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Von Pius Helfenberger
Mir selbst über den Berg helfen - jo weleweg?
Es werden nur Texte von über 10 Seiten publiziert.
Zurzeit sind 236 Biographien in Arbeit und davon 113 Biographien veröffentlicht.
Vollendete Autobiographien: 53
 
Pius Helfenberger
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2.
Meine Eltern / 23.10.2017 um 20.03 Uhr
2.
Meine Eltern / 04.10.2018 um 21.11 Uhr
6.1.
Primarschulzeit / 04.11.2018 um 12.47 Uhr
1.
Erste Erinnerungen und Kindheit / 08.11.2018 um 21.45 Uhr
13.
Lebensfreude / 08.11.2018 um 21.47 Uhr
12.
Arbeiten / 15.11.2018 um 19.11 Uhr
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Vorwort
1.
Erste Erinnerungen und Kindheit
2.
Meine Eltern
2.1.
Meine Mutter
2.1.
Was fällt dir als erstes ein, wenn du an deine Mutter denkst?
2.1.
Gibt es ein bestimmtes Bild früheren Glückes, das dir im Zusammenhang mit der Mutter in den Sinn kommt?
2.1.
Woher stammt deine Mutter? Was weisst du über ihr Leben? Wie hat sie den Krieg erlebt?
2.1.
Wie würdest du sie beschreiben?
2.1.
Wie hast du sie als Mutter empfunden?
2.1.
Was waren ihre herausragenden Eigenschaften?
2.1.
Was habt ihr alles zusammen unternommen?
2.1.
Hast du dich an deine Mutter gewandt, wenn dir etwas auf dem Herzen lag? Woran erinnerst du dich speziell?
2.1.
Welches war der Beruf deiner Mutter, bevor sie heiratete? Hat sie diesen Beruf auch nach der Heirat ausgeübt?
2.1.
Hatte sie Hobbies oder Leidenschaften? Was konnte sie besonders gut? Was machte sie besonders gern?
2.1.
Wie haben sich die Eltern kennen gelernt?
2.1.
Wie kleidete sie sich? War ihr das wichtig?
2.2.
Mein Vater
2.2.
Was fällt dir als erstes ein, wenn du an deinen Vater denkst?
2.2.
Gibt es ein bestimmtes Bild früheren Glückes, das dir im Zusammenhang mit dem Vater in den Sinn kommt?
2.2.
Woher stammt dein Vater Was weisst du über sein Leben? Wie hat er den Krieg erlebt?
2.2.
Wie würdest du ihn beschreiben?
2.2.
Wie hast du ihn als Vater empfunden?
2.2.
Was waren seine herausragenden Eigenschaften?
2.2.
Was habt ihr alles zusammen unternommen?
2.2.
Hast du dich an deinen Vater gewandt, wenn dir etwas auf dem Herzen lag? Woran erinnerst du dich speziell?
2.2.
Welches war der Beruf deines Vaters bevor er heiratete? Hat er später seinen Beruf gewechselt?
2.2.
Hat er dich an seinen Arbeitsplatz mitgenommen? Wie war das?
2.2.
Hatte er Hobbies oder Leidenschaften?
2.2.
Hat dir/euch der Vater erzählt, wie er die Mutter erobert hat?
2.2.
Wie kleidete er sich? War ihm das wichtig?
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
3.
Meine Grosseltern
3.1.
Mein Grossvater väterlicherseits
3.1.
Was sind deine Erinnerungen an diesen Grossvater?
3.1.
Was weisst du noch über das Leben und die Lebensumstände deines Grossvaters? Wie war das z.B. im Krieg/in den Kriegen?
3.1.
Was habt ihr zusammen unternommen?
3.1.
QX J.G. Helfenberger, Arnegg - Hommage an meinen Grosssvater als Unternehmer der ersten Stunde
3.1.
Was war seine berufliche Tätigkeit?)
3.1.
Erinnerst du dich an seinen Tod?
3.1.
Wie hat er im Alter gelebt?
3.1.
Erinnerst du dich an Personen, die im Leben deines Grossvaters eine wichtige Rolle, positiv oder negativ, gespielt haben?
3.2.
Meine Grossmutter väterlicherseits
3.2.
Was sind deine Erinnerungen an diese Grossmutter?
3.2.
Was weisst du noch über das Leben und die Lebensumstände deiner Grossmutter? Wie war das z.B. im Krieg/in den Kriegen?
3.2.
Was habt ihr zusammen unternommen?
3.2.
Was für Selbstzeugnisse oder Objekte über deine Grossmutter existieren noch? Was bedeuten sie dir?
3.2.
Was war ihre berufliche Tätigkeit?
3.2.
Erinnerst du dich an ihren Tod?
3.2.
Wie hat sie im Alter gelebt?
3.2.
Erinnerst du dich an Personen, die im Leben deiner Grossmutter eine wichtige Rolle, positiv oder negativ, gespielt haben?
3.3.
Mein Grossvater mütterlicherseits
3.3.
Was sind deine Erinnerungen an diesen Grossvater?
3.3.
Was habt ihr zusammen unternommen?
3.3.
Was für Selbstzeugnisse oder Objekte über deinen Grossvater existieren noch? Was bedeuten sie dir?
3.3.
Was war seine berufliche Tätigkeit gewesen?
3.3.
Erinnerst du dich an seinen Tod?
3.3.
Wie hat er im Alter gelebt?
3.3.
Erinnerst du dich an Personen, die im Leben deines Grossvaters eine wichtige Rolle, positiv oder negativ, gespielt haben?
3.4.
Meine Grossmutter mütterlicherseits
3.4.
Meine Grossmutter mütterlicherseits
4.
Krankheiten und Unfälle
5.
Wohnen
6.
Primarschulzeit
6.1.
Grundschule Unterstufe
6.1.
Grundschule Unterstufe
6.1.
Grundschule Unterstufe
7.
Sekundarschule und/oder Gymnasium?
8.
Meine Freizeit
9.
Beziehungen in der Jugend
9.1.
Beziehungen als Teenager
9.1.
Beziehungen als Teenager
10.
Lehr- und Wanderjahre
11.
Armee
12.
Arbeiten
12.1.
Beruf oder Berufung?
12.1.
Hast du in deinem Leben verschiedene Berufe ausgeübt?
12.1.
Falls du mehrere Berufe ausgeübt hast, welches war dein Lieblingsberuf? Weshalb?
12.1.
Was hat dir an deiner Arbeit wirklich Freude gemacht?
12.1.
Gibt es etwas, das du viel lieber gemacht hättest? Weshalb hast du es nicht gemacht oder machst es nicht jetzt noch?
12.1.
Welche Überlegungen oder Umstände haben zur Wahl deines Hauptberufs geführt?
12.1.
Weshalb war dein Entscheid eine gute Wahl? Oder war es ein Fehlentscheid?
12.1.
Wie war dein Start ins Berufsleben?
12.1.
Was arbeiteten deine Jugendfreunde?
12.1.
Wie war die Arbeitswelt damals?
12.1.
Hattest du das Gefühl, dass deine Arbeit geschätzt wurde und du gefördert wurdest?
12.1.
Was trauten dir deine damaligen Freunde/Arbeitskollegen, deine Familie zu? Was du dir selbst?
12.1.
Wie lange dauerte es, bis du beruflich richtig Fuss fassen konntest?
12.1.
Ging dir deine berufliche Entwicklung zu schnell oder zu langsam?
12.1.
In welcher Form und in welchen Altersabschnitten musstest oder durftest du berufliche Verantwortung übernehmen?
12.1.
Musstest du je Entscheide von grosser Tragweite fällen? Worum ging es?
12.1.
Gibt es Menschen, denen du Unrecht getan hast?
12.1.
Hast du je ungesetzliche Handlungen begangen und kannst du darüber schreiben?
12.1.
Gab es auch lustige Episoden in deinem Arbeitsleben?
12.2.
Unternehmensgründung
12.2.
Hast du je ein eigenes Unternehmen gegründet oder selbständig gearbeitet? Falls nicht, bereust du, es nicht versucht zu haben?
12.2.
Wie hiess dein Unternehmen, und worin bestand die Tätigkeit?
12.2.
Wie ging der Aufbau dieser Unternehmen vor sich?
12.2.
Welches waren deine Erfolge oder Misserfolge? Wie bist du damit klar gekommen?
12.2.
Welches waren die grössten Schwierigkeiten/Rückschläge, und wie hast du sie überwunden?
12.2.
Welche Weggefährten waren für dich besonders wichtig?
12.2.
Sind deine Erwartungen ans eigene Unternehmersein erfüllt worden? Inwiefern und inwiefern nicht?
12.3.
Berufs- und Stellenwechsel
12.3.
Wie und wann hast du dich das erste Mal beruflich verändert?
12.3.
Was waren die Folgen dieser Veränderung oder späterer Veränderungen?
12.3.
Bei welcher Arbeit bzw. bei welchem Arbeitgeber hast du dich am wohlsten gefühlt?
12.3.
Falls du noch arbeitest, gibt es noch berufliche Ziele, die du erreichen möchtest?
12.4.
Auslandaufenthalte
13.
Lebensfreude
14.
Eine Feststellung, ein Wunsch, aber auch Fragen
Meinen Enkelinnen Milena und Martina
1
Vorwort
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  Vorwort

Ein kleines Dorf im Schatten der Fürstenländer Metropole, ohne eigene Kirche und Schule, aber mit einem Bahnhof, vier Beizen, einer USEGO-Kolonialwaren-Handlung, vielen Bauernhöfen, einigen Gewerbebetrieben und einer Fabrik mit einem kauzigen Patron, der zusammen mit seiner ledigen Tochter die das Dorf beherrschende Fabrikantenvilla bewohnt: trotz Anklängen an Güllen mit dem "Besuch der alten Dame" von Friedrich Dürrenmatt kein Krimi, sondern eine Ostschweizer Familiengeschichte aus der zu Ende gehenden Stickereizeit bis zu den Siebzigern des letzten Jahrhunderts.

Erste Erinnerungen und Kindheit
Seite 1
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit
 
 


(1) « Das Geschlecht der Helfenberger erscheint bereits im 14. Jahrhundert als in die Stadt (St. Gallen) Eingewanderte, auf Gossauer Boden im Jahre 1395. Die ersten Generationen treten als Schmiede auf, spätere als Müller, Tischmacher, Glaser, Schneider, Schuhmacher, Kupferschmiede und Zinngiesser. Mehrere walteten als Dorfvögte. » (Paul Staerkle, Geschichte von Gossau, 373)

 VOM KLEINEN ELEFANTEN, DER SICH AUFMACHT, ÜBER DEN BERG ZU GEHEN.

 

« Das Geschlecht der Helfenberger erscheint bereits im 14. Jahrhundert als in die Stadt (St. Gallen) Eingewanderte, auf Gossauer Boden im Jahre 1395. Die ersten Generationen treten als Schmiede auf, spätere als Müller, Tischmacher, Glaser, Schneider, Schuhmacher, Kupferschmiede und Zinngiesser. Mehrere walteten als Dorfvögte. » (Paul Staerkle, Geschichte von Gossau, 373)

 

 

Szenen aus dem Landleben im Fürstenland*) der vierziger- und fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts


 *) Fürstenland der Schweiz. Die Schweiz hat zwar keine Fürsten, aber ein Fürstenland.
Das Fürstenland erstreckt sich etwa von Wil über die Hügellandschaft nördlich von St. Gallen bis nach Rorschach. Und wie kam das Fürstenland zu seinem Namen? Bis 1798 war das Gebiet Teil des Herrschaftsgebietes der sogenannten Fürstabtei St. Gal­len, und die hiess so, weil der Abt gleichzeitig weltlicher Fürst war.
Wandern mit Heinz Staffelbach: Berg und Burg. (NZZ am Sonntag, 01.05.2016)

 

KRIEG, KRIEGSENDE UND BESEITIGUNG DER RELIKTE

Mitten im Krieg, am 24. September 1942 war mein Bruder Othmar Ulrich zur Welt gekommen. Wegen eines Herzfehlers hatte er sich nur ungenügend entwickelt, kränkelte und verstarb am 14. Februar 1943, keine fünf Monate nach seiner Geburt, auf den Tag genau acht Monate vor meiner Geburt. Als ich am Donnerstag, 14. Oktober 1943 als zweites Kind der ehrbaren Eheleute Alfons und Marie Helfenberger-Güntensperger das Licht der Welt erblickte, stand diese Welt noch immer im Krieg.


Kein Zweifel, die Schweiz war vom Weltenbrand betroffen, auch wenn man sich an Überflüge und damit an Neutralitätsverletzungen offenbar gewöhnt hatte. Während der deutschen Offensive gegen Frankreich und den damit verbundenen Grenzverletzungen deutscher Flugzeuge war es im Juni 1940 zu Luftkämpfen über Schweizer Hoheitsgebiet gekommen. Die harten Fakten: 70 Mal wurden Bomben auf die Schweiz abgeworfen. Dabei wurden 84 Personen getötet, 260 verletzt. 105 Militärflugzeuge (in der Mehrzahl von der deutschen Luftabwehr getroffene alliierte Maschinen) landeten in der Schweiz und deren Besatzungen wurden bis zum Kriegsende interniert.

Einige der in der Schweiz zwischen 1939 und 1945 7’379 ausgelösten Fliegeralarme dürften auch meinen Eltern den Schlaf geraubt haben. Doch auch bei ihnen macht sich Ende 1942 eine gewisse Hoffnung  breit, als sich im Kriegsgeschehen die Wende abzeichnet. Gleichzeitig wird der Krieg, gerade in den grenznahen Gebieten, zu denen auch die Ostschweiz und damit der Kanton St. Gallen gehören, für die Bevölkerung spürbarer und bedrohlicher. Als die Stadt Schaffhausen bombardiert wird, 371 Brand- und Sprengbomben auf die Munoth-Stadt niedergehen, 65 Grossbrände auslösen und 40 Menschen töten, bin ich noch kein halbes Jahr alt. Auch wenn die Schweiz von kriegerischen Handlungen weitgehend verschont bleibt: Ungewissheit und Entbehrungen prägen den Schweizer Alltag. Auch in unserer Familie ist der Krieg hautnah spürbar. Seit November 1940 sind auch im Hause meiner Eltern die Fenster nachts mit dunklen Tüchern verhüllt. Die Schweizer Regierung hat, wohl auch auf Druck der Deutschen, die Verdunkelung angeordnet, um die Orientierung der Alliierten an der beleuchteten Schweiz zu verhindern.
 
Mein Elternhaus in Arnegg ist zentral gelegen und hat zu dieser Zeit für die Arneggerinnen und Arnegger gewissermassen überlebenswichtige Bedeutung. In den Büroräumlichkeiten im Parterre werden nämlich die Rationierungskarten und -marken ausgegeben. Im Dezember 1942 bestehen die Monatsrationen für einen Erwachsenen aus 500 g Zucker, Konfitüre, Honig oder Kompott; für die Marke 500 g Konfitüre konnte man wahlweise 2 kg Kompott bekommen − beides brauchte man als «Gschwellti»-Aufstrich, denn Brot ist ja rar. Zur Monatsration gehören auch je 250 g Reis und Teigwaren, 500g Hülsenfrüchte, 400 g Mehl, Gries, Mais oder Getreideflocken. Mit Fettstoffen kann man nicht schlemmen, denn man hat Anrecht auf 250 g Speisefett, 3 dl Speiseöl, 100 g Butter und 200 g Bratbutter oder Speisefett. Zu zwei Eiern kommen 50 g Trockenpulver, immerhin 400 g Vollfettkäse oder andere Käsesorten. An Brot- und Backwaren dürfen im Tag 225 g verzehrt werden, die 1000 Punkte für Fleisch, Fleischwaren und Fleischkonserven pro Monat reichten auch nicht weit.
 
Rationierungskarte

 

 

Die Rationierung zwingt zu Einschränkungen, im Vergleich zu unmittelbar vom Kriegsgeschehen betroffenen Ländern lebt die Schweiz allerdings immer noch wie im Paradies. Die Zeit der Rationierung war nicht durchwegs negativ. In der Rückschau konnte man feststellen, dass der Mangel an Zucker den Kariesbefall der Zähne der Schweizerinnen und Schweizer, insbesondere der Kinder, merklich gesenkt hatte. Es gab auch weniger durch Übergewicht bedingte Kreislauferkrankungen - niemand sprach von speziellen Diätkuren. Notzeiten machen bekanntlich erfinderisch, und so liess man sich denn Sparrezepte aller Art einfallen. Man erfand Kartoffeltorten und Gemüsegulasch, Rüeblikonfitüre und Desserts mit Birnendicksaft; Wildgemüse wurde verwertet, und im Herbst sammelten die Kinder «Buechnüssli» zur Ölgewinnung.

In meinen ersten Lebensjahren bin ich so etwas wie das Maskottchen der Rationierungs-Leute aus Gossau. Sobald ich selbständig Treppen steigen kann, suche ich in den Büroräumlichkeiten im Parterre immer wieder deren Nähe. Wohl weniger weil dort Betrieb herrscht, sondern weil die Beamten mich mögen und bisweilen auch etwas Süsses für mich bereit halten. So gerate ich schon ganz, ganz früh in die Fänge der Administration.

Während des Krieges ist mein Vater als Hilfsdienstpflichtiger in der Ortswehr eingeteilt. Als Kind hatte ich nie  richtig kapiert, welches genau sein Auftrag war. Ich wusste nur, dass mein Vater kein Gewehr getragen hatte und mit Sicherungsaufgaben betraut und hin und wieder aufgeboten wurde. Zur Zeit meiner Geburt weilt er in Sevelen, im St. Galler Rheintal, wo er als Telephon-Ordonnanz Posten steht.

Mit Hilfe einer Hebamme bringt mich meine Mutter – wie auch  meine beiden jüngeren Geschwister – zu Hause zur Welt. Zu jener Zeit sind Hausgeburten der Normalfall. Es ist belegt, dass bereits im Appenzellerland der 1840er Jahre Geburten nach Möglichkeit daheim in der biedermeierlich ausgestatteten Kindbettkammer und auf dem familieneigenen Gebärstuhl stattfanden - also weitgehend in Eigenverantwortung der mündigen Bürgerin. Nur wer ledig war oder armengenössig, suchte Zuflucht im Spital (also beim Staat).
 
Über den Gemütszustand meiner Mutter zu dieser Zeit ist nichts bekannt – ausser einer von ihr verfassten kleinen,  mit dem 27. September 1943 datierten, handschriftlichen Notiz, die ihr Gewicht enthält:  71,5 kg.

Persönliche Notiz meiner Mutter vom 27.09.43, ihr Gewicht betreffend

 

Die Geburt wird Vater am Morgen des 15. Oktober gemeldet. Er kann die Meldung persönlich am Telefon entgegennehmen. Ob er deswegen gleich Urlaub bekommen hat, weiss ich nicht.


Getauft werde ich am Sonntag, 17. Oktober 1943, nur drei Tage nach meiner Geburt, in der Pfarrkirche St. Othmar in Andwil. Taufpaten sind Onkel Johann und die erst 18jährige Tante Klara aus Weinfelden. Ein Taufbild gibt es nicht. Fotoapparate sind zu dieser Zeit selten und Fotografieren den Professionellen vorbehalten. Mamas Liebe zu Bild und Ton kommt erst später zum Tragen.

Die Brutalität des Krieges, von der die Schweizer sonst nur indirekt betroffen waren, manifestiert sich in meiner engeren Heimat ganz besonders in den schweren Luftangriffen auf das am Nordufer des Bodensees gelegene Friedrichshafen. In diesem Zusammenhang war es zur Bruchlandung von gleich 16 US-Bombern auf Schweizer Boden gekommen. Exakt am 14. Oktober 1943, dem Tag meiner Geburt, erfolgt die Notlandung einer fliegenden US-Festung in Aesch/BL, nicht weit weg von Münchenstein, meiner zweiten Heimat.
 


(4) Inschrift am Denkmal, das an die Notlandung des amerikanischen B-17-Bombers «Lazy Baby» erinnert, nahe beim Schlatthof zwischen Aesch und Ettingen
Inschrift am Denkmal, das an die Notlandung des amerikanischen B-17-Bombers «Lazy Baby» erinnert, nahe beim Schlatthof zwischen Aesch und Ettingen

Bin grad am Lesen Ihrer Biografie und bin Ihnen dankbar, dass Sie Fakten des Krieges hier so genau beschreiben. Ich hatte bisher nie gehört, wie stark die Schweiz in gewissen Gebieten von Bombern und Bomben betroffen war. Auch wie die Rationierung aussah, die Sie so genau beschreiben, wusste ich nicht.

Kommentar meines etwas älteren Ostschweizer Kollegen Bruno Krähenbühl aus der Bodensee-Region :Auch meine Kindheit fällt in die Zeit des 2. Weltkriegs. Die Fliegerangriffe auf Friedrichshafen habe ich am Südufer des Bodensees in Uttwil erlebt. Die Schilderungen der damaligen Ereignisse (Fliegerangriffe, Rationierung) hat der Autor sehr realistisch dargestellt. Dafür verdient er Dank und Anerkennung. Mein Vater war damals Grenzwächter. Unsere Familie wohnte im Zollamt Uttwil. Immer wieder waren wir dort auch mit Flüchtlingsdramen konfrontiert. Es war eine interessante aber auch bedrückende Zeit. Auch meine Kindheit fällt in die Zeit des 2. Weltkriegs. Die Fliegerangriffe auf Friedrichshafen habe ich am Südufer des Bodensees in Uttwil erlebt. Die Schilderungen der damaligen Ereignisse (Fliegerangriffe, Rationierung) hat der Autor sehr realistisch dargestellt. Dafür verdient er Dank und Anerkennung. Mein Vater war damals Grenzwächter. Unsere Familie wohnte im Zollamt Uttwil. Immer wieder waren wir dort auch mit Flüchtlingsdramen konfrontiert. 

Auch für die Reaktion meines um ein Jahr älteren Schulfreundes Otmar bin ich dankbar. Er hat seine frühe Kindheit in Moulen verbracht und auf meine Ausführungen wie folgt reagiert: "Einiges deckt sich mit meinen Erinnerungen, so die Bombardierungen auf Friedrichshafen. Muolen war in der Anflugschneise der alliierten Bomber. Noch Jahre später rannte ich ins Haus, wenn ich ein Flugzeuggeräusch hörte. Hunger hatte ich nie. Im Bauerndorf Muolen bekam man immer wieder "schwarz" Nahrungsmittel. Zu den ersten Wörtern, die ich sagte, gehörte "Eier swaz". 

Es war eineh bedrückende Zeit. Als die Stadt Friedrichshafen in der Nacht vom 20. auf 21.Juni 1943 bombardiert wird, sind die furchtbaren Detonationen und der infernalische Feuerschein von unserem Haus in Arnegg aus gut zu sehen. Bis im Juni 1944 folgen insgesamt 11 Luftangriffen der Alliierten auf die Zeppelin-Fertigungshallen. Obwohl  ich einen Teil davon nur im Mutterleib erlebe,  müssen diese Bombardements  auch bei mir traumatische Eindrücke hinterlassen haben. Auch bilden sie immer wieder Gegenstand von Erzählungen im Familienkreis. Schon als kleines Kind bin ich ängstlich und suche dem Vernehmen nach mit Vorliebe unter Grossmutters und Mutters Rockstössen Zuflucht. Noch in der Primarschulzeit ängstigen mich feurig-rote Gewitterstimmungen am Himmel.

 


WER NIE AUF DEM BLECHTOPF SASS. Ganz offensichtlich hat man im elterlichen Hause dem Frieden nicht so recht vertraut. Noch lange fristeten die Verdunklungsvorhänge und die  metallummantelten Verdunklungslampen mit den blauen Birnen in den Lagerräumlichkeiten ihr trauriges Dasein. Später hüllen wir uns beim Versteckspiel in die inzwischen staubig gewordenen Verdunklungsvorhänge. Schon früh entdecke ich hinter den Vorhängen  ein seltsames Gebilde aus Draht und weissen Perlen. Zwar hatten mir meine Eltern ausdrücklich verboten, damit zu spielen. Wie ich später erfahre, handelte es sich dabei um einen „Chrällelichranz“, einen recht dauerhaften Grabschmuck, der noch vom Grab meines verstorbenen Bruders Othmar stammt. Später entfalteten wir die Vorhänge ganz, hüllten uns darin ein, bis sie vollständig zerrissen waren und entsorgt wurden. Still und leise  ist eines Tages auch der Grabschmuck verschwunden. Später bin ich noch  auf den „Chrällelichranz“ gestossen,  auf Flohmärkten. Als «Pièce de résistance» sind dort bisweilen noch jene multifunktionalen Gebilde aus Holz mit Rädchen und Zählrahmen zu finden, in die man mich und meine Geschwister als Kleinkinder gesetzt hatte, auch zu Tisch. Clou des Ganzen war das Loch im Sitz. Darin konnte ein Blechtöpfchen befestigt werden, in welchem sich der Urin sammeln konnte, alles recht praktisch, vor allem in der warmen Jahreszeit, denn dank des blechernen Untersatzes mussten weniger Windeln gewaschen werden.
 


(5) Kindersitz aus der Zeit, äusserst polyvalent, hier als Hochsitz und ganz ohne Blechtopf

Kindersitz aus der Zeit, äusserst polyvalent, hier als Hochsitz und ganz ohne Blechtopf

 

Wegwerfwindeln und eine Kehrichtabfuhr gab es nämlich zu dieser Zeit in Arnegg noch nicht. Alles Brennbare wird im Ofen oder im Herd verbrannt, Ende der vierziger Jahre wurden wohl auch die zerfetzten Verdunklungsvorhänge. Gartenabfälle wurden im Garten  kompostiert, kleinere Küchenabfälle wie ein Teebeutel oder so verschwinden schon mal durchs offene Küchenfenster  Richtung Bach – eine Art Express-Entsorgung.  Der unbrennbare Kehricht wird dann und wann  in einer Deponie entsorgt. Zu diesem Zweck lädt Vater den Tieflader-Veloanhänger mit Unrat, vor allem Büchsen und Scherben und fährt damit zur offiziellen Arnegger Kehrichtdeponie. Das Tobel, in das der Müll gekippt wird, befindet sich in abgelegener, recht romantischer Lage in Nähe der Grenze zur Gemeinde Hauptwil bzw. zum Kanton Thurgau. Als ich später als Ältester diese Entsorgungsaufgabe zu übernehmen habe, kommt  mir dies nicht einmal so ungelegen, denn die Kehrichtgrube ist für Entdeckungen und Überraschungen immer gut. Unvergesslich bleibt mir, wie dort, am Rande der Deponie, ein Mann während mehr als eines Sommers campierte. Ich erinnere mich sehr wohl an sein kleines Zelt, nicht aber an ein Gespräch mit ihm. Wir Kinder mieden den hochdeutsch sprechenden Naturfreund und fragten uns, was diesen etwas seltsamen Mann wohl veranlassen konnte, die Sommerfrische bei der Deponie zu geniessen.  Hatte er nach wiederverwertbaren Altmetallen gesucht oder  war er ein Vorläufer von Gossau Tourismus?
 
Zu meinem ersten Geburtstag und zum ersten Jahrestag meiner Taufe erhielt ich von meinm Götti Johann ein gerahmtes Portraitfoto. Auf dessen Rückseite war mir mit grüner Tinte die handschriftliche Widmung angebracht:„Mögest auch du zunehmen so wie an Alter, als auch an Weisheit und Gnade bei Gott und den Menschen.“




(6) Johann Helfenberger (1896 – 1983) Lehrer in Meistersrüte-Appenzell
Johann Helfenberger (1896 – 1983) Lehrer in Meistersrüte-Appenzell

Er war in der Wohnstube stets präsent, dieser mahnende Pädagogen-Blick meines Götti-Onkels. Im Übrigen war meine frühe Kindheit unbelastet. Das sagt sich so leicht, aber  es war tatsächlich so − zumindest bis zur Geburt meines Bruders! Jedenfalls ist über ernsthafte Erkrankungen nichts bekannt. Ursachen meiner Furchtsamkeit dürften zum einen gewisse frühkindliche Erlebnisse während der letzten Kriegsjahre, zum anderen die Angst meiner Eltern nach dem Verlust ihres Erstgeborenen gewesen sei


 


(7) Mama mit ihren beiden Söhnen Pius (l) und Gallus (um 1948)

Mama mit ihren beiden Söhnen Pius (l) und Gallus (um 1948)

 

 

Zum Glück haben wir während der Kriegs- und Nachkriegsjahre nicht wirklich unter Entbehrungen zu leiden. Dennoch war dieser oder jener Zustupf vom grosselterlichen Hof  sehr willkommen. In Erinnerung bleibt mir ein grosser Blechkessel mit bestem Bienenhonig aus den Wäldern vor Weinfelden.  Bienenhonig ist sehr lange haltbar!
 

.

 
 
 
Was weisst du über deine Geburt?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Was weisst du über deine Geburt?
 
 
 
 
 
Namen als Programm
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Namen als Programm

„Am Anfang war das Wort“, besagt die Schöpfungsgeschichte von Matthäus, und die Paläobiologen bestätigen, dass der Homo sapiens nach geraumer Zeit erkannte, dass sich die flüchtigen Laute, zu Worten gefasst, auch bildlich mit gegenständlichen oder abstrakten Zeichen festhalten liessen. Also:

Am 17. Juni 1946 erfolgte die Geburt meines Bruders Gallus Othmar. 

Auch bei dieser Namensgebung  dürfte Onkel Johann ein gewichtiges Wort mitgesprochen haben. Gallus und Pius,  zwei lateinische Namen, aber auch zwei Programme.
  • Gallus, der Hahn, erster Heiliger der Schweiz, der vor 1400 Jahren den Grundstein für die Stadt St. Gallen gelegt haben soll.

  • Pius, der Gottesfürchtige; du ruhst in Dir, bist immer friedlich,  schlichtest jeden Streit noch gütlich. So schaffst du, was sonst keiner schafft – in Deiner Ruhe liegt die Kraft!
Was  meinen Vornamen anbetrifft, war ich zu lange zu sehr auf Pius X. und Pius XII. fokussiert. Nach meiner Immatrikulation an der Juristischen Fakultät der  Universität Basel bin ich auf Pius II. aufmerksam geworden, Papst von 1458 bis 1464, bedeutender Humanist, Schriftsteller, Historiker, lateinischer Poet und Gelehrter, Verehrer Boccaccios und begeistert von den Klassikern. Von ihm hatte im November 1459  der Rat der Stadt Basel  eine Stiftungsurkunde für die neue Universität erhalten. Dessen Namen trage ich inzwischen mit  einigem Stolz, vor allem seit ich weiss, dass er auch am Konzil von Basel als Enea Silvio Piccolomini massgeblich mitgewirkt und sich später sehr mit der Niederschrift seiner Autobiographie beschäftigt hat, den „Commentarii“, der einzigen Papst-Autobiographie überhaupt.
 
WARUM TUE ICH MIR DAS AN ODER DIE SUCHE NACH DEM AUTOBIOGRAPHIE-TRIEB?
 
Dies dürfte sich damals wohl auch mein sehr bewunderter Namensvetter Pius II.  ab und zu gefragt haben. Doch heutzutage schreiben alle ihre Biografie, Schauspieler, Talkmaster,  so gut wie Politiker, eigenhändig oder mit einem Autoren oder Ghostwriter. Ich tue alles sicherlich nicht, um mich hier einzureihen. Aber weshalb denn wirklich?

„Am Anfang war das Wort“, besagt die Schöpfungsgeschichte von Matthäus, und die Paläobiologen bestätigen, dass der Homo sapiens nach geraumer Zeit erkannte, dass sich die flüchtigen Laute, zu Worten gefasst, auch bildlich mit gegenständlichen oder abstrakten Zeichen festhalten liessen. Also:

  • So ganz schädlich kann Schreiben  nicht sein.
    Während der letzten Phase meiner beruflichen Tätigkeit hat mich das Niederschreiben von Alltagserfahrungen vor vielleicht Schlimmerem bewahrt.
  • Vielleicht macht Schreiben glücklich? (Louis Begley)
  • Aber muss es denn  ausgerechnet die eigene Vergangenheit sein?
    Familiengeschichte, Herkunftsgeschichte, das ist ein steter Kreislauf. (Agnès Jaou, Schauspielerin, Regisseurin und Autorin)
 
     Doch die Sache hat diesen oder jenen Haken.
  • Wir sollen  dazu neigen, unsere Jugendzeit zu verklären. (Ich bin gewarnt.)

  • Auch das Niederschreiben ist Ausdruck von Haben, nicht von Sein. (Erich Fromm:   Haben oder Sein). Späte Erkenntnis. Better late than never!
Welche Rolle spielten in deinem Leben deine Patin und dein Pate für dich?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Welche Rolle spielten in deinem Leben deine Patin und dein Pate für dich?


(1) Eines der seltenen Bilder aus gesunden Tagen: Taufpatin Klara mit ihrem Gottenkind im Garten
Eines der seltenen Bilder aus gesunden Tagen: Taufpatin Klara mit ihrem Gottenkind im Garten

 

(2) Sommer 1945, ein Jährchen später: Götti Johann mit Pius im Garten

Sommer 1945, ein Jährchen später: Götti Johann mit Pius im Garten

 

 

 

 

 
 

Ein Tag im Leben der Familien Helfenberger um die Mitte des letzten Jahrhunderts
 
Mitten im Sommer, am 8. Juli 1949 war Schwesterchen Anna Maria Elisabeth zur Welt gekommen. Einen ausserordentlich tiefgründigen Einblick in die Zustände nach ihrer Geburt gibt der Brief von Götti Johann an Gotte Klara. Er hat diesen am 3. August 1949, also unmittelbar nach einem Aufenthalt  in Arnegg zuhanden von Gotte Klara verfasst und dabei ziemlich aus der Schule geplaudert. 

Liebe Klara
Zu allererst will ich Dir nun Bericht erstatten, wie es in Arnegg bei unsern Lieben geht.
Ich fange gerade mit dem Kleinsten an, mit dem Lisebethli. Das Töchterchen ist ja nun schon bald einen Monat alt. Es ist munter und gedeiht aufs beste und ist recht brav. Nur wenn es Hunger hat, so lässt es sich schon gewaltig hören. Der Aufenthalt im Freien hat ihm schon besonders wohl getan, man konnte das tagtäglich konstatieren. Am 17.Juli, also acht Tage nach dem Tauftag hat es mich zum ersten Mal angelacht. Ich sagte zwar nicht gleich etwas davon, erst im Verlauf der Woche beim Tischgespräch kam ich darauf zu sprechen. Marie sagte nun das Gleiche, jedes hat also das erste Lachen fast als Geheimnis hingenommen und behütet im Glauben, dass die andern es ja doch nicht für wahr gelten liessen. Bädele tut’s recht gern. Das Herumtragen und in Gesellschaft sein gefällt ihm auch recht wohl. Du bekommst also wieder reichlich Arbeit als „Helfmutter“.
Gallus war vor acht Tagen im Bett. Er hatte sich erkältet und hatte Fieber. Jetzt geht’s wieder besser, die Sache löst sich, so dass er momentan oft eine Schnudernase hat und im Schösschen immer das Schnupftuch nachtragen muss. Sonst ist er immer der gleiche liebe Bub.
Pius musste vom Montag bis am Samstag im Bette sein. Er hatte immer etwas Fieber und Husten. Als dann am Samstag die Fahrer von „La Tour de Suisse“ in Arnegg vorbeikamen, durfte er aufstehen und von da an ging es wieder besser. Pius muss schon etwas in den „Senkel“ gestellt werden. Beim Spiel regiert er alles, zerrt alles hervor und versorgt es nicht, hat gern das letzte Wort und glaubt, man müsse immer nur tun, was er wolle.
Am 1. August habe ich beiden ein Lampion gekauft und ein paar Sternenregen. Wir feierten dann Augustfeier vor dem Haus. Mit den brennenden Lampions durften sie dann ums Haus marschieren, und die Sternenregen wurden abgelassen. Im Scheine der brennenden Lampions haben dann die beiden Buben in der Kammer das Nachtgebet gebetet.
Marie (Mutter) geht es ganz gut. Sie arbeitet vom Morgen früh bis am Abend spät. Jetzt hat sie ja erst recht alle Hände voll zu tun, drinnen und draussen.
Alfons (Vater) ist immer der gleiche. Er ist nicht immer beim Bettzeitläuten zu Hause. Das Kindchen trägt er noch gern herum, es sieht zwar oft etwas gstabig aus, wenn das kleine Geschöpf auf seinem Arme ruht.
Der Grosi (Grossmutter väterlicherseits) geht es ordentlich. Sie hat fast jeden Tag „Modeschau“, Sommer- und Winterkleider übereinander, Rock und Schoss in die Hosen gestopft. Letzthin hat sie die Eier droben auf dem Estrich im Kindshafen versorgt. Natürlich steht sie immer am Waschtrog und reibt am Geschirr, am Tisch und Trog.
Als ich in Arnegg weilte, kam Fredli (Alfred, Onkel mütterlicherseits) zweimal kurz auf Besuch. Mit dem Töff ist er ja schnell in Arnegg. Beim ersten Mal war Lina (seine Frau) dabei und letzten Sonntag die Schwester von Lina, Heidi.
Leo (Onkel väterlicherseits) war auch letzten Sonntag zu Hause, um sein „Gotteli“ (Gottenkind) zu besichtigen. Pius und Gallus hatten natürlich wieder Hochbetrieb und liessen ihm wenig Ruhe.
Und wer kommt jetzt noch dran, die Kätzchen. Alle drei sind noch am Leben und drohlen sich hinter dem Haus herum, also eine ganz lebhafte Gesellschaft. Pius, als Regent, dann seine Trabanten Gallus und Kurt Hefti, Vreneli und Noldi Forster und zwischen hinein und zwischen drin die jungen Katzen.
Und wie geht es Dir? Du hast schon prächtiges Kurwetter erraten. Du wirst auch wieder viel gesehen und gehört haben und allerlei zu erzählen wissen. Freust Dich auf die Heimkehr? Denk ja!
 
Auch wenn es in unserem Elternhaus einfach zu und her ging, Arbeit war in Haus und Garten für alle in Hülle und Fülle vorhanden, die Frage, ob sich Klara auf ihre Rückkehr freuen würde, daher reichlich rhetorisch.


Die Küche meiner Kindheit
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Die Küche meiner Kindheit
Die Küche meiner Kindheit

FEINES VOM KACHELOFEN. Anfangs der fünfziger Jahren  gab es sie bei uns zu Hause noch dieses wohlvertraute Essen mit  der vom grosselterlichen Haushalt herrührenden, ursprünglich bäuerlichen oder häuslichen Dörrkultur, die einst vielen Familien das Überleben gesichert hatte. Im Herbst wurden die mit Obst belegten Gitterroste in den Ofen geschoben. Der traditionelle Obstbau war primär auf die Selbstversorgung ausgerichtet. Die getrockneten Früchte bedeuteten im Winter eine wertvolle Ergänzung zu einer eher einseitigen Ernährung mit Milchprodukten, Brot und Fleisch - eine Kreislaufkultur, in welcher Birnen, Äpfel, Zwetschgen die Hauptrolle spielten. Gedörrtes Obst bildete eine wichtige Ernährungsgrundlage. Im Vorratszimmer lagerten die gedörrten Birnen- und Apfelschnitze sowie Zwetschgen gleich kesselweise. Dort pflegte ich mich heimlich zu bedienen, wenn ich wieder mal ohne Znacht ins Bett musste.

EINMACHZEIT. Ein Bild, das in meiner Erinnerung haftet: «Man kann aus allem Konfitüre machen. Es ist nur eine Frage der Phantasie». So viel Phantasie brauchten Mutter und Klara gar nicht, denn Himbeeren, rote und schwarze Johannisbeeren, Stachelbeeren, auch Früchte wie Zwetschgen und Pflaumen, aber auch Rhabarber, alles frisch und meist in Unmengen, standen zur Verarbeitung bereit. Kein Wunder also, dass auf dem Tisch unseres Elternhauses kaum gekaufte Konfitüre zu sehen war. Im Keller standen die Gläser mit Konfitüre und Kompott in Reih und Glied. Und wenn mal ein Glas nicht mehr so ganz „comme-il-faut“ war, wurde es nicht gleich weggeschmissen, sondern die oberste Schicht sorgfältig abgeschöpft.
 
AM FRITIG FLADE*), AM SAMSTIG POT-O-FÖÖ! Mutter hat sich  weniger den Kopf darüber zerbrechen müssen, was sie wohl gerade auf den Tisch bringen wollte, denn zu einem guten Teil bestimmten die Wochentage das Menü. Am Mittwoch gab’s oft Wurst in allen Formen und Farben, im Winter dampfende Blut- und Leberwürste mit Kartoffeln und Apfelschnitzen.
 
