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Von Hans Ruedi Gadient
Biographie von Hans Ruedi Gadient, 1933
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Zurzeit sind 237 Biographien in Arbeit und davon 115 Biographien veröffentlicht.
Vollendete Autobiographien: 57
 
Hans Ruedi Gadient
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Letzte Aktivität
10.4.
Beruf 2: GROWELA Gruppe, 1962 - 1977 / 22.11.2017 um 13.49 Uhr
10.5.
Beruf 2: GROWELA Gruppe, 1962 - 1977 / 22.11.2017 um 14.29 Uhr
14.8.
Militärische Karriere / 24.11.2017 um 12.09 Uhr
8.37.
Unsere Familie Gadient -Karpf / 20.07.2018 um 9.54 Uhr
8.36.
Unsere Familie Gadient -Karpf / 20.07.2018 um 10.50 Uhr
16.
Notizrn zu Fischlis Krankheit - Sterben - Tod / 07.11.2018 um 15.45 Uhr
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1.
Gadient Vorfahren
1.1.
Vorfahren väterlicherseits von Hans Ruedi Gadient
1.1.
Vorfahren väterlicherseits von Hans Ruedi Gadient
1.1.
Vorfahren väterlicherseits von Hans Ruedi Gadient
1.1.
Vorfahren väterlicherseits von Hans Ruedi Gadient
1.1.
Vorfahren väterlicherseits von Hans Ruedi Gadient
1.1.
Vorfahren väterlicherseits von Hans Ruedi Gadient
1.1.
Vorfahren väterlicherseits von Hans Ruedi Gadient
1.2.
Vorfahren mütterlicherseits von Hans Ruedi Gadient
1.2.
Vorfahren mütterlicherseits von Hans Ruedi Gadient
1.2.
Vorfahren mütterlicherseits von Hans Ruedi Gadient
1.2.
Vorfahren mütterlicherseits von Hans Ruedi Gadient
2.
Karpf Vorfahren
2.1.
Vorfahren väterlicherseits von Frieda Gadient-Karpf
2.1.
Vorfahren väterlicherseits von Frieda Gadient-Karpf
2.1.
Vorfahren väterlicherseits von Frieda Gadient-Karpf
2.1.
Vorfahren väterlicherseits von Frieda Gadient-Karpf
2.2.
Vorfahren mütterlicherseits von Frieda Gadient-Karpf
2.2.
Vorfahren mütterlicherseits von Frieda Gadient-Karpf
2.2.
Vorfahren mütterlicherseits von Frieda Gadient-Karpf
2.2.
Vorfahren mütterlicherseits von Frieda Gadient-Karpf
3.
Elternhaus von Gadient Hans Ruedi
3.1.
Meine Mutter Selina Gadient-Kunz
3.1.
Was sind deine Erinnerungen an diesen Grossvater?
3.1.
Was weisst du noch über das Leben und die Lebensumstände deines Grossvaters? Wie war das z.B. im Krieg/in den Kriegen?
3.1.
Was habt ihr zusammen unternommen?
3.1.
Was für Selbstzeugnisse oder Objekte über deinen Grossvater existieren noch? Was bedeuten sie dir?
3.1.
Was war seine berufliche Tätigkeit?)
3.1.
Erinnerst du dich an seinen Tod?
3.1.
Wie hat er im Alter gelebt?
3.1.
Erinnerst du dich an Personen, die im Leben deines Grossvaters eine wichtige Rolle, positiv oder negativ, gespielt haben?
3.2.
Mein Vater Johann Rudolf Gadient-Kunz
3.2.
Was sind deine Erinnerungen an diese Grossmutter?
3.2.
Was weisst du noch über das Leben und die Lebensumstände deiner Grossmutter? Wie war das z.B. im Krieg/in den Kriegen?
3.2.
Was habt ihr zusammen unternommen?
3.2.
Was für Selbstzeugnisse oder Objekte über deine Grossmutter existieren noch? Was bedeuten sie dir?
3.2.
Was war ihre berufliche Tätigkeit?
3.2.
Erinnerst du dich an ihren Tod?
3.2.
Wie hat sie im Alter gelebt?
3.2.
Erinnerst du dich an Personen, die im Leben deiner Grossmutter eine wichtige Rolle, positiv oder negativ, gespielt haben?
3.3.
Mein Bruder Rudolf Gadient
3.3.
Was sind deine Erinnerungen an diesen Grossvater?
3.3.
Was weisst du noch über das Leben und die Lebensumstände deines Grossvaters? Wie war das z.B. im Krieg/in den Kriegen?
3.3.
Was habt ihr zusammen unternommen?
3.3.
Was für Selbstzeugnisse oder Objekte über deinen Grossvater existieren noch? Was bedeuten sie dir?
3.3.
Was war seine berufliche Tätigkeit gewesen?
3.3.
Erinnerst du dich an seinen Tod?
3.3.
Wie hat er im Alter gelebt?
3.3.
Erinnerst du dich an Personen, die im Leben deines Grossvaters eine wichtige Rolle, positiv oder negativ, gespielt haben?
3.4.
Meine älteste Schwester Selin Klein-Gadient
3.5.
Meine zweitälteste Schwester Dorli Rupp-Gadient
3.6.
Meine zweitjüngste Schwester Lisbeth Blöchliger-Gadient
3.7.
Meine jüngste Schwester Béatrice Stadlin-Gadient
3.8.
Hans Ruedi Gadient-Karpf
4.
Elternhaus von Karpf Frieda
4.1.
Meine Schwiegermutter Frieda Spaltenstein
4.2.
Mein Schwiegervater Fritz Karpf
4.3.
Mein Schwager Albert Karpf-Sturm
4.4.
Meine Frau Frieda "Fischli" Gadient-Karpf
5.
Jugendjahre Hans Ruedi bis ETH Abschluss
5.1.
Kindheit 1933-1939
5.2.
Primarschulzeit 1940-1946
5.3.
Kriegsjahre 1939-1945
5.4.
Sekundarschulzeit 1946-1949
5.5.
Kantonsschulzeit 1949-1953
5.6.
Werkstatt-Praktikum, ETH Studium 1953-1958
6.
Tagebuch einer Englandreise Sommer 1952
7.
Jugendjahre Friedeli Karpf bis Heirat
7.1.
Frühe Jugendzeit im Geissbühl Küsnacht Itschnach
7.2.
Umzug nach Zollikon, Schule, Lehre
7.3.
Paris, Biot in Südfrankreich
7.4.
SWISSAIR-Zeit, Hans Ruedi
8.
Unsere Familie Gadient -Karpf
8.1.
1960 - 1961: Sich kennen lernen, Tod von Papa Karpf
8.1.
Erinnerst du dich an deinen ersten Schultag?
8.1.
Welche Erwartungen hattest du an die Schule?
8.1.
Was weisst du noch über deinen Schulweg?
8.1.
Wie hast du lesen gelernt?
8.1.
Wie hast du schreiben gelernt?
8.1.
An welche Schulkameraden erinnerst du dich?
8.1.
Hast du noch ein Klassenfoto? Kannst du anhand dessen deine Mitschüler noch charakterisieren?
8.1.
Wie war euer Lehrer bzw. eure Lehrerin?
8.1.
Wie wurdet ihr unterrichtet?
8.1.
Erinnerst du dich an Bestrafungsmethoden in der Schule? Wie beeinflussten diese deine schulischen Leistungen?
8.1.
An welche Höhepunkte des Unterrichts erinnerst du dich?
8.1.
Welche Fächer wurden unterrichtet? Welches war dein Lieblingsfach?
8.1.
Hat dich die Schule zum Lesen angeregt? Welches waren damals deine Lieblingsbücher? Hast du die Schulbibliothek genutzt?
8.1.
Welches sind deine Erinnerungen an Schulferien, Ferienlager, Schulreisen?
8.1.
Besitzt du heute noch Unterrichtsmedien, wie Lesebücher, Schreibhefte usw. aus dieser Zeit?
8.1.
Wie waren deine Schulleistungen? Wie dein Verhältnis zu Hausaufgaben? Half dir jemand?
8.1.
Wie reagierten deine Eltern auf Zeugnisse?
8.1.
Was tatst du nach der Schule?
8.1.
Welche Freunde hattest du aus der Schulklasse oder aus dem Schulhaus?
8.1.
Warst du schon an einem Klassentreffen? Wie hat das auf dich gewirkt?
8.2.
1961 - 1962: Verlobungszeit, Diskussionen um die Religion, Wechsel von SWISSAIR zu GROWELA
8.3.
1962 - 1964: Heirat, Wohnung in Lachen, Geburt Andrea, Streit mit Gadient-Familie, Haussuche im Kt. Zürich, Erste grosse Frankreichreise
8.4.
1964 - 1966: Umzug nach Hombrechtikon, 1. Wurstzeitalter, 17 Wochen Hptm-Abverdienen, Geburt Alexa
8.5.
1966 - 1971: Kindsgi / Schule Mädchen, Erste Portugalreise, "Familienferien" in Granja, Portugal, Badhüsli, Tennis
8.6.
1971 - 1983: In Zollikon übernimmt Albert Gärtnerei, Mami Karpf heiratet nochmals, Umbau Kleindorf 14a, Überbauung in Zollikon
8.7.
Fischli wird Bibliothekarin,Umbauten in Hombi, 2. Wursteitalter, Umzug Eltern Gadient nach Ragaz, Tod der Eltern, Entlassung bei Growela, Wechsel zu BALLY
8.8.
1979 - 1988: Mädchen an Kantonsschule Wetzikon, Andrea England und Uni Zürich, Alexa New York un HSG St. Gallen
8.8.
QX Andrea Regula (*1963)
8.8.
QX Alexa Kathrin (*1966)
8.9.
Grosse Ferienreisen
8.9.
QX Erste gemeinsame USA-Reise 02.-12.Apil 1982
8.9.
QX Erste Kreuzfahrt im Mittelmeer 07.-18. April 1984
8.9.
QX Grosse Brasilienreise 02.-24. November 1985
8.10.
Familienferien 1981-1988
8.11.
1986: Unfalltod Lisbeth Blöchliger, CEO BALLY Arola AG, Sekundentod Albert Karpf, Erbschaftsvertrag Karpf
8.12.
USA Reise mit Lexi, Tod Mami Karpf, Partielle Erbteilung in Zollikon, Fischlis Bauchspeicheldrüse, Studiumabschluss Andrea und Frank, USA Reise Westküste und Rückfahrt mit QE II
8.13.
1992: Absetzung als CEO BALLY, Ferienwohnung Celerina, Ferien Bretagne mit Br, Hochzeit Andrea Frank, Implatate HR
8.14.
1993: Celerina, Neubau EFH in Zollikon, Verkauf in Hombi, CSSR-Reise, Vorstand im Kulturkreis Zollikon, Studienabschluss Lexi
8.15.
1994: Umzug nach Zollikon, Fischlis Eminenzia
8.16.
1995: Flusskreuzfahrt Moskau - Petersburg, Mitarbeit bei Robertson AG, Beginn Golf-Karriere
8.17.
1996: Marina Chepkina, 1. Enkel Jan Heinzelmann, Präsident KTV AH Zürcher Blase, 1. Mallorca Wanderwoche
8.18.
1997: Bettmeralp/Celerina, Finca Kurz Mallorca, Cinque Terrae, Hochzeit Lexi/Philipp, Bodrum, Paris
8.19.
1998: 2. Enkel Per Heinzelmann, Mallorca, Apulien, Paris, Strada Alta
8.20.
1999: Fischli Handbruch, Sizilien, 3. Enkel Fabian Bosshard, Familienferien La Madrague, KKZ Reise Piemont, 4. Enkel Finn Heinzelmann, VR Präsident ATS Wickel- und Montagetechnik Würenlos.
8.21.
2000: Hornhauttransplantation HR, Provence, KKZ Augsburg, KTV Schottland, 1. Jahr Badhüsli, Promotion Philipp, Elbfahrt
8.22.
2001: Celerina Januar und März mit Jan, 5. Enkel Nils Bosshard, Haluxop. HR, Besuch bei Kriegs in Altea Spanien
8.23.
2002: Celerina im Januar, März und August mit Jan, KTV Mallorca, Gartenreise Yorkshire, KKZ Ungarn, Neapel/Amalfi mit Br, Trennung Andrea/Frank
8.24.
2003: Celerina Januar und März mit Fabian, KKZ Portugal, Gartenreise Lake District, Reko Mecklenburg Vorpommern, Provence
8.25.
2004: Tod Pierr Zoelly, Prostata Op HR, KKZ Mecklenburg Vorpommrn, Gartenreise Devon, Inselhüpfen Ägäis mit Br, Rücktritt aus KKZ Vorstand
8.26.
2005: Celerina Januar und März mit Nils, Italienreise, Gartenreise Wales, KKZ Blauer Reiter, Tod Fritz Oechsli, Griechenland mit Br, Konversion zum Protestantismus HR, Tod Selin
8.27.
2006: Trauerfeier Selin, Celerina Januar, März mit Nils, Gartenreise Cornwall, Ausstellung in Aix: Cézanne en Provence, Kreuzfahrt L.A-Panamakanal- Karibik
8.28.
2007: Letztes Jahr Caflisch im Januar und März mit Nils, Rebbaukurs, HR Halux Op, Ostpreussen/Polen, Kochferien Provence, Familienferien Porto Heli
8.29.
2008: Celerina, Südamerika Kreuzfahrt, Jan zu Frank, KTV Mallorca, Gartenreise Cotswolds, Diskushernie HR, Andrea Spital, Hochferien Provence, Santorini
8.30.
2009: Celerina, Heizungssanierung, Verkauf Maisonettli, Gartenreise Norfolk. Kochferien Provence
8.31.
2010: Celerina, Darmop Fischli, KKZ Flandern/Brabant Engadin-Barolo-Kochferien Provence, Grosse Südsee-New Zealand-Australien Reise
8.32.
2011: Celerina, Bauchspeicheldrüsenkrebs Fischli, Annullierung aller Reisen, Tod meiner Schwester Dorli
8.33.
2012: Celerina, Neuro Stimulation After Fischli, Goldene Hochzeit, La Dombes, Letztes mal Badhüsli, Kochferien, Bootsfamilienferien auf Canal du Midi
8.34.
2013: Celerina, Florenz mit Jan, Andrea 50, Wein-Lesen mit Dinah Hinz, Burgund, Provence, Hans Ruedi 80, Abschied Fischli: Spital mit Bauchfellkrebs und Tod, Provence mit Andrea
8.35.
2014: Celerina, Bettmeralp, Hüft Op rechts, Schottland, Kreta, Provence, Hüft Op links, Femoralis Parese
8.36.
2015:Bettmeralp,Femoralis Nerven Rekonstruktion, Burgund, Meran, Narbonne Plage, Italien mit Ghia.
8.37.
2016:Bettmeralp mit Lexi, Hamburg zu Dinah Hinz, Meran, Burgund mit Br, Gartenreise Niederlausitz, Air Show Duxford, Stradivarifest Cremona, Provence mit Ghia.
8.37.
8.38.
2017: Hotel Waldhaus Sils, Bettmeralp, Kreuzfahrt Südafrika - Seychellen, Cannero mit Hohls, Meran, Burgund mit BR, Gartenreise Yorkshire, Brissago - Narbonne Plage, Lübeck - Hamburg, Provence mit Ghia.
8.39.
2018: Stradivarifest Waldhaus Sils, Bettmeralp mit Lexi, Italien mit Ghia und Schreiers, Burgund mit Br, Gartenreise Dresden, KTV Wandern Engadin
8.39.
2018: Stradivarifest Waldhaus Sils, Bettmeralp mit Lexi, Italien mit Ghia und Schreiers, Burgund mit Br, Gartenreise Dresden, KTV Wandern Engadin
9.
Beruf 1: SULZER und SWISSAIR
9.1.
SULZER AG Winterthur 03.01.1959-31.03.1960
9.2.
SWISSAIR Ing. Abteilung Kloten 01.04.1960 - 31.12.1961
10.
Womit hast du in deinem Leben deine Freizeit vorwiegend oder am liebsten verbracht?
10.1.
Planung und Realisierung eines Fabrikneubaus
10.2.
Datenverarbeitung
10.3.
Betriebsleitung
10.4.
Joint Venture in Portugal: Aufbau einer Korksohlenfabrik
10.5.
Aufbau einer eigenen Growela Portuguesa in Maya bei Porto
10.6.
Vorsitzender der Geschäftsleitung
10.7.
Das Ende bei GROWELA
11.
Beruf 3: Erlebnisse in Portugal 1968-1977
12.
Beruf 4: BALLY 1977-1993
12.1.
1977/78: Die Irrungen und Wirrungen der Periode mit Werner K. Rey
12.2.
1978-1986: Die Zeit als Stabsbereichsleiter der BALLY International AG
12.3.
Die Vorbereitungszeit als Firmenchef der BALLY Arola AG
12.4.
Die Zeit als Firmenchef der BALLY Arola AG, Okt. 86 bis Mai 92
12.5.
Der Niedergang der einst so stolzen BALLY
12.6.
Meine Rückkehr zur BALLY International AG
12.7.
Ende meiner BALLY Zeit
13.
BALLY 1991-1996, 5 Jahre mit Hans Widmer
14.
Militärische Karriere
14.1.
1949-1953 Alles begann mit Flugmodellen
14.2.
1951 Vorunterrichtskurs - Segelflugbrevet
14.3.
1954 Rekrutenschule erster Teil
14.4.
Fliegerische Vorschulungsperiode VSP
14.5.
Rekrutenschule 2. Teil
14.6.
1955 Unteroffiziersschule und Abverdienen
14.7.
1957 Offiziersschule
14.8.
1959 Abverdienen des Leutnantsgrades
14.9.
1960-1965 Wiederholungskurse als Zugführer in der Flugzeug Reparatur Kp 10
14.10.
1963 Zentralschule I-A und Abverdienen des Hauptmannsgrades
14.11.
1966 – 1970 Kompaniekommandant der Flz Rep Kp 10
14.12.
1971 – 1972 Zuget Hptm Flpl Abt 10
14.13.
1973 – 1977 Cap adjt gr aérod 4
14.14.
1977 Zentralschule II – A und Abverdienen
14.15.
1978 – 1982 Cdt Gr aérod 4
14.16.
1983 – 1989 Letzte Dienstleistungen
15.
Mein Abstecher in die Politik
16.
Notizrn zu Fischlis Krankheit - Sterben - Tod
Meinen zwei Töchtern Andrea und Alex
1
Allgemeines zum Namen GADIENT
Seite 1
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1.1.  Gadient Vorfahren – Vorfahren väterlicherseits von Hans Ruedi Gadient.

Allgemeines zum Namen GADIENT
(Quelle 1: Bericht der Gemeinde Flums SG und aus Wikipedia)
Der Name GADIENT kommt von Gaudentius, "der Fröhliche". Hiervon kommt z.B. die Form Godenzi, dann romanisch Godèng, Gudègn, in Urkunden ehemals romanischer, jetzt sprachlich germanisierter Gegenden Gudiènt und Gadiènt.
Urkundlich erwähnt wurde der Name Gadient in Graubünden zum ersten Mal 1496 in Trimmis, 1512 in Says und 1567 in Mastrils. Die Gadiènt Familien stammen aus dem Prättigau. 1521 bürgerte sich ein Zweig aus Valzeina in Chur ein.
Die tatsächlichen Gründe für die Auswanderung sind unbekannt.
Einerseits kann es der allgemeine Bevölkerungsgsdruck durch die damals sehr grossen, armen Bauernfamilien mit nur wenig Land, schlechtem Saatgut, sehr wenig Vieh und damit auch mit sehr wenig Dünger und kargen Böden sein, verbunden mit immer wieder auftretenden Hungersnöten.
Andrerseits kann der Grund aber auch in der eben beginnenden Reformation liegen. Zu den ersten Gemeinden in Graubünden, die sich während der Reformation dem neuen Glauben zuwandten, gehören Gemeinden im walserischen Siedlungsgebiet. In diesen Gegenden konnte jede Gemeinde selbständig über den Glauben entscheiden und die Mehrheit bekam dann die Kirche. Familien, die in Gemeinden mit mehrheitlich neuem Glauben wohnten und katholisch bleiben wollten, mussten auswandern. Die erste, dem neuen Glauben zugewandte Gemeinde in Graubünden war ausgerechnet das abgelegene St. Antönien. Von hier breitete sich dann der neue Glauben unter seinem Pfarrer Jakob Spreiter als lokalem Reformator aus. Hier soll die Messe schon 1524/25 abgeschafft worden sein.
Andere Familien wanderten wohl erst im 30 jährigen Krieg anlässlich der Bündner Wirren 1618 – 1639 (Kriegerische Auseinandersetzung zwischen den Koalitionen Frankreich-Venedig und Spanien-Oesterreich) aus konfessionellen Gründen ins ka-tholisch gebliebene Sarganserland aus. Es existiert auch eine Theorie, dass die Gadient von Trimmis nach Mels übersiedelten und dann in den 20er Jahren des 17. Jhdt von Mels aus Flums erreichten, wo sie am Grossberg eingebürgert wurden. Alteingebürgerte Gadient gibt es nebst Flums, Mels und Vilters noch in Chur, Mastrils, Says und Trimmis. Nach 1800 eingebürgerte gibt es nirgends. Ausgestor-ben sind sie in Fanas, Maienfeld und Zizers.

(Quelle 2: Urkunde eines Pater Spechias, undatiert; dessen Herkunft habe ich aber bis heute nirgends gefunden)
"Ende des 15. Jhdt. kamen auf einem grösseren Heerzug drei Brüder Gadient bis hierher in die Raetischen Alpentäler und liessen sich nieder, zwei in St. Antönien und einer in Trimmis. Der älteste dieser drei Brüder, unter dem Namen Lothar Ga-dient überliefert, widmete viele Jahre treu dem Waffendienst. Nachdem er sich in demselben mehrmals rühmend hervorgetan, verlieh ihm Herzog Maximilian (wahr-scheinlich ist der Sforza gemeint) nach der Schlacht von Novara ein Familienwap-pen (Siehe Wikipedia: Die Schlacht von Novara). Im Felde des Familienwappens der Gadient waren ursprünglich nur eine Tanne und ein Helm ersichtlich. Nachdem sich aber nach der Reformation einige Nachkommen der drei Brüder dem neuen Glauben anschlossen, somit eine neue Linie bildeten, erlangten die ersteren (also die Katholisch gebliebenen) die Vollmacht, zum Zeichen dessen eine zweite Tanne oben auf dem bisherigen Wappen anzubringen, so wie es heute noch ist. Die drei Brüder Gadient sind aus Schweden eingewandert. In Trimmis, Says und Mastrils wohnen zusammen ca. 40 Familien, wovon die katholische Konfession vorherr-schend ist".
Wir hatten bei uns Zuhause in St. Gallen St. Fiden ein Bild mit diesem Wappen in der Stube aufgehängt, und zwar mit zwei Tannen; ich weiss leider nicht, wo dieses Bild geblieben ist.

Einer unserer ersten, urkundlich sauber belegten Vorfahren war:
Johann Josef Gadient, geb. 1837
Seite 2
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1.1.  Gadient Vorfahren – Vorfahren väterlicherseits von Hans Ruedi Gadient.

Johann Josef Gadient, geb. 1837
Von ihm weiss man nur, dass er ca. um 1850 nach Amerika auswanderte und man von ihm dann ohne Nachricht blieb. Er wurde erst 1998 amtlich als verschollen erklärt.
Die Gemeinde Flums betreute "in amtlicher Verwahrung" bis dahin 7800.00 Fr., die er hinterlassen hatte: Nach seinem Weggang hatte er geerbt, ein erstes Mal 5000 Fr und ein zweites Mal 2800 Fr, für damals übrigens recht grosse Beträge. "Amtliche Verwahrung" heisst aber scheinbar "Aufbewahren des Betrages im Tresor" und leider nicht auf einem Bankkonto mit Zins und Zinseszinsen. So blieb es bei diesen rund 8000 Franken.
Johann Josef gadient hatte 6 Brüder und 2 Schwestern. Im Zusammenhang mit der Verschollenen-Erklärung von 1998 mussten in mühsamer Arbeit die gesetzlichen Erben ermittelt werden, wovon es damals immerhin noch über 600 lebende Personen gab.
Ich bekam mit Datum vom 10. Februar 2003 die überraschende Mitteilung, dass ich aus Johann Josefs Hinterlassenschaft eine mir zustehende Erbschaft von CHF 21.65 erhalten würde. Falls ich aber Interesse hätte, Stammbaum, Erbenverzeichnis und detaillierte Erbschaftsverteilung zu bekommen, müsste ich die Differenz zum Selbstkostenpreis von 60.00 Fr. einbezahlen, was ich dann für unsere Familie tat.
Mit diesen Dokumenten kann ich nun bezüglich meiner Vorfahren etwas aus dem Vollen schöpfen.

Einer der sechs Brüder des oben beschriebenen Johann Josef Gadient war
Mein Urgrossvater Johann Rudolf Gadient-Manhart (1818-1879)
Seite 3
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1.1.  Gadient Vorfahren – Vorfahren väterlicherseits von Hans Ruedi Gadient.

Mein Urgrossvater Johann Rudolf Gadient-Manhart (1818-1879)
Von ihm ist mir nur bekannt, dass er die folgenden 3 Brüder und 4 Schwestern hatte.
Josef Anton Gadient-Nadig (1820-1897) ohne Nachkommen
Josef Justus Gadient-Rupf (1822-1893)
Katharina Maria Schmon-Gadient (1825-1877)
Johann Rudolf Gadient- Mullis (1789-1856) ohne Nachkommen
Maria Magdalena Bless-Gadient (1826-1898)
Maria Barbara Bartholet-Gadient (1828-1898)
Anna Maria Gadient (1830-1891) unverheiratet, ohne Nachkommen

Theoretisch sind wir also weit aussen auch mit einem Teil der Familien Rupf, Schmon, Bless und Bartholet verwandt!

Mein Urgrossvater hatte mit seiner Frau 2 Töchter und 4 Söhne:

• Anna Maria Elisabetha Gadient-Gadient (1851-1875), ohne Nachkommen
• Johann Rudolf Gadient-Wildhaber (1852-1898): Mein Grossvater
• Peter Gadient (1856-1928) ledig, ohne Nachkommen
• Christina Katherina Schneider-Gadient (1858-1889)
• Jakob Justus Gadient-Schlegel (1863-1941)
• Johann Anton Gadient (1870-1876) unverheiratet, ohne Nachkommen

Theoretisch sind wir also weit aussen auch mit einem Teil der Familien Schneider und Schlegel verwandt!
Ausser von meinem Grossvater ist mir von den andern nichts bekannt. Mein Vater hat auch nie etwas über sie erzählt.

Nun zu meinem Grossvater:
Mein Grossvater Johann Rudolf Gadient-Wildhaber (1852-1898)
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1.1.  Gadient Vorfahren – Vorfahren väterlicherseits von Hans Ruedi Gadient.

Mein Grossvater Johann Rudolf Gadient-Wildhaber (1852-1898)
Er wuchs in Flums Grossberg auf und heiratete meine Grossmutter Marie Hedwig Wildhaber, die im "Ruchel" in Flums Kleinberg aufgewachsen war.
Flums Dorf, Flums Grossberg und Flums Kleinberg waren damals noch selbständige Ortsgemeinden, Grossberg und Kleinberg durch ein tiefes Tobel mit dem Flüsschen "Schils" getrennt.
Mein Grossvater war zwar Bauer in Flums Grossberg; seine Hauptbeschäftigung war aber klar der Bau von Vieh­ställen und Heuschobern für Dritte: Also war er eigentlich Bau­meister. Sie hatten 11 Kinder, 7 Mädchen und 4 Buben. Grossvater starb sehr früh mit 46 Jahren an "Magenverschluss", heute würde man wohl Magenkrebs sagen, und hinterliess noch 9 Kinder, wobei die jüngste Tochter Antonia gerade ein Jahr alt war. 2 Mädchen, Antonia, geb. 1886 und Paulina, geb. 1887, waren schon im ersten Lebensjahr gestorben.
Die Kindersterblichkeit war in jener Zeit noch generell sehr hoch. Praktisch jede Familie hatte solche Opfer zu beklagen, da man damals noch keine Schutzimpfungen kannte und es auch noch keine Antibiotika gab.
Meine Grossmutter Marie Hedwig Wildhaber (1860-1943)
Seite 5
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1.1.  Gadient Vorfahren – Vorfahren väterlicherseits von Hans Ruedi Gadient.

Meine Grossmutter Marie Hedwig Wildhaber (1860-1943)

Meine Grossmutter lebte nach dem Tod ihres Mannes weiterhin im Flumserberg. Wie sie die Familie danach durchbrachte ist leider nicht bekannt, aber umso erstaunlicher. Immerhin durften alle Buben eine Lehre absolvieren. Sie blieb bis zum Ende des 1. Weltkrieges im Flumserberg, zuletzt noch zusammen mit ihrem jüngsten Sohn Felix. Dann wurde der Familienwohnsitz aufgehoben. Was mit dem Haus geschah entzieht sich meinen Kenntnissen.

Meine Grossmutter kam danach zuerst eine gewisse Zeit in die Obhut ihres Sohnes Peter nach Cham, dann 2 Jahre zur Familie ihres Sohnes Felix an die Geltenwiler­strasse in St. Gallen. Hier lernte ich sie als kleiner Bub kennen. Später zog sie zu ihrer Tochter Amalie in den Lindenhof in St. Gallen St. Fiden um, einem katholischen Heim für "Alleinstehende", wo die beiden zusammen ein relativ kleines Zimmer bewohnten. Meine Grossmutter war inzwischen zu einem ganz kleinen, hageren Mütterchen geschrumpft. Als Kinder besuchten wir sie mit Vater oder Mutter fast jeden Sonntag im Lindenhof, wobei man jeweils noch einen kleinen finanziellen Zu­stupf ablieferte. Ich erinnere mich noch gut an das relativ schmale Zimmer mit den 2 Betten auf der einen, dem Kasten, dem kleinen Tisch mit dem Spritkocher und einem Armsessel auf der anderen Seite; und es roch im Zimmer immer etwas von Gekochtem und von Brennsprit; diesen Geruch habe ich auch heute noch in der Nase, wenn ich dran denke! Grossmutter Marie Gadient starb mit 83 Jahren und wurde auf dem Ostfriedhof in St. Gallen berdigt.

Meine Grossmutter hatte noch Geschwister. Mir ist aber nur ihr Bruder Anton Wildhaber bekannt, der in Maprak im Taminatal hinter Vasön und Vadura Betriebsleiter eines kleinen Elektro-Kraftwerks war. Dort durfte ich im Vorschulalter einmal zusammen mit meinem Vater zwei Ferienwochen verbringen. Dieser Töni, wie man ihn nannte, war mit einer Anna verheiratet und sie hatten zwei Kinder: Anton Wildhaber Junior und Leonie Wildhaber. Töni Senior und Junior waren beides sehr abgebrühte Wilderer, was jedermann wusste, denen man aber sehr selten etwas nachweisen konnte. Ich war in meinen Ferien einmal Zeuge, wie Töni Junior auf der Brücke zum Maschinenhaus einen Hasen erlegte. Ich sehe heute noch, wie das arme Tier getroffen wurde, sich überschlug und dann tot liegen blieb. Das schockierte den kleinen Hansruedeli furchtbar und machte ihn bitterlich weinen.

Später, als meine Schwester Dorli nach Valens heiratete, waren Töni Wildhaber Junior und Leonie Wildhaber auch zur Hochzeit eingeladen und man hatte wieder regen Kontakt untereinander. Ich weiss noch, anlässlich der Hochzeit durfte ich auf dem Soziussitz des schweren Motorrades von Töni Wildhaber Jun. mit ihm von Valens aus im Maprak etwas holen, das sie mitzubringen vergessen hatten! Das war damals mein erstes Motorrad-Erlebnis! Dieses Maprak existiert schon seit ca. 20 Jahren nicht mehr: Als der neue, viel grössere Staudamm weiter talabwärts gebaut und der See geflutet wurde, versank das alte, zurückgebaute Maschinenhaus samt Wohnhaus und Schopf in den Fluten. Und das alte Verbindungssträsschen von Vasön nach Vadura, das seinerzeit bei Maprak über eine kleine Brücke über die Tamina führte, wurde durch die Strasse auf der Krone des neuen Staudamms ersetzt.

Wie bereits oben gesagt hatten meine Grosseltern väterlicherseits (ohne die 2 gestorbenen Kleinkinder) 9 Kinder:

Kinder von Johann Rudolf Gadient und Marie Hedwig Wildhaber sind:
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1.1.  Gadient Vorfahren – Vorfahren väterlicherseits von Hans Ruedi Gadient.

Kinder von Johann Rudolf Gadient und Marie Hedwig Wildhaber sind:

Die älteste Tochter Maria Katharina (1883-1908) lebte noch Zuhause und brachte 1905 ein uneheliches Mädchen Frieda (1905-1981) zur Welt. Ein uneheliches Kind war damals in katholischen Kreisen sehr schlimm. Was es aber noch viel schlimmer machte, war, dass es von einem Protestanten stammte, was damals scheinbar noch schlimmer war als von einem Schwarzen! Marie starb sehr früh mit knapp 25 Jahren.

Diese Schwester meines Vaters kannte ich selbstverständlich nicht mehr, wohl aber das uneheliche Kind. Es blieb nach dem Tod der Mutter zuerst kurz bei der um 10 Jahre jüngeren Schwester, der ledigen Tante Amalie in St. Gallen, und kam dann in die Obhut einer Schwester ihrer Grossmutter, die als Menzinger Ordens-Schwester im Zuger Land ein Kinderheim aufgebaut hatte und es jetzt leitete. Damit war ihr Weg natürlich vorgezeichnet: Auch sie wurde Menzinger Ordens-Schwes­ter und Lehrerin mit dem Namen Sr. Oc­tavia (1905-ca.1981). Sie wurde 1930 die Patin meiner Schwester Beatrice und war zuletzt Lehrerin in Altdorf. Meine Eltern und ich haben sie noch hie da besucht, zuerst in Altdorf und nach ihrer Pensionierung im Mutterhaus in Menzingen. Sie hat uns dann aus Menzingen immer zu Geburtstagen und zum Neujahr mit sehr filigraner, fein gegliederter Schrift Glückwünsche geschrieben und freute sich herzhaft, als ich mit Fischli wieder eine Frieda in die Familie brachte. Sr. Octavia durfte nach ihrer Pensionierung ihren Lebensabend im Mutterhaus in Menzingen gemeinsam mit ihrer Tante, der etwas älteren Sr. Antonia, der jüngsten Schwester ihrer Mutter verbringen! Welch ein Zufall!

Nun aber zu den übrigen Geschwistern meines Vaters und deren Familien:

 

Tante Bertha Steiner-Gadient (1884-1966) verheiratet mit Beat Steiner.

Onkel Beat war Lokomotiv- oder Zugführer. Sie wohnten zuerst in Linthal, später in einem gediegenen Reiheneinfamilienhaus in Rapperswil an der Alten Jonastrasse, wo ich sie nach meiner Hochzeit hie und da zusammen mit meiner Frau Fischli noch besuchte. Tante Bertha war eine sehr warmherzige und gutmütige Frau, während ich Onkel Beat eher als etwas spröde und nicht sehr gesprächig in Erinnerung habe.

Sie hatten 2 Söhne:

Beat Steiner-Zahner (1909-1995). verheiratet mit Steffi Zahner.

Beat war wie sein Vater auch Lokomotiv- oder Zugführer. Sie wohnten in einem schönen Einfamilienhaus neben Knies Kinderzoo in Rapperswil, was mich als Bub sehr beeindruckte. Sie hatten 2 Kinder, Erna und Rolf. Erna war verheiratet mit Heinz- (?) und hatte 4 Kinder: Cornelia, Daniel, Stefan und Sybille.

Ernst Steiner-Sacchet (1914-2002?), verheiratet mit Ida Sacchet.

Ernst arbeitete als kaufmännischer Angestellter bis zu seiner Pensionierung bei der Stadt Rapperswil; früher war er einmal Kassier beim Zirkus Knie gewesen. Seine Frau Ida kam aus einem der Bündner Süd Täler. Sie wohnten zusammen mit Tante Bertha im Reiheneinfamilienhaus an der Alten Jonastrasse in Rapperswil. Sie hatten eine Tochter Yvonne. Ida war eine sehr liebenswerte, fröhliche und natürliche Frau. Mit ihrer Fröhlichkeit übertünchte sie aber wahrscheinlich nur ihre Depressionen. Wir waren alle sehr traurig, als sie sich das Leben nahm.

 

Onkel Peter Gadient-Bütler (1888-1965) war mit Johanna Josefina Bütler verheiratet.

Onkel Peter arbeitete als Mechaniker in der Papierfabrik Cham, vor allem aber spielte er Trompete. Er war ein begnadeter Musiker: Seine Funktion als Dirigent der Blasmusiken von Cham und Risch, die er sich als absoluter Autodidakt erarbeitet hatte, bedeutete ihm alles. Ich durfte hie und da ein paar Tage nach Cham in die Ferien, wobei ich meine Cousine Irma sehr ins Herz schloss, ja ich war jeweils fast ein bisschen verliebt in sie! Mit Sohn Peter, der um ein Jahr älter war als ich, machte ich einmal eine mehrtägige Velotour, wobei wir in der March einem Militärkonvoi begegneten, in welchem unser Cousin Hansjörg als angehender QM mit dabei war. Was für ein Zufall!

Sie hatten 4 Kinder:

Irma Meier-Gadient (1921-2011), verheiratet mit Werner Meier.

Irma war jahrelang Chefsekretärin beim Braunviehzuchtverband in Zug und heiratete relativ spät Werner Meier. Werner war gelernter Drogist und sie führten dann zusammen eine Drogerie in Cham. Irma und Werner hatten eine Tochter Ruth und einen Sohn Peter.

Margrith Gadient (1923-1997), unverheiratet.

Margrith war Verkäuferin, in jungen Jahren in Lausanne. Als Cousine war sie meiner Schwester Beatrice eine gute Kollegin, als diese in Lausanne ihre KV Lehre absolvierte.  

Edith Ulrich-Gadient (1926-2001), verheiratet mit Karl Ulrich.

Karl war Lehrer in Cham (?). Edith und Ernst hatten 7 Mädchen mit Namen Antoinette, verh. Girod; Brigitte, verh. Küpfer; Edith, verh. Fässler; Gabriela, verh. Bieri; Ruth, Adelheid und Irène, verh. Inglin. Edith bleibt mir mit ihrer warmen, entwaffnenden Herzlichkeit in bester Erinnerung.

Peter Gadient-Heberlein (1932-2014), verheiratet mit Maija Heberlein.

Peter arbeitete schon bei der SWISSAIR im Traffic, als ich 1960/1961 mein kurzes Gastspiel in der Ingenieurabteilung der SWISSAIR gab; später war er Station Manager an verschiedenen Stationen auf er Welt, u.a. in Dakar und Istanbul, am Schluss in Zürich. Da verhalf er mir zwischendurch einmal für einen Überseeflug zu einem Upgrade in die erste Klasse, oder unserem Cousin Hansjörg spätabends ein Taxi nach Frenkendorf, wenn der letzte Zug schon weg war. Mit Maija und Peter hatten wir immer wieder einmal Kontakt, vor allem an Cousinen und Cousintreffen und an runden Geburtstagen. Sie haben eine Tochter Patricia, verh. Dietschi und einen Sohn Marco.

 

Johann Rudolf Gadient-Kunz (1890-1975), verheiratet mit meiner Mutter Selina Kunz (1889-1980). Sie hatten 6 Kinder.

Das sind meine Eltern, die ich im Kapitel "Elternhaus Gadient" im Detail beschreiben werde.

 

Tante Pauline Funke-Gadient (1892-1995) Von ihr wissen wir leider nicht viel. Sie durfte oder vielleicht besser „musste" mit einem Gemeinde-Ticket nach USA auswandern: Zu jener Zeit war die Schweiz ein echt armes Auswanderungsland, besonders in damaligen Notstands-Ge­bie­ten wie dem St. Galler-Oberland. Auswanderungswillige wurden von den Gemeinden sogar unterstützt!

In den USA, in Illinois hat unsere Grosstante einen deutschen Landwirt namens Funke geheiratet. Wir wissen das so genau, weil William John Mayer, ein Nachkomme in 2. Generation von dieser Urgrosstante und Sohn des "Postmaster of Whichita, Kansas" kurz nach dem Ende des 2. Weltkrieges als junger GI in Zweibrücken Deutschland als Besatzungssoldat stationiert war, seinem Schweizer-Ur­sprung nachspürte und fündig wurde: Er besuchte unsere beiden St. Galler Gadient Familien mehrmals.

In meiner Kantonsschulzeit halfen mir diese Besuche sehr im Englischunterricht, wobei aber meinem Professor mein Amerikanischer Accent gar nicht gefiel. Ich war auch einige Male mit ihm Skifahren auf dem Kapf, wobei er vom Skifahren keine Ahnung hatte. Aber er stürzte sich jeweils todesmutig in eine Abfahrt, bis es ihn grauenhaft überschlug und durcheinander wirbelte, glücklicherweise immer ohne bleibende Schäden.

Auch erinnere ich mich gut, dass er jeweils in einem riesigen Amerikanerwagen anrückte, wobei der Kofferraum zu einem Zusatz-Benzintank ausgebaut war. In der Kaserne bekamen die GI's das Benzin fast gratis, und mit diesen Zusatztanks konnten sie grosse Distanzen fahren ohne nachtanken zu müssen. Es genügte ihm jedenfalls gut für die Strecke Zweibrücken-St. Gallen und wieder zurück! Mit diesem Auto fuhren wir dann jeweils auch an die Geltenwilerstrasse zu Onkel Felix und Cousin Hansjörg. Leider haben wir die Spur zu diesem Amerikaner-Familienzweig dann wieder verloren.

 

Tante Amalie Gadient (1893-1969), unverheiratet, wohnte in meiner Jugend wie obenerwähnt zuerst im Lindenhof in St. Fiden. Sie arbeitete als Fabrikarbeiterin bei der Strumpffabrik PEROSA an der Helvetiastrasse oberhalb des Bahnhofs St. Gallen St. Fiden. Als ihre Mutter starb, zog sie in ein Zimmer im Haus der Apotheke St. Fiden an der Ecke Rorschacherstr. / Helvetiastr., also fast in Rufweite von unserer Wohnung. Sie war eine sehr eigenwillige Person, zwar sehr katholisch, aber gerne etwas streit­bar. Ganz unverhofft tauchte sie jeweils am Abend oder an Wochenenden bei uns Zuhause auf, wobei es öfters mit meinem Vater bzw. ihrem Bruder zu grösseren und kleineren Auseinandersetzungen kam. Sie versorgte jeweils auch die Chamer Gadients und die Klosterfrauen mit Internas aus den St. Galler Gadient Familien, was dann auch oft wieder für Unfrieden in der Verwandtschaft sorgte. Sie starb 1969, als etwas verbitterte, alte Jungfer.

 

Onkel Paul Gadient (1894-1922) starb sehr früh. Mein Vater war zwar 4 Jahre älter, konnte sich aber nur schwach an seinen verstorbenen Bruder erinnern.

 

Onkel Felix Gadient-Lanz (1895-1979), verheiratet mit Therese Lanz, der Tochter eines aus Deutschland eingewanderten Schreinermeisters mit Wohnsitz und Werkstatt in St. Gallen St. Georgen.

Onkel Felix war entsprechend den Angaben seines Sohnes Hansjörg eine Zwillingsgeburt, wobei sein „Zwillings-Bruder“ nach einer Nottaufe ohne überliefertem Namen starb. Auch dem kleinen Felix gaben seine Eltern kaum eine Lebenschance. Weil jener Tag im Kirchenkalender offenbar Felix und Regula geweiht war, kam so der Vorname Felix in die Familie.

Onkel Felix hatte den Malerberuf bei einem Meister in Sargans erlernt. Während der Rekrutenschule und den anschliessenden 1. Weltkrieg-Aktivdienst gab es weder einen Militärdienstersatz noch eine Arbeitslosenunterstützung, so dass Felix sehr unten durch musste. Er kam glücklicherweise regelmässig bei Verwandten unter und blieb so in regem Kontakt mit Verwandtschaft, Beruf und der engeren Heimat. Nachdem sich sein Wunsch, wie sein Bruder Hans eine Stelle beim Staat zu finden nicht erfüllte, wechselte er in seinem Beruf in den Verkauf. Die Krisenjahre der 30er Jahre stürzten die junge Familie in die Arbeitslosigkeit. Ein Darlehen des Branchenverbandes und ein durch seinen Bruder Hans verbürgter Kredit halfen über diese schlimmste Zeit hinweg. Als dann die Geschäfte wieder besser liefen, musste er noch Autofahren lernen, um seinen Beruf auszuüben. Der 2. Weltkrieg brachte mit Militärdienst und Benzinrationierung neues Ungemach über die Familie und er musste wieder auf Bahn und Fahrrad umsatteln.

Tante Theres (1890-1946) verunfallte 1936. Bei der anschliessenden, mehrwöchigen Bettlägerigkeit brach zudem noch die Gicht aus, eine Erbkrankheit in ihrer Familie, an der sie Zeit ihres Lebens litt und an der dann auch Sohn Hansjörg im Alter leiden sollte. In meiner Erinnerung war sie eine herzensgute, aber sehr leidgeprüfte und etwas verbitterte Frau. Sie starb mit nur 56 Jahren.

Sie hatten zusammen 2 Söhne:

Felix Gadient Serex (*1926), verheiratet mit Marcelle Serex (1934-2017).

Felix machte nach Primar- und Sekundarschule eine Kaufmännische Lehre und arbeitete dann immer als Textilkaufmann. Nach der Rekrutenschule arbeitete er einige Jahre in Südamerika: in Ecuador und Peru. Später war er Repräsentant für die Textilfirma Fischbacher in Paris. Den Rest seiner aktiven Laufbahn verbrachte er bei den Emser Werken im Verkauf. Felix ist ein guter Erzähler und Marcelle eine wunderbare Gattin. Wir besuchten sie einmal in ihrem wunderbaren Feriendomizil im Sottoceneri.

Felix wohnt seit Jahren in Chur und pflegte stets bis zu ihrem Tod die Verbindung zu seiner Cousine bzw. meiner Schwester Dorli in Bad Ragaz. Felix und Marcelle haben 3 Kinder: Carole Gadient, ledig, Kindergärtnerin, Diego Gadient, Jurist, verheiratet mit der Kunsthistorikerin Sue Naef, und Manuel Gadient, Banker, verheiratet mit Anna Maurer. Sue Naef verhalf ich Vorstandsmitglied im Kulturkreis Zollikon zu werden, da wir einen oder eine Kunsthistorikerin suchten, und hatte so eine gewisse Zeit lang regen Kontakt zu Diego und Sue, wobei ich oft klarstellen musste, dass Sue nicht meine Tochter war.

Hansjörg Gadient-Probst (1929- 2017), Dr. Oec. HSG, verheiratet mit Heidi Probst.

Mit Hansjörg hatte ich von allen meinen Cousins und Cousinen am meisten Kontakt, vor allem in jungen Jahren und dann wieder im gestandenen Alter. Während meiner Jugendzeit waren Felix und Hansjörg oft bei uns in St. Finden zu Gast, zwar eher wegen meinen älteren Geschwistern. Hansjörg ging immer ein paar Klassen oben an mir in die Schule, zuerst in der Kath. Sekundarschule (Flade) und dann an der Kantonsschule St. Gallen. Und immer wurde er mir von den Lehrern als grosses Vorbild hingestellt, und ich enttäuschte leider meine Lehrer immer wieder, da ich nicht so fleissig war wie er und neben der Schule noch andere Steckenpferde hatte! Dann verloren wir uns etwas aus den Augen, bis wir uns später, als ich für BALLY und er für HENKEL für den Markt Schweiz verantwortlich waren, jeweils an den Marketing-Tagung des Vorortes (heute Economie Suisse) trafen und versuchten, am gleichen Tisch zu essen, um uns etwas auszutauschen. Hansjörg und Heidi haben ein Tochter Claudia. Hansjörg war ein passionierter Maler, und Fischli und ich besuchten einige seiner Ausstellungen.

 

Tante Elise Gadient (1897- 1983), als Sr. Maria Antonia wurde sie Menzinger Ordens-Schwester und Lehrerin. Wie bereits oben gesagt war sie erst ein Jahr alt, als ihr Vater an Magenkrebs starb. Eine Tante und Schwester ihrer Mutter, die als Menzinger Ordens-Schwester im Zuger Land ein Kinderheim aufgebaut hatte und es jetzt leitete, nahm nach dem Tod des Vaters dieses jüngste Kind ihrer Schwester in ihre Obhut und machte aus ihr ebenfalls eine Menzinger Ordens-Schwester, dazu aber noch Lehrerin.
Viele Innerschweizer Gemeinden waren damals sehr arm und deshalb froh, wenn in den Schulen Ordens-Schwestern für Gotteslohn arbeiteten. Dies war übrigens da­mals für eine Frau aus unteren Kreisen eine finanziell günstige Möglichkeit, den Lehrerinnenberuf zu ergreifen.
Anfangs der 60er Jahre amtete Sr. Maria Antonia in Galgenen (SZ) als Primarlehrerin. Da ich seit dem 1. Januar 1962 ja im Nachbardorf Lachen SZ in der Schuhfabrik arbeitete und wir nach unserer Hochzeit im Mai 1962 ja auch in Lachen wohnten, haben Fischli und ich sie noch hie und da in Galgenen besucht, bis sie 1965 pensioniert wurde.
Nach ihrer Pensionierung wohnte sie dann im Mutterhaus in Menzingen, später zusammen mit Sr. Octavia, dem 8 Jahre jüngeren, unehelichen Kind ihrer früh verstorbenen, ältesten Schwester Marie.
Mein Grossvater Heinrich Kunz-Ronner (1852-1896?)
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1.2.  Gadient Vorfahren – Vorfahren mütterlicherseits von Hans Ruedi Gadient.

Mein Grossvater Heinrich Kunz-Ronner (1852-1896?)

Heinrich Kunz war verheiratet mit Albertine Ronner Sie hatten zusammen 3 Töchter und 1 Sohn.

Was ich von meinem Grossvater weiss, ist, dass er reformiert (!) war und als Werk­zeugmacher bei der Firma Bühler in Uzwil arbeitete, mit seiner Frau Albertine und den Kindern in ein eigenes Haus zog, für welches seine Frau das notwendige Kapital beschafft hatte. In diesem Haus führte seine Frau dann eine "Kostgängerei". Wie und woher er nach Uzwil kam, weiss scheinbar niemand mehr. Er starb  sehr früh mit ca. 42 Jahren, an was ist ebenfalls unbekannt.

Meine Grossmutter Albertine Kunz-Ronner (1856-1953)
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1.2.  Gadient Vorfahren – Vorfahren mütterlicherseits von Hans Ruedi Gadient.

Meine Grossmutter Albertine Kunz-Ronner (1856-1953)

Meine Grossmutter Albertine Ronner wuchs in Galgenen SZ auf. Wie sie nach Uzwil kam und wie sie ihren Mann kennen lernte entzieht sich meiner Kenntnis. Da sie später neben der Kostgängerei scheinbar mit dem Nähen von Finken zusätzlich etwas Geld verdiente, lässt mindestens auf eine frühere Arbeit in der damaligen Hausschuhfabrik Dierauer in Uzwil schliessen. Ich erinnere mich schwach, dass ich als ganz kleiner Bub einmal bei meiner Grossmutter in Uzwil in den Ferien war (ich muss weniger als 3 Jahre alt gewesen sein, denn meine Grossmutter lebte ja seit meinem dritten Altersjahr bei uns in St. Gallen). Ich erinnere mich auch noch daran, dass es ganz nahe beim Haus meiner Grossmutter einen kleinen steinernen Brunnen gab, einem Korb nachgebildet und schräg vis-à-vis war das Restaurant Linde. Ich weiss dass dieser Brunnen heute auf dem Lindenplatz steht. Ich weiss aber nicht mehr, welches Haus jenes meiner Grossmutter war; und ich kann ja auch niemanden mehr fragen, der es wissen könnte.

Meine Grossmutter war eine grosse, energische Frau mit sehr starkem Willen und viel Unternehmergeist. Es scheint, dass sie ihren Heinrich ganz schön herumkommandierte und immer für die Familie da war. Was andere dachten oder sagten, kümmerte sie wenig. So hatte sie ja auch als Katholikin den reformierten Heinrich Kunz geheiratet und bestimmt, dass alle Töchter katholisch, der jüngste Sohn Heinrich aber wie sein Vater reformiert getauft werden sollte.

Kurz vor dem Tod ihres Mannes nahm sie vom Hausarzt in Uzwil das notwendige Kapital auf, um ein Haus zu kaufen. Der Arzt gab ihr das Geld, weil er sie kannte und überzeugt davon war, dass er das Geld zurückerhalten werde. In ihrem Haus eröffnete meine Grossmutter nun eine "Kostgängerei", das heisst sie kochte gegen Bezahlung für ledige Arbeiter der Firmen Bühler und Bänninger Frühstück, Mittag- und Nachtessen, ja zeitweise beherbergte sie auch Neuankömmlinge, bis sie ein Zimmer gefunden hatten. Damit brachte sie ihre Familie durch, und alle Kinder, auch die Mädchen, durften eine Lehre absolvieren und mussten nicht als Hilfsarbeiter in die Fabrik arbeiten gehen, wie es damals eigentlich in diesen Kreisen üblich war. Albertine hielt nicht viel von den „Gstudierten“, darum hatte sie kein Verständnis für den Wunsch von Selina, nach der Primar- und Sekundarschule noch weiter zur Schule gehen zu dürfen. Als dann der Lehrer persönlich vorsprach, gab Albertine zähneknirschend nach und Selina durfte immerhin noch an die Frauenarbeitsschule nach St. Gallen.

Die Kostgängerei führte Albertine bis 1936, also bis zu ihrem 80. Geburtstag. Dann verkaufte sie das Haus und bezog ein Zimmer bei ihrer Tochter Selina (meiner Muttr) und ihrer Familie an der Rorschacherstrasse 116 in St. Gallen St. Fiden, um, wie sie sagte, hier zu sterben. Dazu mussten wir 5 Kinder in der 5-Zimmer Wohnung etwas zusammenrücken: Selin und Dorli sowie Lisbeth und Beatrice teilten sich je ein Schlafzimmer und mein Bettchen blieb bei den Eltern.

Meine Grossmutter lebte dann aber mit uns noch 17 Jahre, und ich sage immer gerne: "Ich wuchs mit meiner Grossmutter auf!" Sie ging praktisch bis zum Schluss jeden Tag aus der Wohnung im 4. Stock in die Kirche St. Fiden zur Messe, und an Sonntag-Nach­mittagen mit ihrer Schulfreundin Frau Eigensatz in die Kathedrale zu einer "Gut Tod Andacht". Nach diesem Kirchenbesuch kehrten die beiden im Kaffeehaus des "Vögelibeck" an der Spisergasse ein und assen viel Patisserie, was Albertine fürs Leben gern hatte.

Ihr Beitrag zum Haushalt meiner Eltern war einerseits ein finanzieller Zustupf an die Miete, und andrerseits besorgte sie immer nach dem Essen das Abwaschen, wobei wir zwei Kleinsten abwechslungsweise Abtrocknen mussten. Bei diesem Abtrocknen brachte ich meine Grossmutter immer zum Erzählen von früher. So erfuhr ich beispielsweise von ihr, was das für ein grosse Ereignis in Uzwil gewesen war, als das erste Mal ein Zug von Zürich nach St. Gallen fuhr und hier anhielt! Ich brachte sie hie und da sogar zum Singen, aber nur für die Nationalhymne, damals noch das "Rufst Du mein Vaterland", wobei sie jeweils sehr leise, aber grauenhaft falsch sang.

Eines Tages hatte der Obst- und Gemüsehändler von nebenan am Morgen, als sie von der Frühmesse in der Kirche zurückkehrte, frische Zwetschgen in der Auslage. Sie kaufte ein Kilo, wusste aber, dass ihre Tochter ihr oben in der Wohnung verbieten würde, so kalte Zwetschgen zu essen. Also nahm sie den Sack Zwetschgen, kehrte auf eine Sitzbank im Kirchenpärkli zurück und ass das ganze Kilo Zwetschgen. Sie erkältete sich prompt, zog sich dazu noch eine Lungenentzündung zu und musste schliesslich ins Spital eingeliefert werden, wo sie mit 97 Jahren friedlich einschlief. Die "Gut Tod Andachten" haben scheinbar doch genützt! Es war in meinem Maturajahr! Ich wurde als 20jähriger ins Rathaus geschickt, um ihren Tod zu melden und die Papiere in Ordnung zu bringen. Sie wurde dann im Ostfriedhof an der Kesselhalde beerdigt. Ich habe jeweils immer gerne gesagt: "Wenn Grossmutter nicht die Kirschen gegessen hätte, würde sie heute noch leben"....

Meine Grosseltern mütterlicherseits hatten 4 Kinder:

Kinder von Heinrich Kunz und Albertine Ronner sind:
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1.2.  Gadient Vorfahren – Vorfahren mütterlicherseits von Hans Ruedi Gadient.

Kinder von Heinrich Kunz und Albertine Ronner sind:

Tante Anna Schiltknecht-Kunz (ca.1879-1960), verheiratet mit Hans Schiltknecht. Tante Anna hatte Näherin gelernt und zog nach Zürich. Dort lernte sie ihren Hans kennen.

Sie hatten 3 Kinder, 1 Sohn und 2 Töchter:

Hans Schiltknecht- ? (ca.1910-1980), verh. mit Helen ?. Er arbeitete im Gaswerk Schlieren und sie bewohnten eines der Angestellten-Einfamilienhäuser des Gaswerks, was uns an Mietwohnungen gewöhnte Leute gewaltig imponierte. Meine Schwester Beatrice durfte 1939 gerade vor dem Krieg dort einmal in die Ferien und erzählte noch lange von den selbstgemachten Jogurt von Tante Helen (sie lernte hier Jogurt überhaupt kennen!), sowie vom Flussschwimmen in der Limmat mit Onkel Hans. Sie hatten 2 Töchter, Helen Siegle-Schiltknecht (bereits gestorben) und Renate Gaillard-Schiltknecht.

Klärli Aregger-Schiltknecht (ca. 1913-1980), verheiratet mit Albert Aregger. Onkel Albert Aregger war Dachdeckermeister mit einem eigenen Geschäft in Zürich-Alt­stetten. Ich durfte dort einmal in die Ferien, da Rudolf Aregger, ein zweiter Bub neben Albert Junior, fast gleich alt war wie ich, aber schon eine Generation weiter. Wir lachten jeweils, wenn ich verlangte, dass er mir Onkel sagen müsse. Diese Ferien waren für mich hoch interessant, denn Rudolf zeigte mir oben am Waldrand die immer noch bestehenden Schützengräben und Geländeverstärkungen der sog. "Linth-Limmat" Verteidigungslinie, die während dem 2. Weltkrieg in aller Eile gebaut worden waren. Sohn Albert hatte nach dem Tod des Vaters das Dachdeckergeschäft geführt und ist bereits gestorben. Sohn Rudolf Aregger-Ungricht lernte Schreibmaschinenmechaniker und schulte dann mit der Zeit zwangsweise auf Unterhalt und Instruktion von PC (Personal Computer) um. Er ist verheiratet mit Margrit Ungricht und wohnt in Weinfelden.

Martha Wild-Schiltknecht (ca. 1916-1985) verheiratet mit Hans Wild, dem Stadtgeometer von Zürich, auch ein Beamter mit Pension, damals eher eine Seltenheit. Hans Wild konnte das Restaurant ;Morgental erben und erlebte einen ruhigen Lebensabend. Meine Schwester Lisbeth war einige Male bei ihnen in den Ferien. Selin wohnte eine gewisse Zeit bei ihnen, als sie von Bischofszell nach Zürich zog, bevor sie an der Feldeggstrasse im Seefeld bei er Familie Solvay ein Zimmer bezog. Wilds hatten einen Sohn: Hans Wild-Rohde, verh. mit Edith Rohde. Er war bis zur Pensionierung Geschäftsführer bei Autozubehör Derendinger.

 

Tante Bertha Wissmann-Kunz (ca.1883-1970), verheiratet mit Walter Wissmann. Walter Wissmann war Giessereiarbeiter und trank hie und da eins über den Durst, wie es bei diesen öfters der Fall ist. Tante Bertha hatte Damenschneiderin gelernt, war sehr tüchtig und zog wie ihre Schwester Anna ebenfalls nach Zürich. Hier arbeitete sie sich bis zur 1. Näherin im Änderungsatelier von Grieder am Paradeplatz hoch. Sie kam auch hie und da für ein paar Tage zu uns nach St. Gallen "auf die Stör" und nähte dann für die ganze Familie Kleider. Sie hatte ihren Mann In Zürich kennen gelernt und sie wohnten hinter dem Hauptbahnhof an der Louisenstrasse. Ich habe Tante Bertha als beruflich sehr tüchtige, aber eher etwas streitbare Frau in Erinnerung. Sie hatten zwei Töchter:

Anneli Wissmann (ca.1908-1958), unverheiratet, und  

Bertha Bolli-Wissmann, ca. 1912-????), verh. mit Walter Bolli. Über sie weiss ich wenig. Sie hatten 2 Kinder: Lilian Sargenta-Bolli, wohnhaft in Magadino und Walter Bolli, der in der Aera Nägeli im FCZ Fussballclub Zürich Finanzchef war und wohnt in Rüschlikon. Meine Schwester Beatrice, die lange in Rüschlikon gewohnt hatte, hat noch Kontakt zur Familie Walter Bolli.

 

Selina Gadient-Kunz (1889-1980) verheiratet mit Johann Rudolf Gadient.(1890-1975)

Das ist meine Mutter! ich werde sie im Kapitel "Elternhaus Gadient" im Detail beschreiben.

 

Onkel Heinrich Kunz-? (ca.1892-1962), verheiratet mit Louise ??. Onkel Heinrich war Mechaniker, wohnte zuerst in Cham und nach der Pensionierung in Affoltern am Albis und war mein Götti. Wir hatten aber nicht viel Kontakt, weil meine Mutter der Ansicht war, dass Onkel Heinrichs Frau sie nicht mochte und zudem ihren Bruder herumkommandierte. Onkel Heinrich beklagte sich darüber auch hie und da bei meiner Mutter. Aber man blieb damals trotzdem zusammen, auch wenn eine Ehe nicht sehr harmonisch verlief.

Sie hatten eine Tochter und einen Sohn:

Marie Louise, von der ich ausser dem Namen nichts weiss, und einen Sohn:

Heinz Kunz-??? verh. mit ???, der in Will SG bis zu seiner Pensionierung eine Strumpf-Fabrik leitete. Wo er heute wohnt weiss ich nicht! Heinz Kunz hatte Wirker gelernt und arbeitete in jungen Jahren ausbildungshalber ein halbes Jahr lang als Praktikant in der Strumpffabrik VEREINA in St. Gallen. In dieser Zeit hatte er ein Zimmer bei uns in St. Fiden. Meine 4 Schwestern mussten deshalb ein halbes Jahr zu viert in einem Zimmer unserer Wohnung schlafen und waren etwas eifersüchtig auf Heinz, der ganz allein ein Zimmer für sich haben durfte. Er war natürlich auch bei uns am Tisch. Er hatte zudem sein Musikinstrument bei sich und spielte in der Freizeit wunderbar Xylophon
Grossvater Alois Karpf-Holenweger (1870-1943?)
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2.1.  Karpf Vorfahren – Vorfahren väterlicherseits von Frieda Gadient-Karpf.

Grossvater Alois Karpf-Holenweger (1870-1943?)
Alois Karpf war verh. mit Emilie Holenweger.
Er wuchs in Bellikon und Niederrohrdorf auf. Er lernte Wagner und arbeitete nach der Lehre auf dem Waffenplatz Bremgarten in der Wagnerei: Wahrscheinlich in erster Linie Reparaturen an den damals noch beim Train mit Pferden gezogenen Wagen. Nachdem die Armee später motorisiert wurde, arbeitete er in der Kaserne Bremgarten als Offiziers-Putz. Es ist nicht bekannt, wann genau und wieso die Familie nach Küsnacht zog. Hingegen weiss man, wo die Familie zuerst wohnte: Es war das Riegelhaus Ecke Goldbacherstrasse / Alte Landstrasse bei der Busstation. Paul Karpf jun. renovierte als Architekt das Haus im Jahr 1975, bzw. baute es um.
Vater oder Sohn Alois Karpf konnte 1933 von Oskar Trüb-Fenner, dem Schwager von Olga Karpf-Fenner, 1037 m2 Land zu 1.00 Fr/m2 kaufen. Auf dieses Land wurde ein Chalet gebaut. Dies praktisch gleichzeitig, wie Fritz Karpf nebenan das Bauernhaus mit Umschwung für seine Gärtnerei gekauft hatte. Paul Karpf jun. meint sich zu erinnern, dass sein Vater einmal erzählte, dass er seinerzeit die Fundamente und das Kellergeschoss für ein vorfabriziertes Holzchalet gebaut hatte. Die Grosseltern zogen dann in den oberen Stock dieses Chalets im Geissbüehl um und blieben da bis zu ihrem Tod. Im unteren Stock wohnte dann Familie Paul Karpf-Fenner einzog.
Grossmutter Emilie Holenweger (1882-1960)
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2.1.  Karpf Vorfahren – Vorfahren väterlicherseits von Frieda Gadient-Karpf.

Grossmutter Emilie Holenweger (1882-1960)
Emilie Holenweger wuchs ebenfalls in Bellikon auf und kam wie oben beschrieben mit der Familie nach Küsnacht.
Als ich sie kurz vor ihrem Tode kennen lernte, wohnte sie immer noch im oberen Stock des "Chalet" im Geissbüehl. Grossmutter Karpf war katholisch gewesen, was Friedeli Gadient-Karpf wusste, denn sie hatte als Kind an Sonntagen oft mit ihrer Grossmutter die Messe besucht. So war es für sie auch nichts ganz Neues, als sie ihren Hans Ruedi katholisch heiratete. Sie war scheinbar auch eine wunderbare und verständnisvolle Grossmutter gewesen: Enkelinnen und Enkel gingen öfters mit ihren Problemen scheinbar lieber zu ihr als zu ihren Eltern. Im hohen Alter wurde sie leider etwas verwirrt. Trotzdem war klar, dass mich Friedeli im Jahr 1959 nach ihren Eltern unbedingt auch ihrer Grossmutter vorstellen wollte. Dazu erinnere ich mich gut, dass sie mich bei dieser Gelegenheit im Chalet lange prüfend anschaute und dann zu mir sagte: "Du bisch en Liebe", und zu Friedeli: "… und Du bisch e Karpf"!
Nach Absprache mit den gesetzlichen Erben übernahmen 1960 nach ihrem Tod Lulu und Adolf Lehmann das Haus und zahlten die übrigen Erben aus. Da mein Schwiegervater Fritz Karpf-Welti damals schon gestorben war, waren die Kinder Albert und Friedeli, meine Frau, erbberechtigt. Friedeli erbte damals ca. CHF 18'000, was den Grundstock für den Kauf unseres ersten Hauses in Hombrechtikon bildete).

Nachkommen der Grosseltern väterlicherseits waren:
Kinder von Alois Karpf und Emilie Holenweger sind:
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2.1.  Karpf Vorfahren – Vorfahren väterlicherseits von Frieda Gadient-Karpf.

Kinder von Alois Karpf und Emilie Holenweger sind:
Alois Karpf jun. (ca. 1899-1941) war der älteste, starb relativ früh, unverheiratet.

Albert Karpf (ca. 1900-1931) war mit meiner Schwiegermutter, Frau Frieda Welti aus Zollikon verlobt, als er plötzlich starb, ebenfalls sehr früh.

Fritz Karpf-Welti (1902-1960) verh. mit Frieda Welti; nahm sich nach dem Tod seines älteren Bruders Albert dessen Braut zur Frau.
Nachkommen waren:
Albert Karpf-Sturm (1934-1988)
Frieda Gadient-Karpf (1937-2013)
Detailliertere Angaben zu dieser Familie im Kapitel "4. Karpf Elternhaus"

Walter Karpf-Essig (ca.1905-1975) verh. mit Bethli Essig (????-????).
Onkel Walter hatte Werkzeugmacher gelernt und arbeitete, als ich ihn kennen lernte, schon seit Jahren in der Stanzmesserfabrik Küsnacht. Die Schuhfabrik Growela in Lachen, in der ich damals arbeitete, kaufte die Stanzmesser für den Leder- und Futterzuschnitt grösstenteils dort. Walter und Bethli Karpf halfen an Wo-chenenden oft meinen Schwiegereltern in deren Gärtnerei und waren dann hie und da auch in Zollikon, wenn ich zu meiner zukünftigen Frau zu Besuch kam. Paul Karpf jun. hat verschiedene Umbauten für die Stanzmesserfabrik realisiert und zu guter Letzt machte Hans Rupprecht-Karpf lange Jahre die Werbung für den Arbeitgeber seines Onkels. Bethli Karpf sprach auch nach Jahren in der Schweiz immer noch mit einem Akzent aus Baden-Würtemberg.
Sie hatten eine Tochter
Edith-Breitschaft-Karpf (1930-2014), in 1. Ehe verh. mit Carlo Broggi, in zweiter Ehe verh. mit Franz Breitschaft. Sie starb kinderlos. Von Edith weiss ich nichts, das ich hier anführen könnte. Wir sahen uns praktisch nur zufällig an Hochzeiten, Beerdigungen oder Ausstellungen von Cousin Hans Streuli.

Mily Streuli-Karpf (ca.1906-1985) verh. mit Hans Streuli.
Hans Streuli war gelernter Heizungstechniker. Nach der Heirat folgte Mily ihrem Mann nach Rom, wo sie ihn beim Aufbau eines renommierten Heizungs- und Sanitärgeschäftes unterstützte. Das war das Feriendomizil der Karpfs! Praktisch alle Geschwister sowie Nichten und Neffen waren mindestens einmal bei Mily und Hans in den Ferien, später in dem von Carlo erbauten Haus in Fregene, vie-le waren dort sogar auf der Hochzeitsreise. Bei Ausbruch des 2. Weltkrieges zo-gen die Söhne und phasenweise auch die Mutter Mily aus Sicherheitsgründen nach Meilen zu Mutter und Schwester von Hans, währen er selbst sein Geschäft in Rom betreute und bewachte! Carlo und Hans besuchten von Meilen aus das Gymnasium in Zürich und später auch die Hochschule. Frieda Gadient-Karpf er-zählte mir später, wie stolz das kleine Friedeli jeweils gewesen sei, wenn sie hie und da mit ihren grossen und gescheiten Cousins ausgehen durfte. Onkel Hans und Tante Mily kamen jeweils für Familenfeste und bei Todesfällen zu Besuch in der Schweiz. Mit ihrem fröhlichen Wesen waren sie in der ganzen Verwandt-schaft sehr geschätzt.
Nachkommen waren
Hans Streuli-Graf (1932-2015) verh. mit Irma Graf. Hans eröffnete nach sei-nem Studienabschluss und Doktorat eine eigene Zahnarztpraxis in Meilen, wobei Irma ihn als Zahnarztgehilfin am Anfang tatkräftig unterstützte. Hans betrieb sei-ne Praxis als Zahnarzt bis er ins Pensionsalter kam. Hans war ein passionierter Segler auf dem Zürichsee und ein grosser Bergwanderer. Er begann auch schon relativ früh leidenschaftlich zu Malen. Diesen drei Hobbies frönte er nach Her-zenslust nachdem er in Pension gegangen war. Er stellte seine Bilder an einigen Ausstellungen aus, wobei es an den Vernissagen jeweils zu richtigen Verwand-tentreffen von Cousins und Cousinen kam. Hans und Irma hatten 2 Söhne: Hans und Max
Carlo-Streuli-??? (1933-1988) Nach seinem erfolgreichen Abschluss als Dipl. Arch. ETH arbeitete Carlo einige Jahre in einem berühmten Zirkel um den Kunsthistoriker und Architekten Rudolf Olgiati (dem Vater des heutigen Architek-ten Valerio Olgiati), bis er fand, er gehöre doch eher in den Süden. Nach seiner Rückkehr nach Rom durfte Carlo für die Familie im Pinienwald von Fregene be-sagtes Ferien und Strand¬haus bauen. Carlo blieb dann zeitlebens in Rom, arbei-tete zuerst als Architekt, übernahm und führte später aber das elterliche Sanitär- und Heizungsgeschäft. Er plante zudem von Rom aus mit Unterstützung seines Cousin und Architekt-Kollege Paul Karpf (Pläne zeichnen und Abklärungen mit Behörden) neben dem Familienbesitz in Meilen ein Haus mit Einliegerwohnung. Als Carlo plötzlich starb, wurde das Projekt aufgegeben, das praktisch bis zur Baueingabe fertig war. Carlo starb mit 55 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Carlo und Luciana hatten 2 Kinder: Giorgio und Claudia. Nach Unstimmigkeiten in der Familie im Zusammenhang mit dem Tod von Carlo wurde der Kontakt zu Luciana und den Nachkommen leider vollkommen verloren.

Frieda Leemann-Karpf (1908-1991) immer "Lulu" gerufen, verh. mit Adolf Lehmann (1909-2003), Ein Sohn Adolf Junior, "Dölfi"(1932-2012),
Lehmanns hatten in Küsnacht ZH ein bekanntes Radio-TV-Geschäft und im glei-chen Haus das lokale Kino. Immer waren beide Elternteile vollamtlich im Ge-schäft engagiert, wobei Adolf Lehmann ein begnadeter Radio- und TV-Techniker und zeitlebens sehr stolz auf seinen Abschluss am Technikum Winterthur war. "Lulu", wie man Tante Frieda Leemann überall nannte, war ein Original im Dorf, verstand sich mit Kunden, Behörden und Lieferanten bestens und war sowohl im Laden wie an der Kasse im Kino in Küsnacht anzutreffen. Adolf spielte im Kino den Operateur und liess die Filme ablaufen. Meine Frau Frieda Gadient durfte hie und da einen Film, zu dem sie noch nicht zugelassen war, mit Onkel Adolf von der Operateuren-Kabine aus sehen! Tante Lulu hatte Frieda Gadient-Karpf sehr gerne, denn sie hatte immer das Gefühl, dass sie eine richtige "Frieda Karpf" sei, so wie sie es selbst gewesen ….
Nachkomme ist,
Adolf Leemann-Huber (1932-2012) verh. mit Lilian Huber. Sohn Adolf wurde zur Unterscheidung zum Vater grundsätzlich immer "Dölfi" gerufen. Es wurde erst etwas komplizierter, als Grossvater Adolf, Vater Dölfi und dann auch noch die 3. Generation "Dölfi junior" im Geschäft arbeiteten, denn alle drei Generationen Adolf Leemann hatten Radio- und TV-Fachmann gelernt.
Ca. 1960 eröffneten Dölfi und Lilian in Lachen SZ ein zweites, gut florierendes Radio- und TV-Geschäft und wohnten hoch über Altendorf in "Obergaden". Während meiner Zeit in Lachen SZ hatten wir regen Kontakt mit ihnen. Dank Dölfi besitze ich einige Carigiet Litho-graphien. Das kam so: Dölfi kannte den Schauspieler Zarli Carigiet. Und wenn dieser kein Geld mehr hatte, fuhr er im Auto ins Bündnerland zu seinem Kunstmaler-Bruder Alois, "lüschelte" ihm ein paar Lithographien ab und verkaufte diese dann. Auf dem Heimweg musste er damals in Lachen zwangsweise am Laden von Dölfi vorbeifahren, hielt rasch an und bot die Lithographien ihm an. Dölfi rief darauf meistens auch mich in der Schuhfabrik an, so dass ich auch kaufen konnte! Dölfi hatte inzwischen begonnen, einen Grosshandel mit Südkoreanischen Radio- und TV-Bestandteilen aufzuziehen, der ihn mehrmals pro Jahr in den Fernen Osten reisen liess. Irgendwann gefiel es ihm bei den Asiaten (oder eher Asiatinnen?) so gut, dass er das Geschäft in Lachen verkaufte und im Fernen Osten eine zweite Familie gründete und mit dieser zwischendurch ins Chalet im Geissbüehl in die Ferien kam. Am Schluss lebte er in dritter Ehe auf den Philippinen und ist da 2012 auch gestorben. Grosskind Dölfi jun. arbeitete immer bei den Grosseltern im Geschäft in Küsnacht tatkräftig mit, um später das Geschäft sogar in eigener Regie zu übernehmen, bis er es dann auch verkaufte.

