die Arbeiter assen Ihre Mahlzeiten am liebsten draussen hinter dem Haus oder bei Regenwetter im Keller, wegen der dreckigen Schuhe. Meist schickte die Mutter eines von uns Kindern Käse und Wurst runter zu bringen oder ein Dessert. Gleichzeitig mussten wir dann eine neue Flasche Süssmost herauf holen, der in Harassen im Keller lagerte. Der Polier plauderte oft noch mit uns Kindern,  und er hatte in jenem Jahr auch den Samichlaus gespielt. Aber mir war nichts aufgefallen, weder der orange Bademantel noch die Stimme. Samichläuse waren für mich personae non grata.
 
Weihnacht bedeutete für uns schon damals: Geschenke erhalten. In Form von Spielzeug. Der Christbaum war ja nett und glitzernd, die Krippenfiguren herzig, aber die Spielsachen, die machten es aus! In Predigten oder Religionsunterricht hörten wir zuweilen den Vorwurf, dass Weihnachten gar nicht mehr richtig gefeiert oder verstanden würde. Alles drehe sich nur um Geschenke, dabei sei doch der Heiland geboren, der uns alle gerettet habe.
 
Ich war nur immer von meinen Eltern gerettet worden, sofern man mich überhaupt retten musste, also vor kecken Güselmännern. Damals machten Geschenke viel mehr Sinn, man hatte noch nicht so viel und war froh um Geschenke. Heute werden damit viele Verkaufsläden gerettet, die nur dank Weihnacht überleben konnten. Das ist doch auch was, oder?
 
Später war ich an den Krippenspielen der Kinder, jetzt von den Enkeln. Und immer wieder hört man von der Kanzel, Weihnachten werde gar nicht mehr richtig  ...   usw. Da sagte ich zur Sitznachbarin: "Das hat man schon in den 50-er-Jahren gesagt. Womöglich überhaupt schon immer". 
 
Da erinnere ich mich gerade, dass mal eine Musikschülerin beim aussuchen von Weihnachtsliedern den besagten Ausspruch tat. Spontan sprudelte ich los: "Das ist doch dem Gott egal, der will nur, dass die Menschen einander gern haben und Friede ist. Und wir beschenken doch die Menschen die wir kennen und mögen. Drum ist das schon OK." Das Mädchen schaute zuerst kritisch, ob das so wirklich stimme. Da ratterte ich alle entsprechenden Bibelstellen herunter: Liebe den Nächsten wie dich selbst; verzeihe den Feinden; Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan; wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein; und all das. Ich bin eine von jenen, die nichts glauben, aber ich kenne die  Bibel ziemlich gut, hauptsächlich jene Stellen, welche die Frommen nicht hören wollen. Noch besser (weil mit viel besserem Gedächtnis ausgestattet) sind z. B. Viktor Giacobbo und Dieter Nuhr. Die wissen alles auswendig und glauben auch nichts, kontern aber Frömmigkeit mit Logik, die ebenfalls in den Bibelsprüchen zu finden ist, jedoch was anderes oder das Gegenteil von dem bedeuten, was die Leute behaupten oder meinen, damit sie in den Himmel kommen, oder meinen, andere Menschen hätten "das Böse" in sich, vor denen müsse man sich in acht nehmen oder diese bekämpfen. Natürlich gibt es auch solche Verse, aber die ignoriere ich, weil ich der Meinung bin, dass es keine bösen Lebewesen gebe, höchstens solche mit Persönlichkeitsstörungen und Angststörungen, und die können auch nichts dafür.
 
   
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Wie haben eure Mahlzeiten ausgesehen?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Wie haben eure Mahlzeiten ausgesehen?
Kommentar von Leser/Leserin: Die Meringues vom Bäcker Schreiner an der Schwamendinger-/Viktoriastrasse waren die besten, gab es diese? Übrigens auch der Zopf Spitzenklasse.
 
Mein Kommentar dazu: Wir kauften alle Backwaren bei diesem Bäcker und hatten darum gar keine Vergleichsmöglichkeit. Wir fanden alles sehr gut. Wir kauften meistens das Weissbrot mit der brandschwarzen Kruste, mein Vater bevorzugte es. Wir kauften aber auch regelmässig Grahambrot oder Püürli. Die Spitzbuben waren auch besonders fein. Meringues gab es ab und zu, Zopf kaum, das war für unsereins zu "fuhrig"(schwerverdaulich, zu fett)
 
Wie die Mahlzeiten bei uns ausgesehen haben:
 
Morgens Brot, Butter, selbst eingemachte Konfitüre, Honig, Kaffee für Vater, Milch für Mutter und Kinder. Letztere hatte die Mutter anfangs aufgekocht, weil man das so machte. Als Primarschüler standen wir morgens früh auf und frühstückten selbständig, tranken die Milch roh und kalt aus dem Kühlschrank. Das war viel erfrischender als gekochte Milch. Auch Tagsüber tanken wir nebst Leitungswasser und Süssmost auch kalte Milch.
 
Mittags wurde zuerst der Salat oder die Suppe aufgetischt, gefolgt von Kartoffeln,
oder Rösti, Reis, Polenta, Omeletten mit anderem Gemüse, Obstkompott, Obstwähen und etwas aus Fleisch. Letzteres nicht jeden Tag und nur, weil die Werbung suggerierte, Fleisch sei das beste und wichtigste Nahrungsmittel. Ich mochte es nie bin dabei geblieben. Ich bin doch kein Raubtier. Einen Ersatz für Fleisch braucht es auch nicht. Viele glauben das nicht, müssen sie auch nicht, geht mich nichts an. 
 
Zum Zvieri Obst und Milch oder Brot oder Guetzli und Süssmost
 
Zum Znacht Resten vom Zmittag und sonst Café complet, also Brot, Butter, Konfi, Yoghurt, Käse (ev. Wurst oder Aufschnitt) Milch mit Ovomaltine.
 
Am Sonntag ähnliches, jedoch mit Dessert aus Kuchen oder Fruchtsalat, Caramelköpfli, Crème oder Merengues mit Schlagrahm.
 
 
Was waren damals deine Lieblingsessen?
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Was waren damals deine Lieblingsessen?
Obst und Beeren, Brot und Milch. Salate und Dessert
Was für Kleider hast du getragen?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Was für Kleider hast du getragen?
Wir Kinder trugen die Kleider, welche die Mutter uns hinlegte. Die konnten gekauft sein oder von älteren Cousins zum austragen vererbt. Wir wollten uns nicht selber Gedanken darüber machen, was wir anziehen sollten. Das kam erst in der Pubertät.
 
Man trug die ganze Woche dieselben Kleider, auch die Unterwäsche. Bei Kindern geht das schon, aber in der Pubertät fängt man fürchterlich an zu stinken. Da wechselten wir die Kleider öfter und duschten zwischendurch nebst dem Samstags-Vollbad. Nicht alle Schüler machten das. Mich störte es nicht wirklich, so lange ich es nicht selber war. Streng genommen fand ich diese Wascherei eine schikanöse Zumutung. Aber in unserer Kultur ist nun mal durchgehende Sauberkeit und Frische vorgeschrieben.
 
Eine meiner Grosstanten nähte wunderschöne Mädchenkleider für meine Schwester und mich. die zogen wir oft am Sonntag an. Als wir damit zur Kirche gingen, schimpfte ein Mädchen namens Herta mit uns und ohrfeigte uns wegen der Kleider. Ich konnte nicht nachvollziehen, warum sie fand, dass sie uns deshalb schlagen müsste.
 
Anfangs der 50-er-Jahre wurden Schuhe noch mit den "Iseli" beschlagen, damit sie nicht so schnell durchgelaufen wurden. Das klackerte lustig wie Stepptanz.  Gegen die 60-er-Jahre hin kam das aus der Mode, vermutlich weil man arm wirkte, wenn man es nötig hatte, die Schuhe zu beschlagen. Die  Ärmelschoner verschwanden übrigens ebenfalls mit den Schuh-Iseli. solche hatte ich nie. Ich musste auch keine Schürzen tragen, dafür wollene Strumpfhosen im Winter. Wenn im Frühling der erste Wärmeschub erfolgte, wollte ich zumindest ab 10 Jahren mit Faltenjupe und Kniesocken raus gehen, durfte aber nicht. Also steckte ich die Kniesocken in den Thek und zog hinter einem Gebüsch der Gärtnerei die Strumpfhosen aus und die Kniesocken an. Auf dem Heimweg das Umgekehrte. Ich bekam nie eine Erkältung deswegen. Draussen liebte ich es, auf Steintreppen oder Mäuerchen zu sitzen zum Chillen oder Plaudern. Immer, wenn die Mutter das sah, predigte sie, so bekäme man Eileiterentzündung und könne dann keine Kinder mehr bekommen. Kinder wollte ich schon, aber wenn das stimmte mit Treppen und Mäuerchen sitzen, dann wäre die Menschheit ausgestorben oder gar nie aufgekommen. 
 
"Hast du wenigstens wollene Hosen über den Unterhosen an?" fragte Mami dann. "Ja klar", behauptete ich, obwohl es nicht stimmte. Ich fand nicht, dass es gelogen sei, sondern diplomatisch. Ich wich Streitereien aus, gehorchte, wenn es darum ging, im Haushalt zu helfen und Geschwister zu hüten, aber was nur mich allein betraf, entschied ich oft selber. Ich bin bis heute damit gut gefahren.
 
Frühestens in der Sek oder spätestens in der Lehre spielte die Kleidermode eine Rolle, wenn man nicht bünzlig sein wollte. Ich machte aber nicht alles mit. Stöckelschuhe und enge Jupes waren nichts für mich. Ich war schlank und langbeinig, da wirkte ich mit dem Frauen-Zeug nur komisch, wie ein Kind, das erwachsene Frau spielen will. Hingegen rissen wir Mädchen uns im Brockenhaus alte Männer-Gilets aus den Händen. Schlaghosen machte ich auch mit. Damals hiessen sie Yeah-Yeah-Hosen. Bald folgten die Miniröcke. Die standen mir gut. Aber bei den Hotpants hörte es auf. Ich kaufte mir zwar welche, aber da wurde ich von andern Kindern mit einem meiner Brüder verwechselt. An mir sahen die aus wie Turnhosen. Oder Shorts, welche ich dann in späteren Jahren im Sommer schon noch trug.
 
Ich hatte bereits das erste Kind, als die Maxi-Jupes aufkamen. Oft in herrlichen Ethno-Stoffen. Das gefiel mir sehr. Ethno mag ich heute noch. Und barfuss gehen. Einzelne Leute fanden das völlig unschicklich. In unserer Familie nicht. Wir gingen barfuss, wo und wann es uns passte. 
 
Da fällt mir ein, das Schuh-Einlagen in meiner Schulzeit in Mode waren, welche die Füsse stützen sollten. Wir bekamen auch alle welche angepasst. Die trug ich nicht lange, verlor sie einfach, meiner Mutter fiel das nicht auf. 30 Jahre später hatte ich gerade Beine, Füsse und Zehen, es schmerzte nichts und ich rannte in Sandalen, Zoccoli oder barfuss herum. Manche Altersgenossen mussten Stiefel tragen, weil sich die Sehnen wegen der Einlagen nicht richtig entwickelt hatten. Ohne Stiefel und Einlagen knickten sie an den Knöcheln ein. Ob das wirklich stimmte, weiss ich halt auch nicht. Ich weiss nur: man muss nicht immer alles mitmachen!
 
Diese Mode machte um ca. 1960 herum jede mit:
 

(1) Pferdeschwanz-Kappe mit Bügel zur Halterung. Trug man auch mit kurzen Haaren. Pferdeschwanz-Kappe mit Bügel als Halterung. Konnte auch mit kurzem Haar getragen werden. 

Steife Unterröcke (Pettycoats) und weite Kleider oder Jupes darüber. Je weiter und prächtiger und noch mehr und noch mehr  Spitzenvolants, desto teurer war das Modell. Das kam jeweils aus, wenn wir uns zum Turnen umziehen mussten. Ich hatte ein eher bescheidenes Stück, aber es war mir recht.  

Verschluss der Armee-Jacken oder -Mäntel, meist in Oliv und mit Kapuze

 

Herrengilets aus dem Brockenhaus waren Mitte 60-er-Jahre für Mädchen sehr beliebt, jedenfalls in Zürich. Es waren natürlich die kleinsten Nummern.

 

Ein Kleidungsstück, das mir gar nicht gefiel: 

Kappe im 1920-er-Jahre-Stil.

Ich schrieb weiter oben, dass wir uns nicht um Kleider kümmerten und anzogen, was die Mutter hinlegte. Wahrscheinlich gefiel mir alles einigermassen. Aber diese Kappe! Da war ich 8 Jahre alt und musste diese im Winter anziehen und in die Drogerie einkaufen gehen, welche man auf halbem Weg zum Zentrum Örlikon fand. Ich schämte mich so, dass es körperlich weh tat. Sie auszuziehen war es zu kalt. Ich marschierte mutig drauflos und wollte allen Leuten in die Augen blicken, die mich wegen der unmöglichen und total potthässlichen Kappe auslachen wollten. 

Kein Mensch schaute mich an, kein Schwein interessierte sich für mich, keine Sau nahm mich wahr. Ich war Luft, die Kappe war Luft, ich war unwichtig wie Luft, keines Blickes würdig. 

Da fiel mir ein Stein vom Herzen. Es war ein Schlüsselerlebnis: wenn man sich blamiert, heisst das noch lange nicht, dass andere es merken, dass man sich blamiert. Und wenn sie es merken, wissen sie es nach 5 Minuten nicht mehr, keinesfalls am nächsten Tag noch. Auch dazu ist man zu unwichtig. Man muss auch keine Busse zahlen oder wird geschlagen wegen einer Blamage. Es fiel mir auf, dass sich schon sehr viele Kinder und Erwachsene in meinen Augen blamiert hatten, aber das war ihnen egal, oder sie hielten es gar nicht für Blamage, oder meinten, man merke es nicht. Das Thema Blamage wegen Kleidern war ein für alle mal passé. 

Ich weiss nicht mehr, was ich meiner Mutter sagte, jedenfalls musste ich damit nicht in die Schule. Es hatte ja noch viele anderen Kappen und Mützen und Hüte im Haushalt. 

 

 

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Wer und wie waren deine Spielkameraden?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Wer und wie waren deine Spielkameraden?
Nebst meinen Geschwistern waren die Nachbarskinder - davon hauptsächlich die Mädchen -  meine Spielkameraden. Die einen waren etwas jünger, mit denen baute man Hütten aus modrig stinkenden alten Harassen und noch viel ärger stinkenden Wolldecken, wir spielten Müeterlis mit unseren Puppen und Puppenwagen oder schauten den noch kleineren zu, wie sie im Sandhaufen spielten. Die  andern waren etwas älter, mit denen stand oder hockte man herum und philosophierte. 
 
Schulkameradinnen waren jene, die den gleichen Schulweg hatten und die im Schulzimmer neben mir sassen. In jeder Klasse findet man ein paar Rowdies bei den Buben und Giftspritzen bei den Mädchen. Diese ignorierte ich. Lachten sie aber ein Mädchen gezielt wegen etwas aus, ging ich sofort hin, damit das Opfer sich nicht allein fühlte. Erzählte ich so was der Mutter, animierte sie mich, das Mädchen zum Spielen einzuladen, was ich dann auch machte. Meine Mutter erfuhr bei Gelegenheit, dass die Mutter des Mädchens schwer krank im Spital liege und die Kinder über Mittag im Hort essen müssten.
 
In der 4. Klasse zog ein Mädchen zu, Charlotte, welche sich gut in die Klasse einfügte, wie mir schien. Sie spielte mal mit diesen oder jenen Kindern in den Pausen. Und auch mit mir, fragte, ob sie am Mittwoch Nachmittag zu mir spielen kommen dürfe. Klar durfte sie. Oft spazierten wir zusammen in der Örliker City herum. Von Zeit zu Zeit schaute sie in ihren Briefkasten/Milchkasten, ob Guetzli parat lägen. Das war oft der Fall, dann futterten wir zusammen das Gebäck auf. Ich fragte gar nicht danach, aber Charlotte erzählte von selber, dass die Männer, welche ihre Mutter kennen, diese Guetzli für sie deponierten. Manchmal auch Hundebiscuits für den Pudel. Ich hinterfragte nichts, fand es normal. Ich glaube, ich fand überhaupt alles normal.
 
Eines Tages fragten andere Mädchen in der Klasse, ob meine Mutter nichts dagegen hätte, wenn ich immer mit der Charlotte spiele. 
 
"Nein, warum?"
 
Von ihren Eltern aus, rapportierten die andern, dürften sie nicht mit Charlotte 'gehen'. 
 
"Warum nicht?"
 
Darauf wussten sie keine Antwort. Wieder zuhause, fragte ich meine Mutter, warum andere Kinder nicht mit Charlotte spielen oder zu ihr nach Hause oder draussen herum laufen durften. Auch da wusste meine Mutter bereits Bescheid: "Die Mutter hat einen Beruf, da kommen Männer zu ihr und bezahlen ihr Geld."
 
"Ja und jetzt?"
 
"Die andern meinen, das schade ihren Kindern, aber das ist natürlich Unsinn. Geh du nur mit Charlotte, das ist in Ordnung."
 
Ich weiss nicht mehr, wann genau ich checkte, dass Charlottes Mutter von Prostitution lebte. Das war mir grad nochmals wurst. Das geht doch die andern gar nichts an! Ansteckend war es auch nicht. Das rechne ich meinen Eltern hoch an, dass sie tolerant und uns darin ein Vorbild waren. Primitive Sippenhaftung, Kinder auszugrenzen wegen solch privaten Sachen, die ja niemandem Schaden zufügten!
 
 
 
 
 
Wer waren die Nachbarn? Kanntest du/kanntet ihr sie gut?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Wer waren die Nachbarn? Kanntest du/kanntet ihr sie gut?
Die Nachbarn im Umkreis von mindestens 50 m kannten wir sehr gut, es war schon irgendwie familiär. In der Gärtnerei waren 3 Kinder, noch ein Haus weiter ebenfalls 6 wie wir. Uns gegenüber wohnten 2 etwas ältere Mädchen. Das jüngere davon war oft bei uns. Das ältere hatte bereits einen Freund, oder es war schon der Verlobte. Weil sie nicht zusammen im Zimmer bleiben durften, küssten sie sich stundenlang am Gartentor und schmusten und kuschelten. Total fasziniert kauerte ich hinter dem Kellerfenster und guckte zu. Warum machten die das? Sie redeten gar nicht miteinander, umarmten sich nur, und sie züpfelte zuweilen an seiner Krawatte herum. 
 
Meine Mutter verriet mir, dass die beiden bald heiraten werden. Hochzeit, weisses Kleid, Blumen, Kirche, dann Kinder bekommen. Schön. Dann wollte ich das auch mal. 
 
Nebenan wohnte eine Witwe, die 2 Söhne allein aufzog, weil der Mann im Krieg umgekommen war. Noch ein Haus weiter hinten residierte ein Grosselternpaar mit 4 Enkeln. Keine Ahnung, wo die Eltern waren. Ich fand auch das normal.
 
Auf der anderen Seite neben uns wohnte ein älteres Ehepaar, welches nur einen einzigen, damals schon erwachsenen Sohn hatte und sehr gerne noch mehr Kinder bekommen hätte, aber es kamen einfach keine mehr. Hoffentlich passiert mir das nicht, dachte ich insgeheim. Es sollte ja sogar welche geben, die bekamen überhaupt keine Kinder, obwohl sie welche wünschten. Schlimm. Gemein vom Schicksal. Ungerechte Welt!
 
Dort wiederum gegenüber hatte ein ebenso älteres Ehepaar einen erwachsenen Sohn und dazu ein sehr schönes rothaarig gelocktes und sommersprossiges Mädchen. Dieses war adoptiert (angenommen). Die anschliessenden Häuser waren Mehrfamilien-Blöcke. Eine Frau, die oft zu uns zum schwatzen kam, hatte ein einziges Kind, aber mehr hatten nicht Platz in der kleinen Wohnung. Sie erzählte drum meiner Mutter immer wieder, wie sie es anstellte, damit nicht noch eines käme, was sie eigentlich gewollte hätte, aber eben, die zu kleine Wohnung...
 
In der nächsten Querstrasse kannten wir die Leute auch, aber nicht auf diese familiäre Art. Von dort kamen oft zwei Brüder, so alt wie mein ältester Bruder und ich, auf unsere Strasse runter. Diese waren so gegenteilig in allem, dass man nicht glauben konnte, dass es Brüder wären.  
 
Der ältere war ein filigranes Geschöpfchen mit grossen dunkelbraunen mandelförmigen Augen. Er ging etwas gebückt und mit schleppendem Gang und trug meistens einen braunen Anzug, auch für die Schule. Komisch, aber macht ja nichts. Er stotterte und hatte noch zusätzliche Sprachfehler, oft verstand ich nicht, was er meinte. Mir gefiel es aber bei ihm zu stehen und zuzuhören und ihn anzuschauen (verknallt war ich aber in andere - nur damit das klar ist).
 
Der jüngere war weizenblond, hellhäutig, Augenfarbe weiss ich nicht mehr, aber er war das, was man allgemein hübsch und attraktiv nannte. Er hatte keinen Sprachfehler, war gut in der Schule und kam, wie es üblich war, in Turnhosen und Leibchen daher. Aber er prügelte sich leidenschaftlich gern und war immer auf der Suche nach Opfern. Es ging die Sage, dass er der Stärkste aller Raufbolde sei, weshalb es immer schwieriger wurde, willige Opfer zu rekrutieren.  Einmal kam mein Bruder Thomi dran. Fortan wichen wir ihm aus. Manchmal riefen wir alle zusammen von unserem Garten aus, er solle zu sich heim gehen, in unserer Strasse hätte er nichts verloren. Wenn er dann Anstalten machte, unseren Garten zu stürmen, rannten wir ins Haus und verriegelten die Türe.
 
Bevor wir in die Schule abmarschierten, warteten wir hinter dem Gartenhag, bis er vom Rässlerweg her weiter vorne die Strasse überquerte, und die Friedackerstrasse hinunter zog, und erst eine Weile später gingen wir los. Er war dann schon auf dem Pausenplatz und mit andern am Boxen und ginggen und auf den Boden werfen. 
 
 
 
Wer war für dich die einflussreichste Person?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Wer war für dich die einflussreichste Person?
Die Mutter war die erste einflussreiche Person. In der Sek hatte ich einen Deutsch- und Französisch-Lehrer, der mir grossen Eindruck machte. Er war schon mindestens 60, aber er wusste eine extrem wirksame Art, uns akzentfreies Französisch einzupauken, und die Deutschstunden, wenn wir Texte lasen und darüber diskutierten und verschiedene Deutungen abwogen, fand ich spannend und oft wie witzige Talkshows. Vor allem Geschichten von Gottfried Keller.
 
Später bewunderte ich George Harrison und noch etwas später  J.S.Bach. Irgendwann liess ich mich auch von meinem Vater beeinflussen. Menschen, die ich einfach nur bewundere, aber nichts mit ihrem Spezialgebiet zu tun habe, sind Federer und Obama  
Was für Kontakte hattet ihr mit euren Verwandten? Gab es unter diesen solche, die dir damals oder auch später besonders nahe standen?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Was für Kontakte hattet ihr mit euren Verwandten? Gab es unter diesen solche, die dir damals oder auch später besonders nahe standen?
Unsere Familien verteilten sich über die ganze Schweiz. Meine Grosseltern väterlicherseits veranstalteten jeden Dezember ein Familientreffen, damit wir mit unseren Cousins und Cousinen bekannt blieben. Eine gleichaltrige Cousine berichtete mir, dass sie in der Sek einen Freund hatte, aber der war nicht vom selben Stand, da wurde sie in ein Gymi-Internat und in den Tennisclub gesteckt, wo sie dann den standesgemässen Ehemann kennenlernte. 
Heute haben wir nur selten Kontakt. Jeder hat eigene Familien, Arbeitskollegen und Nachbarn, so dass man an kein Ende käme, wenn man mit allen laufend die Erlebnisse austauschen würde. Man sieht sich allenfalls an Beerdigungen.
 
 
Meine Mutter
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2.1.  Meine Eltern – Meine Mutter.
Meine Mutter hiess Annemarie Leonie Felicitas , geb. 1921, und war das dritte und jüngste der Familie Carl und Pia Strübin-Blattmer. 

Die Familie ist leider frühzeitig an verschiedenen Krebs-Arten ausgestorben. Meine Mutter und ihre Geschwister erwischten in der Kindheit Kinderlähmung. Bei meiner Mutter und ihrer Schwester blieben keine Schäden zurück. Dem Bruder lähmte es die Beine ein zeitlang, Monate oder so, dann wurde alles gut und man merkte und sah im nichts mehr an.  

Leider verstarb er mit 33 an Hirntumor. Der Grosspapa fast gleichzeitig an Hautkrebs. Beide kenn ich nur von Fotos. Die Grossmama habe ich noch in Erinnerung, weil ich ein paar mal bei ihr in den Ferien gewesen war. Ich hatte einen roten Ball bekommen, aber der rollte in der etwas abschüssigen Strasse fort. Offenbar plagte es mich so, dass ich nachts darauf einnässte. Ich hörte, wie sie es meiner Mutter am Telefon erzählte: "Wahrscheinlich weil der Ball fortgerollt ist."

Sie starb anno 54 an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Meine Tante hatte Brustkrebs, überlebte aber nach der Operation. Meine Mutter hatte es "aus gelassen" sie hatte nie Krebs, dafür manchmal etwas Arthritis. Sie wurde 89. 

Fred, der Bruder meiner Mutter und die Schwester meines Vaters hätten auch heiraten wollen, mit meinen Eltern zusammen als Doppelhochzeit. Leider-leider-leider starb er ja wegen dem Tumor. Sonst wären die Cousins davon zu uns Kindern viel verwandter gewesen, eigentlich wie Geschwister. Meine Tante brauchte lange, um darüber hinweg zu kommen. Aber sie fand dann doch noch grosses Glück und Familiengründung. 

Bei Fred wurde der Tumor 1948 heraus operiert, und er starb erst ein Jahr später. In der Zwischenzeit war sein Gehirn verändert, vermutlich wegen der Hirn-Operation. Vorher war er ruhig und introvertiert, danach schwatzte er wie ein Buch, fast pausenlos. Schon da hat man festgestellt, dass Gehirne Charaktereigenschaften enthalten und durch Eingriffe verändert werden können. Der Mensch kann es sich also nicht total selber aussuchen, wie er sich verhält. Ein entfernter Onkel bekam mit 50 einen Gehirntumor, das war ca. 1975. Auch er lebte noch ein Jahr, aber danach konnte er nicht mehr rechnen. 

 

 

Gibt es ein bestimmtes Bild früheren Glückes, das dir im Zusammenhang mit der Mutter in den Sinn kommt?
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2.1.  Meine Eltern – Meine Mutter.

Gibt es ein bestimmtes Bild früheren Glückes, das dir im Zusammenhang mit der Mutter in den Sinn kommt?
Sie erzählte so lustig Geschichten, spielte mir Klavier vor, lehrte mich die Noten, ich durfte meine Geschwister "bäbelen", sie war diejenige, welche nach dickem Schwangerschaftsbauch jeweils weitere Geschwister gebar.
Sie war sehr hübsch, gross und schlank, hatte schwarzes Haar und braune Augen. Nach dem Mittagessen legte sie sich in der Stube auf das Kanapee, und ich durfte, wenn ich wollte, mit dem Kamm ihre Haare kämmen. Das liebte ich über alles. Später sagte sie, das hätte sie jeweils eingeschläfert, das sei wie Massage gewesen. 
 
Als Ältestes von 4 aufeinander folgenden Kindern kam ich offenbar mit Kuscheleinheiten zu kurz. Weil ich aber immer zufrieden spielte und mich beschäftigte, mich problemlos ins Bett bringen liess, später auch selber um 20 Uhr zu Bett ging, weil so gewohnt, konnte ich manchmal lange nicht einschlafen oder erwachte mitten in der Nacht. Dann kam mir irgendwas trauriges in den Sinn, weiss nicht konkret was, ich begann zu schluchzen, erst nur leise, damit die Schwester nicht erwache, dann immer lauter und lauter, vorsichtig steigernd, endlich so laut dass meine Mutter es im Zimmer nebenan hörte. Sie kam dann zu mir ans Bett, sagte, dass ich eben etwas nervös sei, oder in späteren Jahren, dass bald die Pubertät beginne, dann gäbe es ein Durcheinander mit den Hormonen, und das könne traurig machen, und dann strich sie mir lange über den Rücken. Zuerst schluchzte ich eine Weile weiter, damit sie nicht zu schnell aufhöre, ab einem gewissen Zeitpunkt hörte ich auf und stellte mich sogar schlafend, denn ich berechnete, dass sie ungeduldig werden könnte. Ich wollte aber lieber, dass sie einander mal wieder komme und mir den Rücken massiere. Ich war sicher schon 12, als dieser Tic aufhörte. 
Woher stammt deine Mutter? Was weisst du über ihr Leben? Wie hat sie den Krieg erlebt?
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2.1.  Meine Eltern – Meine Mutter.

Woher stammt deine Mutter? Was weisst du über ihr Leben? Wie hat sie den Krieg erlebt?
Die Mutter meiner Mutter stammte aus der Innerschweiz, der Vater aus Liestal. Sie wohnten in Zug und betrieben dort eine Buchhandlung. Die Innerschweizerin war katholisch, der Liestaler reformiert. Wurden die Kinder katholisch erzogen, war eine solche "Mischehe" erlaubt. Unglaublich, dass man das Mischehe nannte. Heute heisst das Ehe zwischen völlig unterschiedlichen Rassen, zum Beispiel weiss und schwarz.
 
In der Buchhandlung lebten viele Katzen. Oft waren es an die 20. Viel mehr wurden es aber nie, weil ab und zu eine Seuche ausbrach und den Bestand tüchtig ausdünnte. Dann erholte sich die Population wieder. Die Katzen lagen in Schaufenstern, auf Büchern und Schreibtisch und überhaupt überall. Niemand hatte etwas dagegen. Unten in der Waschküche entdeckte meine Mutter eine Albino-Ratte, nannte diese "Jakobli" und fütterte sie mit Käse und Brot. Niemand meinte, davon könnte man die Pest bekommen. Alle, welche damals die Pest überlebt hatten, waren ja resistent dagegen.
 
Während dem Krieg konnte man zum Glück nur noch mit Rationsmarken Essen kaufen, damit die Hamsterer nicht alles beiseite brachten und den andern nichts mehr blieb. Die Strübins waren keine "Viel-Esser", die Rationen reichten ihnen gut.    
 
Mühsamer war, dass jeden Abend vor dem Eindunkeln die Vorhänge gezogen oder die Läden dicht gemacht werden mussten, damit die Bomberflieger in der Dunkelheit nicht erkennen konnten, wo sie sich befanden. Man denkt, das wäre noch das wenigste, aber wie oft vergisst man so was! Und irgend einer ruft dann: "He! Vorhänge zu! Seid Ihr verrückt? Wollte ihr, dass eine Bombe runter fällt?"
 
Oft hörten sie die Bomber oben drüber brummen. Man wusste nie: fällt eine runter? Oder nicht? Oder wo? Sehr belastend. Einmal fiel eine in den Zugersee.
 
In so einem Krieg hatte vom Mittelstand an abwärts niemand voriges Geld. Es wurden kaum mehr Bücher gekauft. Eigentlich hätte der Laden nicht überleben können, aber die drei berufstätigen Tanten meiner Mutter steckten laufend Geld in die Familie. Auch als der Krieg vorbei war, hatte sich Papa Strübin daran gewöhnt, kaufte seinen Töchtern Opernbillete fürs Opernhaus Zürich, liess sie Klavier und Gesang studieren, der Fred wurde Ingenieur, die Erziehung wurde abgerundet durch ein Institut in Belgien, wo man den letzten Schliff im Benehmen erhielt, falls man durch Heirat in höhere Sphären aufsteigen könnte.

Nebst tadellosem Benehmen lernte meine Mutter auch, wie man sich diskret unerwünschte Dinge vom Leibe hält. Rosenkohl mochte sie auf den Tod nicht leiden. Die durften aber nicht auf dem Teller zurück gelassen werden. Also liess sie ein Rosenköhli nach dem andern unauffällig in der Schürzentasche verschwinden und wickelte sie später im Zimmer in Papiertaschentücher, von dort entsorgte sie diese endgültig in einem Abfallkübel. 
 
Diese Diskretion behielt sie auch bei, als mein Vater sie zu sich nach Hause brachte und der Familie vorstellte. Jost, der ältere Bruder meines Vaters, war ein rechter Scherzkeks. Um die junge Braut in Verlegenheit oder Blamage zu bringen, schmuggelte er ihr Plastikwürmer und schwarze Plastikfliegen in den Salat. Meine Mutter mit ihrer Top-Erziehung sah die Tierchen, zog sie mit der Gabel wiederum unauffällig unter den Salatblättern raus und liess sie auf ihren Schoss fallen, von dort weiss ich jetzt auch nicht, wahrscheinlich in die Handtasche. Sie wollte die künftige Schwiegermutter nicht blamieren. So was kann schliesslich jedem passieren. Andere blamieren tut man nicht, das ist taktlos. 

Für Jost ging dann halt der Schuss zünftig ins Leere. Er  musste sich rasend blöd vorgekommen sein. 
 
Oder hatte er gemeint, die junge fremde Frau würde vor Schreck und Ekel schreien und es gäbe einen ordentlichen Tumult? Sie würde aus dem Haus rennen und sein Bruder würde aus den Ohren rauchen vor Wut auf ihn?
 
Wer 20 Katzen in der Buchhandlung hat und Ratten im Keller füttert, erschrickt doch nicht wegen einem Regenwürmchen und einer fetten Fliege! Sind doch nur Tierchen! 
 
 
 
 
Wie würdest du sie beschreiben?
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2.1.  Meine Eltern – Meine Mutter.

Wie würdest du sie beschreiben?
Ausser hübsch war sie sehr intelligent und hatte lauter Bestnoten in den Zeugnissen. Das hatte ich hingegen nicht, drum dachte ich, früher hätte man einfach Bestnoten in die Zeugnisse geschrieben, weil es noch nicht so drauf angekommen wäre, und überhaupt hätten sonst die Eltern reklamiert oder die Schüler geweint.  Später merkte ich dann schon noch, dass diese Noten berechtigt gewesen waren. Sie sprach fliessend englisch und französisch. Mein Vater hatte als Ingenieur Maschinen in Kommission ins Ausland verkauft, musste auch selber dorthin und die Maschinen erklären. Meine Mutter übersetzte regelmässig die Briefe in Englisch, die er verschicken musste. Die beiden ergänzten sich sehr gut. Er spielte Geige und Bratsche, sie Klavier und Blockflöte. Sie musizierten auch jedes Wochenende oder auch mal sonst am Feierabend miteinander. 
 
Der einzige Unterschied bestand darin, dass sie möglichst viele Tiere um sich haben wollte, er aber war so erzogen und aufgewachsen, dass Tiere "draussen in die Freiheit" gehören. Tiere ja, aber nicht Haustiere oder Kuscheltiere. Weil Tiere im Haus aber nicht wirklich etwas schlimmes sind, schickte er sich darein, dass wir bald eine Katze im Haus und Schildkröten im Garten besassen. Zwischenzeitlich auch weisse Mäuse in riesigen Kartonschachteln mit vielen Hüttchen und WC-Rollen-Tunnelgängen und alles, was die Mäuseherzen begehrten. Die waren einem separaten Zimmer, im "Büro", Türe musste immer zu bleiben, wegen der Katze.  
Wie hast du sie als Mutter empfunden?
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2.1.  Meine Eltern – Meine Mutter.

Wie hast du sie als Mutter empfunden?
Sie war eine freundschaftliche Mutter mit einer grossen Phantasie, mit Witz und subtilem Humor. Ich hatte das als Kind natürlich als selbstverständlich und normal angesehen. Später merkte ich schon, dass andere Eltern halt anders waren wie sowieso alle Menschen verschieden sind. Ich durfte mit ihrem Schmuck spielen, mich mit ihren Kleidern verkleiden, sie gab mir alte Leintücher, welche in der Mitte etwas dünn geworden waren und eh bald reissen würden, damit ich mit der alten Singer-Nähmaschine mit der Handkurbel Prinzessinnenkleider selber nähen konnte. Das waren aber keine Disney-Prinzessinnen-kleider. Bodenlang und möglichst weit und viele-viele Falten in der Taille! Einmal wollte ich einen Stufenjupe als Unterteil zum Prinzessinnenkleid machen, aber ich hängte nicht eine weitere noch längere Stoffbahn an, sondern legte den Stoff mitten durch mittels einer Naht in Falten. Die Naht geriet aber nicht waagrecht. Bei diesen grossen Stoffflächen hatte ich keinerlei Übersicht mehr. Die Kreation war trotzdem sehr schön, der Jupe mit einer Ballonrock-Unterteilung. Moderne haut-couture macht ja extra asymmetrische Linienführungen. 
Was waren ihre herausragenden Eigenschaften?
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2.1.  Meine Eltern – Meine Mutter.

Was waren ihre herausragenden Eigenschaften?
Die herausragenden Eigenschaften habe ich ja schon aufgezählt. Oder sie hatte noch mehr davon. Falls sie mir noch in den Sinn kommen sollten, schreibe ich sie nachträglich hier rein.  
Was habt ihr alles zusammen unternommen?
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2.1.  Meine Eltern – Meine Mutter.

Was habt ihr alles zusammen unternommen?
Die alljährlichen Sommerferien waren die Unternehmungen. Immer mit der ganzen Familie und allen Geschwistern. Niemand kam auf die Idee, dass man die Mutter mal für sich allein bei einer Unternehmung haben müsse. Meine Mutter arbeitete nicht auswärts, sie war immer da. 
Hast du dich an deine Mutter gewandt, wenn dir etwas auf dem Herzen lag? Woran erinnerst du dich speziell?
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2.1.  Meine Eltern – Meine Mutter.

Hast du dich an deine Mutter gewandt, wenn dir etwas auf dem Herzen lag? Woran erinnerst du dich speziell?
Je nach dem habe ich mich an meine Mutter gewandt, oder ich wartete, bis sie mich fragte. Wenn es nicht um Lebensgefahr oder Krankheit ging, nahm man solche "Banalitäten" nicht so wichtig. 
 
Sie hatte mich rechtzeitig aufgeklärt, bevor die erste Menstruation einsetzte. Als es endlich passierte, war ich schon 15, die nächste kam erst mit 16, von da an stark und regelmässig. Die Mens war mir überaus lästig. Jeweils am ersten Tag davon brauchte ich mittelstarke und später noch stärkere Schmerzmittel, um es auszuhalten. 
 
Das Problem waren halt die Liebeskümmernisse. Wenn ich auch gar nicht gewusst hätte, was anstellen mit den Burschen, ich litt Qualen, die mir, wie ich jetzt weiss, nicht die Buben, sondern meine Hormone angetan hatten. Mittelprächtige Akne lag bei uns in der Familie, wir alle hatten das.  Ich schämte mich fürchterlich und versteckte mein Gesicht hinter dem Vorhang aus langen Haaren, sobald ich sie überhaupt wachsen lassen durfte. Ich meinte, ich bekäme deshalb keinen Freund, jedenfalls keiner von denen, die ich wollte.
 
Meine Mutter hatte vollstes Verständnis, erläuterte, dass das alle Menschen erleben, oft sogar mehrmals, sie wisse, wie das sei, aber das machte mich nur noch verrückter. Ich sagte es nicht laut, aber ich wollte nicht, dass sie mich verstand, ich wollte die Allereinzigste auf der Welt sein, die solchen Schmerz erdulden musste und zu ertragen fähig war. 
Welches war der Beruf deiner Mutter, bevor sie heiratete? Hat sie diesen Beruf auch nach der Heirat ausgeübt?
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2.1.  Meine Eltern – Meine Mutter.

Welches war der Beruf deiner Mutter, bevor sie heiratete? Hat sie diesen Beruf auch nach der Heirat ausgeübt?
Meine Mutter half nach Schule und Institut in der Buchhandlung. Die Grossmama machte nebst Haushalt die Administration, meine Mutter las laufend alle neu eintreffenden Bücher und beriet eloquent die Kundschaft, der Vater rauchte im Büro und hatte die Katzen auf dem Schoss und auf der Tischplatte. 
 
 
 
 
 
Hatte sie Hobbies oder Leidenschaften? Was konnte sie besonders gut? Was machte sie besonders gern?
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2.1.  Meine Eltern – Meine Mutter.

Hatte sie Hobbies oder Leidenschaften? Was konnte sie besonders gut? Was machte sie besonders gern?
Hobbys und Leidenschaften:
Kinder, Tiere, Musik, musizieren und singen, lesen, Filme schauen
Wie haben sich die Eltern kennen gelernt?
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2.1.  Meine Eltern – Meine Mutter.

Wie haben sich die Eltern kennen gelernt?

Meine Mutter hatte nichts anderes im Sinn als eine eigene Familie mit Mann und eigenen Kindern. Sie behielt wohl die Augen offen, um einen allfälligen Anwärter nicht zu verpassen. In einer Tanzschule mit Tanzclub war ein fantastischer Tänzer mit schwarzen Haaren etc. Den mochte sie. Ob verliebt oder nicht erinnere ich nicht, sie erwähnte das, glaube ich, nicht. Der war mal fort und schrieb ihr unterdessen einen Brief. Der war leider voller Schreibfehler. Da knallte ihr grad der Rollladen runter. So was ging   G A R   nicht.

Ihre wenig ältere Schwester hatte einen Freund, den sie zu heiraten gedachte. Die Familie Strübin wohnte in einem kleinen Wohnblock, unten drin die Buchhandlung, oben die Wohnung und mehrere vermietete Wohnungen.

Sie kam also mit ihrem Freund an und fand im Treppenhaus ein Velo, welches nicht so dort stehen durfte. Sie verfiel in ein lautes wüstes Geschimpfe und konnte kaum mehr aufhören. Der Freund entfloh und ward nie mehr gesehen. 

Beim nächsten Freund hielt sie sich dann offenbar zurück und heiratete ihn. Weil meine Mutter noch keinen passenden Partner erspähen konnte, lasen die beiden Schwestern oft Heiratsannoncen in den Zeitungen. Online Kontaktbörsen sind also nichts Neues. Auch heute noch stehen solche Inserate in den Zeitschriften. Um nicht wieder an einen Analphabeten zu geraten, versuchte sie auf diesem Wege fündig zu werden. 

Es war nebenbei auch eine sehr unterhaltsame Freizeitbeschäftigung. Ob Mann oder Frau, wer immer sich anbot, war besonders anmutig, von edler Gestalt und gesund und zählte sein Vermögen auf, oft sogar ganz präzise in Zahlen. Die Heirat als Geschäftsverbindung bestand demnach bis in voriges Jahrhundert und setzte nach der Wirtschaftskrise in den 90-er-Jahren wieder sachte und diskret ein. 

Meine Mutter wünschte sich aber einen, der ihr gefalle, und das konnte man mitnichten aus Eigentümern, Immobilien und Vermögen sondieren.

Eines Tages las sie ein sehr kurzes Inserat "Mann, 29,  mit Musik als Hobby, sucht Frau zwecks Heirat."

Eh ??!? Nur das?? Was sollte das wohl für einer sein? Voller Spannung schrieb ihm meine Mutter. Sie trafen sich und erkannten sofort, dass es passte.

 

Wie kleidete sie sich? War ihr das wichtig?
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2.1.  Meine Eltern – Meine Mutter.

Wie kleidete sie sich? War ihr das wichtig?
Meine Mutter kleidete sich wie es üblich war, sich gehörte und/oder Mode war. Glaube ich jedenfalls. Sie war zierlich anmutig, drum standen ihr alle Kleider gut. Sie prüfte vor dem Schrankspiegel, ob etwa ein Saum abgerissen sei und runter hänge, ob alles gut sitze und farblich passe. Was mich erheitert, sind Menschen in den Strassen, die offenbar keinen Spiegel zuhause haben oder nicht rein gucken. Wie furchtbar langweilig wäre es, wenn alle perfekt flecken- und fusselfrei gekleidet wären! Schon deshalb hätte ich nie Direktorin oder Managerin werden wollen, weil man da nur mit präzise sitzendem Kostüm in dunkelblau oder grau uni, mit Nylonstrümpfen ohne Laufmasche, dezenten Pumps und Coiffeur-Frisur ins Büro und mit Kundschaft verhandeln gehen durfte. 
Mein Vater
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2.2.  Meine Eltern – Mein Vater.
Mein Vater war Georg Anton Zemp, 1920 geboren, mittleres von 3 Kindern. Eigentlich waren 4 lebend geboren, eines starb nach der Geburt wegen Stoffwechselstörung oder sonst was Angeborenes. Man hatte gleich nach der Geburt gemerkt, dass etwas total nicht stimmte. Es hätte Anton geheissen. Meine Grossmutter sprach noch lange vom Toneli, zum Beispiel, wenn wir Kinder dort in den Ferien waren. 
 
Im Krieg fanden Kriegswaisen Pflegeeltern in der Familie. Am längsten blieb der Theo. Er war im Fotoalbum wie die andern Geschwister auch, für mich ein Onkel unter andern Onkeln. Er zog dann mal in die Ferne. Er wurde gleichwohl immer wieder erwähnt bei den Erzählungen aus vergangenen Zeiten. 
 
In jener Zeit durfte man Geschwistern die gleichen Zweit-Namen geben, auch Rufnamen, wenn ein Geschwister verstarb. Bei meinem Ururgrossvater Josef Zemp-Widmer waren 15 Kinder lebend geboren. Es finden sich im Stammbaum 2 x Adelheid, 2 x Martha und 2x Barnarda. Starb eines früh, gab man denselben Namen dem nächsten gleichen Geschlechts geborenem Kinde. 
 
Als mein Vater in den 20-er und 30-er-Jahren aufwuchs, war unter den Geschwistern genau der gleiche Knatsch wie heutzutage. Sein älterer Bruder Jost hat meinen Vater über Jahre hinweg jeden Abend beim zu Bett gehen so drangsaliert, dass die Eltern ihn aus dem Bubenzimmer holten, ins Mädchenzimmer verlegten und das Mädchen in ihr Elternbett, bis sie selber schlafen gingen. 
 
In der Schule war ein Lehrer ein Sadist, der die Schüler subtil provozierte und dann mit dem Stock prügelte. Wenigstens das geht heute gar nicht mehr. Jost spielte also abends im Zimmer den bösen Lehrer, befahl meinem Vater, zu ihm her zukommen und die Hand hinzuhalten, und schlug ihm mit dem Lineal auf die Hand, bis er laut schrie. Das war zum Beispiel eines der Spiele, die Jost pflegte. Mein Vater erzählte noch in hohem Alter, dass er schon gewusst habe, dass er nicht hätte aus dem Bett steigen und zu Jost hingehen müssen, schon gar nicht die Hand hinhalten und sich schlagen lassen. Aber er machte es trotzdem und konnte sich nicht erklären warum.
 
Mein Vater leistete sich jedoch andere Sachen. Als die Mofas aufkamen und die grösseren Schüler aus den umliegenden Höfen damit zu Schule tuckerten, erzählte er den Mitschülern, wenn man Würfelzucker in den Benzintank rein werfe, dann gehe der Motor kaputt. Er sagte das nur, aber die andern taten es.  
Was fällt dir als erstes ein, wenn du an deinen Vater denkst?
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2.2.  Meine Eltern – Mein Vater.

Was fällt dir als erstes ein, wenn du an deinen Vater denkst?
Wenn er um 18 Uhr heimkam, rannten wir Kinder in den Gang raus. Er stellte dann die Mappe ab und zog die Jacke aus, dann aber hob er ein Kind nach dem andern hoch bis zur Decke und wieder runter und das nächste war dran. Ich war schon recht gross und sicher bereits weit in der Primarschule, als auch ich immer noch hochgestemmt wurde. Seine Arme zitterten dann jeweils, und noch mehr, wenn er mich runter liess, er wollte uns ja nicht fallen lassen.
Gibt es ein bestimmtes Bild früheren Glückes, das dir im Zusammenhang mit dem Vater in den Sinn kommt?
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2.2.  Meine Eltern – Mein Vater.

Gibt es ein bestimmtes Bild früheren Glückes, das dir im Zusammenhang mit dem Vater in den Sinn kommt?
Nebst dem Hochstemmen und wieder runter lassen gefiel es mir auch, aus Holz etwas zu schnitzen unter seiner Anleitung. Meist Windräder. Beim Grossvater jedoch schnitzten wir aus frischen Haselruten Flöten. Mein Vater baute auch Seifenkisten mit einer Steuerung, die gleich funktionierte wie in richtigen Autos. Wir sollten uns grad an die wirkliche Steuerung gewöhnen. Auf der mit Platten belegten Wöschhänki zeigte er uns dann, wie man mittels vor- und zurück- und wieder voraus fahren und hin- und her-steuern enge Kurven  und Parkplätze meisterte. Er war überhaupt sehr praktisch veranlagt.
 
Er konnte mir auch Rechnungen erklären, die ich als Hausaufgabe hatte und nicht verstand. Nach seinem Referat kapierte ich es dann, aber am nächsten Morgen war alles wie weggeblasen und ins nichts aufgelöst. Meinem Gehirn fehlte ein Speicherplatz hierfür. Er begriff wohl, dass die Kinder nichts dafür können, wenn etwas einfach nicht in den Kopf rein geht oder nicht darin hängen bleibt. Drum gab es bei den Zeugnissen für jede verbesserte halbe Note einen Batzen. Hätten wir lauter Bestnoten präsentiert, ich weiss nicht, was er dann gemacht hätte.
 
In Zürich boomten die Geburten, in den Schulen wurden hohe Ansprüche gestellt und streng benotet. Notfalls gab es einfach bei Aufsätzen und Kunstfächern schlechte Noten, damit die Notendurchschnitte nicht zu hoch wurden. Es sollten nur so viele in die Kanti und ins Gymi soviel man solche Berufsleute in der Wirtschaft brauchte. Damals brauchte man vor allem Handwerker und Fabrikarbeiter, welche für wenig Geld klaglos gleichförmige Fliessband-Arbeit erledigten, die später von Maschinen übernommen wurden. Erwachsene, die im Gymi und in der Uni gewesen waren, wollten natürlich nicht mehr ans Fliessband.
 
Wieso komme ich eigentlich immer von Thema ab? Alles ist verknüpft und vernetzt in meinem Hirn. Also nächstens Kapitel!  
Woher stammt dein Vater Was weisst du über sein Leben? Wie hat er den Krieg erlebt?
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2.2.  Meine Eltern – Mein Vater.

Woher stammt dein Vater Was weisst du über sein Leben? Wie hat er den Krieg erlebt?
Die Familie Zemp lässt sich bis 1518 in Entlebuch zurückverfolgen. Zuvor waren sie aus dem Elsass eingewandert. Dort hiessen sie noch Sindbert oder Sindpert. Klingt gut, finde ich. Schon damals hat man Namen und auch die ganze Sprache verhunzt und verändert. Aus Sindbert wurde bald Simpel und Zimp und Zempt und weiss ich was. In der Zeit, als man begann, die Namen der Einwohner und ihrer Kinder in Bücher zu notieren, änderten die Namen nicht mehr so oft oder so stark. 
 
Die ganze Sprache änderte früher viel krasser. Jeder redete wie es ihm gefiel, Sprachfehler wurden nachgeplappert, ganz alte deutsche Sprachen kann man heute gar nicht mehr übersetzen. Ich jedenfalls nicht.
 
Oder weiss jemand von Euch Lesern, was das bedeutet:

Dat gafregin ih mit firahim firiuuizzo meista
Dat ero ni uuas noh ufhimil
noh paum noh pereg ni uuas
ni nohheinig noh sunna ni scein
noh mano ni liuhta noh der mareo seo

Do dar niuuiht ni uuas enteo ni uuenteo
enti do uuas der eino almahtico cot
manno miltisto enti dar uuarun auh manake mit inan
cootlihhe geista enti cot heilac 

notiert im 9. Jahrhundert als Schöpfungs-Gedicht, auch "Wessobrunnter-Gebet" genannt.

Hier die Übersetzung ins aktuelle Schriftdeutsch: 

Das erfuhr ich unter den Menschen als der Wunder größtes,
Dass Erde nicht war, noch Himmel oben,
Nicht Baum noch Berg nicht war,
Noch irgend etwas, noch die Sonne nicht schien,
Noch der Mond nicht leuchtete, noch das herrliche Meer.

Als da nicht war an Enden und Wenden,
Da war der eine allmächtige Gott, der Wesen gnädigstes,
Und da waren mit ihm auch viele herrliche Geister.
Und Gott, der heilige.

Die komische Grammatik wurde zum Teil beibehalten, damit der Rhythmus erhalten blieb, weil das Wessosbrunner-Gebet zum Lied vertont wurde. 

Das kommt mir immer in den Sinn, wenn gewisse Leute darüber schimpfen, dass die "heutige Jugend" die Sprache verhunze, das sei nur noch Slang. "Heutige Jugenden" hat es aber zwangsläufig in allen Generationen gegeben, zurück bis Adam und Eva und weiter zurück bis zu den Amöben. Jede Generation wollte die Zeit anhalten, in der Meinung, das sei nun die richtige Zeit. Wurden sie älter, mussten sie erkennen, dass sich Technik und Veränderung entwickelte, was man dann verteufelte, weil von der frechen Jugend erfunden oder eingeführt oder zur Mode gemacht.
 
Also mein Problem ist das nicht. Ich freue mich über Veränderungen, medizinische Verbesserungen, technische Wunderdinge wie Ultraschall um Föten zu beobachten, Autos und Flugzeuge, Fernsehen, Computer und Internet. Das alles schätze ich sehr. Auch wenn ich mal etwas nicht mitmache, weil ich es nicht brauche oder nicht draus komme, dann ist das deswegen noch lange nicht blöd. Anderen nützt es eben.  
 
Den Krieg hat mein Vater ähnlich erlebt wie meine Mutter. Mein Grossvater war Mittelschullehrer. Meine Grossmutter verdiente in jener Zeit etwas dazu, in dem sie abends in Heimarbeit Kleider und Hosen nähte. Im Garten wurde Gemüse und Kartoffeln angebaut. Obstbäume und Beerensträucher waren natürlich auch dabei und Haselbüsche. Wir hatten wie die Wilden auf dem Boden mit Steinen die Halsnüsse aufgeklopft und gegessen. Das machte ich auch noch mit meinen Kindern. 
 
In den 40-er-Jahren hatte mein Vater als Ingenieur diese Flieger mit speziellem Radarsystem erfunden, die feindlichen Bombern automatisch folgten und sie in der Luft zerstörten. Später erfand er spezielle ultragenaue Messgeräte für die Stärke und Reissfestigkeit allerlei Materialien.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Wie würdest du ihn beschreiben?
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2.2.  Meine Eltern – Mein Vater.

Wie würdest du ihn beschreiben?
Technikbegeistert, intelligent, gesunder Menschenverstand, an Musik und Spielfilmen interessiert. Bücher, jedenfalls Romane eher kaum. Sport waren für ihn Autorennen, welche er an Sonntag Mittagen mit Söhnen und Enkeln reinzog. Spaziergänge waren passé. In der Spaziergang-Ära gab es eben noch keinen Fernseher. 
 
Als wir Kinder alle aus dem Haus waren, gingen er und meine Mutter Velo fahren an den Katzensee und dort schwimmen, sie wanderten auf dem Bachtel herum oder im Wallis in den Bergen, jedoch auf fast ebenen Wegen. Berg auf und bergab war nicht so vergnüglich. Das geht mir ebenso. 
Wie hast du ihn als Vater empfunden?
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2.2.  Meine Eltern – Mein Vater.

Wie hast du ihn als Vater empfunden?
Eigentlich war er von Natur aus ein cooler Typ, aber er ängstigte sich offenbar sehr davor, dass eines seiner Kinder verunglücken oder wegen Kriminalität im Gefängnis landen könnte. Damals war Erziehung alles, und wer vom "richtigen" Weg ab kam, hatte von den Eltern nicht die "richtige" Erziehung bekommen. Das galt es mit aller Kraft zu verhindern. Ich empfand ihn darum als streng und stur. Er fand das konsequent. Ich erwischte ihn mal dabei, wie er meiner Mutter erklärte, wenn man einmal nachgebe, habe man keine Autorität mehr und dann ginge alles drunter und drüber. Das könne man nicht einreissen lassen.
 
Meine Mutter liess sich eher überreden, etwas trotzdem zu erlauben, obwohl sie es nicht gut fand, und es war nichts passiert. Dieses Muster übernahm ich auch bei meinen Kindern mit dem gleichen Erfolg. 
 
Das Beste und originellste von meinem Vater war aber die "Aufklärung". Zwar hatte mich meine Mutter schon aufgeklärt, aber als ich 20 wurde und frei über mein Geld vom Sparbüchlein verfügen konnte - und ich wollte mir ein eigenes Bett für meine eigene Wohnung kaufen und sonst noch dies und das - da befahl er mir nach einem Znachtessen, ich müsse mit ihm ins Büro kommen, es gäbe etwas zu besprechen. Ich merkte am Tonfall, dass es etwas unerhörtes und wichtiges wäre, eben wie Aufklärung, aber was wollte er mir denn erklären? Er tat in seinem Leben so, als gäbe es keine Sexualität. Wären wir nicht so viele Kinder gewesen, hätte man meinen können, das interessiere ihn nicht oder er glaube nicht, dass es sonst irgendwen interessieren könnte. Das war aber in jener Zeit allgemein so.  
 
Nachdem die Bürotür sorgfältig geschlossen war, auf dass niemand uns störe, setzt er sich auf den Bürostuhl und ich mich auf das Mittags-Schlaf-Bett.
 
Und nun also seine Aufklärung:
 
"Du weisst, es gibt ja Männer. Und Männer, die wollen Frauen. Und dann solche, die das Geld von den Frauen wollen. Das musst du wissen: gib nie nie nie aber auch wirklich gar gar nie unter keinen Umständen einem Mann Geld. Kein Mann braucht Geld von Frauen. Sie haben selber genug. Wenn einer Geld will, dann ist er ein Glünggi. Dann nimmt er nur das Geld weg und verschwindet damit und legt die nächste Frau herein, die er erwischt. So ist das. Es ist gut wenn man heiratet und Familie gründet, aber nicht mit einem, der das Geld will. Dann bist du zuletzt nicht nur allein, sondern auch noch ohne Geld. Ist dir das klar?"
 
"Ja, natürlich!" ereiferte ich mich. 
 
"Wirklich?"
 
"Sicher."
 
"Also, was hab ich gesagt, was du sollst?" prüfte er nach.
 
"Einem Mann je Geld geben. Tu ich sicher nicht. So einen will ich gar nicht!"
 
"Dann ist es ja gut. Dann haben wir das geklärt. Also komm jaaa nie an und heule mir was vor deswegen, ich habe es dir ja gesagt."
 
"Mach dir keine Sorgen. Ich habe nicht im Sinn, Männern Geld zu geben, auf die Idee wäre ich gar nie gekommen."
 
"Eben, darum musste ich dich mal aufklären. Diese Männer überrumpeln die Frauen, die nichts gewusst haben, und ehe sie es merken, sind sie das Geld los, welches eigentlich nur ein kleines Ausleihen war und 'sofort wieder zurück kommt'. Aber es kommt nie zurück. Gar nie, hörst du?"
 
"Ja, sicher. Sei beruhigt."
 
So wurde ich aus dem Büro und der Aufklärung entlassen. Ich überlegte für mich, dass ich mein Geld vom Sparbuch eh in Möbel investiere, danach ist es weg, und viel verdiente ich auch nicht. Ich hatte das KV gemacht (weil praktisch, bequem, findet man jeder Zeit eine Stelle, wird ordentlich bezahlt), und drum arbeitete ich nur 4 Tage in der Woche. So viel Geld wie für 5 Tage brauchte ich gar nicht. 
 
Anderseits hatte ich ebenso wenig im Sinn, einen reichen Mann zu suchen und ihm möglichst viel Geld für allen erdenklichen Luxus abzubetteln oder abzuschnorren. Ich wollte nur Kinder und einen lieben Mann, der mir aber auch noch äusserlich gefalle. Schliesslich schauen die Männer ja auch darauf, ob die Frauen gut aussehen, und die Kinder sollen doch möglichst hübsch werden. Mit Geld hatte das alles gar nichts zu tun.  

Ungefähr zehn Jahre später passierte das meinem Bruder Beat. Er war offenbar nicht vom Papi gewarnt worden. Alles was Männer so tun, können auch Frauen. Beat wohnte in Zug, hatte eine Freundin, welche ihr Restaurant renovieren wollte, damit es für die Kundschaft attraktiver sei und besser rentiere. Sie gaukelte Beat eine gemeinsame Zukunft vor, mit dem Restaurant als finanzielle Grundlage, dazu Familie und Kinder. 

Sie erschien uns allen bodenständig, Innerschweizerin, viele Geschwister, keine Tussi, kein Luxus-Weibchen. Beat gab ihr für die Renovation seine ganzen Ersparnisse. Danach hängte sie ihn ab, 

Wie genau das ablief, erfuhren wir nie von Beat. Mein Vater, der ihm später finanziell aushelfen musste,  erklärte uns gelegentlich die traurige Geschichte. Beats Freundin entpuppte sich als klassische Heiratsschwindlerin, nahm ihn aus wie eine Weihnachtsgans und servierte ihn zuletzt gnadenlos ab. Wahrscheinlich er vertrauensselig in Verliebtheit und dachte nicht an Verträge, meinte, das Restaurant gehöre danach ihnen beiden und sie würden darin arbeiten. 

Als wir Geschwister das erfuhren, kam uns allen sofort die Idee, die fiese Betrügerin zu vergiften, erschiessen, aufhängen und in den Zugersee werfen, in einem Sack und mit Steinen beschwert. Man tut das ja nicht, man reagiert so die Empörung ab. Beat wehrte sich nicht, und wir Geschwister wollten uns für ihn einsetzen. In diesem Fall hatte das keinen Sinn.  

 
 
 
Was waren seine herausragenden Eigenschaften?
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2.2.  Meine Eltern – Mein Vater.

Was waren seine herausragenden Eigenschaften?
In Vereinen und Nachbarschaften war er Meister in Streit schlichten. Schon meine Mutter war sehr diplomatisch, aber er konnte ausserhalb der Familie noch diplomatischer sein. Er machte das so, dass er jedem Streitesel zuerst mal Recht gab, einfach so. Dann fragte er ein paar kleine, anscheinend unbedeutende Details und meinte dann, man könnte es eventuell auch so versuchen. Muss aber nicht sein, wäre nur zum probieren. Er wusste auch immer treffende Beispiele zur Veranschaulichung. Nie den andern beleidigen, nie auslachen, nie vordergründig zu etwas zwingen, ferner wusste er zu relativieren. Es gibt viel Schlimmeres auf der Welt. Für dies oder das zu streiten ist der Mühe nicht wert, der Zeit und des Geldes nicht. 
 
Mit seinen eigenen Kindern ging das so aber nicht. Die andern Leute, deren Streit er schlichtete, konnten ihm letztlich egal sein, ob die in der Kiste landeten oder was auch immer. Er hatte dies und das vorgeschlagen, befolgten sie es nicht, waren sie selber schuld.
 
Bei Kindern darf aber gar nichts schief gehen. Es nützt dem Kind und den Eltern nichts, wenn das Kind selber schuld war.
 
Einmal wurde in der Zeitung verhandelt, dass irgendwo an einer sehr gefährlichen Überlandkreuzung, wegen alljährlichen Todesopfern "Todeskreuzung" genannt, ein Kreisel gebaut werden sollte. Das allerneuste damals. Die Bürger wehrten sich gegen den Bau wegen der "Steuergeldverschwendung". Die aktuellen Verkehrsregeln genügten, wer von rechts komme, habe Vortritt, wer von links komme, der nicht. So einfach sei das, und wer eben zu dumm dafür sei, der sei doch selber Schuld.
 
Die Logik meines Vaters ging aber anders: "Meist sind 2 Autos in einen Unfall verwickelt. Was nützt jetzt dem, der keine Schuld daran hatte, dass der andere Schuld war? Die Umtriebe mit dem kaputten Auto, mit ärztlicher Versorgung und das Theater mit der Versicherung hat er ja trotzdem, und am schlimmsten, wenn es Tote gibt, erst noch Kinder, dann ist es so Wurscht wie nur etwas, wer Schuld hat, weil Tote nicht mehr lebendig werden. Niemand macht extra Unfälle, es sind immer Versehen, blöde Zufälle, nicht voraussehbares, nur den Schuldigen die Schuld zu geben nützt überhaupt niemandem etwas. Jetzt sollen sie den Kreisel bauen, man kann also nicht mehr kreuzen, sondern fährt auf Abzweigungen zu, danach sollte es viel weniger und vor allem weniger tödliche Unfälle geben.  So war es dann auch. Heutzutage wimmelt es von Kreiseln, und nach den Statistiken gibt es tatsächliche viel weniger tödliche Unfälle. Geschwindigkeitsbeschränkungen und 0,5%-Alkoholverbot  haben sicher auch noch einen Einfluss.    
Was habt ihr alles zusammen unternommen?
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2.2.  Meine Eltern – Mein Vater.

Was habt ihr alles zusammen unternommen?
Wie im Kapitel mit der Mutter beschrieben, hat eigentlich nie ein Kind einen Elternteil ganz für sich allein gehabt. Diesen Anspruch stellten wir auch gar nicht. Es war nie langweilig.
Hast du dich an deinen Vater gewandt, wenn dir etwas auf dem Herzen lag? Woran erinnerst du dich speziell?
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2.2.  Meine Eltern – Mein Vater.

Hast du dich an deinen Vater gewandt, wenn dir etwas auf dem Herzen lag? Woran erinnerst du dich speziell?
Mein Vater war zuständig für Technik, Reparieren und Montieren. Während er uns als Kinder nicht verwöhnen wollte, galt das alles nicht mehr, nach dem wir über 20 und nicht mehr offiziell unter seiner Verantwortung standen. Das heisst nicht, dass wir ihm dadurch gleichgültig wurden, aber wenn Menschen - damaliger Ansicht nach - ohne zu straucheln 20 Jahre alt wurden, dann würden sie so bleiben, also rechtschaffen und tüchtig, freundlich und anständig, was wollte man mehr!
 
Darum fuhr er immer vor, wenn meine Schwester oder ich ein technisches Problem hatten (die Brüder wussten sich selber zu helfen). Ich hatte auch viele alte Möbel von den Grosseltern, die es zu reparieren galt. Für meine Mutter hatte er Schildkrötenhäuser gebaut und Schildkrötenweiden abgesteckt so wie es gerade vonnöten war.
 
Mechanische Uhren zu reparieren war neben musizieren ein Lieblingshobby von ihm. Mit ins Auge geklemmter Lupe und Millimeterwerkzeug schräubelte er an den Teilen herum, immer von Erfolg gekrönt. Ob Armbanduhren oder Pendeluhren, nicht verzagen, Papi fragen.     
Welches war der Beruf deines Vaters bevor er heiratete? Hat er später seinen Beruf gewechselt?
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2.2.  Meine Eltern – Mein Vater.

Welches war der Beruf deines Vaters bevor er heiratete? Hat er später seinen Beruf gewechselt?
Er hatte sich nach dem Technikum zum Ingenieur bei Brown-Boveri und später zum Oberingenieur in der Contraves entwickelt. Den Beruf zu wechseln war keine Option. Wozu? Warum?
 
Heute ist das anders, da muss man fast von Zeit zu Zeit den Beruf wechseln, sonst hat man nicht viel Erfahrung oder ist nicht flexibel. Die Firmen machen oft Konkurs, verkaufen das Geschäft oder entledigen sich der Mitarbeiter, wenn sie nicht gerade ganz zwingend überstundenmässig gebraucht werden. Das war früher vor der "Blocher und Ebner-Ära mit dem shareholder value" anders. Jemand bildungsfernes von der nächsten Generation hatte dann einem Stammtischgesüräch abgelauscht, vorher sei es eine Sauerei gewesen, aber der Blocher habe dann aufgeräumt. Ich war ja selber dabei in dieser Zeit, vorher und nachher. 
 
Bis dahin ging es darum, dass alle gut leben konnten, alle waren aufeinander angewiesen. Keiner musste den andern ausnützen, es reichte alles für alle. Schon verdienten die einen mehr als die andern, je nach Ausbildung und Verantwortung im jeweiligen Beruf. Es war hier nicht Kommunismus, wo alle gar nichts hatten. Es war die Sozialwirtschaft, wonach mehr verdiente, wer mehr in ein Geschäft reinsteckte oder mehr lange und teure Ausbildung absolvierte. Die schwächeren sollen aber auch leben können. Es kann nicht jeder das gleiche leisten. Mit den Sozialversicherungen kriegte man die Bettler von den Strassen weg. Ein reiches Industrieland hat keine Bettler. 
 
Das wissen die Jungen von heute nicht mehr, die glauben, alle seien faul, die in Wirklichkeit eben schwach sind, nicht genug bildungsfähig, depressiv usw. Es hat auch mit Glück oder Pech zu tun, wie Familien belastet werden oder eben nicht, durch Krankheiten und Unfälle oder was sonst noch passieren kann, mit Geburtsgebrechen geborene Kinder, ungute Entwicklung anderer Kinder, die auf "die schiefe Bahn" geraten etc. Alle zahlen prozentual nach Einkommen oder auch sonst monatlich in die Sozialen Versicherungen ein, und wenn jemand Pech hat, wird er mit Mitteln aus diesem Topf aufgefangen. Eine Partei meint leider, sie müsse mit ihrem schwer erarbeiten Geld, also Millionen und Milliarden, alle höchstselbst mit eigener Arbeit zusammengekratzt, faule Siechen durchfüttern. Solche Bildungsferne finde ich  höchst peinlich. 
Hat er dich an seinen Arbeitsplatz mitgenommen? Wie war das?
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2.2.  Meine Eltern – Mein Vater.

Hat er dich an seinen Arbeitsplatz mitgenommen? Wie war das?
Vater-Kind-Tage an den Arbeitsplätzen sind erst später aufgekommen. Kinder aus Handwerkerfamilien, wo noch daheim in der Werkstatt oder auf dem Bauernhof gearbeitet wurde, sahen die Kinder automatisch zu. 
Meinem Vater zuzuschauen wäre für uns Kinder langweilig gewesen. Wir sahen es ja beim Uhren-flicken. Da störten wir ihn lieber nicht und spielten bevorzugt mit unserem Spielzeug oder alberten herum (oder nervten und fetzten uns). 
Hatte er Hobbies oder Leidenschaften?
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2.2.  Meine Eltern – Mein Vater.

Hatte er Hobbies oder Leidenschaften?
Die habe ich vorher schon aufgezählt.
Hat dir/euch der Vater erzählt, wie er die Mutter erobert hat?
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2.2.  Meine Eltern – Mein Vater.

Hat dir/euch der Vater erzählt, wie er die Mutter erobert hat?
Nein, darüber hat er nie etwas erzählt, das gehörte sich nicht. Weder es zu erzählen noch solches anzuhören. Kennenlernen über Zeitungsannoncen galt eine gewisse Zeit lang als peinlich. Als ob man es nötig hätte. Ist aber immer noch besser, als ungewollt allein zu bleiben. 
 
Ich glaube, ich war bereits selber verheiratet, als ich das mit der Zeitungsanzeige erfuhr. Man machte einander aber niemals Vorwürfe, etwas nicht gewusst zu haben. Man muss nicht immer alles wissen, und etwas nicht erzählen ist überhaupt nicht "die ganze Zeit angelogen".
Selbst wenn mal jemand etwas abgestritten oder eine Ausrede gebraucht hat, das war noch lange kein Grund, das Vertrauen zu kündigen. Man weiss schliesslich nie, wann man selber froh ist, dass andere auch darüber hinwegsehen, weil man selber nämlich ebenfalls nicht unfehlbar ist. Hinterher weiss man eh immer alles besser. 
Wie kleidete er sich? War ihm das wichtig?
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2.2.  Meine Eltern – Mein Vater.

Wie kleidete er sich? War ihm das wichtig?
Er kleidete sich "korrekt". Weisses Hemd, Krawatte, Anzug, geputzte Schuhe, Hut, im Winter noch den Mantel darüber. Manchmal musterte ich ihn insgeheim und konnte es nicht fassen, wie er mit so doofen Kleidern herum zu laufen wagte. Kaum pensioniert, sah man ihn nur noch in T-shirts, Westen, Pullovern, Bundfaltenhosen, Sportschuhen oder Sandalen, Windjacken, im Sommer mit Dächlikappen um die Fliegenpiste vor Sonnenbrand zu schützen. So war es endlich gut!
Was fällt dir spontan ein, wenn du an deine Eltern als Ehepaar denkst?
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.

Was fällt dir spontan ein, wenn du an deine Eltern als Ehepaar denkst?
Meine Eltern hatten grosses Glück, sich gefunden zu haben. Manche andere hatten das auch, aber sehr viele andere eben nicht. Scheidungen waren damals nicht üblich, höchstens unter Promis, aber in der Nachbarschaft wusste man, welcher Mann ein Verhältnis mit der Sekretärin hatte. Säufer gab es in unserem Quartier nicht - es war ja auch ein Einfamilienhaus-Quartier, wo gut mittelständische Familien mit Kindern wohnten - jedoch bin ich sicher, dass man auch das gewusst hätte. Im Kirchenchor war der Chor-Präsi homo. Mir wäre es nicht aufgefallen, aber meine Schwester verklickerte es mir. Das tangierte mich nicht im Mindesten. Er war Italiener, sehr freundlich und lebenslustig, überaus charmant, konnte sehr schön singen, aber ich hatte nicht im Sinn, mit ihm eine Familie zu gründen. Darum konnte er sein wie er wollte, es hatte nichts mit mir zu tun. 
 
Mein Vater erzählte eines Tages am Mittagstisch, (ca. 1965) die Sekretärin Fräulein Fischer sei schwanger, so dass man den Bauch sehe, und sie habe offiziell darum gebeten, dass man sie von jetzt an Frau Fischer nenne. Dem ist man ohne weiteres nachgekommen. "Die hat eigentlich recht", fanden meine Eltern. Solches war damals nicht üblich; ledigen Frauen wurden die Kinder abgeschnorrt oder weggenommen, aber wenn man sich zu wehren wusste oder in einer finanziell gesicherten Herkunftsfamilie Familie installiert war, wurde man davor verschont. Hauptsache war, dass nicht der Staat für das Kind aufkommen musste, sondern die private Hintergrundfamilie.  
 
 
Wie würdest du dein Elternhaus und euer damaliges Familienleben beschreiben?
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.

Wie würdest du dein Elternhaus und euer damaliges Familienleben beschreiben?
Wie man aus vorherigen Kapiteln ersieht, waren meine Eltern tolerant betreffend anderer Leute. Sich selber wollten sie aber gleichwohl nicht exponieren. 
Das Familienleben war naturgemäss turbulent. Meine Eltern hatten aber auch viel Humor und konnten so manches entschärfen. 
 
Die Tage und Wochen waren - wie ich im Nachhinein erkennen muss - sehr strukturiert. Um halb 8 ging mein Vater aus dem Haus und war um 12 wieder zurück fürs Mittagessen. Dann erquickte er sich mit einem 15-minütigen Kurzschlaf und fuhr um Viertel nach eins wieder los, wobei wir Kinder oft gleichzeitig zu Fuss das Haus verliessen, um halb zwei Uhr in der Schule anzukommen.
 
Um 18 Uhr tauchte er wieder zu Hause auf. Da gab es zuerst mal Nachtessen, dann Küche aufräumen, allgemeine Gespräche und Berichte zu Befinden und Tagesaktualitäten, noch etwas Spielen, um 20 Uhr Zähneputzen, waschen und gute Nacht sagen. Dazu reichten wir den Eltern die Hand. Die hatten das so eingeführt. Gekuschelt und geküsst wurde nur immer der jeweilige Jüngste. Ab einem gewissen Alter wollen das Kinder und Jugendliche gar nicht mehr. Zudem kam es ja oft vor, dass einem der Kinder etwas verboten wurde oder ein anderes wurde mit einer Moralpredigt bedacht, und da hatte niemand Lust auf Kuscheln. 
 
Als wir kleiner waren, kam die Mutter und inszenierte das Sandmännchen, welches im Original nur den Sand im Sack brachte und den Kindern auf die Augen streute, damit sie die Augen geschlossen halten mussten, davon müde wurden und endlich einschliefen. Wir lagen auf dem Bauch, die Mutter marschierte mit 2 Fingern auf unserem Rücken hoch (bei jedem Kind einzeln natürlich) und unterwegs reklamierte sie als Sandmännchen, der Sack sei viel zu schwer, man schaffe es wahrscheinlich gar nicht bis zum Kopf hinauf. Dabei drückte sie die Marschier-Finger tiefer und tiefer in den Rücken, so dass allerlei Reflexe unkontrollierte Zuckungen verursachten. 
 
Mal blieb sie mitten auf dem Rücken stehen: "He, ich hab vergessen den Sand einzufüllen, muss nochmals zurück!" Sie kehrte um zur Kreuzgegend im Rücken und nuschte etwas herum. "Wo ist denn der Sand hingekommen? Ich finde den Sand nicht. Da hat es nur verfaulte Kartoffeln! Muss ich jetzt etwa die bringen und in die Augen schütten?" worauf das betreffende Kind sich kugelte vor Lachen : "Jaaa, jaaa, faule Kartoffeln!" Oder ein anderes: "Ih, nein, keine faulen Kartoffeln, die stinken und sind vermantscht!"
 
Meine Mutter: "Vermanscht? A-ha, drum ist der Sack so schwer, kann ihn kaum mehr schleppen, muss wieder umkehren". In diesem Stil ging das weiter, ich weiss nicht mehr wie lange, schwer zu schätzen, aber es war sagenhaft lustig, auch spannend, was das Sandmännchen jetzt wieder für falsche Sachen bringe oder nicht schleppen könne.
 
Als wir aus diesem Alter raus waren, plauderten wir Schwestern noch, blätterten in Bilderbüchern oder Lesebüchern, aus dem Bubenzimmer hörte man es noch oft rumpeln. Dann hörte man den Vater die Treppe raufkommen und ein Militärkommando aussprechen, dann gab es Ruhe.
 
Von so früh zu Bett gehen waren wir natürlich am Morgen früh purlimunter und standen selbständig auf.
 
Am Mittwoch-Abend spielte mein Vater Geige und Bratsche in einem Orchester. Am Samstag-Abend schauten beide Eltern zusammen einen Film im Kino. Als wir grösser wurden, gingen meine Schwester, Mutter, Vater und ich jeden Freitag in die Kirchenchorprobe. Meine Schwester und zwei der Brüder spielten Geige und Cello im Orchester.
 
Diese fast straffe Tagesstruktur gab solche Sicherheit, dass ich einmal vor Unbehagen zu weinen anfing (8-jährig), weil die Eltern wegen Verwandtenbesuch vergessen hatten, uns ins Bett zu schicken. Es war auch eines der vielen A-ha-Erlebnisse, dass nämlich nichts weiter passiert, wenn mal etwas nicht genau nach Plan abläuft.  
Wie würdest du ihr Verhältnis/ihren Umgang miteinander bezeichnen?
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.

Wie würdest du ihr Verhältnis/ihren Umgang miteinander bezeichnen?
Zum Abschied und  Heimkehr umarmten und küssten sie sich, aber sonst verhielten sie sich kollegial freundschaftlich partnerschaftlich. Bei Uneinigkeiten gab mein Vater jeweils bald nach (nur der Mutter gegenüber). Später merkte ich, dass er jeweils nur scheinbar nachgegeben hatte, damit die Debatte beendet war, die ungemütlich auszuarten drohte. Danach wurde keine Suppe so heiss gegessen, wie sie gekocht worden war. Was man dann effektiv machte oder liess, was möglich war und was nicht, das ergab sich schliesslich von selber. Und weil keiner den andern beschimpft oder beleidigt hatte, fühlte sich auch niemand blamiert, das heisst, es war kein Stein aus der Krone gefallen.  
 
Das hatte ich schon als Kind im Unterbewusstsein aufgenommen: Ja sagen und hinterher doch tun, was man will, einfach ohne dass es anderen auffällt. 
 
 
Falls es zu Trennungen/Scheidung kam: Was war das für eine Erfahrung?
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.

Falls es zu Trennungen/Scheidung kam: Was war das für eine Erfahrung?
Mit Phantasie und vielen Verknüpfungen im Hirn fielen mir zuweilen abends vor dem Einschlafen Situationen ein, die momentan nicht anstanden, die aber durchaus eintreten könnten, weil in andern Familien auch schon passiert. Es ging bei dieser Vorstellung weniger um Scheidung, sondern darum, dass ein Elternteil sterben könnte. Das trieb mir die Tränen ins Kopfkissen und ich fand, dass ich ein unerhörtes Glück hatte, dass dies nicht passiere, und wie unsagbar schlimm, wenn es eintreten würde. 
 
Je besser die Eltern, desto schlimmer ihr Verlust!
 
 
An welchen Elternteil hast du angenehmere oder spezifischere Erinnerungen?
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.

An welchen Elternteil hast du angenehmere oder spezifischere Erinnerungen?
Früher mehr die Mutter, weil sie den ganzen Tag da war, später, als ich erwachsen und ausgezogen war und nur noch auf Besuch kam, mehr der Vater. 
An was für Erziehungsmethoden, allenfalls auch Bestrafungsmethoden, erinnerst du dich?
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.

An was für Erziehungsmethoden, allenfalls auch Bestrafungsmethoden, erinnerst du dich?
Selten, aber doch dann und wann kam es vor, dass wir Geschwister so wüst tobten und stritten, oder dass mein Bruder und ich beim Einkaufen ständig an Briefmarkenautomaten drehten und an Zigi-Automaten zerrten, mit den Händen Zäunen und Mauern entlang strichen, dass die Hände "dreckig" wurden, an kalten Schaufenstern leckten, weil das unsere erhitzten Köpfe angenehm kühlte, lauter solche Sachen, obwohl sie uns unaufhörlich ermahnte das zu unterlassen. Dann rapportierte sie das abends dem Vater, als wir alles schon vergessen hatten, und dann ging es ab in den Keller und es gab kurz Teppichklopfer. Das tat echt weh, ausserdem wusste ich nicht warum. Manchmal traf es mich nur, weil ich die Älteste und darum die "Verantwortliche" war.
 