*) Flade: (Wähe mit Saisonfrüchten).

NICHTS FÜR VEGETARIER! Weniger appetitlich – zumindest aus heutiger Sicht – und nicht Wochentag-abhängig war «Gestell», also Ragoutstücke von Kalbsherz, Lunge und Nieren. Gestell war beliebt und wurde damals in der Ostschweiz ab und zu noch aufgetragen. Wochen-tags dominierten die weniger edlen Fleischstücke, eben auch Innereien, niemals aber am Freitag. Das galt rigoros. Der Freitag war oft Fischtag. Dumpfe Schwaden im Treppenhaus haben die in  der schwarzen Bratpfanne im Öl ausgebacken Kabeljau-Schnitten jeweils schon angekündigt. Es waren diese Fischdüfte, die wohl noch am Nachmittag in den Kleidern hockten, denn gegessen wurde  in der Küche. Später kamen auch bei uns die als fingergrosse Portionen panierten Fischstäbli in Mode. Mit Petersilienkartoffeln und Mayonnaise haben alle am Freitag wieder mit Freude Fisch gegessen, abwechslungsweise mit «Flade». 

Süssspeisen waren häufig auf dem Tisch, auch am Mittag, entweder in Form von Mais- oder Griessschnitten oder Brotrösti, zusammen mit Kompott, einfache und währschafte Mahlzeiten, wohl eher auf uns Kinder zugeschnitten als auf die Erwachsenen. Vater hielt sich dann mit einem Zvieri schadlos, mit etwas Käse oder Wurst. Besonders angetan war er von Ölsardinen aus der Dose oder auch von einem frischen, geschlagenen Ei, das er mit hörbarem und sichtlichem Genuss geschlürft hat. Wir Kinder standen da eher auf Hafer- oder Griessbrei oder ganz einfach auf «Baibrot» (mit etwas Butter im Ofen oder in der Bratpfanne getoastete Schwarzbrotscheiben) oder Tee, für die Erwachsenen Café complet.

Auch Omeletten, meist begleitet von einem Früchtekompott, schätzten wir sehr. Im Sommer war Götterspeise immer ein Hit. Früchte aus dem Garten waren beliebt, Gemüse weniger. Mutter zog so ziemlich alles en masse, von den Tomaten und Stangenbohnen bis hin zu Kohlrabi und Kartoffeln. Ich erinnere mich an Mutters grosse, lange und kiloschwere Zucchetti, die damals gerade so richtig in Mode gekommen waren. Jeder wollte die grössten haben. Und Mutter verarbeitete die schweren Dinger entweder (mit Tomaten, Zwiebeln, Kartoffeln und Bohnen) zu einer Art Ratatouille. Oder es gab gefüllte Zucchetti. Ganz speziell à la Mama war die Verbindung von Zucchetti und Ananas!

Mutter hatte sie sich noch kaum den Kopf über raffinierte Zubereitungsarten zu zerbrechen.  Zutaten und Mengenangaben waren relativ unverbindlich. Abgewogen wurde selten, genommen wurde, wie es in die Finger kam, ein bisschen wie bei einer italienischen Nonna. Mama war vor allen Dingen wichtig, dass die Fünfziger-Note, die Vater jeweils in die aus Draht gefertigte Haushaltkasse zu legen pflegte, für die ganze Woche reichte − nicht mehr und nicht weniger.

Beim Gemüse herrschte im Sommer Überfluss. Tomaten, Stangenbohnen und ‚Höggerli‘, Chefen und Rüebli gediehen im Garten hinter dem Haus prächtig. Anfangs Jahr kamen dann die Knollen auf den Tisch, die im geräumigen Keller runzelnd überwintert hatten. Auch Beeren und Früchte gab es zeitweise in Hülle und Fülle: Himbeeren, Johannisbeeren, Aprikosen, Zwetschgen, Birnen und Äpfel. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir die saftigen Aprikosen. Nicht nur deshalb, weil sie am Spalierbaum auf der Südseite ausgezeichnet gediehen, auch wegen ihres doppelten Nutzens. Eine Zeitlang labten wir uns auch an den heimlich am Bächlein geknackten Aprikosenkernen, deren Schalen wir dann den Bach hinunter zu schicken pflegten. Heute weiss ich, dass wir uns damit einiges an lebensgefährlicher Blausäure einverleibten. Wir haben's zumindest überlebt!

Überfluss herrschte nach Neujahr bis zur Fasnachtszeit. Kaum war der letzte Neujahrs-Birewegge verspeist, war schon wieder Zeit für die ersten Fasnachtschüechli. Diese warteten gleich zainenweise*) im abgeschlossenen Vorratszimmer, neben den Fasnachtsschenkeli. Und Mutter glaubte jeweils, den Zimmerschlüssel gut versteckt zu haben. Doch wegen der strategisch ausgezeichneten Lage – mein Schlafzimmer befand sich gleich neben dem Vorratszimmer – hatte ich jedes neue Schlüsselversteck rasch wieder ausfindig gemacht.

*) Zaine: (grosser Korb mit zwei Griffen, z.B. für Wäsche)

In weniger guter Erinnerung sind mir die Winterknollengemüse, die in Mutters Keller runzelnd überwinterten und den Speisezettel zum Überdruss dominierten. Es gab Zeiten, da provozierte bei mir bereits das Wort 'Gulasch' Brechreize. Die paar Fleischkrümelchen waren immer im Nu weg, und zurück blieb das grosse Würgen vor dem nur noch mit einer dünnen Bratensauce befeuchteten Kartoffelberg. Doch der Teller musste leer gegessen werden, da gab es überhaupt kein Pardon! Besonders suspekt waren gelbe Rüben und faserige Kohlrabi, Knollen, die heute wohl nur noch an Schweine verfüttert würden. Allein der Geruch konnte einem schon den Magen kehren. Gegessen habe ich mit Todesverachtung, in extremen Fällen nur unter Androhung von Körperstrafen, z.B. auf den Knien und mit ausgebreiteten Armen vor dem Hausaltärchen zu verharren. Zum Glück verhalfen da die eingeschlagenen Kabis- und Kohlköpfe den Winter einigermassen «grün» zu gestalten: Irgendwann meldet sich die Lust auf die ersten knackigen Salätchen, auf junges Gemüse und frische Kräuter. Früher erklärte man diesen Sturm auf das zarte Grünzeug mit den erschöpften Vitaminen und andern fehlenden Aufbaustoffen. Heute, wo selbst Bio-Freunde sich mit Broccoliröschen, Artischocken und Fenchel über die kalte Jahreszeit halten können, wirken derlei Gründe nur mehr fadenscheinig. Folglich muss es einfach am Frühling liegen.
 
Am Sonntag kam mit Sicherheit Fleisch auf den Tisch, etwa Voressen oder wenn’s hoch kam ein Braten, an Festtagen ein eigener Chüngel*) oder ein Huhn. Ich erinnere mich noch an das erhabene Gefühl, als ich zum ersten Mal ein ganzes Schnitzel bekam. Fortan brauchte ich es nicht mehr mit meinem Bruder zu teilen. Jetzt war ich wieder der Grosse.

*) Chüngel: (Kaninchen)

Vater hätte kein Tier töten können. War ein Kaninchen angesagt, war Onkel August, der Mann fürs Grobe, zur Stelle. Da verzogen wir uns dann lieber. Ich hatte nie Skrupel, eigene Tiere zu essen. Verspeist wurden ja nicht junge, herzige Tierchen, sondern die sich wegen der damals üblichen zu engen Haltung meist aggressiv oder apathisch gewordenen älteren Exemplare. Obwohl sämtliche Teile davon, auch der Kopf zubereitet wurde, ass ich Kaninchenfleisch ausgesprochen gern – und tue es immer noch, ganz wie mein Grossvater. Wenn ich da an die Kaninchenzünglein denke... Einmal hatte ich die Mutter zu assistieren, als sie ein Huhn enthauptete. Das Huhn – wohl auch nicht mehr das jüngste – tat mir wirklich leid.
 
Etwas ganz Spezielles zum Schluss: Es muss in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre gewesen sein, als sich mein Vater mit einem Kollegen zur Krebsjagd aufmachte. Offenbar hatten sich in den Bächen der Umgebung noch gewisse Edelkrebse halten können, waren (noch) nicht der aus Nordamerika eingeschleppten Krebspest anheimgefallen. Etwas ängstlich habe ich dann die kleinen Ungeheuer mit ihren Zangen bewundert und hatte auch nicht das geringste Verständnis dafür, dass diese seltenen Tierchen als rote Delikatesse in einem Teller landeten.
Wie war es draussen? Gab es einen Hof oder einen Garten?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Wie war es draussen? Gab es einen Hof oder einen Garten?


(1) Arnegg, ca. 1952 (Foto Gross AG)
Arnegg, ca. 1952 (Foto Gross AG)

ZU DIESER ZEIT  EIN ELDORADO FÜR KINDER.
Unser Elternhaus an der Hauptstrasse befand sich  im Zentrum von Arnegg, gerade auf der gegenüberliegenden Strassenseite vor dem Restaurant 'Ilge', jenem  Gebäude mit  markantem Giebeldach, Glockentürmchen und  roter Schindelfassade  (etwas unterhalb der Bildmitte Rtg. rechts im Bild). Hinter dem Elternhaus war  damals nur mit vielen, vielen Obstbäumen besetztes Wiesland, das bis zum Bahngeleise (am linken unteren Rand) reichte, auf der andern Seite klar begrenzt durch das Areal der Kartoffeltrocknungsanlage (mit Kamin) und der Weberei Saladin. 

Meine Eltern
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2.  Meine Eltern



 

 



 

 

Mein Vater Josef Alfons Helfenberger (1905 - 1990)

FREUDE HERRSCHT IN ARNEGG BEI GOSSAU. In der Stickereifabrikantenfamilie Helfenberger  scheinen sich am Vortag zum Dreikönigsfest, am 5. Januar 1905 die Glückwünsche zum Jahreswechsel bereits erfüllt zu haben. In ihrem eben bezogenen neuen Wohn- und Geschäftshaus an der Hauptstrasse kann Ehefrau Bertha Helfenberger-Hafner einem weiteren Kind das Leben schenken. Mutter und Kind sind wohl auf. Wäre da nicht ein Wermutstropfen: Mutter Berta, sie war zwei Tage zuvor 39 Jahre alt geworden, kann den Neugeborenen nicht stillen. Doch daran scheint man sich gewöhnt zu haben, denn bei der erstgeborenen und kurz nach der Geburt verstorbenen Tochter sowie bei den Söhnen Paul, Johann, Leo und August war es nicht anders. Man hatte sich eben behelfen müssen, hat den Säuglingen mit Getreide- und Traubenzucker aufbereitete Kuhmilch verabreicht. Und diese, inzwischen 11-, 9, 6- und 3-jährig, haben sich trotz mangelnder Muttermilch gut entwickelt. Ein Unterschied allerdings besteht: Die älteren Geschwister wurden samt und sonders nicht in tiefster Winterzeit, sondern in den Monaten März, April und Juli geboren. In der schönen Stube, wie der repräsentative Raum genannt wird, klingt die Taufe aus.

Doch schon kurz nach der Taufe machen dunkle Schicksalswolken Freude und Glück vergessen. Dem kleinen Alfons geht es von Tag zu Tag schlechter. Er schreit und krümmt sich in seinem Bettchen, dass es Gott erbarm. Säuglinge können bisweilen unter heftigen Koliken leiden, aber das sieht nicht danach aus. Die Ursache der gesundheitlichen Probleme scheint nicht allein ernährungs- oder saisonbedingt zu sein. Die Hebamme ist ratlos, der Hausarzt muss her. Die Diagnose von Dr. Krähenmann: Gichter. Unter dieser Diagnose kann man sich heute weniger vorstellen als unter der mittelalterlichen Bezeichnungen “Gücht“ oder "Kindliweh". Der kleine Alfons leidet unter epileptischen Anfällen, insbesondere unter Fieberkrämpfen. Fiebersenkende Mittel werden eingesetzt. In ihrer Not – sie haben ein todkrankes Kind zu Hause – suchen die Eltern überall Zuflucht, auch bei Naturheilmitteln. Eingesetzt werden unter Anderem tägliche Wickel mit Moos aus dem Wald. Nach fünf Wochen steht fest: Der kleine Alfons ist halbseitig gelähmt. Glück im Unglück, denn in anderen Fällen sind Gehirnschäden geblieben. Doch wegen dieser im frühsten Kindesalter erlittenen schweren Krankheit sollte Vater Zeit seines Lebens behindert bleiben. Beim Gehen zog er sein linkes Bein stets etwas nach, und seine linke Hand konnte er nicht drehen.

Zur grossen Freude seiner Eltern und Geschwister entwickelt sich der Benjamin der Familie zusehends besser, nimmt nicht nur an Alter, sondern auch Gewicht und Grösse zu. Einiges deutet darauf hin, dass er Liebling seiner Mutter und der treuen Magd Elise ist. Auch der sonst so gestrenge Vater dürfte ihm wegen seiner Behinderung dieses und jenes durchgelassen haben. Jedenfalls besucht er – trotz seiner körperlichen Behinderung – die Primarschule in Andwil und die Sekundarschule in Gossau.

VON DER STICKEREI ZU DEN KÄSEREIARTIKELN. Der unaufhaltsame Rückgang der Handstickerei in den zwanziger Jahren hat auch etwas Positives. Grossvater beginnt sich, nach Alternativen umzusehen.

Zu Hause zurück bleibt Alfons, der jüngste der fünf Helfenberger-Söhne. Wegen der immer stärker werdenden Arbeitslosigkeit und auch wegen seiner körperlichen Behinderung ist es für ihn äusserst schwierig, eine passende Stelle zu finden. Er sieht keine wirkliche Perspektive, empfindet sich nach eigenen Worten als „ausrangierter Stickereigummi“ und "als grösstes Sorgenkind der Familie". Sein Vater durchforscht Zeitungen nach Annoncen und rät Alfons, eine Existenz im Verkauf ins Auge zu fassen. Er wäre wohl auch bereit gewesen, sich für seinen Jüngsten an einer Firma zu beteiligen oder Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen.

Zu dieser Zeit absolviert Vater  einen  kaufmännischen Stage in Wängi bei Wil. Auf ein Inserat eines Händlers für Überkleider, Käsereischürzen und dergleichen meldet  sich Grossvater, weil er glaubt,  dies könnte ein Betätigungsfeld für Alfons sein. Doch Grossvater macht daraus eine neue Geschäftsidee: Alfons soll sich der Käsereibetriebe als Ganzes annehmen. Als gewiefter Geschäftsmann hält Grossvater  die Milchwirtschaft  – nicht zu Unrecht –  für weniger krisenanfällig als die Stickerei. "Milch wird immer getrunken, Käse immer gegessen". Deshalb sollten jene Artikel angeboten werden, die tagtäglich für die Milch-, Butter- und Käseverarbeitung nötig sind: nebst Schürzen auch Bürsten, Putzmittel und Chemikalien, Käsetücher und Käsebretter, aber auch Lab für die Milchgerinnung und dergleichen mehr. Damit schien eine Marktlücke gefunden. Unter Beizug des Dorfkäsers wird  ein erstes Käsereibedarfsartikel-Sortiment erstellt, werden Lieferanten ausfindig gemacht und darauf beim Bezirksamt Gossau eine Handelsreisendenbewilligung gelöst. Und so startet Alfons 1925, zunächst noch zusammen mit seinem Vater, den Handel, klopft  in der engeren Umgebung Käsereibetrieb um Käsereibetrieb ab. Grossvater betreibt  noch etwas Handel mit bäuerlichen Liegenschafen, vor allem in den Gemeinden Wuppenau und Gabris. 

Eine Zeitlang liebäugelt Vater mit dem Weinhandel aus dem Südtirol. Das Südtirol ist  zu dieser Zeit daran, sich die Schweiz als Absatzmarkt für Rotweine zu erschliessen: Kalterer, Magdalener und wie sie alle heissen. Die Sorte, die wie der Ötzi zum Südtirol gehört, ist der Vernatsch. Er wächst zusammen mit einzelnen Lagreinpflanzen in den Pergeln, deren Höhe vor Jahren wohl noch für Menschen von geringerer Körpergrösse konzipiert wurde. Die Trauben werden zusammen geerntet und zusammen gekeltert. Die wenigen Prozente Lagrein - gesetzlich erlaubte Maximalmenge sind 10 Prozent - schenken dem hellfarbenen, sanften, milden Vernatsch Farb- und Strukturzuwachs. Vernatsch ist eine dankbare Sorte. Unser Land war für  Magdalener-Traube von Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die Achtzigerjahre der fast einzige Absatzmarkt. Zunächst fass-, dann tankweise orderten die hiesigen Weinhändler den süffigen Saft und verschoben ihn in die Wirtshäuser. Das hatte Vater bereits vor dem Krieg mehr oder weniger erfolgreich versucht. Gut  möglich, dass er dabei von einem Südtiroler Weinhändler namens Tratter über den Tisch gezogen wurde. Für meine Mutter, die damals als Serviertochter im Restaurant ‚Sternen’ in Arnegg in Sachen Getränke, insbesondere Wein, ein Wörtchen mitreden konnte, stand im Nachhinein  fest:  Vater war einem «Bschisslig», einem Betrüger auf den Leim gekrochen. Ich erinnere mich jedenfalls noch an  die letzten Relikte aus dieser Zeit in unserem grossen Keller,  nicht mehr benötigte Holzfässer und Utensilien für die Flaschenabfüllung.

En Weinhändler als Vater wäre eine Spur attraktiver erschienen als ein Käserei-Bedarfsartikel-Händler. Doch im persönlichen Gespräch ist Vater diesem leidigen Thema lieber ausgewichen, hat seine «wilden Jahre» nach Möglichkeit ausgeblendet. Bei meinen berüchtigten  Erkundungsaktionen, bei denen auch das Büro nicht verschont blieb, war ich u.a. auf ein Foto aus Vaters Weinhandelsjahren gestossen, auf dem das Rebgebiet von Lana-Meran zur Zeit der Weinlese abgebildet war. Dieser Aufnahme hatte ich in meinen jungen Jahren zu einem prominenten Platz im Treppenhaus verholfen. Dort ist das Bild erstaunlicherweise hängen geblieben, was mich einigermassen erstaunt hatte.



(1) Eltern z. Zt. ihrer Verlobung

Eltern z. Zt. ihrer Verlobung

 

Unklar ist, ob Vater aus beruflichen oder  privaten Gründen erstmals mit meiner Mutter in Kontakt kam, wie lange sie in Arnegg tätig war, wie lange sie sich  gekannt und wann sie sich verlobt haben. Marie dürfte wohl darauf hingewirkt haben, dass Alfons seine Weinhandelstätigkeit eingeschränkt hatte und schliesslich vollständig aufgab. Vielleicht war dies ja sogar eine ihrer Bedingungen.

 


 

(2) Als Hochzeitspaar grüssen Alfons

Als Hochzeitspaar grüssen Alfons & Marie Helfenberger-Güntensperger

 

DIE HOCHZEIT MEINER ELTERN. «Kriegsmässig» auch die Trauung meiner Eltern, zunächst im Zivilstandsamt  Gossau am 31. Oktober 1941. Danach die kirchliche Trauung, nicht etwa in der Pfarrkirche Andwil, sondern im wichtigsten Wallfahrtsort der Schweiz, in Einsiedeln im November 1941. Anstatt der vertrauten Pfarrkirche zu St. Othmar Andwil die Anonymität einer Wallfahrtskirche in der winterlichen Zentralschweiz, anstelle einer fröhlichen Ostschweizer Hochzeitsfeier in einer der Arnegger Wirtschaft  ein Zusammensein im engsten Familienkreis, nur mit Trauzeugen sowie Vaters Brüdern Paul und Leo. Das offizielle Hochzeitsfoto zeigt denn auch ein eher ernst dreinblickendes Paar mit Lippen wie Minuszeichen. Ansonsten alles sehr konventionell, Mutter ganz in weissem, fünfsechstel-langen Brautkleid, mit ihrem, zu einem Diadem drapierten strahlendweissen Schleier, wohl beste St. Galler Spitzen. Der Aufbau lässt sie grösser als Vater erscheinen, sie – nicht nur für diesen Tag – ganz Königin. Neben ihr Vater mit Frack, seine Linke hält etwas verkrampft ein Paar Glacé-Handschuh, doch es glänzt der Ehering. Es macht nicht den Anschein, als würden die beiden diesen Augenblick sehr geniessen. Irgendwie verständlich, denn es war Winter, es war kalt und es herrschte Krieg.

Auch in der Käsereiartikelbranche herrschte nicht immer eitel Freude. Eine Zeitlang hat  Vater deshalb  mit dem Gedanken einer nebenerwerbsmässigen Pilzzucht geliebäugelt. Mag sein, dass Mama von  Champignons geschwärmt hatte, die damals gerade so richtig in Schwang gekommen waren. Ich sehe sie noch, wie sie auf ihrem Mofa gleich korbweise mit diesen weissen Pilzen angerückt kam, und erinnere mich ungern, wie ich mich daran  überfressen habe. Während längerer Zeit konnte ich Champignons absolut nicht mehr schmecken. Kurz hatte Vater erwogen, ins Krankenkassengeschäft einzutreten. Otto Weber, ein Nachbar und einer der letzten Handsticker, hatte  diesen Schritt bereits getan und eine Krankenkassen-Niederlassung übernommen. Vater hatte aber  wenig Flair für eine wohlgeordnete Administration, weshalb ihm eine derartige Tätigkeit auf die Dauer nicht befriedigt hätte. Ich hatte immer den Eindruck, dass er sich bereits mit der Geschäftsbuchhaltung schwer tat und sich deswegen regelmässig im Rückstand befand. Als Retter in der Not sind jeweils seine Brüder Johann und Leo eingesprungen: Leo als Buchhalter wohl eher mit Rat, Johann während seiner langen Sommerferien und seiner Erfahrung als Hilfsbuchhalter mit Tat. Wenn Not am Mann bzw. der Frau  war, hatte unter den Helfenberger-Brüdern der Familiensinn stets gespielt. 
 
Meine Mutter
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2.1.  Meine Eltern – Meine Mutter.

Meine Mutter Marie Helfenberger-Güntensperger

Als älteste von drei Geschwistern  kommt meine Mutter am 26. September 1914, also zu Beginn des 1. Weltkriegs in einer Bauernfamilie in Weinfelden/TG zur Welt. Noch heute befindet sich der Bauernhof Eierlen im Familienbesitz. Als meine Mutter zur Welt kommt, ist ihr Vater bereits 42.
Marie besucht die Schulen in Weinfelden. Mir unvergesslich bleibt, dass sie vierzig Jahre später noch aus dem in der Schule gelernten französischen Gedicht «Voici le printemps» rezitieren kann. Nach der Schule hilft sie zu Hause aus und dient, wie das damals heisst, bei verschiedenen Herrschaften, so u.a. in derjenigen eines Müllereibesitzers in Wigoltingen/TG. Zwischendurch muss Marie immer wieder bei ihren Eltern zu Hause aushelfen, weil ihr Bruder Alfred als Dragoner Aktivdienst leistet. Später  arbeitet sie im Service, in Müllheim, dann im Restaurant «Sternen» in Arnegg/SG. Dort lernt sie ihren Zukünftigen kennen und es entsteht die schicksalhafte Beziehung, aus der meine beiden Geschwister und ich hervorgehen sollten.

 


(1) Einen Jux wollten sie sich machen, die beiden Schwestern Klara (l) und Marie


Einen Jux wollten sie sich machen, die beiden Schwestern Klara (l) und Marie

 

Ansonsten waren die Zeiten ja alles andere als lustig: Bruder Alfred  als Dragoner im Aktivdienst und alle übrigen gleichermassen gefordert: auch der kranke Vater, die Mutter und die beiden Töchter.

 

 

Die Ehe meiner Eltern
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.
 
MÉNAGE À TROIS. Vaters Arbeitsräumlichkeiten befanden sich im Parterre des Elternhauses und bestanden aus einem Verkaufsraum mit daran anschliessenden Büro- und Lagerräumlichkeiten. Da wir in den beiden oberen Stockwerken wohnten, wurden die Ladenöffnungszeiten eher locker gehandhabt. Und Betriebsferien waren meinen Eltern  ebenso fremd wie Ferien überhaupt. Vater, Mutter oder wir Kinder – irgendwer war fast immer für die Kundschaft da.
 
Im Haushalt herrschte etwa folgende Arbeitsteilung: Mama hat Vater bei Abwesenheit im Geschäft zu vertreten und besorgte die Eilzustellungen und dergleichen mehr. Daneben war Mama auch für den grossen Garten, das Waschen und Putzen und die Nahrungsmittelbeschaffung zuständig, den Rest besorgte Klara. Zu Konflikten kam es etwa bei den Schnittmengen «Kochen» und «Kindererziehung». Und da besass Klara einfach die besseren Karten, denn sie war flexibler und einfühlsamer. Wir Kinder fühlten uns wohl etwas mehr zur Klara hingezogen, plauderten bei ihr eher aus der Schule und klagten ihr über unseren Wehwechen, derweil sie uns bei den Aufgaben half. Lieber bastelte ich mit Klara, als  Mama im Garten beim Jäten zu helfen. Das muss sie auch hin und wieder deutlich gespürt und sich deswegen etwas zurückgesetzt gefühlt haben.
 
Wenn wir Mama eine Freude machen wollten, haben wir am Samstag den Gang und das Treppenhaus gereinigt. Als «Aussenministerin» war Mutter mehr für Garten und Geschäft zuständig, während Klara als «Innenministerin» punkten konnte! Hin und wieder kam es deswegen auch zu Eifersüchteleien zwischen den beiden Schwestern. Kein Wunder, hat Vater abends manchmal die Gelegenheit zur Flucht benutzt und ist länger in einer Wirtschaft, etwa der „Ilge“, hocken geblieben, als dies dem übrigen Teil der Familie lieb war. 

MAMA ALS PIONIERHAFTE GESCHÄFTSFRAU. Dörren war einmal, Einmachen zunehmend als zu aufwändig empfunden. Nachdem die Tiefkühl-Welle von den USA hinüber nach Europa hinweg geschwappt war, hat Mama hat in Arnegg ein Stück lokale TK-Geschichte geschrieben. Doch schön der Reihe nach: Begonnen hatte die Vermarktung von Tiefkühlkost in den Dreissigerjahren in Amerika, wo der Biologe Clarence auf einer Reise beobachtete hatte, wie die Inuit bei über minus 40 Grad Celsius Fische angelten. Die Fische gefroren, kaum waren sie aus dem Wasser gezogen. Als er den Fisch später verspeiste, schmeckte er zu seiner Freude wie frisch aus dem Wasser. Aus dieser schmackhaften Erfahrung entwickelte Clarence Birdseye eine neue Geschäftsidee und brachte 1930 unter dem Namen "Birdseye" die erste Tiefkühlkost in die Läden. Die Erfolgsgeschichte setzte sich Mitte der Fünfzigerjahre über Deutschland auch in der Schweiz fort, bis nach Arnegg, wo sich Mama  ebenfalls begeistern liess. In Zusammenarbeit mit der Gossauer Firma Schwizer ermöglichte sie, dass auf dem freien Grundstück neben unserm Elternhaus ein Kühlhäuschen entstand, wo Interessierte ein kleines oder grösseres TK-Fach mieten konnten. Mama hat den Betrieb überwacht und auch gleich für die nötige Mund-zu-Mund-Propaganda gesorgt. Damit konnte sie mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen: Zum einen hatte sie  genügend Platz für all ihre Früchte, ihr Gemüse und ihr Fleisch, zum andern  – gut sichtbar – etwas Eigenes, das ihr  dies und jenen zusätzlichen sozialen Kontakt verschaffte.

Ein Denkmal für unsere Helfmutter Tante Klara

Klara, das Nesthäkchen oder „die Kleine“, wie sie von Eltern und Geschwistern genannt wurde, erblickte am 15.Juli 1925 das Licht der Welt. Interessant eigentlich, dass sie nicht den Namen der Mutter, sondern jenen der früheren Lebens- und Geschäftspartnerin erhielt. Als Marie, das älteste der drei Geschwister von zu Hause Richtung Müllheim wegzog, war Klara gerade erst schulpflichtig geworden. Auch sie ging nach Weinfelden zur Schule. Den weiten Schulweg durch den Wald hat sie als junges Mädchen nicht immer als so romantisch empfunden. Aber sie war schnell und aufgeweckt, und hat so manche Gefahren gemeistert. Schon früh war auch Klara  in Haus und Hof eingespannt. Immerhin war im Falle der Jüngsten  schon einiges selbstverständlich, wofür ihre beiden älteren Geschwister noch kämpfen mussten.

Nach dem Besuch der obligatorischen Schulen und hauswirtschaftlicher Fortbildung arbeitet auch Klara tatkräftig im Betrieb ihres älteren Bruders Alfred mit. Im Oktober 1943 – sie ist im Sommer achtzehn geworden – fährt sie nach Arnegg zu meiner Taufe. Nur wenig spätere ereilt sie eine schwere Krankheit, die Kinderlähmung. Diese schreckliche Krankheit sollte ihr weiteres Leben grundlegend verändern. Nach verschiedenen Spitalaufenthalten wird Klara vollständig gelähmt in die Klinik Balgrist in Zürich eingeliefert, wo ein für die Schweiz modernes klinisches Gerät eingesetzt wird, die Eiserne Lunge. Dieses bereits 1920 in den  USA entwickelte Gerät ermöglicht eine maschinelle Beatmung von Polio-Patienten. Klaras Körper kommt bis zum Hals komplett ins Innere eines Hohlzylinders zu liegen; nur der Kopf ist draussen. Das Gerät schliesst am Hals luftdicht ab und erzeugt einen Unterdruck. Dadurch drückt der Umgebungsdruck Aussenluft durch Nase und Mund des Patienten in die Lungen. Entsprechend geschieht die Ausatmung durch den Aufbau eines Überdrucks in der Kammer. Diese Eiserne Lunge und ihr eiserner Wille bei Therapie und Rehabilitation haben ihr wohl das Leben gerettet und   es ihr schliesslich möglich gemacht, wieder zu sitzen und Arme und Hände gebrauchen zu können. Mit Hilfe von zwei langen, bis unter die Schultern reichenden Holzkrücken sowie eines um das rechte Bein gelegten orthopädischen Stützapparats lernt sie wieder etwas zu gehen, sehr langsam und mühevoll, Schrittchen für Schrittchen. Diese Fähigkeit kommt ihr allerdings nach ein paar Jahren wieder abhanden.

In den schwierigen Phasen ihrer Krankheit konnte mich meine Gotte nicht sehen. Während ihrer Reha erklären sich   meine Eltern bereit, sie bei sich aufzunehmen, ein Entschluss, der ihnen wohl einiges abgefordert haben dürfte. Doch die Tatsache, dass ein Familienzuwachs bevorstand, wird ihnen den Entscheid etwas erleichtert haben. Beim  letzten Klinikbesuch vor ihrer Entlassung  nahmen mich meine Eltern  mit nach Zürich. An diese erste bewusste Begegnung mit meiner Gotte vermag ich mich noch schwach zu erinnern.



(1) Klara Güntensperger: Aktiv gelebtes Leben im Rollstuhl
Klara Güntensperger: Aktiv gelebtes Leben im Rollstuhl

 

 

 


Für Klara waren die Verhältnisse in unserem Elternhaus denkbar schlecht. Die im oberen Stock gelegenen Wohnräume waren alles andere als behindertengerecht. Unterhalb jeder Türe fand sich eine Schwelle. Um diese mit dem Fahrstuhl zu überwinden, musste jemand vorher einen Holzkeil unterlegen. Ein Badezimmer war ebenso wenig existent wie die Versorgung mit warmem Wasser. Für Klara am allerschlimmsten war jedoch, dass sich beide Klosetts auf einem Zwischenstock befanden und damit für sie absolut unbenutzbar waren. Tante Klara war auf einen Topf und viele Helferinnen und Helfer angewiesen. Auch stand ihr kein eigenes Zimmer zur Verfügung. Zunächst teilten mein Bruder und ich mit ihr das Zimmer, später meine Schwester. Körperhygiene (Klara trug lange Haare) nur mit Waschbecken und auf dem Herd erwärmten Wasser, ohne Fön, Tampons, Wegwerfbinden und allem, was heute dazugehört. Zu dieser Zeit kam Blut noch in normaler und natürlicher Weise zum Vorschein, während es heute unsichtbar gemacht wird. Monatsbinden erscheinen in der Werbung  stets blütenweiss.

In der Waschküche stand eine uralte Blechbadewanne, doch gebadet wurde darin nur noch selten. Es muss jeweils sehr mühsam gewesen sein, das Badewasser im Kessi des Holzherds zu erwärmen. Da hatten wir Kinder es tatsächlich besser. Am Wochenende wurde ein Waschzuber auf die Küchenbank  gestellt und mit warmem Wasser gefüllt. Darin wurden wir Kinder der Reihe nach von Mutter oder Klara gebadet. Ob dabei das Badewasser jedes Mal gewechselt wurde oder ob es 'japanisch' zu und her ging? Wenn ich bedenke, dass es in unserem Haushalt eigentlich nur zwei nutzbare Wasserzapfstellen gegeben hat, eine in der Waschküche, die andere in der Küche, wird klar, wie ausserordentlich mühsam die Einhaltung einer gewissen Körperhygiene damals war.  Morgens und abends wuschen wir uns schnell mit kaltem Wasser das Gesicht – am Küchenwaschtrog, wo man sich auch die Zähne putzte, wo sich vorher noch das Abwaschgeschirr gestaut hatte. Vielleicht liesse sich meine heutige Hemmung gegenüber zu häufiger Nutzung der Badewanne mit diesen Entbehrungen während der Kindheit erklären. Die sanitären Verhältnisse war alles andere als luxuriös, aber noch immer besser als früher, etwa im Mittelalter oder heute in Teilen der Dritten Welt: Sauberes Wasser war damals im Überfluss vorhanden. So wurde unsere erste Waschmaschine und die Wäscheschleuder  mittels Wasserdruck direkt angetrieben – welche Trinkwasser-Verschwendung aus heutiger Sicht!

Geheizt wurde zur Hauptsache mit Holz, ergänzt durch Kohle und Torf. Torf hatte in unserer Gegend als Brennstoff eine lange Tradition. Als gegen Ende des 18. Jahrhunderts das Holz knapp und der Energiebedarf einer wachsenden Bevölkerung grösser wurde, entdeckte man den Torf als Brennmaterial. Auch im nahen „Andwiler Moos“ (geol. Eisrandlandschaft; glazial überprägte Hochfläche mit aufgefächerten Wallmoränenbögen zwischen Andwiler Moos und Gerstenmoos; Staulagen und –rückzugssequenzen des Rheingletschers im Raum Hinterberg)  wurden während der Wintermonate von Hand Torfquader (Schollen)  gestochenen und zu Schollenbeigen aufgestapelt, so dass die Schollen in nassem Zustand durchfroren, sich  auflockerten und in den Sommermonaten zu beinharten Briketts austrockneten. Im Frühjahr wurde hin und wieder eine ganze Wagenladung Torfmull angekarrt und im Garten ausgebracht. Auf diese Weise wurden in den letzten 200 Jahren  90% der Moore in der Schweiz zerstört. Insbesondere der WWF hat sich für den Schutz der verbleibenden Flächen eingesetzt. Im Verlaufe der Zeit wurden die Torfbriketts durch die schweren Briquettes aus Steinkohle ersetzt. Sie haben wohl einen höheren Heizwert, mussten nicht mühsam per Wagen abgeholt werden sondern wurden per Lastwagen in ganzen Bündeln durch die Firma Rufer, Gossau, angeliefert.

Im Winter war im Elternhaus einzig das Stübli wirklich geheizt. Vaters Laden- und Büroräumlichkeiten wurden mit einem Ölofen temperiert. Wenn es richtig kalt war, kamen auch dort wie in den übrigen Räumen Heizstrahler zum Einsatz. In den Schlafzimmer, insbesondere jenen im oberen Stock, war es zeitweise bitter kalt und die Fenster waren mit einer dicken Eisblumenschicht bedeckt, die das Licht des neuen Tages nur schlecht durchliess. In gewissen Zimmern blieb es morgens düster, bis die Mittagssonne die Eisschicht an den Fenstern schmelzen liess. Während der strengen Winterzeit froren die Wasserleitungen regelmässig ein. Dann musste Spenglermeister Ludin mit der Lötlampe her und die Leitungen auftauen, was dauern konnte, denn wir waren nicht die einzigen mit diesem Problem. Erst dann gab es in der Küche wieder laufendes Wasser.

Während der oft bitterkalten Winterzeit hatten wir Kinder unter Frostbeulen an den Zehen zu leiden, denn die Winterschuhe von damals vermochten trotz Pflege mit Juchtenmark die Nässe nicht gänzlich abzuhalten. Für unsere Klara müssen die Peinigungen durch die fast allgegenwärtige Kälte besonders schlimm gewesen sein, weil sie sich nicht richtig bewegen und den ganzen Tag sitzend zubringen musste. Regelmässig erhielt sie Besuch des Physiotherapeuten Kurt Basler, dessen  Behandlungen überaus wichtig für sie waren. Für die ihr vom Physiotherapeuten auferlegten Körperübungen musste sie abends zu Boden gelassen und – was schwieriger war – wieder vom Boden aufgenommen werden. Verschiebungen innerhalb des Stockwerkes erfolgten am Boden mit Hilfe einer Wolldecke, auch über Türschwellen. Zu den Frostbeulen  hat sich bisweilen auch diese und jene Prellung gesellt.

Wie mir Herr Basler kürzlich erzählt hat, war er zu Beginn, also  anfangs der fünfziger Jahre noch mit dem Zug aus dem Appenzellerland nach Arnegg gereist. Noch heute, mehr als ein halbes Jahrhundert danach, erinnert er  sich an folgende Begebenheit: Anlässlich  seines ersten Hausbesuchs in Arnegg, sei er am Bahnhof  von einem Jungen  empfangen und ins Elternhaus und damit zu seiner Patientin Klara geführt worden. Immerhin sei der kleine Bub recht gesprächig gewesen sein, denn unterwegs, als die beiden  Vater begegneten, habe  der Junge dem Besucher erklärt, "dieser Mann" würde dann auch zur Familie gehören. Es stimmt: bei "diesem Mann"  handelte es sich um meinen Vater, und beim kleinen Jungen um mich!

Mein körperlich behinderter Vater konnte Klara nicht allein nach unten oder oben tragen. Bevor wir Söhne kräftig genug waren, musste jeweils ein starker Nachbar wie Bäckermeister Ledergerber oder der Webereiangestellte Kurt Hefti für den Tragdienst gerufen werden. In den ersten Jahren ihrer Zeit in Arnegg war es Klara noch möglich, mit Hilfe von zwei Krücken während ungefähr einer Stunde  einige Schritte entlang der Hauptstrasse − damals noch ohne Trottoir –  zu tun, im Schneckentempo, immer das Gleichgewicht suchend, während Autos an ihr vorbei brausten. Und zu jener Zeit gab es noch kein Tempo 50.

Für begrenzte Platzverhältnisse, wie sie bei uns herrschten, gab es anfangs der fünfziger Jahre keinen brauchbaren Rollstuhl für den Innenbereich; alle  waren sie ungeeignet oder zu teuer. Zu Hause wurde Klara erst etwas mobiler, nachdem Onkel Albert, ein begnadeter Ingenieur, für sie eine ebenso einfache wie geniale Idee verwirklicht und an die Beine eines massiven Stuhls vier «Wisa-Gloria» Kinderwagenräder angebracht hatte, wobei das rechte Vorderrad mit einer beweglichen Achse ausgestattet war. Dies ermöglichte Klara, ihr Gefährt mit der linken Hand mittels einer Art Mini-Lenker mit feinen Bewegungen  zu steuern. Zur Fortbewgung musste sie mit der rechten Hand eine kleine Kurbel  drehen, die eine Kette über ein Zahnrad laufen liess, wodurch  das Gefährt in Bewegung gsetzen wurde. So konnte sich Klara eigenständig vorwärts  und rückwärts manövrieren.  Später erhielt sie von der Invalidenversicherung einen veritablen Rollstuhl zur Verfügung gestellt, zuletzt sogar einen mit einem Elektromotor angetriebenen. Doch zu jener Zeit waren alle überglücklich über Alberts Erfindung. Klaras Gefährt war nicht nur sehr leicht und äussert platzsparend. Wichtig war, dass auch wir Kinder das Gefährt die Treppen hoch und hinunter tragen konnten. Dank ihres fahrbaren Untersatzes wurde Klara auch ausser Haus zusehends mobiler. Als bescheidene Gegenleistung für Ihre Ersatzmutterdienste haben wir sie in ihrem Fahrstuhl an Sonn- und Feiertagen regelmässig ins höher gelegene Andwil zum Besuch der für sie heiligen Messe gestossen, eine Dienstleistung, die sie uns sehr dankte. Ihr "Vergelt's Gott" kam jeweils aus tiefster Seele.