Paul Karpf-Fenner (1909-1970), verh. mit Olga Fenner (1911-1988)
Paul Karpf erlernte im Küsnachter Baugeschäft Lorandi den Maurerberuf, aber auch selbständiges, zielsicheres Arbeiten und den Umgang mit Kunden, Vorge-setzten und Mitarbeitern. Nach ein paar Praxisjahren im Dorf und in Zürich trat er als Polier in das Küsnachter Baugeschäft Bruno Polla ein und führte gewissenhaft und verantwortungsvoll Baustellen mit bis zu 50 Bauleuten. Er bildete sich in Kursen des Schweiz. Polierverbandes ständig weiter, und mit seiner natürlichen Gabe, Leute zu führen, wurde er zum gefragten Bau-Fachmann. Auf der Baustelle war er wenig im Baubüro anzutreffen, denn er schrieb seine Rapporte und studierte die Baupläne meistens abends Zuhause ausserhalb der ei-gentlichen Arbeitszeit. Paul Karpf blieb bis zu seinem Tod der Firma Polla treu.
1937 verheiratete sich Paul Karpf mit Olga Fenner; 1938 kam Sohn Paul zur Welt und 1942 wurde Olgeli geboren. Die junge Familie bewohnte die 3 Zimmer-wohnung im unteren Stock des Chalet, und im abgeschrägten Obergeschoss lebten die Grosseltern. Ein gemeinsames Bad war im unteren Stock eingerichtet. Im Haus nebenan lebte Bruder Fritz mit seiner Familie und betrieb eine Gärtnerei. Als dann 1949 noch Nachzügler Hans geboren wurde, wurde die Wohnung eindeutig zu klein. Als 1947/49 im Tägermoos die 2. Etappe Eigenheimhäuser gebaut wurden (auf Land der Gemeinde und mit Bundessubventionen), packte die Familie zu und zog an die Tollwiesstrasse 12, wo jetzt Sohn Hans mit seiner Frau Susanne wohnt. Paul Karpf hatte ca. ein Jahr vor seinem Tod starke Beschwerden im oberen Bauchbereich, was er aber mit grosser Geduld und Disziplin überstand. Er starb 1970 viel zu früh an Bauchspeicheldrüsenkrebs und hinterliess Mutter Olga mit zunehmend schwerer Diabetes.

Nachkommen sind
Paul Karpf-Schäfer (*1938) verh. mit Rosemarie Schäfer (*1941), mit Töchtern Barbara (*1967) und Isabelle (*1970)
Paul Karpf erwarb nach 3 jähriger Bauzeichnerlehre im Büro Zürich des Küsnachter Architekten A. Winiger, 3 Jahren Büro- und Baupraktikum, Rekrutenschule, Unter-offiziersschule und Abverdienen in den Jahren 1959 – 1962 am Technikum Win-terthur das HTL Diplom in Architektur. In der Folge arbeitete er zu verschiedenen Malen im 12 Mann Büro von Architekt R. Zürcher im Seefeld, ein erstes Mal unter-brochen von einem beruflichen Aufenthalt 1963 – 1966 in Paris. Im Februar 1965 heiratete er seine Rosemarie im Kirchlein Wettswil, und nach Paris folgte von 1966 – 1968 ein Aufenthalt in Montreal in Kanada, wo er bei der Firma "Bechtel Enginee-ring" im Grossbüro arbeitete. In Montreal kam 1967 Tochter Barbara zur Welt. 1968 - 1971 arbeitete er an einer ihm besser zusagenden Stelle im Architekturbüro Prescott in Plattsburg, Upstate New York USA, am Lake Champlain. Als "Einwande-rer", gut eingebettet im Kreis von 4 Büroteilhabern, mit jovialem Chef und guter Kundschaft, baute die junge Familie im Sommer 1970 mit finanzieller Hilfe der El-tern ein Eigenheim in bewährter Holzkonstruktion. Ein Traum war Realität gewor-den. Im gleichen Jahr kam Tochter Isabel zur Welt. Doch mit dem frühen Hinschied von Vater Paul in Küsnacht und den schweren Diabetes-Problemen der Mutter Olga entschieden sich Rosemarie und Paul im Frühjahr 1971 zur Rückkehr per Septem-ber gleichen Jahres. Für diesen Zeitpunkt hatten sie in der Eigenheim-Genossenschaft eine 4 1/2 Zimmer Eigentumswohnung Sonnenrain 62 gekauft. Nach umfassenden Abklärungen über den zukünftigen Arbeitgeber (u.a. auch im Büro Zoelly) ging Paul Karpf wieder zu Zürcher Architekten zurück: Dort kannte er alle und wusste, auf was er sich einliess. Auch hatte er in Aussicht, Partner werden zu können.
Ende 1972 dann unverhofft Eintritt ins Büro des Küsnachter Kollegen Ernst Fluri mit einer Vereinbarung über die künftige Bürogemeinschaft Fluri und Karpf. In diese Zeit fällt die Architektengemeinschaft mit Pierre Zoelly für Planung und Realisierung der Überbauung Kleindorf/Im Hägni in Zollikon für seine wiederverheiratete Tante Frieda Spaltenstein, die frühere Frieda Karpf-Welti, die ich gegenüber den Architekten vertreten durfte. Schön war, dass gleichzeitig Bruder Hans als Polier auf der Grossbaustelle war; weniger schön, dass Paul Karpf im Detail alles "ausbaden" musste, was Pierre Zoelly mit seiner sprudelnden Phantasie ausheckte. Nach dem frühen Tod von Ernst Fluri Ende 1985 führte Paul Karpf das Büro bis zum Ende seiner erfolgreichen Berufstätigkeit im Jahre 2008 selbständig weiter, mit Übergabe an seinen langjährigen Bürokollegen Peter Gut und Übertritt in den wohlverdienten Ruhestand.
Rosemarie hatte wie Friedeli Gadient den Kantonal Zürcherischen Bibliothekaren Kurs absolviert und arbeitete nach erfolgreicher Abschlussprüfung in der Gemein-debibliothek Küsnacht im Höchhus an der Seestrasse mit, und dies mit grossem Wissensdurst und lebhaftem Gedankenaustausch. Daneben hegte und pflegte sie neben ihrer prächtigen Dachterrasse einen wunderbaren Schrebergarten, sodass Karpfs gemüsemässig fast Selbstversorger wurden.

Olga Rupprecht-Karpf (*1942), verh. mit Hans Rupprecht (*1940), mit Tochter Cornelia (*1969) und Sohn Lars (*1974)
Olga Karpf arbeitete nach der Handelsschule Juventus als kaufmännisch Angestell-te beim Weltwoche-Verlag auf der Werbeabteilung. Sie entschloss sich dann – ganz nach Familientradition – auf der Baubranche in einem Architekturbüro tätig zu sein. Der französischen Sprache wegen beschloss sie 1963, zusammen mit einer Freun-din nach Lausanne zu ziehen, wo sie in einem Ingenieurbüro tätig war. Auf der ers-ten Zugfahrt ins Welschland wollte es der Zufall, dass Olga ihrem zukünftigen Ehe-mann Hans Rupprecht begegnete: Hans, ein gebürtiger Münchner, war ebenfalls in Lausanne als Schriftsetzer tätig, welche Berufsgattung zu jener Zeit noch sehr ge-sucht war in der Schweiz.
Nach zwei Jahren beschlossen die beiden nach Zürich zurückzukehren, da Hans eine Ausbildung als Werbeassistent absolvierte und dabei bei PKZ in Zürich tätig war.
Olga trat dann eine Stelle als Alleinsekretärin in einer Werbeagentur in Zürich an, bei welcher sie bis zur Geburt von Tochter Cornelia beschäftigt war.
1968 heirateten die beiden und gründeten auf dem Zollikerberg eine Familie mit Tochter Cornelia und Sohn Lars, welche 1968 resp. 1974 das Licht der Welt erblickten.
Während diesen Jahren bildete sich Hans als Werbe- und Marketingleiter aus und arbeitete dabei in namhaften Werbeagenturen.
Er beschloss dann, sich selbständig zu machen und es war naheliegend, dass ihn seine Ehefrau in kaufmännischen Belangen unterstützte, soweit ihr das neben der Familie und der Umsorgung ihrer kranken Mutter möglich war.
1978 zügelte die Familie nach Küsnacht-Itschnach, da die Wohnung auf dem Zolli-kerberg zu klein geworden war und sich die Möglichkeit zum Kauf eines Reihen-Einfamilienhauses bot – wo man sich auch heute noch sehr Zuhause fühlt.
2002 nutzte Olga die Gelegenheit, einen Kurs zur Betreuung von Pflegebedürftigen zu besuchen und war nach dem Praktikum im Pflegeheim am See in Küsnacht dort noch acht Jahre lang mit grosser Genugtuung tätig.
Es ist eigentlich nicht ganz selbstverständlich, dass heute alle drei Geschwister im-mer noch in Küsnacht-Itschnach wohnen, wo sie aufgewachsen sind.

Hans Karpf-Ruckstuhl (*1949), verh. mit Susanne Ruckstuhl ("1958), mit Tochter Katia (*1984) und Sohn Stefan (*1986).
Hans Karpf durchlief von 1965-1968 eine Maurerlehre bei Gebr. Polla, Küsnacht, nicht zuletzt unter der strengen Aufsicht seines Vaters mit anschliessender Praxis von je 1 Jahr als Maurer und Zeichner Praktikant. 1971/72 Ausbildung an der Polierschule St. Gallen. Er war jetzt bereit zur Übernahme von Baustellen und arbeitete 1973-1989 als Polier und später als Bauführer im Baugeschäft W. Rüdisühli. Vom Patron Willy Rüdisühli gefordert und gefördert, durfte er als ver-antwortlicher Bauführer die Überbauung Kleindorf/Im Hägni in Zollikon für seine wiederverheiratete Tante Frieda Spaltenstein, die frühere Frieda Karpf-Welti zur vollsten Zufriedenheit von Auftraggeberin und Chef leiten. Schön war, dass sein Bruder in der Architektengemeinschaft Zoelly und Karpf die Verantwortung für die Ausführungspläne und die Bauführung hatte.
1983 verheiratete sich Hans Karpf mit seiner Susanne, die aber weiterhin im el-terlichen Milch- und Lebensmittelgeschäft aushalf. Sie wohnten anfänglich in Pfaffhausen, wo 1984 auch Tochter Katia zur Welt kam. Im gleichen Jahr baute er nach erfolgter Erbteilung das Elternhaus oberhalb des Schübelweihers um, und die junge Familie zog anschliessend da ein. Damit kam auch die Teilzeitarbeit von Susanne zu einem Ende, umso mehr als 1986 Sohn Stephan zur Welt kam.
1990 folgte Hans dem Ruf der Firma Polla als Bauleiter, bzw. in das geschäftslei-tende 4er Gremium mit Vereinbarung über eine zukünftige Beteiligung. Die Dinge nahmen dann einen etwas anderen Verlauf: 2004 übernahm Hans die Firma zu-sammen mit einem Partner als Polla AG, Inhaber S. Rupper / H. Karpf. Die an-gespannte Situation auf dem Baumarkt erforderte von den Verantwortlichen grössten Einsatz, was bei Hans leider zulasten der Gesundheit ging. 2006 musste er sich einer glücklicherweise erfolgreichen Herzoperation unterziehen. Das danach kategorisch verlangte "Slow down" hatte zur Folge, dass er auf seinen über alles geliebten ICE Hockey-Sport im Kreise seiner Jugendfreunde verzichten musste. Eine sehr erfolgreiche Hockey Karriere ging damit zu Ende, die als 13 Jähriger bei den Junioren des SCK begonnen hatte, über eine lange "Nati-B-Zeit", immer im SCK, bis zu den Senioren, die jetzt zum Golf gewechselt haben. 2014 trat dann Hans unter Aufgabe seiner Partnerschaft in den wohlverdienten Ruhestand.
Susanne arbeitete wie bereits erwähnt bis zu ihrer Heirat voll im elterlichen Ge-schäft mit, später noch Teilzeit. Ihr grosses Engagement aber galt dem Unterricht als Eislauf Instruktorin, sei es beim Kunsteislauf aber auch für junge Hockeyspieler. Seit 2010 leistet sie im Heim Bethesda Teilzeitarbeit als geschätzte Telefon- und Empfangs-Fachkraft und nützt ihre freie Zeit für Familie und Freunde.
Ur- und Grosseltern WELTI von Frieda Gadient-Karpf
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2.2.  Karpf Vorfahren – Vorfahren mütterlicherseits von Frieda Gadient-Karpf.

Ur- und Grosseltern WELTI von Frieda Gadient-Karpf

Urgrossvater Emil Welti-Ernst (ca.1858-1928), verh. mit Elisabeth Ernst.

Emil Welti, dessen Vater erst 1870 von Zürich Enge herkommend in Zollikon eingebürgert wurde, wuchs auf einem Hof in der Nähe des Balgrists auf. Er heiratete eine Elisabeth Ernst, die im Kleindorf 14 wohnte. Emil Welti-Ernst war nebst Bauer noch Friedensrichter. Als seine Frau Elisabeth 1928 starb, wollte auch er nicht mehr weiterleben und verlor jeden Lebensgeist. Er folgte seiner Frau nur wenige Monate später in den Tod.

Urgrossmutter Elisabeth Welti-Ernst, (ca.1858-1928), verh. mit Emil Welti.

Wie Emil Welti die Bauerntochter Elisabeth Ernst vom Kleindorf Zollikon kennen lernte ist nicht bekannt. Deren Elternhaus war der untere Teil des Hauses Kleindorf 14 (das heutige Kleindorf 14a), zu dem damals noch ziemlich viel Umschwung im "Hägni" gehörte. Nach der Heirat lebte die junge Familie im Kleindorf 14. Es gelang scheinbar dem Ehepaar Welti-Ernst, auch den oberen Teil des Hauses dazu zu kaufen und sie zogen danach in diesen scheinbar etwas besser ausgebauten, oberen Hausteil. Elisabeth Welti-Ernst verstarb nach einer schweren Krankheit im Jahr 1928.

Sie hatten zusammen die folgenden 6 Kinder:

Grossvater Emil Welti-Dübendorfer (1873-1966), verh. mit Frieda Dübendorfer. Emil war der Älteste der sechs. Statt die 3. Sekundarklasse zu besuchen absolvierte er ein Welschland-Jahr. 1908 heiratete er mit 35 Jahren Frieda Dübendorfer von Gerlisberg.

Grossvater Emil Welti litt ab dem 55 Altersjahr an einer *deformierenden Hüftgelenkentzündung" und war dann zeitlebens behindert, da man damals kaputte Hüftgelenke noch nicht ersetzen konnte und sich eine natürliche Versteifung einstellte. Vorher war Emil Welti ein eifriger Bergsteiger gewesen. Um trotz seiner Behinderung Ferien in den Bergen verbringen zu können, machte er mit seiner Familie mehrmals Ferien auf Passhöhen oder in einem Berghospiz. Da es um den Hof im Kleindorf herum langsam zu wenig Landwirtschaftsland gab, bewirtschaftete er zusätzlich gepachtetes Land im Dorf und im Berg. Im Zumiker Süessplätz, damals noch Feuchtgebiet, das erst während des 2. Weltkrieges melioriert wurde, gewann man Streu. 

Emil Welti-Dübendorfer war eine grosse Persönlichkeit und diente neben seinem Bauernberuf praktisch sein ganzes Leben lang in den verschiedensten Funktionen der Öffentlichkeit:

  • 1901-1904 Mitglied der Kirchenpflege
  • 1904-1914 Kirchenpflege-Präsident
  • 1913-1925 Gemeinde-Präsident von Zollikon (schwierige Jahre des 1. Weltkrieges)
  • 1913-1316 Mitglied der Kirchenpflege
  • 1913-1925 Mitglied der kantonalen Kirchensynode,
  • 1924-1950 Präsident Heinrich Ernst-Fonds-Kommission,    
  • 25 Jahre lang Präsident der Vorsteherschaft der Holzkorporation Zollikon,
  • 30 Jahre lang Verwaltungsrat Leihkasse Neumünster
  • 15 Jahre lang Mitwirkung im Altersheim Zollikon
  • 10 Jahre lang Präsident der BGB Ortspartei Zollikon (heute SVP)

Grossvater Welti überliess möglichst nichts dem Zufall, auch was die Zeit nach ihm anging. Mit einem Erbvertrag aus dem Jahre 1946 regelte er scheinbar klar, wie sein Erbe aufgeteilt werden sollte. Seine älteste Tochter Frieda mit Schwiegersohn Fritz sollten etwas bevorzugt werden, da diese seinerzeit nach dem Tod von Sohn Armin ihre Selbständigkeit mit der eigenen Gärtnerei in Itschnach aufgegeben hatten und als seine Pächter nach Zollikon gekommen waren. Er vermachte ihnen deshalb das Haus Klein­dorf 14 und die Scheune mit etwas Umschwung; die anderen Töchter bekamen "nur" Land. Bei der tatsächlichen Erbteilung in den späten 60er Jahren musste man den Vertrag dann etwas relativieren, da das Land vielmehr an Wert zugenommen hatte als Haus und Scheune mit Baujahr 1808. Kompliziert wurde es zusätzlich dadurch, dass Fritz und Frieda Karpf-Welti seinerzeit den gesamten Erlös aus dem Verkauf ihrer Gärtnerei in Itschnach neben dem Neubau von zwei Gewächshäusern und einem Rüstraum in die Renovation und den Umbau von Kleindorf 14 gesteckt hatten. Das Haus und das Land gehörte ja aber immer noch dem Vater, und man hatte es seinerzeit unterlassen, diese Investitionen in fremdes Eigentum vertraglich festzuhalten und im Grundbuch einzutragen. Aber glücklicherweise fand man bei der Erbteilung trotzdem einen Kompromiss, der alle zufrieden stellte.

 

Tante Louise Streuli-Welti, (1876?-1963?), war mit dem verwitweten Emil Streuli in Feldmeilen verheiratet. Über Emil Streuli wissen wir nicht viel, ausser dass er aus einer 1. Ehe drei Kinder hatte, wovon eine Tochter davon später die Frau von Onkel Karl Welti wurde (siehe unten 2.2.1.4).

Sie hatten zusammen 3 Kinder.

Onkel Hans Streuli-Karpf, (ca. 1900-1975) verh. mit Mily Karpf, mit Carlo Luciana und Hans Irma.

Diese Familie wird detaillierter in Abschnitt 2. Vorfahren Karpf väterlicherseits behandelt (siehe oben)

Hans Streuli war Heizungs- und Sanitärtechniker und befand während einer Ferienreise nach Rom, dass dort genügend reiche Leute ohne Heizung und Warmwasser und keine Fachleute im Land wären. Er baute deshalb in den 30er Jahren in Rom ein bedeutendes Heizungs- und Sanitärgeschäft auf. Bei Kriegsausbruch schichte er seine Söhne Carlo und Hans, phasenweise auch seine Frau Mily, in die Schweiz zu Mutter und Schwester im Elternhaus in Feldmeilen. Carlo und Hans gingen in der Schweiz zur Schule und studierten anschliessend: Hans an er Universität Zürich Zahnarzt und Carlo an der ETH Architektur.

Sohn Hans (1932-2015) blieb zeitlebens in Meilen und hatte da eine Zahnarztpraxis. Er war ein passionierter Segler, Bergwanderer und Maler. Seine Frau Irma lebt in der Residenz Meilen.

Sohn Carlo (1933-1988) arbeitete zuerst als Architekt in Zürich, dann in Rom und übernahm später das väterliche Heizungs- und Sanitärgeschäft in Rom, starb aber sehr früh an Bauchspeicheldrüsenkrebs. 

Max Streuli-Schmid, (ca. 1905- 1970), verh. mit Martha Schmid, betrieb lange in Südfrankreich einen Bauernbetrieb mit Schafen, Gänsen und Geflügel, bevor er sich dann ebenfalls im Elternhaus in Meilen zur Ruhe setzte. Max Streuli blieb kinderlos.

Louisli Streuli (ca. 1910- 1980), ledig, wohnte zeitlebens im Elternhaus in Feldmeilen, zuerst zusammen mit ihrer Mutter, pflegte Haus und Garten und sorgte eine wichtige Zeit in ihrem Leben für ihre Neffen Hans und Carlo. Louisli war eine passionierte Seglerin. Auch Louisli Streuli blieb kinderlos.

 

Tante Berta Borsari-Welti (ca.1880-1953) verh. mit Eugen Borsari (1877-1934). Sein Vater Giacomo Borsari (1843-1890) hatte 1873 eine Firma gegründet, "die sich auf "Borsari-Tanks", d.h. die Sanierung und Erstellung von Tanks und Behältern zur Lagerung von Lebensmittel, Heiz- und Dieselöl, Benzin, Chemikalien und Flüssigkeiten ganz allgemein" spezialisiert hatte.
Diese Tankbaufirma blieb lange ein Familienunternehmen und existiert auch heute noch, allerdings nicht mehr in Familienbesitz.               

Sie hatten zusammen 3 Kinder:

Eugen Borsari,(1905-1995), verh. 1934 in 1. Ehe mit Trudy Huber. Aus 1. Ehe stammen 3 Kinder. Eugen Borsari-Dreher (*1935), Peter Borsari-Payne (*1938) und Riccardo Borsari (*1944); verh 1963 in 2. Ehe mit Maria Koller (1918-2008).

Adolf Borsari-Zahner, (1908-2002), verh. mit Alexa Zahner (1909-1999), Sie hatten 3 Kinder: Ueli Borsari-Sennhauser (*1940), Eduard Borsari-Kauter (*1942) und Marina Kaufmann-Borsari (*1944)

Clara Grafunder-Borsari (1910-2005), verh. 1940 in 1. Ehe mit Prof. Walter Grafunder (1898-1953). Aus dieser Ehe stammt Tochter Christine Kuyper-Graffunder (*1947); verh. 1960 in 2. Ehe mit Wittwer Arnold Sennhauser (1899 - 2000?), wohnhaft im Kleindorf 12 in Zollikon (also Nachbarn von Weltis und Karpfs). Diese 2. Ehe blieb kinderlos. Für ihren zweiten Mann Arnold Sennhauser war es auch die 2. Ehe: In erster Ehe war er mit Sonja Thomann verheiratet; daraus stammen 3 Töchter: Marianne Hohl-Senn­­hauser (*1931), Brigitte Biedermann-Sennhauser (*1935) und Christine Schmid-Senn­hauser (*1939).       

Für unsere Familie Gadient-Karpf ist zu Sennhausers Folgendes interessant:
So wie das Haus Kleindorf 14, also das ursprüngliche "Ernst-Haus", je durch Heirat zum "Welti-Haus" und dann zum "Karpf-Haus" wurde, so wurde das Nachbarhaus Kleindorf 12 je durch Heirat vom "Thomann-Haus" zum "Sennhauser-Haus", zum "Bidermann-Haus" und schlussendlich zum heutigen "Jeuch-Haus", wobei Bidermanns heute im Kleindorf 10, der ursprünglich dazugehörigen Scheune wohnen, die inzwischen zu einem Wohnhaus umgebaut wurde.
Der Brunnen zwischen den Häusern Kleindorf 12, 14 und 16 ist im gemeinsamen Besitz der drei Hausbesitzer: Jeuch, EG Frieda Spaltenstein (Gadient/Karpf) und Martheli Welti.
Frieda "Fischli" Gadient-Karpf wuchs mit den Nachbarinnen Marianne, Brigitte und Christine Sennhauser im Kleindorf Zollikon auf. Der Zufall wollte es, dass der Mann von Marianne Sennhauser "Hansruedi Hohl", ein St. Galler Freund von Hans Ruedi Gadient war, was eine doppelte Bekanntschaft bedeutete
Adolf Borsari und Frieda Spaltenstein (ehemals Frieda Karpf-Welti) waren Cousin und Cousine. Da Sohn Ueli Borsari mit Adrienne eine Sennhauser heiratete, gibt es damit nicht nur eine nachbarschaftliche sondern sogar eine verwandtschaftliche Beziehung zwischen Karpfs und Sennhausers.

Für Hans Ruedi Gadient ist zu Borsari-Tanks ist noch Folgendes anzumerken: Ich lernte Borsari-Tanks auf ganz spezielle Art kennen: In Vila Nova da Gaia bei Porto, wo ich ab 1968 am Aufbau einer Schuhfabrik arbeitete, waren wir zuerst in einer ehemaligen Portweinkellerei eingemietet, wo es Beton-Tanks für die Herstellung und Lagerung von Portwein gab, welche mit „Borsari“ angeschrieben waren. Ich hatte damals aber noch keine Ahnung, dass dies etwas mit jenen Borsaris zu tun hatte, die mit meiner Frau verwandt waren. Wenn wir jeweils zu wenig Platz hatten, öffnete ein Maurer wieder einen solchen, innen mit weissen Keramikplättli ausgekleideten „Borsari-Portweintank“, indem wir eine Türöffnung herausbrachen, eine Türe und Beleuchtung installierten. So gewannen wir jeweils immer wieder einen zusätzlichen, fensterlosen Raum!

 

Onkel Karl Welti- Streuli, (ca. 1882-????), verh. mit Ida Streuli, Tochter aus 1. Ehe von Emil Streuli, der spätere Gatte von Louise Streuli-Welti (Siehe oben 2.2.1.2). Die Tochter aus 1. Ehe wurde damit zugleich Schwägerin ihres Vaters, bzw. Stieftochter und Schwägerin ihrer Stiefmutter. Onkel Karl war Dipl. Arch. ETH und hatte ein eigenes Architekturbureau. Er war jahrelang der Hausarchitekt der Betontank-Baufirma Borsari, mit deren Besitzern er über seine Mutter ja verwandt war. Er baute aber auch für die Familie seines Bruders Emil zwischen dem bisherigen Elternhaus (Kleindorf 14!) und dem Rebberg an der Goldhalde das Haus Kleindorf 16, in welchem heute Fischlis Tante Marta Oechsli-Welti wohnt. Er baute aber auch das Haus und die Werkstatt der ehemaligen Spenglerei Schmid im Kleindorf, sowie das Haus an der Seestrasse, das er dann jahrelang selber bewohnte und wo auch Friedelis Bruder Albert mit Nelly Karpf-Sturm und Familie lange wohnten, bis sie nach dem frühen Tod von Vater Fritz Karpf-Welti ins Kleindorf 14 zogen.

Seine Frau Ida wurde im Alter depressiv und schied freiwillig aus dem Leben. Traurig war, dass Tochter Verena das gleiche Leiden geerbt hatte und ebenfalls freiwillig aus dem Leben schied.

Nachkommen waren:

Ruth Welti (1929-2010), Lehrerin. Sie war einige Male Teilnehmerin an Reisen des Kulturkreis Zollikon, die ich als Vorstandsmitglied organisiert hatte. Sie starb unverheiratet und kinderlos. Ruth Welti soll scheinbar ebenfalls etwas Ahnenforschung betrieben haben, wovon es einen Bericht gäbe. Dieser ist aber  unauffindbar.

Verena  Welti (????-????) brach ein Architekturstudium ab und absolvierte anschliessend eine kaufmännische Ausbildung. Sie lebte in Genf und arbeitete für die SUISA, die dafür sorgt, dass die Rechte der Urheber von Musik beachtet und dass Sie angemessen für die Nutzung Ihrer Werke entschädigt werden. Verena nahm sich wie ihre Mutter das Leben.

 

Tante Beti (Elisabeth) Welti (ca.1885-ca.1970), ledig, wohnte lange im heutigen Kleindorf 14A, also dem unteren Teil des Elternhauses der Frau ihres Grossvaters Emil Welti-Ernst, und zwar mehrere Jahre zusammen mit ihrer Nichte Elisabeth Welti. (Das Haus war damals natürlich noch nicht umgebaut. Dies geschah erst 1968, als Frieda Karpf-Welti nach dem Tod ihres Mannes Fritz ihrem Sohn Albert den oberen Hausteil überliess und im unteren Hausteil einzog.

 

Tante Lineli Welti (1890-ca.1902), starb im Kindesalter. Martheli erinnerte sich, wie sie mit ihrem Vater hie und da auf den Friedhof zum Grab ihrer Tante Lineli ging. Ihr Grab lag bergwärts der Lindenallee beim unteren Haupteingang des Friedhof Zollikon
Ur- und Grosseltern DÜBENDORFER von Frieda Gadient-Karpf
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2.2.  Karpf Vorfahren – Vorfahren mütterlicherseits von Frieda Gadient-Karpf.

Ur- und Grosseltern DÜBENDORFER von Frieda Gadient-Karpf

Grossmutter Frieda Welti-Dübendorfer (ca.1886-1974), verh. mit Emil Welti in Zollikon. Frieda Welti-Dübendorfer wuchs als jüngste von 6 Schwestern und 1 Bruder auf einem Bauernhof in Gerlisberg auf. Über ihre Jugend weiss man wenig, ausser dass sie als Dienstmädchen bei Emil und Elisabeth Welti Ernst arbeitete und dort den Sohn und ihren späteren Mann Emil Welti kennen lernte. Sie war auch später die relativ stille Frau, die ihren Mann auf dem Bauernhof tatkräftig unterstützte, und ihm so eigentlich erst ermöglichte, alle die vielen öffentlichen Ämter zu bekleiden. Ich lernte sie vor allem an den Familien-Weihnachtsfeiern am 26.12. im Kleindorf 16 kennen, wo sich die Verwandtschaft übrigens auch heute noch zu einer kleinen Weihnachtsfeier mit anschliessendem Essen trifft. Grösi hatte es gern lustig und setzte sich jeweils immer in die Nähe jener Leute, bei denen viel gelacht wurde. Es gibt zudem ein prächtiges Foto von der Weihnachtsfeier 1969, wo sie mit allen ihren damaligen 7 Enkelinnen und Enkel auf dem Kanape in der grossen Stube sitzt: Mit Roland und Sandra Karpf, Annemarie und Thomas Karrer (Ernst), Evelyne Karrer (Walter), Andrea und Alexa Gadient. Es fehlt noch Christian Karrer (Walter).

Die älteren Geschwister der Grossmutter mütterlicherseits von Frieda Gadient-Karpf, von denen in unserer näheren Verwandtschaft praktisch niemand mehr etwas weiss, waren:

Onkel Heiri Dübendorfer führte den Bauernhof in Gerlisberg weiter. Hatte eine Tochter Margrith, welche die erste Frau von Alfred Spaltenstein, dem zweiten Mann meiner Schwiegermutter Frieda Karpf-Welti war.

Tante Lina Dübendorfer wohnte später in Möhlin.

Tante Anna Dübendorfer

Tante Pauline Dübendorfer

Tante Emma Bader-Dübendorfer

Tante Margrith Dübendorfer

Tante Friedel Homberger-Dübendorfer

Von der Dübendorfer Familie ist mir nichts bekannt

Kinder von Emil Welti und Frieda Dübendorfer sind:
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2.2.  Karpf Vorfahren – Vorfahren mütterlicherseits von Frieda Gadient-Karpf.

Kinder von Emil Welti und Frieda Dübendorfer sind:

Meine Schwiegermutter Frieda Karpf-Welti (1909-1989), in 1. Ehe verh. mit Fritz Karpf, in 2. Ehe verh. mit Alfred Spaltenstein.

Nachkommen aus erster Ehe sind: Albert Karpf-Sturm (Nelly) mit Sohn Roland und Tochter Sandra, und Frieda Gadient-Karpf mit Töchtern Andrea und Alexa.

Detailliertere Angaben dazu siehe im „Kapitel 4: Karpf Elternhaus"

         

Lina Welti ( 1911-????), ledig, "Haustochter", wie es dies früher im ureigensten Sinn des Wortes noch gab: Das hiess, dass sie im elterlichen Bauernbetrieb dort half, wo es not tat. Daneben war sie in der reformierten Kirchgemeinde Sonntagsschul-Lehrerin. Sie war ein eher stilles Wesen und hatte es gern gemütlich.

 

Louise Karrer Welti (1913-????), verh. mit Ernst Karrer(1908?-1980?).

Ernst Karrer war ein hervorragender Geschäftsmann und baute seine Gärtnerei von ganz klein zu einer richtigen Grossgärtnerei mit mehreren, geheizten Gewächshäusern aus, so dass man ganzjährig ein Angebot hatte. Hauptsächlich wurde Gemüse angebaut. Wenn es aber z. B. mit Blumen etwas zu verdienen gab, war Ernst Karrer sehr flexibel. Seine Frau Louisli stand ihm dabei tatkräftig zur Seite. Zusammen mit seinem Schwager Fritz bildeten die zwei ein unternehmungslustiges Duo, wobei daraus zusammen mit ihren Frauen oft ein Quartett wurde.

Nach dem Tod der Eltern Louise und Ernst übernahmen die Söhne Ernst und Walter zusammen das elterliche Geschäft, wobei sich Ernst mehr um die Produktion und Walter mehr um den Zukauf und den Verkauf kümmerte. Ab einem gewissen Moment stieg Walter dann aus dem Geschäft aus und nahm Wohnsitz in Veysonnaz in der Westschweiz. Nach Erreichen der Altersgrenze von Ernst dachte man, dass sein Sohn Thomas, ebenfalls gelernter Gärtner, zusammen mit Evelyne, der Tochter von Walter die Verantwortung gemeinsam übernehmen sollten. Das funktionierte aber nicht. Thomas arbeitet heute ausserhalb des elterlichen Geschäfts und derzeit führt Evelyne und ihr Mann Fredi das Geschäft, wobei Onkel Ernst Karrer immer noch im Haus wohnt und mithilft.

Ihre Kinder sind:

Ernst Karrer-Dändliker (*1937), verh. mit Liselotte Dändliker (????-????), mit Annemarie (*????-????)  und Thomas (*????)

Walter Karrer-??? (*????), verh. mit Susi ???  (*????) mit Evelyne (*????) und Christian (*????)  (Yvonne?).

 

Emil Welti (1914-1957), ledig, starb relativ früh mit 43 Jahren an ????

 

Armin Welti (1915-1944), gelernter Gärtner, ledig, fiel als Freiwilliger in einer deutschen SS-Division in Karelien an der Ostfront.

 

Elsbeth Welti (1917-1985), lernte in der Schneiderei Clausen im Zürcher Seefeld Weissnäherin, blieb ledig, arbeitete mehrheitlich Zuhause. Half auch im elterlichen Haushalt mit und lebte dann jahrelang nebenan bei Vaters Schwester Beti.

 

Martha Oechsli-Welti (*1927) verh. mit Fritz Oechsli (1927-2005) Martheli Oechsli kam als Nachzüglerin 10 Jahre nach ihrer jüngsten Schwester Elsbeth zur Welt. Sie durfte Damenschneiderin lernen und Klavierunterricht geniessen. Ihr späterer Mann Fritz war Heizungs- und Sanitärtechniker und arbeitete nach der Lehre und einigen Berufsjahren in Genf. Nach ihrer Heirat im Jahre 1951 zog sie zu ihrem Mann nach Genf, wo auch ihre Töchter Doris und Elsbeth zur Welt kamen. Fritz Oechsli  nahm in den 60er Jahren  eine Stelle im Heizungs- und Sanitärgeschäft von Nationalrat Ulrich Meyer-Boller in Zürich an.

Sein weitherum bekannter Chef fungierte von 1941 bis 1951 als Präsident des Schweizerischen Spenglermeister- und Installateur-Verbandes, sowie von 1951 bis 1968 Präsident des Schweizerischen Gewerbeverbandes, später sogar Ehrenpräsident. Weiter amtierte er von 1971 bis 1974 als Stiftungsratspräsident des Schweizerischen Nationalfonds. Ausserdem gehörte Meyer dem Bankrat der Schweizerischen Nationalbank und dem Verwaltungsrat der SUVA an.

Die dadurch bedingten vielen Abwesenheiten seines Chefs erlaubten es Fritz, sehr selbständig zu werden und vor allem begann er unternehmerisch zu denken und handeln.

Fritz und Marteli wohnten im oberen Stock des elterlichen Hauses im Kleindorf 16. Aus dieser Zeit stammt die ganz spezielle Beziehung, die Friedeli Gadient-Karpf zu Oechslis hatte. Martheli und Fritz waren zwar Tante und Onkel, generationen-mässig aber eher engste Freunde. Zilüü, wie Friedeli bei Oechslis immer genannt wurde (Der kleine Peter hatte ein französisches "Salut" in ein "Zilüü" umfunktioniert!), verbrachte unzählige Stunden bei Oechslis, rauchte dabei zünftig zusammen mit Fritz, wobei man über Gott und die Welt sprach. Nachdem Zilüü dann ihren Hans Ruedi kennen gelernt hatte, führte sie auch diesen dort ein. Oechslis und Gadients wurden so wirklich gute Freunde, vor allem natürlich noch besonders, nachdem sie 1994 in Zollikon Nachbarn geworden waren. Ein Werkzeug- und Maschinen-Pool, der Wegweiser "Chemin d'Apéro" sowie das Signalbuch für die kleinen Jagdhörner zeugen davon. Hans Ruedi begann dann zudem auch Bäume und Reben zu spritzen, als Fritz dies zu mühsam wurde, und im hohen Gras kleine Wege zu mähen, auf welchen Fritz jeweils noch gerne etwas spazierte. Sein Tod war ein Schock, so wie später auch der Tod von Friedeli. Am sehr herzlichen Verhältnis zwischen Martheli und Hans Ruedi tat das aber keinen Abbruch, im Gegenteil. 

Zurück zum Heizungs- und Sanitärbetrieb: Fritz war primär Heizungstechniker und konnte dann zusammen mit seinem Kollegen Sanitärtechniker das Unternehmen Ulrich Meyer-Boller erwerben, in einer späteren Phase wurde er sogar alleiniger Inhaber des Betriebes. Sohn Peter als potentieller Nachfolger im Geschäft des Vaters verunfallte leider mit 16 Jahren mit seinem Töffli und blieb danach sehr stark behindert, sodass er dafür nicht mehr in Frage kam. Fritz Oechsli führte das Geschäft, bis er altershalber einen Nachfolger suchte und es schliesslich verkaufte.

Fritz führte auch die Familientradition in der Ausübung eines öffentlichen Amtes weiter und war von 1974 - 1990 Aktuar in der Vorsteherschaft der Holzkorporation Zollikon, das daran anschliessend von seinem Schwiegersohn Dr. Dieter Hug übernommen wurde. Im Jahre 2016 wurde Dieter Hug sogar zum Präsidenten der Holzkorporation Zollikon gewählt.

Kinder von Marteli und Fritz sind.

Doris Hug–Oechsli (*1952), verheiratet mit Dr. Dieter Hug (*1952), Doris ist gelernte Buchhändlerin und arbeitete relativ lange auf ihrem Beruf. Sie führte am Schluss selbständig eine Buchhandlung in Zürich Enge. Dieter ist Rechtanwalt mit Büro in Zollikon, wohnt aber mit Doris und ihren Kindern Simon und Bertina im Elternhaus der Hugs an der Titlis­strasse in Zürich. Doris und Dieter besorgen heute den Rebberg an der Goldhalde, wobei ich immer noch als Spritzmeister mithelfen darf. Dieter führt wie oben erwähnt die Familientradition eines Amtes in der Vorsteherschaft der Holzkorporation Zollikon weiter.

Elisabeth Oechsli (*1954), unverheiratet, ist  Musiklehrerin in Fribourg. Pepsi, wie sie genannt wird, konnte 2015 in Riedstatt in der Gemeinde Guggisberg ein ehemaliges Schulhaus mit etwas Umschwung erwerben, wo sie in einem ehemaligen Klassenzimmer einen Flügel und ein Tschembalo stehen hat und dort auch Stunden geben kann. Im grossen Garten zieht Pepsi leidenschaftlich Gemüse und Blumen.

Peter Oechsli (1956-2012), nach einem Unfall 1972 mit einem Töffli stark behindert, wohnte lange Jahre relativ selbständig in einer Wohnung im Haus an der Waffenplatzstrasse, in welchem unten drin das Heizungs- und Sanitärgeschäft es Vaters war. Mit seinem Dreiradvelo verschob er sich jeweils sehr selbstbewusst in der Stadt Zürich und fuhr auch zu den Eltern ins Kleindorf nach Zollikon. In den Ferien fuhr er sogar mehrmals mit seinem Dreirad durch Paris und reiste damit in Irland, wobei er einige Male mit viel Glück und starken Schutzengeln grösseres Ungemach abwenden konnte. Am Schluss lebte er dann, leider etwas unglücklich, im Behindertenheim Bärenmoos in Oberrieden ZH, wo er 2012 plötzlich und unerwartet starb.
Meine Mutter Selina Gadient-Kunz
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3.1.  Elternhaus von Gadient Hans Ruedi – Meine Mutter Selina Gadient-Kunz.
Selina Gadient-Kunz (1889-1980) wuchs mit zwei Schwestern und einem Bruder in Uzwil auf und verlor sehr früh ihren Vater, der in Uzwil bei der Maschinenfabrik Bühler Werkzeugmacher war. Selina soll eine hervorragende Schülerin mit Bestnoten gewesen sein. Nach der Primar- und Sekundarschule besuchte sie die Frauenarbeitsschule in St. Gallen, wo sie die Abschlussprüfung als Damenschneiderin machte. Sie arbeitete aber nur kurz auf dem Beruf, da sie sich scheute, "einfach in so teure Stoffe hinein zu schneiden" (Originalaussage meiner Mutter!). Deshalb ging sie an die Schule zurück und liess sich auch noch als "Weissnäherin" ausbilden. Auf ihr hervorragendes Abschluss-Zeugnis der Frauenarbeitsschule war sie ein Leben lang sehr stolz: Es hing in meiner Jugend eingerahmt neben dem Wandtelefon im Korridor unserer Wohnung in St. Gallen St. Fiden. Im Anschluss an die Frauenarbeitsschule arbeitete meine Mutter in der Wäscherei bei der Familie Bühler in Uzwil, wo sie vor allem komplizierte Männerhemden und Damenblusen mit Rüschen stärkte und bügelte. Ihre Arbeit bei der Fabrikantenfamilie Bühler gefiel ihr sehr. Selina war unter den Angestellten scheinbar etwas der Liebling von Frau Bühler, was die auf sie eifersüchtige Köchin veranlasst haben soll, die Frau Direktor Bühler darauf hinzuweisen, dass es der Kunz doch Zuhause mit der Kostgängerei gut gehe und die Selina deswegen nicht so viel Taglohn brauche, was Selina sehr ärgerte.
Analog ihrer Mutter mit der Kostgängerei machte sich deshalb auch Selina selbständig, wobei weiterhin fest zugesagte Aufträge für die Familie des Industriellen Bühler halfen, die Startschwierigkeiten zu überwinden. Bald stellte sich auch finanzieller Erfolg ein, vor allem dank ihrer Spezialität, Herrenhemden und Damenblusen Stärken und Bügeln. Sie hatte ihren Arbeitsplatz in einem Zimmer des Elternhauses eingerichtet, wobei damals besonders darauf geachtet werden musste, dass beim Bügeln keine Asche aus dem mit glühender Kohle geheizten Bügeleisen auf die frischgewaschene Ware gelangte. Selina war überglücklich, als es dann endlich die ersten elektrischen Bügeleisen gab, und man nicht mehr jeden Tag den Kohleofen aufheizen musste, was vor allem im Sommer fast unerträglich heiss machte.
Hier in ihrem Elternhaus lernte sie dann meinen Vater kennen, der als Industrie Spengler bei der Firma Bühler arbeitete und als Kostgänger ihrer Mutter bei ihnen im Haus aus und ein ging. Sie freute sich sehr, als Johann Gadient aus Flums um ihre Hand anhielt, denn sie war doch schon 28 Jahre alt. Sie heiratete ihn 1918 und zog mit ihm nach St. Gallen, wo er eine Stelle bei der Stadtpolizei angenommen hatte, eine Stelle mit Pension, was damals in der Zwischenkriegszeit und während der Weltwirtschaftskrise um 1930 sehr viel wert war. Als Hochzeitsgeschenk erhielt sie von ihrer Mutter, der damaligen Zeit entsprechend, ein Gebiss (!): Damals war es Mode, jungen Frauen zur Hochzeit alle Zähne, auch alle gesunden, zu ziehen und ein optisch schönes Gebiss anzupassen, was allerdings das notwendige Kleingeld dazu voraussetzte, das ihre Mutter scheinbar hatte. Daneben erhielt sie noch eine hölzerne Truhe und eine Kommode als Mitgift.
Meine Mutter war eine sehr gottesfürchtige, warmherzige und seelengute Frau. Sie hätte auch noch ihr Eigentum verschenkt, wenn es jemandem schlecht gegangen wäre. Harmonie in der Familie bedeutete ihr alles, und sie litt jeweils sehr, wenn es zu ganz normalen, kleineren Familienzwisten kam.
Meine Mutter half auch nach ihrer Heirat weiterhin mit, das monatlich verfügbare, bescheidene Einkommen meines Vaters etwas aufzubessern, indem sie für ein paar Kunden weiterhin Herrenhemden Stärkte und Bügelte. Ende Monat, nach dem Zahl-tag, konnte ich jeweils miterleben, wie es meiner Mutter als "Finanzchef" der Familie Sorgen bereitete, neben dem sakrosankten Sackgeld meines Vaters und der Wohnungsmiete alle übrigen, fälligen Rechnungen zu bezahlen. Die Familie hatte darunter aber praktisch nie zu leiden, schon gar nicht wir Kinder.
Mein Vater hatte relativ lange regelmässig Nachtdienst, ging aber auch sonst noch oft in den Ausgang. Er begründete seine vielen, abendlichen Ausgänge (meistens zum Jassen ins Pöstli St. Fiden), dass er nur dort die notwendigen Informationen und Hinweise für seinen Beruf als Fahnder erfahre. Meine Mutter litt manchmal etwas unter dem Allein-Sein mit den Kindern, daneben stellten sich oft Migräne-Schübe mit starkem Kopfweh und Erbrechen ein. Damit sie zwischendurch auch einmal eine Abwechslung hatte, schenkten wir ihr oft an Geburtstagen oder Weihnachten ein Abonnement für das Kino Apollo an der Grossackerstrasse gleich um die Ecke. Mit solchen Kinobesuchen hielt sie sich so manchmal etwas schadlos und kam jeweils nach einem schönen Film sehr glücklich nach Hause.
Mein Vater Johann Rudolf Gadient-Kunz
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3.2.  Elternhaus von Gadient Hans Ruedi – Mein Vater Johann Rudolf Gadient-Kunz.
Mein Vater Johann Rudolf Gadient-Kunz (1890-1975), verheiratet mit meiner Mutter Selina Kunz.
Mein Vater wuchs im Flumser Grossberg mit elf Geschwistern auf, wobei 2 Mädchen schon bald nach der Geburt starben. Sein Vater war Bauer und Baumeister. In erster Linie baute er Viehställe und Heuschober, starb aber schon mit 46 Jahren an Magenverschluss, heute würde man wahrscheinlich von Magenkrebs sprechen. Trotzdem durften alle Buben eine Lehre machen. Mein Vater besuchte die damaligen 7 Pflichtschuljahre in Flums und absolvierte dann eine Lehre als Bau Spengler. Als Bühler Uzwil Industrie Spengler für die Verkleidung der Maschinen mit Blech suchte, meldete er sich, da ihm die Arbeit in einer Fabrik sicherer und wetterunabhängiger schien als auf dem Bau. Hier lernte er in der Kostgängerei der Witwe Albertine Kunz seine spätere Frau Selina kennen. Durch einen Schwager seines Vaters namens Manhart wurde er in Uzwil auf eine offene Stelle bei der Stadtpolizei St. Gallen aufmerksam gemacht. Er meldete sich und wurde angenommen. In der unsicheren Zwischenkriegszeit war eine derart sichere Stelle beim Staat und dies erst noch mit einer Pension im Alter (was damals eigentlich nur die Staatsangestellten hatten) eine sehr gute Sache. Mit dieser festen Anstellung warb er um meine Mutter und auch da hatte er Erfolg. Nach der Hochzeit wohnten meine Eltern zuerst an der Laimatstrasse in St. Gallen, dann in St. Fiden, bis sie, als die Familie grösser und mein Vater Chef des Polizeipostens St. Fiden wurde, in eine 5 Zimmerwohnung an der Rorschacherstr.116, im 4 Stock des Café Zimmermann umzogen, wo sie bis kurz vor ihrem Tode blieben. In dieser Wohnung wurde ich dann auch geboren.
Mein Vater hatte im Gegensatz zu meiner Mutter eine recht rauhe Schale und war oft etwas aufbrausend; im Innersten war aber auch er ein herzensguter Mensch, wahrscheinlich meistens zu gut, zu weich und zu kompromissbereit, um sich privat, aber vor allem beruflich durchzusetzen. Nach vielen Jahren bei der uniformierten Polizei wurde er Fahnder und brachte es bis zum stellvertretenden Fahnder Chef der Stadtpolizei St. Gallen.
Daneben hatte er zwei grosse Hobbies:
Erstens die zwei Schrebergärten im Grossacker, in welchem er an seinen Freitagen (als Kompensation zum Nachtdienst) Gemüse, Beeren und viele Blumen hegte und pflegte. Wir waren vor allem während dem 2. Weltkrieges fast Selbstversorger. Und ich durfte im Vorschulalter immer mit meinem Vater in den Garten gehen um zu helfen, was ich sehr gerne machte. Während der Schulzeit waren es dann nur noch die freien Nachmittage. Ich erinnere mich auch sehr gut, wie jeweils Zuhause nicht etwa meine Mutter sondern mein Vater seine heimgebrachten Blumen einzeln wie eine Floristin in eine passende Vase zu wunderbaren Sträussen einstellte.
Zweites Hobby war die Polizeimusik: Hier blies er den Es-Bass und wurde Ehrenmitglied. Jene Musiker, die ein Jahr lang an keiner Probe gefehlt hatten bekamen einen gravierten Silberbecher! Viele solche Becher stehen noch heute bei mir im Gläser-Schrank.

Meine Eltern hatten 6 Kinder:
Mein Bruder Rudolf Gadient
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3.3.  Elternhaus von Gadient Hans Ruedi – Mein Bruder Rudolf Gadient.
Rudolf Gadient (1918-1930). Rudolf war scheinbar in jeder Beziehung ein Musterkind, starb aber als Zwölfjähriger schon drei Jahre vor meiner Geburt an Leukämie. Meine Mutter war an seinem Todestag mit meiner Schwester Beatrice im 6. Monat schwanger und litt zeitlebens am Verlust ihres Erstgeborenen.
Meine älteste Schwester Selin Klein-Gadient
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3.4.  Elternhaus von Gadient Hans Ruedi – Meine älteste Schwester Selin Klein-Gadient.
Selin Klein-Gadient, (1921-2005), verheiratet mit Fritz Klein, keine Kinder. Selin besuchte nach der Primar- und kath. Sekundarschule die städtische Handelsschule Talhof. Nach dem Handelsdiplom lernte sie als Au-pair in Genf Französisch. Dann arbeitete sie als Sekretärin, zuerst bei Fischbacher in St. Gallen und dann bei der Obi-Pektin in Bischofszell. Dann zog sie als Chefsekretärin mit ihrem Chef zur Uni-Pektin nach Zürich. Nachdem die Frau ihres Chefs früh starb, heiratete sie ihren mehr als 25 Jahre älteren Chef Fritz Klein. Sie bauten zusammen ein Haus in Erlenbach ZH, wobei Fritz dann sehr bald Privatier und Hausmann wurde, während Selin wieder ihrer früheren Tätigkeit als Sekretärin nachging.
Während meiner Studentenzeit an der ETH und meiner Zeit bei der SWISSAIR wohnte ich bei ihnen in Erlenbach. Wir hatten es sehr gut miteinander, und Fritz war für mich fast wie ein zweiter Vater, von dem ich übrigens in geschäftlichen Angelegenheiten und im Umgang mit Personal viel lernen konnte. Zeitweise teilte ich dann das Gästezimmer mit dem kleinen Michael, dem Erstgeborenen meiner jüngsten Schwester Béatrice, der nach der Abreise ihres ersten Mannes eine gewisse Zeit während der Woche durch Selin betreut wurde.
Selin bewohnte nach dem Tod ihres Mannes 1964 das Haus allein weiter, bis sie es nach 3 Einbrüchen innerhalb 6 Monaten etwa 1980 verärgert verkaufte und nach Thalwil in eine sehr schöne Wohnung zog, wieder mit Seeblick, aber jetzt von der Gegenseite her.
Meine zweitälteste Schwester Dorli Rupp-Gadient
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3.5.  Elternhaus von Gadient Hans Ruedi – Meine zweitälteste Schwester Dorli Rupp-Gadient.
Dorli Rupp-Gadient (1923-2011), verheiratet mit Albert Rupp (1917-2007), mit den Kindern Hannes, Doris und Andreas.
Dorli machte in der Bäckerei / Konditorei Zimmermann in St. Gallen St. Fiden eine Verkäuferinnenlehre und arbeitete nachher jahrelang beim Spielwarengeschäft Zollikofer, was nicht zuletzt auch mir zugut kam, da sie Spielsachen für den kleinen Bruder etwas billiger kaufen konnte. Daneben machte sie aber immer wieder unbezahlten Urlaub, um in der Bäuerinnen Schule Kusterhof in Rheineck das Bäuerinnen Handwerk zu erlernen. Nach einer unglücklichen Liebe mit Hans Eberle in Walenstadt heiratete sie Albert Rupp, einen Bergbauern aus Valens im Taminatal. Die Arbeit war für ein Stadtmädchen sehr hart, und als dann kurz hintereinander die drei Kinder zur Welt kamen, erlitt Dorli einen Nervenzusammen-bruch. Albert und Dorli verkauften den Hof im Duonig in Valens mit Viehzucht und Waldwirtschaft und kauften einen Hof im Thurgau in Erdhausen, Gemeinde Egnach. Dort musste Albert umstellen auf Milch- und Obstwirtschaft, und da zum Hof noch ein Wirtshaus gehörte, erwarb Dorli das Wirte Patent. Als mein Vater pensioniert wurde, amtete er bei Dorli und Albert als "Knecht" und damit konnte er in der Wirtsstube nach Herzenslust mit den Bauern Jassen. Albert hatte Mühe mit dem neuen Gewerbe und blieb ein Bergbauer. Als dann auch noch keiner der Buben Bauer werden und sie lieber Studieren wollte, sah Albert keinen Sinn zum weiterhin im Unterland zu bleiben. Ihm fehlten vor allem die Berge. Als man in der Kantonalen Anstalt in Pfäfers einen Meisterknecht suchte, entschlossen sich Dorli und Albert, den Hof im Thurgau wieder zu verkaufen und in Bad Ragaz an der Seestrasse ein Einfamilienhaus mit Einliegerwohnung zu bauen, und Albert wollte bis zu seiner Pensionierung die Stelle in Pfäfers annehmen. Fortan lebten Rupps in Bad Ragaz, Albert fuhr fortan mit einem Moped nach Pfäfers zur Arbeit. Da Dorli schon in Erdhausen angefangen hatte, sich zur Katechetin auszubilden, gab sie nach dem Umzug ins St. Galler Oberland in Chur und in Bad Ragaz Religions-unterricht. Meine Eltern verbrachten ihre letzten Jahre dann im Haus von Dorli und Albert in der eigentlich für sie vorgesehenen Einliegerwohnung, wo sie von Dorli jahrelang auch betreut wurden.
Albert genoss nach Vollendung seines 65. Altersjahres sein Pensionären-Dasein in vollen Zügen. Er verbrachte einige Sommer auf der Alp und hatte endlich auch genügend Zeit für ausgedehnte Spaziergänge, seinen Schiesssport (Er war Matcheur im Bezirk Sargans!) und seine Ländler Musik (Er spielte jahrelang in einer Kleinformation den Bass). Nach einem Leben praktisch ohne Krankheiten litt er ganz am Ende unter Alterbeschwerden, so dass Dorli ihn pflegen musste. Albert, vor allem aber Dorli waren sehr stark im Glauben verwurzelt. Tochter Doris sagte unter anderem in ihren „Gedanken an den Vater“, anlässlich seiner Beerdigung in der Valenser Kirche: „Dorli und Albert waren über 60 Jahre verheiratet. In dieser Kirche haben sie sich das Ja-Wort gegeben. Wir in der Familie wussten immer, dass eigentlich nur der Glaube an Gott die Eltern so lange zusammenhalten konnte. Die geistigen Ebenen dieses Paares waren sehr unterschiedlich. Der unerschütterliche Glaube gab ihnen diese unerhörte Kraft. Sie blieben zusammen – und jetzt kann man sagen - bis dass der Tod sie scheidet. Und nun ist es so weit.“
Dorli lebte bis 3 Wochen vor ihrem Tod in ihrem Haus in Bad Ragaz, bis sie doch noch in ein Altersheim nach Maienfeld umziehen musste. Fischli und ich besuchten sie dort noch ein letztes Mal. Sie litt schon länger an sehr starken Trigeminus-Schmerzen. Als diese dann im Altersheim mit Medikamenten nicht mehr zu lindern waren, verlegte man sie ins Spital Walenstadt, wo sie für alle völlig unerwartet starb.
Ich hatte zu Dorli und Albert eine ganz besondere Beziehung, verbrachte ich doch die meisten meiner Schulferien in der Sekundar- und Kantonsschulzeit bei der jungen Familie in Valens, und zwar zu allen Jahreszeiten. Vieles bleibt mir unvergesslich: Einige Male begleitete ich den lokalen Geissen Peter Ludwig Hobi mit den Ziegen auf ihrem täglichen Ausflug auf die Alp und wieder zurück. Einige Tage durfte ich auf Alp Lasa mit den Sennen verbringen und dabei ganz alleine den Pizol besteigen. Ich erinnere mich gut an den Heuet im Maiensäss mit Kinderhüten und das zweitägliche Holen von Verpflegung im Dorf unten bei der "Nane", die im Haus lebte. Ferner, wie Albert mit der Flinte Maulwürfe erlegte, oder mir Jungschützenkurs gab, oder wie ich im Winter hinter dem Haus eine wunderbare Skisprungschanze baute, auf der man sehr weit springen konnte, die aber einen unwahrscheinlich gefährlichen, bzw. überhaupt keinen Auslauf hatte, oder wie ich mit Amalie, der Schwester des Geissen Peters, das erste Mal küsste…
 
Nachkommen sind:
Hannes Rupp-Koch (*1946), verheiratet mit Claudia Koch, mit den Kindern Susan, Beat und Eliane
Doris Nicola-Rupp (*1948), verheiratet in 1. Ehe mit Vittorio Cadario. Aus dieser Ehe stammt Tochter Gina; in 2. Ehe verheiratet mit Magdi Nicola, ohne Kinder;
Andreas Rupp (1950-2000), verheiratet in 1. Ehe mit Elisabeth Mathis mit 3 Mäd-chen: Tanja, Eveline und Jaqueline; in 2. Ehe verh. mit Petra Arnold, mit Sohn Christopher. Andreas stürzte auf der Hochwildjagd über einen Fels Kopf zu Tode.
Meine zweitjüngste Schwester Lisbeth Blöchliger-Gadient
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3.6.  Elternhaus von Gadient Hans Ruedi – Meine zweitjüngste Schwester Lisbeth Blöchliger-Gadient.
Lisbeth Blöchliger-Gadient (1925-1982), verheiratet mit Rudolf Blöchliger (1921-2010) mit den 5 Kindern Ruedi, Marlies, Anita, Suso und Isabel.
Lisbeth war scheinbar ein schmächtiges, gegenüber den zwei älteren Schwestern eher ein etwas kränkliches Kind. Sie schlug sich als Kind beim Spielen beide oberen Schaufelzähne aus und war deswegen oft etwas geniert. Ferien verbrachte sie gerne bei ihrer Grossmutter in Uzwil. Nach der Primar- und kath. Kantons-Sekundarschule besuchte Lisbeth wie ihre Schwester Selin die städtische Handelsschule Talhof, um dann auch Fremdsprachen Sekretärin zu werden. Lisbeth war glücklich, dass ihr alles Lernen sehr leicht fiel. Nach dem Handelsdiplom lernte sie zuerst als Au-Pair im Welschland Französisch. Ins Englisch sprechende Ausland konnte sie infolge des 2. Weltkrieges leider nicht, also lernte sie Zuhause Englisch, vor allem im Kino, denn das war praktisch die einzige Möglichkeit Englisch zu hören. Um auch üben zu können, trat sie dem Anglo-Swiss-Club bei. Sie träumte auch immer von Reisen in fremde Länder und korrespondierte jahrelang mit Freundinnen, die im Ausland lebten. Nach dem Welschlandjahr arbeitete sie wie ihre Schwester Selin als Sekretärin bei Fischbacher in St. Gallen, und das bis zu ihrer Heirat. Später, nach ihrer Hochzeit, gab sie auch ohne Lehrerinnenpatent Stenographie an "ihrem" Talhof. Daneben engagierte sie sich in der Pfarrei und im Vorstand der Frauenturngruppe St. Martin Bruggen als Leiterin im Turnen. Sie nahm Gesangsstunden und trat während der Fasnacht mit einem Lehrercabaret in Teufen auf. Ebenfalls in dieser Zeit bildete sie sich weiter zur Leiterin von Elternkursen der SAKES (Schweizerischen Ausbildungs-Gemeinschaft für Kursleitung und Erwachsenenschulung) und hielt an diversen Orten der Ostschweiz Vorträge über Erziehung oder z.B. „Den Weg der Frau“. Als das Frauenstimmrecht eingeführt wurde, schrieb sie in ihr Tagebuch: "Heute haben uns die Schweizermänner das Stimmrecht geschenkt".
Sie nahm sich so zwar ihre Freiräume, unterstützte aber immer auch ihren Mann tatkräftig mit Sekretariatsarbeiten, damit dieser seinen kleinen, privaten Lehrmittelverlag weiterentwickeln konnte, den er neben dem Schulunterricht betrieb. Ruedi war zuerst Lehrer an der Gesamtschule Oberwald, das zu Waldkirch gehörte, und wo er auch in der Kapelle Siegrist war. Dort erlebte ich zwei Mal wunderbare Ferien: Ich erinnere mich, dass ich für Ruedi in der Kapelle in der Neujahrsnacht begann, das neue Jahr einzuläuten, und er mich nicht wie versprochen spätestens nach der ersten Viertelstunde ablöste und ich also auch noch die zweite Viertelstunde läuten musste! Dann wurde er für ein paar Jahre Lehrer in St. Gallen-Bruggen, bevor er dann bis zur Pensionierung in St. Gallen-Winkeln blieb. Ein grosser Wurf gelang dem Lehrer Blöchliger mit seinem Mengenlehre-Rechenbuch. Sich auf dieses Rechenbuch beziehend, drehte das ZDF (Zweites Deutsches Fernsehen) in St. Gallen Winkeln in seinem Schulzimmer mit seiner Klasse eine 15 teilige Fernsehsendung, die damals grosses Aufsehen erregte. Mit dem Honorar für diese TV-Sendung konnten Lisbeth und Ruedi ihren Traum von einem eigenen Einfamilienhaus erfüllen, das sie im St. Galler Vorort Abtwil bauten.
Auch in Abtwil stellte sich Lisbeth neben Haus und Familie immer wieder für öffentliche Ämter zur Verfügung. Sie wurde 1972 für die CVP in den Schulrat gewählt, ein Amt, das sie bis zu ihrem Tod mit Begeisterung ausübte. Das Familienglück wurde dann jäh zerstört, als Lisbeth im 56. Altersjahr bei einem Autounfall tödlich verunglückte. Ruedi überlebte seine Lisbeth dann um 28 Jahre und starb 2010 über 90 jährig.
Ruedi war in der Armee zwar nicht Pilot aber immerhin Beobachter geworden, gehörte also zum "Fliegenden Personal". (Er hatte mich nach meinem Rauswurf aus der Fliegerschule ja auch ermuntert, trotz allem in die Unteroffiziersschule einzurücken, und zwar mit dem eindeutigen Ziel, Offizier zu werden, da die Offiziersausbildung praktisch eine unentgeltliche Grundstufe einer Managementausbildung wäre). Diese ehemaligen Beobachter wurden später als sog. "Auswerter" auf den Kriegsflugplätzen mit Aufklärungsflugzeugen eingesetzt: Sie mussten die von den Aufklärern aufgenommenen Filme und Fotos auswerten und interpretieren. Als ich Kommandant der Flieger Reparatur Kompanie 10 in Buochs war und in den Wiederholungskursen mit meiner Kompanie auch diese Aufklärungsflugzeuge betreute, hatten Ruedi und ich jedes Jahr zwei Wochen gemeinsamen Militärdienst. Wir trafen uns fast täglich zum Kaffee und konnten dann wunderbar die grosse Verwandtschaft durchhecheln… .
Nachkommen sind:
Ruedi Blöchliger-Joller (*1949), heiratete 1975 Gaby Spirig mit Sohn Ivo (*1976), geschieden 1981, verheiratet seit 1982 mit Hildegard Joller, mit Eva (*1982), Regina (*1984), Jonas (*1985) und Lea (*1987).
Marlies Eeg-Blöchliger (*1953), heiratete 1974 Geir Eeg (*1950), mit Sohn Bendik Andreas (*1978), geschieden seit 1985.
Anita Blöchliger Moritzi (*1955), verheiratet seit 1975 mit Reto Moritzi (*1950), mit Diego (*1975), Wilma (*1977) und Nina (*1979)
Suso Blöchliger-Hamburger (*1960), verheiratet mit Verena Hamburger (*1959), mit Miriam (*1989), Janice (*1993) und Marvin (*1995)
Isabel Bader-Blöchliger (*1963), verheiratet seit 1990 mit Erich Bader (*1959), lebt getrennt, mit Natalie (*1991) und Colette Anais Zoe (*1996).
Meine jüngste Schwester Béatrice Stadlin-Gadient
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3.7.  Elternhaus von Gadient Hans Ruedi – Meine jüngste Schwester Béatrice Stadlin-Gadient.
Beatrice Stadlin-Gadient (*1930), verheiratet in 1. Ehe mit Serge Maradan. Aus dieser Ehe stammt Sohn Michael Stadlin, verheiratet mit Yvonne Stadelmann. In 2. Ehe verheiratet mit Alois Stadlin. Aus dieser Ehe stammen Tochter Beatrice Stadlin, geschieden und Sohn Hanspeter Stadlin, verheiratet mit Isabelle Daunois.

12 Wochen nach dem Tod des Erstgeborenen Rudolf kam meine Schwester Béatrice als viertes Mädchen zur Welt. Da sie nur drei Jahre älter war als ich hatten wir unter den Geschwistern eigentlich den engsten Kontakt. Nach Primar- und kath. Kantonssekundarschule wollte auch sie wie ihre Schwestern Selin und Lisbeth als Sekretärin arbeiten. Um sich sprachlich weiterzubilden, verbrachte sie nach der obligatorischen Schulzeit so wie es damals üblich war in einem Haushalt, und zwar zuerst 6 Monate im Tessin und anschliessend 6 Monate in Lausanne! In der Handelsschule Schedler in St.Gallen machte sie ihr Handelsdiplom und trat dann als Sekretärin eine Stelle in Lausanne an. Im KV in Lausanne besuchte sie regelmässig abends die Debattenschriftkurse in Stenographie. Sie war so gut, dass die Lehrer auf sie aufmerksam wurden. In Absprache mit ihrem Chef durfte sie als einzige Deutschschweizerin in einer welschen Klasse die Lehrabschlussprüfung nachholen und erwarb so einen KV-Abschluss. In dieser Zeit hier in Lausanne lernte sie ihren späteren ersten Mann Serge Maradan kennen.
Zurück in St Gallen arbeitete sie in verschiedenen Firmen als Sekretärin, als im Frühling 1956 plötzlich ihr alter Bekannter Serge aus Lausanne wieder auftauchte und um ihre Hand anhielt. Er war eben von einem Einsatz aus Saigon Indochina zurückgekommen, denn er hatte als Doppelbürger seinen obligatorischen Militärdienst nicht in der Schweiz sondern bei der Französischen Luftwaffe absolviert und arbeitete derzeit in St. Astier, einer französischen Luftwaffenbasis in der Dordogne. Im Oktober wurde in St. Gallen geheiratet und das junge Paar bezog eine Wohnung in St. Astier. Es reifte aber bald der Entschluss, künftig in St. Gallen in der Schweiz zu leben, wobei Serge aber eine 6-monatige Kündigungsfrist einhalten musste. Sie zügelten deshalb im März 1957 wieder nach St. Gallen und durften sich bei den Eltern in St. Finden an der Rorschacherstr.116 einmieten, was deshalb möglich war, da der Vater seit der Pensionierung mehrheitlich auf dem Bauernhof bei Dorli und Albert im Thurgau lebte. Béatrice begann wieder als Sekretärin zu arbeiten und suchte für ihren Mann einen Arbeitsplatz, während Serge für die Kündigungszeit allein nach Frankreich zurück musste und nur gelegentlich zu Besuch kam. Im Oktober kam Serge dann endlich definitiv nach St.Gallen, wo er eine Stelle als Werkzeugmacher antrat. Inzwischen erwartete Béatrice ein Kind, und am 9.2.58 kam Michael auf die Welt. Im Mai überraschte dann Serge nicht nur seine Frau sondern uns alle mit einer ganz plötzlichen Abreise zurück nach Frankreich, da er scheinbar in St. Gallen unglücklich war. Bea reichte die Scheidung ein und wurde im Frühling 1959 geschieden. Selin nahm den kleinen Michael für eine gewisse Zeit zu sich nach Erlenbach, wo er eine Zeit lang dann mit mir das Gästezimmer im 1. Stock teilte. Im Juli 1960 lernte Bea ihren Alois Stadlin kennen, damals Pro-Rektor des KV Zürich, den sie ein Jahr später im Juli 1961 heiratete. Erster Wohnsitz der Frischvermählten war am Hambergersteig in Zürich Tiefenbrunnen, wo nun auch Sohn Michael wieder in die Obhut der Mutter kam. Im März 1963 kam Tochter Béatrice auf die Welt, was einen Umzug in eine grössere Wohnung nach Rüschlikon zur Folge hatte. 1965 kam noch Sohn Hanspeter auf die Welt. Alois war inzwischen Rektor des KV Zürich geworden und zog daneben noch einen eigenen, privaten Lehrmittelverlag auf, mit welchem er sehr erfolgreich war. Noch vor der Geburt von Béatrice jun. hatte Alois Stadlin Michael, Beas ersten Sohn, adoptiert. Sie wohnten bis zum Tod von Alois 1999 in Rüschlikon, Béatrice Sen. wohnt seither in einer Eigentumswohnung in Horgen. Béatrice Jun. und Hanspeter mit Isabelle wohnen auch in Horgen, während Michael mit seiner Familie in Thalwil lebt.
Nachkommen sind:
Michael Stadlin (*1958), war verheiratet mit Yvonne Stadelmann (1964-2016), mit Tochter Kerstin
Beatrice Stadlin (*1963), geschieden, ohne Kinder
Hanspeter Stadlin (*1965), verheiratet mit Isabelle Daunois ("1972?), mit Sohn Philipp (*2016)
Hans Ruedi Gadient-Karpf
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3.8.  Elternhaus von Gadient Hans Ruedi – Hans Ruedi Gadient-Karpf.
Hans Ruedi Gadient-Karpf (*1933), verheiratet gewesen mit Frieda Karpf (1937-2013). Sie haben 2 Töchter:
Andrea Heinzelmann-Gadient (*1963), geschieden mit Jan, Per und Finn, sowie
Alexa Bosshard-Gadient (*1966), verh. mit Philipp Bosshard, mit Fabian und Nils.