Ich fand das im Moment schlimm; sobald vorüber, vergass ich es sofort wieder, oder das Hirn schickte es von selber als unerfreuliche Begebenheit in unterirdische Tiefen. 
 
Zum Glück darf man  heute nicht mehr Tätsch geben. Die meisten tun es auch nicht mehr, schätze ich mal. Ich hatte aber wiederum Glück im Unglück. Da von  resilienter Wesensart, nahm ich es den Eltern nicht weiter übel, schaute vorwärts und wandte mich wieder dem Spielen zu. 
 
Einsperren, kein Essen, schwere Arbeit verrichten, diese Strafen gab es nicht. Meistens war es Schimpfen, im Extremfall Teppichklopfer. 
 
Das war in dieser Zeit ziemlich normal. Kinder wurden jedoch nicht krankenhausreif geprügelt, mit Ledergürteln durchgeschwartet bis sie bluteten oder geohrfeigt, dass sie durchs Zimmer flogen und taub wurden. Das galt damals schon als Misshandlung. Zu Zeiten von Oliver Twist wurden Kinder aus ärmeren ungebildeten Kreisen krass misshandelt, man kann es nicht anders sagen. Oder hoffen, dass es nicht gar so schlimm gewesen sei, wie man es in historischen Filmen sieht oder alten Geschichtsbüchern liest. Also ich nicht! Sobald ein Text in Zeitungen oder Büchern darauf hinwies, dass jetzt Folter dran komme, hab ich umgeblättert oder die Seite rausgerissen und entsorgt, damit nicht die Kinder damit belastet würden. Dazu dachte ich jeweils: "Ich bin nicht dabei gewesen, vielleicht ist es stark übertriebene gewaltgeile Schreibe um Aufmerksamkeit zu erreichen." Dann wandte ich mich sofort anderen Themen zu, damit mich keine Ahnungen plagten. Wieder half mir die Resilienz dabei.
 
Jetzt erinnere ich mich an eine Strafsache, die kam so:
 
Meine Mitschülerinnen Magdalena und Elsbeth holten mich jeweils ab, weil ihr Schulweg an meinem Domizil vorbei führte. Darum waren wir auch sonst oft zusammen. In der Klasse (von 36 Kindern) war noch Theres Möhri, ein völlig normales Mädchen, wie mir schien, aber die andern lachten sie zuweilen aus, weil ihre Mutter eine Wäscherei hatte. Das fand ich keinen Grund zum auslachen, aber Theres machte die Auslacherei scheinbar nichts aus. Da Theresens Heimweg aber in die entgegen gesetzte Richtung ging, kam ich nicht dazu, mich mit ihr näher zu befassen, sonst hätte ich es getan, aber wie gesagt, Theres war guter Dinge und litt nicht unter den paar blöden Zicken, die Bemerkungen machten, die ich nicht mal verstand. Jetzt hinterher reime ich mir zusammen, dass Theresens Mutter geschieden oder sonst wie allein war, - damals eine Schande - und Theres nach der Schule zuerst in die Wäscherei ging, weil die Mutter meist noch dort am Arbeiten war.

Jedenfalls ging es auf Ostern zu, als Theres immer öfter und immer mehr Schoggi-Eili und bunte Zucker-Eili in die Schule brachte und den Kolleginnen verteilte. Zu Magdalena, Elsbeth und mir sagte sie, wenn wir auf dem Heimweg einen Umweg zu ihr heim miechen, gäbe sie uns einen Sack Eili.

Da gingen wir halt mit. Vor der Wäscherei hiess sie uns zu warten, ging rein, es war schon 12 h vorüber, die Mutter nicht mehr dort, Theres kam wieder raus, gab uns je einen Sack Eili und jeder einen 2-Fränkler dazu, damit wir uns noch mehr Eili kaufen könnten.

Naiv und grundsätzlich nie Böses ahnend, nahm ich die Geschenke an und ging heim. Hätte ich gewusst, dass ich mich als Hehlerin strafbar mache, hätte ich doch nichts gesagt, noch nicht mal die Ware angenommen, bekam ich ja daheim genug Süsses und Sackgeld!

Nun war es aber Tatsache, dass das Theresli dauernd Geld aus der Wäscherei-Kasse klaute und ihre Mitschülerinnen als Freundinnen zu bekommen hoffte. Im Prinzip nichts neues, kommt in jeder Klasse mal vor. Frau Möhri merkte es, telefonierte in die Schule, wir wurden ausgefragt, den andern Eltern wurde telefoniert, und meinen Eltern wurde gesagt, ich hätte mit Mädle und Elsbi zusammen das Theres angestiftet, uns Eili und Geld zu geben, was Theres dann halt aus der Wäscherei geklaut habe. Nun waren also wir schuld, Mädle, Elsbeth und ich.

Den beiden andern geschah nichts, so viel ich weiss, deren Mütter glaubten die Geschichte gar nicht, aber meine glaubten das anscheinend allen Ernstes und beschlossen, dass ich eine drastische Strafe erleiden müsse, um wieder auf den rechten Weg zu kommen. Man will doch keine Diebin in der Familie. Die Schande wäre wohl schlimmer gewesen als der Diebstahl an sich - den ich nicht begangen hatte noch ahnte, dass Theres das Geld der Mutter gestohlen hatte. Meinten sie, als 9-jährige hätte ich den Zusammenhang erkennen müssen? Tat ich wirklich nicht, ehrlich.  

Darum bekam ich in jenem Jahr rein nichts zum Geburtstag. Ich heulte ein bisschen, fühlte Selbstmitleid. Die Strafe war ungerechtfertigt. Ich hatte nichts absichtlich Verbotenes getan. Schwamm drüber! Auch hiervon bekam ich keinen wie auch immer gearteten Schaden. Man muss das wegstecken können, sonst wird's dann gar mühsam im Leben. 

 
 
Mussten du und deine Geschwister Arbeiten verrichten? Welcher Art und in welchem Alter?
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.

Mussten du und deine Geschwister Arbeiten verrichten? Welcher Art und in welchem Alter?
Dass Kinder sich an Haushaltarbeiten beteiligten, finde ich auch heute noch sinnvoll. Damit meine ich nicht jeden morgen um 4 Uhr aufstehen, Kuhstall ausmisten und Kühe melken, um 8 Uhr in die Schule, kaum essen, nachmittags auf den Feldern herum buckeln, oder die Mutter war auf dem Feld, und eines der Mädchen musste unterdessen selbständig kochen, Küche aufräumen und von Hand Wäsche waschen und Böden fegen. 
 
Es ging um kleine Handreichungen, beim Salatrüsten helfen, Salatsauce anrühren, Teller auftischen, Schuhe putzen, posten gehen, Briefe einwerfen, Most oder Kartoffeln aus dem Keller holen, getrocknete Wäsche zusammen falten, lauter solche Sachen. Je mehr man half, desto schneller war die Arbeit erledigt und die Mutter konnte wieder mit uns was spielen. Fingerhut-Versteckis zum Beispiel. Sie versteckte einen Fingerhut, der aber nicht verborgen sein durfte. Trotzdem dauerte es lange, bis wir ihn gefunden hatten. Oder sie hatte dann Zeit, unsere Legohäuser und Zeichnungen zu würdigen.
 
Küche aufräumen ging folgendermassen: die Mutter spülte das Geschirr mit Abwaschbeselein und Abwaschmittel heiss ab, und eines der Kinder trocknete ab und versorgte das Geschirr. Jede Woche war ein anderes der Kinder dran. Da waren wir aber schon mindestens 8 oder 9, denn kleine Kinder reichten kaum über den Abtropfständer und waren in solchen  Arbeiten sowieso noch zu langsam. Als ältere Kinder behandelten wir oft brisante Themen und "Stunden der Wahrheit", Dinge, die so weit zurücklagen, dass sie verjährt waren und nur noch Lachen statt Vorwürfe generierten. Meine Mutter erzählte mir bei diesen Abwaschereien sogar Geheimnisse, die ich nicht hier rein schreibe!
 
Ältere Geschwister haben naturgemäss mehr geholfen, denn als die älteren auszogen und nur noch wenige jüngere blieben, gab es automatisch weniger Arbeit. Darüber hatte ich mich jedoch nie aufgeregt. Macht doch nichts! 
Wie hielten es deine Eltern mit Taschengeld?
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.

Wie hielten es deine Eltern mit Taschengeld?
Das Taschengeld wurde nach Alter gestaffelt im Wochenrhythmus verteilt. Es war nicht viel, aber wir freuten uns über die Münzen, besassen Kässeli aus Karton, wo man die Münzen jederzeit herausnehmen und was damit kaufen konnte. Für grössere Anschaffungen waren die Göttibatzen gedacht und die extra aus der Bank geholten prägefrischen 2-Fränkler und Fünfliber. Die waren so unbeschreiblich blank und glänzend, dass es mir flimmerte vor den Augen. Ich konnte dieses Silbermetall stundenlang anschauen und fühlte eine ungeheuerliche Freude darüber. 
 
Als Lehrling erhielt man einen Lehrlingslohn. Wir Kinder konnten wählen zwischen 2 Varianten: Entweder man behält den ganzen Lohn und kauft aber Kleider und Schuhe selber, auch Dinge wie Nagellack oder spezielle Haarshampoos, Zeitschriften, Kinoeintritte oder kleine Geschenke als Gabe an Geburtstagseinladungen. Die andere Variante bestand darin, dass man den Lohn abgab bis auf ein Sackgeld, dafür kaufte die Mutter alles oben erwähnte. Meinen Brüdern war das recht weil bequemer, meine Schwester und ich wollten möglichst viel Selbständigkeit und unsere Kleider selber auswählen. 
 
Es rechnete aber niemand nach, ob dabei die einen oder die andern einen Vorteil heraus wirtschafteten. Kleinkrämerei war pingelig und Zeitvergeudung. Wenn ich hörte, wie in einzelnen andern Familien darüber gestritten wurde, konnte ich deren Aufregung nicht nachvollziehen.
 
Es gab Schulkameraden, die plagierten mit grossen Beträgen als Sackgeld, die sie nicht etwa für spezielle Arbeiten erhalten hatten, sondern regelmässig als Lohn dafür, dass sie in der Familie gnädig Sohn oder Tochter darzustellen beliebten.  
 
Weder spürte ich Neid noch Selbstmitleid. Es war voll in Ordnung, und ich hinterfragte nichts. Was ich hatte, war genug, mehr brauchte ich nicht. 
 
In der Lehre konnte ich mir immerhin eine Balalaika und eine 12-Saiten-Gitarre kaufen. Dafür weniger Kleider und Schuhe. Was mir an Kleidern gefiel und gut passte, trug ich so lange, bis sie auseinander fielen, selbst wenn bereits die nächste Mode aufkam. 
Wie waren deine Eltern religiös eingestellt?
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.

Wie waren deine Eltern religiös eingestellt?
Kommentar:Wunderbar, einfach wunderbar diese Seite! Das Schutzengelgebet habe ich genau gleich beten gehört und gebetet wie Sie. Ich wollte ich könnte über meine heutige Einstellung zur Religion so schreiben wie Sie. Aber wenn ich das täte, würde, entfacht von mindestens 4 meiner 7 Geschwister ein Orkan der Entrüstung mich wegfegen. Einen Sturm verursachen sie mir im Moment eh schon, wollen, dass ich mein Schreiben auf "online" entferne. Werde ich aber nicht tun. Ihr "neues Vater unser" gefällt mir sehr, kann es voll und ganz mitbeten, genau auf meiner heutigen Linie.
 
Antwort: Sie können tun und lassen, was Sie wollen, den Geschwistern braucht es nicht zu gefallen. Diese können ja selber etwas in meet-my-life rein schreiben. Es herrscht Meinungsfreiheit. Dass es denen nicht passt, bedeutet, dass sie verunsichert wurden. Dafür können Sie wiederum nichts.  Gruss   Gisela
 
 
Als meine Eltern geboren wurden (1920 und 1921) war es normal, an Gott, Seele, und ewigen Himmel zu glauben. Bei den Katholiken kamen noch das Fegefeuer und die ewige Hölle dazu. Man meinte, so was Kompliziertes wie Menschen und Tiere könnten nicht von selber entstanden sein. Ferner wurden die "Bösen" meist schon auf der Erde bestraft, aber die Guten sollten als Lohn im Himmel die ewige Glückseligkeit erhalten.
 
Die ersten paar Jahre unserer Familie wurde auch noch das Tischgebet gesprochen und abends (bevor das Sandmännchen aktuell wurde) "Schutzängeli mii, lass mich dir empfohle sii...beschütz regier und leite mich ....  mach mich gut und fromm, dass ich zu dir in Himmel komm" gebetet, wobei ich nicht wusste, was empfohlen, regieren und leiten heisst. Ich studierte nicht darüber nach und fragte auch nicht. Im "Gegrüsst seist du Maria" geht es weiter mit "voll der Gnade" und "gebenedeit unter den Weibern und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes." Da präsentierte mir mein Hirn meist das Bild einer Orange. Ich weiss heute noch nicht was gebenedeit heisst. Könnte ich googeln, muss ich aber nicht. Bedeutet sicher was Heiliges. 
 
Bevor wir in die Ferien abreisten, gingen wir beichten, für den Fall, das man tödlich verunglücke. Man wäre ja dumm, wegen lässlicher Sünden das Fegefeuer zu riskieren. Höllen-Sünden begingen wir nicht. Aber solche fürs Fegefeuer massenhaft. Sie bereut und gebeichtet zu haben bedeutete im Falle eines Falles direttissimo in den Himmel zu kommen. 
 
Die Erwachsenen gingen nüchtern zur Messe, um zu kommunizieren. Man glaubte allen Ernstes, die Oblaten aus Weissmehl würden in der Wandlung in einen Teil von Jesus verwandelt, und man wollte ihm nicht zumuten in einen Magen runter geschluckt zu werden, wo schon allerlei Halbverdautes Unappetitliches herum schwappte. 
 
Da fand ich die reformierte Version schon annehmbarer, welche die Worte Jesu zitiert, " ... esset das Brot ... tut dies zu meinem Gedächtnis."
 
Wenn es mehrere Sorten von christlichen Religionen gibt, und alle glauben etwas anderes, kann eh gar nichts davon stimmen. 
 
Die Naturwissenschaft lüftete allerlei Geheimnisse, und es bröckelte vor unser aller Augen: die Biblischen Geschichten sind phantasievolle aber nur erfunden Metaphern und Gleichnisse, "Träume der Menschheit" (Pfr. Bittlinger) wie die Welt und die Menschheit entstanden sein könnten. Jede Kultur hatte andere Vorstellungen davon. Die meisten mochten sich nicht damit abfinden, dass nach dem Tod nichts mehr komme, und man fand in historischen Gräbern Beigaben wie Vorräte von Essen und Getränken, Kleider, Schmuck und Waffen. Man will den Tod von nahestehenden Menschen nicht wahrhaben. Mit der Mumifizierung wollte man sogar den Körper erhalten. Heute ist es die Kryonik, das Tiefgefrieren und später wieder auftauen, wenn die medizinische Technik genügend fortgeschritten ist, um einen wieder zu erwecken und zu heilen, wenn es sein muss auch erst in tausend Jahren. 
 
Ha-ha-ha! Und die Hinterbliebenen hören auf, die Miete für den Flüssig-Stickstoff-Tank zu zahlen und lassen die Leiche begraben. 
 
Komischerweise habe ich selber überhaupt keine Sehnsucht nach ewigem Leben, schon gar nicht im Himmel, wo ich mich zu Tode langweilen würde. Ist man tot, ist das Bewusstsein aus, man existiert nicht mehr, spürt nichts mehr, man weiss nicht mal, dass nichts mehr ist. Der Körper zerfällt in Moleküle von Kalk, Fett, Proteinen und Wasser nebst Spurenelementen. In Spuren vorhanden, wie das Wort schon sagt. In der Schule rechneten wir aus, was ein Mensch, als Pulver aus der Apotheke, kosten würde. Fast nichts. 
 
Man wird wieder zu Staub und Asche und Erde. Mir gefällt diese Vorstellung. Ich fühle mich geborgen in der Erde.
 
Meist wurde Religion ein Thema, wenn jemand aus der Verwandtschaft starb und man an Abdankung und Beisetzung teilnahm oder gar mit organisierte.  Mein Vater hatte Jahre vor seinem Tod alles Nötige geregelt und mit meiner Mutter abgesprochen: Lebenslauf, Kremation und Beisetzung in der Urnenwand im Nordheim Friedhof. Dieses nannte er das "Garääschli", weil es von vorne zu öffnen ist, ausserdem das Türchen so breit wie der Urnenraum ist, halt genau wie bei einer Autogarage. Meiner Mutter sollte es ebenfalls zustehen, darum war es ein "Doppel-Garääschli". 
 
Wir waren nie aus der Kirche ausgetreten, warum auch! Kirche ist Kultur. Da gingen wir immer hin oder hörten dort Konzerte oder waren selber an solchen beteiligt.
 
An der Abdankung staunten wir dann nicht schlecht, als der Pfarrer nach der Verlesung des Lebenslaufes ausführlich von der Auferstehung des Leibes am Jüngsten Tag berichtete, der Himmelfahrt, vom ewigen Leben, Wiedersehen von allen Menschen und das Angesicht Gottes zu erblicken etc. Wir waren schockiert, liessen uns aber nichts anmerken.
 
Im Klettgau, wo ich seit 1978 wohne, musste ich erkennen, dass die Hälfte der Einwohner freievangelisch, neuapostolisch oder in der Chrischona ist. Von "Brüderschaft" und "Norwegern" hörte ich auch noch vereinzelt. Ich habe natürlich nichts dagegen. Jeder darf nach seiner Façon selig werden. Nach und nach, durch Gespräche und Zeitungsartikel stellte sich heraus, dass manche dieser Gläubigen meinten, wer nicht an Gott glaube, sei automatisch kriminell, weil diese ja keine Hölle befürchten und drum machen können was sie wollen, wonach sie natürlich trotzdem in die Hölle kämen. Jemand nannte die Hölle diplomatisch die "Gottesferne", die tue weh wie in einer Feuerhölle. 
 
Ich bin nun mitnichten kriminell. Erstens fehlt mir die Veranlagung dazu, zweitens ist mir das viel zu mühsam, drittens verkracht man sich mit den Mitmenschen, denn die wollen ja nicht bestohlen werden. Ich will nicht andern antun, was ich selber nicht will. Ich gehe noch einen Schritt weiter und toleriere von andern manches, was ich mir selber nicht erlaube. Ferner lege ich die Worte der andern nicht auf die Goldwaage. Beleidigungen verunsicherten mich höchstens als Kind, später je länger desto weniger, und schon lange finde ich es nur noch lustig. Auf keinen Fall nehme ich es ernst. 
 
Ich bin keine Heilige, aber mit Beleidigungen nicht ernst nehmen, bin ich immer gut gefahren. Es mag welche geben, die es fies von mir finden, nicht zu reagieren wie es sich gehört. 
 
Als meine Mutter sich zu sterben anschickte, verbat sie sich ausdrücklich, dass an ihrer Abdankung etwas von Auferstehung geschnorrt werde. Sie wolle nicht mit ihren alten Knochen wieder irgendwo erwachen. Sie wolle tot sein und bleiben. Meine Schwester instruierte den Pfarrer. Er wolle sich Mühe geben, entsprechende Texte ohne unliebsame Passagen heraus zu suchen. 
 
Die Predigt war OK, aber da waren noch all diese Gebete, die speziell zur Abdankung gehörten nebst Glaubensbekenntnis und Vater unser. Überall kam wieder die Auferstehung, an die wir alle nicht glaubten, und die wir uns schon gar nicht wünschten. Da trat ich aus der Kirche aus. Zwar bin ich an der eigenen Abdankung gar nicht dabei, aber die Vorstellung vom Auferstehungszeug behagt mir nun mal nicht.
 
Ich änderte dann das Vater unser ab in:
 
Mutter Erde im Weltall
wir respektieren dich und alle Geschöpfe,
die du hervorbringst.
Gib uns unser tägliches Brot,
Wasser und Luft, Liebe und Spiele.
Vergib uns unsere Versehen,
wie auch wir sie den andern vergeben.
Im Glück freuen wir uns,
im Unglück weinen wir.
In der Stunde unseres Todes
nimm uns heim in deinen Schoss
und behüte unseren Schlaf.
 
 
 
 
 
 
 
  
 
 
 
 
 
 
Haben deine Eltern dir als Kind/euch als Kinder gegenüber ihre politischen Ansichten geäußert? Wo standen sie politisch?
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.

Haben deine Eltern dir als Kind/euch als Kinder gegenüber ihre politischen Ansichten geäußert? Wo standen sie politisch?
Bei uns wurde nur indirekt politisiert. Der Migros mit den tieferen Preisen war für die Arbeiter, welche weniger verdienten. Da sollen die besser verdienenden nicht den ärmeren die günstigen Sachen wegkaufen. Das gehörte sich nicht. Der Konsumladen war eh viel näher. Heute kaufe ich ein, wo es gerade am Weg liegt. 
 
Wegen dem Chruschtschov murmelten sie nur, um uns Kinder nicht zu ängstigen. Der Kennedy-Mord war genau so schlimm, denn das bedeutete, will ein Politiker wirklich das Gute für Land und Leute, dagegen keine Korruptionen (mein Vater nannte das Vetterliwirtschaft) wird er abgeknallt. Es kann also nur das Böse herrschen. Volk ausnützen, aussaugen und sklavenartig darben lassen, Regierung mit ein paar Wirtschaftskapitänen häufen das Geld an, welches dann logischerweise im Kreislauf von produzieren und kaufen fehlt.
 
In der Schweiz ging es damals gerecht zu. Leistung erbringen, aber die Schwachen mit füttern anstatt auf den Strassen betteln lassen. Wobei die eigenen Kinder möglichst nicht zu den Schwachen gehören sollten, weil dann die Eltern schuld gewesen wären.
 
Sie sagten aber nie, sie seien für SP statt für SVP. Die Parteien gab es so damals noch gar nicht. Ihre Ausrichtung war wohl sozialdemokratisch. 
 
 
 
 
Hast du Erinnerungen an das damalige Verhältnis deiner Eltern zu Behörden und Obrigkeit? Zur Kirche?
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.

Hast du Erinnerungen an das damalige Verhältnis deiner Eltern zu Behörden und Obrigkeit? Zur Kirche?
Da meine Eltern von diplomatischer Natur waren, gab es kaum Schwierigkeiten mit Behörden. 
 
Ebenso kamen sie mit Schule und Lehrern klar. Wir waren auch relativ pflegeleichte Schüler.
 
Der damalige Pfarrer machte oft Hausbesuche, ungefähr jedes Jahre einmal kam jede Familie dran, dass er zwanglos herein guckte und nachfragte, wie es so ginge. Dann setzt er sich bei uns in die Küche, man plauderte über die kleinen Kinder, ob alle gesund wären, oder über den Kirchenchor oder was auch immer. 
 
Da fragte ihn meine Mutter ernsthaft, ob Katzen auch in den Himmel kämen. Er sofort spontan: "Nein! Katzen und Tiere kommen nicht in den Himmel!" Meine Mutter sagte nichts mehr, aber sie dachte, wie sie mir nachher verriet: "Wenn Tiere nicht in den Himmel kommen, dann habe ich dort auch nichts verloren."
 
Dabei wurden damals schon alljährlich Tiere in der Kirche gesegnet. Für den Himmel reichte das noch nicht, wahrscheinlich hätte man Haustiere, die man im Himmel wieder treffen wollte, taufen müssen. Bei uns katholischen gilt: Jeder kann taufen, Ärzte, Hebammen, Eltern und Paten etc., man muss etwas Wasser dem Kind übers Köpfen träufeln und dazu sagen: "Ich taufe dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes." Danach ist der Täufling wirksam von der Erbsünde befreit und kann in den Himmel kommen. Noch nicht lange her, und der Papst hat Totgeborene (inkl. abgetriebene) höchstselbst in globo von der Erbsünde und der Hölle befreit. Nicht in den Himmel zu kommen, bedeutet schliesslich, in der Hölle zu landen. 
Was für mediale Erinnerungsstücke an deine Eltern wie Briefe, schriftliche Aufzeichnungen, Bilder, Fotos, Filme, Tonaufzeichnungen, Videos hast du?
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.

Was für mediale Erinnerungsstücke an deine Eltern wie Briefe, schriftliche Aufzeichnungen, Bilder, Fotos, Filme, Tonaufzeichnungen, Videos hast du?
Bei uns gibt es einen kleinen Bücherschrank voller Fotoalben, bei mir einen andern kleinen solchen Schrank ebenso. Bis ungefähr 2003, so lange hatte ich Digitalfotos noch ausgedruckt und eingeklebt wie anno dazumal die entwickelten Fotos. Seit da ist alles im Compi. Einmal hatte ich etwa 1000 Fotos auf eine CD gebrannt. Unterdessen liest der Compi die Bilder nicht mehr von dieser CD ab. Himmel und Erde, alles vergeht.
 
Schriftliche Aufzeichnungen von meinem Vater: Zu irgend einem meiner Geburtstage schrieb er alle möglichen Rechnungen aus Jahreszahl und Geburtsdatum auf. Ein lustiges Spiel mit Zahlen und überraschenden Ergebnissen. 
 
Als das alte Klavier meiner Mutter vor Altersschwäche nicht mehr gut zu stimmen war, kaufte er das erste elektronische Klavier. Bald wollte meine Mutter wieder ein Mechanisches. Dadurch wurde das E-Piano zu mir verschoben, denn mein altes Klavier stammte noch von der Grossmutter. Die Mechanik war ausgeleiert. Wenn man schnelle Läufe spielte, erklangen die Töne erst hinterher, woran ich mich zwar gewöhnt hatte, aber es wurden auch Stimmwirbel locker, die man dauernd wieder stimmen musste. Mein Bruder hatte mich gelehrt, Klavier zu stimmen.
 
Das E-Piano muss man nicht stimmen, kann aber wählen zwischen temperierter Stimmung, Konzertstimmung, Bachstimmung und mitteltönig reiner Stimmung. Dazu kann man mit einem kleinen Schieber transponieren. Als Klang hat man Flügel, Klavier, Schifferklavier und Bühnenklavier zur Auswahl. Letzteres klingt fast wie Cembalo.
 
Man kann damit zu spielende Stücke aufnehmen, nachher anhören oder sogar wieder darüber spielen, so dass man danach beide Stimmen zusammen hört. Diese Funktion benützte ich oft, um schwere Stücke mit einer Hand zu spielen, danach die zweite dazu. 
 
Das Instrument hat als Klavier nur ganz wenige unauffällige Schalter. Das meiste muss man auf bestimmten Tasten einstellen. So auch aufnehmen und abspielen oder drüber spielen. Las man im umfangreichen Handbuch nach, war der Vorgang auf einer ganzen Seite beschrieben. Mein Vater las das durch und schrieb auf einen Zettel: "aufnehmen: Taste 'Programm' Taste A, anhalten: Programm Taste H   ... anhören .....  speichern .... löschen"
Diesen Zettel klebte ich an den Notenständer des Klaviers. Als er vergilbte und zerfledderte, fotokopierte ich ihn und ersetzte ihn durchs zerfallende Original. Auch dieser wird gelegentlich ersetzt, solange ich Klavier spielen kann. (Dialektform: klavierle)
 
Ich könnte die Anweisung einfach abschreiben, aber ich will die Handschrift meines Vaters behalten.  
Was für andere Objekte, wie Möbel Geschirr, usw. hast du von ihnen geerbt und behalten?
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.

Was für andere Objekte, wie Möbel Geschirr, usw. hast du von ihnen geerbt und behalten?
Stubenwagen, Kinderbettchen, viele grössere und kleinere Schränke, viele Hemden und Polohemden von meinem Vater, die meine Söhne trugen. Als mein Vater starb, gab meine Mutter mir seinen Ehering. Der Ring meiner Mutter kam an meine Schwester, die gab ihn ihrer Tochter. Viel Schmuck war nicht vorhanden, denn das Haus wurde mal von Einbrechern heimgesucht. Eine wertvolle antike Sackuhr hatten sie nicht gesehen, drum legte mein Vater sie in ein Banksafe.
Gibt es Lebensweisheiten, die dir deine Eltern mitgegeben haben?
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.

Gibt es Lebensweisheiten, die dir deine Eltern mitgegeben haben?
Man kann nicht immer alles haben.
Leben und leben lassen.
Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.
Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, wenn er auch die Wahrheit spricht.
Nichts wird so heiss gegessen, wie es gekocht wurde.
Was du nicht willst, was man dir tu, das füg auch keinem andern zu.
Schlägt dich einer, halt die andere Seite auch hin.
Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.
Morgen ist auch wieder ein Tag.
Denke nicht: ich danke dir, o Herr, dass ich nicht bin wie jener.
Man darf nicht töten. Vor allem keine Tiere, denn Menschen tötet man eh nicht.
Sei freundlich und taktvoll zu allen Menschen.
Was man gelernt hat, kann einem niemand mehr wegnehmen.
Der Horcher an der Wand hört seine eigne Schand.
Wer hoch hinauf steigt, kann tief runter fallen.
Man kann niemanden zu irgend etwas zwingen
Meine Mutter zu mir: Lauf den Männern niemals nach.
 
 
 
 
Inwiefern glaubst du, dem Vater oder der Mutter ähnlich zu sein? Oder bewusst anders?
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.

Inwiefern glaubst du, dem Vater oder der Mutter ähnlich zu sein? Oder bewusst anders?
Bis auf einen Bruder gleichen wir Geschwister eher der Mutter. Die Charaktere sind so verschieden wie zwischen allen möglichen Menschen. Es ist unglaublich, wie verscheiden Geschwister werden, obwohl von denselben Eltern gezeugt und im gleichen Umfeld gleich erzogen! Die Gene der Vorfahren mischen sich ständig neu und kommen in unüberschaubaren Kombinationen zum Vorschein. 
 
Musikalität und Diplomatie habe ich von beiden Eltern,
Sprachvermögen von der Mutter
Handarbeiten von Tanten mütterlicherseits und Grossmutter väterlicherseits
Talent im Zeichnen von Vater und noch mehr von Grossvater
Sinn für Gerechtigkeit, Geduld, Grosszügigkeit und Sparsamkeit je nach Umständen-  also nicht verschwenderisch oder geizig - von beiden. 
Was ich leider nicht geerbt habe:
Intelligenz für Mathematik und Naturwissenschaften, Gedächtnis,
natürliche Autorität.  
Welche Rolle spielte Humor in deinem Elternhaus? Erinnerst du dich an lustige Geschichten oder Vorfälle?
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.

Welche Rolle spielte Humor in deinem Elternhaus? Erinnerst du dich an lustige Geschichten oder Vorfälle?
Es ging meistens lustig zu und her, man erzählte Witze, klopfte trockene Sprüche, oft schon satirisch und sarkastisch oder gar morbid. Meine Mutter konnte - an sich gewöhnliche Geschichten - wie Komödien ausschmücken und erzählen. Mein Vater pflegte so knochentrocken zu relativieren und argumentieren, dass ich lachen musste.
Eine der typischen lustigen Geschichten, zuerst vom Grossvater, dann auch vom Vater oft wiederholt:
 
Es ging ein Mann nach Amsterdam. Dort redet man holländisch und versteht kein Deutsch. Als der Mann ein prächtiges Haus erblickte, fragte er nach, wem das gehöre. Der befragte Holländer antwortete: "Kannitverstan"(was auf deutsch "Kann nicht verstehen" bedeutet). Später entdeckte er ein riesiges Schiff und fragte wiederum, wem das gehöre. Kannitverstan. Was auch immer er fragte, alles gehörte dem Kannitverstan. Endlich zog ein Leichenzug vorbei. Der Mann fragte, wer gestorben sei. Kannitverstan. Da sagte der Mann: "Armer Herr Kannitverstan, so reich, und nun musste er sterben."
 
 
 
 
Wie hast du Sexualität/Erotik in deinem Elternhaus erlebt?
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.

Wie hast du Sexualität/Erotik in deinem Elternhaus erlebt?
Ich sah meine Eltern niemals nackt. Die Geschwister beim Baden. Was Sexualität war oder dass es die gab, wusste ich lange nicht, vor allem darum, weil wir so viel anderes im Kopf hatten, Spiele, Geschichten, musizieren, Kreativität. Statt Sex kamen mir Namen für meine künftigen Kinder in den Sinn.
 
In der Schule hörte man in den Pausen komische Dinge, die ich erst Jahre später mit Sex in Zusammenhang bringen konnte. Ich war aber als Erwachsene normal sexuell. Das findet wohl jeder von sich. Ich habe genug Kinder bekommen, also genügte meine sexuelle Betätigung. Als "gewerbliche Dame" hätte ich mich aber nicht im mindesten geeignet. Das ist Veranlagungssache, kann man sich nicht aussuchen. Ich bin kein Vamp, sondern Mutter und Heimchen am Herd. Ich wollte nicht tauschen, die Vamps wollten sicherlich noch weniger mit mir tauschen. Jeder findet seinen Charakter und die Art zu leben ideal.
 
  
Falls ein Elternteil, oder beide, schon gestorben sind, welche Erinnerungen hast du an ihren Tod?
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.

Falls ein Elternteil, oder beide, schon gestorben sind, welche Erinnerungen hast du an ihren Tod?
Mit 70 brauchte mein Vater eine neue Herzklappe. Er meinte zuerst, das lohne sich nicht mehr. Der Arzt schilderte ihm den Vergleich, dass es dasselbe wäre wie wenn man ein Auto nur wegen eines kaputten Pneus auf den Schrott werfen würde. Eine neue Herzklappe würde rund 10 Jahre halten.
 
So kam es auch. Er war wieder ganz der alte und uneingeschränkt leistungsfähig. Mit 80 brauchte er einen Herzschrittmacher. Kaum ein Jahr später musste dieser auf 40 Pulsschläge pro Minute eingestellt werden, weil das Herz sonst nicht mehr mitkam. Er reklamierte, weil er nicht mehr zügig marschieren konnte, beim Treppensteigen Mühe hatte und sich oft vor Schwäche hinlegen musste. Im Sommer an einem Familienfest fläzten wir alle barfuss im Gras herum, da entdeckte ich, dass seine Füsse ganz violett waren. 
 
Er spielte aber immer noch Bratsche in verschiedenen Streichquartetten und reparierte unermüdlich Uhren. Eines Tages im April 2002 kam er von einer solchen Probe heim und schleppte nebst der Bratsche noch eine Pendeluhr an. Die durfte/sollte er flicken.
 
Beim Mittagessen plagierte er, dass er der rüstigste und gesündeste und kräftigste von all den alten Geigern in der Gruppe sei. Die einen könnten die Geige nicht mehr ohne Schmerzen halten, die andern nicht mehr stehen, manche sahen praktisch nichts mehr oder hörten kaum noch was usw.
 
Dann fiel ihm der Kopf auf den Tisch. Es war nicht das erste mal, stürzte gelegentlich auf den Boden. Half man ihm sofort auf, erholte er sich wieder. Meine Mutter erinnerte sich, dass er - bevor er den Kopf fallen liess - neben ihr vorbei an den Schrank und den Kalender geschaut hatte und ihr dabei ein komisches Glitzern in seinen Augen aufgefallen sei. Ich vermute, er hat das typische helle Licht am Ende des engen Tunnels gesehen, welches auch von Farben und Musik begleitet sein kann oder den Erscheinungen von älteren Familienmitgliedern. Das Gehirn produziert das selber, und die Vision hält nicht an. Kann der Mensch nicht mehr aufgeweckt werden, erlischt die Halluzination natürlich. Esoteriker und Gläubige aber halten das für den Beweis des ewigen Lebens im Himmel. 
 
Wer gerettet wird, erinnert sich oft daran, deshalb kennt man überhaupt dieses Phänomen. Manche fühlen sich dabei aber nicht himmlisch wohl, sondern erleiden eine Panikattacke. Es gibt sogar welche, bei denen bleibt das Phänomen aus. 
 
Mein Vater konnte nicht mehr geweckt und reanimiert werden. Meine Mutter hatte sofort die Ambulanz gerufen. Unterdessen beatmete sie ihn von Mund-zu-Mund. Ihr schien, die Luft ginge gar nicht in die Lunge runter. Herzmassage nützte auch nichts, der Puls blieb weg. 
 
Die Ambulanz traf ein und versuchte es noch mit Elektroschocks. Sie fragten dann meine Mutter, ob sie aufhören dürften.
 
Meine Mutter sofort: "Natürlich, er ist tot, man sieht es an seinen Augen. Er ist tot."
 
Die Männer trugen meinen verstorbenen Vater hinauf ins Schlafzimmer und legten ihn aufs Bett. Dort durfte ihn meine Mutter behalten und Abschied nehmen so lange sie wollte (bis zu 2 Tagen). 
 
Sie telefonierte mir weinend am Nachmittag schon, ich war grad an einer Gitarrenstunde, die Schülerin lernte das Lied "Kalinka" mit den deutschen Versen: "Unter grüner Kiefer, unter ihren Zweigen, lasst mich in Ruhe schlafen." Unheimlich, wie das passte! Solche Zufälle gibt es eben.
 
Ich hielt tapfer durch, bis die Musikstunde zu Ende war, dann heulte ich bitterlich. Auch jetzt wieder, wo ich das schreibe. Weil ich kein Auto habe und man mit dem ÖV unverhältnismässig lange braucht und umsteigen muss, blieb ich da.
 
Die Sanitäter erklärten meiner Mutter sehr einfühlsam, was nun vorzukehren sei, Arzt, Totenschein, Anmeldung für Begräbnis, tätigten Telefonanrufe für sie und halfen Formulare auszufüllen. Sie war sehr dankbar und gerührt über den vorbildlichen Umgang mit Angehörigen von soeben Verstorbenen. Das hat ihr unheimlich gut getan und sie getröstet. Um 18 Uhr sagte sie, dass man ihn nun mitnehmen könne.
 
Meine Kinder und ich besuchten ihn am nächsten Samstag in der Aufbewahrungshalle im Krematorium Nordheim. Er lag also in seinen Sarg gebettet und sah eigentlich aus, als schliefe er. Anderseits wirkte er, als befände er sich ganz ganz weit weit fort. Darum ist die Menschheit vielleicht auf die Idee gekommen, dass eine Seele den Körper verlasse und weit fort fliege, in den Himmel hinauf.  Die Augen waren schon etwas eingefallen, eine kleine Schramme auf der Nase zeugte vom Fall auf die Tischplatte, sonst sah er schön aus. Ich legte meine Hände auf seine Hände und auf seine Stirn. Er war natürlich kühlschrank-kalt. Zuerst wurde die Wärme meinen Händen entzogen, dann kroch seine Kälte in sie rein. Mir liefen die ganze Zeit die Tränen. 
 
Als wir uns verabschiedeten, sagten wir komischerweise "Mach's gut" zu ihm. Eigentlich sollte er das zu uns sagen.     
 
Wie erlebtest du die Beerdigungen? Besuchst und pflegst du das Grab?
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.

Wie erlebtest du die Beerdigungen? Besuchst und pflegst du das Grab?
An der Abdankung traf ein recht grosser Auflauf von seinen Geschwisterfamilien, Nachbarn und Vereinskollegen ein. Mein Vater war 'nur' knapp 82 geworden, immerhin noch Urgrossvater. Seine Geschwister aber über 90, allerdings ohne Urgross-Status. Wenn ich Todesanzeigen in den Zeitungen las, fand ich es ungerecht, dass manche älter wurden als er. 
 
Es wurde viele schöne Musik gespielt und gesungen, unter anderem das "Air" der h-moll-Orchester-Suite. Dieses spielte auch ein 12-jähriges Mädchen mit der Geige an der Abdankung seiner Mutter, die mit 40 an Brustkrebs gestorben war. Solche Sachen vergisst man eben nicht mehr. 
 
Der Lebenslauf enthielt viele berufliche Stationen, von denen ich nichts gewusst hatte. Ich staunte einigermassen. Der Pfarrer erzählte dann noch, was er selber von meinem Vater dachte, nämlich, dieser sei ein tiefgläubiger Mensch gewesen. Er hatte eben keine makaberen Spässe dem Pfarrer gegenüber verlauten lassen. Alles zu seiner Zeit und am richtigen Ort.
 
Die Beisetzung war im engeren Familienkreis. Die Urne stand vor dem offenen Garääschli. Reihum sprengten wir etwas Weihwasser darauf. Ich musste die Urne kurz mit der Hand anfassen, ich konnte nicht anders. Meine Mutter war wie versteinert, trug eine türkisgrüne Jacke und schwarze Hosen, und ich fragte mich, wie sie das bloss aushalte. Vielleicht überlegte sie sich, dass sie nicht mehr lange lebe und dann zu ihm ins Garääschli ziehen könne. 
 
Irgendwann fragte sie mich plötzlich: "Warum tut er mir das an?"  "Er hat es nicht extra gemacht", war meine reflexartige Antwort.
 
Beim Leidmahl  ... da war was lustiges mit Onkel Jost ...  da hab ich ihm mal retour gegeben ... wie war das noch, wo hab ich das aufgeschrieben? Irgend wann finde ich das noch oder erinnere mich wieder! 
 
So, jetzt, Jan. 2017, weiss ich es wieder: Onkel Jost sah die vielen Kinder, welche Urenkel seines Bruders waren, und er hatte noch keine solchen. Er machte eine Bemerkung zu mir, weiss den Wortlaut nicht mehr, es ging darum, dass er nicht verstand, wie, warum und woher so viele Urenkel kommen konnten. ich grinste: "Wir wissen halt wie das geht, musst halt deinen Enkeln auch mal erklären, wie es geht."
 
Das war wohl frech von mir, und es ist sonst nicht meine Art, aber Onkel Jost hatte meinen Papi als Kind geplagt und meine Mutter "angezündet" und sich auch seinen Eltern gegenüber taktlos benommen.  Der kann das doch locker einstecken, oder? Er schaute etwas komisch, als hätte er nicht mit der Frechheit vom scheuen Giseli gerechnet, reklamierte aber nicht. 
 
Als es leicht zu regnen begann, wies ich meine Kinder darauf hin, dass der Grosspapi auf uns herunter regne, denn bei der Kremation verdunstet alles Wasser durch den Kaminfilter und regnet bei nächster Gelegenheit runter, oder treibt mit den Wolken fort und fällt ins Meer. Darauf bemerkte meine mexikanische Schwiegertochter, sie wolle für sich keine Kremation, sondern eine Erdbestattung. "Weil das Wasser verdunstet?" "Ja." "Die Erdbestatteten verlieren das Wasser auch, es sickert durch den Sarg in die Erde, in die nächste Wasserader, in Flüsse und Seen, verdunstet allenfalls und regnet wieder runter."
 
Der Mensch verliert schon zu Lebzeiten Haare und schneidet die Fingernägel ab, verliert Zähne, Blut oder Organe wie Gallenblase, Blinddarm, Mandeln, Uterus oder Milz. Die Haut schuppt pausenlos ab. Über Nacht verspeisen die Milben in der Matratze unsere Hautschuppen. Auch die Zellen erneuern sich, und abgestorbene werden rausgeschafft. Man ist nie nur sich selber. Man trägt 2 kg Bakterien in sich. Kommen die mit uns zusammen in den Himmel? Oder müssen die unten bleiben? 
 
Auf dem Heimweg tröstete meine Mutter sich selber etwas, indem sie festhielt, dass der Vater so gestorben war, wie er sich gewünscht hatte: ohne langes Leiden, in Spitälern herum liegen und es kaum erwarten können, endlich einzuschlafen. Das gönne sie ihm von Herzen.
 
In der Nachbarschaft waren schon Altersgenossen ganz anders - Entschuldigung - krepiert. Das weiss man nicht im voraus. Von Sterbehilfe und palliativer Sterbebegleitung war damals keine Rede. Das regelten die Leute unter sich selber. Bei Bekannten von uns wurde zuerst die Frau schwer krank. Mehrere Alterskrankheiten fesselten sie ans Bett. Sie blieb daheim, ihr Mann pflegte sie, und sie hatten zusammen verabredet, dass wenn sie den nächsten Schlag erleide, er sie nicht rette, sondern erst telefoniere, wenn sie ganz sicher tot sei. Das machten sie tatsächlich so. Es kommt halt immer auf die Umstände und das Befinden des Sterbenden an. 
 
Wer in hohem Alter einen Herz- oder Hirnschlag erlitt und ins Spital gebracht, wurde nach Begutachten des Allgemeinzustandes - meist schwer altersschwach - nur sachte gepflegt, nach durchschnittlich einer Woche im Koma oder Hirntod trat ganz natürlich der definitive Tod ein. 
 
Für meine Mutter war es noch nicht ausgestanden. Am Telefon jammerte sie, dass alles sie anspringe. Überall sah sie Kleider und Dinge von ihm, die springen sie an. "Die gumped mich aa" (Ich vermute, sie lösten ihr kleine Paniken aus). Sie befolgte unseren Rat, möglichst viel wegzuräumen, auch den Rasierer im Badezimmer. Danach klafften Lücken, leere Stellen, nackte Wände, und die sprangen sie ebenfalls an. 
 
Sie bekam eine tiefe Dosis Antidepressiv, so wenig, dass sie es ich nicht mal angewöhnen musste. In dieser Zeit meinte sie, der ganze Inhalt im Bauch falle ihr unten raus, wenn sie gehe. Meine Schwester fuhr sie zur Gynäkologin, es wurde ge-ultraschallt (oder ultra geschallt?) und alles mögliche getestet. Die Innereien waren an ihrem Platz, es drückte nichts nach unten, aber wenn das Gehirn das meint, dann leidet der Patient darunter. Die Dosis Antidepressiv wurde leicht erhöht. 
 
Sie fand wieder ins Leben zurück, Kinder und Enkel, Katzen und Schildkröten und Nachbarn lenkten sie davon ab, möglichst sofort zu sterben. 
 
Einer meiner Brüder lebte damals umständehalber wieder bei den Eltern. Das war gut, wir hätten unsere Mutter nicht ganz allein lassen wollen, aber wir wohnten alle zu weit weg und waren ja auch eingespannt in Familien und Berufsarbeit. 
 
Meine Mutter überlebte den Vater um 8 Jahre. Nach einem Schlaganfall erholte sie sich gut, nachdem sie anfangs nicht mehr sprechen konnte. Sie lernte es wieder, redete aber nie mehr so schnell und wortgewandt wir früher. Sie wartete eigentlich auf den nächsten Schlag, aber es kam keiner mehr. Seit längerem war ein Auge wegen Netzhautablösung erblindet, dem zweiten drohte das gleiche. Sie stellte sich darauf ein und versorgte alles Geschirr und Gerät akkurat immer am selben Platz, damit sie sich bei Blindheit immer noch zurecht fände. Soweit kam es nicht. Zwar behauptete sie, sie sähe nun praktisch nichts mehr, aber mein Bruder beobachtete, dass sie jedes Brösmeli auf dem Tisch fand und aufpickte, und dass sie sogar noch Zeitung lese.
 
Des Rätsels Lösung: Sie hatte einen Tunnelblick. Sie sah das Umfeld nicht mehr. Hörte sie uns zur Tür rein kommen, musste sie lange suchen, bis wir in ihr winziges Blickfeld  gerieten. 
 
Sie fühlte sich immer schlechter, als es wirklich war. Ich riet ihr, das Antidepressiv weiter zu erhöhen. Sie meinte aber, sie würde dadurch nur länger leben. Ich erklärte ihr, das habe mit der Lebenslänge überhaupt nichts zu tun, sondern sie fühle sich nur besser, so lange sie lebe. Da kam sie auf die Idee, dass sie die Tabletten fürs Herz weglassen könnte. Ich fand, das sei gefährlich, denn anstatt ganz tot könnte sie dann auch gelähmt herum liegen, und dann wäre sie wirklich ausgeliefert und müsste eher noch länger leben. 
 
Es folgten Jahre wo sie am Telefon klagte, sie sei nun ganz schwach, und vor allem möge sie nichts mehr essen, mein Bruder aber schien sie irgendwie zu manipulieren. Er erläuterte dazu, "unterzuckerte Frauen" seien nicht zum aushalten (vermutlich ständiges Nörgeln und Jammern) sobald sie gegessen habe und er Blutzuckerspiegel angestiegen sei, fühle sie sich wieder gut.
 
Einmal fuhr meine Schwester spontan hin, da war unsere altersschwache Mutter am Staubsaugern! Der Arzt erklärte, solange sie noch Treppauf und -ab ginge, sei sie weder schwach noch Herzschlaggefährdet. 
 
Die Klagen, dass sie nichts essen wolle, häuften sich. Ich beruhigte sie, indem ich dozierte, wer nicht mehr viel arbeite, brauche gar nicht mehr viel Nahrung, sie solle einfach möglichst darauf achten, genug Wasser oder Tee zu trinken, dann fühle man sich wohl. Sie empfand auch das typische Altersphänomen, dass ihr nichts mehr schmeckte, sie konnte nicht mehr süss, sauer oder salzig unterscheiden, alles sei wie Karton. Sie war immer froh, wenn ich sagte, das mache nichts, ganz wenig essen genüge, dafür Wasser trinken, damit man nicht so austrockne. Wobei in den letzten Wochen des Lebens nicht mal mehr das Austrocknen stört. Ich hörte von Krankenschwestern, dass sie früher die Altersschwachen auf den Pflegestationen zum Trinken zwingen mussten, wodurch diese richtiggehend gequält wurden. Oder dann Infusionen stecken. Das macht man heute zum guten Glück nicht mehr, feuchte Tupfer auf die Lippen genügt. 
 
Es kam die Zeit, wo sie die Körperpflege nicht mehr auf die Reihe kriegte. Mein Bruder machte, was er konnte, aber oft wehrte sich die Mutter dagegen. Wenn sie an sonnigen Nachmittagen hinters Haus in den Garten wollte, trat sie nicht zur vorderen Haustür heraus, sondern sie stieg die steinerne dunkle Kellertreppe runter und die andere Kellertreppe hinauf direkt hinters Haus. Damit die Nachbarn sie nicht sehen konnten !!!  Sie genierte sich, alt zu sein. Komisch, alt werden und alt sein ist doch etwas normales! Man kann sich meinetwegen darüber ärgern oder schimpfen, aber genieren ???
 
Sie liess sich vom Sohn die Haare auf Handbreite kurz schneiden, denn ihre Hochsteckfrisur wollte ihr nicht mehr gelingen. Dazu waren die Haare auch zu stark ausgedünnt. Meine Schwester fasste an einem freien Nachmittag den Entschluss, meiner Mutter die Haare zu waschen und die Finger- und Zehennägel zu schneiden. Meine Mutter fühlte sich überrumpelt, hatte keine Zeit, sich an die Idee zu gewöhnen und wehrte sich gegen die Tochter. Das artete aus in: "Wenn du mal ins Pflegeheim musst, schicken sie dich nach zwei Tagen wieder fort, wenn du dich so sträubst." 
 
Sie rief mich an und fragte, ob sie sich wirklich die Haare waschen lasse müsse und die Nägel schneiden. "Natürlich nicht," bestätigte ich sofort. "Das ist doch nicht wichtig. Du kannst tun und lassen, was du willst. Man darf nicht Banken ausrauben, aber alles andere darf man, auch Haare nicht waschen und Nägel nicht schneiden. Das spielt überhaupt keine Rolle." Da war sie getröstet und bestätigte, dass ich "ein Liebes" sei.
 
Ich sehe einfach nicht ein, warum man Menschen zu etwas zwingt oder auch etwas verbietet, was gar keinen Einfluss aufs Weltgeschehen hat.
 
Mit der Schwester kam ich darüber auch noch ins Gespräch, und ich fand: "Lass sie doch, wenn sie nicht will, passiert doch nichts deswegen." Das sah meine Schwester auch ein, war aber vermutlich noch einige Zeit beleidigt, weil ihre Hilfe als Belästigung klassiert wurde.
 
Es kam darauf hinaus, dass eine Frau von der Spitex zwei mal pro Woche vorbei komme und beim Baden helfe. Um den Bruder zu entlasten versuchte man es mit dem Mahlzeiten-Dienst für Senioren. 
 
Bei den nächsten Telefonaten erfuhr ich von meiner Mutter, dass die Spitex überhaupt nichts könne, nichts wisse und einfach nicht draus komme, dass sie sich ärgere deswegen. Und das Essen - war ja klar - das sei gruusig, das könne man nicht essen. 
 
Ich weiss nun nicht mehr genau, wie das geregelt wurde, ob mein Bruder wieder kochte. Vermutlich schon, denn nun war es wieder der fehlende Appetit. Dieser Zustand dauerte an, und ich dachte für mich, dass sie wahrscheinlich schon gestorben wäre, würde man ihr nicht immer das Essen unterjubeln. 
 
Die letzten neun Monate verbrachte sie im Pflegeheim Gorwiden, in Sichtweite zum Haus. Als ich zu Besuch kam, beschwerte sie sich, dass sie hier nicht zu essen bekomme. Dabei stand noch ein Zvieri von Guetzli und Tee auf dem Tischchen neben dem Bett. Aber wenn die jungen philippinischen Pfleger ins Zimmer kamen, blühte sie auf: "Die sind alle so nett und lieb", und ihre Augen leuchteten. O wie schön, noch im Altersheim zu solchem Vergnügen zu kommen!
 
Weil mein Bruder sie nicht mehr zum Essen bewegen konnte, wurde sie endlich schwächer. Sie trug Windeln, die blieben aber trocken, denn es gab nichts mehr auszuscheiden. In einer Nacht wollte sie aufs WC, stieg aus dem Bett und kroch im Dunklen herum, bis zufällig die Nachwache auf der Runde sie entdeckte und wieder ins Bett legte.
 
Das machte auch mein Schwiegervater, der nur kurze Zeit im Spital war, aber auch immer meinte, er könne jetzt raus gehen und sich eine passende Wirtschaft suchen um gepflegt zu speisen, sich eine Flasche Wein zu genehmigen und eine halbe Schachtel Zigi zu verqualmen. Er war da in seiner Altersresidenz in Spanien. Vom Spital rief man den ältesten Sohn an, der Vater sei am Sterben. Rüedel, dieser Sohn, raste nach Spanien, trat ins Zimmer, da hockte der Alte im Nachthemd auf dem Bett und sagte: "Gut, dass du da bist, komm, wir gehen irgend wo fein essen!" 
 
Tatsächlich zog er sich mit Hilfe die Kleider an und liess sich herum chauffieren. Rüedel kehrte nach Hause zurück. Wenig später war der Vater doch noch gestorben. Bei manchen Leuten meint man, - auch sie selber meinen es zuweilen - im Himmel oben hätte man vergessen, sie abzuholen. Man rechnet dann gar nicht mehr mit ihrem Tod. 
 
Meine Mutter hatte den Exit-Ausweis und eine Patientenverfügung, wonach sie nichts lebensverlängerndes wünsche, keine Infusionen, Beatmungen, Herzmassagen oder Wiederbelebungen egal welcher Art. Als sie nur noch da lag und kaum noch auf irgend etwas reagierte, rief die Heimleiterin meine Schwester an und gab den Tarif durch: "Ihre Mutter isst nichts mehr und will jetzt auch nichts mehr trinken. Wir müssen eine Infusion stecken." "halt, stopp" rief meine Schwester aus, "sie hat eine Patientenverfügung! Sie will das nicht, und wir Angehörigen wollen das auch nicht. Das ist Dreinpfuschen in einen natürlichen Ablauf. Sie darf in Würde sterben, weil der Zeitpunkt gekommen ist".
 
Man hielt sich daran. Eigentlich hätten sie es wissen müssen - oder sie hatten es gewusst, aber versucht, noch ein paar Tage Pflegegeld auf Höchststufe einzukassieren. Es waren schliesslich noch genug andere Pfleglinge im Heim, die würden nicht verlumpen, weil wir lebensverlängernde Massnahmen ablehnten.
 
Mein Bruder telefonierte mir, wenn ich das Mami noch mal sehen wolle, wäre es jetzt Zeit. Einer meiner Söhne, der in der Nähe wohnt, fuhr mit mir hin. Sie lag mit hochgestelltem Kopfende in den Kissen und sah aus wie alle andern auf dem Totenbett. Jeder andere bekam ebenfalls diese hervorstehenden Wangenknochen und den Höcker auf der Nase, wo das Nasenbein endet. Der Kiefer sinkt zurück. Sie schlief. Ich getraute mich nicht, sie zu wecken, mein Sohn und ich flüsterten nur. Ich legte eine Weile meine Hand auf ihren Arm. Sie merkte nichts. Es war wirklich das letzte mal. Sie sieht aus wie im Sarg, fand ich, und dass ich mir die Aufbahrung ersparen konnte.
 
An einem Sonntag morgen rief meine Schwester an, sie sei heute morgen gestorben. Ich atmete auf, weil sie schon so lange gar nicht mehr hatte leben wollen, nun war es endlich vollbracht. Seit der totalen Nahrungsverweigerung hatte sie statt einer Woche noch deren drei überlebt. So zäh war sie gewesen, aber so unglaublich dünn, dass mir war, als seien auch ihre Knochen zünftig eingeschrumpft.
 
Altersschwache sterben meistens bei Tagesanbruch. Der Körper will erwachen, hat aber die Kraft nicht mehr dazu. Ich hätte sie in den Armen halten wollen, aber ich war einfach zu weit weg um sofort zur Stelle zu sein, und zwei Wochen an ihrem Sterbebett zu verweilen lag organisatorisch bei mir nicht drin. Sie war gar nicht mehr erwacht. Sie hätte nichts davon gemerkt.
 
Meine Schwiegermutter wollte von selber nicht mehr besucht werden, als ihr Ende nahte. Dafür sahen wir sie dann bei der Aufbahrung. Vermutlich hätte sie auch das nicht gewollt. Sterben geht hingegen nicht nur die Sterbenden etwas an, sondern auch die Angehörigen. Sie hatte sich auch gewünscht, dass man ihre Asche im Garten verstreue, die Söhne aber organisierten eine ganz normale Urnenbestattung auf dem Friedhof. Eine Schwiegertochter fand das völlig daneben, das gehe ja  G A R  nicht, dass man dem letzten Willen eines verstorbenen Angehörigen nicht nachkomme. Ich fand für mich, dass die Toten das nicht merken, die Angehörigen dafür machen können, was sie wollen, weil sie ja noch leben. Es ist nicht jedermanns Sache, bei jedem Grillabend im Garten daran erinnert zu werden, dass die Mutter verbrannt und hier verstreut sei, man gar auf ihr herum trample.
 
Meinen Kindern habe ich gesagt, sie können mit mir machen, was sie wollen, kremieren, gefriertrocknen, verstreuen, in der Urne belassen, aber möglichst nicht kostenpflichtig auf dem Friedhof beisetzen. Schlichte Bestattung sollte für einfache Leute unentgeltlich sein. Allein in Trasapfupferlingen kostet das 2600.-, bis ich sterbe wahrscheinlich noch viel mehr. Das will ich nicht. Wenn meine Kinder aber lieber den Betrag aufwerfen und mich an einem bestimmten Ort versorgt wissen wollen, sei es ihnen unbenommen.
 
Man kann eine Leiche auch zum Diamanten pressen. Kostet viel. Für Studenten zum üben braucht man uns auch nicht mehr so wie früher.  
 
Das Garääschli pflegen wir eigentlich nicht. Man soll auch nicht Urnenwände mit zu viel Deko versehen. Eine kleine Vase (wie in Autos) steht zur Verfügung für kleine Blumengrüsse. Manche anderen Friedhofbesucher wollen aber den halben Haushalt installieren mit Plüschtieren, Kübelpflanzen, Engeln und Laternen. Dafür hätten sie jedoch ein Grab wählen sollen. 

Da wir nicht glauben, dass die verstorbenen Eltern vom Himmel auf uns herab schauen und kontrollieren, wer wie oft die Urnenwand besucht, gedenken wir unserer Eltern und Grosseltern im Alltag, wo wir sie meist vor Augen haben, ihnen laufend erzählen und ihre Kommentare dazu hören, weil wir sie kennen und wissen, was sie antworten würden.

Nachdem mein Vater gestorben war, träumte ich, wir setzten uns alle wie in Kindheitszeiten um den Küchentisch zum Essen, da kam mein Vater im gestreiften Nachthemd und setzte sich zu uns wie wenn nichts wäre. Da fragte ich ihn, ob es nun wirklich einen Himmel gäbe oder nicht.

„Nä-nääääii,“ antwortete er im Tonfall von „wie kann man sowas nur je in Betracht ziehen!“

Nach dem auch meine Mutter gestorben war, träumte ich komischerweise häufig, dass sie tot sei, Papi aber noch unter uns lebte, mir vor den Augen herum spazierte, und ich überlegte, warum ich immer gemeint hatte, Papi sei zuerst gestorben, aber nun stimmte es ja gar nicht. Schon sonderbar.

Eine Traumdeutungsregel besagt ja, dass man immer von sich selber träume. Alle Figuren oder Hauptfiguren ist man selber. Ich träumte also damit, ich sei noch am Leben. Daran zweifelte ich ja gar nicht. Sehr seltsam.

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Haben deine Eltern je von Erbschaften profitiert?
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.

Haben deine Eltern je von Erbschaften profitiert?
Meine Eltern hatten beide von ihren Eltern einen Erbvorbezug erhalten um ihr Einfamilienhaus zu kaufen. Auch mein Mann und ich kauften unser Haus mit der Baranzahlung beider Eltern, was wir aber im Laufe der Zeit zurück zahlten. 
Meine Grosseltern
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3.  Meine Grosseltern
Die Eltern meines Vaters waren verwandt.
 
Die gemeinsamen Vorfahren waren Jost Zemp, geb. 1775 in Entlebuch, Richter, und Anna Maria Kaufmann.
 
Das waren die Urgrosseltern meines Grossvaters Alfred Zemp geb. 1890
 
Für meine Grossmuter Anna Zemp-Felder, geb. 1888, waren diese allerdings die Ururgrosseltern.
 
Ihr Grossvater Josef Zemp, geb.1843, Jurist und Bundesrat/Präsident war der Grossonkel 2. Grades von meinem Grossvater Alfred Zemp
 
Das klingt jetzt kompliziert.
 
Einfachheitshalber sagten wir in der Familie, sie wären Coucousins gewesen. Meine Grossmutter berichtigte dann, sie sei eine Tante von ihrem Mann Alfred. Dritten Grades erwähnte sie nicht, das hab ich auf dem Stammbaum gesehen. Ohne Stammbaum wüsste ich gar nichts davon.
 
Die Söhne des Jost,1775, waren 1803 und 1807 geboren. In der nächsten Generation lagen die Cousins zeitlich weit auseinander: 1834 und 1855. Eine Tochter bekam ihre Kinder früh, ab 22 Jahren; so dass auf der einen Seite 3 auf der andern Seite aber 4 Generationen zeitlich wieder aufeinander trafen.  Kommt hier jemand draus aus diesem Logik-Rätsel?

Stammbaum Teil Zemp

Auf dem Original-Stammbaum geht es noch 8 Generationen weiter zurück. Von diesen Zempen hiessen 3 Johann (in dieser Zeit hiessen alle Männer Johann) 2 Peter, 2 Kaspar (einer war Bannermeister und der ältere Stadthalter und Hochwaldvogt) und ein Klaus (1518- 1571, Landschreiber in Schüpfheim)

Auf der Seite meiner Mutter kam niemand auf die Idee, einen Stammbaum zu führen, meine Mutter wusste nur, dass bei den Strübins Küfer und Wagner dabei waren. Im Internet fand ich einen Strübin-Stammbaum.  Der 1450 geborene Heinrich Strübin war in Liestal eingewandert. Der Stammbaum geht nur bis 1683. Mein Grossvater Carl Strübin war auch noch in Liestal aufgewachsen und nach Zug gezogen. Heinrich war Tuchscherer und Wirt. Sein Sohn Tuchscherer und Korn- und Salzmeister. Dann folgten 3 Generationen Pfärrer, später ein Apotheker und ein Fähnrich. Viele sind ohne Berufsbezeichnung eingetragen. Was war denn mit denen los ??

 

 

 

 

 

Was für Selbstzeugnisse oder Objekte über deinen Grossvater existieren noch? Was bedeuten sie dir?
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3.1.  Meine Grosseltern – Mein Grossvater väterlicherseits.

Was für Selbstzeugnisse oder Objekte über deinen Grossvater existieren noch? Was bedeuten sie dir?
Nach der Pensionierung hat er viele Geigen gebaut. Der ganze Estrich hing voller Geigen um den Lack zu trocknen. Auf dem Hobelbank prangte ein Arsenal von Werkzeugen, Leimen und Lacken, Hölzern und Einzelteilen. 
 
Ich habe nebenbei gehört, er hätte seine nigelnagelneuen klanglich sehr guten Geigen bei andern Leuten eingetauscht für sehr alte immer noch sehr gute Geigen. Stradivari und Amati sind kaum dabei gewesen, sonst schwämmen wir doch in Millionen. 
 
Auf einer 7/8-Geige von ihm habe ich selbst eine Weile geübt und gespielt. Allerdings mit Schalldämpfer, es war mir sonst zu laut. Gespielt habe ich Bach Solosuiten (nur die langsamen, oder die schnellen auch langsam, und zwar die für Cello, für Geige transponiert, die sind noch leichter als die für Violine) und den Mittelsatz vom d-moll-Doppelkonzert. Da hat mein Vater die andere Stimme dazu gespielt. War das schön! Später hatte ich keine Zeit mehr, weiter Geige zu üben. Eine halbe Stunde täglich hätte ich konzentriert trainieren müssen. Aber wann Klavier? Musikunterricht geben? Kinder und Haushalt? Soziale Kontakte? Nein, man kann nicht alles.
 
Wie viele Grossvater-Geigen und von ihm eingetauschte im Haushalt meiner Eltern strandeten, kann ich nicht mehr rekonstruieren.  
Was war seine berufliche Tätigkeit?)
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3.1.  Meine Grosseltern – Mein Grossvater väterlicherseits.

Was war seine berufliche Tätigkeit?)
Mittelschullehrer und Zeichnungslehrer. Die Briefumschläge waren "an Herrn Professor Zemp" adressiert. Meine Grossmutter mit "Frau Professor" angesprochen. Einen Briefumschlag fand ich in der Briefmarkensammel-Schachtel: An die Familie Zemp-Felder, Professors, Adresse ...
Seine eigenen Kinder gingen zu ihm in die Schule. Schon damals hat es überambitionierte Eltern gegeben, deretwegen er den eigenen Kindern manche Noten abrundete oder eine ganze tiefer ins Zeugnis schrieb. Zuhause erklärte er den Kindern, dass sie eigentlich ein "gut bis sehr gut" oder ein "sehr gut" hätten, aber die Leute der andern Kinder .....  
Meine Grossmutter väterlicherseits
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3.2.  Meine Grosseltern – Meine Grossmutter väterlicherseits.
Meine Grossmutter spielte locker gut Klavier, begleitete Mann und Kinder, die Geige und Cello spielten. Grossvater spielte nebst Geige auch Cello und Bratsche. 
 
Ich war mal als ca. 11-jährige wochenlang bei ihr in den Ferien und traktierte ihr Klavier. Ich hatte das Mendessohn-Heft mitgenommen. Die Lieder ohne Worte waren bereits alter Schnee, und ich "verging" mich am 4-seitigen Wiegenlied in E-Dur. Da ich das Rhythmusgefühl habe, stört es mich selber, wenn ich den Takt nicht einhalten kann, weil ich die Töne auf den Tasten zusammen suchen muss. Drum musste ich langsamer und langsamer spielen und trotzdem noch unterbrechen oder falsche Akkorde korrigieren. Ist die Grundtonart E-Dur, geht es bald in cis-moll weiter, mit Doppelkreuzen (auf nächst höheren weissen Tasten) und Auflösungen von Doppelkreuzen (zu einfachen Kreuzen, was dann immer noch eine schwarze Taste ist, jedenfalls wenn E-Dur die Grundtonart ist. Es könnte auch sein, dass ein E zu E-is wird, also wiederum weisse Taste, das Eisis wäre dann aber eine schwarze Taste). Das interessiert die allfälligen Leser nicht, ich will damit nur darlegen, wie es geklungen haben könnte, als ich das E-Dur-Stück mit den vielen Begleitakkorden in cis-moll, Cis-Dur und gis-moll zusammenklaubte. Schliesslich hatte meine allerliebste Grossmutter mich angefleht, ob ich nicht mal ein leichteres Stück spielen könnte. Vordergründig tat ich das, aber sobald sie aus dem Haus ging, dokterte ich wieder am E-Dur-Stück herum. Ich begreife heute gar nicht mehr, warum ich mir das antat. Später hatte ich es auf F-Dur umgeschrieben und Oktaven weggelassen, und so gelang es mir, dass es mir selber gefiel. 
 
Meine Grossmutter war besonders im Nähen bewandert. Sie zeigte mir (vermutlich war ich erst 8), wie man am besten Nähte macht, die nicht ausfransen. Damals gab es auf den Singer-Nähmaschinen noch keinen Zickzackstich. Heute nennt man diese Art Nähte "Jeans-Nähte". Ausserdem mussten alle Säume doppelt eingeschlagen werden wegen dem Ausfransen. Heute kann man Schnittseiten einfach "ab-zickzacken". 
 
Ein Spiel hiess "Reise in die Ewigkeit". Es war ein Leiterli-Spiel aus jener frommen Zeit mit kleinen Kirchenbildchen-mässigen Illustrationen auf den Feldern, wo man vor oder zurück ziehen musste oder durfte. Leider weiss ich nicht mehr, was die einzelnen Stationen waren, aber es hatte eine Hölle. Dort hatte man verloren und durfte nicht mehr weiter würfeln. Zuoberst war der Himmel in der Ewigkeit. Hellblau mit weissen Wolken, gelbes Dreieck mit Gottes Auge und Sonnenstrahlen.
 
Das spielte unser Grossmueti oft mit uns. Sie ging manchmal auch Werktags um 7 Uhr in die Frühmesse. In allen Zimmern hingen Weihwasser-Gefässe. Da netzte sie ihren Mittelfinger und zeichnete uns Kindern Kreuze auf die Stirne und sagte: "B'hüet di Gott". 
 
Wenn ich sie beim einkaufen begleitete, machte sie vor der Heimkehr noch den kleinen Umweg über den Friedhof, wo ihre Mutter, folglich meine Urgrossmutter, seit 1934 begraben lag. Auch dort Weihwassergefässe, Palmenwedel, eigentlich Zeder, weil es hier gar keine Palmen gibt, und wir Kinder wedelten und tränkten andächtig und würdevoll die Stiefmütterchen auf dem Grab. Nach 25 Jahren wird ein Grab aufgehoben. Das war 1959. Die ganze Grabreihe war eingeebnet und mit Kies belegt worden. Meine Grossmutter wusste noch ganz genau, wo das Grab gewesen war, zeigte es mit der Fussspitze an: "Hier ist sie. Genau hier ist das Grab gewesen". Ich fand, es sei gemein, Gräber aufzuheben, und die Hinterbliebenen müssen auf Kieswegen abschätzen, wo das Grab gewesen war. 
 
Heute sieht die Sache ganz anders aus. Die Nachfahren verteilen sich in Windeseile über den ganzen Erdball, und kein Mensch mehr hat Zeit, Gräber aus der Ferne zu besuchen. Früher ging man sonntags zur Kirche, danach am Grab der Gross- oder Urgrosseltern vorbei. 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Wie hat sie im Alter gelebt?
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3.2.  Meine Grosseltern – Meine Grossmutter väterlicherseits.

Wie hat sie im Alter gelebt?
Sie hat mit 80 Jahren angefangen Russisch zu lernen. Im Schulfernsehen war ein Kurs in dieser Sprache. "Spacibo" lehrte sie mich. "Da" und "Njet". 
Mich faszinierte das russische Alphabet. Ich wollte auch russisch lernen, blieb aber dabei, das Alphabet zu kennen. Ich konnte alle Wörter, egal welcher Sprache, in russischen Buchstaben schreiben. Es diente mir auch als Geheimschrift. 
In der Schule schrieb ich jeweils die Namen der von mir angehimmelten Jungen in russisch auf die Fliessblätter. Manchmal noch "Ya lyublyu tebja", auch in russischen Buchstaben natürlich. Auf meiner Tastatur hat es grad keine solchen.
 
Die junge Englischlehrerin im KV war noch vieler anderer Sprachen mächtig. Sie teilte die korrigierten Aufgabenhefte aus und fragte mich etwas auf russisch. Ihrem Gesicht und Tonfall nach musste es etwas Positives sein, und ich antwortete verlegen mit "Da".
 
Einem Kantischüler hatte ich mal einen Zettel ans parkierte Velo gesteckt, er solle da und da und dann und dann auf mich warten. Das tat er, aber er brachte einen seiner Kumpane als Verstärkung mit. So hatte ich es nicht gemeint. Dann hätte es den Zettel gar nicht gebraucht, dann hätte ich ihn einfach so anquatschen können, inmitten der ganzen Meute. Auch Kantischülern kann es an Logik fehlen. 
 
Als ich die Situation überblickte, wollte ich reflexmässig einen andern Weg nehmen. Das war aber strategisch falsch. Geht's nicht um Leben und Tod, soll man nicht ausweichen. Ich riss mich zusammen und marschierte den normalen täglichen Weg wie immer mit neutraler gleichgültiger Mine. Vielleicht wollte ja er mich ansprechen. Tat er nicht. Ich hörte den Kollegen sagen: "Da kommt sie." Ich streifte den Schüler mit einem kurzen Blick wie immer und ging gemächlich vorbei. "Pfff.." hörte ich den andern.
Das sah nun aus, als hätte er sich den Zettel selber geschrieben und alles sei gar nicht wahr. Tut mir leid, kann nichts dafür. Eher hätte ich damit gerechnet, dass er überhaupt nicht wartete. Aber so ??? Geht's dem eigentlich noch?
 
Kurz darauf war Herbstsonntag, wo jeder im Keller des andern eine Festwirtschaft betreibt und danach den Keller aufräumt. Als ich den Keller kontrollieren ging, war er sauber ausgefegt und aufgeräumt, aber ein Ghettoblaster stand noch auf der Hurde. Den mussten sie noch irgendwann holen. Ich schreib wiederum einen Zettel, und zwar schrieb ich aus meiner Grussmutter Russisch-Buch eine unregelmässige Konjugation ab. Diese Niederschrift legte ich neben den Ghetto auf die Hurde. 
 
Am nächsten Tag war der Zettel fort. Sie hatten ihn mitgenommen. Vermutlich hat der Kantischüler diesen in der Schule einem Lehrer gezeigt, der Russisch konnte, und gefragt, was das heisse. Und es war nur eine Grammatikübung!  
 
Der Fortgang der Geschichte hat nichts mehr mit meiner Grossmutter zu tun, drum geht die in einem andern Kapitel weiter. Oder auch nicht, war eh nichts gescheites dabei raus gekommen. Der russische Zettel war wohl das lustigste davon gewesen. Diese letzten 5 Absätze gehören eigentlich ins Kapitel 17 , ca. 6. Unterkapitel 
Mein Grossvater mütterlicherseits
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3.3.  Meine Grosseltern – Mein Grossvater mütterlicherseits.
Mein Grossvater Carl Strübin kam, sah meine Grossmama Pia Strübin-Blattmer und siegte. Sie wurde vom begüterten August Von Gunten begehrt. Meine Mutter hatte ausgeplaudert, dass der ihrer Mutter eigentlich nicht gefallen hatte. Einer meiner Cousins wusste es noch genauer: Carl Strübin war hoch zu Ross in Zug eingeritten und hatte solcherart der Grossmamma den Atem geraubt. Eine meiner Grosstanten (eine Schwester von Pia) wurde am allerdeutlichsten: Der "Onkel Guscht" sei ein Dicker gewesen, der kam in einer Kutsche, der war zwar reich, aber so ein Dicker. Dann kam Carl Strübin. Oh, er war sooo schön!"
 
Er war ein grosszügiger Träumer, der träumte in seiner Buchhandlung zusammen mit den 20 Katzen vor sich hin, rauchte und trank ein Glas Rotwein dazu. Egal, Hauptsache, er war schön und vererbte die Schönheit seinen Kindern. Die 3 Schwestern meiner Grossmutter waren gleicher Meinung. Als Berufstätige ledige Frauen (Bibliothekarin, Lehrerin und Musikerin/Sängerin/Lehrerin) leisteten sie sich den Luxus, Familie und Kinder ihrer Schwester finanziell abzusichern, also nach Bedarf zu unterstützen.  
 
"Das war ja schon etwas verrückt," fand meine Mutter später, "im Krieg kam keine Kundschaft in den Laden, und unser Vater spendierte uns Opernbillete nach Zürich, wir gingen an Bälle, hatten Ballkleider und die teuersten Spielsachen, das ging ja nur, weil die Tanten der Mamma Pia immer wieder ordentlich was zusteckten."
 
Von ihm habe ich wohl die Gelassenheit, nicht alles so ernst zu nehmen, auch mal was einfach laufen zu lassen, wie es eben kommt. Tagträumen tue ich auch, drum war mir noch niemals langweilig. Muss ich irgendwo lange warten, egal, ich denke mir eine Geschichte aus! Kann ich lange nicht einschlafen, gut, ich denke mir eine Geschichte aus. Und Bilder dazu.
 
Leider leider leider konnte ich ihn nicht persönlich kennen lernen. Er starb kurz vor meiner Geburt an Hautkrebs. Hautkrebs? Er war nie an der Sonne, er hockte pausenlos im dunkeln Büro unten in der Buchhandlung. Von Rauch und Alkohol bekommt man wenn schon Lungenkrebs und Leberzirrhose. Oder hatte er das vielleicht auch dazu und man wusste es gar nicht? Den Hautkrebs konnte man eben sehen. Braune Flecken, dann schwarze, gross wie Handflächen, dann löste sich die Haut stellenweise ganz auf und man sah den Ellbogenknochen. Es stank im Zimmer. Kein Wunder.
 
Über ärztliche Behandlungen ist nichts bekannt. Er beklagte sich auch nicht. Gesprächsthemen interessierten ihn nicht mehr, ausser die Katzen. Von Schmerzen und Schmerzmitteln hörte ich nichts, er dämmerte scheint's friedlich vor sich hin und war dann mal ganz hinüber. 
 
Meine Mutter war schwanger mit mir, und mein Vater kaufte ihr ein Pekinesen-Hündchen, genannt Mandschu, und er ging mir ihr und dem Hündchen an eine Dahlienschau um sie abzulenken. Ausser dem Vater war zeitnah ihr Bruder Fred am Hirntumor gestorben.     
Meine Grossmutter mütterlicherseits
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3.4.  Meine Grosseltern – Meine Grossmutter mütterlicherseits.
Meine Grossmutter Pia Strübin-Blattmer wuchs mit 3 Schwestern auf. Anna, Rosi, Maria und Pia. Maria mit der ersten Silbe betont ausgesprochen. Mària. Ich habe ein Familienfoto von ihnen. Die jungen Frauen waren da zwischen 20 und 30, der Vater stand daneben, die Mutter war offenbar schon nicht mehr da. Pia und Rosa glichen dem Vater, Anna und Maria demnach der sehr ebenmässigen Mutter. Zwei sassen auf einer Bank, zwei standen dahinter, sie trugen grosse Hüte und Kostbare Kleider in hellen Farben oder weiss, mit vielen Litzen und Spitzen und Knöpfen und Bändeln. 
 
Ich war erst 4 als sie im Spital starb. Ich hätte auch sie sehr gerne noch länger kennen gelernt und mehr erfahren, wie sie in ihrem Wesen war, was sie davon hielt, was sie erlebt hatte. Als 4-jährige interessiert man sich ja noch nicht dafür.
 
Hattest du bzw. deine Familie ein Haustier? Was bedeutete es dir?
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4.  Kindergartenjahre

Hattest du bzw. deine Familie ein Haustier? Was bedeutete es dir?
Wir hatten den Kater Joggi, ein schwarz/weiss-Kater, der uns den Hals putzte, wenn wir ihn auf den Arm nahmen. Die Zunge war leider zu rau für meinen Hals. Aber ich liebte ihn trotzdem über alles. Dazu krabbelten bald Schildkröten den Gartenzäunen entlang. Sie hatten einen grossen Garten rund ums Haus zur Verfügung, aber Schildkröten laufen einfach geradeaus bis ans nächste Hindernis, dann immer diesem entlang, und unverzüglich entstanden die typischen Trampelpfade. Kurzzeitig liessen wir auch weisse Labormäuse in grossen Kartonschachteln mit Verbindungskanälen herum rennen. 
Krankheiten und Unfälle
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5.  Krankheiten und Unfälle
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
  
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Ein Bruder krank
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5.1.  Krankheiten und Unfälle – Ein Bruder krank.
Mein zweitjüngster Bruder Hubert war überaus witzig, sarkastisch und musikalisch. Spielte Bass in einer Band, die Bassgitarre hatte er selber gezimmert in Form einer Bratsche, aber natürlich mit dem Gitarre-Griffbrett. Er rechnete sich aus, dass niemand eine Bassgitarre stehle, die wie eine Geige aussähe, man meine dann, es wäre eine Geige. Er spielte auch Cello im Orchester-Verein und lernte Klavier und Orgel bei einer blinden Musiklehrerin. Er bekam lauter atonale Stücke, damit er die Noten lernte. Was hübsch klang, konnte er eh gleich auswendig. Er lernte Orgelbauer bei Späth in Rapperswil.
 
Meine Geschwister, die ebenfalls im Orchesterverein spielten, fanden bald einmal, Hubert saufe und qualme viel zu viel. Mein Vater kehrte jeweils bald nach der Probe heim und bekam gar nicht mit, was die jungen Orchestermusiker nach den Proben bis in alle Nacht hinein noch anstellten.
 
Hubert lernte in Thailand eine Freundin kennen, die gerne mit ihm zusammengeblieben wäre, egal ob in Thailand oder in Europa. Aber er fand, sie würde hier nur frieren und sich einsam fühlen.  Wir verklickerten ihm, dass schon viele asiatische Frauen hier leben und arbeiten, und seine Freundin bald Anschluss fände, und dass die im Winter einfach warme Kleider anziehen wie wir auch. Hubert blieb bei seiner Meinung, dass er das keinem Menschenkind zumuten könne. Wahrscheinlich konnte er damals schon noch anderes keiner Freundin zumuten, nämlich das Saufen und besoffen sein. 
 