Auch Klara hatte das natürliche Bedürfnis, sich zumindest während der warmen Jahreszeit  etwas draussen aufzuhalten. Sie konnte Vater schliesslich davon überzeugen, dass der Anbau eines Balkons auf der Westseite eine gute Lösung wäre. Nachdem sie dafür noch einen eigenen Beitrag zu leisten versprach, wurde das Projekt eines eigenen Balkons realisiert. Dort konnte sie sich  zumindest während der warmen Jahreszeit ohne allzu grosse Hilfe Dritter vom Schlafzimmer direkt nach draussen begeben.

Was Klara all die Jahre für uns Kinder und auch für meine Eltern getan hat, lässt sich nur andeuten. Praktisch täglich war sie ab dem späteren Vormittag präsent, rüstete Gemüse, kochte oft und gut, wusch das Geschirr, während eines der Kinder Abtrocknungsdienst hatte, flickte Kleider, strickte von Hand, später mit einer Strickmaschine Pullover und vieles mehr, half uns bei den Aufgaben, bastelte mit uns, schlichtete Streit, lachte mit uns und betrieb moralische Aufrüstung, wenn wir niedergeschlagen waren, und betete vor dem Schlafengehen mit uns.

Für uns Kinder war die Klara alles: Ersatzmutter und Hausangestellte, Fürsprecherin bei den Eltern, Coach und Seelentrösterin − die gute Seele eben. Als Gallus  mit dem Klarinetten-Spiel begann, hat die Klara sein Instrument mitfinanziert, und als er sich für einen Sprachaufenthalt ins französische Caen begab, unterstützte sie sein Vorhaben auch tatkräftig. Überhaupt besass Klara  ein durchaus gesundes Verhältnis zum Geld: sparsam mit sich selbst, äusserst grosszügig gegenüber andern. An einem kleinen Luxus, etwa  einem guten Essen oder einem kleinen Schmuckstück fand sie durchaus Gefallen, denn im Grunde war sie eine "Bonvivante".

Im Nachhinein bewundere ich vor allem ihre Lernfähigkeit und ihren ungeheuren Willen. Trotz – oder vielleicht gerade wegen – ihrer Behinderung hat sich Klara stets weiter entwickelt, hat gelesen, geschrieben und gezeichnet und sich zur gelehrigen Köchin und Gesellschafterin entwickelte. Sicher war sie auch ein wenig stolz darüber, bei einem Projekt mit Behinderten auf dem Twannberg mitzutun. Darüber erschien sogar ein Bericht im Schweizer Fernsehen, in welchem Klara prominent mitgewirkt hatte.

Trotz ihrer schweren körperlichen Behinderung wirkte Klara niemals unglücklich oder unzufrieden  – ganz im Gegenteil. Durch die Erkrankung und die Abhängigkeit von andern hatte sich ihr Weltbild grundlegend verändert: Sie war demütiger und mit weniger zufrieden, aber nicht zerknirscht. Ihre Energie und ihren unerschütterlichen Optimismus hat sie einerseits durch Kontakte mit Mitmenschen, die ihr liebevoll begegnet sind, andererseits aus ihrem gelebten Glauben erhalten.

1967 fand Klara nicht nur ferienhalber, sondern glücklicherweise ganzjährig ein neues Zuhause bei ihren Verwandten im aargauischen Künten, und zwar in einem schönen, rollstuhlgängigen Einfamilienhaus mit grossem Garten. Damit Klara in Genuss eines eigenen Badezimmers kam, hatten die beiden einen Anbau gemacht. Zumindest jetzt war es ihr vergönnt,  eine gute Zeit, ohne die früheren Einschränkungen und Entbehrungen, mit vielfältigen sozialen Kontakten, Ferienaufenthalten und Reisen zu verleben. Waren ihre Verwandten abwesend, sah Klara zum Rechten, denn sie konnte sich zu Hause ohne fremde Hilfe behaupten. Dank eines Elektro-Fahrstuhls war es ihr sogar möglich, sich auch ausser Haus zu bewegen, allein zur Kirche und wieder zurück zu fahren. Klara verstarb am 30.07.1998 nach  längerem Spitalaufenthalt.

 

An was für Erziehungsmethoden, allenfalls auch Bestrafungsmethoden, erinnerst du dich?
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.

An was für Erziehungsmethoden, allenfalls auch Bestrafungsmethoden, erinnerst du dich?

VOR LAUTER NEUGIERDE REIF FÜR DIE ARRESTZELLE

Vater war – gelinde gesagt – alles andere als ein Ordnungsfanatiker. Sein Bürotisch war stets mit Drucksachen bedeckt, wobei sich Wichtiges und weniger Wichtiges überlagerten – ähnlich wie bei mir heutzutage! Also: Chaot zu sein, sei eine hohe Berufung, hat mir ein Freund ins Ohr geflüstert, ohne Chaos kein Urknall und keine Schöpfung! Auch im Verkaufsraum herrschte ein buntes Durcheinander von vielfältigen  Drucksachen, Prospekten, Flyern, die überall und nirgendwo aufzufinden waren. Daher habe ich es immer wieder als so etwas wie meine Sohnes-Pflicht erachtet, Vater beim Papierkrieg tatkräftig an die Hand zu gehen und für mehr Übersichtlichkeit und Ordnung zu sorgen. Natürlich war es deswegen auch zu Auseinandersetzungen mit Vater gekommen, doch ich glaubte auch zu spüren, dass er mich, wenn auch nur knurrend, gewähren liess. Inzwischen weiss ich auch sehr wohl, dass in der Theorie und bei andern alles sehr viel einfacher zu bewerkstelligen ist. Vielleicht wäre ich tatsächlich ein erfolgreicher Organisationsberater geworden. Doch das Schicksal wollte es anders.

Auch im Innern war unser Elternhaus vom Keller bis zum Estrich eine wahre Fundbrube. So waren etwa auf dem Estrich  mehrere grosse Überseekoffer meiner Onkel gestrandet. Onkel Leo hatte zeitlebens möbliert gewohnt, so auch Onkel Paul bis zu seiner späten Einfahrt in den Hafen der Ehe im 63. Altersjahr – für jene Zeit recht aussergewöhnlich. Jedenfalls hatten beide Zürcher Onkel keinen Platz für diese Riesendinger. Und deren Inhalt reizte meine Neugierde ungemein. Es gelang mir schliesslich auch, die Behältnisse insgeheim zu öffnen. Das Ding von Paul, dem Vielgereisten, war besonders ergiebig und spannend: Alte Dokumente, fremde Währungen, wie Millionen von Reichsmark samt Wehropferanleihen, Atlanten, Rasiermesser, steife Hemdenkragen und vieles andere mehr. Zum Glück fand Onkel Paul bei seinen spärlichen und kurzen Besuchen nie Zeit für einen Kontrollgang auf dem Estrich. Im Gegensatz zu den anderen Onkeln wirkte er immer etwas müde, weshalb wir ihm den Übernamen «Onkel Pfus»*)  gaben. Sensationell war ein noch von meinen Grosseltern stammendes riesiges Ansichtskartenalbum mit Ansichtskarten aus der Zeit der Jahrhundertwende bis zu den Zwanzigerjahren. Auch dieses Album wurde von uns Kindern leider sukzessive geplündert, denn in einem gewissen Alter hatten wir es nur noch auf alte Briefmarken abgesehen. Sie wurden erbarmungslos ausgeschnitten, ins Wasserbad gelegt, abgelöst und in Briefmarkenalben gesteckt.

*Pfusen = schlafen (schweizerdeutsch)


Nebst dem Estrich war für mich das so genannte Vorratszimmer von Interesse, ein etwas zur Gerümpelkammer verkommenener, direkt neben meinem Schlafzimmer gelegener Raum. Darin befand sich nebst Kinderwagen, Kinderbettchen, einem riesigen alten Küchenbuffet als einzig sehenswertes Stück ein noch aus grosselterlicher Zeit stammender alter Sekretär mit einem veritablen Geheimfach. Darin ruhten die ersten Fotoalben mit alten Familienfotos, allesamt nicht beschriftet und daher für uns schwer zu verstehen. Doch meine Neugierde beschränkte sich zu jener Zeit weniger darauf.


Bei meinen ersten Streifzügen im Vorratszimmer war ich eines Nachmittags zu einem neben dem alten Küchenkasten  erhöht angebrachten kleinen Gestell vorgestossen, wo ganz zuhinterst  eine grosse Zigarrenschachtel versteckt war. Diese machte mich besonders neugierig, weshalb ich sie behändigte und untersuchte. Darin befand sich ein geheimnisvoller Gegenstand, an dem mich vor allem dessen poliertes Holz und das dunkle Metall faszinierten. Die Nieten im Holz erinnerten mich an den Griff eines Küchenmessers. Vorne war aber eindeutig etwas anderes als ein Messer. Voller Stolz präsentierte ich den Fund meiner Mutter. Doch beim Anblick des Buben mit einem Revolver amerikanischer Bauart in den Händen, erlitt  sie beinahe einen Schock. Vor Entsetzen stiess sie einen derartigen Schrei aus, dass ich wohl vor lauter Schreck die Waffe fallen liess. Vater sorgte umgehend dafür, dass der noch aus Grossvaters Zeiten stammende Revolver entsorgt wurde.

Nach dem Vorfall sperrte mich Mama unverzüglich  in das enge, stockdunkle Gartengerätekämmerchen im Keller. Eingezwängt zwischen Gartenkräuel und Spaten  verblieb ich dort wohl bis zu Vaters Rückkehr am Abend. Bei dieser Gelegenheit dürfte es wohl noch einiges an Schlägen abgesetzt haben. Die Haftstrafe ist mir  jedenfalls in bleibender Erinnerung. Hatte sie mich traumatisiert? Interessanterweise sollte ich mich ein paar Jahrzehnte später nicht nur beruflich intensiv mit Fragen des Strafvollzugs  auseinandersetzen, sondern auch in einer Kommission mitwirken, die den Bau eines neuen Basler Untersuchungsgefängnisses mit einer für die Schweiz neuartigen Haftform, dem sog. Gruppenvollzug geplant hat.

Mussten du und deine Geschwister Arbeiten verrichten? Welcher Art und in welchem Alter?
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.

Mussten du und deine Geschwister Arbeiten verrichten? Welcher Art und in welchem Alter?

Velos waren  bei uns immer  wichtig, geschäftlich wie privat. Ich war vielleicht zehn, als sich Vater ein neues Velo und später ein Velo mit Hilfsmotor, einen schwarzen Velo-Solex leistete. Auch Mama fuhr zunächst mit diesem "Zuckerwassermotörli". Doch zuvor hatte sie in der Nähe von St. Gallen eine veritable Töff-Prüfung abzulegen. Vater blieb wegen der seinerzeit abgelegten Autoprüfung davon befreit. Später fuhr sie stärkere Mofas.  Vater hat sie immer wieder als Mofa-Kurierin eingesetzt, vor allem dann, wenn es  presssierte. Einerseits war dieser Service bei der Kundschaft  beliebt, andererseits  genoss es Mama, wenn ihr der Wind der grossen weiten Ostschweiz um die Nase wehte. Töfffahren war so etwas wie ihre grosse Leidenschaft. In späteren Jahren hatte sie immer wieder betont, ein Auto kategorisch abgelehnt zu haben, weil sie Vater sonst noch mehr eingespannt hätte. In ihrem Lebensrückblick war sie sich jedoch immer eher als Gejagte vorgekommen. Auch  ich und mein Bruder standen immer wieder Mal im Einsatz, vor allem während unserer Ferien und wenn Mutter wegen anderweitiger Verpflichtung nicht zur Verfügung stand.

Mama, dem Technischen weit besser zugewandt als Vater, muss schon recht früh ein Grammophon mit ein paar Platten besessen haben, die ihr grosses Vergnügen bereiteten. An einem verregneten Sonntagnachmittag wurde dann schon mal der schwarzen Koffer samt ein paar Schellackplatten hervorgeholt und dem schwerfälligen Grammophonkopf eine Stahlnadel eingesetzt. Doch bevor es so richtig losging, musste der Plattenspieler mittels einer Handkurbel aufgezogen werden. Wenn der Walzer dann immer langsamer wurde, durfte ich wieder die Kurbel drehen, und Mama hat sich im Rhythmus der Musik bewegt. Sie hätte wohl gerne mehr getanzt, aber fürs Tankparkett war ihr Alfons mit seiner Behinderung nicht gerade der ideale Partner. So tanzte man eben mit Freundinnen oder hörte sich mit Vorliebe Platten wie «Am Himmel stoht es Stärnli znacht», diesen «himmlischen» Kitsch an. Dieses unvergängliche Stück, damals von den Geschwistern Schmid gesungen, feierte im neuen Jahrtausend  ein Comeback und lässt mich heute nostalgisches erschaudern.

Mama hat auch fotografiert, zuerst mit einer urtümlichen Blackbox. In den fünfziger Jahren erstand sie sich eine Kleinbildkamera. Sie hatte immer wieder das Bedürfnis, Momente aufs Zelluloid zu bannen – doch bis es so weit war, bis sie tatsächlich abdrückte, das war immer eine mütterliche Extra-Showeinlage.

Mit zunehmendem Alter traten Plattenspieler und Fotoapparat zugunsten des Tonbandkassettengeräts in den Hintergrund. Was andern ihre Bibliothek ist, war Mama ihre Kassettensammlung. Sie wurde stets umfangreicher. Nach Vaters Tod war es Mama ein Bedürfnis, ihren Lebenslauf auf Band festzuhalten, nicht für den Pfarrer, damit er bei ihrer Abdankung etwas zu sagen hat. Es entstanden aufschlussreiche Toncollagen, eine Art «work in progress», ähnlich wie meine Jungenderinnerungen. Mag sein, dass auch sie einmal so seltsam berühren. Mamas gesprochene Sätze scheinen bisweilen wenig konzis. Trotzdem springt etwas hinüber, das bewegt. Ähnlich verhielt es sich mit  ihrem schriftlichen Ausdruck, wo ihre mit allerhand Bögen verzierte Schrift   mit dem aus eher gehackten, teils unvollständigen Sätzen bestehenden Inhalt auf seltsame Weise kontrastierte.

Vergnügen und Abwechslung bedeuteten Vater und Mutter Ausfahrten mit dem Car, mit dem Kirchenchor, später dem Jahrgängerverein, dann wohl häufiger irgendwelche Werbefahrten, bei denen nicht nur Thermosflaschen, Matratzen und Rheumadecken angeboten wurden, sondern auch die Geselligkeit ihren Platz fand.

 

Wie waren deine Eltern religiös eingestellt?
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.

Wie waren deine Eltern religiös eingestellt?

Wie wir es mit der Religion hatten

KIRCHGANG. Der sonntägliche Kirchgang war in unserer Familie jeweils so etwas wie der Höhepunkt der Woche: Sonntäglich gekleidet wurde der Weg zur Pfarrkirche Andwil möglichst im Familienverband unter die Füsse genommen, wobei wir Kinder  Antriebskräfte für Klaras Fahrstuhl waren. Anschliessend an den Gottesdienst erfolgte der obligate Gang zum Friedhof und damit zu den Gräbern unserer Grosseltern.

VOM HEIMATLICHEN, TIEFEN GEFÜHL DER LATEINISCHEN GESÄNGE. Ungefähr mit neun Jahren wurde mir ein Büchlein in der Grösse eines Reclam-Bändchens in die Hand gedrückt. Es enthielt die Teile der Hl. Messe: Introitus, Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Benedictus, Agnus Dei. Die für einen Dritt- oder Viertklässler nicht einfachen lateinischen Messtexte hatte ich unter Anleitung von Klara auswendig zu lernen. Früh-Latein anstatt Früh-Englisch – ich hatte nichts dagegen. Natürlich verstand ich von diesen Texten damals so gut wie nichts. Trotzdem gefielen sie mir damals, so wie sie mir  noch heute gefallen, auch wenn ich Katholiken verstehe, die sich  nach dem Vatikanischen Konzil darüber beklagen, weil sie sich ausgeschlossen fühlen, wenn lateinisch gebetet oder gesungen wird. Trotzdem möchte ich ihnen widersprechen und vom heimatlichen, tiefen Gefühl der lateinischen Gesänge berichten, denn möglicherweise umschliesst gerade das Nichtverstehen das Geheimnis.

Darauf folgte eine Prüfung beim gestrengen Herrn Kaplan Pfau, eine praktische Einweisung durch Messmer Künzli sowie durch ältere Ministranten-Kollegen – und schon gehörte auch ich dazu. Ich diente beim Altar, zunächst in der Frühmesse um sechs, mit Eintreffen eine Viertelstunde früher. Im Frühmess-Gottesdienst spielte es kaum eine Rolle, wenn man als Neuling  noch etwas mehr Mühe mit dem Entzünden der Sanctus-Kerze hatte. In Gottesdiensten mit mehr (jugendlichen) Besuchern war dies anders, dann wurde aus der sakralen Handlung eine Art Geschicklichkeits-Wettbewerb:  Wie viel Zeit braucht er, bis er mit dem Docht am langen Stock  die Kerze zum Brennen bringt? Hatte der Kollege im letzten Gottesdienst beim Ablöschen den Docht zu stark gestaucht, konnte es vorkommen, dass man unverrichteter Dinge wieder an seinen angestammten Platz zurückkehren musste und coram publico als Verlierer dastand.

 
Auf dem Weg zur Frühmesse (Jan. 1954)
Dieses Jahr mussten wir Kinder lange warten, bis es Schnee gab. Aber auch die grossen Leute warteten sehnsüchtig, bis sie in die Skiferien reisen konnten. Der erste Schnee kam wie ein Geschenk zum neuen Jahr. Letzten Sonntag schneite es ununterbrochen. Aber als es zu grosse Haufen schneite, wurde meine Freude immer kleiner, denn es ging wir ein Lichtlein auf: Du musst ja noch dienen. Endlich wurde es Abend. Die Mutter sprach: Du musst bald ins Bett, wenn du um ein Viertel vor fünf Uhr schon wieder aufstehen musst. Und so machte ich, was jeden Abend zu besorgen ist. Nach dem Abendgebet schlief ich ruhig ein. Auf einmal hörte ich einen Windsstoss. Ich erwachte. Auf den Stromleitungen erblickte ich Neuschnee. Ich hörte die Mutter kommen. Leise öffnete sie die Zimmertüre. Ich wünschte ihr einen guten Tag. Und sie tat es ebenso. Sie sprach: Stehe auf, es ist Zeit. Aber ich war mich so ans warme Bett gewöhnt. Ich sagte: Ich zahle lieber zwanzig Rappen, als dass ich dienen gehe. Aber das nützte nichts. Ich musste doch gehen. Ich wusch mich, kämmte mich, betete und ass das Morgenessen. Nachher machte ich mich auf den Kirchweg. Der Schnee reichte über meine Knie. Der Schneepflug war noch nicht gefahren, darum musste ich gehörig waten.
 
Ja, die Spuren des Jahrhunderts! Geologen wären aus dem Staunen nicht herausgekommen, wäre der Schnee nicht anderntags schon weggeschmolzen.
 
Als Ministrant so richtig aufgefallen war ich bei meinem ersten Grosseinsatz, in einem feierlichen Hochamt mit Weihrauch und Kerzen. Als Novize hatte ich die niedrigste Charge. Zusammen mit einem halben Dutzend Mit-Ministranten durfte ich einen etwa zwei Meter hohen Kerzenhalter, eine «Doge» tragen. Bestimmt hatte Kaplan Pfau die Choreographie unseres Auftritts vorgängig geprobt, allerdings ohne Requisiten. Beim feierlichen Einzug in den Chor hielt ich die Kerze jedenfalls viel zu hoch, wodurch  offensichtlich das Gesamtbild massiv gestört wurde. Das Ganze musste irgendwie komisch gewirkt haben  und hatte mir rundum  Kritik eingetragen. Allein meinetwegen war etwas Feierliches  schiefgelaufen und es gab eine jener äusserst seltenen Nachproben, wo Kaplan Pfau uns allen meine unmögliche Traghaltung drastisch vor Augen geführt hat. Ich hatte mein erstes theatralisches Erlebnis und gleichzeitig den Reiz der Komik entdeckt. Was bei einem anderen vielleicht begünstigende Umstände für eine Komiker-Karriere gewesen wäre, bewirkte bei mir das Gegenteil. Ich wurde ein frommer Muster-Ministrant, versah meinen Dienst fortan mit gesenktem Blick und gefalteten Händen.
 
 


(1) Andwil, Fronleichnamsprozession 1955, als Lampenträger (ganz r.)
Andwil, Fronleichnamsprozession 1955, als Lampenträger (ganz r.)

 

Als Ministrant roch ich jeden Morgen die pfeffrigen oder erdigen oder fruchtigen Aromen, wenn ich den Messwein einschenkte,  dem fast immer gut aufgelegten Pfarrer Buschor, oder dem gestrengen Kaplan Pfau oder dem altersmilden Pfarr-Resignaten Ebneter, und sie alle tranken Christi Blut auf nüchternen Magen. Den Dienst in der Kirche hatte ich all die Jahre nicht ungern versehen, auch wenn er mit vielen Mühen und Entbehrungen verbunden war. Alle paar Wochen Frühmess-Dienst um sechs Uhr, mit Tagwache schon um fünf, abends noch Andachten. Ganz schön happig konnte es an Sonntagen werden, mit dem ganzen Programm von Frühmesse, Hochamt, nachmittäglicher Christenlehre und abendlicher Maiandacht. Kein Wunder also, dass ich in Bezug auf den Kirchenbesuch in meinen späteren Jahren mit jenem während meiner Jugendzeit erfüllt habe.
 
Wir Ministranten hatten  immer wieder die Möglichkeit, die Schule legal zu schwänzen – eine Art Kompensation für das nicht immer unbeschwerte Ministranten-Dasein. Das galt insbesondere  bei Beerdigungen, die immer am Vormittag stattfanden. Eigentliche Belohnung waren jedoch die jährlichen Ministrantenreisen, z.B. der Besuch der Tell-Spiele in Altstätten, die einiges zur Erweiterung meines Horizonts beigetragen haben. Unvergesslich, wie uns Pfarrer Buschor in seinem schwarzen VW (SG 353) eigenhändig ins St. Galler Rheintal, in seine Heimat chauffierte und wir unter Absingen fröhlicher Lieder auf den ersten Autostrassen die 100 Stunden-Kilometergrenze überschritten. Das war ein anderes Leben als zu Hause!

Abgesehen davon  war das kleinbürgerlich-katholische Milieu erdrückend. Der Pfarrer amtete als Schulratspräsident, der dafür sorgte, dass Religion und biblische Geschichte als erste Fächer im Zeugnis aufgeführt blieben. Das familiäre Milieu war, wie die ganze Umgebung, streng, fordernd und unzärtlich. Wenn ich mich erinnere, wie wir mit unseren Kindern umgegangen sind, und wenn ich heute sehe, wie meine Tochter mit ihren  Töchtern umgeht, stelle ich eine total veränderte Grundstimmung fest. Kinder werden zuerst einmal mit Freude betrachtet und gefördert, während wir vor allem erzogen wurden. Aus uns Kindern sollten brave, gottesfürchtige Erwachsene werden. Wir rebellierten nicht, freuten uns, auch über religiös angehauchte Geschenke, beispielsweise über ein Portrait eines Negerbübchens. Götti hatte mit einer grösseren Spende ermöglicht, dass ein Junge im fernen Afrika auf meinen Vornamen 'Pius Alfons' getauft wurde.  Meine Rebellion sollte später erfolgen, nach meinem  Wegzug aus der Ostschweiz. Wenn ich mich an diese Zeit zurück erinnere, an meine Eltern, insbesondere meine Mutter, requiescat in pace, wie sie mittels der Religion herrschte und beherrschte, auch meinen Vater, ein Leben lang mit ihrem Herrgott gesprochen hat, dieser rigide Katholizismus, der sie verkrümmt hatte, die Welt zu einem Jammertal machte und ihr gleichzeitig half, dieses Jammertal zu überstehen.

 
RELIGION - WAHNSINNIG FRUSTRIEREND. Meine Eltern, Götti und Klara verlangten von uns Kindern absolute religiöse Pflichterfüllung. Vor dem Mittag- und Abendessen wurde stets gemeinsam das Tischgebet getan, am Sonntagabend bisweilen ein ganzer Rosenkranz, also 50 Ave Maria samt Zubehör gebetet. Während der Fastenzeit war der Genuss von Süssigkeiten verpönt. Sie wurden für die Zeit nach Ostern zurückgelegt. Einmal hatte ich meine Bonbons unvorsichtigerweise  auf dem Balkon gehortet. Und prompt erlag ich vor Ostern der Versuchung. Kaum hatte ich mir den Mund mit Süssigkeiten vollgestopft, wurde ich gleich von einem ganzen Wespenschwarm attackiert, denn im Gebälk unseres Hauses hatte es immer Nester. Meine Gegenwehr trug mir zahlreiche Stiche im Gesicht ein. Strafe Gottes, wie mir Mutter nun weismachen wollte, oder einfach unsinniges religiöses Brauchtum?
 
 "Du sollst freitags Fisch oder zumindest kein Fleisch essen, du sollst diese, du sollst jene Regel befolgen." Halbheiten waren nicht geduldetet, Nachlässigkeiten wurden unerbittlich geahndet, bisweilen mit religiösen Körperstrafen. So hatte ich hin und wieder während einer gewissen Zeit kniend und mit ausgebreiteten Armen vor dem Hausaltärchen zu verharren. Derweil schien mir mein Namenspatrons Papa Pio X. aus dem üppigen Goldrahmen zuzublinzeln. Er hat mich zeitlebens nominell begleitet, auch wenn ich zeitweise an meinem katholischen Namen meine liebe Mühe hatte, wenn mich meine Kameraden mit «Padre Pio» neckten. Bei genauem Hinsehen ist  mein voller Name «Pius Helfenberger» mehr als nur ein von meiner Herkunft aus katholischen Landen zeugender Name; er ist ein ganzes Programm: gottesfürchtig, stets hilfsbereit, jedem über den Berg helfen, Bergpredigt eben. Und als ob das nicht schon genug wäre: Letztlich  sollte ich mir dabei gefälligst auch noch selbst über den Berg helfen? - Jo weleweg, was in der Sprache meiner Jugend etwa so viel heisst wie „Was du nicht sagst!“, also ein Ausdruck ungläubigen Erstaunens ist. Unwillkürlich denkt man an Münchhausen, jenen Baron, der sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf gezogen haben soll. Doch Münchhausen ist nicht Münchenstein, wo ich inzwischen angekommen bin!
 
Immer mehr begann ich mir innerlich die Frage zu stellen: Was zum Teufel haben alle diese Vorschriften mit Gott zu tun? Uns wurde beigebracht, dass man sein ganzes Leben ein guter Mensch sein könne, doch wer eine Todsünde begehe und 20 Sekunden später von einem Lastwagen überfahren werde, sei dann trotzdem ewig verdammt. Keine wirklich erheiternde Perspektive, auch wenn regelmässiges Beichten ("Ich habe Beck Hungerbühler einen 'Spitzbuben' und ein 'Kokosmakrönli' entwendet") wieder etwas seelischen Druck wegnehmen konnte. In meiner Selbsteinschätzung war ich  wohl nicht grade ein Ausbund an Lebensfreude, wohl nicht nur deswegen. Aber ganz sicher hat dieses streng katholische  Milieu unsere Entwicklung nicht nur positiv geprägt. Für meine Kameraden  mag ich wohl manchmal etwas den Eindruck eines vom Leben zu früh Enttäuschter gemacht haben. Doch passte ich sehr auf,  nicht doch plötzlich von einem Lastwagen überfahren zu werden. Das Leiden an der Begrenztheit des eigenen Seins (Felisberto Hernández).



(2) Hing zeitlebens über dem Ehebett meiner Eltern 'Die heilige Familie' - wohl ein Hochzeitsgeschenk
Hing zeitlebens über dem Ehebett meiner Eltern 'Die heilige Familie' - wohl ein Hochzeitsgeschenk

 

Religion sei Opium für das Volk, meinte Lenin. Ich halte mich lieber an den Wein. Mit der Religion verhält es sich wie mit dem Wein beim Kochen: Richtig dosiert, trägt er zur raffinierten Verfeinerung der Kochkunst bei, überdosiert kann er ein Gericht völlig verderben. Vieles von dem, was uns in der Jugendzeit eingetrichterten wurde, hat sich im Verlaufe des späteren Lebens gleichsam verflüchtigt, einiges jedoch ist geblieben: die Substanz, wie beim Kochen mit Wein. Wie die grosse Mehrheit der Protestanten und auch Muslime praktizieren auch Katholiken ihren Katholizismus nicht mehr wirklich. Trotzdem bleiben die meisten ihren Vereinen treu, obwohl sie die Welt, in die ihre Vorfahren hineingeboren wurden, längst verlassen haben. Schlicht und einfach weil bei Geburt, Heirat und Tod der religiöse Service Public dank Ritualen die Dinge vereinfacht.

 
 KINDERGLAUBEN UND SPIRITUALITÄT. Über sechzig Jahre hat es mich begleitet, mein Erstkommunionkreuz, das auf der Rückseite meinen Namen trägt, in altertümlicher Zierschrift vom Taufpfarrer eigenhändig geschrieben. Schön, wäre da nicht die störende weisse Etikette “Andenken an die erste hl. Kommunion 1. April 1951“. Die letzten Jahre verbrachte das Kruzifix in einer Kiste, zusammen mit Schulheften und Fotos, aber auch Agenden aus Jahren, als diese noch mein Leben bestimmt hatten. Und jetzt ist  wieder einmal  Aufräumen angesagt, und es stellt sich wieder einmal die Frage nach dem weiteren Schicksal dieses Kreuzes.


Spätestens jetzt sollte der letzten bildhübschen Leserin, dem letzten geneigten Leser klar  sein, wie sehr  katholisch  zu jener Zeit in jener Landesgegend erzogen wurde. Im Verlaufe meines weiteren Lebens hatte und habe ich als kritischer Zeitgenosse  meine liebe Mühe mit vielem, insbesondere  auch mit einem Teil des kirchlichen  „Bodenpersonals“. Trotzdem habe ich mich bis heute der Versuchung, aus der Kirche auszutreten, widersetzt, nicht  aus Rücksicht auf die eigene Beerdigung, sondern weil mir viele Werte, Rituale, Traditionen und vor allem diejenigen Menschen in der Kirche am Herzen liegen, die erkannt haben, dass sie sich als Teil unserer Gesellschaft weiterentwickeln muss. Dies zu unterstützen war und ist mir ein Anliegen.
 
Was für andere Objekte, wie Möbel Geschirr, usw. hast du von ihnen geerbt und behalten?
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.

Was für andere Objekte, wie Möbel Geschirr, usw. hast du von ihnen geerbt und behalten?

VATERS BÜROSTUHL

Als wir im Frühjahr 2001 das Elternhaus räumen mussten, hatte ich es  einfach nicht übers Herz gebracht, Vaters Bürostuhl in die Mulde zu kippen. Ich musste ihn retten. Eine ganze Weile stand er dann als einziges persönliches Erinnerungsstück  in einer Ecke meines Arbeitszimmers,  samt Patina, die er vor allem seitlich an der Lehne, dort, wo sich Vater tagtäglich beim Hinsetzen und Aufstehen festhielt, angesetzt hatte. Nachdem auch ich weg war von meinem eigenen Bürostuhl, fand ich endlich Musse, mich eingehender mit diesem Objekt zu beschäftigen.

Vater sass hart, sehr hart sogar. Unter dem Leder war überhaupt keine Polsterung mehr zu entdecken, nur ein von Hand zugeschnittener Schachtelkarton, darauf eine Speditionsetikette aus dem Jahre 1924, der eindeutige Beweis dafür, dass Vaters Bürostuhl bereits seinem Vater als Bürostuhl gedient hatte.

Als  Kind war  mir Vaters Bürostuhl furchtbar gross und schwer erschienen. Durch meine kindlichen Augen betrachtet, thronte Vater geradezu auf seinem Sessel. Besonders gut erinnere ich mich, wie ich jeweils gespannt hinter ihm stand, während er sich anschickte, mein Schulzeugnis zu unterschreiben. Er pflegte dies nicht mit dem Kugelschreiber zu tun, die eben erst erfunden worden war, sondern mit seinem «Paper Mate», dem wohl einzigen Markenartikel, den er sich leistete. Wichtige Dokumente  pflegte Vater noch mit der guten alten Stahlfeder zu unterzeichnen, nachdem er diese zuvor in ein staubiges Tintenfass gesteckt hatte. Spannend für mich, ihm dabei zuzusehen, denn manchmal kratzte seine Feder beim schwungvollen Bogen, mit dem Vater seine Unterschrift zu verzieren pflegte. Was dieses Kratzgeräusche wohl in mir ausgelöst hat? Manchmal meine ich, dieses Kratzen noch zu vernehmen, sehe ihn noch immer konzentriert vor Inangriffnahme der Unterschrift, als gälte es, seine Unterschrift unter ein Urteil zu setzen. Verstärkt wurde der gravitätische Eindruck noch dadurch,  dass sich sein Stuhl gerade neben dem kolossalen Kassenschrank befand, wohl auch er ein Relikt aus Grossvaters Zeit. Wenn Vater die Bündel von Fünfzigernoten, auf denen zu jener Zeit Hodlers Holzfäller abgebildet waren, wieder im Kassenschrank versorgte, ist  mir Vater mächtig und reich vorgekommen. Hin und wieder pflegte er besonders gute schulische Leistungen mit klingender Münze zu belohnen.

Manchmal in unserer Jugendzeit, wenn Vater ausser Haus war, machten mein Bruder und ich Vaters Drehstuhl zum Karussell. Einer sass auf den Stuhl, während der andere diesen drehte bis es dem darauf Sitzenden schwindelig wurde. Dabei kam es bisweilen vor, dass das Stahlgewinde überdrehte, worauf der ganze obere Teil des Stuhls mit Getöse zu Boden donnerte. Mit vereinten Kräften galt es dann, den Stuhl wieder zusammenzusetzen. Das dürfte nicht immer so ganz leicht gewesen sein, wie ich bei der Zerlegung des Stuhls feststellen musste. Mit meiner Enkelin Milena hat sich die Geschichte wiederholt. Sie liebte es, darauf höher und höher geschraubt zu werden – eben bis zum Umfallen.




(1) Enkelin Milena auf dem Generationenstuhl

Enkelin Milena auf dem Generationenstuhl

 

 

 

Wie ich inzwischen aus eigener Erfahrung weiss, war Vaters Bürostuhl mehr Folterinstrument als Sitzgelegenheit. Trotzdem bin ich sicher: Vater hat dieses alte, unbequeme Eichenmöbel behalten, weil bereits sein Vater darauf gesessen hatte. Bei meinem  Spontanentscheid für Vaters Bürosessel nicht bedacht hatte ich allerdings, wie viel Schleifstaub mir bei der Arbeit an diesem Objekt in die Nase geraten würde. Und wie viele Gedanken mir bei der Arbeit an einem solchen Stück Familiengeschichte durch den Kopf gehen sollten! Doch inzwischen ist nicht nur der Stuhl eine Antiquität. Auch mein Kopf will sich nicht mehr an all das neumodische Zeug gewöhnen. Nur hat mein Kopf ein bedeutend schlechteres Alter als der gute alte Bürostuhl. Und ich muss ihm zu Gute halten, dass er wendig geblieben ist. Doch der Clou der Sache ist, dass das Möbel vielleicht war  gar kein richtiger Bürostuhl war, sondern ein Coiffeurstuhl. Ein Coiffeurstuhl  für einen Vollglatzenträger – Nostalgie pur.

Aus Platzgründen musste ich mich im Jahre 2009 vom Stuhl trennen. Ich kam auf die Idee, ihn dem Theater Basel anzubieten. Und zu unserer grossen und freudigen Überraschung hatte es schnell geklappt. Unter Regisseur Elias Perrig wurde das Möbel zum Theaterrequisit im Stück "Eine Familie" von Tracy Lett. So waren wir am 2. November 2009 vom Theater Basel zur Schweizer Première  geladen. 




(2) Requisit im Stück 'Eine Familie' von Tracy Lett am Theater Basel

Requisit im Stück 'Eine Familie' von Tracy Lett am Theater Basel

 

Autor Tracy Lett hat mit seinen Stücken grossen Erfolg; die Dramaturgen reissen sich nachgerade um seine Stücke. „Eine Familie“ wurde auch noch am Wiener Burgtheater aufgeführt. Und Hollywood ist auch schon mit von der Partie. Inzwischen dürfte es eine Kinofassung dieses Stücks geben - leider wohl ohne Vaters Stuhl.

Mein Grossvater väterlicherseits
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3.1.  Meine Grosseltern – Mein Grossvater väterlicherseits.

Johann Gottlieb Helfenberger,  mein Grossvater väterlicherseits

ALS GROSSVATERLOSER GESELLE AUFGEWACHSEN – GOTT SEI’S GEKLAGT. Als ich zur Welt kam, ruhte mein Grossvater väterlicherseits bereits seit 14 Jahren auf dem Andwiler Friedhof. Dort überragte das schwarze Marmorkreuz mit der Inschrift 'JOHANN GOTTLIEB HELFENBERGER, FABRIKANT 1866 - 1929' alle übrigen Grabmäler – einer Festung wider die Stürme des Schicksals gleich. Zusammen mit meinen Eltern und Onkeln habe auch ich regelmässig nach dem sonntäglichen Kirchgang etwas in stillem Gedenken verweilt. Vielleicht auch deswegen hatte ich schon seit früher Jugend viel Respekt vor diesem Mann verspürt.


(1) Grossvater Johann G. Helfenberger (1866 - 1929)

 
Grossvater Johann G. Helfenberger (1866 - 1929)

J.G.H. Bereits seine Initialen schienen Respekt zu erheischen. Grossvaters Spuren waren mir auch sonst immer wieder begegnet, nicht nur als Portrait mit dem gestrengen Blick, auch in Form von Gegenständen aus der Stickereizeit und natürlich in den Schilderungen meiner Onkel und meines Vaters. Diese Bruchstücke ergeben ein recht klares Bild meines Grossvaters väterlicherseits.

Zunächst ein Wort zu seinen Eltern: Sein Vater, also mein Urgrossvater Jakob Anton Helfenberger-Künzle hatte zunächst in Matten bei Andwil ein kleines Bauerngut bewirtschaftet. Später lebte er im Dorf Andwil, und zwar in jener Liegenschaft, die später von Maler Juchli übernommen wurde.

Von meinen Urgrosseltern ist mir nur bekannt, dass mein Urgrossvater von grosser, hagerer Gestalt gewesen sei, ein Lincoln-Bärtchen getragen und geschiggt*) habe. Meine Urgrossmutter ist meinem Götti als überaus tatkräftige Frau in Erinnerung geblieben. Nach dem Tod ihres Mannes muss sie noch eine gewisse Zeit in Arnegg im grosselterlichen Haushalt gelebt haben. Sie war in ihren letzten Lebensjahren an Alzheimer erkrankt und starb um 1900.

Grossvater wuchs mit zwei Geschwistern, einer Schwester und einem Bruder in Arnegg, auf einem Bauernhof im "Dörfli" auf. Als einziges Kind der Familie durfte er die Realschule in Gossau besuchen. Nach einer kaufmännischen Ausbildung im Stickereigewerbe hatte er sich breits in jungen Jahren als Fergger selbständig gemacht und war mit der Firma Blank & Berlinger (ev. Beglinger?) in Gallen-Bruggen assoziiert.

*) schiggen (Kautabak kauen)

Die Stadt St. Gallen und ihr Umland waren damals ein Weltzentrum der aufblühenden Textilindustrie. In St. Gallen entstand die erste Maschinenfabrik. Hier liefen die ersten mechanischen Webstühle, fuhr das erste Tram. Es gab den ersten Fussballverein des Landes, den ersten englisch-sprachigen Businessklub, das erste Stadttheater mit festem Ensemble, das erste Schwimmbad für Frauen, das erste öffentliche Hallenbad, die älteste Privatbank der Schweiz, die erste Wirtschaftshochschule. Ein weltoffenes Bürgertum, das über den Tellerrand hinausschaute. St. Gallen war der stärkste Exportkanton, so etwas wie der Motor des Landes. Dann kam die Textilkrise. Aber dies ist fast hundert Jahre her. (Fred David, St. Gallen, Ideenfreies St. Gallen NZZ 11.05.2011)

Am 29. Januar 1893 ehelichte Johann Gottlieb Helfenberger die Bauerntochter Maria Hafner aus Gossau-Anschwilen.