Über mich und unsere Familie schreibe ich ausführlicher in den nachfolgenden Kapiteln.
Meine Schwiegermutter Frieda Spaltenstein
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4.1.  Elternhaus von Karpf Frieda – Meine Schwiegermutter Frieda Spaltenstein.
Frieda Spaltenstein (1909-1989), in 1. Ehe verheiratet mit Fritz Karpf (1907-1961); aus dieser Ehe stammen Sohn Albert Karpf, verh. mit Nelly Sturm, und Frieda Gadient-Karpf, verh. mit Hans Ruedi Gadient. Nach dem frühen Tod von Fritz Karpf heiratete meine Schwiegermutter einen ebenfalls verwitweten Alfred Spaltenstein (1899-1983): Dessen 1. Frau war eine Margrit Dübendorfer, Tochter eines Bruders von Fischlis Grossmutter Frieda Welti-Dübendorfer.
Meine Schwiegermutter wuchs auf einem bäuerlichen Heimwesen, zu dem auch ein Rebberg gehörte, im Kleindorf 14 in Zollikon mit 2 Brüdern und 3 Schwestern auf. Ihr Vater war aber nicht nur Bauer, sondern er stellte sich auch immer wieder für öffentliche Ämter der Allgemeinheit zur Verfügung. Nach ihrer obligatorischen Schulzeit durfte sie ein Jahr nach England um Englisch zu lernen. Sie verlobte sich mit einem Albert Karpf aus Küsnacht, der aber kurz darauf ganz plötzlich starb. Darauf warb sein Bruder Fritz Karpf um ihre Hand, ein gelernter Gärtner, der eben in Küsnacht Itschnach begonnen hatte, eine eigene Gärtnerei einzurichten. Sie heirateten im Dezember 1932 und meine Schwiegermutter Frieda half ihrem Fritz tatkräftig beim Aufbau des eigenen Betriebes, und nacheinander kamen Sohn Albert und Tochter Frieda zur Welt. Die Kinder hatten in der unmittelbaren Nachbarschaft ihr Grösi väterlicherseits sowie die Familien von seinem Bruder Paul Karpf und ihrer Schwester Louise Karrer-Welti, ja die Kinder gingen sogar gemeinsam zur Schule, drei gleichaltrige davon sogar in die gleiche Klasse. Es war ein richtiges Nest von Verwandten!
Friedas Bruder Armin, ein gelernter Bauer, damals übrigens noch eine grosse Seltenheit, arbeitete nach der Rekrutenschule ausserhalb des väterlichen Bauernbetriebes in einer Gartenbaufirma und wurde dort von einem deutschen Mitangestellten und fanatischen Nazi derart negativ beeinflusst, dass er 1943 bei Nacht und Nebel illegal über die Grenze ging und sich in Deutschland als Freiwilliger an die Front meldete. Er fiel 1944 als Soldat in einer SS-Division an der Ostfront in Karelien. Das war ein harter Schlag für ihren Vater, der damit seinen Stammhalter und Nachfolger auf dem Hof verloren hatte, denn ein zweiter Bruder war schon früher gestorben.
Nun fragte ihr Vater Emil Welti seine älteste Tochter und ihren Mann Fritz, ob sie nicht zu einer Freundschaftspacht den Hof übernehmen könnten; sie müssten ja nicht mehr Bauern sondern könnten auf dem Land im Hägni ja Gärtnern. Meine Schwiegereltern waren schweren Herzens damit einverstanden, den eigenen Betrieb aufzugeben und in Miete zu gehen. Nun liess Vater Emil Welti durch seinen Bruder und Architekten zwischen Elternhaus und Rebberg das Haus Kleindorf 16 bauen und zog nach dessen Vollendung mit dem Rest seiner Familie dorthin um, damit meine Schwiegereltern Kleindorf 14 für sich bereitstellen konnten. Sie hatten inzwischen ihre Gärtnerei in Itschnach verkauft und den Erlös in den Bau von zwei Gewächshäusern sowie einem Gemüse-Rüstraum investiert. Ferner wurde in Kleindorf 14 im 1. Stock neu ein Bad eingebaut, die Küche modernisiert und zwei Kinderzimmer hergerichtet. Die Familie zog 1947 von Küsnacht Itschnach ind Kleindorf nach Zollikon um.
Auch hier half Frieda weiterhin tatkräftig im jetzt reduzierten Bauern- und Gärtnereibetrieb mit. Sie hatten in Aldeli eine italienische Haushalthilfe angestellt, deren Mann Fuffi auf dem Bau arbeitete, zusammen mit Aldeli jedoch auch im Haus Kleindorf 14 wohnte und zum Essen auch am Tisch sass. Ihr Mann Fritz Karpf wurde ernsthaft krank und hatte Mühe, den Betrieb aufrecht zu halten und war froh, als Sohn Albert, nach bestandener Gartenbauschule in Genf ebenfalls im elterlichen Betrieb mithalf. An Allerheiligen 1960 starb er an einem unheilbaren Krebsleiden.
Nachdem sie noch einige Jahre zusammen mit Sohn Albert den Betrieb weiterge-führt, diesen aber dann ihm zur Alleinverantwortung übergeben hatte, verheiratete sie sich 1967 nochmals, und zwar mit Alfred Spaltenstein, mit dem sie bis 1983 ihren Lebensweg teilen durfte. Durch Erbteilung bekam Frieda Spaltenstein Haus Kleindorf 14 und einen Teil des Landes, so dass der untere Teil des mit Erstellungsjahr 1808 in die Jahre gekommenen Elternhauses Kleindorf 14 zu einer schönen Wohnung umgebaut werden konnte und wo Spaltenssteins fortan wohn-ten.In den oberen Hausteil zog die Familie ihres Sohnes Albert.
Die 70er und 80er Jahre wurden dann aber überschattet durch Beginn und Ausbreitung der Parkinson'schen Krankheit, die ihr das Leben zunehmend erschwerte und ab 1982 mit einem kleinen Unterbruch den Aufenthalt im Pflegeheim Bethesda in Küsnacht nötig machte. 1983 starb ihr zweiter Mann Alfred Spaltenstein. Erstaunlicherweise sprach sie im Bethesda nie mehr von ihm: Seinen Tod hatte sie wahrscheinlich bereits nicht mehr ganz mitbekommen. Und den plötzlichen Tod ihres Sohnes Albert an Sylvester 1988 realisierte sie glücklicherweise nicht mehr in seiner ganzen Schwere. Sie starb am 9. Oktober1989: Ihr Tod erlöste sie von ihrem Leiden
Mein Schwiegervater Fritz Karpf
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4.2.  Elternhaus von Karpf Frieda – Mein Schwiegervater Fritz Karpf.
Fritz Karpf-Welti (1902 -1960) wuchs mit 2 Schwestern und 3 Brüdern in Küsnacht auf. Nach der obligatorischen Schulzeit lernte er in der Kantonalen Gartenbauschule Châtelaine in Genf Gärtner. Nach seinem Abschluss arbeitete er in den 20er bis anfangs 30er Jahre mehrere Jahre in den USA auf seinem Beruf und sparte sich dort so viel Geld zusammen, dass er auf mehreren Heimataufenthalten in Küsnacht-Itschnach, "im Geissbüehl" ein altes Haus mit viel Umschwung kaufen konnte. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz und dem plötzlichen Tod seines Bruders Albert hielt er um die Hand dessen Verlobte Frieda Welti aus Zollikon an und heiratete sie im Jahre 1932 . Auf seinem aus eigenen Ersparnissen in Itschnach erstandenen Land baute er sich zusammen mit seiner Frau Frieda eine eigene Gemüse- und Blumengärtnerei auf. Eine Schwester von Frieda hatte bereits den Gemüsegärtner Walter Karrer geheiratet, der ebenfalls in Küsnacht-Itschnach, etwas unterhalb des Schübelweihers, eine Gärtnerei betrieb, allerdings immer etwas grösser als jene von Fritz Karpf. Dann wurde die junge Familie grösser: Nacheinander kamen 1934 Sohn Albert und 1937 Tochter Frieda auf die Welt.
Nach dem Krieg wurde dann der schon bei Fischlis Mutter beschriebene, für die Betroffenen wahrscheinlich äusserst schwierige Umzug nach Zollikon zur Gewissheit: Von der Gärtnerei auf eigenem Grund und Boden auf Pachtland von Schwiegervaters Bauernhof war für Ihn wahrscheinlich eine Zäsur, wobei der Verkaufserlös von Itschnach sofort in Haus und Hof investiert wurde, leider ohne jegliche vertragliche Vereinbarungen, was später bei der Erbteilung zu grösseren Diskussionen führte.
Mein Schwiegervater litt leider schon sehr früh an Asthma, dann kamen noch gewisse Krebsleiden hinzu. Auf alle Fälle war er sehr froh, als Sohn Albert, nach bestandener Gartenbauschule in Genf, ebenfalls im elterlichen Betrieb mithalf. An Allerheiligen 1960 starb Fritz Karpf viel zu früh mit 58 Jahren an einem Krebsleiden. Die Familie war untröstlich, vor allem Friedeli, war sie doch ein echtes Papa-Titi gewesen.
Mein Schwager Albert Karpf-Sturm
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4.3.  Elternhaus von Karpf Frieda – Mein Schwager Albert Karpf-Sturm.
Albert Karpf-Sturm (1934-1988), verh. mit Nelly Sturm ("1935).
Albert besuchte bis in die 2 Sekundarschulklasse die Schule in Küsnacht und litt nach dem Umzug nach Zollikon zeitlebens etwas am Verlust seines Küsnachter Freundes-kreises. Nach der Sekundarschule besuchte er wie sein Vater die Kantonale Garten-bauschule Châtelaine in Genf. Aus der ursprünglich geplanten Ausbildung in anderen Betrieben wurde dann aber leider nichts, denn er trat zur krankheitsbedingten Entlastung seines Vaters in den elterlichen Gärtnereibetrieb in Zollikon ein.
Er heiratete Nelly Sturm, die Uhren- und Schmuck-Verkäuferin bei Türler am Paradeplatz in Zürich war.
Nach dem frühen Tod seines Vaters führte Albert den elterlichen Betrieb weiter, zuerst zusammen mit seiner Mutter, später selbständig zusammen mit seiner Frau Nelly.
Als man bei dieser relativ kleinen Betriebsgrösse einfach auf keinen grünen Zweig kam, hörte er mit dem Gemüse- und Blumenanbau auf und machte Gartenbau und Tiefbau: In erster Linie erstellte er für die Rediffusion Hausanschlüsse, zusammen mit zwei Angestellten. Als er auch damit keinen eindeutigen Erfolg hatte, arbeitete er bei einem befreundeten Dachdecker. Am Silvesterabend 1988, den er zusammen mit seiner Frau Nelly in Vals feierte, erlitt er auf der Tanzfläche einen Sekundentod.
Nelly und Albert hatten zusammen zwei Kinder,
Sohn Roland (*1963) und
Tochter Sandra ("1969)
Meine Frau Frieda "Fischli" Gadient-Karpf
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4.4.  Elternhaus von Karpf Frieda – Meine Frau Frieda "Fischli" Gadient-Karpf.
Frieda Gadient-Karpf (1937-2013), verh. mit Hans Ruedi Gadient.
Bis zur dritten Klasse ging sie in Küsnacht zur Schule. Nach dem Umzug nach Zollikon fühlte sie sich im gegensatz zu ihrem Bruder auch hier bald Zuhause und war ein sehr fröhliches Kind. Von der Leistung her dachte man eigentlich ans Gymi, ihr Primarlehrer Spörri riet aber ab, da Friedeli sicher bald heiraten würde!!! Nach der Sekundarschule machte sie eine KV-Lehre in einem Anwaltsbüro in Zürich. Es war eine sehr schwierige Lehrzeit mit einem sehr schwierigen Lehrmeister. Sie biss aber ein erstes Mal auf die Zähne und lernte, sich auch in Extrem-Situationen zu bewähren. Als Belohnung für das Durchhalten und den guten Lehrabschluss durfte sie für ein halbes Jahr nach Paris an die Alliance Française in die Schule.
 
Gegen Ende des Sprachaufenthaltes lernte sie durch eine Schulkollegin jemanden kennen, der eine Haushalthilfe/AuPair suchte. Der Mann war Franzose, Verleger der Zeitschrift "Paris Match", wohnte und arbeitete in Paris, während seine Frau Amerikanerin war, und mit ihren zwei Buben in Biot bei Antibes wohnte. Der Mann engagierte sie sur place, und sie willigte ein, nach Südfrankreich zu seiner Frau zu fahren und es einfach einmal zu versuchen. Sie hatte dabei schon viel Gottvertrauen, denn sie hatte weder einen Arbeitsvertrag, noch kannte sie weder die Frau, noch das Dorf oder gar die Wohnung! Ihre Eltern waren von diesem Abenteuer nicht sehr angetan, aber Friedeli konnte wieder einmal ihren Kopf durchsetzen.
Als sie in Biot eintraf, erlebte sie eine erste grosse Überraschung: Ihre zukünftige Patronne, die sie am Bahnhof abholte, war hochschwanger. Fischli erlebte dann in Südfrankreich alle Höhen und Tiefen einer jungen Frau und kam mit allerhand sonderbaren Leuten in Kontakt: Existenzialisten, Drogensüchtigen, Künstlern und Tagedieben. Sie über­stand aber wie durch ein Wunder diese Zeit schadlos, vor allem dank ihrem starken Willen und ihrer engen Bindung ans Elternhaus. Sie war davon überzeugt, in dieser Zeit charakterlich viel stärker geworden zu sein.
Als sich ihre Patronne nach einem halben Jahr von ihrem Mann trennte und mit den Kindern zurück nach Amerika fuhr, wollte Fischli selbstverständlich auch mit in die USA gehen. Hier legten die Eltern aber für einmal ein klares Veto ein, trotz der grossen Amerika-Sympathie ihres Vaters. Die junge Frau kehrte nach diesem Frankreich-Jahr in die Schweiz zurück.
Nach ein paar Tagen Ferien begab sie sich unangemeldet auf den Flughafen ins Personalbüro der SWISSAIR und erklärte, hier arbeiten zu wollen. Und sie erhielt tatsächlich eine Stelle im Schreibbüro der Chefpiloten, dem sog. Hühnerstall. Dort wurde man schon bald auf die neue Sekretärin aufmerksam, und sie durfte für gewisse Chefpiloten vertrauliche Berichte und für einen Staffelkommandanten Dienstbefehle schreiben sowie vertrauliche Personaldossiers führen.
Flugkapitän Ernst Hürzeler, Chef "Operational Engineering" holte sie als Sekretärin in seine Dienststelle. Hier lernte sie ihren späteren Mann Hans Ruedi Gadient kennen. Hürzeler hatte ihn in einem gemeinsamen Militärdienst davon überzeugt, sich bei der SWISS­­AIR zu bewerben, da man dort dringend Ingenieure suche. Hans Ruedi arbeitete zwar in einer anderen Abteilung, hatte aber mit dieser Dienststelle immer wieder viel Kontakt. Fischli arbeitete bis zu ihrer Hochzeit dort und fiel nicht nur als zuverlässige und belastbare Sekretärin, sondern vor allem auch als starke Raucherin auf!
Nachdem Fischli monatelang dem Werben von Hans Ruedi hartnäckigen Widerstand geleistet hatte, funkte es dann aber zwischen den beiden gewaltig und anhaltend. An Ostern 1961 wurde Verlobung gefeiert und ein Jahr später geheiratet.

Weiter geht es zusammen mit Hans Ruedi im Kapitel 8: Unsere Familie.
Kindheit 1933-1939
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5.1.  Jugendjahre Hans Ruedi bis ETH Abschluss – Kindheit 1933-1939.

Ich wurde am 2. Juli 1933 als Sonntagskind in St. Gallen St. Fiden in der Wohnung im 4. Stock des Café-Bäckerei-Konditorei Zimmermann geboren, in welcher meine Eltern bis ins hohe Alter blieben und wo ich bis zur Matur lebte. Nach 4 Mädchen war zur grossen Freude der Eltern nochmals ein Stammhalter zur Welt gekommen,  denn der erstgeborene Bub war zwölfjährig, drei Jahre vor meiner Geburt, an Leukämie verstorben. Meine Schwester Selin als älteste war damals bereits 12, Dorli 10, Lisbeth 6 und Béatrice 3 Jahre alt. Wir wuchsen in einfachen, aber behüteten und überaus glücklichen Verhältnissen auf, und wir durften erfahren, wie wunderbar Nestwärme für Kinder und Jugendliche mit ihren kleineren und grösseren Sorgen sein kann. Ich denke daher mit grosser Dankbarkeit und Freude an meine Zeit im Elternhaus zurück. Ich möchte mich dafür bei meinen Eltern bedanken, die dieses wunderbare Umfeld schufen und uns eine so unbeschwerte Jugendzeit ermöglichten. Dazu verzichteten sie ihren Kindern zuliebe auf Vieles. Sie erzogen uns mit viel Liebe, aber auch mit einer erstaunlichen, intuitiven Konsequenz, deren grosse Bedeutung für die Erziehung ich erst viel später erkannte, als ich selbst Vater geworden war.

Meine Mutter (1889-2000) wuchs mit zwei Schwestern und einem Bruder in Uzwil auf und verlor sehr früh ihren Vater, der in Uzwil bei der Maschinenfabriken Bühler Werkzeugmacher war. Sie soll eine hervorragende Schülerin mit Bestnoten gewesen sein. Nach der Primar- und Sekundarschule besuchte sie die Frauenarbeitsschule in St. Gallen, wo sie die Abschlussprüfung als "Weissnäherin" machte und auf das hervorragende Zeugnis ein Leben lang sehr stolz war. Es hing in meiner Jugend eingerahmt neben dem Wandtelefon im Korridor unserer Wohnung an der Rorschacherstr. 116 in St. Gallen St. Fiden. Im Anschluss daran arbeitete sie ca. 2 Jahre als Zimmermädchen in der Villa des Industriellen Bühler in Uzwil. Weil Herr Bühler von ihrer Art, seine Hemden zu Stärken und zu Bügeln sehr begeistert war, machte sie sich, analog ihrer Mutter mit der Kostgängerei, selbständig und hatte Erfolg damit. Sie arbeitete in diesem Beruf in einem Zimmer des Elternhauses, bis sie meinen Vater kennen lernte, ihn heiratete und mit ihm nach St. Gallen zog, wo er eine Stelle bei der Stadtpolizei angenommen hatte.. Meine Mutter war eine sehr warmherzige und seelengute Frau. Sie hätte auch noch ihr Eigentum verschenkt, wenn es jemandem schlecht gegangen wäre. Harmonie in der Familie bedeutete ihr alles, und sie litt jeweils sehr, wenn es zu ganz normalen, kleineren Familienzwisten kam.

Meine Mutter half nach ihrer Heirat mit, das monatlich verfügbare, bescheidene Einkommen meines Vaters etwas aufzubessern, indem sie für ein paar Kunden Herrenhemden Stärkte und Bügelte. Ende Monat nach dem Zahltag konnte ich jeweils miterleben, wie es meiner Mutter als "Finanzchef" der Familie Sorgen bereitete, neben dem Sackgeld meines Vaters und der Wohnungsmiete alle fälligen Rechnungen zu bezahlen. Die Familie hatte darunter aber nie zu leiden, schon gar nicht wir Kinder.

Mein Vater (1890-1975) wuchs im Flumser Grossberg mit elf Geschwistern auf, wobei 2 Mädchen schon unter einjährig starben. Sein Vater war Bauer und baute daneben aber auch Heu- und Viehställe, starb aber mit 46 Jahren an einer Lungenentzündung. Trotzdem durften alle Buben eine Lehre machen. Mein Vater besuchte die damaligen 7 Pflichtschuljahre in Flums und machte dann eine Lehre als Bau Spengler. Als Bühler Uzwil Spengler für die Maschinenverkleidungen suchte, meldete er sich, da ihm die Arbeit in einer Fabrik sicherer und wetterunabhängiger schien als auf dem Bau. Hier lernte er in der Kostgängerei der Witwe Kunz seine spätere Frau Selina kennen. Durch einen Schwager seines Vaters namens Manhart wurde er auf eine Stelle bei der Stadtpolizei St. Gallen aufmerksam gemacht. Er meldete sich und wurde angenommen. Mit dieser festen Anstellung warb er um meine Mutter und auch da hatte er Erfolg. Mein Vater hatte im Gegensatz zu meiner Mutter eine recht rauhe Schale und war oft etwas aufbrausend; im Inneren war aber auch er ein herzensguter Mensch, wahrscheinlich oft zu gut, zu weich und zu kompromissbereit, um sich privat, aber vor allem beruflich durchzusetzen. Nach vielen Jahren bei der uniformierten Polizei wurde er Fahnder und brachte es bis zum stellvertretenden Fahnder Chef der Stadtpolizei St. Gallen. Daneben war die Polizeimusik sein grosses Hobby, wo er den Es-Bass blies und Ehrenmitglied wurde.

In der Erziehung waren unsere Eltern vielleicht etwas zu autoritätsgläubig, vor allem in kirchlicher Hinsicht. Wenn Lehrer oder Pfarrer etwas sagten, dann war es so. Sie erzogen uns in einem streng katholischen, etwas naiven Glauben, wobei ich naiv im ureigensten Sinn des Wortes ohne negativen Unterton meine. Dieses Katholisch-Sein durchdrang alle Lebensbereiche, wobei ich sogleich anfügen muss, dass dies damals für mich das Natürlichste auf der Welt war und ich litt keineswegs darunter. So spielte sich zwangsweise ein gros­ser Teil meiner Primar- und Sekundarschulzeit im Rahmen unserer Pfarrei und deren Vereinen ab, und auch alle engeren Schulkollegen waren praktisch identisch mit Freunden in diesem Pfarrei-Rahmen.

Mein Vater hatte bei der Stadtpolizei regelmässig Nachtdienst. Zu dessen Kompensation hatte er dann jeweils einen freien Tag. Diesen benutzte er jeweils nach dem Ausschlafen, um seinen Schrebergarten zu hegen und zu pflegen, wobei ich ihm dabei von ganz klein auf immer helfen durfte. Wir besassen im nahen "Grossacker", das heisst auf einem riesigen Schrebergartenareal zwischen Birnbäumenstrasse, Grossackerstrasse und Falkensteinstrasse, den "unteren Garten" mit 100 m2 und den "oberen Garten" mit 150 m2 Anbaufläche. Auf beiden Arealen hatte mein Vater ein Gartenhaus gezimmert und als gelernter Spengler standesgemäss mit Blech eingekleidet. Jenes im oberen Garten war grösser und besass unter einer Rosenpergola einen Tisch mit Sitzbank, wo wir jeweils genüsslich Z'Nüni oder Z'Vieri assen. Hier verbrachten wir bei schönem Wetter manchmal auch die Sonntagnachmittage. Wir hatten Johannisbeeren, Himbeeren, Erdbeeren und Stachelbeeren und daneben noch einen grossen Holunderbaum, deren Früchte jeweils meine Mutter zu Konfitüren verarbeitete, sodass wir praktisch nie solche kaufen mussten. Daneben pflanzte mein Vater sehr erfolgreich alle gängigen Gemüse an, so dass wir auch hier fast Selbst­ver­sor­ger waren, was dann in den kommenden Kriegsjahren sehr wichtig wurde. Wir rückten jeweils mit dem Leiterwagen aus, nahmen kompostierbare Küchenabfälle mit, und brachten dann Früchte und frisches Gemüse wieder auf dem Leiterwagen nach Hause.

Diesen Leiterwagen benützte ich auch, um vor allem während den Kriegsjahren fleissig "Rossbollen" zu sammeln. Damit hatten wir für den Garten unseren eigenen Pferdemist. Es hatte damals ja praktisch noch fast keine Autos, während dem Krieg sowieso nicht: Die Milch brachten die Bauern am Morgen mit Ross und Wagen. Das Meiste wurde damals noch mit Pferdefuhrwerken transportiert: Bier und Wein für die Restaurants, Kohle für die Heizungen, Paketpost, Nachschub für die Kolonialwarenläden usw. Mein Vater hatte mir aus einer Kiste einen Aufsatz für den Leiterwagen gezimmert, mit welchem ich dann nach der Schule durch die umliegenden Strassen zog und mit Schaufel und Besen die Pferdeäpfel einsammelte.

Neben all dem Nützlichen im Garten hatte mein Vater aber eine grosse Schwäche für Blumen aller Art, die er sehr liebevoll pflegte. Von jedem Gartenbesuch brachte er mindestens einen schönen Strauss Schnittblumen mit nach Hause. Die Blumen stellte er selbst wie eine Floristin jeweils einzeln in eine passende Vase, und verschönerte damit das Wohnzimmer.

Bezüglich Gartenarbeit habe ich von meinem Vater sehr viel gelernt. Als wir 1964 unser Haus in Hombrechtikon kauften, schenkte mir mein Vater "als Erinnerung an eine glückliche, gemeinsame Gartenarbeit" (seine Formulierung) sein gesamtes Gartenwerkzeug, tadellos gereinigt und alle Metallteile frisch grün gestrichen! In der Erinnerung war ich in diesen Jahren zeitlich viel mehr im Garten als beim Spielen mit Freunden und Zuhause, was natürlich so nicht stimmt.

Eine spezielle Episode, die am Schluss dann auch mit dem Garten zusammenhängt, muss ich hier noch erwähnen. Ich war wahrscheinlich etwa 4-5 Jahre alt und hatte durchgesetzt, dass wir eine junge Katze als Haustier anschafften. Mein Vater war eigentlich dagegen gewesen, denn eine Katze im 4. Stock eines Stadtmietshauses wäre nicht ideal. Als wir die Katze dann einige Wochen hatten und wir sie bereits sauber gebracht hatten, hatte ich beim Spielen mit der Katze das unselige Gefühl, ich müsste Coiffeur spielen. Ich holte eine Schere und schnitt ihr die an Ober- und Unterlippe sowie über den Augen befindlichen langen Tast- bzw. Schnurrhaare ab, selbstverständlich ohne zu ahnen, dass ich damit der Katze den Tastsinn zerstört hatte. Die Katze begann sich dann ganz unmöglich und sonderbar zu verhalten, machte beispielsweise ihr Geschäft nur noch auf weiche Bettdecken und dergleichen, sodass man die Katze „abtun“ musste. Und hier war mein Vater wieder einmal knallhart in der Erziehung: Da ich schuld war, dass man die Katze nicht länger behalten konnte, musste ich in einem Netzli die Katze im oberen Garten mit gestrecktem Arm nach aussen halten, und mein Vater erschoss sie mit seiner Dienstwaffe. Dann musste ich ein tiefes Grab schaufeln und die tote Katze begraben. Damit war das Thema Katze ein für alle Mal erledigt.

Wie oben bereits gesagt wohnten wir in St. Gallen St. Fiden an der Rorschacher-strasse 116 im 4. Stock. Unten im Haus waren einerseits das Geschägt von Café-Bäckerei-Konditorei Zimmermann mit den Backstuben im UG, sowie daneben der Damen und Herren Coiffeursalon Ruppmann untergebracht.

Wenn man bei uns zum Fenster hinaus schaute, sah man auf den "St. Fidler"-Hauptplatz hinunter: Linker Hand sahen wir schräg vis-à-vis das Restaurant Hirschen, das heute noch besteht. Rechter Hand Richtung Oststrasse stand der "Röseli-Brunnen", ein Relikt von der Landesausstellung 1914 in Bern, dahinter war das St. Fidler Schulhas zu sehen. Am Horizont dahinter sah man zwischen den Hügeln von Guggeien und Peter und Paul auf der deutschen Seite des Bodensees einen Teil von Friederichshafen.

Geradeaus hinter der Hirschenwiese, wo wir oft spielten, und wo im Sommer jeweils ein Zirkus seine offene Bühne aufbaute, sahen wir direkt an das ehemalige stolze Hirschen-Brauerei-Gebäude mit dem Wohnhaus des Besitzers (?) oder Geschäftsführers rechts davon. In meiner Jugendzeit waren in der ehemaligen Brauerei einerseits ein Textilunternehme namens DIXA eingemietet. Andrerseits war das Kantonale Strassenbau-Unternehmen untergebracht. Für uns Buben war es jeweils hoch interessant, wenn die riesigen, mit Briketts geheizten und wirklich noch mit Dampf betriebenen Dampfwalzen mit ihren Anhängern auf irgendeine Baustelle im Kanton ausrückten….

Vor der Hirschenwiese stand aber die praktisch einzige Benzintankstelle des Quartiers! ich erinnere mich gut daran, wie jeweils der Hirschenwirt Herr Christen oder ein Familienmitglied herauskam, wenn ein Auto vorgefahren war und geläutet hatte. Die Zapfsäule hatte eine Handpumpe und oben zwei grosse, durchsichtige Glasbehälter zu je 5 Liter Inhalt. Von Hand musste man nun zuerst den ersten Massbehälter vollpumpen und dann auf das andere Gefäss umschalten. Während nun die ersten 5 Liter langsam in den Autotank ninunterliefen, musste mit dem Pumpenhebel das andere Gefäss vollgepumpt werden, und so ging es weiter usw. Man konnte damals nur 5-literweise Benzin tanken! Wenn man sich vorstellt, wie locker das heute vonstatten geht!

Übrigens gab es hier während dem Weltkrieg überhaupt kein Benzin mehr. Die wenigen Autos, die noch fahren durften (Krankenwagen, Polizei, Arzt, Lstwagen etc.) tankten anderswo oder fuhren mit sog. Holzvergasern, so unmöglichen Kessel-Gebilden, hinten an die Autos montiert.

Primarschulzeit 1940-1946
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5.2.  Jugendjahre Hans Ruedi bis ETH Abschluss – Primarschulzeit 1940-1946.

Meine Schulzeit fing eigentlich denkbar schlecht an, denn den ersten Schultag erlebte ich mit einem Bein im Gips: Ich hatte beim Skifahren am „Purebüchel“ das linke Bein gebrochen. Entschädigt wurde ich dann aber dafür mit einer in der Erinnerung unwahrscheinlich schönen, glücklichen, wenn man die Kantonsschule und das Studium an der ETH auch noch mit einbezieht auch sehr langen und erfolgreichen Schulzeit. Alles lief immer wie am Schnürchen: Ich liebte meine Lehrer, lernte, ohne mir allzu viel Mühe geben zu müssen, bestand alle Prüfungen auf Anhieb und musste nie provisorisch ins nächste Schuljahr befördert werden! Ehrlicherweise muss gesagt werden, dass oft auch etwas Glück dabei war!

Wir wohnten in St. Gallen St. Fiden an der Rorschacherstrasse 116. Unten im Haus waren einerseits das Cafe-Bäckerei-Konditorei Zimmermann mit den Backstuben im UG sowie daneben der Damen und herren Coiffeursalon Ruppmann untergebracht. Wir wohnten im 4. Stock, wo ich schon geboren wurde.

Wenn man bei uns zum Fenster hinaus schaute, sah man auf den "St. Fidler"-Hauptplatz hinunter: Linker Hand sahen wir schräg vis-à-vis das Restaurant Hirschen, das heute noch besteht. Rechter Hand Richtung Oststrasse stand der "Röseli-Brunnen", ein Relikt von der Landesausstellung 1914 in Bern, dahinter war das St. Fidler Schulhas zu sehen. Am Horizont dahinter sah man zwischen den Hügeln von Guggeien und Peter und Paul auf der deutschen Seite des Bodensees einen Teil von Friederichshafen.

Geradeaus hinter der Hirschenwiese, wo wir oft spielten, und wo im Sommer jeweils ein Zirkus seine offene Bühne aufbaute, sahen wir direkt an das ehemalige stolze Hirschen-Brauerei-Gebäude mit dem Wohnhaus des Besitzers (?) oder Geschäftsführers rechts davon. In meiner Jugendzeit waren in der ehemaligen Brauerei einerseits ein Textilunternehme namens DIXA eingemietet. Andrerseits war das Kantonale Strassenbau-Unternehmen untergebracht. Für uns Buben war es jeweils hoch interessant, wenn die riesigen, mit Briketts geheizten und wirklich noch mit Dampf betriebenen Dampfwalzen mit ihren Anhängern auf irgendeine Baustelle im Kanton ausrückten….

Vor der Hirschenwiese stand aber die praktisch einzige Benzintankstelle des Quartiers! ich erinnere mich gut daran, wie jeweils der Hirschenwirt oder ein familienmitglied herauskam, wenn ein Auto vorgefahren war und geläutet hatte. Die Zapfsäule hatte zwei durchsichtige Glasbehälter zu je 5 Litern. Von Hand musste man nun den ersten Massbehälter vollpumpen und auf das andere Gefäss umschalten. Während nun die ersten 5 Liter langsam in den Autotank liefen, musste am Pumpenhebel das andere Gefäss vollgepumpt werden usw. Man konnte nur 5-literweise Mengen tanken! Wenn man sich vorstellt, wie locker das heute vonstatten geht!

Die erste bis dritte Klasse absolvierte ich im nahen Schulhaus St. Finden bei Fräulein Egger und Herrn Tagmann. In der dritten Klasse begann ich, wie meine Schwestern Selin und Béatrice, mit Klavierstunden beim Lehrer meiner Schwester Béatrice, Herrn Vogel, was mir meistens viel Freude machte. Ich begann aber schon bald neben dem Pflichtüben für die Klavierstunde nach dem Gehöhr ohne Noten eigene Sachen, vor allem Schlager zu spielen.

Ab der 4. Klasse ging ich im Schulhaus Buchental bei Lehre Paul Gmür zur Schule. Der Schulweg, meist zusammen mit meinen Freunden Josef Frank und Ettore Valsangiacomo führte über die Oststrasse, wo unten Iso Fürer zu uns stiess, und die Helvetiastrasse zur Buchentalstrasse, und dort ostwärts am Schulhaus Krontal vorbei zu unserem Schulhaus Buchental. Es hätte dort einen wunderbaren Sportplatz gehabt, wo ich später mit Pfadi Hospiz auch Handball spielte. Aber der war während dem Krieg der "Anbauschlacht" zum Opfer gefallen. Dort wuchsen jetzt Kartoffeln und Gemüse...

Ich war in der Pfarrei St. Fiden relativ früh Ministrant, entfloh dann aber der "Ellböglerei" und dem Gerangel um die jeweils besten Posten beim Hochamt in der Pfarrkirche, indem ich zusammen mit meinem Schulkollegen Edwin Mächler in der Kapelle des Spitalseelsorgers des nahen Kantonsspitals "Hofministrant" wurde. Für die Pflege der Patienten waren damals in vielen Spitälern Ordensschwestern verantwortlich. Das war für den Staat eine sehr günstige Lösung, wenn, wie in unserem Fall Ingenbohler Ordens-Schwestern, für ein "Vergellts Gott" und sonst ohne Lohn die Patienten betreuten. In der Spitalkapelle wurde für sie jeden Tag vor Arbeitsbeginn um 06:30 Uhr die Messe gelesen. Das bedeutete für mich allerdings, 3 Mal pro Woche um 5 Uhr aufzustehen und um 05:40 in der Spitalkapelle zu sein. Mein Kollege und ich teilten uns die Wochentage und abwechslungsweise den Sonntag. Dafür bekamen wir jeweils in einem Spitaloffice von einer Schwester ein wunderbares Morgenessen mit 2 frischen Weggli, Butter und Konfitüre serviert, was es selbstverständlich während des 2. Weltkrieges Zuhause nicht geben konnte.

Ich wäre gerne zu den „richtigen“ Pfadfindern gegangen, gab dann aber dem Wunsch meiner Eltern nach und trat der in unserer Pfarrei eben neu gegründeten, katholischen Jugendorganisation „Jungwacht“ bei. Später wurde ich auch Mitglied in der Jungmannschaft, wo ich sehr gerne Theater spielte. In Jungwacht und Jungmann­schaft lernte ich unter den Gruppen- und Abteilungsführern Vorbilder kennen, denen ich nacheiferte, vor allem dem Scharführer Cecchi Rohrbach, aber auch Paul Büchel und Bruno Högg, welche damals bereits an der Kantonsschule zur Schule gingen und anschliessend studierten (Cecchi Rohrbach wurde als Spätberufener Pfarrer und sollte uns später trauen!).

Ab der 5. Klasse verdiente ich mir ein Sackgeld mit Kegel aufstellen in der Kegelbahn des Restaurant Hirschen vis-à-vis unserem Wohnhaus in St. Fiden, denn automatische Kegelbahnen gab es um 1944 praktisch noch keine. Damals hatte ich mit meinem Vater scheinbar auch schon ein erstes, politisches Gespräch über soziale Aspekte des Geldverdienens. Er, der immer christlichsozial gewählt hatte, verstand meinen Ärger mit unserem Hungerlohn sehr gut. Später, während der Sekundarschule, bereits schon einer der grösseren von uns „Kegelbuben“, organisierte ich einen Streik, wobei mich mein Vater beriet. Ich war recht stolz auf diese erste Führungserfahrung, konnten wir doch durch den Streik eine Erhöhung des Stundenlohns um fast 50% durchsetzen.

Noch zwei Einzelheiten aus der 4. bis 6. Klasse sind mir geblieben: Erstens, dass ich für meinen Lehrer Paul Gmür durchs Feuer gegangen wäre: So erzählte ich Zuhause nie etwas von einem sog. „Hösi“, den ich anstatt eines meiner Kollegen erhalten hatte. Der Lehrer hatte die Ungerechtigkeit kurz nach der Strafe bemerkt und war sehr erstaunt, als meine Mutter bei einem Schulbesuch davon nichts wusste. Zweitens hatte ich gemerkt, dass, wenn man etwas Dummes angestellt hatte, sich sofortiges Melden und Zugeben absolut auszahlte. Wenn Herr Gmür zur Türe herein kam, fragte er oft: „Wer hat ein schlechtes Gewissen?“ Sofort hob ich jeweils die Hand, denn ich hatte ja eigentlich irgendetwas wegen fast immer ein schlechtes Gewissen. Wenn dann aber wirklich einmal etwas war, beispielsweise, als ich einmal mit einem Schneeball unglücklicherweise eine Fensterscheibe eingeworfen hatte, war das Eis dann bereits gebrochen.

Ich weiss nicht mehr genau in welchem Jahr, da hatte ich mich illusionslos für das Schweizerische Jugendskilager angemeldet, und ich wurde prompt ausgelost. Hat man als Sonntagskind wirklich mehr Glück im Leben? Ich durfte eine Woche lang gratis Skilager-Leben in Andermatt geniessen, mit richtigen Skilehrern und wirklich in den Bergen. Normalerweise bestand damals mein Skifahren in St. Gallen aus einem Aufstieg zu Fuss mit geschulterten Skis zum Scheitlinsbüchel oder zum Kapf, dort ein paar Mal auf und ab, und dann wieder nach Hause. Schön war, dass wir in St. Fiden mit den damaligen Schneeverhältnissen und während des Krieges (infolge Benzinmangels kein Autoverkehr) über die obere und untere Stricklerwiese bis vor die Haustüre fahren konnten. An Sonntagen hingegen, dies allerdings erst um ca. 14:00 Uhr nach der Christenlehre in der Kirche, da gab es einen Batzen fürs Trogenerbähnli, und ich durfte zuerst mit meinen Schwestern, später dann auch allein mit meinen Kollegen entweder ins Birt, auf die hohe Buche oder gar auf den Gäbris zum Skifahren. Das bedeutete aber immer wieder zuerst zu Fuss einen langen Aufstieg für eine relativ kurze Abfahrt, und das je für Gäbris, Buche, Birt und Kapf.

Im hohen Alter von ca. 75 Jahren erzählte mir Margrit Graf, die ich zusammen mit Edgar Leimbacher in der 1. – 3. Klasse als Klassenbeste in Erinnerung hatte, dass sie und Edgar jeweils wütend und eifersüchtig gewesen wären, wenn ich meistens besser gewesen sei als sie beide. Das habe ich so überhaupt nicht in Erinnerung: Ich fand mich nur guten Durchschnitt. Auch später in der 4. – 6. Klasse fand ich mich selber nicht etwa so gut, dass ich je an den Besuch der Kantonsschule und/oder ein Studium gedacht hätte; Eltern und Lehrer sprachen ebenfalls nie davon....

Kriegsjahre 1939-1945
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5.3.  Jugendjahre Hans Ruedi bis ETH Abschluss – Kriegsjahre 1939-1945.

Ab meinem 6. Lebensjahr sprach man am Familientisch oft über die Möglichkeit eines Krieges. Ich erinnere mich gut an die Radio-Nachrichten aus unserem Rediffusion-Radioapparat von jenem Morgen im Herbst 1939 (Es gab ja noch kein Fernsehen!), als Hitler in Polen einmarschierte. Mein Vater machte ein sehr ernstes Gesicht und sagte dann, jetzt gäbe es einen grossen Krieg. Wir waren zwar schon vor Kriegsbeginn sehr sparsam mit Lebensmitteln umgegangen, jetzt, zusammen mit der Rationierung, mussten wir Kinder die Teller aber noch viel besser "ausputzen"! Kein "Bisschen" durfte mehr verschwendet werden. Vieles bekam man nur noch mit Rationierungsmarken, und es gab fleischlose Tage, an welchen in Metzgereien kein Fleisch verkauft und auch in Restaurants keine Fleischgerichte angeboten werden durften. Rationierungs-Marken wurden mit befreundeten Familien jeweils auch rege getauscht, da Vorlieben ja verschieden waren. Die Vorratshaltung war sowieso noch recht schwierig, denn es gab damals noch keine Kühlschränke in den Wohnungen. Speisen wurden in der "Speisekammer" aufbewahrt, allerdings nur während kurzer Zeit. Butter und Milchprodukte kühlte man im Sommer jeweils in einem Becken unter schwach laufendem Wasser.

Einmal anfangs der 40er Jahre konnten wir auf dem Schulweg einen Luftkampf zwischen einem gegen den Bodensee flüchtenden Deutschen Flugzeug und zwei dieses verfolgende, wild schiessende Schweizer Jagdflugzeuge mitverfolgen, was uns unheimlich Eindruck machte. Nachts war Verdunkelung. Dazu musste meine Mutter extra schwarze Vorhänge für Wohn- und Schlafzimmer sowie für Küche und WC nähen. Wenn es auf dem Schulweg Fliegeralarm gab, hätten wir uns im Laufschritt in den Keller des Schulhauses begeben müssen, was wir natürlich nicht taten. Wir trafen uns bei Alarm immer am gleichen Ort zum Fussball spielen, bis der Endalarm kam. Erst dann machten wir uns wieder auf den Schulweg.

Mir machte damals mächtig Eindruck, dass mein Lehrer in der 4. - 6. Klasse, Herr Paul Gmür, im Militärdienst Hauptmann war und in diesen Kriegsjahren oft monatelang im Aktivdienst war. Meistens kam als Aushilfe ein Herr Schönenberger, ein pensionierter Primarlehrer, der hinkte und den wir deshalb abschätzig "Humpus" nannten. Wir hatten ihn wirklich nicht gern und pöbelten deshalb bei ihm sehr oft. Dann gab er sofort für alles und jedes Tatzen. Dafür verwendete er anfänglich einen Stock aus Rosenholz, bei welchem er die Dornen entfernt hatte. Diesen Rosenstock sägte ich dann einmal alle ca.10 cm mit der Säge am meinem Sackmesser leicht an, so dass der Stock bei der nächsten Strafe in mehrere Stücke flog, was natürlich weitere Strafen nach sich zog. Der Rosenstock wurde dann durch ein grosses, kantiges Lineal ersetzt, was aber nicht weniger schmerzhaft war.

Später im Krieg flogen dann nachts Deutschland angreifende, alliierte Bomber fast immer über die Nordostschweiz, wobei anfänglich bei Fliegeralarm unsere ganze Familie in den Keller ging, später taten wir das dann nicht mehr. Im Gegenteil, wir sahen bei Fliegeralarm regelmässig zum Fenster hinaus, denn wir konnten von unserer Wohnung aus in St. Fiden den Bodensee mit Friedrichshafen am andern Ufer sehen. Und dieses Friedrichshafen sowie das noch etwas weiter entferntere Ravensburg besassen grössere Anlagen der Rüstungsindustrie, welche mit Bombenangriffen zerstört werden sollten. Und wenn nicht Krieg gewesen wäre, hätte man annehmen müssen, es handle sich um ein wunderbares Seenachtfest: Die Lichtkegel der Suchscheinwerfer, die von Aufklärern abgeworfenen Markierungslichter, die Flugbahnen der Leuchtspurmunition der Fliegerabwehr, die Explosionen am Boden sowie die vielen in Brand stehenden Gebäude wären ein gross­artiges Schauspiel gewesen, wenn deren Ursache nicht so tragisch gewesen wäre!

In der Kirche wurden jede Woche Bittgottesdienste abgehalten. Man bat um die Fürbitte des Bruder Klaus, der ja schon einmal die Schweiz vor Krieg bewahrt hatte, seinerzeit vor einem drohenden Bürgerkrieg. Ich erinnere mich dann aber auch noch an die Radio-Nachricht von der Kapitulation Deutschlands, also dem wiedergefundenen Frieden in Europa, und wie dann alle Glocken sämtlicher Kirchen der Stadt läuteten…
Sekundarschulzeit 1946-1949
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5.4.  Jugendjahre Hans Ruedi bis ETH Abschluss – Sekundarschulzeit 1946-1949.
Schon relativ früh war für mich klar, dass ich Primarlehrer werden wollte. Die Aufnahmeprüfung an die Kantonsschule war in der 6. Klasse für mich überhaupt kein Thema, ein Studium schon gar nicht. Es machte mich auch niemand darauf aufmerksam! Wieso weiss ich eigentlich nicht, denn von den Leistungen her hätte es sicher gereicht. Fürs Lehrerseminar Rorschach waren 3 Jahre Sekundarschule notwendig, also absolvierte ich im Winter 1946 mit Erfolg die Aufnahmeprüfung in die sogenannte „Flade“, die Katholische Kantonsrealschule, an welche auch schon alle meine Schwestern gegangen waren. Die Flade war im gleichen Gebäude wie die Stiftsbibliothek untergebracht, hinter der Kathedrale St. Gallen, in einem Flügel des ehemaligen Klosters.
Hier lernte ich zum ersten Mal auch Freunde von ausserhalb des engeren Pfarrei-Rahmens kennen, aber alle waren sie immer noch sehr katholisch. Zwei mal pro Woche begann der Unterricht mit einer Messe in der Kathedrale. Die Schule war sehr streng, und während den Stunden ging es ziemlich drillmässig zu und her. Ich denke, ich gehörte auch hier zum oberen Viertel der Klasse, sodass bei mir die Idee reifte, mein Berufsziel vom Primar- zum Sekundarlehrer zu wechseln. Dazu musste ich aber zuerst die Kantonsschule und dann die Sekundarlehramtsschule besuchen, wofür ich das Einverständnis der Eltern erhielt. So bestanden schlussendlich mein Klassenkamerad Edwin Somm aus Waldkirch (der spätere Brown Boveri und ABB Manager) und ich als einzige von unserer 3. Sek-Klasse im Winter 1948 die Aufnahmeprüfung in die 1. Klasse der Oberrealschule der Kantonsschule St. Gallen.
Kantonsschulzeit 1949-1953
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5.5.  Jugendjahre Hans Ruedi bis ETH Abschluss – Kantonsschulzeit 1949-1953.

Man hatte in dieser Zeit die „Technische Abteilung“ in „Oberrealschule“ umgetauft! Meinem Klassenkameraden Edwin Somm half ich, für die 4 ½ Jahre bis zur Matura im 3. Stock des Restaurant Hirschen, bei der Modistin Fräulein Neumeyer, ein Zimmer zu mieten. Mit ihm, dem späteren ABB Chef, drückte ich dann fast 10 Jahre bis kurz vor dem ETH Diplom die Schulbank.

An der Kantonsschule hatte ich dann endlich das erste Mal wirklich das Gefühl, den Duft der gros­sen weiten Welt zu spüren: Endlich hatte ich den engen Rahmen nicht nur der Pfarrei sondern auch jenen der gewohnten katholischen Umgebung gesprengt. Ich fühlte ich mich sehr wohl in einer bunt zusammengewürfelten Klasse aus allen Teilen des Kantons (damals noch die einzige St. Gallische Kanti), mit Kollegen unterschiedlichster Religion und sogar auch ohne: Neben ein paar Katholiken hatten wir vor allem Protestanten, einen Christkatholiken, einen Juden und zwei Atheisten. Im schulischen Bereich bekam ich von den Professoren viele Vorschusslorbeeren, da mein um 4 Jahre älterer und sehr vielseitig begabter Cousin Hansjörg Gadient mir vorangegangen war und während meines ersten Schuljahres bereits die Maturaprüfung bestand. Nach ihm habe ich wahrscheinlich viele der Professoren mit meinen oftmals nur durchschnittlichen Leistungen enttäuscht. Es hat mir aber immer zu meinem erklärten Ziel gereicht, nie einen Warn-Brief der Schule nach Hause zu bekommen oder provisorisch promoviert zu werden. Damit konnte ich Zuhause jede Diskussion um meine schulische Leistung vermeiden.

In der Erinnerung war es wirklich eine unwahrscheinlich gute, glückliche und unbeschwerte Kantonsschulzeit, rückblickend im Alter vielleicht die unbeschwerteste Zeit des ganzen Lebens. Die höchstwahrscheinlich vor allem deshalb, weil ich neben der Schule unwahrscheinlich viele Aktivitäten laufen hatte. Dies wurde mir beim Schreiben dieser Zeilen wieder richtig bewusst, denn, oft schmunzelnd, musste ich immer wieder etwas hinzufügen, ohne welches diese Biographie einfach unvollständig wäre!

In fast allen Ferien fuhr ich, meistens per Velo, zu meiner Schwester Dorli und meinem Schwa­ger Albert, welche in Valens im Taminatal einen Bergbauernhof bewirtschafteten. Dorli hatte immer Bäuerin werden wollen und dementsprechend auch die landwirtschaftliche Schule im Kusterhof in Rheineck besucht. Sie hatte dann als erste meiner Schwestern nach Valens geheiratet. Nacheinander kamen Hannes, Doris und Andreas zur Welt, die ich dann oftmals hütete, wenn Dorli und Albert draussen arbeiteten. Es sind wunderschöne Erinnerungen, die mir davon geblieben sind: Wohnen und Heuen im Maiensäss, Tage zusammen mit dem Valenser „Geissenpeter“ Ludwig Hobi (dem späteren erfolgreichen Waffen- und Langläufer) und der Ziegenherde, morgens im Eilzugstempo auf die Alp und abends dann wieder heim, einige Tage auf der Alp Laasa mit einsamen, morgendlichen Bergtouren auf den Piz Sol und die umliegenden Gipfel, Albert, der jeweils Maulwürfe mit der Schrotflinte erlegte (Albert war ein erfolgreicher Matchschütze), erste Schiessversuche auf 300m mit den Valenser Jungschützen, der kleine Andreas, wie er seine grossen Geschwister mit einem Stecken ums Haus hetzte, die grosse Sprungschanze hinter dem Haus mit dem viel zu kurzen Auslauf und und und ... . 

Da mich die Fliegerei sehr interessierte, begann ich ab Frühjahr 1949 in der Modellfluggruppe St. Gallen des Aero Clubs der Schweiz sehr aktiv mitzumachen. Nach einigen Segelflugzeugen aus Baukasten realisierte ich eine Reihe von Eigenkonstruktionen. Hier konnte ich Darstellende Geometrie, Konstruieren und Technisches Zeichnen eins zu eins anwenden und üben. Ich beschäftigte mich am Schluss aber praktisch nur noch mit Kreisflugmodellen mit Glow-Plug-Motoren. Höhepunkt dabei war eine Vorführung an einem Flugmeeting in Altenrhein vor einer riesigen Zuschauerkulisse. Das sehr fotogene Modell stürzte allerdings während der Vorführung ab, wurde komplett zerstört und ich trug die Trümmer in einem Plkasticsack nach Hause: Dies infolge einer vergessenen Verlötung einer Schraubenmutter am Steuerbalken, also ein Fehler in meiner Arbeit. Dies war eine erste Lektion zum Thema „Flugsicherheit“, die ich später zivil und militärisch noch zur Genüge kennen lernen sollte.

Junge Leute konnten im militärischen Vorunterricht praktisch gratis Fliegen lernen. Schnell entschlossen meldete ich mich an, bestand alle fliegerärztlichen und psychologischen Prüfungen im FAI (Fliegerärztliches Institut) und erwarb mit 18 Jahren in den Sommerferien in Frauenfeld das Segelflugbrevet. Gleichzeitig zum Fliegen lernten wir in unserer Unterkunft und Verpflegung bei der Artillerie-Rekrutenschule in der Kaserne Frauenfeld militärischen Betrieb kennen und auf dem Flugplatz gerade auch noch Autofahren (Mehr dazu im Abschnitt „Militär“).

Als die Zeit kam, sich für eine Studentenverbindung zu entscheiden (In St. Gallen hat es heute noch Mittelschulverbindungen!), und zwar erstens, ob überhaupt und zweitens, wenn ja, in welche, war eines für mich klar: Ich wollte nicht in die katholische Corona, obwohl gute Kollegen von mir wie Edwin Somm v/o Freddo, Paul Grünenfelder v/o Gnüssli und Bruno Wick v/o Humpe dort eintraten. Meine besten Kollegen und Klassenkameraden, die nicht der Corona beitraten, teilten sich mit Kurt Eggenberger v/o Gaz und Heini Schwendener v/o Blitz auf die Minerva und mit Peter Pfister v/o Bebop und Walter Rohner v/o Citro auf den Kantonsschüler-Turn­ve­rein  auf. Obwohl nur ein mässiger Turner, aber leidlich guter Leichtathlet, wählte ich schlussendlich den KTV. Im Nicht-Turnerischen Teil der Verbindungs-aktivitäten erwies ich mich in der Spefuxenzeit aber als wesentlich stärker und bekannte mich schon damals zu einer sehr klaren, eigenen Meinung und setzte mich jeweils auch engagiert dafür ein. Dies trug mir (1951 war Stalins grosse Zeit nach dem Krieg) prompt den Vulgo „Veto“ ein. Nach der Fuxenzeit nahmen wir von unserer Klasse die Geschicke der Aktivitas energisch in die Hand: Citro wurde Präsident, ich Fuxmajor und Bebop Quästor. Und richtig geturnt wurde unter unserem Kommando nur noch das Minimum für die Turnfeste, sehr zum Ärger der Altherren-Kommission. Andrerseits aber spielten wir Tennis, wir lernten Fechten, spielten mit einer, durch jüngere Altherren verstärkten Handballmannschaft in der 3. Liga und hatten eine ausgesprochen harmonische und glückliche Aktivzeit. Diese erste Führungserfahrung als Fuxmajor mit einem Stall aufmüpfiger, intelligenter Fuxen tat mir sehr gut, denn ich musste ein erstes Mal lernen, mich durchzusetzen. Die Erkenntnis, dass durch Überzeugen wesentlich besser geführt werden kann als durch Amt und Würde, war für mein späteres Leben äusserst wichtig.

Neben der Fliegerei und der Studentenverbindung hatte ich meine Liebe zur Musik entdeckt. Neben dem, was ich für die Klavierstunde zu üben hatte, lagen meine Sympathien aber auch bei der Unterhaltungsmusik und beim Jazz. Ich versuchte mich darin ohne Noten nur nach dem Gehör. Auf Initiative von Bebop gründeten wir eine New Orleans Jazz Band, die „Black Bottom Stompers“. Als wir jemanden fanden, der viel besser Klavier spielte als ich, lernte mich mein Vater die Bass-Tuba spielen. Er war damals Es-Bassist und bereits Ehrenmitglied der Polizeimusik der Stadt St. Gallen. Wahrscheinlich war es eine der ganz grossen Enttäuschungen, die ich ihm zufügte, als ich ihm schlussendlich sagte, dass ich nicht in eine Blasmusik eintreten sondern in einer Jazzband spielen wollte. Das war für ihn doch nur „Negermusik“, und die musste er am Radio doch schon immer meiner Schwester Béatrice abstellen. Höhepunkte einer kurzen aber intensiven Musikerkarriere waren neben diversen „Nuits de Jazz“ in St. Gallen, Wil, Arbon und Rorschach, das Aufspielen zum Tanz an der Töchterschule Talhof an einem infolge schlechten Wetters abgebrochenen St. Galler Kinderfests sowie der Auftritt am Zürcher Jazzfestival 1953 im Kino Urban, ausgerechnet am Abend vor unserer Physikmatura. Zum Glück hatte niemand von den Eltern Wind davon bekommen, denn wir waren doch quasi alle bei einem anderen Kollegen für die Matura am Lernen. Am Schluss lief aber alles gut, denn alle kamen ja durch!

Um hier nochmals ein Beispiel für die relativ harten Erziehungsmethoden meines Vaters aufzuführen hier noch folgendes Ereignis: Ich hatte durch Vermittlung von Alfred Christen in Engelberg für die Mitglieder unserer Band in der Sportwoche zum Skifahren eine Lokalität mieten können. Hier wollten wir Üben und Skifahren. Es kostete pro Person 150 Franken, die mir mein Vater dafür etwa eine Woche im Voraus gab. Nun war aber vor der Abreise noch die Fastnachtzeit. Und da ich wahrscheinlich jetzt zum ersten Mal etwas reich war, beschloss ich, mit Kollegen an einen Ball zu gehen und verbrauchte rund die Hälfte des Geldes, das ich für das Lager erhalten hatte. Als ich dies meinem Vater beichtete und ihn nochmals um etwas Geld bat, meinte er, das wäre nun mein Problem, wenn ich kein Geld mehr hätte. Ohne Geld könne ich jetzt halt ganz einfach nicht ins Lager nach Engelberg gehen. Fertig Schluss! Ich musste also die Administration etc. einem Kollegen übergeben und blieb klein und hässlich Zuhause, während meine Kollegen in Engelberg eine wunderbare Woche erlebten. Das war mir ein Lehrstück! Heute würde man wahrscheinlich das fehlende Geld irgendwo borgen; aber damals kam das überhaupt nicht in Frage.

Neben dem KTV gab es aber noch weitere sportliche Aktivitäten. So lernten wir fast autodidakt auf dem privaten Hartplatz von Bebop Tennis spielen, und zwar Sommer und Winter. Bedingung war, es musste trocken sein. Ferner waren unsere Kantonsschuljahre auch die goldenen Zeiten von Kübler und Koblet, denen wir auf unseren normalen Tourenvelos fanatisch nacheiferten. In Zwischenstunden oder an schulfreien Nachmittagen fuhren wir „rasch“ Velorennen St. Gallen –Trogen – Ruppen –Altstätten – Stoss –Teufen – St. Gallen – oder dann die grosse Tour St. Gallen – Stoss – Altstätten – Sargans – Walenstadt – Kerenzenberg – Uznach – Ricken – Wattwil – Wasserfluh – Herisau – St. Gallen. Bebop war im Sprint fast unschlagbar, ich dafür im Bergpreis, denn ich hatte schon damals eine lange Puste und war damit in Ausdauersportarten besonders erfolgreich.

In den Herbstferien arbeiteten die meisten Kantonsschüler an der OLMA, die einen als Securitas, andere an Messe-Ständen. Ich war durch Vermittlung meines Vaters immer an der Kasse: Da hatte man zwar eine grosse Verantwortung, arbeitete aber am wenigsten lang und verdiente erst noch am meisten.

Und dann kamen natürlich zu diesen Aktivitäten noch alle meine Freundinnen dazu! Ich verliebte mich während der Kantonsschulzeit sehr oft und immer wieder sehr heftig, ein paar wenige erhalten gebliebene Tagebuchseiten dokumentieren dies! Ohne die ganz kurzfristigeren Ballbekanntschaften zu berücksichtigen, war ich jeweils für längere Zeit furchtbar verliebt in (in chronologischer Reihenfolge) Esther Widmer, Nelly Eschmann, Pinky Stieger, Ursula Scheffold (die spätere Gemahlin von Alfred Christen v/o Hagen) und Lea Schmalz. Daneben verehrte ich seit ihrem Auftauchen an der Kanti abgöttisch Nixli Meyer. Ich tat meines Erachtens alles, um mich auf sie aufmerksam zu machen, nur merkte sie meine Leidenschaft für sie nicht. Sie heiratete schlussendlich meinen Freund, Klassen- und späteren RS - Rotten­kameraden Kurt Eggenberger v/o Gaz.

Meine Schwester Lisbeth hatte eine ganz gute Freundin. Ein Bruder von ihr, Jörg Kopp war ein begnadeter Maschineningenieur und bei SIG Konstrukteur für Verpackungsmaschinen und kannte Prof. Dr. Bangeter, den Chef der damals sehr berühmten Augenklinik am Kantonsspital St. Gallen. Dieser hatte Ideen für Apparate, mit welchen er in seiner Seh-Schule die Augen der Patienten trainieren wollte. Mit diesen Ideen fabrizierte Jörg in einem Wekstattkeller ihres Wohnhauses an der Greithstrasse übers Wochenende Prototypen und verfeinerte diese bis zur vollsten Zufriedenheit des Professors. Diese Apparate wurden in der Seh-Schule von Spezialisten aus aller Welt gesehen, für eine allfällige Beschaffung wies Prof. Bangeter Interessenten jeweils an Jörg Kopp. Während meiner Kanti-Zeit ergab es sich, dass ich mit Jörg über die Anfertigung dieser Apparate sprach, und er freute sich über mein Interesse, ihm bei dieser Werkstattarbeit zu helfen. Er zahlte mir für meine Mitarbeit einen Stunden­lohn, womit ich mein spärliches Sackgeld aufbessern konnte. Wenn Bestellungen hereinkamen, fertigten wir diese zuerst gemäss Bestellungseingang an. Später (ich arbeitete fast bis zu meinem Studienabschluss von Freitagabend früh bis Samstagabend spät mit Jörg zusammen) legten wir 5er und dann sogar 10er Serien auf, perfektionierten Werkzeuge und Material und rationalisierten die Herstellung bestmöglich. Bei Jörg lernte ich für meinen späteren Beruf unheimlich viel in praktischer Arbeit. Es war fast etwas wie eine Lehre als Mechaniker. Wir hatten aber neben dieser „beruflichen“ Zusammenarbeit auch unwahrscheinlich schöne gemeinsame Stunden, nicht nur in der Werkstatt, sondern vor allem, wenn wir im Winter und bis spät in den Frühling hinein jeweils am Sonntag zusammen Skifahren gingen. Eigentlich schade, dass sich diese Freundschaft später verlor.

Was gibt es hier noch zu meinen Professoren zu sagen? Zuerst erinnere ich mich an jene, die mir bleibend positiv in Erinnerung blieben. Besonders schätzte ich Prof. Schmidli mit Übernamen Samuel, was sein richtiger Vorname war. Er gab Geometrie, Darstellende Geometrie und Feldvermessung. Den Grund für diese Wertschätzung war vor allem, dass er meine Lieblingsfächer gab, aber auch der klare Aufbau seiner Lektionen, die gute Darstellung an der Tafel und seine faire und gerechte Notengebung. Nach den Feldvermessungsübungen in der freien Natur gingen wir mit ihm jeweils noch ein Bier trinken. Heute noch zeugt davon sein handschriftlicher Eintrag in meinem Kantusprügel: „Es wär gar zu grausig das Feldmessen, gäbs am Schluss nicht noch was zu fressen“... . Nahezu gleich gern hatte ich Prof. Luginbühl mit Über­namen „Schugger“. Wieso er so hiess weiss ich nicht. Bei ihm hatten wir ab der dritten Klasse Deutsch und Geschichte (nach der Katastrophe während der ersten zwei Jahre mit Prof. „Schegg“ Scherrer). Diese Lektionen waren immer sehr interessant und kurzweilig. Weiter erinnere ich mich gern an Prof. „Ätti“ Enz für Chemie. Er nahm in der letzten Stunde vor den Ferien jeweils sein Schwyzerörgeli mit und dann sang man Lieder, als erstes immer „Dr Ätti isch i d‘ Gülle gfalle... ! Dann aber auch an Prof. „Allah“ Aulich für Biologie und Zoologie. Bei ihm mussten wir mit dem Linné immer Pflanzen bestimmen, und wir machten praktisch jedes Semester eine Exkursion. Auch Prof. „Monti“ Montandon liebte ich sehr. Etwa drei Jahre lang kam er ins Zimmer und begann die Lektion noch unter der Türe mit der Frage: „Gadient, spécialiste du genre frainçais, übersetzen Sie die kostliche Frucht“! Und monatelang, drei mal pro Woche sagte ich immer korrekt „Le fruit déliçieux“, aber ich weiss nicht, ob mich jeweils der Teufel ritt, aber zwischendurch sagte ich immer wieder einmal „La fruit déliçieuse“, worauf Montandon grinste und die ganze Klasse grölte! Dann liebten wir unseren jungen Englischlehrer Prof. Dr. Wyler, der bei uns seine erste Stelle antrat und gar keinen Übernamen hatte. Und last but not least war da noch Prof. CH. A. Egli, der Zeichnungslehrer und Kunstmaler, genannt „Peking“, weil er ausgiebig China bereist hatte. So wie man bei „Ätti“ jeweils sang, so erzählte Peking in den letzten Stunden vor den Ferien jeweils Geschichten, wobei er darauf aus war, uns möglichst einen Bären aufzubinden, so wie er einmal behauptete, dass Appenzeller und Tibetaner sich gegenseitig verstehen würden, deshalb sei auch der Übername „Tibitäbi“ für die Appenzeller entstanden. Als viel später in einer Deutschstunde jemand dies erwähnte, lachte Prof. Luginbühl laut auf und fragte sofort, ob wir dies von Peking gehört hätten!

Weniger gern hatte ich Prof. „Tschipp“ Kopp, den Vater von Jörg Kopp, mit dem ich an Wochenenden arbeitete, sowie Prof. „Dölf“ Widmer, den Abteilungsvorstand. herr professor Kopp war wahnsinnig streng und hatte etwas gegen Schüler in Studentenverbindungen. Er machte seine Prüfungen deshalb ausschliesslich am Samstagvormittag, da alle Sitzungen der Verbindungen am Freitagabend stattfanden. Auch als wir mit Aschkenasy einen orthodoxen, jüdischen Mitschüler hatten, der an Samstagen ja nicht schreiben durfte, wurden die Prüfungen trotzdem samstags durchgeführt. Aschkenasy musste dem Physik-Laboranten, Herrn Schönenberger, jeweils seine Lösungen diktieren. Widmer war Abteilungsvorstand der Oberrealschule und gab Mathematik. Er war meines Erachtens unser schlechtester Lehrer: Er war zwar nach etwa 30 Jahren Mathematiklektionen sehr routiniert, kam aber in jede Stunde unvorbereitet und erst noch bis zu 20 Minuten zu spät, weil er in seinem Abteilungsbüro Papierkram verrichtete. Eigenartigerweise hatte ich auch bei diesen zwei Professoren auch immer die schlechtesten Noten.

Ein Jahr vor der normalen Maturaprüfung fand jeweils die Englischmatura statt. Mit vier Klassenkameraden und Arno Bollhalder v/o Schmacht von einer Parallelklasse überzeugten wir unsere Eltern, dass wir in den Sommerferien nach England fahren mussten, wenn wir die Englischmatura bestehen wollten. Diese uns allen unvergessliche Reise fand im Sommer 1952 statt, und es besteht darüber ein 1952 von mir verfasster und 2002 zum 50 Jahr Jubiläum auf dem PC abgeschriebener Bericht. (Siehe separates Kapitel).

Während der Kantonsschulzeit besass ich mit der abschliessenden Maturaprüfung vom Herbst 1953 einen klar erkennbaren, schützenden Horizont, durch welchen diese Gymnasialzeit sauber abgegrenzt war. Was danach als das sogenannte weitere Leben kommen sollte, hatte ich bis relativ kurz vor der Matura absolut verdrängt, oder mindestens nur sehr verschwommen wahrgenommen. Als angehender Maturand nahm man mir nun plötzlich dieses Brett vor dem Kopf weg, und ich musste mich mit dem „Wie Weiter?“ beschäftigen. Ein Entscheid musste gefällt werden, was mich in einen echten Entscheidungsnotstand brachte: Eigentlich hätte ich jetzt nur noch zwei Jahre an der Sekundarlehramtsschule des Kantons St. Gallen bleiben müssen, um das Sekundarlehrerdiplom zu erhalten. Da ich weiterhin hätte Zuhause wohnen können, wäre meine Ausbildung mit den entsprechend niedrigen Kosten gleichzeitig mit der kommenden Pensionierung meines Vaters abgeschlossen worden.

Nun meldeten sich aber praktisch alle meine guten Klassenkameraden für ein Studium an die ETH an: Als Maschineningenieure Jürg Anderegg, Sutt Boesch, Gaz Eggenberger, Hansjürg Knaus,  Blitz Schwendener und Freddo Somm; als Architekten Citro Rohner, Bebop Pfister und Bernhard Meyer; als Bau Ing. Gnüssli Grünenfelder und Humpe Wick. Nun hatte ich plötzlich das starke Gefühl, dass ich mit meinen Fähigkeiten, Erfahrungen und Zukunftsplänen eigentlich als zukünftiger Maschineningenieur mindestens so gut an die ETH gehöre wie meine Kollegen und weniger in eine Schulstube.
Ich hatte plötzlich den klaren Wunsch, an der ETH  zu studieren. Als ich mit meinem Vater offen darüber sprach, hatte er ernste finanzielle Bedenken, da er in zwei Jahren mit der Pension wesentlich weniger verdienen würde als vorher. Als aber meine vier berufstätigen, älteren Schwestern ihm versprachen, nach ihren Möglichkeiten mitzuhelfen, mein Studium zu finanzieren, war er schlussendlich einverstanden, aber nur unter der Bedingung, dass ich keine Stipendien beantragen dürfe, denn das war für ihn „armengenössig“! Das versprach ich ihm nie so genau, aber ich durfte mich also an der Abteilung IIIA der ETH einschreiben, voller Erwartung, in welche vertieften Ausbildungen mich dieses Studium führen sollte.
Werkstatt-Praktikum, ETH Studium 1953-1958
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5.6.  Jugendjahre Hans Ruedi bis ETH Abschluss – Werkstatt-Praktikum, ETH Studium 1953-1958.

Als ich mit meinem Vater offen darüber sprach, an der ETH studieren zu wollen, hatte er ernste finanzielle Bedenken, da er in zwei Jahren mit der Pension wesentlich weniger verdienen würde als vorher. Als aber meine vier berufstätigen, älteren Schwestern ihm versprachen, nach ihren Möglichkeiten mitzuhelfen, mein Studium zu finanzieren, war er schlussendlich einverstanden, aber nur unter der Bedingung, dass ich keine Stipendien beantragen dürfe, denn das war für ihn „armengenössig“! Das versprach ich ihm nie so genau, aber ich durfte mich also an der Abteilung IIIA der ETH einschreiben, voller Erwartung, in welche vertieften Ausbildungen mich dieses Studium führen sollte.

Gleichzeitig musste ich einen kostengünstigen Praktikumsplatz suchen. Damals musste man einer Firma noch einen monatlichen Beitrag zahlen, wenn man dort das für Maschineningenieure obligatorische Praktikum absolvieren wollte. In der Maschinenfabrik Kellenberger in St. Gallen-Heiligkreuz, gleich neben dem Sportplatz Espenmoos, lernte ich dann bohren, maschinenschlossern, drehen,  fräsen usw., wobei mir mein oben erwähntes Praktikum bei Jörg Kopp sehr zustatten kam. Man war dort schnell auch ausserordentlich zufrieden mit mir, gab mir mein einbezahltes Geld wieder zurück und fragte, ob ich nach der Rekrutenschule nicht nochmals ein paar Monate kommen wolle, was ich nicht versprechen wollte, da ich ja nach der RS in die Pilotenschule wollte. Ich wusste damals noch nicht, dass ich sehr bald wieder zurück sein würde… .

Im Januar 1954 rückte ich mit vier meiner ehemaligen Klassenkameraden und neuen Studienkollegen in die Fliegerrekrutenschule in Payerne ein. Wir alle waren auch Pilotenanwärter, wobei ich mit meinem bereits erworbenen Segelflugbrevet scheinbar die besten Karten hatte. Mit dem Fluggeld, das Piloten als Entschädigung für die viel öfteren und längeren Dienstzeiten bekamen, konnten Studenten sorgenfrei das Studium finanzieren, was mich natürlich besonders reizte. Die ersten 12 Wochen RS mit sportlichen, psychologischen und fliegerärztlichen Prüfungen wurden problemlos und ohne seelischen Schaden überstanden. Anstatt in die Verlegung durfte ich in der 13. Woche in die Vorschulungsperiode VSP auf den Militärflugplatz in der Magadinoebene einrücken. Ein weiteres grosses Ziel war geschafft. Wir flogen auf Bücker Jungmann jeden Tag, und viel glücklicher konnte man nicht sein, bis ich meinen Fluglehrer überheblich, anmassend und absolut unverständlich gegen mich aufbrachte. (Details in der militärischen Laufbahn!) Ich war weder vorher noch nachher in meinem Leben je so überheblich! Mein Verhalten war absolut unverzeihlich! Nach 2/3 des Kurses wurde ich als Pilotenanwärter ausgemustert und mit einem Transportgutschein zurück zur Kompanie in die Verlegung nach Alpnach geschickt. Zum ersten Mal in meinen bisherigen 21 Jahren erlebte ich, dass etwas nicht so lief, wie ich es im Kopf hatte, für mich absolut ungewohnt. Ausgerechnet jetzt, beim Anstreben eines so wichtigen Ziels hatte ich versagt, selbstverschuldet durch mein lockeres Maul. Ich schlitterte damit auch zum ersten Mal in eine ernstere, persönliche Krise. Es war ein kleiner Trost, dass ausser Gaz Eggenberger und Jürg Anderegg nach mir auch alle anderen St. Galler nicht bestanden. Rückblickend hatte dieser Vorfall aber auch seine positive Folge und prägte wahrscheinlich mein Leben grundlegend und

Die persönliche Krise manifestierte sich auch darin, dass ich mich gegen die Weiterausbildung vehement zur Wehr setzte, ja praktisch Obstruktion machte. Das war aber nicht ganz einfach, da der Unteroffiziers-Vorschlag für die Piloten-VSP Voraussetzung gewesen war. Also war dieser Vorschlag eingetragen, ich wollte aber nicht mehr. Ich provozierte sogar noch einen Straffall, aber alles nützte nichts. So schob ich diese UO wenigstens um ein Jahr hinaus. Mein Schwager Ruedi, Mann meiner Schwester Lisbeth, selbst Militärflieger, bewirkte dann mit der Zeit bei mir einen Gesinnungs­wan­del. Er überzeugte mich, trotzdem in die Unteroffiziers-schule einzurücken, und zwar mit dem klaren neuen Ziel, Offizier zu werden.

Das Verarbeiten dieser ersten, grossen Niederlage im Leben kratzte bei mir schon recht stark am Lack. Mich bedrückte, dass ich nicht sachlich oder technisch, sondern charakterlich und menschlich versagt hatte. Das Leben musste aber weitergehen. Und da ich nicht in die Unteroffiziersschule einrückte, konnte ich glücklicherweise nach meiner Rückkehr aus der RS wieder in der Maschinenfabrik Kellenberger mein Praktikum fortsetzen, dieses Mal sogar mit einem Lehrlingslohn, und ich durfte in der Reparaturwerkstatt der Fabrik bei der Revision von Werkzeugmaschinen mithelfen, lernte Ersatzteile schmieden und Stahlwellen härten. Dies gab mir einen hervorragenden Einblick in die Funktion von Werkzeugmaschinen. Ich liebte meine Arbeit und lernte dabei wieder sehr viel.

Im Herbst war es dann soweit: Start ins erste Semester an der ETH. Kost und Logis hatte ich bei meiner Schwester Selin und ihrem 20 Jahre älteren Mann Fritz in Erlenbach. Meine Eltern mussten dafür "nur" einen äusserst günstigen Spezialpreis bezahlen. Oftmals beneidete ich zwar meine Kollegen, die in Zürich ein Zimmer hatten, da ich durch das Wohnen bei meiner Schwester selbstverständlich weiterhin voll unter Kontrolle der Familie blieb, ähnlich wie früher Zuhause. Wir hatten es andrerseits aber auch unwahrscheinlich schön und gut miteinander, lachten viel, und mein Schwager Fritz war mir immer ein hervorragender Gesprächspartner und oftmals ein echter Vater-Ersatz.

Im ersten Semester sprach Prof. Bickel einmal von Stipendien aus einem Châtelain-Fonds, den man nicht zurückzahlen musste. Bedingung dafür war, dass die Professoren den Studenten wie in der Mittelschule mit Noten bewerten mussten. Für die Abgabe von Stipendien war ein Durchschnitt von 4 ½ notwendig. Ich meldete mich an, ohne jemandem etwas zu sagen. Der einzige Nachteil war, dass ich zu Beginn jedes Semesters eine Tour bei den Professoren machen, mich vorstellen und die Taxation verlangen musste. So erhielt ich aber ab dem dritten Semester einen namhaften Zustupf für Bücher und Lehrmaterial sowie Studiengeld- und Laborgebührenerlass. Als mein Vater es erst viel später erfuhr, wurde er immer noch wütend. Ich lachte ihn jedoch aus und meinte, es gäbe Schlimmeres.

Nach der Matura löste sich unsere Drittliga KTVer Handballmannschaft zwangsweise auf, da die meisten nicht mehr in St. Gallen wohnten. Nach einer Feld-Saison bei Fides und einer Hallen-Saison beim Stadtturnverein trat ich nach einem langen Gespräch mit Jack Brunnschweiler, der parallel zu mir die Handelsabteilung der Kantonsschule besucht hatte, der Handballsektion von Pfader Hospiz bei. Bis zu meiner Hochzeit spielte ich dort im Sommer Feldhandball in der ersten Liga, im Winter Hallenhandball in der Nationalliga B, Sommer und Winter immer um den Aufstieg in die oberste Liga kämpfend. Es hat aber leider nie ganz gereicht. Aus dieser Handballzeit stammen verschiedene lebenslange Freundschaften, wie jene mit Krapf Fröhlich, Baug Heer, Pedal Stump und vielen anderen. Hier erst bahnte sich auch die tiefe Freundschaft mit Jack Brunn­schweiler an, die dann aber ein Leben lang halten sollte, später auch unsere Frauen und Kinder einbeziehend.

Im Sommer 1955 rückte ich dann also doch noch in die Unteroffiziersschule und zum Abverdienen wieder nach Payerne ein. Diese 21 Wochen mit Verlegung in Meiringen gingen ohne grosse Turbulenzen über die Bühne. Scheinbar hatte ich aus dem Vorfall im VSP die notwendigen Lehren gezogen, denn ich kam ohne ernsthafte Konfrontation über die Runden und erhielt den angestrebten Offiziersvorschlag, um welchen ich allerdings hart kämpfen musste. Aber auch dieses Kämpfen musste ja einmal gelernt sein. Bisher war alles so einfach gelaufen.

Die Schwierigkeit mit der militärischen Weiterausbildung für uns Studenten lag darin, dass man ca. 3-4 Wochen vor dem Ende des Semesters einrücken musste und am Schluss des Miltärdienstes wieder erst 3-4 Wochen nach Semesterbeginn zurückkam. Da es noch keine gedruckten Vorlesungen gab, musste jeweils ein Kollege die Vorlesungen mit Kohlepapier mitschreiben. Und mit diesem fremden Vorlesungsgekritzel Prüfungen vorzubereiten war ausserordentlich problematisch. Dieser Umstand brachte mich in der Mathematik furchtbar in Schwierigkeiten, und ich entschied mich, im Wintersemester an der Minerva einen Vorbereitungskurs für das erste Vordiplom in Mathe zu besuchen, um im nächsten Frühling besser gerüstet zu sein.

1956 war ausbildungsmässig ein besonders nahrhaftes Jahr: Nach dem Wintersemester bereitete ich mich auf das erste Vordiplom vor, in Mathematik zudem mit dem Minervakurs. An den Prüfungen selbst war ich sehr nervös, war auch nicht besonders brillant, bestand aber, sogar mit einer 3,5 in Werkstoffkunde, welche ich anstelle meines Studien- und Militärkollegen Hansjörg von Känel erhielt: Professor Bickel hatte mir immer Herr von Känel und ihm Herr Gadient gesagt. Er hatte die mir zustehende Note 4 ½ erhalten. Wenn ich reklamiert hätte, wäre Hansjörg von Känel mit der 3,5 durchgefallen, also reklamierte ich ihm zuliebe nicht. Seltsamerweise hat er mir später nie verziehen, dass er einmal in meiner Schuld gestanden hatte, und schnitt mich; im Militär "pisakte" er mich sogar! Das Sommersemester nahm ich dann etwas lockerer, und büffelte anschliessend den ganzen Sommer für das zweite Vordiplom, für welches ich mich im Herbst eingeschrieben hatte. Auch dieses zweite Vordiplom schaffte ich auf Anhieb, wiederum nicht sehr brillant, aber ich bestand, und das war die Hauptsache. Niemand fragte später je nach den Noten der Vordiplomprüfungen. Nahtlos ging es nach den Prüfungen ins neue Wintersemester. Nach dem positiven Prüfungsbescheid war ich schon ein bisschen stolz auf meine Leistungen in diesem Jahr. Viel später, als sich unsere Töchter dann auch im Studium befanden und ich in Anwesenheit von ihren Kollegen einmal erwähnte, ich hätte an der ETH im gleichen Jahr im Frühling das erste und im Herbst das zweite Vordiplom absolviert, zeigte man mir ungläubig beinahe den Vogel!

Die zwei Vordiplome im gleichen Jahr ermöglichten mir aber, im Frühling 1957 nach dem fünften Semester ein kurzes Praktikum bei den Ateliers de Charmilles in Genf zu absolvieren. Das hydraulische Versuchslabor, wo ich arbeitete, war hochinteressant, und ich konnte meine Kenntnisse in hydraulischen Maschinen vertiefen. Dabei durfte ich bei meinem Handballkollegen Ruedi Glaus v/o Bürste im Zimmer wohnen. Gleichzeitig war auch Heini Schwendener v/o Blitz in Genf, so dass das Ganze zu einer ausserordentlich unterhaltsamen und fröhlichen Angelegenheit wurde.
 
Nach einem wiederum verkürzten Sommersemester rückte ich dann im Sommer in die Offiziersschule der Flieger- und Flabtruppen nach Dübendorf ein. In den 23 Wochen bekam ich eine Grundschulung für Führungskräfte. Ich denke, der menschliche Aspekt der Führungsschulung war für mich wichtiger als der militärische. In Major Hügli hatten wir auch einen wunderbaren Klassenlehrer. Die Brevetierung im Hof des Landesmuseums, zu welcher auch meine Eltern angereist waren, sowie der Offiziersball im Grand Hotel Dolder bildeten einen würdigen Abschluss, wobei ich jedoch als junger Leutnant bei den Bodentruppen nicht so ganz glücklich war, hatte ich doch immer von einer Pilotenlaufbahn geträumt, wie sie Jürg Anderegg und Kurz Eggenberger erreicht hatten, die mit mir in der Pilotenklasse die gleiche Offiziersschule besucht hatten.
 