Er führte noch eine Weile Briefwechsel mit der Freundin, kam mit den Entwürfen zu mir und ich sollte die Übersetzung ins Englische perfektionieren und in anständiger Schrift schreiben. Diese Briefe schickte er dann ab und zeigte mir die Antworten darauf. Da bemerkte ich ebenfalls den Alkoholgestank. Die Zigis waren mir noch egal, denn damals wusste man noch nicht, wie gesundheitsschädlich selbst das Passivrauchen war. Mit dem Alk zusammen verdoppelte sich diese Ungünstigkeit nicht nur, sondern sie erhöhte sich im Quadrat.
 
Es vergingen einige Jahre, bis er wegen dem Alkohol die Leistung nicht mehr erbringen konnte, die von ihm erwartet wurde. Er wechselte in die Werkzeugfabrik Hilty in Zürich als Hilfsarbeiter. Trotzdem besuchte er mich noch alljährlich in Trasi um mein altes vom Grosmueti geerbtes Klavier zu stimmen. Einige Wirbel sassen locker, die musste man mit dem Hammer reinschlagen.
 
Als er das letzte mal kam, kraxelte er aus dem Auto eines Freundes und schwankte mit rotem aufgedunsenen Gesicht auf mich zu, der Alkgestank umwehte ihn schon Kilometer gegen den Wind. Sein Freund entstieg dem Auto ebenfalls und verfolgte gespannt, wie ich reagiere, meinen Bruder so besoffen anzutreffen. Ich tat, als merke ich nichts, denn ich wusste, es hatte keinen Sinn, mit ihm darüber eine Stunde der Wahrheit abzuhalten. Das taten mein Geschwister schon seit längerem, boten ihre Hilfe auf verschiedene Weisen an, aber Hubert ging nie darauf ein, verharmloste alles und begann seine Lausbuben-Lumpengeschichten von früher zu erzählen. 
 
Er musste geahnt haben, dass er das letzte mal bei mir das Klavier stimme, brachte mir das Werkzeug mit, welches er für mich in der Werkstatt angefertigt hatte, und brachte mir bei, wie man am effektivsten ein Klavier stimmt. Ich begriff die Methode, aber ich muss das jetzt hier nicht erzählen, oder? 
 
Von zuhause war er seit längerem ausgezogen, um die Eltern nicht zu belasten, was diese aber nicht in dem Masse mitbekommen hatten. Man ist ja tolerant, man muss die andern mal machen lassen, kann sich nicht immer in alles einmischen, man nervt damit ja nur. Andere saufen doch auch, muss ja nicht gleich zum schlimmsten kommen. Gewalttätig war er eh nie, im Gegenteil, hatte er zuviel in der Lampe, legte er sich hin und schlief, auch auf dem Boden, oder in halb gebauten Orgelpfeifenkästen. 
 
Niemand wusste, was in seiner Wohnung abging, schliesslich besuchte er uns reihum regelmässig.
 
Weil er nicht mehr Cello spielen ging, spionierten die Geschwister ihm nach. Er war krank und so heiser, dass er nicht mehr sprechen konnte. Sie würden ihn jetzt zu einem Arzt bringen, beschlossen die Geschwister. Hubert wehrte sich, keuchte gequält, das Leben sei kurz und beschissen. Er wolle zu keinem Arzt. Selbst meine resolute Schwester konnte nichts ausrichten. Anderseits dachte man, er erhole sich wieder, wenn er während der Krankheit eine Weile nicht rauchen und saufen könne. 
 
Er pflegte in seinem Stammlokal zu mittag zu essen. Er bekam einen Hustenanfall und stürzte bewusstlos zu Boden.  Der Wirt wusste, dass dieser Stammgast schwerer Alki und nicht an einer Genesung interessiert war. Aber man darf Leute in Not nicht liegen lassen, man muss Hilfe anfordern. Da in der Stadt Zürich, traf innert 5 Minuten die Sanität ein, sammelte ihn auf und brachte sein Herz wieder zum schlagen. Dann lieferten sie ihn in der Intensivstation des Unispitals ein. 
 
Hubert war nicht der einzige. Regelmässig lasen sie die komatösen Platzspitz-Patienten auf, davon viele immer wieder erneut. Damit blieb die Maschinerie auf der Intensivstation in der Übung. Es hatte keinen Sinn, nur die "wertvollen" Berufs- und Familien-Menschen zu retten, denn die brauchten naturgemäss nur sehr selten einen Aufenthalt in der Intensivstation. Und wenn dann mal einer nach einem Arbeitsunfall angeliefert wurde, hätte das Personal erst die Bedienungsanleitungen lesen müssen, oder besser gesagt, diese zuerst mal suchen. Der Sinn der Rettung von Lebensmüden bestand also neben dem ethischen Aspekt auch im Training und der Instandhaltung der Maschinen. 
 
Meine Schwester bekam dann den Bescheid aus der Klinik, Hubert habe Kehlkopf-Entzündung, Nierenentzündung, Lungenentzündung, und die Leber tat auch nicht mehr voll, was sie sollte. Ohne eiserne Lunge und Blutwäsche, Medis gegen all die Entzündungen etc, würde er trotz dem Herz innert ein paar Tagen sterben. Er war erst 33. 
 
Meine Eltern erlitten den Schock ihres Lebens. Auf sowas waren sie absolut nicht gefasst gewesen. Die Hirntomografie zeigte, dass sein Hirn stark geschrumpft war, als hätte er schon jahrelang Alzheimer. Mit 33 hat man auch vom ärgsten Saufen noch nicht ein derart geschrumpftes Hirn. Wenn er 60 wäre, ja dann, aber das Hirn wäre auch ohne Saufen geschrumpft. Entweder trank er darum zu viel Alk, oder der Alk begünstigte das Fortschreiten eines frühen Alzheimers.  Es war wohl eine unselige Wechselwirkung, eine Spirale in die Katastrophe. 
 
Die Familie meinte, er werde - wenn auch erst nach langem - wieder gesund. Ich war die einzige, die fand, es sei nicht möglich, in diesem Desaster wieder aufzuwachen. Ich äusserte das natürlich nicht.
 
In der Nacht meinte ich, die Briefkastenklappe an der Haustüre hätte gescheppert. Ich ging nachsehen. Niemand war draussen, nichts wurde eingeworfen, aber es wehte auch absolut kein Wind, der die Messingklappe an den Rahmen geworfen haben könnte. Das ist Huberts Seele, er will mir Adieu sagen, durchfuhr es mich. Mir war schon bewusst, dass es einfach das Gehirn war, welches diesen Gedanken ins Bewusstsein schickte, und nicht eine rationale Erklärung. Vielleicht hatte die Klappe gar nicht gescheppert, ich hatte es nur gemeint. Wahrscheinlich. Oder egal wie. Man hat keine Seele, und wenn, hätte sie gar keine Materie, um von Zürich nach Trasi zu fliegen und am Briefkasten zu klappern. 
 
Dann träumte ich, wir wären ins Spital gegangen um Hubert zu besuchen. Da war unter anderem Menschengewimmel eine wildfremde Mutter, die mir ihren Säugling in die Arme gab um ihn zu hüten. Sonst träumte ich immer von eigenen Neugeborenen und Säuglingen oder Krabbelkindern. Das war das erste mal, dass ich im Traum ein Baby hielt, dass nicht von mir stammte. 
 
Am morgen vernahmen wir, dass Hubert  die Nacht überlebt habe. Er spucke Schleim in unheimlichen Mengen, die Lunge war total verklumpt gewesen, nun löse sich das alles auf, wegen Medis und keine Zigis mehr.
 
Wir beeilten uns, ihn zu besuchen. Wir mussten uns anmelden und ausweisen, dann begleitete uns jemand mit dem Schlüsselbund, schloss die Türe auf, liess uns eintreten und blieb selber dabei. Man kann also nicht einfach in eine Intensivstation reinspazieren und dort machen was man will. Intensivlinge werden keine Sekunde aus den Augen gelassen, wenn man die Tür für Besuch aufschliesst. Drum haben all die Krimis und Spitalserien ein Logikloch, wenn sie solche Szenen zeigen. Da schleichen sich Mörder zu den Intensivlingen, Dr. House liess sogar einen Patienten aus der Intensivstation verschwinden, weil er plötzlich eine andere Diagnose gefunden hatte und den Patienten vor einer fatalen OP retten wollte. Genau wie all diese Luftschächte, wo Einbrecher durch kriechen. Die sind erstens zu eng, zweitens würden sie dabei zerstört. Mit Kreditkarten kann man auch keine Türen öffnen. Item. Sonst gäbe es ja keine Filme daraus, sonst wären die Geschichten zu schnell aus, wie mein Vater immer predigte, wenn meine Mutter wegen unlogischen Wendungen in den Filmen reklamierte. 
 
Hubert lag also mit Dutzenden Schläuchen versehen im Spitalbett, das ganze Zimmer mit Maschinen vollgestellt, mit Monitoren, auf denen Zickzacklinien etwas aufzeichneten, und roten Blinklichtern und Piepsern. Die Luftzufuhr erfolgte durch einen Halsschnitt mit etlichen Abzweigungen. Infusionsflaschen hingen an den Ständern, die eiserne Lunge keuchte, dass mich schauderte, der Urin tropfte laufend in die am Bett hängenden Plastiksäcke. Immer noch rasselte und blubberte es in der Lunge bei jedem Atemstoss. Seine Augen waren mit Augenziger zugeklebt, als würde er sie nie mehr öffnen.
 
Der Arzt kam hinzu und erklärte, Hubert liege im Koma, aber man würde ihn vorläufig eh nicht aufwachen lassen, sondern das Koma künstlich erhalten, weil er diese ganzen Prozeduren mit Lungenschläuchen etc. nicht akzeptieren würde. Das Herz schlage unverwüstlich, das sei noch gut. Er werde also höchstwahrscheinlich noch nicht sterben. Wie es mit dem Gehirn aussehe, wisse man jetzt noch nicht. Wir sollten nicht zu viel erwarten. Er war insgesamt 8 Minuten ohne Sauerstoff, da könnte das Gehirn empfindlich geschädigt sein. 
 
Mein Vater erstarrte zur Salzsäule. Ich dachte: kein Wunder bei dieser Sauferei, dieser Löli, warum hat er das gemacht???
 
Da formulierte der Arzt vorsichtig, dass der schlimme Befund etwas mit dem Alkoholkonsum zu tun haben könnte. "Könnte," wiederholte ich leise, "natürlich hat es damit zu tun. Wir wussten auch davon, aber was soll man machen, man kann die Menschen nicht einsperren." 
 
Der Arzt schien erleichtert aufzuatmen, dass ihm geglaubt wurde, denn es hätte auch sein können, dass Eltern sich für ihr Kind wehrten und die Ärzteschaft beschuldigten, nicht alles nötige unternommen zu haben. Davon sind wir weit entfernt. 
 
Der Traum jener Nacht wollte mir sagen, dass Hubert zwar nicht sterbe, aber wir werden ihn als Säugling zurück erhalten. Klar, es ist Zufall mit dem Traum, aber man liebt es, solche  Deutungen herzustellen. Tut der Seele gut. 
 
Später kam dann eben die Geschichte mit dem geschrumpften Hirn aus. Viele Wochen später waren all die Entzündungen ausgeheilt und  das künstliche Koma wurde ausgeschlichen, und irgendwann erwachte er, hatte aber keine Ahnung mehr von was auch immer. Konnte nicht sprechen, nicht gehen, lächelte weibliche Personen freundlich an, männliche aber durften ihm nicht zu nahem kommen, sonst fauchte er oder biss sie gar in den Arm. Weil so lange keine Alk und Zigis mehr, entwickelte er Energie und zerriss seine Windeln, demolierte das Bettgestänge, riss auch mal ein Geländer aus der Wand und solche Sachen. 
 
Wieder Monate später kehrte das Gedächtnis aus der Kindheit bruchstückweise zurück. Sprechen konnte aber nicht mehr, nur ein komisch langes Jaaa heraus stöhnen. Fragte man ihn etwas, kam dieses Ja. Wir freuten uns, meinten, er hätte uns verstanden. Fragte man etwas, worauf er ein "Nein" andeuten sollte, mit Kopfschütteln oder so, sagte er genau gleich "Jaaaa". Sagte man nichts mehr sagte er im selben Zeitabstand wieder "Jaaa."
 
Wie wir anhand von Fotos und seinen nonverbalen Reaktionen erfuhren, erinnerte er sich noch an die Orgelbauerei und an sein Cello. Hilty-Fabrik war weg. Stellte man ihm die Nichten und Neffen vor, kannte er sie nicht, wurde zornig und fuhr die Faust aus. Seine Geschwister akzeptierte er immer und schien uns zu kennen, aber mit unseren Kindern mussten wir nicht mehr aufkreuzen. Dabei hatte er so gerne an den Familienfesten mit ihnen gesungen und auf der Gitarre begleitet. 
 
Er wollte selber essen, schaufelte aber soviel rein, dass er schier erstickte. Das machen viele Hirngeschädigte. Man muss sie dann eben füttern. Er lernte nie mehr sprechen, schwankte am Rollator, allein gehen lernte er auch nie mehr. Anstatt Fortschritte beobachteten wir eher ein Abbau. Das ist so lange her jetzt. 1957 wurde er geboren, jetzt haben wir 2016, das macht 59. So alt ist er schon. Davon 26 Jahre als schwer hirngeschädigt im Heim. 
 
Zu den späteren Familienfesten holten wir ihn jeweils mit dem Auto ab. Er fuhr gerne im Auto mit. Am Tisch mit all den andern verfinsterte sich seine Miene bald mehr und mehr, und wir merkten, es machte ihm keinen Spass, er wollte zurück in seine Umgebung, wo er den ganzen Tag bunt Illustrierte Zeitschriften umblätterte, dabei aber gar nichts betrachtete, oder Freundlichkeiten von andern Insassen abwehrte. 
 
Er hätte gar nicht mehr weiter leben wollen, das war uns klar. Aber dann hätte er auch nicht im Spunten essen sollen. Wäre er bei sich zuhause erstickt, wäre es vorbei gewesen. 
 
Meine Geschwister, die als erste in seine Wohnung eintraten, schilderten den Zustand wie folgt: Kein Licht, keinen Strom, weil er die Rechnungen nicht bezahlte. Telefon war stumm, Rechnungen nicht bezahlt. Alles voller abgebrannter Kerzen und halb- oder ganz leere Bier- und Weinflaschen, überquellende Aschenbecher, Asche auch auf dem Boden, im Badezimmer eingetrocknete Kotze und dergleichen. Eine typische Alki-Bude jedenfalls. Die Miete hatte glaub die Hilty direkt bezahlt oder so irgendwie.
 
Krankenkassenprämien nicht bezahlt. Mein Vater bezahlte die Klinik, ein Beistand wurde beauftragt, eine neuen Police zu organisieren, ein Vormund wachte darüber, dass wir, die Angehörigen, keine krummen Dinger drehen konnten. Was für krumme Dinger das sein sollten, konnte ich nicht ergründen. Als mein Vater gestorben war, setzte er unsere Mutter als Alleinerbin auf, in der Meinung, sie würde den Kindern helfen, die Geld benötigten und dieses dann bei der Erbverteilung nach der Mutter Tod verrechnen. 
 
Mein jüngster Bruder wollte für seine Familie ein kleines Einfamilienhaus auf dem Land erwerben, bekam aber nichts vom ihm zustehenden Erbe. Er musste das Pensionskassengeld nehmen. Als meine Kinder erwachsen und berufstätig wurden, bekam ich logischerweise keine Alimente mehr. Da hätte ich Geld gebraucht, weil die Musikstunden zu wenig einbrachten und weil ich als alte Mutter keine lohnende Arbeit fand (ich suchte auch nicht lange, war mir zu blöd). Ich bekam nichts vom Erbe, was mein Vater angehäuft hatte, falls seine Kinder mal Geld brauchten, sei es für Haus oder Geschäft oder Überbrückung von Situationen.  Ich musste Sozialhilfe beantragen und beziehen. Und als ich das Erbe erhalten hatte, diese Hilfe wieder zurückbezahlen. 
 
Als meine Mutter gestorben war, blockierte die Vormundschaft das gesamte Erbe. Meine Schwester konnte nicht mal die Kosten für das Pflegeheim und die Abdankung bezahlen, sondern musste alles selber vorschiessen. Und wenn jetzt niemand Geld gehabt hätte? Bei uns im Dorf war mal einer ganz überraschend über Nacht gestorben. Die Witwe hatte keinen Zugriff auf irgendetwas, bald ging ihr das Bargeld im Portemonnaie aus, sie musste auf der Gemeinde betteln gehen, dass man ihr aushelfe, um die Beerdigung zu bezahlen, von der Abdankungsfeier ganz zu schweigen. In den Städten und grösseren Ortschaften sind einfache Begräbnisse gratis-Service-Public, in den Dörfern zocken sie die Einwohner gnadenlos ab.  
 
Dann wollten wir das Elternhaus verkaufen. Der direkte Nachbar bot einen guten Preis, weil er dann das Nahbaurecht hatte. Wir wollten den Verkauf abwickeln, aber der Vormund von Hubert blockte alles ab. Diese Behörde geht davon aus, dass alle Erben ihre kranken Miterben bescheissen wollen. Auch ohne kranke Beteiligten streiten scheint's 98 % aller Erbgemeinschaften um das Geld.
 
Ich kann nicht recht nachvollziehen, was es da zu streiten gibt. Erben ist gesetzlich geregelt, dann hatten meine Eltern Testamente gemacht, und die waren ebenfalls nach den gesetzlichen Regeln aufgesetzt. Es gab gar nichts zu streiten. Trotzdem. Wegen Hubert durften wir das Haus nicht verkaufen wie wir wollten, wir mussten das Haus versteigern lassen. Das ist vorgeschriebenes Gesetz, wie wir erst da erfuhren. Hätten wir es - ohne den kaufwilligen Nachbarn - wirklich versteigern müssen, hätten wir nicht mal die Hälfte dafür erhalten.
 
Wir Geschwister unterschrieben immer gleich alle Unterlagen und Urkunden die es zur Erbteilung brauchte, und der Notar staunte, warum denn da immer alle einverstanden wären, das sei doch komisch. Ausserdem hatte mein Vater dem Heim einen Betrag als Huberts Erbteil grad mal so einbezahlt.  Das wurde dann aber gar nicht verrechnet (so viel ich weiss)  aber uns Geschwistern war das egal. Jeder bekommt einen ordentlichen Batzen und gut ist's. Was wollen wir mehr? 
 
Das ist also die Geschichte von Hubert, der krank wurde.
 
 
An welche Krankheiten oder Unfälle erinnerst du dich besonders?
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5.1.  Krankheiten und Unfälle – Ein Bruder krank.

An welche Krankheiten oder Unfälle erinnerst du dich besonders?
In den 50-er- und 60-er-Jahren war es Mode (oder für gut befunden) den Kindern die Mandeln raus zu schneiden, denn die brauche man gar nicht, die würden bloss ab und zu eitern und Angina verursachen, und wenn man die als Erwachsene rausschneiden müsse, dann sei es gefährlich und überhaupt viel schlimmer.
 
Ich war wohl 8, als ich mich diesem Ritual unterziehen musste, ob ich wollte oder nicht. Mein Bruder Thomi war 7, der nächste Bruder Beat war demnach 5, aber meine 4-jährige Schwester war noch zu klein dafür, die sollte erst später mal drankommen. Obwohl man mir alles erklärte, hatte ich trotzdem keinen Schimmer, was das alles wirklich bedeutete.
 
Zu dritt wurden wir eines morgens extrem früh aus dem Bett geholt und um 7 Uhr im Spital abgeliefert. Die 4-jährige Schwester war ebenfalls erwacht und wollte ebenfalls mit, auch Mandeln schneiden, wirklich unbedingt. Auch sie konnte ja nicht wissen, was die Mandeln waren und von wo man die raus schneide.
 
Im Spital hielt mich jemand auf seinem Schoss, empfahl mir, auf 10 zu zählen, aber bei 2 schliefe ich sicher schon. Ein Arzt hielt mir ein in Äther getränktes dickes gefaltetes Tuch vor Nase und Mund. Das hatte man mir gesagt, man werde mit Äther betäubt, damit man keinen Schmerz spüre, und nach dem Erwachen bekommen man Glacé zu essen. Nun schmerzte aber der Äther beim Einatmen dermassen, dass ich schrie wie am Spiess. 1000 x lieber kein Glacé, dafür keinen Äther !!!
 
Ich trat um mich und der Person, die mich festhielt voll in die Schienbeine, riss meine Hände los, schlug aus und versuchte zu kratzen und zu klemmen, man erwischte mich wieder an den Handgelenken, versuchte mich zu übertönen, ich müsse eben zählen. Strampelnd zählte ich bis 10, schlief aber noch nicht. Ich versuchte den Kopf zu schütteln, aber der war wie in einem Schraubstock eingeklemmt. Ich schrie und schrie um mein Leben, ich finde es jetzt noch das schlimmste, was mir je angetan wurde. Wie konnte man nur mit Kindern oder überhaupt mit Menschen und Tieren so brutal umgehen!
 
Der Äther stach entsetzlich in der Nase, die Schleimhäute in Mund und Nase rollten sich fast auf vor Schmerz. Ich versuchte, den Atem anzuhalten, aber das zog die Folter nur in die Länge. Ich war immerhin schon 8 Jahre alt, und obwohl feingliedrig, offenbar erstaunlich kräftig, auch für mich selber erstaunlich. Eigentlich hielt ich mich nicht für stark. 
 
Dann spürte ich das kalt-glühende Kribbeln der Panik, wie es sich im ganzen Körper ausbreitete. Immer noch mich wehrend, und die andern mich festhaltend, sank ich endlich weg ins traumlose schwarze nichts. 
 
Ich erwachte nur, weil man mich rüttelte und laut auf mich einredete, ich müsse aufwachen. Wie ich mir erst später zusammenreimen konnte, hatten sie mir viel zu viel Äther verpasst, und ich wäre fast nicht mehr aufgewacht. Es war nämlich schon Abend (nach der OP kurz nach 7 h !!!), meine Eltern waren gekommen um uns abzuholen. Thomi sass quicklebendig im Bett nebenan und rief, dass er schon viel Glacé bekommen und gegessen habe. Nun brachte man auch mir einen Teller mit 2 Vanille-Glacékugeln. Ich wollte essen, aber da erbrach ich mich zuerst mal. Die Krankenschwester hielt mir hurtig eine chromstählerne Nierenschale hin. 
 
Erbrechen war auch immer etwas schmerzhaftes für mich. Magensäure an der Wunde von rausgeschnittenen Mandeln vorbei war der unbeschreibliche Gipfel der Tortur. Schliesslich konnte ich ein paar Löffelchen Glacé zu mir nehmen. Thomi erzählte, man hätte ihm die Mandeln gezeigt, die man ihm raus genommen hatte. Der war schon im OP-Saal aufgewacht und begutachtete seine rituell geopferten Mandeln. Von Beat hörte ich nichts. Der war vermutlich noch im Schock.
 
Eigentlich behielt man Kinder nach Mandel-OP ein paar Tage im Spital zur Sicherheit, Beobachtung, Pflege, denn manchen Eltern traute man offenbar nicht zu, dass die Kinder nach so einer OP bei denen zuhause überleben könnten. Meine Eltern, vor allem meine Mutter,  hatte regelrecht darum gekämpft, ihre Kinder am gleichen Abend wieder abzuholen und daheim fachgerecht zu pflegen. 
 
Ich fühlte mich so schwach, dass ich lieber noch ein paar Tage hier liegen geblieben wäre, die OP war schliesslich vorbei, es konnte jetzt nur wieder besser werden. Ich denke, man trug mich zum Auto, von selber wäre ich nicht aufgestanden und raus marschiert. 
 
Immerhin, statt einer Woche blieb ich nur 2 Tage heiser, danach spürte ich nichts mehr im Hals. 
 
Das war die pure Hölle gewesen mit diesem Äther. Zum Glück blieb kein Trauma davon zurück. Ab 45 hatte ich etliche typische Wechseljahr-Services und keinerlei Angst davor, weder vor Ärzten noch sonstigem Personal, die Narkose-Methoden hatten einen Meilensprung der Entwicklung hinter sich, und allen Ärzten brachte ich volles Vertrauen entgegen. Nicht immer muss ein Kindheitserlebnis einen für den Rest des Lebens verstören. 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
War es schön, krank im Bett zu liegen?
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5.1.  Krankheiten und Unfälle – Ein Bruder krank.

War es schön, krank im Bett zu liegen?
Damals hatte man mit den Masern eine Woche hohes Fieber, Kopfweh und Übelkeit. Man mochte nichts hören oder sehen. Das schlimmste waren die Albträume. Es kamen keine Gespenster drin vor, es kam eigentlich gar nichts vor, aber etwas schwappte im Takt des Pulses hin und her und löste panische Angst aus. 
 
Was sollte daran schön gewesen sein? Wir lagen nicht wohlig im Kissen und bekamen dauernd Dessert zu essen und Geschichten erzählt, das vertrugen wir ja gar nicht. Uns war kotzübel, unbequem, zu heiss und zu kalt, Licht und Gerede nervten nur. Ging es wieder besser, blieben wir nicht mehr im Bett, sondern spielten für den Rest des Tages, denn am nächsten Morgen besuchte man wieder die Schule. 
Inwiefern haben Krankheiten/Unfälle in deinem Leben eine wichtige Rolle gespielt?
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5.1.  Krankheiten und Unfälle – Ein Bruder krank.

Inwiefern haben Krankheiten/Unfälle in deinem Leben eine wichtige Rolle gespielt?
Krankheiten waren für mich derart unangenehm, dass ich fand, es wäre klug, mich von bekanntermassen ungesunden Dingen fern zu halten. Ist es für Kinder und Haustiere nicht gesund, Alkohol etc, dann kann es für Erwachsene auch nicht viel besser sein, also wozu sich sowas angewöhnen? Diese Dinge mochte ich ja eh nicht. Und wenn andere mich deswegen für eine Memme hielten, sollten sie doch, dann war ich halt eine Memme! Mir war jedenfalls wohl dabei. Sowieso wöhler, als alle paar Wochen wegen Schnupfen Fieber und Schmerzen zu bekommen oder nach Stürzen die Knochen zu brechen. Oberflächliche Wunden machten mir allerdings nie etwas aus, die heilten schnell ab, ausserdem liebte ich es, Krusten aufzukratzen. 
 
Eine Garantie gibt es gleichwohl nicht, aber ich will mich nicht ärgern müssen, dass ich halt dieses oder jenes hätte sein lassen müssen. Ab den Wechseljahren läpperte sich einiges an Störungen zusammen, aber das war dann Schicksal und nicht selbstverschuldet. So erträgt es sich leichter. Ausserdem war es bis anhin nicht lebensgefährlich, und die Therapien schlugen gut an. Es eiterte nie etwas, Nebenwirkungen spürte ich einzig beim Eingewöhnen von Antidepressiv, und diese waren nur ein Pappenstiel im Vergleich zu den Paniken. Alles andere lief ohne Nebengeräusche ab. So kann ich sagen, dass ich alles in allem gesundheitlich Glück gehabt hatte. 
Augen-Operation grauer Star
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5.1.  Krankheiten und Unfälle – Ein Bruder krank.

Augen-Operation grauer Star
Nach und nach trübte sich die Linse des rechten Auges, was ich aber als komisches "immer schlechter sehen" empfand. Es war Grauer Star. 
 
Ich war wenige Wochen vorher noch beim Augenarzt  für letzte Abklärungen und Vorbereitung der Star-OP. Da wurde nochmals mit mehreren verschiedenen Geräten die Augen durchleuchtet und ausgemessen und auf Bildschirmen aufgezeichnet etc. damit Dr. Schneider die einzusetzende Linse genau berechnen könne. Zuletzt fragte er, ob ich noch Fragen hätte. 

Nein, er mache das schon, sagte ich. 

Ja, er mache das nicht zum ersten mal, das mache er schon seit 20 Jahren ..... es folgte eine Aufzählung wann und wo und wie lange er leichte, mittlere und sehr komplizierte OPs lernte und konnte.

Klar, lächelte ich vertrauensvoll.

Er bereite sich immer gut vor, den ganzen Tag vor einer OP ruhe er sich aus, trinke er keinen Alkohol und hacke kein Holz, also das sowieso nicht wegen der Hände, und er komme dann immer optimal ausgeruht und konzentrationsfähig in den OP-Saal. Es sollte also nichts schief gehen.

Ich fand, und wenn auch, da stirbt man doch nicht davon, das heilt alles wieder. 

Schon, aber die Augen seien dann schon heikel, da sollte man nicht daneben schneiden. 

Ja-ja, schon gut, Sie können das sicher. 

Wir sehen uns also am Montag morgen im Belair (Klinik)

Auf dem Heimweg überlegte ich, ob mein Augenarzt auch so viele TV-Spitalserien gucke wie ich, dass er sich schon derart rechtfertigte, dass er sich vorbereite und all das. Den ganzen Tag davor kein Alkohol! Dabei dachte ich, man soll doch lieber gar keinen Alk nehmen! Es ist mir nicht so recht, dass er wegen Patienten und mir einen ganzen Tag darauf verzichten muss. ich nehme an, der Montag ist sein OP-Tag, wo er jeweils im Belair Belegarzt ist und Auge um Auge operiert. 

Ich meine eben, weil in den Serien fast jedes mal Patienten und deren Angehörige vorkommen, die den Ärzten nicht glauben, keine OP wollen, drohen, und bei der geringsten Abweichung die Anwälte aufmarschieren lassen und überhaupt ganz böse und feindselig zu den Ärzten sind. Da könnten die wirklichen Ärzte schon auf die Idee kommen, Patienten wollten ihnen hauptsächlich an den Karren fahren und sie vor Gericht zerren, das Spital ruinieren und überhaupt.

Da stimmt so vieles nicht in diesen Serien. Wenn Patienten etwas nicht wollen, müssen sie gar nicht, können ohne etwas einfach wieder gehen. Tun sie aber nicht, weil sie Schmerzen haben und so nicht arbeiten können. Bei solchem Misstrauen ginge ich überhaupt nie zu einem Arzt. Zaubern oder gesund beten können die auch nicht. 

Augen-OP    November 2017

Es ist sehr gut gelaufen - für den Arzt, er brauchte nur 11 Minuten - ich war aber trotzdem anderthalb  Stunden dort, wegen Vorbereitungen, Augentropfen einwirken lassen, damit die Pupille offen bleibt. Je dreimal pro Stunde desinfizieren und Betäubungstropfen ins Auge träufeln. Hat ziemlich gebrannt, aber nicht lange, dazu jedes mal fragen, wie ich heisse und welches Auge. Sie hatten es auf der Stirne angekreuzt.  

Dann endlich ins Behandlungszimmer, Kittel, Füsslinge und Haube aus dünnem Press-Stoff überziehen, Infusion stecken, falls man unverhofft Medis brauche - brauchte ich dann natürlich nicht. Blutruck 140 zu 73. 

Ich war parat, aber der Arzt war noch am vorherigen Patienten. Er arbeitet an bestimmten Wochentagen fliessbandmässig in der Augenabteilung im Belair und "sticht Star". So nannte man das früher.

Ich hatte mich schon informiert und gelesen und zugehört, was der Arzt erklärte, wie das heutzutage geht, das würde für mich ein Spaziergang sein.

Ich hörte das hämmern aus einem Raum nebenan zuerst gar nicht, aber die Anästhesistin wollte mich beruhigen, man hämmere im Fall nicht in die Augen, ich solle keine Angst haben. Nebenan würden eben Knochen operiert und künstliche Hüftgelenke eingesetzt, da müsse man zuweilen hämmern. 

Dann schwatzten die Anästhesistin, die Augendesinfiziererin und ich über allerlei, Kinder, Geburten, Erziehung, als dann der Augenarzt dazukam um mich abzuholen, mischte er sich fröhlich ein und berichtete, wie es mit seinen Geschwistern und der Mutter war und wie mit seinen Kinder und der Frau.

Dann schob man mich in die "Stech-Kammer", ich wechselte auf den Behandlungs-Schragen, wo man mir mit einem Stirnband den Kopf fixierte und ein Kissen unter die Kniegelenke schob. Ob es mir bequem sei? Ja! 

Das Zuarbeitungs-Personal kehrte zurück um die nächsten Patienten vorzubereiten.  Damit das Auge offen bleibt, wird eine Klammer eingesetzt, welche die Lider weit offen hält. 

War unangenehm, aber noch nicht Schmerz. Dann zündete der Augenarzt die OP-Lampe an, deren Lichtstrahl voll direkt auf meine Pupille schoss und blendete. 

Noch bevor er den ersten Stich ansetzte, löste die Lampe einen ordentlichen Schmerz in Augen und Gehirn aus, dazu schmerzte jetzt auch noch die Augenklammer. 

In normalen Augen-Untersuchungen wird auch mit der Lampe durch die offene Pupille rein gezündet, auch schmerzhaft, aber nur ganz kurz. Hier dauerte es an, und ich dachte: das kann doch nicht wahr sein, die Augen-Betäubung - analog einer Zahnarzt-Spritze - hatte wohl die Wirkung noch nicht ganz entfaltet. Ich bat um mehr Betäubung. 

Die Anästhesistin sagte, mehr könne man mir nicht geben, sonst schliefe ich ein. Das wäre mir recht, antwortete ich, und sie wieder, das wäre gefährlich.

Bei mir nicht! Ich weiss nicht mehr, ob ich das sagte oder nur dachte. 

Der Star-Stecher: es dauert nicht lange, eine Viertelstunde, schätze er.

So lange? Das halt ich nicht aus!

Nun stach er die 4  Schlitze um die Pupille, das ging noch wegen Schmerz, die Lampe war viel schlimmer. Dann führte er was Dickeres ins Auge, das war schon Schmerz. Wenn nur kurz, dann egal. Jedoch, es dauerte lange. Zwischendurch spülte er mit Wasser oder was ähnlichem. Dann sah ich etwas, wie wenn ich unter Wasser tauchte und das Wasser über mir sprudelte.

Ist die Linse draussen? fragte ich 2 x in dieser Zeit. Noch nicht, aber bald, war die Auskunft. Endlich hörte ich ein Geräusch wie vom Absauger beim Zahni. So! Die Linse sei jetzt draussen.

Kann ich sie mit heim nehmen?

Nein, die gibt's nicht mehr, die ist zertrümmert, nur noch Pulver in etwas Wasser, nichts zum heimnehmen. 

Zertrümmert? fragte ich verblüfft?

Ja, die muss man doch zertrümmern, damit man sie raus nehmen kann.

Das war mir entgangen, in den Info-Prospekten des Spitals war das in einem einzigen eingeschobenen Satz erwähnt, wie ich nachträglich checkte. Mein Hirn hatte das nicht aufgenommen. Heraus saugen heisst heraus saugen, nicht zertrümmern. Es stand dann aber wirklich zertrümmern dort. In den Youtube-Filmen von diesen Operationen ist eigentlich auch nicht von Zertrümmern die Rede, man sieht, dass sie was in die Linse einspritzen, was die Farbe verändert, dann wird sie abgesaugt. Dass sich die Konsistenz aufgelöst hatte, war nicht in mein Hirn vorgedrungen. Eigentlich logisch, die verkalkte Linse ist hart, da müsste man das halbe Auge aufschneiden, um die raus zu bekommen. 

Der Stecher öffnete jetzt das Büchslein mit meiner neuen Linse drin, die von Natur aus nicht mehr verkalken könne und drum bis ans Lebensende bleibe. Ich schaute ihm zu dabei und konnte die Pupillen etwas vom  Lichtstrahl wegdrehen. Das sollte eigentlich nicht möglich sein mit dem Augenbetäuber. Das Anästhetikum geht in die Tiefe durchs ganze Auge und man kann es nicht mehr bewegen, wurde mir erklärt. 

Oder war ich kurz ausserhalb meines Körpers und schaute von aussen zu?

Nein, ich hatte vorher einen Youtubefilm mit dieser OP gesehen, und beim schreiben meinte ich, das in echt gesehen zu haben. Man muss ja schon höllisch aufpassen, was man so schreibt! 

Jedenfalls war meine neue Linse in etwas gerollt, von dort saugt man sie gleich als Rolle in die Spritze, um sie ins Auge einzuführen. Das tat satanisch weh. Ich jammerte, die Anästhesistin hielt meine Hand, ermahnte mich zu entspannen, ich versuchte es, aber der Schmerz war zu gross. Lieber ein Kind gebären als das hier! Der Arzt musste die Linse ja auch noch in die richtige Position bringen und die kleinen Bügelchen, die an der Linse hingen, im Auge fixieren. Das tat er mit kleinen Mikro-Häklein, noch kleiner als sie der Zahni hat. 

Als die Linse richtig entrollt und positioniert war, löschte der Arzt im gleichen Moment die Folter-Lampe. Er sagte noch irgendwas, keine Ahnung mehr, dann legten die Schwestern Watte auf, dann ein weisse Plastikschale und klebten alles über dem Auge fest. Morgen Dienstag müsse ich zur Kontrolle in die Augenarzt-Praxis, dort bekäme ich eine neue Schale, die ich für die Nacht übers Auge pflastern solle. Drei Nächte genügen in meinem Fall, damit man sich nicht im Schlaf das Auge zerdrückt. Dann ist es genug geheilt. Damit enteilte er zum nächsten Patienten um dessen Star zu stechen.

Unterdessen schilderte ich der Anästhesin,  dass ich eigentlich nicht wirklich schmerzempfindlich sei, aber eine andere Ausnahme sei die Magenspiegelung gewesen, wo man mit einem Kältespray den Rachen etwas gekühlt und behauptet hatte, das betäube, so merkte man nichts, und als sie die Sonde runter schoben, sah ich auf dem Monitor, wie sich der Magen zusammenzog und sich gegen den Eindringling stemmte und Würgereflexe auslöste, wie ich sie noch nie erlebt hatte, bei allem Kotzen nicht. Es fühlte sich an, als wolle sich der gesamte Bauch-Inhalt durch die Speiseröhre nach aussen stülpen, bestimmt noch übler als Pfählung! Ich darf nicht dran denken!

(Das war übrigens wegen der  Druchfall-Depression. Bevor man Antidepressiv verschreibt und zu viel Xanax gibt, wird noch der Magen abgesucht nach Rötungen, Reizungen, Geschwüren oder Löchern. Mein Magen war unversehrt hellrosa Baby-zart. )

Wenn die andere Linse auch noch trüb werde, liesse ich die drin, meinte ich trotzig. 

Dann wird das andere Auge überlastet, argumentierte die Anästhese.

Dann will ich Vollnarkose!

Das mache man nicht, das sei zu gefährlich.

Bevor man abgeholt wird, soll man noch eine Weile im Wartezimmer bleiben, wo einem Weggli und was zu trinken aufgetischt wurde - im Preis inbegriffen, Belair ist Privatklinik der Gruppe Hirslanden-Kliniken. 

Der Mann neben mir, ebenfalls schon mit Pflaster auf dem Auge sagte irgendwas. Ich empörte mich, wie grausam weh das Licht getan hätte, und dann die Einführung der Linse, einfach unerträglich. 

Er war erstaunt, ihn hatte das Licht nicht gestört und auch sonst merkte er nicht viel davon. Vor 7 Jahren hatte er das andere Auge gemacht, da war noch nicht so gut absaugen und zertrümmern, da habe er gemerkt, wie die Scherben durchs Auge abgezogen wurden. Aber heute sei das viel besser, da spüre man nichts mehr, gehe auch viel schneller. 

Aber warum hat das jetzt mich dermassen gepeinigt?

Ich hatte mich mental nicht vorbereiten können. Hätte man mich gewarnt, dass es unangenehm sei, man die Stiche eh spüre, dass sie sogar schmerzen können, hätte ich Tage- oder Wochenlang daran gedacht, und mich dann wenigstens nicht gewundert. Der Körper oder die Augen hätten sich etwas weniger gegen den Eingriff gewehrt, weil vorher durch die Gedanken angekündigt und als notwendige Mission erkannt. Mentales Training, funktioniert für vieles.

Im Hirlanden-Klinik-Büchlein fand ich einen Absatz, wonach auch Vollnarkosen möglich seien bei solchen Augen-OP's, und man in diesem Fall bis am nächsten Tag bleibe. Na also! 

Einer meiner Söhne hatte Zeit und holte mich ab. Zuhause wollte ich am Compi die mails checken und was lesen und so, aber beide Augen begannen stark zu schmerzen. Bewegte ich das sehende Auge, bewegte sich das andere wie angekoppelt mit. Keine Chance. Was tun ohne sehen? ich ging ins Nest. Da hörte ich Radio, und der Schmerz legte sich nach einer Weile. Ich musste die Augen einfach geschlossen halten, dann war mir wohl im Bett. Um 18 Uhr ging ich runter, Katzen füttern, etwas zum Znacht essen. Das Auge öffnete ich nur eine Spalte und nur nach unten, gab mir keinerlei Mühe, etwas genau zu sehen. Um in die zu Höhe schauen, legte ich lieber den Kopf in den Nacken. Fernsehen ging auch nicht, es begann sofort wieder zu schmerzen als wären ungeschliffene Kieselsteine in den Augen und im Hirn dahinter.

Ich legte mich erneut ins Bett. Am nächsten Morgen erwachte ich zeitig und stellte fest, dass rein nichts mehr schmerzte. Ich konnte wieder lesen und schreiben. Zum Beispiel diesen Aufsatz hier. 

Am nächsten Tage trafen wir uns alle wieder in der Augenarzt-Praxis. Der Mitpatient von gestern kam mir grad entgegen, fragte, wie es bei mir sei. Gut. Er jedoch hatte gestern noch solche Schmerzen, dass er eine Tablette nehmen musste. Ja, ich hatte auch starke Schmerzen legte mich ins Bett und bewegte mich nicht mehr. Jetzt ist es gut. Dann kam ich schon dran und er verliess die Praxis.

Das war jetzt das Zeitzeugnis über Star stechen anno 2017. Über die gleiche Operation kann man in Musiker-Biografien nachlesen, wie es 1750 bei Johann Sebastian ablief. Der starb wenig später, wahrscheinlich an Infektionen und dergleichen. 

Hast du deine Kindheit und Jugend in der gleichen Wohnung bzw. im gleichen Haus verbracht, oder musstest du öfters umziehen?
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6.  Wohnen

Hast du deine Kindheit und Jugend in der gleichen Wohnung bzw. im gleichen Haus verbracht, oder musstest du öfters umziehen?
Ich habe meine Kindheit ab 1952 im selben Haus verbracht. Meine Eltern wohnten bis zum Lebensende dort. Nämlich an der Friedheimstrasse 26 in Züri-Örlikon.
Wie unterscheiden sich deine früheren Wohnverhältnisse von den heutigen Ansprüchen?
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6.  Wohnen

Wie unterscheiden sich deine früheren Wohnverhältnisse von den heutigen Ansprüchen?
Meine Wohnansprüche unterscheiden sich nicht. Im Gegenteil. Während meine Eltern und auch die Grosseltern väterlicherseits in Ihren Häusern Öltanks eingebaut hatten und mit automatischer Zentralheizung die Wärme im Winter produzierten, bin ich 2005 in ein Haus gezogen, welches nur Kachelofen und Holzherde hat. von 1978 bis 2005 wohnte ich in einem ebenso alten Haus im gleichen Dorf, aber der Vorgänger hatte den Kachelofen rausgebrochen und eine Ölheizung mit Wechselbrenner und Boiler installiert. Man konnte von Öl- auf Holzfeuerung umstellen. Das hatten wir auch gemacht, als der Ölpreis wegen der Krise unverschämt anstieg. Um mit Holzfeuer Wasser heizen, welches durch die Zimmer zirkuliert und in den Radiatoren Wärme abgibt, eignete sich die Methode nicht. Ich kam bald wieder davon ab. Der Kreislauf war auch viel zu gross, das hinterste Zimmer wurde gar nicht richtig warm.
 
Als das Öl und auch der Strom wiederum anstiegen, hielt ich nach einem andern Haus Ausschau. Die Preise für Altliegenschaften auf dem Land fielen ins Bodenlose. Ich kaufte mein jetziges Haus, eigentlich Reihenhaus, da beidseitig angebaut, für den Pappenstiel von Fr. 50'000.- . Es regnete zwar durchs Dach. Meine Söhne sanierten den Dachstock und deckten mit neuen Ziegeln für ca. 60'000.-. Ausserdem erneuerte ich die Stromleitungen für 13'000.-, danach hatte ich für das Haus Fr. 112'000.- ausgegeben (inklusive Gebühren etc.), das war immer noch ein Pappenstiel für ein Haus mit mehreren Kellern, grossem Estrich, 2 Wohnstöcke mit total Wohnfläche von 190 m2 inkl. Laube im oberen Stock. Es hatte 8 Zimmer, aber wir haben in jedem Stock eine Wand rausgebrochen, macht noch 6 Zimmer., 2 davon sehr gross, Stube und Musikzimmer. 
 
Einen Garten wollte ich gar nicht mehr, keine Zeit, vor allem keine Lust bei Regenwetter zu jäten. Tat man das nicht, war am Ende der Regenperiode ein Urwald gewachsen, dem man mit der Machete zuleibe rücken musste. Im Sommer waren Obst und Gemüse so spottbillig, dass ich die Sachen im Laden kaufte, den es damals noch hatte in diesem Dorf. Ausserdem waren die Ernten immer unkalkulierbar. Man pflanzte von allem an, was man mochte, aber jedes Jahr missriet wieder etwas anderes als letztes Jahr, dafür gedieh ein Überschuss, so dass alle einander Zucchetti oder dies und das nachwarfen. Ich bekam so vieles geschenkt, warum sollte ich mir die Mühe im Garten machen?
 
Ich hatte ihn völlig verkrautet übernommen. Der Boden war lehmig, es gediehen vor allem Löwenzahn, Brennnesseln, Schnürgras, Disteln und Winden, wobei ich letztere sträflich unterschätzte. Die wickelten die Beerensträucher ein und zogen die Äste zu Boden, Wollte man die Schlingen entfernen, riss man damit versehentlich Triebe der Beerensträucher ab. Ich rückte mit der Schere an um zu schneiden anstatt zu reissen.
 
Als ich den Garten so gerodet hatte, dass ich Erdbeeren, Kartoffeln und Salate anpflanzen konnte, überwucherten die Brombeeren, eigentlich eine Kulturpflanze, alles wie das Dornröschenschloss. Von da an verstand ich, was gemeint war mit "von Dornen überwachsen" und undurchdringlichem Dickicht, so dass die Prinzen mit ihren Schwertern im Gestrüpp hängen blieben.
 
Die vielen Beeren daraus wurden gar nicht reif. Die paar ersten nur, dann hingen Millionen von kleinen harten unreifen Beeren überall.
 
Was ich noch mehr hasste, waren die Nacktschnecken, die von der Wiese in den Garten stürmten, aber nicht etwa den feinen Löwenzahn verspeisten, sondern die Setzlinge.  Und ich konnte doch keine Tiere töten!
 
Es hatte viele Igel im Gestrüpp- Ich hörte sie schnarchen, auch mal husten. Die frassen aber die Schnecken nicht - oder viel zu wenige - sondern eher die Erdbeeren. Die Vögel pickten die Kirschen von oben her an, so dass beim nächsten Regen alles faulte noch ehe gereift, in der Mitte der Bäume ernteten die Marder alles ab und koteten auf den Wegen, wobei bald nur noch die Kirschensteine übrig blieben. Zuunterst am Baum stahlen freche Nachbarskinder laufend alles weg. Ich konnte ihnen sagen und schimpfen wie ich wollte, sie seien noch nicht reif, und es sein mein Garten und mein Baum, sie hätten doch selber Gärten und Bäume, sie liessen sich nicht beeindrucken. So kam es, dass ich die eigentlich schwarzen Kirschen als dunkeltote schon erntete, um überhaupt etwas davon zu haben.
 
Die Blumen vor dem Haus hielten die Marder für ihr Spielzeug. Ich gab locker 100 Stutz für verschiedenste Sommerblumen aus und plötzlich war ein Teil von ihnen nur noch gehackter Spinat. Das Geld begann mich zu reuen, der Arbeitsaufwand mit tränken und verwelkte Blüten abzupfen war nicht mein Haupt-Hobby. Lieber wollte ich draussen mit den andern Frauen plaudern und die noch kleinen Kinder beaufsichtigen.    
 
Es gäbe noch vieles aus dem Garten zu berichten. Meine Eltern hatten mir noch gesagt, der Gemüsegarten sei viel zu gross, ich solle doch höchstens die Hälfte bepflanzen. Ich war schon 30, aber ich dachte: nein, ich will alles bepflanzen. Wenige Jahre später musste ich zugeben, dass meine Eltern recht gehabt hatten. Der Garten war ja auch für 2 Familien gedacht, denn im Haus bewohnten wir beide Etagen, wo früher je 2 Grossfamilien gehaust hatten.
 
Es hatte noch Vorfenster im Haus mit den mindestens 20 Fenstern. Ich liess sie immer drin. Die Fensterläden liess ich ebenfalls in Ruhe. Auch der Vorgänger hatte sich nicht darum gekümmert, denn ab und zu riss ein Sturm einen Laden ab. Den stellte ich dann in eine Abstellkammer. 
 
Zuweilen fuhren Handwerker und Geschäftsleute durch die Dörfer und klingelten mich raus:
"Guten Tag. Wir haben grad ganz günstige neue Fenster, nur xy.- wirklich eine super Gelegenheit."
"Ich brauche keine neuen Fenster."
"Aber Sie haben noch diese ganz alten da, mit Vorfenstern."
"Ja."
"Die hat man heute nicht mehr."
"Ich schon."
"Aber ..."
"Ich brauche keine neuen Fenster. Mir gefallen die, die drin sind."
Dazu stand ich gerade auf und grinste selbstbewusst auf die Leute runter.
 
Küche und Badezimmer übernahm ich in beiden Häusern so wie sie waren. Damit blieb ich die Einzige, wie ich später feststellte. Wer in ein altes Haus einzieht, reisst möglichst alles raus und baut alles neu ein, mindestens aber Badezimmer und Küche. Man setzt sich nicht auf ein WC, wo vorher schon andere Bewohner drauf waren. Warum nicht? War ja geputzt! Die Leute taten so, als würde man verdreckte und verschissene Unterhosen von jemand anderem anziehen. Ich verstehe dieses Getue nicht. Aber für die Wirtschaft ist es gut.
 
Das Haus hatte ich mir aber nur leisten können, weil ich ungefähr meinen künftigen Erbteil wusste. Als Mutter und Hausfrau mit Alimenten und ein bisschen Klavierstunden geben, kommt man nicht zu Geld, das man zurücklegen könnte. Mit 46 war ich auf dem Arbeitsmarkt nichts mehr wert. Mütter, die Kinder aufziehen, gelten als strohdumm, quasi geistig behindert. Die sollen gefälligst unbeliebte Niedriglohn-Jobs machen. Dafür reute mich die Zeit, ich wollte für die Kinder da sein. Ausserdem reichten mir die Alimente. 
 
Meine Söhne sind halt Männer, und Männer arbeiten den ganzen Tag, und denen wird das Geld nur so nachgeworfen, für die war es ein Klacks, mir das Geld für Haus und Dachsanierung vorzuschiessen. Das Erbe verteilte ich ihnen dann je nach Aufwand, und den Rest brauchte ich für Solarzellen mit Solarboiler. Natürlich kann ich nicht davon profitieren, spielt mir aber keine Rolle, ich finde einfach, man soll die Energie nutzen, die gratis herunter scheint. Ich brauche dadurch merklich weniger Strom. Boiler aufheizen und warmhalten ist ein grosser Stromfaktor. Für das Händy habe ich eine kleines Solargerät, so dass ich es nur im Winter an der Steckdose aufladen muss. 
 
Wie in früheren Kapiteln erwähnt, besteht das Mobiliar aus Erbstücken in mehreren Generationen zurück und aus Sperrmüll, auch aus Ausstellungsstücken -  in massiv-Eiche ! - die normale Leute nicht gut genug fanden. 
 
Die Möbel sollen möglichst nicht zusammenpassen. Teppiche und Vorhänge mag ich bunt in warmen Farben und Farbkombinationen. Kissen und Bettzeug sind so gemustert, dass ich die Brille darauf nicht mehr finde, wenn ich sie dort abgelegt habe (weil ich mir schnell einen Pulli überstreifte und danach die Brille vergass). Selbst das Geschirr muss ein Sammelsurium sein. Die Enkel stritten zuerst darum, weil jedes das gleiche Schüsseli wollte, aber es hat halt keine, die genau gleich sind. Unterdessen ist das Thema versandet.  
 
 
 
 
Wie war das für dich jeweils mit Radios, Fernseher, Computer und anderen elektronische Medien?
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6.  Wohnen

Wie war das für dich jeweils mit Radios, Fernseher, Computer und anderen elektronische Medien?
In der Zeit der Sekundarschule hörte man Radio Luxemburg. Da beglückte einem die englische Rock- und Pop-Musik (alphabetisch):
 
 
Animals
Beatles
Bee Gees
Eric Clapton
Herman Hermits
Joan Baez
Petula Clark
Sandie Shaw
Simon & Garfunkel
Walker Brothers 
 
und französische Chansons:
 
Charles Aznavour
Françoise Hardy
Gilbert Bécaud
Jacques Brel
Jacques Dutronc
Michel Polnareff
Sege Gainsbourg
Silvie Vartan         und als einziger deutschsprachiger:
Udo Jürgens           und als italienischer: 
Adriano Celentano
 
 
Im TV begeisterten mich vor allem die Marx Brothers und Charlie Chaplin, nicht aber Laurel und Hardy. Die nervten mich genau so wie Louis de Funès. Das war ca.  1965 bis 1970 
Ab wann hattest du Vorstellungen, wie du einmal wohnen wolltest? Wie konkret waren diese?
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6.  Wohnen

Ab wann hattest du Vorstellungen, wie du einmal wohnen wolltest? Wie konkret waren diese?
Es machte mir Spass, mein zukünftiges Haus, die Zimmer und die Möbel zu zeichnen, sobald ich überhaupt zeichnen konnte. 
Als Erwachsene im realen Leben nahm ich lieber, was sich ergab, ohne mir konkrete Sachen vorzustellen.
Über welche Stationen, Wohnsituationen bist du zur heutigen gekommen? Wie sieht diese aus?
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6.  Wohnen

Über welche Stationen, Wohnsituationen bist du zur heutigen gekommen? Wie sieht diese aus?
Von Oktober 1978 bis März 2005 wohnte ich mit den Kindern und bis zur Scheidung mit meinem Mann in Trasadingen "Zur Sonne, 8211 Trasadingen" später "Dorfstr. 86, 8219 Trasadingen", dann mietete ich mal ein Postfach, um morgens gleich nach der "Milchi" die Post zu holen und nicht bis 11 Uhr auf den Pöstler warten zu müssen.
 
1989 War die Trennung, mein Mann musste das Haus sofort verlassen. 1990 die Scheidung. Ich blieb mit den Schulkindern im Haus, welches ich die nächsten 8 Jahre zinslos weiter bewohnen konnte, bis das jüngste Kind von der Primar in die Sekundarschule wechsle. Dann wolle er zurückkommen, entschied er, und ich dachte, meinetwegen, dann sind meisten Kinder ausgezogen und ich suche mit dem Jüngsten zusammen was kleines.
 
Er kam natürlich nicht zurück, hatte sich längst anderswo installiert mit der Freundin, die 2 Jahre älter ist als unser ältester Sohn. Das Haus war eigentlich eine gemeinsame Errungenschaft während der Ehe, aber damals was alles noch etwas anders, ich hatte auch den Vertrag nicht mitunterschreiben. So nannten es beide Anwälte eine "elegante" Lösung, dass ich im Haus bleibe und dafür nur die Kinderalimente bekomme, und wenn das jüngste Kind 13 sei, könne ich einfach wieder arbeiten und eine kleine Wohnung mieten und selber schauen. Da war ich 46, die Milchhütte wurde vom Milchkonzern wegrationalisiert und ich damit. Die Privatklavierstunden reichten bei weitem nicht, denn ich konnte die Preise nicht so hoch ansetzen in diesem kleinen Bauerndorf, dass es in der teuren Schweiz mit den horrenden Energiepreisen zum Leben gereicht hätte. Ich hatte schliesslich auch kein Musik-Lehrdiplom, weil ich mich nicht stressen wollte, womöglich auch gar nicht bestanden hätte, und mit 5 Kindern hat man genug zu tun, da muss man nicht auch noch die ganze Familie mit Erwerbsarbeit ernähren können. Ich weiss, andere können das, ich nicht. Und ich schäme mich nicht mal deswegen. 
 
Andere Frauen hatten nach der Scheidung gleich den nächsten Mann. Eine warnte mich, man müsse als frisch geschiedene Frau sofort die Telefonnummer ändern und das Türschloss auswechseln. Warum? Weil dann alle Männer auf einen losstürzen, sich aufdrängen und meinen, man hätte "es" jetzt nötig. Ich dachte für mich, vielleicht sei ja einer dabei der mir gefalle. Es kamen keine Männer. Keine brauchbaren jedenfalls. 
 
Mein Ex verspätete die Alimenten-Zahlungen mehr und mehr, um ab und zu einen Monat ganz auszulassen. Einmal kam er die Treppe hoch und fragte, ob ich ihm ein paar Rechnungen schreibe (er arbeitete meist selbständig).
 
"Ich dachte, du bringst die Alimente," reklamierte ich.
 
"Ich habe kein Geld dabei."
 
"Dann schreibe ich auch keine Rechnungen, was glaubst du eigentlich ?? Du spinnst doch !!"
 
"Dann geh ich gleich wieder", sagte er, als könnte mich das umstimmen.
 
"Ja geh! Tschüss!"
 
Ich blieb oben an der Treppe stehen und wartete mit bösem Blick, bis er aus der Türe entschwunden war. 
 
Von da an bezahlte er gar nicht mehr. Nach mehreren Monaten meldete ich es der Gemeinde und bat um Alimentenbevorschussung. Eine noch neue Einrichtung. Da wurden Kindsväter bei der Scheidung zur Alimentenzahlung verpflichtet, und sie zahlten einfach nicht. Was konnte die Frau schon tun? Um wenigstens die Kinder zu schützen und gut versorgt zu wissen, bevorschussten die Gemeinden die Alimente um sie selber bei den säumigen Vätern einzutreiben. Die hatten ja andere Möglichkeiten und Know How. 
 
Dazu musste ich jedes Jahr im Mai aufs Büro der Bevorschusserin und berichten, wie es so ginge. Eigentlich immer gleich. Wegen bescheidenem Lebensstil ich kam gut zurecht mit dem (für andere erschreckend wenig) Geld, aber es regnete halt nicht Geld auf mich herab. Da fragte die Frau, ob ich denn nicht einen neuen Partner hätte oder wenigstens einen Freund. Nein, tut mir leid, möchte ich schon, hab ich aber nicht, kann mir keinen herzaubern. Und wenn ich einen gehabt hätte, hätte der sicher nicht für meine Kinder bezahlen müssen. Der hätte eher noch eigene Kinder aus seiner vorherigen Beziehung gehabt und diese finanzieren müssen.
 
Im Dorf war man sich nicht darüber klar. Ein Kollege aus der Milchi, der sich gerne mit allen Leuten zu konkreteren Gesprächen einliess, sagte mir das irgendwie indirekt. Ein anderer Milchi-Kollege war noch ohne Frau (auch ohne Mann, daran lag es also nicht) und den hätte ich gerne gehabt. Er provozierte das wacker und schaute und drehte sich noch im Auto aus dem Fenster nach mir um. Vom Küchenfenster aus sah ich, dass er das auch bei andern Frauen machte, zum Beispiel bei einer jungen Lehrerin. 
 
Ich bat den Kollegen, dem andern Kollegen zu verklickern, dass ich Alimente für meine 5 Kinder bekäme, es müsse mich niemand finanziell unterstützen. 
 
Er führte den Auftrag aus. In der Scheune. Die Mutter hatte sogar gehorcht. Peinlich. Aber ich tat halt ihr gegenüber, als ginge mich alles nichts an. Im kleinen Dorf traf man ja ständig alle, die nicht auswärts arbeiteten, im Dorfladen und auf der Post und was es damals noch alles gab. 
 
Es wären noch andere in Frage gekommen, denen die Frau abhanden gekommen war. Einem seine Töchter fragten mehrmals nach meinem Alter. Ich war mit 1950 nicht ihr Jahrgang. Eine ganze Generation beherrschte das Dorf, die alle zwischen ca. 1959 und 1964 geboren waren. In dieser Zeit musste ich erkennen, dass sogar welche im kleinen Dorf vorkamen, die gar nichts wollten, keine Frauen, keine Männer, einfach gar nichts. Auch das gibt es. 
 
Als ich nur noch für beiden jüngsten Kinder Alimente bekam, wurde das Geld zu knapp, auch samt der vielen Musikstunden. Ich ging an einen Termin bei der Lebensberatung (nebst Berufsberatung) und breitete meine Situation aus. Ich hatte selbstverständlich Anrecht auf Sozialhilfe. Mit den schriftlichen Beratungsergebnissen und Beschlüssen wandte ich mich an die Sozialabteilung der Gemeinde. Logisch wollten sie mich zuerst abwimmeln, aber ich verdeutlichte, dass ich auch verhungern könne, mein Leben sei eh vorbei, ich hätte keine Chancen, und es stehe dann halt in den Zeitungen, dass in der reichen Schweiz arme Mütter verhungern müssen. Ich genierte mich kein bisschen. Wenn man mehrere Kinder hat, geniert man sich nicht um etwas zu bitten, es ist ja für die Kinder, nicht für mich. Und all die Kerle, die mich nicht wollten, sollten mich halt durch die Steuern finanzieren. 
 
Nun musste ich für das Haus monatlich 1000.- bezahlen. Dazu kamen immer höhere und höhere Ölrechnugnen, denn das Öl wurde damals teurer und teurer, und der Strom zog grad mit. Reparieren oder kaputte Geräte ersetzen musste ich auch selber. 
 
Mein Vater hatte meinem Exmann angeboten, er kaufe ihm das Haus für 200'000.- ab. Da lachte mein Ex laut heraus und rief, er verschenke doch nicht sein Haus !! 200'000 waren also verschenkt. Das heisst, er hatte es nur verzinst, aber gar nie amortisiert.
 
Dann eben nicht! Die Preise auf dem Land begannen zu sinken, nein, zu stürzen. Die Leute wollten nicht mehr in der Pampa wohnen und schon gar nicht in alten Häusern! Wo die Alten gestorben waren, hängen die Jungen Schilder auf: zu verkaufen für 90'000.-.  So? Keine 100'000 ?
 
Mir fiel ein, dass ich mal etwas Erbe bekommen würde, nicht allzu viel, wir waren ja 6 Geschwister. Ausserdem lag kein Bargeld herum, es war nur das Einfamilienhaus in der Stadt Zürich auf teurem Pflaster. Meine Schwester rechnete mir vor, dass ich mit 200'000 rechnen könne. Was wollte ich mehr, das reichte doch! 
 
Das  Haus für 90'000.- war inzwischen weg. gleich gegenüber stand ein Reihenhaus leer, wo die Witwe ins Pflegeheim gezogen war. Ich fragte die Jungen, die nebenan wohnen, was sie mit dem Haus im Sinne hätten, ob die Tochter es wolle. Sie verkündeten sofort, es wäre für 50'000.- zu haben. 
 
Mir gefiel das Haus. Es regnete zwar durchs Dach, und von Zeit zu Zeit musste man all die Pfannen und Eimer und Schüsseln runter tragen und das Regenwasser ausleeren. Manche Löcher wuchsen von Moos und Flechten wieder zu und andere Löcher entstanden durch zerbröckelnde Ziegel. Meine Söhne rüffelten, ihre Mutter müsse nicht in so einer Bruchbude wohnen. Andere schon, aber nicht ihre Mutter. Ich explizierte, ich sei eben ein armer Siech, und drum könne ich wohl darin wohnen. Ausserdem war das andere Haus ebenso alt und undicht. Man hatte dann das Dach neu gedeckt.
 
Auch dieses Dach wurde geflickt, eigentlich der ganze Dachstock saniert. Genauer ist die Mission  im Kapitel 6. Wohnen, "Wie unterscheiden sich deine früheren Wohnverhältnisse ..."  2. Abschnitt, geschildert.
 
Als die neuen Stromleitungen montiert waren, zog ich ein. Ich hatte meinem Ex schon per Ende Dezember gekündigt. Sein Treuhänder sprang auf: "Das ist eine Katastrophe! Vermiete es ihr für 750.- pro Monat und verkaufe es ihr für 200'000, wenn sie mal erbt!" Mein Ex liess es mich wissen. Ihm war schon klar, dass ich nur amüsiert darüber grinsen würde. Keine Chance. So wie ich niemand anderen zu etwas zwinge, genau so wenig lasse ich mich von andern zu etwas überreden, was ich nicht will.
 
Er half dann sogar noch mit beim Umzug. Alle Kinder und er trabten an, und wir machten den Hosenlupf innerhalb eines Tages. 
 
Mein Ex versuchte sein Haus zu verkaufen. Niemand wollte es, denn er hätte sonst noch drauf zahlen müssen wegen der Hypothek, die noch drauf lastete. Mieten wollte es auch keiner. Mein Ex konnte aber nicht 2 Wohnungen finanzieren, ein leeres Haus und die Wohnung im Elsass. Er zog hierher, und die Freundin kam mit, obwohl sie das eigentlich nicht wollte. Sie wehrte sich sogar mit Händ' und Füssen, aber sie wollte beim Wädi bleiben. Ich sagte ihr, sie müsse keine Angst haben vor den Leuten im Dorf. Die Alten von damals seien gestorben, die neuen jungen Leute wüssten von nichts, und überhaupt, das interessiere doch niemanden, dass sie meine Nachfolgerin sei. Da beruhigte sie sich etwas, musste aber wahnsinnig viel renovieren und umbauen im Haus. Das blieb ihr unbenommen.
 
Komisch, ich hatte die ganze Zeit regelmässig geträumt, ich sei am Einpacken und Kisten schleppen, müsste ausziehen und wollte nicht, begann zu weinen und zu schimpfen und musste mich nach dem Erwachen lange erholen. Um diese Träume zu vermeiden, dachte ich oft bei Tage, dass ich nicht ausziehen müsse, dass es nur blöde Träume seien. Da träumte ich es wieder, und ich dachte: "Ich habe die ganze Zeit geträumt, wir müssten zügeln, und jetzt zügeln wir wirklich!" Das machte mich besonders wütend nach dem Erwachen.
 
Im nächsten Traum dieser Sorte fragte ich im Traum den Ex, der auch half, ob wir jetzt wirklich zügeln. Ja, bestätigte er. Ich liess eine volle Schachtel auf den Boden knallen und brüllte ihn an: "Das ist nur wieder so ein blöder Traum. Die ganze Zeit träumte ich das schon, aber jetzt weiss ich, dass es nur bescheuerte Träume sind. Ich helfe da nicht mehr mit, ich mache überhaupt nichts mehr, das ist nur der saublöde Traum! "
 
Von da an träumte ich das nie mehr. Das heisst aber nicht, dass ich gar nichts mehr träumte und keine Albträume mich drangsalierten. Es waren dann einfach andere Albträume. Der Preis dafür, dass ich im Wachzustand praktisch nichts fürchtete. Der Mensch musste sich schon immer ängstigen, und wer das nicht mehr muss, der ängstigt sich in Phobien oder Albträumen. 
 
 
 
 
 
Bist du damit zufrieden oder planst du weitere Veränderungen? Was fehlt dir?
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6.  Wohnen

Bist du damit zufrieden oder planst du weitere Veränderungen? Was fehlt dir?
Ich kann fast überall zufrieden sein, wo ich bin oder wohne. In den Ferien oder auf Reisen gewöhne ich mich sehr rasch und problemlos an fehlende Bequemlichkeiten. Ein Slum, wie ich es mal ausserhalb von Mexico-City gesehen habe, aus lauter ein Meter hohen Karton- und Wellblech-Gebilden, wo man drin nur gerade kauern oder mit angezogenen Beinen liegen kann, kein Wasser, kein Strom, kein Gar nichts, auch keine Farben oder Pflanzen, da würde es mir auf die Dauer nicht gefallen. Ausser ich wäre in einen Nachbarn von dort verknallt. 
 
Auf die Dauer würden mir mein gewohntes Essen und meine Familie fehlen. Wobei: ohne mindestens einen meiner Söhne ginge ich nirgends hin. 
Denkst du bereits ans Wohnen im Alter und triffst konkrete Vorkehrungen bzw. hast solche bereits getroffen?
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6.  Wohnen

Denkst du bereits ans Wohnen im Alter und triffst konkrete Vorkehrungen bzw. hast solche bereits getroffen?
Der Begriff "Altersheim" fasziniert mich und regt meine Phantasie tüchtig an.  Es gibt ja viele Spielfilme, die teils oder ganz in Altersheimen spielen. Daran wundert mich, wie Drehbuchautoren und Regisseure auf die Idee kommen, die betagten Leute seien froh, wenn jemand daher käme und mit ihnen wilde Tänze aufführt, Fussball spielt, Flug- und Abenteuerreisen unternimmt und überhaupt einen tollen Wirbel veranstaltet.
 
Wer fit ist, geht doch nicht in ein Altersheim, oder? ich bin jetzt, mit 67, noch quietschfidel, wie ich meine, aber wenn ich sehe, was die "Alten" in den Film-Altersheimen an hochsportlichen Aktivitäten leisten müssen, kann ich nur den Kopf schütteln.  Dazu liesse ich mich jetzt schon nicht mehr überreden. Ich würde dort in Ruhe stricken und Klavier spielen wollen, draussen den Vögeln lauschen und Blumen betrachten, lesen und TV glotzen und mit den andern plaudern. Aber sicher nicht rauchen und saufen, laute Musik hören und Twist und Rock n roll tanzen, auch nicht Jassen und Würfelspiele spielen. Eher Schach und andere Strategiespiele, aber dann wüsste ich bald nicht mehr, welche Farbe ich sei.
 
Zuweilen sieht man in solchen Filmen charmante alte Mannli, die nicht dick sind und schuckelig aussehen mit weissen Haaren und so, aber in Wirklichkeit gibt's die wohl eher nicht. Oder sie hätten es nicht nötig, im Altersheim zu wohnen. Eigentlich brauche ich gar keine Männer, nur ein bisschen flirten würde mir guttun. 
 
Was früher die Kinderheime, waren auch die Altersheime. Verwahrungsanstalten mit strengem Stundenplan, und wer nicht mitmachte, wurde geschlagen. Davon rede ich jetzt nicht, das gib es in meinem Umkreis praktisch nicht mehr. Ich vermute sehr stark, dass die allermeisten Heime sehr gut geführt werden, nicht nur kompetent, sondern auch einfühlsam, mit Wohlwollen und Humor.
 
Die Kehrseite davon: Es kostet viel zu viel! Wer nichts hat, dem bezahlt es der Staat, aber ich habe viele Söhne, alle in guten Berufen, da würde der Staat auf diese losgehen, und Wucherpreise heischen. Dabei bezahlt man das doch schon mit den Steuern und Sozialabgaben. Als Ausgleich dafür, dass manche Glück und manche Pech haben. Die Löhne für die Betreuer und Angestellten würden mich nicht reuen, die bekommen wenn schon sogar zu wenig Lohn, aber da profitieren sicher noch viele Organisationen und Pharmakonzerne übermässig daran, dass solche Preise dabei heraus kommen!
 
Ich hoffe nun darauf, dass ich aufs Pflegeheim verzichten kann und daheim plötzlich nicht mehr aufwache wie mein Vater, oder dann ungestört diskret verhungern kann, und niemand zwingt mich zum Essen. Hab ich starke Schmerzen, verlange ich beim Hausarzt Schmerzmittel, wenn es sein muss auch eine Überdosis, und die Sache ist erledigt.  
An welche Höhepunkte des Unterrichts erinnerst du dich?
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7.1.  Primarschulzeit – Grundschule Unterstufe.

An welche Höhepunkte des Unterrichts erinnerst du dich?
An den Schulexamen am Schulschluss des Jahres mussten nicht nur die Schüler glänzen, sondern auch die Lehrer. Heutzutage werden an diesen Anlässen Schülertheater aufgeführt oder Zirkusnummern einstudiert. Zu meiner Zeit jedoch wurde Lesen und Rechnen exerziert. Schon 2 Wochen vorher fiel mir auf, dass wir immer dieselben Texte in der Lesestunde zu lesen bekamen. Nach und nach rief der Lehrer auch die Schüler auf, die sich nie meldeten, weil Lesen sie über die Massen anstrengte oder sie keine zwei Wörter zusammenhängend schafften. Bald wussten sie den Text halb oder ganz auswendig, wurden aufgerufen und konnten erstaunlicherweise etwas lesen, also auswendig aufsagen, jedoch mit dem Zeigefinger den Buchstaben nachfahrend als läsen sie den Text ab.
 
Dasselbe passierte auch im Kopfrechnen und Kettenrechnen. Ich habe ja kein Zahlenhirn, aber das Lesehirn übernahm die Aufgabe und lernte auch diese Zahlen auswendig. Diese Rechnungsstunden liefen wie am Schnürchen, Lehrer stellt Rechnungen, alle Schülerhände schiessen in die Höhe, wen immer der Lehrer sofort aufruft, der weiss das richtige Resultat ohne sich zu verhaspeln oder zu stottern.
 
So machte Rechnen ungeheuren Spass. Kein Wunder, es war gar kein Rechnen, sondern eine Theateraufführung. Die Lehrer verrieten aber nie, dass sie nun immer die gleichen Texte und Rechnungen vorgaben, damit es am Examen auswendig funktioniere, ohne dass sich je ein Schüler blamiere. Das hätten die Schüler sonst zuhause brühwarm erzählt. Ich durchschaute zwar die Methode, verriet aber auch nichts, weiss nicht wieso. Vielleicht wussten die Lehrer schon damals: Sollten Kinder etwas nicht tun, sollte man es auch nicht erwähnen. Verbietet man etwas, ist es für die Schüler höchst brisant und sie können es nicht verklemmen, es zuhause zu proklamieren. Und das war nicht der Sinn der Sache.
 
Auch später noch, in der Sek mit Französisch wurden die Examen noch genau so abgewickelt. Die Eltern staunten dann ob ihren superschnellen und unfehlbar klugen Kindern. Ich dachte, wenn die wüssten, wie mühsam es sonst war, bis jeder sein Sätzchen auf französisch hergebrösmelet hatte, oder bis jemand das richtige Resultat einer langen Kettenrechnung endlich zufällig richtig tippte! Das einstudierte Theater spornte uns alle an, da knisterte es in der Luft vor sprühender Energie und Begeisterung über die eigene scheinbare Leistung und über das furiose Tempo, wie gelesen und Rechnungsresultate in null koma nichts in die Runde geworden wurden!    
Hat dich die Schule zum Lesen angeregt? Welches waren damals deine Lieblingsbücher? Hast du die Schulbibliothek genutzt?
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7.1.  Primarschulzeit – Grundschule Unterstufe.

Hat dich die Schule zum Lesen angeregt? Welches waren damals deine Lieblingsbücher? Hast du die Schulbibliothek genutzt?
Die ersten Bücher, die ich las, waren "Rösslein Hü" und "Die kleine Hexe", wobei ich vom Hexlein pratisch nichts mehr weiss, aber das Rösslein Hü wurde in Seenot und Sturmwellen von einem Piraten gerettet, der mir auf dem Bildchen dazu gefiel, und ich malte mir aus, wie es wäre, selber von ihm gerettet zu werden. Je schlimmer die Not, Leiden und Gefahr, umso beglückender die Rettung! 
 
Es hatte allerlei Märchenbücher im Haus, die ich ebenfalls las, obwohl schon oft erzählt und vorgelesen bekommen. In der Handarbeitsschule mussten wir zeitweise stricken und nichts als stricken, um die Handschuhe und Halstücher fertig zu kriegen. Dann las die Lehrerin aus einem Buch vor. Ein Mädchen streunte allein auf der Welt umher. Es drang in ein kurzfristig unbewohntes Haus ein, machte es sich gemütlich und ernährte sich von den Vorräten. Als die Bewohner zurückkehrten, wollte das Mädchen diese ein für alle mal loswerden und begann zu geistern. Die Bewohner, eine ganze Familie, wurden nachts durch Geräusche geweckt, klopfen, Holz knarren, Stühle rücken und ähnliches, Fenster und Türen standen plötzlich offen. Der mutige Hausherr wollte das Gespenst ertappen, aber es blieb unsichtbar. Er hörte das Holz knarren und sah im Schein der Taschenlampe wie sich die Treppenstufen leicht bewegten, der Geist war nicht zu sehen. Das alles war hochspannend erzählt. wir Zuhörer wussten ja, dass es des fremde Mädchen war, aber wie hat sie das gemacht, dass die Stufen knarrten und sich bewegten, und sie war trotzdem nicht zu sehen? 
 
Es drückte von unten, von der Kellertreppe her, die Holzstufen der nächst höheren Treppe empor. Ganz einfach! 
 
Es folgten der rote Seidenschal und dann Heimatlos und Oliver Twist. Es schüttelte mich vor weinen ob den armen Kindern, denen solches Unrecht geschah. 
 
In der Sek hatten wir unter anderem Gottfried Keller. Die restlichen dieser Novellen las ich dann zuhause in einem Sammelband von Kellers Werken. 
 
 
Wie waren deine Schulleistungen? Wie dein Verhältnis zu Hausaufgaben? Half dir jemand?
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7.1.  Primarschulzeit – Grundschule Unterstufe.

Wie waren deine Schulleistungen? Wie dein Verhältnis zu Hausaufgaben? Half dir jemand?
Hilfe bei Schulaufgaben brauchte ich zuerst nicht. Ab der 6. Klasse und später in der Sek half mir mein Vater bei schweren Dreisätzen und Mehrsätzen, deren Sinn ich nicht mal kapierte. Am nächsten Tag wusste ich die Lösungswege nicht mehr, konnte sie darum auch nicht für Prüfungen anwenden. 
 
Deutsch-, Französisch- und Englisch-Aufgaben machte ich immer am Anfang der folgenden Stunde, weil die Lehrer meist nicht pünktlich im Unterricht erschienen. Das hätte ich als Lehrerin nicht gemacht, ich wäre meist pünktlich zur Tür herein gekommen. Man wird doch bezahlt dafür! 
 
Weil ich dann meine Aufgaben schon erledigt hatte, lieh ich sie den Hobby-Mathematikern aus, welche mir abschrieben und mir dafür ihre Rechnungsresultate verrieten. Ich war demnach eine gute Teamworkerin.
 
In der Schule am KV funktionierte das sogar an den Prüfungen mittels Kohlepapier und Kugelschreiber. Man musste mit Füllfeder schreiben, aber wer keinen dabei hatte, erhielt die Erlaubnis ausnahmsweise mit Kugelschreiber zu schreiben. Ich schmuggelte also zusätzliches Papier und Kohlepapier zum Rechnungskollegen; der rechnete alles aus und war nach der halben Zeit schon fertig. Unauffällig liess er das durchgepauste Exemplar in meine Richtung hin auf den Boden gleiten,  ich hob es nach einer angemessenen Zeitverzögerung ebenso unauffällig auf, legte es auf die Knie und schrieb in Windeseile alles ab.
 
In Sprachfächern war ich in der Hälfte der Zeit fertig, gab das Heft oder den Zettel oder was auch immer vorne ab, der Lehrer korrigierte es und gab mir das Schriftstück wieder zurück. Dann liess ich es den Interessenten zugleiten. Wenn die Hefte oder Blätter eingesammelt wurden, schrieben die Sprachbedürftigen Wörter auf kleine Zettel und kehrten sie gegen mich, weil sie die Übersetzung oder Rechtschreibung nicht wussten oder nicht sicher waren. Ich schrieb die Resultate ebenfalls auf kleine Zettel, den Lineal, das Etui etc. und liess sie abschreiben.
 
An den Abschlussprüfungen konnte man nichts spicken. Mir war es egal. Ich machte einfach was ich konnte. Mit den guten Sprachnoten glich ich die ungenügenden Rechnungs- und Buchhaltungsnoten aus.   
Warst du schon an einem Klassentreffen? Wie hat das auf dich gewirkt?
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7.1.  Primarschulzeit – Grundschule Unterstufe.

Warst du schon an einem Klassentreffen? Wie hat das auf dich gewirkt?
Ich fand es schade, dass unsere Klassen, weder Primar- noch Sek-Klasse Treffen organisierten. Eine Schulfreundin und ich versuchten das selber, wobei sie sich erinnerte, dass einer der Sek extra eine Adressenliste aufbewahrte, um Klassentreffen veranstalten zu können. Ich schrieb ihm, bat um die Liste, er liess nichts von sich hören. Ich suchte die Namen in den Telefonbüchern. Hoffnungslos. Es bestand einfach keine Interesse daran.
 
Sek-Kolleg Duri und ich machten dafür 2017 ein Klassentreffen bei mir zuhause, nur wir. Sagenhafter Zufall. Solche Zufälle wären für eine erfundene Geschichte unglaubwürdig.  
Kannst du deine Schulkameraden noch charakterisieren und beschreiben? Erinnerst du dich an die Sitzordnung bzw. wo du jeweils sassest?
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7.2.  Primarschulzeit – Grundschule Oberstufe.

Kannst du deine Schulkameraden noch charakterisieren und beschreiben? Erinnerst du dich an die Sitzordnung bzw. wo du jeweils sassest?
Ein Mädchen war sehr schön und sehr intelligent, auch freundlich zu allen Mitschülern. In der Primarschule bekam es automatisch immer 5-6en indem der Lehrer nicht so genau hin guckte beim Korrigieren, und 6en für die Aufsätze, die man gar nicht objektiv beurteilen kann. In der Sek klappte das nicht mehr so zuverlässig, und das Mädchen weinte anfangs häufig, bis es sich umgewöhnt hatte. 
 