(2) Arnegg, Hauptstrasse um Ende 1930. Grossvaters erster Geschäftssitz (3. Haus v.r.)
Arnegg, Hauptstrasse um Ende 1930. Grossvaters erster Geschäftssitz (3. Haus v.r.)

Grossvaters Geschäftssitz befand sich zunächst an der Hauptstrasse in Arnegg, in einem neben der Dorfschmiede gelegenen grossen Haus schräg gegenüber dem Restaurant ‚Ilge‘. Im Erdgeschoss waren fünf Stickmaschinen sowie drei bis vier Nachsticker untergebracht. Im ersten Obergeschoss befand sich das Büro, im zweiten wohnten bis ungefähr 1904 die Grosseltern, mit ihren Söhnen Paul, Johann, Leo und August sowie die Dienstmagd Elise.

Tagg, tagg, tagg, tönte es nicht nur aus den Räumlichkeiten in Arnegg, sondern auch aus dem zu Stickereilokalen umgestalteten Kellern so vieler Bauernhöfe. Die Stickerei hatte überall Platz. Sechs Meter mass die Stofflage, 312 Nadeln wurden hin- und hergefahren. Vier bis fünf Stiche schafft ein geschickter Handsticker pro Minute, in einer Stunde brachte er es auf hundert Stiche. Immer wieder musste er Fäden schneiden, Fäden und Nadeln wechseln. Moderne automatische Maschinen schaffen bis zu 300 Stiche − pro Minute.

Für das Abschneiden der Fäden und das Auswechseln der Nadeln waren feine Hände nötig. Je kleiner die Finger, desto besser lief die Arbeit. Stickerei war zu einem nicht unwesentlichen Teil Kinderarbeit, bei den Heimstickern und auch in der grossväterlichen Handstickerei. Nicht nur die Bauernkinder, auch meine Onkel waren eingespannt, mussten  als Laufburschen den im Umkreis von Niederbüren, Mogelsberg, Kaltbrunn, St. Bernhardzell, Sommeri wohnhaften Handstickern und -stickerinnen Ware mit Handwagen oder Velo zuliefern und diese nach getaner Stickarbeit wieder abholen und zum Nachsticken nach Arnegg bringen.

 

Am 19. Juli 1902 erwarb Grossvater von Albert Hangartner, dem Wirt des auf gegenüberliegenden Seite der Hauptstrasse gelegenen Restaurants „Ilge“, einen rund 2’000 m2 grossen Bauplatz zum Preis von Fr. 6'153.30.

 

Kaufbrief vom 30.07.1902 über einen Bauplatz in Arnegg, Kaufprot. Bd.27 Nr.6939 

Auf diesem Grundstück liess er 1904 ein Geschäfts- und Wohnhaus bauen, ein vom Jugendstil geprägtes, vorwiegend in Holz gehaltenes, schindelbewehrtes Haus mit einer markanten Veranda zur Strasse hin, das noch heute den gutern Geschmack des Bauherrn verrät. Auf dem Foto der Hauptstrasse um 1930 (oben) ist das neue Gebäude in der Bildmitte gut zu erkennen. Über eine für die damalige Zeit wohl grosszügige Natursteintreppe gelangt der Besucher zunächst in einen langen, in Jugendstilmanier mosaikartig ausgelegten Gang, an den sämtliche Geschäftsräumlichkeiten anschliessen. Die beiden oberen Geschosse dienen Wohnzwecken, wobei sich auch im obersten Stock nebst drei Zimmern eine Küche befindet. Im mittleren Stock dann eine grosse Küche, zwei Stuben, wovon die eine repräsentativ ausgestaltet, und zwei Schlafzimmer. Grossvater war Geschäftsmann und als solcher war er sich gewohnt, vorauszuschauen. Auf dem angrenzenden Grundstück sollte dereinst eine Erweiterung des Geschäfts möglich sein.

 



(4) Arnegg, Bischofszellerstr. 327, von Grossvaters 1905 erbautes Geschäfts- und Wohnhaus, später mein Elternhaus

Arnegg, Bischofszellerstr. 327, von Grossvaters 1905 erbautes Geschäfts- und Wohnhaus, später mein Elternhaus

Grossvater muss ein Willensmensch gewesen sein, der von seiner Umgebung als eher gestrenger Mann wahrgenommen wurde. Streng war er auch gegen sich selbst, und ständig in Bewegung, auch körperlich, mit Vorliebe zu Fuss, und zwar nicht nur in Arnegg und rund um Arnegg. Wenn er verreiste, zog er es vor, den Zug jeweils erst in Gossau zu besteigen. Selbst die Stadt St. Gallen, Hin- und Rückweg gesamthaft immerhin 25 km, war ihm zu Fuss nicht zu weit. Zweimal die Woche, Mittwoch und Samstag, besuchte er dort regelmässig die Stickereibörse. Dort erfuhr er am eigenen Leibe die Krisenzeiten und Modewechsel im Stickereigewerbe und als Folge ein ständiges wirtschaftliches Auf und Ab. Daran schien sich auch Grossvater gewöhnt zu haben. Er dürfte die langen Marschzeiten auch zum Nachdenken gebraucht haben, immer öfter auch zum Verarbeiten, wenn der Stickereimarkt flau war und die von der Stickerei abhängige Wirtschaftslage in der Ostschweiz wieder einmal lahmte. Trotzdem wollte er seinen Stickereibetrieb mit Hilfe seiner Söhne ausbauen und erweitern. Der einschneidende Rückgang nach dem ersten Weltkrieg zwang ihn jedoch, seine Pläne – trotz guter räumlicher und personeller Voraussetzungen – schweren Herzens fallen zu lassen. Die Umstellung von der Hand- auf die Schifflistickmaschine schien Grossvater zu risikoreich, weshalb er darauf verzichtete und beim Besticken von Tüechli blieb – und schliesslich resigniert damit aufhören musste. Er begann in Grundstücke zu investieren und kaufte dieses und jenes Bauerngüetli auf. Dabei dürfen ihm seine persönlichen Beziehungen zu den Heimstickern von Nutzen gewesen sein. Erholung fand Grossvater bei Familienspaziergängen, bei denen er sich gerne auch einmal dem Gesang hingab. Er soll vor allem laut gesungen haben. In den Schilderungen meines Vaters und meiner Onkel habe ich ihn als impulsiven Mann kennen gelernt, der auch mal Freude an einem derben Spässchen haben konnte. So hat er aus Jux beim Heuen eine Mitheuerin zwecks Abkühlung in den Brunnen gestellt. Auch seine Frau Gemahlin wurde ab und zu Opfer seiner gelegentlichen Kapriolen, wenn er im Familienkreis, in der Küche nach dem Essen mit ihr Freiübungen machte. Darob war sie überhaupt nicht amüsiert, ja sie soll sich gegen dieses Getue jeweils mit den letzten, ihr zur Verfügung stehenden verbalen Mitteln «Hör uf, sösch speuz i di a!» zur Wehr gesetzt haben.

Sein Garten lag ihm sehr am Herzen. Auch hier besass er Ehrgeiz, wollte à-tout-prix den schönsten Garten haben. Schon in aller Herrgottsfrühe beschäftigte er sich mit den Blumen und dem Gemüse. Doch wer so früh aufsteht und so viel marschiert, braucht ein währschaftes Morgenessen. Das soll er sich auch gegönnt haben, in Form einer grossen Schüssel Habermus mit Milch. Überaus geliebt habe er jedoch das Kaninchenfleisch – wohl aus eigener Zucht.




(5) Helfenberger-Hafner, Familienfoto 1920 (v.l.n.r.) Johann (24), Leo (21), Mutter (54), Alfons (15) Vater (54), August (18), Paul (26)Vater (54), August (18), Paul (26)

Helfenberger-Hafner, Familienfoto 1920 (v.l.n.r.) Johann (24), Leo (21), Mutter (54), Alfons (15) Vater (54), August (18), Paul (26)Vater (54), August (18), Paul (26)

Nicht nur den schönsten Garten wollte Grossvater haben, sondern auch tüchtige Söhne. Ein Söhnchen sowie ein Töchterchen waren bei oder kurz nach ihrer Geburt gestorben. Grossvater war ein Bubenvater, stets daran, seine fünf Söhne zu fordern und anzuspornen, um aus ihnen sparsame und ehrbare Bürger zu machen. Nicht einen Fünfer hätten sie von ihm als Taschengeld erhalten, wird berichtet. Da liess er sie schon lieber vor einem Geschäftsreisenden einen Zweikampf austragen, worauf der Sieger einen Batzen erhielt. Das wenige Geld, das sie sich auf diese Weise oder etwa mit Sammeln von Rossmist für den väterlichen Garten verdienten, durften sie nicht etwa für Süssigkeiten ausgeben, sondern mussten es in die Sparkasse legen. Wenn es um Ehr und Redlichkeit ging, hörte bei J.G.H. der Spass auf und er kannte kein Pardon: Auf Lügen und Diebstahl standen Körperstrafen.

Nebst dem Garten hat J.G.H. den Wald sehr geliebt, besass er doch in der Arnegger ‚Witi‘ einige Waldparzellen. Wald muss für ihn wohl etwas Mystisches bedeutet haben. Bei der Waldarbeit wurde er von seinem Vater  tatkräftig unterstützt, während ihm seine Enkel das Mittagessen zu bringen hatten. Nach dem Tod meines Grossvaters gingen die Waldstücke auf seine Söhne, also auch auf meinen Vater über. Während meiner Jugendzeit wurde Vaters Waldparzelle abgeholzt und neu bestockt. Die Parzellen gingen schliesslich an Werner, einen Verwandten und Zimmermann von Beruf. Diese Waldstücke dürften sich heute wohl noch etwa gleich präsentieren wie damals. Wo anders ist dies heute noch der Fall? Dem Schweizer Forstgesetz sei Dank!

Am Nachmittag des 9. September 1929 unternahmen mein Grossvater und sein im Betrieb beschäftigter Sohn Leo   einen Sonntagsspaziergang zum Restaurant 'Henessenmühle'. Dort befindet sich ein Weiher, in welchen auch der  am grossväterlichen Haus vorbeifliessnde Bädlibach mündet. Einst hatte das Wasser ein Wasserrad angetrieben, mit dessen Kraft in der Henessen eine Mühle betrieben wurde. Das Wasserrad blieb erhalten. Die beiden kehrten im Restaurant ein und tranken einen halben Liter Wein. Dann nahmen sie den Heimweg unter die Füsse. Unterwegs klagte Grossvater urplötzlich über ganz fürchterliche Bauchschmerzen. Weitergehen war unmöglich; er musste sich hinlegen. Der sofort avisierte Arzt fuhr ihn zunächst zur Untersuchung in seine Praxis, dann geradewegs ins «Notkerianum» in  St. Gallen, wo Grossvater kurz darauf verstarb, mit nur 63 Jahren. Vorher soll er nie ernsthaft krank gewesen sein. Als Todesursache wurde ein Magendurchbruch angegeben. Ja, Grossvater hätte vielleicht schon etwas (zu) schnell und bisweilen zu kalt oder zu heiss gegessen, wurde berichtet. Die Rede war auch von «einem gewissen Druck» auf der linken Seite, den er bisweilen verspürt haben soll. Doch an der Diagnose 'Magendurchbruch' habe ich so meine Zweifel, würde eher auf einen Riss der Aorta tippen. Immerhin ist mein Vater 61 Jahre später (auch) an einem Aorta-Riss gestorben.

J.G. Helfenberger, Arnegg - Hommage an meinen Grosssvater als Unternehmer der ersten Stunde
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3.1.  Meine Grosseltern – Mein Grossvater väterlicherseits.

J.G. Helfenberger, Arnegg - Hommage an meinen Grosssvater als Unternehmer der ersten Stunde

Otto Marbach, genannt der Millionär

GÜLLEN LÄSST GRÜSSEN. Da war endlich einer, der klotzen und nicht  nur klimpern konnte. Einer der bereit war, in Arnegg gross einzusteigen. Otto Marbach war sein Name, genannt der Millionär. Mit ihm sollte alles anders werden, besser  eben und viel schöner. Er hatte sich anheischig gemacht, Arbeit und Wohlstand nach Arnegg zu bringen. Schon damals interessierte sich kaum jemand dafür, woher er kam und wie er zu seinem vielen Geld gekommen war. Weshalb also sollten die Arneggerinnen und Arnegger kritischer sein? Sie waren von Otto Marbach, seiner neuen Fabrik und seiner gleich auf dem Hügel nebenan errichteten schneeweissen Villa geblendet und betrachteten ihn als Heilsbringer. Als solchen wählten sie den Fabrikherrn sogar in den Gossauer Gemeinderat, denn – so die gängige Meinung – erfolgreiche Geschäftsmänner sind auch gute Politiker. Doch Politik funktioniert nur, weil Politiker an die Scheinwelt, die sie immer wieder aufs Neue aufbauen, selbst glauben, schlicht und ergreifend,  damals wie heute.

 


Arnegg, Villa Marbach

 

 

ARNEGGS ERSTE UNTERNEHMER. Als Persönlichkeiten wie auch als  Unternehmertyp hätten mein Grossvater und  Marbach gegensätzlicher nicht sein können. Sie beide sind zwar dem merkantilistischen System verpflichtete Kaufleute, sparsam halt und keine Wohltäter.  Doch dann ist es schon vorbei mit der Gemeinsamkeit. Hier J.G. Helfenberger, der noch ganz der bäuerlichen Tradition verpflichtete Fabrikant der ersten Stunde, der einem Familienbetrieb mit hauptsächlich auf Heimarbeit abgestützter dezentraler Struktur vorsteht, da Otto Marbach, Urtypus des Fabrikherrn, der  die sich ihm in unmittelbarer Nähe von Bahnhof und Post bietenden Möglichkeiten knallhart erkennt und diese packt, auf der grünen Wiese eine Weberei aus dem Boden stampft, auch in Arnegg Arbeitsplätze schafft, ein Kontrollfreak, der  seine Untergebenen auch ausnützt, alle manipuliert. Unzimperlich  bis skrupellos  in der Auswahl seiner Mittel, schikaniert seine Widersacher, ein regelrechter Dorf-Tyrann,  der dann, bei Kriegsende 1944, die Fabrik an den Gossauer Robert Saladin verkauft, dabei kräftig absahnt und sich dann mit seinen Millionen ins steuerfreie Fürstentum Liechtenstein abmeldet – oder vielleicht doch nicht ganz, wie die Geschichte mit dem Arnegger Posthalter zeigt.

 

Marbach und Posthalter Rechsteiner waren sich gram, weil  der Millionär nicht mehr in das alte Postgebäude investieren wollte. Darin war nicht nur das Postlokal untergebracht, sondern im oberen Stockwerk wohnten der Posthalter, dessen Frau und die beiden Söhne. Marbach liess das Haus  verlottern, worauf  Rechsteiner, sich umzusehen begann, zumal sich  schräg vis-à-vis ein idealer Bauplatz für ein neues Postgebäude anbot.  Rechsteiner stand deshalb mit den Eigentümerinnen dieser Parzelle, Luzia und Paula Hungerbühler, in Kontakt. Als dies ruchbar wurde, versuchte Marbach, dies zu verhindern. Er wollte „seine“ Post nicht verlieren und auch nicht, dass sein Schlosshügel durch eine Überbauung angeschnitten würde. Deshalb versprach er den Geschwistern Hungerbühler, jeden Preis für das Land zu bezahlen. Doch die beiden verkauften nicht an ihn, sondern an den Posthalter, der damit nicht nur zu einer neuen Post kam, sondern darüber hinaus  zu einem grossen Sieg über den Millionär. Doch Marbach wäre nicht Marbach gewesen, hätte er diese Niederlage hingenommen. Nun standen die beiden Nachbarn auf Kriegsfuss zueinander. Von da an schikanierte Marbach den Posthalter wann und wo er nur konnte. Doch der kleine Appenzeller wusste sich auf seine Weise zu wehren. So pflichtbewusst und  genau, wie dies eben nur ein Schweizer Postangestellter tun kann, hielt Rechsteiner kalendarisch fest, wie oft Marbach in seinem Schloss weilte, obwohl er seine Papiere längst ins Steuerparadies Fürstentum Liechtenstein verlegt hatte. Die Sache sollte Marbach schliesslich finanziell teuer zu stehen kommen, denn er musste einiges an Steuern nachzahlen, worauf die Situation gänzlich eskalierte und  die Rechsteiners es vorzogen, die Posthalberstelle  in der Nachbargemeinde Hauptwil zu übernehmen. Dort konnten sie endlich glücklich und im Frieden weiterleben.

 

Die Geschichte wäre nicht vollständig ohne Schilderung der privaten Seite des Millionärs, etwa  seiner Vorliebe für alte Autos, von denen er zwei in einer Remise abgestellt hatte und die er gelegentlich bewegen musste. Zu diesem Zweck pflegte er hin und wieder Gäste mit  seinem alterwürdigen dunkelblauen Peugeot  auszuführen. So erinnere ich mich, wie er unsere Familie einmal in sein geliebtes Bauerndorf Berg im Kanton Thurgau führte, eine  Gunstbezeugung des Millionärs, die in der Frühzeit auch die Familie Rechsteiner erfahren hatte.

Erwähnenswert auch seine Freude an handwerklicher Tätigkeit, wie dem Holzhacken, das er wohl als eine Art Krafttraining zu betreiben pflegte.  Es war 1954, als er hinter unserem Haus eine grössere Anzahl Trämel entdeckt hatte. Er anerbot Vater, dieses Holz zu spalten. Und ich erinnere mich, wie ich dem die Axt schwingenden Millionär im Hemd ganz verstohlen vom Küchenfenster aus bei der Arbeit zugesehen habe, wie er sich konzentriert und im Schweisse seines Angesichts abmühte, ein Bild, das sich mir eingeprägt hat, wohl wegen der Ähnlichkeit zu dem Bild auf der Fünfzigernote  in Vaters Kassenschrank. Und noch so eine Erinnerung, wie er zu Vaters Fünfzigsten völlig überraschend mit einer guten Flasche Weins  erschien und Vater zu seinem Geburtstag gratulierte.

Bereits angetönt, seine sympathische Verbundenheit mit der Gemeinde Berg/TG, wohl weil er dort aufgewachsen war.  Und da war auch  noch Hedy, seine bedauernswerte Tochter, die es mit ihm wahrhaftig nicht leicht hatte, weil ihr Vater darüber bestimmte, mit wem sie Kontakt haben durfte und  vor allem mit wem nicht! Hedy war es, die in ihrem Testament  der  Sparkasse der Administration des katholischen Konfessionsteiles des Kantons St. Gallen (einen noch komplizierteren Namen für eine  Bank gab es wohl kaum!) den ansehnlichen Betrag von 5 Millionen Franken für schulische Zwecke vermacht hat,  was als  letztes Zeichen der Verbundenheit mit der Ostschweiz und als eine Art Versuch einer Wiedergutmachung über das Grab hinaus gedeutet werden kann.

Mag wohl sein, dass mich diese Geschichte gegenüber Heilsversprechern jeglicher Couleur misstrauisch gemacht hat. Vielleicht lässt sich daraus auch erklären, weshalb ich in meinem späteren Leben immer eher Mitte-links, Richtung soziale Gerechtigkeit getickt habe, ohne dabei meine Sympathien für wahrhaft grosse Unternehmer, wie etwa Gottlieb Duttweiler, zu verbergen. Zu ihnen zähle ich auch meinen Grossvater. Leider war es mir nicht vergönnt, ihn kennen zu lernen. Aber so, wie während meiner Jugendzeit über ihn berichtet wurde, und so wie ich ihn im Verlauf meiner Recherchen kennen gelernt habe, ist er für mich so etwas wie ein Vorbild. Ich denke, er hate diese späte Hommage mehr als verdient.


Noch eine Fussnote zu diesem ersten Akt der Arnegger Industriegeschichte: Die Liegenschaft, welche die Firma J.G. Helfenberger bis 1904 beherbergt hatte, wurde am 23.8.1962 ein Raub der Flammen.

 

 

 


 

 

 

Meine Grossmutter väterlicherseits
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3.2.  Meine Grosseltern – Meine Grossmutter väterlicherseits.


 

07.10.1950

Berta Helfenberger geboren Hafner



(1) Grossmutter Berta Helfenberger (um 1920)

Grossmutter Berta Helfenberger (um 1920)

 

Meine Grossmutter war eine zarte, feingliedrige Frau. Geboren wurde sie anno 1866, im selben Jahr wie mein Grossvater, sie am 3. Januar, er am 5. August. Die Bauerntochter aus Anschwilen bei Gossau war ihren fünf Söhnen zeitlebens eine gute, verständnisvolle Mutter. Ihr zur Seite stand Elise, eine Seele von Dienstmagd. Grossmutter soll zeitlebens eine gute Sängerin gewesen sein. Als Gattin eines Stickereifabrikanten hatte sie Freude an schönen Stoffen und eleganten Kleidern. Überliefert ist, wie sie einen zuvor in der Stadt neu erworbenen Hut vorführte. Dieser musste Grossvater jedoch so sehr missfallen haben, dass er ihr die Neuerwerbung, wohl bei der Präsentation am Familientisch, vom Kopf gerissen und zu Boden geschmissen hat. Danach war Grosi wohl nicht mehr ums Singen zu Mute. Nicht überliefert ist, wie lange es gedauert hat, bis sie mit Grossvater wieder ihr Lieblingslied „Im schönsten Wiesengrunde“ im Duett gesungen hat. Nach der Heirat meines Vaters zog sie in den oberen Stock und unterstützte die junge Familie in Haus und Garten nach Kräften. Ihre letzten Jahre waren überschattet von ihrer Krankheit. Ich erinnere mich an die letzten, nicht immer einfachen Jahre, insbesondere an ihre Beerdigung. Sie verstarb am 7.Oktober 1950 im 85. Altersjahr im Kantonsspital St. Gallen an den Folgen eines Beckenbruchs.  Grossmutter wurde  im Elternhaus aufgebahrt. Die Totenwache, die feierliche Überführung des Leichnams mit Pferdefuhrwerk  zum Beerdigungsgottesdienst in der Pfarrkirche Andwil und der feierliche Beerdigungsgottesdienst hatten mich stark beeindruckt und noch während Jahren beschäftigt,  war es für mich doch die erste direkte Begegnung mit Abschiednehmenmüssen und Tod.

 

 

Mein Grossvater mütterlicherseits
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3.3.  Meine Grosseltern – Mein Grossvater mütterlicherseits.



 Alfred Güntensperger-Weber, mein Grossvater mütterlicherseits, wurde am 27.April 1872 geboren. Er war somit 6 Jahre jünger als mein anderer Grossvater. Ledigerweise hat er während 24 Jahren zusammen mit seiner Haushälterin Klärli in Wuppenau/TG das Restaurant „Bären“ geführt. Trotz der langjährigen Zusammenarbeit war es zwischen den beiden nicht zur Heirat gekommen, weil sie entfernt miteinander verwandt waren. Später lernte Alfred die aus dem Aargauischen stammende Karolina Weber kennen. Sie wollte ihn partout nur dann heiraten, wenn er dem Wirteberuf adieu sagen würde. Wohl aus diesem Grund hat er dann den Betrieb in Wuppenau aufgegeben und ist nach Weinfelden übersiedelt. Auch dort soll Alfred zunächst noch gewirtet und gemetzget haben. Doch dann ergab sich die Gelegenheit, den Hof in den «Eierlen» käuflich zu erwerben. Alfred schlug zu und Karoline sagte ja. Beide wurden ein Paar und führten mit Hilfe von Vinzenz, Alfreds jüngerem Bruder, der mit seinen Bienenvölkern von Wuppenau ebenfalls nach Weinfelden übersiedelt war, den Hof, unter tatkräftiger Mithilfe seiner Kinder Marie, Alfred und Klara.



(1) Grossvater Alfred Güntensperger (1872 - 1944)

Grossvater Alfred Güntensperger (1872 - 1944)

 

Mit seinem Husarenschnurrbart war Vater Güntensperger ein gestrenger und sparsamer Vater, auch von Nachbarn als tüchtiger, erfahrener Mann mit grosser Liebe zur Natur geschätzt. Er war hilfsbereit, hatte ein offenes Ohr und einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Sein Rat war gefragt, und er hat Bekannte bei privaten Schwierigkeiten oder Problemen mit Behörden und Ämtern beraten. Grossvater war ein gläubiger Mensch. Sein Glaube an die Macht des Gebets war unerschütterlich. Wenn ein schweres Gewitter mit Blitz, Donner und bisweilen mit Hagelschlag über die Gegend hinzog, zündete er die Sturmlaterne an und versammelte die Familie in der Stube zum Rosenkranzgebet. Er hat dem Schutz des Herrn mehr vertraut als dem Blitzableiter.

 Mit zunehmendem Alter machte Grossvater bei der schweren Arbeit auf dem Hof das Herz zu schaffen. Er litt wohl an zu hohem Blutdruck und hatte Herzprobleme, die zu jener Zeit nicht oder nur unzureichend behandelt wurden. Doch angesichts der prekären Personalsituation blieb ihm keine andere Wahl, als auch noch als Siebzigjähriger Hand anzulegen, zu ackern und mit der grossen Walze zu fahren. Dabei scheute ein entlehntes Pferd und ging durch, ein Ereignis, das ihn zusätzlich belastete. Am Morgen des 30. September 1944 musste sich Grossvater wieder einmal unwohl gefühlt haben. Zum Glück hatte sein Sohn Alfred Urlaub und war auf dem Hof anwesend. Auf dem Weg vom im oberen Stock gelegenen Schlafzimmer hinunter zur Stube muss Grossvater wohl ein Unwohlsein erlitten haben und er stürzte. Der herbeigerufene Arzt erkannte die schwierige gesundheitliche Situation und riet ihm, den Hof, umfassend Wohnhaus und zwei Ökonomiegebäude sowie 366 Aren Land unverzüglich auf seinen Sohn zu übertragen. Eilends wurde der Notar gerufen und alles Notwendige in die Wege geleitet. Kurz nachdem alles geregelt war, verstarb mein Grossvater ganz plötzlich, nachdem er noch ein paar Mal leer geschluckt hatte, wahrscheinlich an einem Herzversagen, wohl versehen mit dem Hl. Sterbesakrament, noch in Anwesenheit des Notars.

Als mein Grossvater mütterlicherseits überraschend verstarb, war ich kaum ein Jahr alt. Gewiss hatten meine Eltern  mit mir als Säugling meine Grosseltern besucht. Seit  1938  nannte mein Vater  ein Personenautomobil der Marke Opel, Modell 1934 sein eigen. Dies ist durch eine Versicherungs-Police der Helvetia St. Gallen (Versicherungssumme Fr. 2’000.-, Jahresprämie Fr. 30.-) belegt. Die Police endigt jedoch am 1. September 1943, also anderthalb Monate vor meiner Geburt. Vater dürfte Mama und mich  also nicht eigenhändig in  seinem Wagen  nach Weinfelden chauffiert haben. Gereist wurde klugerweise mit dem Zuge, mit dem "Sulgerli".

 

Meine Grossmutter mütterlicherseits
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3.4.  Meine Grosseltern – Meine Grossmutter mütterlicherseits.
Karolina Güntensperger-Weber  bleibt mir als warmherzige, gute und überaus arbeitsame Grossmutter in lebhafter Erinnerung. Bis ins hohe Alter  hatte sie täglich zu Fuss die Frühmesse in die Kirche von Weinfelden besucht und darauf im Hof gearbeitet und ihren Sohn und ihre Schwiegertochter unermüdlich unterstützt. Während unserer Jugendzeit weilte sie regelmässig bei uns zu Besuch, am Sonntag, wenn sie für einmal ihre jungen Säuli allein lassen und den Zug nach Arnegg besteigen konnte, mit einer grossen Tasche voll meist süsser Überraschungen. Da war für alle etwas drin, besonders für uns Kinder. Nur Vater hatte es stets missfallen, dass Grossmutter bei Migros einkaufte. Denn nie und nimmer hätte er als Selbständigerwerbender  nur einen Fuss über die Schwelle dieses Grossverteilers gesetzt! Immerhin hat er uns nicht verboten, die Guetsli dieses «Vernichters der Kleingewerbler» zu essen. Mit ihrer bescheidenen AHV-Rente von sage und schreibe 40 Franken hat Grosi ihren Enkelkindern so manches Mal eine Freude bereitet. Und hin und wieder hat sie auch sich etwas geleistet - etwa eine Flasche Malaga – nicht bei Migros!



(1) Grossmutter Karoline Güntensperger-Weber (1886 - 1968)

Grossmutter Karoline Güntensperger-Weber (1886 - 1968)

 

Grossmutter war eine beherzte Frau, was auch folgende Begebenheit zeigt: Als sie einmal, begleitet von ihrem Enkel Kurt, mit dem Zug in Arnegg ankam, hatte sich  dieser bereits wieder in Bewegung gesetzt als sie noch am Aussteigen war. Es gelang ihr in letzter Sekunde, dem bereits wieder anfahrenden «Sulgerli» noch zu entsteigen. Sie kam dabei jedoch  zu Fall und zog sich  einige Schürfungen zu. Zum Glück hatte der kleine Kurt, der Grossmutter erstmals begleiten durfte, die Geistesgegenwart, ihr nicht auch noch zu folgen, sondern im Zug nach Gossau weiterzufahren. Partout  hätte sie nicht den Umweg über  Gossau machen um dort auf den nächsten Retourzug  warten wollen. Lieber wollte sie ihre Zeit lieber mit ihren beiden Töchtern und ihren Enkelkindern verbringen.

Nach einem äusserst arbeitsreichen Leben verstarb  Grossmutter am 20. Mai 1968 in ihrem 83. in Weinfelden. Wenn ich heute an Grosi denke, sehe ich sie vor dem Stall mit ihren 'verwerchten' Händen beim Holzherd hantieren. Sie liebte ihre Enkelkinder und verwöhnte sie, aber auch ihre Ferkel waren ihr eine Herzensangelegenheit. Und was für Grosi ihr Holzherd war, ist  für mich heute vielleicht mein Heisskomposter im Garten!

Erinnerst du dich an Personen, die im Leben deiner Grossmutter eine wichtige Rolle, positiv oder negativ, gespielt haben?
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3.4.  Meine Grosseltern – Meine Grossmutter mütterlicherseits.

Erinnerst du dich an Personen, die im Leben deiner Grossmutter eine wichtige Rolle, positiv oder negativ, gespielt haben?

 

Krankheiten und Unfälle
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4.  Krankheiten und Unfälle


EHER EIN «UNFALLTYP»



(1) 1952 VOM UMFALL- ZUM UNFALLGELÄNDER. Spontan, von einem ambulanten Fotografen aufgenommen, der mir irgendein Erwachsenen-Velo (mit Kindersitz!) unterschob, derweil ich in diesem Alter noch gar nicht Velo fahren konnte. Doch der hölzerne Degen, der meine Linke ziert, ist autentisch! So wurde ich geknipst , ausgerechnet vor dem ehemaligen Geschäftsliegenschaft meines Grossvaters. Einfach genial und damit das Bild meiner frühen Jugend!

1952 VOM UMFALL- ZUM UNFALLGELÄNDER. Spontan, von einem ambulanten Fotografen aufgenommen, der mir irgendein Erwachsenen-Velo (mit Kindersitz!) unterschob, derweil ich in diesem Alter noch gar nicht Velo fahren konnte. Doch der hölzerne Degen, der meine Linke ziert, ist autentisch! So wurde ich geknipst , ausgerechnet vor dem ehemaligen Geschäftsliegenschaft meines Grossvaters. Einfach genial und damit das Bild meiner frühen Jugend!

Unendlich die Zahl der Verletzungen, die ich mir im Verlaufe der Jugendjahre beim Velofahren zugezogen habe. Doch bereits im zartesten Vorschulalter (vom Kindergartenalter zu sprechen, wäre unzutreffend, denn eine derartige Institution war damals in Arnegg noch unbekannt) rannte ich völlig kopflos vom Haus auf die Strasse – geradewegs vor das robuste schwere, schwarze Velo des Dorfschmied-Gesellen. Dieser stürzte, unglücklicherweise auf meine Seite. Dabei wurde ich durch den Bremshebel an meiner rechten Schläfe ziemlich stark verletzt. Zunächst soll ich den Fahrer wegen dessen mangelnder Vorsicht noch beschimpft haben, worauf Vater aus seinem Büro angerannt kam. Als ich bemerkte, wie  Blut zu Boden tropfte und von meiner Mutter wegen meiner Unvorsichtigkeit auch noch lauthals ausgschimpft worden war, begann ich zu weinen.  Doch als Mutter die Blutspur auf meinem ‚Tessinerli‘ (so hiessen die farbig gestreiften Sommerleibchen damals) erblickte, schlug ihre Stimmung um. «Der arme Bub!» Das hätte - im wahrsten Wortsinn - ins Auge gehen können! Meine Eltern brachten mich rasch zum Gartenhahn hinters Haus. Dort waren wir  aus dem Blickfeld und es entstand  keine «Sauerei». Die Wunde wurde ausgewaschen und ich behelfsmässig am Kopf verbunden. Für die weitere Wundversorgung dürfte wohl Klara gesorgt haben. Sie war in derartigen Dingen mitfühlender und geduldiger. Noch heute zeugt die Narbe von den intakten Selbstheilungskräften. Später dürfte der eine oder andere meine Narbe als «Schmiss» (studentische Mensur) interpretiert haben.

 

SCHWEIN GEHABT! Es war im Winter 1952 oder 1953 und in Andwil lag wieder einmal viel Schnee. Im Rahmen einer Sportstunde zog Lehrer Staub mit uns 2.- und 3. Klässlern hinauf zum Kirchbühl. Wer Skier besass und sich einigermassen darauf halten konnte, hatte sie mitnehmen dürfen. Ich besass nichts dergleichen. Um einen Zaun für Skifahrer überwindbar zu machen, waren wir Nicht-Skifahrer zusammen mit dem Lehrer damit beschäftigt, den Schnee anzuhäufen. So entstand eine Art Sprungschanze, auf der die Mutigsten ihr skifahrerisches Können beweisen sollten. Als mein Klassenkamerad Emil Koller - wohl als Vorfahrer - über die Schanze geflogen kam, touchierte er mich mit seinen Skiern am Kopf. Ich verspürte einen heftigen Schlag, dann Blut im Mund – und Zahnsplitter – eine eher unangenehme Situation, auch für Lehrer Staub. Er musste wohl einen Rapport für die Schulunfallversicherung schreiben. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn es mich voll im Gesicht erwischt hätte und meine Vorderzähne ausgeschlagen worden wären. Noch heute zeugt ein Hick an meinem linken Schaufelzahn von dieser Begegnung der besonderen Art mit einem Skiflieger-Schulkollegen.

 

EIN EREIGNIS MIT LANG ANHALTENER WIRKUNG. Es war während der Sommerferien 1954. Da ich noch kein eigenes Velo besass, hatte mir Mama erlaubt, für messdienstliche Zwecke ihr Velo zu benutzen. An jenem schicksalshaften Tag hatte ich in der Frühmesse ministriert und befand mich so um halb sieben wieder auf dem Heimweg - für meine damaligen Fahrkünste eine Spur zu schnell, denn ich kollidierte mit einem Zaun, kam zu Fall und blieb liegen. Nachdem ich das Bewusstsein wieder erlangt hatte, kam mir das Ganze zunächst wie ein böser Traum vor, denn ich hatte die Erinnerung an das, was unmittelbar vor dem Unfall war,  komplett verloren. Um zu begreifen, was tatsächlich passiert war, musste ich das zu einer veritablen Acht verformte Vorderrad mehrmals mit eigenen Händen greifen. Darauf lud ich mir das demolierte Vorderrad auf die Schultern und zog das Velo bis nach Hause hinter mir her. Dort angekommen, begab ich mich geradewegs in mein Zimmer, legte mich mit starken Kopfschmerzen ins Bett, wo ich den ganzen Tag wortkarg verblieb. Mutter kam und dunkelte das Zimmer ab. Mir war einfach peinlich, ihr Velo  zu Schrott gefahren zu haben – unsäglich schlechte Voraussetzungen für ein eigenes Velo!      Ich hatte eine Gehirnerschütterung. Nach dem Unfall bin ich jedenfalls nicht behandelt und schon gar nicht nachuntersucht worden. Auch diesmal wurde eher Gott und Mutter Natur vertraut als ärztlicher Kunst.

Doch um ein Haar wäre dieses Ereignis fatal ausgegangen. Heute ist erwiesen, dass selbst leichte Kopfverletzungen wie beispielsweise eine gewöhnliche Gehirnerschütterung bei Kindern langfristige Schäden anrichten können. Konzen-trationsschwächen, Wutausbrüche bis hin zu Persönlichkeits-veränderungen können Spätfolgen einer solchen Verletzung sein. Eine 2004 veröffentlichte britische Studie bei 5- bis 15jährigen Kindern hat gezeigt, dass 43 Prozent der nur leicht verletzten Kinder später beachtliche Lernschwierigkeiten ent-wickelten. Auch ihr Sozialverhalten änderte sich. Zudem litt eines von fünf Kindern mit leichten Verletzungen an Persönlichkeits-veränderungen. Die Kinder hatten auch zum Teil beträchtliche Probleme, dem normalen Klassenunterricht zu folgen. Wenn man der Studie glauben kann, hat sich in den vergangenen 50 Jahren nicht allzu viel geändert − zumindest nicht in England. Dort blieben zwei Drittel der betroffenen Kinder ohne ärztliche Betreuung. Fachleute meinen, die hiesige Situation sei mit jener in England vergleichbar. (SZ 30.05.04)

Auch wenn in neun von zehn Fällen Hirnerschütterungen glimpflich ausgehen: Für mich blieb diese leichte bis mittel-schwere Hirn-Schädel-Verletzung nicht folgenlos. Ab diesem Zeitpunkt litt ich während ungefähr fünf Jahren unter häufigen und starken, migräneartigen Kopfschmerzen, besonders dann, wenn ich mich längere Zeit konzentrieren musste.

«EIN RICHTIGER MANN GEHT ERST ZUM ARZT WENN ER TOT IST» - Devise im Hause Helfenberger seit Grossvaters Tod. Ärzte wurden nur in zwei Situationen benötigt: bei unmittelbarer Todesgefahr und für Impfungen. So vermag ich mich denn an Arztbesuche kaum zu erinnern, an Zahnarztbesuche bei Dr. Dillier in Gossau hingegen schon. Götti hatte sich dafür geopfert, wer denn sonst! Bei kleineren Zwischenfällen wie dem folgenden wurde auf ärztlichen Beistand verzichtet.

D BUEBE GÖND ID HAASELNUSS. Im Herbst, wenn die Haselnüsse reif waren, kletterten mein Bruder und ich gerne in den mächtigen Haselnuss- und Holunderbüschen hinter dem Haus herum, um es Nüsse regnen zu lassen. Dabei glitt ich aus, rutschte nach unten, wobei unglücklicherweise eine in die Höhe strebende Rute von unten durch das Hosenbein meiner Turnhose eindrang und mich am Hodensack verletzte. Die Sache war im Moment äusserst schmerzhaft, die anschliessende mütterliche Wunduntersuchung und -pflege mit Schnaps, dem in unserem Haushalt obligaten Desinfektionsmittel, überdies hochnotpeinlich. Ein solches Malheur konnte in einem Dorf wie Arnegg nicht geheim bleiben. Jedenfalls erinnere ich mich an die mitleidvolle Bemerkung eines Schulkameraden, der mein künftiges Familienglück bereits als zerstört glaubte.

Unverzichtbar war der Besuch eines Arztes beim schweren Unfall meines Bruders Gallus. Es war einer der dramatischeren Abende in unserer Familie. Gallus hatte zu Weihnachten Skier erhalten, keine neuen, versteht sich. Mit diesen begab er sich an einem schulfreien Mittwoch-Nachmittag zum wohl einzigen richtigen Übungshang, einem gut eine halbe Stunde von zu Hause entfernten Hügel, ‚Schöpfers Böhl‘ genannt. Gallus war mutterseelenallein unterwegs. Bei einer Abfahrt brach er sich das Bein. Als mein Bruder gegen Abend noch immer nicht zu Hause war, machten sich meine Eltern auf die Suche und fanden ihn verletzt und entkräftet. Mit Hilfe eines motorisierten Nachbarn wurde Gallus in Gossau die nötige ärztliche Hilfe zuteil.