Während den Semestern spielte ich immer in einer St. Galler Handballmannschaft um den Zürcher Hochschulmeister mit. Diese Mannschaft war eine lustige Mischung von Mitgliedern sonst gegnerischer St. Galler Mannschaften. Von meinen besten Kollegen waren von den Pfader Hospiz Heinz Lanz v/o Wumm und Hansruedi Hohl v/o Mogge dabei, dann vom Stadtturnverein Heini Schwendener v/o Blitz. Ich wurde auch in die ETH Mannschaft für die Schweizerische Hochschulmeisterschaft aufgeboten, wo wir in meinen fünf Studien-Jahren zwei Mal Gold und je einmal Silber und Bronze erreichten. Mir unvergesslich blieben auch Reisen mit einer ASVZ Auswahl (Akademischer Sportverband Zürich) zu Freundschaftsspielen gegen die TH Darmstadt und die Universität Berlin. In einer solchen Auswahlmannschaft lernte ich auch meinen späteren Gegenschwer Loki Bosshard sowie den langjährigen Oerlikon Bührle Finanzchef Ernst Winkler kennen. Das Handball spielen an der Hochschule in Zürich war für uns St. Galler neben individuellem Konditionstraining Teil unseres Trainings, da wir die Woche hindurch ja ortsabwesend waren.  

Im Frühjahr 1958 hatte ich mich zu einem zweimonatigen Studentenaustausch nach Göteborg in Schweden entschlossen. Bei der Kugellagerfabrik SKF in Göteborg lernte ich zwar besser technisch zeichnen, sonst war es ausbildungsmässig nicht allzu ergiebig und sprachlich auch nicht, sprachen wir doch meistens deutsch oder englisch. Mit der andersartigen Mentalität der jungen Leute hatte ich auch etwas Mühe, es war jedoch auch wieder eine Chance, etwas ganz anderes kennen zu lernen. Auf der Rückreise mit dem Zug machte ich noch einen Umweg von Hamburg nach Bruxelles, wo gerade die Weltausstellung stattfand. Die Ausstellung mit ihrem damaligen Wahrzeichen, dem Atomium, beeindruckte mich sehr.

Während den letzten zwei Semestern wurde von der Industrie heftig um uns geworben: Sulzer, Escher Wyss, BBC, SIP, Charmilles, um nur einige zu nennen, luden uns jeweils für 1-2 Tage zu sich ein, um uns alles zu zeigen und uns Stellen anzubieten. So entschloss ich mich bereits im Frühjahr für eine Stelle in der Forschungsabteilung von Prof. Dr. Profos bei Sulzer Winterthur.
 
Rückblickend war dieses Studium mit Vorlesungen und Übungen bei namhaften Professoren schon prägend: Die Professoren Saxer (Mathematik), Stiefel (Angewandte Mathematik), Scherrer (Physik), Ger­ber (Hydraulische Maschinen), Ackeret (Aerodynamik), Rauscher (Flugzeug. und Leichtbau), Eichelberg (Thermodynamik und Verbrennungsmotoren), Traupel (Ther­mische Turbomaschinen), Bickel (Werkstoffkunde) waren weit über die Landesgrenzen hinaus bekannte Persönlichkeiten. Vor allem die periodischen philosophischen Abhandlungen des Prof. Eichelberg beeinflussten die ethische Berufsauffassung einer ganzen Generation von Ingenieuren und werden mir bis ans Lebensende präsent bleiben.

Und dann kam im Herbst 1958 das Schlussdiplom: Ausser der Prüfung in Thermischen Turbomaschinen bei Professor Traupel, bei welcher ich nur eine knappe 4 erreichte, lief es mir bei den Abschlussprüfungen recht gut, auch bei der Diplomarbeit, die ich ja ebenfalls bei Traupel über ein Thema in Thermischen Turbomaschinen schrieb. Das Schlussdiplom war mein bestes Prüfungsergebnis an der ETH, und glücklicherweise muss man ja meistens nur dieses zeigen! Ich war damals so überglücklich und stolz, wie ich es später im Leben nur noch an der Hochzeit und bei der Geburt unserer Töchter war.

Als Diplom-Abschluss war eine Raketen-Abschuss-Orgie auf der Terrasse des Maschinenlaboratoriums angesagt, mit dem vielversprechenden Motto: „Jeder frischgebackene Ingenieur bastelt mindestens eine standesgemässe Rakete“ (Man schrieb immerhin das Jahr 1958, und eben war der erste Sputnik auf die Erdumlaufbahn geschossen worden!). Das Happening war schlussendlich ein voller Erfolg. Als wir bei Franz Karl Weber im November praktisch den Restbestand an 1. August Raketen und Feuerwerk kauften, haben wir wahrscheinlich seine Statistiken bös durcheinander gebracht. Und bei uns im Zeichnungssaal, als die Letzten immer noch an den Diplomarbeiten sassen, wurde bereits die Brenndauer der verschiedenen Raketen gemessen, mehrstufige Raketen gebaut und getestet sowie Abschussvorrichtungen gebastelt. Zwischendurch stank es im Zeichnungssaal wie in einer Feuerwerkfabrik. Schliesslich war das Finale in Anwesenheit mehrer Professoren und Assistenten absolut grossartig: Es gab einen Menschenauflauf zwischen Maschinenlabor und Chemiegebäude / Kantonsspital, die Polizei begann vor dem Maschinenlabor den Verkehr zu regeln! Verbrannte Regenmäntel, Buh-Rufe für Raketenabstürze, Applaus für gelungene Starts von mehrstufigen Flugkörpern blieben in guter Erinnerung!!!
 
In Erlenbach galt es zu packen und wieder nach Hause umzuziehen. Vom Schmerz des Abschieds von Selin und Fritz am 13. Dezember 1958 zeugt ein gleichentags aufgegebener Express-Brief von Selin, den ich glücklicherweise noch besitze, ebenfalls ein Zeugnis von einer grossartigen Schwester. Noch ein paar unbeschwerte Tage und grosse Feste folgten, dann aber war das Studentenleben endgültig vorbei und am 2. Januar 1959 begann definitiv der Ernst des Lebens. Im Grunde genommen freute ich mich sehr auf meine erste Arbeitsstelle bei Sulzer: Endlich selber Geld verdienen, nicht nur zusätzliches Sackgeld, sondern einen eigenen Zahltag. So wollte ich wieder Zuhause in St. Fiden bei Mama wohnen, wieder in derselben Wohnung, in welcher ich schon geboren worden war.              
 
Ich schreibe nur „bei Mama wohnen“ deshalb, weil Papa seit seiner Pensionierung mehrheitlich bei Dorli und Albert auf ihrem Bauernhof in Erdhausen bei Neukirch-Egnach im Thurgau lebte. Dorli und Albert hatten ihren Hof in Valens verkauft und waren ins Thurgau ausgewandert, wo Papa nicht nur auf dem Feld und im Stall mithalf, sondern auch im Restaurant, das Dorli führte: Abends und an Wochenenden konnte er dort nach Herzenslust jassen. Wenn ich Papa sehen wollte, musste ich deshalb meistens nach Erdhausen. Dort bat mich einmal der leidenschaftliche Jasser, doch mitzuspielen, da für einen Schieber einer fehlte. Ich war kein so gewiegter Jasser, und er wurde ob meiner Fehler sehr ungehalten und zündete mich an. Das wollte ich nicht mehr erleben. Es war das erste, letzte und einzige Mal, dass ich in einem Wirtshaus zusammen mit meinem Vater gejasst habe!
Tagebuch einer Englandreise Sommer 1952
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6.  Tagebuch einer Englandreise Sommer 1952
Vorbemerkung zur Transkription und Verteilung dieses Tagebuchs anlässlich eines Anlasses "50 Jahre Englandreise" mit allen Teilnehmern und ihren Damen im Jahr 2002 bei uns in Zollikon (Humpe war nicht mehr dabei, da er schon gestorben war!):

Ich habe den vor 50 Jahren in azurblauer Tinte von Hand geschriebenen „Reisebericht 1952“ genau so abgeschrieben, wie ich ihn damals verfasst hatte: Mit der Orginal-Gliede­rung, auch mit allen Fehlern, ausser jenen, die zu Verständnisschwierigkeiten führen würden.

 

Aus einer witzigen Bemerkung in der Englischstunde über eine Reise nach England reifte mit der Zeit eine ernsthafte Absicht heran, die Sommerferien in England zu verbringen, um der Matura im Herbst sicherer entgegentreten zu dürfen. Am Anfang waren in unserer Klasse 4t 7 – 8 Interessenten; 2 davon wollten plötzlich nach England fliegen und so waren wir noch fünf, die sich ernsthafter mit Reiseplänen beschäftigten, nämlich:

Kurt Eggenberger v/o Gaz, Minerva San Gallensis,

Paul Grünenfelder v/o Gnüssli, Corona San Gallensis,

Edwin Somm v/o Freddo, Corona San Gallensis,

Bruno Wick v/o Humpe, Corona San Gallensis,

Hansruedi Gadient v/o Veto, KTV St. Gallen.

Dazu kam noch ein Handelsschüler aus 4h von unserer Kantonsschule, den wir „mit uns nahmen“:

Arno Bollhalter v/o Schmacht, Corona San Gallensis.

Wir zogen Auto und Bahn in Erwägung. Wir entschlossen uns dann einstimmig für das Auto, da anders mit den Mitteln, die uns zur Verfügung standen, eine solche Reise nicht möglich gewesen wäre, weil wir kein Zelt und nichts zu Essen mitnehmen könnten!
 
Wir suchten alle nach einem Wagen und fanden schliesslich in Zürich eine Firma, die Volkswagen relativ günstig vermietet. Alles war schon im Butter als plötzlich Freddo uns mitteilte, dass er daheim die Erlaubnis zur Teilnahme nicht erhalten habe. Wir waren in einer hoffnungslosen Situation: Wenn nur 5 mitgingen stieg der Preis für den Wagen, Überfahrt und Benzin um ca. 20%. Wir liefen bei Papa Somm Sturm: Wir telephonierten ihm, baten ihn, Freddo doch die Erlaubnis zu geben!! Doch Herr Somm Senior wollte nicht. Endlich fanden wir einen Ausweg indem Papa Eggenberger uns einen VW 4 Plätzer zur Verfügung stellen konnte. Als dies bereits abgemacht war, erhielten wir von Freddo die freudige Nachricht, dass Freddo die Erlaubnis doch erhalten habe. Wir hatten viel Glück, dass der 8 Plätzer von Zürich in der Zwischenzeit noch nicht vermietet worden war und wir bestellten ihn.

Die letzten Wochen strichen dahin, die Koffern wurden gepackt und Samstag 12. Juli, am ersten Ferientag, holte Freddo in Zürich unseren VW. Am Abend fuhren wir zu jedem heim und holten die Koffern ab, um am Morgen früh ohne viel Lärm abreisen zu können.

13. Juli: So fuhr am Sonntag 13. Juli morgens um 3 Uhr Schmacht bei Freddo und mir in St. Finden vor, wir erklommen dann St. Georgen und holten Gnüssli und den eben heimgekehrten, jodelnden Gaz (Jodlerfest in St. Gallen) ab. Dann boten wir St. Gallen den Rücken und fuhren mit zünftigem Tempo Richtung Basel – Paris in den frischen Morgen hinein.
In Basel gingen wir fünf ausser Gaz in die Frühmesse und jagten dann dem Zoll zu. Dem Zöllner wurde fast schwindlig als er in den Wagen schaute. Wir mussten 5 Koffern zeigen. Es wurde aber nichts gefunden, da wir keine grossen Interessen am Schmuggeln hatten. Nun entwickelten sich hitzige Wortgefechte von Basel bis Paris, da sich jeder im Schalten übte und kratzte, dass wir befürchteten, mittags je mit einem Zahnrad mit und ohne Zähne in der Hand heimkehren zu müssen. Wir fuhren von Basel nach Belfort, wo wir die alten Befestigungen bestaunten, von Belfort über Vesoul nach Langres und Chaumont, 2 schönen alten Städten, besonders Langres, das wundervoll auf einem Hügel oben thront, von den uralten Stadtmauern begrenzt. Bei jedem Renault Fregatte, der während der Fahrt in unser Gesichtsfeld kam, brüllte Gnüssli laut auf und lobte, pries den Wagen, bis wir ihn aufforderten, die Witzigkeit einzustellen. Über Troyes langten wir abends 6 Uhr in den Vororten von Paris an. Wir assen etwas in der Stadt und fuhren dann hinaus in den Bois de Boulogne, wo wir einen Camping-place fanden. Wir fuhren hinein und begannen unser Zelt aufzustellen. Ich warnte zwar, da ich eine Aufschrift gelesen zu haben glaubte: Nur für TCF - Mitglieder!! Es vergingen nicht 2 Minuten, da hörten wir einen laut fluchenden Mann aus dem Dunkel auftauchen. Es war der Wärter des Camp. Roh und alles andere als anständig machte er uns klar, dass wir so schnell als möglich verschwinden sollten. Wir liessen uns nicht in einen Streit ein und stellten unser Zelt direkt vor dem Camp auf, wo wir schon einige Zelte antrafen, darunter eines von 2 Schweizern bewohnt. Dann schliefen wir den Schlaf der Gerechten, 4 im Zelt und 2 im Wagen... .
 
14. Juli: Jour de la Prise de la Bastille. Wir waren eine ganz internationale Gruppe vor dem Zeltplatz draussen: Neben uns standen die Zelte eines Schweden (mit hübscher Frau), eines Holländers, eines Franzosen und der anderen 2 Schweizer. Wir begaben uns nach dem Morgenessen, das wir das erste Mal selbst kochten, sofort in die Stadt, um uns die Parade anzusehen. Auf dem Weg dorthin sahen wir 80 P80 Shooting Stars in Doppelpatrouillen die Parade eröffnen. Dann rasten 4 Sabre über die Stadt. 

Leider sahen wir nicht mehr die ganze Parade; jedoch den interessanteren Teil, nämlich die motorisierten Truppen, und die Kranzniederlegung im Arc de Triomphe am Grab des unbekannten Soldaten. Nach der Parade spazierten wir die Champs Elysées hinab bis zu den Grand und Petit Palais, höchste Meisterwerke mittelalterlicher Architektur; auch schauten wir uns den Place de la Bastille mit der Colonne de Juillet an, wo bis zur Revolution die Bastille gestanden hatte.

Mittags gingen wir ins Zelt zurück und assen und schliefen, um während der Nacht „knusprig“ zu sein. Nach einem guten Nachtessen in einem Studentenrestaurant nahe der Sorbonne schauten wir uns von der Pont St. Michel das Riesenfeuerwerk an (wobei Gaz und Humpe mehr ein herziges, seriöses Pariser Mamsellchen beaugapfelten, trotzdem es von seinen Eltern begleitet war). Dann begaben wir uns dann in das Vergnügungsviertel von Paris, dem Place Pigalle, um das so viel beschriebene Nachtleben von Paris zu „studieren“. Dort liessen wir uns von den gewohnten Sprüchlein überschwemmen: Bon soir, voulez-vous faire l’amour?.... Et toi, Chérie, toi nonplus?.... Et toi mon petit, je suis ce que tu cherches ..... Gaz und Schmacht besuchten ein oder zwei Cabarets und wir vier setzten uns in ein Dancing mit einem glänzenden Neger - Jazz - Orchester. Um 4 Uhr wollten wir wieder zusammenkommen unter dem Arc de Triomphe.

15. Juli: Um 11 Uhr hatten wir uns von den Strapazen der Nacht erholt und gerieten in Streit mit dem Wärter, der uns verbot, Wasser zu holen am Eingang ins Camp. Nach dem Mittagessen setzten wir uns in unseren Wagen und fuhren nach Versailles hinaus. Dort bestaunten wir das riesige Schloss, das Louis XIV erbauen liess. Wir sahen darin die berühmte Kapelle, die prunkvollen Gemächer des Königs und der Königin, das wunderbar mit Gemälden ausgestattete Wachtlokal der Schweizergarde. Dann bestaunten wir den riesigen Park, die unbeschreibbar schönen Gartenanlagen. Mit tausend neuen, grossartigen Eindrücken kehrten wir abends müde zum Zelt zurück.

16. Juli: Eigentliche Stadtbesichtigung; morgens früh begaben wir uns in die Stadt. Schmacht besuchte seinen Onkel, der Rest bildete 2 Gruppen, um sich die Stadt anzusehen. Humpe, Gnüssli und ich bildeten die eine, Freddo und Gaz die andere. Abends um 9 Uhr wollten wir uns beim Arc de Triomphe wieder treffen. Wir besichtigten der Reihe nach die Kathedrale von Sacre Coeur de Montmartre, Tour d’Eiffel, Pantheon (der ehemalige Dom von Paris), unmittelbar daneben St. Etienne du Mont (Mittelalterliche Kirche), Kathedrale Notre Dame, die grosse Geschäftsstrasse Rue de Rivoli, Louvre, Palais Royal, Tuilerien, Jardin des Tuileries, L’Obélisque. Auf dem Heimweg kauften wir noch ein paar Flaschen Wein, mit denen wir eine eiserne Zecherei durchführten, wobei gelegentlich Veto KT“V“ nicht mitmachte!!
 
17. Juli: Nach dem etwas verfrühten Mittagessen um 11 Uhr fuhren wir in Paris ab Richtung Calais. Wir fuhren durch die Gegenden der Invasion von 1944, wo auch heute nach 8 Jahren die Spuren des Krieges noch deutlich zu sehen sind, so zum Beispiel in Bauvais, wo wir zwei einst sicher wunderschöne gotische Kirchen sahen: total zerstört, Türme weg, ausgebrannt, Dach eingestürzt und Fenster geschmolzen; in Abeville sind Kathedrale und Stadt ein einziger Trümmerhaufen. Zerstörte Häuser wurden abgerissen und die Strassen verlegt, so, dass nun gute Verkehrsbedingungen herrschen. Wir sahen mitten in der Stadt neben langen Barackendörfern moderne Betonhäuser entstehen, kurz gesagt, grässliche Zustände.

In Montreuil schwenkten wir links ab nach Le Touquet, oder auch Paris-Plage genannt, der Badeort der reicheren Pariser und Engländer. Am Plage trafen wir einen älteren Polizisten mit roter Nase, den wir nach einem Campingplatz befragten. Zuerst bettelte er noch um ein paar Cigaretten, „qu’il voulait garder pour sa femme“, dann zeigte er uns sofort einen Platz. Als wir ihn fragten, ob wir hier nicht wieder verjagt würden wie in Paris, sagte er: „Si quelqu‘un dit quelquechose, vous dîtes, que vous avez la permission du commissaire de la Plage“, drehte sich auf dem Absatz um und marschierte stolz von dannen.

Dann stellten wir unser Zelt mitten in Hitlers Atlantikwall auf, mitten in einer mit Bomben und Schiffsgeschossen grässlich entstellten Gegend, mit hunderten von zer­störten Bunkern, Betonklötze von 5 x 7 x 1 m lagen wie hingelegt 20 m neben den ursprünglichen Fundamenten. Kurz gesagt, ein Streifen von ca. 500 – 1000 m von der Küste ins Landesinnere war wie mit einem Riesenpflug umgepflügt und alles mit kleinen, zähen Büschen und Sträuchern bewachsen, oder vom Meersand zugedeckt.

Einige von uns, wie beispielsweise ich, sahen hier zum ersten Mal im Leben das offene Meer. Wir gingen unsere Füsse waschen und stellten dann das Zelt auf. Ein starker Meerwind erschwerte dies sichtlich, weil er alle Heringe sofort wieder ausriss; so mussten wir jeden einzelnen Hering mit einem alten Bunkertrümmer (= Ersatz für Steine) beschweren, um sicher zu sein, das Zelt nicht 1000 Mal neu aufstellen zu müssen während der Nacht. Gaz hatte wahrscheinlich etwas schlecht Verdauliches gegessen, da er uns das Atmen sehr beschwerlich machte. Humpe, Schmacht und ich gingen abends noch in die Stadt. Humpe wollte um jeden Preis den Abend mit einer Dame verbringen und so sprach er eine Weile während einem Dorfmusik-Konzert mit einem netten Persönchen, kam aber entsetzt zurück; sie hätte sich entschuldigt, als er sie in ein Dancing einladen wollte, denn sie befinde sich im 6. Monat schwanger. Wir lachten ihn kein bisschen aus (Witz!) und spazierten weiter. Dort schaute uns ein weiteres Persönchen lächelnd an, lief uns vor, schloss ihren Souvenir-Laden, lief uns wieder vor und auf der anderen Strassenseite zurück, bis Humpe sie wieder in ein Dancing einlud. Er erhielt aber wieder einen Korb. Zwar gab das Fräulein zu, uns anomiert zu haben (nach Student Bruno Wick!), müsste aber morgen wieder früh im Laden sein und so gehe es leider eben nicht. Ein zweites schallendes Gelächter erscholl in den nächtlichen Strassen von Le Touquet. Humpe schlug um halb elf vor, zum Zelt zurückzukehren, und das taten wir denn auch!

18. Juli: Überfahrt nach England: Nachdem wir das Zelt abgebrochen hatten, fuhren wir auf Nebensträsschen der Küste entlang nach Boulogne, und von dort nach Calais. Um 12’30 Uhr mussten wir dort sein zum Einschiffen, und um 14’30 Uhr fuhr der Auto-Carrier ab. Am Zoll ging alles ohne Zwischenfall. Die Fähre war ein kleines, uraltes Boot. Alle Wagen wurden mit einem Kran an allen vier Rädern hochgezogen und in den Schiffsbauch hinuntergesenkt. Wir assen auf dem Schiff bei sehr ruhiger See zu Mittag und landeten glücklich in Folkstone. Dort hatten wir am Zoll grösste Troubles: Wir hatten in Zürich für den Mietwagen die Versicherungspolicen nicht erhalten. So mussten wir eine neue, englische Autonummer kaufen. Mein Kamerad rechts, Schmacht, vermochte mit seiner gebrochen englischen Redegewandtheit sogar dem Hafenoffizier selbst zu überzeugen, dass wir nur 2 ½ und nicht 5 engl. Pfund zu zahlen hatten. Um 7 Uhr konnten wir den Hafen verlassen und fuhren auf einer erstklassigen Strasse Canterbury zu, wo wir die weltberühmte Kathedrale bestaunten. Von dort fuhren wir nach Faversham, wo Gaz von den Skiferien in Arosa her eine Arztfamilie kannte, die er besuchen wollte. Der Mann, Mr. Brittain, hiess uns alle willkommen und stellte uns seinen Park zur Verfügung, um dort unser Zelt aufzustellen. Er lud uns abends zudem in ein Restaurant und zahlte jedem von uns ein Bier (wobei zu sagen ist, dass ich sogar Schützengarten-Bier jenem überlegen fühle!), und anschliessend noch ein paar Schnäpse! ....
 
19. Juli: Anderntags kam morgens früh ein maximales Mamsellchen die Hühner, Schweine und Gänse füttern, was jedoch Humpe nicht hinderte, hinter ein Tomaten-Treibhaus zu pfunden!! Nach einem echt englischen Frühstück (das Beste unserer Englandreise überhaupt!) verabschiedeten wir uns, nachdem wir Mrs. Brittain noch ein grosses Blumenbouquet überreicht hatten.

Dann fuhren wir der grössten Stadt der Welt, LONDON entgegen. Dort schauten wir uns als erstes die St. Pauls Cathedral an, lasen beinahe an jeder Türe „Closed“, setzten Gaz in einem Bahnhof ab, um nach Coventry in die Ferien zu Bekannten zu reisen. Dann rauschten wir restlichen Fünf ab nach Southend on Sea, um dort am Meer das Wochenende zu verbringen. Southend on Sea ist der Ferienplatz der mittleren und vor allem unteren gesellschaftlichen Schichten: Ziemlich naiver Betrieb, viele Betrunkene! Humpe erhält einen neuen Korb beim Früchtekaufen, als er einem netten Frauchen in die Zeitung sieht und nach der Bedeutung eines ihm (uns nicht!) unbekannten Wortes fragte. Sie blickte ihn so dumm als möglich an und lief grinsend weg! Wir waren der Gefahr nahe, vor Lachen und Schadenfreude zu zerplatzen.

20. Juli: Wir schliefen bis 10 Uhr, dann begaben wir uns in die Kirche um am Nachmittag baden zu gehen. Der Sonntag war bald vorbei und nur Humpe und ich gingen abends noch in die Stadt, brauchten aber keinen Penny Geld und kehrten todmüde um 11 Uhr zum Zelt zurück.

21. Juli: Fahrt nach London. Wir bestaunten Westminster Abbey, Houses of Parliament und die dort herumliegenden Sehenswürdigkeiten. Dort trafen wir noch Obi’s Vater (Auch Minerva wie Gaz!) und rollten dann hinaus nach Rickmansworth nordwestlich von London, wo wir unser Zelt auf dem Camping aufstellten. Direkt neben unserem Zelt war ein grosser Weiher, wo wir baden konnten und dies auch voll ausnützten. Wir wuschen uns einmal vom Scheitel bis zur Sohle und sprangen dann eingeseift in den Pool hinein. 
 
22. Juli: Frühe Tagwache, um auch früh nach London gehen zu können. Bis dann aber Humpe und Freddo noch ihre obligatorischen 2 Stunden gefressen (Entschuldigung!) hatten, war es wieder einmal halb Zwölf geworden. Wir fuhren mit dem Wagen bis nach Hatchend, eine der nächstliegenden Untergrundstationen, und dann per Bahn in die Stadt. Freddo traf ein Fräulein aus Waldkirch, welche ihm die Stadt zeigte (hm, hm), und wir teilten uns in 2er Gruppen auf. Schmacht und Gnüssli verschwanden bald im Gewühle des Picadilly Circus.

Humpe und ich begaben uns in den Tower of London, wo wir die ganze Anlage einer genauen Besichtigung unterzogen. Wir wanderten anschliessend noch durch den Queens Park, sahen Buckingham Palace mit seinen Wachen, und assen in der Victoria Street, zu Fuss etwa 5 Minuten von Westminster Abbey entfernt, ein relativ gutes aber spärlicheres Abendessen. Dann probierten wir die roten Londoner „double decked“ Busse aus, und ein anderer Bus brachte uns wieder an den Picadilly Circus zurück. Dort entschlossen wir uns, in ein Kino zu gehen. Wir sahen zuerst einen sehr lehrreichen Film über Leonardo da Vinci und nachher „Gift Horse“, einen englischen Kriegsfilm von der Marine. Während des Films hatte sich Humpe an eine Holländerin herangemacht. Er verliess plötzlich das Kino mit der lächerlichen Frage: „Wötsch au mit cho?“ Ich zog es vor, mir den Film fertig anzusehen.

Nach dem Film patrouillierte ich einige Male gelangweilt Picadilly Circus – Leicester Square hin und zurück. Plötzlich sprach mich einer an und begann freundlich mit mir zu plaudern, über Switzerland, über Old England und kam dann endlich zur Pointe, indem er mich in einen Club einführen wollte, wo ich mich nicht langweilen müsste, wie hier beim auf und ab spazieren. Er faselte mir von schönen Frauen vor, vom nichts kosten ausser einem Monatsbeitrag von 1 Pfund etc. Schliesslich versprach ich ihm, morgen abend zu kommen, denn heute gehe es leider nicht, weil ich mich mit meinen Freunden um 24 Uhr in der Untergrundstation treffen wollte. Dann traf ich per Zufall Schmacht und Gnüssli, mit denen ich in den Seitengässchen die in Feierabendstimmung wartenden Schönheiten Londons ärgerte! Genau wie in Paris!

Um 12 Uhr fehlte Humpe, und wir mussten ohne ihn abfahren. Plötzlich fanden wir ihn aber in einer späteren Station, wo wir umzusteigen hatten. In Hatchend angekommen, sahen wir, dass unser Schweizerfähnchen am Wagen geklaut worden war und fuhren voll Groll darüber hinaus zu unserem Zelt. Da es furchtbar heiss gewesen war an diesem Tag, beschlossen wir, am nächsten Tag im Camp zu bleiben um vor allem zu baden.

23. Juli: Heute standen wir erst um 12 Uhr auf. Nachdem ich mich nach dem Baden um 7 Uhr wieder vor‘s Zelt an die etwas spärlich wärmende Sonne gelegt hatte, gab es ein kombiniertes Morgen- und Mittagessen, das, Abwaschen eingerechnet, erst um 15’15 Uhr beendet war. Wir schrieben dann heim, spielten Ping Pong, badeten und beschlossen, anderntags das Zelt abzubrechen und in die Stadt zu fahren und in einem der Parks zu übernachten.

 

 

24. Juli: Wir schauten uns nochmals die Stadt London vom Wagen aus an, die vielen schönen Hotels und Bahnhöfe. Auch wurden wir mit dem Spektakel einer Wachtablösung vor dem Buckinghampalace beglückt, wobei wir so lachen mussten, dass Passanten uns furchtbar vorwurfsvoll anschauten. Den Abend verbrachten wir im Pleasure Garden von London, wo wir plötzlich schweizerdeutsch angehauen wurden. Wir luden die beiden, es war eine Heidenerin und eine Italienerin zu einem Tee (!) ein und machten auf den folgenden Tag ab. Auf der Fahrt zum Hause der Beiden konnte sich Veto beherrschen und sprach zum Gaudi der Kollegen mit der Heidenerin unter anderem über das „English Money System“, während links von ihm Humpe mit der Italienerin eher den Vulgo „Sutt“ verdient hätte. Dann stellten wir unseren Wagen in einen noch offenen Park Londons und schliefen dort im Wagen. Humpe war es zu unbequem und legte sich im Schlafsack in einen nahen Liegestuhl hinaus. Wir hatten noch nicht 2 Stunden geschlafen wurden wir um ca. 3 Uhr von einem Bobby verjagt. Humpe, der im Park im Liegestuhl schlief, brauchte eine extra Einladung, mit der sich Humpe aber glänzend aus der Affäre zog, indem er wiederholt zum Bobby sagte: „ Don’t speak so quickly, J’m here a foreigner and J cannot understand you!“ Nachdem der Bobby aber dann etwas von „arresting you“ schwatzte, wurde es Humpe doch zu bunt und er kam zum Auto zurück und wir verliessen „Queens Ground“. 
 
25. Juli: Wir beschlossen zu dieser frühen Stunde, den Fish-Market in Billingsgate zu besuchen! Wir wurden aber sehr enttäuscht, als wir nur ca. 10 bis 15 Lastwagen dort stehen sahen mit Chauffeuren, die darin schliefen!!! Dann besuchten wir den Gemüsemarkt. Dieser war riesengross, aber auch hier sahen wir nichts Aussergewöhnliches. Nach einem kurzen Morgenessen an einer Bar mitten im Markt fuhren wir in den Hydepark und schliefen bis 12 Uhr. Nachdem wir uns noch im Strandbad des Hydepark, mitten in der Stadt, erfrischt hatten, begaben wir uns an die Nordost Ecke des Hydepark, wo die so viel beschriebenen Diskussionen stattfinden und amüsierten uns ganz gut. Es war lustig, wie Redner, meistens Proleten, die paradoxesten Sachen behaupten konnten. Abends gingen wir mit den zwei Ladies tanzen, wobei Gnüssli „die Gefahr scheute“ und 2 Stunden im Wagen schlief. Auf der Heimfahrt musste ich dann meinen Kollegen beweisen, dass ich (wenn es sein muss allerdings nur!) in Sachen Wärme auch mithalten kann! Um ½ 12 starteten wir nach Denham im Westen von London, wo wir unser Zelt aufschlagen wollten. Nach ungefähr 2 Stunden Suchen glaubten wir, den Zeltplatz gefunden zu haben, dass wir momentan aber die Einzigen Camper sein müssten. Am Morgen stellten wir dann fest, dass wir unser Zelt ca. 200 m neben dem richtigen Zeltplatz aufgestellt hatten!!
 
26. Juli: Wir machten uns auf die Fahrt nach Coventry, um Gaz wieder abzuholen. Wir fuhren über Oxford, der weltberühmten Universitätsstadt, Stratford-on-Avon, dem Geburts- und Wirkungsort Shakespeares, und Warwick, mit seinem berühmten Schloss, nach Coventry. Nach Oxford stoppte uns ein Wanderer am Wegrand. Es war Fix aus St. Gallen. Er war bis letzten Frühling auch an unserer Kantonsschule gewesen. Wir staunten ob dem Zufall und nahmen ihn bis Coventry mit.

Dort trafen wir Gaz allein zu Hause seines Gastgebers, mit 3, in Worten DREI, Freundinnen zu Besuch. Der Hausbesitzer war in die Ferien gegangen und so hatte er Gaz die Hausschlüssel gegeben und wir fünf, die da kommen sollten, seien herzlich eingeladen. Die einen gingen dann baden, ich mit Humpe und Gaz zog es vor, etwas Englisch zu plaudern. Abends luden wir die Mädchen ins Kino ein, was sie gerne annahmen. Es war „Atoll K“, ein schlechter Laurel und Hardy Film, über dessen Faulheit und Blödsinn wir mehr lachten als über die Witze im Film. Welch ein herrliches Gefühl wir hatten, wieder einmal in einem richtigen Bett zu schlafen!! Fix schlief in unserem Wagen.

27. Juli: Um ½ 10 wurden wir vom „Hauswart“ Gaz aus einem göttlichen Schlaf gerissen, nachdem wir nun schon genau 14 Tage lang im Zelt auf Mutter Erde oder im Auto geschlafen hatten. Wir besuchten um 11 Uhr die Spätmesse in einem kleinen Diasporakirchlein und fuhren dann, natürlich von der holden Weiblichkeit begleitet, zurück nach Stratford-on-Avon, um uns die Geburts- und Wohnstätte Shakespeare’s etwas besser anzusehen und assen dort einen obligatorischen Z’vieri, indem Brot, Butter, Tee und Patisserie aufgetragen wurde, ohne dass wir etwas bestellt hatten. Da die drei Ladies noch nicht 18 waren, blieb uns nichts anderes übrig, als sie wieder ins Kino einzuladen, wo wir uns mehr oder weniger unterhielten. Nachher fuhren wir noch etwas vor die Stadt hinaus, wo wir in einer Bar etwas gegen den Durst tranken.
 
28. Juli: Wir schliefen lange in den Tag hinein und gingen um 11 Uhr in die Stadt einkaufen. Um 16’15 Uhr war dann die letzte Tasse auch wieder abgetrocknet. Anschliessend konnten wir uns noch etwas gütlich tun bei einer Cigarette bezw. Stumpen und einer Diskussion, ob Gnüssli eigentlich immer das Gegenteil der anderen behaupte oder nicht!

Um 18’30 Uhr hatten wir mit den 3 Girls abgemacht, um ihnen „Good By“ zu sagen. Um Kilometer zu sparen gingen wir nochmals (!) ins Kino und verabschiedeten uns dann von Shirley, etwas mehr als vollschlank, Barrel, dem rassigen Italienertyp und Daphne, der hübschesten von allen, mit dem einem fast zur Verzweiflung bringen könnenden, himmelblauen Augenpaar.

29. Juli: Wir machten uns auf den Weg zu Pat’s (dem Hausbesitzer unseres Logis in Coventry) Ferienplatz: Pwllheli, in Nordwales. Er war dort in einem Butlin’s Camp; das „Butlins Holyday Camp of Pwllheli“ ist eine kleine Stadt. Im Zentrum stehen grosse Restaurants, Speisesääle, Tanzsääle, ein grosses Schwimmbad, ein Theater und ein Kino. Darum herum stehen etwas 3000 kleinere, einräumige Ferienhäuschen, die man mieten kann. Nun in diesem Camp waren Pat und Frau, Pat’s Bruder mit Frau und deren Schwester. Diese hiessen uns willkommen, nahmen uns freundlich auf und hatten es fertig gebracht, dass wir für 2 ½ Shilling pro Tag dort 2 Tage verbringen durften.

Nun aber noch zurück zur Reise: Wir fuhren von Coventry, wo wir wegen Betriebsferien die Standardwerke leider nicht besichtigen konnten, über die riesigen Industriestädte Birmingham und Wolverhampton nach Shrewsbury und Llangollen, dann über einen kleineren Pass, der uns ganz an schweizerische Landschaften erinnerte (nur dass die Viertausender am Horizont fehlten) zur Westküste Englands nach Porthmadog und von dort auf eine Halbinsel nach Pwllheli. Wir schlugen unser Zelt etwa 2 km vom Butlin’s Holyday Camp entfernt auf, und assen dann noch mit Pat, Erique and Co in Pwllheli Fish and Chips!!

30. Juli: Um 10 Uhr fuhren wir im Camp ein und begaben uns sofort in den Ballroom, wo aber gerade Frühturnen war. Wir besichtigten nun mit unseren Freunden das Camp und assen um 12 Uhr ein gutes Menu!! Nachher besuchten wir bis das Tea-Dancing begann das Pig and Whistle, das Hauptrestaurant, wo es vor allem Schmacht schon sehr gefiel. Die grösste Überraschung brachte uns aber der Abend, wo wir die sonst so steifen Engländer kaum mehr kannten: Von 10 – 11 pm ist jeden Abend, gut organisiert von einem Conférencier, ein Tumult im Ballsaal, dem Viennese Ballroom, wie er bei uns höchstens an der Fastnacht, und auch dann nur selten, zu sehen ist. Da wird gesungen, getanzt, geschaukelt, gegröhlt, geklatscht, ein regelrechtes Austoben der jungen Leute. Und Schmacht stand strahlend mitten drin im Gewühl und gröhlte mit, so viel er herausbrachte. Dies war allerdings nicht ganz verwunderlich, da er im Pig and Whistle etwas zu tief ins Glas geschaut hatte. Gaz und Veto hatten zwecks Erlernung der englischen Sprache mit zwei Ladies angebändelt und erschienen als letzte um ½ 12 beim Auto.
 
31. Juli: Um 2 pm fuhren wir wieder im Camp ein. Wir schauten uns zuerst drei Wrestling Matches (Catch as Catch Can) an, wo so gerungen wurde, wie das Publikum die grösste Freude hatte. Nicht nur einmal flog Gegner und selbst der Schiedsrichter in hohem Bogen aus dem Ring; auch er selber flog wenig später selbst hinaus. Auf alle Fälle erlitt keiner der drei etwelchen Schaden. Dann gingen wir wieder tanzen. Gaz und Veto trafen ihre Liebsten wieder und dann besuchten wir alle zusammen noch das Theater. Nach einem Kurzbesuch im Pig and Whistle wohnten wir nochmals dem Tumult im Viennese Ballroom bei, um uns dann von unseren Freunden zu verabschieden, uns herzlich für alle ihre Bemühungen zu bedanken und fuhren dann zu unserem Zelt zurück. 
 
1. August: Um 10 Uhr fuhren wir in Pwllheli ab Richtung Bristol und Muus. Wir folgten der Route Porthmadog – Harlech (hier besuchten wir noch ein herrliches, mittelalterliches Schloss) – Dolgelly – Welshpool – Leominster – Hereford - Gloucester – Bristol. Auf der ganzen Reise sahen wir fast in jeder grösseren Ortschaft wunderschöne Kathedralen, von denen wir jene von Gloucester besichtigten. Alle waren in gotischem Stil erbaut, mehr oder weniger reich verziert. Vor Bristol sahen wir noch den Industriekomplex der „Bristol – Engineering“ (das sind die De Havilland - Werke, wo unser Jagdflugzeug „Vampire“ hergestellt wird) und deren Flugplatz, wo eben ein Helikopter mit zwei Schrauben für Personentransporte unter Dach gebracht wurde. Wie in Coventry hatten wir wieder Pech: Am Nachmittag war die letzte Führung durch die Werke gewesen, ab morgen Samstag sind Betriebsferien! Um 22’30 Uhr ist der Zeltplatz gefunden und das Zelt aufgestellt.

2. August: Um den Mittag herum fahren wir in die Stadt. Wir kaufen noch Lebensmittel ein und fahren dann zu Norma Roth v/o Muus aus Uzwil, die mit Humpe gut befreundet ist. Leider ist niemand zu Hause und es stellt sich heraus, dass sie etwa 12 Meilen ausserhalb Bristol mit ihrer Herrschaft in den Ferien ist. Wir sehen uns die grässlich zusammengeschlagene Stadt an, den Hafen, die Kathedrale, die Universität. Nach einem Nachtessen geht Freddo und Veto in einen ausgezeichneten Fliegerfilm: „Jet Men in the Air“, einen Film über die Ausbildung amerikanischer Militärpiloten. Die anderen gehen tanzen. Um 22’30 Uhr Abfahrt zum Zelt hinaus!

3. August: Um 11’00 Uhr besuchen wir die Spätmesse in Bristol, wo wir allerhand Sehenswertes vor die Augen bekamen. Humpe geht per Bus zu Mus hinaus und wir schauen uns nochmals die Schönheiten der Stadt an, um nach Humpes Rückkehr wieder zum Zelt hinaus zu fahren.

4. August: Aufbruch in Bristol!! Fahrt über Bath und Salisbury nach Southampton. In Bath machen wir 2 Stunden Aufenthalt, wo wir das noch sehr gut erhaltene und teilweise wieder ausgegrabene Römerbad mit der heissen Quelle besichtigen. Ca. 10 Meilen ausserhalb von Southampton finden wir einen wunderbaren Zeltplatz an einer Meeresbucht. Wir haben Zeit genug, um sogar einmal mit Holz abzukochen. Romantische Stimmung abends: weit und breit allein um ein kleines Feuerchen am Meer!

5. August: Nachdem wir uns im Meer gebadet und ein kombiniertes Morgen- und Mittagessen verspiesen hatten, brachen wir das Zelt ab und fuhren in die Stadt mit dem grössten Kolonialhafen Englands. Wir schauten uns den Hafen an, sahen die Queen Mary. Gnüssli, Freddo und Humpe hatten Glück, eine Spezialbewilligung von der Hafenpolizei zu erhalten und konnten so den ganzen Hafen anschauen; sie sahen Truppen sich nach Korea einschiffen, amerikanisches Kriegsmaterial ausladen, sahen die Trockendocks etc. Abends fuhren wir weiter nach Portsmouth, wo wir vom Hügel hinter der Stadt auf diese hinunterblicken konnten und die Kriegsflotte im Hafen liegen sahen. Dann fuhren wir gleichentags weiter nach Brighton, wo wir den grössten Zeltplatz von ganz England antrafen und unser Zelt aufstellten.

6. August: Am Morgen mussten wir wieder einmal ausschlafen und so standen wir erst etwa um 10 Uhr auf. Die einen gingen Baden, die anderen in die Stadt. Ich ging wieder einmal Klavier spielen in den kleinen Tanzraum mitten im Camp. Dann lernte ich die Wahrheit des Liedes kennen: „Man müsste Klavier spielen können, um Glück zu haben bei den Frau’n ....!“ Bald wurde ich in ein reges Englischgespräch „verwickelt“ mit Barbara, einer bildhübschen Engländerin. Wir waren uns schon einig, abends zusammen tanzen zu gehen, als bei ihr Besuch kam und sie nicht zum Tanzen mitkommen durfte. Voll Unmut lege ich mich abends ins Zelt, und Gnüssli leistet mir Gesellschaft, während die vier anderen in die Stadt gehen und ein Festchen bauen.

Mitten in der Nacht werden wir von den Vieren im Tenu eines Pappenheimers aufgeschreckt, nur noch mit der Unterhose bekleidet, ein Taschentuch auf dem Kopf und ein Bündel Kleider am Arm! Einige hatten etwas zu viel Sidre, Beer and Gin konsumiert, das daraus hervorgeht, dass einer für einen Shilling der ersten besten einen Kuss geben wollte, aber anstatt dem Sh eine schallende Ohrfeige einkassierte! Dann kam noch ein interessantes Rededuell zwischen Freddo und Schmacht zustande, in welchem Schmacht Freddo zum Wagen hinaus werfen wollte um endlich schlafen zu können, während Freddo noch in aller Ruhe einen Landjäger essen wollte. Als dann unsere Nachbarn um Ruhe gebeten hatten und alle im Zelt waren, beklagte sich Freddo noch bitter über diejenigen, die auf seiner Wolldecke Poker gespielt hätten; sie hätten ihm in seine Wolldecke einen „Bugg“ (kein Druckfehler) gemacht.

7. August: Ich ging wieder ziemlich früh Klavier spielen und wartete sehnlichst bis der Besuch endlich fort ging. Dann lernte ich noch Cliff, Erwin, Betty, Carrol, Doreen, Michael and Jim kennen. Am Nachmittag gingen alle anderen ins Kino; ich ging mit Barbara in die Stadt. Den Abend verbringen wir in dem kleinen Saal des Camp, mit einer Ausnahme, die dann leider von Gaz aufgestöbert wird, der aber zum Trost noch zu einem Geschenklein kommt.

8. August: Im Laufe des Vormittags mussten wir das Zelt abbrechen und (besonders Veto) hielten den Abschied von Cliff, Erwin, Barbara, Carrol und Betty in einer schlichten Feier fest. Dann machten wir uns auf die Fahrt nach Dover, die wir zweimal kurz unterbrachen: das erste Mal um dem stürmenden Meere zuzuschauen, wobei sich ein paar ganz wuchtige Wellen nicht ganz an der Quaimauer brechen liessen und uns eine Menge Gischt und Salzwasser nachschleuderten, sodass sogar einige die Kleider wechseln mussten und wir vor lauter Salz an den Scheiben nicht mehr zum Wagen hinaus sehen konnten. Das zweite Mal hielten wir an um von einer Anhöhe oberhalb Folkestone auf den Hafen zu blicken, wo wir unsere Englandreise begonnen hatten!! Etwa 2 km vor Dover stellten wir unser Zelt auf in einem Zeltplatz gerade neben einer Wirtschaft. Als wir das Zelt aufgestellt hatten, marschierten wir sofort in die Beiz mit der festen Absicht, nicht bloss einen einzigen „Sidre“ zu trinken. Um ½ 11 Uhr waren die Zustände etwas verworren, und einer wollte zeigen, dass er immer noch gerade marschieren könne. Ein anderer oder auch der gleiche wurde müde und legte sich lang in die Wiese vor dem Zelt, während die anderen ihn eine Viertelstunde lang suchten (und unter anderem anstatt Liebespäärchen Büsche angeschlichen hatten). Endlich fanden sie ihn, nachdem er einen eher einem Röcheln ähnlichen Couleurpfiff siffliert hatte! Dann ärgerte sich dieser jemand grässlich über die Zeltschnüre und brach schliesslich das ganze Zelt in weniger als einer Sekunde ab, indem er einfach der Länge nach aufs Zelt stolperte. Bilanz: 2 Zeltstangen gebrochen und ein Gelächter der Kollegen, dass alle Leute zu ihren Zelten heraus schauten! Man stellte das Zelt dann anstatt mit zwei mal 4 Stangen mit zwei mal nur 3 Stangen auf. Zum Unglück begann es am Morgen fürchterlich zu regnen, und da das Zelt nicht richtig aufgestellt war, wurde es innen und aussen total nass.

9. August: Nachdem wir unter grösstem Regen das auf Halbmast stehende Zelt abgebrochen und nass eingepackt hatten, begaben wir uns nach Dover in den Hafen zum Einschiffen. Wir fuhren in ein ganz neues Schiff, die Saint Germain, hinein und harrten der Dinge, die bei dem hohen Seegang da kommen sollten. Endlich fuhr die Fähre aus dem Hafen und sofort begann eine an Heftigkeit immer zunehmende Schauklerei in der sich Gnüssli und Schmacht am ruhmlosesten aus der Affäre zogen und in der Reling hängend ein ganz klägliches Bild boten!! Gnüssli behauptete zwar immer, er sei nicht seekrank, ihm sei nur übel! Nach 3 ½ stunden landeten wir mehr oder weniger wohlauf in Dünkirchen und sahen dort den total zerstörten Hafen. Wir fuhren sofort nach Belgien, über Ostende nach Brügge. Dort schauten wir uns die alte flämische Handelsstadt mit den schönen Häusern und Kirchen und den romantischen Kanälen an. Ein Polizist, der schon mehrmals in der Schweiz gewesen war, zeigte uns einen Platz unter einer Eisenbahnbrücke, wo wir unser Zelt aufstellen und gleichzeitig trocknen lassen konnten. Veto leistete dann wieder einmal etwas produktives und hatte eine gute Idee, die zerbrochenen Zeltstangen zu reparieren. In der Stadt trafen wir noch einen Flamen, der uns ein Bier bezahlte, weil wir mit ihm einig waren, dass 24 Monate Rekrutenschule zu lange seien. Heute war im ganzen Land ein Streik gewesen deswegen. Dann lasen wir noch in Schaufenstern allerhand, was uns zum Lachen brachte, so zum Beispiel „Usnameverkoop the Spottprijzen“, oder „En Truck on te boom doodt vliegen an muggen!“ usw.

10. August: Kirchenbesuch in der Kathedrale von Brügge mit einer flämischen Predigt (The ter Mother van den goten Roth bist van uns). Dann reisten wir auf einer riesigen Autostrasse gegen Gent weiter. In Gent schauten wir uns wieder die alte schöne Stadt mit den vielen Kirchen an. Dann besuchten wir noch die Stadtfeste, die teilweise aus dem 8. Jahrhundert stammt und ein wunderbares Schloss mit wuchtigen Türmen und Wehrgängen. Dann fuhren wir nach Bruxelles, wo wir Happy und Silent, zwei Klassenkameraden besuchten. Die Leute, wo diese zwei in den Ferien weilten, waren ungemein freundlich und je zwei von uns durften bei den zwei schlafen und essen. Jaques, der Sohn der Familie, wo Happy in den Ferien war, zeigte uns die grössten Sehenswürdigkeiten der Stadt.

11. August: Am Morgen früh versuchten wir ein Visum zur Durchreise durch Deutschland zu erhalten. Jedoch hätte dies 2 weitere Tage Aufenthalt bedeutet, weil sie soviel Arbeit hatten, dass es mindestens zwei Tage gebraucht hätte, bis wir die Visen bekommen hätten. So schauten wir uns noch das Waffenmuseum an, in welchem wir schon die meisten Waffen aus dem letzten Krieg sehen konnten. Dann fuhren wir nach Bastogne (wo in der Frühjahrs – Classique Liège - Bastogne – Liège unser „Ferdi National“ jeweils so hervorragend kämpft). In Bastogne selber sahen wir, dass ca. 90% der Häuser neu waren und auf dem Hauptplatz stand ein grosser amerikanischer Tank auf einem Steinsockel als Denkmal an die Befreiung durch die Amerikaner, nachdem die Deutschen die Hälfte der Bevölkerung füsiliert hatten. Wir stellten unser Zelt ca. 5 km ausserhalb Bastogne auf.

12. August: Wir setzten unsere Heimreise über Luxembourg fort, wo wir 2 Stunden Aufenthalt machten und uns die schöne Stadt etwas beaugapfelten. Dann fuhren wir weiter nach Namur, wo wir die mittelalterliche Festung (gemäss Veto wurde diese im 1. Weltkrieg noch benutzt) besichtigten.

Veto kaufte sich in Namur ein Schweinsfüsschen. Schmacht und Gaz redeten nun solange auf Veto ein, dies sei doch grusig und unappetitlich, mit Scheissdreck zwischen den Zehen usw., bis Veto von Ekel ergriffen das Ganze zum Fenster hinaus in die Mosel warf, worauf die guten Kollegen sofort zu jammern begannen, sie hätten doch auch gerne davon gehabt... .

Dann fuhren wir gegen Nancy, um Werner Bulacher v/o Punkt, einen anderen Klassenkollegen zu besuchen. Leider war er gerade beim Fischen und wir mussten unverrichteter Dinge wieder weiterfahren.

Wir fuhren bis ca. 10 km nach Epinal, wo wir noch den amerikanischen Militärfriedhof in Europa besucht hatten. Etwa 5000 – 6000 weisse Marmorkreuze zeugen vom letzten Kriege und es kommen noch immer neue dazu. Ein riesiges Denkmal wird gebaut und die Anlage liegt mitten in den Wäldern der Vogesen. Uns lief es allen kalt den Rücken hinab beim Anblick dieses Heeres von weissen Marmorkreuzen. 

13. August: Wir traten um ca. 11’30 Uhr die letzte Etappe unserer Heimreise über Mühlhausen – Basel – Zürich an, mit einem Halt in Zürich. Wir erreichten die Schweizergrenze um ca. 2 Uhr und Wil um 7 Uhr. Um 9 Uhr lud Freddo mich als Letzten in St. Finden ab und unsere Reise war zu Ende.

 

Rückblick:

Dass wir uns entschlossen hatten, mit einem Wagen zu gehen, war das einzig richtige gewesen. Ohne Zelt und Verpflegung von Zuhause hätten alle zu wenig Geld gehabt.

Der Wagen lief tadellos, wir hatten nie eine Panne oder so etwas gehabt, auch nie einen Nagel!

Wir Sechs unter uns haben einander näher kennen gelernt und praktizierten wahre Freundschaft. „Wir haben uns von jedem ein Bild gemacht“, wie wir jeweils zu sagen pflegten.

Das Wichtigste von allem, die Sprache, haben wir zünftig geübt und es fällt allen leichter, sich englisch auszudrücken und die Idee mit dem Zahlen für jedes deutsche Wort war nicht die schlechteste Idee der Reise, nur war sie nicht immer durchführbar. Mindestens war es ebenso interessant, mit einem English Girl englisch zu lernen wie in der Schule mit einem Buch in der Hand.

Auf alle Fälle darf die Reise als völlig gelungen bezeichnet werden und jeder von uns wird sich in Zeiten des Schanzens und Ochsens auf die nun näher rückende Matura gerne der Zeiten erinnern, wenn wir den Autolenker gefoppt haben, den Witz vom grösseren Wagen, oder von den Fladen in den Strassen erzählt haben und Gnüssli’s Witze Renaissance feierten.

 

Sig. H. Gadient


Soweit also mein Bericht aus dem Jahr 1952.

 

 

 

Bemerkungen des Schreibers aus heutiger Sicht, Sommer 2002

 

Beim Abschreiben dieses Reiseberichts und beim Korrigieren meines PC – Ausdrucks hatte ich viel Zeit zum Nach­denken. Ich schwelgte in Erinnerungen an eine ausserordentlich glückliche Zeit. Und gar Manches ging mir durch den Kopf.

Jedes Mal, wenn im Bericht Humpe erwähnt wird, und er wird fast am meisten von uns allen erwähnt, gab es mir einen kleinen Stich, denn ich wurde mir immer wieder bewusst, dass er als Einziger von uns nicht mehr unter uns weilt. Er war uns damals ein guter und treuer Freund, etwas eigenwillig zwar, aber wer von uns ist das nicht? Und ist nicht gerade Eigenwilligkeit auch ein frühes Merkmal von starker Persönlichkeit? Wir wollen bei dieser Gelegenheit an Humpe denken.

Mir fiel aber auch auf, dass ich diesen Bericht damals wahrscheinlich als Information sicher an meine Eltern, aber auch an jene meiner Kollegen gedacht haben muss, denn ich habe das Tun und Lassen vor allem von mir, aber auch jenes meiner Kollegen in der Darstellung derart geschönt, dass ich es mir nicht anders erklären kann. Aus heutiger Sicht habe ich damals, wenn überhaupt, vor allem die Geschichten mit Mädchen und von Trinkgelagen nur deshalb derart diskret beschrieben.

Andrerseits war ich erstaunt über das Erwähnen von vielen, für die Reise eigentlich eher belanglosen Einzelheiten, wie beispielsweise die sonntäglichen Kirchenbesuche, oder wie lange wir jeweils ausschliefen etc.

Auch ist auffallend, dass der Bericht die Erlebnisse, je länger die Reise geht, um so summarischer festhält. Am Anfang finden sich noch Details, gegen Ende scheint der Schreiber müde geworden zu sein.

Ich habe den Bericht erst nach dem Verfassen des Einladungsbriefes wieder gelesen! Nach der Lektüre musste ich feststellen, dass verschiedene, über alle die Jahre in meinem Gedächtnis am stärksten hängengebliebene Reiseeindrücke im Bericht teilweise nur am Rand oder dann überhaupt nicht erwähnt werden. Im Brief habe ich aber gewisse Erlebnisse ganz aus dem Gedächtnis erwähnt! Ich möchte dies an folgenden Beispielen zeigen:

  • Gaz‘ Jodlerfestkater und sein tiefer Schlaf der Gerechten von St. Gallen bis Paris!
  • Humpes gewaltige Proviantkiste, die, weil er in Wil als Letzter einstieg, kaum mehr Platz im VW-Bus hatte!
  • Auto-Freaks, welche wir vor dem Abfahren immer wieder unter dem damals sensationellen VW-Bus hervor holen und denen wir unseren Spruch von „the engine at the back“ und der „air-cooling“ herunterleiern mussten.
  • Die dauernden Abstimmungen über alles und jedes, ob jemand Wasser lösen durfte oder nicht, und was besichtigt werden sollte, wann gegessen wurde usw.
  • Die minutiöse Kontrolle bei der Einreise in England und die damit zusammenhängenden Umtriebe mit der Versicherung und der englischen Autonummer sowie vor allem auch die Abgabe von Rationierungmarken, weil Verschiedenes auch 7 Jahre nach dem Kriegsende immer noch rationiert war.
  • Die damaligen Zerstörungen in London, vor allem um die St. Pauls Cathedral herum (Bilder, welche bei meinen vielen späteren Aufenthalten in London immer wieder aus dem Unterbewusstsein auftauchten)!
  • Die neu möglich gewordene Urbanisierung des Stadtkerns von Coventry, nachdem die Stadt während des Krieges derart stark zerstört worden war.
  • Die ewigen Kelloggs Corn Flakes mit Milch sowie dauernd Bacon and Egg aus dem Spritkocher! Dinge, die ich jahrelang nicht mehr ausstehen konnte!
  • Das Zelt eines Morgens bei Flut ganz wenig im seichten Meerwasser, weil es nachts bei Ebbe aufgestellt worden war. (War es ausserhalb von Southampton?)
  • Die Geldknappheit, vor allem bei mir und Gnüssli!
  • Humpes Tabletten gegen Akne, die ihm eine Apothekerin angedreht hatte. „Flavour of Sulphur“ hiessen sie, die seine Windproduktion so effizient und infernalisch übelriechend werden liessen.
  • Die nächtlich verlorene Wette von Schmacht, aus dem Linienbus auszusteigen und an den Bus zu pinkeln mit der anschliessenden Ohrfeige des Buschauffeurs... .
  • Humpes und mein Einkauf eines Zweireihers, seiner rostrot, meiner beige/braun.

 

Wahrscheinlich kämen in einem Brainstorming noch viele weitere Reminiszenzen aus unserem tiefen Unterbewusstsein zum Vorschein... .

Ich meine, es war für die damalige Zeit relativ kurz nach dem zweiten Weltkrieg eine gewaltige Reise, ein richtiges Unternehmen, das wir anpackten. Es ist unseren Eltern hoch anzurechnen, dass sie Verständnis dafür hatten und uns ziehen liessen. Unser nachträglicher Dank dafür soll sie beim Frohlocken auf ihren Wölklein nochmals erfreuen.

Es war aber auch ein gewisses Risiko mit dabei, das wir eingingen, wahrscheinlich uns allen damals nicht bewusst: Sechs Gleichberechtigte, ohne jede hierarchische Struktur, nur unter dem Gesetz der natürlichen Hackordnung leben 5 Wochen auf engstem Raum zusammen, im VW-Bus, im Zelt, immer im Rudel, praktisch ohne jede Privatsphäre! Erleben Gruppendynamik pur! Viel näher geht es sonst nur noch in einer Ehe! Es hätten unter den Teilnehmern sehr wohl auch grössere und ernstere Meinungsverschiedenheiten auftreten können. Dann würde die Reise in unserer Erinnerung ungleich weniger schön scheinen! Tatsache ist, dass unsere damalige Freundschaft und die gute Kameradschaft diese Klippen aber bestens umschifft haben. Das scheint mir mit dem Massstab der heutigen Zeit gemessen, in welcher Individualismus und Egoismus der­art hohe Stellenwerte besitzen, fast wie ein kleines Wunder.

Andrerseits waren wir auch Sonntagskinder und Glückspilze, nicht nur mit dem Wetter (es war scheinbar der Jahrhundertsommer in England), auch bezüglich Autopannen, Unfällen, Krankheit usw., was während den gemeinsam verbrachten fast 30 Mannwochen nicht selbstverständlich ist. Dafür wollen wir auch heute noch dankbar sein.

War diese Reise wohl der Grund, dass ich beim Bewilligen von Wunschreisen unserer Töchter dann auch sehr grosszügig war?

 

Zollikon, im Juli 2002, Hans Ruedi Gadient

Frühe Jugendzeit im Geissbühl Küsnacht Itschnach
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7.1.  Jugendjahre Friedeli Karpf bis Heirat – Frühe Jugendzeit im Geissbühl Küsnacht Itschnach.

Frieda „Fischli“ Gadient-Karpf wurde am 19. April 1937 in Zürich geboren. Ihr Vater Fritz Karpf betrieb im Geissbühl in Küsnacht Itschnach eine eigene Gemüsegärtnerei, die sich der gelernte Gärtner mit Erspartem aus 6 Jahren „Gastarbeit“ in den USA gekauft hatte. Zeitlebens dachte er mit Freude an seine Amerikajahre zurück und hatte grosse Sympathie zu den Vereinigten Staaten. Ihre Mutter Frieda Welti war auf einem der letzten Bauernhöfe in Zollikon aufgewachsen.

Das kleine Friedeli wuchs zusammen mit dem 3 Jahre älteren Bruder in einfachen, aber sehr behüteten und glücklichen Verhältnissen auf. Anfänglich war es ein eher kränkliches Kind und man befürchtete mehrere Male, dass es kaum am Leben bleiben würde. Aber glücklicherweise besserte sich der Gesundheitszustand etwa ab dem 3. Altersjahr zusehends. Bis zur dritten Klasse ging sie dann in Küsnacht zusammen mit ihren beiden Cousins Paul Karpf (von nebenan) und Ernst Karrer (Gärtnerei Karrer unten beim Schübelweiher) zur Schule, d.h. bis ihre Familie ihren Wohnsitz ins Kleindorf nach Zollikon verlegte.

Fischlis Grossvater mütterlicherseits suchte nach dem frühen Tod seines Sohnes einen Nachfolger für seinen Bauernhof „im Hägni“ in Zollikon. 1947 verkauften Fischlis Eltern ihren Betrieb in Itschnach und richteten ihre Gärtnerei auf dem Landwirtschaftsbetrieb im Zolliker Kleindorf ein.
Umzug nach Zollikon, Schule, Lehre
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7.2.  Jugendjahre Friedeli Karpf bis Heirat – Umzug nach Zollikon, Schule, Lehre.
Klein Friedeli fühlte sich in Zollikon bald Zuhause und war ein sehr fröhliches Kind. Von der schulischen Leistung her dachte man nach der 6. Klasse eigentlich an einen Wechsel ins Gymnasium. Ihr Primarlehrer Spörry riet den Eltern aber ab, da Friedeli sicher bald heiraten werde (!). Von dieser Zeit her stammt auch die enge Freundschaft mit "Nunu" Regula Vock-Krayenbühl, mit der sie in Zollikon zusammen zur Schule ging. Sie hatten sich zwar etwas aus den Augen verloren; Nach dem frühen Tod von Nunus Mann wurde das Verhältnis aber wieder enger. Nach der Sekundarschule entschied sie sich für eine KV-Lehre in einem Anwaltsbüro in Zürich. Während Sekundarschule und Lehre hatte sie in Martin Bender einen festen Freund. Martin war ein fröhlicher, junger Mann und sang hervorragend, wobei er sich dazu auf der Gitarre begleitete (Zufällig war Urs Bender, der ältere Bruder von Martin, zusammen mit Hans Ruedi in der Offiziersschule gewesen, so dass auch Hans Ruedi die Benders kannte). Die Lehrzeit war eine ausserordentlich schwierige Periode in ihrem Leben, denn Ihr Verhältnis zum Chef würde man heute als „zerrüttet“ bezeichnen. Obwohl sie von ihren Eltern aus deswegen die Lehre hätte abbrechen dürfen, biss sie ein erstes Mal auf die Zähne und lernte dabei, sich auch in Extremsitu­ati­on­en zu bewähren. Das gefiel ihrem Vater sehr. Die seit jeher sehr starke Vaterbeziehung wurde damit noch inniger. Als Belohnung für das Durchhalten und den trotzdem erfolgreichen Lehrabschluss durfte sie für ein halbes Jahr nach Paris in die Schule, um besser Französisch zu lernen.
Paris, Biot in Südfrankreich
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7.3.  Jugendjahre Friedeli Karpf bis Heirat – Paris, Biot in Südfrankreich.

Kaum in Paris, noch immer in einem schäbigen Hotel wohnend, wurde sie sehr krank. Da holte sie ihr Papa kurzentschlossen zur Genesung nach Hause. Sie willigte aber in die Heimreise nur ein, wenn sie ihren Koffer mit dem Schulzeug und ihren Kleidern in Paris lassen durfte. Nach der Rückkehr nach Paris verging das halbe Jahr in der "Alliance Française" wie im Flug und sie genoss diese unbeschwerte Zeit in vollen Zügen. Sie wohnte etwas ausserhalb bei einer aus Russland emigrierten, älteren Dame, die wir, nach unserer Heirat auf einer späteren Reise einmal besuchten.

Gegen Ende des Sprachaufenthaltes lernte sie durch eine Schulkollegin jemanden kennen, der eine Haushalthilfe/AuPair suchte. Der Mann war Franzose, Verleger der Zeitschrift "Paris Match", wohnte und arbeitete in Paris, während seine Frau Amerikanerin war, und mit ihren zwei Buben in Biot bei Antibes wohnte. Der Mann engagierte sie sur place, und sie willigte ein, nach Südfrankreich zu seiner Frau zu fahren und es einfach einmal zu versuchen. Sie hatte dabei schon viel Gottvertrauen, denn sie hatte weder einen Arbeitsvertrag, noch kannte sie weder die Frau, noch das Dorf oder gar die Wohnung! Ihre Eltern waren von diesem Abenteuer nicht sehr angetan, aber Friedeli konnte wieder einmal ihren Kopf durchsetzen.
Als sie in Biot eintraf, erlebte sie eine erste grosse Überraschung: Ihre zukünftige Patronne, die sie am Bahnhof abholte, war hochschwanger. Fischli erlebte dann in Südfrankreich alle Höhen und Tiefen einer jungen Frau und kam mit allerhand sonderbaren Leuten in Kontakt: Existenzialisten, Drogensüchtigen, Künstlern und Tagedieben. Sie über­stand aber wie durch ein Wunder diese Zeit schadlos, vor allem dank ihrem starken Willen und ihrer engen Bindung ans Elternhaus. Sie war davon überzeugt, in dieser Zeit charakterlich viel stärker geworden zu sein.
Als sich ihre Patronne nach einem halben Jahr von ihrem Mann trennte und mit den Kindern zurück nach Amerika fuhr, wollte Fischli selbstverständlich auch mit in die USA gehen. Hier legten die Eltern aber für einmal ein klares Veto ein, trotz der grossen Amerika-Sympathie ihres Vaters. Die junge Frau kehrte nach diesem Frankreich-Jahr in die Schweiz zurück.
SWISSAIR-Zeit, Hans Ruedi
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7.4.  Jugendjahre Friedeli Karpf bis Heirat – SWISSAIR-Zeit, Hans Ruedi.

Nach ein paar Tagen Ferien begab sie sich unangemeldet ins Personalbüro der SWISSAIR auf den Flughafen Kloten und erklärte, bei SWISSAIR arbeiten zu wollen. Und sie hatte tatsächlich Erfolg damit, denn sie erhielt eine Stelle im sog. “Hühnerstall“, dem Schreibbüro der Chefpiloten. Dort wurde man schon bald auf die Qualitäten der neuen Sekretärin aufmerksam, und sie durfte in der Folge für gewisse Chefpiloten vertrauliche Berichte schreiben, teilweise aus Diskretionsgründen auch Zuhause in der Freizeit, und für einen anderen, der im Militär Staffelkommandant war (Dr. Charlie Ott, Kdt Fl St 21), schrieb sie sogar Dienstbefehle und Einträge in vertrauliche Personaldossiers.

Dann wurde Flugkapitän Ernst Hürzeler, damals Chef "Operational Engineering" im Departement III auf sie aufmerksam und holte sie als Sekretärin in seine Dienststelle. Hier nannte das Fräulein Karpf zuerst Hü, dann aber auch alle übrigen Mitarbeiter "FISCHLI", ein Name, der ihr ein Leben lang blieb, dies umso mehr, als sie ihren Vornamen "Frieda" so verabscheute. Hier bei SWiSSAIR lernte sie auch ihren späteren Mann Hans Ruedi kennen. "Hü", wie Ernst Hürzeler genannt wurde, hatte Hans Ruedi in einem gemeinsamen Militärdienst bei den Fliegertruppen davon überzeugt, sich bei der SWISS­­AIR Ingenieurabteilung im Departement IV "Technik" zu bewerben, da man dort derzeit Ingenieure suche. Nach Hans Ruedis erfolgtem Wechsel von SULZER zu SWISSAIR hatte er in seiner Arbeit auch mit dem Operational Engineering zu tun, wo er sich jeweils bei "Fischli" anmelden musste. Thomi Lauber, ein Studienkollege von Hans Ruedi, der als Sachbearbeiter dort arbeitete, stellte die beiden an der Abflugbar gegenseitig vor, für ein Coca Cola, wie Hans Ruedi später immer gern erzählte. Fischli arbeitete bis zu ihrer Hochzeit im Operational Engineering. Sie fiel dort nicht nur als ausserordentlich fröhliche, zuverlässige und sehr belastbare Sekretärin, sondern vor allem als die einzige, sehr starke Raucherin des Ganzen Büros auf!

Nachdem Fischli monatelang dem Werben von Hans Ruedi hartnäckigen Widerstand geleistet und er eigentlich schon aufgegeben hatte, funkte es aber an einem Flugtag der SWISSAIR Fluggruppe in Frauenfeld zwischen den beiden gewaltig und anhaltend: An Ostern 1961 wurde Verlobung gefeiert, und am 12. Mai 1962 heirateten die beiden. Während Hans Ruedi bei Karpfs vollkommen offene Türen vorfand, machten es die katholischen Eltern Gadient dem reformierten Fischli sehr schwer. Erst auf ein Ultimatum von Hans Ruedi hin akzeptierten seine Eltern die Heirat.
Unsere Familie Gadient -Karpf
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8.  Unsere Familie Gadient -Karpf

Vorab ein paar Meilensteine ...

  1. Mai 1960 Flugtag Frauenfeld (Es funkt das erste Mal auch bei Fischli!)
  2. Mai 1962 Hochzeit, katholisch
  3. Februar 1963 Geburt Andrea Regula, 15. August 1992 Hochzeit mit Frank,
  4. März 1966 Geburt Alexa Kathrin, 6. Juni 1997 Hochzeit mit Philipp

   Herbst 2006 Gespräche mit Pfr. Simon Gebs und Übertritt zum Protestantismus

  1. Mai 2012 Goldene Hochzeit
  2. Juli 2013 Fest 80. Geburtstag HR bei uns im Haus; letztes Fest mit Fischli
  3. September 2013 Fischli stirbt

und eine Grundaussage:

Es war der glücklichste Tag in meinem Leben, als ich in der SWISSAIR meine Frau Fischli kennen lernen durfte.

Aus einem Drink an der Abflug-Bar entwickelte sich eine Liebesgeschichte, wie sie normalerweise nur im Roman vorkommt und die bis ans Lebensende von Fischli etwas mehr 53 Jahre dauern sollte:

  • Wunderbare Zeiten des Sturm und Drangs,
  • Meistern der Schwierigkeiten in der Gadient Familie wegen Fischlis Religion,
  • Erleben von Zeiten unbeschreiblichen Glücks, vor allem auch zusammen mit unseren Töchtern,
  • Durchstehen von Finanzkrisen beim Kauf und beim Um­bau unseres Hauses in Hombrechtikon,
  • Unvergessliche gemeinsame Reisen,
  • Freude und Befriedigung im Beruf aber auch Leid und Ungemach beim Ausscheiden bei Growela und BALLY,
  • Eine wunderbare und überaus glückliche Zeit nach der Pensionierung in unserem neuen Haus in Zollikon!

Fischli und ich hatten ein reiches und erfülltes Leben. Je länger je mehr lebten wir praktisch in Symbiose! Das Meiste, das ich in meinem Leben erreicht habe, verdanke ich meinem Fischli. Sie hielt mir den Rücken frei und unterstützte mich, wo sie konnte! "Pflanzlich" gesprochen: Ich durfte einfach wachsen; für den geeigneten Boden, für den notwendigen Dünger, für den richtigen Halt und auch für das notwendige Wasser sorgte sie mit grösster Umsicht. Darum sprach mir Peter Ustinow in seinem Buch "Ich und Ich, Erinnerungen" voll aus dem Herzen, als er über seine Frau schrieb:

"Man hat mich einmal gefragt, ob sie "die perfekte Frau" war! Ich denke, die perfekte Frau hätte keine Persönlichkeit. Sie aber war eine harmonische Kombination zauberhafter Unvollkommenheiten, und etwas Schmeichelhafteres kann ich über niemanden sonst sagen. Ich kann nur hoffen, dass sie meine Unvollkommenheiten ebenso zauberhaft fand.

Nehmen fällt so leicht, wenn jemand da ist, der so viel zu geben hat; und Geben fällt so leicht, wenn jemand bereit ist zu nehmen. In erster Linie hat sie mich heimlich, still und leise zu dem Mann gemacht, der ich geworden bin, und dafür werde ich ihr ewig dankbar sein".

1960 - 1961: Sich kennen lernen, Tod von Papa Karpf
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8.1.  Unsere Familie Gadient -Karpf – 1960 - 1961: Sich kennen lernen, Tod von Papa Karpf.

Während meiner kurzen aber intensiven Zeit im SWISSAIR Triebwerk-Engineering des Departement IV hatte ich öfters ich mit dem Operational Engineering des Departement III von Ernst Hürzeler (Hü) zu tun, den ich im Militärdienst kennen gelernt und der mich zum Wechsel von SULZER zu SWISSAIR ermuntert hatte. Im „Ops-Engineering“ arbeitete als Faktotum Hü’s Sekretärin, Fräulein Karpf, die aber von jedermann nur Fischli gerufen wurde. Deshalb meinte ich lange, sie heisse mit Namen Fischli und spach sie mit Fräulein Fischli an. Ich fand sie ausserordentlich sympathisch, übrigens schon vor meinem Eintritt von der Stimme her, wenn ich einige Male mit Hü telefonierte.

Ich versuchte jeweils, wenn ich dort zu tun hatte, Fräulein Fischli mit guten Manieren und viel Lächeln zu betören. Obwohl ich mich stark um sie bemühte, nahm sie von mir aber kaum Notiz. In der Zwischenzeit war aber mein Studienkollege Thomas Lauber bei Hü als Mitarbeiter eingetreten, noch ein Grund mehr, mich dort hie und da bei der Sekretärin in Erinnerung zu rufen. Für ein Coca Cola an der Abflug-Bar des Flughafens stellte mir Thomi Lauber Fräulein Fischli vor, die aber eigentlich Fräulein Karpf hiess! Ich warb dann wie wahnsinnig um sie: Ich versuchte, sie ins Kino einzuladen, ich offerierte ihr, sie mit nach Hause zu fahren, da ich ja so oder so über Zollikon nach Erlenbach fahre, usw. Ich bekam aber Korb um Korb, bis ich eines Tages entnervt den Telefonhörer mit den Worten auf die Gabel knallte: „S’isch no für die wo wönd“! Frustriert stellte ich ab sofort jegliches Werben um dieses Fräulein Karpf ein.

Durch einen Zufall, ca. 2 Monate später, als ich zu einer Vorstandssitzung der SWISSAIR Fluggruppe für die Organisation eines Abendanlasses am Flugtag in Frauenfeld eingeladen wurde, sass da im Vorstand plötzlich Fräulein Karpf, was mich sehr nervös machte. Nach der Sitzung funkte es aber ein erstes Mal auch bei ihr etwas und ich durfte sie an diesem Abend sogar nach Hause fahren. Am 26. Mai 1960 war dann dieser Flugtag in Frauenfeld mit einem Ball am Abend zum Ausklang. Ich wusste, dass Fischli, wie ich sie in der Zwischenzeit auch nennen durfte, mit Hü in einer Pilatus P3 nach Frauenfeld flog und nahm an, dass sie dann wahrscheinlich froh um einen Gentleman bzw. vor allem um dessen Auto wäre, um ihr Cocktailkleid für den Abend tagsüber zu deponieren. Also war ich dann nach der Landung „zufällig“ gerade da, als Fischli aus dem Flugzeug stieg und im Gepäck eben ein Cocktailkleid und einen Toilettensack mitführte. Ich offerierte ihr als Ablage mein Auto, sagte ihr wo es steht, gab ihr den Schlüssel und verschwand. Mit meinem Autoschlüssel musste sie ja wohl oder übel einmal zu mir zurückkommen, wenn sie nicht ein ganz grosses Schlitzohr sein wollte. Und es kam dann so, wie ich mir dies in den kühnsten Träumen vorgestellt hatte: Wir unterhielten uns ein paar mal im Laufe des Tages, gingen dann aber zusammen zum Ball und tanzten viel und mit der Zeit auch sehr eng, und ich sang ihr ins Ohr! Später sagte sie mir, dass sie damals wenigstens von mir wusste, dass ich nicht singen könne….