Ein Junge, gross und dünn, bleich und schwarzhaarig, wurde oft zusammen mit seiner Mutter in der Gegend zirkulierend beobachtet. Sie glichen einander auffällig. Die Familie bestand scheint's nur aus diesen beiden. Die Mutter hatte ihre langen Haare gezöpfelt und um den Kopf gebunden, was in jener Zeit völlig aus der Mode war. Über den Kleidern trug sie oft eine Pelerine. Der Bub hatte die Haare nach vorn gekämmt und immer einen Tick zu kurz über der Stirn geschnitten.  Er war still und unauffällig, aber in den Schulstunden wusste er immer alles, und in den Prüfungen kannte er nur 6er. 
 
Ein Mädchen bestimmte immer, welche Kleidung man anziehen müsse um als lässiges und zu einer Clique gehörendes Mädchen zu gelten. Ebenso wusste sie, wie man sich zu frisieren hatte. Manche Mädchen richteten sich brav nach ihr. Andere hingegen nicht, ich auch nicht, aber es passierte uns kein Unglück deswegen, wir wurden auch nicht ausgelacht. Jenes Mädchen gab auch Weisheiten von sich wie zum Beispiel: "Meine Schwö ist ein armer Siech. Alle Buben laufen ihr immer nach. Sie kann nichts dagegen tun. Immer laufen die ihr nach." Ich wurde das Gefühl nicht los, dass sie eigentlich sagen wollte, dass ihre Schwester das schönste und allerbetörendste Mädchen der Welt sei. Ich sah die Familie zuweilen nach der Kirche auf dem Heimweg, aber kein einziger Junge lief der schönen Schwester nach, die ich zwar apart fand, aber längst nicht die Schönste. 
 
Nur 2 Mädchen waren leicht übergewichtig und früh entwickelt (vollbusig), also nicht ganz so staksig, wie damals Teenager noch waren. Die sassen in der selben Bank und begleiteten einander zuverlässig auf dem Schulweg. Im Turnen waren sie gefürchtet, denn die konnten Bälle schiessen mit einer Kraft, dass einem Angst und bange wurde. Sie hielten auch eben so scharf geschossene Bälle auf, was mir ein Rätsel war, wie man sich freiwillig vor so ein Kanonengeschoss hinstellen konnte und es aufzufangen wagte.
 
Dass Teenies sich schminkten war damals nicht üblich und in der Schule gar verboten. Das tangierte mich nicht. Aber ein Mädchen wollte sich die Augen schminken und erfand dazu den Trick, die Augen zuerst normal mit Eyliner oder Kajal zu umranden, dann putzte es alles wieder weg. Zurück blieben geheimnisvoll umflorte Augen, das Grau ihrer Augen schien auf die umliegende Haut abzustrahlen. Der Lehrer guckte zuweilen genau hin, aber man konnte keine aufgemalten Linien entdecken, also war es nicht geschminkt.
 
Alles in allem waren wir normale freundlich gesinnte Schüler, niemand war neidisch oder so zickig, dass es die andern gestört hätte. Wir machten unsere Hausaufgaben und gaben uns ordentlich Mühe, den Stoff zu kapieren. Bandenkriege oder Cliquenfehden waren uns fremd. Vielleicht war einfach die Individualität noch nicht so extrem. Kleider und Nahrung war bei allen Leuten ungefähr gleich, also wie sollte da Streit oder Neid aufkommen? 
 
An die Sitzordnungen meinte ich mich erinnern zu können, aber Duris Erinnerungen daran waren ganz anders.  
 
 
 
War der Weg ins Gymnasium/zu einem Studium ein Thema? Inwiefern und für wen alles?
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7.2.  Primarschulzeit – Grundschule Oberstufe.

War der Weg ins Gymnasium/zu einem Studium ein Thema? Inwiefern und für wen alles?
Obwohl in meiner weitläufigen Verwandtschaft fleissig studiert und doktoriert wurde, kam es für mich und meine Geschwister nicht wirklich in Frage. Wir hatten durchschnittliche Zeugnisse, die Buben taten erst später "den Knopf auf", meine Schwester wurde Kindergärtnerin, und ich hatte gar keine Berufsambitionen, ich wollte nur endlich meine eigenen Kinder bekommen. 
 
Die grosse Liebe fürs Leben finden wollte ich zwar genau so, aber man kann nicht immer alles haben. Wenigstens die Kinder bekam ich. Zwar keine Mädchen, aber Hauptsache Kinder, man kann nicht immer alles haben. Ich weiss, dass ich jetzt 2 x hintereinander geschrieben habe, man könne nicht alles haben. Das lasse ich so stehen, es unterstreicht die Effektivität dieses Spruches.
 
Zu meiner Zeit war es legitim, darauf zu vertrauen, dass man geheiratet werde und als Mutter und Hausfrau zufrieden oder gar glücklich sein konnte. Trotzdem hiess es schon damals: "Mädchen müssen auch einen Beruf erlernen, zur Sicherheit, falls sie nicht geheiratet werden, früh verwitwen oder was sonst noch passieren könnte. Hat man eine Lehre abgeschlossen, findet man immer und überall wieder anständig bezahlte Arbeit." 
 
Ich war die erste Generation, bei der das nicht mehr zutraf. Ich war 46, hätte nach dem Aufwachsen der Kinder als Geschiedene Arbeit finden sollen, wurde aber als "nicht vermittelbar" eingestuft. Eine abgeschlossene Lehre war nichts mehr wert. Vermutlich hätte auch ein Studium vor so langer Zeit nichts genützt.
 
Irgendwie berührte mich das gar nicht. Ich hatte ja getan, was ich konnte. Weder plagten mich Existenzängste noch Schuldgefühle, Minderwertigkeit oder sonst irgend was. Bewerbungen schrieb ich nur ein paar wenige für die nächste Umgebung, dann nicht mehr. Ich las, dass andere hunderte Bewerbungen vergebens schrieben, da fing ich erst gar nicht an damit. Warum sollte ich mehr Glück haben als die andern? Ich hatte eh schon in vielem kein Glück, lebte aber trotzdem gut. Verhungern musste man auch nicht bei diesen spottbilligen Lebensmittelpreisen, ausserdem hatte mich niemand gefragt, ob ich geboren werden wolle. Man wird ungefragt auf die Erde geworfen und kann dann sehen, wo man bleibe. 
Hattest du zu dieser Zeit schon einen Schulschatz?
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7.2.  Primarschulzeit – Grundschule Oberstufe.

Hattest du zu dieser Zeit schon einen Schulschatz?
Nein!  Unfreiwillig nicht.
 
Das hätte ich mir schon gewünscht, war auch mal in diese oder jene Klassengenossen ein bisschen verknallt, was sich darin äusserte, dass ich mich freute, diese zu sehen, des weiteren mir heimlich vorstellte, wir täten plaudern oder diskutieren, am Schulfetz tanzen, einander auf dem Weg begleiten und dergleichen.  Die Gedanken sind frei, niemand kann sie erraten. Das war gut, sonst hätte ich mich nicht mal getraut,  mir was auszudenken. 
 
Ich begriff, was es bedeutete, man solle den Jungen nicht nachlaufen. Wiesen sie mich ab, wäre das die grösste Blamage der Welt und nicht zu überleben. 
 
Mit 13 sah man mir noch keine pubertären Veränderungen an, aber die Hormone erwachten. Die Verknalltheiten wurden intensiver. Dass nur Hormone das auslösten, konnte ich damals nicht wissen. Man kann sich auch nicht aussuchen, in wen oder ob überhaupt man sich in jemanden verliebt. Je mehr man sich dagegen wehrte, desto stärker wurde das Gefühl, und wenn man dem nachgab und sich eingestand, in diesen Typen sei man jetzt verknallt bis ins Knochenmark hinein, schwebte man auf der berühmten rosa Wolke. Die ganze Welt ringsum konnte untergehen, alles war unbedeutend, man musste nur das geliebte Antlitz in Gedanken vor sich sehen.
 
Das Profil zu visualisieren war einfacher, denn, sah ich den Angebeteten von der Seite, konnte er ja nicht merken, dass ich ihn anstarrte (wer das merkte, war selber schuld, warum achtete er denn auf mich?!) Ich zeichnete bald diese Profile nach. Man war noch Jahrtausende entfernt von den Händys, mit denen man alles unauffällig im Vorbeigehen knipsen konnte. 
 
Ich wollte aber auch die Frontseiten der Gesichter auswendig wissen. Komisch, alle andern sieht man vor sich, aber wen man unbedingt auswendig sehen will, dessen Bild entwischt immer wieder. Man kann doch nicht die Leute von vorne so anglotzen, bis man sie auswendig nachzeichnen kann! 
 
Des Rätsels Lösung erfuhr ich erst in den Internet-Zeiten. In einem Blog fand ich einen Aufsatz von jemandem, der erforscht hatte, dass es normal sei, dass man nicht visualisieren kann, in wen man verliebt sei. Warum das so war, wusste der Schreiber auch nicht, aber dass es praktisch bei allen andern auch so sei. 
 
Ich selber bin dann auf die Idee gekommen, dass die Evolution lauter Mechanisem einbaute, damit es zu Kopulationen und somit zur Fortpflanzung komme. Der erste Mechanismus war ja die Verliebtheit oder zumindest Sympathie oder irgend eine Art von Liebe (es gibt welche, die kennen Verliebtheit nicht).
 
Wenn man also jemanden sieht, der durch den eingebauten genetisch-optischen Raster in die Tiefe des Hirns schiesst und Verknalltheit auslöst, dann "will" man diesen. Reagiert er auf Flirten nicht, war ausser Spesen nichts gewesen. Die Erkenntnis kommt aber aus dem Bewusstsein, aus der Logik und aus der Vernunft. Hormone und vegetatives Nervensystem geben keine Ruhe. Das Objekt der Begierde muss her, egal wie. Weil das nicht geht, will sich die Vernunft damit zufrieden geben, das Gesicht vor sich zu sehen.
 
Und da hakt dieser Mechanismus ein. Man kriegt das Gesicht nicht hin, also beginnt man dem Auserwählten zufällig über den Weg zu laufen, um den Anblick auszukosten. Dabei erlebt man jeweils einen "Flash".  Dafür nimmt man schon einiges an Umwegen und Zeitaufwand in Kauf. Der evolutionäre Zweck ist, dass es doch noch zur Kopulation komme. Allerdings ergeben manche Arten von Kopulationen gar keinen Nachwuchs, was auch bei Tieren so ist. Damit meine ich nicht nur Homosexualität, es gibt auch Heterosexuelle, bei denen es keine Kinder gibt, obwohl sie das möchten. Der Evolution muss das egal gewesen sein. Die Nachkommen von einem Teil der Individuen reichten offenbar aus für die Erhaltung der Art.
 
Es gibt natürlich noch zahllose andere solche Mechanismen. Bei mir war dieser ausgeprägt. Es gibt Menschen, bei denen wird ein zuerst hochinteressantes Gesicht sofort unattraktiv, wenn keine Reaktion kommt. Oder eine falsche. 
 
Im Laufe der Zeit hab ich sogar das umgekehrte beobachtet: Es gibt Leute, die verlieben sich automatisch in solche, die in sie verliebt sind und sie anflirten. Das allein löst schon eine Verknalltheit aus. Das ist natürlich sehr praktisch, bei mir leider nicht der Fall. Es gab auch keinen, der sich in mich verliebte, weil ich ihn liebte. 
 
Ich fühlte mich benachteiligt und traurig, wenn andere Mädchen auftrumpften, sie seien mit diesem oder jenen begehrten Jungen in den Keller gegangen um sich dort zu küssen. Von Liebesbriefen war die Rede, von sturmfreier Bude, als müsste man nur mal einen Abend allein zu Hause sein, und schon stünden die Kerle Schlange vor der Tür. 
 
Ich durchschaute noch nicht, dass mindestens die Hälfte davon gar nicht stimmte, sonst hätte mich das nicht so gestresst mit der Verzweiflung, dass alle andern ihre Freunde küssten, nur ich allein nicht. 
 
Im Dezember 1963 übte die gesamte Oberstufe des Liguster-Schulhauses ein Krippenspiel ein. Die jüngeren mussten eher singen, die älteren schauspielern. Es war ein stilvolles klassisch-biblisches Weihnachtsspiel mit sehr viel schönen Liedern, Musik und prächtigen Kostümen und Requisiten. Meine damalige Freundin Cécile war neben mir im Chor. Statt zu singen flüsterte sie dauernd auf mich ein. Ein Lehrer ermahnte sie zwei mal, dann plötzlich hiess es: "Ab mit euch an die Türen." Nicht nur sie, ich musste mit. Es machte mir nichts aus. Es war nicht unser Klassenlehrer, ein anderer, weiss nicht mehr, aber der jagte Cécile und mich durch den Mittelgang der Kirche nach hinten zu den Windfangtüren.
 
Zwischen diesen beiden Türflügeln und der Tür nach draussen warteten drei Hirten mit kleidsamen Hüten, Wolldecken-Umhang und Hirtenstecken auf ihren Auftritt. Möglicherweise waren noch ein paar verkleidete Schafe dabei, bin nicht mehr sicher. Oder ein Engel.
 
Unsere Aufgabe war es, bei einem Stichwort die Flügeltüren zu öffnen, damit die Hirten, einer mit der Gitarre am Hals, würdevoll durch den Gang nach vorne zur Krippe schreiten konnten und dabei sangen "Was soll das bedeuten, es taget ja schon."
 
Hätten die Hirten die Türflügel selber aufhalten sollen, hätte es nicht so perfekt ausgesehen, denn sie schwangen von selber wieder zu, wenn man sie nicht offen hielt. Auf das Stichwort öffneten Cécile und ich je einen Türflügel und hielten ihn offen.
 
Es kam mir vor, als hätte jener Lehrer-Regisseur nur auf eine Gelegenheit gewartet, zwei Schüler aus dem Chor zu pflücken und an die Schwingtüren zu schicken. Die Szenen wurden mehrmals hintereinander geübt, und das an mindestens zwei Nachmittagen. Ich verbrachte somit reichlich Zeit bei den Hirten. So, und jetzt sag ich's endlich: der Oberhirte mit der Gitarre setzte unabsichtlich meine Hormone in Aufruhr.
 
Ich wusste nicht, wie mir geschah. Ich war in der 1. Sek, er aber schon in der 3. Vorher hatte ich den nie gesehen, aber nun schaute ich mich auf dem Pausenplatz um, und da wandelte er mit weissem Hemd und schmalem schwarzen Samtbändel um den Kragen gebunden auf dem Platz auf und ab wie der grösste Teil der Schüler. Die Haare fielen in sonnigem goldblond in die Stirn. Diese Frisur war brandneu, eben erst von den Beatles abgeguckt, zu einem Zeitpunkt, wo meine Freundin Cécile noch den Ringo Starr mit dem Paul McCartney verwechselt hatte.
 
Unsere Klassenzimmer lagen sogar übers Eck beieinander. Wenn im Korridor alle die Jacken auszogen und an die Haken hängten, herrschte ein solcher Wirrwarr von Schülern, dass ich jeweils den bildschönen Oberhirten durch schmale Spalten zwischen lauter andern Köpfen betrachten konnte, ohne dass er es merkte. Ich wollte ihn möglichst nicht verscheuchen.
 
Nicht lange, und ich erfuhr von andern Schülern seinen Namen. Einer meiner Brüder hatte denselben Vornamen, der Nachname war ungefähr in der Art von Bünzli oder Müller. Geht ja gar nicht. Da taufte ich ihn um. Nur für mich natürlich. Ich kam gar nie dazu, mit ihm zu plaudern. Nicht mal grüssen lag drin. In der Stadt Zürich grüsste man strikte nur engste Freunde, die Lehrer, und zuhause, wenn es niemand sah, die Eltern. Alles andere war No-Go.
 
Ich nannte ihn Louis. Das passte perfekt zu diesem filigranen Elfen-Geschöpf. So konnte ich mit meinen Freundinnen über ihn palavern, ohne dass Aussenstehende erfassten, um wen es sich handelte. Im Frühling war das Schuljahr zu Ende und ich verlor den zauberhaften Louis aus den Augen. Das war soooo quälend! Wie heute jedes Kind weiss, steigt der Dopaminspiegel bei Verliebtheit zusammen mit Serotonin stark an, bei Verlust sinken sie ab, man empfindet Entzug, und Adrenalin und Cortisol lösen heftigen Stress aus.
 
Davon hatte die Menschheit nicht den blassesten Schimmer. Es hätte mir geholfen, das Leiden besser zu ertragen. Es ist wie mit dem Schmerz im Allgemeinen. Weiss man, warum er entstanden ist, erträgt man ihn viel leichter. Der Vernunft widerspricht es aber, dass man, weil man jemanden nicht mehr sieht, derart abstürzen kann. Man hält sich für verrückt oder geisteskrank, meint, das ginge nun nie mehr vorbei. Nicht wenige Menschen haben sich aus Liebeskummer umgebracht. Ich tat es nur nicht, weil ich es meinen Eltern und später meinen Kindern nicht antun wollte.   
 
Ich konnte es dem Louis nicht übel nehmen, denn er konnte auch nichts dafür, dass er halt 2 Jahre älter war und aus der Schule kam. Dass er kein Interesse für mich empfand, konnte ich ihm schon gar nicht verübeln. Was sollte er mit mir? und was ich mit ihm?? Von meinen Kindern und Enkeln erfuhr ich, dass man einander frage, ob man einander "habe" und/oder miteinander "ginge". Das war schon alles, weder sprachen sie in den Pausen miteinander, noch begleiteten sie sich auf den Heimwegen oder hörten zusammen Musik. Nichts. Aber sie "hatten" einander. Drum brauchte ich ja auch nicht mehr, als den Auserwählten sehen zu können.
 
Dass sonst nichts passierte, störte mich gar nicht. Er war - wie ich das erst jetzt erkenne - ein Modegeck und Trendsetter. Ich überhaupt nicht. Mich interessierten wohl schöne Stoffe, aber die mussten von mir aus nicht in Mode sein. Das waren sie eigentlich nie. 
 
Meine Freundinnen und Kolleginnen meinten es nur gut mit mir und verrieten mir, wo überall sie Louis gesehen hätten und mit wem. So konnte sich der Stress umso weniger abbauen. Ich schrieb "Louis" überall hin auf Lineale, Etuis, Fliessblätter, auf den Handrücken, auf die Schulbank. Ich erfuhr die Adresse; sie war in einem andern Stadtteil. Meine Schwester und ich mussten mal rein zufällig dort vorbei spazieren und kontrollieren, ob das überhaupt stimme. Ja, es stimmte. Das musste ich nur wissen. Louis und ein Bruder fuhren in einem Caravan vorbei. Ich merkte mir die Nummer. Den Rest fand ich im Telefonbuch. In Ermangelung sinnvollerer Tätigkeiten schrieb ich alle Fliessblätter voll mit richtigem Namen (weil er nicht mehr im Schulhaus war, konnte er das nicht erfahren), Adresse, Telefonnummer und Autonummer. Hirnrissig, aber ich konnte nicht anders. 
 
Lehrer Honegger las diese Inschriften auf meinen Fliessblättern und bekam Angst um mich! Er müsse schnell ins Lehrerzimmer, er komme gleich wieder. Als ich nachher daheim das Geschirr abtrocknete, welches meine Mutter spülte, erzählte sie mir brühwarm, Honegger habe ihr telefoniert und berichtet, dass ich da offenbar einen Freund hätte, der heisse so und so, ob sie, meine Mutter, davon wüsste. 
 
Sie beruhiget, sie wisse es, er fuhr fort: "Wissen Sie, der hat doch ein Auto, da steht die Autonummer!"
 
Meine Mutter verriet nun, dass der gar nicht mein Freund sei, dass ich nur für den schwärme, und dass das Auto nicht ihm, sondern der Familie gehöre, und der Bursche wisse ja gar nichts davon, der wolle sicher nicht mit mir im Auto herum fahren !!!
 
Honegger war nun beruhigt: "Wissen Sie, ich dachte halt, wenn der ein Auto hat ... man weiss ja, was passieren könnte, aber wenn es so ist, und Sie das wissen, dann ist es in Ordnung, zum Glück."
 
Meine Mutter ergriff die Gelegenheit, ihm zu sagen, dass ich grosse Stücke auf ihn hielte und gerne zu ihm in die Schule ginge. Das war tatsächlich so. Honegger bat darauf hin meine Mutter, dem "Kind" nichts davon zu erzählen. Sie versprach es, aber was so richtige Frauen sind, die über Männer reden, konnte sie nicht anders, als mir alles zu rapportiern. Ich versprach meinerseits, nichts darüber verlauten zu lassen und hielt mich auch daran. Sonst wäre am Ende Honegger blöd dagestanden. Das hätte er nicht verdient. Er hatte gemeint, Louis würde mich im Auto entführen! Er hielt mich für so attraktiv, dass er das befürchtete !!!
 
Lebte Honegger noch, hätte ich die rührende Geschichte nicht hier rein geschrieben, aber der wäre ja unterdessen mindestens 120!
 
Weil in den Märchen und Romanen die Verliebten auf ewig zusammen blieben, meinte ich, mein Leben ginge nun genau so weiter bis zum Lebensende. Darum guckte ich auch nicht bewusst nach andern Jungen um. Obwohl auf dem Pausenplatz noch Eberhard unter den Ahorn- und Linden-Baumreihen spazierte, und im Schulzimmer während der 2.Sek. der scheue Prinz Duri in seiner Bank sass, nie nach links oder rechts, nur auf Heft oder Wandtafel blickte. War ich im Unterricht nicht stark gefordert, liess ich meinen Blick schweifen und blieb immer an Duris ebenmässigen zarten Alabaster-Gesichtchen hängen und fand, er wäre ein Elfenprinz, schlank und feingliedrig, immer seelenruhig, jedoch mit geheimnisvoll heiterem Ausdruck oder gar verträumtem Lächeln.

Er wechselte niemals ein Wort mit Mädchen noch guckte er sie an. Dadurch konnte ich ihn betrachten so oft und so lange ich wollte, er merkte es nicht, war völlig unnahbar, schwebte wie in einer Seifenblase oder Königspalast auf silberweissen Wolken. In die Niederungen von Pausen oder Heimweg stieg er nie herab, da gab Bruno Eberhard schon mehr her, der mir auch gefallen hätte, wäre ich nicht durch den Louis blockiert gewesen. Meine Freundin Hilde beschloss, sich bei ihm als Freundin zu bewerben. Er wollte nicht so richtig. Wie meine Schwester dazu kam, kriege ich jetzt nicht zusammen, jedenfalls verliebte sie sich ebenfalls in ihn. Längere Zeit pilgerten wir jeden Samstag nachmittag in den einen Stadtbezirk um Sugus zu kaufen und von da durch ein Wäldchen nach Seebach hinüber zu Bruno Eberhard.  Claudi legte dann die Sugus in seinen Milchkasten. Ab und zu war er mal draussen am Velo putzen. Mich ging das alles nichts an, ich war nur Claudi's Begleitung. 

Bruno, 15,  hatte keine Verwendung für 14-jährige Mädchen. Er blieb freundlich, aber man merkte, es würde ihm mit der Zeit lästig werden. Da erzählte er Hilde, dass ich ihm gefiele, denn ich würde der Françoise Hardy gleichen. Das stimmte aber höchstens von ganz weitem. Er sagte das nur, weil er wusste, dass ich den Louis usw. ... 
 
Weil Hilde immer wieder Bruno besuchte, der in Seebach wohnte, stellte sich raus, dass dort in der Nähe neben andern Bands eine solche auftrat, wo Louis Gitarre spielte und sang. "Baby baby balla balla" zum Beispiel. Ein anderer war noch dabei und ein René Schuhmacher oder Stiefel oder was ähnliches am Schlagzeug. In den verknallte sich Hilde, und Bruno hatte Ruhe vor ihr. René war klein und unattraktiv für meinen Geschmack, und er freute sich über Hildes Avancen. Oft ging sie zuhören, wenn die Band probte. Manchmal ging ich mit, denn Louis ignorierte Zuhörer, schaute gar nicht hin, konnte mich also nicht bemerken. 
 
Eigentlich wünschte ich mir, er würde mit mir über Musik fachsimpeln, mich beachten, mich normal behandeln. Das war nicht so. Meinetwegen, ich war nichts anderes gewohnt.
 
Wieder einmal war ein Konzert in Seebach von all diesen Bands. Wir gingen frühzeitig hin. Gelegentlich kam Louis durch die Reihen, sagte hinter mir: "He, du!" Ich drehte mich halb zu ihm um, teils freute ich mich, anderseits hatte ich Angst, weiss nicht warum. Er fragte mich gerade heraus, ob ich eine Helen Meier kenne. Ich guckte ihm erstaunt in die Augen und sagte wahrheitsgemäss nein. Er ging sofort weiter. Schade, warum hatte er nicht noch eine Weile weiter gefragt und diskutiert? 
 
Ich schaute Hilde an: "Was für eine Helen Meier meint er denn?" Sie lachte und gestand, dass René ihr verraten habe, dass die Band jetzt dann aufhöre. Da habe sie, Hilde, dem Louis einen Brief geschrieben, die Band solle nicht aufhören und sowas in diesem Stil. Sie unterschrieb aber nicht mit ihrem Namen, sondern mit der fiktiven Helen Meier. Wie kam denn Louis darauf, dass ich das gewesen sein könnte? Niemals verschickte ich Briefe. Erstens brachte es nichts, und zweitens überhaupt. Und sonst hörte ich nichts mehr von ihm. Hilde und Cécile hatten bald keine Zeit mehr, der Band nachzureisen. Ich allein ging da eh nicht hin, ausserdem gefiel mir die Musik nicht sonderlich, ob jetzt Louis mitspielte oder nicht. 
 
Als ich bei einer Werbeagentur in die KV-Lehre ging, hatte ich an 2 Tagen Schule im KV-Schulhaus mitten in der City von Zürich. Man fuhr mit dem Tram an die Bahnhofstrasse, und von da war es nicht weit bis zum Schulhaus. Der 7-ner und der 11-er waren die Trams, die zwischen Örlikon und Bahnhofstrasse zirkulierten. Der 11-er zweigte am Schaffhauserplatz ab und fuhr an den Bahnhof Örlikon, der 7-ner über den Milchbuck an die Berninastrasse. Das war für mich die nähere Station, aber ich konnte genauso gut den 11-er nehmen, wenn der zuerst in die Station einfuhr, und dann vom Bahnhof Örlikon nach Hause spazieren, dauerte einfach 10 Minuten länger.
 
 
Ich sah den Louis nie in der KV-Schule, aber im 11-er-Tram. Wir hatten mal etwas früher aus in der letzten Lektion. Von seiner Arbeitsstelle aus stieg er wenige Stationen vor dem Schaffhauserplatz in den 11-er zu. Fortan packte ich meine Schulsachen am Mittwoch abend in der letzten Schulstunden schon zusammen, und kaum läutete die Glocke, raste ich davon und legte einen kurzen Sprint an die Bahnhofstrasse hin, wo ich grad noch den 11-er erwischte, in den Louis ca. ein halbes Dutzend Stationen später einstieg. Ich war nur im Tram, sonst nichts. Und Louis stieg ein und ich freute mich. Da er sich nicht für mich interessierte, konnte ihm das egal sein. Nach ein paar Wochen wollte er nicht mehr einsteigen, liess das Tram wegfahren um auf das nächste zu warten. 
 
Wenn er das so wollte, konnte ich natürlich nichts machen. Ausserdem hielt ich es für eine Ausnahme. Am nächsten Mittwoch darauf regnete es ganz sachte, Louis und ein Kollege eilten über die Strasse zur Haltestelle um einzusteigen, da sah er mich im Tram, da wollte er plötzlich nicht mehr einsteigen und lieber im schwarzen Leder-Regenmäntelchen im Regen stehen bleiben, was gut sein soll für Haut und Haare und Ledermäntelchen. Der Kollege begriff das nicht und zerrte ihn am Ärmel. Louis konnte doch dem nicht verraten, dass er wegen eines Mädchens nicht einsteigen wolle, und so musste er gehorchen. Ich meinte zu spüren, dass er zornig war. 
 
Hatte ich ihm je etwas getan? Es fühlte sich für mich einfach so an. Andernfalls spielte mir mein Hirn wieder mal einen Streich!
 
An einem Maskenball hatten Claudi und ich Christoph Grögli und dessen Bruder kennen gelernt. Das war nichts mit Verliebtheit, die beiden sammelten einfach neue Bekannte und machten Partys. An einer solchen erblickte ich im Augenwinkel den Louis mit seiner Freundin Joseline. Sie war stark geschminkt, nein, dick zugepflastert mit Schminke. Von Natur aus wäre sie sicher hübsch oder gar schön gewesen, aber so wirkte sie wie eine ägyptische Mumie in vollem Ornat. 
 
Ich hatte schon früher von ihr erfahren, und es störte mich nicht. Die Party verteilte sich auf mehre Zimmer, die einen mehr mit Musik und Tanz, andere mit anderer Musik, eines mit Bar und Snacks, wieder eines mit Polstermöbeln etc. Ich wich dem Louis aus so gut es ging, ich denke, er hat mich nicht entdeckt. 
 
Das letzte mal sah ich ihn 1978 an meinem aktuellen Wohnort in Kloten. Der gleiche Louis, der nicht ins Tram steigen wollte, weil ich darin war, folgte mir bis nach Kloten, wo er nun mit Ehefrau Josi wohnte und eine erste Tochter bekam. Das stand halt alles in den Zivilstands-Nachrichten. Mein Mann und ich mit unseren damals 3 Kindern waren mitten im Umzug nach Trasapfupfingen. Auf der letzten Hin- und Herfahrt hielten wir bei der Apotheke in Kloten. Präservative zu kaufen, war damals peinlich, aber mir machte das nichts aus. Drum ging ich rein und fand mich neben Josi und Louis vor dem Ladentisch. Er sah noch gleich aus, hellhäutig, blond und zierlich, Josi wiederum zugepflastert. Das machte sie sehr alt. Meinetwegen. Ich verlangte eine Schachtel Präservative soundso (Marke weiss ich nicht mehr). Er sah mich übrigens nicht, hätte mich sicher nicht mehr erkannt (obwohl ich mich eigentlich nicht stark veränderte).
 
Da hatte also etwas, was an einem romantischen Krippenspiel begonnen hatte, bei einer ordinären Schachtel Präservativen geendet.   
 
Damals wusste man noch nichts vom 4-Jahres-Rhythmus. In den Jahrtausenden unserer Vorfahren hatte es sich eingependelt, dass ein Elternpaar zusammenblieb bis das Kind ca. 3 oder 4 Jahre alt war und selber essen konnte. So lange wurde es gestillt. Danach trennten sich die Eltern und gingen beiderseits andere Verbindungen ein. Die alte Verliebtheit war abgeflaut, die Stillzeit vorüber, der Zyklus setzte ein und die Hormone dazu, es entflammten  neue Verliebtheiten. Die Kinder waren in der Regel alles Halbgeschwister. Bei manchen Säugetieren ist das heute noch so. Auf diese Art gab es weniger Inzucht. 
 
In der Zeit, als die Menschen Vorräte anhäuften, wollten die Väter nur ihre eigenen Kinder damit füttern. Da Mütter mit ihren Kindern zusammen blieben, hätten die Väter auch all diese verschiedenen Mütter dazu unterhalten müssen. Nur eine Mutter für alle Kinder zu haben war billiger. Es begann die Zeit der Vollgeschwister. Wer Pech hatte, bekam nur das erste Kind gesund, die andern starben wegen Blutunverträglichkeiten. Während der ersten Schwangerschaft hatten sich Abwehrstoffe gegen eine Blutgruppe (Rhesus negativ)gebildet. Hatte das nächste Kind dieselbe, starb es nach der Geburt an Gelbsucht oder die Mutter an Schwangerschaftsvergiftung. 
 
Seit langem hat die Medizin das im Griff. Deswegen muss kein Kind mehr sterben. Wie sehr die Evolution nach Verschiedenheit strebt, sieht man aber an den äusserlichen und charakterlichen Unterschieden, die Geschwister zeigen, obwohl von den gleichen Eltern und im gleichen Umfeld aufgewachsen. Andernfalls müssten sich alle Geschwister wie eineiige Zwillinge gleichen.
 
Diesen 4-Jahres-Rhythmus bekam auch ich immer pünktlich zu spüren. Ob Kind oder nicht, die Verliebtheit flaute ab, erlosch allerspätestens nach 4 Jahren so komplett, dass ich mich wunderte, was denn überhaupt los gewesen war mit mir, dass ich so besessen war, und ich konnte mich selber nicht mehr verstehen. 
 
Dann gibt es auch das Hormon Oxytocin, das Kuschel- und Bindungs-Hormon. Dieses kann eine gute Partnerschaft über den 4-Jahresrhythmus hinweg retten. War die Partnerschaft aber nicht so optimal, oder einer der Partner ein Schürzenjäger beziehungsweise ein Flittchen, dann greift dieser 4-Jahres-Dings, es kann auch nur 3 Jahre oder sogar nur 3 Wochen dauern. 
 
Kurzum, der Louis verleidete mir und verschwand aus meinem Gesichtsfeld. Zwar erzählte man mir um ca.1967 noch eine Story von ihm: Er hatte eine schwedische Freundin. Die war in den Sommerferien hier. Sie erzählte ihm, ihr Vater sei reich und Inhaber eines grossen Konzerns. Sie nähme ihn mit nach Schweden, wo sie in Reichtum leben werden. Nach den Ferien verschwand sie ohne ihn mitzunehmen, den Konzern gab es auch nicht. 
 
1967 veranstalteten Claudi, einer meiner Brüder und ich einen Fetz in unserem Luftschutzkeller. Ich war ja nicht mehr in der Schule und beteiligte mich darum nicht an der Gästeliste. Es wurden hauptsächlich Leute des Jahrganges 1953 und 1954  aus Schule und Nachbarschaft aufgelistet. Es sollten gleich viele Jungen wie Mädchen sein. Mehrmals hörte ich Claudi, dass man "den Hannes und den Boss" nicht einlade. Ich kannte die nicht. 
 
Am Fetz trudelten die Partygäste ein. Manche waren schon eng befreundet und tanzten nur miteinander. Für die andern waren solche Fetzte natürlich die Piste, wo man neue Freunde sucht oder alte Kletten loswerden will. Es fehlten weiterhin 2 Jungen. Wieder die Diskussion, wen man noch einladen könnte, auch die andern Anwesenden fanden, den Hannes und den Boss lade man nicht ein.
 
Das mussten ja ganz wilde Kerle sein! Ich fragte, was für ein Boss das eigentlich sei. Claudi weihte mich ein: das sei der jüngste Bruder von dreien, wobei sie die Namen aufzählte. Die waren mir ein Begriff, die waren schon im Liguster-Schulhaus, als ich noch in der 3. Sek war. Sie hatten kupferrote Haare und grasgrüne Augen. Vom jüngsten, dem Walter Boss, hatte ich noch nie gehört. Was das wohl für einer wäre?
 
Ich bestand darauf, dass man dem Boss und meinetwegen auch dem Anhängsel Hannes telefoniere und sie herbestellte. Schliesslich tat Claudi das. Hatten solche Draufgänger überhaupt Zeit für unseren popeligen Fetz?
 
10 Minuten später marschierten die beiden durch die Luftschutzkellertür. Niemand musste ihnen den Weg zeigen. Hannes war blond und hatte ein breites Gesicht. Der andere war Walter Boss. Seine Haare waren zwar gelockt und gewellt aber nur braun statt kupferig, die Augen nur graubraun oder so, jedenfalls nicht grün. Aber es warf mich um! Er war bester Laune, hatte überhaupt nichts Wildes an sich, entzückende Grübchen im schönen Gesicht und einen dunklen Märzenflecken unter dem einen Auge! Hilfe! Was für ein zauberhaftes Geschöpf! 
 
Die beiden waren ganz manierlich und ich wunderte mich, warum man die zuerst nicht einladen wollte. Ich fand es nie heraus. 
 
Boss wollte Ruthli Grollimund, diese wollte einen andern (weiss den Namen nicht mehr), Ruthli bekam diesen zum tanzen. Eine Petra wollte den Boss, aber ich lotste bei einem Besentanz den Typen von Ruthli fort, damit Boss an sie ran käme. Das versuchte er auch, aber beim nächsten Tanzwechsel rannte sie wieder zum andern. 
 
Spät, als die Hälfte der Leute bereits verduftet waren, tanzte Boss etwas mit mir. Er schaute mich aber nicht an dabei, er wollte eben das wunderschöne Ruthli mit den kirschgrossen glänzend schwarzen Augen und den dunkelbraunen langen Locken (vermutlich Italiener im Stammbaum). Dieses war ebenfalls entschwunden. Mit dem aufgegabelten Freund.
 
Ich hätte mich vielleicht an den Boss ranschmeissen sollen, aber mit Ruthli konnte ich es nicht aufnehmen, ich war nie so schön wie sie. Keine Chance! Ausserdem  war ich vor Verknalltheit ausserstande, einen Smalltalk zu beginnen oder mich sonstwie charmant zu zeigen. Er liess mich los, hatte mich eh nicht festgehalten, tanzte noch etwas offen, ich passte mich an, nur nicht aufdringlich werden, nur nicht nachlaufen! Dann entfernte er sich wie unabsichtlich, und ich tat, als fiele mir das gar nicht auf, als hätte ich nicht gemerkt, dass er mit mir getanzt hätte. 
 
In der nächsten Woche in der Schule ging Boss in der Pause zu Claudi hin und fragte sie, wo ich denn sei, er sähe mich hier nirgends. Das wäre theoretisch eine Chance für mich gewesen, aber Claudi lachte und verriet: "Die ist doch nicht mehr in der Schule, die ist in der Lehre!"
 
Da machte er auf dem Absatz kehrt und ich war gestorben für ihn. Er war zwar nur 2 Jahre jünger als ich, aber damit war ich ausser Konkurrenz. Passte nicht in seine Anforderungen, oder was auch immer! 
 
Warum hatte Claudi das sagen müssen, dass ich schon in der Lehre sei? Anderseits, wer konnte denn wissen, dass Boss das störte? Oder weswegen hatte er überhaupt gefragt? 
 
Er hatte am Fetz ein leeres Zigipäckli liegen lassen. Dieses riss ich beim Aufräumen an mich, legte es erst unters Kopfkissen, klebte es dann ins Tagebuch zu den Trambilleten, welche Louis im Tram hatte fallen lassen, die aber andere mir anschleppten, und ich wusste nicht mal, ob es wirklich seine Billete waren.
 
In der Folge sah ich den Boss den ganzen Sommer über in der Badi Allenmoos. Er mich nicht, ich blieb auf Distanz. 
 
Jahre später hatte mein Bruder Hubert mich daran erinnert, dass ich dem Boss im Winter ins Eisfeld Dolder nachgefolgt war. Ich konnte mich beim besten Willen nicht erinnern. Und woher hätte ich überhaupt wissen sollen, dass er im Dolder Schlittschuh laufen
ging? Dafür hatten wir doch das Hallenstadion? 
 
Wir stritten lange, da sagte Hubert etwas von der Bushaltestelle Susenberg, da war ich bisher noch nie im Leben ausgestiegen. Warum erinnerte ich mich jetzt an den Namen Susenberg anstatt an Boss? Unbegreiflich!
 
Ich durchstöberte meine Tagebücher. Hubert hatte recht. Wir beide waren dahin gefahren und Schlittschuh gelaufen auf dem Eisfeld Dolder. Boss und Hannes waren tatsächlich dort, aber die frästen nur pausenlos herum, ich bekam kalte Füsse in den engen Schlittschuhen und wollte bald wieder heim. Ich hätte grössere Schlittschuhe organisieren (oder mieten) sollen. Im Hallenstadion waren sie mir damals noch gross genug. Als sie mit den Jahren zu eng wurden und keine Wollsocken mehr dazwischen Platz fanden, ging ich einfach gar nicht mehr Schlittschuh laufen. 
 
Claudi hatte von jemandem die Klassenfoto ausgeliehen, wo Boss drauf war. Zwar hatte ich den auch gezeichnet, aber er war so ebenmässig, dass es auch sonst ein schönes Gesicht hätte sein können. Damals gab es keinen Compi, Scanner, Bildbearbeitungsprogramm, nicht mal Fotokopierer, die vergrösserten. Damals unternahm ich folgendes: ich schickte oder brachte die Foto in einen Fotoentwicklungsladen, wo man auch die normalen Fotofilme zum entwickeln hinbrachte und die Abzüge abholte. Ich zeigte, welchen Kopf ich heraus vergrössert haben wollte und wie gross. 10 cm mindestens. Das Geschäft machte dann ein Repro. Die Originalfoto wurde abfotografiert und der Abzug vergrössert. Hatte grobes Korn. Egal, Hauptsache Boss.
 
Im KV hatte ich einen der Brüder gesehen. Wir waren im gleichen Stenokurs. Er kam nur 2 oder 3 x, dann nicht mehr. Wie oft bei rothaarigen Kindern verschwand die Röte in den Haaren im Erwachsenenalter. Die Augen waren nicht mehr grün, nur noch grau. Das ist keine Wertung, einfach eine Beobachtung. 
 
Im neuen Jahrtausend waren die Daten im Internet massiv angeschwollen und die Bilder von den anfänglichen unbrauchbaren Thumbnails von ca. 9 Pixel auf 1000 Pixel erhöht. Ich gab den Namen Walter Boss ein. Da war er auf dem Bild an einem Schreibtisch, stützte das Kinn auf die Hand mit der Armbanduhr dran. Die Grübchen hatte er noch, den Märzenflecken unter dem Auge konnte ich nicht mehr erkennen. Die Frisur sah nach Toupet aus. Sitzt jedes Härchen korrekt und sieht man keinen Haaransatz, wirkt es halt wie Toupet. Er arbeitete in einer grossen Treuhand- und Liegenschaften-Verwaltungs-Firma. Vielleicht konnte man mit Toupet mehr Kundschaft akquirieren als mit Glatze. Mir selber war es einerlei ob Glatze oder nicht. Ich wüsste im Moment sogar einen, dem steht die Glatze viel besser als ein Toupet.
 
Ganz wichtig: mit Glatze meine ich nicht kahlrasierte Schädelkugeln, sondern den der Natur überlassenen Verlauf des Haaransatzes und das Wachsen-lassen der Resthaare.
 
Louis und Eberhart konnte ich nicht im Internet finden. Auch nicht im facebook. In meiner Generation gibt es Leute, die finden, jetzt müssten sie nicht noch damit anfangen, bis jetzt sei es ohne gegangen, was sollten sie jetzt mit dem komischen Zeug! 
 
Nach ein paar Jahren suchte ich erneut meine alten Flammen. Boss hatte sein Bild aktualisiert. Aber er sass wieder genau gleich am Schreibtisch und stützte das Kinn auf die Hand, damit man die Uhr bemerkten musste. Das Toupet war diesmal etwas vertschuderet, so dass man nicht gleich ein Toupet vermutete. Das  Bild war auch unschärfer als das andere. Oder wollte er mit Weichzeichner die Falten verschwinden lassen? 
 
Eins muss ich ihm hier sagen, falls er das je liest: Die Armbanduhr ist nur als weisse Scheibe zu erkennen, man sieht überhaupt nicht, ob es eine Rolex sei oder nicht :-) Er würde erwidern, das wisse er denk schon, dass man das Zifferblatt etc, er habe gar nicht die Uhr präsentiert, sondern das Kinn auf der Hand abgestützt.
 
In jener Zeit, 17, 18, 19 Jahre alt, kam mir dann schon noch mehr in den Sinn, was die Kerle mit mir machen sollten. Mit dem Boss wär' ich voll ins Nest gestiegen, hätte er das gewollt. Drum begegneten mir noch andere attraktive Jungmänner, aber die interessierten sich ebenfalls nicht. Und wenn sie nicht wollen, kannste nix machen.
 
In den heutigen TV-Filmkomödien steigen die Mädchen und Frauen den Männern nach und werfen sich ihnen an den Hals oder küssen sie, ohne das es denen von selber in den Sinn gekommen wäre, und haben oft Erfolg dabei. Vor allem wenn Männer das Drehbuch geschrieben und Regie geführt haben. Dann machte mal Frau Doris Dörrie eine Liebeskomödie, da gingen die Männer wegen einer Frau mit Messern aufeinander los. In andern Filmen verprügeln sich manchmal Rivalen, sogar Rivalinnen, weil sonst der Film zu früh zu Ende wäre. Und weil es Dramatik braucht. Auch in Komödien.
 
In den 1990-er-Jahren hatte ich mal ausprobiert, was passiere, wenn ich einem Auserwählten zuleibe rücke wie die in den Filmen. Ich wurde ein Stück weit weg geschoben, und als ich wenig später zu Boden sank und bat, er solle mir helfen aufzustehen, sagte er: "Du kannst kriechen!"
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Hast du jemals ein Tagebuch geführt? Falls ja, ab wann, wie regelmässig? Später auch noch?
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7.2.  Primarschulzeit – Grundschule Oberstufe.

Hast du jemals ein Tagebuch geführt? Falls ja, ab wann, wie regelmässig? Später auch noch?
Je intensiver eine Verknalltheit war, je länger und je aussichtsloser, desto mehr reagierte ich die nicht benötigte oder gar im Wege stehende Energie ab um Tagebuch schreiben. Ich musste viele Worte erst mühsam finden oder gar erfinden, um meine Gefühle, die lodernde Liebe, die Sehnsucht und die Trauer über das Ausbleiben der Erwiderung zu beschreiben.  
 
Ich führte nicht Tagebuch, indem ich wahllos jeden Tag alles aufschrieb, was sich am Tag ereignet hatte. Ich formulierte hauptsächlich Gefühle, beklagte mein Schicksal, beobachtete mich selber kritisch, was an mir alles nicht gut genug sei. Nach meinem ästhetischen Empfinden war einzig meine mittelmässige Akne störend. Es musste aber noch viel mehr sein, und ich wusste nicht was. Ich war weder dick noch missgestaltet, ich war keine Zicke, ich lachte nicht andere aus, ich wollten niemanden bestehlen oder betrügen, ich war kein Blaustrumpf aber auch nicht völlig bildungsunfähig. Ich war keine Schönheit, vor der man in Ehrfurcht und Demut zu Boden sank, aber auch kein Zombie. Ich war doch so gewöhnlich wie die andern! Es nützte alles Hintersinnen nicht. Es war so und blieb so.
 
Zum Glück wusste ich das noch nicht, sondern befahl meiner Vernunft, die Hormone zu beruhigen mit Sprüche wie: "Das kommt schon noch, das ist normal, dass man nicht alle kriegt, die man möchte, irgendwann werde ich schon auch noch Glück haben."  Natürlich nicht mit irgend einem, sondern mit einem, der mir gefiel, in den ich verliebt war und er genauso in mich. In den Märchen war es ja auch so, und die eigenen Eltern hatten ebenfalls aus Liebe, Verliebtheit oder gegenseitiger Bewunderung und Harmonie geheiratet und Kinder bekommen. Ich fand, das sei normal und stünde mir deshalb zu. 
 
Der andere Grund für die Tagebücher waren die Begegnungen. Wann und wo genau, welches die Umstände oder auch Vorwände waren. Je nach dem wo die Betreffenden wohnten, kam es eben zu mehr Vorwänden. Mit einigen hat man geschäftlich zu tun, man sieht sich, man grüsst sich, da klassierte ich jedes Nicken, jedes noch so schwache Lächeln ein, ergründete akribisch den Gesichtsausdruck. War Gleichgültigkeit darin? Interesse? Blasiertheit? Warum war der andere da oder dort? Wegen mir? Nein, sicher nicht!
 
Ich besass 200-seitige Tagebücher wo nichts anderes als Kalender-Daten drin standen, und ob er mich gegrüsst habe oder nicht, ob nicht gesehen oder extra ignoriert, ob gelächelt oder nicht, etwas gesagt oder gar nicht da gewesen. Es war mir wichtig, solches festzuhalten. Was gewesen war, das war gewesene Tatsache, die kann einem niemand mehr wegnehmen. Trotzdem las ich diese ganzen Tagebücher später nicht mehr. Wozu auch? Sobald die eine Verknalltheit abgeflaut und die nächste angebrochen war, galt mein ganzes Denken nur noch dem Neuen.
 
Ich dachte von mir, ich sei verrückt, solches alles aufzuschreiben. Dann sah ich den Film "In Sachen Liebe" mit Meg Rayan und Matthew Broderick. Er war Astronom und Optiker und hatte mit Fernrohren und optischen Berechnungen zu tun. Seine Verlobte reiste zu Weiterbildungszwecken in einen andern Bundesstaat. Dort verknallte sie sich in einen andern und wollte nicht mehr zurück kommen. Broderick hielt das nicht aus. Er reiste ihr nach, fand eine leerstehende Fabrik ihrer Wohnung gegenüber, installierte seine Fernrohre und Beleuchtungen, und mit der Zauberformel "Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel" projizierte er die verlorene Freundin auf eine Mauer in der Fabrik, schaute ihr zu, was sie machte, wie sie mit dem Freund gestikulierte, wie sie kochten und assen und vieles mehr. Auch er schrieb auf, welche Gesichtsausdrücke er erspähte, wie lange sie mit dem neuen Freund redete etc. 
 
A-ha, andere taten das auch !! Ich war nicht wirklich verrückt. Im Film tauchte alsbald Meg Rayan auf und installierte Mikrophone, Verstärker und Lautsprecher. Der neue Freund von Brodericks Verlobter war ihr alter Freund. Sehen genügte mir, hören musste ich meine Geliebten nicht auch noch. 
 
Filme sind nur Erfindungen. Aber es sind Menschen, welche die Geschichten erfinden. Ich war nicht die einzige, welche die Zeit mit beobachten und aufschreiben überbrückte. 
 
 
  
Erinnerst du dich an Gewalt an der Schule? Gabe es so etwas wie Gangs? Meinst du, dass das anders war als heute?
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8.  Sekundarschule und/oder Gymnasium?

Erinnerst du dich an Gewalt an der Schule? Gabe es so etwas wie Gangs? Meinst du, dass das anders war als heute?
Im Primarschulhaus verbrachten Raufbolde die Pausen mit Machtkämpfen, Stärkemessen und Prügeleien.  Die andern spielten Fangis und Versteckis, Springseil oder Schnurspiel oder sagten dumme Verse auf wie "Der Hitler kam geflogen auf einem Fass Benzin, da meinten die Franzosen, es sei ein Zeppelin. Sie wollten ihn bekränzen mit tausend Affenschwänzen ..."
 
Im Oberstufenschulhaus spazierten alle Schüler auf dem grossen Pausenplatz zu zweit oder zu dritt auf und ab, manchmal blieb ein Grüppchen beieinander stehen und verhandelte irgendwas.
 
Sich zu prügeln war Bubizeug. Erwachsene (ab 13) taten das nicht, ausser sie hatten mehrere Klassen wiederholen müssen und waren mit 15 noch im Primarschulhaus.
 
Ich denke, im grossen und ganzen bleibt Gewalt (Prügeln unter Schülern) immer etwa gleich. Man sollte aber schon noch differenzieren, was Gewalt sei und was noch nicht. Wenn "Gewalt" Totschlag, Vergewaltigung, Folter bedeutet, dann sind Rangeleien, auch gröbere, noch keine Gewalt. Um sich schlagen und treten, wenn man belästigt oder gereizt wird, auch noch nicht. Dann gibt es ein grosses Mittelfeld von Nuancen, es kommt immer auch auf die Umstände an. 
 
Gangs waren mir nicht bekannt, das heisst aber nicht, dass es keine gab.
Wie wurde die Disziplin in der Schule bzw. in der Klasse hergestellt? Gab es bestimmte Vorschriften?
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8.  Sekundarschule und/oder Gymnasium?

Wie wurde die Disziplin in der Schule bzw. in der Klasse hergestellt? Gab es bestimmte Vorschriften?
Im Primarschulhaus pflegten die Lehrer - jedenfalls in meiner Klasse - nach den Pausen prinzipiell zu spät zu kommen, oft sehr spät, halbe Stunden oder noch länger. Unterdessen tobten die Buben umher, kämpften, sprangen über die Bänke, warfen Sachen herum, die Mädchen rückten zusammen um sich gegenseitig Schutz zu bieten. Das Geschrei dazu war ohrenbetäubend. Kam die Lehrperson herein, rannte alles auf die Plätze und blieb still, jedoch hatte man den Lärm durch alle Gänge hindurch schon hören müssen. Manche Lehrer taten, als hätten sie nichts vernommen, anderseits fiel ihnen von Zeit zu Zeit ein, dass es ihre Pflicht war, der Klasse Disziplin beizubringen. Dann wurden Strafaufgaben über die ganze Klasse verhängt. Zwei Seiten aus dem Lesebuch abschreiben. War mir egal, schreiben machte mir keine Mühe, da war ich innert Minuten fertig.
 
Disziplin wurde daraus nicht. Lebhafte Kinder, typische Kämpfer-Buben gab es zur Genüge in jeder Klasse, diese konnten auch nichts dafür, es war einfach der Drang nach Bewegung und Kräftemessen in ihnen. Dem gaben sie sofort nach, wenn kein Lehrer zugegen war. In der Sek war das dann völlig anders. Man schwatzte nur noch, wenn  Lehrer sich verspäteten. Ich weiss nun nicht, wie es in der Realschule war. Wer sich in der Sek nicht anständig zu benehmen wusste, fand sich bald in der Realklasse wieder. Dort war noch Schulpflicht. Da führten sich manche Schüler auf wie wilde Affen. In höherer Schule ohne Pflicht war man aus eigenem Interesse dort, wollte etwas lernen und nicht rausgeworfen werden.  
Hattest du Auseinandersetzungen mit Lehrern oder der Schulleitung?
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8.  Sekundarschule und/oder Gymnasium?

Hattest du Auseinandersetzungen mit Lehrern oder der Schulleitung?
Nein, kann mich nicht erinnern, alles lief normal ab. 
Wie waren deine Schulleistungen? Half dir jemand?
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8.  Sekundarschule und/oder Gymnasium?

Wie waren deine Schulleistungen? Half dir jemand?
Diktate und Aufsätze gut, Grammatik je nach dem. Ich wusste zwar die Grammatik, konnte die Regeln aber nicht benennen. 
 
Für einfaches Rechnen brauchte ich etwas Zeit, von der 6. Klasse an verstand ich die Sätzlirechnungen nicht mehr. Unter Zeitdruck passierten mir häufig Flüchtigkeitsfehler.
Geschichte interessierte mich nicht, zum Teil verabscheute ich die Lektionen, wenn von Kriegen und Foltermethoden die Rede war. Ich hielt mir auch schon die Ohren zu.
Geografie interessierte mich schon viel eher, aber ich hatte keine Lust, neben den Städten auch noch und Flüsse, Bergen und Seen auswendig zu lernen. In den Prüfungen spickte ich kalten Arsches.
 
Ich konnte gut singen und zeichnen. Beim Turnen kam es auf die Turnlehrer an. Dort, wo man hauptsächlich Völkerball und ähnliches spielte, war ich schlecht, ich meine, ich machte mich unsichtbar, ich wollte keine scharf geschossenen Bälle aufhalten, mich auch nicht treffen lassen, wusste immer gut auszuweichen, war aber keine Hilfe für die Mannschaft. 
 
In Leichtathletik war ich viel besser. Nicht die Beste, behüte nein, das war nie mein Ziel, aber ich konnte recht schnell rennen, weitspringen und als Fliegengewicht sehr schnell die Stange hoch klettern. Beim Hochsprung wollte ich keine Risiken eingehen und trat schon bald nicht mehr an, obwohl die Latten nur aufgelegt waren. Es konnte nichts passieren. War man nicht hoch genug, riss man einfach die dünne leichte Latte mit runter, aber auch das wollte ich nicht. Ich liebte es dafür, an den Ringen und Trapezen zu schwingen oder am Rundlauf.  
 
Beim Zeichnen gelangen mir die ersten Highlights. Ich hatte den George Harrison so oft ab Bravoheftli-Fotos abgezeichnet, dass ich ihn spielend auswendig konnte. Von allen Seiten. Das halbe Schulhaus strömte ins Klassenzimmer um die an der Wand aufgehängten Portraits und vor allem den George Harrison zu bestaunen. Der Ruhm setzte mich etwas unter Erfolgszwang. Ich zeichnete in der Freizeit wie wild, nicht nur die Gesichter, auch die Körper möglichst in richtiger Anatomie. Karikaturen und Witzfiguren interessierten mich nicht. Ich wollte die Natur abbilden, was mir mehr und mehr gelang. Dazu entwarf ich perspektivische Häuser, Schlösser, Türme und Zimmer. Es faszinierte mich, wie mittels Perspektive und Fluchtpunkten die Zeichnungen plastisch wurden. Beim Beobachten der Gesichter begriff ich definitiv die Wirkung von Licht und Schatten, was auch für die Architektur galt.
 
Ich malte grossflächige Märchenszenen und Illustrationen eigener Geschichten. Von daher war ich imstande, Gesichter von Mitmenschen gut kenntlich zu zeichnen oder gar zu malen. Wollte ich bestimmte Gesichter haargenau richtig hinkriegen, konnte ich Klassenfotos auftreiben und davon abzeichnen. War keine Klassenfoto noch sonst was vorhanden (facebook gab es noch längst nicht) musste ich mich aufs Gedächtnis verlassen. Profile konnte ich mir schon immer gut merken. Von da konnte man die Gesichtsproportionen für die Frontansicht ableiten, man musste dann nur noch die Gesichtsbreite abschätzen, die Abstände der Augen, die Breite der Nase und er Lippen, die Form der Augenbrauen.
 
Wenn ich zu lange daran herum radierte und korrigierte, wurde ich immer unsicherer, glaubte die Zeichnung würde dem Portraitierten nur noch immer unähnlicher, dann musste ich aufhören und am nächsten Tage nochmals dran gehen. Dann war ich erstaunt, wie gut es schon getroffen war.
 
Diese Fähigkeit tröstete mich einigermassen darüber hinweg, dass ich die betreffenden Leute nicht dauernd in echt anschauen und schon gar nicht als Partner gewinnen konnte.
 
 
 
 
 
 
  
Wie hätten sie reagiert, wenn du einen ausgefallenen Berufswunsch geäussert hättest? Oder ist das sogar geschehen?
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8.  Sekundarschule und/oder Gymnasium?

Wie hätten sie reagiert, wenn du einen ausgefallenen Berufswunsch geäussert hättest? Oder ist das sogar geschehen?
Meine Eltern waren der Meinung, dass man einen Beruf erlernen sollte, den man gerne ausübt, egal wie die Belohnung oder Karriere-Chancen sind. Einer meiner Brüder wurde Orgelbauer.
 
Die Berufsberatung schlug mir Grafikerin vor. Aber ich wollte nicht nach Vorschrift zeichnen, sondern nur was ich wollte und mir gefiel. Ausserdem wollte ich keinen Beruf, wo es mich dann reuen würde, damit aufzuhören, wenn die Kinder kämen. KV schien mir das simpelste, leichteste und lohnendste. 
 
Auch da bekam ich die Freiheit dafür. Andere Eltern hätten darauf bestanden, Talente auszunützen. 
 
Ich habe es nicht bereut. Ich sah, was andere Grafik-Lehrlinge in der Kunstgewerbeschule machen mussten und was Grafiker in der Werbeagentur, wo ich die KV-Lehre hinter mich brachte. Das wollte ich nicht. Illustratorin oder Kunstmalerin wäre wenn schon besser gewesen.
 
Auch das bereute ich nicht. Mein Schwager war unter anderem Lektor in einem Kinderbilderbuch-Verlag. Dort suchten sie neue Texte. Also Kindergeschichten. Ich schrieb welche, die in die aktuelle Zeit passten und die Vorgaben Konflikt - Konfliktlösung - Happyend beinhalteten. Der Verleger bestellte mich zu sich ins Büro, also parkierte ich meine damals 3 Kinder bei meiner Mutter und reiste zu diesem Verlag. Der Redakteur lachte ob meinen Geschichten, fand sie gut, und ich solle noch mehr davon schreiben, 10 oder 20 oder so viel ich wolle und alles laufend einschicken.
 
Die Bilder in diesem Verlag waren meinem Stil ähnlich, nicht abstrakt, nicht neue Kunst, schöne Farben, detailliert, schöne Gesichter und Figuren, prächtige Kleider und Gebäude. Der Verlag hatte aber schon genug Grafiker dafür. 
 
Ich schrieb natürlich keine andern Geschichten mehr. Wollte er von den 5 eingereichten nichts, was sollte ich dann noch? Von meiner Schwester erfuhr ich, dass Kunstmaler und Grafiker alljährlich an eine Bilderbuchmesse in Italien gingen, ihre riesigen Mappen mit ihren neuesten Kunstwerken für Kinderbilderbücher anschleppten; die massgebenden Leute betrachteten alles eingehend und sagten zu jedem: "Toll! Ganz toll! Machen Sie fleissig weiter so und kommen Sie nächstes Jahr wieder!"
Das fand ich pure Zeitverschwendung. 
 
Es gibt halt viel zu viele Künstler. Mindestens die halbe Menschheit ist kunstbegabt. Mich mit den Ellbogen durchzuboxen mit Ehrgeiz und Kämpferwille war nie eine Eigenschaft von mir.  
Wie war damals dein Gefühlsleben?
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8.  Sekundarschule und/oder Gymnasium?

Wie war damals dein Gefühlsleben?
pubertär im Vollbild, himmelhoch-jauchzend-zu-Tode betrübt, von all den Hormonen durchgeschüttelt bis zur Todessehnsucht. 
Gab es auch Zeiten, in denen du den Bettel hinschmeissen wolltest?
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8.  Sekundarschule und/oder Gymnasium?

Gab es auch Zeiten, in denen du den Bettel hinschmeissen wolltest?
Wenn es Zeiten gab, wo ich am liebsten den Bettel hingeschmissen hätte, dann hatte ich den Bettel auch wirklich hingeschmissen, gekündigt zum Beispiel oder Affären beendet, die Scheidung eingereicht, faule Zähne ziehen lassen oder Gallenblase wegen Steinen und Koliken raus geworfen.  Es ändert nichts, sich nur zu beklagen oder von andern zu verlangen, dass sie sich änderten. Man muss selber die Situation ändern, die einem nicht mehr passt. Das war wohl die Konsequenz, die ich bei meinem Vater als Sturheit empfunden hatte. Diese Konsequenz erleichterte mir das Leben ungemein, wenn ich an andere dachte, die lieber jammerten als die Situation änderten. Offenbar gefiel denen das Jammern halt besser. Jedem das Seine. 
Hast du in deiner Jugend und später Sport getrieben? Oder dich zumindest dafür interessiert?
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9.  Meine Freizeit

Hast du in deiner Jugend und später Sport getrieben? Oder dich zumindest dafür interessiert?
Sport war wie Kunst: nur wozu ich Lust hatte, Velo fahren, schwimmen, mit Fangis herumrennen, auf Bäume klettern, später tanzen (nicht Gesellschaftstänze), aber bitte nichts organisiertes wo man regelmässig hingehen und tun musste, was vorgemacht wurde.  
Hast du dich für Musik interessiert? Wie hast du Musik gehört?
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9.  Meine Freizeit

Hast du dich für Musik interessiert? Wie hast du Musik gehört?
Klassische Musik hörte ich schon im Uterus. Wobei die Klassik nur ein Sammelbegriff ist über Renaissance, Barock, Klassik, Romantik und Spätromantik. In fliessendem Übergang kommen dann Jazzstandards, Musical, gehobener Pop und exotische Volksmusik. Heutiger Pop und generell schweizer- und deutsche Volksmusik nervt mich eher wegen ihrer Gleichförmigkeit und minimem Tonumfang.  Rap ist für mich eine Art zu sprechen, Techno sind interessante Klangmuster und Rhythmen, die aber viel zu lange gleich bleiben und darum nicht unter Musik gehen.
 
Meine Mutter spielte täglich Klavier, oft Chopin und ähnliches, Schubert, Mendelssohn, Grieg oder Liszt. Soweit ich mich zurück erinnern kann, durfte ich auch Klavier spielen. Sie setzte sich dann neben mich, öffnete Notenbücher mit Kinderliedern und Begleitung in 4-händigen Arrangements. Sie zeigte mir, welche Noten wie heissen und auf welchen Tasten zu drücken sind. So spielte ich Kinderlieder nach Noten und sie begleitete dazu. Ich war 5 Jahre alt, wusste keine Buchstaben und keine Zahlen, aber ich konnte nach Noten Lieder spielen auf dem Klavier, auch 2-händig. Ein Wunderkind war ich gleichwohl nicht, nicht im Mindesten. Sobald der Ton- und Stimmumfang grösser wurde, musste ich wacker üben. Sollte ich noch einen bestimmten Fingersatz dazu einhalten, stiess mein Gehirn bereits an Grenzen.
 
Das verdarb mir die Musizierfreude keineswegs. Ich übte und spielte und klimperte und übte wieder ernsthaft. Bald komponierte ich auch und schrieb die Noten auf. Es handelte sich um Melodien mit Begleitmuster, möglichst in Moll, sogar in Fis-moll, weil ich das noch möller fand. Die Kinderlieder in Dur waren definitiv passé und meiner nicht mehr würdig.
 
Ich ging bei einem Nachbarn in die Klavierstunde, der noch im Seminar war und gut Klavier spielte. Mit den Fingersätzen wusste ich mich lange durchzuwursteln, vor allem, weil es bei leichten Stücken weniger drauf ankommt. Er erklärte mir, wie die Intervalle heissen, was Tonika, Dominante und Subdominante sei, weihte mich ein in den Quintenzirkel mit  Paralleltonarten und Modulationen, Kadenzen und Triller-Arten etc. Weil die Klaviertasten als Töne ausgebreitet vor den Augen liegen, konnte ich die aufgezählten Dinge gut verstehen.
 
Irgendwann musste ich ein kurzes Stück ohne auf die Tasten zu gucken spielen, nur auf die Noten schauend. Das war ein tolles A-ha-Erlebnis. Kinder spielen Stücke oft bald auswendig und schauen dabei auf die Tasten, um sie nicht zu verfehlen. Dabei kann man auch abenteuerliche Fingersätze benutzen wie Chico Marx von den Marx-Brothers. 
 
Will man aber anspruchsvollere Musik spielen, geht es viel besser, wenn man sich die einigermassen richtigen Fingersätze angewöhnt und auf die Noten schaut statt auf die Tasten. Meine Erfahrung ist die, dass "gewöhnliche" Leute nicht Notenlesen können (noch wollen) und zwei oder im Höchstfall drei Klavierstücke auswendig spielen. Aber nie etwas anderes dazu, das ganze Leben nicht. Wenn es ihnen genügt, warum nicht! Mir genügte das schon mit 10 Jahren nicht mehr. Die Musikliteratur, nur schon allein für Klavier, ist unermesslich. Wenn mir auch nicht alles gefällt, denn auch Klassik kann langweilig sein, so bleibt doch unendlich vieles, was mich berauscht und beglückt.
 
Irgendwann wollte ich nicht mehr in die Klavierstunden, sondern nur noch lernen, was ich von mir aus wollte. Das waren da gerade die Lieder ohne Worte von Mendelssohn. Jahre später, während der Lehrzeit durfte ich jeweils über eine Mittagsstunde den Orgelunterricht am Konsi besuchen. Bei Luigi Favini, Organist zu Liebfrauen. Schöne Zeit. Wenn ich ankam, war noch Esther Sialm am üben. Weil kleiner als ich, wähnte man sie viel jünger. Wenn sie Ihre Noten zusammen packte, sagte sie, ich könne schon mal anfangen. Das tat ich aber nicht. Obwohl nicht ehrgeizig, musste ich den Profis nicht zwingend unter die Nase reiben, dass ich gegen sie eine elende Stümperin war. Denn solche Unterschiede erkannte ich mit Sicherheit, auch wenn ich sonst nicht die hellste bin. 
 
Zuerst spielt man im Orgelunterricht einen halben Notenband Manual-Stücke. Pedal allein gelang mir auch, aber Hände und Füsse zusammen war eigentlich zu schwer für mich. Wieder einmal machte ich die Erfahrung, dass ich gar nicht so gut und so talentiert war, wie meine Mutter, Grossmutter und einzelne Lehrer mir weis machen wollten. 
 
Die Übungsstücke waren kurz, oft nur eine halbe Linie. Die schaffte ich dann doch noch mit Pedal, aber bei längeren Stücken ging mir der Strom aus. Ich wurstelte mich wieder eine Weile durch. Wursteln war also ebenfalls ein Talent von mir. 
 
Die Lektionen dauerten eine knappe Stunde. Das ist lange für Schüler, die nur Hausmusik und Mittelstufe spielen. Ein Stück gefiel mir ganz besonders, das übte ich wie besessen, meinte, ich könne es ordentlich, aber Favini fand, diese Art Stücke seien halt zu schwer für mich. Es war aber nur die zweistimmige g-moll-Intention, wie ich später heraus fand. Da übte ich das Stück grad extra noch weiter, obwohl Favini es nicht mehr anhören wollte. 
 
Wenn ich nach einer halben Stunde ermüdete, spielte Favini mir allerlei vor, was er so für sich oder in der Kirche zum Auszug spielte. Der Klavierlehrer hatte das auch getan, aber der war grad in der modernen oder hoch-spät-romantischen Phase, was mich nicht begeistern konnte. Favini spielte, dass man meinte, man sei im Himmel. Das genoss ich natürlich sehr. 
 
Nach 2 Jahren fand er, dass ich im nächsten Semester auch bei den Vortragsübungen mitmachen könnte. Er fragte nicht, ob ich wollte, er meinte wohl, ich täte mich darüber freuen. Oder es wäre nützlich für mich, denn Organisten sollen später in den Kirchen orgeln wie die Trompeter in den Blasmusik-Kapellen. 
 
Mein Vater hatte aber zuhause mittels Bausatz von Böhm eine elektrische Orgel gebaut. 2000 Lötstellen. Oder 20'000? Mit den Zahlen habe ich es überhaupt nicht. Elektronische Instrumente folgten erst viel später.  Ausserdem durfte ich in der Herz-Jesu-Kirche in Örlikon abends so oft üben wie ich wollte. Für mich hatte das Orgelspielen so durchaus seinen Sinn. Es erweiterte meinen musikalischen Horizont, die Spielweise war sehr unterschiedlich. Nicht alle Klaviermusik eignete sich für Orgel und umgekehrt. Ich profitierte von der Orgelmusik auch fürs komponieren.
 
Nun wollte er mich für die (öffentliche !) Vortragsübung (Schülerkonzert) anmelden. Das traute ich mir nicht zu, hatte aber keine Lust es ihm zu sagen. Das passierte mir 20 Jahre später nochmals in einem andern Fall. Keine Lust zu sagen, ich käme nicht mehr, einfach nicht mehr neu anmelden und schon ist man sang- und klanglos raus. Der Lehrer machte ja nicht die Administration, und wenn ich nicht mehr auftauchte, würde er es nicht bemerken bei den vielen andern Schülern. Im andern Fall handelte es sich um eine andere Berufsart, aber sonst kam es aufs Gleiche heraus. Dann bin ich wohl eine feige Memme.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Hast du Musik gezielt gesammelt?
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9.  Meine Freizeit

Hast du Musik gezielt gesammelt?
Gesammelt in Noten und Platten habe ich Beatles, Walker Brothers, zuletzt Bach.
Hast du selber ein Instrument gespielt? Warst du in einer Musikformation, in einer Band?
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9.  Meine Freizeit

Hast du selber ein Instrument gespielt? Warst du in einer Musikformation, in einer Band?
Meine Schwester und ich hatten vom Grossvater zwei alte Gitarren aus dem vorletzten Jahrhundert im Estrich gefunden. Sie waren kaum verstimmt. Der Grossvater zeigte uns die gebräuchlichsten Griffe, und los gings mit Singen und dazu schrummen. 
 
Vom klassischen Musikunterricht her wusste ich die Begleitungen für die einfachen Lieder zu modulieren mit allerlei Tonarten. So gefielen sie mir besser. Anderseits spielten wir eh bald Beatles und Chansons darauf. 
 
Ich weiss nicht, wie das heutzutage ist, aber damals gründete jeder, der 3 Griffe auf der Gitarre und ein paar Rocksongs wusste, eine Band.  Meine Schulkollegin Cécile wollte Schlagzeug spielen und suchte andere aus der Klasse für Gitarre und Singen. Das waren dann die Schulkollegin Hilde und ich. Cécile hatte aber nicht wirklich ein Schlagzeug, sondern sie trieb 2 grosse Tomatenpüre-Werbekartonbüchsen auf, etwa so gross wie Schlagzeugpauken, dazu benutzte sie Holzkellen als Schlagstöcke. Ich weiss jetzt nicht mehr, ob sie noch Cinellen dazu hatte. Keine Ahnung mehr. Auf diesem Schlagzeug trommelte sie. Mir war's recht.
 
Hilde lernte die Gitarrengriffe, singen konnte sie auch einigermassen, aber wenn sie nicht sicher war, sang sie lieber mir nach. Wir spielten hauptsächlich "The House of the Rising Sun" in der Fassung von Eric Burdon. Dazu Eigenkompositionen. Beatles-Stücke waren zu schwer, und ich kriegte nicht innert nützlicher Frist die Harmonien raus. Das war oft Blues, und das hatte ich nicht beim Klavierlehrer oder bei Favini.  Später kamen die Notenbücher davon raus, dann war es natürlich kein Problem mehr. Allenfalls noch mittels Kapotaster die Intonation für die Singstimme anpassen oder das Lied transponieren in Griffe, die möglichst gut klangen auf der Gitarre. Barrengriffe schaffte ich nicht mit meinen zarten Mädchen-Fingern. Sowas war Männersache. Wie Holz hacken.
 
Meine Lieder und Texte waren eher melancholisch wie Chansons. Kein Wunder bei meinem sagenhaften Liebes-Pech! Viele Popmusik beinhaltet die unerfüllte Sehnsucht oder den Verlust der ersten Liebe. Cécile wollte auch einen Song beisteuern und dichtete einen Text in englisch: "We shall kill our Teacher." Mir gefiel das überhaupt nicht, aber man muss den andern ihre Sachen auch gelten lassen. Ich machte eine Melodie mit Akkord-Begleitung dazu, und wir übten das wie andere Lieder auch.
 
Meine Mutter sondierte offenbar von Zeit zu Zeit das Mäppchen mit all den handgeschriebenen Notenblättern. Die Teacher-Killer-Geschichte fand sie sonderbarerweise sehr originell und lustig, im Gegensatz zu mir. Ich hatte nie etwas gegen meine Lehrer, und den Franz- und Deutschlehrer in der Sek mochte ich sehr, oder ich bewunderte ihn sogar. Die Deutschstunden, oft mit Gottfried-Keller-Geschichten wie "Kleider machen Leute", fand ich wunderbar unterhaltsam und lehrreich in Bezug auf Sprach-Stil und überhaupt. Französisch paukte er uns so ein, dass wir die Sprache ohne Accent beherrschten. 
 
Er war wahrscheinlich 60 oder darüber, eisgraue Haare, auf der Stirn eine grosse Talgbeule, die er sich aber nicht raus schneiden liess. Am Pult zog er seine Taschenuhr aus dem Gilet und legte sie neben die Bücher. Er redete nur leise, ich meine, er schimpfte nie. Dadurch hatte er eine unerklärliche Autorität. Niemand getraute sich zu spicken bei den Prüfungen. Wenn die Jungen mal blöde Antworten gaben, oder die ganze Klasse etwas vom Stoff hätte wissen müssen, aber es war nicht der Fall, dann sagte er am Ende der Stunde: "Geht, geht! Heute gebe ich keinem von Euch die Hand!" Als ob uns das was ausgemacht hätte! Ich fand das hoch originell. Auch mal sagte er: "Ich weiss ein schönes griechisches Wort. Aber ich sage es euch nicht." Herrlich!
 
Die meisten Schüler lästerten über alle Lehrer. Da ging ich natürlich nicht hin und sagte, ich fände den Honegger gut als Lehrer. Und nun also das Lied von den Teacher-Killern. Alle Verwandten und Bekannten erfuhren von meiner Mutter, dass ich (!) dieses Lied geschrieben hätte. Ich konnte hundertmal und jedesmal lauter und genervter erklären, C é c i l e   hätte den Text geschrieben und gewünscht, dass ich ein Lied daraus mache. Der Text sei  n i c h t   v o n   m i r   und ich empfände auch keine Mordlust irgend welchen Lehrern gegenüber.
 
Noch nach vielen Jahrzehnten konnte meine Schwester an Familienfesten diese Sache auftischen und mich damit ärgern. 
 
Am Schul-Silvester durften Schülerbands im hallenden Korridor auftreten und musizieren. Zwei meldeten sich. Die eine wurde von 3 Jungen einer andern Klasse bestritten, die andere waren wir. Am Vorabend installierten wir unser Zeug und übten. Ein Lehrer hatte uns Mikrophone und Lautsprecher organisiert. Die Universal-Mikrophone nahmen alles, auch das Gitarrengeschrumme auf, denn wir besassen keine E-Gitarren.
 
"House of Rising Sun" war immer das erste Stück auf unseren Programmen, dann folgte je nach Publikum anderes. Die Jungen produzierten Hard Rock oder Heavy Metall oder etwas in dieser Richtung. Gute Ergänzung zu unserem Stil.
 
Am Abend zum Tanz im Gang mit Snacks und Getränken, sollten wir als erste Band spielen. Die Mikrophone funktionierten nicht. Kein Strom drauf. Gestern war aber Strom drauf. Wir suchten Steckdosen und Sicherungskasten. Das Kabel steckte, aber die Sicherungen fanden wir nicht. Weil es auch samt der Schülerschar noch ziemlich hallte, beschloss ich kurzerhand, ohne Verstärkung zu singen und zu spielen. Unsere Gitarren waren mit Stahlsaiten bespannt, mit Plättli (Plektren) erzeugten sie erstaunliche Klangfülle. Das Lied von der Rising Sun sang ich mit Bruststimme. Ich wusste, der höchste Ton ist A. Spätestens da wechselte ich im Kirchenchor auf Kopfstimme. Weil ich mir dessen bewusst war und mich zusammen riss - war ja nur für kurze Zeit - ging ich voll in der Bruststimme auf dieses A, und ich hatte Glück, die Stimme hielt durch. Es klang beeindruckend. Wegen dem Hall natürlich.
 
Viele Schüler bestaunten uns und klatschten und riefen "nochmals" Dann marschierte die Boygroup auf mit den Elektrogitarren.
 
Leider weiss ich nicht, was die dann gemacht hatten, ob sie sich Strom organisiert hatten oder nicht. Ohne zu spielen war ihnen mit den E-Gitarren aber gar nicht möglich. Dann hätte man nur noch das Schlagzeug gehört.
 
Man vermutete, sie waren es, welche die Sicherungen rausgenommen hatten um uns zu sabotieren. Fürchteten sie etwa, wir mit der Kartontrommel wären besser als sie? Unsere Stile konnte man gar nicht vergleichen. Wem  Heavy Metall gefällt, hatte sicher kein Vergnügen an unserem House of Rising Sun. Und umgekehrt. Jedes Genre hat seine Fans. Ich steckte meine Gitarre ins Futteral und packte die Noten zusammen, wobei ich von den Noten nur die Strophen zur Sicherheit abspickte, alles andere konnte ich auswendig, war auch nicht schwer. Jedenfalls verdrückte ich mich. Weder wollte ich mich mit Zugaben heiser schreien noch mich dem Lärm der andern aussetzen.  Tanzen zu Heavy Metal wollte ich schon gar nicht. Und dann: mit wem überhaupt? Ich war keine Party-Königin, weder blond noch schön, man riss sich nicht um mich.  Zuhause langweilte ich mich dagegen nie. 
 
 
 
 
Gibt es etwas, das du gerne gemacht hättest, aber darauf verzichten musstest?
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9.  Meine Freizeit

Gibt es etwas, das du gerne gemacht hättest, aber darauf verzichten musstest?
Ich hätte sehr gerne von Anfang an die Haare wachsen gelassen. Als Kind hat man die beste Haarqualität. 
 
Sonst gilt für mich: Wer nicht viel braucht, muss kaum je auf etwas verzichten. 
Ich merkte auch: Will man etwas und bekommt es nicht, vergisst man das mit der Zeit. Es geht auch ohne.
Hattest du in dieser Zeit, oder schon früher, ein Idol?
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9.  Meine Freizeit

Hattest du in dieser Zeit, oder schon früher, ein Idol?
Mein Idol in jener Zeit war George Harrison. Nebst der Tapezierung mit seinem Antlitz malte ich auf ein altes Leintuch zwei kauernde Gestalten. Dem einen klebte ich das Gesicht von Harrison auf, der anderen Gestalt schnitt ich ein ovales Loch aus. Ich streckte dort mein Gesicht hindurch und meine Schwester Claudi fotografierte den "Fake", wie man das heute nennen würde. Dann wechselten wir ab. Sie klebte Paul Mc Cartney hin, guckte durch die Öffnung und ich fotografierte. Die Fotos landeten im Familienfotoalbum.
 
An so einer Familienzusammenkunft nach mindestens 30 Jahren verriet Claudi, dass sie ebenfalls für George Harrison geschwärmt hatte und in ihn verknallt gewesen war. Ich korrigierte sie und erinnerte, dass es bei ihr Paul McCartney war. Sie  gestand, dass sie auch den George wollte, aber da ich ihn schon "hatte", sei ihr nichts anderes übrig geblieben, als den Paul zu "nehmen".  Da war ich fassungslos. Ich versuchte darzulegen, dass wir die Typen gar nicht "hatten", sondern für sie schwärmten, und da dürfen doch so viele verschiedene Mädchen für den gleichen George schwärmen, wie sie wollten. Das konnte uns doch nichts ausmachen. Diese Einsicht kam wohl zu spät.
Welche Rolle spielte das Lesen in deinem Leben?
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9.1.  Meine Freizeit – Lesen.

Welche Rolle spielte das Lesen in deinem Leben?
Lesen ist Information und Unterhaltung. Früher waren Zeitschriften eher Information und Bücher Unterhaltung. Allenthalben änderte das. In Zeitschriften entdeckte ich sehr witzige und träfe Kolumnen, und in Büchern kam ich ernsthaft mit Philosophie und Neurologie in Kontakt. Am meisten beeinflussten und belehrten mich die Werke
 
"Inkognito" von David Eagleman, Neurologie;  und
 
"Jenseits von gut und böse" von M. Schmidt-Salomon, Philosophie
 
"Kann mir bitte jemand das Wasser reichen?" von Ari Turunen, Diplomatie und Arroganz
 
Über Syndrome von Oliver Sacks, z. b: "Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte",   "Der einarmige Pianist"  etc.
 