NATUR PUR. Nach Familientradition und ländlicher Gepflogenheit wurden bei uns Hühner und Kaninchen gehalten. Futter war auf der Wiese neben dem elterlichen Anwesen zur Genüge vorhanden. Mutter besorgte die Hühner, wir Kinder waren für das Füttern der Kaninchen und Ausmisten der Ställe zuständig, eine nicht immer so sehr beliebte Aufgabe. So war ich froh, eines Tages im Keller eine nicht ganz stumpfe Sichel zu entdecken. Anstatt Löwenzahn und Bärentatzen einfach von Hand abzureissen, konnte ich das Gras von nun an schwungvoll mit der Sichel schneiden. Allerdings nur für kurze Zeit, denn schon kurz danach schnitt ich mir beim Grasen mit der Sichel ganz tüchtig in den linken Vorderarm. Zum Glück hatte ich nicht gleich die Pulsader erwischt! Wie in solchen Fällen üblich, wurde ein Druckverband angelegt und auf den Beizug eines Arztes verzichtet. Der tiefe Schnitt am linken Unterarm ist gut verheilt, doch geblieben ist mir - als Jugenderinnerung - eine gut sichtbare Narbe, nebst der um ein paar Jährchen älteren Narbe an der rechten Schläfe.


 

 Diese meine Narben begleiten mich seither. Weder schön noch nötig, sie gehören einfach zu mir, so wie heute Piercings dazu gehören und sogar ziemlich Mainstream geworden sind. Nie hätte ich auch nur mit dem Gedanken gespielt, mir meine Narben schönheitschirurgisch entfernen zu lassen. Sie sind genauso Teil meiner Persönlichkeit wie meine Glatze, zu der ich stehe, wie andere auf ihr Tatoo.

 

Wohnen
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5.  Wohnen

DIE STUBE UNSERER KINDHEIT
Innert weniger Jahre war der Haushalt zum 'Ménage-à-sept' angewachsen: Vater, Mutter, drei quicklebendige Kinder, Grossmutter und Klara, abgesehen von den drei Katzen. Grossmutter war in den letzten Lebensjahren wegen ihrer Demenz eher Belastung als Hilfe. Es war riskant geworden, sie mit den Kindern allein zu lassen. Ich erinnere mich daran, wie sie in einer Anwandlung abends wieder einmal fortgehen und mich mitnehmen wollte. Tante Klara, in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt, hatte wohl Ängste ausgestanden, bis Grossmutter von ihrer fixen Idee abliess. Wenn ich mich richtig entsinne, musste sie sogar zu einer List Zuflucht nehmen bis es ihr gelang, Grossmutter bis zur Rückkehr meiner Eltern wegzusperren.

 



(1) Pius (l), Elisabeth und Gallus (r) 1950

Pius (l), Elisabeth und Gallus (r) 1950

 

 

EIN EREIGNIS BLEIBT HAFTEN.«STALIN TOT» Ich sehe sie noch so genau, die fetten Lettern in der «Fürstenländer»-Ausgabe vom 5. März 1953. Stalin war überraschend in seiner Datscha bei Moskau gestorben. Wer Stalin war, das haben mir meine Eltern abends in der Stube wohl zu erklären versucht. Ein böser Kommunist und – was wohl für sie das Schlimmste war – ein ehemaliger Zögling eines orthodoxen Priesterseminars – unter dem so viele Menschen wegen ihres Glaubens zu leiden hatten. Nach dem Tod Stalins und der Geheimrede seines Nachfolgers Chruschtschow sah es im Osten Europas zunächst nach Tauwetter aus. Doch es kam anders: Die Reformbewegungen in Polen und Ungarn weiteten sich zu Aufständen aus, die 1956 blutig niedergeschlagen wurden. In der Folge flüchteten 2000'000 Ungarn in den Westen, viele davon in die Schweiz, die den Flüchtlingen eine beispielhafte Solidarität entgegen brachte.

1954, als Viertklässler, habe ich den Feierabend in einem Schulaufsatz reichlich romantisierend beschrieben:
Wie herrlich ist es, an einem Winterabend in der Stube zu sitzen. Vater liest die Zeitung oder sonst etwas Interessantes. Wir Kinder sind mit den Hausaufgaben beschäftigt. Mutter siedet Milch und Kaffee. Klara strickt an einer Jacke. Bald ist es Zeit fürs Abendessen. Da ruft die Mutter: 'De Znacht wär’ parat!' Alle verlassen ihre Arbeit und gehen in die Küche und setzten sich an den Tisch. Doch plötzlich überrascht uns das Telefon. Vater steht auf und läuft in die Stube. Man hört ihn sprechen: «Salü Fritz, was musst du haben? Eine Weile ist es still. Dann höre ich Vater wieder sprechen: Ich will dir’s heute Abend noch schicken. Tschau Fritz. Danke.» Und schon ist der Hörer weg von Vaters Ohr. Unterdessen sind alle mit Essen fertig und beginnen die Arbeit von neuem.

Die  Schilderung   macht eines klar: Wenn Vater las oder Radio hörte, Klara strickte und wir Kinder bei unseren Aufgaben sassen, war es etwas eng und wohl auch etwas stickig. Dank des kleinen Holzofens war dieses Stübchen während der kalten Jahreszeit der einzig warme Ort im Haus. Die schöne Stube nebenan hatte zwar einen Kachelofen, doch dieser blieb bis auf ein paar wenige Gelegenheiten, beispielsweise Weihnachten, unbeheizt. Bei grosser Kälte wurde mit kleinen Elektrostrahlern versucht, das Schlimmste, etwa das Einfrieren der Wasserleitung, zu vermeiden.

Abends zu Hause Aufgaben  machen oder nur etwas Anspruchsvolles lesen war nicht immer einfach. Zumindest im Sommer bestanden noch gewisse Ausweichmöglichkeiten, etwa auf dem Balkon oder draussen im Garten. Beengend war es im Winter, wenn abends die ganze Familie um das Öfeli versammelt war, in dessen Kamin dann und wann Äpfel prasselten und einen süsslichen Duft verbreiteten. Äpfel waren bis in den Frühling hinein willkommene Zwischenverpflegung. Die im Herbst gleich kistenweise in Holzwolle eingeschlagen Glockenäpfel warteten nur darauf, verspeist zu werden.

Vater nahm ab und zu ein Buch zur Hand. Eine Zeitlang war er sogar Mitglied eines katholischen Buchclubs. Da stapelten sich Bücher von Louis de Wohl (1903 – 1961). Dieser katholische Autor schrieb vor allem über Heilige. In ihnen sah er nicht etwa religiöse Fanatiker, mittelalterliche Phänomene oder Personen, die nichts anderes taten als beten. Louis de Wohl war überzeugt davon, dass Heilige Vorbilder sind, denen man folgen soll. Heilige waren für ihn die spannendsten, interessantesten, mutigsten und bezauberndsten Menschen. Er entdeckte, dass die Probleme der Heiligen – und alle um sie herum – die Probleme unserer eigenen Zeit sind, und dass die Heiligen – und nur sie – fähig waren, diese Probleme zu lösen. So schrieb er die Bücher „Der kaiserliche Abtrünnige“ (St. Athanasius), „Weltenthron“ (Papst Leo I.), „Das ruhige Licht“ (Thomas von Aquin), “Lebendiges Holz“ (St. Helena). Louis de Wohl holte sich die Inspiration für seine letzten Bücher beim Papst. Dieser soll ihm geraten haben, über die Geschichte und die Mission der Kirche in der Welt zu schreiben.

In Vaters Pult befanden sich auch eine stattliche Anzahl brauner Hefte im A4-Format über Persönlichkeitsbildung, privaten und geschäftlichen Erfolg. Es waren vervielfältigte Studienhefte, verfasst von Martin Meister und durch dessen «Institut für praktische Erfolgspsychologie» vertrieben. Ein Vertreter dieses Instituts musste Vater zu einem Fernkurs für die Studiengemeinschaft für überredet haben. Das Ganze wirkte geheimnisvoll, eine bunte Mischung von Volkspsychologie, Physiognomik, Graphologie und Arbeitstechnik. Jedem Band lagen Prüfungsbögen mit höchst aufschlussreichen Fragen bei, z.B. nach Kurslektion Nr. 2 des Fernkurses „Die schriftliche Sprechstunde der Frau“ mussten so tiefgründige Fragen wie jene nach dem Lebenszweck beantwortet werden. Gefragt wurde auch nach Möglichkeit, wie die Antwort auf diese fundamentale Frage zu überprüfen wäre, nach dem stärksten menschlichen Trieb, nach der Bedeutung menschlicher Entwicklung, den Anforderungen der richtigen „Art und Weise“ der Formel der Gerechtigkeit, danach, wer wirklich lebt, nach den Klassen von Mensch in der Wirtschaft, nach den Früchten, nach dem Gesetz des Ausgleichs und dessen Auswirkungen, nach der Definition von Erfolg. Und: Was ist die Grund-Idee der Welt? Ich vermag  nicht zu  sagen, ob Vater diese Unterlagen wirklich durchgearbeitet hat, und wenn ja, ob er daraus Vorteile verzeichnen konnte, und ob er den Fernkurs weiterempfohlen hat. Auch danach war gefragt. Und ob Kursteilnehmer zu ihren Äusserungen stehen und diese ev. namentlich als Referenz verwendet werden könnten. Wie ich mich erinnere, hatte das Lehrmaterial wenig Gebrauchsspuren aufgewiesen. Immerhin interessant, dass  Vater um Weiterbildung bemüht war.

 

Auch Mutter hat hin und wieder Zeit gefunden, eine Zeitschrift zur Hand zu nehmen, etwa den in vielen katholische Haushaltungen beheimateten „Der Sonntag“, oder lieber noch ein Marienzeitschrift. Mama war glühende Marienverehrerin, eines ihrer Lieblingsthemen das „Ave verum“. Mir gefielen vor allem die Heftumschläge, auf denen Mariendarstellungen aus den verschiedensten Epochen prangten. Diese waren diese zu jener Zeit auch etwas meine Kunstbetrachtungen.

Götti war ein recht belesener Mann. Seine Bücher waren vorwiegend religiösen Charakters und hätten allesamt einer Pfarrbibliothek nicht schlecht angestanden. Sein Bestreben war es, uns auch literarisch schon früh den richtigen Weg aufzuzeigen. Zu Weihnachten schenkte er mir regelmässig Nonni-Bücher. Sie hiessen etwa „Nonni und Manni - Die Jungen von der Feuerinsel“ oder „Wie Nonni das Glück fand“. Geschrieben hatte sie Jón Svensson (1857 – 1944), Jesuit, Lehrer und Missionar, der Jungenschriftsteller geworden war, nachdem er aus Krankheitsgründen nicht mehr unterrichten konnte.

Im Elternhaus hatte alles Kulturelle im Religiösen verwurzelt zu sein, musste streng katholisch, unten und oben geschlossen, daherkommen. Unvergesslich bleibt mir die Bilderbuchdarstellung einer nur mit einem Tricot bekleideten Tänzerin. So sehr musste das bisschen nackte Haut Göttis Missfallen erregt haben, dass er kurzerhand zu einem schwarzen Farbstift griff und der Tänzerin ein Baströcklein verpasste. Doch das Bild des prüden, eher etwas verklemmten Schullehrers ist nur die eine Seite der Medaille. Derselbe Götti hat sich als Einziger in meiner Umgebung der darstellenden Kunst gegenüber aufgeschlossen gezeigt, hat Maler wie Carl August Liner verehrt, nicht nur aus lokalpatriotischen Gründen. Vom damals wegen seiner Modernität verfemten (Kirchen-)Maler Ferdinand Gehr besass er mehr als nur ein Werk. Auch mein Vater hat die Stadt St. Gallen gekannt, sich jede Woche dort geschäftshalber aufgehalten. Doch nicht er war es, der mir das Museum näher gebracht, das Stadttheater (wenn auch nur von aussen) gezeigt hat, sondern Götti.

SPIEL, SPASS UND SPORT

Sportliche Förderung und Ertüchtigung erfuhren wir einzig durch die Schule, so ab der 4. Klasse. Vater förderte unsere velofahrerischen Fähigkeiten, indem er uns oft und gern als Velokuriere einsetzte. Als solcher war ich nicht selten und in einem Umkreis zwischen 10 - 20 km im Einsatz –  mit bisweilen beträchtlicher Last auf der Hinfahrt, versteht sich. So waren mein Bruder und ich wenigstens zeitweise voneinander getrennt.

In einem grossen Haus wie dem unsrigen mit einem noch grösseren Umschwung befand sich unsere Spielstube nirgendwo und überall. Lange Zeit waren wir einfach damit beschäftigt, tiefe Löcher ins Erdreich unseres Gartens zu graben. Im Sommer bauten wir Hütten mit Brettern aus Verpackungsmaterial und Holzpaletten. Später nähten wir Zelte aus Leintüchern, was Mutter – aus für uns völlig unverständlichen Gründen – ganz und gar nicht zu schätzen schien.

Eine besondere Anziehung hatte der entlang des elterlichen Grundstücks frei fliessende Bädlibach. Während der warmen Jahreszeit brachten wir  Tage am Bach, stauten ihn bauten Wasserräder ein. Besonderen Mut brauchte es, in das kanalisierte obere Stück vorzudringen. Dort war’s in heissen Sommertagen immer angenehm kühl. Bei starken Regenfällen wurde das Bächlein jedoch zum  reissenden Gewässer. In späteren Jahren hat der Bach regelmässig Wohngebiete überschwemmt, weshalb er dann viel, viel später ausgebaut worden ist.  Bei einem Sturz in den Bach hätte es kein Entrinnen  gegeben, denn schon kurz danach war er eingedohlt. Das wussten auch meine Eltern, doch es machte für uns nicht den Anschein, als hätten sie sich deswegen besonders geängstigt.

Auch die nähere Umgebung war verlockend. Es galt, die zwei angrenzenden Betriebe, eine Mosterei und eine Gras- bzw. Kartoffeltrockungs-Anlage mit den entsprechenden riesigen Vorratslagern zu erkunden, was vor allem während der arbeitsfreien Zeit, also nach Feierabend und an Wochenenden erfolgen musste.

STÄNDIG LEER. Wenn es um das Glück aus der Dose ging, waren Gallus und ich ein Traumgeschwisterpaar. Auch in unserem Elternhaus war in den 50er Jahren Fortschritt angesagt. Als äusseres Zeichen dafür wurde auf die Kondensmilchtube gedrückt. Erstmals war Milch ohne Kühlung haltbar, jederzeit verfügbar, wohl hauptsächlich zum schwarzen Kaffee der Erwachsenen.

Die Tube mit der Kondensmilch, die mich immer wieder heiss machte, lag in der zweiten Schublade von oben. Die Schublade steckte im eierschalenfarbigen Küchenkasten Ich saugte, bis die Tube laubblattflach und mir kotzübel war. Dann blies ich die Backen auf, versuchte der Tube durch den feinen Verschlusshals Luft einzuhauchen, damit sie wieder etwas Bauch bekam.

 Eines Tages muss Mutter wohl dahinter gekommen sein. Jedenfalls wollte sie wohl auf Nummer sicher gehen und schaffte sich anstatt Tuben gleich mehrere Dosen „Bärenmarke“- Kondensmilch an. Um ganz sicher zu sein, verwahrte sie diese nicht in der Küche, sondern – vermeintlich sicher – in einem Kasten im Keller, zuoberst und erst noch zuhinterst. Doch auch da war der begehrte Stoff nicht sicher. Ich weihte Gallus in meinen Plan ein. Gemeinsam wollten wir  die "Bärenmarke"-Kondensmilch knacken. Ihn machte ich zum Komplizen, denn, so sagte ich ihm, "Bärenmarke" würde auch ihn bärenstark machen, worauf sein Unrechtsbewusstsein so schnell wie der Inhalt der Milchdosen schwand. Wie Ferkel an den Zitzen der Muttersau nuckelten wir abwechslungsweise an der Dose, schlossen verzückt die Augen und genossen die süsse, klebrige Masse mit dem einzigartigen Zuckergeschmack. Gemeinsam und versteckt taten wir uns im Dunkel des Kellers immer wieder an einer neuen Büchsen gütlich, so lange bis die Sache aufflog, wohl weil uns eine leere Dose verraten hatte. Da war Ende der Fahnenstange. Zum Einsatz kam Vaters strafende Hand – wohl nur bei mir, dem Älteren und Anstifter, denn in meinem Kopf hatte die kriminelle Energie gesteckt.

Die Rivalität zwischen mir und meinem um drei Jahre jüngeren Bruder wurde für mich zum Problem, als ich spürte, wie ich meinen natürlichen Vorsprung als Älterer und zunächst physisch Stärkerer immer mehr einbüsste. Eines Tages konnte Gallus nicht nur ebenso schnell rennen wie ich, sondern noch schneller. Auch Im Zweikampf begann er mich immer häufiger zu schlagen. Wegen seiner Sparsamkeit besass er mehr Taschengeld als ich, hatte das schönere und grössere Zimmer. Nicht eben selten pflegten wir daher unsere physischen Kräfte  zu messen, zum Leidwesen der übrigen Familienmitglieder. Dabei erschreckten mich  seine heftigen Reaktionen immer mehr. Bei unseren Rivalenkämpfen haben wir  uns nichts geschenkt und uns dabei so manche blutige Nase geholt – zum grossen Leidwesen unserer Eltern. Und einiges hätte damals – im wahrsten Sinne des Wortes – ins Auge gehen können. Wir hatten einfach  gute Schutzengel, und für unsere Blessuren genügten die Selbstheilungskräfte.

Arnegg erschien uns Kindern zeitweise schon etwas zu eng. Andwil war wenigstens ein richtiges Dorf mit Schule und Kirche. Irgendwie hat Andwil  Arnegg  lebensfähig gemacht. Wenn nichts lief, sorgten wir  dafür, dass etwas Schwung in die Arnegger Landschaft kam, z.B. durch Zirkusvorführungen, zu denen sämtliche Nachbarskinder eingeladen waren. Geradezu legendär waren unsere Militärspiele. Offensichtlich hatte ich es immer wieder fertig gebracht, mit Zuzug aus Andwil eine stattliche Schar  Spielkameraden für das gemeinsame "Militärlen" zu begeistern. Nebst selbstgefertigten Waffen aus Holz kam da auch Onkel Pauls ausrangierter Karabiner zum Einsatz, und Vaters Tischwagen wurde in mühevoller Arbeit  zur Panzerlafette. Als Kanone diente ein Ofenrohr, in welchem eine Karbidbüchse steckte. Wurde ein brennendes Zündholz an das Loch in der Büchse gehalten, gab es einen Riesenknall. Geübt wurde meist an den freien Mittwochnachmittagen. Schliesslich waren wir so weit, mit vereinten Kräfte und Sack und Pack in die grossen Wälder der Arnegger Weite ins Gefecht zu ziehen. Nicht weiter verwunderlich, dass es dort wegen der Frage des Oberkommandos  zwischen meinem Bruder und mir zum  Streit und anschliessendem  Showdown kam, der  in einer Meuterei mit ungeordnetem Rückzug endete. Es scheint, als hätte ich meine militärischen Ambitionen bereits sehr früh und sehr gründlich ausgelebt.

 

Grundschule Unterstufe
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6.1.  Primarschulzeit – Grundschule Unterstufe.
PRIMARSCHULZEIT (1950 – 1956)

In die Primarschule ging ich zu einer Zeit, in welcher der Lehrer bisweilen noch so etwas wie der natürliche Feind des Schülers war. Körperstrafen waren durchaus normal. So soll Schulmeister Schirmer, der in den Dreissigerjahren in Gossau gewirkt hat, wegen seines «Helfenbergers» berüchtigt gewesen sein. So nannte er sein massives Lineal aus Holz, mit dem er unfolgsamen Schülern Tatzen zu applizieren pflegte. Weshalb dieses Züchtigungsinstrument gerade diesen Namen trug? Das Holz dürfte von einer im Gebiet der Ruine Helfenberg gewachsen Tanne gestammt haben, einer Anhöhe mit Ruine hoch über der Glatt, die längst nicht alle Gossauer kennen.

Doch für mich war (Primar-)Schule  irgendwie das Grösste. Dabei gab es damals noch keinen schulfreien Samstag - wer könnte sich das heute noch vorstellen!
Nur schöne Erinnerungen an das erste Primarschuljahr im St. Othmar-Schulhaus in Andwil bei Fräulein Agnes Huber – trotz oder vielleicht gerade wegen des langen Schulwegs. Unbeschwerte Schulzeit. Ich war der einzige Knabe meines Jahrgangs aus Arnegg. Zum Glück gab es in der Umgebung  noch ein paar gleichaltrige Mädchen, mit denen ich mich recht gut verstand. Zu Beginn meiner Schulzeit hatte es mir vor allem Birgit, Müllermeister Ledergerbers Tochter angetan. Schon etwas Kavalier, begleitete ich sie eines schönen Nachmittags auf dem Heimweg von der  Schule bis nach Hause zurück zur Erlenmühle, eine gute Stunde hin, eine halbe wieder zurück. Meine Eltern, in Sorge ob meiner langen Abwesenheit, verboten mir darauf diese Umwege. Es hat mich sehr geschmerzt, als Birgit aus gesundheitlichen Gründen nicht weiter in der Klasse bleiben konnte. Von da an hängte ich mein ganzes Herz an meine Lehrerin. Der Klassenwechsel zu Lehrer Staub (2. Klasse) war für mich zunächst wie ein Albtraum. Beim Schönschreiben mit Tinte gab mir Staub einmal einen tüchtigen Puff - und ich wähnte die unbeschwerte Schulzeit als für immer verloren. Dies sollte sich mit dem Eintritt in die Mittelstufe und dem Schulhaus- und Lehrerwechsel wieder schlagartig ändern. Eine  überaus gute und glückliche Primarschulzeit (4. Klassse)   bei Lehrer Alois Brülisauer, einem noch jungen Schulmeister, nahm ihren Fortgang. Lehrer Brülisauer konnte mich nicht nur für Gesang und Flötenspiel, sondern auch für Sport begeistern! Waldläufe mit ihm waren Spitze. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Eigenmann musste er auch nicht  zu Körperstrafen Zuflucht nehmen. Ich erinnere mich an eine einzige Strafaufgabe. Während der Pause war ich im Klassenzimmer auf das bereits etwas altersschwache Klavier gestiegen, wohl um etwas darüber zu behändigen. Ich wurde auf frischer Tat ertappt  und  mein Name stand  in Stenografie an der Wandtafel, was bedeutete, dass bei Schulschluss eine  Strafaufgabe zu fassen war.
Ein begnadeter Lehrer war auch Hans Ruckstuhl (5. & 6. Klasse). Er verstand es ausgezeichnet, meine Neugierde an der Natur zu wecken. Mit den Primzahlen allerdings hatte ich meine liebe Mühe – erster Hinweis darauf, dass Mathematik und Geometrie nicht meine Fächer sein sollten. Lehrer Ruckstuhl war bestes schulmeisterliches Urgestein. Renitenten konnte er schon mal körperlich mit dem Stock drohen. Ruckstuhl freute sich über meine Extraleistungen, etwa in Form von Sommerferientagebüchern. Er dankte es mir gelegentlich mit Spezialaufträgen, einem Botengang, allein oder in Begleitung mit einem Schulkameraden, zu einem Lehrerkollegen in einem Nachbardorf. Für meine Arnegger Schulkameraden war ich wohl nur ein Streber – und als solcher wurde ich auf dem Schulweg gehänselt und bisweilen auch drangsaliert. Vor allem der Heimweg konnte sehr langwierig werden, wenn wir den Umweg über den Wald nahmen.

IM TURNEN DIE GRÖSSTE PFEIFE. Ich war ein ausgezeichneter Schüler, vor allem in den Fächern zuoberst im Zeugnis (gedruckt 1938 bei der Buchdruckerei U. Cavelti & Co., Gossau), nämlich in Religionslehre und biblische Geschichte. Gut war ich in Deutsch (Lesen, schriftlicher Ausdruck, Rechtschreiben), Geschichte, Geografie, Naturkunde. In den Fächern Schreiben und Rechnen war ich mit Note 1-2 nur mittelprächtig. In den Fächern am Schluss war ich eine Null-Nummer. Wenn es ums Vorsingen ging, hatte ich mich  aus falscher Scham immer geziert. Ich getraute mich nicht, allein (vor Mädchen?) zu singen und nahm deswegen eine Zwei im Zeugnis in Kauf. Im Turnen war ich schlecht, ausser im Kilometerlauf, wo als Arnegger  offenbar im Vorteil war. Vier Mal täglich gegen zwei Kilometer zu Fuss zu gehen, wenn’s eilte  zu laufen – ça use, ça use les souliers – und trug bestimmt dazu bei,  dass ich zumindest bei Ausdauersportarten  matt glänzen konnte, während ich  an der Barre oder am Reck wegen meiner nicht eben kräftigen Arme regelmässig versagte und deshalb von Schulkollegen, ein paar davon kräftige Bauernbuben und künftige Kranzturner, schon mal als Memme oder als Streber gescholten wurde.

ETWAS ABARTIG. Als Messdiener und Flötenspieler befand ich mich nicht immer zur selben Zeit wie meine Kameraden auf dem Schulweg. Weil mir jegliches Ballgefühl abging, begehrten mich meine männlichen Klassenkameraden im Turnunterricht weder im Völker- noch im Fussball. Dadurch bin ich wohl etwas zum Aussenseiter geworden. Dies hätte ich ja noch verschmerzt. Schlimmer für mich war, dass auch meine Klassenkameradinnen wenig Interesse an mir zeigten,  weil sie allesamt überzeugt waren, ich würde Pfarrer studieren. Mir blieb deshalb nichts anderes übrig, als nach Höherem zu streben  − beispielsweise indem ich fleissig Juwo-Punkte sammelte. Solche fanden sich in gewissen Markenprodukten, die wir dann natürlich heiss begehrten. 500 solcher Juwo-Punkten berechtigten zu einem Rundflug. Wie stolz ich war, als ich an einem Samstagnachmittag mit dem Velo zum Flugplatz Breitfeld bei St. Gallen fahren und hinter dem Piloten in einem Piper-Sportflugzeug Platz nehmen durfte. Der Flug über die Stadt und die Hügel rund um die Stadt St. Gallen war für mich ein Höhepunkt. Später habe ich dieses Gefühl nochmals erlebt, im Flughafen Kloten, in einer grösseren Maschine und bei einem jener äusserst äusserst seltenen Familienausflügen.

Gegen Ende der ordentlichen Primarschulzeit waren meine beruflichen Vorstellungen diffus. Meine handwerklichen Fähigkeiten und Interessen waren dermassen bescheiden, dass ich mir beim besten Willen nicht vorstellen konnte, einen handwerklichen Beruf zu ergreifen. Da waren auch kaum Klassenkameraden mit ähnlicher Wellenlänge, mit denen  es Spass gemacht hätte, gemeinsam die Schulbank in der Realschule Gossau zu drücken. Aus diesen Gründen hatte ich mich immer mehr mit dem Gedanken angefreundet, das Gymnasium Friedberg in Gossau als externer Schüler zu besuchen, zumal ein älterer Schulkollege diesen Schritt bereits getan, und einer meiner Klassenkameraden sich ebenfalls zu diesem Weg entschlossen hatte.

Was weisst du noch über deinen Schulweg?
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6.1.  Primarschulzeit – Grundschule Unterstufe.

Was weisst du noch über deinen Schulweg?
Direkt am Schulweg, beim Dorfausgang von Andwil Richtung Arnegg befand sich das Haus von Coiffeur Gebhard „Geby“ Rüesch mit dem Damensalon seiner Frau. Die bei waren damals in Andwil und Arnegg die einzigen ihrer Zunft. Geby  hat alle geschoren, auch meinen Vater, meinen Bruder und mich. Links neben dem Coiffeugerstühl hing sein Tarifblatt. Ein Kinder-Haarschnitt kostete so zwei oder drei Franken. Teuer war der Haarschnitt an Leichen. Bei Theateraufführungen von Andwiler Vereinen wirkte Rüesch auch als Maskenbildner.
 
Wir unterhielten uns manchmal auch im Vorbeigehen mit  Geby, einfach so, denn für uns war er etwas Besonderes, für die damalige Zeit ein etwas schräger Vogel eben. Wir wussten nämlich, dass er im Frühjahr, wenn die Frösche auf Wanderschaft sind, frühmorgens auf die Froschjagd ging, und er machte keinen Hehl daraus. Offenbar bereitete ihm der kurze, schnelle Schnitt mit der scharfen Klinge an kleinen Tieren mehr Spass als das lange Schaben an Wangen und Kinn grosser Kunden. Noch mehr Genuss dürfte er beim Genuss der in etwas Teig frittierten Froschschenkel gehabt haben. Einmal bot er uns auf dem Zuhauseweg so ein Schenkelchen an, nur zum Probieren, als kleine Vorspeise quasi. Ich konnte mich tatsächlich überwinden - und war ob der Zartheit dieser Leckerei überrascht. Heute sind die helvetischen Frösche geschützt. Zwar nicht vor Störchen und Autofahrern, aber vor den Messern der Schweizer Köche. Gegessen werden sie dennoch  – die Frösche. Als Importware aus Frankreich oder Asien und vorwiegend in der Romandie, wobei bei den einschlägigen Restaurants die Deutschschweizer Autokennzeichen zahlreich vertreten sind.
 
Später hat Mama  eine Alternative zu  Geby gefunden. Dies nicht wegen seiner kulinarischen Liebhabereien, sondern weil Witwe Keller uns die Haare zum halben Tarif schnitt. Nur war’s bei ihr weniger amüsant und ihr Salon befand sich nicht am Schulweg, sondern in Gossau. Frau Keller hatte einen mongoloiden Sohn. Er war beim Haareschneiden immer anwesend. Und es wurde gemunkelt, er hätte dieses Geburtsgebrechen, weil sein Vater bei der Zeugung alkoholisiert gewesen wäre. Ich wollte diesen Unsinn nicht glauben, aber hatte aber nicht den Mut, sie darauf anzusprechen.

Welches sind deine Erinnerungen an Schulferien, Ferienlager, Schulreisen?
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6.1.  Primarschulzeit – Grundschule Unterstufe.

Welches sind deine Erinnerungen an Schulferien, Ferienlager, Schulreisen?



 

 



 

 

Mein Vater Josef Alfons Helfenberger (1905 - 1990)

FREUDE HERRSCHT IN ARNEGG BEI GOSSAU. In der Stickereifabrikantenfamilie Helfenberger  scheinen sich am Vortag zum Dreikönigsfest, am 5. Januar 1905 die Glückwünsche zum Jahreswechsel bereits erfüllt zu haben. In ihrem eben bezogenen neuen Wohn- und Geschäftshaus an der Hauptstrasse kann Ehefrau Bertha Helfenberger-Hafner einem weiteren Kind das Leben schenken. Mutter und Kind sind wohl auf. Wäre da nicht ein Wermutstropfen: Mutter Berta, sie war zwei Tage zuvor 39 Jahre alt geworden, kann den Neugeborenen nicht stillen. Doch daran scheint man sich gewöhnt zu haben, denn bei der erstgeborenen und kurz nach der Geburt verstorbenen Tochter sowie bei den Söhnen Paul, Johann, Leo und August war es nicht anders. Man hatte sich eben behelfen müssen, hat den Säuglingen mit Getreide- und Traubenzucker aufbereitete Kuhmilch verabreicht. Und diese, inzwischen 11-, 9, 6- und 3-jährig, haben sich trotz mangelnder Muttermilch gut entwickelt. Ein Unterschied allerdings besteht: Die älteren Geschwister wurden samt und sonders nicht in tiefster Winterzeit, sondern in den Monaten März, April und Juli geboren. In der schönen Stube, wie der repräsentative Raum genannt wird, klingt die Taufe aus.

Doch schon kurz nach der Taufe machen dunkle Schicksalswolken Freude und Glück vergessen. Dem kleinen Alfons geht es von Tag zu Tag schlechter. Er schreit und krümmt sich in seinem Bettchen, dass es Gott erbarm. Säuglinge können bisweilen unter heftigen Koliken leiden, aber das sieht nicht danach aus. Die Ursache der gesundheitlichen Probleme scheint nicht allein ernährungs- oder saisonbedingt zu sein. Die Hebamme ist ratlos, der Hausarzt muss her. Die Diagnose von Dr. Krähenmann: Gichter. Unter dieser Diagnose kann man sich heute weniger vorstellen als unter der mittelalterlichen Bezeichnungen “Gücht“ oder "Kindliweh". Der kleine Alfons leidet unter epileptischen Anfällen, insbesondere unter Fieberkrämpfen. Fiebersenkende Mittel werden eingesetzt. In ihrer Not – sie haben ein todkrankes Kind zu Hause – suchen die Eltern überall Zuflucht, auch bei Naturheilmitteln. Eingesetzt werden unter Anderem tägliche Wickel mit Moos aus dem Wald. Nach fünf Wochen steht fest: Der kleine Alfons ist halbseitig gelähmt. Glück im Unglück, denn in anderen Fällen sind Gehirnschäden geblieben. Doch wegen dieser im frühsten Kindesalter erlittenen schweren Krankheit sollte Vater Zeit seines Lebens behindert bleiben. Beim Gehen zog er sein linkes Bein stets etwas nach, und seine linke Hand konnte er nicht drehen.

Zur grossen Freude seiner Eltern und Geschwister entwickelt sich der Benjamin der Familie zusehends besser, nimmt nicht nur an Alter, sondern auch Gewicht und Grösse zu. Einiges deutet darauf hin, dass er Liebling seiner Mutter und der treuen Magd Elise ist. Auch der sonst so gestrenge Vater dürfte ihm wegen seiner Behinderung dieses und jenes durchgelassen haben. Jedenfalls besucht er – trotz seiner körperlichen Behinderung – die Primarschule in Andwil und die Sekundarschule in Gossau.

VON DER STICKEREI ZU DEN KÄSEREIARTIKELN. Der unaufhaltsame Rückgang der Handstickerei in den zwanziger Jahren hat auch etwas Positives. Grossvater beginnt sich, nach Alternativen umzusehen.

Zu Hause zurück bleibt Alfons, der jüngste der fünf Helfenberger-Söhne. Wegen der immer stärker werdenden Arbeitslosigkeit und auch wegen seiner körperlichen Behinderung ist es für ihn äusserst schwierig, eine passende Stelle zu finden. Er sieht keine wirkliche Perspektive, empfindet sich nach eigenen Worten als „ausrangierter Stickereigummi“ und "als grösstes Sorgenkind der Familie". Sein Vater durchforscht Zeitungen nach Annoncen und rät Alfons, eine Existenz im Verkauf ins Auge zu fassen. Er wäre wohl auch bereit gewesen, sich für seinen Jüngsten an einer Firma zu beteiligen oder Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen.

Zu dieser Zeit absolviert Vater  einen  kaufmännischen Stage in Wängi bei Wil. Auf ein Inserat eines Händlers für Überkleider, Käsereischürzen und dergleichen meldet  sich Grossvater, weil er glaubt,  dies könnte ein Betätigungsfeld für Alfons sein. Doch Grossvater macht daraus eine neue Geschäftsidee: Alfons soll sich der Käsereibetriebe als Ganzes annehmen. Als gewiefter Geschäftsmann hält Grossvater  die Milchwirtschaft  – nicht zu Unrecht –  für weniger krisenanfällig als die Stickerei. "Milch wird immer getrunken, Käse immer gegessen". Deshalb sollten jene Artikel angeboten werden, die tagtäglich für die Milch-, Butter- und Käseverarbeitung nötig sind: nebst Schürzen auch Bürsten, Putzmittel und Chemikalien, Käsetücher und Käsebretter, aber auch Lab für die Milchgerinnung und dergleichen mehr. Damit schien eine Marktlücke gefunden. Unter Beizug des Dorfkäsers wird  ein erstes Käsereibedarfsartikel-Sortiment erstellt, werden Lieferanten ausfindig gemacht und darauf beim Bezirksamt Gossau eine Handelsreisendenbewilligung gelöst. Und so startet Alfons 1925, zunächst noch zusammen mit seinem Vater, den Handel, klopft  in der engeren Umgebung Käsereibetrieb um Käsereibetrieb ab. Grossvater betreibt  noch etwas Handel mit bäuerlichen Liegenschafen, vor allem in den Gemeinden Wuppenau und Gabris. 

Eine Zeitlang liebäugelt Vater mit dem Weinhandel aus dem Südtirol. Das Südtirol ist  zu dieser Zeit daran, sich die Schweiz als Absatzmarkt für Rotweine zu erschliessen: Kalterer, Magdalener und wie sie alle heissen. Die Sorte, die wie der Ötzi zum Südtirol gehört, ist der Vernatsch. Er wächst zusammen mit einzelnen Lagreinpflanzen in den Pergeln, deren Höhe vor Jahren wohl noch für Menschen von geringerer Körpergrösse konzipiert wurde. Die Trauben werden zusammen geerntet und zusammen gekeltert. Die wenigen Prozente Lagrein - gesetzlich erlaubte Maximalmenge sind 10 Prozent - schenken dem hellfarbenen, sanften, milden Vernatsch Farb- und Strukturzuwachs. Vernatsch ist eine dankbare Sorte. Unser Land war für  Magdalener-Traube von Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die Achtzigerjahre der fast einzige Absatzmarkt. Zunächst fass-, dann tankweise orderten die hiesigen Weinhändler den süffigen Saft und verschoben ihn in die Wirtshäuser. Das hatte Vater bereits vor dem Krieg mehr oder weniger erfolgreich versucht. Gut  möglich, dass er dabei von einem Südtiroler Weinhändler namens Tratter über den Tisch gezogen wurde. Für meine Mutter, die damals als Serviertochter im Restaurant ‚Sternen’ in Arnegg in Sachen Getränke, insbesondere Wein, ein Wörtchen mitreden konnte, stand im Nachhinein  fest:  Vater war einem «Bschisslig», einem Betrüger auf den Leim gekrochen. Ich erinnere mich jedenfalls noch an  die letzten Relikte aus dieser Zeit in unserem grossen Keller,  nicht mehr benötigte Holzfässer und Utensilien für die Flaschenabfüllung.

En Weinhändler als Vater wäre eine Spur attraktiver erschienen als ein Käserei-Bedarfsartikel-Händler. Doch im persönlichen Gespräch ist Vater diesem leidigen Thema lieber ausgewichen, hat seine «wilden Jahre» nach Möglichkeit ausgeblendet. Bei meinen berüchtigten  Erkundungsaktionen, bei denen auch das Büro nicht verschont blieb, war ich u.a. auf ein Foto aus Vaters Weinhandelsjahren gestossen, auf dem das Rebgebiet von Lana-Meran zur Zeit der Weinlese abgebildet war. Dieser Aufnahme hatte ich in meinen jungen Jahren zu einem prominenten Platz im Treppenhaus verholfen. Dort ist das Bild erstaunlicherweise hängen geblieben, was mich einigermassen erstaunt hatte.



(1) Eltern z. Zt. ihrer Verlobung

Eltern z. Zt. ihrer Verlobung

 

Unklar ist, ob Vater aus beruflichen oder  privaten Gründen erstmals mit meiner Mutter in Kontakt kam, wie lange sie in Arnegg tätig war, wie lange sie sich  gekannt und wann sie sich verlobt haben. Marie dürfte wohl darauf hingewirkt haben, dass Alfons seine Weinhandelstätigkeit eingeschränkt hatte und schliesslich vollständig aufgab. Vielleicht war dies ja sogar eine ihrer Bedingungen.

 


 

(2) Als Hochzeitspaar grüssen Alfons

Als Hochzeitspaar grüssen Alfons & Marie Helfenberger-Güntensperger

 

DIE HOCHZEIT MEINER ELTERN. «Kriegsmässig» auch die Trauung meiner Eltern, zunächst im Zivilstandsamt  Gossau am 31. Oktober 1941. Danach die kirchliche Trauung, nicht etwa in der Pfarrkirche Andwil, sondern im wichtigsten Wallfahrtsort der Schweiz, in Einsiedeln im November 1941. Anstatt der vertrauten Pfarrkirche zu St. Othmar Andwil die Anonymität einer Wallfahrtskirche in der winterlichen Zentralschweiz, anstelle einer fröhlichen Ostschweizer Hochzeitsfeier in einer der Arnegger Wirtschaft  ein Zusammensein im engsten Familienkreis, nur mit Trauzeugen sowie Vaters Brüdern Paul und Leo. Das offizielle Hochzeitsfoto zeigt denn auch ein eher ernst dreinblickendes Paar mit Lippen wie Minuszeichen. Ansonsten alles sehr konventionell, Mutter ganz in weissem, fünfsechstel-langen Brautkleid, mit ihrem, zu einem Diadem drapierten strahlendweissen Schleier, wohl beste St. Galler Spitzen. Der Aufbau lässt sie grösser als Vater erscheinen, sie – nicht nur für diesen Tag – ganz Königin. Neben ihr Vater mit Frack, seine Linke hält etwas verkrampft ein Paar Glacé-Handschuh, doch es glänzt der Ehering. Es macht nicht den Anschein, als würden die beiden diesen Augenblick sehr geniessen. Irgendwie verständlich, denn es war Winter, es war kalt und es herrschte Krieg.