Auf dem Heimweg war es dann soweit, dass wir uns im Wäldchen nach der grossen Kreuzung in Gutenswil Richtung Uster zum ersten Mal küssten und uns dann bei Hans Stahel Zuhause in Uster freiwillig anerboten, in der Küche Kaffee zu machen, alleine in der Küche, versteht sich. Der Kaffee brauchte sehr, sehr lang... . Nach einem zusätzlichen kurzen Schmuse-Halt in der Nähe von Ebmatingen (Wenn ich dort vorbei fahre, kribbelt es mich heute noch!) war es schon taghell, als ich Fischli Zuhause ablieferte. Schon bald durfte ich auch Fischlis Eltern kennenlernen, und ich erinnere mich noch sehr gut an den prüfenden Blick, mit dem mich ihr Vater beim ersten Vorstellen in der Stube im Kleindorf 14 in Zollikon durch­leuchtete, sich wahrscheinlich fragend, ob ich wohl sein Pumpeli wert war oder nicht. Scheinbar war ich es, denn ich durfte wiederkommen!

Wir waren sehr verliebt. Trotzdem fuhr Fischli im Sommer ohne mich mit einer Kollegin für eine Woche nach Cascais in die Ferien. Bei einem Nachtessen wurde es ihr scheinbar schlecht und sie wollte draussen Luft schnappen. Aber sie erwachte erst wieder in einem Spital, wo sie genäht werden musste, denn sie war in Ohnmacht gefallen und hatte sich beim Sturz das Kinn aufgeschlagen. Passanten brachten die Bewusstlose ins Spital. Sie trat nach dem Spitalaufenthalt sofort die Heimreise an, und ihr Vater empfing sie mit den Worten: „Man geht doch auch nicht soweit fort, wenn man so verliebt ist!“ Selbstverständlich reiste ich nach ihrer Rückkehr sofort an ihr Krankenbett!

Im Spätsommer besuchten wir an einem Wochenende in Bergün ihre Eltern, die dort in den Ferien weilten. Erst dort bekam ich richtig mit, wie krank Fischlis Vater wirklich war. Ich rauchte damals noch hie und da Camel Zigaretten ohne Filter. Zu meiner grossen Freude versuchte er dann manchmal ein paar Züge davon, weil ihn der Geschmack an seine Jahre in den USA erinnerte. Ich sah ihn nach diesem Wochenende leider nicht mehr oft, denn er verstarb am 1. November 1960. Fischli war unendlich traurig, denn sie hatte ein sehr enges Verhältnis zu ihm gehabt und stark an ihm gehangen. Ich musste sie immer wieder trösten, was ich sehr gerne tat. Die Beerdigung war eigentlich der erste Anlass, an welchem ich richtig in ihre Familie aufgenommen wurde und auch die Verwandtschaft kennen lernte. Bei einem Nachtspaziergang mit ihrem Bruder Albert am Abend nach der Beerdigung hinauf auf die Zolliker Allmend führte ich mit ihm ein gutes Gespräch, ich denke das Beste, das ich je mit ihm hatte. Wir kamen uns an jenem Abend sehr nahe, so nahe wie später leider nie mehr.
 
Ich weiss nicht, ob ich schon in diesem oder erst im nächsten Jahr auch an der Weih­nacht bei Fischlis Grosseltern im Kleindorf 16 teilnehmen durfte. Ich erinnere mich aber heute noch sehr gut an die ominöse, silberne Birne mit den Schnapsgläsli bei den Grosseltern Welti, die im eingebauten Buffet über der Durchreiche neben dem Kachelofen ihren Platz hatte. Die Birne kommt immer dann auf den Tisch, wenn eine oder ein zukünftige/-er Eingeheiratete/-er das erste Mal an der „Sippenweihnacht“ teilnimmt, wie ich diesen Anlass immer etwas despektierlich nannte, den ich aber so lange als möglich beibehalten möchte. Es ist immer ein wunderbarer Familienanlass, und von dort her bahnte sich zu der bereits traditionellen, engen Beziehung von "Zilüü" mit Oechslis (sie nennen Fischli so) auch eine recht freundschaftliche Beziehung von mir zu Marteli und Fritz an, die jüngste Schwester meiner Schwiegermutter und ihr Schwager, die beide eher zu unserer Generation gehörten.
1961 - 1962: Verlobungszeit, Diskussionen um die Religion, Wechsel von SWISSAIR zu GROWELA
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8.2.  Unsere Familie Gadient -Karpf – 1961 - 1962: Verlobungszeit, Diskussionen um die Religion, Wechsel von SWISSAIR zu GROWELA.

Ich hatte dauernd gegen recht heftigen Widerstand meiner Eltern gegen Fischli zu kämpfen (in erster Linie war es meine Mutter, Vater war toleranter). Ich wurde einmal sehr deutlich und sagte meinen Eltern, dass, auch wenn ich erst mit 50 eine Frau heimbringen würde, sie wahrscheinlich immer noch dagegen wären. Ich machte ihnen klar: Entweder sie würden Fischli jetzt akzeptieren, oder sie würden mich auch verlieren. Und als ich dann nach der Rückkehr von einer Kurzreise mit ihnen per Auto an den Garda­see zu Fischli nach Zollikon wollte, war meine Mutter dagegen. Als ich daraufhin trotzdem ging, meine Wäsche aber anstatt sie Mama zu überlassen mit nach Zollikon zum Waschen mitnahm, begriff sogar auch meine Mutter endlich, dass es mir wirklich ernst war mit Fischli. An Ostern 1961 verlobten wir uns dann im Rössli in Zollikon.

Nach der Verlobung hatten wir eine Woche Skiferien im „Hotel Castor und Pollux“ in Zermatt gebucht, was eigentlich nicht das grosse Erlebnis war, das ich mir vorgestellt hatte. Schön war, dass wir zum ersten Mal eine Woche lang zusammen sein konnten, aber ich hatte Fischli nicht geglaubt, dass sie, die so sportlich aussah, keine gute Skifahrerin sei. Wir fuhren trotzdem sofort auf den Gornergrat; ich hatte dann aber schon grosse Mühe, bis ich sie wieder heil ins Tal brachte. Einmal rutschte sie in einem Steilhang kopfvoran auf einen grossen Felsbrocken zu, was mich dazu zwang, mich todesmutig in ihre Bahn zu werfen, um sie zu retten. Sie sagte zwar noch lange, dass ich sie damals eben noch geliebt hätte. Später fuhr sie immerhin gut und sicher alpin und nordisch Ski, aber nie so leidenschaftlich gerne, wie ich dies tat. Später meinte sie einmal, dass sie nur Skifahren gelernt habe, weil sie glücklicherweise ein Leben lang immer den gleichen Privatskilehrer gehabt hätte!
 
Zum grundsätzlichen Problem meiner Eltern mit der Frau, die ihnen den Sohn wegnahm, kam noch erschwerend das Problem mit der Religion. Fischli und ich waren uns im Prinzip einig, dass die gleiche Religionszugehörigkeit ein Grund weniger für eheliche Differenzen war. Ihr Vater war katholisch gewesen und hatte reformiert geheiratet. So war sie früher hie und da mit ihrer Grossmutter väterlicherseits zur Kirche gegangen, und das Katholische schien ihr etwas näher zu liegen als es für mich der reformierte Glaube war, für mich, den so erzkonservativ Erzogenen. So glaubten wir, es sei die einfachere Lösung, wenn wir katholisch heirateten. Von konvertieren war am Anfang nie die Rede. Wie schwer dies für Fischlis Mami gewesen sein muss, können wir nur erahnen. Fischlis Mami kam aus einer gut protestantischen Familie. Der Grossvater von Fischli war lange Jahre Präsident der reformierten Kirchgemeinde und dann Gemeindepräsident von Zollikon gewesen, und Tante Lina, eine Schwester von Mami, war Sonntagsschul-lehrerin! Auf alle Fälle war es kein einfacher Entscheid. Ich kannte von meiner Jungwachtzeit her immer noch Cecchi Rohrbach, der aus seiner Bähnlerlaufbahn heraus als Spätberufener Theologie studiert hatte und jetzt Kaplan in Gossau bei St. Gallen war. Er war auf Anfrage bereit, einen Abend pro Woche für uns zu opfern und mit uns über Glaubenssachen zu diskutieren. So fuhren wir ein ganzes Jahr lang einmal pro Woche nach der Arbeit von Kloten nach Gossau SG, Sommer und Winter, bei jedem Wetter, auch bei Eis und Schnee. Wir diskutierten mit Cecchi oft bis nach Mitternacht entweder bei ihm Zuhause (wo ihm seine Mutter den Haushalt besorgte, die kleine Frau Rohrbach, die in St. Gallen sehr nahe von uns gewohnt hatte) oder im Restaurant Rössli im Dorf Gossau. Meine erzkatholische Erziehung holte mich dabei immer wieder ein, und die Gespräche waren nach Meinung von Cecchi für mich wesentlich notwendiger als für Fischli, die schon damals der Religion gegenüber ein viel unverkrampfteres Verhältnis hatte als ich. Glücklicherweise lernte ich aber rasch, und von da weg hatte ich religionsmässig nie mehr Probleme, bis ich mich mit ca. 78 Jahren entschloss, zum protestantischen Glauben zu wechseln, weil ich mich mit der katholischen Kirche einfach nicht mehr identifizieren konnte.
 
Ende 1961 verliess ich dann die Swissair und arbeitete von da an in Lachen SZ bei der Schuhfabrik Growela AG, und Fischli beendete dann ihre Arbeit bei der Swissair per Ende März 1962, weil wir im Mai heirateten.
1962 - 1964: Heirat, Wohnung in Lachen, Geburt Andrea, Streit mit Gadient-Familie, Haussuche im Kt. Zürich, Erste grosse Frankreichreise
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8.3.  Unsere Familie Gadient -Karpf – 1962 - 1964: Heirat, Wohnung in Lachen, Geburt Andrea, Streit mit Gadient-Familie, Haussuche im Kt. Zürich, Erste grosse Frankreichreise.

Am 12. Mai 1962 heirateten wir. Brautführer war Jack Brunnschweiler, der im Militärdienst weilte und am frühen Morgen „aus dem Felde“ auf Urlaub kam, sich in Zollikon umzog, noch mit Laub in der Unterhose! Brautführerin war Yvonne Zaugg, eine alte Schul- und Paris-Kollegin von Fischli. Am Vormittag war die zivile Trauung im Gemeindehaus in Zollikon beim Zivilstandsbeamten Herr Schneebeli. Am Nachmittag traute uns Cecchi Rohrbach im katholischen Kirchlein in Herrliberg kirchlich. Mit ihm hatten wir uns in zahllosen gesprächen auf die Ehe vorbereitet. Seine Predigt beeindruckte uns sehr und seine Worte an uns sassen tief, praktisch ein Leben lang!. Vor allem seinen Ratschlag, im Leben möglichst leise aufzutreten, versuchten wir immer zu befolgen, womit wir auch sehr gut fuhren!

Das Hochzeitsfest fand im Hotel Restaurant Kreuz in Erlenbach statt, das es heute nicht mehr geht. Aus finanziellen Gründen mussten wir leider bei den Verwandten die Anzahl Personen pro Familie aus Budgetgründen auf zwei beschränken, denn wir wollten einerseits unsere Freunde dabei haben und andrerseits konnten uns unsere Eltern damals nicht sponsern!

Fischli war vor der Hochzeit gesundheitlich leider schlecht "zwäg" und musste vom Arzt „traufähig“ gespritzt werden. Aus diesem Grund mussten wir abends das Hochzeitsfest im Kreuz Erlenbach auch etwas früher verlassen. Fischli wollte aber in der Hochzeitsnacht unbedingt noch eine Kleinigkeit von Zollikon nach Lachen zügeln, wo wir uns in den letzten Wochen am Kirchplatz bei Metzger Mächler eine Wohnung eingerichtet hatten. Als wir dann auf dem Weg von Zollikon nach Lachen nochmals beim Kreuz in Erlenbach vorbeifahren mussten, schlief Fischli schon tief und schnarchte leicht. Durch die geöffneten Fenster des Saales hörte man laute Musik und den Lärm der Hochzeitsgesellschaft, so dass ich fast in Versuchung geriet, Fischli schlafen zu lassen und mit meinen Kollegen noch etwas weiter zu feiern....

Erst in Lachen erwachte Fischli dann wieder, bat mich, sie über die Schwelle zu tragen, und verlangte im Schlafzimmer anstatt des bereitliegenden, luftigen Hochzeits-Nacht­hemdchen das Barchet-Pyjama aus der Kommode und schlief dann sofort wieder ein... . Ich hielt also meine eben angetraute, aber leise und herzig schnarchende Gattin in meinen Armen und fragte mich, ob dies jetzt also die so vielbesungene Hochzeitsnacht war!

Am Sonntag ruhten wir uns von den Hochzeits-Strapazen aus und am nächsten Montagmorgen starteten wir mit unserem himmelblauen VW-Käfer auf die Hochzeitsreise. Über Genf und das Rohnetal fuhren wir am ersten Tag bis nach St. Andiol südlich von Avignon, und dann über Aix-en-Provence, Fréjus und Cannes während den folgenden Tagen alles dem Mittelmeer entlang, mit einem kleinen Abstecher nach Biot bei Antibes (wo Fischli ein paar Monate lang bei einer Familie mit Kindern gelebt hatte) über Ventimiglia, Genua, den Bracco-Pass nach La Spezia, Pisa und Grosseto bis nach Rom zu Fischlis Onkel Hans Streuli und Tante Mily. Dort durften wir in ihrem Weekend-Haus in Fregene wohnen, welches Fischlis Cousin Carlo nach seinem ETH-Diplomabschluss als Architekt ein paar Jahre früher hatte bauen dürfen. Es war ein wunderbarer, romantischer Ort und eine wunderbare Zeit. Onkel Hans lernte mich auch noch, wie man in Rom Auto fahren muss, um vorwärts zu kommen! Auch hier lernte ich sehr schnell, und es machte mir Spass.

Bald merkten wir, dass Fischli schwanger war, behielten es aber still für uns. Erst im Spätherbst, als Onkel Hans auf der Herreise von Rom über den San Bernardino bei uns in Lachen kurz Halt machte und plötzlich Fischli an den Bauch griff und fragte: „Häsch es Römer-Chindli oder nöd?“ und Fischli dabei rot wurde, wurde es publik. Es war eine wunderbare Zeit, das heranwachsende Leben zu spüren, und wir freuten uns riesig. Wir schenkten uns als "Mir-Dir-Geschenk" eine Lithographie mit einem herzigen Kind. Diese Litho stand dann an unserer ersten gemeinsamen Weihnacht unter dem kleinen Christbaum, den Fischli wunderbar hergerichtet hatte. Der Christbaum war nur mit Glasschmuck versehen. Das sah tagsüber wunderbar aus.Nachts hingegen sah man den Schmuck nicht, nur wenn die kerzen brannten gab es eine geringe Spiegelung! Und schon bald nach den Feiertagen rückte die Zeit der Niederkunft näher und näher.

Die letzten Wochen der Schwangerschaft fielen in die berühmte Seegfrörni vom Winter 1962/63. Es war herrlich, von Lachen nach Rapperswil zu spazieren und wieder zurück. Um für die Geburt mit dem Auto ja nicht in Schwierigkeiten zu kommen, nahm ich bei der grossen Kälte jeden Abend die Batterie aus dem Auto und trug sie in die Wohnung. Wenn man bedenkt, dass der Aus- und Einbau der Batterie beim VW Käfer wirklich eine "Major Operation" war, gab dies bereits einen Hinweis auf Nervosität und Vatersorgen.

Eigentlich hätte ich im Februar in den Militärdienst einrücken müssen, aber ich wollte unbedingt bei der Geburt Zuhause sein. Dazu hatte ich den Wiederholungs-kurs verschieben können, weil an meiner Stelle mein Dienstkollege Alex Beck einrückte. Mein Kommandant Walo Krieg war unter der Bedingung einverstanden gewesen, dass ich Alex Beck genau instruierte, denn Walo liess mich im Technischen Dienst sehr frei walten. Mit dem Föhneinbruch auf das Wochenende vom 16./17. Februar ging die Seegfrörni zu Ende und mit dem Ende der stabilen Wetterlage meinte Fischli am Sonntagmorgen sehr früh, wahrscheinlich gehe es  jetzt los mit den Wehen und der Geburt. Ich soll darauf geantwortet haben: “Mach nöd s’Chalb, hüt chunnt de Beck!“, das erzählte wenigstens Fischli noch jahrelang! Alex Beck kam tatsächlich, ich zeigte ihm alles, übergab ihm Akten und Material, und kaum war er um 18’00 Uhr weg, fuhren wir ins Spital Lachen, wobei ich beim geschlossenen Bahnübergang (heute gibt es eine Überführung!) gemäss Fischli scheinbar laut aufgestöhnt und ausgerufen hätte: „Auch das noch!“

Aber wird hatten Zeit, viel Zeit. Erst am anderen Morgen, am 18. Februar um 04’50 Uhr, kam im Spital Lachen unser Ghiali zur Welt. Fischli musste stark leiden, es war eine äusserst schwere Geburt mit Zange und Dammriss. Aber die junge Familie war nachher sehr glücklich, jetzt zu dritt. Die Taufe von Andrea fand nach der Rückkehr von Fischli aus dem Spital in der Pfarrkirche von Lachen statt, und das bescheidene Taufessen hatten wir in einem Restaurant neben der heutigen Marina Lachen, das es heute nicht mehr gibt.

Mami Karpf hatte sich beim Schlittschuhlaufen auf dem zugefrorenen See vor Zollikon die Hand gebrochen und fiel als Haushalthilfe nach der Geburt leider aus. Also offerierte sich meine Mutter, uns etwas zu Hilfe zu kommen. Wir hatten sehr viel gelesen über Kinder und nahmen Kinder-Pflege und -Ernährung sehr genau. Wir waren auch sehr glücklich, dass Fischli voll stillen konnte. Nun begann aber mit der Anwesenheit meiner Mutter ein Kleinkrieg Schwiegermutter – Schwiegertochter. Mama hatte selbst nie voll gestillt, und auch alle meine Schwestern hatten nie voll stillen können. Und so hatte meine Mutter immer das Gefühl, Andrea bekäme zu wenig und wollte nachschöppelen, und tat dies auch, wenn sie sich unbeobachtet wähnte. Sie erwähnte auch, dass sie immerhin sechs Kinder gehabt hätte und schon wisse, wie es gehe! Ich war gespannt, ob dies gut kommen würde!

Ich arbeitete nur zwei Minuten von unserer Wohnung entfernt und kam so auch immer über Mittag zum Essen nach Hause. Nach ein paar Tagen war eines mittags ein sehr gespanntes Verhältnis Zuhause, als ich heimkam. Es knisterte förmlich vor Spannung. Bevor ich zur Arbeit ging sagte ich noch zu den Beiden: “Sind lieb mittenand!“ Kurz vor drei Uhr rief Fischli an und bat mich, heimzukommen, es gäbe Streit mit meiner Mutter. Ich fand meine Mutter sehr wild, sofort erzählend, was vorgefallen sei. Sie wurde bereits noch mehr wütend, als ich sie bruhigte und wünschte, jetzt noch die Version von Fischli zu hören, wie es sich aus ihrer Sicht zugetragen habe, denn es gäbe immer zwei Seiten. Und nachdem ich auch Fischli zugehört hatte, die traurig und unter Tränen kaum erzählen konnte, sagte ich zu Mama sehr bestimmt, dass wir sehr für ihre Hilfe dankbar gewesen seien, dass es jetzt aber wirklich besser sei, wenn sie heimfahre, ich würde sie nach Rapperswil auf den Zug bringen. Ausser sich rief sie aus: „Du willst also Deine Mutter aus Deinem Haus werfen?“ Ich würde niemanden herauswerfen, entgegnete ich, aber nach dem Zuhören beider Varianten wäre jetzt der Moment gekommen, wo ich klar Partei für meine Frau ergreifen müsse und wolle. Hier wäre meine Frau die Hausfrau, und sie bestimme, was wie wann geschehe. Ich sehe meine Mutter heute noch: Sie hatte eine Ärmelschürze mit vielen kleinen Knöpfen vorn von oben bis unten an, und riss sich in der Wut diese zugeknöpfte Schürze vom Leib, dass die Knöpfe nur so durch Korridor und Wohnzimmer flogen.

Dieser Tag brachte für eine gewisse Zeit eine gänzliche Funkstille, nicht nur mit meinen Eltern, sondern mit Ausnahme von Lisbeth auch mit allen meinen Schwes­tern. Lisbeth hatte wieder einmal am meisten Verständnis für die Situation und versuchte Fischli zu trösten. Der Vorfall hatte aber auch eine positive Seite: Alle hatten Zeit nachzudenken, und zwar über das eigene Verhalten und über das Verhalten anderen gegenüber! Nach ca. einem halben jahr normalisierten sich die verhältnisse wieder, aber von diesem Moment an begegneten wir uns in der Gadient-Familie mit etwas mehr Vorsicht und gegenseitigem Respekt.

Andrea gedieh bestens und die junge Familie war sehr glücklich in der schönen Wohnung. Hingegen hatten wir mit der Umgebung etwas Mühe: Wir schätzten es weniger, wenn es morgens im Kinderzimmer anstatt nach Baby-Öl durch das offene Fenster von der Metzgerei im Haus nach gekochtem Gnagi oder geräuchtem Fleisch roch. Oder wenn der hausmeister Metzger Mächler in der vollen Metzg bei Fischlie reklamierte, ob wir den eigentlich jeden tag duschen müssten und ihr öffentlich demonstrierte, wie man sich auch sauber waschen könne! Dann ärgerte selbst mich, der ja sehr katholisch erzogen worden war, das fast mittelalterliche, öffentliche Zelebrieren des katholischen Glaubens. Der Pfarrer konnte z. B. nicht begreifen, dass ich die Taufe erst nach Fischlis Entlassung aus dem Spital wollte. Da Kind könnte ungetauft sterben! Oder wir mussten am Kapellfest, wenn die abendliche Prozession durchs Dorf zog, in unseren beleuchteten Fenstern Heiligenbilder aufstellen, die uns der Hausmeister gab.

So wurde im Frühling 1964 der Wunsch immer grösser, aus dem Kanton Schwyz wieder zurück in die Kantone Zürich oder St. Gallen zu ziehen, und, wenn möglich, in ein eigenes Haus. Wir sagten uns, wenn schon ein Haus, dann jetzt mit kleinen Kindern. Ich hatte auf einer Landeskarte 1:25'000 ab dem Seedamm in Rapperswil Distanzkreise gezogen, und wir begannen ganz systematisch auf regelmässigen Spaziergängen mit dem Kinderwagen die Gegend um Rapperswil zu erkunden,  Wohnlagen, Wohnungen und Häuser gegeneinander abzuwägen.

Im Sommer 1964 fuhren wir für 10 Tage in die Ferien. Mami hütete noch so gern die jetzt fast 1 ½ jährige Andrea. Wir wollten die Loire-Schlösser besuchen. Im Burgund begannen wir zu spät ein kleines Hotel zu suchen und übernachteten schliesslich im Hotel Royal in Chalon, und hatten damit gleich einen Drittel unseres Ferienbudgets in der ersten Nacht verbraten. Von da an übernachteten wir mehrheitlich im Zelt, hatten in der Benediktinerabtei St. Benoit ein wunderbares Choralerlebnis und sahen anschliessend die meisten der herrlichen Loire-Schlösser. Als Fischli dann nach einer Woche genug von Schlössern hatte, fuhren wir nordwärts in die Normandie, um auf den Spuren der Invasion, welche genau 20 Jahre früher hier stattgefunden hatte, fuhren wir auf dem äussersten Strässchen dem Atlantik entlang und besichtigten nach den Schlössern die noch existierenden Bunker. Als wir dann fast kein Geld mehr hatten, trieb es uns zwangsläufig über Belgien und Luxemburg nach Hause.
1964 - 1966: Umzug nach Hombrechtikon, 1. Wurstzeitalter, 17 Wochen Hptm-Abverdienen, Geburt Alexa
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8.4.  Unsere Familie Gadient -Karpf – 1964 - 1966: Umzug nach Hombrechtikon, 1. Wurstzeitalter, 17 Wochen Hptm-Abverdienen, Geburt Alexa.

Eines Tages im Herbst gab uns Dr. Kurz ein Zeitungsinserat für ein Haus in Hombrechtikon. Wir besichtigten es und kamen zum Schluss, dass dies eine Chance war. Wir trieben von überallher Geld auf: Dr. Kurz wollte mir rückwirkend ab Arbeitsbeginn einen höheren Lohn nachzahlen, da er mit meiner Leistung sehr zufrieden war, Fischli erbte 18'000 Franken, als Onkel Adolf das grosselterliche Chalet in Itschnach übernahm, Fischlis Grossvater war einverstanden, uns für eine 2. Hypothek 30'000 Franken zu leihen, auch meine Eltern und Schwestern pumpten uns etwas Geld, so dass wir am Schluss den Kaufpreis zusammen hatten. Beim Kauf brauchten wir dann aber zum ersten Mal in unserem Leben die Hilfe eines Anwalts, da wir, in Immobilienbelangen mehr als naiv, dem Verkäufer gegen Quittung aber ohne notarielle Beglaubigung eine Anzahlung geleistet hatten. Da der Verkäufer dann die Grundstückgewinnsteuer nicht bezahlen konnte, kam die Gemeinde auf uns zu, und wir mussten alle Hypotheken um einen Rang zurücknehmen, da die Restschuld des Verkäufers an nicht bezahlten Steuern bei unserer Liegenschaft im 1. Rang eingetragen wurde. Die Gemeinde fragte uns dann periodisch an, ob wir die Schuld nicht übernehmen wollten. Wir wollten nicht, so sehr hatte der Verkäufer uns junge, naive Leute hereingelegt. Und die Gemeinde betrieb ihn jahrelang, bis er seine Schuld abgetragen hatte und der unliebsame Grundbucheintrag dann endlich wieder gelöscht werden konnte.

Nach dem Hauskauf begann eine harte Zeit. Wir nennen sie heute das „erste Wurstzeitalter“. Vieles hatten wir nicht budgetiert: Wir brauchten beispielsweise eine Gartenschere, einen Gartenschlauch, einen Rasenmäher, Gartenmöbel usw. Wir hatten auch vergessen, dass gegenüber Lachen, wo wir praktisch neben der Fabrik gewohnt hatten, jetzt das Auto für zwei mal 16 Km Fahrt zur Arbeit Benzin und mehr Unterhalt brauchte usw. Ferien gab es im Moment keine, oder wir blieben Zuhause. Wenn wir dann die kleine Andrea im Garten spielen sahen und wenn wir jetzt im eigenen Garten Würste grillieren konnten, waren wir eigentlich trotz fehlender Finanzen sehr glücklich. Mein Vater hatte grosse Zweifel gehabt, ob der Hauskauf richtig gewesen war. Er konnte nicht begreifen, dass wir uns derart stark verschuldeten. Der Entscheid für den Hauskauf war aber goldrichtig gewesen, denn in den 60er Jahren war die Inflation sehr hoch und die Löhne wurden nicht nur für erbrachte Leistungen erhöht, sondern sie folgten fast automatisch der Teuerung. Wir verzichteten auf vieles, sparten wirklich wie wild und zahlten unsere Schulden zurück. Damit wurde die Zinslast kleiner, und wir konnten wieder atmen. Auf alle Fälle wohnten wir bald billiger als meine Kollegen, dern Miete mit der Inflation auch gestiegen war.

Das Haus selbst an der Etzelstrasse in der Eichwies war von aussen kein Prunkstück, es war aber vom Lay Out her für eine junge Familie geradezu ideal: Alles war auf einer Ebene, ein grosses, zentrales Wohnzimmer, von dem aus Türen in die Küche, ins Bad und in alle drei Schlafzimmer führten, dann hatten wir ein geräumiges Kellergeschoss und einen riesigen Estrich. Uns war es sehr wohl in dem gemütlich eingerichteten Haus.

Im Sommer 1965 musste ich nach der Einweihung der neuen Fabrik in Lachen für 18 Wochen nach Payerne in den Militärdienst, den Hauptmannsgrad abverdienen. Damit war Fischli die ganze Zeit allein mit Andrea in unserem Haus, eine ganz neue Erfahrung. Ob sie wohl Angst hatte? Sie stand dies tapfer durch, erstaunlich vor allem deshalb, weil sie kurz nach meinem Einrücken wusste, dass sie zum zweiten Mal schwanger war. Ich fuhr deshalb an den Wochenendurlauben so viel als möglich nach Hause, meistens per Auto mit meinen Kollegen Kurt Schmid und Wädi Peter, während ich unseren VW Fischli überliess. Eine schöne Abwechslung war eine Woche mit Fischli in Payerne, als mein Kollege Michel Fiaux während seines Militärdienstes seine Wohnung in Payerne mir überliess. Momi Karpf hatte wiederum die kleine Andrea gehütet.

Ende November war ich wieder zurück, und wir verbrachten den zweiten Winter in unserem Haus. Dann bereiteten wir uns auf die Geburt von Alexa vor, die in der Klinik Hirslanden zur Welt kommen sollte. Als Fischli das Gefühl hatte, es gehe los, fuhren wir zuerst einmal zu Mami nach Zollikon, denn wir wollten aus Spargründen verhindern, noch vor 24’00 Uhr im Spital einzutreten, denn sonst wurde auch dieser Tag bereits voll verrechnet. Aber wir verrechneten uns: Gegen Mitternacht mussten wir mit beginnenden Wehen trotzdem fahren und traten um 23’30 Uhr in die Klinik ein und am 24. März 1966 um 03’03 Uhr kam unser zweites Meiteli Alexa zur Welt, glücklicherweise wieder ein gesundes und grades Kind. Sicher hätten wir uns zur ersten Tochter einen Buben gewünscht, aber ich war ja nicht der Schah von Persien, der à tout prix einen Stammhalter haben musste. Wir waren glücklich, dass Fischli nicht mehr so leiden musste wie das erste Mal.
 
Die Taufe von Lexi fand dann noch im alten Kirchlein von Hombrechtikon statt, das relativ bald danach abgerissen wurde. Das Taufessen hingegen fand aus Spargründen bei uns im Haus statt. Am Vortag war Fischlis Grossvater mütterlicherseits gestorben, was Oechslis uns erst nach dem taufessen sagten, um die taufe nicht zu stören! So nahe ist Geburt und Tod beieinander.
 
Es war eine aussergewöhnlich glückliche Zeit, die wir in den nächsten Jahren mit unseren zwei goldigen Mädchen erlebten: Ich war glücklich am Arbeitsplatz, wir hatten uns gern wie eh und je, und mit den herzigen Mädchen war das Glück der jungen Familie perfekt. Inzwischen hatten wir auch eine Katze, da wir gelesen hatten, Haustiere wären für die Psyche der Hausbewohner, aber vor allem für jene der Kinder gut. Die erste fiel zwar schon bald dem Strassenverkehr vor unserem Haus zum Opfer, die zweite Katze aber, es war ein Kater, taufte Fischli „Sepphie“ und sollte drei Autounfälle überleben und über 20 Jahre unser Haus mitbewohnen.
1966 - 1971: Kindsgi / Schule Mädchen, Erste Portugalreise, "Familienferien" in Granja, Portugal, Badhüsli, Tennis
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8.5.  Unsere Familie Gadient -Karpf – 1966 - 1971: Kindsgi / Schule Mädchen, Erste Portugalreise, "Familienferien" in Granja, Portugal, Badhüsli, Tennis.

Für den Kindergarten und die ersten 6 Jahre Primarschule lag unser Haus unwahrscheinlich günstig. Die Mädchen konnten hinten aus dem Haus über  einen kleinen Fussweg zu einem sehr wenig befahrenen Nebensträsschen, das zum Schulhaus führte, der Schulweg war nur einige hundert Meter. Die Leistungen der beiden Mädchen in der Primarschule waren gut und wir hatten diesbezüglich überhaupt keine Sorgen. Nur Lexi hatte eine Weile Schwierigkeiten mit der Aussprache des S. Mit ein paar Legasthenie-Stunden und viel Üben Zuhause mit ihrem Mami konnte dies aber auch behoben werden.

Im Haus war es uns sehr wohl, obwohl die von unserem Vorgänger beim Aufgang an der Südseite des Hauses gepflanzten Föhren, Tannen und Birken immer üppiger wucherten, dort die Blumen erstickten und die Sonne abdeckten. Wir entschieden uns für eine Holzfällaktion, bei welcher uns unser Nachbar Peter Goldschmid mit Rat und Tat beistand. Ich nahm drei Tage Ferien, um aufzuräumen und die Äste zu verbrennen. Der Rauch meines Feuers war so dicht, dass die Autos auf der Etzelstrasse Licht anmachten! Als ich schlussendlich alles Holz gespalten und am Trockenen aufgebeigt hatte, wusste ich, wieso Cheminéeholz so teuer ist: Drei Tage meines damals ja nicht horrenden Monatsgehalts auf ungefähr einen Ster Holz! Das war ein stolzer Preis!  

Viel Freude bereiteten uns in diesen Jahren die Musikbegeisterung der Mädchen. Bei ihrem Klassenlehrer, Herrn Karl Nater, erlernten beide das Flötenspiel. Lexi kam genau drei Jahre hinterher, um wieder zum gleichen Primarlehrer zu kommen. Herr Nater bildete mit den begabtesten Schülern eine Flötengruppe, die manchmal in der reformierten Kirche zum Gottesdienst spielte, und zwar recht schöne Stücke, welche von den jungen Flötisten recht viel Können und vor allem auch Üben abverlangte. Daneben nahm Andrea Klavierstunden, und Lexi begann mit dem Cellospiel. Neben dem Cellospiel nahm Lexi auch noch etwa 2 Jahre Klavierstunden. Das war ein Üben und musikalisches Tribulieren zu Hause! Es gab Präsentationen in der Musikschule, da spielte Andrea Klavier, Lexi begleitete mit dem Cello ein Klavier spielendes Gespänli, und am Schluss spielte sie auch noch in einer Flötengruppe. 

Im Sommer 1968 sollte ich im Norden Portugals erkunden, ob dies allenfalls etwas für eine Growela Tochtergesellschaft wäre, denn in der Schweiz war die Beschaffung von Arbeitskräften das grösste Problem in der Fabrik geworden. Die Kinder durften zu Selin und Fritz in Erlenbach in die Ferien und wir zogen mit unserem VW los. Es war eine wunderschöne Reise, die längste, die wir bisher unternommen hatten. Nach vielen geschäftlichen Besprechungen, dann auch mit Dr. Kurz, welcher eingeflogen kam, sowie der Absprache eines Jpoint Ventures mit José und Arnaldo Rodrigues, fuhren Fischli und ich dann weiter nach Lissabon und hatten von dort aus nochmals Kontakt mit Selin und wussten, dass es den Mädchen gut ging. Nach Lissabon waren wir während 4 Tagen unterwegs Richtung Schweiz, obwohl wir eigentlich zügig fuhren, aber es hatte damals praktisch noch keine Autobahnen.
 
Von der Grenze aus in Genf versuchte ich dann Selin zu erreichen, aber es war niemand zuhause. Von Moudon aus probierten wir es ein zweites Mal, und wieder war niemand da, was uns jetzt aber beunruhigte, denn es war schon gegen acht. Endlich von Bern aus erreichten wir Selin, die uns sehr traurig sagte, die Kinder wären in Zollikon bei Nelly, denn in der Nacht nach unserem letzten Telefongespräch wäre ihr Mann Fritz ganz plötzlich gestorben. Es wäre schön, dass wir so anderntags vormittags auch an der Beerdigung teilnehmen könnten. Das war wirklich eine traurige Heimkehr nach drei so schönen und interessanten Wochen unterwegs. In den kommenden Jahren war Selin oft bei uns in Hombrechtikon, und wir sorgten uns etwas um sie, eigentlich bis zu ihrem Umzug nach Thalwil. Ich half ihr auch noch etwas mit dem Hausverkauf. In diesen Jahren kamen wir uns, nach der eher etwas grösseren Distanz nach der Geburt von Andrea (mit Selins klarer Parteinahme für Mama) auch wieder viel näher.

Sommeraufenthalte in Granja: 26. Mai - 26. Juni 1969, 8. Juli - 6. August 1970, 17. Juli - 13. August 1971.

Drei Jahre hintereinander durfte ich an obigen Daten in Granja, südlich von Porto und ca. 5 km nördlich von Espinho ein bescheidenes, zusammengebautes Doppeleinfamilenhaus mieten, das Growela bezahlte. Nur eine Naturstrasse lag zwischen uns und dem Meer. Wir hatten eine grossartige Sicht auf den Atlantik und bewunderten traumhafte Sonnenuntergänge direkt ins Meer. Ein schräg gegenüber liegendes Sommerhaus des Besitzers der Banco Espirito Santo war zwar schuld, dass wir nicht ganz freie Sicht hatten.
 
Wir sprachen meistens von Portugal-"Ferien". Dabei ging ich am Morgen sehr früh ganz normal arbeiten und kam erst abends nach sieben Uhr wieder nach Hause. Trotzdem war es herrlich, die paar Wochen abends und an den Wochenenden im Kreise der Familie sein zu dürfen, denn normalerweise war ich in Portugal ja sehr allein. Für Fischli und die Kinder war es schon ein ferienähnlicher Zustand: Tagsüber waren sie meistens im Schwimmbad, da das Meer viel zu gefährlich und zu wild zum Baden war. Ich erinnere mich gut, als ich einmal mit beiden kleinen Mädchen in der Hand bis zu den Knien im Wasser stand, rückwärts schaute und mit Fischli etwas sprach, und ich nicht bemerkte, dass plötzlich eine wesentlich grössere Welle heranrauschte und mir die Mädchen an den Händen nur so im Wasser herumwirbelte. Wir erschraken alle sehr, lernten daraus aber, dass der Atlantik einfach heimtückisch ist: Nach langer Zeit sehr harmlosen, gleichmässig kleineren Wellen kann plötzlich eine viel grössere und heftigere anrollen! Wir als Kinder der Berge liebten jedoch das Meer sehr, genossen alle Facetten bei Wind und Wetter. Besonders aber die Vielfalt der Wolken und des Lichts beeindruckte uns immer wieder von neuem. 

Das Haus war durch einen Zaun von der Strasse abgegrenzt und hatte nur ein leicht erhöhtes Geschoss. Nach dem Gartentor gelangte man über eine ebenfalls leicht erhöhte, über die ganze Breite des Hauses reichende und angenehm tiefe Terrasse zum Haupteingang. Dieser führte in ein geräumiges Wohn- und Esszimmer. Durch eine Türe an der hinteren Wand des Wohnzimmers gelangte man in einen langen Korridor, an welchem zuerst die Küche lag mit einem direkten Ausgang in einen Hof, und dann drei Schlafzimmer und 2 Bäder. Zuhinterst war das Elternschlafzimmer mit einem Bad vis à vis, dann kamen  das Kinderzimmer, wo unsere Mädchen schliefen, und das Gastzimmer, wo jeweils André Kurz schlief, wenn er während unserer Aufenthalte nach Portugal kam. Die Einrichtung war einfach aber zweckmässig. Frau Rodrigues war dafür besorgt, dass es uns an nichts mangelte. Als wir im zweiten Jahr einzogen, wohnte José Rodrigues dann mit seiner Familie im zusammengebauten Nachbarhaus. So sehr hatten ihm die Abende bei uns auf der Terrasse gefallen, dass er das Nachbarhaus gekauft und etwas umgebaut hatte.

Im ersten Jahr während Mai / Juni froren wir anfänglich fürchterlich im Haus, das während des Winters unbewohnt und ungeheizt war und sehr lange feucht blieb. Erst als wir dann Butagasöfen besorgten, wurde es etwas besser. Im Juli und August war das dann kein Problem mehr, eher das Gegenteil: Manchmal war es in den Schlafzimmern sehr, sehr heiss.

Das Beste am Haus war aber die Terrasse, auf welcher sich bei trockenem Wetter eigentlich unser ganzes Leben abspielte. Wir waren uns ja auch von Zuhause aus gewohnt, draussen zu leben. So liebten wir die langen Abende sehr, zuerst draussen zu essen und dann sitzen zu bleiben, und bei einem Glas Wein die Weite des Meeres und das Treiben auf der Strasse vor dem Haus zu geniessen. Entweder taten wir es allein oder dann mit Besuch. Wir hatten oft Besuch, von Mitarbeitern, von Mitarbeitern von Rodrigues, Nuno Romão kam mit Familie, André Kurz war da, der Anwalt der Firma usw.

Auf der Strasse war abends ein emsiges Treiben. Buben und Mädchen lernten Velofahren, Hunde streunten in ganzen Gruppen wie in Umzügen hin und her, nach etwas Essbarem bettelnd. Es war aber auch etwas „grusig“ auf der nicht asphaltierten Naturstrasse, denn es lag viel Unrat herum. Die Leute waren sich nicht gewohnt, Ordnung zu halten. Ich erinnere mich an einen Abend, den wir mit André Kurz, dem Firmenanwalt und José Rodrigues draussen auf der Terrasse verbracht hatten. Jemand sagte, dass Fischli jetzt noch viel aufzuräumen hätte, den es standen viele Wein- und Wassergläser, volle Aschenbecher und Teller mit Papier und Speiseresten auf dem Tisch herum. Der Anwalt sagte, alle würden doch helfen und schwupp hatte er  schon den Aschenbecher und einen Teller mit Papier und Abfall auf die Strasse geleert. Auch die sogenannt besseren Leute waren sich damals noch nicht gewohnt, die Umwelt nicht zu verschmutzen.

Lexi war das kleinste Kind in der Nachbarschaft. Während sich Andrea mit Worten, Händen und gebärden bereits etwas verständigen konnte und in den ersten Tagen Velofahren lernte, hatte sich Lexi mit Madusa, einem sehr hässlichen aber um so liebenswerteren Hund angefreundet. Wenn sie auf einem Kanapee im Wohnzimmer noch ihr Mittagsschläfchen machte, lag Madusa ihr zu Füssen, sie ihn mit dem Händchen am Halsband haltend. Der Hund merkte auch den Abschied voraus: Als Lexi ihm am letzten Abend des ersten Aufenthaltes traurig zuflüsterte, dass sie jetzt halt wieder nach Hause in die Schweiz fliegen müsse aber nächstes Jahr wiederkäme , heulte der Hund ganz jämmerlich und trottete von dannen. So viel Liebe bekam er wahrscheinlich das ganze Jahr nicht wie während diesen Wochen von Lexi. Das Wiedersehen im anderen Jahr war dann ein anderes, grossartiges Erlebnis. Madusa merkte sofort, dass wir wieder da waren und lebte in dieser zeit mehrheitlich bei uns. Wahrscheinlich verpflegte er sich nur noch bei sich Zuhause.

Ein Erlebnis war auch das Einkaufen. Im Supermarkt war es bereits damals ähnlich wie bei uns. Aber im kleinen Lädeli beim Bahnhof Granja war es schon auch noch archaisch: Da waren alle die verschiedenen Gerüche: Getrockneten Bacelhau, der an der Eingangstüre aufgehängt war, dann die Gewürze, Gemüse, das Abwägen von Mehl, Zucker usw. Aber das Beste war die Fleischbestellung, die man mit dem Dictionnaire aufgab. Das Fleisch wurde dann ins Haus gebracht, und wie! Ein junger Bursche hatte in einem geflochtenen Korb (der gleiche Korb wie sie auf dem Bau den Beton die Leitern hoch tragen) lose und uneingepackt einfach die vielen bestellten Fleischstücke liegen, und er wusste haargenau, wer was bekommen sollte. Diesen Korb mit dem Fleisch hing er an die Lenkstange seines Velos und fuhr damit wie wild auf der Naturstrasse zu den Häusern, rief etwas sehr laut, packte einen der Mocken und drückte ihn der herauseilenden Frau einfach so in die Hand. Fischli musste dann das Fleischstück zuerst waschen und von Verschiedenem kaum Essbare entledigen, was jeweils Madusa zugute kam. Die Fleischqualität war dann recht gut, aber Fischli musste Metzgersdienste leisten. Aus diesem Grund hatten wir ab dem zweiten Aufenthalt ein in der Schweiz von unserm Metzger speziell geschliffenes Fleischmesser mit dabei.

Die Küche hatte einen Herd mit Backofen, der an eine Butagasflasche angeschlossen war, es gab eine gasbetriebenen Durchlauferhitzer und das notwendigste Küchengerät. Herd und Backofen brauchten viel Fingerspitzengefühl beim Anzünden. Nicht nur einmal hob eine kleine Explosion die Brenner und oberen Herdeinsätze mit lautem Knall leicht ab, was Fischli jeweils schauerlich erschreckte. Es lief aber immer glimpflich ab.

Seit 1963 verbrachten wir unsere Sommerferien sonst regelmässig im Badhüsli im Lachner Horn. Dieses Badhüsli gehörte meinem Arbeitgeber, der Growela Schuh AG, und wurde vor allem für ungestörte Sitzungen und bei Kundenbesuchen benutzt. An Wochenenden und während der Betriebsferien durften es auch die Mitglieder der Geschäftsleitung benützen. Zum Badhüsli gehörte noch ein kleines Ruderboot mit Aussenbordmotor sowie ein Segelboot; für Boote und Haus war ich für die Firma verantwortlich. Herr Monthey aus Murten, ein Freund von André Kurz, hatte uns zudem eine alte Doppelzweier-Gig geschenkt, in welcher einige von uns Mitarbeitern mit dem Chef André Kurz rudern lernten. Als ich es bereits etwas konnte, durfte ich dann auch den Skiff meines Chefs  benutzen. Wenn ich am Anfang jeweils kenterte, musste ich mit dem Boot zurückschwimmen, bis ich dann endlich wiedereinsteigen lernte!

Ursprünglich lag das Badhüsli am offenen Seeufer. Man sah von unserem Badhüsli aus gegen Süden Stöcklikreuz und Etzel und von Westen nach Norden über den See von Hurden über Rapperswil, Jona und Wurmsbach bis nach Bollingen, dahinter Bachtel und weiter rechts Speer. Etwas ausserhalb gab es einen Schwimm-Bagger zur Kiesgewinnung, wo regelmässig Ledischiffe anlegten. Wir nannten den Bagger nur unseren Tinguely! Und auf der Ostseite war der Flugplatz Lachen-Wangen mit regelmässigem Flugbetrieb, der uns Flugbegeisterte aber nicht störte, ganz im Gegenteil, einmal fuhren wir mit unserem Boot einen im Wasser gelandeten Piloten retten… .

Für Sommerferien war es eine geradezu ideale Lösung: Keine langen Anfahrwege und Staus, gute Einkaufsmöglichkeiten, alle zwei Tage konnten wir Zuhause den Kater füttern und gleichzeitig Beeren pflücken usw. Für die Kinder hatten wir zusätzlich als Occasion ein Segelboot, einen Optimisten gekauft, mit welchem sie das Segeln erlernen konnten. Alex Rothlin und Lexi waren im Sommer dort zwei unzertrennliche Freunde, sei es beim Segeln, Ping Pong oder Schach spielen. Ghia hatte es eher etwas mit Christopf Rothlin oder mit Vogts Buben. Aber immer lief etwas, man lernte schwimmen, wir hatten viel Besuche mit einfacher Bewirtung:  Salat, Chips und einer Wurst oder einem Stück Fleisch vom Grill, man machte Bootsfahrten bis nach Schmerikon oder auf die Ufenau usw.

Es kam an Samstagen oder Sonntagen auch ausserhalb der Ferien vor, wenn André Kurz rudern wollte, dass ich hie und da mit seinem Skiff schon draussen war, was er nicht besonders schätzte! Wenn ich aber immer vorher fragen musste, war das der Spontaneität eher abträglich. Ich entschloss mich daher 1971, einen eigenen Staempfli Kunststoff Skiff zu erwerben, den ich auch im Badhüsli stationieren durfte. Fortan war Rudern mein Nr.1 Sport, denn Tennis hatte ich wieder aufgegeben, obwohl ich Gründungsmitglied des TC Lachen war. Ich trat nach dem Umzug nach Hombrechtikon aus dem Klub aus, als an der GV mein Antrag, Auswärtigen die Platzreservation für 1 Stunde pro Woche zu gewähren, abgelehnt wurde. Vor allem aber, weil Fischli nicht mehr Tennis spielen wollte. Ich hatte sie vom Badhüsli aus an einem schwülen Augusttag über Mittag scheinbar derart über den Platz gehetzt, dass sie unter dem Einfluss eines leichten Sonnenstich den Schläger ablegte und knallhart und sehr ernst sagte, sie werde nie, nie mehr einen Tennisschläger in die Hand nehmen, was sie konsequent und sauber durchgehalten hat. Es sollte mir für andere Anliegen eine Lehre sein!
1971 - 1983: In Zollikon übernimmt Albert Gärtnerei, Mami Karpf heiratet nochmals, Umbau Kleindorf 14a, Überbauung in Zollikon
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8.6.  Unsere Familie Gadient -Karpf – 1971 - 1983: In Zollikon übernimmt Albert Gärtnerei, Mami Karpf heiratet nochmals, Umbau Kleindorf 14a, Überbauung in Zollikon .

Nachdem Albert und Nelly die Gärtnerei Mitte der 60er Jahre übernommen hatten, zügelte Mami Karpf in den obersten Stock des Hauses ihrer Eltern Kleindorf 16, wo ihr Vater für sie eine Küche einbauen liess, so dass eine kleine zusätzliche Wohnung entstand. Mami Karpf heiratete am 29. März 1967 nochmals, und zwar Alfred Spaltenstein, einen Malermeister aus Basel, dessen verstorbene Frau mit Grossmutter Welti verwandt gewesen war. In Rahmen dieser Verwandtschaft hatten sie sich auch kennen gelernt.

In Zollikon war nach dem Tod von Fischlis Grossmutter die Erbteilung fällig. Mami bat mich, unsere Familie in den Besprechungen für diese Erbteilung zu vertreten. Es bestand ein allseits unterzeichneter, rechtsgültiger Erbvertrag von Emil und Frieda Welti-Dübendorfer aus den 40er Jahren, einer Zeit, als Häuser gegenüber Land noch wesentlich wertvoller waren. Grossvater Welti wollte im Erbvertrag seine Tochter Frieda klar etwas bevorteilen, und zwar zum Dank dafür, dass ihr Mann Fritz Karpf seine eigene Gärtnerei in Küsnacht Itschnach verkauft hatte, um den Betrieb seines Schwiegervaters weiter zu führen, da dieser ja seinen Stammhalter im Wektkrieg verloren hatte. Er hatte zwar auf dem Bauernbetrieb seine Gärtnerei eingerichtet, hatte aber, als ich in die Familie kam, immer noch drei Rinder im Stall. Nun stand ich vor der schwierigen Aufgabe, den Miterben zu erkären, dass Grossvater Welti im Erbvertrag Mami mit der Zuteilung der Häuser bevorzugen wollte, dies aber unter den heutigen Verhältnissen ins Gegenteil umgeschlagen hatte: Ds Land hatte eine viel höhere Wertsteigerung erfahren als die Altbauten. Es waren wirklich sehr schwierige Verhandlungen, wobei der schwierigste Verhandlungspartner Fischlis Cousin Walter Karrer war. Andrerseits erhielt ich durch Fritz Oechsli viel Unterstützung, da er viel Verständnis für die neue Situation zeigte. Schlussendlich fanden wir unter der Federführung von Grossvaters Hausbank, der Bank Neumünster, wo Grossvater Bankrat gewesen war, eine einvernehmliche Kompromisslösung, der schlussendlich, ohne Familienkrach, alle Erben zustimmen konnten.

Mit der Erbteilung hatte Mami jetzt das ganze Haus Kleindorf 14 samt Scheune zugesprochen erhalten, dessen unteren Hausteil sie 1968 mit Architekt Blumer, dem Vertreter des Heimatschutzes in Zollikon umbaute. Ich hatte mich damals nicht eingeschaltet, sonst hätte eventuell eine etwas bessere Raumlösung gefunden werden können, denn meines Erachtens wurde die wertvollste Fläche mit Seesicht ausgerechnet dem Treppenhaus geopfert. Mami und Fred zogen dort ein. Von allem Anfang an durfte unsere Familie, wann immer wir wollten, im „Juhee“, wie wir den obersten Stock des Hauses nannten, das riesige Zimmer mit Seesicht und eigenem Bad, an Wochenenden oder für ein paar Ferientage benutzen. Wir hatten eigentlich immer ein sehr gutes Verhältnis mit Mami und auch mit ihrem neuen Mann. Fred war ein viel belesener und vor allem auch in der Kunst sehr gut bewanderter Mann, und dadurch auch ein sehr guter Gesprächspartner. Aber er hatte auch seine Macken, wie jedermann. Sein grösster Fehler war in meinen Augen, dass er zwar sehr viel um die Scheune und den Rüstraum herum arbeitete, sich aber auch gebärdete, wie wenn alles ihm gehören würde, ausser, wenn es dann um die Bezahlung von Unterhaltskosten ging. Dann war jeweils immer Mami die Besitzerin. Fred und Mami hatten Gütertrennung beschlossen. Fischli und ich mussten deshalb einmal ein ernstes Wort mit Fred reden, dass er die Hälfte des Lebensunterhaltes zu bezahlen hätte, inkl. den Haushaltskosten. Fred pflegte nach dem Tod von Grossvater Welti auch die Reben. Dort kamen sich zwischendurch dann Fred und Oechslis in die Quere, da er Oechslis Sitzplatz als Werk- und Arbeitsplatz nutzte. Ferner gab es einmal einen grossen Krach mit Albert und Nelly, als Fred während einer Ferienabwesenheit von ihnen im Garten des oberen Hausteils, wo Albert und Nelly wohnten, eigenmächtig eine grosse Birke fällte, da sie ihm scheinbar in der Küche dunkel machte. Ich meine aber, dass die positiven Aspekte von Mamis zweiter Ehe die negativen bei weitem wettmachten und vor allem für Mami die Zeit mit Fred eigentlich eine gute Zeit war.

In Zollikon stellte sich ein neues Problem: Nachdem Albert die Gärtnerei aufgegeben hatte und mit zwei Angestellten für die Rediffusion Kabelanschlüsse verlegte, brauchte er dazu weder die Scheune noch den Rüstraum. Man stellte zu spät fest, dass das Dach der Scheune nicht mehr dicht war und das Holz morsch wurde. Man musste zwangsläufig etwas unternehmen. Ich schlug vor, ein Projekt für den Ausbau der Scheune zu einem Wohnhaus zu machen, was Mami freudig, Albert eher widerwillig begrüsste. Wir gaben den Auftrag Pierre Zoelly, von dem wir mittlerweise wussten, dass er grossartige Lösungen vorschlug. Um auch die Finanzen in den Griff zu bekommen, schlug ich vor, dass Paul Karpf, Fischlis Cousin und ebenfalls Architekt in einer Arbeitsgemeinschaft mitarbeiten und vor allem für die Kostenüberwachung und die Ausführung verantwortlich sein sollte. Der Ausbau nur der Scheune war aber derart teuer, dass die Wohnungen niemals hätten kostendeckend vermietet werden können. Es wäre nur gegangen, wenn man selbst darin gewohnt und nicht auf den Preis gesehen hätte.

Pierre Zoelly schlug nun vor, eine Studie für eine Gesamtüberbauung auf Mamis Land zu machen und dann mit einer Mischrechnung das Ganze zu vermieten. Ein erstes Vorprojekt wurde von der Gemeinde abgelehnt, da es mit der geschützten Scheune und angrenzend an eine geschützte Kernzone sehr schwierig war, durchzukommen. Zoelly arbeitete daran weiter und machte eine neue Eingabe, die bewilligt wurde. Das ganze Prozedere hatte sich über mehrere Jahre hingezogen, bis wir 1982 plötzlich eine, damals für 1 Jahr gültige Baubewilligung hatten. Ich bin der Meinung, dass Fischli und ich die Einzigen unserer Familie waren, welche diese Überbauung wirklich wollten. Mami und vor allem Fischlis Bruder Albert standen dem Projekt sehr skeptisch gegenüber. Um ehrlich zu sein, tangierte sie uns im fernen Hombrechtikon natürlich auch am wenigsten. Ich konnte Mami schliesslich aber davon überzeugen, dass man etwas machen musste.
 
Im August 1983 begannen die Bauarbeiten, praktisch gleichzeitig mit dem Tod von Fred Spaltenstein, welcher am 2. August starb. Auf der Baustelle war Fischlis zweiter Cousin Hans, der Bruder des Architekten, Bauführer. Paul und Hans arbeiteten hier, wie wenn es ihr eigener Bau gewesen wäre, oftmals im Gegensatz zu Pierre Zoelly, welcher selbstverständlich der grosse Maestro war und für die Vermeidung von Mehrkosten meistens wenig Verständnis aufbrachte. Aber schlussendlich war es ein gelungenes Werk, nicht sehr alltäglich, und wir ernteten viel Lob damit, allerdings auch Tadel, was ja vorauszusehen war ("Kleindorf City" im ZoBo von Trudy Meier!). Auf alle Fälle kamen die ersten Mieteinnahmen genau gleichzeitig mit den ersten regelmässigen Ausgaben für Mamis Pflegheim Bethesda. Nachdem ich immer gesagt hatte, Mami wäre zwar eine reiche Frau, aber sie habe kein Geld, war dies schliesslich ein Glücksfall; wir hätten sonst Land verkaufen müssen.
Fischli wird Bibliothekarin,Umbauten in Hombi, 2. Wursteitalter, Umzug Eltern Gadient nach Ragaz, Tod der Eltern, Entlassung bei Growela, Wechsel zu BALLY
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8.7.  Unsere Familie Gadient -Karpf – Fischli wird Bibliothekarin,Umbauten in Hombi, 2. Wursteitalter, Umzug Eltern Gadient nach Ragaz, Tod der Eltern, Entlassung bei Growela, Wechsel zu BALLY .

Fischli packte zwischendurch die Reue, dass sie seinerzeit nicht ans Gymi gegangen war und erarbeitete sich in dieser struben Zeit mit abwesendem Mann, mit Kindern, Haushalt und Garten in Fernkursen der AKAD in Zürich Grundlagen in Deutsch und Geschichte, was ihr grosse Freude und auch Befriedigung brachte. In dieser Zeit fragte Fischli einmal Frau Annelies Lüthi, sie würde sich für die Mitarbeit in der Gemeindebibliothek interessieren und was punkto Ausbildung dafür zu tun wäre. Annelies Lüthi war von ihr sehr angetan. Fischli konnte 1968 sofort mit der Arbeit beginnen, Annelies riet ihr aber, den kantonalen Bibliothekarenkurs zu absolvieren. Diesen halbjährigen Kurs besuchte sie im Jahre 1969 und absolvierte die Schlussprüfung mit Erfolg. Anschliessend hatte Fischli zwei Mal pro Woche Bücherausgabe und arbeitete einen halben Tag pro Woche für allgemeine Bibliotheksarbeiten wie Bücher einbinden, Ordnung machen, Bücher ausscheiden sowie vor allem ihre Spezialität, das Katalogisieren usw. Diese Arbeit sollte Fischli während über 25 Jahren, verrichten, ja man hätte es sehr gerne gesehen, wenn sie nach Annelies Lüthi die Bibliotheksleitung übernommen hätte, was sie aber nicht wollte. Erst mit unserem Umzug nach Zollikon hörte sie auf und hatte ein Tränli dabei!

Die Sparanstrengungen in unserer Familie konnten mit dem Abzahlen von Schulden mit der Zeit auch wieder etwas heruntergenommen werden. So stellten wir anfangs der 70er Jahre mit Befriedigung fest, dass wir in unserem eigenen Haus in Hombrechtikon günstiger wohnten als die meisten unserer Freunde in ihren Mietwohnungen. Wir hatten in der Zwischenzeit bei der Planung eines Fabrikneubaus in Portugal den Architekten Pierre Zoelly kennen gelernt, der uns vorschlug, den „bünzlihaften“ kleinen Balkon vor dem Wohnzimmer zu einer Holzterasse zu vergrössern, und zwar mit einer fest eingebauten Sitzbank als Abschlussgeländer. Er machte uns gleich noch eine kleine Handskizze, nach welcher ich die Stahlträger berechnete, und wir im Jahre 1971 die Terasse durch den Zimmermann, der auch das Badhüsli gebaut hatte, errichten liessen. Für die Föhre, die dort wuchs, wurde in den Lärchenholzriemen am Boden ein Loch ausgeschnitten, und so hatten wir eine Föhre auf der Terasse. Herr Reichmuth, der Hauswart von der Schuhfabrik, zimmerte uns aus Abfallholz einen grossen Klapptisch, der dimensionsmässig auf unsere vielen, karierten Tischtücher aus Portugal abgestimmt war, und wir kauften uns im Ausverkauf bei der Wohnhilfe Gartenstühle. Obwohl es die Strassenseite war, lebten wir bei schönem Wetter praktisch immer dort draussen, denn der Verkehr hielt sich bis zum Ausbau der Zellweger Fabriken in der Eichwies in Grenzen, vor allem abends und am Wochenende. Den Bau dieser Terasse und die neuen Stühle bewältigten wir finanziell spielend, und das machte uns bereits wieder etwas übermütig. Wir begannen, von einem neuen Haus zu träumen, nicht zuletzt angeregt durch die Freundschaft zum Architekten Pierre Zoelly. Als erstes begannen wir wieder mit unseren Spaziergängen, um schönere Häuser oder bessere Standorte für einen Neubau zu suchen. Tatsache aber war, dass es für uns überall dort, wo es uns gefallen hätte, praktisch unerschwinglich war. Wenn wir z.B. am Lützelsee das Eglihaus, am Bachtel, in Dürnten oder zwischen Grüningen und Gossau usw. sonst einigermassen erschwingliche Häuser oder Bauplätze gefunden hatten, war Pierre Zoelly jeweils bereit, die Objekte mit uns zu besichtigen, die Bausubstanz zu beurteilen und auch abzuschätzen, wieviel Mittel wir neben dem Kaufpreis noch hineinstecken müssten, um es bewohnbar zu machen. Und wieder wurden praktisch alle auf den ersten Blick günstigen Objekte für uns unerschwinglich. Einmal auf dem Heimweg von einer solchen Besichtigung meinte er, wir könnten natürlich auch unser Haus in Hombrechtikon umbauen. Die Lage würde dadurch zwar nicht besser, hingegen könnte man seine Orientierung von der Strasse weg nach hinten, also nach Südosten ausrichten. Er würde sich dies einmal überlegen.

Eines Samstags, als wir wie üblich im Garten arbeiteten, kreuzte Pierre Zoelly überraschend mit einer kleinen Handskizze auf und jubelte: Er hätte eine zwar eigenwillige, aber sehr überraschende Lösung für einen Umbau gefunden. Er würde die Nord­ostecke des bestehenden Hauses abbrechen, dort einen quadratischen „Turm“ bauen und nach Nordosten hin einen unterkellerten Anbau erstellen, ein paar Treppenstufen höher, ein grosses Studio mit Giebeldach und mit einem Wintergarten als Abschluss. Hinter dem Haus würde bei geschickter Gartengestaltung ein Patio entstehen, das praktisch uneinsehbar wäre und wo man ohne weiters „blütteln“ könne. Jetzt begann eine hoch interessante Planungsphase, die sich am Anfang an unserer von Fischli und mir ausdiskutierten, möglichen finanziellen Mehrbelastung von ca. CHF 100'000 ausrichtete. Wir wollten nicht schon wieder wie gehabt auf Alles verzichten, denn man gewöhnt sich ach so schnell an das Bessere! Irgend­wann bei der Detailplanung verlangte Pierre Zoelly dann aber weiter CHF 80'000, ohne die das Projekt drastisch reduziert werden müsste. Wir hatten uns in Gedanken bereits in unser neues Haus eingelebt und auch verliebt, und nach einigem Zögern sagten wir schweren Herzens Ja zur Budgeterhöhung. Das Baugespann wurde aufgestellt, wir orientierten unsere Nachbarn, und ich musste mich um die Finanzierung kümmern. Es war 1973/74 sehr schwierig, für einen solchen, etwas gewagten Privatbau eine Finanzierung zu erhalten, die ich dann aber über geschäftliche Beziehungen dennoch sicherstellen konnte. Die Zinsen waren aber (übrigens wie immer wenn wir uns in unserem Leben mit Bauplänen beschäftigten!) exorbitant hoch und brachte uns neben den Mehrkosten in weitere Schwierigkeiten. Dazu mussten wir für 7 Monate auch noch das Haus verlassen und in eine Wohnung umziehen (neue Mehrkosten!), denn die Umbauten machten das Haus für diese Zeit unbewohnbar.

Eine Woche vor dem Muttertag 1974 brachte mein Mitarbeiter Martin Studach die Motorsäge und, bis auf einen Pflaumenbaum, fällten wir im Garten alle Obstbäume. Es sah grausig aus im Garten. Martin Studach sprach damals vom „Tornado Frieda“. Jetzt mussten wir nur noch ausziehen. Wir verpackten alles, was wir nicht brauchten, in Schachteln und stapelten diese in zwei Zimmern des Hauses, die wir möglichst staubdicht abzudichten versuchten. Am Samstag vor dem Muttertag zügelten wir mit dem Growela Lastwagen und den Herren Rauchenstein (Der Lagerchef war auch einige Male Samichlaus bei uns!) und Reichmuth in eine relativ kleine 2 ½ Zimmerwohnung an der Heusserstrasse in Hombrech­tikon. Wir kochten, wohnten und assen im Wohn-/Koch-/Esszimmer, Fischli und ich schliefen zudem auf einem Auszugcouch darin, die Kinder hatten das andere Zimmer mit Kajütenbett, Kasten Tisch und Klavier. Nach 10 Jahren Einfamilienhaus wurde es sehr eng! Aber wir hatten das Gefühl, dass dies auch für unsere Mädchen eine gute Erfahrung in einer Mietwohnung sei: Keine Nägel in die Wand hämmern, keinen Lärm machen, keine Haustiere halten, dies war verboten, jenes war verboten... .

Um die Enge der Wohnung kurz zu schildern, eignet sich der Abend des Muttertages am besten! Wir waren en famille bei unseren Müttern unterwegs gewesen und kamen gegen Abend alle etwas geschafft nach Hause. Andrea sagte, sie müsse noch Klavier üben für die Stunde am Montag, dazu musste sie ans Klavier ins Zimmer, das war klar. Lexi wollte Flöte üben. Also setzten wir sie aufs Klo, als Notenständer diente der Wäschekorb. Ich musste noch etwas für den morgigen Montag im Geschäft vorbereiten und setzte mich an den Schreibtisch und konzentrierte mich auf meine Arbeit. Normalerweise kann ich mich auch bei relativ lauter Umwelt sehr gut konzentrieren.  Als dann aber zum Klaviergeklimper aus dem Kinderzimmer und zum Geflöte aus dem Bad/WC auch noch der Dampfabzug über dem Kochherd wie ein Rasenmäher losheulte, denn Fischli musste ja das Nachtessen vorbereiten, platzte mir in der löeinen Wohnung am ersten Tag schon ein erstes Mal der Kragen. Aber trotzdem war es eine gute Zeit. Etwa 2 Monate nach uns zogen im dritten Stock Hannes und Uschi Studer ein, welche von der Grossstadt München ins Bauerndorf Hombrechtikon kamen. Hannes kannte ich vom Handball in St. Gallen her, wo er als jüngster während meiner allerletzten Saison mit mir bei Pfader Hospiz spielte, wobei seine Schwester Dorli zudem noch mit mir in die Primarschule gegangen war. Für Uschi war es sehr wichtig, mit Fischli nach ihrer Ankunft eine Bezugsperson im Dorf zu haben. Sonst wäre der Kulturschock auch gar gross gewesen. Aus dem Wohnen im gleichen Haus entwickelte sich eine schöne und tiefe Freundschaft, bis sie beide 1978 bei einem Flugzeugunglück vor Madeira tödlich verunglückten und jäh aus dem Leben gerissen wurden. Es war kurz vor Weihnachten, wovor sie, die leider kinderlos geblieben waren, fliehen wollten. Sie waren am Vorabend noch bei uns zu Besuch gewesen, und wir hatten mit kleinen Geschenken etwas Weihnachten vorgeholt. Fischli und ich waren sehr, sehr traurig.

Während unserem Aufenthalt an der Heusserstrasse liessen wir Kater Sepphie im Haus, denn er konnte durch ein geöffnetes Oberlichtfenster in den Heizungsraum einsteigen, wo wir ihm auch das Futter hinstellten. Schon relativ bald frass er aber das bereitgestellte Essen nicht mehr, und wir vermuteten, dass er wahrscheinlich umgekommen sei. Wir beachteten leider erst viel später, dass jemand jenes Oberlichtfenster so stark geschlossen hatte, dass er gar nicht mehr hineingelangen und damit auch nicht mehr fressen konnte. Es war sehr traurig, der Kater war scheinbar der erste Verlust in Zusammenhang mit dem Neubau.

Wenn ich von der Heusserstrasse zur Arbeit fuhr, musste ich zwangsläufig an unserem Haus vorbeifahren. So konnte ich die Baustelle wenigstens morgens und abends immer unter Kontrolle halten. Der Aushub brachte neue Überraschungen: Für den Aushub des Kellers, vor allem aber des Tankkellers für den neuen Öltank, stiess man auf sehr harte Nagelfluh. Da man wegen der umliegenden Häuser nicht sprengen konnte, wurde während mehreren Tagen mit mehreren Pressluftbohrern unter ohrenbetäubendem Lärm der Fels abgetragen. Dabei entwickelte sich jeweils ein Staub, der mich an mein Feuer nach der Baumfällaktion erinnerte: Wieder schalteten die Autos auf der Etzelstrasse das Licht ein. Daneben lief eigentlich alles ungefähr nach Plan, nur dass es bei den Ingénieurarbeiten eine Kostenüberschreitung von fast 100% gab, die aber m.E. nicht eindeutig erklärbar war. Ich begann zu zittern und hoffte, dass die anderen Positionen besser budgetiert worden waren. Im Laufe der Bauzeit kristallisierte sich immer klarer heraus, dass auch der um die CHF 80'000 erhöhte Kostenvoranschlag wahrscheinlich nicht eingehalten werden konnte. Was dies für uns bedeutete, war Fischli und mir sonnenklar: Das zweite Wurstzeitalter brach an, wobei wir jetzt auch im Winter Servelats braten konnten, da wir jetzt ein Cheminée hatten. Aber wir konnten bereits planen, auf welche liebgewordenen Sachen wir ab sofort verzichten wollten, bzw. mussten. Das Haus wurde zwar ein Wurf! Pierre Zoelly brachte uns damit aber in eine Situation, wo wir uns einen Verkauf über­legen mussten, da wir es finanziell für uns eigentlich nicht mehr tragbar war. Selbstverständlich gab es auch Spannungen zwischen Bauherr und Architekt, denn wir versuchten fortan, alles neu bewilligen zu lassen und jeden Rappen zweimal zu drehen, bevor wir zu etwas unsere Zustimmung gaben. Schluss­endlich betrug die Kostenüberschreitung zu den ursprünglich vorgesehenen Baukosten von CHF 100'000 total CHF 180'000 inkl. der bereits schweren Herzens bewilligten, zusätzlichen CHF 80‘000.  Unfrohe Stunden standen an!. Dazu kam noch der von uns Anliegern gar nicht geschätzte Ausbau der Etzelstrasse, an welchen wir perimeterpflichtig waren und nochmals rund CHF 10'000 beitragen mussten. Wir wussten, dass, wenn Fischlis himmelblauer "Herr Vier", wie unsere Kinder dem Renault 4 mit "ciel ouvèrt" sagten, kaputt ging, dass wir keinen neuen Zweitwagen kaufen konnten. Aus Spargründen hatten wir neu auch Wechselschilder, und ich versuchte deshalb so viel wie möglich, Fischli das Auto zu überlassen und mit den Herren Dr. Kurz und Neukomm oder mit Frau Mazzega nach Lachen zur Arbeit zu fahren, da sie alle in der Nähe von uns wohnten. Wie bereits gesagt, das Haus war wirklich ein Wurf! Als Fischlis Cousin Paul Karpf , selber Architekt, von einigen Auslandjahren Frankreich und USA zurück in der Schweiz das erste Mal zu Besuch kam, sagte er spontan: "Euer Architekt war mutig, als er Euch dieses Haus verkaufte"!!

Zum Glück hat mein Papa unser neues Haus nach dem Umbau noch einmal gesehen: Er, der zusammen mit meiner Mutter unser Haus in Hombrechtikon während mehreren Abwesenheiten von uns gehütet und jeweils wie wild im Garten gearbeitet hatte. Er war mit Leib und Seele ein Schrebergärtner! Blütensträucher waren nicht unbedingt sein Ding, die schnitt er jeweils immer wieder radikal zurück.

Ende 1976 musste ich den Rauswurf aus der Growela verkraften, wobei ich von Fischli und den Mädchen nachhaltig getragen wurde. Fischli stand fest hinter mir, machte mir Mut und war in dieser Ausnahmesituation eine ausgesprochen starke Frau, ihr grossartiges Verhalten beeindruckte mich nachhaltig. Auch Jack Brunnschweiler half mir in echter Freundschaft, indem er als erfahrener Personalchef meine Stellensuche coachte. Nach meinem Entscheid für BALLY ergaben sich neu der Arbeitsort Zürich, dann die Abwesenheiten für Zentralschule IIA und Abverdienen des Majorsgrades. Bei BALLY ging es nach dem Stellenwechsel im Jahr 1977 drunter und drüber. Der Financier Werner Rey hatte die Mehrheit an BALLY übernommen mit den bekannten anschliessenden Turbulenzen. Man konnte immer in der Zeitung das Neueste über die Firma lesen. Ich war eigentlich bereits wieder am sich Neu-orientieren, denn in einer derart unseriös geführten Firma konnte man wirklich nicht bleiben. Erst nach der Übernahme durch die Oerlikon Bührle Holding OBH und meiner Ernennung zum Leiter Stabsbereich Planung, Organisation und Informatik wurde es wieder eine mich voll fordernde Aufgabe, wieder mit vielen Reisen in Europa, Amerika und Südamerika.

Damit waren aber auch die Badhüsliferien vorbei! Wir mussten für Sommer 1977 Ersatz suchen, wobei wir zusammen mit Holers (sie gingen abends nach Hause nach Galgenen) trotzdem nochmals 2 Wochen im Badhüsli verbringen durften und ein Jahr später gaben uns unsere Freunde Dr. Rothlin‘s für 2 Wochen ihr Badehaus zur Benützung.

Meine Eltern waren dann ca. 1972 in die kleine Inlieger-Wohnung unten in Dorli und Alberts Haus in Bad Ragaz gezogen, zu spät, wie es sich herausstellte. Papa machte damals als erstes nach dem Umzug in sein St. Galler-Oberland einen Spaziergang zum Friedhof und erzählte anschliessend lachend, dass er hätte wissen wollen, wo er einmal hinkäme! Seine 10 Jahre früher durchgeführte Prostataoperation hatte ihn sehr geschwächt, und er war nie mehr ganz zu Kräften gekommen. Auch war er nicht mehr jederzeit zu Spässen bereit, so wie es fast sein ganzes Leben lang der Fall gewesen war. Es war äusserst traurig, zusehen zu müssen, wie der Krebs ihn zunehmend zeichnete und wie sein Lebenswille unter grossen Schmerzen langsam erlosch. Er starb im Frühling 1975 und wurde auf dem Friedhof in Bad Ragaz begraben.

Schon bald nach dem Tod meines Vaters  wurde Mama sehr melancholisch, ja es begannen richtiggehende Depressionen. Für mein Schwester Dorli, welche zuerst beide Eltern und jetzt nur noch Mama betreute, war es sehr traurig, wenn Mama uns jeweils erzählte, Dorli stehle ihr ihren Schmuck, aber auch Geld. Dabei hatte sie nur begonnen, immer wieder alles zu verstecken, wobei sie es dann nicht mehr fand.