Eigentlich hatte ich solche Tatsachen geahnt und bei mir selber beobachtet, hätte aber nicht gewusst, wie ich das formulieren sollte. Den Wortschatz dazu muss man sich ja zuerst aneignen. 
 
Nach dieser Lektüre war für mich eigentlich die Welt und das Leben erklärt. 
 
Von Ephraim Kishon,  Ingrid Noll und Ruth Blum hatte ich alles gelesen,
vieles von Gottfried Keller und Erich Kästner, David Sedaris, Rolf Dobelli und Dieter Nuhr 
einzelne, die mir bleibenden Eindruck hinterliessen:
Bauernpsalm von Felix Timmermann
Bridget Jones Tagebuch von Helen Fielding
Herbstmilch von Anna Wimschneider
Ibica, Paradies in den Köpfen von Eveline Hasler
Jane Eire von Charlotte Brontë (fand ich so abartig, dass ich es für mich selber umschrieb!)
Parfüm von Patrik Süsskind
Rebecca von Daphne du Maurier
Das Rosie-Projekt von Graeme Simsion, dem Asperger-Syndromiker
Wandersagen, (Spinne in der Yucca-Palme etc.) 3 Bände von Rolf Wilhelm Brednich
Leben in Bhutan von Jamie Zeppa
Fast genial von Benedict Wells (der suchte seinen genetischen Vater, fand aber statt des Nobel-Preisträgers einen Automechaniker in Tijuana)
Groucho und ich von Groucho Marx
Dschungelkind von Sabine Kuegler
Weisse Massai von Corinne Hofmann
Lachzig von Emil Steinberger
3096 Tage von Natascha Kampusch
Platzspitzbaby von Michelle Halbheer
Herbstblond von Thomas Gottschalk (wunderbar !!)
 
Letztere sind Autobiografien. Ich las auch die Biografien von
Liselotte Pulver (herzig und lustig) 
Mani Matter (Mühsam, nicht alles gelesen)
Udo Jürgens und anderen, aber die sind immer so durchtränkt mit genauen Daten, Lokalitäten und stereotypen Lobreden von diesen und jenen Persönlichkeiten, ach, ich weiss auch nicht, das ist mühsam, aber was die Leute selber schreiben (oder diktieren), das ist es, was einen interessiert. Mich jedenfalls.
 
Ich lese auch sehr gerne Humoristisches, die
Juxbriefe von René Schweizer
Latein für fortgeschrittene Angeber
Drücken Sie bitte die Eins
Medizinisches Kuriosen-Kabinet
Geschichten von Endo Anaconda
 
oder Sammlungen aus Aufsätzen der Schüler:
In Afrika ist immer August von Luciano D'Orta in Neapel um 1990
ferner die deutschen Sammlungen von
Kai Lange, Sophie Seeberg und Philipp Möller 
 
Speziell finde ich die Krimis von Wolf Haas:
Einer meiner Söhne fand diese obergenial und -originell und reichte sie einem der Brüder weiter; der fand, diese Schreibe sei bireweich und reisse ihm den letzten Nerv aus. Ob ich Interesse hätte?
Unter diesen Umständen: ja, auf jeden Fall! 
Das sind die Bücher im Schreibstil von : Achtung, jetzt wird's interessant! Jetzt pass auf! 
und er lässt in den Sätzen oft die Verben aus, weil man es auch ohne versteht. Man müsste als Autor sonst nur immer überlegen: was schreibt man jetzt anstatt sagen? oder machen, haben, gehen? Es ist, als wenn er das alles seinen Kumpeln in der Kneipe bei Bier und Zigis proklamierte.
Ich finde die Bücher ebenfalls genial, aber ich bin schon zu alt, um die Geschichten zu kapieren. Einmal fing ich an, die Personen-Namen zu notieren und ihre Rolle in der Geschichte. Es half auch nicht wirklich für das Verständnis der Handlung. Da kriminelle Taten wie Rache und Mord nicht in meiner Phantasie vorkommen, muss ich doppelt aufpassen, wer was gemacht hat. Das Lesen bereitet trotzdem Spass, und bald redet und schreibt man ebenso. Die Handlungen sind mit sehr vielen Stammtischklopfereien garniert und witzigen Details, so dass mein altes Gehirn den Faden der Erzählung verliert. 
 
Da gibt es aber noch die Haas-Verfilmungen mit dem hinreissenden Josef Hader in der Titelrolle "Brenner". In der Jugend verstand ich österreichisch problemlos. Der Dialekt scheint sich unterdessen arg verändert zu haben. Ich verstehe kaum was, muss mir anhand der Tätigkeiten und Gesichtsmimik zusammen reimen, was gemeint sein könnte. Hoffnungslos, den Ereignissen folgen zu können. Trotzdem lustig. Ich schaue ja auch Krimis wegen irgendwelchen Schauspielern, gucke denen wonnesam zu, schnalle aber die Handlung nicht, weiss am Schluss nicht, wer es gewesen war, oder ich vergesse es sofort wieder, und wenn ich den Film das nächste mal schaue, weiss ich den Ausgang nicht mehr. 
 
 
 
 
Hat sich dein Leseverhalten oder dein Literaturkonsum mit dem Internet und allenfalls auch den e-books verändert? Wie?
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9.1.  Meine Freizeit – Lesen.

Hat sich dein Leseverhalten oder dein Literaturkonsum mit dem Internet und allenfalls auch den e-books verändert? Wie?
Mein Leseverhalten hat sich durch das Internet höchstens in dem Sinn verändert, dass man bequem jederzeit checken kann, was es Neues gibt und auch unverzüglich bestellen kann. Oft lese ich aber auch in Zeitschriften von Neuheiten.
 
E-books sind mir   v i e l  zu teuer, ausserdem sind meine schätzungsweise tausend Bücher in 3 Schränken auf 2 Stockwerken verteilt und nicht im e-book drin. Neue Bücher für e-book kosten gleichviel wie die gedruckten (soviel ich gesehen habe). Drum bleibe ich bei gedruckten Büchern, gern auch günstigere Taschenbuch-Ausgaben.
 
Dank Internet bin ich mal auf den Roman des Schönheits-Olympikers Robert Gwisdek gestossen. Die Leseprobe versprach eine Art Nachfolge und Mixtur von Sedaris und Kishon. 
Der Rest des Romanes war ein jahrelanger Albtraum.  Nach der Lektüre hab ich ein Bild von Gwisdek ausgedruckt und zuvorderst eingeklebt, als Begründung, warum ich das Buch erworben hatte. Musiker ist er auch, aber als Schauspieler ist er doch weitaus am besten. 
Wie leicht fiel es dir in deiner Jugend, Kontakte aufzubauen und zu pflegen?
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10.  Beziehungen in der Jugend

Wie leicht fiel es dir in deiner Jugend, Kontakte aufzubauen und zu pflegen?
Ich liess es auf mich zukommen, wer mit mir Kontakt aufnehme. Ich wollte nicht andere belästigen, die kein Interesse an mir hatten, und ich hatte keine Lust, abgewiesen zu werden. Ich war deswegen nicht einsam. Banknachbarinnen und Schulweggefährtinnen waren meist auch meine Freundinnen, dann die Schwester, die Mutter, die Nachbarsmädchen, später sogar die Brüder, so war mein soziales Umfeld gut bestückt.
Beziehungen als Teenager
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10.1.  Beziehungen in der Jugend – Beziehungen als Teenager.
Ich war unkompliziert und pflegeleicht. Man konnte gut mit mir befreundet sein, und es brauchte viel, bis ich mich "versecklet" fühlte. Ich war auch nicht die Regentin, wo alles nach deren Grind gehen musste. Anderseits machte ich nur selten etwas mit, was ich nicht von mir aus wollte und dann Ärger bekam. Das kam zwar schon vereinzelt vor, aber ich lernte daraus. 
Hast du dich gegen deine Eltern und überhaupt Autorität aufgelehnt?
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10.1.  Beziehungen in der Jugend – Beziehungen als Teenager.

Hast du dich gegen deine Eltern und überhaupt Autorität aufgelehnt?
Ich meinte damals, ich hätte mich gegen Autorität aufgelehnt oder mich gewehrt. Wenn ich vergleiche, wie heutzutage die Kinder zumindest in den Spielfilmen mit ihren Eltern umgehen, bleibt mir die Spucke weg. Was ich jeweils gedacht hatte, nämlich, dass die Eltern überhaupt nicht drauskommen, keine Ahnung von allem hatten, dass sie schlicht blöd seien, das sagen heutigen 13-jährige Kinder nicht nur offen, sondern sie schreien es mit wüsten Beschimpfungen heraus. 
 
Was in den vielen neuen und immer noch neueren Spielfilmen und Familienkomödien abgeht, soll ja den Zeitgeist abbilden. Meine Kinder haben mir pünktlich mit jeweils 13 Jahren erklärt, dass ich nichts wisse und nicht draus komme. Aber sie sagten es nett, sogar verständnisvoll wie ein lieber Onkel zu einem kleinen Neffen. Selbst meine Enkel handhaben das so ihren Eltern gegenüber. Das unverschämte oder eher geistesgestörte Gebrüll und wüste Flüche von Teenagern in diesen Filmen kann ich irgendwie gar nicht glauben, aber doch muss was dran sein, denn sonst gäbe es doch sofort Blogs darüber, dass die Wirklichkeit im Normalfall nicht so sei. Ich dozierte ab und zu meinen 13-jährigen Kritikern, sie könnten mir das schon sagen, aber sie müssten wissen, dass es nicht diplomatisch sei, solches auch Lehrern und Chefs gegenüber zu äussern. Und was Titulierungen angeht, die sagt man untereinander zu Gleichaltrigen, aber nicht Generationen übergreifend. Ja-ja. das sei schon klar! Ich verriet auch, dass ich nicht beleidigt sei, weil ich im selben Alter genau das gleiche von meinen Eltern gedacht hatte. Aber eben nur gedacht. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.
 
Vielleicht schreien die Jungen so grausam herum, weil sie ihre Probleme noch nicht konkret in sachlichen Worten ausdrücken können. Es gibt allerdings auch Film-Eltern, die keine Sekunde zuhören oder sofort alles verbieten und abblocken, statt mal zuzuhören, zu überlegen, mit sachten Fragen Einwände erörtern und dann Schritt um Schritt abwägen, ob jetzt das wirklich so schlimm wäre, wenn ein Teenager an eine Party will und erst um Mitternacht heimkommt. Die jungen Menschen sollen einfach in Gruppen zusammen auf den Heimweg gehen. Nur nicht allein, das könnte fatal enden! (Ich selber ging allerdings sehr oft allein um Mitternacht nach Hause, und erst noch in der  Stadt Zürich, und nichts passierte).
 
Ermahnungen wegen Alkohol und Konsorten sollte man meiner Ansicht nach als Eltern ansprechen, aber kein Drama draus machen, wenn das Kind die schlechte Erfahrung selber machen wollte. Es gibt keine Prinzipien. Alle Eltern sind verschieden, alle Kinder und die Umfelder ebenso. Es wird alles in jedem einzelnen Fall neu verhandelt und entschieden. Wer die Kultur des Anschreiens pflegt, kann das ja machen, muss sich aber nicht wundern, wenn er geschäftlich wie privat keinen Zugang zu diplomatischeren und freundlicheren Menschen findet.
 
Zum Titel Eltern und Autorität passt ein autobiografischer Aufsatz rein, den ich seinerzeit formuliert hatte, der aber verschiedene abendliche Störungen zusammenfasst. Das Velokettenklimpern war natürlich in einem Sommer, bei offenem Fenster

Abends wenn ich schlafen geh     1965

Abends, wenn ich schlafen geh, muss ich immer noch schnell die Aufgaben machen, welche meistens in Französisch-Übungen bestehen, denn Deutsch-Aufgaben mache ich normalerweise in der darauf folgenden Stunde, und Rechnen anderseits ist bei mir zwecklos.

Vor den Franz-Aufgaben kommen allerdings immer zuerst noch die Tagebucheintragungen, denn es war von grosser Bedeutung, ob Bruno Eberhard sich in der Pause nach mir umgedreht habe oder nicht oder nach jemand anderem.

Etwa um 23 h beginne ich dann mit den Aufgaben, wozu ich Musik höre, vornehmlich französische Langwelle vom Radio. Aus Rücksicht auf meine Eltern dosiere ich die Lautstärke vorsichtig, und sie sollen ja auch nicht hören, wie lange ich immer trödle.

Um Mitternacht bin ich jeweils fertig, lege meine Kleider auf den Radiator, damit sie am Morgen noch warm sind, und ziehe das Nachthemd an, welches ebenfalls auf dem Radiator angewärmt war. (Das ist natürlich nur die Winter-Version).

Der Einstieg in mein Bett in der Mansarde oben war jedes Mal eine ärgerliche Sache. Es handelte sich um ein Erbstück einer Grosstante, und das Holz war so von Spalten durchzogen, dass es ächzte und stöhnte und knarrte, als werde es von einem Panzer platt gewalzt, wenn ich unter die Decke kroch.

Dieser Lärm verrät meinen Eltern jedes Mal, wie spät ich ins Bett gegangen sei, und sie bringen das immer in Zusammenhang mit meiner Ungeduld den zänkischen Geschwistern gegenüber. Dass ich mit den Geschwistern ungeduldig sei, war allerdings ihre Sicht. Konkret kann ich mich jetzt gar nicht erinnern, wann und warum ich ungeduldig gewesen sein sollte.

Indem ich das Bett beschwöre, nicht zu knarren, habe ich vergessen, das Licht auszulöschen, und ich entsteige dem knarrenden Gehölz schon leicht gereizt und ohne das Nachttisch-Lämpchen anzuzünden, was sich jedoch als schändliche Selbstüberschätzung herausstellt. Auf dem Rückweg im Dunkeln knalle ich an einen Stuhl, fege ein Buch zu Boden, und ein Lineal klappert und scheppert. Dann geh ich endlich endlich endgültig ins Bett.

Kaum ist das unvermeidliche Knarren verhallt, bemerke ich, dass das Radio noch auf dem Schreibtisch steht. Von allein kommt es nicht ans Bett, und ich muss es holen.

Wer hat denn die Lautstärke voll aufgedreht? Mit einem gekonnten Griff bringe ich den Kasten zum Flüstern und Murmeln. Während ich daran drehe, kommt mir in den Sinn, dass ich meinen Efeustock noch nicht getränkt habe.

Ich stehe nochmals auf, aber die Wasserflasche ist leer. Ich kann meinen Efeu doch nicht schmachten lassen, und mache mich mit der Flasche auf den Weg ins Badezimmer, wobei die Treppe ärger kracht als das Bett, und das Wasser, der Leitung entströmend, unverschämt laut rauscht.

Als der Efeu getränkt ist, steige ich abermals ins Bett, da flackert das Licht, zuckt rot und erlischt. Die Birne ist hin, dabei wollte ich noch ein paar Seiten lesen.

Im Dunklen taste ich mich ins Treppenhaus hinaus, nicht ohne immer über denselben Stuhl zu stolpern. Der Glühbirnen-Vorrat befindet sich zuoberst auf dem Schrank, und ich steige aufs Treppengeländer, um da hinauf zu kommen.

Während der umständlichen Kletterei entdecke ich eine Menge gewaltiger Eiszapfen, die draussen am Dach vor dem Fenster hängen, und mir in ihrer glitzernden und funkelnden Pracht geradezu in die Augen stechen.

Ich muss einen davon haben, es hilft alles nichts, ich muss.

Das Fenster liegt hoch im Treppenhaus, und ich klettere und klettere und zerre am Fensterriegel, denn dieses Fenster öffnet man sonst nie, und als es mit Gequietsche aufspringt, ziehe ich mich mühsam aufs Fenstersims hinauf und breche mir eine solche Kostbarkeit von der Dachrinne ab.

Der Eiszapfen jedoch entgleitet meiner Hand und zerschellt mit hellem Klirren auf den Treppenstufen. Schnell lese ich alles zusammen und schmeisse die Diamantensplitter zu handvoll aus dem Fenster und breche mir einen andern Eiszapfen ab, den ich sicher im Griff halte, weshalb ich aber nicht mehr hinunter klettern kann, sondern auf die Stufe springen muss.

Wenn nur die Eltern nichts hören! Da steh ich nun mit meiner kostbaren Beute und weiss nicht, wohin damit, und das Tauwasser rinnt mir die Arme hinunter und in die Nachthemd-Ärmel. Da erst schaue ich an meinem Hemd hinunter, welches von der Fensterbank russig und staubig geworden ist. So kann ich unmöglich zurück in mein jungfräuliches Bett.

Ich gehe hinunter, deponiere den Eiszapfen einstweilen im Badezimmer, öffne so leise als möglich den Gang-Schrank, ziehe ein frisches Nachthemd heraus – die andern Sachen, die dabei heraus gefallen sind, habe ich schnell wieder rein gewurstelt – und renne hinauf in mein Dachstock-Zimmer.

Da stellt sich heraus, dass ich in der Eile ein Nachthemd meiner Schwester erwischt habe. Das geht ja wirklich nicht. Ich ziehe das verschmutzte nochmals an, versorge dasjenige meiner Schwester wieder im Gang-Schrank und passe genauer auf, dass ich eines von meinen Nachthemden erwische.

Auf dem Rückweg erfrische ich mich im Badezimmer, indem ich am Eiszapfen schlürfe. Dann gehe ich hinauf in mein Zimmer und schneide mir noch die Fusszehennägel.

Es ist bald 1 Uhr, als ich doch noch dazu komme, die Birne des Lämpchens auszuwechseln. Endlich ins Bett! Aber vom vielen Ein- und Aussteigen sind die Decken ganz zerknüllt, und so kann kein Mensch schlafen. Ich muss das Bett neu machen und ziehe es mit einem Ruck von der Wand weg.

Da wird es meinem Vater zu bunt, und er schraubt die Sicherung heraus. Eine Weile verharre ich mucksmäuschenstill im Dunklen, damit er meine, er hätte sich getäuscht, ich schliefe schon lange, und ich hoffe, er schraube die Sicherung wieder rein.

Er hat das nicht im Sinn, und so kämpfe ich mich durch meine Sachen hindurch, werfe den Papierkorb um, stosse an den Schreibtisch und gelange schliesslich ans Glas-Schränkchen. Dort drin vermute ich einige übrig gebliebene Weihnachtskerzen, und ich fummle im Krimskrams herum, dass alle aufgestellten Bilderrähmchen umklappen, aber die Kerzen finde ich nicht.

Die nächste Möglichkeit besteht darin, die Sicherung wieder rein zu schrauben, aber der Sicherungskasten hängt zu hoch für mich, also nehme ich einen Stuhl mit, welcher ärgerlicherweise mit den Beinen an jedem Tritt auf der Treppe anschlägt.

Auf halbem Weg überlege ich, ob ich den Stuhl wieder hinauf tragen und dafür einen Küchen-Hocker nehmen solle, aber wegen des Lärms käme es auf das Selbe hinaus, und ich schleppe meinen Stuhl in den Gang hinunter und schraube die Sicherung wieder ein.

Wieder in meinem Zimmer oben sinke ich erschöpft ins Bett und lösche das Licht, und langsam gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit, und ich kann ganz deutlich erkennen, dass meine Käpsli-Pistole schief an der Wand hängt, und noch schlimmer hängt der Pullover über der Stuhllehne, so zerknüllt hingeworfen, und das Licht der Strassenlampe scheint bläulich herein, wirft gespenstische Schatten, und der Pullover nimmt immer bedrohlichere Gestalten an.

Der Schauer kriecht mir den Rücken hoch, aber ich lasse mir nicht Angst machen. Todesmutig stehe ich auf und bringe den Gespenster-Pullover ausser Sichtweite.

Wo ich schon mal aufgestanden bin, kann ich gleich noch einen Apfel holen, denn ich habe Hunger, und bis zum Morgen dauert es noch eine Weile.

Ich rumore in der Küche herum, bis sich die Tatsache mit bestem Willen nicht mehr abstreiten lässt, dass es keine Äpfel mehr hat, und dass ich in den Keller hinunter steigen muss.

Wenn nur meine Mutter nichts hört! Wenn sie sähe, dass ich mitten im Winter barfuss die steinerne Treppe in den Keller hinunter ginge! Sie hat nichts gemerkt, ich gelange unbehelligt wieder in meine Mansarde hinauf.

Ich lege mich gemütlich hin, und in das Knacken des Apfels, den ich verspeise, mischt sich dezentes Velobremsen hinein, dazu ein vieldeutiger Pfiff, gemurmelte Worte und gedämpftes Kichern.

Sofort renne ich ans Fenster, aber sie sind zu weit weg, ich kann die Leute nicht erkennen. Die Chance, dass der aus dem Schulhaus entschwundene Louis sich mitten in der Nacht mit dem Velo von Raffolton nach Örlikon verirre, war gleich Null, aber man kann nie wissen, und ich husche hinunter in die Stube und hole den Feldstecher.

Solchermassen bewaffnet identifiziere ich die Gebrüder Grollimund und deren Kolleg Giger. Wenn ich das gewusst hätte! Dieser Teigen wegen hätte ich mir die Mühe mit dem Feldstecher nicht gemacht.

Das sanfte Veloketten-Klimpern kann mich nicht mehr reizen, und ich gehe hinunter in die Stube, um den Feldstecher zu versorgen.

Die oberste Schublade des Sekretärs, wohinein der Feldstecher gehört, klemmt. Ich ziehe ungestüm daran - ich sollte doch längst im Bett sein – wenn Mami das hört – da fliegt die Schublade in hohem Bogen auf den Teppich, die Manöggeli aus dem Halma rollen unter den Tisch und unter die Eckbank, die Stricknadeln schiessen aus der Schachtel, und die 100 Teilchen eines Zusammensetzspiels (Puzzle) liegen weit verstreut in der ganzen Stube.

Ich räume leicht erbost alles zusammen, und während ich die Puzzle-Teile zusammensetze, beruhige ich mich wieder, denn die darauf dargestellte Elfen-Hochzeit stimmt mich milde. Ich verweile noch ein wenige in der faszinierenden Wurzelmännchen-Welt, wo die Frösche so gross wie die Elfenkönigin, die Blumen so gross wie Bäume sind, und wo man sich so gemütlich in die Wurzeln hinein verkriechen kann.

Aus dieser Idylle heraus reisst mich die mühsam beherrscht die elterliche Gewalt: „Geh endlich ins Bett, du machst mich waaahnsinnig!“

Das ist nun wirklich nicht meine Absicht, und ich renne verstört hinauf, wurstle mich in meine Decken hinein und wage keine Bewegung mehr, und bis mich endlich der kleine Bruder Schlaf des grossen Bruders Tod sanftschwarz umhüllt, plagt mich die Ungewissheit, ob das Fliessblatt auch wirklich im Französisch-Heft drin sei.

 

 

Warst du schon früh mit Sexualität konfrontiert? Wie? Wie hast du das erlebt und inwiefern hat dies dein späteres (Sexual-)Leben geprägt?
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10.1.  Beziehungen in der Jugend – Beziehungen als Teenager.

Warst du schon früh mit Sexualität konfrontiert? Wie? Wie hast du das erlebt und inwiefern hat dies dein späteres (Sexual-)Leben geprägt?
Obwohl ich das älteste von insgesamt 6 Kindern bin, das jüngste 13 Jahre jünger als ich, wurde ich praktisch nicht mit Sexualität konfrontiert. Da Sexualität und deren Ausrichtung angeboren und natürlich sind, braucht man nicht unbedingt vorzeitig oder überhaupt damit konfrontiert zu werden. Das heisst aber nicht, man solle nicht aufgeklärt werden. Man muss rechtzeitig erfahren, dass man sich nichts gefallen lassen muss, dass es ansteckende Krankheiten oder unerwünschte Schwangerschaften gibt.
 
Das hat für mich aber nicht so ganz direkt mit Sexualität zu tun. Man könnte ja sonst meinen, jeglicher Sex sei gefährlich und dreckig und unmoralisch usw. Das stimmt aber so nicht. Es hat für mich eben mit Freundschaft, Liebe, Vertrauen zu tun.  Es macht nichts, wenn man hört oder auch selber erfährt, dass es Leute gibt, deren Ausrichtung es ist, kreuz und quer und kunterbunt mit allen andern kurze Sex-Turnübungen zu absolvieren. Ist man selber nicht so veranlagt, muss man das nicht persönlich nehmen, sondern sich sagen: erst näher kennen lernen und sehen was wird. 
 
Ich kann nichts dafür, aber meine Sexualität ist geprägt durch den Wunsch nach Kindern und erotischer Partnerschaft. Steht von vornherein fest, dass der andere anders tickt, wende ich mich sofort wieder ab. Ist nur selten vorgekommen, irgendwie sehen es die Männer mir an, wie es bei mir läuft und dass es nicht in ihrem Interesse wäre. 
 
Ich will möglichst nicht polarisieren, aber alles was nach Macho aussieht, dicke Muskeln, grosses Kinn, Grobheit, stösst mich grad ab. Ich mag Softies. Die sind immer schon vergeben, weil auch andere Frauen Softies mögen. Der Spruch vom "richtigen Mann" im Sinn von stark, aggressiv, Muskel-Witzfigur, saufen und rauchen etc. kommt eher in den Filmkomödien oder in Western vor.
 
Wer nun also als Kind nichts über Sexualität erfährt, weiss trotzdem, was zu tun ist, wenn die Hormone einschiessen. Ich sage nicht, das sei gut, ich sage nur, mir hat es nicht geschadet. Meine Kinder wurden auch nie von Pädophilen belästigt - angesprochen schon, aber nie ernstlich belästigt oder gar genötigt - obwohl ich vergessen hatte, sie darüber aufzuklären. In der Schule kam das erst später. Pädophile oder Gewaltverbrecher suchen nach schüchternen und einsamen Kindern, nicht nach selbstbewussten, die grad heraus sagen: "Nein, keine Lust. Verpiss dich!" Das ist zwar gemein den Schüchternen gegenüber. Es ist gut, dass dieses Phänomen in der Schule früh durch genommen wird, damit auch den Schüchternen klar wird, dass sie keine solche Gefälligkeiten tun und sich nicht erpressen lassen müssen, dass sie im Gegenteil sofort die Eltern oder die Polizei anrufen sollten.  
 
Ich finde es eine schreiende Ungerechtigkeit, dass Menschen so verschiedene Arten von Sexualität mitbekommen können. Alles andere darf man, aber nicht mit Kindern! Logisch nicht, aber wenn es einen Gott gäbe, hätte er solche Gene nicht dazu mischen müssen genau wie die Eigenschaften, die zu Tyrannei und Massenmord führen. Dass die Menschen das machen und nicht Gott, ist der faulste Spruch, den man sich denken kann. Egal, ob Mensch oder Gott, für die Kinder ist es genau gleich schlimm. Wäre wirklich der Mensch schuld, wäre Gott noch viel mehr schuld, weil er das dadurch den Kindern zumutet. Was red ich mir die Birne heiss, es gibt keinen Gott! Thema erledigt.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Hattest du schon früh eine Freundin/einen Freund? Wie war das damals?
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10.1.  Beziehungen in der Jugend – Beziehungen als Teenager.

Hattest du schon früh eine Freundin/einen Freund? Wie war das damals?
Was heisst früh?  7?   10?   13?   16?   20?     25?
Heute ist eine schon "früh", wenn sie vor 35 das erste Kind bekommt. Krass!
 
 
Hattest du jemals ein "gebrochenes Herz"? Oder hast du jemandem das "Herz gebrochen?
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10.1.  Beziehungen in der Jugend – Beziehungen als Teenager.

Hattest du jemals ein "gebrochenes Herz"? Oder hast du jemandem das "Herz gebrochen?
Mein Herz wurde mindestens 12 ( ZWÖLF !) mal gebrochen. Wobei ich nicht mal verlassen wurde, sondern in die Luft hinaus liebte. Manche merkten es gar nicht. Andere waren vergeben, weitere provozierten mich oder machten sich über mich lustig. Wird man abserviert, bricht das Herz. Bekommt man einen erst gar nicht, empfand ich es noch viel schlimmer, denn man hatte ihn nicht mal gehabt, nur gesehnt, gehofft und schliesslich einsehen müssen, dass wieder nichts ist.
 
Dass ich auch mal wem das Herz gebrochen habe, kann schon sein. Drum nehme ich es denen nicht übel, die mir das Herz brachen. Mit denen bin ich aber nie im Bett gewesen, das waren nur so Tanz-Bekanntschaften. Tatsache ist jedoch, dass Kerle eher dazu neigen, die Frau, die sie nicht erhört, im Nachhinein als dumme Pute zu klassieren, die ihn eh nicht verdient.
 
Der Beste von allem war ja der Mazedonische Baumaler Tasim, den ich bei einer Fassadenrenovierung täglich sah. Er zeigte mehr und mehr Interesse (in Wirklichkeit hatte er geschnallt, dass ich ohne Freund war). Wir verbrachten die Mittagspausen zusammen und lasen Zeitungen, besprachen die Tagesaktualitäten und die persönlichen Dinge wie Kinder und andere Familiensachen. Ich konnte es nicht glauben, aber wir gingen ein paar mal über Mittag ins Bett. Ich war 51 und schon Grossmutter, er erst 40. Ich hatte aber noch keine grauen Haare oder Hamsterbäcklein, war nur nicht mehr so schlank wie auch schon.
 
Ich fand, wir passten optisch gut zusammen. Die Menschen altern schliesslich sehr unterschiedlich. 
 
Nach ca. 3 Monaten, die Fassadenrenovation war vollendet, wir sahen uns kaum noch. Anrufen durfte ich ihn nicht "wegen seinen Brüdern, die mit ihm zusammen wohnten". Wenn er mich anrief, dann nicht mit seinem Händy (er hatte gar nie Guthaben drauf) sondern von einer Arztpraxis aus mit deren Festnetz. Allerlei Gelenkschmerzen von der strengen Arbeit plagten ihn, weswegen er den Arzt aufsuchte. 
 
Einmal durfte ich zu ihm nach Hause kommen. Die Brüder waren fort, nur sein älterer Sohn erwartete uns, als wir ankamen. Da liess er endlich die Bombe platzen: Ich solle seinen Schwager Baftia heiraten, damit dieser in die Schweiz kommen könne. Ich erhielte 10'000.-, und er würde gleichwohl mein Freund bleiben. Es ändere sich nichts dadurch.
 
Er liebte mich gar nicht, jedenfalls nicht so wie ich ihn. Typisch! Wie konnte ich je auf die irrwitzige und völlig absurde Idee kommen, er hätte Interesse an mir oder sei in mich verliebt. Welche Schmach! Meine Verliebtheit erlosch augenblicklich, und ich musste laut lachen, erklärte dann geduldig, weshalb das nicht in Frage käme. Scheinehe sei hier verboten, begann ich. Er behauptete, sonst würde ich auch nicht so genau hinschauen, ob etwas verboten sei oder nicht. Und ob ich denn die Stütz nicht wolle? Nein, und ich mache das nicht. Punkt. Ich musste ja nicht laut sagen, dass ich nicht glaubte, das Geld je zu bekommen, und dass ich den blöden Baftia, wie er auf dem kleinen Passfoto aussah, nicht in meinem Hause wollte, der konnte ausserdem kein Wort deutsch noch sonst was mitteleuropäisches und hätte folglich auch keine lohnende Arbeit. Andern Frauen war es schon passiert, dass sie aus Liebe einen 30 Jahre jüngeren geheiratet hatten, und bald kamen Frauen und zahllose Kinder aus der Türkei nach und nisteten sich ein, wobei die Schweizerinnen genug türkisch verstanden, um mitzubekommen, dass diese Kinder sie "alte Hexe" nannten, und nach 5 Jahren würde er sich eh scheiden lassen. 
 
Dass mich Balkaner anfragten, war nichts neues, aber die sagten sofort direkt, dass ich ihre Onkel, Brüder, Cousins und Schwager heiraten solle. Und ich sagte genau so direkt nein Danke. Ich würde auch keinen Schweizer bloss aus Gefälligkeit heiraten. Ansonsten finde ich südliche Ausländer eher attraktiver als Mittel- und Nordeuropäer.
 
Mein Alter schritt mächtig fort, ich merkte, wie die Hormonproduktion nachliess, und atmete auf. Endlich keine unerfüllten Sehnsüchte mehr! Schwärmen blieb mir aber, nur der Schmerz über die Hoffnungslosigkeit blieb weg. Seither schwärme ich für Leute die mich gar nicht kennen, egal, ich muss sie nicht haben, nur sehen, in den Filmen nämlich, zwischenzeitlich beglückte mich mal ein Gitarrenschüler jede Woche zur Musikstunde. ich war verzaubert und hingerissen und genoss das Gefühl, anderseits war es mir wurscht, wenn er mal wegblieb, sogar dann, als er gar nicht mehr kam. Da war kein Schmerz, nichts, einfach nur schöne Erinnerung und Dankbarkeit, dass ich mit ihm Gitarre spielen durfte. Er war ungefähr 4 Jahre älter als mein ältester Enkel. Das bedeutet, er war 46 Jahre jünger als ich.
 
Aus den Augen - aus dem Sinn! Das funktionierte wunderbar. Bald fielen mir wieder diese und jene Schauspieler auf, die ich nicht verpassen wollte. Die kann ich anhimmeln wie ich will, sie merken nichts davon und werden dadurch auch nicht belästigt.
 
In dieses Kapitel gehört auch Duri. Da war ich schon 67! Dass da überhaupt noch was war, muss ich im Nachhinein als Kuriosum bezeichnen. Auch das kann mir niemand mehr wegnehmen. Als er die "Kollegschaft" allmählich versanden liess, schluckte ich mal leer. Es war die Zurückweisung, die halt für jeden unangenehm ist. Am nächsten Tag zuckte ich nur noch mit den Schultern darüber.
 
  
 
 
 
 
 
 
 
 
Beziehungen als Volljähriger bzw. Volljährige
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10.2.  Beziehungen in der Jugend – Beziehungen als Volljähriger bzw. Volljährige.
 
Den Knaben Boss (Kapitel 7.2., letzter Teil) verlor ich aus den Augen, aber die Mütter im Kirchenchor hatten auch noch Söhne. So geriet ich an einem Fetz an meinen ersten Freund. Das war eine lustige und intensive Zeit. Nach ca. anderthalb Jahren wollte er nicht mehr. Das war im Moment sehr schlimm für mich. Ein oder anderthalb Tage heulte ich, dann war es abreagiert. Andere zogen mich in Bann, ich sie aber nicht, wie schon gehabt. Der nächste war dann schon mein künftiger Ehemann Wädi. Andere Beziehungen ergaben sich meiner Lebtage nicht mehr. Zwei kurze Affären können nicht unter Beziehungen figurieren. 
  
Was würdest du heute in deinen Beziehungen anders machen?
Seite 132
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10.2.  Beziehungen in der Jugend – Beziehungen als Volljähriger bzw. Volljährige.

Was würdest du heute in deinen Beziehungen anders machen?
Wenn ich das wüsste! Anderseits, es hat doch keinen Sinn, sich zu verstellen und jemandem etwas vorzuspielen, was man gar nicht ist. Das erwarteten die beiden Freunde auch nicht von mir. Sonst hätten sie es sagen können. Ich kann nur wiederholen, ich war keine Zicke und ich meinte es immer gut.
 
Im Laufe des Lebens habe ich bei andern beobachtet, dass manche Männer unverschämte Zicken mögen. Das könnte kurzfristig eine lustige Herausforderung sein, die Zicke zu spielen; das schaffe ich aber nur blöden Männern gegenüber. Ich müsste mir täglich etwas ausdenken, womit ich zicken könnte, denn spontan fällt es mir nicht ein. Bei Menschen, die ich mag, blockiert mich ein Reflex, sie extra zu nerven.  
 
Jetzt, im vorgerückten Alter, es könnte hilfreich sein, die weitläufige Familie (viele Kinder und Enkel etc.) nur ganz kurz zu erwähnen, also dass es die zwar gibt.  Dass ich verhältnismässig eng mit denen verbandelt bin, gefällt Männern offenbar nicht, wollen keine Familienmitglieder werden. Sie wollen die Frau oder Freundin immer zur Verfügung haben, wenn ihnen danach ist. Die sollen sich nicht mit der Verwandtschaft abgeben, während er, der Freund, zum Beispiel arbeitet, Freunde trifft, Hobbys pflegt oder in Vereinen mittut.
 
Dazu werde ich aber keine Chance mehr haben. Es geht hier nicht mal um Duri. Der interessierte sich zuerst und wollte dann nicht. Obwohl ich diese Abweisung ein paar Stunden vor dem Einschlafen weggesteckt hatte hatte, dachte ich von Zeit zu Zeit schon noch darüber nach, was ihm alles an mir nicht gepasst haben könnte:
 
Zu alt und mit BMI 23 ganz klar zu dick
Nicht geschminkt und gefärbt
Anderes Essen  (das gilt alles nur für ich. Ich meinte nie, jemand solle das gleiche essen wie ich)
andere Politik
andere Sorte von Humor
Logik
Realitätssinn, auch geschäftlicher
starke Bindung an grosse Familie
Interesse an seiner Familie
 
Es war überaus lustig und psychologisch hoch spannend, wie er mich wieder abschäufelte, aber das hat nicht mit Zeitzeugnis zu tun, denn schon in den Schwarz/Weissfilmen aus den 40-er Jahren wurde mir vordemonstriert, welche Konstruktionen Männer zusammen quirlen, damit sie gut da stehen und die Frau das Blami hat. Typisch Macho. Die genaue Abhandlung darüber ist natürlich im privaten Tagebuch drin. Danach las ich Romane, wo ebensolche Verhaltensmuster abliefen, und ich musste lachen dabei. Allein, Duri hatte sie mit seiner Originalität und Unlogik alle übertroffen.
 
Wann immer er mir wieder in den Sinn kommt, schiebe ich ihn aus dem Gedächtnis weg und sehe das Schulbüblein vor mir, welches mir gefallen hatte. Wahrscheinlich wäre Zeit meines Lebens nie was besseres mit was auch immer für Männern draus geworden.
 
Wie unerhört klug von mir, trotzdem meine Kinder zu bekommen! Wie viele andere Menschen sind wohl schon nicht zur Welt gekommen, weil den Frauen der ideale Partner fehlte?
 
Wenn du an deine Freunde denkst, welche sind dir über dein ganzes Leben gesehen die liebsten, nachhaltigsten? Weshalb?
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11.  Meine besten Freunde bzw. Freundinnen

Wenn du an deine Freunde denkst, welche sind dir über dein ganzes Leben gesehen die liebsten, nachhaltigsten? Weshalb?
Verliert man sich zu lange aus den Augen, hat man bald keine Gemeinsamkeiten mehr, hat unterdessen lauter andere Leute kennen gelernt und ist mit denen beschäftigt, auch die verliert man wieder aus den Augen etc. Man kann einfach nicht mit allen, die man je im Leben gekannt hat, eine Freundschaft pflegen. Ich habe ausser den Familienangehörigen schon noch Frauen, die ich als Freundinnen bezeichne, besonders, weil ich schon bald 40 Jahre am gleichen Ort wohne.
 
Es kommt auch darauf an, ob die andern interessiert bleiben. Wenn das nicht mehr der Fall ist, muss ich ihnen nicht nachlaufen.    
Welche sind deine grössten Enttäuschungen mit Freunden und Kollegen?
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11.  Meine besten Freunde bzw. Freundinnen

Welche sind deine grössten Enttäuschungen mit Freunden und Kollegen?
Konkret weiss ich es nicht mehr. Es ist aber so, dass ich keine Mühe habe, mich zu entschuldigen, Verständnis für die andern aufbringe oder sogar automatisch habe. So richtig schlimme Sachen sind aber nie vorgekommen. 
Welche Erinnerungen hast du an deinen letzten Schultag der obligatorischen Schulzeit?
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12.  Lehr- und Wanderjahre

Welche Erinnerungen hast du an deinen letzten Schultag der obligatorischen Schulzeit?
Jedes mal, wenn etwas zu Ende war und was Neues auf mich zu kam,  neues Schulhaus, neue Arbeitsstelle, dann dachte ich, wenn ich jeweils das letzte mal die Türe der alten Lokalität hinter mir schloss: "Das ist jetzt das letzte mal, dass ich hier durch diese Türe gehe. Da werde ich nie wieder hinkommen." Manchmal war etwas Wehmut dabei, seltener war es Erleichterung, oft war es einfach der normale Ablauf des Lebens.  
Was hast du nach Abschluss der obligatorischen Schulzeit gemacht?
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12.  Lehr- und Wanderjahre

Was hast du nach Abschluss der obligatorischen Schulzeit gemacht?
Ich ging in die Lehre, das war damals, Ende 60-er-Jahre, das üblichste. Heiraten wollte mich als 19-jährige noch keiner. 
Hast du den Ort, wo du aufgewachsen bist, verlassen?
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12.  Lehr- und Wanderjahre

Hast du den Ort, wo du aufgewachsen bist, verlassen?
Ich bin in Zürich aufgewachsen. Für junge Berufsanfänger war das zu teuer, ein Zimmer zu nehmen kam für mich noch weniger in Frage, drum geriet ich immer weiter in die Landschaft hinaus. Also nach dem halbjährigen Abstecher nach Genf statt zu den Eltern zurück nach Kloten, dann nach Trasi. Hier werde ich auch meine Lebenszeit beschliessen, vermute ich mal stark.
 
Weil meine Kinder oft und weit herumreisen und mir alles erzählen und Fotos mailen, merke ich gar nicht, dass ich so lange am selben Ort bleibe. Das ist für heutige Menschen untypisch. 
 
Der Hauptgrund für den Auszug aus dem Elternhaus war, dass man keinen Freund zum Übernachten heimbringen durfte und dass die Eltern sich sonst dem Vorschub der Unzucht schuldig gemacht hätten. Kein Witz, das war so. Aber nicht mehr lange. Mein jüngster Bruder, geb. 1963, hatte 20 Jahre später längere Zeit eine Freundin aus Kanada, welche bei ihm im Zimmer "zu Besuch" war.
 
 
Wie hast du deinen Lebensunterhalt verdient?
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12.  Lehr- und Wanderjahre

Wie hast du deinen Lebensunterhalt verdient?
Ich arbeitete an verschiedenen Firmen als KV-Tippse.
Wie hast du gewohnt?
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12.  Lehr- und Wanderjahre

Wie hast du gewohnt?
Ein-einhalb-Zi-Wohnung in Kloten. 5-Stockiger Neubau vis-à-vis "Wilder Mann". Lauter 1-Zimmer Studios und 1 einhalb-Zimmer-Wohnungen. Das halbe Zimmer war eine grosse Wohnküche, als Stube verwendbar, dafür das andere Zimmer als Schlafzimmer etwas kleiner.
 
Im Parterre eine Bank-Filiale und eine Waschküche mit mehreren Waschmaschinen und Tumblern. Einmal vibrierten 2 Waschmaschinen zusammen beim Schwingen so stark, dass in der Bank der Alarm ausgelöst wurde. Es hupte laut und durchdringend. Innert kürze sprangen ein halbes Dutzend schwarz gekleidete Männer mit Sturmhauben und Maschinengewehren aus einem Polizei-VW-Bus und verteilten sich im Treppenhaus. 
 
Der Alarm wurde abgestellt, sonst passierte nichts. Mitbewohnerinnen und ich lungerten neugierig  herum, die jungen Männer mit den Gewehren genierten sich wohl etwas, mussten aber bis zum Abpfiff ausharren. Schliesslich fragten wir, wie das Gewehr denn funktioniere. Einer wollte es uns vordemonstrieren, hantierte damit herum. Im Ernstfall hätte er nicht gewusst, was machen, damit das Gewehr Schüsse abgäbe.
Universität, Hochschule
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13.  Universität, Hochschule
Ich habe mal die Uni St. Gallen von innen gesehen in einem Auditotium. Mein jüngster Sohn hatte Abschlussfeier der NTB, Fachhochschule für neue Technik in Brugg, wo die Studenten je zu zweit einen Roboter entwerfen, nach vorgegebenen Massen und Fähigkeiten bauen und vorführen mussten. (Vorgaben: Der Roboter darf nicht grösser und nicht schwerer sein als xxyy, er muss eine Brücke überqueren können etc). Diese Vorführungen und Abschlussfeier fand in der Uni St.Gallen statt. 
 
Es ist viel leichter, sein Kind in einer Uni zu sehen, als selber dort hinzu kommen und studieren zu können. 
Wie war in jungen Jahren ganz generell deine Einstellung zur Arbeit?
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14.  Arbeiten

Wie war in jungen Jahren ganz generell deine Einstellung zur Arbeit?
Da mögen alle Leser den Kopf schütteln: Für mich war der Beruf nur der Wartesaal bis zur Familiengründung und Lebensversicherung für spätere Zeiten, falls es nötig würde (was dann nicht mehr ging). Zudem hatte ich bei meiner Mutter gesehen, dass man als Hausfrau viel mehr Freiheit hat und Möglichkeiten für Hobbys. Ich war nie scharf auf viel Geld. Schon Geld zum Leben, aber nicht für Luxus- und Prestige-Objekte.
Beruf oder Berufung?
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14.1.  Arbeiten – Beruf oder Berufung?.
Rückblickend muss ich sagen: Mit all den Berufungen kann ich kein Geld verdienen, nur umgekehrt, also wozu ich keine Lust habe; das müsste man aber tun, um Geld zu verdienen. Mit samt Kindern einen interessanten und lohnenden Beruf auszuüben, war damals keine Option, der Fortschritt bestand ja schon aus Wählen zwischen Kinder und Haushalt oder Beruf.
 
Kinder und anspruchsvoller Beruf, dazu Kindermädchen und Haushälterin, so hätte ich es nicht gewollt. Selbst wenn der Partner zuhause geblieben wäre. Ich wollte meine Kinder, weil ich sie einfach wollte, aber nicht um eine weibliche Pflicht zu erfüllen, oder den Staat Steuerzahler zu gebären, oder welche zu bekommen, weil ich zu dumm gewesen wäre, sie zu verhüten. 
 
Heute muss man fast samt Kindern berufstätig bleiben, oder es wird von einem erwartet. Ich hätte mich trotzdem nur auf die Kinder konzentriert, hätte mich aber öfter rechtfertigen müssen. 
Hast du in deinem Leben verschiedene Berufe ausgeübt?
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14.1.  Arbeiten – Beruf oder Berufung?.

Hast du in deinem Leben verschiedene Berufe ausgeübt?
Was ist ein Beruf? Etwas, das man gelernt und ein Diplom erhalten hat? Wo man 100 % oder annähernd auswärts arbeitet und genug zum Lebensunterhalt verdient? oder wo man so viel verdient, dass man sich nebst Haus mit Garten und Bediensteten Auto und Ferienreisen leisten kann? Oder gar etwas wo man ständig die Karriereleiter hinauf steigt, bis es nicht mehr weiter geht?
 
Nachdem meine mexikanische Schwiegertochter sich in Mitteleuropa eingewöhnt und vieles durchschaut hatte, fragte sie mich, warum in der Schweiz alle Leute so weit hinauf Karriere machen wollen, bis sie die Anforderungen nicht mehr erfüllen können? und dort oben bleiben sie dann? 
 
Dieses Phänomen hatte ich ebenfalls festgestellt, wenn ich mit Geschäften zu tun hatte, hauptsächlich mit Anfragen, warum dies so und anders sei, was ich jetzt tun müsse, ich hätte die Sache nicht erhalten, der Monteur sei nicht gekommen, usw.
 
Ich hatte in meinem Altbau mit Hilfe eines Sohnes den Dachstock sanieren lassen, etwas später Solarplatten für die Boiler-Heizung und eine grössere für mich nützliche Badewanne installieren lassen, zuletzt die Decke zum Estrich hinauf isoliert. Das machte auch mein Sohn, aber das Material dazu, das Isofloc und andere Bauteile mussten ja angeliefert werden, und das war eine Zangengeburt.
 
Alle Handwerker arbeiteten tadellos - wenn sie denn überhaupt mal da waren. An denen lag es nicht, auch ihre Preise schienen mir angemessen, aber die Organisation dahinter kann man vergessen.
 
Ich vermute, es gilt nicht als Beruf, wenn man Gelegenheitsjobs macht: Morgens und Abends Milch einnehmen in der Milchhüte und der Kundschaft Milch ausschenken, auf dem Melonenfeld ernten helfen, Trauben ablesen, Fabrikarbeit am Fliessband, Privatmusikunterricht erteilen, in Vereinen mitmachen und Protokolle schreiben, sich an Dekorationen von Herbstfesten beteiligen, zur Aushilfe in der Kirche orgeln, Kaspitheater spielen im Kinderparadies am Herbstsonntag .... war sonst noch was? .... weiss nicht mehr alles. 
 
Schon gar kein Beruf ist es, mehrere Kinder aufzuziehen, den Haushalt in seiner Vielseitigkeit zu managen, schnelle zweckmässige Entscheidungen treffen und trotz allem dazu mit Hobbys wie Musizieren, Stricken und sonst wie kreativ sein zu können. 
 
Hätte ich keine Kinder gewollt oder wäre ein Mann gewesen, wäre wohl Lehrer oder Film-Regisseur ein idealer Beruf gewesen. Auch Krankenschwester, Tierpfleger oder Architekt wären in Frage gekommen. Aber nicht mit zu viel Verantwortung wie Chirurg oder Pilot. Mit zu anspruchsvoller Ausbildung auch nicht, da ich ja leider nicht so gescheit bin. Für all das oben aufgezählte hätte es nicht gereicht. 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Falls du mehrere Berufe ausgeübt hast, welches war dein Lieblingsberuf? Weshalb?
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14.1.  Arbeiten – Beruf oder Berufung?.

Falls du mehrere Berufe ausgeübt hast, welches war dein Lieblingsberuf? Weshalb?
Die Milchhütte würde ich wahrscheinlich heute noch machen, wenn sie nicht wegrationalisiert worden wäre. Musikunterricht geben lag mir sehr gut. Ich war sogar dankbar, viele Kinder eine zeitlang begleiten zu dürfen, ihre Entwicklung zu beobachten und mich auf die verschiedenen Charaktere einzustellen. Mit der Zeit fanden sich hier in der Pampa draussen nicht mehr genug Musikschüler, wovon immer mal wieder untaugliche dabei waren. Dafür mehrten sich die Enkel und sind zu allen möglichen Zeiten hier. Für die will ich hauptsächlich immer Zeit haben. Das geht teilweise auch zusammen mit Musikunterricht. Wenn ich aber, wie früher mal, ganze Nachmittage 8 Schüler hintereinander unterrichtete,(jeder eine halbe Stunde), dann geht das nicht mit Enkeln zusammen, die kommen dann wirklich zu kurz. Mit den eigenen Kindern war das wieder was anderes, denn die verbrachten ihre Zeit oft auswärts in der Schule und unterwegs mit Freunden, und abends war man noch genug zusammen.
 
Eigentlich habe ich auch gern georgelt, weil generell gerne musiziert, aber der Aufwand zum Üben war viel zu hoch. Sobald ich die Milchhütte übernahm, hörte ich dafür mit der Orgelei auf, denn die Milchhütte hatte immer offen, Wochenenden, Feiertage, immer. Kühe müssen immer gemolken und die Milch abgegeben werden.  
 
Arbeiten auf Feldern und am Fliessband in der Fabrik waren keine Traumjobs, aber wertvolle Lebenserfahrungen.  
Gibt es etwas, das du viel lieber gemacht hättest? Weshalb hast du es nicht gemacht oder machst es nicht jetzt noch?
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14.1.  Arbeiten – Beruf oder Berufung?.

Gibt es etwas, das du viel lieber gemacht hättest? Weshalb hast du es nicht gemacht oder machst es nicht jetzt noch?
Romane schreiben,  Bücher illustrieren, für Bilderbücher malen und gestalten, das meinte ich nach der Kinderzeit tun zu können. 
 
Zwar kann ich das tun, werde aber nirgends dafür angestellt und kann auch nichts verkaufen. Die vorherige Generation konnte das noch, allerdings mit viel Anschub-Geld eines gut verdienenden Ehemannes. Wiedereinsteigen als Verkäuferin oder Pflegerin war gang und gäbe. 
 
Autorin werden geht heute gar nicht mehr. Unbekannte neue Autoren werden von den Verlagen nicht mehr genommen, sie notieren es schon in der Internetadresse: "Bitte keine unverlangten Manuskripte einsenden! Es wird nicht gelesen und nicht zurückgeschickt". Dafür gibt es Book-on-Demand, Texte werden digital gespeichert und nur bei Bestellung ausgedruckt. Aber die Buchhandlungen nehmen keine solchen Bücher in ihr Repertoire. Sie nehmen auch keine Bücher aus Verlagen, bei denen der Autor alles selbst bezahlen muss und dazu eine erste Auflage von 1000 Exemplaren für 25'000.-. Ich bin zwar im Internet seit ca. 8 Jahren unter "buch.ch" auf Seite 750 aufgelistet. Nützt natürlich nichts.
 
"Mit ein paar Klicks auf e-book veröffentlichen" funktionierte bei mir nicht. Einen Nachmittag klickte ich herum, um letztlich einsehen zu müssen, dass es nicht mit "ein paar Klicks" getan ist. Man muss viele Seiten klein geschriebenen Text in ungewohnter Fachsprache lesen, also ich blicke da nicht durch. Es gibt Leute, die das für einen bewerkstelligen können, aber die kosten viel zu viel.      
 
Ich beklage mich im Fall nicht, ich stelle nur fest. 
Weshalb war dein Entscheid eine gute Wahl? Oder war es ein Fehlentscheid?
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14.1.  Arbeiten – Beruf oder Berufung?.

Weshalb war dein Entscheid eine gute Wahl? Oder war es ein Fehlentscheid?
Ich habe immer gemacht, was ich gerne wollte (aber nicht andere herum dirigiert, falls das jetzt jemand meint), ich bereue nichts und würde es wieder so machen. Gegen einen bessern Partner hätte ich nichts gehabt, aber das lag in meinem Schicksal einfach nicht drin. Ich bereue drum nicht, meine Kinder mit einem nicht idealen Partner in die Welt gesetzt zu haben. 
 
Die Kinder finden es gut, dass sie geboren wurden. Der Gedanke, es gäbe sie gar nicht, weil sie wegen gesellschaftlichen Vorschriften oder Werten verhütet worden wären, schockiert sie fast.  
Wie war die Arbeitswelt damals?
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14.1.  Arbeiten – Beruf oder Berufung?.

Wie war die Arbeitswelt damals?
In den 60-er und 70-er-Jahren empfand ich die Arbeitswelt als sehr ausgeglichen. Jeder fand innert Kürze eine passende Arbeit, und man wurde anständig bezahlt und nicht als Sklave gehalten, der nur irgendwo wohnen und essen konnte und nichts darüber hinaus. 
 
Im Gegensatz dazu sind heutzutage teils auch die einfachen Leute mit schuld daran, weil sie sich das bieten lassen. Sie rennen hin und malochen sich krumm und lahm und haben dauernd Angst, verhungern zu müssen. Dann nützen halt viele Arbeitgeber das wacker aus. Ich weiss, dass es auch untaugliche Arbeitnehmer gibt, sowas gibt es in jeder Gesellschaft und zu allen Zeiten, aber sie sind nicht der Normalfall. Es sind auch längst nicht alle Arbeitgeber nur auf abzocken aus, aber offenbar doch zu viele, sonst hätten wir nicht so viele Burnouts. 
Gab es auch lustige Episoden in deinem Arbeitsleben?
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14.1.  Arbeiten – Beruf oder Berufung?.

Gab es auch lustige Episoden in deinem Arbeitsleben?
Die gab es massenhaft. Diese aufzuzählen hab ich grad nicht die Geduld und die Zeit. Vielleicht sonst mal.
 
Jetzt gerade ist "sonst einmal". Ich erzähle aber nur eine Sache, weil die heute einen ganz anderen Kontext hat.
 
Ich war in den 60-er-Jahren in der KV-Lehre in einer Werbeagentur im Quartier Leutschenbach am Stadtrand. Wir waren ca. 15 Leute, 3 davon Lehrlinge. Unter anderem figurierte die Fleurop bei uns als Kundin. Die geriet mal in einen Engpass und lieh von der Werbeagentur 2 Lehrmädchen aus, welche ein paar Tage lang Blumen über einer einfachen Vorrichtung in die Cellophan-Tüten steckten mussten, nämlich meine Kollegin Silvia und mich. 
 
Die Fleurop war in einem Industriequartier angesiedelt, an der Josephstrasse, unweit vom Brockenhaus. An einem dieser Tage nahmen der Buchhalter und der Grafiker das Mittagessen in der City ein und besuchten uns Lehrmädchen danach in der fleurop, wo wir in einem Lagerraum die Blumen eintüteten. 
 
Der Buchhalter war alt und dick, der Grafiker Mitte 30 und hübsch, war auch Model für den Kunden Trevira  (Stoffe und Herrenkleidung). Die Türen in den Gängen und Lagerräumen standen offen, da trampelten die beiden Männer jovial lachend, also leicht betrunken herein um uns zu "kontrollieren" - eher Gute-Laune-Besuch abzustatten. Der Grafiker kam auf mich zu, lächelte, fasste meinen Kopf mit beiden Händen und küsste mich auf die Stirn. 
 
Oh, wie schön! Danke für diese nette Aufmerksamkeit! Es waren ja keinerlei Gedanken an Macht, Sex oder Überrumpeln und Ausnützen eines unerfahrenen Kindes dahinter. Rein nichts davon, nur gute Laune, Lebensfreude. 
 
Der Buchhalter nahm ihm am Ärmel "He, hör auf, mach keinen Quatsch!" und zog ihn mit hinaus.
 
Daran denke ich wenn ich lese, dass Männer die Frauen kaum mehr angucken dürfen,  keine Komplimente, keine Witze, nichts, sonst droht Anzeige und Gefängnis. Für Vergewaltigung und Erpressung finde ich das OK und notwendig, aber nicht für Banalitäten. Zwar bekam ich von anderen Kerlen, schmierigen Typen - wenn auch nur selten -  meist in den Discos, auch plumpe sexistische Sprüche, aber das überging ich einfach, interessierte mich nicht. Der Grafiker war nur etwas angeheitert, sonst wäre ihm dieser Impuls gar nicht gekommen. Ich freute mich unschuldig drüber.

Weil schon beim Thema, noch ein Zeitbericht aus den 80-er-Jahren:

Ein alter Bauer, der aber nicht in Trasi wohnte, offerierte mal im Sommer, er hätte zu viele Kirschen, ich könne welche pflücken kommen. Das liess ich mir nicht 2 x sagen, strampelte auf dem Velo mit Pflück-Korb in jenen Hof raus.  Die Familie arbeitete im Rebberg, nur der Alte war da und zeigte mir, an welchen Bäumen ich pflücken könne. Nach einer Weile guckte er nach, ob er die Leiter anders stellen solle, dabei fasste er mit beiden Händen an meine milchvollen Brüste. Nach 2 Sekunden ging ich einen Schritt zurück und dachte, bei dem hole ich sicher nicht mehr Kirschen oder was auch immer. Er liess von mir ab, aber auch andere Frauen erzählten, dass er ein Lustmolch und Grapschi war. Jede Serviertochter im ganzen Kanton Schaffhausen konnte bei seinem Aufkreuzen in den Gaststuben darauf wetten, dass er sie mit Klaps auf den Hintern und "Komplimenten" beglücke.

Bei einer Gelegenheit fragte ich ihn, warum er das mache. Er meinte, die Frauen täten sich darüber freuen. "Aber sicher nicht jede," höhnte ich. Das konnte er kaum glauben,  sah aus wie ein Riesen-Waldschrat und stank nach dem Mist von Schweinen, die mit viel Protein gemästet wurden, war jedoch überzeugt, die Damenwelt mit seiner Zuwendung, christlichen Nächstenliebe und "Küsschen in Ehren kann niemand verwehren" zu erfreuen.


 
Hast du je ein eigenes Unternehmen gegründet oder selbständig gearbeitet? Falls nicht, bereust du, es nicht versucht zu haben?
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14.2.  Arbeiten – Unternehmensgründung.

Hast du je ein eigenes Unternehmen gegründet oder selbständig gearbeitet? Falls nicht, bereust du, es nicht versucht zu haben?
Ich habe auf eigene Verantwortung Privat-Musikunterricht erteilt. Anmeldungen entgegen genommen, Stundenpläne erstellt, Klavier- Flöte, Gitarre- und Keyboard-Unterricht gegeben, Rechnungen geschrieben, PC-Konto kontrolliert, ob alle einbezahlten, in seltenen Fällen musste ich mahnen, einmal hab ich sogar eine rausgeworfen. Zuletzt zahlte dieMutter dann doch noch, aber ich wollte sie nicht mehr. Die Schülerin schon, um die tat es mir leid, aber ich lasse mich nicht von Eltern verarschen und bescheissen. Das wäre auch unfair den andern gegenüber, welche die ohnehin niedrigen Honorare vergüteten.
 
Ich hatte allwöchentlich eine Reinigungs-Ingenieurin. Weil ich selbständig erwerbend war, konnte ich die Kosten auf der Steuererklärung abziehen. Als Angestellte geht das nicht, dann ist Putzen Privatsache. 
 
Selber putzen mit 5 Kinder-Haushalt und 30 Musik-Schülern geht nicht, also für mich nicht. 
 
Für einen Kollegen geht "eigenes Geschäft" ganz einfach: Man hat einen Beruf erlernt oder sich sonst wie laufend weiter gebildet und arbeitet dann selbständig. Er fabriziert nicht nur die Produkte (heutzutage infolge Internet nur noch Luxus), sondern stellt noch einen Akquisiteur (Vertreter) an, um die Produkte anzupreisen und die Leute wenn nötig zu überschnorren, ferner eine Inkassofirma, um die Preise einzutreiben, welche die Kunden oft nicht bezahlen wollten, weil nur unter Druck oder wegen Bauernschläue des Vertreters den Vertrag unterschrieben. Dazu braucht es natürlich noch die Treuhandfirma. So geschäftet der.
 
Nun verstehe ich auch, warum der mir dauernd Geschäftsideen vorgeschlagen hatte: Da ein Spüntchen, dort eine Gartenwirtschaft, und ein Getränk aus Milch und Kakao. Ich lachte nur, diese Produkte gäbe es doch schon, und noch mehr Beizen können in dünn besiedeltem Gebieten nicht rentieren. Er lächelte nur. Ich verstehe erst jetzt warum. Eben wegen dem Akquisiteur und der Inkassofirma. Das wäre für mich aber reiner Leerlauf, dann arbeite ich gleich ganz ohne Verdienst, einfach nur für mich als Hobby, und erspare mir den Ärger mit Inkasso und Akquisiteur und deren Kosten. Seine Produkte müssen horrend teuer sein, weil er ja damit nicht nur das Material und die Arbeitszeit, sondern auch diese ganze Entourage finanzieren muss. 
 
Meine Söhne arbeiten teils auch selbständig, aber rentabel. 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Worauf bist du besonders stolz? Gibt es eine Leistung, die dich überleben wird?
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14.3.  Arbeiten – Berufliches auf und ab.

Worauf bist du besonders stolz? Gibt es eine Leistung, die dich überleben wird?
Meine Kinder und Enkelkinder werden mich überleben, aber keine Beruflichen Leistungen von mir, auch nicht Hobby-Kunstwerke. Der heutige Mensch hat viel zu viele Dinge, was sollen sie mit meinen Sachen? Kompositionen, Geschichten, Bilder, Puppenkleider und Kasperli-Figuren, Instrumente, Geschirr und Möbel?  Da es alles in so vielen verschiedenen Stilen gibt, gefällt kaum etwas den Nachkommen, das wäre reiner Zufall. Das macht mir aber nichts aus.
 
Wer stirbt, lebt noch in der Erinnerung der Kinder und Enkel, und wenn diese ebenfalls tot sind, ist definitiv Schluss. Da meine Enkel, geboren ab 2000, hundert Jahre alt werden, wie man so lesen kann, bleibe ich auch noch lange als Erinnerung in deren Köpfen. Meine Grosseltern und Eltern sehe ich auch immer vor mir, höre ihre Stimmen und weiss, wann sie was sagen würden. Eine Enkelin behauptet strikt, sie wolle nicht sterben, und drum sterbe sie auch nicht. Da hat sie recht!
 
Stolz bin ich nur auf meine Kinder und Enkel, wobei man genau genommen auf nichts stolz sein kann. Man bekommt Fähigkeiten und nützliche Zufälle vom Schicksal geschenkt. Wer sehr vieles und bedeutendes leistet, hat logischerweise viel mehr Kapazität. Allenfalls bin ich noch stolz darauf, eine Ur-Ur-Enkelin des Bundespräsidenten Dr. Josef Zemp zu sein. Dafür kann ich ebenfalls nichts, ist wiederum kein Grund stolz zu sein. Das allerblödeste wäre dann Stolz auf eine Nationalität, als ob man die aussuchen könnte! Nur schon der Gedanke widert mich an.
 
Wichtiger ist es mir, froh zu sein. Dafür bin ich dem Schicksal dankbar. Wobei das Schicksal ein anderes Wort für Zufall ist. Vor Zeiten angelegte Fügung ist Humbug. Manchen gefällt der Gedanke, dass alles, was sie erleben, durch eine überirdische Regie gelenkt und in Handlungssträngen zusammen geführt wird. Das ist erlaubt. Jedem das seine.
 
Eigentlich könnte ich ja noch ein kleines Beispiel von Komposition  hier einfügen. "Paulinchen war allein zu Haus", aus dem Zyklus Struwelpeter, 4 Davon habe ich schon gemacht. 
 
 

oder eines der Bilder, sagen wir mal die "Überfüllte Herberge"

 

 

 

Hattest du auch Pech?
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14.3.  Arbeiten – Berufliches auf und ab.

Hattest du auch Pech?
Meine Fahrprüfungs-Experten hatten es mir wahrlich übel besorgt. Kein Fahrlehrer meldet Fahrschüler zur Prüfung an, wenn sie es nicht locker beherrschen. Ich konnte überaus gut berg-anfahren, ich habe die Gänge geschaltet, dass man kaum was merkte davon. Der Verkehr war Ende 60er-Jahre sowieso noch überschaubar, auch wenn man schon in Glattbrugg einspuren musste, ob man jetzt in Zürich ans Bellevue oder an den Bürkliplatz wollte. Theorieprüfung nur 1 Fehler, deren 3 durfte man haben. 
 
Wer nicht burschikos und eingebildet daher kam, eher etwas bescheiden oder gar unsicher, liess man gnadenlos mehrmals durchfallen. Das spülte Geld in die Kasse. Welche eigentlich? Staatskasse? Und warum wurde alles Geld immer in die Kassen "gespült?" Noch heute gibt es kein anderes Wort dafür. Bringen, schwemmen, füllen, beigen, stopfen .... nein, das heisst spülen. 
 
Meine Schwester mit den goldblonden Haaren und den langen Flirt-Klimper-Wimpern und mein charismatischer bildschöner Bruder erhielten das "Billet" gleich nach der 1. Prüfung hingeschoben (ich dachte da an einen etwas anderen aber ähnlichen Ausdruck). Ein anderer Bruder musste 3 x antraben, was mir mein Vater mal verraten hatte. Ich musste das für mich behalten, denn der Bruder duldete nicht, dass jemand das wisse. Ich hab ihm dann nicht gestanden, dass ich in Kenntnis sei, das hätte ihm vor Blamage die Zehennägel aufgerollt.  
 
Was nun mich betrifft, haben sie mich auch nach der zweiten Prüfung mit total fiesen Fangfragen in die Irre getrieben (nicht dass es gefährlich wurde, das überhaupt nicht), so dass ich -  weil mit dem Familienauto an der Prüfung, mein Vater hatte mich hingefahren und war todsicher, dass ich das Billet bekäme, weil ich es ja vorig könne -  selber mit dem Auto heimkehren würde. Ich also in die Telefonkabine auf dem Gelände des Verkehrsamtes und heulte tränenüberströmt und mit Schnudernase in den Hörer: "Papi komm mich holen, sie geben mir das Billet wieder nicht".
 
Er marschierte zu Fuss die Viktoriastrasse rauf und über die Winterthurer-Strasse zum Verkehrsamt. Niemand war auf dem Parkgelände zu sehen, als wir einstiegen und wegfuhren.
 
Das Projekt Autofahren, falls man es mal beruflich brauche, versenkte ich gedanklich in die tiefste Hölle runter und warf die Flinte kilometerweit über den Üetliberg ins Korn. Dann eben nicht! Kämpfen ist nichts so meins. (Typische Ausdrucksweise aus der jetzigen Zeit, ab ca. 2012). Damals sagte man eher: "hab ich nicht nötig"
 
Es schickte sich nicht, Autoprüfungs-Pech zu gestehen. Also tat ich es auch nicht. Heute wär mir das Versteckspiel zu blöd. Damals, wenn es drauf an kam, konnte ich einfach sagen, ich sei schliesslich nur ein Frau, hätte kein Geld für Auto und könnte einfach bei den andern mitfahren.
 
Heute bin ich so ein Stubenhocker, dass ein Auto bei mir zu 98 % nur herum stehen würde, und dafür wäre es dann wirklich zu teuer.  
 
Ich kann ja grad noch die fiesen Tricks der Prüfer aufzählen:
 
Man fährt auf der 4-spurigen Winterthurerstrasse mitten im Kuchen, also auf allen Seiten andere Autos, hinten, vorne, rechts, links, alles rollt gemächlich wie ein Lavastrom. Kaum unter einer sehr hoch gehängten Ampel-Anlage durch, behauptet der Prüfer, ich sei jetzt grad bei rot durchgefahren.
 
Oder: Wieder Winterthurerstrasse, alles ( wieder der ganze Kuchen) rollte mit 60 km/h. Der Prüfer fragte, ob ich die Seitenstrassen nicht sähe.
Doch.
Warum ich dann nicht Bremsbereitschaft mache?
Ich ging brav vor jedem Seitensträsschen etwas vom Gaspedal weg zwecks Bremsbereitschaft.
Merken Sie etwas? fragte er spöttisch
Was? wollte ich wissen
Der andere: Alle überholen Sie! 
 
Das war doch ein Sadist, oder? Ich könnte das nicht, arglose Mitmenschen so niederträchtig reinlegen.
 
 
 
   
Hast du jemals über deine Verhältnisse gelebt?
Seite 152
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14.3.  Arbeiten – Berufliches auf und ab.

Hast du jemals über deine Verhältnisse gelebt?
Das wäre mir nicht mal im Traume eingefallen.  Ist angeboren. Das umgekehrte bestimmt ebenso.
Falls du pensioniert bist, was vermisst du am meisten? Kannst du deine Kenntnisse noch brauchen?
Seite 153
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14.3.  Arbeiten – Berufliches auf und ab.

Falls du pensioniert bist, was vermisst du am meisten? Kannst du deine Kenntnisse noch brauchen?
Ich kann meine geistigen Kenntnisse noch brauchen solange ich nicht dement werde. Handarbeit geht auch noch ganz ordentlich. Treppen in 2 Stufen auf einmal hochspringen geht nicht mehr. Auf diese Art runter springen ebenso wenig. Rennen ist unangenehm, weil dann der Altersspeck schwappt. Ekelhaftes Gefühl. Ich trainiere aber nicht meine Muskeln (oder was davon noch übrig ist), denn meine Lebensqualität hängt nicht von Muskelstärke ab. Ich mag es geruhsam mit tun und lassen wie es mir grad beliebt. Dinge, die man nicht mehr kann, will man in der Regel gar nicht mehr.
 
Ich bin aber mit Brille ausgerüstet, damit ich nichts optisch verpasse, und weil ich Stimmen und Redeflüsse nicht mehr auseinander halten kann, wenn vieles auf einmal ertönt, habe ich mir Hörgeräte angeschafft. Ich will hören, was abgeht. Weil meine Haut und Adern ausleiern, blieb mir schon das Blut in den Beinen, und ich sackte weg. Am gleichen Tag nochmals. Danch truge ich fast ein Jahr lang Stützstrümpfe.
 
Nach einem halben Jahr verleidete mir der tägliche Murks mit den Kompressionsstrümpfen. Ich ging im Sommer gewohnheitsmässig barfuss, fiel aber nie mehr in Ohnmacht. 
 
Gschech nüüt schlimmers! Was könnte noch kommen? Grauer Star kam noch. Wurde operiert, jetzt ist auch die Nachtblindheit nicht mehr so schlimm.
 
Weitere  mögliche Alterungs-Merkmale: Erblindung, Krebs, Windeln, Gehstock, Rollator, Rollstuhl. Man wird sehen. 
 
Was ich vermisse: mich auf den Boden setzen und wieder aufstehen ist mühsam, drum unterlasse ich das und setze mich nur noch auf erhöhte Dinge wie Stühle oder Mauern.
 
 
 
Von wem oder was bist du am meisten enttäuscht worden?
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14.3.  Arbeiten – Berufliches auf und ab.

Von wem oder was bist du am meisten enttäuscht worden?
Dass ich nie einen richtigen Partner hatte und auch keine Tochter. Nicht mal Zwillinge. Auch hier: Schwamm drüber! Spielt jetzt keine Rolle mehr. Hauptsache Kinder. 
Hast du bewusst versucht, Arbeit und Zeit für Familie und Freizeit zu trennen? Wie hast du das geschafft – oder eben nicht?
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14.4.  Arbeiten – Arbeit, Familie und Freizeit.

Hast du bewusst versucht, Arbeit und Zeit für Familie und Freizeit zu trennen? Wie hast du das geschafft – oder eben nicht?
Das wollte ich gar nie. Und wenn, hätte ich es todsicher nicht geschafft. 
Wie warst du als Arbeitskollege/-kollegin oder Mitarbeiter/-in?
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14.5.  Arbeiten – Arbeitskollegen ? Vorgesetzte ? Vorbilder?.

Wie warst du als Arbeitskollege/-kollegin oder Mitarbeiter/-in?
Ich meinte es immer gut mit allem. Ich hatte keine Probleme. Wo etwas nicht gut war, ging ich wieder weg.
Hattest du auch abschreckende Beispiele als Vorgesetzte?
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14.5.  Arbeiten – Arbeitskollegen ? Vorgesetzte ? Vorbilder?.

Hattest du auch abschreckende Beispiele als Vorgesetzte?
Im Verlag einer Bezirkszeitung brüllte der Chef wie ein Wald voller Affen herum. Zwar brüllte er nicht mich an, aber andere. Das passte mir nicht, ich verabschiedete mich noch in der Probezeit. 
 
In einer Fabrik wo ich am Fliessband einpacken musste, liess man eine "Vorarbeiterin" auf die Packerinnen los, die alle 2 Wochen die ganze Belegschaft ankläffte, ungerechtfertigt kritisierte, einzelne blöd anmachte, die brav an den Fliessbändern arbeiteten und meinten, das könne doch nicht wahr sein. Ich heulte mehrmals vor mich hin.
 
Dabei hatte ich einem meiner Jungen, dem es an seiner Stelle auch nicht gefiel, gesagt, man solle einfach denken, man verdiene schliesslich die Stütz dabei, das sei doch scheissegal, wenn dumme Vorgesetzte herum mööggen. Nicht hinhören, nicht persönlich nehmen! Ganz einfach!
 
Trotzdem half ich ihm, die Lehrstelle aufzulösen und wo anders unter zu kommen. Und jetzt war ich selber in der Situation und ertrug es auch nicht. Da machte ich mich wieder vom Acker. 
 
 
Wie hast du deine Frau bzw. deinen Mann kennengelernt?
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15.  Eheleben

Wie hast du deine Frau bzw. deinen Mann kennengelernt?
Ich war mit 21 von Genf nach Kloten umgezogen, weil ich dort sofort Job und Wohnung gefunden hatte. Ich wollte wieder in die Nähe zu Örlikon, aber nicht ganz heim, nur oft auf Besuch. 
Die Wohnungsnachbarin Ruth liebte es, die Soldaten aus der nahen Kaserne zu sich einzuladen. Dadurch lernte ich nicht die Soldaten kennen, sondern andere Freunde, welche sie nach 3 Monaten auszuwechseln pflegte. Mein künftiger Ehemann Wädi war auch einer davon. Nach dem Ruth den nächsten anschleppte ( immer nebst den Soldaten), tröstete ich den Wädi, in Gegenzug verhalf er mir zu etlichen andern Kontakten. Lernte ich diese etwas näher kennen, schienen sie mir nicht mehr für mich geeignet. 
 
Da blieben einfach Wädi und ich zusammen. Ich mochte ihn wirklich, und er fand mich einen Glücksfall, weil ich mich selber zu beschäftigen wusste. Man musste mich nicht bespassen und die Verantwortung für mein Glück übernehmen. Das gab für ihn den Ausschlag, was ich erst viel später erfuhr. Für mich war der Ausschlag, dass ich so viele Kinder bekommen durfte, wie ich wollte.
 
Konkret lief es so ab:
er: "Wollen wir heiraten?"
ich: "mal sehen". Ich wusste inzwischen, dass er mit jugendlichem Leichtsinn und grenzwertigem Unfug voll ans Limit gegangen war, aber wer war ich, dass ich einen Engel bekäme? Und ist es nicht so, dass man mit einem voll korrekten Typen selber ebenso korrekt bleiben musste? Zuviel Korrektheit engt ein. 
Bald schlug er vor: "Komm wir heiraten!"
Ich spontan: "Wie viele Kinder darf ich bekommen?"
Er, ebenfalls spontan: "Zehn oder elf!"
"Echt jetzt?"
"Ja, klar!"
"Gut, heiraten wir!"
 
Zuvor wollte ich aber schwanger werden, denn ohne Kinder brauchte ich keine Heirat. Ich war leicht empfänglich, wie meine Mutter. Ich schwelgte in Glück, aber wie oft bei ersten Schwangerschaften, hielt sie nicht. Nach 12 Wochen war Feierabend. Ein Schock für mich, niemand hatte mir je gesagt, dass sowas vorkomme. Das erfuhr ich erst vom Frauenarzt, ein Drittel der Schwangerschaften enden innerhalb der ersten 3 Monate durch spontanen Abgang. Heute meint man, es seien sogar die Hälfte davon. Man bemerkt solche frühen Fehlgeburten oft nicht einmal. 
 
Das war die erste Herausforderung für meine Resilienz. Ich heulte kurz und stiess wüste Fluchworte aus, dann war die Sache Vergangenheit. Heute kann man Aborte begraben und Therapien machen zur Trauma-Bewältigung. Gut! Für mich ging es ohne. 
 
Die Hochzeits-Vorbereitungen führten wir unbeirrt weiter. Unsere Eltern verabredeten sich zu einem Treffen im Klösterli, Restaurant in der Nähe des Zoos, und feierten unsere Verlobung. Es blieb ihnen unbenommen. Meine Eltern waren hin und weg von Wädis Charme. Darin war er gut! Es war eine von seinen viele Seiten, wie es normalerweise bei Menschen vorkommt. Auch ich habe mehrere Seiten, die sich instinktiv kehrten, wenn es zweckmässig erschien.
 
Für meine Schwiegereltern war ich zwar ein Probierblätz als erste Schwiegertochter, aber ich war auch nützlich, ich schrieb die Rechnungen für die Carrosserie-Werkstatt mit Spritzwerk, und als eine Kundin ihren kostbaren geerbten Oldtimer rundum aufpolieren liess für 12'000.- und nie bezahlen wollte, leitete ich als KV-Tipse die Betreibung ein. In der Firma Egli hatte man nicht gewusst, wie man das macht oder dass es das überhaupt gab. Es war ja noch nicht Internet. Dann wäre es sicher anders gewesen. Wenigstens einen Teil des Betrages kam so herein. Mehr hatte die Kundin einfach nicht. 
 
Abdecken oder Abdeckstreifen entfernen war eine praktische Handreichung in der Werkstatt. Oder Schmiernippel rot bemalen. Wischen und putzen eher nicht. Wer aber Rechnungen schreibt, dem erlässt man natürlich das Wischen. Alles andere wäre ja töricht. Ich kann nichts dafür. Andere putzen viel lieber als dass sie auf der Schreibmaschine schreiben oder überhaupt schreiben. Stichwort Arbeitsteilung.
 
  
 
 
 
Was tatet ihr, um euch zu umwerben und zu erobern?
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15.  Eheleben

Was tatet ihr, um euch zu umwerben und zu erobern?
Wir waren nicht Prinz und Prinzessin, vom Schicksal bestimmt, bis zum Tod in glückseliger Verliebtheit  zu schwelgen. Da war nichts Märchenhaftes, nicht mal Verliebtheit. Schon gar nicht kämpften wir darum. Eine Art kollegialer Liebe, und die Pheromene (wie man heute weiss) lösten die sexuelle Anziehung aus. Dass meine Eltern sich mit mir freuten, gab mir eine gewisse Sicherheit. 
 
Ich hatte kein schlechtes Gewissen. Sagte man nicht immer, Verliebtheit reiche nicht zur Heirat? Es müsse Liebe sein? Ja gut, das war es schon. Es war einfach nicht wie in Romanen und romantischen Filmen. Heute mag das auch den Jungen klar sein, aber damals glaubte ich schon noch daran, dass die Hochzeit der schönste Tag und das Leben danach eine reine Wonne sei. Ich war nicht die einzige. Viele Generations-Genossinnen warteten auf die ideale Partnerschaft wo alles stimme, das war man den künftigen Kindern schuldig, und sie vertrödelten das Leben mit Warten auf den "Richtigen" der nie kam, und damit auch die Kinder nicht. Ich hörte die Sprüche von ihnen: "Ich hätte halt auch gerne eine Familie mit Kindern gehabt, aber es hat sich nicht ergeben. Wenn man eben keinen richtig guten Vater für die Kinder hat, kein Haus mit Garten drum herum und kein dies und das, wäre es doch verantwortungslos, Kinder in die Welt zu stellen." 
 
Trotz meiner gescheiterten Ehe bereue ich rein gar nichts. Ich wollte mehrere Kinder und habe sie Gott sei Dank bekommen. Hätte ich mich selber für so gut gefunden, auf einen Besseren warten zu müssen (selber angeln ging damals nicht), wäre ich als Tippse hinter der Schreibmaschine vertrocknet, sofern man mich nicht in den 90-er Jahren wegrationalisiert hätte wie so viele andere in meiner Generation.  
 
 
Musstet ihr euch zwischen mehreren Partnern/Partnerinnen entscheiden?
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15.  Eheleben

Musstet ihr euch zwischen mehreren Partnern/Partnerinnen entscheiden?
Zwischen mehreren Partnern entscheiden?
 