Auch in der Käsereiartikelbranche herrschte nicht immer eitel Freude. Eine Zeitlang hat  Vater deshalb  mit dem Gedanken einer nebenerwerbsmässigen Pilzzucht geliebäugelt. Mag sein, dass Mama von  Champignons geschwärmt hatte, die damals gerade so richtig in Schwang gekommen waren. Ich sehe sie noch, wie sie auf ihrem Mofa gleich korbweise mit diesen weissen Pilzen angerückt kam, und erinnere mich ungern, wie ich mich daran  überfressen habe. Während längerer Zeit konnte ich Champignons absolut nicht mehr schmecken. Kurz hatte Vater erwogen, ins Krankenkassengeschäft einzutreten. Otto Weber, ein Nachbar und einer der letzten Handsticker, hatte  diesen Schritt bereits getan und eine Krankenkassen-Niederlassung übernommen. Vater hatte aber  wenig Flair für eine wohlgeordnete Administration, weshalb ihm eine derartige Tätigkeit auf die Dauer nicht befriedigt hätte. Ich hatte immer den Eindruck, dass er sich bereits mit der Geschäftsbuchhaltung schwer tat und sich deswegen regelmässig im Rückstand befand. Als Retter in der Not sind jeweils seine Brüder Johann und Leo eingesprungen: Leo als Buchhalter wohl eher mit Rat, Johann während seiner langen Sommerferien und seiner Erfahrung als Hilfsbuchhalter mit Tat. Wenn Not am Mann bzw. der Frau  war, hatte unter den Helfenberger-Brüdern der Familiensinn stets gespielt. 
 
Wie hätten sie reagiert, wenn du einen ausgefallenen Berufswunsch geäussert hättest? Oder ist das sogar geschehen?
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7.  Sekundarschule und/oder Gymnasium?

Wie hätten sie reagiert, wenn du einen ausgefallenen Berufswunsch geäussert hättest? Oder ist das sogar geschehen?


(1) Eltern, vor dem Restaurant z. Ilge (um 1970)
Eltern, vor dem Restaurant z. Ilge (um 1970)

 

 

 


 

 

Falls du das Gymnasium besucht hast, was war deine Motivation?
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7.  Sekundarschule und/oder Gymnasium?

Falls du das Gymnasium besucht hast, was war deine Motivation?

Meine Zeit am Gymnasium Friedberg
(1956 – 1959)

Der Weg zum Gymnasium war mir keinesfalls vorgezeichnet. Zugute kam mir zunächst die Tatsache, dass ich meine Rolle als Ministrant beinahe zu perfekt gespielt hatte. Es wurde gesagt, ich hätte nach der Firmung am 4. Mai 1953 zu Hause bisweilen aus dem Messbuch vorgelesen. Nicht nur meine Mutter hoffte insgeheim, ich könnte Priester werden. Der Gedanke, dereinst als Priester oder Missionar zu wirken, war für mich zu dieser Zeit durchaus angenehm. Unter dem Einfluss der beiden weiss gewandeten Dominikaner-Patres, die in der Zeit vom 15.2. bis 4.3.1956 in Andwil mit der Mission des Volkes betraut waren, hatte sich diese Vorstellung wohl noch verstärkt. Eine Rolle gespielt haben dürften in diesem Zusammenhang auch, dass Bekannte mit dem Theologiestudium begonnen oder es gerade abgeschlossen hatten und  die Priesterweihe empfangen hatten. Götti und Gotte haben mich in meinen Bestrebungen nach Kräften unterstützt. Davon zeugen ein Missale, Geschenk meines Göttis, und das Gebetbuch „Jugend vor Gott“, das mir meine Gotte zu Weihnachten 1957 gewidmet hat. Zu jener Zeit gab es wohl kaum sinnvollere Geschenke als Gebetbücher.

Es bedurfte darüber hinaus noch der Überzeugungskraft verschiedener Respektspersonen, bis sich meine Eltern bereit erklärten, mich für den Vorkurs im Friedberg anzumelden. Für mich von Vorteil dürfte gewesen sein, dass  ein älterer Schulkollege dort bereits ein erstes Jahr absolviert hatte. Auch einer meiner Klassenkameraden entschloss sich zu diesem Schritt. Durch den Übertritt in eine privat geführte Schule entstanden den Eltern erhebliche Mehrkosten. Nebst den Fr. 300.- pro Trimester kamen noch die Ausgaben für Schulmaterial und Bücher.

Wie ich mich doch auf den Schulbeginn am Gymnasium Friedberg gefreut hatte! Alles sah so viel versprechend aus: Moderne, helle Schulräume, freundliche Patres und auch Lehrer, die nicht Ordensleute waren, Mitschüler fast aus der ganzen (Deutsch-)Schweiz. Als externer Schüler spürte ich zwar eine gewisse Distanz seitens meiner internen Klassenkameraden. Zum Glück waren mein Primarschulkollege und ich nicht die einzigen Externen. Externe gehörten dazu – und doch gehörten wir nicht ganz richtig dazu, denn was da im Internat über Mittag, abends und an Wochenenden  alles abging, davon bekamen wir Externen herzlich wenig mit.

BITTERE FRON. Agricola arat. Der Bauer ackert. So einfach ist das am Anfang mit dem Latein. Aber schon bald war es nicht mehr der Bauer, sondern ich, der im Schweisse seines Angesichts ackerte,  kulturelles Saatgut vom Typus Ablativus absolutus in die arme Hirnscholle einzupflügen versuchte. Und wozu das alles? Ist es wirklich zu rechtfertigen, dass Adam und Eva kurz nach der Ausschaffung aus dem Paradies von ihren ehrgeizigen Eltern auch noch gezwungen wurden, den Lateinkurs zu belegen? Weil sie so besser denken lernen würden? Weil sie es dann leichter hätten mit all den anderen Fremdsprachen? Und weil eben eine richtige Bildung nötig sei?




(1) Gymnasium Friedberg, Studenten und Lehrkörper (1958)

Gymnasium Friedberg, Studenten und Lehrkörper (1958)

 

Im Vorkurs überzeugten meine Leistungen in − wen wundert´s – Religionslehre, Geschichte und Gesang (sic). Schlecht blieb ich im Turnen – Pfeife bleibt Pfeife. In der 1. Klasse. betrug meine Gesamtdurchschnitt 4.4, wobei ich in Latein und Mathematik hin und wieder unter 4 notierte. Meine Leistungen waren unterschiedlich, ebenso meine Moral, himmelhoch jauchzend wenn ich gut war, zu Tode betrübt, wenn ich versagt hatte. Ich begnügte mich damit, einfach zu lernen, das Büffeln überliess ich gerne den Ochsen.

Sport, insbesondere Fussball war sehr ausgeprägt an dieser Schule, und ausgerechnet hier hatte ich nichts vorzuweisen. Ich konnte weder Schwimmen noch Skifahren und schon gar nicht Schlittschuhlaufen oder Tennis spielen. Beim Handballspiel traf ein Bombenschuss eines Kollegen nicht das Tor, sondern mich voll ins Gesicht. Ich ging zu Boden und später auf Distanz zu allen Ballsportarten. Wegen der fliegenden Orangen blieb mir selbst der Cortège an der Basler Fasnacht immer etwas ungeheuerlich. Für gewisse Mitschüler aus besseren Häusern war ich ein introvertiertes «Landei», unfähig weder intellektuell noch körperlich noch sonstwie mitzuhalten. Schon bald war ich im Klassenverband der klassische Underdog (Übername «Pudel)». Tiefsitzende Minderwertigkeitskomplexe waren damit einprogrammiert und niemand wäre in der Lage gewesen,  mich davon zu befreien.

                                                  De Pfarrer vo Sangalle

                                                  isch i d’Stande*) abefalle

                                                  Wo n er wieder ufe chunt, 

                                                  stinkt er wie en Pudelhund.

                                                  (Kindervers)

*) Gülleloch

Während der ersten Jahre am Gymnasium Friedberg hatte ich extrem unter meinen Schulkollegen und deren Aggressionen zu leiden. Einmal hatte mich der bärenstarke Ebnöther vor Eintritt des Lehrers ins Klassenzimmer in den Papierkorb gesteckt und damit auf den Kasten gehievt. Eine ungeschickte Bewegung meinerseits hätte genügt und ich wäre zum allgemeinen Gaudi der Klasse samt Papierkorb vom Kasten heruntergefallen.




(2) Auf dem Schiffssteg in Bauen/UR: Pudel soll ersäuft werden

Auf dem Schiffssteg in Bauen/UR: Pudel soll ersäuft werden

 

Ein anderes Bild, das immer in meinem Kopf haften bleiben sollte, stammt aus dem Ferienlager in Bauen am Urnersee. Dort hatten mich ein paar Kameraden in ein bereit stehendes Kälbergatter gesperrt und drohten, mich über den Schiffsteg in den See zu kippen. Plötzlich hatte ich panische Angst, in meinem Käfig in die Tiefe des Urnersees zu stürzen und elendiglich zu ertrinken. Todesängste auch bei meinem ersten Besuch der Badanstalt in Gossau. Ein paar meiner Klassenkameraden packten mich als bekennenden Nichtschwimmer gleich nach dem Eintritt ins Bad und beförderten mich kurzerhand ins Schwimmerabteil. Ein Rettungsschwimmer brachte mich völlig erledigt in Sicherheit. Während Jahren hatte ich einen Schock und mied alles, was nach Badanstalt roch.

Die real existierende Schulzimmer-Gewalt, später als «Mobbing» bezeichnet, war absolut und allgegenwärtig. Sicher habe ich nicht besonders männlich gewirkt, aber ein Schosshündchen war ich beileibe nicht! Ich hätte stärkerer Unterstützung durch das soziale Umfeld bedurft. Zwei Patres, Karl Landolt, Mathe- und Zeichnungs- und Astronomielehrer sowie der kleinste unter den Lehrern, Pater Kurt Klöpsch, unser Gesangs- und Musiklehrer, brachten mir am meisten menschliches Verständnis entgegen. Pater Kurt erlag beim Schwimmen im Bodensee einem Schlaganfall. Er hatte mich jeweils damit geneckt, dass er die postalische Abkürzung PP (= Port Payé) in «Pius Pudel» oder «Plötzlich Putzt» (da häufig auf Massensendungen, wie Todesanzeigen, anzutreffen) umgedeutet hatte. Tatsächlich – sein Tod kam sehr plötzlich und unerwartet. Pater Karl, ein künstlerisch begabter, hoch sensibler Mensch, hat später die Konsequenzen gezogen und sich in Basel zum Zeichnungslehrer ausbilden lassen. Es war für mich immer ein besonderes Gefühl, ihm später wieder zu begegnen.

Es scheint, als hätte ich mich  als Opfer immer geradezu angeboten. Später hatte ich bisweilen den Eindruck, als würden meine Widersacher und Intimfeinde meinen Opfer-Geruch wittern, so wie Jagdhunde den Schweiss (Blut-)Geruch des Wildes.

PUDEL AOC. Für mich war ein Pudel zu dieser Zeit nur ein partiell geschorenes Schosshündchen. Erst in reiferen Jahren habe ich erfahren, dass Pudeln ein Teil des Fells geschoren wurde, weil sie ursprünglich der Entenjagd dienten. Geschoren hatten sie weniger Wasserwiderstand. Die langen Haare an Brust, Kopf und Pfoten hingegen gaben ihnen Auftrieb und hielten sie warm In der Stadt Paris wurden Pudel bis in die Fünfziger Jahre zur Kanalreinigung durch die Röhren der Kanalisation getrieben. Seit 1936 geniesst Frankreich das Recht, sich als Ursprungsland des Pudels zu bezeichnen – allerdings nur, weil Deutschland offiziell auf den Titel verzichtet hat. Noch grössere Achtung hat mir diese Rasse abverlangt, als ich erfahren habe, dass der Lagotto Romagno, eine ursprüngliche Pudelart, in Italien zur Trüffelsuche eingesetzt wird. Seit ich aber weiss, dass Königspudel zu den ersten Blindenführhunden gehören, halte ich Pudel für alles andere als dumm.

Nach dem frühen Ausscheiden meines Klassenkameraden aus der Primarschulzeit fühlte ich mich noch einsamer. Zudem litt ich seit meiner Hirnerschütterung immer wieder unter starkem Kopfschmerzen, die sich besonders bei Anstrengungen bemerkbar machten.

Um mir etwas Taschengeld zu verdienen, war ich während der Schulferien immer wieder tätig, zunächst als Bürogehilfe des Verwalters im Gymnasium Friedberg, dann in der Buchbinderei der Buchdruckerei U. Cavelti & Co., Gossau, als Fensterreinigungsgehilfe in der Firma Weibel. Mit dem verdienten Geld kaufte ich mir meine ersten Jeans und einen Kittel. Verblüffend, wie sich mit dem neuen Outfit  mein Selbstwert- und Lebensgefühl erhöhte.

Zu Beginn der 2. Klasse attestierte mir der Rektor Fleiss und Ängstlichkeit, ein Trimester später Zuwachs an Männlichkeit - allerdings bei einem geringfügig tieferen Gesamtnotendurchschnitt! Das Fach Mathematik drohte für mich zum Killerfach zu werden. In der 3. Klasse kam Griechisch hinzu (Durchschnitt 3). Zudem sackten meine Werte auch in Französisch und Geschichte unter 4 ab. Damit war ich – trotz belobigtem Fleiss und Pflichtbewusstsein – mit meinem Notendurchschnitt erstmals unter 4 gerutscht. Zeugnisbemerkung des Rektors: «Ein Berufswechsel ist zu empfehlen.» Mit diesem «Consilium abeundi» war meine Gym-Zeit besiegelt. Doch das machte mich gar nicht bange. Im Gegenteil.

Begegnungen mit aussenstehenden Personen, die mich verstanden, gefördert und meinen Blick erweitert haben, waren selten. Stets hatte ich alle meine Probleme für mich behalten; selbst die Nächsten wussten nicht wirklich um meine Schwierigkeiten. Eine Ausnahme war Herr Fürer aus Gossau, ein Bekannter meiner Eltern, beruflich  im Aussendienst der Maschinenfabrik Högger tätig und deshalb ständig mit dem Auto unterwegs. Ihn durfte ich ihn auf einer seiner Geschäftsreisen ins St. Galler Oberland und in den Kanton Graubünden während ein paar Tagen begleiten. Zum ersten Mal gelangte ich nach Chur, wo wir im Hotel übernachteten – meine erste Nacht in einem Hotel! Ganz offensichtlich hatte Herr Fürer den Knigge intus. Jedenfalls habe ich bei ihm während kurzer Zeit mehr über  richtiges Benehmen  erfahren als in den Jahren zuvor.

Lichtblicke  waren für mich in jener Zeit vor allem die Kontakte zu Josef Koller, dem älteren Bruder meines Klassenkameraden Emil. Mit ihm hatte ich die Begegnung der besonderen Art  beim Schanzentisch in der 3. Primarklasse. Josef hatte 1958 in Immensee die Matura gemacht. Er war für mich mehr als ein Genie − ein Genie mit Vespa! Josef unternahm nicht nur den heroischen Versuch, mich in Mathe und Geometrie auf Vordermann zu bringen. Nicht weniger verdienstvoll: Josef hat mir bisher unbekannte Teile der Schweiz näher gebracht. Auf dem Hintersitz von Josefs Vespa gelangte ich an die lieblichen Gestade des Zugersees, nach Immensee. Zum ersten Mal in meinem Leben kam ich nach Basel, wo Josef einen Klassenkameraden besuchte. Basel im Sommer − damals viel zu gross und die Luft zu stickig für mich.

Im August 1960 fuhren Josef und ich zusammen ins St. Galler Oberland, in die Gegend der Churfirsten. Bei einem Besuch des Thermalbads in Bad Ragaz wollte mir Josef wohl das Schwimmen beibringen. Jedenfalls liess ich mich zum Besuch des Thermalbads überreden. Nach einigen Versuchen, mich ans Wasser zu gewöhnen, war ich mit dem Kopf einige Male unter Wasser geraten, worauf ich eine äusserst heftige Kopfwehattacke erlitt. Wie durch ein Wunder blieb ich in der Folge von Kopfweh weitgehend verschont.

 

Weiter zur Schule gehen oder einen Beruf erlernen?

Wie hatte ich mir mit fünfzehn meine Zukunft vorgestellt? Zu dieser Zeit  hatte die Option „Weiterer Schulbesuch“ überhaupt nie zur Diskussion gestanden. Aus heutiger Sicht ist mir dies unverständlich. Schliesslich gab es in St. Gallen zwei Schulen, die „Flade“, die Katholische Kantonsrealschule, Nachfahre der berühmten Klosterschule,  und die „Kanti", die offizielle Kantonsschule. Und St. Gallen war nicht auf dem Mond! Doch niemand wurde deswegen angegangen, kein Bekannter und auch kein Erziehungsberater. Ein solcher hätte mich ja noch darin bestärken können, dass ich im Innersten  ein Gymi machen wollte, vielleicht nicht mit altsprachlichen Fächern wie im Friedberg. Im Hause Helfenberger waren Alternativen, etwa ein Übertritt in die als freisinnig-liberal geltende Kanti schlichtweg tabu.

Hinter Vaters Rücken hatte ich mich bei der Ciba (oder vielleicht war es auch die Firma Geigy) nach den Möglichkeiten einer Laborantenausbildung erkundigt, eine etwas verwegene Idee, denn ich hatte zwar Latein und Griechisch gehabt, aber keine einzige Stunde Chemie und Physik. Als ich eine Einladung nach Basel erhielt, waren meine Eltern über meine Initiative alles andere als erfreut. Die Arbeit in einem Labor wäre ausgesprochen ungesund, meinte Vater. In Tat und Wahrheit wollte er − eingeschriebenes Mitglied der Katholisch-Konservativen oder zumindest Sympathisant dieser Partei − mich nie und nimmer in eine rote Stadt ziehen lassen. Auch  mit einer Ausbildung im Werbebereich habe ich geliebäugelt. Zwar war ich kein besonders talentierter Zeichner, aber ich stellte mir vor, mich eher aufs Texten zu verlegen zu können. Hier ortete ich bei mir ein gewisses Talent, nachdem ich bei der Firma Borgward – damals Deutschlands viertgrösster Autohersteller – mit einer Arbeit über das neuste Modell ‚Isabella‘, einen Hauptpreis, nämlich einen einwöchigen Aufenthalt in Hamburg gewonnen hatte. Meine Eltern waren  jedoch dezidiert der Meinung, es wäre für mich besser, den Auslandaufenthalt fahren zu lassen, wohl angesichts meiner schulischen Leistungen (oder vielleicht nur weil sie in der Hafenstadt Hamburg Angst um mein Seelenheil  hatten). Von der Firma Borgward erhielt ich schliesslich einen Reiseradio. Diese waren gerade auf den Markt gekommen, mit Röhren und grossen, teuren Batterien bestückt, selten und sensationell teuer.

GEFÄLLIGST EINEN ANSTÄNDIGEN BERUF ERLERNEN. Mir war unterdessen klar geworden: Mit meinen für sie offensichtlich exotischen Berufsideen würde ich bei meinen Eltern immer und ewig auf Granit beissen. Auf Anraten meines Vaters bewarb ich mich auf die ausgeschriebenen Verwaltungslehrstelle in der Gemeindeverwaltung Gossau. Wie sich doch die (Familien-)Geschichte wiederholt: Sein Vater hatte ihm den Weg ins Käsereibedarfsartikel-Fach vorgezeichnet, während mir mein Vater den Weg in den Verwaltungsdschungel gewiesen hat.

Im Falle meines Bruders hat sich das Problem des Übertritts drei Jahre später gestellt. Auch er entschied sich - wenig überraschend -  für das Gymnasium Friedberg. Nach meinen Abgang war die finanzielle Belastung meiner Eltern jedenfalls geringer. Ihre Hoffnungen ruhten nun ganz auf «Shooting Star» Gallus. Würde er es schaffen und Priester werden?

 

 

Meine Freizeit
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8.  Meine Freizeit

Meine Freizeit

Ich war mich gewohnt, mittlere Distanzen  mit dem Velo zurückzulegen, etwa ins Appenzellerland nach Urnäsch oder Brülisau, an Ausgangspunkte für Bergtouren. Es war dies eine der wenigen Möglichkeiten, über das Wochenende zusammen mit Kollegen und Freunden etwas gemeinsam zu unternehmen. Während der Lehrzeit bin ich so richtig auf den Geschmack gekommen, habe so manche Bergtour im Alpstein unternommen.
Startpunkt war meist Wasserauen, erstes Ziel die Meglisalp, ein Hirtenweiler, zu dem - der Appenzeller liebt's gesellig - auch eine Wirtschaft gehört. Anmarschiert wurde entweder in der Normalvariante via Seealpsee oder auf dem exklusiveren Schrennenweg hoch über dem See. Eine Basisration Kaltblütigkeit muss man dafür freilich mitbringen, denn rechts fällt der Hang fast senkrecht ab; es schaffen die Route zur Alp und zurück im Frühlings und im Herbst aber auch die Kühe.

VERANTWORTUNG TRAGEN LERNEN

Glücklicherweise verfügte ich als Lehrling auch über mehr Freizeit. Diese nutzte ich hauptsächlich für Jugendarbeit. In der Kath. Jungmannschaft Andwil hatte ich offiziell für die Finanzen zu sorgen, doch machten mir Dinge wie Unterhaltung, Programmgestaltung und insbesondere die Herausgabe eines Vereinsorgans mehr Spass. Im September 1960 spielte ich im Theaterstück «Das entweihte Haus» die Rolle des Gemeindesekretärs, wohl hauptsächlich aus Sympathie zur Regisseurin, der hübschen neuen Lehrerin in Andwil. Gleichzeitig absolvierte ich mit ein paar Kollegen einen Ausbildungsgang zum Jungwachtführer. Zusammen gründeten wir Andwil die erste Jungwacht-Schar. In Andwil und darum herum war ständig etwas los, Gruppen- und Scharnachmittage, Gottesdienste, Bergtouren, Velofahrten und daneben viele Sitzungen. Die Kameradschaft unter den Gruppenführern war prima und es gefiel mir sehr. Als Gruppenführer war ich für etwa ein halbes Dutzend Buben verantwortlich. An jene Zeit erinnern Fotos und ein Don Bosco-Bildchen. Dieses trägt auf der Rückseite eine Widmung samt Unterschrift von Kaplan Franz Xaver Mäder, dem damaligen Präses von Jungmannschaft und Jungwacht: «In dankbarer Erinnerung an Deine treue Pionier-Jungwacht-Arbeit 1960 – 1962». «Pioniere» − war dies nicht die Jugendorganisation des Klassenfeinds im Osten Deutschlands?

Hast du dich gegen deine Eltern und überhaupt Autorität aufgelehnt?
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9.1.  Beziehungen in der Jugend – Beziehungen als Teenager.

Hast du dich gegen deine Eltern und überhaupt Autorität aufgelehnt?

Auf und davon

1960, vor meinen Sommerferien, hielt ich den Zeitpunkt für gekommen, zum Sprung in die grosse, weite Welt anzusetzen. Zu Hause hatte ich angegeben, meine beiden Onkel in Zürich besuchen zu wollen, doch auf meinem Rader hatte ich die französische Kapitale Paris. Mit meinen bescheidenen Ersparnissen und einer zusätzlichen nicht ganz und gar  unproblematischen Anleihe machte ich mich per Autostopp auf den Weg, zunächst nach Bern. Dort lernte ich am Abend in der Jugendherberge  einen um ein paar Jahre älteren amerikanischen Studenten kennen. Er war mit seinem Auto unterwegs auf einer Europareise. Mit meinen bescheidenen Englischkenntnissen bat ich ihn, mich nach Paris, seiner nächsten Station, mitzunehmen. Er war einverstanden. So fuhren wir los und erreichten in den ersten Morgenstunden  des nächsten Tages das Gebiet des Flughafen Orly, wo wir uns etwas ausruhten bevor wir uns  ein Hotel in der Stadt suchten. Ich  genoss erstmals  das Leben einer Grossstadt mit allen Sinnen, allerdings aus finanziellen Gründen nur kurz, denn  eine längere Beteiligung am Hotelzimmer hätte mich rasch finanziell ruiniert. Ich war zur Weiterreise gezwungen. Erfolgsverwöhnt wie ich war, sollte diese nicht wieder zurück Richtung Schweiz führen, sondern ans Meer, Richtung Süden. Zuvor schickte ich meinen Eltern noch eine Ansichtskarte aus Paris.

MÜHSAMER ALS ERWARTET. Mittags  gab es eine Baguette und eine Packung Milch, abends eine Flasche Wein und eine Baguette, dazwischen etwas Früchte. Der Not gehorchend, hatte ich mich schnell daran gewöhnt, mit sehr wenig Geld auszukommen. Je nachdem gab es Bekanntschaften mit andern Autostopperinnen und –stoppern; doch die Chance, mitgenommen zu werden, war bedeutend grösser, wenn man allein am Strassenrand stand. Ganz klar, auch die Angst reiste mit: die Angst, nicht mehr weiterzukommen, die Angst vor Flics, Homosexuellen, Légion-Anwerbern und Dieben. Auch wenn ich nicht gerade Flöhe und Wanzen einfing – es war eine entbehrungsreiche, aber interessante Zeit mit unvergesslichen Erlebnissen.

UND DANN PLÖTZLICH DER FREIE BLICK AUFS MITTELMEER. Der Weg von Frankreichs Kapitale bis zum Meer war viel, viel länger als ich angenommen hatte. Doch nach Tagen dieser plötzliche Wandel: Nachdem es schien, die Voralpen würden ins Wasser stürzen, erblickte ich  zum ersten Mal das Meer – und war überwältigt und für alle Unbill entschädigt. Da war doch tatsächlich das Blau des Himmels aufs Meer herabgestürzt. Das Licht, die Farben, der Mistral. Jetzt verstand ich van Goghs Wahnsinn. Die Symbole des Midi: Lavendel, Pastis, Oliven, Zikaden – einfach «wahnsinnig» schön und erhebend. Auch die lang ersehnte Ankunft in Marseille, dieser geheimnisvollen Stadt an traumhafter Lage. Marseille ist anders als Paris oder Lyon, wenn nicht bereits ein wenig in Afrika, so doch sicher am Mittelmeer. Unvergesslich, dieser Ausblick vom Hügel der Kathedrale Notre-Dame-de-la-Garde. Von hier aus scheint Frankreich weit, und Paris sehr, sehr fern. Ganz schnell hinunter zum Hafen mit seinen undurchdringlichen Mastenwald, einst  von wagemutigen griechischen Seefahrern gegründeter «erster Hafen Kontinental-Europas». Er hatte diese Stadt reich und stolz gemacht. Marseilles Blick war stets auf fernerliegende Horizonte gerichtet: Afrika, Indochina, die Südseeinseln.

Überwältigt, wenn nicht trunken vom Anblick des Meeres, zog es mich gleich nach der Ankunft in der Jugendherberge hinunter zum Meer, nicht etwa ans flache Ufer, wie es  Nichtschwimmer mit Vorteil tun, sondern an einem wunderschönen Plätzchen in den Felsen. Wie in den Bergen würde ich mich daran schon irgendwie festhalten  können. Aus meiner einfältigen Euphorie erwachte ich erst, als mich eine grössere Welle an den zerklüfteten Fels gedrückt hatte. Dem Salzwasser entstieg ich zwar mit zerkratzten Oberschenkeln, aber immerhin um eine grundlegende Erfahrung reicher. Anderntags, es war ein Sonntag, begab ich mich mit einem deutschen Autostopper-Kollegen an den Strand, lernte dort ein Mädchen mit schwarzem Haar und dunkeln Augen kennen, eine exotische Schönheit, wohl indonesischer Abstammung. Wir amüsierten uns und spielten mit dem Ball. Doch irgendwann schlief ich – übernächtigt wie ich war – an der prallen Sonne ein. Die grosse Schöne zeigte uns dann noch, wo sie wohnte: in einem von Le Corbusier geplanten riesigen Komplex. Ich war davon gleichermassen fasziniert wie abgestossen. Noch nie zuvor hatte ich derartige Wohnmaschinen gesehen.

Reisen per Autostopp sind schlecht planbar. Dies hatte ich erfahren, und zwar mehr als mir lieb war. Nebst Geldsorgen plagte mich nur eine Frage: Würde ich es schaffen, rechtzeitig wieder zu Hause zu sein? Deshalb hatte ich genügend Zeit für die Heimfahrt eingerechnet. Bei der Fahrt über schlechte und kurvenreiche Strassen schmerzt mich mein sonnenverbrannter Rücken. Zu allem Überdruss befinde ich mich im Auto eines immer zudringlicher werdenden Fahrers, der sich  anerbietet, mich extra bis Genf zu führen. Doch ich will nur eines: ihn so rasch als möglich loswerden. Mit einer List gelang es mir, ihn unterwegs abzuschütteln. Nach diesem Intermezzo ging es wieder flott vorwärts. Ausgangs von Lausanne erbarmte sich eine Dame meiner. Sie war Neulenkerin, wie sie mir im Verlaufe unserer Reise gestand – befand sich also mit ihrem «Renault Dauphine» auf ihrer ersten grossen Fahrt Richtung italienische Riviera, Rimini oder so. «Du könntest mir auf der Reise Gesellschaft leisten», meinte sie. «Und dabei mein französisch aufbessern», sagte ich mir. "Und nochmals das Meer sehen", dachte ich mir insgeheim; und so fuhren wir los Richtung Wallis. Zum ersten Mal erblicke ich diese steilen Rebberge und bin – einmal mehr – überwältigt. Meine welsche Chauffeuse nimmt es eher gemächlich, und die Fahrt über den Simplon dauert länger als vorgesehen. In Mailand angekommen, verlässt mich spätabends die Courage – ich habe keine einzige Lira in der Tasche – weshalb  ich auf dem Absatz wende, weiter stoppe, jetzt endgültig Richtung Schweiz. Wieder zurück in der Heimat gab es mir gegenüber nur zwei Haltungen. Für die einen war ich ein Hasardeur, für die andern ein Held. Jedenfalls fühlte ich mich nicht mehr als Schosshündchen. Jetzt konnte ich es ganz deutlich spüren: Wenn ich nur wollte, würde mir die Welt, Länder und Meere offen stehen.

Wohl weil die Welt damals in Rorschach und Zürich bereits zu enden schien, hatte ich diesen Drang, aus dem gewohnten Trott auszubrechen, die Lebenssituation zu verändern.  schon sehr früh und stark verspürt. Noch heute überkommt mich ab und zu ein Anflug von  Fernweh, doch jetzt weiss ich um die Bedingtheit solcher Fantasien.

 

Lehr- und Wanderjahre
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10.  Lehr- und Wanderjahre
Lehrzeit in der Gemeindeverwaltung Gossau (1959 – 1962)
 
IM HERZEN DER FÜRSTENLÄNDER METROPOLE
 
Im Frühjahr 1959 hatte sich meine Situation grundlegend verändert. Zum Glück war die Zeit am Gymnasium, die ich vor allem gegen Ende als bedrückend und leidvoll empfunden hatte, für mich endgültig vorbei und ich konnte meine Lehrzeit bei der Gemeindeverwaltung Gossau beginnen. In der Person von Gemeindeammann Dr. iur. Jacques Bossart, Mitglied des St. Galler Grossen Rats, grosses Tier im Stickereiwesen und frisch gebackener Oberst der Schweizer Armee, hatte ich einen sehr gestrengen Prinzipal. Trotzdem gefiel mir das neue Umfeld und die damit verbundene grössere Freiheit, insbesondere der wöchentlich zweimalige  Besuch der Handelsschule des Kaufmännischen Vereins (KV) in der Stadt St. Gallen. Anstatt jeden Morgen und bei jedem (Hudel)-Wetter mit dem Velo nach Gossau zu fahren, konnte ich jede Woche zweimal den Zug nach St. Gallen besteigen. An den übrigen Tagen legte ich den Arbeitsweg nach Gossau wie bisher mit dem Velo zurück. Bei Regen und Schnee blieb dank des Veloregenschutzes zumindest mein Oberkörper einigermassen trocken. Doch mehr als mir lieb war, kam ich mit vollständig durchnässten Hosenbeinen im Büro an. Und diese blieben auch noch während ein paar Stunden unangenehm feucht und kalt und ich fühlte mich wieder als der Junge vom Land.
 
Als Lehrling kam ich mir schon bald bedeutend erwachsener vor, verfügte ich nun doch über ein regelmässiges Einkommen. Mein Lehrlingslohn betrug zunächst  90 Franken, im zweiten Lehrjahr 110 und im letzten Lehrjahr sogar 140 Franken. Mit diesem Geld im Beutel  liessen sich zwar keine grosse Sprünge machen, aber zumindest schienen die Zeiten der leeren Taschen vorbei. Dies gab auch nach aussen zu erkennen, beispielsweise indem ich Pfeife zu rauchen begann. Beratung und Tabak holte ich mir nicht irgendwo, sondern bei Wellauer, an  bester Adresse in der Stadt. Wenn ich über Mittag nicht nach Hause zurückkehren konnte, bezahlte mir Vater das Mittagessen in der Privatpension Lengwiler. Auswärts essen und Pfeife rauchen – zumindest äusserlich war ich in der Welt der Erwachsenen angekommen.
 
LEBENSKUNDE PUR. Erste Station meines verwaltungsinternen Ausbildungsparcours war das Betreibungsamt von Josef Mauchle. Diese Amtsstelle hat wohl  nur dank ständigen Einsatzes eines Lehrlings funktioniert. Praktisch vom ersten Tag an mussten  auf der grossen ‚Hermes-Ambassador‘-Schreibmaschine auf Tod und Leben Zahlungsbefehle, aber auch Konkursandrohungen und dergleichen mehr geklopft werden. Diese Urkunden wurden darauf durch Gemeindeweibel Ledergerber  den Schuldnerinnen und Schuldnern  persönlich zugestellt. Als der bereits in die Jahre gekommene Betreibungsbeamte krankheitshalber während längerer Zeit ausfiel, musste ich während Wochen den Betrieb aufrechterhalten. So etwas  hatte es vorher noch nie gegeben. So fühlte ich mich denn auch mehr als nur ins kalte Wasser geschmissen. Schuldnern ins Gewissen reden oder gar über Lohnpfändungen verhandeln, mit Hausfrauen monatliche Abschlagszahlungen vereinbaren,  alles ziemlich happig für einen 16-jährigen Burschen vom Land - Lebenskunde pur eben. Zum Glück erhielt ich im Verlaufe der Zeit sporadische Unterstützung durch Grundbuchverwalter Beda Lengwiler.

Im Amthaus befanden sich nebst Betreibungsamt auch der Polizeiposten, das Bezirksamt und der Gerichtssaal. Einmal mehr hiess mich die Neugierde, in den dunkel gebundenen Folianten «Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts» zu stöbern. Darin fanden sich beileibe nicht nur Entscheidungen in Betreibungs- und Konkurssachen, da war über Ehescheidungen, Mord und Totschlag zu lesen, das pralle Leben eben. Diesen Bücher faszinierten mich mehr als dies die Bände von Karl May in der 'Friedberg'-Bibliothek. Und ich begriff, dass meine Zahlungsbefehle und meine Konkursandrohungen eben nur Teil eines grösseren Ganzen bildeten – eine interessante, neue Erkenntnis. Dann und wann war auch Gerichtstag, mit leibhaftigen Anwälten und Richtern und Parteien. Betreibungsbeamter war ich ja schon. Anwalt oder Richter zu werden, das hatte ich mir damals insgeheim gewünscht. Vielleicht lag es auch daran, dass sich auf dem gleichen Stock das Büro des Bezirksammans befand, und der Vorgänger des Amtsinhabers ein Namensvetter von mir war. Jedenfalls gestattete ich mir zu dieser Zeit den Luxus hochfliegender Pläne. Doch zunächst folgten Aufenthalte beim Zivilstandsamt und der Einwohnerkontrolle, der Gemeindekrankenkasse und der Arbeitslosenversicherungskasse, dem Fürsorgesamt (Armenwesen, Waisenamt und AHV) sowie dem Steueramt.

 
STADT GOSSAU. Wahrhaft Grosses ereignete sich während meiner Zeit in der Einwohnerkontrolle: Gossau wurde (wohl anno 1961) rein bevölkerungsmässig zur Stadt.
Da grosse Ereignisse bekanntlich ihre Schatten voraus werfen, wussten wir in der Einwohnerkontrolle natürlich schon während einige Zeit, dass der 10'000 Gossauer oder Gossauerin bald fällig sein würde. Doch Fehler waren  nicht ganz auszuschliessen,  besorgte damals doch noch kein Computer das Zählen der Einwohner, sondern wir Lehrlinge. Gutes Timing war also gefragt. Am Schalter der Einwohnerkontrolle sollten wir die Weichen dafür stellen, damit die Ehre nur ja auf die richtige Person fiele, am liebsten auf eine junge Dame. Wir schafften es schliesslich − und Gossau auch. Der Gemeindeammann nahm dies zum Anlass,  kurz nach Schalterschluss auf Schloss Oberberg einen Apéro zu geben, zu dem nebst Presse auch das Personal der Gemeindeverwaltung geladen waren,  auch wir Lehrlinge. Selbstverständlich war auch unsere Herzdame anwesend, schliesslich stand sie im Mittelpunkt. Es sollte ein denkwürdiger Anlass werden, mit Weisswein, Schinkengipfeli und einer schönen Rede des Gemeindeammanns.
 





(1) Gossau 1961, Apéro auf Schloss Oberberg (mit HH. E. Bernhardsgrütter, P. Meier, P. Helfenberger, H. Derungs und H.P. Faganini (v.l.n.r.)

Gossau 1961, Apéro auf Schloss Oberberg (mit HH. E. Bernhardsgrütter, P. Meier, P. Helfenberger, H. Derungs und H.P. Faganini (v.l.n.r.)

 

 

Doch das Malheur folgte auf dem Fuss. In einem Anflug von jugendlichem Leichtsinn benützte ich nach Schluss der Veranstaltung anstatt des offiziellen Schlossabgangs eine Abkürzung über eine Wiese, die sich im Nachhinein als frisch gedüngt erwies, glitt aus und landete  mit dem Hintern geradewegs in der Jauche. Der an mir haftende Gestank war bestialisch und liess auch nach einem verzweifelten Reinigungsversuch an einem Brunnen nicht nach. Der weitere Abend wurde   für mich als stinkendes Elend zur Qual. Und noch während Tagen blieb ich das Gespött meiner Kollegen. Abgesehen davon war das Verhältnis unter den Lehrlingen  (Lehrtöchter gab es damals noch keine), jenes zu den Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter  sowie zu den Chefs  stets sehr angenehm. Absolute Respektsperson war und blieb Gemeindeammann Bossart. Ihn bekam man als Lehrling eher in seinem grünen Mercedes als in seinem Büro zu Gesicht, ausser bei der Aushändigung des Berufsschulzeugnisses, also mindestens zweimal jährlich.

 
Im Frühjahr 1962 schloss ich die Lehre mit Erfolg  ab. Einer meiner Hauptlehrer zeigte sich eher enttäuscht, weil er glaubte, ich hätte das Potential für einen Platz «im Rang», (1.5 oder besser) gehabt. Demgegenüber dürften meine Lehrer für Rechnungswesen und Buchhaltung, bei denen ich  Schlussnoten von 2,5 bzw. 3 davontrug,  über meinen doch respektablen Gesamtdurchschnitt von 1.7  eher  erstaunt gewesen sein. Im selben Jahr machte ein um ein Jahr älterer Schulkollege aus Andwil im Gymnasium Friedberg die erste kantonale Matur. Einige Jahre später schaffte 'der Friedberg' auch die eidgenössische Anerkennung.
 
Trotz beengter Platzverhältnisse (das 'Weisse Haus' existierte, wenn überhaupt, wohl erst  in ein paar Köpfen) war die Gossauer Gemeindeverwaltung  ein begehrter Ausbildungsplatz. Jahr für Jahr kam ein neuer Lehrling. Es wäre interessant, diesen und jenen Werdegang zu verfolgen. Einer fällt da besonders auf: Mein «Unterstift» (Lehrling in einem unteren Lehrjahr) war Hans Peter Faganini,  CVP-Generalsekretär (1974 -1988), später SBB-Generaldirektor und Uni-Professor.
 