Fischli und ich holten Mama einmal für 2 Wochen zu uns, um Dorli eine Verschnaufpause zu verschaffen. Auf dem Hinweg erklärte ich meiner Mutter, "dass bei uns im Haus dann nicht gestohlen werde."  Meine Mutter beklagte sich dann auch nie. Aber nachdem sie uns verlassen hatte, fanden wir noch wochenlang immer wieder etwas, das sie versteckt hatte. Ihre Krankheit wurde dann so ausgeprägt, dass man sie schlussendlich in die Psychiatrische Pflege in Pfäfers einweisen musste. Ich besuchte sie dort noch zwei Mal, aber sie erkannte mich nicht mehr, sie nannte mich immer Heinrich, meinte wahrscheinlich, ich sei ihr jüngster Bruder. Es war wirklich deprimierend, wenn die Mutter seinen einzigen Sohn nicht mehr erkennt! Ein Lichtblick war ihr 90. Geburtstag am 30. November 1979. Wir feierten mit uns Kindern und fast allen Enkeln ein Fest in Valens, an welchem sie einen sehr guten Tag hatte und uns praktisch alle erkannte. Sie genoss diesen Tag im Kreise ihrer Grossfamilie sichtlich noch einmal in hellen Zügen. Am 18. Januar 1980, also nur 1 ½ Monate später, wurde sie von ihren Altersbeschwerden erlöst und kam dann zu ihrem Mann ins gleiche Grab auf dem Friedhof in Bad Ragaz. Das Grab wurde inzwischen aufgehoben
1979 - 1988: Mädchen an Kantonsschule Wetzikon, Andrea England und Uni Zürich, Alexa New York un HSG St. Gallen
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8.8.  Unsere Familie Gadient -Karpf – 1979 - 1988: Mädchen an Kantonsschule Wetzikon, Andrea England und Uni Zürich, Alexa New York un HSG St. Gallen.

Andrea hatte aus der sechsten Primarschulklasse heraus die Aufnahmeprüfung ans Untergymnasium der Kantonsschule Wetzikon bestanden und pendelte nun jeden Tag mit dem Schulbus hin und her. Und wenn es Ausfallstunden gab und sie hätte stundenlang warten müssen, so fuhr jeweils Mami nach Wetzikon, um ihr Töchterchen zu holen. Die unbeschwerten Tage der Primarschulzeit waren aber am Gymi gezählt: Ohne wirklich zuhause zu arbeiten, gehörte Andrea nicht mehr zu den Klassen­besten wie in der Primarschule. Sie versuchte dies aber trotzdem immer wieder, was in der Unterstufe, aber vor allem nachher an der mathematisch naturwissenschaftlichen Abteilung (Maturatypus C) prompt vor den Notenkonventen zu grossen Zitterpartien führte. Aber sie schaffte es, wenn ich mich richtig erinnere, mit einem einzigen Mal provisorischer Promotion, aber doch mit einer gehörigen Dosis Glück, ihre Matura abzulegen. Andrea bekundete während der Gymnasialzeit auch immer etwas Mühe im Umgang mit ihren Klassenkameraden. Woran es gelegen haben mag? Wir wissen auch heute noch nicht. Ob es ihre sehr direkte Art war, auf Leute zuzugehen, oder irgend etwas anderes? Wir wurden beispielsweise zuerst im Kindergarten und später auch während ihrer Gymnasialzeit gefragt, ob sie ein Einzelkind wäre! Was sie sicher immer verabscheute, war „diplomatisch“ zu sein, oder etwas "diplomatisch" zu sagen. Sie verwechselte dies m.E. mit Unehrlichkeit. Sie war stolz darauf, den Leuten ihre ehrliche Meinung ins Gesicht zu sagen, auch wenn es nicht nötig war, oder eben, wenn man das Gleiche auch etwas diplomatischer hätte ausdrücken können.

          Nach der Matura wünschte sie sich eine Ausbildungspause, und zwar einen Englandaufenthalt, welchen wir ihr gerne gewährten. Da ich wusste, dass es ausserordentlich schwierig war, in England eine Arbeitsbewilligung zu kriegen, wollte ich ihr bei BALLY England einen Job vermitteln, was sie aber nicht wollte, denn wenn etwas mit Beziehungen zustande kam, war das schlecht!. Sie glaubte auch so eine Stelle zu finden. Auch als ihr nur eine Au Pair Stelle übrigblieb, liess Ihr Kopf keine nochmalige Rückfrage bei BALLY zu, und sie biss sich durch. Es muss für sie dann trotzdem eine wundervolle Zeit gewesen sein, so ohne elterliche Kontrolle, wenn auch von der Arbeit her und im Verkehr mit Ihrer Chefin eher etwas düster. Lexi besuchte sie während der Schulferien, und auch ich besuchte die beiden Mädchen in Portsmouth während eines geschäftlichen Aufenthaltes in England.

          Nach ihrem Englandaufenthalt hatte sich Ghia für ein Anglistikstudium an der Uni Zürich entschieden. Ihr Omi, das heisst ihre Zolliker-Grossmutter hatte leider ins Pflegeheim Bethesda zügeln müssen. Als wir Ghia den Vorschlag machten, sie dürfe im Haus von Omi in Zollikon wohnen, war sie ausser sich vor Freude. Sie durfte dort unter der Bedingung gratis wohnen, als sie das Haus derart instand halten musste, dass ihre Grossmutter bei einer allfälligen Besserung jederzeit hätte zurückkommen können. Ghia denkt gerne an diese, wiederum sturmfreie Zollikerzeit zurück. In ihrem Studium musste sie infolge der C-Matura zuerst das kleine Latinum nachholen, was ihr mit einer kleinen Wiederholungsschlaufe auch gelang. Als es dann aber nach weiteren bestandenen Zwischenprüfungen mit dem Altenglisch losging, entschied sie sich klar für einen Wechsel zu einem Geschichtstudium, obwohl gewisse Prüfungen damit wertlos wurden und sie wieder neu antreten musste. Später wählte sie dann noch die Spezialrichtung Wirtschaftsgeschichte. Ihr Studium schleppte sich in unseren Augen eher mühsam dahin. Sie wollte als Lizenziatsarbeit in der Zeit der Wirtschaftskrise über BALLY schreiben, wozu ich ihr natürlich schon ein paar Türen öffnen konnte. Als sie aber einmal bei BATA im Archiv stöbern durfte, kam sie nach Hause und sagte, ich solle nicht böse sein, aber sie schreibe jetzt über BATA. Das gäbe vielmehr her! Ich hatte viel Verständnis.

Wenn ich mich richtig erinnere war es im April 1989, als meine Geduld langsam zu Ende war und ich von ihr einmal wissen wollte, wie sie sich den Abschluss ihrer Studien denn vorstelle. Sie hatte einen klaren Plan, worauf ich ihr sagte, dass ich ihr jetzt den vollen Betrag bis zu dem geplanten Abschluss auszahlen werde und darüber hinaus noch zusätzliche drei Monate bis Juli 1990. Auch würden wir ihr das Sparheftchen übergeben. Dann aber sei der Geldhahn zu und sie müsse auf eigenen Beinen stehen. Ghia reagierte darauf sehr heftig und fragte, ob wir sie jetzt richtig hinauswerfen wollten. Als Folge davon hatte Ghia ein paar Wochen später bereits eine halbe Assistentenstelle angetreten!

          Andrea hatte inzwischen über AIESEC der Uni Zürich ihren Frank Dieter Heinzelmann kennen gelernt, welcher im Studium in Augsburg ebenfalls in Turbulenzen gekommen war und der beschlossen hatte, in Konstanz fertig zu studieren. Also zogen Andrea und Frank in eine kleine Wohnung in Tägerwilen zusammen, von wo aus er mit dem Velo an die Uni fahren konnte. Sie hatte erreicht, dass sie ihre Verpflichtungen der halben Assistentenstelle an zwei Tagen mit sehr hoher Präsenzzeit erfüllen konnte. Diese hohe Präsenzzeit erreichte sie dadurch, dass sie mit dem ersten Zug von Tägerwilen nach Zürich an die Uni zur Arbeit fuhr, abends gegen halb sieben zu mir ins Büro kam, um mit mir nach Hause zu fahren. Hier hatte sie ja immer noch ihr Zimmer und es war auch sehr schön, sie einmal pro Woche zum Verpflegen und Schlafen zuhause zu haben. Anderntags fuhr sie dann mit mir kurz vor sechs wieder los, sodass sie ca. 06’30 Uhr bereits wieder im Büro war. Ich glaubte in diesem Moment eigentlich nicht mehr daran, dass Ghia ihr Studium abschliessen werde. Umso überraschender und erfreulicher war dann der Bescheid im Dezember 1991, als ihre Arbeit angenommen und sie ihr Lizenziatsexamen bestanden hatte, und Frank ebenfalls kurz vor dem Studienabschluss stand. Andrea war jetzt also eine richtige Historikerin, eine sog. Liz. phil. I! Sie hatte zwar auf die Einladung zu ihrer Liz. Feier geschrieben: „Lieber phil Wein als phil I“. Selbstverständlich nahmen wir mit Freude und Dankbarkeit an der Liz-Feier in der Uni teil. Sie fand dann auch relativ rasch ihre erste Stelle beim Kanton Thurgau in Frauenfeld als Assistentin des Sekretärs der Erziehungsdirektion. Als Frank dann ebenfalls sein Studium mit Erfolg abgeschlossen hatte (Nur Ghia, Fischli und ich nahmen an seiner Liz Feier teil, während seine Familie durch Abwesenheit glänzte), fand er eine Anstellung bei UBS in Zürich. So zügelten Heinzelmanns nach Frauenfeld. So konnte wenigstens ein Familienmitglied an Ort und Stelle wohnen und arbeiten.

Alexa folgte ihr nach drei Jahren ebenfalls nach Wetzikon. Im Untergymnasium erging es ihr ganz ähnlich wie Andrea. Die Brillanz der Primarschule bröckelte stark weg! Ich liebäugelte bei Lexi sogar mit der Idee, sie könnte Musikerin werden, denn sie spielte für ihr Alter hervorragend Cello. Mit dem Klavierspiel hatte sie aus Zeitgründen wieder aufgehört, wobei aber die Klavierlehrerin sehr traurig war, denn sie hätte selten ein begabteres Mädchen gehabt! Aber ich meine es war gut, dass sie sich auf ein Instrument und zwar auf das Violoncello konzentrierte. Sie übte neben ihren Hausaufgaben jeden Tag, ohne dazu von uns angehalten werden zu müssen. Die einzige Bedingung war, Mami musste zuhören. Schon früher in den Anfängen musste Mami sich neben sie setzen, sonst wollte sie nicht üben. Sie spielte auch nur, was ihr gefiel. Stücke, die sie nicht mochte, liess sie liegen. Solange Käthi Gohl ihre Lehrerin war, ging das gut, denn Käthi Gohl hatte Lexi wahnsinnig gern, und die beiden fanden immer wieder eine Lösung. Als aber Käthi Gohl die Musikschule Hombrechtikon verliess, kam Frau Reschke, eine wahrscheinlich ebenso begabte Cellistin wie als Lehrerin, aber zwischen Lexi und ihr fehlte von allem Anfang an die gegenseitige Zuneigung, und Lexi übte ab sofort viel weniger. Es machte ihr auch nicht mehr so viel Spass. Sie spielte zwar noch im Kantonsschulor­chester, aber das frühere, innere Feuer war weg. Meines Erachtens kam noch etwas Wesentliches dazu: Freude an klassischer Musik hatten weder in der Unterstufe noch am Wirtschaftsgymnasium ihre wichtigsten Klassenkameradinnen oder -kame­ra­den, mit denen sie gerne zusammen war und die sie interessierten,. Alle standen auf Rock und Pop, und sie war auch die Einzige mit einem klassischen Instrument. Und das war bei Lexi schlimm! Wenn man bedenkt, dass sie schon immer ein kleines Herdentierchen war, zwar möglichst schon als Leithammel, so konnte dies mit der klassischen Musik nicht gut kommen. Das Cello wurde immer mehr in den Hintergrund gedrängt. Sie spielte zwar auch noch im Akademischen Orchester der Handelshochschule St. Gallen mit (wie die Universität SG damals noch hiess; davon kommt die Abkürzung HSG!), aber nicht mehr mit jener Verve, die man von ihr früher gewöhnt war. Und nach ihrem Hochschulabschluss ruhte das Cello irgendwo in einer Ecke in unserem Haus in stillem Frieden.

          Zurück zur Schule: Lexi wählte nach 2 Jahren Untergymnasium das Wirtschaftsgymnasium, warum weiss ich auch heute noch nicht. Ob sie das Gefühl hatte, es wäre das Einfachste? Oder weil ihr langjähriger Freund André Künzler dies wählte? Auch Lexi war nicht so brillant, auch bei ihr war vor dem Notenkonvent jeweils das grosse Zittern. Diskussionen um "Provisorische Beförderung" war fast an der Tagesordnung, und als André wiederholen musste, wiederholte Lexi freiwillig auch, allerdings mit unserem Einverständnis und nach unserem Gespräch mit ihrem Klassenlehrer. Nach dieser Wiederholung hatte sie etwas mehr Reserven, und die Matura im Jahre 1986 war dann eigentlich nie mehr in Gefahr.

          Nach ihrer Matura hatte sich Lexi an der Hochschule St. Gallen HSG für Politikwissenschaften eingeschrieben. Ich freute mich riesig, dass Lexi nach St. Gallen zog, hätte ich doch eigentlich gerne nach meinem Abschluss auch noch einen zusätzlichen Wirtschaftsabschluss an der HSG gemacht. Ich konnte dies aber damals meinen Eltern einfach nicht zumuten und wollte endlich mein eigenes Geld verdienen. Bei Lexi wusste ich wiederum nicht so recht, wieso sie diese Richtung gewählt hatte, denn bis anhin hatte sie sich nie stark für Politik interessiert. Ob es wieder etwas mit dem geringsten Widerstand oder allenfalls Sympathien zu Professoren zu tun hatte? Ganz am Anfang durfte sie bei meinem Schwager Ruedi Blöchliger in Abtwil wohnen, bis sie etwas Geeignetes in St. Gallen gefunden hatte. Danach war sie in verschiedenen Wohngemeinschaften, unter anderen zuerst und zuletzt mit Steffen Tolle, dann auch mit Rolf Kaufmann in St. Fiden an der Flurhofstrasse, nur einige hundert Meter von meinem Elternhaus entfernt. Das „Biberen“ vor und nach Prüfungen ging analog der Mittelschule weiter und hörte eigentlich erst mit dem definitiven Abschluss auf.

          Im Jahr 1989 hatte ich Lexi ein halbjähriges Praktikum bei BALLY USA vermittelt, wobei sie am Anfang beim Chef BALLY USA Emily und John Heim in Darien Connecticut wohnen und mit John zur Arbeit fahren durfte. Nachher fand sie via AIESEC downtown Manhatten ein Zimmer, ja mehr einen Schlag, etwas unappetitlich, aber natürlich mitten im Kuchen, und ich hätte dies wahrscheinlich dem feinen Haushalt aber weit weg vom Geschehen auch vorgezogen. Ich glaube, sie hat diese paar Monate mit Museen, Konzerten, Open Airs im Central Park , Oper usw. sehr ausgiebig genossen, und wenn es gar zu schlimm wurde, durfte sie an Wochenenden zu Heims ins wunderschöne Haus mit Swimmingpool und nahe dem Meer. Sie hatte dort praktisch ein Zimmer für sie reserviert und durfte auch einen Teil der Kleider dort lassen. Andrea besuchte sie im Sommer für ein paar Tage, was die beiden Schwestern sichtlich genossen haben. Am Ende ihres Praktikums machten wir zu dritt per Auto eine grosse USA Reise

Andrea Regula (*1963)
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8.8.  Unsere Familie Gadient -Karpf – 1979 - 1988: Mädchen an Kantonsschule Wetzikon, Andrea England und Uni Zürich, Alexa New York un HSG St. Gallen.

Andrea Regula (*1963)

Andrea hatte aus der sechsten Primarschulklasse heraus die Aufnahmeprüfung ans Untergymnasium der Kantonsschule Wetzikon bestanden und pendelte nun jeden Tag mit dem Schulbus hin und her. Und wenn es Ausfallstunden gab und sie hätte stundenlang warten müssen, so fuhr jeweils Mami nach Wetzikon, um ihr Töchterchen zu holen. Die unbeschwerten Tage der Primarschulzeit waren aber am Gymi gezählt: Ohne wirklich zuhause zu arbeiten, gehörte Andrea nicht mehr zu den Klassen­besten wie in der Primarschule. Sie versuchte dies aber trotzdem immer wieder, was in der Unterstufe, aber vor allem nachher an der mathematisch naturwissenschaftlichen Abteilung (Maturatypus C) prompt vor den Notenkonventen zu grossen Zitterpartien führte. Aber sie schaffte es, wenn ich mich richtig erinnere, mit einem einzigen Mal provisorischer Promotion, aber doch mit einer gehörigen Dosis Glück, ihre Matura abzulegen. Andrea bekundete während der Gymnasialzeit auch immer etwas Mühe im Umgang mit ihren Klassenkameraden. Woran es gelegen haben mag? Wir wissen auch heute noch nicht. Ob es ihre sehr direkte Art war, auf Leute zuzugehen, oder irgend etwas anderes? Wir wurden beispielsweise zuerst im Kindergarten und später auch während ihrer Gymnasialzeit gefragt, ob sie ein Einzelkind wäre! Was sie sicher immer verabscheute, war „diplomatisch“ zu sein, oder etwas "diplomatisch" zu sagen. Sie verwechselte dies m.E. mit Unehrlichkeit. Sie war stolz darauf, den Leuten ihre ehrliche Meinung ins Gesicht zu sagen, auch wenn es nicht nötig war, oder eben, wenn man das Gleiche auch etwas diplomatischer hätte ausdrücken können.

Nach der Matura wünschte sie sich eine Ausbildungspause, und zwar einen Englandaufenthalt, welchen wir ihr gerne gewährten. Da ich wusste, dass es ausserordentlich schwierig war, in England eine Arbeitsbewilligung zu kriegen, wollte ich ihr bei BALLY England einen Job vermitteln, was sie aber nicht wollte, denn wenn etwas mit Beziehungen zustande kam, war das schlecht!. Sie glaubte auch so eine Stelle zu finden. Auch als ihr nur eine Au Pair Stelle übrigblieb, liess Ihr Kopf keine nochmalige Rückfrage bei BALLY zu, und sie biss sich durch. Es muss für sie dann trotzdem eine wundervolle Zeit gewesen sein, so ohne elterliche Kontrolle, wenn auch von der Arbeit her und im Verkehr mit Ihrer Chefin eher etwas düster. Lexi besuchte sie während der Schulferien, und auch ich besuchte die beiden Mädchen in Portsmouth während eines geschäftlichen Aufenthaltes in England.

Nach ihrem Englandaufenthalt hatte sich Ghia für ein Anglistikstudium an der Uni Zürich entschieden. Ihr Omi, das heisst ihre Zolliker-Grossmutter hatte leider ins Pflegeheim Bethesda zügeln müssen. Als wir Ghia den Vorschlag machten, sie dürfe im Haus von Omi in Zollikon wohnen, war sie ausser sich vor Freude. Sie durfte dort unter der Bedingung gratis wohnen, als sie das Haus derart instand halten musste, dass ihre Grossmutter bei einer allfälligen Besserung jederzeit hätte zurückkommen können. Ghia denkt gerne an diese, wiederum sturmfreie Zollikerzeit zurück. In ihrem Studium musste sie infolge der C-Matura zuerst das kleine Latinum nachholen, was ihr mit einer kleinen Wiederholungsschlaufe auch gelang. Als es dann aber nach weiteren bestandenen Zwischenprüfungen mit dem Altenglisch losging, entschied sie sich klar für einen Wechsel zu einem Geschichtstudium, obwohl gewisse Prüfungen damit wertlos wurden und sie wieder neu antreten musste. Später wählte sie dann noch die Spezialrichtung Wirtschaftsgeschichte. Ihr Studium schleppte sich in unseren Augen eher mühsam dahin. Sie wollte als Lizenziatsarbeit in der Zeit der Wirtschaftskrise über BALLY schreiben, wozu ich ihr natürlich schon ein paar Türen öffnen konnte. Als sie aber einmal bei BATA im Archiv stöbern durfte, kam sie nach Hause und sagte, ich solle nicht böse sein, aber sie schreibe jetzt über BATA. Das gäbe vielmehr her! Ich hatte viel Verständnis.

Wenn ich mich richtig erinnere war es im April 1989, als meine Geduld langsam zu Ende war und ich von ihr einmal wissen wollte, wie sie sich den Abschluss ihrer Studien denn vorstelle. Sie hatte einen klaren Plan, worauf ich ihr sagte, dass ich ihr jetzt den vollen Betrag bis zu dem geplanten Abschluss auszahlen werde und darüber hinaus noch zusätzliche drei Monate bis Juli 1990. Auch würden wir ihr das Sparheftchen übergeben. Dann aber sei der Geldhahn zu und sie müsse auf eigenen Beinen stehen. Ghia reagierte darauf sehr heftig und fragte, ob wir sie jetzt richtig hinauswerfen wollten. Als Folge davon hatte Ghia ein paar Wochen später bereits eine halbe Assistentenstelle angetreten!

Andrea hatte inzwischen über AIESEC der Uni Zürich ihren Frank Dieter Heinzelmann kennen gelernt, welcher im Studium in Augsburg ebenfalls in Turbulenzen gekommen war und der beschlossen hatte, in Konstanz fertig zu studieren. Also zogen Andrea und Frank in eine kleine Wohnung in Tägerwilen zusammen, von wo aus er mit dem Velo an die Uni fahren konnte. Sie hatte erreicht, dass sie ihre Verpflichtungen der halben Assistentenstelle an zwei Tagen mit sehr hoher Präsenzzeit erfüllen konnte. Diese hohe Präsenzzeit erreichte sie dadurch, dass sie mit dem ersten Zug von Tägerwilen nach Zürich an die Uni zur Arbeit fuhr, abends gegen halb sieben zu mir ins Büro kam, um mit mir nach Hause zu fahren. Hier hatte sie ja immer noch ihr Zimmer und es war auch sehr schön, sie einmal pro Woche zum Verpflegen und Schlafen zuhause zu haben. Anderntags fuhr sie dann mit mir kurz vor sechs wieder los, sodass sie ca. 06’30 Uhr bereits wieder im Büro war. Ich glaubte in diesem Moment eigentlich nicht mehr daran, dass Ghia ihr Studium abschliessen werde. Umso überraschender und erfreulicher war dann der Bescheid im Dezember 1991, als ihre Arbeit angenommen und sie ihr Lizenziatsexamen bestanden hatte, und Frank ebenfalls kurz vor dem Studienabschluss stand. Andrea war jetzt also eine richtige Historikerin, eine sog. Liz. phil. I! Sie hatte zwar auf die Einladung zu ihrer Liz. Feier geschrieben: „Lieber phil Wein als phil I“. Selbstverständlich nahmen wir mit Freude und Dankbarkeit an der Liz-Feier in der Uni teil. Sie fand dann auch relativ rasch ihre erste Stelle beim Kanton Thurgau in Frauenfeld als Assistentin des Sekretärs der Erziehungsdirektion. Als Frank dann ebenfalls sein Studium mit Erfolg abgeschlossen hatte (Nur Ghia, Fischli und ich nahmen an seiner Liz Feier teil, während seine Familie durch Abwesenheit glänzte), fand er eine Anstellung bei UBS in Zürich. So zügelten Heinzelmanns nach Frauenfeld. So konnte wenigstens ein Familienmitglied an Ort und Stelle wohnen und arbeiten.
Alexa Kathrin (*1966)
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8.8.  Unsere Familie Gadient -Karpf – 1979 - 1988: Mädchen an Kantonsschule Wetzikon, Andrea England und Uni Zürich, Alexa New York un HSG St. Gallen.

Alexa Kathrin (*1966)

Alexa folgte ihr nach drei Jahren ebenfalls nach Wetzikon. Im Untergymnasium erging es ihr ganz ähnlich wie Andrea. Die Brillanz der Primarschule bröckelte stark weg! Ich liebäugelte bei Lexi sogar mit der Idee, sie könnte Musikerin werden, denn sie spielte für ihr Alter hervorragend Cello. Mit dem Klavierspiel hatte sie aus Zeitgründen wieder aufgehört, wobei aber die Klavierlehrerin sehr traurig war, denn sie hätte selten ein begabteres Mädchen gehabt! Aber ich meine es war gut, dass sie sich auf ein Instrument und zwar auf das Violoncello konzentrierte. Sie übte neben ihren Hausaufgaben jeden Tag, ohne dazu von uns angehalten werden zu müssen. Die einzige Bedingung war, Mami musste zuhören. Schon früher in den Anfängen musste Mami sich neben sie setzen, sonst wollte sie nicht üben. Sie spielte auch nur, was ihr gefiel. Stücke, die sie nicht mochte, liess sie liegen. Solange Käthi Gohl ihre Lehrerin war, ging das gut, denn Käthi Gohl hatte Lexi wahnsinnig gern, und die beiden fanden immer wieder eine Lösung. Als aber Käthi Gohl die Musikschule Hombrechtikon verliess, kam Frau Reschke, eine wahrscheinlich ebenso begabte Cellistin wie als Lehrerin, aber zwischen Lexi und ihr fehlte von allem Anfang an die gegenseitige Zuneigung, und Lexi übte ab sofort viel weniger. Es machte ihr auch nicht mehr so viel Spass. Sie spielte zwar noch im Kantonsschulor­chester, aber das frühere, innere Feuer war weg. Meines Erachtens kam noch etwas Wesentliches dazu: Freude an klassischer Musik hatten weder in der Unterstufe noch am Wirtschaftsgymnasium ihre wichtigsten Klassenkameradinnen oder -kame­ra­den, mit denen sie gerne zusammen war und die sie interessierten,. Alle standen auf Rock und Pop, und sie war auch die Einzige mit einem klassischen Instrument. Und das war bei Lexi schlimm! Wenn man bedenkt, dass sie schon immer ein kleines Herdentierchen war, zwar möglichst schon als Leithammel, so konnte dies mit der klassischen Musik nicht gut kommen. Das Cello wurde immer mehr in den Hintergrund gedrängt. Sie spielte zwar auch noch im Akademischen Orchester der Handelshochschule St. Gallen mit (wie die Universität SG damals noch hiess; davon kommt die Abkürzung HSG!), aber nicht mehr mit jener Verve, die man von ihr früher gewöhnt war. Und nach ihrem Hochschulabschluss ruhte das Cello irgendwo in einer Ecke in unserem Haus in stillem Frieden.

Zurück zur Schule: Lexi wählte nach 2 Jahren Untergymnasium das Wirtschaftsgymnasium, warum weiss ich auch heute noch nicht. Ob sie das Gefühl hatte, es wäre das Einfachste? Oder weil ihr langjähriger Freund André Künzler dies wählte? Auch Lexi war nicht so brillant, auch bei ihr war vor dem Notenkonvent jeweils das grosse Zittern. Diskussionen um "Provisorische Beförderung" war fast an der Tagesordnung, und als André wiederholen musste, wiederholte Lexi freiwillig auch, allerdings mit unserem Einverständnis und nach unserem Gespräch mit ihrem Klassenlehrer. Nach dieser Wiederholung hatte sie etwas mehr Reserven, und die Matura im Jahre 1986 war dann eigentlich nie mehr in Gefahr.

Nach ihrer Matura hatte sich Lexi an der Hochschule St. Gallen HSG für Politikwissenschaften eingeschrieben. Ich freute mich riesig, dass Lexi nach St. Gallen zog, hätte ich doch eigentlich gerne nach meinem Abschluss auch noch einen zusätzlichen Wirtschaftsabschluss an der HSG gemacht. Ich konnte dies aber damals meinen Eltern einfach nicht zumuten und wollte endlich mein eigenes Geld verdienen. Bei Lexi wusste ich wiederum nicht so recht, wieso sie diese Richtung gewählt hatte, denn bis anhin hatte sie sich nie stark für Politik interessiert. Ob es wieder etwas mit dem geringsten Widerstand oder allenfalls Sympathien zu Professoren zu tun hatte? Ganz am Anfang durfte sie bei meinem Schwager Ruedi Blöchliger in Abtwil wohnen, bis sie etwas Geeignetes in St. Gallen gefunden hatte. Danach war sie in verschiedenen Wohngemeinschaften, unter anderen zuerst und zuletzt mit Steffen Tolle, dann auch mit Rolf Kaufmann in St. Fiden an der Flurhofstrasse, nur einige hundert Meter von meinem Elternhaus entfernt. Das „Biberen“ vor und nach Prüfungen ging analog der Mittelschule weiter und hörte eigentlich erst mit dem definitiven Abschluss auf.

Im Jahr 1989 hatte ich Lexi ein halbjähriges Praktikum bei BALLY USA vermittelt, wobei sie am Anfang beim Chef BALLY USA Emily und John Heim in Darien Connecticut wohnen und mit John zur Arbeit fahren durfte. Nachher fand sie via AIESEC downtown Manhatten ein Zimmer, ja mehr einen Schlag, etwas unappetitlich, aber natürlich mitten im Kuchen, und ich hätte dies wahrscheinlich dem feinen Haushalt aber weit weg vom Geschehen auch vorgezogen. Ich glaube, sie hat diese paar Monate mit Museen, Konzerten, Open Airs im Central Park , Oper usw. sehr ausgiebig genossen, und wenn es gar zu schlimm wurde, durfte sie an Wochenenden zu Heims ins wunderschöne Haus mit Swimmingpool und nahe dem Meer. Sie hatte dort praktisch ein Zimmer für sie reserviert und durfte auch einen Teil der Kleider dort lassen. Andrea besuchte sie im Sommer für ein paar Tage, was die beiden Schwestern sichtlich genossen haben. Am Ende ihres Praktikums machten wir zu dritt per Auto eine grosse USA Reise.

Erste gemeinsame USA-Reise 02.-12.Apil 1982
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8.9.  Unsere Familie Gadient -Karpf – Grosse Ferienreisen.

Erste gemeinsame USA-Reise 02.-12.Apil 1982

Ich war Ende März noch geschäftlich bei unserer Firma Cortume Carioca in Rio de Janeiro und flog von dort zum Rendez Vous mit Fischli nach New York. Fischli flog zum ersten Mal über den Atlantik und hatte beim Abflug einen grossen Bahnhof in Kloten: Ausser Lexi waren Vrenely Br. und Christeli Holer zur Verabschiedung gekommen. Wir trafen uns am Freitagabend 02.04.1982 im neu eröffneten New York Grand Hyatt mit dem grossen Wasserfall im Entrée. Wir kamen uns unheimlich weltmännisch und weltfrauisch vor: Rendez-Vous hier weitab von Zuhause und von verschiedenen Kontinenten kommend in einem 5 Sterne Hotel in New York! Am ersten Abend fuhren wir mit einem Mitarbeiter im Mietwagen über die George Washingtonbrücke nach New Jersey zum Nachtessen in ein Restaurant am Hudson mit wunderbarer Sicht auf das hell erleuchtete Manhattan. Dabei wären wir viel lieber allein gewesen, denn wir hatten uns wie üblich nach einer Trennung doch so viel zu erzählen. da wir uns New York am Schluss der Reise ansehen wollten, reisen wir am nächsten Tag 03.04. per Bahn gleich weiter nach Washington. Hier waren gerade die Cherry-Trees in voller Blüte: wobei dann alles in dieses wunderschöne sanftrosa getaucht ist! Wir hatten für den Abend Sightseeing by night gebucht und sahen nach­ein­an­der: Library of Congress, Capitol mit einem unglaublichen Rundgang zu Fuss, Washington Monument, Jefferson Memorial, Lincoln Memorial, Arlington, IwoJima-Memorial, Kennedy Center! Ein unver­gess­li­ches Erlebnis!

Am Sonntag 04.04. fuhren wir durch Villenvororte per Taxi bei schönstem Wetter nach Mount Vernon, dem Landsitz von George Washington. Zu viele Leute schrecken uns von einer Besichtigung innen ab. Per Bus geht es zurück und dann per Subway zum Heldenfriedhof nach Arlington. wo wir die Kennedy Gräber und das Denkmal für den unbekannten Soldaten besuchen und einen ausgedehnten Spaziergang machen. Beeindruckend! Anschliessend besuchen wir das Smithonian Air- und Space Museum, für uns Flugbegeisterten absolut einmalig! Auch der 3D-Film "To Fly" ist unglaublich!

Am Montag zuerst Führung im Capitol, anschliessend Besichtigung Congress Library. Dann ab in den Botanischen Garten. Seit diesem Tag kennen wir Dog-Wood Bäume, vor allem den Cornus Florida! In der Art Gallery geniessen wir vor allem Monnet, Manet und Renoir. Wir haben nur 2 Stunden für ein Museum, für welches man mindestens 1 Woche bräuchte! Schade! Und gegen Abend nochmals Technik und der zweite 3D Film "Living Planet".

Am Dienstag fliegen wir vom Flughafen Baltimore aus (Fischli wollte nicht von Washington aus fliegen, da im Winter ein Flugzeug nach dem Start unter das Eis des Potomac Rivers stürzte und die Leute elendiglich ertranken) nach New Orleans, wo wir nach einem prächtigen Anflug über Stadt und Missisippi gut landen. Wir wohnen im Hotel Sonesta, fabelhafte Anlage, von Ernest Gyger empfohlen!. Hier ist Sommer! Schön warm! Für mich als New Orleans-Mu­sikfan sind ein Spaziergang über Bourbon Street, St. Louis Street, Royal Street zur Preservation Hall etc. vielsagend. Die Altstadt istwunderbar! Am Mittwoch machen wir zuerst eine Fahrt mit einem Missisippi.Dampfer und bestau­nen den riesigen Fluss mit seinen Nebenkanälen, und anschliessend machen wir einen Bummel durch das French Quarter, das mit seinen eisernen Balkongeländer sehr schön ist. Abends hatten wir ein unvergesslich gutes Prime Rib Steak.

Am Donnerstag spazieren wir zum Ursulinenkloster und zum French Market, dann Fahrt quer durch das Garden Viertel zum Andebon-Park mit ausgedehntem Spaziergang. Dann geniessen wir das tolle Hotel mit Pool und Bars. Abend Show "Ain't miss be heaven", sehr provinziell, eher enttäuschend. Da haben wir in NYC schon besseres gesehen. Und dann bekamen wir nicht einmal mehr einen rechten Z'Nacht…

Am Karfreitag 08.04. packen wir zum Flug nach Chicago. Schon kurz nach New Orleans gibt es eine kompakte Wolkendecke, und als diese nach ca. 2 Stunden Flug einmal kurz aufreißt ist alles weiss; mit Schnee bedeckt! Welch ein Wechsel! Ankunft im riesigen O'Hare Airport und Fahrt ins Hotel Drake. Nach einem guten Nachtessen tanzen wir wieder einmal in der Hotel Bar zu einem Live Trio mit Singer!

Am Samstag machen wir zuerst auf eigene Faust und dann mit einer geführten Tour den ganzen Tag Sightseeing, um am Abend weiter zu fliegen nach Buffalo. Hier haben wir im Hotel eine Suite, super und rdoch elativ günstig. Feines Nachtessen auswärts..

Ostersonntag 11.04.: Heute haben wir für 70$ während 5 Stunden den Taxichauffeur von gestern für uns: Wir nehmen das Gepäck gleich mit ins Taxi. Fahrt an den Eriesee, voll Eismocken, dann auf die kanadische Seite, dem Niagara River entlang, der bis zu den Fällen immer schneller fließt. Wir machen jeweils an Viewpoints Halt. Es beginnt zu schneien, ich kann kaum noch fotografieren! Eindruck der Wasserfälle großartig, nicht nur optisch, auch akustisch: Ohrenbetäubender Lärm, wenn die Eismocken unten aufschlagen und auseinanderbrechen. Oben im Drehrestaurant des Aussichtsturms sieht man des Schneefalls wegen leider gar nichts! Via Wirlpool und das kanadische Kraftwerk fahren wir zum Flughafen, wo wir verpflegen und nach NYC zurückfliegen. Traumhafter Anflug auf New York La Guardia, dann per Bus bis Grand Central Station und Taxi zum Hotel. Dieses ist mitten im Kuchen, aber leider etwas schmuddelig! Was für eine Differenz zu den bisherigen Hotels, dafür etwas günstiger.

Am Ostermontag fahren wir mit der Circle Line rund um Manhatten und sind abends mit Emily und John Heim zum Essen im Gloucester House und nachher zur Show im Imperial "42nd Street" verabredet. Grossartiger Abend.

Dienstagmorgen Breakfast im "Oscars" des Waldorf Astoria, das ich Fischli doch zeigen musste. Hier habe ich schon mehrmals gewohnt, nur 1 Block vom BALLY Showroom an der Madison Ave entfernt. Ich zeige ihr auch im Waldorf Astoria das Geschäft "Frieda's", wo ich ihr früher einmal ein Nachthemd gekauft hatte. Dann machen wir eine 5 stündige Tour "NYC by Bus", als Pendent zur Circle Line! Sehr empfehlenswert! Wenigstens ein sehr gutes Nachtessen im Chinesischen Restaurant unseres Hotels.

Mittwoch sind Shoppen und Museen angesagt: 5th Avenue mit Saks, Bloomingdale, Gucci. Dann Taxi zu Guggenheim Museum, Spaziergang quer durch Grand Central Park  zum Lincoln Center mit Met, Al Fisher Hall und Theatre, Nochmals durch 5th Ave flanieren, Schocki für Heims posten.

Donnerstagmorgen fahren wir mit Gepäck ab Grand Central Station nach Darien, wo uns Emily abholt. Wir wohnen bis Samstag bei Heims, Fischli bleibt bei Emily, ich gehe Donnerstag und Freitag mit John arbeiten. Heims sind sehr gastfreundlich und bringen uns am Samstagabend 12. April auf den Kennedy Airport, um zurück nach Hause zu fliegen
Erste Kreuzfahrt im Mittelmeer 07.-18. April 1984
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8.9.  Unsere Familie Gadient -Karpf – Grosse Ferienreisen.

Erste Kreuzfahrt im Mittelmeer 07.-18. April 1984

Mein Schwager Dr. Alois Stadlin, Rektor des KV Zürich, organisierte jeweils für die Abschlussklassen eine Mittelmeerkreuzfahrt, für welche dieses Mal ausser seiner Frau Beatrice auch Fischli und ich, Selin und Irma (Freundin von Bea) sowie Jack und Vrenely Brunnschweiler mitgehen durften.

Am Samstag 07.04. ging es per Bus nach Ancona, wo bis nach Patras auf eine Fähre  eingeschifft wurde. Sonntag 08.04. auf See! Am Morgen des 09.04. Ausschiffen: Patras – Athen per Bus mit dem Kanal von Korinth als Sehenswürdigkeit. Bei der Ankunft in Athen Stadtrundfahrt, anschliessend Einschiffen in Piräus und dann das erste Mal Leinen los!

Dienstag 10.04. auf See; sönnelen, viel Uso.

Mittwoch 11.04. morgens früh Einlaufen in Alexandrien. Jack mit Arafat Tuch verkleidet vergrault mich als Verkäufer und ich erkenne ihn zuerst nicht! Fahrt nach Kairo: Archaische Zustände: Chauffeur ein Halbverrückter, Kühe pumpen Wasser, Lehmhütten. Ägypten und die Araber sind für mich etwas fremdes, verunsicherndes. Wir durchfahren Kairo mit dreckigen Slums und grimmigen Arabern, Besuch im Papyrus Museum, wir erreichen Gizee mit Pyramiden und Sphinx! Dann Fahrt an vielen weiteren Pyramiden vorbei nach Memphis mit der liegenden Monumentalstatue des Ramses. Dann besuchen wir noch einen Bazar in Kairo, wo ich mich richtig unwohl fühle, und dann auf einer Wüstenstrasse nach Port Said, wo uns unser Schiff wieder aufnimmt. Das war ein sehr strenger Tag. Schiff fährt 22:00 Uhr weiter Richtung Israel.    

Donnerstag 12.04. Frühmorgens Einlaufen in Ashdod. Fahrt nach Jerusalem, Besichtigung Oelberg, Garten Getsemaneh, die beiden Moscheen innerhalb der Tempelmauern, Via Dolorosa, Grabkirche. Fahrt nach Bethlehem und anschliessend durch die Wüste zum Toten Meer. Baden! Dann Fahrt dem Jordan entlang über Jericho und Nazareth nach Haifa, wobei es auf der Fahrt schon nacht geworden ist. Hier wartet unser Schiff auf uns zur Weiterfahrt.

Freitag 13.04. ganzer Tag auf See.

Samstag 14.04. Rhodos Johanniter sind auf Schritt und Tritt anzutreffen, Fahrt nach Lindos, dann Stadtbesichtigung Rhodos und freier Ausgang: Selin im Pelzmantel-Shopping, während wir und Br. in Gartenwirtschaft vis-à-vis bei viel Wein die Mäntel begutachten und total abstürzen.

Sonntag 15.04. Insel Patmos: Wir ankern im Morgengrauen vor dem Städtchen und dem Johanneskloster auf dem Hügel. Landgang mittels Tendering und Morgenspaziergang auf den Berg zum Kloster. Anschliessend Weiterfahrt nach Kusadasi. Nach dem Anlegen Fahrt nach Ephesus, wo uns die "Entspannungslokalität" mit Bad – WC – Freudenhaus besonders beeindruckt. Rückfahrt und Einschiffen Richtung Piräus!

Montag 16.04. Morgens Ankunft in Athen. Bea und Familie reist per Flugzeug nach Hause. Normal Sterbliche reisen per Bus über Theben nach Delphi, das wir bei schönstem Wetter besichtigen. Sehr beeindruckend wie das Heiligtum am Berghang angelegt ist. Anschliessend Weiterfahrt über Rion und Antirion (Fähre!) nach Patras. Dort Einschiffen nach Ancona.

Dienstag 17.04. ganzer Tag auf See

Mittwoch 18.04. 08:00 Koffern bereit vor Kabine und Heimfahrt
Grosse Brasilienreise 02.-24. November 1985
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8.9.  Unsere Familie Gadient -Karpf – Grosse Ferienreisen.

Grosse Brasilienreise 02.-24. November 1985
Als ich wieder einmal geschäftlich zu unserem Tochterunternehmen Cortume Carioca SA reisen musste kam Fischli mit nach Rio de Janeiro. Ich liebäugelte damals mit deren Leitung. Während ich in der erste Woche mit dem damaligen Chef Ernest Gyger Kunden und unsere Vertretungen im Süden des Landes besuchte, hatte ich veranlasst, dass Fischli ein paar Tage mit Catherine Gyger das Leben der Oberklasse erleben konnte. Fischli ist wenig begeistert von diesem Leben im vornehmen Ghetto! Anschliessend bereisten wir das dann riesige Land per Flugzeug. Erste Station war die neue, architektonisch hochinteressanten Hauptstadt Brasilia, dann flogen wir in die Tropenstadt Manaus, die mit Kautschuck reich geworden war. Hier packten wir eine Handtasche mit dem Notwendigsten und reisten per Schiff, Bus und Schnellboot für drei Tage auf  eine sehr abenteuerliche, auf einem Amazonas-Nebenarm schwimmende Lodge mitten im Urwald, wo wir Bootsausflüge, Urwaldwanderungen, Piranha-Fischen und einen Besuch bei Ureinwohnern machten. So nahe hatten wir wilde Tiere wie Tapire, verschiedene Affen, Kaimane usw. noch nie gesehen, Die nächsten Stationen waren die Hafenstadt Belem, dann Recife mit dem letzten erhaltenen de.wikipedia.org/wiki/Ankermast">An­ker­mast für de.wikipedia.org/wiki/Zeppelin">Zeppelin-de.wikipedia.org/wiki/Luftschiff">Luftschiffe und einem Besuch von Olinda, der früheren Hauptstadt von Pernambuco, dann Salvador de Bahia mit seinen goldenen Kirchen, und zu guter Letzt dann nochmals ein paar Tage Rio de Janeiro mit einem Besuch auf unserer riesigen Fazenda im Nordwesten der Stadt. Auf dem Heimflug hatten Fischli und ich längere Gespräche um meinen potentiellen Job bei Cortume Carioca und damit unseren Aufenthalt in Rio. Für mich schien es nach dem seinerzeit "abverheiten" Portugalabenteuer eine letzte Gelegenheit für einen Auslandaufenthalt zu sein. Fischli sagte mir, dass sie überall hinkomme, wo ich hinginge; wenn dies jetzt aber nicht sein müsse, würde sie dies wirklich schätzen. Sie machte sich vor allem Sorgen mit der Schule und der Uni für unsere Mädchen, sowie mit dem Leben der Oberklasse in dieser so unnatürlich abgeschiedenen Art, wie auch noch fernab von Familie und Freunden. Und gefährlich war es auch noch! Praktisch alle BALLY Leute waren schon überfallen worden, inklusive den lokalen Herren von Cortume Cariocca, glücklicherweise bisher immer ohne Verletzungen. Die Frage war auch nach unserer Rückkehr noch nicht ausdiskutiert. Sie wurde dann aber irrelevant, als man mir am Montag nach meiner Rückkehr die Führung der BALLY Arola AG anbot, die mit Abstand umsatzstärksten BALLY Gesellschaft weltweit und die früher nur von BALLY-Familienmitglieder geleitet werden durfte!
Familienferien 1981-1988
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8.10.  Unsere Familie Gadient -Karpf – Familienferien 1981-1988.

In die Zeit zwischen 1981 und 1988 fallen aber auch wunderschöne Familienferien: Während wir im Herbst meistens für ein paar Tage in die Provence fuhren, verbrachten wir 1981 Sommerferien auf der Ile d’Oléron, wo wir ein altes, abenteuerliches Haus von einer älteren Dame mieten konnten. 1983 waren die Mädchen in England, wo wir sie besuchten und über Ostern eine gemeinsame kleine Reise im Mietauto unternahmen. 1984 waren wir in einer lausigen Interhome Wohnung in Port Barcarès. Zuerst mussten wir noch putzen lassen! Dann war Ghia bei der Ankunft davon überzeugt, dass es sich hier um den Hintereingang handeln musste und wir nur von der falschen Seite her gekommen wären! Der im Prospekt angepriesene Garten beim Eingang war nur ca. 1.5 auf 2.5 m gross und nicht mit Rasen sondern mit Schotter wie auf einem Bahndamm versehen! Für den mitgebrachten Grill genügte es aber alleweil! Unvergesslich sind trotzdem das Paquepot Lydia für die Mädchen und die herrlichen Ausflüge in die katalanische Romanik nördlich der Pyrenäen für die Eltern. 1986 hatten wir im Pueblo Eldorado Playa PEP in Cambrils ein ideales Einfamilienhaus gemietet, ca. 150m vom Zentrum und vom Meer entfernt. Es besass einen abschliessbaren Garten, eine gut eingerichtete Küche und war mit zwei Bädern und genügend Schlafzimmern versehen. Das Wohn-/Esszimmer haben wir nie benutzt, da wir immer draussen lebten. Ghia durfte ihre Freundin Dominique Bachmann und Lexi ihren Freund André Künzler mitnehmen. Ghia und Dominique reisten über das Jazz Festival Montreux per Zug und mit Zelt separat. Wir trafen uns zwar einmal in Collioure zum Apéro und Essen! Es waren recht harmonische Ferien mit fast täglichem Tennis und die Jungen spielten Volleyball. Ghia wurde zudem im Contest Miss PEP Steinstoss!

1988 waren wir dann nochmals in einem anderen Einfamilienhaus im PEP, gleichzeitig mit Familie Brunnschweiler, welche mit Steff und Philipp das Haus von Freunden benutzen durften. Ghia durfte das erste Mal Frank Heinzelmann in die Ferien mitnehmen und Lexi hatte nochmals ihren, auch für uns sehr angenehmen und pflegeleichten André Künzler dabei, obwohl bei Lexi/André die grösste Liebe scheinbar etwas am Erkalten war. Ghia, Frank und Steff fuhren in Vrenelys Auto separat, während Jack, Vrenely und Philipp nach Barcelona flogen! Abends assen wir jeweils abwechslungsweise in bzw. vor den zwei Häusern, wobei die Gastfamilie immer in einer Art Prozession ihren abgesprochenen Beitrag zum Essen ins andere Haus trug.
1986: Unfalltod Lisbeth Blöchliger, CEO BALLY Arola AG, Sekundentod Albert Karpf, Erbschaftsvertrag Karpf
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8.11.  Unsere Familie Gadient -Karpf – 1986: Unfalltod Lisbeth Blöchliger, CEO BALLY Arola AG, Sekundentod Albert Karpf, Erbschaftsvertrag Karpf .

Im Sommer 1986, also kurz vor Lexis Matura, verunglückte meine Lieblingsschwester (meine anderen Schwestern mögen mir diesen Ausdruck verzeihen) Lisbeth und Lexis Gotti bei einem Autounfall tödlich, als sie in Winkeln ihren Mann Ruedi in die Schule gebracht hatte. Sie wurde mitten aus einem äusserst aktiven Leben gerissen, unerwartet, plötzlich. Keine Beerdigung, an welcher ich bisher in meinem Leben teilgenommen hatte, würgte mich so wie diese, nicht einmal jene meines Vaters. Vieles ging mir durch den Kopf: Wenn sie mich in der frühen Jugendzeit ins Bett brachte, stellte ich endlose Fragen „Was ist Eisen, Glas, Wolle, wie wird das und das hergestellt, usw“ und sie beantwortete dies mit Engelsgeduld, oder Ferienaufenthalte bei den frisch verheirateten Lisbeth und Ruedi während meiner Kantonsschulzeit im Schulhaus Oberwald, dann an ihre Lehrtätigkeit im Thalhof, wenn Ruedeli jeweils zum Hüten bei der Gross­mama in St. Finden weilte. Vor allem aber hatten Fischli und ich Lisbeth noch viel mehr schätzen gelernt, als sie sich zwei Mal mit ihrer grosszügigen Haltung voll hinter uns stellte, zuerst als die Familie Gadient wegen Fischlis Religionszugehörigkeit auf Distanz ging, dann aber vor allem nach unserem Streit mit Mama nach der Geburt von Andrea und der damit heraufbeschworenen Funkstille mit dem Rest der Familie. Ich meine heute rückblickend, dass Lisbeth und ich uns von allen Geschwistern vom Charakter her wahrscheinlich am ähnlichsten waren. Darf man sogar von Seelenverwandtschaft sprechen? Ich war sehr, sehr traurig.

Nach den guten Erfahrungen mit dem Erbvertrag von Grossvater Welti schlug ich in den 80er Jahren Omi und Nelly und Albert Karpf vor, jetzt, da wir alle noch geistig frisch und bei Kräften waren, ebenfalls einen solchen Erbvertrag unter Federführung von RA Dr. Jörger, unserem Familienanwalt ausarbeiten zu lassen. Dazu müssten wir alle einmal unsere Vorstellungen und Wünsche anbringen. Relativ schnell war klar, dass dies ein äusserst schwieriges Unterfangen werden sollte, da Albert nicht sehr daran interessiert war, vor allem daher, weil die seit den 30er Jahren unveränderte ,sehr kleine Miete für den von Albert und Nelly seit Mitte der 60er Jahre allein benutzten, oberen Hausteil ausgleichspflichtig sein sollte. Wir kamen über erste Entwürfe nicht hinaus und es blieb beim Wunsch, sich über eine allfällige Erbteilung rechtzeitig Gedanken zu machen.

Aktualität erhielt dieser hängige Erbvertrag, als am 30. Dezember 1988 Fischlis Bruder Albert ganz unverhofft und plötzlich an einem Sekundentod starb. Da Albert Schulden hatte, wollten Nelly und die Kinder zuerst das Erbe ausschlagen, das heisst, dass der Erbverzicht samt den Gründen amtlich publiziert worden wäre. Mami und Fischli schämten sich deswegen und wollten dies nicht. Momi litt sehr: Sie hatte also nach dem Tod ihres ersten und zweiten Mann auch noch den Tod ihres einzigen Sohnes zu verkraften, und dies erst noch mit Erbverzicht. Mami und damit selbstverständlich zur Hälfte auch Fischli übernahmen Alberts Schulden. Mit der immer noch hängigen Ausgleichspflicht für den oberen Hausteil kamen wir auch nicht weiter, ja Nelly, Sandra und Roland Karpf nahmen sogar einen eigenen Anwalt, und es wäre sicher zum Streit gekommen, wenn Fischli nicht äusserst grosszügig auf jeglichen Ausgleich verzichtet und sich, nicht zuletzt auf Anraten von Dr. Jörger, bei der doch recht schönen Anwartschaft grosszügig zu sein, zu einer wirklich hälftigen Teilung bereit erklärt hätte.
USA Reise mit Lexi, Tod Mami Karpf, Partielle Erbteilung in Zollikon, Fischlis Bauchspeicheldrüse, Studiumabschluss Andrea und Frank, USA Reise Westküste und Rückfahrt mit QE II
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8.12.  Unsere Familie Gadient -Karpf – USA Reise mit Lexi, Tod Mami Karpf, Partielle Erbteilung in Zollikon, Fischlis Bauchspeicheldrüse, Studiumabschluss Andrea und Frank, USA Reise Westküste und Rückfahrt mit QE II.

Fischli und mir ging es inzwischen finanziell wieder recht gut. Mit meiner Stellung als Direktionspräsident der BALLY Arola AG war ich auch einkommensmässig recht gut gestellt. Wir überlegten uns, ob wir eine Ferienwohnung kaufen oder in Zollikon ein Einfamilienhaus realisieren wollten, und zwar auf einem der beiden anlässlich der Überbauung ausgeschiedenen Bauplätze. Fischli schlug vor, uns für ein „Ferienhaus für alle Tage“ in Zollikon zu entscheiden, mit der Nähe zu Zürich, was mit zunehmendem Alter und näher kommenden Pensionierung immer wichtiger wurde. Auf einer Ferienreise im Herbst 1988 in die Provence und an die Côte d’Azur hatten wir abends im Speisesaal immer ein Notizbüchlein dabei, wo wir versuchten, ein Pflichtenheft mit unseren Wünschen für unser zukünftiges Heim zu formulieren, das wir dann dem Architekten geben konnten. Und dann begann eine neue, wunderbare Planungszeit, mit wem denn sonst als mit Pierre Zoelly. Mitten in die Planungszeit hinein kam dann noch Mamis Tod und machte das Bauen noch aktueller, da das Land plötzlich uns gehörte. Auch hier brauchten wir zwei Anläufe bis zur Baubewilligung. Doch dann kam die Immobilienkrise mit dem absoluten Tiefpunkt zum Häuser verkaufen! Wir hatten eine Schätzung für unser Haus in Hombrechtikon machen lassen, und mit dem Erlös des hauses wollten wir in Zollikon bauen. Im Moment war aber kein Mensch daran interessiert, das Haus zu diesem Verkaufspreis zu kaufen, auch nicht mit einem Abschlag von 25%. Man riet uns, die Krise auszustehen und mit dem baubeginn zu warten. Zum Glück waren Baubewilligungen mit einem neuen Baugesetz ab sofort 3 Jahre gültig. So mussten wir zum Glück nicht nochmals eine Eingabe machen.

Vierteljährlich inserierten wir in den folgenden Jahren das Haus über einen Makler zum Verkauf, ohne jeglichen Erfolg.

Zum Abschluss von Lexis USA Praktikums trafen Fischli und ich Ende September 1989 Lexi im Drake Hotel in New York. Lexi hatte in ihrer Freizeit Reisevarianten studiert und machte Vorschläge. Den Ausgangspunkt für eine grosse Reise im Mietwagen hatten wir mit Albuquerque schon früher festgelegt, den Rest wollten wir von Tag zu Tag neu bestimmen, ganz nach Lust und Laune. So flogen wir anderntags zuerst über Chicago und Denver nach Albuquerque, wo wir ins Mietauto umstiegen und für die erste Nacht sofort nach Sta Fe weiterfuhren. Mit der Erfahrung von früheren Reisen wollten wir alle 2 Tage Andrea anrufen (Nur per Zufall waren Fischli und ich gerade noch rechtzeitig von einer Portugalreise zur Beerdigung von Fritz, Selins Mann zurückgekommen). Über Taos fuhren wir dann westwärts, nach der Überquerung des Rio Grande am Skigebiet von San Juan vorbei in den Mesa Verde Nationalpark (ehemalige Indianer Behausungen, teilweise in Höhlen).

Ich erinnere mich noch gut an eine lustige Begebenheit: Auf dem Weg ins Monument Valley fuhr Lexi zum ersten Mal unseren Mietwagen, der einen Tempomat hatte,was für sie neu war. Scheinbar liess sie den rechten Fuss doch immer leicht auf dem Gaspedal liegen, denn als nach einer Senke die Strasse wieder anstieg und es für die gleiche Geschwindigkeit wesentlich mehr Gas brauchte, rief Lexi plötzlich ganz verzweifelt: „Jetz goht ganz plötzlich von elei s‘ Gaspedal abe!“

Nach der Durchquerung des Monument Valleys fuhren wir südlich in den Canyon de Chelly, nochmals wunderbare Indianer Behausungen. Diese konnten wir infolge Überschwemmungen nach einem sehr heftigen Gewitter nicht besichtigen, nur von oben an einigen Aussichtsplatformen. Das nächste Ziel war das Nat. Monument des Bryce Canyon. Dazu mussten wir die hohe Staumauer des Lake Powell überqueren. Auf einer südlicheren Strasse fuhren wir dann wieder zum Lake Powell zurück und von dort südwestwärts zum Grand Canyon Village. Nach längeren Spaziergängen entlang dem Canyon lud zum Abschluss uns Mami, wieder einmal mit "Bibi-Geld", zu einem Helikopterflug über und in den Grand Canyon ein, ein grandioses Erlebnis. Über Willliams folgten wir bis Kingman der Route 66, um dort nordwestlich Richtung Boulder City und Hoover-Dam nach Las Vegas zu gelangen. Witzigerweise wohnten wir im Hotel Alexis. Las Vegas hatten wir schnell gesehen, Lexi erspielte an einem Abend mit von mir gepumpten 20$ innert kürzester zeit 80$ und hörte dann auf! Der nächste Tag war mit dem Death-Valley einer der längsten und aufregendsten Reisetage, vor allem weil wir dann bis Bishop kein Hotel fanden. Ganz nah beieinander liegen beim Death-Valley die tiefste, und mit dem Mt. Whitney eine der höchsten Stellen des nordamerikanischen Kontinents. Am nächsten Tag ging es dann über den Tioga Pass in den Yosemite National Park, wo wir in der berühmten, mehrere hundert Meter hohen Kletterwand den Mut von einigen Kletterern bewundern konnten. Vom Yosemite National Park fuhren wir dann ans Meer und über Monterry bis nach Carmel, wo aus wir dann nach San Francisco weiterreisen wollten.
Als wir am anderen Morgen, es war inzwischen Mittwoch der 11. Oktober, Andrea anriefen, erfuhren wir die Nachricht von Fischlis Mutter (Momi) Tod am 7. Oktober 1989. Ausgerechnet seit Samstagabend in Las Vegas hatten wir 4 Tage nicht mehr nach Hause angerufen, weil wir sowohl in Bishop als auch in einer etwas unappetitlichen Lodge im Yosemite Park (die guten waren alle bereits ausgebucht ge­wesen!) kein Telefon im Zimmer hatten und am Wandtelefon der Restaurants verstand man kaum das eigene Wort.

Andrea Zuhause war in dieser Situation nicht zu beneiden und litt. Sie musste in Zusammenhang mit Momis Tod alles mutterseelenallein entscheiden, da Omi kurz nach unserem letzten Telefongespräch am Samstag 7. Oktober 1989 überraschend gestorben war. Weil sie uns nicht  erreichen konnte, und um den Termin für die Beerdigung offen zu behalten, entschied sie folgerichtig auf Feuer- bzw. Urnen-bestattung. Neben Omis Tod musste sie aber am gleichen Wochenende auch noch mit unserem über 20 jährigen Kater Sepphie zum Tierarzt, der Koliken hatte. Dieser konnte ihn in ihren Armen nur noch einschläfern, was für Ghia in ihrer Einsamkeit ein weiterer harter Schlag war, den sie auch noch verkraften musste. Aber sie war ein tapferes Mädchen und regelte alles bestens.

Nach dem Telefon in die Schweiz buchten wir sofort telefonisch Flüge ab San Francisco nach New York und von dort nach Zürich sowie ein Hotelzimmer in New York. So bekamen wir leider San Francisco nicht mehr zu sehen, worauf wir uns doch so gefreut hatten, denn der Flughafen liegt ziemlich weit südlich der Stadt. Um 14’00 Uhr hatten wir unseren liebgewonnenen, zuverlässigen Wagen abgegeben, eingecheckt und flogen mit American Airways nach New York zurück, wo wir abends sehr spät ankamen. Der nächste Swissairflug war erst anderntags abends. Lexi musste noch ihre restlichen Sachen packen und holen, ich buchte das Billet von Lexi auf den gleichen Flug wie wir hatten um, was ausserordentlich schwierig war und mich fast den ganzen Tag kostete.

Schlussendlich konnte uns Andrea dann aber am andern Morgen, am Freitag den 13. Oktober um 06’15 Uhr am Flughafen Zürich abholen und die Beerdigung von Momi fand dann am Mittwoch 18. Oktober in Zollikon statt. Der Trauergottesdienst in der Kirche Zollikon war sehr gut besucht. Man hatte Momi sehr gern gehabt und ihre warmherzige Art sehr geschätzt.

Das hatte zur Folge, dass eine Partielle Erbteilung mit Karpfs wieder an die Hand genommen werden musste, allem voran die Zuteilung der zwei Bauplätze im Hägni; der Dritte Bauplatz war zum Verkauf bestimmt worden, um die damals sofort fällige, sehr hohe Erbschaftssteuer bezahlen zu können. Aber auch hier war es in der Immobilienkrise sehr schwierig, einen Käufer zu finden, wobei die Verzugs-zinsen für die fällige Erbschaftsteuer wie bei einer Taxiuhr tickten.
Das Haus Kleindorf 14 wurde in zwei selbständige Katasternummern juristisch geteilt, wobei wir vom Land der Überbauung noch je ein kleines Stück Land im Süden des Hauses auf der andern Seite des Fussweges zu den zwei Parzellen Kleindorf 14 schlugen. Während Karpfs den von ihnen bewohnten oberen Hausteil behielten, bekam Fischli den unteren Hausteil. Wir nahmen auf Kosten der Erbengemeinschaft in beiden Hauseilen eine sanfte Renovation vor, wobei das ehemalige Zimmer von Fischli im ersten Stock jetzt wieder definitiv zum unteren Hausteil geschlagen wurde. Im oberen Hausteil wurde im 2. Stock für Sandra zudem eine kleine Küche eingebaut sowie das Bad/WC renoviert. Die Teilung von Momis Sachen in der Wohnung brachte keine Probleme, Andrea, die bisher hier gewohnt hatte und jetzt ausziehen musste, konnte einen grossen Teil von Geschirr und Küchengeräten mitnehmen. Fischli und ich übergaben den unteren Hausteil, jetzt Kleindorf 14A, zur Verwaltung an meine Kollegen von der Oerlikon Immobilien-abteilung (analog die Überbauung der Erbengemeinschaft). Ich wollte das Haus nicht selbst verwalten, mussten doch viele Rechnungen wie Heizung, Wasser, Kehricht etc. mit dem oberen Hausteil geteilt bzw. verrechnet werden. Auch die Teilung der Wertschriften gelang problemlos, wobei Fischli den Anteil an der Holzkorporation Zollikon in Anrechnung übernahm, da sonst niemand Interesse hatte.
In der Erbengemeinschaft Frieda Spaltenstein blieben damit nur noch
  • die Überbauung,
  • der Drittels-Anteil am Brunnen zwischen Häusern Kleindorf 12.14 und 16
  • der Anteil an der unverteilten Erbschaft von Grossvater Emil Welti, das im Strassenbauland und Wertschriften besteht.
Und schon hatten wir im Spätherbst 1989 eine weitere Zäsur zu bestehen. Fischli hatte innert kürzester Zeit die Trauerpost für Mami verdankt und hatte am Samstagmorgen des 11. November noch Bibi-Ausgabe. Als sie heimkam, arbeitete ich bereits im Garten. Sie hatte sich bereits umgezogen, rief mir aber zu, es gehe ihr nicht so gut und sie müsse sich noch einen Moment hinlegen. Als sie nach etwas einer halben Stunde immer noch nicht gekommen war, ging ich nachsehen und fand sie bleich und aschfahl mit grossen Schmerzen. Da unser Hausarzt Dr. Witzig nicht da war, rief ich den Notarzt an, der seine Praxis oben in Männedorf hatte. Von dort ging es dann gleich notfallmässig ins Spital Männedorf hinunter. Fischli hatte in der Zwischenzeit grosse Schmerzen und es begannen für sie mühsame Untersuche. Ich konnte nur nach Hause fahren und ein paar ihrer Sachen packen. Es sollten 4 lange, schlimme Wochen mit grossenteils künstlicher Ernährung für sie werden. Man musste davon ausgehen, dass es eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse war, genau konnte man es auch nach allen Untersuchen inklusive einem im Uni-Spital Zürich mit Transport hin und zurück nie herausfinden. (Wieso solche Transporte nicht von der Krankenkasse übernommen werden, ist mir auch heute noch ein Rätsel! Man kann ja nicht zu Fuss oder mit dem Privatauto dorthin kommen!)
Gegen Schluss hatten wir dann auch noch ein paar schöne Momente im Spital: Lexi und ich hatte an einem Sonntagabend für uns auch ein Menu bestellt. Wir schmuggelten heimlich Gläser und Wein in Mamis Zimmer setzten uns an den Tisch, als eine Schwester hereinkam und meinte, da fehle doch noch ein Tischtuch! Sie ging hinaus und kam mit einem schönen, weissen Spitaltuch zurück und half uns, den Tisch ganz schön zu decken, auch noch mit Mamis Blumen! Am 12. Dezember durfte Fischli wieder nach Hause.
 
Kurz vorher hatte Lexi und ich aber noch in einem Katzenheim in Wald zwei Kätzchen geholt. Lexi bereitete wieder einmal eine Prüfung vor und jammerte, so alleine im Haus sei das kaum auszuhalten. Früher wäre wenigstens noch Sepphie dagewesen. Also hintergingen wir Fischli und als sie vom Spital heimkam begegnete sie als erster Katze dem komischen, an Rücken, Beinen und A-Löchli mit Tigerflecken behafteten, weissen Kätzchen. Sie benutzte zur Charakterisierung dieser Katze  einen jeweils von Vrene B. benützten Appenzellerausdruck und rief aus: „Da isch jo en Würglig!“ Und dieser Name blieb. Eigentlich wollten wir sie der Flecken wegen und des weiblichen Geschlechts nicht Miro sondern „Mira“ nennen, aber es blieb bei Würglig, mit der Zeit mutierte der Name zu Wügi. Die zweite, schwarzweisse, etwas bedächtigere und kräftigere Bauernkatze nannten wir nach Elke Heidenreichs Katzengeschichte Felis“.      

Der Arzt hatte für Fischli zu Ferien in der Höhe geraten. Über Herr Reust von der Tennisagentur, welche bei mir im Geschäft für BALLY Jakob Hlasek und Marc Rosset betreute, bekamen wir zulasten der Bob WM ab 27. Dezember ein Doppelzimmer im Cresta Palace in Celerina vermittelt (wo wir später noch unzählige Male waren) . So kamen wir zwangsläufig zu unserem ersten Hotel-Sylvester im Leben mit Smoking und Abendkleid, allerdings auch mit einem blauen Auge und arg geschwollener Backe. Fischli musste am 30. Dezember zum Zahnarzt in St. Moritz wegen grauenhaften Schmerzen. Dieser diagnostizierte einen Abszess an einer Zahnwurzel und öffnete kurzerhand mit Hammer und Meissel, vergass dann aber eine Klammer oder irgend etwas Kleines in der bereits zugenähten Wunde, sodass er bei langsam bereits abklingender Lokalanästesie nochmals öffnen musste! Ein armes Fischli, und dann fast noch bis zur Unkenntlichkeit entstellt! Dr. Liatowitsch junior mit Frau erkannten uns deswegen beinahe nicht. Fischli hatte aber am Sylvester wenigstens keine Schmerzen mehr, sodass wir das Buffet sehr genossen und anschliessend auch ausgiebig tanzten. Für  eine Woche wechselten wir dann noch ins Hotel Margna in Sils Baselgia, zu AH Sancho und seiner Frau Dorli. Das Hotel Margna war auch sehr schön, unser Zimmer und auch die Küche waren aber im Cresta Palace unserer Ansicht nach wesentlich besser. Lexi als Studentin genoss es, wenn ich für wichtige Sitzungen oder Anlässe ins Büro musste! Dann kam sie jeweils Fischli besuchen und sie vertrat mich ausgezeichnet auf Spaziergängen, im Zimmer und im Speisesaal!

Im Herbst 1990 fuhren wir das erste Mal nach meinem Growela Rauswurf wieder nach Portugal in die Ferien. Wir durften in Portugal den bei Growela Portuguesa stationierten alten Lancia von Myrtha Kurz benutzen. Dafür mussten wir dann den alten Growela-Renault zurück in die Schweiz bringen. Es sollten die „Echappes“- Ferien (deutsch Auspuff-Ferien) werden. Der erste Teil der Reise führte uns wieder einmal ins Palace Hotel do Bussaco in Luso, und endete am zweiten Tag nach einer wirklich "ohrenbetäubenden" Fahrt in den Sonntagmorgen hinein in einer Auspuffwerkstatt von Caldas da Rainha. Ein Traum jeden Autofahrers: Die Suche nach einer Garage am Sonntag! Glücklicherweise war damals mein Portugiesisch noch einigermassen präsent! Mit einem Mietwagen fuhren wir nach einigen Stunden weiter in die Algarve, die wir bisher von Portugal noch am wenigsten kannten. Wir fanden ein gediegenes Hotel, von aus wir wunderbare Exkursionen machten. Wir telefonierten jeden Tag mindestens einmal mit der Garage, bis dann endlich der Auspuff für dieses sehr seltene, bereits etwas antiquierte Lancia-Mo­dell von irgendwoher eingetroffen war. Nachdem wir nordwärts gefahren und den Mietwagen wieder mit dem Lancia ausgetauscht und Nuno Romão zurückgebracht hatten, traten wir die Heimfahrt mit dem Growela Renault an, bei welchem man anlässlich unserer Abreise trotz einem längeren Garagenbesuch leider die Heizung nicht mehr abstellen konnte. Wir fuhren gut gewärmt nordwärts nach Santiago de Compostela und dann alles dem berühmten Jakobs-Pilgerweg entlang, einfach umgekehrt, bis über die Pyrenäen. Wir gewannen unvergessliche Eindrücke von einer speziellen Landschaft und von viel grossartiger Architektur. Entgegen üblicher Pilgerfahrten genossen wir einzelne grandiose Hotels, vor allem in Santiago und in Leon, sowie durchs Band guten Küchen und Keller. So "machten" wir den Pilgerweg zwar in entgegengesetzter Richtung und per Auto, taten dabei aber im voll überheizten Auto schwitzend Busse wie richtige Wallfahrer ….

Im Herbst 1991 bereisten wir die Westküste der USA von Norden nach Süden von Seattle bis LA! Wir hatten einen Flug mit Zwischenhalten in London und Vancouver nach Seattle gebucht. Dort kamen wir leider ohne Koffern an, konnten uns dadurch aber wenigstens Seattle 2 Tage lang besser ansehen (Fischli wollte am ersten Tag bereits auf dem Markt Riesen Knoblauch (Jumbo Garlic) zum Heimnehmen kaufen). Zwischendurch hatte ich sowohl hier in Seattle, aber auch später auf der Reise längere Telefonate mit unserem Finanzchef, denn es war Budgetierungszeit. Zuerst fuhren wir auf der Route Nr 1 und nachher auf der Route 101 alles dem Meer entlang südwärts: Durch viel intakte Natur mit Regenwald, Sekoja-Wäldern, Clear Cut Holzschlag im Staat Oregon und wilden Küsten mit ihren View Points (meist zwar in den Wolken oder im Nebel), mit nebenher fliegenden Pelikanen, mit arg stinkenden Seepferden in Höhlen und auf Klippen, mit einigen Abstechern ins Landesinnere wie beispielsweise zum Info-Center des erst vor ein paar Jahren explodierten Vulkans Mount St. Helens, zum verträumten Craterlake, in die Weingebiete Kaliforniens, nach Sacramento und dann bis nach San Francisco. Dann weiter über Monterry und Carmel über das Hearst-Castle und Santa Barbara bis nach Los Angeles. Von dort flogen wir nach New York zurück, wo wir uns nach einer Nacht im Drake Hotel
auf der Queen Elisabeth 2 zur Transatlantikfahrt einschifften. In einem speziellen Koffer hatten wir auf der Reise unseren guten QE2 Kleider Sorge getragen, indem wir überall dort, wo wir mehr als 1 Nacht blieben, die Kleider lüfteten und wieder neu einpackten. Auch die Überfahrt selbst auf dem Luxus-Liner war ein einmaliges Erlebnis. Vor allem die Ausfahrt aus New York mit der immer kleiner und kleiner werdenden Skyline im Abendhimmel, bis am Schluss nur noch die zwei mächtigen Türme des World Trade Centers in Down Town Manhatten wie kleine Nadeln zu sehen waren... Immerhin, wir sahen sie noch vor 9 / 11! Es war eine alles in Allem eine traumhafte, sehr abwechslungsreiche und absolut unvergessliche Reise.
1992: Absetzung als CEO BALLY, Ferienwohnung Celerina, Ferien Bretagne mit Br, Hochzeit Andrea Frank, Implatate HR
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8.13.  Unsere Familie Gadient -Karpf – 1992: Absetzung als CEO BALLY, Ferienwohnung Celerina, Ferien Bretagne mit Br, Hochzeit Andrea Frank, Implatate HR.

Das Jahr brachte in chronologischer Reihenfolge im Januar Skiferien im Cresta Palace, im Mai die Absetzung bei BALLY als Arola Chef und Entlassung aus den übrigen Funktionen in der Gruppenleitung, die ich im Abschnitt "13. BALLY, 16.Februar 1977 bis 31. Dezember 1993" beschrieben habe.

Anfangs Mai konnten wir zusammen mit Krapf Fröhlich und Pedal Stump, zwei alten St. Galler Handballkollegen im Haus Ca­flisch hinter dem Bahnhof in Celerina eine kleine Ferienwohnung in ganzjähriger Miete übernehmen. Wir hatten zufällig im Januar im Cresta Palace Krapf getroffen, welcher zusammen mit Pedal eben eine Wohnung besichtigt hatte. Sie fragten mich, ob ich zu einem Drittel auch für die Miete aufkommen würde, wenn Pedal als Dritter die Wohnung in der Zeit, in welcher Krapf und ich sie nicht benutzten, weitervermieten würde. Wir sagten ja. Schlussendlich war der Zeitpunkt für den bezug dieser Ferienwohnung dann wirklich unglaublich günstig! Fast wie vorgeplant für die Zeit nach meinem Rauswurf bei BALLY zur Erholung von den Strapazen und zum Einziehen von den 82 Ferientagen, die ich noch zu gut hatte!!!

Zu der Wohnung gibt es einen besonderen Abschnitt: "9. Erinnerungen an die Ferienwohnung In der Chesa Caflisch, Via Chalchera 6, CH - 7505 Celerina".

Andrea hatte ihren Job beim Kanton Thurgau aufgegeben und hatte mehr zufällig anlässlich eines Interviews bei Executive Search Robertson AG gleich dort als Sekretärin / Researcherin zugesagt, als der dortige Chef und Besitzer Gert Staengel ihr sagte, sie käme für die ausgeschriebene Stelle nicht in Frage, er suche aber genau jemanden wie sie. Daraus sollte sich dann ja später auch eine gewisse Mitarbeit meinerseits bei Robertson AG ergeben.

Im Juli verbrachten wir 2 Wochen Ferien in der Bretagne, zusammen mit Brunnsch­wei­lers. Wir fuhren im Autozug von Strassburg bis Nantes und waren je 1 Woche in Quiberon und auf der Belle Ile. Wir machten wunderbare Wanderungen der wilden Küste entlang, besuchten Menhire und Steinmöckli, und im Hotel auf der Belle Ile war Fischli der Ansicht, den Herrn doch zu kennen, der das Hotel begutachtete: Es war Präsident Mitterand, dem Fischli tief ins Auge blickte. Wunderbare Ferien!

Ein weiterer Höhepunkt des Jahres war dann selbstverständlich der 15. August 1992: Die Hochzeit von Andrea und Frank. Das Wetter spielte voll mit: Es war ein strahlend schöner, wolkenloser und heisser Augusttag. Minutiös hatten wir den Empfang der Hochzeitsgäste mit einem Apéro am frühen Nachmittag bei uns im Garten in Hombrechtikon vorbereitet. Von dort ging es in die Kirche Hombrechtikon zur Trauung, und dann nach Rapperswil in den Schwanen zum Fest. Ein warmer, wunderbarer Augustabend bei offenen Fenstern im schönen Schwanensaal, mit der zusätzlichen Attraktion des Feuerwerks am Abendhimmel über dem See vom zufällig stattfindenden Lachner Seenachtfest.