Ich war die absolut tolle Frau, unglaublich schön und attraktiv. Die Männer standen Schlange vor mir. Ich konnte sie wie die Prinzessin von König Drosselbart wegen äusserlichen Kleinigkeiten aussortieren um den absolut optimalen Mann heraus zu filtern. Er musste hochmusikalisch und talentiert sein, studiert und trotzdem mit sehr guter Allgemeinbildung, hoch auf der Karriereleiter, reich, schön wie eine Mischung aus Gregory Peck, Keanu Reeves, Donald Sutherhand und Harrison Ford. Mindestens. Schliesslich bin ich die Mutter von Julia Roberts. Auf 10 Minuten Sex muss zuvor eine Stunde Kuscheln stattfinden. Was noch?
 
Das alles war jetzt nur ein Witz, im Fall!  Aus mehreren Ehekandidaten wählen können! Ich lach mich schlapp!   
 
Da oben im Titel steht noch die Frage, ob auch rationale Überlegungen eine Rolle spielten. Klar! Ist man nicht gegenseitig verliebt, dass rundum die Welt untergeht, müssen es wenigstens rationale Überlegungen sein. In meinem Fall Kinder.
 
Die kamen noch nicht lange her von selber, aber seit der Pille musste ein Mann mit der Zeugung einverstanden sein. Theoretisch. Wer sich nicht daran hielt, war ein Luder (heute: Schlampe) und hatte den Mann "hereingelegt". Ich fand, wenn ein Mann absolut keine Kinder will, soll er nicht auf Frauen drauf. Unterdessen sind es schon viel öfter die Männer, die Kinder wollen und sich gedulden müssen, bis die Frau sich gnädigst dazu herab lässt. Zum Glück werden die Bevölkerungslücken wenigstens von Immigranten aller Arten einigermassen aufgefüllt. 
 
Die Erde braucht zwar keine Menschen, aber wenn Menschen einen so hohen Lebensstandard errungen haben, braucht es genug andere Menschen, damit diese Bequemlichkeiten erhalten bleiben. Ohne genug Leute und Steuersubstrat landen wir wieder in Höhlen und auf Bäumen. Ich möchte aber nicht - nebst Kindern - auf TV und PC verzichten, obwohl es das in meiner Jugend gar nicht gab. 
Gab es auch Momente des Zweifels?
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15.  Eheleben

Gab es auch Momente des Zweifels?
Kommentar: Ich kann nicht anders, ich muss Ihnen einfach ein grosses Kompliment machen, wie wunderbar witzig Sie schreiben. Besonders hier. Wachsen Männer überhaupt je aus dem Bubi-Alter heraus? Das ist seit langem eine meiner Fragen. Bis heute: Freude an Motoren an Autos oder Töffs die aufheulen nur um sich bemerkbar zu machen, 1.August oder Silvester-Knallerei, nur um der Knallerei willen, (ohne Feuerwerk), mit Waffen protzen (natürlich als "Penis-Verlängerung") und vieles vieles mehr, was mich oft ärgert, manchmal zum Schmunzeln bringt. Eigentlich kommt es mir vor, wir bräuchten sie nur um die Spezies Mensch zu erhalten. Na ja, muss doch sagen: es gibt auch Einsteins, Sokrates, Mandelas, Mozarts, usw. Gottseidank. Ich freue mich, bei Ihnen weiterzulesen.
 
Antwort:
Es gibt auch noch die ganz gewöhnlichen und als Familienväter tauglichen Männer. Bei den Frauen gibt es genau so diese Unterschiede. Karriere-Frauen, Mütter, Huscheli, Tussis, etc. sogar bei den Tieren bemerke ich solche charakterlichen Unterschiede! Die oben beschriebene Männer-Art ist sehr lustig zu lesen, aber eben nur eine Sorte Männer von vielfältigen anderen Charakteren. Das zu beobachten, interessiert mich immer. 
 
 
 
Allerdings gab es Zweifel. Wädi unterstützte die Wirtschaft, das heisst, seine liebste Feierabendbeschäftigung bestand darin, abends in der Stammkneipe eine Stange Bier nach der andern zu kippen und mit den Kumpeln zusammen die neuesten Witze zu erzählen. Oder sie plagierten mit ihren Schandtaten die da waren: besoffen Auto fahren, fast einen Fladen (Unfall) gebaut, diese oder jene Frau abgeschleppt, die war so und so, dann zurück zu den Witzen, oft mehrmals die gleichen hintereinander, man verlor eh den Überblick im Durcheinander.
 
Ab und zu war ich dabei. Manchmal war es sogar lustig. Dass ich nur Süssmost und auch davon nur sehr wenig trank, akzeptierten die andern erstaunlich schnell. Meine Selbstsicherheit hatte vielleicht dazu beigetragen. Ich fürchtete nie, ausgelacht zu werden, denn wer mich auslachen wollte, der durfte ungeniert, ich hatte nichts dagegen. 
 
Eines abends - ich war ebenfalls dabei - war er so hinüber, dass er schwankte und lallte. So was machte mir Angst, weil ich das von zuhause nicht kannte. Ich ging zügig voran, er rief hinterher ich solle warten. Je mehr er rief, desto schneller holte ich aus. Schliesslich rief er Unverständliches hinter andern Passanten her. Das letzte Stück rannte ich und schloss mich in meiner kleinen 1-Zimmer-Wohnung ein. 
 
Am nächsten Tag rief er an und heulte und schniefte, es tue ihm leid. Ich erklärte klipp und klar, ich wolle keinen Besoffenen und keinen Säufer, das komme überhaupt nicht in Frage. Er versprach hoch und heilig, nie wieder Alkohol zu trinken. Also gut, wir werden sehen.
 
Er hielt sich tatsächlich daran. Insofern, dass er nie wieder schwankte und lallte und eindeutig betrunken war. Er ging nicht mehr jeden Abend in die Kneipe, und wenn, dann nicht so lange.
 
Er rauchte  fleissig dazu. Damals galt das noch nicht als so schlimm wie heute, sonst hätte ich selbstverständlich darauf bestanden, dass nur draussen geraucht werde und nicht in der Wohnung, auch nicht am offenen Fenster, allerhöchstens auf einer Terrasse, und ich hätte ab und zu geäussert, ob es nicht bald Zeit wäre, mit dem Bubizeug aufzuhören, das seien doch die Bubis, die rauchten, weil sie meinten, sie sähen dann erwachsen aus. Er jedoch wäre schon erwachsen und wirke wie ein Bubi mit diesen Zigis. Dazu grinste er nur. Das ging nicht mal zum einen Ohr rein und zum andern wieder raus, das ging überhaupt nicht in ihn rein. 
 
Am Freitag unterschrieben wir die Papiere auf dem Standesamt, am Polterabend kam er im Laufe der Nacht heim und bat mich, mitzukommen, es sei noch so lustig. Ich sagte, ich wolle ihn nun doch nicht heiraten. Das hielt er für eine zärtliche Neckerei. Weil ich nicht Prinzessin, sondern Mutter werden wollte, vergass ich den Spruch sofort wieder. Wir heirateten wie geplant.
 
 
War jemand von euch vermögend?
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15.  Eheleben

War jemand von euch vermögend?
Niemand von uns war vermögend. Drum gab es nie Probleme. 
 
Eine meiner Tanten wurde 70 und lud die gesamte Verwandtschaft ein. Auf die Frage, wie er es geschafft habe, eine so lange Ehe gut zu halten, erklärte ihr Mann (sie hatten ein eigenes Geschäft), er habe sich nie in Gelddinge eingemischt, die Buchhaltung total der Frau überlassen. Das war die schlaue Entscheidung, so geht gute Ehe.  
Wie stand es mit eurer gegenseitigen Treue? Wie mit Eifersucht?
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15.  Eheleben

Wie stand es mit eurer gegenseitigen Treue? Wie mit Eifersucht?
Wird man als Frau im besten Alter nicht ausreichend gewürdigt, bekuschelt oder wenigstens begattet, meint das vegetative Nervensystem, es sei kein Partner zugegen und leitet den Befehl ans Gehirn, Ausschau zu halten. Selbst wenn man das nicht tut, weil mit den Kindern beschäftigt, passiert es, dass einem jemand vor die Augen kommt, und es fährt ein, dass man grad nicht mehr weiss wie wo was . Die Situation war nicht günstig für eine Anbändelung, nicht mal für einen Flirt. Weil diese Termine regelmässig alle 2 Monate stattfanden, genügte mir das. Ich freute mich sehr, einfach nur am Gefühl der Verknalltheit und den von mir Angebeteten sehen zu können. 
 
Ich war nicht die einzige. Wir Mütter mit unsern Kindern schielten uns an und musterten die Outfits. Meine Kleider waren nicht im geringsten in Mode. Zum Beispiel Rotgestreiftes Guatemala-Hemd, unten ausgefranst, darunter Jeansjupe, immer flache Schuhe und lange Haare, auf verschiedene Arten geflochten, im Sommer weisse Hemdchen mit schmaler Spitze am Ausschnitt à la Grossmutter-Unterhemd, dazu ein Jupe, zum Beispiel aus 4 verschiedenen indischen Seidenfoulards, darunter ein weisser Unterrock mit Spitzen (aus altem Leintuch) und Sandaletten. Eine Mutter wirkte sehr angestrengt, als hirne sie darüber nach, ob jetzt mein oder ihr Outfit mehr Erfolg verspräche, oder ob sie es verpasst hätte, dass jetzt Ethno Mode sei. Sie selber trug ein Volant-Kleid aus pink Nylon, dazu schwarze hohe Stiefel. Wir zwei wirkten gegeneinander wie Wesen aus verschiedenen Galaxien. 
 
Mit kleinen Kindern auf dem Arm war Schmuck nicht zweckmässig. Ich trug weder Ohrringe noch Halsketten oder Armbänder, auch keinen Ehering, weil der in den Schwangerschaften nicht mehr passte, danach vergass ich ihn, später fühlte ich mich nicht mehr verheiratet, obwohl ich es auf dem Papier noch war. Bei den bunten Kleidern machte zusätzlicher Schmuck keinen Sinn.
 
War ich sonst unterwegs, ging ich barfuss (ausser wenn es zu heiss oder zu kalt war) Ferner waren damals Haarklammern Mode mit grossen leuchtend bunten Stoffblumen dran, die klemmte ich mir an den Pferdeschwanz oder aufgesteckten Zöpfe. Für jene Termine fand ich das zu aufgedonnert und nackte Füsse zu ungeniert.
 
Meine Kinder waren damals ca. 1, 5, 10, 12 und 14. ich hatte kaum je alle 5 dabei, meistens waren es 2  - 3 auch mal 4. Wer nicht mit wollte, musste nicht. Mit dem 12-jährigen hatte ich alle 2 Monate diese Termine, mit dem 10-jährigen nur alle Jahre einmal. Ich nahm aber nie beide zusammen auf einen Termin, denn so konnte ich einmal mehr hin. Ich meine, sowas konnte der ja nicht merken bei vermutlich 100 oder 150 verschiedenen Leuten pro Woche.
 
Diese ganze Phase dauerte wohl schon ein oder 2 Jahre, da begab es sich, dass David und ich beide was unterschiedliches kaufen mussten. Der Termin war um 2 Uhr, der Zug kam aber um 13.45 h schon an.  Das reichte, dass wir beide schnell unsere Sachen besorgten, die wir ja nicht erst suchen mussten, und wir verabredeten, dass, wer zuerst dort sei, auf den andern warte. 
 
Es war erst grad 2 Uhr, und ich wartete mit Clemi, dem Jüngsten, auf David. Nicht lange, und er kam die Treppe runter gerannt, er sei schon dran gewesen. Ich schnappte nach Luft und brüllte dann los, was ihm eigentlich einfalle, warum er nicht gewartet habe. Er guckte verstört. Eigentlich hätte er in diesem Alter längst allein an diese Termine gehen können. Schon 10-jährige durften von mir aus allein in die Stadt.
 
"Das machst du nie wieder, dass du ohne mich da rauf gehst!" Das Kind war solches nicht von mir gewohnt. Ich war sonst sehr pragmatisch und pflegte nicht unsinniges zu befehlen oder zu verbieten. Reklamationen trug ich in normalem Tonfall vor. 
 
"Dann geh einfach noch mal rauf, dann siehst du ihn noch!" begriff er langsam, was mich so verärgerte," der läuft doch eh die ganze Zeit im Gang herum und hält die Karteikarten in der Hand und guckt den Leuten zu, wie sie kommen und gehen."
 
"Das kann ich nicht machen! Was denkt er sonst?" zischte ich mühsam beherrscht.
 
"Das ist doch dem egal, ob du jetzt auch noch rauf gehst und wieder runter. Was soll er schon denken? Der schnallt das eh nicht."
 
Wie wir den Rest der Zeit verbrachten, weiss ich nicht mehr. Irgendwann stiegen wir zur Heimfahrt in den Zug. Im Abteil fanden wir etliche Schulkollegen von David. Ich schmollte immer noch. Zwei Monate vergebens gewartet !!! Konnte je irgend wem etwas schlimmeres passieren?  Ich glaube: nein. 
 
Darum erzählte David den Kollegen, warum ich nicht quietschfidel war und Witzigkeit versprühte, stattdessen wie gelähmt mit einem Lätsch in der Ecke lehnte. Philipp Koffel hatte eine geniale Idee, wie er meinte: "Geh doch Tennis spielen! Der spielt dort auch Tennis. In den Pausen hockt er immer ganz allein auf dem Bänklein. Du musst gar nicht Tennis spielen, kannst dich einfach zu ihm hinsetzen, da freut er sich bestimmt."
 
Ich glotzte Koffel mit offenem Mund an, und als ich die Sprache wieder fand: "Das würde ich mich nie getrauen!"
 
"Warum denn nicht? Du kannst doch hin wo du willst und machen was du willst. Ist doch nicht verboten!"
 
"Ich hab kein Geld für Tennis-Club. Das ist was für die Reichen, damit sie unter sich bleiben können."
 
Koffel belehrte mich, dass es heute nicht mehr so sei, ich könnte ohne weiteres dort rein gehen.
 
"Das mach ich auf keinen Fall. Ich kann doch nicht den Leuten nachlaufen. Wie sieht das denn aus! Nein, das kommt unter null in Frage!"
 
"Ja, willst du den jetzt sehen oder nicht?"
 
"Schon, aber nicht im Tennisclub, das ist sein Revier und nicht meines. Ich habe dort nichts verloren."
 
Die Buben machten sich noch eine Weile lustig über mich, was mich nicht tangierte. Sollen sie doch.
 
Nicht schlimm, aber umso peinlicher war die Sache mit dem Lego-Fotoapparat.  Meine Kinder hatten grad eine Phase, wo sie sich aus Lego Kameras bauten. Weil ein kaputter alter Fotoapparat herum lag, durften sie den dazu nehmen und einbauen. Es klickte nämlich noch, wenn man auf den Auslöser drückte. An der Chilbi hatten wir ein Riesengaudi damit. Die Leute sahen ja nur das Legospielzeug, womit Sebasti ihnen in die Gesichter zielte, dann klickte es, was man zwar nur hörte, wenn der Musikautomat grad die Platte wechselte. Die Reaktionen der Leute waren höchst unterschiedlich, das machte es ja so spannend. Manche bemerkten nichts, andere lächelten milde, dass ein Kind mit einer Kamera aus Lego zufrieden sei, die ja nicht wirklich funktionieren könne, das Bauwerk sah höchst unprofessionell aus. Einige waren empört. Vielleicht hätten sie dem Kind am liebsten das Spielzeug aus der Hand gerissen und 'ihr Recht am eigenen Bild' reklamiert, beherrschten sich aber. 
 
Man ahnt es schon, Sebasti nahm seine Kamera auch in die Stadt mit und knipste die Leute unterwegs und im Wartezimmer. Da war keine Musik, niemand redete, man hörte es klicken und klicken, dieses einzigartige Kamera-Klicken, welches die Vögel schon nachahmten. Ich dachte mir nichts dabei, da sagte David: "Du, der hat das gehört!" Und er sagte er erst noch so, dass der Maestro das noch dazu gehört haben musste. 
 
"Macht ja nichts," fand ich. Den Clou erkannte ich erst viel später. Er hätte meinen können, es seine eine intakte Kamera drin. Ohne Blitz kriegte man in jener Epoche keine deutlichen Bilder hin. Schon darum fand ich nichts dabei. Das weiss doch jeder, in Zimmern braucht es Blitz. Selbst draussen im Gegenlicht war ist nichts Genaues zu erkennen. 
 
Endlich erfasste ich die Schmach, aber die Kinder lachten; ich schob die Peinlichkeit beiseite und ging zur Tagesordnung über. 
 
Ich brauchte schliesslich kein Foto. Von meinen Kaspifiguren (Handspielpuppen) bekam eine sein Gesicht. Die meisten haben Gesichter von wirklichen Leuten. Diejenigen Puppengesichter, die ich einfach nur so machte, hatten nie denselben Reiz. Die Gesichtsform und die Proportionen können bei einem Puppenkopf natürlich nicht eingehalten werden, trotzdem erkennt man sie. 
 
Wir waren 3 Frauen, die an den Herbstsonntagen im Kinderparadies Märchen mit Kaspifiguren aufführten. Der Schöne hatte einmal die Rolle als Vater von Hänsel und Gretel, dann als Müller in Rumpelstilz und mal war er eine der Feen von Dornröschen. Von mir aus hätte er in jedem Stück der König sein sollen, aber die Kolleginnen hatten auch noch ein Wort mitzureden. Ausserdem setzten wir auch deren Figuren ein, Räuber Hotzenplotz und Dornröschen samt dem Prinzen. Nach ein paar Jahren machten wir umständehalber keine Kaspitheater mehr.
 
Die Sache mit den Kaspi-Gesichtern war auch noch ein lustiges Kapitel in meinen Tagebüchern. Ist aber nicht Zeitgeschichte.
 
Clemi spielte mit Brio-Schienen und den dazugehörigen Zügen. Der rote Pfeil war nicht mehr aktuell. Das neuste war jetzt der TGV, der Train a grand vitesse. Dauernd hörte ich ihn dieses Wort daher plappern. Ich wunderte mich, ging nachschauen, aber der Kleine sprach zu seinem TGV-Zug. Er sagte aber nicht "Tégevé" sondern den ähnlich klingenden Namen des Maestros, den wir ja nur alle 2 Monaten für anderthalb Sekunden sahen. Drum nenne ich ihn hier drin jetzt Tégevé.
 
Die Freundin meines Mannes, ein damals 17-jähriges Mädchen, welches auch bei uns wohnte, hatte offenbar etwas verplappert von einem Herrn Tégevé, den man in der Stadt sehen könne. Ausserdem hatte mein Mann den Hypozins nicht einbezahlt, und ich drohte ihm mit Rauswurf, wenn er diesen Zins nicht blitzartig der Bank überweise. Einmal musste ich kurzfristig in der Stadt Geräteschuhe holen, weil es im Laden hier keine mehr hatte, denn meine Kinder turnten immer barfuss und wurden ständig ermahnt, Turnschuhe oder Geräteschuhe in der Turnhalle anzuziehen. Die Zeit reichte gerade noch, denn nebst den Zügen verkehrten auch Busse zwischen der Stadt und den Dörfern hin und her. 
 
Ich hatte nichts von allem gemerkt, aber mein Mann erzählte es mir danach. Er war mir gefolgt, weil er meinte, ich träfe mich mit dem Tégevé. Das war eh nicht der Fall, der kam nicht mal zufällig daher. Zu dieser Zeit war er vermutlich noch an der Arbeit, und die Kinder brauchten wirklich Geräteschuhe. Ärger mit Lehrern wollte ich tunlichst vermeiden.  
 
Damit ich ihn nicht bemerke, blieb mein Mann beim Obertor stehen und wollte mir erst wieder folgen, wenn ich um die nächste Ecke ginge. So weit kam es nicht. Zwei Polizisten packten ihn und meinten, er wäre der Dieb, welcher grad vorhin einer Frau die Handtasche weggerissen habe. Der Fall klärte sich auf, er war tatsächlich nicht der Gesuchte. Warum er aber allein am Obertor gestanden und Frauen nachgeschaut habe, wollte er jedoch nicht verraten.
 
Ich hatte damals sehr viele Musikschüler und keine Zeit, wegen nichts in der Stadt herum zu hängen. Mal war es gegen fünf Uhr nach einem Einkauf alldorten, als ich eine Bekannte antraf. Wir tauschten unsere Neuigkeiten aus. Da marschierte ca. 20 m von mir entfernt Professor Tégevé der Hausmauer entlang und blickte eine halbe Sekunde erbost zu mir rüber. Wahrscheinlich hatte ich das nur gemeint; es konnte nichts mit mir zu tun haben, denn ich hatte ja nichts getan. Jemand musste ihn geärgert haben, oder ich hatte nicht richtig gesehen, vielleicht war die Kontaktlinse verschoben oder so.
 
Am ersten August desselbigen Jahres hatte mein ältester Sohn Hötti eine Bombe bauen wollen, die so laut knalle, dass es seinen Ansprüchen genüge. Unser Haus hatte drei bewohnbare Stockwerke auf der Grundfläche von 140 m2. Ich passte immer auf die Kleinsten auf. Was die Grösseren trieben, war selten auf meinem Radar. Um es kurz zu machen, die Bombe war vorzeitig geplatzt und dem Bub ins Gesicht gefitzt. Der Hausarzt kam und begutachtete den Vorfall. Glück gehabt, weiter nichts passiert, aber viele Splitter von der Bombe. Die muss man im Spital rausnehmen. Er telefonierte und meldete uns notfallmässig an. Meine Nachbarin Netti fuhr uns hin. Was wir sonst noch für Kinder dabei hatten, weiss ich nicht mehr, vielleicht noch eins von Netti.  
 
Wir warteten im Flur auf einer Bank. Ich wusste nicht, wer die Splitter entfernen sollte, das hatte niemand erwähnt. Es war Professor Tégevé. Er marschierte mit der Mappe in der Hand daher und machte ein Gesicht, als dächte er genervt: "Die schon wieder! Woher weiss die, dass ich um diese Zeit hier durch gehe?"
 
Jemand, Arzt oder Krankenschwester, führte uns ins Zimmer und meldete den Buben mit den Splittern an. Nun war Tégevé wie umgewandelt. Ihm wurde klar, ich hatte ihn gar nicht abgepasst, sondern brachte ein Notfall-Kind vorbei. Er erinnerte sich an unseren Familiennamen, guckte zum grossen 16-jährigen Kerl hoch und fragte: "Ist das auch Ihrer?" Ja. Wie viele ich denn noch hätte. Fünf. "Schön" fand der. Und ich fand es mindestens genau so schön, dass er das gesagt hatte, er war sonst kein Plauderer. Manche beschwerten sich sogar, der sage nie etwas. Aber er machte seinen Job, was die Hauptsache war. 
 
Dazu kommt mir in den Sinn, dass er Jahrzehnte später der Pensionierung entgegen sah, was  im Dorf fleissig verhandelt wurde. Ich selber ging seit einigen Jahren altershalber alle 2 Jahre, dann wegen einer Gefahr alle 4 Monate zur Kontrolle vorbei. Als ich das gelegentlich erwähnte, gackerten die andern Frauen auf mich ein, der Tégevé sei gar nicht mehr dort, der sei pensioniert. Ich beharrte darauf, dass ich ja erst grad den Termin hatte und er dort war. Eine andere reklamierte empört: "Als ich dort war, musste ich zum Neuen. Tégevé war nicht mehr dort!"
 
Ich wusste nur Bescheid, weil ich beim Termin ein Telefonat der Sekretärin mit einem andern Kunden gehört hatte. Sie offenbarte nämlich, dass an diesem Termin nur der Neue da sei; wenn er (der Kunde) zum Tégevé wolle, müsse er 3 Monate warten.
 
O Sch....! Bald ist er nicht mehr da, durchfuhr es mich, obwohl ich in der Zwischenzeit mindestens 5 andere Verknalltheiten durch hatte. Nachdem ich den nächsten Termin machte, bestand ich darauf, ich wolle im Fall zu Tégevé, so lange der noch da sei. Und wie lange das noch sei?
 
Die Sekretärin weihte mich ein, dass es sich um ungefähr 2 Jahre handle, so lange werde Tégevé den Nachfolger einarbeiten. Dann gehe er in Pension. Das konnte ich akzeptieren, Hauptsache, ich wusste woran ich war. 
 
Kurz darauf erzählte mir Nachbarin Reno, dass sie dahin müsse, aber der Tégevé sei gar nicht mehr dort.
 
"Doch, der ist noch dort."
 
"Nein, der ist nicht mehr dort, als Frau Beer hinging, war er nicht mehr dort."
 
"Der Neue ist eben auch schon dort. Manche bekommen Termine beim Neuen, andere noch beim Tégevé."
 
"Woher weisst du denn das alles?" fragte Reno etwas pikiert.
 
Ich erzählte wortwörtlich, was die Sekretärin berichtet hatte, erwähnte diese dabei aber nicht.
 
Reno, noch eine Stufe empörter: "Warum sagte der dir das alles? Zu mir hat er nie etwas gesagt !!!" Ich platzte schier vor Stolz, weil sie meinte, Tégevé hätte mir das von selber erzählt. Was ja nicht er Fall war, aber wenn andere das meinten, war es soviel wie Tatsache.
 
Die Zeit ging um, man kann sie nicht bremsen. Da eröffnete mir Professor Tégevé, das nächste mal sei der Neue da, und er selber ginge in Pension. Ich sagte nur "Ja," freute mich, dass er das sagte, hätte am liebsten viel Vergnügen für die freie Zeit gewünscht, aber das traute ich mich wiederum nicht, schien mir zu aufdringlich. 
 
Immerhin sinnierte ich darüber nach, dass wohl die Sekretärin ihm verklickert hatte, dass Frauen verlangten, erst zum Neuen zu gehen, wenn er, Tégevé, gar nicht mehr dort sei. Da Reno und Konsorten reklamierten, hatte er die alle anscheinend nicht informiert. Er musste sich gedacht haben, weil ich ihn über all die Jahrzehnte nicht gefressen hatte, würde von mir definitiv keine Gefahr ausgehen, drum würde eine kleine Freundlichkeit nicht zum Verhängnis werden.  
 
Ich gehe nochmals zurück in die 80-er-Jahre. Meine Freundin Adelheida berichtete mir aufgeregt, der Tégevé sei umgezogen. Privat. Keine Ahnung, woher sie das wusste; und wo er wohnte, war mir einerlei. Ich hatte nicht im Sinn, dahin zu wallfahrten, weil er mich nicht von selber dazu einlud. Logisch tat er das nicht, was sollte er mit er einer Mutter von 5 Kindern! Zudem war ich ja so hässlich, dass auch sonst keiner mich begehrte, folglich er sicher auch nicht. 
 
Adelheida blätterte im Telefonbuch. Damals waren alle, die am Festnetz angeschlossen waren, im Telefonbuch aufgelistet, welches jedes Jahr aktualisiert wurde. Sie wollte die Nummer ausprobieren - entweder war es eine neue Nummer, oder die alte war mit-umgezogen, keine Ahnung, ich kam gar nicht auf die Idee, dass ich das wissen müsste - also stellte sie die Nummer ein, und ich sagte: "Der ist doch jetzt gar nicht dort!"
 
"Aber vielleicht seine Frau!"
 
"Und was sagst du ihr?"
 
"Nichts. Ich wäre leider falsch verbunden."
 
Damals gab es keine Händis mit Nummernanzeige von Anrufenden, darum liess ich Adelheida gewähren. 
 
Sie machte ein komisches Gesicht: "Wer ist da?", dann: "Tégevé"! und zu mir: "Gib mir was zum schreiben!"
 
Sie notierte eine Nummer und rapportierte, was die fremde Frau gesagt hatte, nämlich dass im Telefonbuch versehentlich eine falsche Zahl stehe, und jetzt riefen dauernd alle bei ihr an und wollten den Tégevé. Dessen Nummer sei aber xxx. 
 
"Wassss ????? Das ist doch gar nicht die Geschäftsnummer! Warum rufen denn die alle privat an? Das kann ja gar nicht wahr sein!"
 
Adelheida lachte, sie wolle ihn jetzt in den schönen warmen Sommerabenden mal anrufen, sie sei Fräulein xxxxx  (wie hiess die damalige junge Sekretärin noch? müsste ich doch noch wissen! Keine Chance, ich weiss es nicht mehr, steht sicher in den alten Tagebüchern, aber das suche ich jetzt nicht raus, weil total unwichtig)  also eben, sie sei xxxx, ob er noch ein bisschen ins Städtchen runter komme oder ob sie zu ihm rauf kommen dürfe. 
 
Es entzieht sich meiner Kenntnis, ob sie das je tat. Womöglich wollte sie mich damit nur necken, weil ich immer in solche Typen verknallt war, bei denen ich eh keine Chance hatte. Denn Adelheidas Ober-Idol war damals ein Bus-Chauffeur.
 
Weil David bald nach Eintritt in die Sekundarschule die Übung nicht mehr mitmachte, verlor ich die Geduld. Nicht jedoch Tégevé. Es waren jetzt etwa 3 Jahre um, oder vielleicht auch nur zwei einhalb, egal, Tégevé stellte fast jedes mal Verbesserungen fest, was gar nicht stimmen konnte. Er schlug sogar etwas Neues vor, aber ich dachte: "du kannst mich mal!" Dann gingen wir an den Tresen um bei der Sekretärin wie immer den nächsten Termin zu vereinbaren. Tégevé stand hinter ihr und blickte auf die nächste Karteikarte um sich zu orientieren, wen er antreffe und was aktuell sei. 
 
Ich sagte zur Sekretärin: "Ich weiss noch nicht, wann ich genau Zeit habe, ich rufe dann an für den neuen Termin."  "Ja klar, kann man auch so machen," gab sich die Sekretärin zufrieden. Tégevé blickte von der Karte auf und hatte einen müden Blick. Mein Gehirn dachte selbständig: "Der weiss, dass ich nicht mehr komme."
 
Das war sicher Einbildung, aber ich finde es bemerkenswert, was das Hirn so alles anstellt und einem eingibt. 
 
Es war ja nicht so, dass ich gar nicht mehr hinging: irgendwann mal später brachte ich Sebasti zum Jahrestermin. Ich nahm mir auch vor, in 10 Jahren, wenn ich ins kritische Alter käme, die Kontrollen bei Tégevé zu absolvieren. Zum Glück bekam ich noch Termine! Wären nicht die Kinder jahrelang dort gewesen, hätte ich keinen bekommen.
 
Mit Sebi ging ich dann auch nicht mehr hin, weil er keine Übungen mehr brauchte, wie er selber feststellte. Ich war absorbiert von andern Geschöpfen, die meine Träume beflügelten und Sehsüchte erzeugten.
 
Wie ich jetzt registriere, heisst das Kapitel "Treue und Eifersucht" und nicht "Tégevé"
 
Unter "Treue" zwischen Paaren versteht man im aktuellen Sprachgebrauch, dass keiner der beiden mit jemand anderem Sex habe, oder es ist gar ausschliesslich die Begattung gemeint. Bill Clinton glaubte, Oralsex habe nichts mit Sex und darum nichts mit Untreue zu tun. Diese Art Untreue stört mich nicht. 
 
All die Kerle, in die ich mich verguckt hatte im Laufe der Zeit, gingen nicht mit mir ins Bett, was mir nichts ausmachte, weil ich ja schon Kinder hatte. Wenn diese Männer mich wie Luft behandelten, sich aber mit andern Frauen unterhielten, stach mich die Eifersucht wie ein Speer von Kopf bis Fuss durch und zog den Magen mit runter bis zum Knie.
 
Kurz nach der Hochzeit, als die ganze Clique versammelt in einem Festzelt verweilte, fragte mich einer mir gegenüber am Tisch, was ich mieche, wenn ich erführe, dass mein Mann mit einer andern geschlafen habe. Spontan sprudelte ich los: "Er müsste sofort duschen und Haare waschen und Zähne putzen, dann müsste er ein Vollbad nehmen und nochmals Haare waschen, er müsste auch die Ohren putzen und die Fingernägel, zuletzt noch alles abduschen. Kleider in die Wäsche geben und frische anziehen. Dann wär's wieder gut."
 
Die ganze Runde kreischte vor lachen und ich dazu. Mein Mann auch. Ich weiss nun nicht, ob er schon von Anfang an mit Serviertöchtern in die Toilette gegangen sei, oder ob das nur so ein Witz war um zu schauen wie ich reagiere. Dass er das später machte, erzählte er selber. Nachdem wir 2 kleine blond gelockte Kinder hatten, 1- und 3-jährig, und diese an Sonntag Nachmittagen in die Stammbeiz mitnahmen, tanzten die Serviertöchter um uns herum und überboten sich mit Entzückensbezeugungen.
 
Mein Mann erzählte mir treuherzig, dass die Gabi auch so ein gelocktes hübsches Kind von ihm wolle, und er wäre über mehrere Monate mit ihr in die Toilette gegangen, aber es habe nicht eingeschlagen. Ich empfand nicht im mindesten das, was man in den Spielfilmen sieht, Geschrei, Geschirr zerschlagen, Möbel umreissen, Morddrohungen und immer noch mehr Geschrei. 
 
Das mochte an der Zeit liegen, die damals herrschte. Alle verdienten genug Geld, um nebst Autos auch Kinder zu haben. Man musste als Mutter nicht befürchten, dass man samt Kindern verhungere, wenn der Mann noch eine andere Frau dazu nähme und weiter Kinder zeugte. "Kind und Kegel" heisst nämlich eheliche und uneheliche Kinder, die allesamt im gleichen Haushalt leben.
 
Untreue löst wenn schon Existenzangst aus und verletzt den Stolz oder die Würde. Ich war von Natur aus nicht stolz, und meine Würde verlieh ich mir selber, indem ich guter Dinge war und meine Kinder genoss. 
 
Existenzangst kannte ich nicht. Es gab überall und zu jederzeit Arbeit mit genug Verdienst. Ich meinte damit nicht, dass ich einfach ins Büro arbeiten ginge, sondern dass der Lohn des Hausherrn eh reiche für Kind und Kegel. Das war wirklich so. 
 
Das dritte Kind schneite überraschend herein, und noch bevor dieses ein Jahr alt wurde, konnten wir das Haus in Trasi kaufen und einziehen. Es war die Idee meines Mannes, ich selber war immer zufrieden, wo ich war. Zum eigenen Haus sagte natürlich nicht nein, so blöd kann man ja nicht sein.
 
Er hatte sich vorgenommen, dann viel früher von der Arbeit heim zukommen und auch die Wochenenden hier zu verbringen, anstatt nur immer im Spunten abzuhängen. Das war nicht so. Ich sah ihn noch weniger. Als ich mit den Kleinen noch in Kloten wohnte, bekam ich Panikattacken, wenn er um Mitternacht noch nicht aufkreuzte. Es gab ja immer noch nicht die Händys, auf die man anrufen und fragen konnte, wo er sei. Dabei wäre bei ihm eh immer der Akku leer gewesen. 
 
Ich hatte die Paniken als normale Angst klassiert. Erst Jahrzehnte später musste ich erkennen, dass es Panikattacken gewesen waren. Kaum in Trasi, war es mir sonderbarerweise komplett wurscht, ob und wann er heimkomme. Ich war mit den drei Kindern beschäftigt, spielte sonst Klavier und strickte Kinderjacken. Geld war genug da, vor allem, weil ich nicht viel brauchte. 
 
Bald kam ein Versicherungsvertreter vorbei und wollte mich ängstigen, was alles passieren könne, und was ich dann mieche? Ohne Versicherung? Ich fragte, ob man dann nicht Witwen- und Waisenrente bekomme? 
 
"Schon, aber die reicht Ihnen niiirrrgends hin!" rief er aus. 
 
"Also, wie viel bekäme ich dann?" wollte ich jetzt ganz konkret wissen.
 
Er klaubte Zettel, Tabellen und Rechnerli aus der Mappe, fuhr mit dem Zeigefinger über Zahlenreihen, fragte: wie alt? Wie viele Kinder? Ja, also das macht dann 3'000.- pro Monat. Das war 1979.
 
"Echt?" rief ich begeistert aus.
 
"Ich habe es Ihnen gesagt, das reicht Ihnen nirgends hin."
 
"So viel Geld hab ich noch nie auf einem Haufen gesehen. Sicher reicht mir das! So viel brauche ich schon jetzt nicht!"
  
Von da an konnte mich nichts mehr erschüttern, nicht mal verunsichern. Das war dann allerdings der Anfang vom Ende. Erzählt man sich nicht mehr täglich, was man erlebt habe, entfremdet man sich. 
 
Falls ihr Kinder habt, war das ein gemeinsamer Wunsch?
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16.  Kinder

Falls ihr Kinder habt, war das ein gemeinsamer Wunsch?
Mein Wunsch war es auf jeden Fall, seiner aber auch, obwohl ein allfälliger Leser daran zweifeln könnte. Mein Mann plagierte gerne, was er alles habe: Haus, Frau, Kinder, Autos, Ferienreisen etc. So gesehen wollte er die Kinder wirklich auch.
 
 
Welche Erinnerungen hast du an die Schwangerschaft(en) und die Geburt(en)?
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16.  Kinder

Welche Erinnerungen hast du an die Schwangerschaft(en) und die Geburt(en)?
Nachdem die erste Schwangerschaft in einer Fehlgeburt endete, hatte ich bei jeder weiteren Schwangerschaft in den ersten 3 Monaten grosse Angst, das Kind wiederum zu verlieren. Jeder Toilettengang empfand ich wie einen Gang an die Schlachtbank. War Blut im Slip? Nein? Entwarnung, Aufatmen. Alles gut. 
 
Dabei waren vereinzelte Fehlgeburten kein Weltuntergang, da hatte sich nur "die Frucht" nicht richtig entwickelt und war abgestorben. Ich war jung und gesund, ich musste überhaupt nie befürchten, keine Kinder mehr zu bekommen. Da merkte ich ganz deutlich, dass mein Gehirn mir nicht gehorchte, oder nur wenn es das zufällig selber wollte. Mein Bewusstsein und meine Vernunft teilten den andern Gehirn-Abteilungen mit, eine Fehlgeburt wäre nicht weiter schlimm, es würde einfach die nächste Schwangerschaft besser klappen. Trotzdem blieb ich immer auf höchster Alarmstufe, ob ich blute und das Kind verlöre, wie wenn es danach keine Chance mehr gäbe. Das vegetative Nervensystem musste diese Ängste ausgelöst haben, weil es die Story von nächster Schwangerschaft nicht wusste. 
 
Kurzum, ich hatte nie mehr eine Fehlgeburt.
 
Die vielzitierte morgendliche Übelkeit empfand ich selten bis gar nicht. Wenn mir etwas mau war, kaute ich nur ein bisschen trockenes Brot und trank ein Glas Wasser. Bis zum Mittag konnte ich essen was ich wollte, es war alles gut.
 
Ich nahm sehr schnell zu, im dritten Monat passten mir die Hosen nicht mehr, ich liess sie offen, fädelte einen Haargummi ins Knopfloch und zog die Schlaufe über den Knopf. Das hinderte vorerst die Hose daran abzurutschen.
 
Damals musste man eh immer eine weite Bluse darüber hängen lassen. Ich fand es blöd, dass man den Bauch verdecken musste. Heute kann man anziehen was man will, man darf den ganzen Bauch unter T-Shirts abgezeichnet sehen. Damals war es ein ungeschriebenes Verbot, dass man die Unterseite des Bauches erahnen dürfe. Ich möchte sehr gerne in der heutigen Zeit wieder schwanger sein und Säuglinge stillen.
 
Im 9. Monat - in späteren Schwangerschaften schon im 7. Monat - konnte ich nicht mehr die Schuhe selber binden. Den Bauch zerquetschen wollte ich aber auch nicht. Meine Föten sollten es immer möglichst bequem haben. Sie strampelten auch lustig herum, was ich sehr genoss. Wenige Wochen vor der Geburt probierten sie den Kopf oder die Füsse unter dem Rippenbogen hervor zu zwängen. Ich hielt dann mit der Hand dagegen.
 
Die letzte Kontrolle der ersten Schwangerschaft beim Gynäkologen war ca. 3 Wochen vor Geburtstermin. Er stellte fest, dass der Kopf im Becken liege und zur Geburt parat sei. Das Kind könne sich jetzt nicht mehr drehen, dazu habe es keinen Platz mehr, und das sei jetzt die letzte Kontrolle vor der Geburt, die (1973) ungefähr um den 7. Februar herum stattfinden würde.
 
Als ich nach dieser Kontrolle die Treppe runter stieg, zwängte sich mein Kind im Bauch herum, dass ich mich fragte, was es denn wolle. War es ihm plötzlich sooo unbequem? Dann folgte ein Rumpeln, dann fühlte es sich an, als ob ein grosser Kopf durch die dünne Bauchdecke auf der linken Seite herausstehe. 
 
Hätte Dr. Kölliker nicht gesagt, es könne sich nicht mehr drehen, würde ich jetzt meinen, es habe sich gedreht, liege jetzt mit dem Kopf links, mit den Füssen rechtes und mit dem Steiss unten. Aber wie sollte ich das in der ersten Schwangerschaft richtig beurteilen können?
 
Manchmal klappte sich das Kind mehr zusammen, kauerte sich in die Eiform, dann kam ich nicht draus, wie es liege, dann war wieder der Kopf links zwischen Rippen und Hüfte, und diese Stellung behielt es bei. 
 
Den Geburtstermin interessierte meinen Uterus nicht. Das Kind auch nicht. Nach einer Woche Überzeit telefonierte ich Dr. Kölliker. Er fragte, ob das Kind sich bewege und ob ich mich wohl fühle. Es dürfe mir ja nicht schlecht werden, sonst müsse ich dann sofffort kommen! Sonst, wenn das Kinde sich immer genug bewege, könne ich noch eine Woche zuwarten. 
 
Ich wurde schon recht ungeduldig. Jedesmal im Treppenhaus fragte mich jemand, ob ich immer noch da sei, ich solle so schnell es ginge, die Treppen rauf und runter rennen; eine andere, ich solle ein heisses Bad nehmen, und weiss nicht mehr was alles noch. Meine Schwiegermutter wäre jede Wette eingegangen, dass das Kind am Vollmond komme, weil immer alle Kinder am Vollmond geboren werden.
 
Es kam nicht am Vollmond, da fiel meiner Schwiegermutter ein, dass es einfach ein Mondwechsel sein müsse, also in diesem Fall der Leermond. Garantiert todsicher komme es am nächsten Leermond.
 
Meine Mutter aber wusste, dass diese Geburtstermine etwas zu früh angesetzt seien. Es ginge nämlich genau neun Kalender-Monate. Das wäre der 14. Februar gewesen.
 
Der Leermond ging vorüber.  Ich fand mich schon damit ab, dass ich jetzt halt kein Kind bekomme. 
 
Am 20. Februar spürte ich endlich Anfangswehen. Die schmerzten nicht. Sie waren sogar angenehm, es ist, wie wenn jemand einen fest um Kreuz, Hüfte und Bauch umarme und etwas Druck ausübe. Das ging den ganzen Tag, mit Abständen von 5 Minuten. 
 
Abends um 21 Uhr telefonierte ich den Spital Bülach, ich hätte schon seit Mittag Wehen, aber ich wolle nicht über Nach zuhause bleiben, ob ich kommen dürfte. Ja; und mein Mann fuhr mich hin. Dort gingen diese Wehen gemächlich weiter, weiss nicht wie lange. Da fand die Hebamme, man könnte mir einen Einlauf machen, dann gebe es nicht so eine Sauerei bei der Geburt. Gebärt man ein Kind, entleert sich auch sonst noch alles dazu.  
 
Ich kauerte auf der Toilette, klammerte mich an Haltegriffe und hätte eine Million bezahlt, wenn der Schmerz dieser Wehen nur aufhöre. Der Einlauf hatte die Wehen gefördert, darum hatte man ihn gemacht. Als ich den Darm leer wähnte, rief ich die Hebamme, und sie begleitete mich wieder in den Kreissaal, wo ich mich auf den Schragen legen durfte. Um Mitternacht war Schichtwechsel. Die nächste Hebamme tastete meinen Bauch ab und rollte alarmiert die Augen. Etwas war nicht in Ordnung. Mir egal, Hauptsache, ich bringe es hinter mich.
 
Die starken Übergangswehen, die auf den Beckenboden stechen, hatten noch Abstände, der Muttermund war nur wenig geöffnet. Ich weiss nicht mal mehr, wann und ob überhaupt Fruchtwasser abgegangen war.  Es eilte nicht. Assistenzarzt, Hebamme, Nachtschwester und sonst noch welche standen in einem Grüppchen zusammen und plauderten und erzählten Witze.
 
So halbwegs bekam ich mit, dass 2 Gasflaschen und allerlei Gerät herein geschoben wurde. Nebenan - die Gebärschragen waren nur durch Stoff-Vorhänge abgetrennt - jammerte eine andere Gebärende, weil es nicht vorwärts ging. Mir war nichts ums jammern, schon gar nicht ums weinen, aber ich fluchte im stillen. Wie konnte ich so blöd sein, mir das anzutun! Huere-Gopfertttooria, das konnte doch nicht wahr sein, verdammte Affenscheisse! 
 
Der Chefarzt des Spitals marschierte ein. Man hatte ihn nachts um halb 2 Uhr geweckt, weil es wegen Steisslage zu einem Kaiserschnitt kommen könnte. A-ha, daher die Gasflaschen und das Zeug! Aber was wollte denn der Chefarzt bei einer allgemeinen Patientin? Dabei sein, schauen ob alles richtig abgeht. Ohne mich zu fragen, spritzte man mir Valium zur Beruhigung. Dabei war das die Vorbereitung für einen allfälligen Kaiserschnitt. 
 
Ich war die ganze Zeit auf der Seite gelegen, jetzt musste ich mich auf den Rücken drehen für eine Untersuchung, wie weit die Geburt sei, wo das Kind, wie der Muttermund. Mit dieser Pauke von Bauch war das höchst mühsam. Die vielen Muskeln, die sich dazu spannen mussten, lösten Presswehen aus. 
 
Damals war es noch ein Stammesritual, den Gebärenden bei der Austreibung den Damm einzuschneiden, damit das Kind schneller rausflutsche. Oder die Ärzte dabei etwas dazu verdienten. Ich hörte das Krosen, wie wenn man ein Poulet mit der Pouletschere entzwei schneidet. Schmerz war nicht, Neven abgeklemmt wegen Presswehe.
 
Niemand hatte gesagt, wie ich atmen solle oder nicht oder hecheln oder was immer. Ich war nicht in Schwangerschafts-Turnen und Geburt-Vorbereitung gewesen. Das war damals noch gar nicht üblich.
 
Völlig egal wie ich atmete, ich presste und wunderte mich über die ungeheuerliche Kraft, die über mich hereingebrochen war. Der Chefarzt stand davor und sagte: Jetzt brünzlet doch de Souniggel mich aa!"  Tut mir leid, kann nichts dafür. Mein Sohn purzelte dem Chefarzt in die Hände und das war's vorerst. 
 
Wegen dem Valium war ich nicht so ganz bei mir, ich könnte jetzt nicht mehr sagen, ob man gleich das Neugeborene abgenabelt und gebadet habe (was man heute nicht mehr tut, ist ja schade um die Crème, welche die Haupt pflegt und bald einzieht) Mein Mann war auch da, irgendwann sah ich ihn mit dem Kind in einem Handtuch auf dem Arm. 
 
Ich müsse jetzt noch die Nachgeburt rauspressen. Die wollte offenbar noch drin bleiben. Weil die Gasflaschen daneben standen,  welche man für die Geburt gar nicht gebraucht hatte, hörte ich Arzt und Hebamme von "Manuelle Plazenta-Entfernung" murmeln. 
 
In jenen Zeiten lagen wir Mütter wie Haustiere auf dem Schragen, und die Fachleute 'machten' die Geburten, wie sie es aufgrund ihrer Erfahrungen am besten fanden. Die Mütter sollte man nicht unnötig beunruhigen, ausserdem wussten Mütter eh nichts. 
 
Sie setzten mir die Maske auf und ich tauchte weg. Wieder erwacht war der Damm schon genäht und auch die Nachgeburt draussen. Der Chefarzt klärte mich auf, bei der manuellen Entfernung hätten sie festgestellt, dass meine Gebärmutter herzförmig sei, darum habe das Kind in der Steisslage besser Platz gehabt. 

Ich fragte: "Soll das heissen, dass die weiteren Kinder ebenfalls in Steisslage kommen?" "Es sieht danach aus, ja. Aber das hier war ein wwwunnnderbaaarer Steiss, das Kind ist mir nur so in die Hand getroolet (gefallen)." 
 
Dann waren also Steisslagen gar kein solches Drama, wie ich sonst gehört hatte. Später schnallte ich, dass man bei allgemeinen Patientinnen nur schneidet, wenn die Herztöne absacken, sonst nicht. Glück gehabt! Aber bei Privatpatientinnen konnte man gewaltig verdienen damit.
 
"Das ist ein ganz tolles grosses Kind, sieht schon viel älter aus!" lobte man mich. Vom Valium reduziert meinte ich dazu: "Das sagt ihr doch zu allen Müttern!" 
 
Man liess meinen Mann und mich mit dem Kind im Arm eine Weile allein. Ich konnte sein Gesichtchen in dieser Lage gar nicht sehen, und mein Mann rapportierte: "Das Kinn hat er von Dir, die Nase auch, die Augen weiss ich nicht. Die vielen schönen schwarzen Haare, von wem hat er die?" Ich war brünett, er blond, aber meine Mutter hatte schwarze Haare, ausserdem kommen Kinder oft schwarzhaarig zur Welt und werden nach ein paar Monaten braun und sogar blond, um in der Pubertät wieder nachzudunkeln. Haarfarbe ist etwas äusserst Unbeständiges.
 
Der 4,1 schwere und 51 cm grosse Bub saugte, die Milch schoss innert nützlicher Frist ein, alles klappte wie am Schnürchen. Am Tag vor dem Verlassen der Klinik wurden die Mütter ins Babyzimmer geholt, wo man zuschauen sollte, wie die Kinder aktuell gebadet und gewickelt werden. Das ging in Windeseile. Zigg zagg zagg pumm und zagg zagg. Der Molton wurde sehr straff um die Stoffwindel gezurrt und mit Sicherheitsnadel befestigt. Der kötzelt ja, dachte ich, als ich das sah. Genau. Als die Säuglingsschwester ihn hochhob, glutschte ein Teil der Milch aus dem Mäulchen und über Jäcklein und Molton. Die Schwester putzte es rasch mit einer Mullwindel ab.
 
Wieder daheim, liess es sich gut an. Jedermann freute sich, das erstgeborene Kind und erster Enkel beider Familien schien zufrieden mit uns. Ich hatte genug Milch, es fehlte uns an nichts. Es kam, was kommen musste: Der Säugling hatte ordentlich in die Windel gedrückt und es galt, ihn zu wickeln.
 
Ich legte ihn also auf die Wickelkommode und begann ihn auszupacken. Brustkinder haben gelben Brei als Stuhlgang. Man kannte damals noch keine Feuchttücher, man behalf sich mit Waschlappen und Watte und Warmwasser, welches man aber aus dem Badezimmer holen musste, wo die Wickelkommode gar keinen Platz hatte, der stand im Kinderzimmer. Ich hielt die Beinchen, damit er nicht mit den Füssen den Brei weiter verteilte, suchte Material zum abwischen, irgendwie schafft man das ja, das Anziehen ebenfalls, aber ich hatte unheimlich lange dazu gebraucht.
 
Als ich ihm die Strampelhose hochzog, merkte ich, dass das Kind mich  G A N Z   G A N Z  kritisch musterte, mit fast stechendem Blick und zusammen gezogenen Augenbrauen: "Was macht die da so lange? Was ist los? Warum geht das nicht schneller?" Mein Sohn war sich an die Säuglingsschwestern gewohnt, die einen Säugling innert 20 oder 30 Sekunden gewickelt und straff eingepackt hatten. Und jetzt das hier?
 
Wir gewöhnten uns bald aneinander.  Ich konnte das Tempo leicht steigern, packte ihn nicht so knalleng ein, und er gewöhnte sich an die neue Methode. Hauptsache, er durfte meine Milch austrinken. Die Milch sprudelte nach dem Ansaugen so, dass er kaum mit schlucken nachkam. Es war drum eher trinken als saugen. 
 
Ich war am Ziel meiner Lebenswünsche. Kind im Arm und Milch geben. Kind zufrieden und satt. Ich weiss, das ist nicht für alle Frauen gleich. Für mich war es aber so. 
 
Nach 2 Jahren war um den 20. Februar herum die nächste Geburt anberaumt. Ich nahm statt 16 diesmal 22 kg zu, 2 davon verlor ich wieder vor der Geburt. Bekannte wetteten auf Zwillinge. Oh ja, das hätte ich zu gerne! Ich wäre stolz wie andere auf einen Rolls Royce. Einer versprach, das ganze Taufi-Essen zu bezahlen, wenn es keine Zwillinge wären.
 
Der Arzt hörte nur einen Herzton, meinte aber, dass eineiige Zwillinge oft synchron pulsieren. Ultraschall war noch nicht mal Zukunftsmusik, kein Mensch konnte ahnen, dass man eines Tages in den Bauch rein sehen und das Ungeborene beim Daumennuckeln beobachten könne. 
 
Ich hatte zwei Köpfe beiderseits unter der Bauchdecke. Es sah ganz nach 2 Kindern aus. Allerdings dünkte mich zuletzt der eine Kopf etwas härter und runder, der andere weicher. Ich war darauf gefasst, dass es keine Zwillinge wären. Hauptsache diesmal ein Mädchen! In Wirklichkeit war der harte Kopf der wirkliche Kindskopf, aber der weiche war die Plazenta, und wenn das Kind Beine und Füsse streckte, stiess es in die Platzente, die sich rund wölbte, was von aussen nach einem zweiten Kopf aussah. 
 
Dieses zweitgeborene Kind wollte Schluss machen mit der Egli-Tradition, im Februar auf die Welt zu kommen: Schwiegermutter 2. Feb, mein Mann Wädi 3.Feb, Peti 5.Feb, Rüedel 8.Feb, Martin 14.Feb, Schwiegervater 16.Feb, unser Sohn Hötti 21.Feb.  
 
Unser zweiter Sohn David wartete bis zum 1. März und geruhte dann in Steisslage das Welttheater zu betreten. 4.3 kg und 52 cm. Wäre es ein Schaltjahr gewesen, hätte es den Schalttag, den 29. Februar getroffen. Dass er kein Mädchen war, steckte ich augenblicklich weg: "Macht nichts! Hauptsache nächstes mal ein Mädchen!"
 
Leider bekamen wir das Taufi-Essen nicht bezahlt, sondern der Typ sagte, er mache lieber für das Kind ein Sparbüchlein, zahlte 50.- Stutz ein, und dabei blieb es. Das Essen hatte aber mindestens das 3-fache gekostet. 
 
Das dritte Kind schneite 1977 unbemerkt herein. Mein Mann hatte eine Gebiss-Sanierung nach alter Manier hinter sich und betäubte den Schmerz von mehreren gezogenen Zahnruinen mit Schmerzmitteln und Schnaps. Viel Schnaps. Er lag nur noch herum und stank wie ein Fondue-Rechaud. Da tat sich gar nichts mehr. Wochen lang nicht. Es kam auch nichts auf das Leintuch. Aber ich wurde davon schwanger mit Geburtstermin 23. Oktober. Ich hatte immer Tampons in der Tasche, falls ich von einer Mens überraschend heimgesucht würde. Nach längerer Zeit dachte ich öfters vor dem Weggehen zum Einkaufen: "Bald kommt die Mens, Tampons hab ich ja dabei." Sonst verschwendete ich keinen Gedanken daran. 
 
Meinem Mann fiel als erstem auf, dass schon ewig keine Mens mehr eingetroffen war. Ich hasste diese Körperfunktion zutiefst und war einfach nur froh, wenn sie nicht stattfand. Als ich im Kalender den markierten Tag der letzten Mens fand, war ich schon Mitte 3. Monat. Der Bauch war von vorangehenden Schwangerschaften nicht mehr auf 58 cm Taille zurück gegangen. 65 oder gegen 70 cm mochten es jetzt sein. Ich hatte auch die Kleider angepasst, drum konnte es passieren, dass ich eine Schwangerschaft erst so spät bemerkte. Als ich die Bewegungen spürte, meldete ich mit wieder mal bei Dr. Kölliker zur Kontrolle an.
 
"Wann war die letzte Periode?" fragte er gewohnheitsmässig.
 
"Am 10. Januar."
 
"Waassss ????" rief er, und die Arzthelferin guckte mich an: "Oh, man sieht es ja schon!"
 
Da war ich im 4. Monat. Der Termin war nach meiner Kalendermonats-Berechnung ca, 23. Oktober. Heutzutage zählt man ja die Wochen. Da dauert eine Schwangerschaft 10 Mondmonate von der letzten Mens an gerechnet.
 
Den andern im Haus erzählte ich, die Geburt wäre im November zu erwarten, eventuell auch erst Anfang Dezember. Darum hatte ich meine Ruhe. Niemand quasselte mich voll, was ich zur Geburtsförderung tun solle. Diesmal nahm ich wieder weniger zu, 17 kg. Das Kind war so schwer und hatte einen Kopf wie eine Bowlingkugel, dass es diesen als schwersten Teil nach unten hängte. Den Rest des Körpers verteilte es in die beiden oberen Abteilungen des Uterus.
 
Ausnahmsweise pünktlich am 22. Oktober abends, stellten sich die Anfangswehen ein, aber nur wenige, dann wechselten sie schon in Übergangswehen, die stark schmerzten. Um Mitternacht schlichen wir ab nach Bülach. Niemand hatte uns gesehen.
 
Die neueste Errungenschaft war jetzt der Wehenschreiber. Ein Gürtel, welcher um den Bauch gelegt und leicht fixiert wurde. Das Gerät zeichnete die Wehen auf. Ich meinte, die Schmerzen kämen vom Wehenschreiber und reklamierte. Man entfernte ihn wieder, denn der Muttermund war zu, die Wehen in 5-Minuten-Abständen und der kindliche Herzschlag regelmässig. Es eilte nicht, wie immer. 
 
Die Hebamme sass an einem kleinen Pültchen und erledigte Administratives. Ich bekam Presswehen und sagte das. Sie meinte, das könne nicht sein, Muttermund noch zu etc. drehte sich immerhin zu mir um, sah mich pressen, rief: "Halt nicht pressen!"
 
Meinem Mann drückte sie ein Frotteetuch in die Hand, er solle den Damm verhalten. Dann stürzte sie davon, die Assistenz-Ärztin holen. Warum? Es war ja keine Steisslage! Sie telefonierte auch nicht, sondern rannte im Spital herum. Als beide Frauen herzu eilten, war der schwarz behaarte Kopf schon draussen. Blublublupp, und der ganze Kerl war da. Niemand hatte einen Einlauf gemacht, niemand einen Dammschnitt, es hatte nur ein winziges Risslein gegeben, welches man nicht mal nähen musste.
 
Die Nachtschwester und die beiden andern bestaunten das grosse Kind und schätzten es auf 5 kg. Sie fragten mich, was ich schätze. Ich fand, das Kind sei zwar etwas grösser als die beiden andern, aber ich fand, 4,5 kg würden genügen. Das Kind war 4.650 und 53 cm und ich hatte somit die Wette gewonnen. Wir wetteten um nichts, es ging nur darum, heraus zu finden, wer am besten schätzen konnte.
 
Es war wieder ein Bub, unser Sebastian. Ich hatte gemeint, wenn ich ein Kind nicht extra bestelle, sondern es überraschend selber herein schneie, wäre es ein Mädchen. Macht nichts, nächstes mal dann!
 
Mein Mann ging gegen den Morgen hin nach Hause, es war Sonntag, er öffnete die Wohnungstüren seiner Eltern und Brüder und rief: "Wir haben einen Buben bekommen heute Nacht!" Die fielen aus allen Wolken, weil sie nicht damit gerechnet hatten und meinten, es werde Ende November oder Anfang Dezember, und man wusste ja, dass ich länger brütete als gemäss der Termintabelle. 
 
Sebasti hatte wirklich einen kugelrunden Kopf und die dichtesten tiefschwärzesten Haare bis jetzt. Er war so dick, dass er die Augen lange nicht öffnete, denn die lagen tief im Speck vergraben. Weinen mochte er auch nicht. Man kitzelte ihn mit der Haarbürste an den Fusssohlen. Er wollte nur in Ruhe sein schweres Gewicht auf meinem Oberkörper verteilen und chillen.
 
Man wollte mich deshalb auf Zuckerkrankheit testen. Ich erklärte, dass grosse Kinder bei uns in der Familie liegen. Meine Geschwister waren alle über 4 kg, einer 4,75! Meine Cousine hatte einen Jungen von 5,5 kg. Man brachte mir einen Krug Tee, der so gesüsst war, dass fast der Löffel drin stecken blieb. Das wollte ich auf keinen Fall trinken. Wer sich an Obst als Süssigkeit gewohnt ist, dem kehrt es ob dieser Zuckerkonzentration den Magen um. Ich bekäme einen Zuckerschock, vermutete ich und schüttete die Brühe ins Lavabo, genehmigte mir dafür Dörrobst und eine Banane aus meinem Vorrat.
 
Die Schwester kam Blut abnehmen, dann je nach Stunden oder so wiederum. Niemand hatte gemerkt, dass ich den Tee nicht getrunken hatte.   
 
Im Zimmer war eine junge Frau, die hatte ebenfalls ein 4-Kilo-Kind geboren, und zwar in Steisslage, aber es ging zu schnell für Dammschnitt, sie hatte nur ein winziges Risslein wie ich. A-ha, auch bei meinen Steisslagen hätte es keine Dammschnitte gebraucht. 
 
Wenn ich das Kind stillte, bekam ich Nachwehen. Das war neu für mich. Bei den beiden vorherigen Geburten schnurrte der Uterus sofort wieder total zusammen, so dass keine Wehen nötig waren. Jetzt war ich bereits 27 einhalb Jahre alt, und das war halt nicht mehr das gleiche. Ich hatte gemeint, der Schmerz rühre von einer unbequemen und verkrampften Stellung beim Stillen her, aber ich wurde aufgeklärt von wegen Nachwehen, und ich bekam etwas Methergin. 
 
Ich stillte immer im Liegen. Einmal über Mittag schliefen wir beide ein. Plötzlich schreckte ich aus dem Schlaf hoch und streckte die Hände aus. Ohne dass ich selber etwas davon mitbekam, wollte ich der Schwester mein Kind entreissen, welches sie vorsichtig hochgenommen hatte und ins Bettchen legen wollte. Es hätte ja runter fallen können, das Bett war schmal und der Boden tief. Es wäre aber trotzdem nicht runter gefallen, weil ich es geschnappt hätte. Im Schlaf. Im Reflex.
 
Die älteren Geschwister waren 4 1/2 und 2 1/2. Beide hatte ich aufgeklärt, dass im grossen Bauch ein Kindlein wachse, und wenn es gross genug sei, werde es geboren. Es komme aus dem Bauch und lebe dann auf der Welt und wachse weiter. Wie alle andern Menschen und Tiere auch. 
 
Meine Schwiegermutter hatte die beiden in ihr Wochenendhäuschen mitgenommen, während ich im Wochenbett lag. Als mein Mann mich holte, fuhren wir direkt dort hin. Die Kinder rannten dem Auto entgegen, ich öffnete die Autotür, David, der kleinere, wollte auf mich los hechten, dann sah er das Baby auf meinem Schoss und erschrak zuriefst. In diesem Augenblick wurde mir klar, dass er rein nichts verstanden hatte vom Bauch und geboren werden. Der Grössere aber schon. 
 
Im Herbst darauf zügelten wir ins eigene grosse Haus im kleinen Dorf, wovon wir anfangs Jahr noch nichts gewusst hatten. Wir zügelten auch von Spannteppichen auf Holzböden. Riemenböden. Der 3 einhalb jährige David zog sich abends vor dem Zubettgehen aus, setzte sich mit "bluttem Fudi" auf den Holzboden und quäkte empört: "Wann gehen wir wieder heim? Ich will wieder heim!" 
 
Das vergass er bald, denn das Dorf war ein Abenteuer für die Kinder. Das Haus mit den vielen Zimmern, Abstellkammern und Stockwerken bis unters Dach ebenfalls. 
 
Ich dachte für mich, dass ich das nächste Kind erst in 3 Jahren wolle, damit man besser nachkommt mit der Kinderpflege. Jedes Jahr ein Kind, wie es in der Zeit vor der Pille und im selben Zeitalter der Schoppenfütterung war, hätte ich mir nicht gewünscht, das wäre voll stressig geworden. Dann hätte ich wenn schon lieber gleich Zwillinge oder Drillinge gehabt. Weil ich die Kinder wieder im Frühling bekommen wollte, gab ich mir 3 einhalb Jahre Zeit, um die ersehnte Tochter zur Welt zu bringen.
 
Mein Mann war kaum mehr da, jedenfalls nicht zu normalen Zeiten. Er kam mach Mitternacht heim, wenn wir alle schon tief schliefen, am Morgen musste er aber den Rausch ausschlafen. Rief jemand von der Werkstatt an, musste ich sagen, er sei unterwegs. Gegen Mittag verschwand er jeweils. Es war schlicht gar nichts mehr los bei uns. Ich hoffte auf eine unbefleckte Empfängnis wie bei Sebasti.
 
Da konnte ich lange warten. Es war Sommer 1981, und ich wollte mir jetzt unbedingt noch eine Tochter organisieren "ghaue-n-oder gschtoche".
 
Jetzt kommt ein typisches Zeitdokument, wie man solches damals bewerkstelligte:
 
Ich fragte meinen Mann pro forma, ob wir jetzt noch eine Tochter bekommen könnten. Das war ihm recht, denn er musste deswegen nie nachts aufstehen, schöppeln oder Windeln wechseln. Das wollte ich immer selber machen. Dass Väter sich daran beteiligen sollten, wäre mir nicht im Traume eingefallen. Eher hätte ich überhaupt keine Kinder gewollt.
 
Mein Zyklus betrug meist 27 Tage, selten 26, noch viel seltener 28. Der Eisprung kam, wie man damals schon erforscht hatte, nicht 14 Tage nach dem Eisprung, sondern 14 Tage vor dem nächsten Eisprung.  27 minus 14 ergab den 13. Tag nach dem Beginn der letzten Mens. Dann gibt es wieder Buben. Mindestens 2 Tage abziehen, zur Sicherheit 3 Tage, dann sollte ein Mädchen die Chance bekommen. Am 9. Tag hörte erst grad die Mens auf. Ich bat meinen Mann, als er mal frühzeitig auftauchte, am nächsten Mittwoch wäre ein guter Termin für ein Mädchen, er möge doch bitte heimkommen.
 
Tatsächlich kam er schon um 23 Uhr heim, nicht nüchtern, aber immerhin. Ich wurde nicht schwanger. Im nächsten Zyklus wieder dasselbe, es nützte wiederum nichts. Das alarmierte mich so, dass ich mich an den "Trick Abraham" erinnerte, wovon ich mal in der Stifti gehört hatte. 
 
Natürlich bestellte ich nicht nur den Abraham, sondern einen Tag später noch den Herrn des Hauses. Das Schicksal sollte entscheiden. Daneben organisierte ich eine Hausgeburt. Was sollte ich im Spital? Das Essen dort passte mir eh nicht, und mit den 3 grösseren Kindern und Nachbarinnen war ich ja nicht allein. 
 
Es dürfe aber keine Steissgeburt werden, erklärte Hebamme Erika Müller aus Thayngen, es sei verboten, einen Steiss zuhause zu machen. Das lief darauf hinaus, dass das gesamte Dorf immer darüber im Bilde war, in welcher Lage sich mein Kind gerade befand. Je grösser es wurde, desto genauer passte ich auf, was es trieb in meinem Bauch. Wollte es mit dem Kopf hochkommen, bremste ich es ab. Das Kind musste meinen, es ginge hier einfach nicht weiter und drehte sich wieder anders herum, mit dem Kopf nach unten. 
 
Ein Dorfgenosse und eine kundige Kollegin im Chor pendelten unabhängig von einander über meinem Bauch und stellten fest, dass es ein Mädchen sei. Einerseits freute mich das, anderseits konnte ich nicht glauben, dass mittels Pendeln das Geschlecht des Kindes ermittelt werden konnte. Wasseradern oder Wasseradern-Kreuzungen ja, aber nicht Details über Ungeborene. Ich sagte es natürlich nicht. 
 
Der Termin war Ende Juli 1982. Am 14. war es schon 23 Uhr, als die Wehen begannen. Das Fruchtwasser ging ebenfalls ab. ich telefonierte der Hebamme. Sie sagte, weil schon die Wehen kommen, könne deswegen nichts passieren. Theoretisch könnten Keime eindringen, aber wenn die Geburt bevorstünde, hätten die Keime keine Zeit mehr, etwas anzurichten. Die würden mit der Geburt wieder mit raus gespült. 
 
Ich holte noch das Kinderbettchen die Treppe runter, denn mein Schlafzimmer befand sich im Erdgeschoss. Dann versuchte ich, meinen Mann telefonisch zu erreichen. Zufällig war er in einem der Spünten, wo ich ihn früher jeweils gesucht hatte, er machte sich auf den Heimweg und kam bald nach der Hebamme, welche nun schon da war, und wir richteten es uns gemütlich ein im Doppelbett, während mein Mann sich in der Stube auf dem Kanapee schlafen legte.
 
Sie hörte mich immer atmen, und als ich von den ersten leicht stechenden Wehen heimgesucht wurde, atmete ich heftiger, und die Hebamme murmelte: "Jetzt geht es langsam vorwärts." die Wehen blieben aber immer in gleichen Abständen von 5 Minuten. Also ging es doch nicht vorwärts. 
 
Weil schon die 4. Geburt, hatte die Hebamme mit weniger Zeit gerechnet.  Um halb 6 Uhr morgens erklärte sie mir, dass sie das Auto ihres Mannes genommen hätte, aber der brauche es um halb 7 Uhr. Sie habe für solche Fälle ein anderes Auto, ein altes. Ob sie schnell heimfahren und das Auto austauschen könne?
 
Klar, kein Problem, fand ich.
 
Sie würde aber da bleiben, wenn ich sonst Angst hätte.
 
Nein, ich hatte keine Angst.
 
Um diese Zeit sei nicht viel Verkehr auf den Strassen, sie sei in einer Stunde wieder da. Sie weckte meinen Mann, damit er bei mir weiter schlafe und ich nicht allein sei.  
 
Ich hörte, wie sie die Haustür schloss, dann noch die Autotür, den Motorenstart, und weg war sie. Wie auf Kommando kamen nun erst die richtig starken Wehen.
 
"Ich habe Übergangswehen, erst grad seit jetzt. Es dauert nur noch eine halbe Stunde. In einer  Stunde wird sie erst zurück sein." 
 
"Soll ich hinterherfahren und sie zurückholen?" Händies  gab es auch da noch nicht.
 
"Nein, bleib nur hier, wir wissen ja wie es geht. Abnabeln muss man auch nicht, das kann die Hebamme nachher machen."
 
In diesem Hochsommer hatten wir den ganzen Tag Kirschen gegessen. Das verursachte eine ziemliche Sauerei im Bett. Ich hatte viele Bettunterlagen parat. Mein Mann wechselte diese mehrmals aus und schaffte die entsprechenden Ausscheidungen und Fruchtwasser damit fort. Wie aus Erfahrung gespeichert, dauerte diese Phase eine halbe Stunde, dann folgte die Presswehe. 
 
"Es kommt," verkündete ich. Er wechselte nochmals die Unterlage und blieb zu meinen Füssen. 
 
"Mach vorwärts, es hat die Nabelschnur um den Hals!" rief er.
 
Ich holte Luft um weiter zu pressen. Mit dem bekannten Blublublupp fiel es auf die Unterlage. Unmittelbar darauf folgte von allein die Nachgeburt, welche wir nicht beachteten. Ist ja kein Kind, nur eine Plazenta. Essen wollten wir sie auch nicht. 
Das Kind aber machte keinen Mucks.
 
"Oh," meinte mein Mann verunsichert. Ich dachte: "Scheisse, ist tot", denn ich hörte nichts. Mein Mann hob das glitschige Kind auf meinen Bauch, ich hob meinen Kopf um zu sehen, wie es nun stünde. Da öffnete das Kind die Augen, spukte etwas und tat den ersten Atemzug. Es schien im Zimmer umher zu blicken. So eine schlichte Geburt findet heutzutage selten statt, vermute ich mal. 
 
"Wir haben noch gar nicht gesehen, ob es nun ein Mädchen sei", reklamierte ich.  Mein Mann hob das Kind hoch. Neben der dicken Nabelschnur erblickte ich das kleine Zipfelchen. "Schon wieder so ein Kerl," informierte ich und dachte dazu: "Aber nächstes mal muss es wirklich ein Mädchen werden".
 
Flori begann unwillig zu mööggen, mein Mann legte ihn auf meinen Bauch zurück, da war er sofort wieder zufrieden, atmete ruhig und gleichmässig, für alles andere war er aber zu träge, wie schon Sebasti vor ihm. Ich deckte ihn mit einem Molton zu. Mein Mann weckte die andern Kinder, sie könnten nun ein neues Brüderchen begrüssen. Sie kamen in den Unterhosen (auch die Nächte waren sehr warm), standen ganz andächtig am Bett und guckten. Einer fotografierte die Szenerie.
 
Um Halb 7 Uhr hörte man die Haustüre. Die Hebamme war zurück. David rannte ihr entgegen und rief vorlaut: "Das Kindlein ist schon da!"
 
"Da wird nicht sein!" hoffte diese, und als sie ins Zimmer trat und die Bescherung erblickte, schlug die die Hände an die Seiten des Kopfes.
 
Es war aber alles bestens. Sie durchtrennte die Nabelschnur, untersuchte die Plazenta, erklärte dazu: "Man muss schauen, ob es die ganze ist. Es soll nichts in der Gebärmutter zurückbleiben". Sie setzte die Teile zusammen und registrierte, dass die Plazenta komplett sei und steckte sie in einen Abfallsack. Auch sonst wechselte sie wieder Unterlagen und wusch mich mit einem Waschlappen, das Kind durfte bleiben wo es war.
 
Ein mittlerer Riss klaffte, der genäht werden müsse. Sie selber hätte schon nähen können, als Hebamme hatte man das gelernt, aber es sei eben vor einiger Zeit verboten worden, damit die Ärzte auch an Geburten etwas verdienen konnten. Sie telefoniere jetzt dem Dr. Weibel, damit dieser nähen komme. "Da werd ich einen Rüffel einfangen, weil ich nicht da war." 
 
"Wir müssen das ja nicht sagen. Er wird gar nicht danach fragen. Er kann das auch nicht sehen."
 
"Wirklich? Sie meinen, wir müssten es nicht sagen?"
 
"Nein!! Wozu? Wollen wir unnötige Umtriebe und Lämpen? Sicher nicht!"
 
"Also gut, wir sagen nichts." Sie war sehr erleichtert. Ich dachte, vielleicht hätte Dr. Weibel das gar nicht weiter schlimm gefunden. Aber man sollte es nicht drauf an kommen lassen. Heutzutage wäre das ja zum Gerichtsfall ausgeufert, so kompliziert manche Leute tun und wegen jedem Mäusedreck ein Riesendrama inszenieren.
 
Dr. Weibel trat unter die Tür und schaute erst mal mit kritischem Blick. Das machte er auch bei den Patienten, die zur Sprechstunden auftauchten. Mit dem ersten Blickt ergründete er schon mal: wie wirkt der Patient? Gesund oder krank? Müde oder munter? wohl oder übel?" Vermutlich stellte er gleichzeitig noch viele andere Umstände fest. 
 
Ich war munter, heiter und gesund (und heimlich stolz auf mich)
 
"Wie viele Presswehen hatte sie?" fragte er die Hebamme.
 
"Ein, zwei," dichtete sie kurzerhand.
 
Er nähte den Zickzack-Riss zusammen. Erstaunlicherweise konnte ich danach gleich wieder sitzen ohne etwas zu spüren. Bei den Dammschnitten musste ich mich eine Woche auf Schwimmringen gedulden, bis sie verheilt waren. Ich hatte auch nie Entzündungen oder was sonst an Komplikationen auftreten konnte.
 
Flori, den die Hebamme unbeirrbar Fabian nannte, wog 4.550 und hatte 53 cm. Er war100 gr leichter und 7 Tage kürzer im Uterus geblieben als Sebasti. Ich selber hatte 16 kg zugenommen gehabt.
 
Am Nachmittag, 15. Juli 1982 fand das Rolling-Stones-Konzert im Hallenstadion statt. Mein Mann hatte ein Billet dafür und fragte mich (was sonst nicht seine Art war) ob er hingehen könne oder da bleiben müsse. Selbstverständlich sollte er hingehen, warum auch nicht! Das Kind war geboren und alles OK! Ich war hier überhaupt nicht allein mit Kindern und Hauspflege, die man bei Hausgeburten bekommt.
 
Flori nahm kein Gramm ab, er legte sofort zu und trank zügig. Es hatte auch keines der Kinder Bauchweh oder Kolliken in den ersten 3 Monaten. Die waren schon viel zu dick, als dass sie etwas davon gespürt hätten. Zu jener Zeit litten viele Säuglinge an Neurodermitis. Auch da hatte ich Glück, dass meine Kinder davor verschon blieben. Es waren sehr praktische pflegeleichte Säuglinge. Die Zahnerei bemerkte ich mehr oder weniger, aber auch das war überhaupt nicht dramatisch.
 
Anno 1985 war im März Bachfest in Leipzig. 300 Jahre nach der Geburt von J.S. Bach. An den dachte ich, als Sebasti geboren wurde. Bei der Taufe erzählte der Pfarrer vom heiligen Sebastian, der mit Pfeilen beschossen wurde ! ! !  Ich hätte den Pfarrer am liebsten grad erwürgt. Ich vertrage keine Foltergeschichten. Ich musste mich hochgradig beherrschen, um äusserlich ruhig bleiben zu können. Andere Pfärrer kannten Johann Sebastian Bach und wären nicht auf die Idee mit dem Märtyrer gekommen. 
 
Wegen dem 10-tägigen Fest in Leipzig wollte ich nicht schwanger und auch nicht Amme sein, denn ich organisierte alle Konzert-Billete  und Hotelreservierung schriftlich per Briefpost. Von dieser Reise und überwältigenden Erlebnissen habe ich einen genauen Aufsatz geschrieben. 
 
Danach war der Weg frei für meine heiss ersehnte Tochter. Ich gab den Marschbefehl an Mann und Abraham und versuchte noch mit einer Essigspülung die Mädchen-Spermien zu begünstigen. Ich gab mir eine grosse Chance, denn es hatte in Trasi mehrere Familien, die 4 x hintereinander das gleiche bekamen und erst das 5. x etwas anderes.
 
Die Geburten in Trasi von 1985 /86 waren Mädchen. Also müsste es auch bei mir eines sein. Ich nahm stark zu, 20 kg! Ich vermute, es hat etwas mit den Blutgruppen oder sonstiger genetischer Zusammensetzung zu tun, wie stark man zunimmt. Den Bauch musste ich mit den Händen unten abstützen, weil es sich anfühlte, als ob die Haut einreisse und sich die ganze Bescherung auf den Boden ergiesse. 
 
Es war mehr Fruchtwasser als Kind drin. Ich konnte nie erfühlen, wo der Kopf sei. Das Kind schwamm bis vor der Geburt im Uterus ringsum wie in einem Swimming Pool. Mal stiess es mit den Füsschen nach vorne, aber sonst konnte ich nicht ausmachen, wie es gerade liege, und wenn, dann war es in der nächsten Minute wieder ganz anders.
 
Bei einer Kontrolluntersuchung war der Blutzucker etwas zu hoch. Die Niere sei wohl etwas überlastet, dass sie Zucker durchlasse. Der Wert war aber nicht besorgniserregend.
 
Total unerwartet und ahnungslos verlor ich 3 Wochen vor dem Termin, am 10 Januar 1986, viel Fruchtwasser, und die Wehen setzten auch schon ein. Ich rief die Hebamme an, welche unverzüglich anreiste. Auch mein Mann war zufällig wieder aufzutreiben. Wie letztes mal legte sie sich neben mich aufs breite Bett und mein Mann verzog sich auf das Kanapee in der Stube.
 
In der kurzen Zeit hatte sich bereits wieder neues Fruchtwasser gebildet, denn eigentlich müsste das Kind jetzt besser zu ertasten sein. Um halb vier Uhr begannen die schmerzhaften Wehen. Nach einer Viertelstunde dachte ich: bis 4 Uhr will ich das Kind draussen haben, diesen ...... (wüste Fäkal-Schimpfworte) .... mach ich auf keinen Fall länger mit. Um den Gang eventuell etwas zu beschleunigen, begann ich mich mühsam auf den Rücken zu drehen. Wie vermutet führte das zur einer Presswehe. 
 
Die Hebamme schrak hoch und rief meinen Mann, welcher hinzueilte. Wo ich eh schon auf dem Rücken lag, untersuchte sie den Muttermund und spürte ganz deutlich den Steiss. Sie sagte übertrieben ruhig: "Das wird ein Steiss. Ich muss den Doktor anrufen."
Mein Mann aber bemerkte: "Dazu ist keine Zeit mehr. Wenn sie presst, kommt das Kind gleich." 
 
So geschah es auch. Weil 3 Wochen zu früh erschien mir das Kind winzig. Und es war der 5. Bub. Tochter ade! Das war's jetzt. Alle weiteren Zeugungen würden wieder Knaben hervorbringen. 
 
3,300 kg brachte der Winzling aber doch noch auf die Waage und auch 51 cm. In 3 Wochen wäre er ebenfalls über 4 kg geworden. Er hatte ein wunderschönes Gesichtchen. Auch die andern Kinder waren hübsch und schön und überhaupt nicht zerknittert oder zerrunzelt, wie man Neugeborene als typisch beschreibt. Clemi war nun sogar wunderschön.  Und so klein, dass ich noch 2 kleinere Frottee-Pyjamas kaufte. 
 