 

 

Armee
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11.  Armee

Achtung – steht !

HELFENBERGER SIND KEINE DRÜCKEBERGER. Am 30. April 1962, einen Monat nach Ende meiner Lehrzeit, hatte ich mich zusammen mit meinen Altersgenossen in Wil zur militärischen Aushebung einzufinden. Mich vor dem Militärdienst zu drücken, wäre keine Option gewesen. Ich fühlte mich – trotz fehlendem Kindergartenbesuch – gut sozialisiert und war willens, meine  Pflichten gegenüber dem Vaterland ohne Wenn und Aber zu erfüllen. Oder vielleicht hatte ich als «Landei» einfach keinen Kontakt zu Kreisen, in denen es chic galt, sich untauglich erklären zu lassen, in den Fünfzigerjahren mit einigen überdosierten Medikamenten in Verbindung mit einer ordentlichen Portion Alkohol, zu meiner Zeit als Homosexueller und/oder als bekennender Kiffer? So war es für mich einfach selbstverständlich, mich am 30. April 1962, einen Monat nach Ende meiner Lehrzeit, in Wil/SG zu stellen.

Zunächst wurden wir alle vermessen. Bei der Turnprüfung hatte ich mich, der «Sporthasser», sogar richtig angestrengt, erzielte ich doch beim Klettern die Bestnote. Ein gewisser Druck meiner Ostschweizer Kameraden mag da auch mitgespielt haben. Ich schaffte es, wurde als militärdiensttauglich erklärt und auf meinen Wunsch hin zur Festungsartillerie eingeteilt. Das Gegenteil wäre gleichbedeutend gewesen mit «wurmstichig».

VATERSTOLZ. Als ich Vater am Abend mein Dienstbüchlein zeigte, meinte ich, bei ihm einen gewissen Stolz zu verspüren. Und auch ich fühlte mich ein wenig stolz auf meinen Vater, der seinerzeit als körperlich Behinderter  Aktivdienst geleistet und zur Zeit meiner Geburt an der Grenze gestanden hatte. Vielleicht wollte ich auch ihm zuliebe meinen Dienst am Vaterland leisten. Und ich muss gestehen: Darüber, dass unser Sohn später etwa mit denselben Gefühlen die Rekrutenschule und sämtliche Wiederholungskurse absolviert hat, darüber war ich meinerseits auch wieder etwas stolz.

ENNET DEM GOTTHARD. Am 22. Juli 1963 finde ich auch mich, zusammen mit einigen hundert Altersgenossen aus allen Teilen der Schweiz zur Rekrutenschule auf dem Bahnhof Airolo ein. Die Übermittler, zu denen ich gehöre, sind in der Kaserne Motto Bartola, einer hoch oben an der Gotthardstrasse gelegenen alten Infanterie-Festung untergebracht. Es sollten 17 (siebzehn!) nicht ganz einfache Wochen werden!

Eingerückt war ich mit durchaus positiven Gefühlen, zurück kam ich als Militärdienstgegner. Die Armee, insbesondere die militärischen Propaganda-Abteilung „Heer und Haus“ und deren Machwerk waren mir zutiefst suspekt geworden. Etwa deren Filmchen, das uns weismachen sollte, dass Brecht ein drittrangiger Schreiberling sei, der uns brave Schweizer Knaben mit nacktem Hurenfleisch und Gossenmusik zum teuflischen Kommunismus verführen wollte. Auch wenn dem Schweizervolk und Europa dies erspart geblieben ist, die plumpe politische Indoktrination schien mir unerträglich und ich habe mich dagegen – so gut es eben ging – aufgelehnt. Das lag auch an mir und meiner privaten Agenda. Eine militärische Weiterbildung hätte meine Pläne durchkreuzt. Ich zeigte wenig Begeisterung, wollte die Sache so einfach und so schnell wie möglich hinter mich bringen. Das muss mein Korporal gespürt haben. Er hat mich nach Strich und Faden geschunden und so manchen Extra-Job für mich ausgedacht. Für Instruktionsoffizier Bucher wurde ich so etwas wie ein abschreckendes Beispiel und damit eines seiner Lieblingsopfer.



Übermittler, alles Deutschschweizer, machen mal Pause, v.a. 3.v.l.

 

 

Zum Glück war mein Leutnant in Ordnung. Nur dürfte dieser zusammen mit dem einen oder anderen Offizierskameraden oft im Clinch mit dem Kompaniekommandanten gelegen haben. Dieser, ein biederer Schullehrer aus dem Aargau, war das Problem, denn er hatte überhaupt kein Flair für die doch sehr unterschiedlichen Mentalitäten, denn nicht nur die Kompanie, auch die Züge waren teilweise aus Deutschschweizern, Romands und Ticinesi zusammengesetzt. Intellektuell ständig etwas überfordert, zeigte er sich immer eher militärisch-kämpferisch, möglichst mit Stahlhelm, was ihm den nicht gerade schmeichelhaften Übernahmen „Kröte“ eintrug. Gegen Schluss der RS hingen in der Kaserne Plakate mit der Aufforderung: Zerstampft die Kröte! Die Stimmungslage drohte in Richtung Meuterei zu kippen, nachdem bekannt wurde, dass sich am Entlassungstag zwei seiner Leutnants im Arrest befänden, wahrscheinlich wegen Insubordination.

Ausgelassene Stimmung am Vorabend unserer Entlassung: Zum einen der sich bis zuletzt angesammelte Frust, zum andern die Freude über die bevorstehende Entlassung. Die meisten – auch ich – waren angemessen alkoholisiert. Und als ob es um Sein oder Nichtsein ginge, machte die Kröte mit ein paar seiner Getreuen in selbiger Nacht beim Zimmerverlesen in den Schlafsälen Razzien, sammelte Betrunkene ein, angeblich für Spezialeinsätze zum tiefer gelegenen Fort Airolo – bei schwerem Schneegestöber! Trotz meiner Promille hatte ich realisiert, dass ein derartiger Einsatz für mich eine Katastrophe bedeutet hätte, weshalb ich mich auf dem WC versteckt hielt. Erst als die Gefahr gebannt schien, schlich ich zurück in mein Bett. Doch dieses begann sich so gewaltig zu drehen, dass ich mich gleich wieder aufs WC begeben und mich noch im Schlafsaal übergeben musste. Davon bekam auch das zuvor blitzblank gereinigte Kantonnement noch einiges ab. So steht denn dieses Ereignis in der Liste der peinlichsten Momente meines Lebens auf Platz 19.

 

 

 

 

Arbeiten
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12.  Arbeiten

Zwischenraum, hindurchzuschaun: Entwicklungs- und Wanderjahre

MUT ZUR LÜCKE. Wie ein Lattenzaun*) muss auch der folgende Text Lücken enthalten.

Die Zeit zwischen 20 und 40 ist für manche die Zeit, in der sie sich Grundsatzfragen stellen. Auch ich habe das hin und wieder getan. Es würde aber diesen Rahmen sprengen, wenn ich versuchen würde, hier Antworten darauf zu geben, ob das Leben der Mühe wert ist, gelebt zu werden oder nicht. Ich klammere diese für das (Über-)Leben existentiellen Fragen aus, denn ich halte dieses Gefäss für ungeeignet, um fundamental philosophische Fragen zu erörtern. Deshalb nur so viel: Während dieser wichtigen Zeitspanne hatte ich das Glück, meinem Leben Sinn geben zu können. Nie hatte ich den Eindruck, mich zu langweilen, sinnlos, freudlos und hoffnungslos in den Tag hinein leben zu müssen, ohne zu wissen warum und wozu. Vieles ist weggeblieben, weil zu allgemein oder typisch für diese Lebensabschnitt: die oft mühsame Suche, etwa nach dem guten Job, der richtigen Partnerin oder dem richtigen Partner, der passenden Wohnung oder dem idealen Haus, der besten Sportart, dem beglückenden Hobby oder dem optimalen Verhältnis zu Tieren.Vieles bleibt unerwähnt, was die Beziehung zu mir wirklich nahestehenden Menschen betrifft, Beziehungen zu Geschwistern, Freunden/Freundinnen, zu meiner Gattin und zu unseren Kindern. Ich weiss, dass  dieses «in die Öffentlichkeit gehen» als eine Art von modernem,  die Allgemeinheit zunehmend erfassenden Exhibitionismus betrachtet werden kann. Dies ist für mich nachvollziehbar, doch halte ich die Veröffentlichungen von Lebenserinnerun-gen auf dieser Plattform für noch vertretbar, weil ich überzeugt davon bin, dass die Verschriftlichung und Verbreitung von Oral History einen wesentlicher Beitrag zur langfristigen Sicherstellung immaterieller kultureller Werte zu leisten im Stande ist.

Aus den dargelegten Gründen mögen meine Ausführungen stellenweise wie ein Lückentext anmuten, wie ihn die meisten aus ihrer Schulzeit kennen, wo es gilt, bewusst offen gelassene Stellen mit eigenen Worten zu vervollständigen.

Auch wenn nach der Lektüre meiner Schilderung ein anderer Eindruck entstehen sollte: Während meiner Entwicklungs- und Wanderjahre gab es für mich mehr als nur Arbeit, Studium, Beruf und Karriere. Ebenso wichtig waren für mich Familie und Freunde. Auf meine Vaterrolle hatte ich mich sehr gefreut, sie ernst genommen und deshalb eine akademische Laufbahn gar nie wirklich in Erwägung gezogen. Später war ich stets bestrebt, meinen beiden Kindern ein guter Vater zu sein, leider nicht immer mit gleich viel Erfolg. Es war mir ausserordentlich wichtig, für meine Familie genügend Zeit zu haben, auch mittags gemeinsam zu Tisch zu sitzen und zu plaudern, gemeinsam etwas zu unternehmen, nicht nur während der Ferien. Doch diese bleiben unvergesslich, immer wieder im Tessin, immer wieder Carona oder das Val Morobbia. Als wir in der Stadt, ganz nahe an der Grenze zu Allschwil lebten, war unser Familiengarten wichtig. Er hat uns sehr viel gegeben, auch wenn ich zu dieser Zeit als Gärtner ein blutiger Anfänger war. Nicht nur im Garten, auch in der Familie ist mir nicht immer alles gleich gut gelungen. Besonders während meiner schwierigen Jahre habe ich unseren beiden Kindern oft zu wenig Zuwendung schenken können, was ich heute sehr bedaure. Fast alles hing damals an meiner Frau. Und konnte auch meine grosse Liebe zur Küche und allem, was damit zusammenhängt, leider viel, viel zu entwickeln. Doch ich habe mächtig Gas gegeben und im Verlaufe der späteren Jahre einiges nachgeholt.

 

*) Der Lattenzaun

 Es war einmal ein Lattenzaun,

mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.

 

Ein Architekt, der dieses sah,

stand eines Abends plötzlich da -

 

und nahm den Zwischenraum heraus

und baute draus ein großes Haus.

Der Zaun indessen stand ganz dumm

mit Latten ohne was herum,

 

ein Anblick grässlich und gemein.

Drum zog ihn der Senat auch ein.

 

Der Architekt jedoch entfloh

nach Afri - od - Ameriko.

 

Christian Morgenstern / Galgendichtung (1905)

 

4051 bzw. 4058 Basel

NUR ZUFALL? Ist der wirkliche Regisseur unseres Lebens der Zufall – ein Regisseur voller Grausamkeit, der Barmherzigkeit und des bestrickenden Charmes, wie Pascal Mercier in seinem Roman «Nachtzug nach Lissabon» schreibt»? Hatte also der Zufall den kleinen Elefanten aus dem Fürstenland in die Humanistenstadt Basel geführt? Per Zufall kannte der kleine Elefant die Stadt am Rheinknie auch nicht ansatzweise, im Gegensatz zu Zürich, wo er Verwandte hatte. Er entschied sich für das Unbekannte  – für den Zufall. Und so manches ist ihm hier in der Folge – im besten Wortsinn – zugefallen.

Sein erstes Zuhause fand der kleine Elefant gegen Ende 1962 zunächst für kurze Zeit am
St. Gallerring, darauf in einem älteren Gebäude bei der Heuwaage, am Rümelinbachweg, recht zentral gelegen, in nur ein paar hundert Meter Entfernung vom berühmten Basler Zoologischen Garten, dem Zolli, wie er hier liebevoll genannt wird.  Längst ist das Haus von damals einer grosszügigen Überbauung gewichen. Doch wenn es nachts ganz still war in der Stadt, konnte der junge Elefant in seinem neuen Zuhause das lustvolle Posaunen der grossen Zolli-Elefanten deutlich vernehmen. Unter ihnen war die Elefantendame Ruaha eine Berühmtheit. Jung in Afrika ihrer Mutter und der Wildnis entrissen, war sie bereits zehn Jahre früher als ich nach Basel gekommen, wo sie in ihrem viel zu engen Gehege als Publikumsmagnet gedient hatte. Mag sein, dass gerade die Nähe zum Zolli Ausschlag für die Wohnungswahl gegeben hatte. Logisch, dass der kleine Elefant der berühmten Ruaha im Zolli schon bald einen ersten Besuch abstattete und sich die beiden lange und tief in ihre blauem Augen schauten. Glücklicherweise blieb Ruaha dem Zolli noch bis ins Jahr 2010 erhalten.

Anders als die vom Zolli rundum versorgte berühmte Ruaha musste der kleine Elefant, wollte er nicht hungers sterben, einer Beschäftigung nachgehen. Doch Basel ist nicht nur für seinen Zolli, sondern auch für seine chemische und pharmazeutische Industrie, (damals noch) für seine Banken und für seine Versicherungen berühmt. So findet sich der kleine Elefant erst in der Firma Pentapharm AG an der Engelgasse 109 (1962 – 1964), dann in der Schweizerischen Kreditanstalt (SKA) am Bankenplatz (1964) und schliesslich in Coop Lebensversicherung am Aeschenplatz (1965 – 1967), wo er auf seinem erlernten kaufmännischen Beruf arbeitet.

Die Stadt Basel erlebte ich zunächst alles andere als spannend. Morgens, beim Verlassen des Zuhauses, war es draussen noch nicht richtig hell. Und abends, bei der Heimkehr, war es bereits wieder dunkel. Ich musste mich damit begnügen, die Stadt über Mittag etwas zu erkunden. Über das Wochenende fuhr ich recht häufig zurück in die Ostschweiz, besonders nachdem meine Mutter nach Ostern 1964 mit Ihrem Mofa direkt vor dem Arnegger Elternhaus einen Unfall erlitten und mit schweren Schädelverletzungen während längerer Zeit im Koma lag.

 

HAARIGER HUMOR. Aus aktuellem Anlass – in London hatte ich Gefallen am britischen Humor gefunden − ein paar Gedanken über mein Verhältnis zum Humor. Als Spassmacher oder gar «Kompaniekalb» war ich nie aufgefallen. Um niemandem auf den Schlips zu treten, hielt mich mit Sprüchen lieber zurück. Müsste ich also eher von einem Nicht-Verhältnis sprechen?

«Humor ist einfach eine komische Art ernst zu sein». Dieser witzige Satz stammt vom britischen Schauspieler Peter Ustinov. Sir Peter galt als Meister bissiger Bonmots und geistreicher Aphorismen. Noch immer erscheint mir diese Aussage zum Thema Humor schlichtweg genial. Als Sohn eines deutschen Journalisten und einer französischen Malerin besass Peter Ustinov eben geradezu ideale genetische Voraussetzungen, insbesondere wenn man berücksichtigt, dass seine Eltern bereits teils russischer, teils italienischer Herkunft waren und in England lebten, wo Peter aufgewachsen ist. Grossbritannien ist eben ein ganz besonderer Nährboden für jene Art des Humors, wie ich ihn liebe und bewundere. Auf dem Kontinent trifft man etwas Vergleichbares noch am ehesten in Wien. Aber auch in Basel wird er noch gepflegt, vor allem an der Fasnacht, dieser spitzig-witzige-bissige Humor, der niemals billige Lacher, höchstens ein verständnisvolles Lächeln hervorruft. Sir Peter war nie ein Spassmacher um des Klamauks willen, er wusste, dass Komik er zeugen ein nobles Handwerk ist. «Das Lachen ist die zivilisierteste Musik der Welt.» Wie recht er damit hatte. Und mir wurde bewusst, wie wenig Sinn für Humor ich bisher entwickelt und wie wenig Zeit ich mir für das Lachen genommen hatte. Meine Heimat, das Fürstenland, war bestenfalls so etwas wie  «das Land des Lächelns»“. Richtig zu Lachen hatte bereits etwas Anstössiges. In der Stadt Basel sollten sich die Zeiten diesbezüglich ändern – so hoffte ich zumindest, und natürlich auch, dass mehr zu lachen geben würde hätte als früher.

Es wäre übertrieben zu sagen, ich wäre 1962 quasi «humoris causa» nach Basel gekommen. Von der berühmten Basler Fasnacht kannte ich nur die «Schnitzelbängg», von denen einzelne in meiner Jugendzeit dank Radio Beromünster sogar in unsere Stube gedrungen waren. Bis ich mich an den speziellen Basler Humor gewöhnt hatte, blieben für mich London und Wien die Welthauptstädte des Humors. Schnell durfte ich feststellen, dass die Basler Fasnacht anders ist, als ich es mir vorgestellt hatte, nicht nur später und viel kürzer – nicht lang und langweilig wie früher wie anderswo, sondern voller Esprit, Witz und Schalk. Davon zeugen nebst den geistreichen Schnitzelbänken immer kunstvoller gestaltete Laternen, Kostüme, Larven. Schnitzelbänggler bedienen sich in Basel zwar der Anonymität, geistreich-humorvolle Journalisten wie -sten und -minu eines Kürzels, doch sie alle gehören zu den angesehenen Baslern.

Parallel zum sprichwörtlichen Knopf, der mir in London aufgegangen war, zeigten sich bei mir bereits zu jener Zeit am Kopf erste deutliche Zeichen von Ausfallserscheinungen − glücklicherweise nur beim Haupthaar. Vorher war der Haarausfall unbemerkt geblieben, weil eine Badewanne fehlte. Bereits in London hatte ich mich deshalb an einen Apotheker meines Vertrauens gewandt. Er meinte, die Luftverschmutzung würde meinem Haar zu sehr zusetzten, weshalb er mir zu einem konzentrischen Angriff riet, innerlich mit Limettensaft, äusserlich mit einem Spezialshampoo. Doch meine Haarpracht litt weiter, vielleicht gerade wegen des vielen Limettensafts, den ich unverdünnt auf nüchternen Magen trank. Das Thema «Haare» sollte mich all die Jahre noch verschiedentlich beschäftigen, allerdings nur bis zu meinem 50. Geburtstag. «Wären doch alle Probleme nur so gut ausgegangen wie meine Haare!» sollte ich dereinst an diesem denkwürdigen Tag zu mir selbst sprechen  – und meinen Haarersatz für immer entsorgen!Auf die Idee, diesen orange zu färben und daraus ein Markenzeichen zu machen, wie dies der genialste aller amerikanischer Präsident fünfzehn Jahre später tun soll, darauf bin ich damals aber nicht gekommen!

 

 

()

Status 1993 – heiter, humorvoll und mit viel Profil

 
EINE GRATWANDERUNG  HART UND EHER ENTBEHRUNGSREICH.
1963 begann ich also, abends noch einmal die Schulbank zu drücken. Mein Ziel war ganz klar die Maturität. Doch zunächst galt es, der Doppelbelastung von Beruf und Schule standzuhalten. Von Montag bis Freitag ging nach einem fast neunstündigen Arbeitstag in der Nähe des Bahnhof Basel SBB, in den Räumen des Realgymnasiums oder des De Wette-Schulhauses, während drei Abendstunden bei Latein, Französisch, Englisch, Deutsch und Geschichte die Post ab. Die naturwissenschaftlichen Fächer wurden separat vermittelt, was bedeutete, dass man sich je nach Präferenz vorgängig für die sprachlich-historischen oder für die mathematisch-naturwissen-schaftlichen Klasse entscheiden musste. Dies hatte zur Folge dass das Maturzeugnis je nach gewählter Richtung nur zum Studium an der Universität Basel berechtigte, und zwar an der juristischen, philosophischen und nach Ablegung ergänzender Prüfungen in Griechisch und Hebräisch auch an der theologischen Fakultät mit den Studienrichtungen Jurisprudenz,  Nationalökonomie, Philosophie,  Sprachen und Geschichte. Absolventen der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse  erhielten Unterricht  in den Fächern Deutsch,  Französisch,  Mathematik,  Biologie und Physik-Chemie und das Reifezeugnis berechtigte, an der Universität Basel Astronomie,  Chemie,  Botanik,  Mathematik,  Physik und Zoologie zu studieren. Grundidee dieser staatlichen Kurse war es, «befähigten Personen, deren soziale oder gesundheitliche Verhältnisse es  seinerzeit nicht erlaubten,  ein Gymnasium zu besuchen»  den Zugang zur Universität  zu öffnen. Im Übrigen waren die Kursteilnehmer verpflichtet,  im Sinne eines normalen Arbeitsvertrages in einem Berufe tätig zu sein. Die Bewährung im Berufsleben war der Grund für die Entlastung bei der Anzahl der Maturfächer.

Nach Schulschluss um 22 Uhr traf man sich ab und zu spontan mit Schulkollegen noch zu einem Bier oder ass schnell noch etwas, doch in der Regel schaute man sich noch den Stoff für den nächsten Schultag an. Der Selektionsdruck war stark. Wer den geforderten Notendurchschnitt nicht erreichte, war draussen. Das Privatleben blieb an einem ganz kleinen Ort, und ein Leben mit wenig Schlaf ist nicht eben gesund.



(2) Beim Spaziergang im nahen Nachtigallenwäldchen

Beim Spaziergang im nahen Nachtigallenwäldchen

 



(3) ... und wieder zurück in meiner Küche am Rümelinbachweg 10

 

... und wieder zurück in meiner Küche am Rümelinbachweg 10

Am 21. März 1967 hatte ich es geschafft: Zusammen mit ein paar Dutzend Kolleginnen und Kollegen kann ich das Reife-Zeugnis in Empfang nehmen. Und ein paar Monate später, im Sommer 1968, verlobten wir uns nach zweijähriger Bekanntschaft in der Morgenfrühe auf dem Gempen-Aussichtsturm, dem mit seinen 756 m ü.M. höchsten Punkt des Birseck. Wie es dazu kam?  %u0336  Ein Jahr zuvor, während einer Pause, kam plötzlich diese Frage eines Schulkollegen, ob ich Lust hätte, Trauzeuge bei seiner bevorstehenden Hochzeit zu sein. Spontan sage ich zu, worauf ein erstes Treffen im Hause seiner Braut arrangiert wurde, wo wir uns als zukünftige Brautführerin und als Brautführer zum ersten Mal begegneten. Uns verband nun eine gemeinsame Aufgabe, die wir bestmöglich zu erfüllen trachteten. Doch je länger die Hochzeitsfeier dauerte, desto pflichtvergessener wurden wir. Kurz nach der Hochzeit waren wir beim frischgebackenen Ehepaar eingeladen, doch ich liess alle sitzen. Zu unserem ersten Rendez-vous erschien ich unpünktlich, da ich vorher noch Wichtiges zu erledigen hatte. Es galt – in vorauseilendem Gehorsam? – die Beziehung zu meiner früheren Freundin zu kappen. Danach schien das Terrain einigermassen bereinigt, sodass ich es wagen konnte, die Brautführerin in meine Wohnung einzuladen. Doch vom Augenschein zeigte sie sich wenig begeistert, fand alles etwas düster und «Brecht-isch», wie sie sich ausdrückte. Besonders missfallen hatten ihr wohl die von meinem betagten Vorgänger stammende Einrichtung und meine in der Badewanne eingeweichten weissen, bereits etwas vergilbten Nylon-Hemden, damals in Büros obligat. Einzig meine «Selbsttäuschungsanlage» schien sie zu amüsieren. Über eine ausrangierte Elektroschaltuhr hatte ich mein Radio und mein Tonbandgerät so programmiert, dass mir beim Betreten meiner Wohnung Musik entgegentönte – nachts beim Nachhausekommen, um mich weniger allein zu fühlen, und am Morgen, um mich zu wecken. Dabei schloss ich in indizierten Fällen vor dem Zubettgehen vorsorglicherweise anstatt des Radios den Staubsauger an die Schaltuhr an, ein durchaus probates Mittel, war ich so doch gezwungen, blitzartig aufzustehen, um den lärmigen ‚Electrolux‘-Uralt-Staubsauger in der Zimmerecke eigenhändig abzustellen. Wirklich punkten konnte ich bei diesem ersten Besuch nur mit dem zum Tee gereichten «Florentinerli». Und doch schien es mir, sie würde sich für mich interessieren, was mich natürlich freute. So überraschte sie mich während eines Spitalaufenthalts mit einem Strauss Kornblumen – unvergesslich! Sogar mein schulisches Schicksal schien ihr nicht egal zu sein. An Wochenenden war ich ab und zu Gast in ihrem Elternhaus, denn sie war nach Kräften bemüht, meine Defizite im Französisch zu beheben. Dort drohte mir wegen mangelhafter Leistungen ein Scheitern.


Im Herbst 1967 war ich nach erfolgreicher Immatrikulation an der juristischen Fakultät der Uni Basel (fast) an meinem Ziel angelangt. Obwohl für mich alles klar zu sein schien  – ein klein wenig hatte ich damals doch gezögert und mich gefragt, ob es nicht doch besser wäre, mich  in das altehrwürdige Matrikelbuch der Theologischen Fakultät einzutragen. Der wahre Grund für mein Zögern war ein früheres Gespräch mit Dr. Rolf Hartmann, unserem Deutschlehrer. Er war überzeugt, ich hätte eher das Zeug zum Theologen als zum Juristen. Und ich hätte nicht ganz bei Null beginnen müssen, denn es gab bereits einen Theologen in der Region, der meinen Namen trug: Pfarrer Paul Helfenberger. Dieser war von 1974 bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1989 Pfarrer der Kirchgemeinde Biel-Benken und wegen seiner Offenheit und seinem Engagement für die Oekumene sehr geschätzt. Auch war er ein guter, sorgfältiger Prediger,, denn wegen seiner Radiopredigten erhielt ich als Namensvetter (Paul und Pius liegen nahe beieinander, was Verwechslungen ermöglichte) Telefonanrufe von Leuten aus der ganzen Schweiz, die sich bei ihm für die die Predigt bedanken wollten unf irrtümlich bei mir landeten.

Im Studium fühlte ich mich überall dort pudelwohl, wo ich Verbindungen zu meiner früheren Ausbildung oder meiner späteren Tätigkeit herstellen konnte, denn da konnte ich als «Spätberufener» mit meinen praktischen Erfahrungen punkten. Für gewisse Fächer wie Römisches Recht und Rechtsgeschichte konnte ich mir nur mässig begeistern. Im Nachhinein ist schleierhaft mir, weshalb ich mich als neugieriges Erstsemester in ein Seminar verirren konnte, in welchem nur Komilitonen sassen, die bereits vor dem Studienabschluss standen. Zu meiner grossen Überraschung wies mir Prof. Hagemann damals nicht gleich die Türe jenes kleinen Hörsaals, sondern bat mich zu bleiben, was ich dann auch wirklich getan hatte. In der Folge durfte ich  auf seine Unterstützung beim Amt für Studienbeiträge zählen. Ohne ihn wäre für mich manches schwieriger gewesen. https://de.wikipedia.org/wiki/Hans-Rudolf_Hagemann
Aus dieser ersten Zeit ebenfalls dauerhaft in Erinnerung geblieben sind mir vor allem die Staatsrechts-Vorlesungen bei Prof. Max Imboden. Er war ein wirklich herausragender Lehrer und stand auch als Politiker mit beiden Beinen in der Praxis. So bedeute sein früher Tod im Jahre 1969 auch für mich ein einschneidendes Ereignis. www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D6393.php">www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D6393.php

Studieren war das eine, (Weiter-)Arbeiten das andere, denn auch bei bescheidenen Ansprüchen liess sich einzig von Studienbeiträgen nicht leben. Durch Zufall wurde ich auf die Handelsschule Huber & Co. an der Freien Strasse aufmerksam. Diese schloss sich Mitte der sechziger Jahre mit der Schule Widemann AG unter Direktor Rémy Meyer zur Huber Widemann Schule zusammen. Ab diesem Zeitpunkt erfolgte der Unterricht in den Räumlichkeiten am Kohlenberg 13/15. Der Lehrkörper bestand in hohem Mass aus Studenten, weshalb die Schule regelmässig Bedarf an Lehrkräften hatte. An der HWS unterrichtete ich während dreier Jahre hauptsächlich junge Erwachsene in den Fächern Handelsrecht und Betriebswirtschaftslehre sowie Korrespondenz. Zuletzt gehörten auch angehende Arztgehilfinnen zu meinen Schülerinnen. An der Schule galt ich als das Verständnis fördernde, eher «liebe» Lehrkraft. Nur ein einziges Mal wurde ich von Direktor Meyer zurückgepfiffen – Privatschule eben!

1967 hatte ich dank tatkräftiger Unterstützung meiner Freundin und ihrer Eltern im Kleinbasel ein neues Zuhause bezogen, ausgerechnet in einem Hinterhaus an der Webergasse, eine überaus gemütliche Bude! Sie kostete mich ganze 70 (in Worten: siebzig) Franken. Dank billiger Behausung und geringer Ansprüche kam ich mit meinem Nebeneinkommen und den baselstädtischen Studienbeiträgen wirtschaftlich einigermassen über die Runden.



(4) Basel, Webergasse 28H WC-Turm, vom Teichgässlein aus gesehen

Basel, Webergasse 28H WC-Turm, vom Teichgässlein aus gesehen

 

Im privaten Bereich stieg mit der Zeit der Drang, das etwas komplizierte Hin und Her zwischen meiner Studentenwohnung im Kleinbasel und dem Haushalt von Christas Eltern in Münchenstein zu beenden. 1969, zu einer Zeit, in der die Jugend- und Studentenunruhen auch in Basel spürbar waren, mieteten wir uns an der Allschwilerstrasse in Münchenstein ein 3-Zimmer-Logis, das wir sukzessive als zukünftige gemeinsame Wohnung einrichteten. Dank des Flairs meiner Verlobtenfür Inneneinrichtungen  und wegen meiner Liebe zur Technik entstand ein kleines Bijou. Unter diesen Vorzeichen fiel mir der Wechsel von der Kleinbasler Webergasse nach Münchenstein nicht mehr so schwer. Am 26. Juni 1969 gaben wir uns vor dem Münchensteiner Zivilstandsbeamten und am 29. Juni im «diefschte Glaibasel» in der Lindenberg-Kapelle das Ja-Wort.

UFF, WAR DAS KNAPP!  Als aufmerksame Leserinnen und Leser meiner Erinnerungen kennen Sie bereits die eine und andere meiner Untugenden, wie jene, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Diese Schwäche mag daher rühren, dass ich nicht selten Dinge aufgeschoben habe, deswegen in Eile und suboptimal orientiert war. Ausgerechnet an unserem Hochzeitstag wäre mir meine chronische Unpünktlichkeit fast zum Verhängnis geworden. Ich schaffte es gerade in letzter Minute per Taxi zum Elternhaus meiner Braut in Münchenstein! Doch im Gegensatz zu Hugh Grant als Charles in «Vier Hochzeiten und ein Todesfall» hatte ich mich zumindest auf der Hochzeitsfeier klaglos benommen und mich nicht Hals über Kopf in eine andere Frau verliebt.

SCHON DAMALS GRÜN. Bereits anderntags verreisten wir ins Oberengadin. Zuhinterst im Val Fex (heute als «Krafttal» angepriesen), in Fex-Curtins, haben wir während sechs Wochen unsere Kleinst-Bleibe in einem umgebauten Kiosk: eine Mini-Küche ohne fliessendes Wasser und ein etwas grösseres Schlafzimmer. Zur Wohnung gehörte ein über der Strasse gelegenes Plumps-Klo – u0336 nature pur eben. Unter diesen Umständen haben sich Haushalten, Kochen, Einkaufen nicht ganz so einfach gestaltet. Doch wir genossen die neue Zweisamkeit in der hehren Engadiner Bergwelt in vollen Zügen. Und es locken gefährliche Pfade, etwa hinten beim Gletscher auf der Suche nach Edelweiss. Und nicht zu vergessen das Hotel Fex. In den 1850er Jahren gebaut, stand es ursprünglich im Kurkomplex von St. Moritz Bad. Um 1900 wurde es in seine Einzelteile zerlegt und mit Pferdefuhrwerken ins Fextal transportiert. 2010 übernahm ein Zürcher Tierarzt das Hotel. In den nächsten Jahren soll das traditionsreiche Haus sanft erneuert werden und seinen alten Glanz zurückerhalten. www.hotelfex.ch">www.hotelfex.ch

Die Welt bewegt dieser Tage derweil etwas ganz Grandioses: Am 20. Juli 1969, um 3.56 Uhr MEZ setzt der Amerikaner Neil Armstrong seine klobigen Treter erstmals auf den Mond, einen Abdruck im Mondstaub hinterlassend wie im kollektiven Bewusstsein der Menschen, die an den Fernsehapparaten 400’000 Kilometer entfernt wie gebannt zuschauten, und verkündend: «Dies ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein grosser Sprung für die Menschheit.» Ein Satz wie fürs Schulbuch! Von diesem unwirklichen Geschehen vernehmen wir im engen Fextal nur über unser kleines Transistorradio, hören Präsident Nixon, als er sich mit feierlicher, unbewegter Stimme zu der absurden Behauptung versteigt und die Mondlandung «als das grösste Ereignis seit der Erschaffung der Menschen» bezeichnet. Kein Wunder, dass uns andere Ereignisse, wie eine Vollmondnacht droben im Fextal oder ein Schneefall mitten im Sommer viel stärker eingefahren sind als die Mondlandung. Nach den langen Sommerferien schätzten wir Behaglichkeit und Komfort unseres neuen Zuhauses umso mehr und freuten uns darüber, unsere Arbeit wieder aufnehmen zu können, Christa als Primarlehrerin und ich als Jus-Student. Nach zwei Jahren bestand ich an der Uni das Vor-Lizentiat als erste akademische Prüfung. Innerhalb der Kath. Studentenschaft wurde ich Verantwortlicher für den «Juristenzirkel», hatte Themen und Referenten zu suchen und vorzustellen, Diskussionen anzukicken oder zu leiten, mit dem Risiko, mich dabei dann und wann etwas zu exponieren. Besonders in Erinnerung blieben mir die Begegnungen mit Martin Schubarth, späterer Bundes-(Spuck-)Richter, und mit Luzius Wildhaber, späterer Professor und Präsident des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte in Strassburg.

In unserer Wohngemeinde Münchenstein war ich zufälligerweise in eine Versammlung der Ortsgruppe Münchenstein des «Landesring der Unabhängigen» geraten, worauf es mir «den Ärmel reinnzog». In der Folge rührten wir kräftig die Werbetrommel für die neue Gemeindeordnung, mobilisierten sogar mit einem Megaphon und erreichten entgegen aller Erwartungen unser Ziel, nämlich den Wechsel zur ausserordentlichen Gemeinde-organisation. In den darauf folgenden Einwohnerratswahlen erreichten wir gleich Fraktionsstärke – eine Sensation. So gehörte ab 1972 auch ich als Parteiloser der Fraktion des «Landesring der Unabhängigen und Parteilosen» dem ersten Einwohnerrat an und nahm Einsitz in die Geschäftsprüfungskommission. Von Beginn an mit dem «Revoluzzer»-Image behaftet und ohne Vertretung im Gemeinderat bildeten wir so etwas wie eine parlamentarische Opposition, waren fleissige Leserbriefschreiber und machten uns durch zahlreiche parlamentarische Vorstösse bemerkbar. Nicht weiter verwunderlich, dass ich bei so viel politischer Aktivität auch auf einer Landratsliste landete. Kurz vor unserem Wegzug nach Klosters wurde ich als Mitglied der Prospektivkommission für eine neue Basellandschaftliche Verfassung ernannt. Wer weiss, welch politische Karriere mir bei einem Verbleib im Kanton Basel-Landschaft noch beschieden gewesen wäre...

Nach erfolgreich bestandenem Lizentiat bot sich die Möglichkeit, im solothurnischen Dornach eine Rechtspraktikantenstelle zu besetzen. Ich griff zu, denn anders als im Kanton Basel-Stadt waren die Plätze äusserst begehrt und man erhielt nicht nur ein Trinkgeld, sondern einen Praktikumslohn. Dafür wurde vollwertige Arbeit erwartet. Ab Sommer 1971 radelte ich während eines Jahres täglich der Birs entlang von Münchenstein nach Dornach und wieder zurück, eine gute Zeit, zunächst in der Amtsgerichtsschreiberei Dorneck-Thierstein, darauf in der Amtschreiberei Dorneck bei Amtsschreiber Walter Studer. Gerichtspräsident Dr. Theo Schaffter wie auch Gerichtsschreiber Walter Walliser sowie dessen Nachfolger Hans Walter schätzen meine Ernsthaftigkeit, mit der ich von Beginn an das juristische Handwerk betrieb. Besonders beeindruckt war man von meiner juristischen Kartothek. Bereits während des Studiums hatte ich damit begonnen, mir juristische Begriffe fein säuberlich mit Schreibmaschine auf A6-Registerkarten zu notieren. In der Folge erschloss ich auch wichtige Urteile von Gerichts- und Verwaltungsbehörden – eine ungeheure Fleissarbeit, an der ich bis fast zum Ende meiner gesamten beruflichen Tätigkeit weitergearbeitet habe.

Nächste Klippe war das Solothurnische Fürsprech- und Notariatsexamen. Wie ein Kloss lag mir insbesondere die schriftliche Notariatsprüfung auf dem Magen. Etwas Ablenkung brachte die Lehrtätigkeit am Bethesda-Spital und im Frühjahr 1973 ein Vikariat an der Realschule Basel-Stadt, im Thiersteinerschulhaus. Dieser völlig überraschende Einsatz in den Fächern Deutsch und Geschichte bedeutete Knochenarbeit für mich, denn jede Lektion wollte von Grund auf vorbereitet sein. Mein Stil unterschied sich sehr von jenem des plötzlich erkrankten Stadthistorikers Dr. phil. Markus Fürstenberger. Trotzdem schien ich bei den Schülerinnen und Schülern gut anzukommen. Jedenfalls hatte ich ein paar (weibliche) Fans und während diese Zeit beschlichen mich gewisse Zweifel darüber, mit meiner Juristerei auf dem richtigen Weg zu sein.

10 METER, DIE ENTSCHEIDEN. Wir schreiben den 10. April 1973, etwas nach acht Uhr morgens. Überpünktlich hatte mein Hotelzimmer in Solothurn verlassen – es hat über Nacht tüchtig geschneit –- und ich befand mich im Regierungsgebäude zur schriftlichen Prüfung, hinter Schloss und Riegel, vor mir das Thema den Ärmel reineinzog». «Widerruf begünstigender Verwaltungsakte», das mir vom Studium her zum Glück nicht ganz unvertraut war.

Eben erst hatte ich mit meiner Arbeit begonnen, da startete im englischen Bristol die viermotorige Turboprop «Vickers Vanguard» der Chartergesellschaft «Invicta International Airways» mit 145 Passagieren, wovon 6 Besatzungsmitglieder, zu einem Flug in die Schweiz. Nach einem Flug von 1 Std. 45 Min. meldete sich der Pilot um 0949 Uhr beim Flugsicherungsdienst Basel-Mülhausen zur Landung an. Wegen des schlechten Wetters (dicker Nebel und starker Schneefall) wurde ein Instrumentenanflug angeordnet. Das von Norden kommende Flugzeug setzte nach dem Funkfeuer Basel Nord zur Landung an, der Pilot meldet, dass er mangels Sicht durchstarte, eine Schleife fliegt und wieder über Basel Nord hereinkomme. Der Pilot flog zu wenig weit zurück. Der Fluglotse meldete dies dem Piloten, worauf er die Maschine hoch zieht  –  zu spät. Durch den extremen Steigflug und das Berühren der Baumkronen wird die Maschine stark abgebremst, bevor sie um 10.14 Uhr aufschlug. Dabei wurde das Heck abgerissen und in einen Jungwuchs geschleudert. Alle 37 Überlebenden befanden sich im Heck, kopfüber hängend, bei eisiger Kälte in den Sicherheitsgurten. Die Bewohner der 200 Meter entfernten Herrenmatt konnten zwar ein Motorengetöse hören, aber keinen Aufschlag, da der dicke Nebel und der Schneefall den Aufprall und den Lärm schluckte. Erst um 11.15 Uhr, eine Stunde nach dem Absturz, alarmierte der Flughafen die Einwohner der Herrenmatt über das vermisste Flugzeug, das man dann um 11.20 Uhr auffand, worauf Grossalarm ausgelöst wurde. In der Zwischenzeit waren 40 cm nasser Neuschnee gefallen; die bereits grünen Laubbäume brachen zusammen und blockieren Strassen und Stromleitungen. Die unterkühlten Überlebenden wurden in den Häusern der Herrenmatt untergebracht. Wäre die Maschine 10 Meter höher geflogen, wäre nichts passiert. Der Absturz ist ein gewaltiger Schock für die Schweiz, insbesondere die Nordwestschweiz. Auch bei mir war der Schrecken darüber noch Jahre spürbar. Später, während meiner Zeit im Basler Polizei- und Militärdepartment bot sich Gelegenheit, mich mit Feuerwehrkommandant Allemann, der zusammen mit einem Arzt und zwei Sanitätern als erster in den Flugzeugrumpf steigen konnte, über den schwierigsten Einsatz seines Lebens auszutauschen und die Ereignisse rund um diese Katastrophe wieder aufleben zu lassen.