In diesem Jahr ging mein langjähriger Zahnarzt Dr. Hans Herzog in Pension. Das war der Moment, zu Dr. Grunder in Zollikon zu wechseln, das ist Pierre Zoellys Schwiegersohn. Dieser war entsetzt ob dem Zustand meiner Zähne und liess sie auch noch von seinem Partner Dr. Gaberthül begutachten. Die Diagnose war ein richtiger Schock: Hochgradige Paradentose mit oben bereits angegriffenen Kieferknochen und dort nichts mehr zu retten, unten konnten einige Zähne noch über die Runden gebracht werden. Als Lösung kamen verschiedene Alternativen in Frage, wobei ich mich für eine Total-Sanierung entschied: Oben mittels acht Implantaten und unten mit einer kleinen Normal-Prothese. Diese Lösung brachte Kosten in der Grössenordnung von CHF 50'000 mit sich. Das ergab eine sehr langwierige Geschichte: Immer wieder Operationen, Anpassung von provisorischen Zahn-Prothesen, Tage Zuhause weil keine Zähne, kurz: Mehr als 2 Jahre lang Stammgast in der Zahnarzt- und Zahntechnikerpraxis an der Dufourstrasse beim Bahnübergang in Zollikon! Von diesem Moment an hatte ich aber Ruhe bis 2015, als die noch vorhandenen Zähne sowie die Prothesen abgewetzt waren und neu aufgebaut werden mussten. Auf meine Frage, ob für so einen alten Chlaus sich das noch lohne, meinte Dr. Grunder, dass ich jetzt halt noch möglichst lang leben sollte, um die neuerlichen CHF 12'000 gut amortisieren zu können
1993: Celerina, Neubau EFH in Zollikon, Verkauf in Hombi, CSSR-Reise, Vorstand im Kulturkreis Zollikon, Studienabschluss Lexi
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8.14.  Unsere Familie Gadient -Karpf – 1993: Celerina, Neubau EFH in Zollikon, Verkauf in Hombi, CSSR-Reise, Vorstand im Kulturkreis Zollikon, Studienabschluss Lexi.

Nach Neujahr 1993 erhielten wir plötzlich für unser Haus in Hombrechtikon auf unser vierteljährliches Routine-Inse­rat etwa 20 Anfragen, was mich sofort dazu brachte, den Neubau in Zollikon nochmals ausschreiben zu lassen, und siehe da, die Baukosten waren in der Zwischenzeit um fast 10% gefallen, wenigstens ein kleines Trostpflaster gegenüber dem Nachlass auf den Schätzpreis, den wir beim Verkauf unseres Hauses in Hombrechtikon zugestehen mussten.

Die Bauzeit des Hauses in Zollikon war mit ganz wenigen Ausnahmen nochmals eine weitere, tolle Bau-Erfahrung im Leben. Pierre Zoelly arbeitete nach vielen unliebsamen Erfahrungen bei Kostenüberschreitungen jetzt neuerdings mit einem Generalunternehmer zusammen. Und da das Baugewerbe während der Immobilien-krise nicht allzu gesegnet mit Aufträgen war, nahm die BW Generalbau auch einige anspruchsvolle Einfamilienhäuser in Arbeit, sehr zum Vorteil der Bauherren, denn da waren wirkliche Professionals am Werk, und es lief sehr wenig schief. Ich war meistens auf dem Weg zur oder von der Arbeit einmal pro Tag auf der Baustelle und konnte das Werden unseres neuen Heims mit viel Befriedigung von ganz nah mitverfolgen. Dies umsomehr, als nach meiner Absetzung als Direktionspräsident die berufliche Belastung gegen Null tendierte, weil man mich gar nichts Wichtiges und Richtiges mehr machen liess, obwohl ich eigentlich von der Erfahrung her im Engros- und Detailhandel, in Fabrikation, sowie in Administration und Führung prädestiniert gewesen wäre, in einem Konzern, wo alles drunter und drüber ging, anspruchsvolle Aufgaben anzupacken. Die Arbeit die man mir zwischendurch anbot, war unter jeder Beschreibung. Jeden Morgen, wenn ich die halbe Stunde zur Arbeit fuhr, fragte ich mich jeweils, was ich heute wohl den ganzen Tag im Büro machen sollte. Ich lernte aber zum Glück in dieser Zeit für den Hausgebrauch den PC einigermassen beherrschen, das konnte man mir nicht abschlagen, denn ich hatte ja auch keine Sekretärin mehr, nicht einmal mehr eine halbe oder einen Viertel davon. Auch gab es wahrscheinlich nicht viele NZZ-Leser, die die Zeitung von vorn bis hinten wirklich durchlasen!

In diesem sehr schwierigen Jahr wurde ich ein weiters Mal von Fischli und den Kindern getragen. Ich möchte drum hier nochmals wiederholen, dass Fischli wie in allen schwierigen Situationen jetzt und früher immer ganz fest hinter mir stand und mir Kraft gab, ihr zuliebe durchzuhalten.

Die Freistellung von Ende 1993, die man mir anbot, mir, der eigentlich das ganze Leben lang so gerne zur Arbeit gefahren war und der doch immer mit grosser Freude eher überdurchschnittlich viel gearbeitet hatte, war eine richtige Erlösung. Ja Fischli und ich hatten Ende Jahr die unverhoffte,grosse Chance eines totalen Neuanfangs: Umzug ins neue Haus nach Zollikon, Fischli ohne Bibi, ich pensioniert! Eine richtiggehende Zäsur! Es konnte praktisch nur besser kommen.

Im Herbst 1993 löste ich noch ein in den 60er Jahren gemachtes Versprechen ein, Fischli die Tschechoslovakei zu zeigen und dieses wunderbare Land einmal im eigenen Auto ausgiebig zu bereisen. Ich war seinerzeit für Growela immer wieder  hinter den "eisernen Vorhang" gereist, um die Teilefertigung und die Zusammen-arbeit mit den ehemaligen Bata-Werken zu organisieren. Jetzt, nach dem Fall des eisernen Vorhangs war es besser möglich, eine private Reise zu planen. Böhmen, Mähren und die Slowakei sind immer eine Reise wert, und Prag ist meines Erachtens nach wie vor eine der schönsten Städte der Welt.

Auf dieser Reise erfuhren wir von Lexi Zuhause, welche auf ihre Lizenziatsprüfung büffelte, dass unser Haus in Hombrechtikon verkauft worden war.

Ich hatte mich im Herbst 1993 dazu entschlossen, im Vorstand des Kulturkreises Zollikon mitzumachen, wo gleichzeitig Hans Gremli (im KTV v/o Galan) Präsident wurde. Ich hatte nach der Kultukreis-Reise nach spanisch Katalonien über die Organisation und Reiseleitung gemotzt und Vorschläge eingebracht, wobei man mich sofort bat, im Kulturkreis-Vorstand das Ressort Reisen zu übernehmen. Man hätte schon längere Zeit nach jemandem Ausschau gehalten. Wir waren bereits Mitglied und hatten schon an vielen Reisen teilgenommen. Daher wusste ich, auf was ich mich einliess. Ich sagte zu, denn abgesehen dass Fischli und ich sehr gerne reisen, macht es mir auch richtig Spass, Reisen zu organisieren. Die Mitarbeit im Kulturkreis war auch deshalb sehr erfreulich, dass wir nach unserem Umzug nach Zollikon (d.h. vor allem natürlich für mich, denn für Fischli war es ja ein Heim-Kommen) mit vielen interessanten Leuten aus Zollikon in Kontakt kamen und sie kennen lernen durften.

Ein weiterer Meilenstein im Leben unserer Familie war der Studienabschluss von Lexi. Die Lizenziats-Arbeit war angenommen worden und die letzten Prüfungen erfolgreich be- und durchgestanden. Zuerst gab es eine würdige Verleihung der Doktorentitel und der Lizenziate in der Aula der HSG, und dann eine lustige Lizenziatsfeier, zusammen mit ihrem WG-Kol­legen Steffen Tolle, der gleichzeitig sein Doktorexamen feierte: Wir waren in eine Chnelle in Eggersriet eingeladen bei Chäshörnli und Schwyzerörgeli-Musik von Steffens Doktorvater Prof. Dr. Zimmermann! Nun war also unser Lexi auch fertig! Eine liz. rer. publ. HSG! Unglaublich, Fischli und mir fiel ein gewaltiger Stein vom Herzen, alle Töchter berufsmässig mindestens auf eigenen Füssen.
1994: Umzug nach Zollikon, Fischlis Eminenzia
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8.15.  Unsere Familie Gadient -Karpf – 1994: Umzug nach Zollikon, Fischlis Eminenzia.

Nach dem Neujahr 1994 fuhren wir zuerst einmal in die Skiferien nach Celerina. An Weihnachten hatte ich Fischli für die dortige Bobbahn eine Passagierfahrt mit mir zusammen geschenkt, welche wir einzogen. Wir fuhren mit dem erfahrenen Piloten Reto Caplatzi und einem Bremser. Fischli war bereits im Sunny Corner praktisch ohnmächtig, und beim Aussteigen in Celerina war es ihr schlecht. Seit dieser Fahrt auf „ihrem“ Bob-Run behauptet sie, dass sie jetzt wahrscheinlich wisse, wie sterben sei! Dabei hatte sie jeweils in den Vorjahren auf unseren Spaziergängen entlang der Bahn immer sehr lauthals kundgetan, dass sie mit Erich Schärer da hinunter fahren wolle. Dabei war es scheinbar eine sehr gute Fahrt, denn als wir auf der Lastwagenbrücke mit den Bobs wieder hinauf fuhren, meinte Herr Caplatzi beim Horse Shoe, er hätte diese Kurve schön hoch und sauber erwischt. Bis Fischli auf das Glas Champagner verzichtet, das bei der Übergabe des von Gunther Sachs unterzeichneten Diploms kredenzt wurde, braucht es wirklich viel. Also eine Erfahrung mehr mit „sporty Frieda“!

Von Celerina zurückgekehrt begannen wir mit der Räumung unseres Hauses in Hombrechtikon. Wenn man wie wir während 30 Jahren im eigenen Haus mit riesigem Estrich wohnt, sammelt sich allerhand an, besonders bei einem Sammler-typ wie mir! Es bedeutet unzählige Male vom Estrich in die Garage oder direkt in die Mulde retour! Auf alle Fälle nahm ich fast 10 kg ab, und der Gemeindeange-stellte in der Entsorgungsstelle wurde mir ein guter Bekannter, denn manch­­­mal kreuzte ich dort sogar mehrmals täglich auf! Dann musste ich im neuen Haus in Zollikon den Zugang zum Katzen-Törli zimmern und montieren, Gestelle im Keller und im Schopf montieren, dazu die Träger und Holztablare einkaufen, einpacken, Züglete organisieren usw. Es war eine hektische, aber interessante Zeit mit restlos ausgefüllten Tagen.

Weil im neuen Haus der Teppich im Untergeschoss falsch geliefert worden war, mussten wir in letzter Minute den Ablauf mit den zwei Zügelterminen austauschen. Wir mussten deshalb schon mit dem ersten Termin unser Schlafzimmer zügeln und danach zwangsläufig in Zollikon bleiben und zum Packen des zweiten Teiles jeweils nach Hombrechtikon zur „Arbeit“ fahren! Ab 23. Februar 1994 wohnten wir nun also in Zollikon, und wir geniessen seither an jedem neuen Tag die Schönheit und Weite der Aussicht auf den Zürichsee. Als wir mit dem ersten Zügelwagen ankamen, war Pierre Zoelly mit einer Fotoequipe im Haus, um das Architektur-Monument vor der „Zerstörung durch die Besitzer“ (Ausdruck von PZ!) noch sauber festzuhalten. Die Zügelmannen fanden übrigens, sie hätten erst einmal noch mehr Wein zügeln müssen! Daran war aber Tom Oederlin bei BALLY schuld, welcher mir anlässlich seiner Pensionierung gesagt hatte, sein Vater hätte immer gesagt,man müsste bei der Pensionierung so viel Wein im Keller haben, wie man bis ans Lebensende noch trinken könne.

Die Übergabe des Hauses in Hombrechtikon an den neuen Besitzer fand anfangs März statt, wobei dieser das ganze schöne Holztäfer im „Neubau“ von 1974 weiss streichen liess, was aber auch eine sehr interessante Wirkung hatte. Ich brachte einmal noch die Wintergartenabdeckung nach Hombrechtikon und, da die Maler noch im Haus waren, konnte ich noch einen letzten Blick in das weiss gemalte Wohnzimmer werfen. Tempi passati!

An einem schönen Märztag, am Aschermittwoch, überredeten Lexi und ich Fischli, mit mir in die Flumserberge zum Skifahren zu kommen. Es war relativ warm und sehr sulzig, was Fischli sowieso nicht gern hat. Kurz nach dem Start zur ersten Abfahrt, an einer etwas schmalen Stelle, fuhr ein kleiner, ca. 5 jähriger Bub von hinten in Fischli hinein, sodass Fischli ganz langsam zu Boden ging und sich dabei den obersten Teil der Gelenkkugel im Kniegelenk brach. Es ging nur noch per Rettungsschlitten weiter! Orginalton Fischli: "Ein Jahr nach der Bobbahn jetzt auch noch dies!" Fischli fragte übrigens den Rettungsmann im vollen Ernst, ob sie nicht sitzend nach unten fahren dürfe, sie liege ungern kopfvoran in diesem Schlitten! Der Schlitten brachte sie bis Tannenboden­alp, wo wir das Auto hatten, und ca. um halb elf waren wir schon beim diensttuenden Arzt in Flums, welcher aufschrie und rief: „Aber nicht schon wieder ein Knie“! Verständlich, denn ich wusste ja von meinem Vater, wie wild in Flums gefastnachtet wird, und so sah der Arzt auch aus: Er war unrasiert, und wahrscheinlich nach dem Fastnachtsdienstags-Ball noch gar nicht im Bett gewesen. Er röntgete das Knie und vermutete aufgrund der Aufnahme einen Anriss am obersten Teil des Schienbeins, der sogenannten Eminenzia. Mit einem reich gefüllten, scheinbar für alle Patienten im Voraus abgepackten vollen Tragsack mit mehr weniger notwendigen Medikamenten, 2 grünen Krücken und dem weisen Rat, noch zu einem Spezialisten zu gehen, verliessen wir Flums. Zuhause angekommen, setzten wir uns mit Lexis Kniespezialist im Zollikerberg in Verbindung, welcher sich das Knie ansah und auf dem Röntgenbild im Gegensatz zum fastnachtgeprüften Arzt in Flum­s sofort und klar einen Bruch dieser Eminenzia sah. Er telefonierte mit seinem Kollegen im Balgrist, wo Fischli in 30 Minuten für den Computertomographen vorgemerkt wurde! Vom Zollikerberg also direkt in die Realp „und ab in die Röhre“, wie der Arzt sich ausdrückte.

Wenn sie in der Klinik Balgrist ein Bett frei gehabt hätten, hätte Fischli gerade bleiben müssen. Wir mussten aber nochmals nach Hause zum Schlafen und anderntags einrücken zur Operation, da es kein freies Privatpatienten-Zimmer hatte. Ein wunderbarer Arzt, Dr. Gonzales wollte eine Zugschraube montieren. Ich war zufällig da, als Dr. Gonzales Fischli das erste Mal nach der Operation in ihrem tollen Eckzimmer mit Aussicht auf Stadt und See besuchte. Ich bat ihn, mir doch anhand des Röntgenbildes zu erklären, was er geschraubt habe, denn ich wäre Maschineningenieur! Dr. Gonzales antwortete ohne eine Sekunde zu zögern mit viel Humor: „Ja und ich bin Maschinenschlosser, ich habe gebohrt und eine Zugschraube eingesetzt“. Nach ihrer Entlassung aus dem Spital war ich für ein paar Wochen Haus­mann, was ich aber überhaupt nicht als Last empfand. Nun konnte ich einmal Fischli etwas verwöhnen.

Fischli musste alle paar Tage in die Physioteherapie und bekam dann zudem eine Maschine mit nach Hause, in welcher das Bein eingelegt wurde und das Knie langsam und ohne Belastung gebeugt und gestreckt wurde. Langsam wurde die Einstellung für den Beugewinkel vergrössert, und der Bewegungsablauf normalisierte sich langsam. Dr. Gonzales hatte Fischli pro­phezeiht, dass sie ab jetzt ein Knie habe, vorher habe sie dies nie bemerkt. Der Heilungsprozess verlief aber sehr gut, sodass sie heute ihr Knie nur noch höchst selten merkt. Übrigens war die Schraube nach einigen Wochen locker, sodass ich gern und viel im Freundeskreis erzählte, Fischli habe eine Schraube locker…. Alles war aber schön zusammengewachsen, sodass man die überflüssig gewordene Schraube unter Vollnarkose wieder entfernen konnte. Fischli fragte Dr. Gonzales, ob sie die Schraube aus Titan als Souvenir behalten dürfe. Als Fischli aus der Narkose erwachte, hatte sie die Schraube in der geschlossenen Hand! Dr. Gonzales hatte sie ihr im Tiefschlaf in die Hans gedrückt... .

Im Juli diesen Jahres 1994 nahmen Fischli und ich an einem Thomas Mann Symposium in Davos teil. Fischli war inzwischen fast etwas wie ein Thomas Mann Spezialist geworden; sie las fast alles von ihm und las auch viel Sekundärliteratur. So war das Symposium ein grosses Erlebnis, umsomehr als man auch Stätten besichtigte, wo er gewesen war und die er beschrieben hatte.
 
Im Herbst arbeitete ich auf Mandatsbasis als Berater für Nuno Romao (wohl eher für André Kurz) bei der Growela Portuguesa in Portugal, wobei ich einmal mit André Kurz im Auto nach unten fuhr, eine wunderbare Fahrt mit guten Gesprächen und schöner Landschaft, von der André immer wieder sprach. Fischli kam für ein paar Ferientage nach. Auf der Heimreise übernachteten wir mit den Störchen in Ciudad Rodrigo, besuchten ausgedehnt Salamanca und fuhren dann über Madrid, Zaragossa, Barcelona und Rhonetal heimwärts.
1995: Flusskreuzfahrt Moskau - Petersburg, Mitarbeit bei Robertson AG, Beginn Golf-Karriere
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8.16.  Unsere Familie Gadient -Karpf – 1995: Flusskreuzfahrt Moskau - Petersburg, Mitarbeit bei Robertson AG, Beginn Golf-Karriere.

In diesem Jahr machten wir mit Brunnschweilers eine Flusskreuzfahrt von Moskau nach Petersburg, einer für uns eher fremden Welt. Die Natur war aber überwältigend, besonders ein nahendes Gewitter auf einem der grossen Seen im Norden Russlands. Die Klöster waren wie in den Bilderbüchern, aber überall wurde man an Relikte des Stalinismus und der grausamen kommunistischen Herrschaft erinnert. St. Petersburg und Umgebung mit seinen Prachtsbauten und Museen war grossartig. Auf dem Schiff hatte uns Marina, eine Philosophiestudentin, bedient, welche wir anschliessend für zwei Wochen zu uns einluden.

Im Jahr 1995 hatte auch ich begonnen, für Robertson AG zu arbeiten, zuerst als freier Berater, später für zwei Jahre auch noch als Verwaltungsrat. Andrea hatte mich mit Gert Staengel zusammengebracht. Ich erlebte aber nach dem Umzug an den Zeltweg nur noch Ghias letzte Wochen bei Robertson, denn sie hörte dann auf zu arbeiten, da am 15. September 1996 dann unser erster Enkel Jan Heinzelmann auf die Welt kam.

Ferner hatte mich die seinerzeitige Tschechoslowakeireise mit Fischli zu einer Kulturkreisreise in die Slovakei animiert, welche ich zusammen mit Helen Oplatka im Herbst 1995 konzipierte und im Auto rekognoszierte. Die Beziehungen ihres Mannes, Dr. Andreas Oplatka von der Neuen Zürcher Zeitung, selbst Tscheche und bis 1956 in Ungarn aufgewachsen, halfen uns dabei sehr. Er vermittelte uns die besten Leute, welche uns berieten und teilweise selbst Führungen übernehmen wollten.

Auf dem Golfplatz in Bubikon begannen Fischli und ich bei Ronny Levitan, einem Südafrikanischen Pro, Stunden zu nehmen. Fortschritte hielten sich in Grenzen
1996: Marina Chepkina, 1. Enkel Jan Heinzelmann, Präsident KTV AH Zürcher Blase, 1. Mallorca Wanderwoche
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8.17.  Unsere Familie Gadient -Karpf – 1996: Marina Chepkina, 1. Enkel Jan Heinzelmann, Präsident KTV AH Zürcher Blase, 1. Mallorca Wanderwoche.

Nach den obligaten 2 Wochen Skifahren fuhren wir im Februar zum Abschluss des zweiwöchigen Aufenthaltes von Marina Chepkina nochmals  für ein paar Tage nach Celerina. Wir hatten unsere Kellnerin auf der Flussfahrt Moskau-St. Petersburg zu uns in die Ferien eingeladen. Am Schluss waren wir gar nicht mehr so sicher, ob es gut gewesen war, Marina die westliche Welt zu zeigen, die für sie absolut unerschwinglich war und in der Folge wahrscheinlich der grosse Lebenstraum bedeutete, aus Russland heraus und in den Westen zu kommen.

Im Frühling diesen Jahres fand die erste der verschiedenen Mallorquiner Wanderwochen der Zürcher Blase der AHAH des KTV St. Gallen unter Führung von Wanze statt, ein voller Erfolg. Wir wohnten jeweils im Hotel Don Leon in Colonia St. Jordi, welches seinerzeit von Wanzes Bruder Hans Knopfli als Chef der Bank Leu ermöglicht wurde. Alice und Hans Knopfli haben ganz in der Nähe ein schönes, modernes Ferienhaus, und sie waren jedesmal, wenn wir da waren, ebenfalls anwesend und waren meistens mit uns. Ich hatte Wanze seinerzeit versprochen, das Präsidium der Zürcher Blase zu übernehmen, wenn er mir weiterhin bei den Wanderanlässen zur Seite stehen würde. Als er mir dies zusicherte, übernahm ich in diesem Jahr als Obmann die Zürcher Blase des KTV, noch ohne zu wissen, dass ich es auch nach 20 Jahren noch sein sollte!

Dann hatten wir, ebenfalls im Frühling, über Hapimag Tamdem-Tours einen einwöchigen Anfänger-Golfkurs in Mas Nou Spanien gebucht. Auch hier waren die Fortschritte eher mässig. Vor allem Fischli war etwas frustriert, wenn ihre Bälle nicht bis auf die anvisierte Weite und nur ungefähr in die richtige Richtung flogen. Es war aber eine gute Woche und auch die Reise machte Spass.

Im Frühsommer luden wir dann Lexi und Philipp für ein paar Tage Toscanaein, mit Florenz, Siena, Monteriggione etc., und als Ausgleich dazu fuhren wir mit Frank und mit der hochschwangeren Ghia ein paar Tage ins Elsass.

Am 17. September kam Jan Heinzelmann zur Welt, unser erster Enkel! In den kommenden Jahren sollten sich die Ereignisse in Sachen Enkel richtiggehend überstürzen: Innerhalb von 4 ½ Jahren sollten wir 5 Enkel geschenkt bekommen, alles Buben, nach meinen Frauenhaushalten einmal etwas ganz anderes. Das Grosseltern-Dasein führte uns in einen neuen Lebensabschnitt!

Im Kulturkreis übernahm ich neben dem Ressort Reisen nach dem berufsbedingten Rücktritt von Felix Bernet auch noch das Ressort Finanzen. Wahrscheinlich habe ich während meiner beruflichen Aktivzeit zu viel über die Finänzler geschimpft, dass ich nun plötzlich auch noch für die Finanzen des Zolliker Kulturkreises verantwortlich war. Ich führte eine etwas professionelle Struktur mit Budgetierung, einem Vergleich Effektiv zu Budget und einer sauberen Abrechnung ein. Mein Nachfolger wird es einmal wesent­lich einfacher haben, die Finanzen zu übernehmen. ich fand gar nichts vor!
1997: Bettmeralp/Celerina, Finca Kurz Mallorca, Cinque Terrae, Hochzeit Lexi/Philipp, Bodrum, Paris
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8.18.  Unsere Familie Gadient -Karpf – 1997: Bettmeralp/Celerina, Finca Kurz Mallorca, Cinque Terrae, Hochzeit Lexi/Philipp, Bodrum, Paris.

Das Neujahr verbrachten Fischli und ich bei prächtigem Skiwetter auf der Bettme­ralp im Wallis, wo wir die Familie unserer Tochter Alexa besuchten. Die Familie ihres zukünftigen Man­nes Philipp Bosshard macht dort seit Jahren Winterferien. So wie wir Engadin-minded sind sind Bosshards Bettmeralp-minded, und so ist Lexi seit ein paar Jahren eben jeweils auch dort. Höhepunkt dieser Kurzferien war ein Sitzenbleiben nach dem Skifahren in Art Furrer's "Furi-Hütte" zuerst mit einem ausge­dehntem Apéritiv, dann mit einem Raclette-Essen und anschliessender Nachtabfahrt im Fackelschein ins Dorf hinun­ter. Noch ein lustiges Detail: Ich hatte während dem Studium zusammen mit Alexas zukünfti­gem Schwiegervater in der ETH Mannschaft Handball gespielt.

Es ging dann gleich weiter mit 2 Wochen Skiferien in unserer kleinen Engadiner Wohnung in Celerina bei St. Moritz. Das schöne Wetter sowie die unwahrscheinlich guten Schneeverhältnisse waren beste Voraussetzungen dafür, dass Fischli zwei Jahre nach ih­rer durch einen Skiunfall bedingten Knieoperation wieder über die Pisten flitzte, wie schon lange nicht mehr. Ich war überglücklich, denn wir fahren jetzt über 35 Jahre zusammen Ski, und ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, dass ich dies alleine tun müsste. Neben dem Skifahren kamen auch grosse Winter-wanderungen nicht zu kurz, die Fischli so liebt.

Im März durften wir zwei Wochen das Haus von Myrtha und André Kurz, eine Finca auf Mallorca be­nutzen, die ersten drei Tage gemeinsam mit ihnen. Das umgebaute Bauernhaus mit gros­sem Garten und Swimming Pool ist ein wunderbares Ferien-domizil. Wir benutzten die Ge­legenheit, weitere, uns noch unbekannte Ecken dieser ausserordentlich schönen Insel mit ihren Sehenswürdigkeiten zu entdecken.

Anschliessend fuhren wir für ein paar Tage in die Cinque Terrae zu Hanneli und Heinz Busenhardt, die dort in den Ferien weilten. Wir machten einige traumhafte Wanderungen mit atemberaubender Aussicht auf die Küste und das Meer und hatten es auch sehr lustig.

Danach wurden wir aber etwas sesshafter, zum Glück auch für Andrea. Nachdem ihr Sohn Jan im März halbjährig geworden war, begann Andrea wieder einen Tag pro Woche zu arbeiten, was zur Folge hat, dass wir als Grosseltern jeweils an diesem Tag den relativ wilden, jungen Mann betreuen. Jan macht uns viel Freude und entwickelt sich von Woche zu Woche.

Höhepunkt des Jahres war aber am 7. Juni 1997 die Hochzeit von Lexi mit Philipp Bosshard. Ähnlich wie seinerzeit bei Ghia fand der Empfang der Hochzeitsgäste auch wieder bei uns in Haus und Garten statt, dieses Mal aber jetzt in Zollikon. Wir hatten uns eine grosse Mühe gegeben, den Garten in einen optimalen Zustand zu trimmen, was zweifellos gelungen war. Philipps Bruder und ich hatten im Garten der schlechten Wetterprognose entsprechend ein Zelt aufgestellt, das ich jedoch zusammen mit dem Bräutigam am Hoch­zeitstagmorgen um 11’00 Uhr wieder abbrach, da es darunter bei einem so wunderschönen Frühsommertag zu warm geworden wäre. Über 110 Gäste folgten der Einladung zum Empfang und zum Apéritif. Um drei Uhr bewegte sich die Gästeschar zu Fuss durchs Kleindorf zur reformierten Kirche Zollikon, wo die kirchliche Trauung stattfand. Von dort dislozierten die auch zum Abendessen geladenen Gäste dann nach Küsnacht, wo bei herrlichstem Wetter am See zu Musik von Stef Brunnschweiler und seinem Gitarrenquartett im Rosengarten des Seehof der Apéro mit Häppchen serviert wurde. Nach dem Abendessen spielte eine Life-Band, und es wurden viele gute Produktionen geboten.

Wir hatten vorsorglicherweise 100 weisse Schirme mit dem Aufdruck 7. Juni 1997 bereitgestellt, die wir dann bei einem Gewitter um Mitternacht auf dem Heimweg sehr gut brauchen konnten.

Das Jazz Festi­val in Zollikon fand dieses Jahr im September zum zweiten Mal statt, und es sieht so aus als ob dies eine feste Sache werden könnte. Ich beschäftigte mich als OK Mitglied intensiv mit den Finanzen. Auch hier noch ein klei­nes Detail am Rande: Leiter der Jury ist André Berner, der legendäre Begründer des frü­heren Zürcher Jazz Festivals im Kino Urban, wo ich 1953 anlässlich der zweiten Austra­gung mit unserer St. Galler Mittelschul-Jazzband die Tuba gespielt hatte.

Wir hatten in diesem Jahr Hapimag Aktien gekauft und hatten als Willkommens-geschenk 2 Wochen in der neuen, noch unausgelasteten Anlage in Bodrum in der Türkei erhalten. So erlebten wir Mitte Oktober höchst interessante Herbstferien in Bodrum, dem früheren Halikarnassos mit den Ruinen des Mausoleums, einem der sieben Weltwunder der Antike. Ein- und zweitägige Ausflüge zu den alten Griechen-und Römerstätten wie Ephesos, Priene, Milet, Didyma, Kaunos, Aphrodisias, Hierapolis, Pamukkele etc. liessen in uns die Antike wieder aufleben. Dazwischen genossen wir die türkische Küche, machten Bergwanderungen und schwammen im angenehm warmen Meer; vor allem konnten wir so den Sommer noch etwas verlängern.

Noch eine Reise stand im November auf dem Programm: Re­kognoszierung mit einer Kunsthistorikerin in Paris, wo die nächstjährige Kulturkreisreise hinführen wird. Während Fischli und ich anlässlich früherer Parisbesuche meist den uns bekannten Sehenswürdigkeiten nachgingen, sahen wir in diesen Tagen vor allem neue Parks, moderne Bauten usw. Wir mussten sogar einen neuen Stadtplan kaufen. Paris entwickelt sich unwahrscheinlich!

Alexa ist nach wie vor bei Heidrick & Struggles mit Begeisterung im Executiv Search tätig, während Philipp an der Uni Zürich doktoriert und ich im (Un-) Ruhestand weiterhin als freier Partner bei Robertson As­sociates im Executiv-Search tätig bin. Ich musste auf diesem Gebiet aber etwas kürzer treten, da ich seit Ende April als Verwaltungsratspräsident von ATS Wickel- und Montagetechnik in Würenlos, einer KMU im High - Tech - Bereich tätig bin. Die Firma war von einem kanadischen Marktleader übernommen worden und man suchte einen Schweizer, der mit Unternehmungsführung in der Schweiz, aber auch auf Distanz und dem dazu notwendigen Re­porting vertraut war, einem Gebiet, auf welchem ich bei Growela, dann aber vor allem bei Bally Erfahrungen sammeln durfte. Die damit zusammenhängende zeitliche Belastung war allerdings grösser, als ich mir dies ursprünglich vorgestellt hatte, sodass dieses Jahr der Golfsport zwangsweise wieder in den Hintergrund treten musste. Hinge­gen ruderte ich dieses Jahr mit über 1600 km einen persönlichen Rekord, aber das mache ich in der Morgendämmerung und habe dann den ganzen Tag zur freien Verfügung
1998: 2. Enkel Per Heinzelmann, Mallorca, Apulien, Paris, Strada Alta
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8.19.  Unsere Familie Gadient -Karpf – 1998: 2. Enkel Per Heinzelmann, Mallorca, Apulien, Paris, Strada Alta.

Das neue Jahr  begann für Fischli und mich mit den obligaten 2 Wochen Skiferien in Celerina. Wieder hatten wir prächtiges Wetter, überdurchschnittlich gute Schneeverhältnisse und während der Woche praktisch wenig Leute auf Pisten und Loipen. Die ersten paar Tage hatten wir noch Tatjana Chepkina, eine junge russische Studentin aus Sankt. Petersburg bei uns, welcher wir vor dem Engadin noch Zürich und Umgebung zeigten. Tatjana ist die Schwester von Marina, die zwei Jahre früher bei uns gewesen war und welche wir auf unserer Russlandreise 1995 kennen gelernt hatten. Fischli fuhr wieder wunderbar Ski wie vor der Knieoperation. Neben dem Skifahren unternahmen wir wieder grössere Winterwanderungen, die Fischli je länger je mehr liebt, sicher mehr, als sich nordische oder alpine Bretter unter die Füsse schnallen zu müssen.

Am 23. März kam unser zweiter Enkel Per Heinzelmann zur Welt. Damit wurde die Frauen-Dominanz in unserer Familie endgültig gebrochen. Bis zur Hochzeit unserer Töchter war das Verhältnis Frau zu Mann immer 3 : 1, mit der Vermählung von Andrea und Lexi wurde es dann ausgeglichen 3 : 3, mit der Geburt von Jan waren wir Männer das erste Mal leicht im Vorteil. Dies hätte aber mit einem Töchterchen wieder ausgeglichen werden können. Nach der Geburt von Per steht es jetzt, mindestens bis nächstes Jahr, vorläufig 3 : 5 für die Männer, allerdings nur, wenn wir die beiden Katzenweibchen nicht mitrechnen!
 
Ende März führten wir mit den Zürcher Altherren des KTV, unserer St. Galler Studentenverbindung eine zweite Wanderwoche auf Mallorca durch. Wiederum waren wir im Hotel Don Leon in Colonia Sant Jordi untergebracht und wurden im Hotel selbst aber auch bei Picknicks auf den wunderschönen Wanderungen in den Bergen und dem Meer entlang geradezu verwöhnt.
 
Fischli und ich nahmen im Mai an einer Kunstreise in Apulien der RHZ  teil. Wir flogen nach Bari und waren die ersten 6 Nächte in Martina Franca stationiert. Von dort aus besuchten wir zuerst im Süden die Hafenstadt Taranto und die archaisch-griechische Siedlung Metaponto, bereits in der Basilicata, aber ebenfalls am Golf von Taranto liegend. Ein erster Höhepunkt der Reise war bereits am zweiten Tag Otranto mit der prächtigen Kathedrale und seinen Mosaiken. Auf dem Heimweg besuchten wir auch noch kurz die Kathedrale von Lecce, sonst als Hochburg von Taschendieben bekannt. Am nächsten Tag waren wir in Alberobello mit seinen traditionellen Steinhäuser mit Spitzdach, den Trullis. Ein zweiter Abstecher in die Basilicata führte uns zu den Höhlenkirchen und Felswohnungen von Massafra und Matera. Auf den Spuren von Federico II fuhren wir dann nordwärts, wo uns die Kastelle von Gioia del Colle und vor allem natürlich das Castel del Monte sehr beeindruckten. Der Dom von Canosa di Puglia und die „Königin der apulischen Kathedralen“, jene von Trani, die Fassade dem Land, die Apsidenseite dem Meer zugewandt, beeindruckten uns ganz besonders. Zum Schluss besuchten wir noch den „Sporen des italienischen Stiefels“ mit dem Wallfahrtsort Monte San Angelo sowie den Ortschaften Vieste und Manfredonia, bevor wir in Bari wieder das Flugzeug zum Heimflug bestiegen.

In diesem Jahr konnten wir von Christof Zuber, dem Neffen von André Kurz, das Badhüsli im Lachner Horn für ein Jahr mieten. Ich arbeitete von 1962 bis 1977 in der Growela Schuhfabrik AG in Lachen (Kanton Schwyz). Dort gab es ein Wochenendhaus direkt am See. Die oberen Kader der Firma durften es an Wochenenden und in den Ferien mit ihren Familien auch benützen. Dieses Badhüsli hat einen grossen Raum mit einer bescheidenen Küchen­einrichtung, einem Cheminée und nach Süden und zum See hin auf zwei Seiten grossen Glas-Türen, die man bei schönem Wetter ganz aufmachen kann, so dass man wirklich fast im Freien lebt. Dazu kommen WC, Douche und zwei ganz kleine Schlafzimmerchen. Es hatte damals keinen Strom und kein Telefon, aber als Seltenheit einen Gaskühlschrank und eine einzige, grosse Gaslampe. Trinkwasser musste man in Kanistern anschleppen und für Lavabos und WC mühsam Grundwasser mit einer Handpumpe in einen 200 Liter Tank im Dach des Hauses pumpen. Nachdem wir uns seinerzeit mit dem Kauf unseres Einfamilienhauses und dem späteren Umbau etwas gar viel zugemutet hatten, waren wir jahrelang sehr froh, dass wir jeweils unsere Sommerferien in diesem Häuschen am See verbringen durften.

Und eben dieses Badhüsli konnten wir jetzt mieten, architektonisch immer noch im Urzustand von 1962, jetzt aber mit Strom, TV und Trinkwasser versehen, Für unsere Töchter war es ein wirkliches Erlebnis mit viel Nostalgie, dort, wo sie selbst als kleine Mädchen schwim­men und mit dem Optimist segeln gelernt hatten, jetzt mit ihren eigenen Buben Ferien zu machen und bei schönem Wetter dort auch tageweise mit der Familie zu verbringen. Ich kaufte für die Buben wieder einen Optimist! Selbstverständlich durften auch grosse Familien-Zusammenführungen nicht fehlen, so, wie wir auch einen Tag mit Brunnschweilers dort verbrachten.

Im Kulturkreis Zollikon hatten wir im August die oben bereits erwähnte Reise nach Paris mit dem Thema „Ungewohnte Sichtweisen und faszinierende Gegensätze vom Mittelalter bis zur Gegenwart“ auf dem Programm. Schwerpunkte waren dabei moderne Architektur und ein Abstecher nach Chartres, der „grüne Faden“ der Reise waren aber die Parkanlagen von Villette, Bercy, André Citroen, Jardin des Plantes und Château de Maintenon. Ich meine, dass das Reiseprogramm wirklich gut war. Die Reaktion darauf war dann auch sehr positiv. Es war auch spannend, einmal im Bus durch Paris zu fahren, da man sonst meistens mit der U-Bahn unterwegs war. Es gab eine ganz neue Sichtweise. 

Nach dem traditionellen KTV Wanderwochenende im Hotel Cresta Place in Celerina im September besuchten wir anfangs Oktober kurz Andrea mit ihrer Familie in Cap Esterel, die dort in den Ferien waren. Anschliessend wanderten wir Ende Oktober zusammen mit Brunnschweilers mit Sack und Pack über die Strada Alta von Airolo bis Biasca.
1999: Fischli Handbruch, Sizilien, 3. Enkel Fabian Bosshard, Familienferien La Madrague, KKZ Reise Piemont, 4. Enkel Finn Heinzelmann, VR Präsident ATS Wickel- und Montagetechnik Würenlos.
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8.20.  Unsere Familie Gadient -Karpf – 1999: Fischli Handbruch, Sizilien, 3. Enkel Fabian Bosshard, Familienferien La Madrague, KKZ Reise Piemont, 4. Enkel Finn Heinzelmann, VR Präsident ATS Wickel- und Montagetechnik Würenlos. .

Im Januar Skiferien wie gehabt im Caflisch-Wönigli in Celerina.

Als wir anfangs Februar einmal von einem Winterspaziergang mit Lexi von der Forch heimfuhren, fragte ich Fischli, ob sie nicht auch einmal die riesige Baugrube von Goldschmidts auf dem Nachbargrundstück sehen wolle, was sie bejahte. Normalerweise besichtigte ich die Baugrube jeweils in Stiefeln mit Jan, wenn er bei uns war. Jan war ganz scharf auf Baustellen! Also fuhr ich die Weltistrasse bis zum Kehrplatz, wo Fischli ausstieg. Weil wir vorher noch kurz in Lexis Wohnung gewesen waren, hatten wir dort unsere grossen Winterschuhe ausgezogen, und Fischli hatte diese anschliessend nicht mehr richtig geschnürt. Als sie zum Auto aussteigen wollte, hatten sich die Nestel in den Hacken verhängt, sodass ihre zwei Füsse wir zusammengebunden waren. Sie fiel so unglücklich, dass sie sich eine Hand brach und mit Backe und Stirn auf dem Boden aufschlug. Via Notarzt verbrachten wir den Rest des Tages im Spital Neumünster im Zollikerberg, wo die Hand geröntgt und dann eingegipst wurde. Eine Zweitdiagnose von Hans Scherrer am nächsten Tag brachte das gleiche Ergebnis. So war Fischli während längerer Zeit wieder stark behindert, und ich wurde wieder einmal an meine Pflichten als Hausmann erinnert.

In der zweiten Hälfte März hatten wir uns bei der Reisehochschule Zürich für eine Kunstreise „Primavera in Sicilia angemeldet. Nach Apulien im letzten Jahr ging damit ein weiterer, lang gehegter Traum in Erfüllung. Wir hatten wieder die gleiche hervorragende Reiseleiterin wie im Vorjahr in Apulien, und wieder waren wir von der Reise begeistert. Einzig das Wetter spielte nur teilweise mit. Denn entgegen dem Titel der Reise war es meistens sehr kalt und es regnete praktisch immer. Ich hatte zwar nach der Reise mit Aetna-Fotos viel Erfolg, allerdings nicht vom rauchenden Vulkan-Gipfel, dafür aber von süditalienischen Schneepflügen in voller Aktion. Den Gipfel sahen wir leider nur einziges Mal, und zwar an einem der drei einzigen schö­nen Tage ca. von der Mitte der Insel aus.

Nach Ostern führten wir mit den Zürcher Altherren des KTV eine dritte Wander-woche auf Mallorca durch. Wiederum waren wir im Hotel Don Leon in Colonia Sant Jordi untergebracht und wurden im Hotel selbst, aber auch bei Picknicks auf den Wanderungen in den Bergen und dem Meer entlang verwöhnt.

Am 4. Mai bekamen nun auch Lexi und Philipp Nachwuchs: Als dritter Enkel wurde Fabian geboren, die Mutter zwar arg strapaziert, das Kind aber „gsund und grad“, wie mein Vater jeweils zu sagen pflegte. Lexi erholte sich in ihrem Glück und mit ihrer Sportlichkeit wieder relativ schnell. Nun wussten wir also, wie die zweite Sorte Enkel aussah! Lexi und Philipp wohnen in der Forch, also nur einen Katzensprung von uns weg. Dadurch schaute Lexi öfters mit dem Kleinen bei uns herein. Und da Andrea wieder ein Tag pro Woche arbeitete, waren ihre beiden Buben auch öfters bei uns, wobei sich Jan bereits als grosse Hilfe des Grossvaters im Garten auszeichnete. Der Garten eignete sich auch gut für Sommerfreuden: Wir hatten ein kleines, aufblasbares Bassin gekauft, worin sich die beiden älteren Buben austoben konnten. Auf Drängen der Töchter wurde auch noch ein Sandhaufen eingerichtet. Infolge sehr strenger Regeln der Grossmutter für dessen Benützung (Kein Ein und Aus im Haus mit all dem Sand an Händen, Füssen und in den Kleidernl!) war dem Sandhaufen eher weniger Erfolg beschieden.

Im September 1999 hatten wir einen neuen Versuch mit Familienferien gewagt. Wir mieteten während zwei Wochen zwei 3-Zimmer Wohnungen von Hapimag in der Anlage La Madrague in Südfrankreich (in der Nähe von Bagnol, La Ciotat und Cassis) östlich von Marseille: Eine Wohnung für Heinzelmanns, und eine für uns, zusammen mit Bosshards mit dem halbjährigen Fabian im Wonnealter. Ich meine, der Versuch darf als erfolgreich in die Familiengeschichte eingehen, auch wenn die Anlage mit ihren vielen Treppen nicht gerade als besonders kinder-(wagen-) freundlich bezeichnet werden kann. Mit den beiden grossen, geschützten Terassen nebeneinander konnten wir aber jeweils grosse Gelage durchführen. Schöne Wanderungen, Besuche bei Rebbauern, viel Baden und ein paar mal Essen auswärts bleiben gut in der Erinnerung. Die Bewegungsfreiheit Heinzelmanns war etwas eingeschränkt, da Andrea wieder schwanger war. Nach der Rückkehr kam dann schon bald am 31. Okto­ber Finn als vierter Enkel zur Welt.

Im Herbst 1999 hatte ich das Gefühl, kurz nachdem ich eine neue Brille gekauft hatte, dass ich damit nicht mehr gut sehe und ging reklamieren. Der Optiker meinte, es sei wirklich so, ich sehe viel schlechter, er könne mit aber nicht helfen, ich müsse zu einem Augenarzt zur Untersuchung, worauf ich mich bei Hans Gruber, den wir bei Schreiers kennen gelernt hatten anmeldete. Dieser stellte eine Hornhauterkrankung und damit eine Veränderung der Hornhaut fest, welche praktisch nur mit einer Hornhauttransplantation korrigiert werden könne. Das sei eine Geduld heischende und langwierige Angelegenheit, die sicher 1 bis 1 ½ Jahre dauere. Leider wechselte gerade an Neujahr der Professor an der Universitätsklinik Zürich, sodass Hans Gruber vorschlug, erst im Februar zu entscheiden, was wir tun wollten, ob im Uni Spital bei einem neuen Professor oder dann bei einem Privatarzt im Hirslanden, den er kenne, den er aber aus persönlichen Gründen nicht unbedingt empfehlen wolle. Die Operation wurde dann auf den Juli 2000 bei Prof. Dr. Dr. Seiler im Universitätsspital Zürich vorgesehen und am 27. Juli durchgeführt. Es war ein etwas archaisches Spitalerlebnis mit einem dreiseitigen Brief an Prof. Seiler, in welchem ich ihm meine teilweise wirklich schlimmen Erlebnisse in seiner Klinik mitteilte. Nach der Operation machten wir fast täglich grössere und kleinere Spaziergänge, verschiedentlich ins Küsnach­tertobel, zu Fuss von Zuhause aus, mit Ausstieg über die KEK, dann Ausstieg über Badi Zumikon und zu guter letzt zu Lexi in die Forch, wobei sie uns dann heimchauffierte!

Die Reise des Kulturkreises im Oktober lief unter dem Titel „K K im Piemont“, wobei K K nichts mit Kaiserlich - Königlich zu tun hat sondern bedeutete „Kunst und Küche“. Die Nachfrage war enorm. Wir hatten schon kurz nach der Ausschreibung zwei Reisen mit 28 Personen ausgebucht, ja es bestand sogar eine Warteliste. Als Reiseleiterin konnte ich Frau Prof. Dr. Steinhoff gewinnen, welche Fischli und ich von unseren Reisen in Apulien und in Sizilien her kannten.

In der Nacht vom 30. auf den 31. Oktober standen nachts um halb vier plötzlich An­drea und Frank bei uns am Bett, sagten, sie hätten ihre beiden Buben Jan und Per bei uns schlafend bereits ins Bett gebracht und verabschiedeten sich dann für die Geburt ins Spital. Am Nachmittag wurde dann ihr dritter Bub namens Finn geboren, wiederum „gsund und grad“, was ja nicht selbstverständlich ist. Die beiden Buben blieben dann während dem Spitalaufenthalt von Andrea eine Woche bei uns und forderten uns echt! Wir wissen heute etwas besser, warum „man/frau“ Kinder in jungen Jahren hat. Nerven und Biceps werden in diesem Fall eher gebraucht als Erfahrung und Weisheit!!!

Nachdem Lexi nach Fabians Geburt ein halbes Jahr Urlaub genom­men hatte, begann sie anfangs November wieder zwei Tage pro Woche bei Heidrick & Struggles zu arbeiten, wobei sie aber im neuen Jahr einen Stellenwechsel plant. Fischli und ich hüten seither alle zwei Wochen an diesen zwei Tagen Fabian. In der anderen Woche ist Fabian bei den andern Grosseltern im Grüt (Wetzikon). Für Philipp geht die Studentenzeit abrupt zu Ende. Er ist mit seiner Dissertation in den letzten Zügen und hat praktisch per sofort und für alle überraschend eine 100% Assistentenstelle am Institut für medizinische Mikrobiologie der Universität Zürich gefunden. Er nimmt am 3. Januar 2000 das Berufsleben auf. Im März benötigt er dann noch unbezahlten Urlaub für gewisse Abschlussarbeiten an der Dissertation und die Doktorprüfungen.

Frank hat anfangs Jahr von Diebold zu Systor AG gewechselt und sich gut eingelebt. Seine Arbeitstage wurden relativ schnell sehr lang, was (wenigstens für mich) ein gutes Zeichen ist! Andrea pausiert zwangs­weise beruflich mit ihren drei Buben.

Meine Tätigkeit als Verwaltungsratspräsident bei der ATS Wickel- und Montage-technik macht mir viel Freude. ATS stellt Fertigungsstrassen für elektrische Kleinmotoren her wie sie vor allem im Automobilbau verwendet werden. Kern der Anlagen sind Ankerwickelmaschinen. Es ist sehr befriedigend, die früher im Berufsleben gemachten Erfahrungen in der Unternehmungsführung und –kontrolle einzubringen und mit Rat und Tat dem operativen Management beizustehen. Hingegen habe ich per Ende Jahr ein anderes Verwaltungsratsmandat bei einer sich in schottischem Besitz befindlichen Firma für Re-Engineering von Gasturbinen nach 1 ½ Jahren Mitwirkung wieder abgegeben, weil ich mit deren Geschäfts-gebaren nicht einverstanden war..

An Weihnachten 1999 orientierte ich zufällig die Grossfamilie, dass Dr. Christof Zuber, der Neffe von André Kurz, in Zollikon gebaut habe. Daher kam die Frage auf, ob eventuell dadurch das Badhüsli zu kaufen wäre. Ich fragte Zuber sehr direkt und erhielt eine negative Antwort. Nach 2 Wochen schrieb er mir aber, dass ihm meine Anfrage keine Ruhe lasse und er sich vorstellen könnte, das Badhüsli längerfristig zu vermieten. So packten wir die Gelegenheit beim Schopf und ich handelte aus, das Badhüsli nicht nur für ein Jahr sondern für die zwei Jahre 2000 und 2001 zu mieten, wobei wir keine Miete festlegten, sondern wir unterzeichneten eine Vereinbarung, dass er mir einfach alle eingehenden Rechnungen für Baurechtszins und Unterhalt sendet. Bei strategisch wichtigen Reparaturen müssten wir zusammen sprechen, wobei er im Prinzip diese übernehmen würde. Das Haus kann wirklich nur im Sommer oder wenn es warm ist gebraucht werden, da es für den Winter nicht isoliert ist und ausser dem Cheminée keine Heizung hat. Dadurch sind die Kosten pro benutzten Tag schon extrem teuer, aber wir mieteten es ja weniger für Fischli und mich, aber für unsere Töchter mit ihren Familien, die in Wohnblocks hausen.

Jan scheint etwas unfallgefährdet zu sein! Er hatte sich schon als ganz kleiner Bub einmal den Arm gebrochen und jetzt, an Weihnachten hat er sich bei uns eine Schaufel ganz herausgeschlagen, während die andere Schaufel nur noch ganz schief im Zahnfleisch hing. Ich fühlte mich mitschuldig, da ich mit ihm gespielt hatte und er meinte, ich würde ihn halten. Via Notfallarzt setzten wir die Zähne dann wieder erfolgreich ein, wobei Jan ein Jahr später die eine Schaufel nochmals, jetzt aber definitiv herausschlug
2000: Hornhauttransplantation HR, Provence, KKZ Augsburg, KTV Schottland, 1. Jahr Badhüsli, Promotion Philipp, Elbfahrt
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8.21.  Unsere Familie Gadient -Karpf – 2000: Hornhauttransplantation HR, Provence, KKZ Augsburg, KTV Schottland, 1. Jahr Badhüsli, Promotion Philipp, Elbfahrt.

Das Jahr  begann „quite unusual“ mit einer grossen Milleniums-Sylvester-Party in Winterthur, die mein Göttibub Stef Brunnschweiler mit einem Kollegen organisiert hatte. Dort waren wir mit seinen Eltern und einem dritten, befreundeten Ehepaar die Oldies, schön an einem „Alten-Tisch“ gruppiert, nahe beim Buffet und weit weg von der Musik (!). Solange „nur“ ein Pianist zum Apéro und Essen spielte, hatten wir es sehr kurzweilig mit guten Gesprächen. Es war herrlich, den vielen jungen Leuten zuzusehen, auf die heutige, moderne  Art festlich gekleidet, fröhlich und völlig ungeniert. Wir Oldies wurden als orginelles Zugemüse zum Fest durchaus toleriert. Gegen Mitternacht begann dann aber ein Disc-Jockey erbarmungslos unsere Trommelfelle zu bearbeiten, Flugzeugtriebwerke sind ein Säuseln gegenüber dem, was uns hier zugemutet wurde! Wir konnten kein Wort mehr miteinander reden, auch wenn wir schrien, so hart und laut war der Disco-Sound auch bei uns zuhinterst im Saal. Glücklicherweise konnten wir uns ohne Aufsehen sehr bald für den Jahreswechsel ins Freie begeben, wo es trotz dem Lärm im Saal sogar möglich war, Kirchenglocken zu hören und uns gegenseitig das Neujahr anzuwünschen. Dies alles machte es uns Oldies leichter, sich zu einem relativ frühen Abgang nach Hause zu entscheiden, so dass wir Neujahr ohne Kater feiern konnten.

Für einmal fuhren wir dann erst die zweite Hälfte Januar nach Celerina in die Skiferien. Hervorragende Schneeverhältnisse machten das Engadin zum wirklichen Bilderbuch. Wir freuten uns an unseren neuen Carving Skis und unternahmen wiederum grössere Spaziergänge auf tief verschneiten Wanderwegen; nur der Langlauf kam dieses Jahr eindeutig zu kurz. Nachdem Fabian bereits über die Festtage mit der Bosshard Familie auf der Bettmeralp im Wallis Winterferien genossen hatte, kam er mit seiner Mutter Lexi ein paar Tage zu Besuch zu uns. Und gleich beim ersten Mal im Engadin wurde er auf dem Schlitten auf Grossmamas Lieblingsspaziergang ins Val Roseg gezogen, da musste er einfach durch, obwohl er vom legendären Dessertbuffet noch gar nicht profitieren kann! 

Nach Ostern fuhren Fischli und ich für ein paar Tage in die Provence, wo wir einerseits wieder einmal Altbekanntes wie Orange, Sénanque und Les Beaux besuchten, aber auch auf den Spuren von Peter Mayle Neues entdeckten. Wir trafen unsere Freunde Myrtha und André Kurz, welche auf der Heimfahrt von Mallorca in St. Rémy en Provence eine Pause einlegten.

Wir hatten schon immer so viele Bilder von grossen Lavendelfelder in der Blütezeit gesehen, noch nie aber in natura. Wir beschlossen, dieses Jahr während der Lavendel-Blüte nochmals hinzufahren. Und das taten wir dann auch Ende Juni: Wir fuhren für einmal nicht auf der "Route du Vin" sondern auf der "Route de la Lavende" in der Haute Provence und sind glücklich, jetzt das „Lavendel-Feeling“ zu kennen; es ist wirklich für Auge und Nase beeindruckend. Zusätzlich besuchten wir dann als Zugabe noch den "Canion de Verdon".

Während einer Ferienwoche von Lexi und Philipp im Mai hüteten wir zuerst fast eine Woche lang Fabian. Dann fuhren wir auf die Kunstreise des Kulturkreises Zollikon nach Augs­burg und Umgebung. Dom und Rathaus in Augsburg beeindruckten uns sehr, aber auch die Geschichte und die Bauten der Fugger, deren Spuren nicht zu übersehen waren. Barockkirchen in der Umgebung rundeten das Bild ab.

Nach ein paar Tagen Ruhe war Ende Mai eine KTV Wanderwoche in Schottland angesagt, die Havas mit seiner schottischen Frau Lindsay aus Sterling organisiert hatten. Wir flogen nach Edinburgh und reisten per Bus weiter in den Nordwesten von Schottland, wo wir im Hotel „The Moorings“ bei Fort William am Fuss des Ben Nevis, dem höchsten Berg Grossbritanniens stationiert waren. Ein ausgewogene Mischung zwischen wunderschönen Wanderungen auf „Bens und in Glens“ in einer teilweise noch wirklich heilen Natur mit den vielen Schafherden und touristischen Exkursionen mit Bus und Fähre über weite Teile des Festlandes und der Inseln des Nordwestens bescherte uns eine sehr abwechs­lungsreiche und intensive Ferienwoche. Intensiv vor allem infolge der langen Abende mit gestifteten Apéros, guten Nachtessen und anschliessenden Whisky Degustationen.

Der Sommer brachte dann viel Freude mit dem „Badhüsli“ im Lachner Horn. Vor allem für die Kinder ist es herrlich, am See oder im Sandhaufen zu spielen, und die Eltern haben dadurch viel Zeit für sich selber. Für die Kinder ist im Notfall auch noch ein Zelt da, wenn einmal die ganz grosse Familie hier übernachten will. Kurz, wir hatten diesen Sommer dort am See manch schönes, nostalgisches Fest en famille und im Freundeskreis.

Dann ging das Kapitel Ausbildung unserer Töchter und Schwiegersöhne definitiv zu Ende, als wir am 30. Juni zur Promotionsfeier von Philipp an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich mit anschliessendem Apéro eingeladen waren. Mit Schmunzeln sagten wir zusammen mit Philipps Eltern, dass bei soviel akademischer Würde unserer Kinder und jetzt als i-Punkt nach dem Doktorat von Philipp eigentlich nur noch die Verleihung eines Nobelpreises eine Steigerung bedeuten würde.

Fischli und ich hatten uns im Oktober für eine Elbe-Flussschifffahrt angemeldet. So flogen wir Mitte Oktober nach Berlin, und waren von der Kurzvisite dieser Stadt mit Stadtrundfahrt, Besuch in Potsdam und bei den Berliner Philharmonikern begeistert. Hierher werden wir sicher nochmals zurückkommen. Von  Berlin aus reisten wir mit dem Bus nach Magdeburg. Dort schifften wir uns auf der Clara Schumann ein. Die Flussschiffahrt war ein grandioses Erlebnis, mit vor allem auf der ersten Hälfte „Natur Pur“. Über Dessau, Wittenberg, Meissen, Dresden und dann durch das Erzgebirge und die sächsische Schweiz tuckerten wir bis fast nach Prag in Tschechien. Gut geführte Exkursionen bei herrlichstem Herbstwetter machten die Reise sehr abwechslungsreich. Nach einem Kurzaufenthalt in Prag, das wir schon einmal besucht hatten, uns aber auch wieder sehr beeindruckte, flogen wir dann wieder nach Hause. Alles in Allem eine Reise eher der ruhigen Art, ohne Hektik, und ohne Auto!

Mit unseren 4 Enkeln sind wir oft ganz schön beschäftigt, denn beide Töchter haben anfangs Jahr tageweise wieder die Arbeit aufgenommen: Andrea einen Tag und Lexi zwei Tage pro Woche. Nachdem wir früher jeweils Andreas ältesten Sohn Jan hüteten, hatte sie jetzt für ihre drei Buben in ihrem Dorf Uitikon eine eigene Hüteorganisation aufgezogen. Hingegen setzte Lexi weiter voll auf uns. Alle zwei Wochen ist seither ihr Sohn Fabian Montag und Dienstag bei uns. In der anderen Woche hüten jeweils die Eltern von Philipp.

Anfangs Dezember trugen wir meiner Schwester Dorlis jüngsten Sohn Andreas zu Grabe, der im Taminatal auf der Hochwildjagd über einen Felskopf abgestürzt war. Es ist schon sehr traurig, wenn ein Mensch in voller Aktivität und erst 49 Jahre alt aus dem Leben gerissen wird. Er hatte ursprünglich Jurisprudenz studiert, war dann aber Berufsoffizier geworden, inzwischen Oberst im Generalstab. Als Milizoffizier kommandierte er ein Infanterieregiment, als Berufsoffizier war er Kommandant der Infanterieschulen St. Gallen / Herisau. Auf den 1. Januar 2001 wäre er als Stabschef und Inspektor ins Bundesamt für Kampftruppen berufen worden, was ein ausgezeichnetes Sprungbrett für eine weitere Beförderung gewesen wäre. Es war vor allem traurig für meine Schwester mit 79 und meinen Schwager mit 82 Jahren, ihren jüngsten Sohn mit 49 Jahren zu verlieren.

Im Dezember 2000 wollte Lexi noch vor dem Geburtsurlaub für ihr zweites Kind verschiedene Arbeiten bei ihr im Geschäft abschliessen, und auch Jan war einmal ein paar Tage bei uns, sodass wir vermehrt Enkel hüteten und wie im Sommer wieder öfters mit ihnen spazieren gingen. Urplötzlich tat mir jeweils nach ca. 30 Minuten der linke Halux stark weh. Natürlich wunderte ich mich schon seit Jahren, dass meine Halux nicht schmerzten, so schlimm und krank sahen meine Füsse aus. Und da ich wusste, dass es nicht gut für die Struktur ist, wenn man Schmerzen beim Gehen nicht auskorrigiert, meldete ich mich für nach Neujahr zu Hans Scherrer an
2001: Celerina Januar und März mit Jan, 5. Enkel Nils Bosshard, Haluxop. HR, Besuch bei Kriegs in Altea Spanien
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8.22.  Unsere Familie Gadient -Karpf – 2001: Celerina Januar und März mit Jan, 5. Enkel Nils Bosshard, Haluxop. HR, Besuch bei Kriegs in Altea Spanien.

Das Jahr begann mit dem Arztbesuch bei Hans Scherrer. Nach dem Röntgen gab es für ihn nur einen Rat: So schnell wie möglich beide Haluxgelenke operieren, denn derjenige Fuss, der noch nicht schmerze, sei genau gleich schlimm dran wie der andere, und es sei ein Wunder, dass ich nicht viel grössere Schmerzen hätte. Wir verabredeten, nach Konsultation des Kalenders, die Füsse im März in der Klinik Hirslanden operieren zu lassen. Das bedeutete, dass wir die Teilnahmen an Philipp Brunnschweilers Hochzeit und an der KTV Wanderwoche Mallorca absagen mussten.

In den anschliessenden Januar-Ferien in Celerina befolgte ich Hans Scherrers Rat, keinen Langlauf zu betreiben, aber so viel wie möglich zu wandern, und zum Wandern und Skifahren einfach Voltaren zu schlucken. Auf der Fahrt ins Engadin besuchten wir unsere Freunde Emily und John Heim in Klosters, ehemals Chef von Bally USA.
 
Am 17. Februar kam als 5. und letzter (?) Enkelbub Nils Bosshard zur Welt. Während dem Spitalaufenthalt von Lexi und Nils wohnten Philipp und Fabian während einer Woche bei uns.

Im März waren Fischli und ich noch mit Jan eine Woche im Engadin. Jan machte seine ersten, noch nicht allzu erfolgreichen Versuche auf Ski. Wir mussten ihn wieder aus der Skischule nehmen, da er mit seinen 3 ½ Jahren noch nicht reif genug dafür war. Wir konnten aber viel schlitteln und spazieren, und es war trotzdem eine lustige Woche! Auf der Hinfahrt hatten wir von Thusis bis Samaden auf die Bahn verladen, da Jan Passfahrten nicht gut verträgt. Und das war für ihn ein grosser Spass: Er hatte riesig Freude, jeweils in den engen Kurven aus dem Fenster einmal links und ein anderes Mal rechts hinten unser Auto auf dem hintersten Wagen zu sehen.

Nach Hause zurückgekehrt operierte mich Hans Scherrer, assistiert vom Bruder der verstorbenen Schauspielerin Romy Schneider am 16. März 2001. Hans riet mir, nach meiner Entlassung aus dem Spital so viel wie möglich daheim Therapie zu machen, genau jene Übungen, die mir die Physiotherapeutin einmal pro Woche zeigen würde. Das tat ich, und wirklich, die Erholung gedieh vorzüglich: 5 ½  Wochen nach der Operation wanderten wir im Engadin schon wieder gegen 4 Stunden.
 
In diesem Frühling 2001 machte sich Andreas Mann Frank als M & A Spezialist selbständig. Ich hatte ihn immer, seit wir uns kannten, so etwas wie „coachen“ dürfen, d.h. er kam periodisch zu beruflichen Problemen meine Meinung fragen. Als ihm nach dem Selbständig werden zwei relativ sicher geglaubte, grössere Aufträge entgangen waren, hatte ich wieder ein solches „geschäftliches“ Gespräch mit ihm. Ich riet ihm, niedrigere Honorare, dafür aber das Recht zu verlangen, den Kunden als Referenz angeben zu dürfen. Zusätzlich riet ich ihm, ja nicht mit dem eben neu gekauften Jaguar Kunden zu besuchen, da dies ihm als Jungunternehmer ein zu neureiches, leicht verschwenderisches Image gäbe, was im Moment für den Aufbau seiner Firma wirklich nicht gut wäre. Es sollte leider unser letztes Gespräch sein, denn er kam nachher nie mehr zu mir. Auf meine spätere Frage an Andrea, warum Frank nie mehr komme,sagte mir Andrea, Frank hätte er ihr gesagt, ich käme jetzt nicht mehr draus und wäre zu weit weg von der Realtät….
 
Die Kulturkreisreise in die Emilia Romagna im Mai, eine Reise mit Fischli ins Burgund und über die Auvergne in die Provence sowie nochmals eine Woche Wandern im herbstlichen Engadin waren weitere Stationen dieses Jahr
 
Im Spätsommer 2001  konnte Professor Seiler dann endlich die Fäden an der Hornhaut ziehen. Er stellte eine relativ schwache Hornhautkrümmung fest, die von der Spannung der eingenähten Hornhaut herrührten. Er wollte diese mit zwei kleinen, tangentialen Schnitten korrigieren. Nach einer ersten, sehr erfolgreichen Korrektur wollte er noch eine weitere Verbesserung und machte nochmals zwei kleine Schnitte in die neue Hornhaut, höchst wahrscheinlich etwas zu schnell nach der ersten Korrektur. Leider kippte die Spannung jetzt auf die andere Seite, so dass jetzt die Krümmung sehr unregelmässig war und ich wieder viel schlechter sah. Scheinbar konnte die Hornhaus aber jetzt nicht mehr korrigiert werden. Darauf riet mir Dr. Gruber,es mit Kontaktlinsen zu versuchen. Dann versuchte ich es gleichzeitig mit einer „second opinion“ von Dr. Reinhard Rüesch (Auch KTVer mit v/o Audax), Chefarzt an der Augenklinik des Kantonsspitals St. Gallen. Resultat: Er findet es gut, dass zuerst die Versuche mit den Kontaktlinsen gemacht werden. Falls dies aber nichts bringe, würde er nochmals operieren. Nun hatte ich also zwei gegensätzliche Meinungen und die Versuche mit den Kontaktlinsen brachten nichts. Schlussendlich operierte mich Dr. Häfliger in der Vista Klinik in Binningen doch nochmals, wohin mich Dr. Hans Gruber geschickt hatte: Da er ienen beginnenden grauen Star diagnostizierte, schlug er vor, die neue Linse so anzufertigen, dass sie den Hornhautfehler optisch kompensieren sollte. Dies gelang schliesslich und ich hatte wieder Ruhe mit den Augen, mindestens vorläufig. Er meinte zum Schluss, es gäbe nur ein kleines Problem: Wenn sich die künstliche Linse allenfalls leicht drehen sollte, wäre dies dann für die Optik ganz schlecht! Und dies sollte sich dann wirklich viel später auch einstellen...

Im November 2001 fuhren wir für 10 Tage nach Altea bei Alicante zu Dorli und Walo Krieg nach Südspanien. Golf war angesagt! Walo meinte, der Golf-Pro dort würde Fischli das Golfspielen sicher beibringen! Infolge himmeltraurigen Wetters mit Schneesturm, Wind und Regen war der Golfplatz aber mehrheitlich gesperrt, und wir konnten nur wenig spielen. Fischli nahm bei jenem Pro noch einmal Stunden. Sie meinte aber danach, dass der pro ein sehr schöner Mann sei, dass es dies jetzt wohl endgültig sei! Das war jetzt das defintive Ende unserer Golf-Karrieren, denn auch ich hörte damit auf: Ich brauchte neben dem Rudern nicht noch einen Sport, den ich nur allein treiben konnte.Wir hatten aber trotzdem eine kurzweilige Woche, wobei noch eine Freundin von Kriegs aus München zu Besuch war, die uns den wunderbaren Spruch lehrte: "Wenn die Versuchung naht, muss die Sünde greifbar sein"!

2002: Celerina im Januar, März und August mit Jan, KTV Mallorca, Gartenreise Yorkshire, KKZ Ungarn, Neapel/Amalfi mit Br, Trennung Andrea/Frank
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8.23.  Unsere Familie Gadient -Karpf – 2002: Celerina im Januar, März und August mit Jan, KTV Mallorca, Gartenreise Yorkshire, KKZ Ungarn, Neapel/Amalfi mit Br, Trennung Andrea/Frank.

Auch dieses Jahr begann wie immer mit den2 obligaten Wochen Celerina, dieses Mal ganz ohne natürlichen Schnee. Es war zwar bitterkalt, sodass Tag und Nacht die Schneekanonen laufen konnten. Mit dem Kunstschnee hatte man die Langlauf-loipen wie weisse Schneebänder in die Landschaft gelegt, während es bei den alpinen Skipisten etwas natürlicher aussah, da rundherum in den Bergen natürlich alles schon weiss war. Jemand sagte uns nach unserer Ankunft, die Pisten seien sehr hart. Da wir dies nicht haben müssen begnügten wir uns mit wunderschönen Wanderungen, teilweise durch die schlimmsten Lawinenhänge, wo man normaler-weise im Winter nie wandern kann. Erst als Lexi und Philipp am Wochenende hoch kamen, wollten sie natürlich Skifahren. Abends kamen sie nach Hause und zeigten uns den Finger! Die Pisten waren hervorragend präpariert. Es wäre wunderschön, reiner künstlicher Pulverschnee. Von da weg fuhren wir dann wie wild Ski, und ich hätte nie geglaubt, dass man ein ganzes Skigebiet von dieser Grösse praktisch mit Kunstschnee so hervorragend präparieren kann.

Während Ghia im Februar 2002 mit den beiden grösseren Buben im Engadin war, hüteten wir und Selin Finn, den Kleinsten. Im März fuhren wir dann nochmals nach Celerina, wie im Vorjahr mit Jan. Dieser hatte jetzt bezüglich Skifahren "den Knopf aufgemacht" und fuhr in der Skischule schon ganz ordentlich. Vor dem VOLG passierte das mit dem „A-Loch“. Ein Deutscher hatte so parkiert, dass ich nur nach mehrmaligem Sägen den Parkplatz verlassen konnte. Während dem Manöver entfuhr mir ein wütendes: „So es A-Loch“! Jan wiederholte anschliessend dieses Wort genüsslich in verschiedenen Tonlagen. Zuhause durfte er auf Anraten der Mutter das Wort nochmals in die WC-Schüssel sagen und dann hinunterspülen. Damit war die Angelegenheit scheinbar erledigt und Jan hatte das Wort vergessen, bis sein Vater etwa 3 Monate später einmal beim Autofahren über jemanden fluchte und Jan sofort sagte: „Gell Papi, das isch jetzt es A-Loch“!
 
Im April 2002 war wieder eine der legendären KTV Wanderwochen im Hotel Don Leon in Colonia San Jordi auf Mallorca.
Anfangs Mai rekognoszierte ich zusammen mit Helen und Andreas Oplatka in Oesterreich/Ungarn für den Kulturkreis, und Ende Mai fuhren wir ein erstes Mal mit Barbara Scalabrin nach England auf eine Gartenreise im Yorkshire, welche uns viel Freude bereitete, umso mehr als Myrtha und André Kurz sowie Ruth und Franz Hagen auch dabei war.
 
Im Juli benutzten wir für ein paar Tage das Badhüsli, und im August fuhren wir mit Jan für eine Woche ins Engadin zum Wandern. Jan war schon sehr gut zu Fuss und machte ohne Wimpernzucken die Wanderung mit von Corviglia über die Chamanna Saluver nach Marguns, und nach dem Essen noch hinunter nach Celerina. Andrea und Finn besuchten uns im Engadin für zwei Tage. Wir machten einen schönen Spaziergang zum Morteratschgletscher, wobei Andrea nicht bis zum Gletscher mitkam, Jan aber grosse Freude zeigte, einen Gletscher von nahe gesehen und darauf gestanden zu haben. Andrea erzählte uns bei diesem Besuch etwas von Schwierigkeiten mit Frank, aber nicht so, dass wir uns ernsthafte Sorgen hätten machen müssen. Uns gefiel schon seit längerem die etwas laute Art, wie sie miteinander umgingen, nicht besonders. Wir dachten dann aber, das wäre jetzt vielleicht einfach die moderne Art des Zusammenlebens.
 
Umso bestürzter waren wir, kaum zu Hause, als Frank drei Tage nach dem 10 jährigen Hochzeitstag von Zuhause auszog….

Im September 2002 fand dann die Kulturkreisreise „Auf Haydns Spuren“ im Burgenland/Ungarn statt. Die Reise machte viel Freude, vor allem die Haydn Oper in Eisenstadt und das Klavierrezital im Esterhazy Schloss von… . Mit dabei waren dieses Mal auch Gremlis, Oeschgers und Rohners.

Und nochmals ging es dieses Jahr auf die Reise: Zusammen mit Brunnschweilers besuchten wir Neapel – Amalfi, eine prächtige RHZ-Reise mit der Stadt Neapel, dem Vesuv, Pompeij, dann Capri und der Costa Amalfitana bis nach Paestum. Auf dieser Reise lernten wir als äusserst kompetenten und liebenswerten Reiseleiter Timo Gold­mann kennen, den ich nachher auch für die Reisen des Kulturkreises Zollikon engagierte.

Und dann mussten wir 2002 die ersten Familien-Weihnachten ohne Frank feiern. Es war fast wie in den letzten 10 Jahren, und trotzdem schwang bei Fischli und mir immer etwas Wehmut mit. Diese lieben, aber schon ausserordentlich wilden Heinzelmann Buben hätten eine starke Vaterhand unbedingt nötig! Lexi mit Familie kam am 23. und verreiste am 25. Dezember 2002 wieder, währen Andrea mit den Buben am 24. kam und bis am 27. Dezember blieb, wobei sich Jan am 26. Dezember bei einem Streit mit seiner Mutter eine Platzwunde an der Stirn einfing und ich mit ihm zum Kindernotfallarzt fahren musste.
2003: Celerina Januar und März mit Fabian, KKZ Portugal, Gartenreise Lake District, Reko Mecklenburg Vorpommern, Provence
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8.24.  Unsere Familie Gadient -Karpf – 2003: Celerina Januar und März mit Fabian, KKZ Portugal, Gartenreise Lake District, Reko Mecklenburg Vorpommern, Provence.

Das Jahr begann für einmal mit fast drei Wochen Ferien im Caflisch in Celerina, sowie einer weiteren Woche dort mit Fabian im März.

Im Mai führten wir im Kulturkreis „meine“ Portugalreise durch: Wir starteten im Norden, besuchten Porto, eine Flussfahrt auf dem Douro, Guimarâes, Braga, Viana, dann auf dem Weg nach Süden Coimbra, Tomar, Batalha, Alcobaça, Nazaré, Sintra, Estoril und Lissabon. Zur Einstimmung auf die Reise hatte ich für die teilnehmer aus meinen Tagebüchern einen kleinen Bericht geschrieben, wie es in den 60er und 70er Jahren in Portugal ausgesehen hatte. „Meine“ Fabriken in Maya oder Lousada konnten wir leider nicht besuchen, da André Kurz sich mit Nûno Româo überworfen hatte. Schade!
 
Im Juni fuhren wir mit Barbara Scalabrin auf die Gartenreise England in den Lake District mit vielen unvergesslichen Erinnerungen.
Und kaum Zuhause fand unter Führung von Kläff die KTV Wanderwoche im Wallis statt, mit Stationierung in Veysonnaz.
 
Für den Kulturkreis hatte ich schon lange eine Reise nach Mecklenburg-Vorpom­mern geplant, die ich gerne mit Timo Goldmann durchführen wollte. Timo führte bereits eine solche für die RHZ durch, und er erreichte bei RHZ, dass wir nur für Fischli bezahlen müssten und ich die Reise gratis als Rekognoszierung durchführen durfte. Es war eine prächtige Reise, auf welcher wir wieder vor allem die wunderbare Landschaft und die herrliche, sakrale und profane Backsteingotik genossen. Unser Abstecher nach Rügen blieb ebenfalls unvergesslich. Zusammen mit Timo Goldmann passten wir die Reise dann für den Kulturkreis im nächsten Jahr an.
 