Milch anzusaugen machte ihm Mühe. Erst schoss die Milch nicht ein, so dass ich ihm warmes Wasser mit etwas roher Kuhmilch verschöppelte (hätte ich von der Hebamme aus sicher nicht gedurft). Dann schoss mir die Milch solcher Wucht ein, dass die Brüste prall wie Fussbälle wurden und Clemi gar nicht andocken konnte.
 
Die Hebamme, welche einen ja noch 5 Tage täglich besucht und noch eine Woche jeden 2. Tag, schleppte eine Monster-Maschine von elektrischer Milchpumpe an.  Nur schon ihr Anblick liess mich verzagen. Auf den schwächsten Gang eingestellt zog sie schon zu stark. Mittlere Stufe ging gar nicht, ich schrie grad auf.
 
Eine andere junge Mutter brachte mir ein kleines gläsernes Hand-Milchpümpeli mit und massierte die Milch auswärts. Das half endlich, Clemi konnte jetzt saugen und trinken. Das Pümpeli benützte ich noch eine Weile, weil das Kind keine Geduld hatte, an der prall gespannten Brust anzusaugen. Solche Anfangsprobleme lösen sich in ein bis zwei Tagen und Clemi trank, wie wenn er es schon immer gekonnt hätte, allerdings war jetzt auch die Brust nicht mehr so stark gespannt. Alles normalisierte sich. 
 
Den kleinen Riss hatte Dr. Pestalozzi genäht. Wenige Tage später rief er mich plötzlich an und informierte mich, dass der Gytrie-Test einen zu hohen Billirubinwert ergeben habe. Das sei Gelbsucht, das Kind müsse sofort in den Kantonsspital. Und zwar wirklich sofort. Ob mich gleich jemand hinfahren könne?
 
"Ich kann das schon organisieren. Ich kann mit dem Kind dort bleiben, oder?"
 
"Sie können alle paar Stunden im Spital stillen gehen oder die Milch abpumpen und bringen."
 
Das war 1986. Heute würde das ganz anders ablaufen.
 
"Ich bleibe mit dem Kind im Spital. Ich lungere sicher nicht in der Stadt herum um gehe alle paar Stunden stillen und wieder weg. Und wenn ich nur abpumpe, geht mir die Milch zurück. Ich bringe das Kind hin, bleibe aber mit ihm dort."
 
"Ja, gut, das wird sich schon irgendwie machen lassen."
 
Ich hatte schon gesehen, dass Clemi knallorange wurde. Er war mitten im dunklen Winter geboren, Frühlings-, Sommer- und Herbstkinder bekamen genug Sonnenlicht ab. Bei Clemi war der Wert aber sehr hoch, knapp vor dem Blutaustausch. Es war aber keine Rhesus-Negativ-Faktor dabei. Meine Niere war schon in der Schwangerschaft etwas überlastet, das Kind kam zu früh, es musste mit dem Blut zusammen hängen.  Der Abraham hatte eine Blutgruppe, die auch bei andern Müttern folgendes verursachte: Das Erste Kind war problemlos, aber die Mutter bildete Antikörper, und zwar genug, dass das zweite Kind, wenn es die gleiche Blutgruppe erwischte, stark gelbsüchtig wurde und von der Mutter zu früh abgestossen wurde. Damit verhinderte der Mechanismus, dass die Mutter an Schwangerschaftsvergiftung sterben könnte. Abraham hatte noch zwei andere Geschwisterpaare, jeweils Mädchen und Junge, nur bei mir hatte es zwei Jungen gegeben. Diese andern Zweitgeschwister waren ebenfalls zu früh und gelbsüchtig auf die Welt gekommen. 
 
Im Spital führte man mich mit dem Kind auf die entsprechende Abteilung. Ich durfte das Kind ausziehen. Gegenüber am Doppelwickeltisch wickelte eine andere Mutter ihr Frühchen, welches mit unter 2 kg geboren wurde, nun zugenommen hatte und den Brutkasten verlassen konnte. 
 
"Ist es auch Ihr erstes?" fragte sie mich.
 
"Nein, das fünfte." Das wurde ich unzählige Male von allen möglichen Leuten gefragt. Da war es wieder: Man traute mir nichts zu.
 
Clemi wurde nur mit Windel und Augen-Abdeckung in einen Brutkasten gelegt und die blaue Lampe angezündet. Die Wärme liess ihn sofort verstummen. Mir wies man ein Bett zu im Zimmer mit einer Risikoschwangeren zusammen, welche liegen musste, damit das Kind nicht viel zu früh heraus kullerte. Wir plauderten ein bisschen über Schwangerschaften, Geburten und Säuglinge. Dann wussten wir nichts mehr und dösten vor uns hin. Ich schaute mal auf die Uhr und berechnete, dass mein Kind schon über 2 Stunden unter der Lampe lag. Clemi müsste längst Hunger haben und schreien.
 
Mit schossen die Tränen hervor. Eine Klingel hatte ich nicht. Als endlich eine Schwester vorbeikam um zum Rechten zu sehen, fragte sie bestürzt, was ich hätte. 
 
"Ich will mein Kind stillen. Es brüllt sicher schon," schluchzte ich. Sie rannte davon  und brachte mir Clemi angezogen zurück zum stillen. Danach durfte ich ihn wieder selber ins Säuglingszimmer bringen, ausziehen und wiederum unter die Lampe legen. Er wurde mir nun von selber alle 2 Stunden gebracht.
 
Die Oberschwester erklärte mir, dass ich auf eigene Kosten hier läge, das koste pro Tag xxxx (weiss den Betrag natürlich nicht mehr, war aber recht hoch). Ich entgegnete, das sei mir egal, ich gäbe sicher nicht mein Neugeborenes hier ab und ginge wieder, das mieche koch keine Mutter! Hätte ich das Kind hier geboren, läge ich auch auf Krankenkassenkosten hier.
 
Sie explizierte weiter, ich sei eben nicht krank, nur das Kind. Die Krankenkasse bezahle nur für dieses, aber für mich nicht, weil ich nicht krank sei.
 
"Ich bin Wöchnerin" argumentiert ich  nun.
 
"Aber nicht krank."
 
"Machen Sie was Sie wollen! Ich kann auch draussen im Gang auf dem Boden liegen. Ohne mein Kind gehe ich nicht raus."
 
"Also dann verrechnen wir Ihnen Ihren Aufenthalt hier?"
 
"Mir scheissegal, lassen Sie mich zufrieden, schreiben sie halt die Rechnung!"
 
Sie zog ab. Ich begann wieder zu heulen, nicht wegen der zu erwartenden Rechnung, sondern weil es der bekannte Heultag nach einer Geburt war, ausgelöst von Hormon-Kollisionen. 
 
Ich erinnerte mich, dass ich beim dritten Kind in Bülach neben einer 45-jährigen Wöchnerin lag, die gemeint hatte, sie wäre in den Wechseljahren, stattdessen bekam sie ein viertes Kind. Das fanden wir sehr lustig. Weiterhin berichtete sie von ihren Geschwistern. Sie war eines der älteren von gegen 10 Kindern. Als das jüngste geboren wurde, wiederholte die Mutter immer wieder: "Mit dem Kind stimmt etwas nicht, ich glaube, es stirbt." 
 
Tatsächlich, es hatte eine angeborene Stoffwechselstörung und starb nach wenigen Wochen. Mir liefen die Tränen. Die Bettnachbarin fuhr fort: "Wir  haben dann das Kind sauber angezogen und ins Bettchen gelegt, dann haben wir ihm Blümchen auf die Brust gelegt. Und wir haben gesungen und Kerzen .... alles mögliche. Ich sah das plastisch vor mir und heulte mir die Seele aus dem Leib. Ich konnte mir gar nicht erklären, wie es möglich war, dass mir literweise Tränen aus den Augen schossen. Alles wurde nass um mich herum, Gesicht, Haare, Kissen, Hände. Es schüttelte mich total durch. Solches können nur Hormone auslösen.
 
Inzwischen hatte ich Clemi erneut gestillt und wieder zurück unter die Lampe gebracht. Dann trat ein ganz junger Arzt zu mir ans Bett und berichtete, er hätte gehört, dass ich meine Tage hier selber bezahlen müsse, und er finde das ginge ja gar nicht. Er werde an die Krankenkasse nach Bern telefonieren und das regeln. Ich dankte ihm ausgiebig dafür. Wenig später trat er erneut herein und meldete, es habe geklappt, es laufe nun über die Kasse. "Oh, vielen-vielen herzlichen Dank! Ich weiss gar nicht wie ich danken soll!"
 
Er freute sich über meinen Dank (und wahrscheinlich auch über sich, weil er etwas Gutes vollbracht hatte. Das wäre mir ebenso ergangen)
 
Spät abends meldete eine Schwester, das Billirubin sei erfreulich stark zurück gegangen. In der Nacht ginge es in diesem Fall weiter zurück, und wahrscheinlich könne ich am nächsten Tag nach Hause mit dem Kind. Tatsächlich war Clemi am nächsten Morgen so tief mit dem Wert, dass man ihn gar nicht weiter unter die Lampe legen durfte. 
 
Ich wurde abgeholt und nach Hause gefahren, von wem auch immer, weiss ich nicht mehr. Die Hebamme meinte dazu: "Die hatten jetzt eine Hausgeburt in den Klauen. Ich habe auch gesehen, dass der Wert erhöht war, das Kind hat anfangs wenig getrunken, jetzt trinkt es viel mehr, da wird das Blut verdünnt (oder so). Man sollte es einfach jeden Mittag ans Fenster stellen"
 
Das taten wir, und alles normalisierte sich. 
 
Oder doch nicht. Clemi beschloss, dass es ihm in der Nacht besser gefalle, gestillt zu werden.  Alle 2 Stunden meckerte er, ich setzte mich auf die Bettkante und hielt sein Köpfen. Beim Liegen klappte das lange nicht. Während der trank schaute er ununterbrochen die Nachtischlampe mit dem roten Glas an. Rot war es auch im Uterus gewesen. Flori hatte damals auf die roten Vorhänge geguckt, die ich im Sommer gegen zu früher Helligkeit gezogen hatte. 
 
Eine Enkelin musste 2007 ebenfalls "unter die Lampe", dazu aber nicht in den Spital. Sie bekam eine speziell beschichtete Matte zum Ausklappen, darauf legte man den Säugling, darüber erstrahlte die Lampe. Eine Schulkollegin meines ältesten Sohnes war Hebamme geworden und berichtete, dass man Clemi heute nicht mehr so stark belichtet hätte, sein Wert von damals gelte heute nicht mehr als bedrohlich, müsste nur beobachtet werden mit genug Flüssigkeitszufuhr und natürlichem Sonnenlicht. Eine andere Enkelin wurde den Eltern abwechselnd nackt mit dem Rücken nach oben auf den Oberschenkel gelegt und so der Sonne ausgesetzt, die durchs grosse Spitalfenster schien. 
 
Tagsüber musste Clemi viel schlafen und sich erholen von den nächtlichen Trinkorgien. Mir drückte die Milch, und ich pumpte sie ab in eine Tasse, später konnte ich die Milch auch ohne Pümpeli von Hand ausstreifen. Kam eines der grösseren Kinder vorbei, trank es gerne die dünne und sehr süsse Milch; war niemand zugegen, kippte ich sie mir auch selber ein. Receycling. Von einer Hauspflegerin erfuhr ich, dass sie mal einen vielköpfigen Haushalt versorgte und die anfallende überschüssige Muttermilch wie Kuhmilch zum kochen und backen mit-verwendete. 
 
Es machte mir nichts aus, in der Nacht bis zu 6 x zu stillen. Ich war ja keine Fabrikarbeiterin, die um 7 an einer Maschine stehen musste, keine Bäuerin, die um 6 in den Stall ging, auch sonst musste ich nirgends hin. Die Kinder gingen selbständig zur Schule, Flori war erst 4 und blieb noch daheim. 
 
Weil er wegen dem jüngsten Bruder nicht mehr in meinem Bett Platz fand, schlief er nicht etwa in seinem eigenen Bett, wie ich erst später erfuhr, sondern wählte den zweitältesten Bruder David als Ersatz aus. 
 
Die nächtlichen Hauptstillzeiten hielten nicht bis in alle Ewigkeit an. Irgendwann, man weiss nicht mehr genau wie und wann, weil man es gar kein Problem findet, dämmerte dem Kind, dass nachts nur die rote Lampe schien, aber sonst nichts zu seiner Unterhaltung abging, jedoch am Tage allerlei unterschiedliche Mitbewohner herum zirkulierten, schnatterten, lachten oder schimpften, das Haus war voller bunter Gegenstände,  auch sich Bewegende. Es war Musik aller Arten zu hören, Geschwister nahmen ihn auf den Arm, schwarzweisse Katzen spazierten herum, man wurde im Kinderwagen ausgefahren, all das interessierte ihn und ermüdete ihn gleichzeitig, so dass sich das nächtliche Stillen automatisch auf 2 x reduzierte.  
 
Drei Monate später war Tschernobyl (1986). Da stülpte sich sozusagen die Welt um. Was gesund war, durfte nicht mehr gegessen werden, weil verstrahlt. Dafür Konserven und altes Zeug von früher. Ich stillte zwar, damit aber meine Muttermilch nicht verstrahlte, sollte ich mich ebenfalls an die Vorgaben halten. 
 
Abraham hatte einen Stall von Milchkühen. Bis draussen genug Gras wächst, bekommen die Kühe Heu. Dieses war noch nicht kontaminiert. Als das Heu langsam zur Neige ging, stellte Abraham eine Milchkuh zur Seite und fütterte ihr weiterhin altes Heu. Den andern Kühen wurde frisches Gras vorgesetzt.  Abraham hatte selbst eine einjährige Tochter, für die er diese Milch reservierte, und für mich reichte es auch noch. Bis im Herbst war alles kein Thema mehr. Kann mich jedenfalls nicht mehr daran erinnern.  
 
Clemi blieb in meinem Schlafzimmer, denn mein Mann war kaum noch hier. Ich konnte ja nicht andauernd Kinder gebären, damit er öfter da wäre ;-) Das war jetzt als Witz gemeint. Bis es Zeit für den Kindergarten wurde, stieg  Clemi selber auf den Wickeltisch und zog sich dort an, denn die Kleider befanden sich in einem Regal über dem Wickeltisch. Er machte das auch in der ersten Klasse noch, dann klickte ich ein letztes Foto davon und zügelte seine Kleider, die jetzt viel mehr Platz beanspruchten, in sein effektives Kinderzimmer. Er schlief noch bis in die 3. Klasse bei mir, bekam lange Beine und stiess mir versehentlich die spitzen Knie so in den Bauch, dass ich erschrak.
 
Er könne auch in seinem eigenen Bett schlafen, wenn er wolle, da hätte er mehr Platz, deutete ich an. In der Folge schlief er zwei Nächte bei mir, dann zwei Nächte bei David (der unterdessen den Flori losgeworden war) und wieder 2 Nächte bei mir und wieder 2 Nächte bei David usw. Clemi erklärte dazu, dass er mich langsam umgewöhnen wolle. Es wäre doch nicht gut, wenn ich so plötzlich immer ganz allein wäre. 
 
Ganz allein war ich gleichwohl nicht, ich schlief jetzt mit zwei Kopfkissen. Auf dem einen lieg ich selber, das andere halt ich in den Armen. Es ist wohl nur ein Kissen, aber es stösst mir nicht die Knie in den Bauch oder in den Rücken. Ausserdem schätzen es die Katzen, wenigstens im Winter auf meinem Bett zu übernachten, da es in der Kälte draussen nichts zu verpassen gibt. 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
   
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Wie habt ihr euch in den ersten Jahren organisiert? Gab es eine Arbeitsteilung?
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16.  Kinder

Wie habt ihr euch in den ersten Jahren organisiert? Gab es eine Arbeitsteilung?
Man darf es heute kaum noch zugeben, aber für mich passte es hundertprozentig, zuhause den Kindern zu schauen und zu haushalten (wobei ich die meiste Zeit eine wöchentliche Reinigungsfrau zuzog; bin es aus dem Elternhaus so gewöhnt).
 
Der Hausherr arbeitet für Geld. Die Hausfrau und Mutter arbeitet auch, aber sie erhält keinen Lohn in Geld. War mir egal. Einen Mann, dem ich jeden Einkauf hätte rechtfertigen müssen, hätte ich allerdings abgelehnt. 
 
Wie oft hab ich es hier drin schon geschildert? Mir ist niemals langweilig! Als Hausfrau hatte ich, trotz der Aufsicht über die Kinder, die grösstmögliche Freiheit. Verantwortung und Entscheidungen teilte ich mit meinem Mann, wobei dieser daran nicht so interessiert war, das meiste gerne mir überliess. 
Wie waren die Auswirkungen der Kinder auf deine Ehe?
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16.  Kinder

Wie waren die Auswirkungen der Kinder auf deine Ehe?
Ohne Kinder hätte ich nicht geheiratet, sondern wäre berufstätig geblieben, dann allerdings nicht Büro, sondern was unterhaltsameres, kreativeres oder ich weiss nicht was, Lehrerin hätte mir noch gefallen, aber ich war zu dumm für die Mittelschule und folglich auch für das Seminar. 
 
Was meinen Mann betraf, fand er die Kinder lustig und interessant in der Entwicklung zu beobachten, und er präsentierte sie überall, wo sich Gelegenheit ergab. Er war stolz auf sie. So gesehen stabilisierten die Kinder unsere Ehe eher noch, als dass sie diese belasteten. Ohne Kinder hätte sie niemals 15 Jahre lang gehalten. Ich meine, auf dem Papier gehalten. 
Wie veränderte sich durch die Kinder eure Beziehung zu euern Eltern bzw. Schwiegereltern?
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16.  Kinder

Wie veränderte sich durch die Kinder eure Beziehung zu euern Eltern bzw. Schwiegereltern?
Die Beziehungen verstärkten sich natürlich. Wir verstanden uns alle gut.
An was für unvergessliche Momente die Kinder betreffend magst du dich zu erinnern?
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16.  Kinder

An was für unvergessliche Momente die Kinder betreffend magst du dich zu erinnern?
Das sind unendlich viele wunderbare Erinnerungen. Ein Säugling an der Brust, das Zweitjüngste daneben gekuschelt, die 3 grossen in Sichtweite am Spielen, so hätte ich die Zeit anhalten wollen. 
 
Würde man die Zeit tatsächlich anhalten, würde man aber alles folgende verpassen, das weitere Aufwachsen der Kinder, ihre Berufe, die Enkel etc.
 
Wie waren eure gemeinsamen Ferien?
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16.  Kinder

Wie waren eure gemeinsamen Ferien?
Ohne Kinder wäre ich niemals verreist. Was sollte ich ohne sie? Ich hätte mich zu Tode gelangweilt. Zuhause hatte ich noch meine Musikinstrumente, Langspielplatten, später CD's, Material zum Handarbeiten, später die Flimmerkiste und Zeitschriften.
 
Als Ledige auf der Suche nach neuen Bekanntschaften war das natürlich wieder was völlig anderes. Ist man aber verheiratet, was will man denn auswärts?  Ferienflirts und One-Night-stands hatten für mich keinen Sinn, auch deshalb, weil man einen Ferienfreund nicht einfach mit nach Hause hätte nehme können. Anderseits kam es mir nuttig vor, mit jemandem ins Bett zu gehen, weil grad nichts anderes los war und kein anderer zur Verfügung stand. 
 
Als junges Mädchen interessierten mich Kulturzeugnisse wie Gebäude und Kunst nicht.  Dieser Luxus stellte sich erst ein, nachdem ich mal die ersten 3 Kinder bekommen hatte. 
Wie waren deine Kinder in den verschiedenen Lebensphasen?
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16.  Kinder

Wie waren deine Kinder in den verschiedenen Lebensphasen?
Das zweite und das fünfte Kind interessierten sich ab ca. 9 Monaten von sich aus für andere Nahrungsmittel und probierten alles gerne aus. Clemi stillte ich nur 11 Monate voll und zum abstillen  noch 3 weitere Monate. Er liess sich von den Geschwistern ablenken oder biss mich in die Brust, um mich zu erschrecken, denn dann kugelte er sich vor lachen. Oder er saugte Milch an und liess sie dann auslaufen statt zu trinken. 
 
Wäre nicht ein Ferienaufenthalt in Spanien geplant gewesen, hätte ich noch früher aufgehört, aber womit sollte ich in Spanien in einem Ferienort einen Säugling füttern? Schoppen mochte er nämlich auch nicht. Man könnte für Kleinkinder laufend Obstmus und Getreidebreie mit Milch selber zubereiten (es gab damals noch nicht diese bequemen Babybrei-Gläschen, und von Pulverzeug zum anzurühren meinte ich, das hätte zu wenige nützliche Nähstoffe drin).
 
Ich war das komfortable Stillen so gewohnt, dass ich nicht ausgerechnet an einem fremden Ort mit Abstillen und Zufüttern beginnen wollte, wo ich schliesslich lieber mit allen Kindern im Meer badete oder im Sand herum pulte, Muscheln sortierte und bunte Scherben als "Edelsteine" sammelte, in den Sand zeichnete oder schrieb oder in Liegestühlen kuschelte.  
 
Bei David war es sogar noch früher. Eine Achselgelenk-Entzündung führte wegen Medikamenten eine Stillpause herbei. Danach trank er zwar weiter, wollte aber alles mögliche dazu essen, was immer es auch sei, selbst wenn er es gar nicht verdauen konnte und es in Original wieder in die Windel drückte. Man will dem Kind natürlich nicht Essen vorenthalten.
 
Der Älteste hätte auch viel länger getrunken, denn er mochte es gerne, aber als er eines abends quengelte und ich nicht wusste warum, riet mir die Schwiegermutter, ihm Milupa-Pulver anzurühren und zu schöppeln. Solche Pulvermuster und Plastikschöppeli und aller mögliche Krimskrams wurden damals jungen Müttern als Werbegeschenke verteilt.  Heute würde ich das ja nicht mehr machen. Aber damals als junges naives Hühnchen .... Das Kind grimmassierte zuerst ob dem Gummisauger. Dann spürte es die noch stärkere Süsskraft des Getränks und saugte den Schoppen begeistert leer.
 
Die anderen Kinder hatten Schoppen als Überbrückung  abgelehnt und lieber gehungert, bis die Mutterbrust wieder neue Milch erzeugt hatte.  Der Älteste wollte nun tagsüber zwar Muttermilch, aber abends einen Milupaschoppen. Den gab ich ihm dann halt, es gibt schlimmeres. Der Pulverschoppen sättigte ihn so, dass er die Nächte durchschlief und auch am Morgen noch lange nicht reklamierte und nach Milch verlangte. Da ging mir die Milch ziemlich zurück. Heute weiss ich, dass ich es wieder hätte ankurbeln können, aber ich wollte eh bald das nächste Kind. 
 
Die mittleren Kinder, Sebasti und Flori, die hätten Milch getrunken bis zur Rekrutenschule, wenn ich nicht von selber nach und nach abgeklemmt hätte. Sie schliefen von einem Jahr an durch, und ich wusste nicht wohin mit der Milch, nahm Sebasti aus dem Bett und hängte ihn schlafend an die Brust, wo er dann automatisch trank. Auf die Länge fand ich das sinnlos, offerierte zu essen am Tisch, was zunächst nur Belustigung hervorrief und den Reflex, das Essen herum zu werfen und Getränke unter Druck aus dem Mund zu spritzen. Das durften sie nicht, man spielt nicht mit Essen, und ich war auch keine Hobby-Putzfrau. Trotzdem spielte es sich allmählich ein, dass sie immer manierlicher vom Tisch assen und weniger Muttermilch brauchten. Sebasti war mit 15 Monaten abgestillt, Flori allerdings erst mit 23 Monaten. 
 
Das erste Kind wurde mit 2 einhalb Jahren zuverlässig trocken, auch nachts, der nächste brauchte dazu gut 4 Jahre, der dritte knapp 4 Jahre tagsüber, nachts blieb er noch während der Primarschule ein Bettnässer. Nicht jede Nacht, manchmal wochenlang nicht, dann doch wieder. Oft liess ich das Bett einfach trockenen. Der Urin war ja durch die Pyjamahose schon etwas gefiltert. Dicke Nachtwindeln für grössere Kinder gab es auch schon, die zog er auch selber an, aber wenn es passierte, überschwemmte der Urin die Windel und tränkte auch Leintuch und Matratze.
 
Für mich war das keine Katastrophe. Bettnässer sind häufig. Nur kein Theater deswegen! Psychisch fehlte dem Kind nichts, wir hatten keine Schulprobleme oder welche mit andern Kindern, es lief alles normal und guter Dinge. 
 
Ich weiss nicht mal, wann es aufhörte. In der Sek war das Phänomen definitiv verschwunden. 
 
Die beiden restlichen Kinder wurden wiederum zwischen 2 und 3 Jahren trocken, Das hing immer von der Jahreszeit ab. Im Sommer kann man Kinder ohne Windel, nur mit einem Turnhöschen draussen zirkulieren lassen, und wenn es dann die Beine runter rinnt, stört es sie, bald checken sie den Zusammenhang und erleichterten sich auf dem Töpfchen, sofern nicht schon auf dem WC. 
 
Der älteste und der vierte waren nicht nur früh trocken, sie sprachen gleichzeitig früh und mit ganzen Sätzen, während die andern allerlei Fantasiesprachen erfanden oder schlicht zu faul waren, sich zu bemühen, wenn sie auch anders an Gewünschtes gelangten. Der zweite lispelte noch im Kindsgi. Es drohte Sprachlernschule. Da gelang es ihm von einem auf den andern Tag, aufs Lispeln zu verzichten, um nicht in dieser Sprachlernschule seine Freizeit opfern zu müssen. 
 
Wann sie selber freihändig gehen konnten:
der erste mit 10 Monaten,
der zweite mit 9 einhalb Monaten (da hatte die Schwiegermutter noch gesagt, hätte ich ihm früher Lauflern-Schuhe angezogen, hätte es das Kind früher gekonnt, was mich in lautes Gelächter ausbrechen liess. Ich hatte nicht den Ehrgeiz, dass meine Kinder alles möglichst früh können sollten. Ich fand es nur interessant, wie sie sich unterschiedlich entwickelten)
Der dritte war 10 einhalb Monate
der vierte 12 Monate
und der letzte 15 (!) Monate alt.
Mich dünkte auch,  dass es die Kinder anfangs eigentlich nur den Eltern zuliebe vorführten, denn danach krochen sie wieder eine Weile, bis sie dann endgültig nur noch automatisch aufrecht herum watschelten und fast gleichzeitig auch rannten.  
 
Die Zähnchen bekamen sie ohne grosses Getöse. Vereinzelt gab ich mal einem einen kaltnassen Waschlappen zum drauf beissen. Wer früher oder später Zähne bekam, weiss ich nicht mehr, es war eben unspektakulär. Die Milchzähne begannen im Kindsgi auszufallen. Ich sammelte alle in kleinen Döschen und schreib die Namen darauf. Später musste ich sehen, dass diese kleinen Zähnchen sich spalteten oder irgendwie aufzulösen begannen. Die Folgezähne hatten ihnen, glaube ich, das Kalzium raus gezogen. 
 
Es war das Zeitalter der Zahnspangen. Kaum ein Kind ohne Zahnspange irgend einer Art. Sämtliche meiner Kinder brauchten keine. Komischer Zufall. Mir war es mehr als recht. 
 
Die Schuljahre fand ich problemlos. Streit und Kämpfe unter Schülern schlichtete ich direkt unter Kindern. Ich weiss nicht mehr genau wie, aber es klappte jeweils. Ich war auch nicht empfindlich, nicht pingelig, nicht stur oder gnadenlos, nicht nachtragend. Man muss nicht immer gleich alles so ernst nehmen. Oft hatte ich einen lockeren Spruch drauf, oder brachte die Kinder mit grotesken Übertreibungen zum Lachen. Ich dozierte zum Beispiel, dass ich es ihnen schon gönnen würde, zu kämpfen und all das, aber wenn eine Verletzung passiere, werden die Mütter angebrüllt, sie hätten nicht auf die Kinder angepasst, das sei eben das Problem. Ansonsten befahl ich militärisch, jeder ginge nun zu sich nach Hause und könne dort weiter randalieren. Diese Herausforderungen belustigten mich mehrheitlich. Es kann drum niemand sagen, Kinder aufzuziehen sei langweilig und man verblöde dabei. 
 
Wenn andere Menschen das meinen, sollen sie doch, stört mich nicht.
 
Das zweite und das fünfte Kind besassen einen angeborenen Ordnungssinn. Die restlichen Kinder samt uns Eltern nicht.
 
Als Clemi in die Optiker-Lehre ging, kam er heim und klärte mich auf, dass ich ihm besser aufräumen und Ordnung halten hätte beibringen sollen; er sei bös auf die Welt gekommen, was man dort (im Geschäft) alles aufräumen müsse. Er begann darauf, das Kabel des Haarföhns straff um das Gerät aufzuwickeln und derlei mehr.  
 
Die Kinder wurden als "arme Scheidungswaisen" mit Geschenken überhäuft. Sie bekamen zu allen Tages-und Nachtzeiten neues und gebrauchtes zum spielen. Die 3 älteren Kinder nahmen auseinander, was irgend ging, machten vieles dadurch kaputt, auch wenn es eigentlich zum zerlegen und wieder aufbauen gedacht war. Unsere Puzzles waren verzaubert, denn die lösten nach und nach die Hälfte der Teile in Luft auf, ohne dass sie jemand verhühnert hätte. 
 
Jeden Frühling und jeden Herbst mistete ich die Spielzeugschränke aus, wenn sie in der Schule waren, und entsorgte kaputtes, unvollständiges oder verschmuddeltes Plastikzeug. Sie vermissten nie etwas. Ab und zu sortierte ich Legos und Briobahn-Teile. War alles durcheinander, mochte niemand mehr damit spielen. Putzfrauen pflegten alles was nach Spielzeug aussah in den nächstbesten Lego-Harass zu schmeissen. Drum sortierte ich lieber vor ihr das in meinen Augen wertvolle Spielzeug und hielt auch die Kinder dazu an: "Morgen kommt die Putzfrau. Kommt, wir räumen unsere Sachen auf, sonst saugt sie alles ein!" 
 
Ein Kind meinte darauf: "Macht doch nichts! Wir bekommen ja immer wieder neues Zeug!"
 
"Aber nicht die kleinen Lego-Tütschli, Lego ist sauteuer!"
 
Da mir selber der Ordnungssinn zu mangelhaft geraten war, eigneten sich Putzfrauen-Termine als praktische Aufräum-Animierung. Entweder aufräumen oder putzen, beides hintereinander schaffte ich nie. So war die Reinigungsingenieurin eigentlich eine Teamworkerin: ich aufräumen, sie putzen.
 
Zu jedem neuen Schuljahresbeginn schafften die Kinder beigenweise Bücher und Hefte heran, die sie einbinden sollten. Ich hatte Einbandpapier gekauft mit Lastwagen-Motiven drauf oder Autos und Töff, Fussball-Szenen oder Comic-Figuren, aber die Kinder liessen sich trotzdem nicht zum Einbinden verführen. Ich tat es relativ gerne, entwickelte dabei eine Technik, wie es am besten und schnellsten ginge.
 
Muss man heutzutage noch Bücher einbinden? Ich glaube eher nicht. Jedenfalls habe ich das den Kindern immer abgenommen, denn jeder soll machen was er mag und kann.  
 
Die Küche räumte ich meistens allein auf. Ich musste nirgends hin arbeiten gehen, die Kinder hatten viele Schulaufgaben und brauchten auch noch Zeit, um mit ihresgleichen zu chillen. 
 
Die drei ältesten residierten im Dachstock in grossen ausgebauten Zimmern und Sperrmüllschränken, um die es nicht schade war, wenn etwas kaputt ging. Sie sollten die gewaschene und zusammen gefaltete Wäsche selber mit in ihr Zimmer rauf nehmen und versorgen. Das fielen ihnen nicht im Traume ein. Da liess ich die Kleider in sortierten Beigen von Unterwäsche, Jeans, Hemden oder Pullis und Socken auf dem Tisch, welcher eigentlich ein Esstisch war, und der auf einer offenen Empore stand. Wir assen aber immer in der Küche. Der Tisch war nun dauerhaft von Wäschestapeln belegt. Die Türe ins Badezimmer war nur zwei Schritte davon entfernt. Sie frequentierten das Bad, kamen ins Badetuch gewickelt heraus und zogen sich am Tisch an, wobei sie die Stapel sondierten, was sie anziehen sollten und was überhaupt ihnen gehöre. 
 
Die Schmutzwäsche sollten sie beim nächsten Abstieg ins Erdgeschoss selber mit runter nehmen und in der Waschküche in den Wäschekorb werfen. Das tat höchstens selten einer. Ich weiss nicht mehr, was ich dann gemacht hatte. Es war einfach zu banal. Ich sammelte wahrscheinlich beim "Morgen-Kehr" die Wäsche, wo immer ich sie fand, und deponierte sie selber im Wäschekorb, sofern ich nicht sowieso alles in die Waschmaschine warf, was jeden zweiten Tag war. Dann meistens zwei Ladungen hintereinander. 
 
Ich sortierte die Wäsche kaum. Höchstes wenn neu gekauftes mit starken Farben oder in Schwarz anfiel, dann musste man das mindestens das erste mal separat waschen wegen dem ausfärben. Weisses besassen wir selten, Feinwäsche gar nicht, so wusch ich immer alles mit 40°. Wozu sollte man Keime in der Wäsche abtöten, wenn gleich wieder neue hinzu kamen? Die waren doch gar nicht schädlich. Die Wäsche sah danach frisch aus und fühlte sich auch frisch an. Mehr brauchten wir nicht.
 
Als ich seinerzeit die Hebamme gefragt hatte, ob ich für die Hausgeburt gekochte Bettwäsche parat haben müsse,  belehrte sie mich: "Nein. Das sind nur Hauskeime in den Häusern. Die machen nichts." Eben, hab ich mir ja gedacht. 
 
Als die Kinder in die Sekundarschule wechselten, fuhren sie mit Velos und Mofas ins Nachbardorf. Meist warteten sie unten an der Hauptstrasse aufeinander. Waren alle da, setzte sich der Trupp in Bewegung,  den kleinen Hügel hinan und "enne wieder abe". Von Zeit zu Zeit gab es Ärger, weil einzelne Blödiane andern die Luft aus den Reifen liessen. Da folgten dann Strafpredigten und Polizeidrohungen von den Lehren, danach war wieder eine Weile Ruhe, manchmal bis zu einem Jahr, bis eine nächste Generation diese überaus lustigen Streich neu erfand. 
 
Die drei ältesten Buben wollten Töffli für die Schule, die beiden Jüngsten überhaupt nicht. Die erstrebten nur ihr Velo. Mit letzteren ist man unabhängig von Tankstellen und Geld. Bergauf fahren bereitet Jugendlichen keine Mühe. Passierte am Velo eine Panne, konnte sie meist selber behoben werden. So gesehen war das Velo zweckmässiger. Vielleicht waren Töffli ein Statussymbol wie Stereoanlage, Markenkleider oder Macho-Gehabe. Keine Ahnung.  
 
Wir hatten nebst dem Haus noch einen Schopf, früher Ziegenstall. Dort drin reparierten meinen Jungen den andern ihre Töffli, bestellten auch selbständig Ersatzteile und geschäfteten damit. Boden und Werkzeuge waren schwarz vor Karrenschmiere. Das ist eben so. Wenn ich nähte, lagen überall verschiedene Stoffe, Bändel, Reissverschlüsse, und nebst Nähmaschine Scheren und allerlei Nähzeug wild durcheinander. Anstatt schwarz sah es einfach bunt aus, aber die zufällige Lage der Dinge war ebenso unstrukturiert.
 
Wieder wenige Jahre später wurde die Töff-Werkstatt in ein Clubhaus mit Bar und Stereo-Anlage umgekrempelt. Polstermöbel aus dem Sperrmüll sorgten für behaglichen Komfort. 
 
Ich ging nur sporadisch dort hin. Das Clubhaus füllte sich mit leeren Falschen und Dosen, vollen Aschenbechern und halbleeren Knusper-Chips-Tüten. Ich hatte nie ein Bedürfnis, dort aufzuräumen. Meine Kinder verlangten das auch gar nicht. Die Polstermöbel wurden mit Brandlöchern, verschüttetem Bier und sonstigen undefinierbaren Flüssigkeiten aufgewertet. Bald schimmelten sie. Jacken und andere Kleider blieben liegen und schimmelten gleich mit. Es faszinierte mich, die Vermüllung zu beobachten. Man muss doch die Kinder machen lassen. 
 
Dann tauchten mal Mädchen auf, Klassenkolleginnen, die liehen meinen Staubsauger aus, aber nur einmal, denn sie saugten gleich ganze Zigischachteln und feuchtes Zeug ein und verstopften das ganze Saugrohr. Danach war mein Staubsauger tabu. Sie mussten sich mit Güselschüüfeli und Bäseli begnügen. Warum taten die Mädchen das? Mich hätte man nicht dazu bewegen können. Nicht mal, wenn ein Angebeteter dabei gewesen wäre.  
 
Allfällige Leser mögen jetzt denken, ich hätte als Erzieherin versagt, weil ich sie derart fuhrwerken liess. 
 
Sie durften gleichwohl nicht alles.
 
Schwächere drangsalieren, ängstigen, blamieren oder sonst wie misshandeln und Tiere plagen oder gar töten war oberstes Verbot.
 
Kriminelle Taten wie andern ihre Sachen demolieren oder gar stehlen war das unmittelbar folgende Verbot. Man will ja selber auch nicht bestohlen werden oder im Gefängnis landen.
 
Ein Gebot war: für Missgeschicke um Entschuldigung bitten, wieder ersetzen, was man versehentlich geschlissen hat.
 
Abgeraten hatte ich immer von Streit, Einmischung, Täderle (petzen), verdächtigen oder rächen. Angeraten zu Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit, Wohlwollen, Geduld, Nachsicht, verzeihen je nach Umständen. Wegen Kleinigkeiten nicht aufregen.
 
Kinder wollen meistens die Grenzen der Eltern ausreizen. Das führt manchmal dazu, dass man als Elternteil etwas verbietet oder befiehlt (ob es dann befolgt wird, ist zweitrangig) damit die Kinder endlich Ruhe geben. Sonst müssen sie sich immer schlimmeres ausdenken. Ich spürte das jeweils instinktiv. Die Buben reizten mich auch, bis ich angekündigte Ohrfeigen tatsächlich auszuführen versuchte. Sie mussten es einfach wissen. Eine todsichere Strategie war, einen kleineren Bruder zu misshandeln bis dieser schrie.  
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Wie würdest du euer Familienleben beschreiben?
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16.  Kinder

Wie würdest du euer Familienleben beschreiben?
Normal. Jeder findet doch seine Familie normal.  Und viele finden andere Familien nicht normal. Ich war immer für die Familie da und meinte es gut, wollte und konnte aber nicht andere Familienmitglieder zu etwas zwingen, was sie nicht selber wollten. Alle Menschen, auch die eigenen Kinder, sind eigenständige Wesen, und man muss nicht meinen, dass die dann alles gleich machen wie man selber, oder dass man ihnen schlechte Erfahrungen ersparen könnte. Ich finde, es ist für mich gut gelaufen. Die Kinder versicherten mir, dass sie gerne leben. Der Gedanke, dass ich aus "Verantwortung" keine Kinder bekommen hätte und es sie dann nicht gäbe, schockt sie fast. Sie wollen wirklich leben. Bestimmt auch all die andern Kinder, bei denen es nicht wie im Bilderbuch oder bei tüchtigen ehrbaren Leuten vorgeschrieben war. 
Verfolgtet ihr klare Erziehungsprinzipien? Warst du damit erfolgreich?
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16.  Kinder

Verfolgtet ihr klare Erziehungsprinzipien? Warst du damit erfolgreich?
Man kann da keine Prinzipien aufstellen, weil Kinder und Eltern zu verschieden sind. Jeder hat seine Grenzen. Geht jemand an meine Grenze, bekommt er es zu hören, und  ein jeweiliger Sohn, kann dann auswählen, ob er mich reizen will oder nicht. Ich machte oder gab dann nicht, was verlangt wurde. Sie taten ja auch nur was sie wollten. 
 
Allerdings erinnerte ich mich, dass ich als Kind gar nicht immer wusste, wo die Grenzen aktuell seien, ich wollte nicht mal an diese Grenzen, wo immer diese wären, aber es passierte mir versehentlich, meine Eltern zu ärgern oder zu enttäuschen. 
 
Es wurde mir klar, dass auch meine Kinder mich nicht immer absichtlich auf die Palme bringen wollten. Man merkt es mit der Zeit instinktiv, ob extra oder nicht. 
 
Die Kinder merken aber ganz genau, bei wem sie sich was leisten konnten, die Lehrer waren unterschiedlich streng oder lasch, Eltern, Grosseltern und Nachbarn hatten ihre Grundmuster im Verhalten, das aber nach Umständen leicht variieren konnte. 
 
Rückblickend finde ich, es ging bei uns locker, friedlich und munter zu und her. Den angeborenen Kampfdrang der Kinder als Überlebensübungen für das Leben in der Wildnis muss man davon natürlich ausklammern. Weil ich von meinen Brüdern wusste, dass dies normal ist, machte ich mir nicht wirklich ein Problem daraus, sondern nahm einfach die Schwächeren in Schutz.
Warst du ein strenger Vater bzw. eine strenge Mutter?
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16.  Kinder

Warst du ein strenger Vater bzw. eine strenge Mutter?
Weil mein Mann sich nie in die Erziehung einmischte oder eher noch schlechte Beispiele gab, kam ich mir manchmal etwas streng vor. So richtig streng war ich aber sicher nicht. 
 
Ich weiss von Eltern der vorigen Generation, die ihren Kinder die Sachen aus dem Fenster warfen auf die Strasse runter, wenn sie nicht alles blitzartig aufräumten oder Sekunden später als abgemacht von Partys heimkamen. Was sonst noch an Strafen bei solchen Leuten daheim abging, kann man nicht wissen. 
 
Diese Kinder suchten das Weite, sobald sie volljährig wurden, sogar wenn sie noch nicht mal genug Geld hatten. Und warden nie wieder gesehen. Vielleicht meinten einige Eltern, das sei normal, nichts mehr von den erwachsenen Kindern zu hören. 
Hattest du das Gefühl, dass dir deine Kinder alles anvertraut haben?
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16.  Kinder

Hattest du das Gefühl, dass dir deine Kinder alles anvertraut haben?
Ob sie mir immer alles anvertraut hatten, kann ich natürlich nicht mit Sicherheit behaupten. Aber sie sagten mir vieles, vermutlich das meiste. Das erwies sich als nützlich, wenn Reklamations-Telefonate zu erwarten waren. Ich hatte dann genug Zeit, mich damit auseinander zu setzen und die erste Aufregung abflauen zu lassen. 
 
Mord und Totschlag hatten sie nie begangen. Zu schnell fahren mit dem frisierten Töffli, solche Sachen eben,  fand ich nicht so schlimm, dass ich deswegen ein Theater gemacht hätte. Und wenn, was konnte ich schon tun? Rauchen und Saufen passte mir nicht, darum nahmen sie etwas Rücksicht und taten solches, wenn es ging,  ausserhalb meiner Sichtweite. 
 
Es konnte passieren, dass von einem Sohn ein Bild mit Berufskollegen irgendwo abgebildet war und er eine Zigi in der Hand hielt. Dann sagte ich vor allen andern Kollegen,  oder schrieb es ins facebook, es sei doch schade um ihn, wenn er qualme, wo ich ihm doch 2 Jahre lang meine kostbare Muttermilch gegeben hatte. 
 
Oft reagierte ich nur satirisch auf unpassende Dinge, gab überspitzte Argumente oder verlangte sogar das Gegenteil von dem was sie sollten. 
Wie wurde das Spielen, Fernsehen oder Computerspielen geregelt?
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16.  Kinder

Wie wurde das Spielen, Fernsehen oder Computerspielen geregelt?
Weil es noch kein Händy und Internet gab, galt TV als das schädlichste Verdummungs-Gerät, das es zu meiden galt wie der Teufel das Weihwasser. Die Lehrerinnen bläuten den Eltern an den Elternabenden ein, dass Kinder am besten gar nicht fernsehen dürften, weil nur dummes oder unsittliches Zeug im Programm sei, oder wenn es gar nicht anders ginge, höchstens eine halbe Stunde eine Kindersendung. Das sagten die Lehrerinnen nicht nur so als gut gemeinten Ratschlag, sondern sie - jedenfalls eine davon - performte drohende Apocalypsen, und wir Eltern wären schuld daran.
 
Ich war wohl kaum die einzige, die darauf fand, die undiplomatische Kuh soll doch einfach selber nichts gucken, und wir machen was wir wollen. Wird einem übertrieben von etwas abgeraten, bekommt man automatisch den Verdacht, es wäre überhaupt nichts Schlimmes, sondern man möge es uns nicht gönnen.
 
Natürlich meinte ich auch nicht, es sei vorteilhaft, wenn Schulkinder, kaum zuhause, vor die Glotze hängen und allda hängen bleiben bis das Testbild kommt. Heute gibt's das gar nicht mehr, da ist durchgehend Programm auf 20 Kanälen. 
 
Ich schaute selber gerne Sesamstrasse und andere Kindersendungen. Meine Kinder verfolgten meistens 2 Sendungen hinter einander, dann verspürten sie von selber wieder Bewegungsdrang oder spielten die Geschichten nach oder diskutierten mit den Schulfreunden darüber.
 
Der Älteste wollte prinzipiell möglichst alles übertreiben. Weil er immer wieder andere interessante Sendungen fand - oder auch blöde - schauten die jüngeren Geschwister manchmal auch noch mit, und da fand ich, das sollte ich abklemmen.  Weil man mir nicht gehorchte, riet mir ein Elektriker, ein Schloss anzubringen. Dann könne ich die Kiste abschliessen. Er baute mir ein Teil in den Fernseher und übergab mir ein kleines Schlüsselchen dazu. Von nun an war ich Herrin über glotzen oder nicht glotzen. 
 
Nicht lange, und ich kam vom einkaufen zurück. Als ich die Haustür öffnete, hörte ich eine Männerstimme von oben in der Stube. Keiner meiner Jungen hatte den Stimmbruch. Mein Mann war niemals da um diese Zeit. Dessen Stimme hätte ich eh erkannt. 
 
Ich stieg die Treppe hoch und wollte erfahren, was vor sich ginge. Der Fernseher konnte es schon mal nicht sein, der war abgeschlossen. Ich hörte jetzt keine Stimme mehr, und alle Kinder sassen scheinheilig auf dem Eck-Kanapee verteilt und blätterten in Büchern oder drehten ein Spielzeug in den Händen. 
 
Jetzt hörte ich ein ganz leises Knistern vor der Bildröhre. Schaltete man die nach Gebrauch ab, kühlte sie langsam aus und knisterte sachte dabei. Ich prüfte die Temperatur.  Die Kiste war noch ganz warm. 
 
Hatte ich vergessen abzuschliessen? Ich schloss mit meinem Schlüssel ab und begab mich in die Küche, um die Einkäufe zu versorgen. Bald hörte ich wieder was und rannte in die Stube. Die Glotze lief schon wieder.  Ich kehrte in die Küche zurück und kümmerte mich nicht mehr darum. Am nächsten Tag verriet mir einer der jüngeren, Wädi hätte eine Büroklammer auseinander geklappt und zurechtgebogen, damit könne er das Schloss aufkriegen. 
 
Es bliebe noch die Möglichkeit, das Fernsehkabel zu verstecken, aber die Kinder fanden immer alles. Vermisste ich etwas, bot ich einen kleinen Finderlohn, und innert nützlicher Frist bekam ich die Sachen zurück. Logischerweise waren auch verlorene Schlüssel kein Problem, weil Hötti eh alles aufkriegte. Weil ich selber gerne abends etwas guckte, war es mir von vornherein zu mühsam, das Kabel in einer weit entfernten Abstellkammer unter Gerümpel zu verstecken und wieder hervorzuholen. 
 
Ich sagte nichts mehr wegen glotzophonieren. Ich hatte es versucht, aber sie waren halt schlauer. Komischerweise blieben ihre Schulleistungen gut, sie blieben gesund, legten sich sehr spät schlafen und rannten am 6 Uhr morgens bereits wieder herum oder machten - als Sekschüler - vor dem Zmorgen noch schnell die Hausaufgaben. 
 
Immer diese idiotischen Verteufelungen von neuen Techniken! 
 
Dann kamen Computer auf und Computerspiele. Die konnte man auch an Fernsehgeräte anhängen und so spielen, denn es kam erst ein Compi in unser Haus, als die Milchhütte dicht machte, mich wegrationalisierte und mir das Ferien- und Krankentaggeld auszahlte. Das war für unsere Verhältnisse ein grosser Mocken Geld. Wir schafften uns damit Compi, Scanner und Drucker an. Meine Kinder zeigten mir, wie man das Gerät bediente. Sie hatten es in der Schule mitbekommen.
 
Nicht viel später installierten sie das Internet. Auch diese Handhabe konnte ich einfach wieder von ihnen abgucken. Andere Erwachsene besuchten teure PC-Kurse und klönten, sie kämen nicht draus, weil jene Lehrer viel zu schnell und viel zu viel und aufs Mal vorführten, so dass man sich unmöglich alles merken, geschweige denn aufschreiben konnte, und die Handbücher waren, obwohl in Deutsch, so mit fremdem Fachchinesisch gespickt, dass einem alles Deutsch nichts nützte.
 
Menu? Menüleiste? Format? formatieren? Ebenen? Werkzeuge? Tools?  Speicherort? Speicherauswahl? Dialog? Dialog-Fenster? Pixel? Verlauf? Modus? Taskmanager? Layout? Umbruch? Optionen? Diagramme? Software? Hardware? Festplatte? Laufwerk? Diskette? Stick? Update? Delete? Icon? aktualisieren? Zwischenablage? Modus? Modem? Schnittstelle? konfigurieren? Soundkarte? Zugriffsnummer? Passwort? Kennwort? Provider? Browser? Explorer? Profil? Systemsteuerung? Netzwerk? Datei-Typ? HotSpot? Pdf-Editor? Jpeg?  Setup? Reset? verknüpfen? Doppelklick? aktivieren? Strg-Taste? Cursor? Adobe Reader?  Adobe Acrobat? Plug Ins?  App Store?  . . .      . . . 
 
Ich dachte: Wie gut, dass ich die Kinder habe. Wäre ich allein, müsste ich mich in diesen PC-Kursen abquälen und zwar mehrmals, weil einmal erklären mir noch nicht half. Wäre ich aber allein, würde ich irgendwo arbeiten und so viel Geld verdienen, dass ich mir die Kurse locker leisten konnte.  Das zeigt, wie man sich auch entscheidet, so oder anders, irgendwann gelangt man wieder an denselben Punkt. Fährt man von Trasi nach Schaffhausen, kann man über Löhnungen oder Gächlingen fahren, es kommt zeitlich genau auf dasselbe hinaus. Fliegt man von Zürich nach Mexico, kann man über Grönland und dann südwärts steuern, oder quer über den Atlantik. Die Luftlinie ist gleich lang. 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Welche Vorschriften gab es für den Ausgang?
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16.  Kinder

Welche Vorschriften gab es für den Ausgang?
In Gruppen heimkommen. Später: Nicht besoffen fahren. Nicht kotzen wenn man heimkommt, sonst lieber fortbleiben.
Was wusstest du über die Freunde und Freundinnen deiner Kinder?
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16.  Kinder

Was wusstest du über die Freunde und Freundinnen deiner Kinder?
Weil es damals keine Händys gab, hatte ich die auswärtigen Kollegen der Kinder oft am Telefon. Waren die gewünschten Ansprechpartner nicht zugegen, unterhielten wir uns, erzählten, witzelten, philosophierten, so kenne ich jetzt noch welche, die unserer Familie verbunden bleiben und an die Feste kommen.  
Wie stark seid ihr auf Wünsche eurer Kinder eingegangen?
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16.  Kinder

Wie stark seid ihr auf Wünsche eurer Kinder eingegangen?
Den Finanzen entsprechend. Die Kinder merkten bald, dass sie in den Schulferien mit ihrem Vater mitgehen und arbeiten konnten und gut bezahlt wurden. Das war an  Flughäfen, wo mein Mann Flugzeuge ablaugte und neu spritzte. Sie hatten eigentlich immer genug Geld für ihre Anschaffungen. 
Wie ist dein Verhältnis zu deinen Enkelkindern?
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16.  Kinder

Wie ist dein Verhältnis zu deinen Enkelkindern?
Sehr gut. Mit allen habe ich regelmässigen Kontakt. Oft schlafen sie auch hier. 
Zu Geburtstagen und Weihnachten schenke ich ihnen, was sie wünschen. Ab ca. 9 Jahren möchten sie am liebsten den "Batzen" den ich meinen finanziellen Verhältnissen entsprechend auf  Fr. 50.- ansetze. Manchmal wünschen sie unter dem Jahr etwas Genähtes oder gestricktes, oft für Puppen, oder Musiknoten. Sie schicken mir auch Videos von ihren Schülerkonzerten. 
Im Internet finde ich immer wieder Originelles, Interessantes oder Komisches. Dies Bilder schicke ich den Enkeln als Rätsel was das sei. Dazu können Sie unter 5 oder mehr Antworten auswählen. Die Vorschläge, was das alles sein könnte, sind normalerweise das lustigste davon. 
Wir philosophieren auch viel.  
Was unternehmt ihr gemeinsam?
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16.  Kinder

Was unternehmt ihr gemeinsam?
Mit den Mädchen kann man ordentlich musizieren. Klavier, Gitarre, Singen usw.
Wir basteln, zeichnen und malen zusammen und philosophieren gerne.
Hast du in irgendeiner Weise für sie vorgesorgt?
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16.  Kinder

Hast du in irgendeiner Weise für sie vorgesorgt?
Nein, ich habe gar kein Geld. Nur das Altbau-Reihenhaus mit Holzheizung und die AHV-Rente. Von meinem Mann, also ihrem Grossvater, gab es nichts zu erben. 
Dafür bin ich immer für sie da. 
Welches Verhältnis hast du heute zu deinen Kindern?
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16.  Kinder

Welches Verhältnis hast du heute zu deinen Kindern?
Ein sehr gutes. Wir helfen alle einander aus, die Brüder machen Gegengeschäfte, mir reparieren sie Kaputtes oder helfen mir, wenn ich nicht klar komme am Compi, denn in Internet ändert alles immer wieder wegen den Hackern. Das ist mühsam für mich, wenn ich mich immer wieder umgewöhnen muss. 
 
Wir mailen und posten Fotos im Facebook oder skypen etc. Manchmal telefonieren wir auch. 
 
 
Hast du die Hausaufgaben deiner Kinder kontrolliert? Hast du ihnen geholfen?
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16.  Kinder

Hast du die Hausaufgaben deiner Kinder kontrolliert? Hast du ihnen geholfen?
War nicht nötig. Oder doch. Einmal musste David in Naturkunde Bäume, Blätter und Wiesenblumen am Seitenrand zeichnen. Er hatte keine Lust dazu, drum machte ich es. Ich gab mir nicht mal grosse Mühe, aber der Lehrer kläffte ihn an, er habe das nicht selber gemacht, er müsse es nochmals machen. 
 
In den Berufsschulen mussten sie ab und zu Aufsätze zu bestimmten Themen schreiben. Sebasti hatte keine Zeit dafür, und ich schrieb sie für ihn. Da notierte der Lehrer darunter, er, der Schüler,  solle der Mutter einen Blumenstrauss bringen für den guten Aufsatz.
 
Wären die Kinder nicht gut gewesen in der Schule, hätte ich natürlich schon kontrolliert.
Clemi war immer klein für sein Alter, weshalb die Lehrpersonen ihn unterschätzten. Sie meinten sogar, er solle ein Jahr länger im Kindsgi bleiben, aber das wollte Clemi nicht. Er marschierte in die Schule und kam normal-gut mit. In der 5. Klasse meinte eine Lehrerin, es wäre gut, wenn er wiederholen würde, sein Notendurchschnitt war aber eine 4-5. Ich begreife nicht, warum die alle meinten, er komme nicht nach und solle von vornherein eine Ehrenrunde drehen, weil die Noten sonst schlechter werden könnten !!
 
In der 6. Klasse war er zum Glück noch im Jahrgang, wo man für die Sek eine Prüfung ablegen und mit mindesten 4,0 bestehen musste. Im nächsten Jahr durften Schüler nur noch auf Empfehlung des Lehrers in die Sek. Meine andern Kinder hatten Fünfer im Durchschnitt, aber Clemi bestand die Prüfung mit einer 4-5. In der Sek ist die Probezeit brutal, und da drillten David und ich ihn, dass er in Deutsch und Französisch gut nachkam. Er machte seine Sache ordentlich und blieb die 3 Jahre in der Sek. Der Sohn des Lehrers bestand hingegen die Sekprüfung nicht, wurde aber "ineglupft". 
 
Was hat dir in deinem Leben am meisten Freude bereitet?
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17.  Lebensfreude

Was hat dir in deinem Leben am meisten Freude bereitet?
Geschwister bekommen, eigene Kinder bekommen, Freiheit für Kreativität und Musizieren. 
Erfahrungsaustausch mit andern. Gesund sein.
Wie hat sich deine Einstellung zu dir selber mit dem Älterwerden verändert?
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17.  Lebensfreude

Wie hat sich deine Einstellung zu dir selber mit dem Älterwerden verändert?
Auch ich meinte in jungen Jahren, alt sein wäre frustrierend und hoffnungslos, denn dann war ja alles vorbei und man hatte keinerlei Chancen mehr. 
 
In mittleren Jahren merkte ich, dass es mit den Chancen trotz Jugend nicht weit her war. Ich verpasste also nichts, wenn ich älter wurde. Das Wichtigste, die Kinder, die hatte ich ja.
 
Die Wechseljahre waren strub, was ich nie von mir gedacht hätte, denn ich war ja keine hysterische Zicke und nicht wehleidig, Schwangerschaften, Geburten und Stillzeiten, alles ging ohne nennenswerte Probleme, es war sogar die reinste Wonne, von daher leitete ich ab, dass ich auch von den Wechseljahren praktisch nichts merken würde. Zur Strafe für meinen Hochmut kam ich ganz bös dran.
 
Gallenkoliken, Nonstop-Blutungen, Durchfall-Depression. Immerhin hatte ich noch Glück im Unglück: Die Operationen verliefen problemlos, das Antidepressiv gegen die Depression schlug gut an. Zwar wurde ich dick davon, was mich furchtbar nervte. Schliesslich reduzierte ich die Nahrungszufuhr rigoros, und das Gewicht ging wieder etwas zurück. Meinen super-BMI von 18 erreichte ich leider nie mehr. Es geht weniger darum, wie es aussieht, sondern es ist überaus komfortabel, federleicht zu sein. Wegen der Kleider war es lästig, weil ich nie wusste wie dick ich noch würde. Ich hasste es, neue Kleider anzuschaffen. Damit habe ich mich abgefunden, obwohl ich mich gar nicht abfinden wollte. Man lebt einfach weiter. BMI 23 ist halt bei weitem nicht mehr BMI 18. Auch BMI 20 wäre noch längst gut genug.
 
Irgend etwas muss mich ja auch noch ärgern, es wäre sonst ungerecht vielen andern gegenüber, die in meinem Alter beträchtlich mehr gesundheitliche Probleme haben.
 
Was mich aber überhaupt nicht stört, sind die grauen und weissen Haare, die Falten im Gesicht und die schlaffe Haut um den Ranzen. Ich war lange genug jung, jetzt bin ich halt alt und habe trotz allem Glück gehabt. Auch samt Brille und Hörgerät, Zahnimplataten und Stützstrümpfen - die ich allerdings vom nächsten Sommer an nie mehr anzog. Hätte ich viel Geld, würde ich all diesen Altweiber-Speck absaugen lassen.
 
Davon abgesehen habe ich Lebensfreude wie in Kindertagen, fühle mich unbeschwert und heiter, bin "schlichtes Gemüt, leicht zu erfreuen", liebe es, mit den Enkeln herum zu albern. 
 
All die Chancen, privat und beruflich, die will ich jetzt gar nicht mehr. Ich hatte gemeint, ich könnte, nach dem die Kinder erwachsen seien, wie andere Hausfrauen Bücher schreiben und illustrieren und verkaufen. Oder sonst wie irgendwo quer-einsteigen. Ausser Spesen nichts gewesen.  
 
 
 
Was vermisst du?
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17.  Lebensfreude

Was vermisst du?
N I C H T S 
Wie geht es dir bzw. euch finanziell?
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17.  Lebensfreude

Wie geht es dir bzw. euch finanziell?
Es reicht zum Leben, habe zwar kein Auto, kann mir dafür 2 Katzen leisten - kurzfristig waren es sogar 3, alle schwarz/weiss, die sahen wie eine Herde aus, wenn sie vor mir her in die Küche täpelten wenn Fütterungszeit war - eine Reinigungsfrau bis Mitte 2017 und beliebig viele DVD's, Bücher und Zeitschriften-Abos.
Was ist für dich Luxus?
Seite 189
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17.  Lebensfreude

Was ist für dich Luxus?
Zeit haben. Zeit geniesse ich bewusst mit Dingen, die ich gerne mache, Kreatives eben. Kommen Enkel oder Musikschüler, wende ich mich sofort ihnen zu. 
Was schätzt du heute mehr?
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17.  Lebensfreude

Was schätzt du heute mehr?
Die Lebenserfahrung gibt mir grosse Sicherheit. Und die Narrenfreiheit. Uns Alten wird vieles nachgesehen.
Wie haben sich deine Ess- und Trinkgewohnheiten verändert?
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17.  Lebensfreude

Wie haben sich deine Ess- und Trinkgewohnheiten verändert?
Ich musste wegen Gewichtszunahme das Essen reduzieren aber nicht ändern. Ich esse keinen Schrott. Alles, was man Kindern nicht gibt, weil nicht gesund, habe ich mir später gar nie angewöhnt.
Habt ihr ein Haustier?
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17.  Lebensfreude

Habt ihr ein Haustier?
Von meiner Mutter habe ich ihre 2 griechischen Schildkröten geerbt. Die haben ungefähr den Jahrgang 1960 . Sie werden mich überleben, und mein Sohn Sebasti hat schon mal vorgemerkt, dass er sie dann übernimmt. 
 
Weil die beiden Weiber-Schildkröten einander immer plagten, schaute ich um für einen Kröterich. Es ist ein maurischer, Jahrgang ca. 1995, weshalb ich ihn Mauro nenne. Er ist dunkler und viel kleiner als die grossen dicken Weiber. Sie heissen Alma und Berta, aber ich kann sie nur auseinanderhalten, wenn sie direkt nebeneinander sind. Alma ist etwas kleiner und aggressiver. Weil sie kaum etwas hören, rufe ich sie nicht beim Namen. Es entgeht ihnen trotzdem nichts, sie merken kleinste Erschütterungen im Boden, also wenn man zum Gehege geht, und sie sehen und reichen sehr gut. Sie lieben bunte Farben und vor allem rot über alles.
 
Seit Mauro die Damen täglich beglückt, leben sie sehr einträchtig zusammen. Aus den Eiern ist bis jetzt nie etwas geschlüpft, es war auch nie eine so heisser langer Sommer, dass es gereicht hätte.
 
Ich hatte immer Katzen. Das erste Geschwisterpaar waren die schwarzen Hauskatzen Stanislav und Stevenin. Zwar nannten sie alle Stefanie. Macht ja nichts. Es folgte Kater Georgie, der von Nachbarn einfach zu uns rüber wechselte, weil er die vielen Kinder und das Gestürm von denen mochte. Den Namen hatte er schon. Die Leute besassen noch andere Katzen und überliessen uns den Georgie, weil dieser das unbedingt wollte. 
 
Er wurde 16 Jahre alt. Da brachte mein jüngster Bruder ein Geschwisterpaar von seien Katzen, geboren 1999, die sind also aus dem letzten Jahrtausend.  Den schwarz/weiss-Kater nannte ich Archie, er lebte 18 Jahre. Seine Schwester, ein Birkenkätzchen, nannten wir Maruschka. Kaum kastriert, wurde sie von einem Auto erwischt. Jemand vermittelte uns Ersatz, einen Birkentiger-Kater, den wir Maurizio nannten. 
 
Birkenkatzen sind getigert, jedoch kombiniert mit weiss wie die schwarz/weiss-Katzen. Maurizio wurde bald krank, verkroch sich und starb. Es rückte Vinzi nach, ein schwarz/weiss-Kater von einem Bauernhof, der auch grad überzählig war. Jahrgang 2003 
 
Obwohl die noch munter waren, hatte sich 2016 ein neues junges Kätzchen diese als Gesellschaft auserwählt. Wiedermal ein Weibchen, aber genau so schwarz/weiss wie meine Alten. Weil es noch so klein war, jagten meine Kater es nicht fort, sondern gewöhnten sich an sie. 
 
Die kleine Prischka höckelte am liebsten vor dem Küchenfenster, damit sie nicht verpasste, wenn ich in die Küche kam, denn dann liess ich mich zur Futterspende erweichen. Als Clemi auf Besuch kam, stand er in der Küche und schaute ganz irritiert auf das junge Kätzchen, von dem er nichts gewusst hatte und meinte, er träume oder er spinne. Warum ist jetzt Archie auf einmal so winzig klein? Das kann doch nicht stimmen?
 
Unterdessen ist Prischka fast erwachsen. Man weiss nicht genau, wann Katzen zu wachsen aufhören, das ist etwas unterschiedlich wie sonst alles. Sie wird meine letzte Katze sein. Ich bin jetzt 66. Genetisch rechne ich mit 82 - 85 Altersjahren, die ich erreiche. Erst dann ist Prischka auch eine alte Pfludere. 
 
Archie starb an Altersschwäche und Nierenversagen wie Georgie und Stevenin vor ihm. Diese lagen 7 Tage auf ihrem Sterbebettchen, Archie aber brachte es auf 12 Tage, von da an gerechnet, wo ich merkte, jetzt gilt es ernst. Wie eine ausgetrocknete Mumie stakste er auf langen dünnen Beinen im Hof herum und liess sich von Juli-Sonne aufheizen. Er ass längt nichts mehr, läppelte aber fast täglich Wasser, wenn ich es ihm anbot. Kam er ins Haus, legte er sich neben mich, wo ich Zeitungen las oder mit dem Laptop Zattoo-TV guckte. Ich streichelte ihn dann sachte und redete leise zu ihm, es sei alles gut, es werde ihm bald besser gehen. Dass wirklich die Nieren versagten, was keine Schmerzen, sondern einen leichten Rausch verursache, liess ich mir natürlich von der Tierärztin bestätigen. 
 
Die Augen verklebten ihm regelmässig, ich reinigte sie sorgfältig mit Wattepads und warmem Wasser, wenn sich wieder Klumpen von Augenziger (Augenschleim, Augensand) gebildet hatten. Offenbar Bindehautentzündung. Die heilte jedoch wieder ab, die Augen blieben jetzt klar und schön. Aber die grünglänzenden Aasfliegen hatten ihn schon aufgespürt und wollten in seinen Augen ihre Eier ablegen. Das wusste ich zu verhindern. Mein Archie wird nicht angeknabbert! ich spannte ein Moskitonetz über ihn. Dabei beobachtete ich, wie die 3 oder 4 Fliegen auf dem Netz herumkrabbelten und sich wunderten, warum sie es nicht an die begehrten Augen schafften. Nach 2 Stunden gaben sie auf und zogen ab. 
 
Stevenin war über Nacht entschlummert, Georgie wollte auf dem Boden bleiben, wartete ab, bis ich wieder mal verschwand, und als ich nach einer halben Stunde erneut nach ihm sah, hatte er schon Totenstarre. Manche Tiere wollen lieber allein sterben. Archie war immer ein extremes Mamititti gewesen. Er lag neben meinem Unterschenkel, lehnte sich da an. Da hob er mal das Köpfen und sagte leise Miau. Das war der letzte Atemzug gewesen. Ich blieb noch lange neben ihm, denn man ist erst später sicher, dass es wirklich der letzte Atemzug gewesen war, eigentlich erst mit der Totenstarre. Als ich ihn in ein Zeichnen bettete, merkte ich, dass die Decke auf dem Sofa und auch das Sofa selbst ganz nass geworden war. Es stank aber nicht, es war auch keine Verfärbung auszumachen. Das ganze Wasser, was Archie in den letzten Tagen geläppelt hatte, lief ungenutzt wieder aus ihm raus. 
 
Ich wickelte Archie in ein Küchentuch, band ihm ein goldenes Geschenkband um den Hals und füllte ein winziges leeres Honiggläslein mit Breakies als Wegzehrung. Das Namenstäfelchen mit den Daten 1999 - 2017 laminierte ich und legte alles zusammen neben ihn ins Küchentuch. Auch alle andern Katzen hatte ich so bestattet. 
 
Als Sohn Sebasti in den nächsten Tagen Zeit fand, holte er uns, mich und den hingeschiedenen Archie, und wir hoben in seiner Weidewiese in Wilchingen neben einem Zaun ein Grab aus. Der Sommer war so heiss und trocken, dass man die Erde nur 15 cm tief ausheben konnte. Darunter war die Erde steinhart. Sebasti holte einen Pickel, um die Tiefe von ca. 50 cm zu erreichen. Ich hob meinen Kater Archie vorsichtig wie ein Neugeborenes aus dem Zeinchen mit all den Grabbeigaben und büschelte ihn in sein Gräblein. Eine Schicht Erde, dann ein grosser Ziegelstein darüber, damit der Tote auch bei Regen am trockenen blieb. Er sollte vermodern, nicht verfaulen. Das Skelett sollte erhalten bleiben. Dann die restliche Erde darüber. 
 
Wenn in hundert oder tausend Jahren Archäologen den Boden durchpflügen und meine beigesetzten Katzen finden, sollen sie sich den Kopf darüber zerbrechen, warum Knochen, die aus dem frühen 21. Jahrhundert stammten (kann man genau nachprüfen) mit Grabbeigaben versehen wurden, wo doch in jener Ära niemand mehr glaubte, dass ein Toter noch zu essen brauche unterwegs ins Jenseits. Und dazu in einem aufgeklärten Industrie-zivilisierten Erdteil!  
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Wenn du auf dein Leben zurückblickst, worauf bist du besonders stolz?
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18.  Worauf ich stolz sein darf

Wenn du auf dein Leben zurückblickst, worauf bist du besonders stolz?
Ich habe es nicht so mit dem Stolz, aber wenn ich stolz wäre, dann halt auf meine Kinder und Enkel. Ich strebte auch gar nie an, auf etwas stolz sein zu können oder sollen. 
Gibt es in deinem Leben Dinge, die du heute bereust?
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19.  Reue

Gibt es in deinem Leben Dinge, die du heute bereust?
Nein, nichts. Ich kann dereinst einfach so sterben ohne mich zu grämen, dass ich dies oder das verpasst hätte oder nicht hätte tun sollen. Man muss ja auch das Leben und alles nicht so wahnsinnig wichtig nehmen. Wir werden geboren, leben und sterben wieder. Man kann, muss aber nicht unbedingt alles verkomplizieren und überinterpretieren. 
Was war deine grösste Dummheit?
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19.  Reue

Was war deine grösste Dummheit?
Auch nach langem Nachdenken und die Neutronen im Hirn herumschicken kommt nichts zu tage, was ich als grosse Dummheit klassieren könnte. Andere sehen das wohl anders und finden, sie hätten dies und das, was ich unternommen hatte, selber nie gemacht. Sehr gut möglich. Für mich war alles "Ende gut alles gut".
Hast du jemandem Unrecht getan oder ein Leid zugefügt?
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19.  Reue

Hast du jemandem Unrecht getan oder ein Leid zugefügt?
Die schlimmsten Fehler sind die, welche man selber gar nicht merkt oder sie nicht für Fehler hält, die Mitmenschen aber schon. Die Grenze zwischen Fehler und nicht Fehler ist total fliessend. Was die einen normal finden, geht für andere gar nicht. Ich wollte nie absichtlich jemandem was antun wofür ich um Entschuldigung bitten müsste. Aber ich entschuldige mich eigentlich immer sofort und wegen jedem bisschen, ohne dass ich im gleichen Falle von andern eine Entschuldigung erwarten würde. 
 
Ich will mich schon gar nicht rächen. Diese ganze Rächerei ist nur für die Filme und Krimis, damit es eine Handlung ergibt. 
 
Also, wer von mir eine Entschuldigung erwartet, kann sich hier melden und kurz darlegen, worum es geht. Ich werde mich entschuldigen und auch erklären, wie es dazu kommen konnte. Die Umstände spielen ja die grösste Rolle dabei. 
 
Falls sich umgekehrt jemand bei mir für etwas entschuldigen möchte: Ist schon gut! Ich war wohl auch nicht die Beste. Vergessen wir es! 
Ab wann hat dich das Älterwerden beschäftigt?
Seite 197
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20.  Gutes Leben im Alter

Ab wann hat dich das Älterwerden beschäftigt?
Als ich 17 wurde, fand ich den Gedanken schrecklich, einmal, in ferner Zukunft, 20 zu werden. Ich meinte, man müsste dann so blöde Kleider anziehen. Es ist aber so, dass jede Generation bei der Kleidermode bleibt, an die sie sich in der Jugend gewöhnt hat. Wir Alten ziehen nämlich nicht Jeans an, weil wir jung sein wollen, sondern weil das unsere Mode ist und bleibt. Sowieso haben nachfolgende Generationen zeitweise keine Jeans mehr getragen, sondern Bundfaltenhosen.
 
Ich habe immer wieder darüber nachgedacht, wie alt ich schon sei und wie alt ich noch werden würde. Als Kind kann man schlicht nicht glauben, dass man je so alt wird.
 
Aktuell denke ich darüber nach, dass meine Kinder dereinst viel Plunder in die Schuttmulden werfen müssen. Ich hebe viel Bastelmaterial auf für die Enkel, und wir haben schon recht viel verbastelt.  Wenn sie dann aus dem Bastelalter raus sind, pflüge ich mal tüchtig durch. Ich horte eine Menge schönes Spielzeug. Auch solches, welches von den Teenager-Enkeln wieder zurück gekommen ist, weil sie es nicht mehr brauchen. Bin gespannt, ob dereinst Urenkel all das Lego und die Brio-Schienen wollen, und die Puppen und Barbies, Puppenhäuser und Puppenküchen. Es gibt ja Generationen, die wollen alles neu kaufen. Und andere erben gerne alte Sachen, sofern noch gut beieinander.
 
Was auch andere machen: Ich habe eine grosse Anzahl zuerst von Videokassetten, später von DVD's gesammelt, die ich in alten Tagen, wo ich nur noch herumliegen werde, anschauen kann. Alles extra besonders tolle Filme. Nun kommt aber immer wieder neues hinzu, manche davon auch so ganz besonders genial. Die Videos habe ich schon in den Estrich verfrachtet. Die DVD's brauchen zum Glück weniger Platz. Es kommen immer noch ständig neue dazu. Ich werde nie mehr alles nochmals anschauen können, denn ich werde in jenem Alter gar nicht mehr schnallen, was ich sehe.  
 
Es werden auch dann noch dauernd neue besonders gute Filme gedreht, so dass niemand Verwendung für die alten hat. Die Videos wird man gar nicht mehr abspielen können. Und die DVD's, sagt man, lösen sich nach 20 Jahren in Staub auf. 
 
Meine Nachbarin Reno hat noch viel mehr Videos und DVD's als ich. Ich habe Schränke voll, sie aber ganze Zimmer voll. Sie ist dran, die Videos auf DVD zu überspielen. Auch sie will diese in alten Tagen im Pflegeheim oder wo man dann strandet, wieder anschauen. 
 
Ich bin schlecht im Rechnen, aber ich weiss, dass ich pro Tag nicht mehr als höchstens 3 Filme schaffe. Aber lieber nur 2. Dann bin ich müde und muss was anderes machen oder schlafen. Es gibt auch Tage, wo ich keine Filme sehen, sondern Musik hören, lesen oder an sonnigen Tagen im lauschigen Schatten draussen abhängen will.  Man kann auch alles kombinieren, aber eben, wenn man so alt ist, kriegt man das doch nicht mehr auf die Reihe.
 
 
Welche konkreten Vorstellungen oder Erwartungen hast oder hattest du in Bezug auf älter werden?
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20.  Gutes Leben im Alter

Welche konkreten Vorstellungen oder Erwartungen hast oder hattest du in Bezug auf älter werden?
Keine. Man nimmt's, wie es kommt, ab und zu kann man zwischen besseren oder schlechteren Optionen wählen. Im Grossen und Ganzen geschieht das Leben und die Zeit einfach so vor sich hin,  und wir leben unser Leben bis die Tage gezählt sind. 
Musst du dich altersbedingt in irgendetwas einschränken?
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20.  Gutes Leben im Alter

Musst du dich altersbedingt in irgendetwas einschränken?
Mit ca. 50 Jahren bemerkte ich zum ersten mal weisse Flecken auf den Hand- und Fussrücken. Im Winter sieht man das nicht, aber sobald man im Frühling wieder hinausgeht, und die Haut nur ein bisschen bräunt, stechen die weissen Flecken hervor. Ich erinnerte mich, dass ich vorigen Sommer dauernd juckende Krusten abkratzte. Sie rührten von Brennnesseln, denn meine Himbeeren wurden automatisch vor Mundraub geschützt durch eine Brennnesselhecke. Zudem legten die rasend schönen Tagpfauenaugen ihre Eier an ihnen ab, weil die Raupen daraus nichts als Brennnesseln verspeisen wollen. Drum sollte man Brennnesseln tunlichst stehen lassen.
 
Reiften die Himbeeren, pflückte ich sie durch die Brennesseln hindurch ab und nahm mir jedesmal vor, aufzupassen, dass ich sie nicht berührte. Mit Handschuhen war es mir zu umständlich, zu unbequem und zu heiss. Zuerst klappte das gut, dann wurde ich immer unvorsichtiger und flinker, die Blätterzacken streiften mich und ich fand, das sei ja egal. Barfuss war ich obendrein, oder dann höchstens noch mit Zoccoli. Ich bin nicht heikel, Hauptsache sonnenwarme Himbeeren essen.
 
Ich glaubte darum, die Flecken rührten von Brennnesselgift. Auch sonst wurde ich den Sommer hindurch von allerlei Pflanzen und Insekten gepiekt und gestochen, gekratzt oder gebissen. Ich liebte es, juckende Haut zu kratzen und Krusten abzumontieren. Oft verweilte ich bei den Schildkröten in halbhohem Gras und Wildkräutern, unter Obstbäumen und undefinierbarem Urwald. Meine Beine sahen zuweilen aus, dass einer meiner Söhne reklamierte, so könne ich doch nicht herumlaufen, ich solle mal aufhören zu kratzen. Manchmal antwortete ich dann, ich müsste doch auch irgendwelche Fehler haben, denn fehlerlose Leute möge doch niemand. 
 
Die Flecken erinnerten an Irland und ähnliche Inseln auf den Karten im Atlas und mochten ungefähr die Fläche von Einfränklern ausmachen. Alle Musikschüler und sonstigen Leute, die mit mir zu tun hatten, fragten nach, was die Flecken bedeuteten.
 
Ich hätte auch witzeln können, das seien Stigmata. Besonders fromme und später heilig gesprochene Nonnen und Mönche trugen ebenfalls solche Flecken als Wundmale Christi. Einer trug ständig fingerlose Handschuhe um die Male abzudecken. Weil sie angeblich bluteten. Nun wurde ich als Atheistin mit Stigmata gesegnet! Wieder etwas, was an mir nicht zusammen passte! Man könnte direkt noch auf die Idee kommen, diese Stigmata seien gar nicht die Wundmale Christi, sondern eine profane Hautveränderung.
 
Von Jahr zu Jahr vergrösserten sich die weissen Flecken. Sie juckten nicht, ich spürte nichts, aber ich fand, sie sollten jetzt so bleiben und sich nicht weiter ausdehnen. 
 
Als die drei ältesten Enkel noch klein waren, nahmen mein Sohn David und die Schwiegertochter Lupita mich in die Badeferien mit nach Maspalomas. So war je eine erwachsene Person für ein Kind zuständig. Es handelte sich um lebhafte und abenteuerlustige Kinder, es war schon zweckmässig, diese lückenlos im Auge zu behalten. 
 
Im Hotelzimmer zog ich meine Badehose an und wagte einen Blick in den Spiegel - und erschrak gewaltig. Durch die dünnen Baumwollstoffe war meine Haut leicht gebräunt, aber die weissen Flecken überzogen riesige Flächen über die ganzen Oberschenkel. Auf dem Rücken war ich gescheckt wie eine Scheckenkuh. Auf den Armen fand ich nebst weissen Flächen auch weisse Sprenkel auf der normal gebliebenen Haut. Ich bekam keine braunen Altersflecken, sondern weisse! Das alles ginge ja noch, aber in den Achselhöhlen und in den Leisten sammelten sich die Pigmente, die aus den weissen Flecken abgezogen waren, zu dunkelbraunen Flächen, die so grausig und schmuddelig wirkten, als hätte ich mich seit Jahren nicht mehr gewaschen, ich meinte sogar, einen entsprechenden Gestank wahrzunehmen. So was muss doch stinken! Das tat es nicht wirklich, aber so konnte ich mich nicht draussen in der Hotelanlage blicken lassen. Ich zog drum ein langes dünnes T-Shirt darüber.
 
Mir war auch klar, dass die weisse Haut nicht vor der Sonne geschützt war und crèmte sie dick mit dem hochprozentigsten Sonnenschutz ein, den ich auftreiben konnte. Da mehrmals am Tag, wurde es mir so was von zu blöd und ich hasste das Geschmiere.  Die Kinder steckten in Sonnenschutz-Badeanzügen. Arme und Beine und Gesicht wurden ebenfalls ordentlich eingesalbt, was unglaublich viel Zeit in Anspruch nahm. Die Crème muss gleichmässig und total abdeckend verteilt sein, trug man sie zu dick auf, waren sofort die teuren Tuben wieder leer. Diese Sorgfalt war es, die dermassen Zeit raubte. 
 
Ich blieb eh immer am Schatten, das hatte ich schon seit jeher gemacht, aber es hatte genug Mauern, Sonnenschirme und Palmen, sodass ich auch nahe am Wasser aus dem Schatten das mir zugeteilte Kind überwachen konnte. Der Älteste lernte zwar schwimmen, aber bei so unternehmungslustigen Kindern muss man mit allem rechen.
 