Am Mittag informierte mich Staatschreiber Egger kurz über das Drama im Bezirk Dorneck-Thierstein mit 108 Toten. Ich war zutiefst schockiert und jeglicher Appetit schien verflogen. Meine Gedanken und Gefühle waren bei meinen bis aufs letzte geforderten früheren Arbeitskollegen in Dornach. Und gleichzeitig empfand ich eine tiefe Dankbarkeit darüber, nicht mehr auf dem Amtsgericht Dornach tätig zu sein und daher nicht mehr mit dem Anblick der in der Turnhalle aufgebahrten Särge konfrontiert zu werden. Nur mit allergrösster Mühe gelang es mir, mich bis zum Schluss vollständig auf meine Arbeit zu konzentrieren. Zum Glück war es mir an diesem schicksalsschweren Tag gelungen, auch dem völlig unerwarteten zusätzlichen Druck standzuhalten, meine Gedanken zu Papier zu bringen, einigermassen ordentlich in die Maschine zu tippen und das Ganze schliesslich am Abend gerade noch rechtzeitig abzuliefern.

JUHUI E FAMILIE. WIRKLICH? Die Schwangerschaft meiner Frau verlief gut. Am 9. August 1973 kam unsere Tochter Bettina, ein gesundes und munteres Kind, in der St. Josefsklinik in Basel zur Welt. In der Folge lief leider nicht alles wie vorgesehen. Ich war bemüht trotz gesundheitlicher Probleme meiner Frau die Stellung zumindest einigermassen zu halten. Nicht weiter verwunderlich, dass unter diesen Vorzeichen meine öffentliche mündliche Prüfung – im Regierungsratssaal sassen gegen ein Dutzend Zuhörer, denen das gleiche (Prüfungs-)Schicksal bevorstand – kein Ruhmesblatt für mich wird. Immerhin hatte ich alle schriftlichen Prüfungen auf Anhieb bestanden und war stolz, am 18. September 1973 das Patent als Solothurnischer Fürsprech und Notar in Empfang zu nehmen.

 Basel – Klosters hin und zurück

Irgendwie scheint es, als wären wir damals der Zeit immer etwas voraus gewesen. Bereits Anfang der siebziger Jahre hatten wir die Möglichkeit, über unsere Zeit zu verfügen und Zugang zu sauberer Luft, reinem Wasser und Ruhe zu haben, als wahren Luxus definiert. Wohl deshalb war mir das Stelleninserat der Gemeinde Klosters-Serneus in der «Schweizerischen Juristenzeitung» in Auge gestochen. Ein Wohnsitz im Prättigau schien unseren Vorstellungen zu entsprechen. Auch hoffte ich, als Ostschweizer auch mentalitätsmässig einen etwas einfacheren Zugang zu finden. Vor allem angetan war ich vom vielseitige und interessante  Aufgabenbereich. Gegen Ende der sechziger Jahre waren die Aufgaben der Tourismusgemeinden sprunghaft angestiegen. Viele und grosse Probleme harrten ihrer Lösung. Wegen der raschen Entwicklung waren beim Gemeindepräsidium immer mehr Planungs- und Verwaltungsaufgaben angefallen. Auch die Belastung des Gemeindeschreibers hatte ständig zugenommen. Auf die Dauer wäre der Zustand wohl untragbar geworden. Deshalb war in Klosters die neue Stelle eines Gemeindesekretärs geschaffen worden. Dieser sollte vor allem juristischen Sachverstand einbringen und als Sekretär des Gemeindepräsidenten fungieren.

Die erste Begegnung mit Gemeindepräsident Georg Brosi erfolgte nicht in Klosters, sondern im Bahnhofbuffet Olten. In seiner Funktion als Nationalrat kam er von Bern angereist. Er erschien mir als freundlich, ruhig und sehr besonnenen. Über ihn wusste ich nicht viel, ausser dass er von Haus aus Lehrer und bereits von 1947 – 1956 ein erstes Mal Gemeindepräsident gewesen war, dann im Regierungsrat gesessen hatte und seit 1967 wiederum als Gemeindepräsident amtete. www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D5332.php">www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D5332.php

Der erste Eindruck muss beiderseits positiv gewesen sein. In der Folge konnte Brosi den Gemeindevorstand fürs erste überzeugen, ich meinerseits versuchte meine Frau definitiv für das Projekt Klosters zu erwärmen. Nach einem weiteren gemeinsamen Gespräch in Klosters stand unser Entschluss fest: Anstatt in der Agglomeration Basel sollten unsere Kinder im Bündnerland aufwachsen. Am liebsten hätten wir sie im rätoromanischen Sprachraum aufwachsen sehen. Bettina, der Name unserer Tochter, sollte bereits etwas dieses lateinische Element verkörpern. Doch wirklich weit vom (Unter-)Engadin entfernt liegt Klosters ja nicht, wenn man bedenkt, dass während unserer Klosterser Zeit Nägel für den Vereina-Tunnel als wintersichere Verbindung zwischen dem Engadin und dem Prättigau eingeschlagen werden sollten. Ich erinnere mich noch gut daran, wie überrascht ich war, als das Riesenpaket mit den ersten Bauplänen im Rathaus eintraf.

In einem Ferienort eine passende (und zahlbare) Wohnung zu finden, erwies sich als nicht eben einfach, zumal die Auswahl bescheiden war. Im Haus ‚Galtür’ am Kippweg fanden wir  800 Franken feine nicht eben billige, aber grosszügige, romantische 3-Zimmer-Dachwohnung. Ein gutes, beinahe erhebendes Gefühl, als der vollgepackte Zügelwagen gegen Ende September Münchenstein in Richtung Prättigau verliess, gefolgt von dem von einem der Zügelmänner chauffieren dunkelblauen Volvo meines Schwiegervaters, mit Ehefrau und Baby, meiner Wenigkeit und dem Siamkater im Katzenkorb.

Die Gemeinde Klosters-Serneus war zu dieser Zeit noch stark landwirtschaftlich geprägt. Dies war nicht zuletzt das Verdienst von Gemeindepräsident Brosi, dessen Geschick und dessen weitsichtiger Politik. Dass die Auseinandersetzung mit dem immer stärker und immer wichtiger werdenden Tourismus-Sektor nicht vollends zur Zerreissprobe wurden, dafür sorgte der auf Ausgleich bedachte, mit der Landwirtschaft verwurzelte Georg Brosi mit einer Bodenpolitik, die er rechtzeitig und zielstrebig in die Tat umzusetzen vermochte. In seiner Persönlichkeit steckte etwas Bedächtiges und Väterliches. Dank der Klosterser Bauordnung und der durch den Churer Ingenieur Andrea Tuffli und den Churer Rechtsanwalt H.F. Jossi gemeinsam erarbeiteten richtungsweisenden Planungsinstrumente konnten schlimme Auswüchse verhindern werden. Meine erste grosse Aufgabe war die Ausarbeitung eines Entwurfs für ein neues Abwasserreglement. In der Folge konnte ich mich auf dem Gebiet des Bau- und Planungsrechts weiterbilden und die Gemeinde in einer Vielzahl von Baupolizeistreitsachen vertreten, mit sehr gutem Erfolg, wie es im Arbeitszeugnis heisst. Ferner befasste ich mich mit Personal- und Verwaltungsorgani-sationsfragen und war auch Sekretär der Schlichtungsstelle für Mietverhältnisse für die Kreise, Klosters, Küblis und Luzein

In der Retrospektive erscheinen die Klosterser Jahre etwas entrückt. Irgendwie hatten wir uns selbst genügt: Privat als junge Familie in der grosszügigen und gemütlichen Wohnung im Haus ‚Galtür’, ich beruflich in meinem neu eingerichteten Büro im 2. Stock des Klosterser Rathauses mit wunderschöner Bergsicht. Doch unsere Selbstgenügsamkeit wurde nicht von allen geschätzt. Brosi war einer der Architekten der Fusion von BGB und Bündner Demokraten zur SVP. Mit ihm zusammen hatte ich auch mehrmals Veranstaltungen der neu gegründeten SVP besucht. Mit ihrem Programm konnte ich mich zu dieser Zeit zumindest teilweise identifizieren, da die durch Blocher und den sog. Zürcher Flügel eingeleitete verhängnisvolle Entwicklung der Schweiz erst bevorstand. Blocher, der ursprünglich bei der FDP Meilen schnurstracks als Präsident der Ortspartei einsteigen wollte und mit seinem Vorhaben abgeblitzt war und sich deswegen Rache geschworen hatte, befand sich ante portas, und war willens, sich die damals artige frühere BGB und dann Volkspartei anzueignen und sie zu einem Sammelbecken vor allem für Protestwähler zu machen. In dieser Zeit begegnete ich an einem Parteianlass auch der jungen Eveline Schlumpf, der nachmaligen Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf. Einige hätten gerne gesehen, wenn wir uns auch in Vereinen oder gar in der Politik engagiert hätten und ich mich bereit gezeigt hätte, ein politisches Amt zu übernehmen. Doch wir zogen es vor, abends und über das Wochenende unser Zuhause und die Freizeit zu geniessen, während der kurzen, warmen Jahreszeit auf dem grossen Balkon oder auf Wanderungen, im Winter auf der Langlaufloipe ins Garfiuntal. Auf den Abfahrtsskiern standen wir äusserst selten. Das frühe Anstehen an den Bergbahn-Talstationen an Wochenende war unsere Sache nicht.

Im Winter 1976 erblickt Sohn Daniel im Spital Davos das Licht der Welt  – ein wunderschönes Ereignis. Allerdings hatte ich noch kein Haus gebaut, keinen Baum gepflanzt und auch noch kein Buch geschrieben. Zu viert zu sein, bedeutete eine neue und grosse Herausforderung. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir aus innerer Überzeugung auf ein eigenes Auto verzichtet,  doch plötzlich fand ich mich als Fahrschüler wieder,  ausgerechnet auf der kurvenreiche Strecke vom Klosterser Rathaus nach Saas undganz nahe am Blutschwitzen. Herr Jost hatte alles daran gesetzt, aus mir schliesslich noch einen ganz akzeptablen Autofahrer zu machen.

Bei jedem unserer Besuche in der Nordwestecke deer Schweiz wurde uns bewusst, wie viele Takte wir verpassten  – höchste Zeit für uns ist, den Anschluss wieder herzustellen. Die Tatsache, dass mein Projekt einer Umstellung der Klosterser Gemeindeverwaltung auf EDV an der Urne Schiffbruch erlitten hatte, erleichterte den Entscheid, nach Basel zurückzukehren, nachdem ich vom Regierungsrat des Kantons Basel-Stadt zum Vorsteher der Administrativen Dienste des Polizei- und Militärdepartments (PMD) gewählt worden war. Wehmut und Vorfreude ergaben eine seltsame Stimmung, berauschend und anstrengend zugleich, eine Gemütsverfassung, welche die kleine Bettina weder verstehen und noch teilen konnte. Was sie wohl wahrgenommen hatte, war die Anspannung der Gemüter ihrer Eltern, die im Chaos eines langsam in Kisten verschwendenden Lebens den Überblick zu bewahren versuchen. Als «Mann aus den Bergen» und damit in Basel in (fast) jeder Beziehung unbeschriebenes Blatt durfte ich von Anfang an auf das Wohlwollen und die volle Unterstützung meines direkten Vorgesetzten, Regierungsrat Karl Schnyder, zählen. Noch vor meinem Amtsantritt hatte er im Rahmen einer Abteilungsleiterkonferenz mit anschliessender Ausfahrt auf einem historischen Feuerwehr-Mannschaftswagen für einen guten Amtseinstieg  gesorgt.

 

 

(5) Hoch auf dem Feuerwehr-Mannschaftswagen, vorne v.l.n.r. Regierungsrat Karl Schnyder und Polizeikommandant Fritz Meyer, 3. Reihe a. l. P.H.

Hoch auf dem Feuerwehr-Mannschaftswagen, vorne v.l.n.r. Regierungsrat Karl Schnyder und Polizeikommandant Fritz Meyer, 3. Reihe a. l. P.H.

Anfangs Juli 1977 bezog ich mein Büro im Spiegelhof und machte mich mit jugendlichem Elan an die Arbeit. Apropos Büro: Ein Kollege, seines Zeichens Solothurner Kantonsrat, hatte bei seinem Besuch im Spiegelhof bemerkt, in seinem Kanton wären derartige Büros nur Regierungsräten vorbehalten. Erst mit der Zeit wurde mir so richtig bewusst, welch vielfältigen und komplexe Problemkreise und Aufgaben in diesem mit seinen rund 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern grössten «Gemischtwarenladen» des Kantons meiner harrten. Schwerpunkte bildeten die Bereiche Lohnhofgefängnis, Gastwirtschaftswesen und Basler Herbstmesse, die mit Gründungsjahr 1471 älteste und mit ihren Hunderten von Bahnen, Verpflegungs- und Verkaufsständen grösste jährliche Vergnügungsveranstaltung, nicht nur der Basler Innenstadt sondern auch schweizweit.



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(7) Auszug aus pibs (Personal-Info Basel-Stadt, Feb. 1981, Nr. 31

Auszug aus pibs (Personal-Info Basel-Stadt, Feb. 1981, Nr. 31

In der Folge galt, manche personellen und organisatorischen Änderungen in Richtung interner Strukturbereinigung vorzunehmen, Probleme mit grauen Eminenzen zu lösen, von denen sich einige erst zurückziehen mussten, bevor sich etwas Neues durchsetzen konnte. Im Gegensatz zu meinem Amtsvorgänger war ich nämlich der festen Überzeugung, dass auch in einem Untersuchungsgefängnis die Zeiten von Einzelhaft der Vergangenheit angehören würden. Aus diesem Grund setzte ich mich in der interdepartementalen Kommission vehement für die Einführung des Gruppenvollzugs ein, wie dieser bereits in Holland praktiziert wurde. In diesen Bereich sind die Zellentüren tagsüber geöffnet. Es gibt einen Aufenthaltsraum und eine Waschküche. U-Häftlinge können nach einer ersten Haftphase wechseln und sich dort frei bewegen. Zum grossen Glück gehörte Wilfreid Steib als Architekton  dieser Kommission an. Er verstand es bestens, diese Vorstellungen umzusetzen. Allerdings  brauchte es dann doch noch einiges an interner und externer Überzeugungsarbeit, auch die Vertreter der Staatsanwaltschaft mit ins Boot zu holen, um  das grosse Projekt eines Neubaus für Staatsanwaltschaft und Untersuchungsgefängnis an der Heuwaage einen wichtigen Schritt weiter zu bringen.

 

(8) Vorstellung PMD, Sept. 1980

Vorstellung PMD, Sept. 1980

Auch in der Stadt Basel kam es Ende der siebziger- und anfangs der achtziger Jahre zwischen linken Kreisen, die sich gegen den Strafvollzug auflehnten, und der Polizei zu massiven Auseinandersetzungen, die sich des Öfteren für den als «Ausbrecherkönig» bekannten Walter Stürm www.google.ch/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=1&cad=rja&uact=8&ved=0ahUKEwj4k8uZyPfVAhVDnRQKHT-iCQ8QFggoMAA&url=https%3A%2F%2Fde.wikipedia.org%2Fwiki%2FWalter_St%25C3%25BCrm&usg=AFQjCNFe8iyPRfhUkceHHUbKGwildBsW6w">Walter Stürm – Wikipedia/ bzw. gegen die ihrer Ansicht nach zu harte Einsatzdoktrin von Polizeidirektor Schnyder gegenüber Demonstranten und Hausbesetzern richtete. Das Polizeidepartement antwortete u.a. mit einer Informations-veranstaltung im «Volkshaus»-Saal. In diesem Rahmen hatte auch ich als für diesen Bereich zuständiger Abteilungsleiter ein Referat zu halten. Im Publikum sassen auch militante Radaubrüder. Der Anlass war durch Polizisten gesichert, weswegen ich im Vorfeld auch keinerlei Bedenken hatte. Aber im Verlaufe des Anlasses, insbesondere bei meinem Referat, war mir ziemlich mulmig zu Mute und ich fühlte ich mich damals stärker bedroht als bei meinen regelmässigen Visiten bei  Gefängnisinsassinnen und -insassen im Lohnhofgefängnis.

Rückblickend zählen die fünfeinhalb Jahre im PMD zu meinen interessantesten und besten Berufsjahren. Im PMD war ich als «Zivilist» mit einer einmalig heterogenen Abteilung gut eingebunden und genoss das volle Vertrauen und die Unterstützung von Regierungsrat Schnyder sowie meiner Kollegen und der Mitarbeiterschaft. Dadurch konnte ich in der relativ kurzen Zeit nicht nur abteilungsintern, sondern auch und darüber hinaus einiges bewegen, etwa mit Vorarbeiten für eine neue gesetzliche Grundlage für den Bereich Gastwirtschaftswesen.

1982 waren gewisse Unstimmigkeiten mit Kommissionen bezüglich Personaldotation entstanden. Umstritten war, ob eine in meiner Abteilung neu geschaffene Stelle mit einem kaufmännisch-administrativen Mitarbeiter oder mit einem Juristen zu besetzen sei. Ich hatte letzteres gefordert, weil gemäss Pflichtenheft die juristischen Aufgaben dominierten. Ausserdem war ich von den Qualitäten meines juristischen Praktikanten überzeugt und wollte ihn deshalb dem PMD erhalten. Zehn Jahre später sollte  dieser tatsächlich mein Nach-Nachfolger werden.  In dieser Auseinandersetzung hatte ich mit  Seitenblick auf die Option,  Verwalter der Gemeinde Münchenstein  zu werden, eine Alles-oder Nichts-Strategie verfolgt. Aus diesem Grund erschien mir der Bericht Nr. 15/13 der regierungsrätlichen Stellenbegutachtungskommission vom 19.04.82 nicht nur als sachlich unbefriedigend, sondern ich empfand ihn geradezu als persönliche Niederlage. Unter diesem Eindruck sehnte ich mich wieder nach einfacheren, überschaubaren Verhältnissen mit kürzeren Entscheidungswegen, wie sie in kleineren Verwaltungen üblich sind. Auch hoffte ich, mein früheres Beziehungsnetz würde mir beim Aufbau einer modernen, bürgernahen Verwaltung in Münchenstein hilfreich sein. Hinzu kam, dass wir 1981 unsere Wohnung an Weiherhofstrasse 34 aufgegeben hatten und in das Elternhaus meiner Frau in Münchenstein gezogen waren. Für eine Wohnsitzverlegung in einen anderen Kanton bedurfte es damals einer Ausnahmebewilligung, weshalb mir die  Zusammenführung von Arbeits- und Wohnort erstrebenswert erschien. So war ich denn zuversichtlich, in Münchenstein in meiner neuen Tätigkeit meine Vorstellungen ganz oder zumindest teilweise verwirklichen zu können. Die Kunde von meinem doch eher überraschenden Wechsel war selbst ins fernen Prättigau gedrungen, von wo mir Georg Brosi seine Glückwünsche zukommen liess, begleitet von der lapidaren Bemerkung: "Die Gemeinde hat dich wieder". 

 

 

 

 



 

 

 

Auslandaufenthalte
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12.4.  Arbeiten – Auslandaufenthalte.

London retour

AUSBRUCH AUS DER KÄSEGLOCKE. Seit dem 23. März 1962 lautet meine offizielle Berufsbezeichnung «Kanzlist» bzw. kaufmännischer Angestellter. Doch wie weiter damit?

Zu jener Zeit gibt es im Wesentlichen nur das Buchhalter- oder das Korrespondentendiplom. Ersteres kommt für mich nicht in Frage: Zahlen sind nicht gerade meine Stärke, und  das Buchhaltungswesen ist mir im Grunde zuwider, weil aus damaliger Sicht nicht eben kreativ. So bleibt mir  im Grunde nur der Bereich Korrespondenz. In den Fremdsprachen Französisch und Englisch will ich mich weiterbilden, Sprachschulen besuchen, zunächst in London. Vater ist glücklicherweise  einverstanden und  sorgt auch für die Überweisung des Schulgeldes  an die «Swiss Mercantile Society, Ltd.» sowie für Unterkunft und Verpflegung in einer irisch-stämmigen und damit katholischen Gastfamilie. Das Ganze macht beim damaligen Kurs immerhin rund 3'500 Franken aus – ein Betrag, den Vater nicht aus dem Portokässeli begleichen kann. So packe ich mit tatkräftiger Beihilfe von Klara im Sommer 1962 meinen Koffer. Ausgerechnet meine gelähmte Patin hat auch in Sachen Reise- und Ferienvorbereitung einschlägige Erfahrungen und gibt mir die besten Tipps! Treffpunkt ist der SNCF-Bahnhof in Basel.

LONDON. Zum ersten Mal verbringe ich eine ganze Nacht im (meist) fahrenden Zug. Die City of London empfinde ich überwältigend, die nähere Umgebung, den an der Themse gelegenen Stadtteil Putney, ein paar U-Bahnstationen vor Wimbledon, eher gemütlich. Schon ein zwei Tage nachdem ich bei der Familie Rogers mein Zimmer in einem jener typischen Vorstadt-Reihenhäuschen bezogen habe, zieht es mich ins nächstgelegene Pub. Dabei kommen mir meine Kenntnisse aus der Heimat sehr zu Nutzen. Zunächst jene sprachlicher Art – knapp ausreichend, um mich vom ein paar netten Gästen über die richtige Biersorte beraten zu lassen. Dann die klettertechnischen Kenntnisse – selbst noch nach reichlichem Biergenuss! Nach meiner Rückkehr muss ich mit Schrecken feststellen, dass es mit dem Schlüsselversteck nicht geklappt hat. Um niemanden zu stören, verschaffe ich mir durch einen etwas geöffnetes Kippfenster Zutritt zum Haus. Als ich meiner Landlady am folgenden Morgen beim Breakfast die Story  auftische, zeigt sie sich  überhaupt  "not amused“. Kann doch nicht sein, was nicht sein darf!

 Normalerweise bin ich tagsüber in der Schule, beschäftige mit Comprehension, Dictation und – was mich besonders fasziniert – mit Englischer Literatur bei Professor ... (Wie schade, dass mir der Name dieser überragenden Figur nicht mehr einfallen will.) Unvergesslich bleibt mir folgende Episode: Während er uns mit grösstem Enthusiasmus in schönstem Oxford-Englisch  Schriftsteller wie Sir Walter Scott oder Lord Byron näher zu bringen versuchte, dröhnte ein tief fliegendes Flugzeug über dem Fitzroy-Square hinweg, worauf unser guter Professor den Faden total verliert und  völlig aus dem Zusammenhang gerissen nur noch das Wort 'plane'  wiederholen kann. Wie wir später erfuhren, hatte er früher an der Universität von Budapest gelehrt und konnte 1956 nach dem Einmarsch der Russen  das Land nur dank Schweizer Hilfe völlig traumatisiert verlassen. Seine Tätigkeit an der Swiss Mercantile soll er aus Dankbarkeit  gegenüber der Schweiz und den Schweizern verstanden haben. Ob auch Adolf Ogi von ihm beeindruckt war? Jedenfalls hat der spätere Bundesrat nach  der École supérieure de commerce in La Neuville ebenfalls die »Swiss Mercantile School« besucht, bevor er in einer Textilfirma in Liverpool ein Praktikum absolvierte. Schade, dass sich auch der Herrn Alt-Bundesrat  nicht mehr an seinen Namen erinnert.

Die Abende verbringe ich meistens zu Hause bei den Rogers, wo ich morgens und abends auch verpflegt werde, very english indeed, sonntags  meist Lamm an Pfefferminzsauce oder Rindsbraten mit Yorkshire Pudding. Stoisch esse ich alles, denn was mich nicht umbringt, macht mich stark. Einzig der mit öligem Fisch auf nüchteren Magen habe ich meine liebe Mühe.





(1) London, Swiss Mercantile, Abschlussklassenfoto 1962
London, Swiss Mercantile, Abschlussklassenfoto 1962

 

SHARP ODER HOT? In Erinnerung bleibt mir ein Mittagessen an einem Sonntag in einem kleinen Anglo-Indian-Restaurant in Putney-Bridge. Mir war nach Curry zumute, und so orderte ich ein Calcutta Chicken. Seit meinen Besuchen im St. Galler «Isebähnli», wo wir mit Vorliebe scharfe ungarische Gulaschsuppe gelöffelt und dazu eine Stange kühles Schützengarten-Bier geschlürft und ein dunkles Bürli verspeist hatten, glaubte ich, «an Scharfes» einigermassen gewohnt zu sein. Und ausserdem war ich jetzt ein Mann, will heissen über alles Tabasco schütten, und man muss es schütten nennen, kippen, leeren. «Da schreiben die ‚scharf‘ und dann so was! Mir konnte nichts scharf genug sein. Dies versuchte ich dem netten Pakistani-Waiter auch unmissverständlich zu verstehen zu geben: So richtig «sharp» sollte mein Curry sein.  Der Pakistani lächelt verständnisvoll. Nach einiger Zeit  erhalte ich das Bestellte und  beginne zu essen. Doch schon nach dem ersten Bissen stelle ich fest: "Das ist scharf. Tammischarf. Tammi."  Der Kellner scheint mich   ständig zu beobachten, sieht wie ich mit dem Hühnchen ringe. Vergeblich versuche ich, die Schärfe mit Bier hinunterzuspülen. «Hot enough, Sir?» Mein Kopf musste glühen, doch ich kämpfe weiter, aber nach einer Weile sitze ich nur noch da, mit Tränen in den Augen und inzwischen hochrotem Kopf. Der Kellner: «Noch ein Bier?» "Yes pleease".
Der Mann mit dem Turban hebt die Schultern und bemerkt im besten Pidgin-Englisch: «Hot. It burns when it gets in, it burns when it gets out.» Mein Gott, wie recht er hatte! Denn unter Schmerzen musste das Calcutta-Chicken später wieder raus. Eines glaube ich seither zu kennen, nämlich die korrekte Übersetzung des Adjektivs 'scharf'.

Mrs. Rogers war eine englische Hausfrau durch und durch. Bei der Farbe ‚erbsengrün‘ denke ich noch immer noch an sie. Und an ihre Tomatenspaghetti – nicht wirklich italienisch – mit denen sie mir eine Freude bereiten wollte. Doch konnte ich es einfach nicht fassen,  die Spaghetti-Resten  am nächsten Morgen gehackt auf meinem Toast wiederzufinden – Restenverwertung der besonderen englischen Art eben!

Wenn man dem Sprichwort «Was sich liebt, neckt sich» glauben will, schienen mich die beiden um ein paar Jährchen jüngeren Rogers-Töchter Hillary und Jane zu mögen. Doch bin ich nebst Vater Norman nicht das einzige männliche Wesen im Haus. Ein Siamese mit unaussprechlichen Namen «Yuus» oder so ähnlich, Spross einer einflussreichen Autoimporteursfamilie aus Bangkok und etwas älter als ich, wohnt gleich im Zimmer nebenan. Wir verstehen uns auch sprachlich nicht besonders gut, gehen eher getrennte Wege.

In London, wohl beim «Swiss Club» oder wie die kirchlich geprägte Organisation damals hiess, lerne ich eine Menge junger Schweizerinnen und Schweizer kennen, auch Heidi aus Riehen. Doch zu dieser Zeit schlägt mein Herz allein für Susy.  Ostschweizerin auch sie,  Fürstenländerin gar, allerdings aus Wil, und  Au-pair in einer Familie in einem Villenvorort ausserhalb der City. Nach Kräften versuche ich, Susy‘s Sympathie zu erringen. Try and Try! Und zwar mit absonderlichen Dingen, wie dem Besuch eines klassischen Konzerts in der Royal Festival Hall. Dafür stelle ich mich sogar in die lange Schlange vor der Konzertkasse. Auf dem Programm steht zum Schluss Tschaikowskys Ouvertüre 1812. Ich bin völlig überwältigt ob all der Eindrücke baulicher, musikalischer und anderer Art. In der Folge beginne ich mich für klassische Musik zu interessieren. In meinem Zimmer gibt es ein Radio, und ich höre auf BBC hin und wieder Übertragungen von klassischen Konzerten. Da kann es schon mal passieren, dass ich mit feuchten Augen auf meinem Bett liege. Kaum vor Heimweh! Nicht dass ich allen den Verlockungen der Grossstadt widerstanden und jede freie Minute Musik hörend in meinem Zimmer zugebracht hätte! Im nahen Kino lerne ich Filme von Ingmar Bergmann kennen. Und «Viridiana» von Luis Buñuel sehe ich mir gleich mehrmals an. Als am 9. Mai 1962 im Empire Stadium Wembley die Schweiz gegen England spielt, besuche ich sogar einen Fussballmatch - den  bisher einzigen  in meinem Leben! Und am Schweizerischen Nationalfeiertag singe ich in einem Chor unter der Leitung von Mr. Boswell, einem sehr sensiblen Lehrer, zusammen mit Mitstudenten bei einem Empfang in der Schweizer Botschaft ein englisches Volkslied. Stimmlage Tenor, ganz wie mein Vater, aber nicht das «Ännnchen von Tharau», sondern «Men of Harlec»

Men of Harlec! In the Hollow,
Do ye hear like rushing billow
Wave on wave that surging follow
Battle's distant sound?

Nicht nur die Reize des gleichaltrigen Schweizer Au-pair-Mädchens, auch Pferdewetten ziehen mich in Bann, und zwar in einem Ausmass, das ich niemals für möglich gehalten hätte. Plötzlich interessiert mich der Sportteil der Zeitungen – jene Seiten also, über die ich in meinem späteren Leben regelmässig hinweg blättern werde. Während der Pausen frequentiere ich zusammen mit ein paar Klassenkameraden  regelmässig das gleich neben der Schule gelegene «Betting Office» und verfolge dort die direkt übertragenen Pferderennen. Anfänglich nur zögerlich setze auch ich harte Pfund auf einen Favoriten − und verliere prompt. Später versuche ich es mit kleineren Einsätzen und mit Aussenseitern. Nach einem Gewinn im «Grand National» wird Mr. Halfenbauer, wie ich hier genannt werde, euphorisch, möchte am liebsten, gar nicht mehr in die Schweiz zurück, in London bleiben und als Spieler das schnelle Geld machen. Nur (Gedanken-)Spielereien?

ERSTMALS SO RICHTIG ERWACHSEN. Sommer 1962. Zusammen mit drei Schulkollegen machen wir uns während der Schulferien in einem gemieteten «Austin» auf nach Schottland. Ich bin Benjamin der Gruppe, habe als einziger keinen Führerausweis. Dany, gut aussehender Berner Patriziersohn,  unbestrittener Leader des Quartetts, fährt nicht nur sehr gut Auto, sondern begeistert abends mit seinem exzellenten Klavierspiel in Hotel-Lounges nicht nur weibliche Gäste. «Smoke Gets In Your Eyes». Einzige kritische Situation in der Nähe Balmoral Castle, nachdem André erstmals das Steuer übernommen hat: Wegen des für ihn  ungewohnten Linksverkehrs 'küssen' wir schon nach kurzer Zeit die Steinmauer einer Brücken, ausgerechnet in der Nähe von Balmoral Castle. «We were not amused», verloren wir deswegen doch das beim Autoverleiher hinterlegte Depot.

Habt ihr ein Haustier?
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13.  Lebensfreude

Habt ihr ein Haustier?

„Am Anfang war das Wort“, besagt die Schöpfungsgeschichte von Matthäus, und die Paläobiologen bestätigen, dass der Homo sapiens nach geraumer Zeit erkannte, dass sich die flüchtigen Laute, zu Worten gefasst, auch bildlich mit gegenständlichen oder abstrakten Zeichen festhalten liessen. Also:

Am 17. Juni 1946 erfolgte die Geburt meines Bruders Gallus Othmar. 

Auch bei dieser Namensgebung  dürfte Onkel Johann ein gewichtiges Wort mitgesprochen haben. Gallus und Pius,  zwei lateinische Namen, aber auch zwei Programme.
  • Gallus, der Hahn, erster Heiliger der Schweiz, der vor 1400 Jahren den Grundstein für die Stadt St. Gallen gelegt haben soll.

  • Pius, der Gottesfürchtige; du ruhst in Dir, bist immer friedlich,  schlichtest jeden Streit noch gütlich. So schaffst du, was sonst keiner schafft – in Deiner Ruhe liegt die Kraft!
Was  meinen Vornamen anbetrifft, war ich zu lange zu sehr auf Pius X. und Pius XII. fokussiert. Nach meiner Immatrikulation an der Juristischen Fakultät der  Universität Basel bin ich auf Pius II. aufmerksam geworden, Papst von 1458 bis 1464, bedeutender Humanist, Schriftsteller, Historiker, lateinischer Poet und Gelehrter, Verehrer Boccaccios und begeistert von den Klassikern. Von ihm hatte im November 1459  der Rat der Stadt Basel  eine Stiftungsurkunde für die neue Universität erhalten. Dessen Namen trage ich inzwischen mit  einigem Stolz, vor allem seit ich weiss, dass er auch am Konzil von Basel als Enea Silvio Piccolomini massgeblich mitgewirkt und sich später sehr mit der Niederschrift seiner Autobiographie beschäftigt hat, den „Commentarii“, der einzigen Papst-Autobiographie überhaupt.
 
WARUM TUE ICH MIR DAS AN ODER DIE SUCHE NACH DEM AUTOBIOGRAPHIE-TRIEB?
 
Dies dürfte sich damals wohl auch mein sehr bewunderter Namensvetter Pius II.  ab und zu gefragt haben. Doch heutzutage schreiben alle ihre Biografie, Schauspieler, Talkmaster,  so gut wie Politiker, eigenhändig oder mit einem Autoren oder Ghostwriter. Ich tue alles sicherlich nicht, um mich hier einzureihen. Aber weshalb denn wirklich?

„Am Anfang war das Wort“, besagt die Schöpfungsgeschichte von Matthäus, und die Paläobiologen bestätigen, dass der Homo sapiens nach geraumer Zeit erkannte, dass sich die flüchtigen Laute, zu Worten gefasst, auch bildlich mit gegenständlichen oder abstrakten Zeichen festhalten liessen. Also:

  • So ganz schädlich kann Schreiben  nicht sein.
    Während der letzten Phase meiner beruflichen Tätigkeit hat mich das Niederschreiben von Alltagserfahrungen vor vielleicht Schlimmerem bewahrt.
  • Vielleicht macht Schreiben glücklich? (Louis Begley)
  • Aber muss es denn  ausgerechnet die eigene Vergangenheit sein?
    Familiengeschichte, Herkunftsgeschichte, das ist ein steter Kreislauf. (Agnès Jaou, Schauspielerin, Regisseurin und Autorin)
 
     Doch die Sache hat diesen oder jenen Haken.
  • Wir sollen  dazu neigen, unsere Jugendzeit zu verklären. (Ich bin gewarnt.)

  • Auch das Niederschreiben ist Ausdruck von Haben, nicht von Sein. (Erich Fromm:   Haben oder Sein). Späte Erkenntnis. Better late than never!
Eine Feststellung, ein Wunsch, aber auch Fragen
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14.  Eine Feststellung, ein Wunsch, aber auch Fragen

Über dem Berg? - Jo weleweg!

 

 

Die Nordwestschweiz hat noch höhere Berge als das Fürstenland, beispielsweise den Helfenberg im Kanton Basel-Landschaft. Mit seinen 1124 m. überragt er damit den Tannenberg um rund 250 m.


Max Schneider (1916-2010) Gde. Waldenburg, Chellenchöpfli 1157 Blick gg.S.

 

Die Feststellung

Ich hatte mir immer recht hohe Ziele gesetzt, auch in meinem späteren Leben. Erst  die auf dem zweiten Bildungsweg erworbene Maturität, dann das Studium der Rechtswissenschaft mit anschliessendem Anwaltsexamen. Und dann schon früh das Projekt einer möglichst umfassenden juristischen Dokumentation - damals noch in Karteiform. Und kaum hatte ich diese vernichtet, begann ich mit dem Aufbau einer ebenso umfassenden Rezeptsammlung. Sisyphos lässt grüssen! Und schliesslich dieser Versuch, meine Jugendzeit in der Ostschweiz auferstehen zu lassen.

 Der Wunsch

Verrückt, wie schnell Dinge vergehen und vergessen gehen. Wie wertvoll wären für mich heute Aufzeichnungen meines Vater oder meines Grossvaters! Um etwas gegen das Vergessen zu tun - natürlich auch gegen das Vergessen werden, denn wer würde nicht nach ein bisschen Unsterblichkeit streben. Ich habe es für meine  Enkelinnen getan, in der Hoffnung, sie werden hier ein paar Antworten finden auf die Frage, wie das alles damals im Fürstenland so war, bevor ich mich von dort auf den Weg gemacht hatte, über Berge, die sich im Nachhinein nicht alle als flache Hügel erweisen sollten!

 WAS NOCH NACHZUTRAGEN WÄRE ODER DA WAR JA NOCH DIESER WUNSCH

 Mit 46, die Dreistigkeit der Jugend bereits hinter mir, doch noch immer begeisterungsfähig, die während meiner Lehrzeit aufgekeimte Hoffnung zwar etwas getrübt, aber noch nicht gestorben. Der von der CVP portierte Kandidat für das Bezirksgerichtspräsidium ist nicht unumstritten, jedoch bestens vernetzt. Richterwahlen waren und sind  Teil von Parteien-‚Päckli‘, sogenannt stillen Wahlen, d.h. sie finden ohne Volksabstimmung statt. Danach kann nur Richter werden, wer ein Parteibuch im Sack hat. Tatsächlich gewählt wird dann aber nicht der fähigste und geeignetste der Kandidaten, sondern einer, der das richtige Parteibuch hat und bereit ist, seiner Partei einen jährlichen Obolus für das Amt zu entrichten. Dass eine solche Bestellung des höchsten Gerichts eines Rechtsstaats nicht ganz würdig ist, liegt auf der Hand, und Alternativen wären denkbar. (Markus Felber, ehem. Bundesgerichtskorrespondent, (NZZ am Sonntag, 21.02.16)

 Ein Komitee aus «Grünen» und «Landesring der Unabhängigen»  ist 1989 bereit, dagegen anzutreten und stellt mich, den parteilosen Münchensteiner Gemeindeverwalter, als Gegenkandidaten auf.  Pikant, dass ein baselstädtischer FDP-Alt-Regierungsrat in meinem Unterstützungskomitee sitzt. Als Parteiloser gegen ein Machtkartell anzutreten - ein  äusserst schwieriges Unterfangen, das  bei den übrigen Parteien starke Reaktio­nen auslöst.



(3) Wahlprospekt Bezirksgerichtspräsidentenwahl 4.6.1989

Wahlprospekt Bezirksgerichtspräsidentenwahl 4.6.1989

 

 

(4) Zeitungsberichte

Zeitungsberichte

 

 

Aus naheliegenden Gründen  hatte  ich meine vorgesetzte Behörde, den Gemeinderat, nicht vorher über meine Absicht orientiert. Doch ich spüre, wie mich  der Wahlkampf mit  all den Zeitungsartikeln, Podien und Aktionen beflügelt. Trotz vollem Einsatz reicht es am 3./4.06.1989 eben nur zu einem Achtungserfolg, mein Kontrahent gewinnt das Duell mit etwa 60 % der Stimmen.«Wichtig ist, alles versucht zu haben oder ich habe keine Chance, aber ich will sie voll nutzen.»


 

 

 

 

 

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