Selbst im Schatten musste mich die Sonnencrème schützen, denn Wasser, heller Boden und weisse Mauern reflektierten die Sonne. 
 
Von da an, also nachdem wir wieder zuhause waren, ging ich nie mehr draussen baden, dafür googelte ich nach weissen Hautflecken und landete auf der Seite von "Vitilìgo". Ich war ganz klar ein Fall für den Dermatologen. Mit schon bald 60 war ich zu alt und die Flecken viel zu weit ausgedehnt, als dass man die Haut therapieren könnte. Auf den Handrücken bringe man sie schon gar nicht weg, hörte ich. Da kämen immer Patienten mit Vitilìgo auf den Händen, die nicht mehr mit Kundschaft oder am Schalter arbeiten durften. Die mussten dann in die hinteren Büroräume verschwinden. Das finde ich mega krass. Es ist ja nicht Schuppenflechte oder Fischhaut.
 
Der Dermatologe hielt es für möglich, dass die Flecken am Körper eventuell etwas nachlassen könnten, wenn ich die nächsten 2 Jahre alle 2 Tage für 5 Minuten eine Lichttherapie hier in dieser Praxis mache. Sicher sei es aber überhaupt nicht. 
 
Diese Praxis befand sich in Herblingen. Viel zu weit weg, ich liess es bleiben. Er riet mir, die Haut komplett mit langärmliger und hochgeschlossener Kleidung abzudecken damit sie weiss bleibe, dann sähe man die Flecken nicht. Ich wurde nie stark braun, nur leicht hellbeige, aber die weissen Flecken stachen trotzdem hervor. Was mich störte, waren die dunkelbraunen Flärren in den Achselhöhlen etc. Wegen der Sonne dürfe ich nur noch am frühen Morgen oder späten Abend aus dem Haus. Kleidung aus gewöhnlichem Stoff schütze zu wenig vor Sommer-Sonne. Die Hautkrebs-Gefahr sei stark erhöht.
 
Michael Jackson lebte damals noch. Weil er die Nase laufend mehr und mehr abraffeln liess, fand man, er sei etwas gestört. Dazu passte, dass er jährlich um Nuancen erblasste bis zur kompletten Weisse, tagsüber mit Anzügen, Tüchern, Hüten und Sonnenschirm seine Kinder spazieren führte, welche ebenfalls Tücher über den Gesichtern trugen, allerdings um sie nicht den Paparazzi auszuliefern.
 
Nun wurde mir schlagartig klar, Jackson war von Vitilìgo heimgesucht worden und hielt sich strikte an die Anweisungen des Hautarztes. Dafür konnte er wirklich nichts. Neuerdings sieht man in Zeitschriften ein afrikanisches Model mit mittlerer Ausprägung, weissen Augenringen und ebensolchem Ring um den Mund. Bei mir sieht man diese Typische Zeichnung nur, wenn man es weiss und ganz genau hinschaut. 
 
Ich finde, beim Model sieht es neckisch oder sogar hübsch aus. Etwas speziell, ja, aber die Menschen sollen doch verschieden sein! Offenbar gab es eine Zeit, wo Leute aus dem Showbiz dem perfekt symmetrischen Durchschnitt entsprechen mussten. Noch vorherer verzichteten Filmdiven auf Kinder, weil die Manager meinten, mit Schwangerschaftsbauch tauge eine Schauspielerin nicht mehr als Idol, man könne sich dann nicht mehr vorstellen, diese selber zu heiraten. Rock Hudson (Homo) musste als Homo seine Sekretärin heiraten und den Hetero spielen, weil die Frauen sonst nicht mehr seinetwegen in die Kinos rannten um ihm zu huldigen, meinte man.
 
Gott sei Dank ist dieser unsinnige Kult vorbei. Es würde mich aber nicht wundern, wenn solches später wiedermal irgendwo auftauchte. Stichwort Jungfrauen-Party der  Sekte XY. 
 
Der Punkt ist: Ich soll nicht zu lange an die Sonne. Ich schütze mich aber nicht, wenn ich nur 3 Häuser weiter gehe. Mittagshitze ist mir eh zu heiss. Trotzdem, nicht mehr in der Badi baden ist schon eine Einschränkung. Macht mir aber irgendwie nichts aus. Es ist einfach so.  
 
 
 
 
 
Wie reagiert dein Umfeld generell auf dein Älterwerden?
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20.  Gutes Leben im Alter

Wie reagiert dein Umfeld generell auf dein Älterwerden?
Ich kann nichts Spezielles bemerken. Jetzt sowieso nicht mehr. Als ich noch 10 Jahre jünger war und mit den noch kleineren Enkeln im Städtchen flanierte und eines zeigte auf ein Schaufenster und rief: "Mami, schau mal!" (die Mexico-Kinder nennen ihre Mutter Mamà, mich Mami, weil ihre Eltern und Onkel mich so nennen) haben schon mal ältere Frauen mich kurz angestarrt.  Ich glaube, sie dachten: "Was muss diese Alte so spät noch Kinder bekommen! Man könnte ja meinen, es wäre die Grossmutter!"
 
Seltener werde ich gefragt, warum ich die Haare nicht färbe. Gilt das vielleicht als unanständig wie barfusslaufen in der Stadt? Ich verkünde dann, da ich schon alt sei, müsse ich nicht mehr jung aussehen. Die grauen und inzwischen fast weissen Haare passen doch zum nicht mehr jungen Gesicht! Oder nicht?
 
 
Gibt es Veränderungen im Aussehen, in der Sexualität, in anderen Dingen?
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20.  Gutes Leben im Alter

Gibt es Veränderungen im Aussehen, in der Sexualität, in anderen Dingen?
Von Ausnahmen abgesehen bekommt man nicht nur Falten und weisse Haare, sondern der ganze Körper gestaltet sich nach genetischem Plan um. Man sieht schon vom weitem, ob eine Person betagt sei. 
Was tust du für deine geistige und körperliche Fitness? Welche Veränderungen stellst du fest?
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20.  Gutes Leben im Alter

Was tust du für deine geistige und körperliche Fitness? Welche Veränderungen stellst du fest?
Ich lebe nur nach Lust und Laune. Mich anzustrengen für Fitness würde meine Lebensqualität stark beeinträchtigen. Dazu kriegt man mich nicht. Schliesslich wohne ich auf 2 Etagen, und der Hauseingang liegt noch eine Etage tiefer, ich trage mein Brennholz an die Öfen rauf und die Einkäufe in die Küche, habe kein Auto, nur ein Velo, und der nächste Laden ist 2 km entfernt. Das genügt mir vollauf als Fitness. 
Brauchst oder erhältst du Hilfe? Welcher Art? Wo mangelt es?
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20.  Gutes Leben im Alter

Brauchst oder erhältst du Hilfe? Welcher Art? Wo mangelt es?
Zur Zeit brauche ich noch keine Hilfe und hoffe, dass ich nicht vor 80 hilfsbedürftig werde. Aber man kann ja nie wissen. 
Wie wichtig ist dir deine Selbständigkeit in der Gestaltung deines Alltags? In welchem Ausmass könntest du mit Einschränkungen leben?
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20.  Gutes Leben im Alter

Wie wichtig ist dir deine Selbständigkeit in der Gestaltung deines Alltags? In welchem Ausmass könntest du mit Einschränkungen leben?
Die Selbständigkeit ist mir schon wichtig. Ist man gesund, meint man, nicht mit Einschränkungen leben zu könne. Wenn sich nach und nach solche Einschränkungen einschleichen, wächst man da automatisch rein. Mir ist es wichtig, dass ich mit den Mitmenschen kommunizieren kann. Wenn ich dann so vergesslich oder dement werde, dass ich meine Kinder nicht mehr kenne, dann wünsche ich mir das nicht. Wegen der sofortigen Vergesslichkeit hätte ich ja gar nichts mehr vom Leben, und die Pflege wäre hinaus geworfenes Steuergeld. 
 
Ich beschäftigte mich schon früh damit, weil Alzheimer ein grosses Thema in den Medien wurde. Man kann nicht wissen, wen es trifft. Jeden kann es treffen. Schon aus andern Anlässen hatte ich heraus gefunden, dass die sicherste und angenehmste Art zu sterben der Plastiksack wäre. Er  muss nur gross genug sein, damit man ein und ausatmen kann. Die CO2-Konzentration wird immer höher, der Sauerstoff immer weniger, man schläft ein.
 
In einer alten Doku hatte Mäni Weber seinerzeit einen Höhenkrankheits-Test gemacht. Man sah ihn in einem Büro an einem Schreibtisch vor Geräten und mit einem Kopfhörer auf, erinnerte ich mich, aber als ich im Youtube nachschaute, war es eine weisse Badekappe. Aber es stimmte, dass er untersuchte, mit wie wenig Sauerstoff man Höhenkrankheit bekommt und wie lange man noch wach bleibt. 
 
Er solle sofort melden, wenn er merke, dass er am Einschlafen sei. Ihm gefiel es so, dass er sich nicht meldete, und die Testaufsicht ging rein und holte ihn raus. Mäni Weber schwärmte, es sei wunderbar gewesen. Nun, gerade wunderbar müsste es für mich nicht sein, dafür nicht schmerzhaft und nicht Mut erfordernd wie aus dem Fenster zu springen.  
 
Der einzige Minuspunkt bestand darin, dass es peinlich war, mit einem Plastiksack über dem Kopf aufgefunden zu werden. Mir selber wäre es egal, da tot, aber für die Kinder wäre das zumindest widrig, wenn nicht skandalös.
 
Seit langer Zeit hatte eine Nachbarin im Haus nebenan einen gleichaltrigen Freud. Der wohnte in Erzingen und war Familienvater von 4 Kindern. Jeden Tag kam er am frühen Abend, und sie schauten vermutlich zusammen TV-Filme. Wenn mein Film zu Ende war (damals waren es noch nicht 20 Sender und noch kein Streaming für zeitversetztes schauen) ging ich in die Küche um Milch zu trinken, und jedes mal sah ich aus dem Küchenfenster den Freund aus der Türe kommen, ins Auto steigen und davon fahren.
 
Das brachte mich auf die Idee, falls ich sterben wollte, meinen Plastiksack an einer Schnur zu befestigen, diese Schur aus meinem kleinen Fensterchen neben dem Bett zu leiten und an seinem Auto anzubinden. Wenn er nach 2 Stunden raus kommt und wegfährt, zieht es mir den Plastiksack vom Kopf und mit fort. Bis dann wäre ich ja sicher tot. 
 
Das verhandelten wir paar Frauen im Laden, den es damals noch im Dorf gab, und eine argumentierte, wenn ich dement wäre, würde ich gar nicht mehr wissen, dass ich so nicht leben wolle. Ich wusste aber von einer andern Kollegin, dass Demenz und Konsorten nicht konstant fortschreiten, sondern leicht zickzack, es kommen noch lange Momente, wo man wieder klar sieht oder sogar der Umgebung etwas mitteilt.
 
Ich durfte dann nur nicht einen solchen Augenblick verpassen. Nun meldete sich die nächste: "Da hättest du aber früher aufstehen sollen. Hast du nicht gemerkt, dass der Liselotte ihr Freund schon seit 2 Wochen gestorben ist?"
 
"Wassss ?!? Nein, echt ??"
 
Es war so, das Auto stand nie mehr dort. 
 
 
 
 
 
 
   
Welche Bedeutung haben deine Erinnerungen mit dem Älterwerden?
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20.  Gutes Leben im Alter

Welche Bedeutung haben deine Erinnerungen mit dem Älterwerden?
Die Erinnerungen zeigen mir, dass ich ein intensives Leben genossen, nichts ausgelassen und meine Pechsträhnen virtuos gemeistert hatte. Manchmal wundere ich mich, warum ich ausgerechnet mich bin und nicht jemand anders. Man kann es sich ja nicht aussuchen. Obwohl es Esoterikerinnen gibt, die sicher sind, dass die Kinder sich noch vor der Zeugung ihre Eltern aussuchen, und aus einem ganz bestimmten Grund täten sie sich genau diese und nicht andere Eltern auswählen. 
 
Ich meinte darauf, ich könnte mich aber nicht erinnern, meine Eltern ausgesucht zu haben. Um so eine Entscheidung zu treffen, braucht es ein Gehirn, und mit dem Gehirn könnte man sich erinnern. Das war naiv von mir. Die Frau klärte mich auf, dass man, sobald als Embryo im Uterus, alles wieder vergesse. 
 
Das wiederum war naiv von ihr. Nun fragte ich nämlich, wie es denn komme, dass viele Kinder sich ihre Eltern in Kriegsgebieten, Hungerkatastrophen oder auf Müllhalden suchten. Damit war sie schachmatt. 
 
Ein anderer Gesprächspartner erklärte zu diesem Thema, jene Kinder hätten keine besseren Orte gefunden, weil die guten Orte besetzt waren. Dann hätte ich aber gewartet, bis an einem akzeptablen Ort wieder Eltern frei wurden um mich auszutragen.
 
Eine andere Esoterikerin war Mutter von zwei entzückend hübschen Kindern von 8 und 9 Jahren. Das ältere ein Bub, das jüngere ein Mädchen. Wie oft bei Mädchen entwickeln sich diese schneller als Jungen. Es war gross und kräftig für sein Alter, aber schön und schlank und tiptop gut in der Schule. Der ältere Junge hinkte beträchtlich hinterher, war kleiner, filigran, mit leichter Legastenie, Unaufmerksamkeit. Pollenallergie und Heuschnupfen.
 
Sie war eine der Mütter, die alles richtig machen und darum die Kinder perfekt gedeihen müssen. Nun konnte sie es vor sich selber nicht mehr abstreiten, dass ihr Sohn nicht das Potenzial besass, das sie von ihm erwartet hatte, besonders nicht in Anbetracht der flotten und viel reiferen und klügeren Tochter. Das musste einen Grund haben.
 
Ich weiss nicht, wo sie diese Hilfe aufstöberte, vielleicht in der Glückspost bei den vielen komischen Inserätli. Sie liess eine "Familien-Aufstellung" machen. Von sich und ihrem Mann erstellte sie Stammbäume so weit zurück als es ihr gelang. Die Familienaufstellerin betrachtete diese Unterlagen und legte dann los mit dem Referat: "Aha, da haben wir schon was! Sehen Sie das? Dieses Kind da, 19xy geboren, das ist 19xz schon wieder gestorben. Das fehlt drum in der Familie. Und dieser Onkel ist auch viel zu früh gestorben".
 
Und eine Tante war nach Amerika ausgewandert und verschollen. Das ergibt eine ganz schwere Störung in den nachfolgenden Familien. Weitere Generationen zurück sind wie normal in jener Zeit viele Kinder nur ein paar Wochen oder auch ein paar Jahre alt geworden. Welch unerhörtes Störungspotential! Kein Wunder, leidet der Sohn dermassen darunter. 
 
"Und jetzt? Was tut man jetzt dagegen?" fragte ich höchst gespannt.
 
"Man kann nichts machen, man kann nicht in die Vergangenheit eingreifen, aber jetzt wissen wir,  W A R U M  das alles so ist in unserer Familie."
 
Hauptsache, sie ist nicht schuld daran. Das ist sie aber eh nicht. Niemand ist an so was schuld, das passiert einfach, hätte auch meine Kinder treffen können. 
 
In meinen Vorfahren-Familien sind massenhaft Kleinkinder gestorben, das störte meine Kinder nicht im Geringsten. Ausserdem gibt es Vorfahren-Familien, die man gar nicht kennt, weil aus mütterlichen Seiten eingeheiratet, und deren Familien nicht auch noch Platz haben auf dem Stammbaum. Ausserdem sterben eh alle Menschen. Bis zu welchem Alter ist der Tod eines Angehörigen störend auf die Nachkommen? Und die tot geborenen Kinder? Stören die nicht? Und die verhüteten? Ich rede jetzt nicht mal von abtreiben, nur von verhüten. Davon wären doch auch mindestens die Hälfte lebend zur Welt gekommen! Die müssten demnach auch die Kinder der Nachfahren stören. Und warum nur die Kinder und nicht auch die Erwachsenen? 
 
Man sieht schon, ich tauge total nicht zu Esoterik oder was das sein sollte.
 
 
In welcher Form hast du oder ist dein Leben dokumentiert? Wie wichtig ist das für dich?
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20.  Gutes Leben im Alter

In welcher Form hast du oder ist dein Leben dokumentiert? Wie wichtig ist das für dich?
Als Gedächtnisstützen habe ich durch Aufschreiben von besonderen Begebenheiten mein Leben gleichsam in Konservenbüchsen gefüllt. Aufschreiben hilft auch sortieren, relativieren, mit anderen Erfahrungen vergleichen und vieles mehr. 
 
Wichtig ist das nicht. Schon gar nicht für andere. 
 
Wenn ich Biografien und Autobiografien von bedeutenden Persönlichkeiten lese, staune ich ob der Vielfalt von unzähligen Dokumenten, die den fortlaufend zu lesenden Text ergeben haben. Am meisten erstaunte mich Albert Schweitzers Bach-Buch über die Werke von Johann Sebastian Bach, wobei auch das Privatleben so gut als möglich ausgeleuchtet wurde. Jeder Brief von ihm oder an ihn, jede Notiz, jeder gesprochene Satz von seinen Kindern, Schülern und Kollegen wurde akribisch zerpflückt, ausgedeutet und interpretiert. Rechnungen, Acziesen und Franchisen, Vorladungen und Reklamationen, Zippelfagottist, Degenschlitzer und Perückenwurf, zu lange bei Buxtehude geblieben, fremde Töne in die Choräle eingemischt und die Gemeinde konfundiert. Das alles liest sich überaus schillernd, man wird es noch so lange lesen, wie die Kultur besteht. 
 
Dagegen ich kleines unbedeutendes Fussvolk schreibe alles auf, aber niemand wird es lesen, wozu auch? Manche Menschen lesen nicht mal das Bach-Buch oder "Herbstblond" von Gottschalk. Diese Unterschiede fallen mir regelmässig ein, betrüben mich aber nicht. Es geht mir wie den afrikanischen Austausch-Studentinnen, die eine Zeit lang in Deutschland lebten, und als der Abschied nahte, fragten die deutschen Kolleginnen, ob es ihnen nicht schwer falle, nach Afrika zurück zu kehren, wo man stundenlang Wasser holen müsse, wo der Regen durchs Dach tropfe, der Strom nur ein paar Stunden ginge, er nächste Arzt weit fort sei, und wo man dies und jenes nicht habe. Die Afrikanerinnen grinsten locker und meinten: "Nein, kein Problem. Wir kommen von dort und sind uns das gewohnt. Für uns stimmt es so. Hier ist es natürlich auch gut, aber wir müssen das nicht haben."
 
 
 
 
Geschwister gestorben
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21.  Geschwister gestorben

 

Einer meiner Brüder
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21.1.  Geschwister gestorben – Einer meiner Brüder.

Tagebuch: Beat gestorben und gewassert Oktober 2016

Geschichtlich wäre es vielleicht von Bedeutung, wie die Art mit Tod und Bestattung umzugehen, sich mit den Generationen veränderte.

 Mein Bruder Beat André Zemp wurde am 7. Mai 1953 in Zürich geboren und starb am 27. September 2016. Das war an einem Dienstag Morgen um 10 Uhr.

 Niemandem ausser der Schwester Claudi hatte er gelegentlich anvertraut, dass „es ihn anscheisse, und er sei finanziell ruiniert.“ Claudi hakte nach und fand heraus, dass er schon länger in Winterthur bei einem Arzt und in einem Spital in Behandlung gewesen war, er sich durch Beruhigungsmittel etwas erholt habe, Antidepressiv nützte ihm nichts. Das alles war ihm zu blöd. Ausserdem hatte er das Erbe von den Eltern (200'000.-) aufgebraucht, aber nichts mehr gemacht, keine Hobbys, keine Arbeit, nichts.

Claudi zählte ihm auf, was er alles gegen den finanziellen Ruin unternehmen könne, weil er längst keine Arbeit mehr fand – logisch mit über 50 und dann 60. Aber es gibt Beschäftigungsprogramme, die Arbeitslose besuchen können, wenn sie wollen. Ich kenne welche, die da regelmässig morgens hin gehen und am frühen Abend wieder heimkommen. Sie zählte auch auf, dass er sich jetzt, mit 63, frühpensionieren lassen könne, oder er könne bis 65 noch Sozialhilfe beziehen und danach von der AHV leben. Ausserdem gibt es überall Ämter, wo man sich erkundigen und sich beraten lassen kann.

Auch das wollte Beat nicht, und ausserdem habe Mu sich in der Schweiz abgemeldet und sei nach Thailand abgereist. Er war immer in Winterthur bei Arzt oder Spital. Nicht in Zürich, wo er wohnte, am Herbstweg, zwischen Örlikon und Schwammendingen. Es sollte ihn niemand bekanntes dabei ertappen wie er ärztliche Hilfe beanspruchte.

Claudi hatte mir vieles am Telefon erzählt, was die Gefahr birgt, dass ich etwas nicht richtig verstanden hatte. Ich meinte, Claudi hätte gesagt, er solle doch zu seiner langjährigen Freundin Mu nach Thailand, viele Pensionäre zügeln in warme Länder, und die AHV ist dort ja viel mehr wert als hier. Da hätte Beat gesagt, meinte ich verstanden zu haben, Mu hätte gesagt, er verstünde ja die Sprache nicht, würde sich dort immer fremd fühlen, das sei nicht das gleiche wie als Tourist. Kann aber auch sein, dass Claudi das schon von Beat falsch verstanden hatte oder er es extra umdrehte.

Alle andern hatten keine Ahnung, was Beat ausbrütete. Vor ein bis 2 Jahren hatte ich ihn das letzte Mal an einem Familienfest gesehen, wo er immer mit Mu zusammen auftauchte. Er war stets freundlich wohlwollend nett, aber ruhig, hörte gerne andern ihre Geschichten an und erzählte selber nichts. Fragte man ihn, wie es ihm ginge: kam immer: „Gut, gut. Danke!“ und dann fragte er wieder die andern, wie es ihnen ginge, und die erzählten ihre ganzen Berufslaufbahnen, berichteten von Autos und Sport, Flug- und Kapitänsbrevier und  was Männer so tun.

Ich sah, dass er einen bedrohlich dicken Bauch bekommen hatte und das Gesicht etwas aufgedunsen war. Er wirkte auch müde. Ich dachte nur, wir werden alle älter, hatte ihm aufmunternd zugenickt, er lächelte, sonst nichts, Ich dachte, der kriegt das schon wieder in den Griff, er ist ja klug.

Wenn er Zahnimplantate machte oder eine notfallmässige Augenoperation benötigte, mailte er mir das jeweils und ich mailte meinen Senf dazu und was ich so alles hatte, mailte ihm auch immer zum Geburtstag.

Am Montagabend traf Mu ihn noch. Sie war also gar nicht in Thailand. Beat verbrachte alle Abende in der Dörflibar an der Schwammendingerstrasse in Örlikon, gegenüber dem Gebäudekomplex „Linde“. Dabei war er scheint’s ein Alki geworden, was den dicken Bauch und viel zu hohen Blutdruck verursachte. Danach holte er bei Mu Suppe ab, denn sie kochte immer für alle, Tochter, Schwiegersohn und Enkelin Ratti, wenn sie da war.

Am Dienstag morgen stellte die Hausbesitzerin, die ebenfalls im Block wohnte, für Beat einen Kuchen vor dessen Wohnungstüre. Wenn sie buk, dann für Beat gleich mit. Er war halt einfach so nett und ruhig und problemlos, gut erzogen, gute Umgangsformen, charmant. Bevor er ins problematische Alter kann, war er auch sehr hübsch, gross und schlank, von Frauen umschwärmt und Wunschtraum potentieller Schwiegermütter.

Am Nachmittag stand der Kuchen immer noch vor der Türe, und die Frau Hausbesitzerin bekam ein mulmiges Gefühl. Ihr Mann, der Hausbesitzer, meinte, der Beat sei denk irgendwo fort. Bei einem Bruder oder einem Arzt in Winterthur oder so, der komme dann schon wieder zurück.

Wenige Minuten nach 10 Uhr ging bei der Polizei eine Meldung ein. Ein Lockführer meldete einen „Schienensuizid“. Seit längerem werden Lockführer darin geschult, dass sie in schneller Fahrt unterwegs gar nicht versuchen sollten, anzuhalten, wenn Mensch oder Tier auf die Schienen springen. Man kann dann unmöglich 100 Tonnen in einer Geschwindigkeit von 150 km/h innert nützlicher First anhalten. Und sie sollten vor allem nicht hinschauen, wegschauen, zur Seite schauen, normal abbremsen und dann der Polizei melden. Früher wurden Lokführer traumatisiert, konnten unter Umständen den Beruf nicht mehr ausführen, andere hatten vor jeder Zugfahrt Bauchweh, ob wieder jemand auf die Schienen renne. Es passiert erschreckend oft. In Deutschland jeden Tag eine Person!

Die angerückte Polizei fand also, was von Beat übrig geblieben war. Niemand von uns hat ihn noch gesehen, auch nicht in der Rechtsmedizin, wo Thomi ihn suchte.

Beat hatte die ID dabei und ein Portemonnaie mit Fr. 37.- Das fand man neben den Schienen. Auf der Strasse stand sei Auto am Rand geparkt. Nicht abgeschlossen. Darin fand man andere Ausweise und den Schlüsselbund für Wohnung und Auto, Ebenso einen Hinweis, dass Claudi eine Kontaktperson sei.

An jenem Abend klingelte es an Claudis Wohnungstür. Die Polizei war da und brachte die unschöne Nachricht. Claudi hatte sofort gedacht: „Also doch“. Die Beamten waren einfühlsam und korrekt und baten um eine DNA-Probe um sicher zu stellen, dass es wirklich Beat sei, der in den Zug geknallt war.

Der Abgleich bestätigte die Annahme. Es hatte kein Gangster ein Mordopfer vor den Zug gestossen und dann alles so arrangiert als ob es Beat gewesen wäre. Es war wirklich Beat.

Er hatte als Tatort die Bahnstrecke zwischen Katzensee und Regensdorf ausgewählt. Auf der geraden Strecke weit ausserhalb von Bahnhöfen fuhr der Zug schnell, beidseitig viel Wald und Gebüsch, da konnte er sich verstecken und im letzten Moment springen. Ich könnte das nicht. Meine Alternative wäre der Plastiksack überm Kopf.

Ich suchte dann im Internet nach Bildern von Schienensuizidenten, es gab aber nur Fotos davon, wie Polizisten und ihre Autos bei einem Zug standen und andere eine zugedeckte Bahre davon trugen.

Dann musste ich halt lesen anstatt Bilder anschauen. Fährt der Zug schnell, schlägt es sogar die Knochen zu Brei. Aha, dann ist da nur noch Brei, vermutlich rot vom Blut. Die Schienen werden danach mit Kalkpulver überstreut.

Wir Geschwister waren total irritiert. Sterben wäre an sich etwas normales, aber vor den Zug springen, ohne sich jemandem anzuvertrauen, auch ohne Abschiedszettel, das gab mir so richtig den Gong aufs Hirn. Die einzige Erklärung: Er hatte schon länger regelmässig Panikattacken. Das hält nämlich auf die Dauer kein Schwein aus. Das Depressions-Gen liegt von meiner Mutter aus in der Familie, wie auch das Krebsgen. Ich selber hatte meine Panikattacken im Spital mittels Xanax und 3-wöchiger Einschleichung von Antidepressiv in den Griff bekommen. Das klappte bei Beat offenbar nicht. Den aufgefundenen Medis nach litt er an vielen Krankheiten.

In unser aller Ratlosigkeit sagte Claudi, Beat hätte ja niemanden mehr gehabt, und Mu sei abgereist, da müsse man auch keine Abdankung machen, dann könnten wir einfach die Urne heimnehmen und die Asche irgendwo an einem schönen Plätzchen ausstreuen. Zum Beispiel am Greifensee, wo Beat in gesunden Zeiten ganze Sommer hindurch geschwommen und Boot gefahren oder gesegelt war, den See auch mit dem Velo umrundet hatte.

Als Beat an jenem Dienstagabend nicht in der Dörfli-Bar auftauchte, vermisste die Wirtin den immer so lieben und freundlichen Gast sofort. Sie telefonierte mit der Hausbesitzerin – wenn ich mich recht erinnere – und so erfuhren sie von der Katastrophe. Dann kam noch Mu ahnungslos dazu, stand vor der verschlossenen Wohnungstür und wusste sich nicht zu helfen.

Beat war gar nicht so allein gewesen, wie Claudi vermutet hatte. In der Dörflibar versammelte sich jeweils ein Stammtisch von ca. 10 Leuten. Die waren für ihn wie eine Familie. Uns gegenüber hatte er nie etwas von Bekannten erzählt. Wir hätten ja gar nichts dagegen gehabt. Dazu meldete sich ein Hanspeter Frick bei Thomi, er sei Beat sehr nahe gestanden und wolle an die Beerdigung kommen - die wir gar nicht vorhatten!

Thomi bat Claudi, diesen Frick abzuwimmeln, aber es stellte sich heraus, dass jener tatsächlich Jahrzehnte mit Beat zusammen gearbeitet hatte und ihn auch täglich in der Dörflibar traf. (Auch ihm hatte Beat nichts verraten!) Claudi organisierte darauf ein Treffen in der Bar. Da könnten sie alle darüber reden und Abschied halten (oder so irgendwie).

Wir wollten eben eine Beisetzung (Wasserung) im engsten privaten Familienkreis, aber die Stammtischler empfanden sich als seine Familie. So mussten sie halt mit einem Apéro in der Bar Vorlieb nehmen. Ich fuhr mit Adrian hin, Claudi kam mit Susanna und Lily. Mu erschien mit 2 Töchtern, einem Schwiegersohn und Enkelin Ratti. Wir sassen zusammen und erzählten alles was wir wussten. Die Wirtin war sehr traurig, hatte in der Bar einen kleinen Nischen-Altar eingerichtet mit weissen Porzellanengeln und Feen, Kerzen, Blumen, bunten Papiergirlanden und den Fotos, die ich mitgebracht hatte. Mu wischte immer wieder Tränen ab, und ihre Mundwinkel zitterten, die bestürzte Hauseigentümerin gesellte sich dazu und rapportierte die Kuchengeschichte, fragte mich zwischendurch, in welcher Verbindung ich zu Beat gestanden hätte. Ich sei die Schwester; sie, dann sei ich Claudia. Nein, ich sei die andere Schwester. Claudie stehe dort vorne an der Bar mit den andern. Dass Beat irgendwelche Brüder hatte, wusste sie schon, aber dann noch 2 Schwestern dazu ?!?!

Als die Wirtin Adrian erblickte, rief sie sofort aus, das sei sicher ein Bruder, er gleiche Beat aufs Haar, das sehe man auf einen Blick. Dabei ist Adrian einen halben Kopf grösser, hat ein schmales Gesucht und gleicht eher der Mutter, während Beat ein Gemisch beider Eltern war, also auch einen Zemp-Einschlag hatte.

Mu erzählte mir, wie sie Beat mehrmals gebeten hätte, er solle doch mit ihr nach Thailand kommen usw. aber er wollte einfach nicht. Schliesslich fragte ich sie, ob Beat gesagt habe, er verstünde die Sprache nicht und käme sich immer fremd vor, das wäre nicht wie als Tourist.

„Ja, genau!“ rief Mu aus. Ich glaube ihr auch, dass es so war. Es schien mir eine halbwegs erklärende Ausrede von Beat, ihr so schonend als möglich zu verklickern, dass er nicht im Sinne habe, nach Thailand zu zügeln. An seiner Stelle hätte ich das gemacht.

Dass es umgekehrt war, dass Beat sie gebeten habe, zu ihr nach Thailand zu ziehen, und Mu gesagt habe, er wäre dort immer fremd etc., das kann ich mir also nicht vorstellen.

Mir selber war nicht zum weinen zu Mute. Ich nahm es Beat irgendwie übel, dass er uns Geschwister einfach so zurück gelassen hat, fühlte mich verarscht von ihm. Wir hätten es ihm ja nicht ausreden können, aber man hätte sich noch ein letztes Mal ausgetauscht. Und Beat hätte uns sagen sollen, dass es ihm wegen uns leidtue, wir sollten es halt akzeptieren. Er dachte wohl, wir würden ihn dann keine Sekunde mehr aus den Augen lassen und ihn am Ende in eine Psychi einsperren wegen Selbstgefährdung. Wir hätten schon ein paar Rettungsmöglichkeiten aufgezählt, schliesslich wollten wir unseren Bruder nicht loswerden. Aber zuletzt hätten wir es akzeptiert. Sterben müssen alle irgendwann, die einen machen es so und andere anders. „Und zum Glück wissen Mami und Papi das nicht“, durchfuhr es mich wie ein Dolchstich.

Viele nehmen sich selber das Leben, aber vor den Zug springen, das fand ich peinlich! Das kann man ja niemandem erzählen!

Claudi hatte auch schon gesundheitliche Schwierigkeiten hinter sich und war auf eine 10-tägige Erholungskur angemeldet. Sie verschob das nicht, denn eine Urne mit Asche kann man beliebig behalten oder egal wo deponieren. Danach sollte die Wasserung vonstatten gehen.

Unterdessen umrundete Thomi den Greifensee zu Fuss und fand: nein, das geht ja gar nicht! Lauter Jogger und Wanderer zirkulierten durch die Uferwege und Strassen. Thomi wollte nicht so blöd dastehen mit der Urne und schauen, ob mal niemand komme und dann schnell die Asche bei einem alten morschen Holzsteg ins Schilf schütten. Beat habe etwas Besseres verdient als so eine trostlose und peinliche Hundsverlochete!

Da musste ich ihm auch wieder Recht geben, obwohl ich und Adrian anfangs auch mit dem Greifensee einverstanden gewesen wären. Wir hätten dann halt Joggingkleider angezogen, Geldbeutelgürtel um den Bauch geschnallt und in Rucksäcken Thermosflaschen mitgenommen, dann hätten wir bei dem morschen Steg eine Alibi-Tee-Trinkpause abgehalten, die andern Passanten hätten gemeint, wir tränken nur Tee, und dann hätte Thomi in einem unbemerkten Augenblick die Urne im Rucksack geöffnet und schnell ausgeleert. Der Aschenpuder hätte sich im Wasser sofort aufgelöst und unsichtbar gemacht. 

Jedenfalls organisierte Thomi eine ihm angemessen erscheinende Seebestattung und schickte uns andern eine Aufforderung mit Minuten-genauen Zeitangaben und Orten, wo wir uns versammeln müssten, und um 12 treffen wir in der Tössegg ein, da fliesst die Töss in den Rhein, und da sollen wir Beat wassern. Blaszenka habe das so angeordnet, behauptete er noch.

Es sei dann alles privat ohne fremde Gaffer, wir seien ganz unter uns, man könne mit CD’s Musik abspielen oder Fotos beamen, es gäbe ein währschaftes Essen, und es dauere bis 15 h, und niemand könne vorher weg. Wer sich anmelde, müsse kommen, wer sich nicht anmelde, könne dann nicht doch noch kommen, es sei alles genau bestellt. Man solle anständig gekleidet erscheinen, also nicht in zerrissenen Jeans; und keine Kinder, das gäbe nur Tumult, dann wäre es nicht feierlich. Und mit Kindern kämen dann noch deren Mütter und Grossmütter und Freunde etc, dann wären es viel zu viele. Das Essen sei gratis. Wegbeschreibung, Strassenkarte.

Claudi telefonierte mir später, ob der Thomi eigentlich spinne, wir seien doch da nicht im Militär, der könne uns doch nicht mit solchen Minuten-genauen Marschbefehlen herum hetzen! So gehe man nicht mit Menschen um, der hätte keine Sozialkompetenz, der könne nur Schräubchen zählen.

Ich bin Pragmatikerin und habe keine Mühe mit Marschbefehlen (da geh ich hin oder auch nicht) . Als Thomi bei mir vorbeischaute und ein paar Sachen aus Beats Wohnung brachte – Fotos, Arbeitszeugnisse, CD’s mit Violinkonzerten - erwähnte er, dass Claudi ihm gesagt hätte, wir seien doch nicht im Militär. Er lachte dazu, nahm es ihr nicht übel. Er war der Meinung, dass man eine Mannschaft nur so zusammentrommeln könne, wenn man klipp und klar alles kommuniziere, sonst klappe es eben nicht.

Irgendwann in den Gesprächen verriet er, dass er ein Schiff gemietet habe, da könne man nicht einfach zu spät kommen, das sei für genau 3 Stunden gemietet und das Essen bestellt. Es handelte sich um ein kleines Ausflugs- und Passagier-Schiff, welches jener Kapitän für Seebestattungen anbot und auch oft Aufträge dafür bekam.

Thomi blätterte in Unterlagen und murmelte: „Ich versteh den Beat nicht. Der hatte recht viel Pensionskassengeld zu gut. Damit hätte er locker wie bis anhin weiter leben können.“ Das Erbe bestand aus Schulden, was wir ausschlugen. Das Pensionskassenguthaben stand uns trotzdem zu.

„Der hatte Panikattacken, da war ihm alles Geld wurst,“ kombinierte ich.

Darum war auch das Schiff und das Essen „gratis“. Das konnte aus dem Pensionsding, das wir der Einfachheit halber "Erbe" nannten, bezahlt werden. Thomi erzählte noch von Büroordnern und gelöschten Festplatten und den unzähligen Medis für ganz verschiedene Krankheiten und Nebenwirkungen der Medis. Dazu kam noch die Panik, welche das Fass zum Überlaufen brachte.

Kaum hatte Thomi den Rücken gekehrt, mailte ich allen andern, dass ein Schiff für 3 Stunden, von 12 – 15 h gebucht sei, darum müsse man sich an die Zeiten halten. Unsereins war es eben gewohnt an Familienfesten einfach nach Belieben irgendwann aufzukreuzen und irgendwann wieder abzureisen.

Als Claudi aus dem Kuraufenthalt zurück war, begingen wir die Wasserung am Montag, 17. Oktober 2016.

Adrian, der noch Freundin und Sanne und Stiefsohn Steven dabei hatte, fuhr mit dem Auto bei mir vor und lud mich und Sebasti noch auf. Zu fünft gelangten wir an die Tössegg. Claudi und Jonas waren mit dem Zug gekommen, Flori nutzte die Gelegenheit, Clemis Auto auszufahren. Blaschenka war schon auf dem Schiff, als wir eintrafen. Vom Parkplatz hatten wir einen 10-Minütigen Wanderweg bergab an den Fluss vor uns. Deshalb hatte Thomi im Marschbefehl geschrieben, man benötige eine gewisse Fitness.

An Bord begrüssten uns der Kapitän und sein Koch. Kurz zuvor waren die in der Schaffhauser Zeitung abgebildet gewesen mit einem Artikel, dass jetzt die Schifffahrt-Saison bis zum nächsten Frühling beendet sei.

Auf einem keinen Altar brannte eine Kerze neben der Urne, die mit Beats Geburtsjahr 1953 versehen war. In flachen Schalen warteten Blütenblätter und Blumenköpfe darauf, die Asche im Wasser zu begleiten. Lily hatte unter Claudis Anweisung flache Schiefersteine mit Ornamenten bemalt, in Blau und wenig rot, viel Gold und Silber. Ich stellte noch ein grosses Porträt auf.

Die Serviererin teilte verschiedenen Aperitif aus. Wir setzten uns allmählich, das Schiff war halt halb leer, weil wir nur so wenige waren. Wären alle da, die möglichst immer überall mitgehen wollen, hätten wir aber nicht genug Platz im Schiff gehabt, dann hätten wir wohl das nächst grössere Schiff buchen müssen oder einen Bodensee-Dampfer.

Ich legte dann die CD von Bachs d-moll-Doppel-Violinkonzert (plus Violinkonzerte in a-moll und E-Dur) in die Musikanlage beim Kapitän. Nicht zu laut, eher als Hintergrund für die, welche zuhören wollten. Die CD fing von selber wieder von vorne an, und als wir nacheinander mit einem Teetässchen Asche aus der Urne ins Wasser leerten, Blumen streuten und die bunten Steine schieferten, war grad wieder der überirdisch schöne mittlere Satz des Doppelkonzertes dran.

Man setzte sich dazu seitwärts auf die Randstufe des Schiffes. Thomi berichtete, dass die Urne verschlossen war. Man brauchte Werkzeug, um den Deckel abzuheben, und inwendig war noch ein Gefäss, dessen Deckel man ebenfalls aufbrechen musste. Erst so kam man an die Asche. Auch Vater Wädis Asche war so verschlossen gewesen, und meine Kinder mussten genau so vorgehen, um ein paar Löffel Asche zu entnehmen, welche sie erst 2 Jahre später mit einem kleinen Flugzeug über Trasi kreisend in die Atmosphäre entliessen.

Danach wurde das Essen aufgetischt. Ich sass mit Flori und Adrian zusammen. Am Tisch nebenan waren Frank, Steven, Sebasti und Jonas. Zeitweise wechselten wir Plätze. Weiter vorne Claudi mit Lily, Blaschenka und Sanne; Thomi wollte offenbar einen Tisch für sich allein haben, oder er wollte ungestört den Ablauf der angemessen feierlichen Bestattung unter Kontrolle halten.

Claudi moderierte dann die Erzählungen von Erlebnissen mit Beat. Bekanntes und mir unbekanntes war zu erfahren, was ich als Tagebuch-Aufsatz festgehalten habe.

Nach der Wasserung kehrte das Schiff um und gelangte punkt 15 Uhr wieder an die Tössegg. Wir pilgerten zu unseren Autos zurück, erzählten immer noch weiter Dinge, die uns zu Beat einfielen, die Bahnfahrenden nahmen wir bis zum nächsten Bahnhof mit. Thomi nahm die tönerne Urne wieder heim. Könnte man jetzt als Blumentopf benützen.

 

Meine einzige Schwester
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21.2.  Geschwister gestorben – Meine einzige Schwester.
Meine einzige Schwester Claudi hatte schon mit 59 das erste mal Brustkrebs und diesen mit Operation und  grauenhaften  Chemotherapien überstanden. An der Einwasserung von Beat wusste sie vermutlich bereits, dass sie die Nächste sein würde. Es war übrigens Herbst 2016. Es ist ja ein Zeitdokument, da muss man hauptsächlich wissen, wann was gewesen war. 
 
Claudi informierte uns Geschwister regelmässig über ihren Zustand, über Prognosen, Befunde, was auch immer. Zuerst war nur von "Plättchen" die Rede, welche sich zwischen Lunge und Bauchfell gebildet hatten. Das tut weh und man kann nicht mehr gut atmen. Diese Plättchen wurden endoskopisch raus gesaugt, aber hinterher war eine Woche Erholung in einer Reha vonnöten. Da starb Beat. Wegen Claudis Abwesenheit verschoben wir die Wasserung. Asche kann man ja problemlos lagern, da passiert nichts mehr. 
 
Erst viel später hatte Claudi von der Onkologin erfahren, dass sie jetzt Lungenkrebs habe, und der habe gestreut in Knochen und Leber. Die Knochen taten nun weh, und die halbe Lunge nahm keinen Sauerstoff mehr auf. Mit Bestrahlung wurde "voll Rohr" auf die Knochen geschossen, damit die bereits vom Krebs heraus gefressenen Löcher wieder zuwachsen könnten (!?!?!?)  
 
Sie hatte einen Termin bei Exit und verfügte, dass sie entweder palliativ betreut werde oder sogar den "Cocktail" trinke, um ein langes Herumliegen abzuklemmen. Die Onkologin schätzte die verbleibende Lebenszeit auf ein Jahr, wenn man alles mache, also schon wieder Chemo. Claudi rümpfte die Nase, zu tief sass der Schock der seinerzeitigen Chemo noch in ihr drin.
 
Schon damals hiess es, man müsse keine Angst vor Chemos haben, das sei längst nicht mehr so schlimm wie früher, das seien viel mildere Wirkungsstoffe, und man habe sehr gute Medis für die Nebenwirkungen, es sei drum wirklich nicht mehr schlimm.
 
Aber es war reines Martyrium. Im Laufe eines halben Jahres alle 2 Wochen 2 oder 3 Tage Chemo. Dabei lösten sich die Schleimhäute auf, Essen schmeckte nach Blech und brannte im Mund, die Übelkeit peinigte sie dermassen, dass auch das Medi dagegen nichts nützte. Sie wollte schon alles hinschmeissen, den Löffel abgeben und den Schirm zumachen, aber die Onkologin redete ihr gut zu, es wäre schade, jetzt abzubrechen, dann wäre alles vergebens gewesen, sie solle doch noch durchhalten, nachher werde sie froh sein, es geschafft zu haben. 
 
Also gut, sie schaffte es, und mir fiel auch endlich ein riesen Fels vom Herzen, denn ich hatte mitleiden müssen, ob ich wollte oder nicht, das ist meine Empathie, die kann ich nicht einfach abstellen. Als alles vorüber war und ihr schwarze neue Haare nachwuchsen, fühlte sie sich gesünder als je zu vor. Die Ärztin habe das auch so gesagt. 
 
Beim erneuten Krebsbefall erklärte die Onkologin, dass man wieder Chemo therapieren sollte, aber das sei eine andere, nicht mehr so starke, die sei einfach gegen die Schmerzen. (Chemo gegen Schmerzen???) Claudi gab nach. Probieren kann man alles. Es war wieder ganz genau gleich unerträglich. Sie brach sofort ab. Die neuen Haare waren übrigens unverzüglich erneut ausgefallen. Dazu brauchte sie einen Rucksack mit Sauerstoff. Davon führte ein Schläuchlein in die Nase. Ohne das schaffte sie es nicht mehr aus dem Haus. Musste sie auch nicht, Nachbarn, Freundinnen und Sohn und Tochter betreuten sie lückenlos und nahmen ihr alles ab was sie konnten, aber Claudi wollte halt doch auch noch hinaus, selber was einkaufen gehen oder an die Aare runter steigen, wo es kleine Badeplätzchen gab.  
 
Es ging rasch bergab. Vermutlich rührte von daher mein Herzflimmern. Die Kompressionsstrümpfe ersparte ich mir seit dem Sommer, denn ich merkte ja selber, wann ich mich sofort wieder hinlegen musste.
 
Wir besuchten sie, meist mit David, Lupita, Sebasti und Kindern, noch 2 x bei ihr daheim in Brugg, wo wir es lustig und fidel hatten, die zähe Claudi war munter trotz der vielen Schmerzmedis, hatte aber nicht das Sterben zuvorderst im Kopf, wenn überhaupt dann den makaberen Humor. Sie hatte ihr ganzes Vermögen von der Bank abgezogen, das heisst in bar herausgefordert und somit vor der Bank gerettet, welche alles sofort sperrt, wenn jemand gestorben ist, danach die Abdankung vorbereitet, überhaupt alles geregelt, Profi-Musiker Flori spielte ihr vor, was er dann an der Abdankung vortrage, so hatte sie auch noch was davon. 
 
Wenn sie nicht mehr gehen könne, schrieb sie, werde sie den Cocktail zu sich nehmen und Adieu. Als es im Juli so weit kam, liessen ihre Kinder sie in die Palliativ-Abteilung des Kantonsspitals Baden überführen. Die Untersuchungen ergaben, dass es höchstens noch um 2 Wochen herum ginge. Da schmerzfrei im Bett liegend und rundum verwöhnt und bedient, erübrigte sich der Cocktail. Die paar Tage konnte sie jetzt schon noch liegen bleiben. Tochter Susanna hatte ihr die Finger- und Zehennägel in modischen Pastelltönen lackiert und freute sich darüber, dass sich ihre Mutter wenigstens jetzt etwas helfen und Gutes tun liess.
 
Anderseits hatte Claudi da noch die Couverts für die Todesanzeige selber adressiert, um die Kinder zu entlasten. Sogar den Blumenschmuck für die Abdankung hatte sie scheint's selber bestellt, und den Apéro für danach organisiert. Der ganze Körper war von Krebs durchzogen, nur der Kopf nicht. Den hätte man eigentlich behalten sollen. In Zukunft kann man das sehr wahrscheinlich. Und lässt einen neuen Körper dazu nachwachsen. 
 
Im Spital in Baden besuchten wir sie nochmals. Sie konnte nicht mehr gut sprechen, der Kehlkopf war wohl auch in Mitleidenschaft gezogen. Sie hörte und verstand aber alles und schrieb Antworten auf Zettelchen, wenn das Gestikulieren mit den Händen nicht zur Entschlüsselung ausreichte. 
 
Die Hochzeit von Clemi und Silkey stand bevor. Claudi fragte nochmals nach, wann das jetzt genau sei. Am 17. Juli. Sie rechnete nach und fand dann, das könnte mit ihrem Todestag kollidieren. Was sagt man dazu? Dass sie zu schwach war, um an dieser Hochzeit zu tanzen, war mir schon klar, aber so bald schon sterben? ganz richtig sterben? jetzt ernsthaft?  Es ging an mir vorbei, als wäre es nur ein Film. Bei Claudi vermutlich ebenso, denn sie war durchweg guter Dinge. Jeder sterbe mal, und jetzt sei sie es. Ist halt so. So what?
 
Ich wusste aber schon vor ihr, dass es sie wurmte, dass sie die 7-jährige Enkelin Lily nicht mehr weiter erleben und begleiten könne. So ging es auch dem Vater Wädi, der die kleine Tochter Filine als 5-jährige schon verlassen musste. Das ist knüppelhart.
 
Wir verabschiedeten uns mit langen Umarmungen. Ein paar Tage später war der 17. Juli, wo Clemi Silkey heiratete, welche einen Teil ihrer Familie aus Manila zu diesem Anlass mitgebracht hatte. Sohn Höttii erzählte, er sei noch am Samstag bei Claudi gewesen, da habe sie die Augen etwas geöffnet, den Arm ausgestreckt und mit dem Finger auf ihn gezeigt und heiser gesagt: "Dich kenne ich."
 
Danach hat niemand mehr etwas von ihr gehört. Sie war nicht mehr bei Bewusstsein und starb am Montag morgen, am Tag von Clemis Hochzeit, wie sie es berechnet hatte. Susanna telefonierte aber erst am Dienstag abend. 
 
Die Abdankung war gewaltig, die grosse Kirche gut gefüllt, Cousins waren herbeigeströmt, die ich jahrelang nicht mehr gesehen hatte. Und Floris Saxophonspiel mit Begleitung eines Akkordeonisten war zum Niederknien schön. 2 Stücke von Bach, und ein Volkslied als rasanter Mitreisser arrangiert wie von Claudi gewünscht. Lily befand ich in England bei der andern Grossmutter. Bei der Einwasserung in die Aare war sie aber zurück und auch dabei.
 
Auf die Information, die Grandma Claudi sei nun gestorben, fragte Lily, ob sie deren Skelett haben und in ihrem Zimmer aufstellen könnte. Im Kindsgi war eben so eines, und man hatte den Kindern erklärt, dass jeder solche Knochen im Körper drin habe. Und weitere anatomische Fakten. 
 
Das war 2017.
Inwiefern beschäftigt dich der Gedanke an deine Endlichkeit und seit wann?
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22.  Ausblick

Inwiefern beschäftigt dich der Gedanke an deine Endlichkeit und seit wann?
Ab und zu hat das Hirn offenbar nichts anderes zu denken, dann stellt es sich vor, dass ich mal sterbe, irgendwie, dass eben alles stirbt, vergeht, sich in Moleküle auflöst und wieder anders zusammensetzt. Das ist gut. Würden alle Lebewesen am Leben bleiben .... habe ich das nicht schon beschrieben in einem früheren Kapitel ?
 
Also mir macht das nichts aus. Ich bin einverstanden damit. Dann bin ich im Tiefschlaf, in Narkose, man ist nichts und weiss nichts und merkt nichts.  Hat man das Alter dazu erreicht, ist es gut.  
 
Ich verstehe anderseits, dass sehr erfolgreiche Leute das Altern "Scheisse" finden. Chancen schwinden, oder man kann körperlich nicht mehr mithalten. Das ärgert einen schon. Ich habe jedoch nichts zu verlieren. 
Was sind deine konkreten Erwartungen und Vorkehrungen mit Blick auf deine letzten Jahre und dein Lebensende?
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22.  Ausblick

Was sind deine konkreten Erwartungen und Vorkehrungen mit Blick auf deine letzten Jahre und dein Lebensende?
Da ich keinen messingbeschlagenen Eichensarg mit Samt- und Seide- und Brüsseler-Spitzen-Auskleidung brauche, keine Mumifizierung, kein mit Perlen besticktes Königinnen-Kleid als Totenhemd, keine Krone, kein Diadem noch sonstiges Geschmeide,  kein Mausoleum aus weissem und schwarzem und rosa Marmor mit goldenen Zierleisten, keinerlei Grabbeigaben, keine Abdankung wo Könige und Staatspräsidenten Ansprachen halten, wo die teuersten Orchester Rachmaninov spielen, kein hundertköpfiger Chor die Matthäus-Passion und danach noch die Johannes-Passion aufführen, und wo man schon dabei ist, auch nicht das Mozart-Requiem, noch jenes von Berlioz, was auch nicht schlecht wäre, dann müsste weder Lang Lang Klavier spielen noch Florian Michael Benedikt Egli Saxophon improvisieren, keine Kathedrale für 10'000 Trauergäste brauche, keine Aussenübertragung in allen Hauptstädten der Welt, kein 5-tägiges Leichenmahl mit Champagner, Trüffeln, Kaviar und all den teuren Schrott, keine Blumen aus 6 tausend Treibhäusern, keine Edelsteine zwischen den Blumen der Kränze, keine Übernachtungen in den 5-Sterne-Hotels, keine TV-Übertragungen, keine Galaxie nach mir benannt werden muss, keine ledergebundenen Bücher mit Goldschnitt, wo mein Lebenslauf drin steht mit handgemalten verzierten Buchstaben, treffe ich keine Vorkehrungen. 
 
Irina Beller pflegt an Parties Edelsteine, Diamanten und Goldstücke in die Champagner-Gläser zu legen und füllt sie mit dem Schampus auf, und die Gäste dürfen dann die Preziosen behalten, die sie im Glas finden, also das machen wir grad auch nicht. Das haben wir einfach nicht nötig.
 
Begraben, verfeuern, gefriertrocknen, im Zoo verfüttern, Taschen und Schuhe aus meiner Haut herstellen, den Studenten zum Üben geben, lasst Eurer Fantasie freien Lauf, alles ist erlaubt, was nichts kostet. 
 
Gratis wäre auch das
Australische aborigine Bestattungsritual:
Alle Besitztümer des Verstorbenen müssen verbrannt werden.
Sein Name darf nie wieder ausgesprochen werden.
Nur so kann sich der Geist von der Welt lösen.
Als Zeichen der Trauer fügen sich die Hinterbliebenen Schnittwunden am Kopf zu.
Alle schneiden sich und dem Verstorbenen die Haare ab.
Dann wird die Leiche verbrannt.
Die Asche wird an ein heiliges Wasserloch getragen
und mehrere Wochen bewacht.
 
Das alles müsst Ihr sicher nicht machen! 
 
 
Hat das konkrete Auswirkungen auf deine aktuelle Lebensgestaltung und deine Einstellung zum täglichen Leben?
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22.  Ausblick

Hat das konkrete Auswirkungen auf deine aktuelle Lebensgestaltung und deine Einstellung zum täglichen Leben?
Nein, wüsste nicht wieso. Der Tod kommt wie und wann er will, egal wie ich gelebt habe. Ich komme weder vors Jüngste Gericht noch in die Hölle, weil ich das alles nicht glaube.  Wer es glaubt, kommt auch nicht hin, merkt es aber nicht, und ich auch nicht, ist ja logisch. 
 
Dabei kommt mir grad in den Sinn, dass ich das Posaunenspiel des Jüngsten Tages aus dem Berlioz-Reqiem wieder mal hören will.
 
Dass ich nicht in die Hölle komme, verleitet mich jedoch nicht dazu, auf der Erde zu brandschatzen und raubmorden und alles Verbotene und Abscheuliche zu tun. Weil ich keine Lust dazu habe.  Die Gläubigen aber müssen sich mühsam das ganze Leben lang vor diesen Taten beherrschen, weil sie ja in den Himmel wollen.  :-)))
 
 
Wie würdest du bzw. dein Lebenspartner/deine Lebenspartnerin mit dem Ableben des andern umgehen? Ist das ein Thema, über das ihr spricht?
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22.  Ausblick

Wie würdest du bzw. dein Lebenspartner/deine Lebenspartnerin mit dem Ableben des andern umgehen? Ist das ein Thema, über das ihr spricht?
Hätte ich mich nicht scheiden lassen, wäre ich seit 2013 Witwe. Im autobiografischen Aufsatz darüber habe ich nach Reklamation der 2. Ehefrau die Namen ausgewechselt. Das genügte noch nicht, sie wollte das ganz Kapitel entfernt haben. Drum habe ich den anschaulich beschriebenen Aufsatz hier drin gelöscht.
Ich erfuhr, dass Autobiografien solche Reklamationen naturgemäss mit sich bringen. Weitere diesbezügliche sehr unlogische, absurde und sozialpsychologisch nicht nachvollziehbare Mitteilungen an mich habe ich in einem weiteren autobiografischen Aufsatz verarbeitet, jedoch auf der privaten Festplatte gelassen.

 

 

 

 

 

 

Hat sich deine Einstellung zu Zeit mit dem Älterwerden verändert?
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Hat sich deine Einstellung zu Zeit mit dem Älterwerden verändert?
Nein, denn ich habe meine Zeit immer gut genutzt.
Wie soll dein Nachlass geregelt werden? Hast du ein Testament verfasst?
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22.  Ausblick

Wie soll dein Nachlass geregelt werden? Hast du ein Testament verfasst?
Da ich nichts habe ausser dem Altbau im abgelegenen kleinen Dorf, gibt es nichts zu vererben. Ausserdem sollten nur meine Kinder und Enkel erben, wenn es was gäbe. Das wäre eh nach Gesetz. Nur wer Extrawürste macht, muss ein Testament schreiben. 
 
Meine Möbel und Geschirr werden sie nicht brauchen, vermutlich nicht mal die Enkel, wenn überhaupt, dann Urenkel. Heute kann man für Hausräumungen Angestellte des Brockenhauses kommen lassen, die pflücken alles raus, was noch verkäuflich ist. Für den Rest lässt man Schuttmulden kommen. Die kommen in die "Hard". Das ist eine Müllsortierungs- und Verbrennungsanlage, da wird verwertet und recycelt was geht.
 
Da Schuttmulden teuer sind, werde ich nach und nach, wenn ich merke, dass die Enkel dies und das nicht mehr brauchen, Sachen aussortieren. Meine Eltern machten das schon so. Immer wieder ging ein Rundtelefon unter den Geschwistern, sie wollten mal den Estrich räumen; wer etwas wolle, solle kommen und es mitnehmen. Ich nahm Bücherschränke und Glasschränklein mit.
 
Ins Taufkissen, wo meine Mutter 1921 getauft wurde, wurden meine Geschwister und ich schon rein gesteckt zur Taufe, dann meine 5 Kinder auch noch. Überzug und Spitzenvolants aus hauchzartem Batist-Stoff waren so dünn und brüchig geworden, dass keine weiteren Verwandten es für ihre Täuflinge ausleihen wollten. Fortgeworfen habe ich es nicht. Aber es wird mal im Textil-Recycling zerrissen werden. Das ist der Lauf der Dinge. 
 
Ich könnte jetzt grad auch noch hier reinschreiben, warum ich alle meine Kinder taufen liess. Man weiss nämlich nie, welche Frauen die Söhne als Erwachsene heiraten werden. Und prompt stammte die erste Schwiegertochter Lupita aus Oaxaca Mexiko, die dritte, Silkey, aus Manila, ebenfalls katholisch. Die zweite Schwiegertochter wird hier drin ziemlich verschwiegen. Sie erkrankte an bösartigem Narzissmus. Deshalb auch die Scheidung. 
Hattest du mit Organisationen wie Exit Kontakt bzw wie stellst du dich persönlich dazu?
Seite 216
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22.  Ausblick

Hattest du mit Organisationen wie Exit Kontakt bzw wie stellst du dich persönlich dazu?
Meine Eltern hatten sich mit Exit-Beitritt vor Schläuchen gesichert. Ich habe den Organspenderausweis (ist nur so ein Kärtchen, bekommt man in jeder Apotheke oder kann man sich über Internet kommen lassen) seit man vor Jahrzehnten dazu aufgerufen wurde -jetzt bin ich ja zu alt - und eine handgeschriebene kurze Patientenverfügung, dass ich, wenn ich mich nicht mehr bemerkbar machen kann, keinerlei lebensverlängernde Behandlung erlaube, was meine Kinder alle wissen und akzeptieren und gleicher Meinung sind. Alles andere kann ich laufend selber anordnen, palliative Pflege etc. 
 
Meine Schwester Claudia meldete sich wegen unheilbarem Krebs bei Exit an. Die letzte Phase, das effektive Sterbebett, dauerte aber nur 2 Wochen, wohlversorgt mit allen Schmerzmitteln, darum vergnügten Sinnes. Ich vermutete schon immer, wenn man sich nicht gegen die Medis wehrt, kann es nicht so schlimm sein, und vorgängig alle lebenserhaltenen Massnahmen ausdrücklich verboten, dauert es auch nicht soooo lange. Untröstlich war es aber schon, meine Schwester und Freundin im Alter von nur 63 Jahren zu verlieren. 
 
Dafür bekam ich einen intensiveren Kontakt zur Nichte Susanna. Das ist wertvoll für mich.
 
 
Welche Wünsche werden wohl unerfüllt bleiben? Weshalb?
Seite 217
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22.  Ausblick

Welche Wünsche werden wohl unerfüllt bleiben? Weshalb?
Ich hatte mal gemeint und gehofft, ich würde beruflich noch einiges machen können, nun kann ich es nicht mal mehr wünschen, so hoffnungslos ist es. Meine Lebensfreude beeinträchtigt es allerdings nicht.
 
Ich hielt es für an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit, dass ich keinen passenden Partner bekäme. Mit nachlassenden Hormonen verzog sich dieser Wunsch, und jetzt bin ich sogar froh, habe ich keinen,weiss auch nicht warum, ich glaube, ich würde mich genieren, mich noch mit jemandem einzulassen.
 
Doch noch ein Aufflackern - aber nur viel zu kurz
 
Anfang Januar 2017 klickte Duri mich im Schulhausportal "StayFriends" an. Ich bekam dadurch die Meldung, er hätte mein Profil besucht und mich als Schulkollegin markiert. Ich könne ihm etwas schreiben. 
 
Man hätte mich filmen sollen, als ich vor dem Compi kauerte wie ein hypnotisiertes Kaninchen: "Wasss ???  Duri hat mich angeklickt ? Mein Duri aus meiner Klasse ?   Hat mich angeklickt ?  Mich ? ? ?
Ich sah wieder den Elfenprinzen im Elfenbeinturm vor mir, ich musste nicht mal die Klassenfoto checken, so genau sah ich ihn vor mir. Nicht nur von der Foto, sondern auch durch die direkte Erinnerung, wenn ich meine Augen an ihm labte und er ahnungslos das Schulzimmer gleichsam vergoldete.
 
53 Jahre war das her!  In dieser Zeit hatten wir geheiratet, Kinder bekommen und Scheidungen durchgemacht. Nun 67 Jahre alt !
 
Nach wenigen mails war klar, ich verwarf die These in hohem Bogen, keinen Mann mehr zu wollen. Ich konnte ja nicht wissen, dass Duri sich mal melden würde. Duri wollte ich natürlich schon, da kippten gleich meine ganzen Grundsätze. Chance sah ich keine, aber ich hatte nichts mehr zu verlieren mit meiner Alters-Narrenfreiheit. Nachdem Duri mir aufzählte, wann seine Kinder geboren wurden, liess ich mich zur ungeheuerlichen Unverschämtheit hinreissen, ihm zu schreiben, ich täte ihm gratulieren zu den frühen Kindern, und in diesem Fall wäre ich nicht die einzige gewesen, die ihn  hübsch gefunden hätte. 
 
Er darauf, das hätte ich ihm früher sagen sollen
Ich, er hätte kein Interesse gezeigt.
Er wieder, er sei viel zu schüchtern gewesen
 
Nun konnte mich nichts mehr bremsen. Ich fand es völlig frech und aufdringlich, was ich mir erdreistete, aber für ihn war es gut, sonst glaubte er ja nicht, dass er mir gefalle, ich ihn auf Besuch wolle. Dass ich eine alte Matrone geworden war, interessierte mich jetzt nicht mehr, denn er hatte auch ein paar altersbedingte Veränderungen durchgemacht. Zum Glück! So passte es genau - für mich, denn ich bin überdurchschnittlich tolerant. 
 
Er gab sich auch tolerant, aber ich merkte, nach dem er 2 x bei mir auf Besuch gewesen war, dass er nur so tat, als wäre er tolerant. Auch das liess ich ihm eigentlich durch, aber da machte er sich rar, teils auf eine Weise, die man in Liebesromanen nachlesen und in Filmen sehen und hören kann.
 
Das hier ist ein Zeitzeugnis und keine Männerpsychologie, drum kommen jetzt keine Details, so lustig sie auch wären.  Immerhin, ich hatte den einstmalen so hübschen Duri gehabt. Kein halbes Jahr, macht nichts, denn weiter in der Zukunft werde ich erfahrungsgemäss meinen, es wäre eine lange Episode gewesen, blase alles schöne und gute auf, während die schrittweise Entwöhnung automatisch ins Stammhirn runter fällt und sich dort dem Bewusstsein entzieht. 
 
Vielleicht ist das auch ein bisschen Zeitdokument, dass durchschnittliche Menschen nach dem Jahre 2000 solche naturwissenschaftliche Fakten wissen. 
 
Ein Jahr später: nein, die Episode hat sich nicht nachträglich aufgebläht und intensiviert. Im Gegenteil. Es war ein unbedeutendes Vorkommnis. Hätte ich ihn jetzt in unserem vorgerückten Alter irgendwo angetroffen, hätte ich ihn nicht erkennen können, hätte mich schon gar nicht für ihn interessiert. Er sagte nichts darüber, ob ich mich stark verändert hätte oder ob er mich erkannt hätte. Ich sehe wohl alt als, aber ich gleiche mir doch noch eher als er sich selber als Kind. Wie auch immer, hat keine Bedeutung mehr.
 
 
 
 
 
 
Was ist dein grösster Wunsch für die nächsten Jahre?
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22.  Ausblick

Was ist dein grösster Wunsch für die nächsten Jahre?
Noch mehr Enkel und Urenkel.  Was mir vorher selbstverständlich war, eben allein wohnen nur mit Familienbesuchen, empfand ich nach der Duri-Episode als Mangel, als Versagen und Minderwert. Ich sehe überall friedliche 80-jährige Paare gemütlich herum chillen, wie meine Eltern, und wie ich fand, dass es mir als etwas Normales auch zustünde, und so ist es eben nicht.
 
Nur wenig später nach der Duri-Episode fühlte ich mich nicht mehr minderwertig. Ich brauche nicht mal mehr das Kuschelkissen. Es liegt zwar noch neben dem Kopfkissen, aber ich benütze es nur noch um den Arm draufzulegen, damit er nicht so abknickt. 
 
Da fällt mir als Hauptgrund ein, dass Männern meine grosse Familie mit vielen Kindern, Enkeln und Geschwistern zu monströs vorkommt. Dabei sind die gar nicht immer hier und ich auch nicht so oft dort, anderseits nimmt der Familienclan sofort jeden Freund ins Familiengefüge auf. Ich müsste also immer sofort zu Beginn einer allfälligen Bekanntschaft darauf hinweisen, dass ich durch den Anhang nicht total absorbiert bin.
 
Oder auch nicht. Mit Duri habe ich mich nur eingelassen, weil er ein Schulkollege war, er umgekehrt ebenfalls. Andere Kollegen interessieren mich nicht, die sich für mich noch weniger. Das war's jetzt definitiv gewesen. Bin nicht die einzige, wenn doch ein Drittel aller Haushalte Einpersonen-Haushalte sind. 
Was möchtest du nie mehr missen?
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22.  Ausblick

Was möchtest du nie mehr missen?
Familienclan. Was ich ein Zeit lang vermisste, davon träumte ich halt nur. Nun vermisse ich nicht mal mehr etwas. Eine Meisterleistung der Anpassung.
Wie stellst du dir deine letzten Jahre auf Erden vor?
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22.  Ausblick

Wie stellst du dir deine letzten Jahre auf Erden vor?
So wie es jetzt ist. Ich bin gespannt, was alles für Altersgebrechen kommen, in welcher Reihenfolge und wie und wann und was. Das Alter ist eine Art Abenteuer. 
 
 
Was geht dir durch den Kopf, wenn du junge Leute betrachtest, die ihr Leben noch vor sich haben?
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23.  Jugend heute

Was geht dir durch den Kopf, wenn du junge Leute betrachtest, die ihr Leben noch vor sich haben?
 
Die wollen gar nicht so leben, wie die Eltern noch meinten, dass man ihnen die Welt so bewahren müsse, dass alles gleich bleibe, ansonsten es arme Kinder wären und ihre Leben nichts mehr wert.
Die gewöhnen sich an die Welt, wie sie ist, wenn sie junge Erwachsene sind. Womöglich wehren sich auch diese wieder gegen Veränderungen, weil es sonst ihre Kinder nicht gut haben, die Erde kaputt oder ganz untergeht. 
Jede Generation will die Welt für sich neu erfinden. Manches ist nur Retro aus der Zeit der Grosseltern, Technisches ist meistens wirklich neu.
Dass wir der Erde schaden mit dem übermässigen Energieverschleiss und Abbau, wissen die Hälfte der Leute, die andern nicht. Jede nächste Generation wird sich mit Feuereifer in neue Techniken stürzen, um das Leben lebenswert zu erhalten. 
Digitale Kinder
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23.1.  Jugend heute – Digitale Kinder.

Kinder mit ihren Tablets Spätsommer 2016

 5 Kinder zwischen 8 und 11 Jahren (Geschwister, Cousine und Patchwork) bei Grossmutter auf Besuch. Nachdem Erzählen von Neuigkeiten und Vorzeigen von allerlei Dingen setzen sich die Kinder eins nach dem andern irgendwo hin oder legen sich bäuchlings auf den Boden und gucken auf ihre Tablets und Smartphones etc.

 Kinder A B C D E

 A zu B: ich hab keinen Strom mehr. Hast du ein Aufladekabel dabei?

 B       Ja, Moment,

         sucht im kleinen Rucksäcklein

Shit! Wo ist denn jetzt mein Kabel! Ich hab es doch extra eingepackt! Es ist nicht da! Shit!

 A zu C Hast du mir ein Aufladekabel?

 C       ich habe es zuhause schon nicht gefunden.

 A       Kann ich bei dir schauen?

 C       ich spiele grad mein Spiel. Wenn ich fertig bin, dann!

 D       ich hab mein Kabel dabei!

 A      will das Kabel auf dem Tablet einstecken

        Das passt nicht auf meines. So blöd!

 E       Grosi hat doch ein Ladekabel

 A       Grosi, darf ich mit deinem Kabel mein Tablet aufladen?

 Grosi  Ja, dort hängt es neben der Steckeckdose.

           Dieses Kabel passt auch nicht

 D       Bei der Grosi ihrem Computer kann man direkt anschliessen und von dort Strom aufs Tablet laden.

 A       Wie geht denn das?

 D       Weiss nicht. Der F macht das jeweils, wenn er hier ist.

 Grosi versucht es, aber es geht nicht

 Ein Vater zu den Kindern:

 Spielt hier einfach was anderes! Zuhause kann jeder sein Tablet wieder aufladen, und ihr spielt einfach dann eure Spiele.

 Die Kinder reagieren nicht

 D zu A was willst du denn auf dem Tablet machen?

 A       weiss ich noch nicht, ich wollte irgend was suchen

 C       Wisst ihr was? Die neue Fortsetzung vom Film (oder Serie) XX ist raus. Schauen wir           das an?

 D       Mann, du checkst wieder überhaupt nichts! Es ist noch nicht der Film raus,

         sondern erst der Trailer!

 C       Was?

 D       Der Vorfilm. Das ist noch nicht der Film, nur ein paar Sekunden daraus.

 C       Dann schauen wir das! Ist doch besser als gar nichts.

 A zu B Komm, wir schauen den Trailer!

 B       Mein Strom ist gleich alle! Ohh, weg ! Wer hat mir ein Ladekabel?

 D       Da ist meines, aber so viel ich weiss, passt es bei dir nicht!

 B       versucht es trotzdem. es geht nicht, auch nicht der Grosi ihres.

            Fragt jetzt E: Hast du ein Kabel?

 E       Schau in meiner Jackentasche!

 B       Sucht die Jacke, findet sie, schaut nach. Es ist kein Kabel in der Jackentasche!

 E       Echt nicht? Hab ich das jetzt verloren? Oder ist es mir im Auto aus der Tasche gefallen?

 B       geht raus, findet das Kabel im Auto auf dem Boden und kommt damit zurück. Das Kabel von E passt bei B. Er steckt es ein und das andere Ende in die Steckdose. Es dauert Stunden, bis ein Tablet aufgeladen ist.

 B zu C Was machst du ? Kann ich bei dir schauen?

 A zu C Ich auch?

 C       Aber stört mich nicht! Das ist ein irre schweres Spiel.

 Nur zuschauen ist aber langweilig

 B zu C Spielen wir nachher ein Spiel, das man zu zweit machen kann?

 A       Zu dritt!

 C       bis dann ist mein Strom aus.

 A zu D   Was machst du?

 B zu D   Ja, was machst du?

 D       Ich chatte mit meinen Freundinnen.

 A       Ach, komm, machen wir doch was anderes!

 D       Was denn?

 B       Das gibt es doch dieses Spiel XX. das will ich wieder mal spielen

 D       Das ist doof. Ich muss jetzt denen noch antworten. Nachher mache ich XXXX

 A       Darf ich auch mit schauen?

 D       Meinetwegen.

 B zu E Kannst du das Spiel XXXX aufmachen?

 E       Nein. Das ist nicht gratis. Ich mache nur Gratis-Spiele.

 B       Dann machen wir ein Gratis-Spiel. Wo hast du dein Tablet?

 E       Strom ist aus, kann nicht aufladen, weil B mit meinem Kabel auflädt.

 D       Shit, jetzt ist mein Strom auch aus!

 Der Vater von vorhin: Warum habt ihr nicht zuhause alle eure Sachen aufgeladen?

 Keine Reaktion

 D zu B wo hast du dein Tablet? Darf ich bei dir schauen?

 B       es ist erst am aufladen!

 D       wie lange schon?

 B       erst ein paar Minuten!

 D       das reicht für einen kurzen Chat. Darf ich schnell?

 B       so wird meine Tablet nie voll!

 D       nur ein ganz kurzer Chat, ich muss denen noch was sagen!

 B       Dann halt! Aber dann steckst du es gleich wieder ein, klar?

 D       Klar!

 C       Ich hab mein Spiel fertig! Wollen wir einen Film schauen? (Kindersendung)

 A, B und D stürzen darauf zu

 A zu C Schauen wir YYY ?

 C       Nein, das ist blöd, ich schaue jetzt ZZZ

 A       Das mag ich nicht, schauen wir was anderes!

 C       ich schaue ZZZ, du musst nicht hinschauen, wenn du das nicht magst.

 A       Ich will aber irgendwas schauen.

 C       dann schau doch!

 A       OK.

 Bald geht auch D der Strom aus.

 D zu B wir nehmen dein Tablet, da hat es sicher schon genug Strom drauf!

 B       Aber sicher nicht für den ganzen Film!

 E       Mein Tablet ist nur noch auf Reserve. Nachher muss ich wieder aufladen.

 B       Mein Tablet ist aber noch lange nicht aufgeladen!

 E       Wir wechseln alle 5 Minuten ab mit aufladen, so haben wir wenigstens 2 Tablets, die            gehen.

 C       Mit 5 Minuten aufladen kann man praktisch nichts machen.

 E       Dann wechseln wir halt alle 10 Minuten.

 C       Und was machen wir unterdessen?

 Grosi will jemand Schach spielen?

 D       Das machen wir denk auch auf dem Tablet.

 Grosi   An eurer Stelle würde ich jetzt mit dem Rollbrett raus gehen, sind sicher noch                     andere draussen.

 Vater          Denen ist es egal, wenn sie keinen Strom mehr haben, wie wollen verhandeln.                    Muss ja auch geübt werden!

 Die Kinder gehen jedoch auch täglich von selber raus und rennen herum.

 

Religiosität
Seite 223
Seite 223 wird geladen
24.  Religiosität
Religion aus meiner Sicht steht schon im Kapitel 2.3. "Waren die Eltern religiös"
 
Hier könnte ich reinschreiben, warum ich alle meine Kinder taufen liess. Man weiss nämlich nie, welche Frauen die Söhne als Erwachsene heiraten werden. Und prompt stammte die erste Schwiegertochter aus Oaxaca, Mexico. Die Familie war nicht wirklich praktizierend katholisch, jedoch Festtage wie Weihnachten oder Familienfeste wie Hochzeiten und Taufen wurden mit Pfarrer und Messe gefeiert.
 
Für die Anmeldung brauchte es nebst Geburtsurkunde Taufurkunde, und was ich nicht bedacht hatte, in Mexico jedenfalls noch eine Urkunde über die Firmung. Mein Sohn David stand also mit der Braut Lupita vor dem Schreibtisch des Pfarrers, welcher all die Papiere sondierte und dann fragte: "Und wo ist die Urkunde über die Firmung?"
 
David erschrak und liess sich durch den Kopf gehen, dass er jetzt noch in den Religionsunterricht und sich firmen lassen müsste, bevor er heiraten könne. Der Pfarrer blickte eine Weile auf die Taufurkunden und sagte dann: "Ah, hier steht es ja! Gut!"  
 
Das nenne ich mal "Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden können".
 
Eigentlich hatte ich im Sinn, mit den Kindern öfters am Sonntag die Messe zu besuchen. Nicht, weil man sonst in die Hölle komme, sondern weil es unsere Kultur ist, und weil ich noch mehr Kinder und diese ebenfalls taufen lassen wollte.
 
Es war damals die Zeit, wo schlimmes über Sekten in den Zeitungen stand. Gehirnwäsche, alles Geld wegnehmen, keine Vergnügen mehr, nur noch Arbeit, Kirche und beten. Viele Jungen hielten das für ein Abenteuer und schockierten damit ihre Eltern, was ihnen in der Pubertät besonders sinnvoll erschien.
 
Eine Kollegin aus dem KV war nach Amerika gereist, dort bei den Mormonen gelandet, nach wenigen Jahren heim geflüchtet, und wenig später hatte sie sich durch Freitod definitiv in Sicherheit gebracht.
 
Um meine Kinder von solchen Challenges abzuhalten, fand ich es das Beste, sie in den Religionsunti zu schicken und mit ihnen "allpott mal" in die Kirche zu gehen. Dann war Religion nichts interessantes mehr.
 
Der Pfarrer damals in Hallau, in den 80-er-Jahren, hatte den unangenehmen Tick, in den Predigten zu schimpfen über Leute, die nicht in die Kirche kämen. Ich erinnere mich an die Taufe von Flori, 1982, wie ich mich dafür schämen musste vor der Verwandtschaft. 
 
Es ist vollkommen sinnfrei, den Kirchgängern zu klagen, dass manche Leute nicht in die Kirche kämen, und darüber erzürnt zu schimpfen. Da hatte der heilige Geist nicht genau aufgepasst und den Pfarrer versehentlich nicht erleuchtet. 
 
Als das Nachbarmädchen Daniela den Religionsunterricht und Vorbereitung auf Erstkommunion antreten sollte, war sie das einzige Kind aus Trasi. Sonst gingen jeweils 3 oder noch mehr Kinder eines Jahrganges zusammen ins grössere Nachbardorf in die Pfarrei. Flori war noch ein Jahr jünger, aber wir beiden Familien fanden, die Kinder könnten zusammen den Unti besuchen und die Erstkommunion bekommen. Ob 9 oder 10 Jahre alt, was spielte das für eine Rolle!  Früher hat man schon 8-jährige an die Erstkommunion geschickt.  
 
Danielas Vater, Nachbar Urs, ist nun ein wirklich wohlwollender und diplomatischer Zeitgenosse, der telefonierte dem Pfarrer und fragte freundlich, ob man die beiden Kinder zusammen etc. Der Pfarrer putzte ihn barsch ab, nein, das komme nicht in Frage. Das würde ja bedeuten, dass man die Religion nicht ernst nähme. 
 
Wir Eltern besprachen uns mit den Kindern und wurden uns einig, dass man besser nicht zum gereizten und gnadenlosen Pfarrer in den Unti ginge, sondern dass man in diesem Fall gar nicht hin ginge. Es war nicht lebenswichtig. Richtig glauben taten wir das alles auch nicht. Gott erzürnte nicht darob, es widerfuhr uns keine Strafe.  


Während der Pfarrer 1997 in Oaxaca Mexico gnädig darüber hinweg sah, dass David nur getauft, aber nicht gefirmt war, ging das in Manila 2018 so aber nicht. Da wird alles genau nachgeprüft. Für die katholisch-kirchliche Trauung musste Clemi einen Kathechismus-Kurs in der Schweiz absolvieren, sich firmen lassen (was Bischöfe tun) und dann die Bestätigung in Manila einreichen.

Ja gut, dann macht man das doch! Den Kathechismus-Kurs bestand er ohne grossen Aufwand.

Der Vikar in der katholischen Kirche in Schwerzenbach (Pfarrer und Nachfolge-Pfarrer tragen gerade eine Fehde aus) meldete Clemis Firmung dem zuständigen Bischof an. Das ist der gnadenlose 'scharfe Hund' Vitus Huonder. Der bemerkte, dass das Brautpaar bereits an der gleichen Adresse zusammen wohnt.

Clemi und Vikar argumentierten, dass das Paar zivil verheiratet sei, und nun noch die kirchliche etc.

Der Bischof: wenn das Paar zusammen lebe, habe es doch bereits gesündigt. So könne er Clemi nicht firmen und dieser in Manila nicht kirchlich heiraten.

Jetzt beim Schreiben fällt mir ein, dass man die Sünde des vorehelichen Geschlechtsverkehrs einfach beichten könnte.

Jedenfalls versprach Clemi de