Und weitere wunderbare 5 Reisetage in unserer geliebten Provence rundeten das Jahr ab.
 
Im November anlässlich eines normalen CheckUps riet mir unser Hausarzt,  Dr. Bernhard Aepli, einmal zum Urologen zu gehen. Meine PSA-Werte (Prostata-Spezifische-Antigene) wären zwar in einem absolut unkritischen Bereich, wären aber in den letzten 2 Jahren etwas angestiegen. Der Urologe Dr. Zoelly, ein Neffe unseres Architekten, glaubte zuerst auch nicht an einen Tumor und gab mir ein spezielles Antibiotika; ich sollte Ende Januar nochmals vorbeikommen....
2004: Tod Pierr Zoelly, Prostata Op HR, KKZ Mecklenburg Vorpommrn, Gartenreise Devon, Inselhüpfen Ägäis mit Br, Rücktritt aus KKZ Vorstand
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8.25.  Unsere Familie Gadient -Karpf – 2004: Tod Pierr Zoelly, Prostata Op HR, KKZ Mecklenburg Vorpommrn, Gartenreise Devon, Inselhüpfen Ägäis mit Br, Rücktritt aus KKZ Vorstand.

Das Jahr begann sehr traurig: Am 5. Januar  mussten wir Pierre Zoelly, unseren Architekten und Freund zu Grabe tragen. Ich schrieb gleichentags an seine Familie, die wir selbstverständlich auch kannten, in einem Beileidsbrief unter anderem:

„Für meine Frau und mich war PZ seit ca. 1970 eine der wesentlichsten Personen in unserem Leben. Kaum einem anderen Bauherren war es wahrscheinlich vergönnt, gleich mehrere Bauten mit ihm zu realisieren und ihm dabei so nahe zu kommen! Wir lernten PZ durch meinen damaligen Chef André Kurz kennen.

Als sich für uns privat alle anderen Möglichkeiten als unerschwinglich erwiesen, baute uns Pierre als erstes unser in jungen Jahren gekauftes Feld-, Wald- und Wiesenhaus an der Etzelstrasse in Hombrechtikon um, und wie! Der Cousin meiner Frau, selbst Architekt, und spätere Partner in der ARGE für die Überbauung in Zollikon, meinte bei seiner Rückkehr nach mehreren Jahren USA-Erfahrung dazu nur:“ Moll, dä Architekt hät au no Muet gha, wo Eu dä Umbau verkauft hät!“

Als zweites kam eine Fabrik für die GROWELA in Portugal dazu. Ich durfte anlässlich eines ersten Besuches Andrée und Pierre durch den Norden Portugals chauffieren und ihnen die landschaftlichen Schönheiten zeigen. Für den Fabrikneubau zog die grossen Linien ganz klar PZ, die Details erarbeitete ich zusammen mit seinem Mitarbeiter Hans Gremli, während ein portugiesischer Architekt die lokale Bauleitung inne hatte. Die GROWELA Portuguesa ist meines Erachtens immer noch die schönste Schuhfabrik, die ich je gesehen habe!

Als drittes kam die oben erwähnte Überbauung im Kleindorf in Zollikon dazu, welche ich im Auftrag meiner Schwiegermutter mit Pierre realisieren durfte. Sich an die Kernzone im Kleindorf anschmiegend ist es auch heute noch eine gut gelungene Arbeit.

Und als viertes und für uns krönenden Abschluss baute Pierre 1993 unser heutiges Heim in Zollikon, in welches er immer wieder mit Freude zurück kam. Wir, die ihn mittlerweile ja ein bisschen kannten, erachteten es als riesiges Kompliment, als er vor etwa zwei Jahren einmal meinte, „dass er sich bei uns immer sehr wohl fühle, weil wir das Haus so belassen hätten, wie er sich Wohnen in diesem Haus vorgestellt habe“.

Nun mussten wir heute endgültig Abschied von Pierre nehmen. Das macht uns tief traurig. Seine angemeldeten, aber auch die unangemeldeten Besuche mit Freunden und / oder potentiellen Bauherren werden uns sicher fehlen. Bei uns gab es auch immer ein Glas Wein, was er sehr schätzte! Kaum vorstellbar, dass er nie mehr an Einladungen bei uns oder bei Freunden hereinschweben und sofort eine Traube interessierter Gäste um sich scharen wird.

Wir sind aber unwahrscheinlich dankbar, dass wir Pierre kennen lernen und über Jahre seine Freundschaft erfahren durften. Er hat unser Leben auf grossartige Weise bereichert und wird immer ein ganz wesentlicher Bestandteil unseres Lebens bleiben.“

Nach der Beerdigung fuhren wir dann wie jedes Jahr zum Skifahren und Winter-wandern ins Engadin.

Nach den Ferien gefiel dem Urologen der PSA Wert nicht und er machte anfangs Februar eine Biopsie. Erst diese brachte dann leider Gewissheit, dass ich an einem bösartigen Prostatakrebs litt. Normalerweise würde er bei Personen über 70 nicht mehr zur Operation raten. Es käme aber auf das physiologische und nicht auf das absolute Alter an, und ich würde ihm wesentlich jünger als 70 scheinen; deshalb rate er zur Operation. Ich hatte mit dem Krebsbescheid anfänglich schon etwas Mühe, verdaute das Ganze aber schnell, wobei Fischli ein weiteres mal ein grossartiger Kollege und Gesprächs­partner war und mich bei der Bewältigung dieser Hiobsbotschaft wieder unterstützte.

Ich wollte es so schnell wie möglich hinter mich bringen, und so wurde die Operation auf Mitte März im Hirslanden angesetzt. Die Operation verlief gut. Allerdings fanden die Pathologen heraus, dass es auch noch Krebsspuren ausserhalb der Drüse geben müsse, und Dr. Zoelly riet zur Bestrahlung.

Er reichte mich an den Radio-Onkologen der Universitätsklinik Zürich, Prof. Dr. Lütolf weiter, wo ich dann im Juli/August während 7 Wochen ausser Sa und So jeden Tag bestrahlt wurde; scheinbar erfolgreich, da an der Abschlussbesprechung bei Prof. Lütolf der Befund lautete: PSA Wert nicht mehr messbar. Ich habe auch seither Ruhe, und Glück hatte ich auch: Nach sehr kurzer Zeit war auch die Kontinenz wieder absolut O.K.

Dem Spitalaufenthalt fielen leider die geplanten Skiferien im März mit Fabian sowie die Hochzeit von Philipp Brunnschweiler mit Nina Tuffli in Davos zum Opfer. Dadurch kennen wir leider die Familie Tuffli nur vom Hörensagen.

Eine neue Beschäftigung hat sich seit ein paar Jahren einfach so ergeben, vor allem, seit Fritz Oechsli Schwierigkeiten mit seinem Rücken hat: Ich arbeite im Rebberg unserer Freunde, Verwandten und Nachbarn Martheli und Fritz Oechsli mit. Fritz sagt jeweils vorläufig noch, wann was gespritzt werden soll.
 
Im Juni fand dann die für den Kulturkreis Zollikon angepasste Reise nach Mecklenburg-Vorpom­mern statt, welche ein grosser Erfolg war und zwei Mal mit Maximalbesetzung durchgeführt wurde. Die Übernachtungen in ehemaligen Gutshäusern und Schlössern waren einmalig, und die späteren Reisen der RHZ erfolgten dann immer nach dieser von mir mitkonzipierten Reise. Als diese Reise in Norddeutschland so sehr gefallen hatte, empfahl uns Timo noch eine weitere Kulturkreisreise weiter östlich im früheren Ostpreussen und heutigen Nordpolen zu planen. Diese Reise erfolgte dann aber erst 2007, d.h. nach meinem Rücktritt aus dem Vorstand des Kulturkreises Zollikon.
 
Die diesjährige Gartenreise führte in die Grafschaft Devon in Südwestengland. Zum ersten Mal kamen auch Brunnschweilers mit. Zwangsweise hatten wir es natürlich zu viert recht unterhaltsam, und wir waren fast unzertrennlich, sehr zum Leidwesen von Fischli, die sich oft lieber mehr an Barbara Scalabrin mit ihrem enormen Wissen gehalten hätte als an die oft eher dürftigen, gartentechnischen Erklärungen von Jack.
 
Trotzdem unternahmen wir Im Herbst mit Brunnschweilers und Tandem-Tours von Hapimag nochmals eine gemeinsame Reise: „Inselhüpfen in der Ägäis“. Nach einem kurzen Aufenthalt in Athen ging es per Fähre nacheinander auf die Kykladen-Inseln Naxos, Paros und Santorini. Delos konnten wir leider nicht besuchen, da so spät im Jahr keine Fähren mehr verkehrten und für kleinere Boote die Ägäis zu rau war. Am meisten beeindruckte uns Santorini mit seiner imposanten Caldeira und dem weissen Kranz von Ortschaften oben am Kraterrand. Wir nahmen uns fest vor, später einmal hierher zurückzukehren. Im Anschluss an die Gruppenreise bewohnten wir in der Hapimaganlage von Porto Heli auf dem Peloponnes je eine Wohnung. Obwohl es sehr spät im Jahr war herrschten glücklicherweise dieses Jahr immer noch sommerliche Bedingungen, sodass wir jeden Tag baden konnten. Besuche in Epidaurus, Mykene und Nafplion, sowie auf der Insel Spetses rundeten den Aufenthalt in Porto Heli ab.
 
Im Herbst 2004 gab ich meinen Rücktritt aus dem Vorstand des Kulturkreises Zollikon, wo ich 10 Jahre das Ressort Reisen und dazu zusätzlich die letzten 6 Jahre das Ressort Finanzen geleitet hatte. Ich übernahm die Finanzen in einem desolaten Zustand. Ausser einer tadellos geführten Buchhaltung gab es nichts, was die Budgetierung eines neuen Jahresprogramms erleichtert hätte. In einem jahrelangen Iterationsprozess hatte ich Instrumente geschaffen, die relativ schnell zeigten, ob das Programm unter den verschiedenen Ressorts Musik, Literatur, Theater, Bildende Kunst/Architektur etc. ausgewogen und ob ein gewisser Anlass finanziell tragbar war oder ob ev. dafür an anderen Orten hätte gespart werden können. Ich war relativ stolz, dass ich bei meinem Rücktritt meinem Nachfolger Alfred Blesi ein feines Instrumentarium übergeben konnte. Als Finanzchef hatte ich als eine der wesentlichsten Errungenschaften den Wechsel bei den jährlichen Mitgliederbeiträgen realisiert: Anstelle des bestehenden, sehr kleinen Mitglieder-beitrages und der jeweiligen Bezahlung eines Eintrittes für jeden besuchten Anlass schlug ich einen höheren Mitgliederbeitrag vor bei freiem Eintritt für alle unsere Anlässe, natürlich ausser Reisen und Exkursionen. Ich rechnete dabei mit einem kleinen Rückgang der Mitgliederzahl, dafür war aber der Geldeingang viel besser budgetierbar. Nach dem an der Generalversammlung beschlossenen Wechsel verloren wir aber entgegen meinen Befürchtungen keine Mitglieder, und als grosse Überraschung wurden ab sofort unsere Anlässe wesentlich besser besucht, wahrscheinlich deshalb, weil man dafür ja bereits bezahlt hatte….

Über die Reisen, deren Organisation mir immer sehr Spass gemacht hatte, habe ich weiter oben bereits berichtet. Inzwischen war Helen Oplatka Präsidentin und Nach­folgerin von Hans Gremli geworden. Hans Gremli hatte (für mich leider) sofort reagiert, als Helen sich als zukünftige Präsidentin ins Gespräch brachte; denn normalerweise ist es immer sehr schwierig, einen Nachfolger für ein zeitlich so aufwendiges, unbezahltes Amt zu finden!

Dass sie gerne Reisen organisierte, hatte ich bei den zwei mit ihr zusammen rekognoszierten Reisen in die Slowakei und nach Ungarn gesehen. Irgendwann kam sie auf mich zu, sie hätte eine prima Nachfolgerin für mein Ressort Reisen, ich hätte ja immer noch die Finanzen. Das machte mich etwas stutzig, umso mehr als danach dann doch niemand anderes kam und ich das unbestimmte Gefühl hatte, dass Helen das Ressort Reisen für sich wollte. Das passte mir nicht und ich trat als Vorstandsmitglied sofort zurück. Vorher hatte ich noch von Cousins Felix in Chur gehört, dass sein Sohn Diego Gadient und seine Frau Sue Naef im Zollikerberg ein Haus gekauft hatten. Sue sei Kunsthistorikerin und sähe sich nach der Kinderpause wieder nach einer Nebenbeschäftigung um. Ich brachte meinen fast 90 jährigen Vorstands-Kollegen René Scheidegger mit ihr zusammen. Die Zusammenarbeit glückte und sie wurde nach einem Jahr seine Nachfolgerin im Vorstand.
 
Im Dezember wurde Annemarie, die Tochter von Ernst Karrer beerdigt. Ich hatte sie einige Male anlässlich meiner Bestrahlung im USZ gesehen. Sie litt auch an Krebs. Zusammen mit Koni hatten sie einen Knaben in Fabians Alter. Traurig!
2005: Celerina Januar und März mit Nils, Italienreise, Gartenreise Wales, KKZ Blauer Reiter, Tod Fritz Oechsli, Griechenland mit Br, Konversion zum Protestantismus HR, Tod Selin
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8.26.  Unsere Familie Gadient -Karpf – 2005: Celerina Januar und März mit Nils, Italienreise, Gartenreise Wales, KKZ Blauer Reiter, Tod Fritz Oechsli, Griechenland mit Br, Konversion zum Protestantismus HR, Tod Selin.

Auch dieses Jahr  begann wie immer: Skiferien in Celerina und dann nochmals im März eine Woche mit Nils, wobei die ganze Bosshard Familie uns an einem Wochenende jeweils besuchen kam.

Wir hatten an der Volkshochschule eine Vorlesung von Timo Goldmann gehört über Mäzenatentum in der Renaissance in Oberitalien, zu welcher er auch eine Reise durchführte, an welcher wir aber nicht teilnehmen konnten. Im April fuhren wir dann ohne Reiseleiter, aber mit all seinen Unterlagen auf eigene Faust die Reise ab: Ferrara, Rimini, Urbino. Absolut traumhafte Eindrücke, vor allem in Urbino. Anschliessend besuchten wir via Assisi das Castello di Meleto, das Weingut im Chianti, an welchem wir über Schuler Schwyz eine kleine Weingüterbeteiligung besitzen. Im alten, bitterkalten Wehrturm des Castello übernachteten wir in einem Himmelbett-Zimmer, fuhren dann wieder einmal nach Siena und übernachteten anderntags in Monteriggione, um am nächsten Tag über Massa Maritima dem Meer entlang über Genua und die Laghi zu Bea nach Brissago zu fahren, und dort ein letztes Mal zu übernachten.
 
Die Gartenreise in England ging dieses Jahr im Mai nach Wales, das wir bisher sehr wenig kannten.
Im Juni nahmen wir an einer RHZ Reise „Auf den Spuren des blauen Reiters“ teil: Station in Murnau: Staffelsee, Gabriele Münter, Wassilij Kandinskij, Macke; tolle Reise.

Im Juli hiess es für immer Abschied nehmen von Fritz Oechsli-Welti, unserem „Verwandten, Nachbar und Freund“. Viele unvergessliche Stunden durften wir, vor allem natürlich Fischli schon in ihrer Jugend, mit ihm und seiner Frau Marteli verbringen. Er fehlt uns im Alltag und vor allem in seinem Rebberg sehr.

Für das Mitte September stattfindende traditionelle Wanderwochende der Zürcher Altherren des KTV St. Gallen fuhren Fischli und ich Mitte August ins Engadin, um eine Wanderung entlang dem Fluss „Flaz“ zu rekognoszieren, dessen Flussbett in den letzten Jahren hinter den Flugplatz Samedan umgeleitet und das alte Flussbett renaturiert wurde. Dieses in den letzten Jahren realisierte Hochwasserschutz-projekt für Samedan erwies sich als hochinteressant und für eine Wanderung als sehr geeignet, immer wieder unterbrochen mit den notwendigen Erklärungen. Wir wohnten dabei ausnahmsweise für zwei Nächte im romantischen Hotel Chesa Salis in Bever, wo wir im Vorjahr im Garten so schön und gut gegessen hatten.

In der ersten Hälfte Oktober stand eine Studiosusreise „Klassisches Griechenland“ gemeinsam mit unseren Freunden Brunnschweiler auf dem Programm. Nach zwei Tagen Athen besuchten wir nacheinander Altkorinth, Mykene, Epidaurus, Nafplion, Sparta, Mistra, Kalamata, Olympia, Delphi, und zum Schluss wieder Athen. Per Bus und jeden Abend in einem anderen Hotel war die Reise sehr anstrengend und anspruchsvoll. Ungewöhnlich war der Reiseleiter: Dr. Dr. Philippos Giannopoulos: Er war Grieche, hatte in Köln Archäologie, Kunstgeschichte und Byzantismus studiert und auch promoviert. Wieder zurück in Griechenland studierte er noch Theologie und wurde Mönchspriester. Seine Erklärungen lagen daher hauptsächlich im Philosophischen, mit der Optik eines Exponenten der Ostkirche, was für uns „Wessis“ hochspannend war. Wir durften sein Mini­kloster besuchen (Hauptbau ist das ehemalige Ferienhaus der Familie an absoluter Traumlage am Meer!), und seine Mitbrüder bereiteten für uns einen wunderbaren "Fingerfood" Z'Mittag vor.

Die zweite Woche verbrachten wir und Brunnschweilers wie im Vorjahr je in einer Zweizimmerwohnung in der Hapimag-Anlage von Porto Heli auf dem Peloponnes. Wir hatten dazu in Athen ein Auto gemietet, und nach der anstrengenden ersten Woche verbrachten wir die Zweite ausserordentlich geruhsam. Ausflüge nach der Insel Hydra und zu den Höhlen von Frachti unterbrachen die eigentlichen Bade- und Leseferien. Das Wetter war nicht mehr so ganz so sommerlich schön und warm wie im Vorjahr. Wir konnten aber dem Herbst in der Schweiz immer noch ein Schnippchen schlagen und badeten jeden Tag mehrmals im Meer …

Noch eine kleine Anekdote: Wir hatten zusammen mit Brunnschweilers relativ viel Gepäck, bedingt durch die zwei sehr unterschiedlichen Wochen. Als wir alle damit zur Übernahme des Mietwagens bereitstanden, fragte uns mit Blick auf unser Gepäck der Hertz-Angestellte: „Do you want to stay for ever in Greece“?

Auf dieser Studiosusreise hatte Dr. Philippos Giannopoulos wie gesagt lieber philosophische Aspekte der Antike und des frühen Christentums abgehandelt als sich in kunsthistorischen Einzelheiten zu verlieren. Beim Essen und beim Fahren im Bus versuchte ich immer wieder, ihn in Gespräche zu verwickeln, und ich notierte mir dabei gewisse Literaturempfehlungen. Seine ostkirchliche Sicht der Dinge gab mir den Anstoss, mich Zuhause intensiv mit dem Christentum und dem Papsttum zu befassen, was meine religiöse Weltanschauung grundlegend erschütterte und mich immer mehr in Zwiespalt mit meiner römisch katholisch geprägten Erziehung brachte. Anlässlich Lexis Heirat in Zollikon hatten wir den reformierten Pfarrer Simon Gebs kennen gelernt. Gespräche mit ihm bestärkten mich dann im Entschluss, aus der katholischen Kirche auszutreten und, um mich trotzdem irgendwo Zuhause zu fühlen, zusammen mit Fischli der reformierten Kirche beizutreten, wobei es für Fischli mehr eine "Heimkehr" war.

Nach einem für meine älteste Schwester Selin gesundheitlich eher problematischen Jahr (Brustkrebs) hatte sie sich entschlossen, zusammen mit ihrer besten Freundin Vreny Schaffroth ins Altersheim umzuziehen. Dieser Umzug mit Wohnungsräumung hatte uns Geschwister und vor allem Andrea die letzten Monate sehr auf Trab gehalten. Mitte Dezember musste Selin dann aber plötzlich mit einer vom Hausarzt diagnostizierten Metastase im Gehirn ins Triemli-Spital, wo ihr Gehirn bestrahlt wurde.

Wir holten aber Selin noch am letzten Adventssonntag im Triemli ab und besuchten mit ihr ein Krippenspiel in Uitikon, wo die Heinzelmann Buben zu grosser Form aufliefen. Anschliessend kehrte Selin zufrieden in ihr Zimmer im Spital Triemli zurück.

Wir wollten dann Selin nach dem Ausflug nach Uitikon auch noch für zwei Tage aus dem Spital zu uns nach Hause nehmen, um, wie jedes Jahr, mit ihr und mit Heinzelmanns Weihnachten zu feiern. Dazu kam es aber nicht mehr. Nach dem Ausflug nach Uitikon verschlechterte sich der Gesundheitszustand von Selin rapid. Sie verlor das Bewusstsein und erwachte eigentlich nicht mehr. Entsprechend ihrer Patientenverfügung sprach ich am 27. Dezember mit der diensttuenden Ärztin, so dass man abends lebensverlängernde Massnahmen einstellte. Fischli und ich waren am Morgen des am 29. Dezember noch zu Besuch bei ihr (Wir wussten ja nicht, ob sie im Unterbewusst­sein unsere Präsenz trotzdem wahr nahm!) und wollten auch am späteren Nachmittag nochmals kurz bei ihr hineinschauen, als die Oberschwester ca. 15:30 Uhr anrief und uns den Tod von Selin mitteilte. Die Obduktion ergab schliesslich, dass Selin nicht an der Brustkrebs-Metastase starb sondern an einer Hirnhautentzündung. Der verantwortliche Arzt erklärte uns die Fehldiagnose damit, dass Hirnhautentzündungen im Computertomogramm scheinbar gleich aussehen wie Krebszellen!

Andrea und Frank machten es unseres Erachtens zuerst nach ihrer Trennung recht gut und man hatte nicht das Gefühl, dass die Kinder darunter zu leiden haben. Am 24. Dezember werden die Heinzelmann Buben zu Frank fahren, um dort zusammen mit Andrea Weihnachten zu feiern. Frank wird nun zum dritten Mal nicht mehr dabei sein, wenn die jungen Familien schon am 23. Dezember zu uns nach Hause kommen. Dieser Umstand macht Fischli und mich zwischendurch halt immer wieder traurig, vor allem der Buben wegen.

Am 26. Dezember findet nach wie vor die traditionelle, verwandtschaftliche Weihnachtsfeier von Fischlis Seite statt, die „Sippenweihnacht“, wie ich sie nenne. Früher fand diese im Haus von Grossvater und Grossmutter Welti statt, dann nach deren Tod im selben Haus bei Oechslis. Neu ist seit letztem Jahr, dass nach dem Singen und der Bescherung bei Oechslis sich die etwa 20 köpfige Gesellschaft jeweils zu uns ins Nachbarhaus verschiebt und wir zum Weihnachtsessen einladen.
2006: Trauerfeier Selin, Celerina Januar, März mit Nils, Gartenreise Cornwall, Ausstellung in Aix: Cézanne en Provence, Kreuzfahrt L.A-Panamakanal- Karibik
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8.27.  Unsere Familie Gadient -Karpf – 2006: Trauerfeier Selin, Celerina Januar, März mit Nils, Gartenreise Cornwall, Ausstellung in Aix: Cézanne en Provence, Kreuzfahrt L.A-Panamakanal- Karibik.

Das Jahr  begann also eher traurig: Am Dreikönigstag, Freitag den 6. Januar, war die Beisetzung von Selins Urne im Gemeinschaftsgrab und der Trauergottesdienst in Thalwil. Ihre engsten Freunde und eine grosse Zahl von Verwandten gaben ihr das letzte Geleit. Ich war als Testamentsvollstrecker in der ersten Januarwoche voll ausgelastet, und ihr Testament, die Auflösung des Haushaltes, die Wohnungs-abgabe sowie der ganze Papierkrieg liessen mich bis weit in den Sommer hinein mit Selin eng verbunden bleiben. Überhaupt, ich war in Gedanken noch sehr oft bei ihr, weil wir in den letzten Jahren praktisch mit niemandem sonst so viel Kontakt hatten wie mit Selin!

Mit einem Tag Verspätung starteten wir dann zu unseren traditionellen Skiferien in Celerina im Engadin. Dieses Jahr waren es nur 2 Wo­­­chen. Wir reisten am Sonntag 8. Januar wieder mit DeLuxe Ferienbeginn ins Engadin: Verladen des Autos auf die Bahn von Thusis bis Samedan und Mittagessen im Speisewagen. Am mittleren Wochenende kamen Bosshards zu Besuch, und für die zweite Woche kamen wieder unsere Freunde Brunn­schweiler für eine Wellness-Woche ins Cresta Palace Hotel nach Celerina. Bei strahlendem Wetter fuhren wir Ski alpin. Und wenn es Wolken hatte, machten Winterwanderungen zu Fuss. Das Langlaufen kam eindeutig zu kurz!

Kurz nachdem anfangs März in Zollikon über Nacht 50 cm Schnee gefallen waren und die Schneelast auf der Glyzinen-Pergola die grossen Sonnenstoren über dem Wasserhof hatten abstürzen lassen, fuhren Mitte Monat Fischli und ich nochmals mit unserem kleinsten Enkel Nils für eine Woche zum Skifahren nach Celerina. Ab Donnerstag kam dann auch noch Philipp mit Lexi und Fabian nach. Lexi feierte zuerst mit uns und der ganzen Familie bei einem stimmigen Nachtessen auf Muottas Muragl ihren 40. Geburtstag. Am Wochenende feierten sie ihn dann mit ihren Freunden Sylvia und Roland Mensch im Hotel Val Fex, während wir die Buben nach Hause nahmen. Lustige Erlebnisse en famille mit Schlitteln, Skifahren und ein Ausflug per Pferdefuhrwerk ins Rosegtal liessen die Zeit wie im Flug vergehen.

Vom 25. Mai bis 1. Juni fand die (für uns auch schon fast traditionelle) Gartenreise nach England statt, die uns dieses Jahr nach Cornwall führte. Weitere Teilnehmer waren wiederum unsere Freunde Myrtha und André Kurz sowie Jack und Vrenely Brunnsch­weiler. Um den Weg nach und von Cornwall am Reisetag etwas zu verkürzen, wohnten wir jeweils für eine Nacht im Castle Hotel in Taunton und besuchten Gärten in der Umgebung. Für die übrige Zeit war fester Ausgangspunkt dann das Alverton Manor in Truro. Eine glückliche Auswahl von zu besichtigenden Gärten und Häuser, sowie die wiederum sehr ruhige und umsichtige Reiseleitung durch Barbara Scalabrin trug viel zu einer erlebnisreichen Reisewoche bei. Wie bisher immer nahmen wir auch dieses Jahr wieder neue Anregungen für ein paar Veränderungen im eigenen Garten, aber auch ein paar Pflanzen mit nach Hause!

Ende Juli machten wir mitten in der Hitzeperiode wieder einmal etwas total Verrücktes: Einen Ausstellungsbesuch in Aix en Provence an der anlässlich seines 100. Geburtstages stattfindenden, grossen Aus­stellung "Cézanne en Provence"! Dazu fuhren wir an einem Montagmorgen um 04'30 Uhr mit dem Auto los Richtung Genf, dann über Chambéry - Grenoble, einen Teil der "Route Napoleon" und das Durence-Tal südwärts bis kurz nach Château Arnoux zur Prieuré de Ganagobie. Dort kamen wir mittags im wunderbar gekühlten Auto an. Beim Aussteigen erschlug uns die sommerliche Hitze und die intensiven Farben und Düfte der Provence. Wir blieben nur kurz im kleinen romanischen Kloster, denn es war geschlossen, und draussen war es 40 Grad warm. Wir flüchteten wieder ins Auto und fuhren weiter nach Aix, wo wir bereits ca. 15'00 Uhr im Grand Hotel Nègre Coste abstiegen, mitten in der Stadt und wovon Fischli schon immer geträumt hatte, direkt am Cours Mirabeau! Am andern Morgen besuchten wir die Austtellung, und am Mittwoch fuhren wir schon wieder durch das Rohnetal nordwärts mit Ziel Chambéry, wo wir im Château de Landie, einem wunderbaren Hotel mit einer Michelin-Stern Küche in einem sehr romantischen Zimmer übernachteten. Noch nie haben wir nach unserer Ankunft einen Hotel-Swimmingpool so geschätzt wie bei den herrschenden 40 Grad Hitze. Nach einem "Menu de Confiance" am Abend trafen wir anderntags ca. 15'00 Uhr wieder Zuhause ein.

Das siebte Jahr hintereinander hatten wir jetzt das Badhüsli in Lachen am oberen Zürichsee gemietet, was den Familien von Andrea und von Lexi wiederum erlaubte, dort ihre Sommerferien zu verbringen. Während Lexi glücklicherweise die Hitzperiode erwischte, hatte Andrea dann wettermässig Pech: Sie musste zwei Mal wegen Kälte und Nässe den Aufenthalt im kleinen Haus am See unterbrechen und nach Hause fahren, mit den drei Buben und dem Gepäck jedes mal eine mittlere Expedition. Wir waren hie und da dort zu Besuch, und nach den Ferien der jungen Familien verbrachten Fischli und ich ebenfalls noch einige Tage dort.

Abgesehen von ein paar Tagen mit Brunnschweilers in ihrer neuen Wohnung in Davos blieben wir September und Oktober mehrheitlich zuhause und bereiteten uns auf unsere diesjährige grosse Reise, einer Hochsee-Kreuzfahrt im November vor. Wir flogen von Zürich nach Los Angeles und schifften uns dort nach einem Kurzaufenthalt mit Stadtrundfahrt und Stadtführung zu unserer zweiten, grossen Kreuzfahrt ein (Die erste hatten wir vor Jahren mit Bea, Alois Selin, Irma und Brunnschweilers mit dem KV Zürich im Mittelmeer gemacht!). Die Reise ging in der Concierge Class mit der „SUMMIT“ von Celebrity Cruise südwärts mit Tagesausflügen in Cabo San Lucas, Acapulco und Huatulco in Mexiko, in Puntarenas in Costa Rica, dann durch den Panama Kanal in die Karibik und Richtung kleine Antillen mit Exkursionen  an Land in Or­an­je­stad auf Aruba und Willemstad auf Curacao. Endpunkt der Schiffsreise war San Juan auf Puerto Rico, von wo wir dann über Miami wieder nach Hause flogen. Es war eine herrliche Reise bei bestem Sommerwetter; und eigenartigerweise kamen wir selten so ausgeruht und zufrieden von einer grossen Reise zurück. Glücklicherweise hatten wir eine schöne Kabine mit eigenem Balkon, wo wir viel lasen, dazwischen schliefen, oder einfach in die unendliche Weite des Meeres mit Wind, Wellen und Wolken hinausblickten. Der Balkon war auch sehr geeignet für das Geniessen einer Kombination von Sonnenuntergang mit Happy Hour! Jeden Morgen machten wir ein paar Runden à ca. 1/2 Meile auf dem Deck mit den Rettungsbooten. Kreuzfahrten auf so einem tollen Schiff wie der Summit von Celebrity Cruise und in der Concierge Class könnten für uns zu einem sehr erstrebenswerten Reiseerlebnis werden! 

An Weihnachten war nun neben Frank auch meine älteste Schwester Selin nicht mehr dabei. Andrea und Frank haben es derzeit nach ihrer Scheidung wesentlich weniger gut wie früher. Dieser Umstand macht Fischli und mich zwischendurch immer wieder sehr traurig, vor allem der drei Buben wegen. Franks eigene Firma musste zudem im Herbst Konkurs anmelden, sodass er jetzt arbeitslos ist. Andrea arbeitet deshalb wesentlich mehr. Aber auch unter diesen erschwerten Bedingungen erfreuten wir uns ein weiteres Mal am „Full House“ an Weihnachten.
2007: Letztes Jahr Caflisch im Januar und März mit Nils, Rebbaukurs, HR Halux Op, Ostpreussen/Polen, Kochferien Provence, Familienferien Porto Heli
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8.28.  Unsere Familie Gadient -Karpf – 2007: Letztes Jahr Caflisch im Januar und März mit Nils, Rebbaukurs, HR Halux Op, Ostpreussen/Polen, Kochferien Provence, Familienferien Porto Heli.

Nach dem üblichen, trauten Sylvester/Neujahr zu zweit Zuhause starteten wir am 6. Januar zu unseren traditionellen 2 Wochen  Skiferien in Celerina im Engadin. Wieder gab es für uns den DeLuxe Ferienbeginn mit Verladen des Autos auf die Bahn von Thusis bis Samedan und Mittagessen im Speisewagen. Am ersten Wochenende besuchten uns Lexi und Familie. Für die zweite Woche waren dann wieder unsere Freunde Brunn­schweiler im Hotel Cresta Palace in Celerina, sodass wir vieles gemeinsam unternahmen. Bei strahlendem Wetter fuhren wir Ski alpin, wenn es Wolken hatte machten Winterwanderungen zu Fuss. Die Langlaufski hatten wir gar nicht mehr mitgenommen!                               

Andrea verbrachte bisher immer eine der Sportwochen mit ihren Buben in unserer Wohnung in Celerina. Dieses Jahr hatte sie Donnerstag bis Samstag vor den Sportwochen in St. Moritz ein Seminar mit ihrem Büro. Damit sie nicht gleichentags nach Hause und mit den Buben wieder ins Engadin fahren musste, hüteten Fischli und ich bei ihr Zuhause an den letzten Schultagen die Buben und fuhren diese dann am Samstag den 10. Februar in Andreas Auto für ihre Ferienwoche nach Celerina, nicht ohne am Telefon noch einen heftigen Streit mit ihrem geschiedenen Mann Frank gehabt zu haben, der die Buben gegen alle Vereinbarungen über das Wochenende reklamierte. Nach überstandenem Transport reisten dann Fischli und ich per Bahn zurück. Die Bu­­ben besuchten wiederum ganztägig die Skischule und mach­ten auch dieses Jahr weitere Fortschritte.

Nachdem ich die letzten Jahre jeweils die Reben im Nachbarrebberg so weiter gespritzt habe, wie dies Fritz angeordnet hatte, absolvierte ich im Jahr 2007 an der Fachhochschule Wädenswil einen Rebbaukurs. Seither trage ich als "Chef traitement chimique" die alleinige Verantwortung für das Spritzen der Reben und erstelle jedes Jahr einen neuen Spritzplan und kaufe die Spritzmittel ein.

Vom 17. bis 26. März waren wir das allerletzte Mal in der Ferienwohnung in der Chesa Caflisch, zusammen mit unserem Enkel Nils. Bisher hatten wir immer einen der jüngeren Enkel für eine Woche ausserhalb der Sportwochen zum Skifahren mit ins Engadin mitgenommen, solange man diese noch aus dem Kindergarten nehmen konnte. Nils als jüngster Enkel wird im Sommer auch eingeschult, und kann dann nur noch in den Sportferien Skifahren, und dann geht er jeweils mit seiner Familie in die Bettmeralp.

Es war dies übrigens das letzte Mal, dass wir in unserer Wohnung in der Chesa Caflisch Ferien machten. Unsere Freunde Fröhlich, mit welchen wir die Wohnung gemeinsam während 15 Jahren ganzjährig gemietet hatten, wollten nicht mehr, und so haben wir sie wohl oder übel gekündigt: Wir und Andrea alleine brauchen die Woh­nung zu wenig oft, denn Lexi und die Familie ihres Mannes Philipp sind auf die Bett­meralp im Wallis eingeschworen, so wie unsere Familie auf das Engadin ausgerichtet ist. Auch geht jetzt der letzte Enkel auch zur Schule, sodass wir ausserhalb der der Sportwochen nicht mehr mit einem Enkel Ferien machen können. Wir fanden aber für das nächste Jahr bereits eine schöne, geräumige 3 Zimmerwohnung gleich nebenan, eigentlich grösser und schöner als wir es im Caflisch hatten.

Am 22. Mai rückte Fischli für eine Halux Operation ins Spital Hirslanden ein, wobei ich sie erfreulicherweise bereits nach 4 Tagen wieder heimholen konnte. Der Arzt verordnete für 6 Wochen 95% Füsse hoch, was für mich 110% Füsse tief bedeutete! Glücklicherweise hatte ich ihr in letzter Zeit beim Haus­halten und Kochen etwas über die Schulter geschaut, sodass ich nicht ganz aufgeschmissen war. Im Gegenteil, ich versuchte, Fischli kulinarisch etwas zu verwöhnen. Durch die offene Küche mit der Durchreiche konnte sie mir ab Sofa immer wieder die notwendige Hilfe geben! Der anschliessende Genesungsprozess verlief gut.

Wir hatten infolge der Operation leider die jährliche Gartenreise nach England sowie eine private und persönliche Berlinreise mit unserem Reiseleiter Timo Goldmann annullieren müssen und profitierten ein erstes Mal von einer Annullierungsversicherung. Erst Ende August „rückten wir wieder aus“, aber dann eigentlich sehr flott:

Zuerst waren wir mit besagtem Timo Goldmann auf der Kulturreise durch Nordpolen, von der ich früher schon berichtet habe. Es war eigentlich die östliche Verlängerung unserer früheren Reise durch Mecklenburg-Vorpommern, ebenfalls mit Timo Goldmann. Danzig und Warschau beeindruckten uns als aufstrebende Grossstädte. Es war einerseits geschichtlich eine sehr interessante Reise (Burkhardts Danzig, Hitlers Wolfsschanze), vor allem aber hat sie uns wiederum landschaftlich tief beeindruckt.. Dabei haben es uns die traumhaften Masuren besonders angetan, die wir auch noch auf einer Fahrt mit einem Heissluftballon aus der dritten Dimension betrachten durften.

Ende September waren wir für eine Kochkurswoche in der Provence. Der Leiter war der Sternekoch Rolf Grob vom Rössli in Lindau, der jeweils auf einem herrlich eingerichteten Weingut in Le Cannet des Maures einwöchige Kurse für maximal 8 Paare veranstaltet. Scalabrins, die jeweils die Gartenreisen nach England leiten, verdankten wir die Teilnahme. Da sie kein Auto dabei hatten, machten wir mit ihnen verschiedene Tagesausflüge und kamen uns so erfreulicherweise etwas näher. Die Tagesabläufe sind immer die gleichen: Der Tag beginnt jeweils mit einem Besuch auf einem grösseren Markt wie St. Tropez, St. Maxim etc, wo dann entsprechend dem angetroffenen Angebot Vorschläge gemacht werden können und dann gemeinsam ein mehrgängiges Menü beschlossen wird. Nach dem Einkaufen steht dann steht der Tag je nach dem gewählten Menü bis 16’30 oder 17’30 Uhr zur freien Verfügung. Wir machten Tagesausflüge in der Gegend oder lasen und faulenzten am Swimmingpool. Dann hiess es aber die Schürze anziehen und Antreten zum Schnetzeln, Rüsten, Kochen und Braten, kurz unterbrochen für einen Apéro. Der Chef hatte 2 Köche und 1 Serviceangestellte mit dabei, unter deren Anleitung wir die Speisen vorbereiteten. Wir fanden die Woche absolut toll und hatten viel Spass. Vor und nachher waren wir in unserer geliebten Provence noch einige Tage allein unterwegs.

Anstatt zu ihrem 70. Geburtstag ein grosses Fest zu veranstalten, hatte Fischli unsere Töchter mit ihren Familien Mitte Oktober zu einer Woche Griechenland eingeladen. Wir hatten 3 Wohnungen in der Hapimag-Anlage in Porto Cheli auf dem Peleponnes gemietet und erlebten eine super Badewoche in der Grossfamilie mit einigen schönen Ausflügen (Epidaurus, Nafplion, Inseln Poros und Spetses etc). Dadurch, dass jede Familie ihre eigene Wohnung hatte, war auch eine gewisse Privacy gewährleistet. Umso mehr freute man sich auf gemeinsame Bade- und Tafelfreuden. Es war herrlich, die 5 Enkel (und einmal auch die Grossmutter) in der kleinen Bucht Schnorcheln oder abends nach dem Nachtessen in der Dämmerung Verstecken spielen zu sehen! Mit der abenteuerlichen Taxifahrt von Porto Cheli nach Athen in einem fast Homer’schen Gewitter und dem Heimflug nach Zürich war unsere Reisesaison für dieses Jahr zu Ende.

Weihnachten und Neujahr fanden fast im üblichen Rahmen statt. Wir feierten mit allen Kindern und Enkeln bereits am 23. Dezember, weil Andreas Buben vom 24. bis 30. Dezember bei ihrem Vater waren. Nicht üblich war, dass Fischli und ich die drei Buben dann am Sylvester bei uns hatten, denn wir feiern Sylvester am Liebsten ganz allein, ruhig und besinnlich. So musste dieses Jahr dann auch noch zwangsweise das mitgebrachte Feuerwerks gezündet werden. Schade um den wunderbaren Sternenhimmel!

2008: Celerina, Südamerika Kreuzfahrt, Jan zu Frank, KTV Mallorca, Gartenreise Cotswolds, Diskushernie HR, Andrea Spital, Hochferien Provence, Santorini
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8.29.  Unsere Familie Gadient -Karpf – 2008: Celerina, Südamerika Kreuzfahrt, Jan zu Frank, KTV Mallorca, Gartenreise Cotswolds, Diskushernie HR, Andrea Spital, Hochferien Provence, Santorini .

Wir starteten das Neue Jahr wie üblich mit unseren traditionellen Engadiner Skiferien in Celerina. Zum ersten Mal waren wir aber nicht mehr in unserer Ferienwohnung im Caflisch, die wir nach 15 Jahre Dauermiete im vergangenen April aufgegeben hatten, sondern ganz in der Nähe im Haus Alpina. Und wieder gab es den DeLuxe Ferienbeginn mit Verladen des Autos auf die Bahn von Thusis bis Samedan und Mittagessen im Speisewagen. Und ebenso besuchten uns am ersten Wochenende Lexi und Philipp mit Fabian und Nils und für die zweite Woche waren dann unsere Freunde Brunn­schweiler wieder im Hotel Cresta Palace in Celerina.

Kaum Zuhause begannen die letzten Vorbereitungen für unsere zweite grosse Kreuz­fahrt, diesmal um Südamerika herum, auf der Infinity, einem Schwesterschiff der Summit von der letzten Kreuzfahrt. Wie letztes Mal hatten wir wieder Concierge Class mit eigenem Balkon gebucht. Wir flogen am 13. Februar über Frankfurt nach Buenos Aires, ein nicht enden wollender Flug von 13 Stunden 40 Minuten. In Zürich waren es trockene -2 Grad, in Buenos Aires dann um ca. 21’00 Uhr Lokalzeit immer noch feuchte 28 Grad. Nach 2 heissen Tagen Buenos Aires mit viel Sightseeing und Shopping schifften wir am 15. Februar abends ein.

Ablegen mit Ziel Montevideo Uruguay. Dort bei schönstem Sommerwetter grosse Stadtbesichtigung und Besuch eines Weingutes. Am nächsten Tag treffen wir am Morgen in der Hafenstadt Punta del Este ein, die wir individuell besichtigen. Sie besitzt einen absolut über­dimensionierten, riesigen Yacht­hafen, wird deshalb auch St. Tropez Südamerikas genannt. Weiterfahrt abends.

Nach 1 Tag auf See treffen wir in Puerto Madryn ein. Hier haben wir einen Ausflug in die Pinguin Kolonie Punta Tomba gebucht. Nach einer langen, landschaftlich aber interessanten Bus-Fahrt sehen wir unzählige Pinguine, wir wandern mitten unter ihnen, ein einmaliges Erlebnis. Neben den Pinguinen sehen wir noch ein Gürteltier, immer wieder Guanacos, und viele Vögel, die den Strand von Aas befreien.

Nach 2 weiteren Tagen auf See bei langsam kühler werdendem Wetter treffen wir in Ushuaia ein, die südlichste, argentinische Hafenstadt auf Feuerland, mit auch jetzt im Sommer schneebedeckten Bergen im Hintergrund. Hier nehmen wir an einer Halbtages-Exkursion in den landschaftlich traumhaft schönen „Tierra del Fuego“ Nationalpark teil. Wir legen abends ab, um im Morgengrauen des 23. Februar bei einer wunderbaren Stimmung mit Sonne, Wolken und eisigem Wind die kleine Insel des Kap Hoorn zu umrunden, bevor wir wieder zurück an Ushuaia und später, bereits in Chile, an riesigen Gletschern vorbei fahren, die hier von den Bergen bis zum Meer hinunter reichen. Hier ist es auch im Sommer sehr kühl.

Nach diesem grandiosen Schauspiel treffen wir am anderen Morgen in der Magellanstrasse in Punta Arenas, Chile ein. Hier hatten wir nochmals einen Ausflug in eine Pinguinkolonie gebucht, die aber nach Punta Tomba eher etwas enttäuschend war.  Es folgten 2 schöne aber eher kühle Tage auf See, zuerst in der Magellanstrasse und dann in den chilenischen Fjorden.

Am Morgen des 27. Februar treffen wir in Puerto Montt ein. Wegen eines Busch-brandes dürfen wir leider bis am Mittag nicht an Land gehen, sodass die gebuchte Exkursion zum berühmten Osorno-Vulkan nicht mehr möglich ist, nur noch ein Halbtagesausflug bei jetzt wieder leicht wärmeren Temperaturen. Nach einem weiteren Tag auf relativ unruhiger See und mit Nebel bis am Mittag treffen wir in La Serena ein. Nun ist es wieder richtig Sommer und wir haben bereits den letzten Abend vor uns.

Dann, als wir am Samstag 1. März erwachen, sind wir bereits im riesigen Containerhafen von Valparaiso angedockt. Die Ausschiffung klappt reibungslos, und wir werden von einem Reiseführer mit Chauffeur zur Fahrt nach Santiago de Chile und dort zur Stadtbesichtigung erwartet. Auf dem Weg nach Santiago besuchen wir noch ein Weingut. Eindrücklich in Santiago ist die am Horizont immer sichtbare, über 6000 m hohe und gletscherverzierte Bergkette der Anden. Wir beziehen unser Hotel erst nach der Stadtbesichtigung und geniessen nach einem Schläfchen dann bei einem letzten, feinen Nachtessen den prächtigen Sommer-abend im Hotelgarten.

Anderntags, Sonntag 2. März ist mittags Abflug mit Swiss und Zwischenhalt in Sao Paulo. Glücklicherweise haben wir mit Meilen ein Upgrading in die Business­ Class erhalten und können so den wiederum sehr langen Nachtflug richtig geniessen und uns verwöhnen lassen. Am Montag sind wir um 11’45 wieder Zuhause in unserem Heim in Zollikon.

An Ostern waren traditionellerweise unsere Töchter mit ihren Familien zum Brunch bei uns, wobei die Enkel nachher im Garten die versteckten Osternestli suchen müs­sen, dieses Mal eher bei kühlem Wetter. Zum ersten Mal fehlte von den fünf Enkeln Jan, der seit kurzem bei seinem Vater Frank wohnt. Dass Jan neu bei seinem Vater in Konstanz das Gymnasium besucht, ist ja an und für sich positiv. Die Art aber, wie Frank die Verpflanzung von Jan von der Mutter zum Vater heimlich vorbereitet und dann ohne Vorankündigung durch­zog war doch sehr bedenklich.

Anfangs April verbrachten wir zusammen mit den Altherren des KTV wieder eine Wanderwoche auf der Insel Mallorca, wo wir wie immer im Hotel Don Leon in Colonia St. Jordi stationiert waren. Auch wenn die Wanderungen zeitlich dem fortgeschrittenen Alter der Teilnehmer etwas angepasst werden mussten, tat dies der guten Stimmung keinen Abbruch, und es war wie immer eine schöne und lustige Woche.

Ende Mai nahmen wir zusammen mit unseren Freunden Brunnschweiler an Barbara und Claus Scalabrins Gartenreise nach England teil, dieses Jahr in den Cotswolds, einer sehr harmonischen Landschaft, oft auch „Bilderbuch-England" genannt. Und wieder genossen wir die Gärten, Parks und Häuser und nahmen den einen oder anderen Anstoss für Veränderungen im eigenen Garten mit. Mit zunehmender Dauer der Reise verspürte ich starke Schmerzen im rechten Oberschenkel, sodass ich auf die Einnahme Voltaren angewiesen war. Es behinderte mich zwar, es war aber zum Aushalten.

Wieder Zuhause konsultierte ich am Montag den Hausarzt. Nachdem ich ihm noch von einem Kribbeln auf der Haut des Unterschenkels berichtete, diagnostizierte er sofort einen Bandscheibenvorfall und meldete mich für eine Untersuchung im Computertomographen an. In der Nacht auf den Dienstag wurden die Schmerzen aber unerträglich, sodass ich sofort untersucht wurde. Es bestätigte sich die Vermutung des Hausarztes und er verwies mich an den Rückenspezialisten Dr. Wälchli, der mich aber erst nach 7 Tagen untersuchen konnte. Da ich in der Zwischenzeit schmerzbedingt nicht mehr liegen konnte, verbrachte ich die Nächte möglichst gerade sitzend auf einem Stuhl, bis eine Infiltration ins Rückenmark etwas Linderung brachte. Nach dem Untersuch durch den Spezialisten und einem zusätzlichen MRI empfahl er mir die Operation. Nun ging es sehr schnell: Am 26. Juni wurde ich operiert, am 30. Juni konnte mich Fischli bereits heimholen. Ich erholte mich dank meinen sportlichen Tätigkeiten sehr schnell, und am Tag nach der Abschlusskonsultation vom 5. August durch den Spezialisten ging ich wieder Rudern!

Seither geht es mir gut. Ich muss einfach aufpassen, dass ich mich nicht übertue, sonst merke ich es sofort im Rücken.

Nach diesem Intermezzo im Spital blieben wir zwangsweise den ganzen Sommer schön brav Zuhause, mussten aber nur das traditionelle KTV Wanderwochenende im Engadin annullieren, denn nach der grossen Südamerikareise hatten wir im Sommer sowieso Zuhause bleiben wollen. Erst Ende August, nach den Schulferien, wollten wir für eine Woche ins Badhüsli, da musste am 24. August Andrea not­fallmässig mit Gallenproblemen ins Spital eingeliefert werden. Selbstverständlich sprangen wir als Ersatz­eltern sofort ein und ermöglichten vorerst einmal den normalen Schulalltag in Uitikon, bis Lexi die Buben der älteren Schwester zu sich nach Uster nehmen und zusammen mit ihren Kindern dort zur Schule senden durfte. Schön, wie die Familie während diesen 5 Wochen Spital- und Rekonvales-zenzzeit von Andrea zusammenstand und die Schwierigkeiten meisterte, vor allem durch einen übergrossen Einsatz von Lexi und Philipp, welcher nicht selbst-verständlich war.

Wir hatten infolge der Krankheit von Andrea unsere geplanten Septemberreisen in die Provence- und nach Santorini bereits abgeschrieben. Dank Lexis Einsatz konnten wir dann aber trotzdem am Kochkurs von Rolf Grob in der Bastide Neuve in le Cannet des Maures teilnehmen. Die Tagesabläufe waren die gleichen wie im Vorjahr. Im Gegensatz dazu blieben wir tagsüber meistens im Park der Bastide. Nach einem feinen, kalten Lunch und verbrachten wir den Nachmittag meistens mit Faulenzen, Baden und Lesen. Laura und Hans Gremli waren mit dabei und hatten ebenfalls viel Spass. Vor und nachher waren wir noch einige Tage allein in der Provence unterwegs und entdeckten in Seillons ein wunderbaren kleinen Ort, an dem wir nicht das Letzte Mal waren.

Für die dritte Septemberwoche hatten wir über das Reisebüro des TCS eine Badewoche auf der Vulkaninsel Santorini gebucht. Wir hatten ein äusserst günstiges Angebot gesehen und konnten durch Rückfragen und Informationen aus dem Internet unsere Zweifel an der Qualität des Aufenthaltes ausräumen. Die Reise war schlussendlich wirklich grandios mit vielen Höhepunkten, wie der Besteigung des „Kohlehaufens“ im Krater oder dem Sonnenuntergang auf einem Ausflugsboot unterhalb des Städtchens Oia. Damit hatten wir den Vorsatz verwirklicht, den wir vor einigen Jahren beim Inselhüpfen auf den Kykladen gefasst hatten, einmal nach Santorini zurückzukommen!

Die Finanzkrise erwischte auch uns: Obwohl ich glücklicherweise im letzten Jahr mein Portfolio auf mehr Sicherheit umgeschichtet hatte, wurde gegen 30 % des dort angelegten Vermögens verbraten. Im Vergleich zu unseren Freunden Brunnschweiler ging es uns aber noch gut, denn sie verloren den grössten Teil ihres doch sehr beachtlichen Vermögens. Wir verordneten uns einen scharfen Sparkurs und mussten in die Wege leiten, wie wir den künftigen Kapitalverzehr organisieren wollen (Ich habe keine Pension, da ich seinerzeit die Kapitalabfindung wählte, weil ich befürchte hatte, dass Hans Widmer nicht nur die BALLY Immobilien weltweit in dreistelligen Millionenhöhe verscherbelte sondern auch noch die Pensionskasse plündern würde).

Anfangs Dezember rief überraschend Jan an, um uns zu sagen, dass er an Weihnachten gerne mit der Mama und den Brüdern zu uns komme; er hätte dies bereits mit ihr besprochen, was uns unerhört freute. Also würde Weihnachten wieder fast im üblichen Rahmen stattfinden können. Gemeinsam schleppten Fischli und ich „Food ans Beverages“ an, bliesen Luftmatratzen auf, zogen Betten an und trafen alle Vorbereitungen für ein volles Haus. Unsere Töchter feierten mit ihren Familien wie immer zuerst bei sich, bevor sie dann ab 23. Dezember gestaffelt bei uns eintrafen und unser Haus wieder einmal aus allen Nähten platzte. Dieses Jahr lief am 24. Dezember das Programm nicht streng nach dem schriftlich festgelegten, langjährigen und von allen unterzeichneten Protokoll ab: Erstens hatten wir neu den Familiengottesdienst um 15’30 Uhr in der nahen Zollikerkirche ins Programm aufgenommen, nachdem letztes Jahr ein ad hoc Kirchenbesuch bei Gross und Klein grossen Anklang gefunden hatte. Und zweitens sind inzwischen die Kinder etwas älter geworden, d.h., man kann nicht mehr erwarten, dass sie schon um 20’00 Uhr ins Bett gehen. Dementsprechend wurden nach der Rückkehr vom Gottesdienst zuerst alle Vorbereitungen für das Essen getroffen, dann die Kerzen angezündet, gesungen sowie die Bescherung durchgeführt und erst nachträglich gegessen. Es war ein schöner, sehr harmonischer Tag.

Das am 26. Dezember stattfindende verwandtschaftliche Singen am Christ­baum samt Bescherung im Nach­bar­haus bei Mar­theli Oechsli-Welti sowie das anschliessende Essen bei uns (dieses Jahr mit total 18 Personen) war der traditionelle Schlusspunkt der Weihnachtsfeierlichkeiten. Wiederum war es sehr schön gewesen, unsere beiden jungen Familien mit viel Betrieb bei uns im Haus zu beherbergen. Es war dann aber auch schön, als am 27. Dezember wieder die grosse Ruhe ins Haus zurückkam.

Für Sylvester hatten wir uns Billete für das Lunchkonzert in der Tonhalle besorgt und nach dem Konzert machten wir einen Besuch im Kunsthaus, um dann nach Hause zu fahren und gemeinsam ein exklusives Sylvester-Menü zu kochen und den Jahresausklang wie gewohnt in stiller Zweisamkeit zu geniessen.
2009: Celerina, Heizungssanierung, Verkauf Maisonettli, Gartenreise Norfolk. Kochferien Provence
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8.30.  Unsere Familie Gadient -Karpf – 2009: Celerina, Heizungssanierung, Verkauf Maisonettli, Gartenreise Norfolk. Kochferien Provence.

Wir starteten das Neue Jahr mit unseren traditionellen Engadiner Skiferien in Celerina. Zum zweiten Mal waren wir im Haus Alpina. Infolge der Sparmassnahmen verzichteten wir aber auf den DeLuxe Ferienbeginn mit Verladen des Autos auf die Bahn von Thusis bis Samedan und Mittagessen im Speisewagen und auch auf Essen auswärts. Am ersten Wochenende besuchten uns Lexi und Philipp mit Fabian (10) und Nils (8), die mir bereits ganz gehörig um die Ohren fahren. Und in der zweiten Woche kamen unsere Freunde Brunn­schweiler für zwei Tage zu Besuch.

Wir fuhren nur Ski alpin, wenn kein Wölklein am Himmel war. Sonst machten wir ohne Skis zu Fuss Touren auf den vielen, prächtig unterhaltenen Winterwander-wegen des Oberengadins. Langlaufen wäre zwar besser für den Bauch, die Langlaufskis hatten wir aber dieses Jahr gar nicht mehr mitgenommen!

Im Februar März musste unsere Gasheizung ersetzt werden, da der alte Apparat viel Wasser verlor. Philipp musste während unseren Engadinferien einmal Wasser nachfüllen, damit die Heizung während unserer Abwesenheit intakt blieb.

Zusammen mit dem VZ Vermögenszentrum wurde eine Lösung für unser Liquiditätsproblem erarbeitet. Als optimale Lösung entpuppte sich der Verkauf der zwei zu diesem Zweck bereits früher ausparzellierten Maisonettwohnungen der Überbauung, wozu Sandra und Roland Hand reichten. Der Verkauf wurde in die Wege geleitet und schlussendlich durch Vermittlung von André Diem Ende Juni an Familie Dinner getätigt. Gleichzeitig entschieden wir uns, mit unserem Potfolio von Wegelin zum VZ Vermögenszentrum zu wechseln. Dazu verlangte das VZ bis auf die ZKB ETF Goldanteile alles zu verkaufen und die Barmittel zu transferieren. Ende September hatte ich einen Wutanfall, als ich in der Quartalsrappotierung sehen musste, dass beim VZ der Grossteil unseres Vermögens, notabene inkl. unseren Anteil am Verkaufserlös der Maisonettewohnungen, auf einem praktisch zinslosen Konto brach lag und noch nicht investiert worden war, weil VZ Regeln hatte, die Vermögen nicht allzu schnell anzulegen, damit man nicht in einem Peak Verluste einfahre! Dabei war dieser Sommer 2009 börsenmässig ein absolutes Boomjahr.

Am 23. Februar feierten wir im Kreis der (noch lebenden) Gadient-Geschwister in Bad Ragaz den 86. Geburtstag meiner Schwester Dorli, deren Gesundheit leider in letzter Zeit merklich nachgelassen hat.

Mitte März machten wir den Winterferien-Gegen­be­such bei Brunnschweilers in ihrer Ferienwohnung in Davos. Das Wetter liess uns nicht Skifahren. Dafür machten wir ausgedehnte Winterwanderungen. Der Auftakt zu diesem Besuch war zwar nicht sehr erbauend gewesen, trafen wir uns doch zur Trauerfeier für unsere gemeinsame Freundin Christeli Holer in Zug.

An Ostern waren dann traditionellerweise wieder unsere jungen Familien zum Oster-Brunch bei uns, wobei die Enkel nachher die im Garten versteckten Osternestli suchen mussten. Erfreulicherweise waren von Andreas Buben dieses Jahr neben Per (11) und Finn (10) auch Jan (13) wieder dabei, obwohl er jetzt seit über einem Jahr beim Vater in Kreuzlingen wohnt und in Konstanz ein Gymnasium besucht. Die etwas zurückgebliebene Natur machte das Verstecken der Nestli nicht einfach, und auch das eher kühle Wetter sorgte dafür, dass die Gartenfreuden nicht überbordeten.

Aus bereits erwähnten Spargründen verzichteten wir dieses Jahr auch auf die Wanderwoche mit den Altherren des KTV auf der Insel Mallorca. Hingegen fuhren wir anfangs Mai mit Brunnschweilers ins Burgund, wo wir ein paar Tage in der Firmenwohnung der Familie Tischhauser in Moroges bei Châlons s. S. wohnten. Kunsthistorische Exkursionen, ein herrlicher Spaziergang auf den Mont Avril, Autofahrten durch diese immer wieder schöne Gegend und wunderbare Grilladen am offenen Cheminée erinnerten an frühere Zeiten, wenn wir hier jeweils mit Vrenely und Jack (sowie teilweise auch mit unseren Kindern) Ferientage verbracht hatten.

Ende Mai nahmen wir auch dieses Jahr an Scalabrins Gartenreise nach England teil. Dieses Mal bereisten wir Norfolk, eine sehr harmonische, aber klar durch das nahe Meer geprägte Landschaft. Und wieder genossen wir die verschiedensten Gärten, Arboretums und Herrenhäuser sowie einen Schiffsausflug ins Naturreservat der Seevögel und Seelöwen. Wir nahmen auch wieder den einen oder anderen Anstoss für Veränderungen im eigenen Garten mit nach Hause. Das im letzten Herbst neu angelegte Beet als Abschluss unseres Parkplatzes wurde von Barbara Scalabrin konzipiert und erinnert mit seinen Buchskugeln schon etwas an englische Gärten! Besuche in Norwich und Lowestoft liessen bei mir Erinnerungen an meine Zeit bei BALLY International AG aufleben, denn ich hatte damals öfters in den hiesigen BALLY Schuhfabriken zu tun, die heute aber beide geschlossen sind.

Über meinen Geburtstag verbrachten wir einige Tage im Badhüsli am Zürcher Obersee, wo sich dann bei schönstem Wetter auch unsere ganze Familie versammelte. In den Schulferien machten unsere jungen Familien dort Badeferien, wobei sich Andrea mit Per und Finn und dann Lexi und Philipp mit ihren Buben Fabian und Nils abwechselten. Unsere Enkel verbringen ihre Sommerferien auch wieder dort, wo schon ihre Mütter sie mit uns verbracht hatten. Und wieder steht ihnen ein Optimist zum Segeln lernen zur Verfügung. Daneben habe ich diesen Sommer meinen alten Stämpfli-Kunststoffskiff „Veto“ ins Badhüsli zurückgebracht, wo er schon vor dem Seeclub Stäfa und dem Seeclub Küsnacht stationiert war. Nach den Schulferien verbrachten Fischli und ich nochmals eine wunderbare Woche im Badhüsli, wahrscheinlich die schönste und wärmste Woche des ganzen Sommers.

Ende August verreisten wir wieder in unsere geliebte Provence. Erste Station war wie üblich das Hotel de l’Atelier in Villeneuve les Avignons, am zweiten Tag übernachteten wir in Le Lavandou, selbstverständlich erst nach dem obligaten Stadtbummel in Aix en Provence mit Mittagessen am Cours Mirabeau im „Les deux Garçons“. Über die mondänen Orte St. Tropez und St. Maxim fuhren wir an nächsten Tag nach dem verschlafenen Bergdörfchen Seillans (in der Nähe von Faience), wo wir auf der Durchreise ein Jahr zuvor ein wunderbaren kleines Hotel mit sehr guter Küche entdeckt hatten. Von dort aus machten wir Ausflüge, einen Tag auch nach Biot, wo Fischli in ihrer Jugendzeit ein halbes Jahr als au pair verbracht hatte.

Am Montag 31. August rückten wir dann zum dritten Mal in den Kochkurs von Rolf Grob in der Bastide Neuve in le Cannet des Maures ein. Die Tagesabläufe waren die gleichen wie im Vorjahr: Der Tag beginnt jeweils mit dem Besuch eines Marktes, wo dann entsprechend dem Angebot gemeinsam ein mehrgängiges Menü beschlossen und entsprechend eingekauft wird; der Tag steht dann bis ca. 17’00 Uhr zur freien Verfügung. Wie im Vorjahr blieben wir tagsüber meistens im Park mit dem Swimming Pool der Bastide und verbrachten jeweils nach einem feinen, kalten Lunch den Nachmittag mit Faulenzen, Baden und Lesen.

Für die Heimreise hatten wir uns den Weg über Montpellier und die Auvergne ausgedacht, wo uns die Gegend schon vor Jahren sehr gefallen hatte und wo seit 2 Jahren bei Millau die höchste Autobahnbrücke der Welt mit über 300 m über Grund in Betrieb ist. Wir planten, in Aumont-Aubrac zu übernachten, wo wir schon vor Jahren einmal abgestiegen waren. Abgesehen von der eleganten Hängebrücke faszinierte uns wiederum die Gegend, vor allem dann am nächsten Morgen im Massif Central, wo uns die Fahrt durch die vulkanische Gegend in Richtung Clermand Ferrand sehr beeindruckte. Über Roanne, Paray-le-Monial, Moroges, Châlons, Dôle, Mulhausen und Basel erreichten wir schliesslich heil und gesund nach fast 800 km Autofahrt wieder unser Zuhause.

Im Rebberg von Fischlis Grossvater, 30 Meter unter unserem Haus, der heute der Familie von Fischlis Tante gehört, und wo ich seit drei Jahren als Spritzmeister (Chef du traitement chimique!) amtiere, hatten wir ein wunderbares Rebjahr: Wir wurden von jeglichen Pilzkrankheiten verschont, wir hatten weder Schädlinge noch Vogelfrass und bei dem für die Reben idealen Herbstwetter kletterten die Oechsle-Grade auf 92, den gleichen Wert wie im Wärmejahr 2003, was in unseren Breitengraden für einen Riesling-Sylvaner hervorragend ist. Einzig Fuchs und Marder versuchten zuzuschlagen und mit zunehmender Reife der Trauben davon zu stehlen. Mit einem elektrisch geladenen Maschenzaun für Schafe konnten wir aber gut dagegen halten, sodass wir schlussendlich einen schönen Ertrag hatten.

Nach dem Rebbaukurs in der Fachhochschule Wädenswil interessierte ich mich auch für die Spritzung der Obstbäume auf dem ehemaligen Landwirtschaftsland von Fischlis Grossvater. Es gelingt mir nun seit einigen Jahren, von den Kirschen die Kirschenfliege, von Aprikosen, Zwetschgen und Pflaumen die Monilia und von den Äpfeln die Wurmstichigkeit fern zu halten, was mich sehr stolz macht. Unser eigener Boskopbaum war dieses Jahr wieder voll „trächtig“, nachdem er letztes Jahr nicht einen einzigen Apfel trug. Wir verschenkten heuer über 200 kg an Freunde und Nachbarn und werden selber wahrscheinlich bis in den März hinein davon zehren können.

Unsere Abonnemente in Tonhalle sowie die Jahreskarte im Kunsthaus machen uns immer noch sehr viel Freude. Den Sparmassnahmen fiel dieses Jahr leider das Abonnement im Opernhaus zum Opfer. Vielleicht besuchen wir aber doch noch die eine oder andere Vorstellung in der zweiten Saisonhälfte.

Für den Zolliker Verein „Senioren für Senioren“ arbeite ich seit ein paar Jahren als Mechaniker und repariere Gartentore, Lampen, Türschlösser und vieles mehr. Nun bin ich im neuen Schuljahr auch beim Projekt „Generationen im Klassenzimmer“ mit dabei. Hier helfe ich einer Lehrerin als Assistent in einer sehr schwierigen 2. Sekundarklasse B beim Chemie- und Physikunterricht. So arbeite ich am Dienstagnachmittag bei der Vorbereitung und dann am Mittwochmorgen in einer Doppelstunde bei der Überwachung von Versuchen und Experimenten mit. In den ersten Stunden war für mich das Verhalten der Schüler im Unterricht, besonders aber gegenüber der Lehrerin ein absoluter Schock! Im Vergleich zu dem, was ich von meiner eigenen Schulzeit und jenem unserer Töchter in Erinnerung behalten hatte, scheint mir der heutige Zustand eine absolute Katastrophe. Ich habe mich inzwischen etwas daran gewöhnen müssen. Ich beneide aber die Lehrer im Umgang mit Schülern und Eltern der heutigen Wohlstands- und Migrations-gesellschaft nicht; im Gegenteil, ich habe inzwischen wesentlich mehr Verständnis für ihre Anliegen.

Weihnachten fand wieder fast im üblichen Rahmen statt. Da Andreas drei Buben dieses Jahr ab 24. Dezember beim Vater sind, feierten wir bereits am 23. Dezember hier bei uns. Wie immer schleppten Fischli und ich vorher „Food ans Beverages“ an und trafen alle Vorbereitungen für ein volles Haus: Wir hüteten Lexis Buben noch turnusgemäss am Dienstag den 22.12. , jedoch in den Ferien hier bei uns, und abends trafen dann auch Lexi und Philipp ein. Andrea reiste mit ihren Buben und mit Jan am Mittwoch 23.12. an, sodass wir am frühen Nachmittag vollzählig waren. Auf den Familiengottesdienst in der Kirche mussten wir dieses Jahr verzichten, da dieser erst anderntags am 24.12. stattfand. So war beim Einnachten zuerst beim Kerzenschein des Christbaums Singen und Musizieren angesagt; dann fand die Bescherung statt, und anschliessend wurde gegessen.

Nach einem Oma-Z’Morge (das ist ein reicher „Brunch“ mit Eiern, Wurst, Käse, Brot und Zopf) am 24.12. kam Frank die Heinzelmann Buben holen, und auch Andrea, Lexi und Familie reisten dann heim. Es waren schöne, friedliche und sehr harmonische Tage. Auch das verwandtschaftliche Singen mit Christbaum am 26. Dezember bei Marteli Oechsli-Welti, unserer Nachbarin und letzten, noch lebenden Tante von Fischli, mit anschliessendem Essen bei uns mit dieses Jahr total 16 Personen war der traditionelle Schlusspunkt der Weihnachtsfeierlichkeiten. Es ist jetzt aber auch wieder schön, die grosse Ruhe in unserem Haus zu geniessen. Zwischen Weihnachten und Neujahr bekochten wir am 29. Dezember unsere Freunde Scalabrins und am 30. Dezember gingen wir Essen mit unseren Freunden Brunnschweilers in der Akazie in Winterthur.  

Sylvester/Neujahr verbrachten Fischli und ich sehr still: Wir kochten gemeinsam für uns ein feines Menü und warteten dann wie gewohnt in stiller Zweisamkeit auf das Kirchengeläut um Mitternacht.
2010: Celerina, Darmop Fischli, KKZ Flandern/Brabant Engadin-Barolo-Kochferien Provence, Grosse Südsee-New Zealand-Australien Reise
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8.31.  Unsere Familie Gadient -Karpf – 2010: Celerina, Darmop Fischli, KKZ Flandern/Brabant Engadin-Barolo-Kochferien Provence, Grosse Südsee-New Zealand-Australien Reise.

Wieder starteten wir das Neue Jahr mit unseren traditionellen Engadiner Skiferien in Celerina. Zum dritten Mal waren wir im Haus Alpina. Wetterbedingt kamen wir auf den DeLuxe Ferienbeginn mit Verladen des Autos auf die Bahn von Thusis bis Samedan zurück, verzichteten aber wenigstens auf das Mittagessen im Speisewagen. In der ersten Woche kamen unsere Freunde Brunn­schweiler zu Besuch. Wir machten ausgedehnte Wanderungen, allerdings bei eher mässig schönen Wetter. Und am Donnerstagabend fuhren dann bereits Lexi und Philipp mit Familie an. Fabian und Nils zogen am Freitag einen sogenannten Jokertag ein und konnten so das Wochenende um einen Tag verlängern. Am Freitag und Samstag fuhren wir Ski, am Sonntag wanderten wir ins Val Roseg. Die zweite Woche hatten wir dann für uns: Wir fuhren zwei Mal Ski alpin, als kein Wölklein am Himmel war. Sonst machten wir zu Fuss Touren auf den vielen, prächtig unterhaltenen Winterwanderwegen des Oberengadins

Das VZ machte mich so zornig, dass ich bei Vorliegen der Jahresperformance für 2009 per Ende März kündigte und zu Diem Partner wechselte, wo wir uns seither besser aufgehoben fühlen als bei Wegelin und VZ.

Mitte März machten wir den Winterferien-Gegen­be­such bei Brunnschweilers in ihrer Ferienwohnung in Davos. Das Wetter liess uns nicht Skifahren. Dafür machten wir ausgedehnte Winterwanderungen, am ersten Tag nach Mondstein, und am zweiten Tag um den Davosersee und über die Promenade zurück zur Wohnung in der Nähe der Bolgeren.

Ende März hatten Fischli und ich je einen medizinischen Tiefschlag zu verkraften: Am Mittwoch 24. März rückte Fischli im Spital Hirslanden für einen sogenannt kleinen Eingriff am Darm ein. Samstag spätestens sollte sie wieder Zuhause sein. Komplikationen, die anfänglich mit der eigentlichen Operation nichts zu tun hatten verlangten aber einen Spitalaufenthalt bis Dienstag, und weitere Komplikationen liess die für Mitte April geplante Wanderwoche auf Mallorca in weite Ferne rücken. Und diese Komplikationen nach der Operation sollten Fischli leider das ganze Jahr hindurch und sogar weiter begleiten.

Gleichentags war ich am Morgen früh in Basel in der Vista Klinik beim Augenarzt Dr. Häfliger angemeldet, der mir im November 2003 die Speziallinse eingesetzt hatte, welche die Fehler bei der Hornhaut - Trans­plan­tation korrigieren sollte. Damals bestand eine minimale Möglichkeit, dass sich die Speziallinse mit der Zeit etwas drehe, was dann die Optik sehr stark verschlechtern würde. Diese sehr kleine Wahrscheinlichkeit wurde letzten Herbst bei mir leider Tatsache, als die Sehstärke im transplantierten Auge plötzlich stark abnahm und die Sicht trüb wurde, was mich vor allem beim Lesen behindert. Die neue Untersuchung bei Dr. Häfliger endete in der Frage, ob ich damit leben könne und in der Empfehlung, im Moment gar nichts zu machen und die Situation in einem Jahr wieder zu beurteilen.

An Ostern waren dann traditionellerweise wieder unsere jungen Familien zum Oster-Brunch bei uns, wobei die Enkel nachher die im Garten versteckten Oster-nestli suchen mussten. Leider war von Andreas Buben dieses Jahr der Älteste Jan nicht dabei. Die auch dieses Jahr etwas zurückgebliebene Natur machte das Verstecken der Nestli nicht einfach, und auch das eher kühle Wetter sorgte dafür, dass die Gartenfreuden nicht überbordeten.

Nach der infolge der Komplikationen nach Fischlis Operation annullierten Wander-woche auf Mallorca fuhren wir anfangs Mai wie im Vorjahr mit Brunnschweilers für ein paar Tage nach Moroges ins Burgund. Wetterbedingt beschäftigten uns weniger die Ausflüge sondern vor allem Heizprobleme, da es grösstenteils sehr kalt und nass war. Da das riesige offene Cheminée zu Heizzwecken praktisch den ganzen Tag brannte, drängten sich wunderbare Grilladen geradezu auf. Daneben kauften wir verschiedene lokale Spezialitäten ein und kochten uns ganz feine „Plättli“. Gerne erinnerten wir uns anhand der Gästebücher auch an frühere Besuche mit Vrenely und Jack sowie teilweise auch mit unseren Kindern. Am zweitletzten Tag trafen wir uns mit Marina Chepkina und ihrem Mann zum Mittagessen, welche seit einem Jahr in Dijon wohnen.

Im Frühsommer begannen wir unsere grosse Reise in die Südsee zu planen, sodass wir dieses Jahr auf die Gartenreise nach England verzichteten. Hingegen hatten wir uns für die Kulturkreisreise nach Flandern und Brabant angemeldet, die vom 19. – 26. Juni stattfand. Reiseleiter war „unser“ Timo Goldmann. Es war eine wunderbare Reise in ein Gebiet, das wir überhaupt nicht kannten.

Bevor sich in den Schulferien unsere Jungen die 5 Wochen im Badhüsli am Zürcher Obersee teilten, verbrachten Fischli und ich die schönste und wärmste Sommer-woche des Jahres dort. Das Wetter war wunderbar und wir Glückspilze hatten ein richtiges Ferienfeeling wie früher! Da mein alter Kunststoff-Skiff seit letztem Sommer auch wieder dort stationiert ist, war ich jeden Morgen auf dem See, obwohl das Ein- und Aussteigen ab dem hohen Schiffssteg nicht sehr einfach ist. Das war seinerzeit mit dem Ruder – Ponton viel einfacher. In den Schulferien spielte das Wetter dann nur noch teilweise mit. Anstatt Badeferien mussten unsere Jungen Ausflüge und Museumsbesuche planen und zwischendurch sich Zuhause aufwärmen. Auch der Optimist zum Segeln und der Skiff (Alexa und Jan rudern auch!) wurde dieses Jahr wetterbedingt nicht allzu oft gewassert..

Ende August fanden die traditionellen Wandertage mit den Altherren und des KTV  samt Gemahlinnen im Engadin statt, dieses Mal nicht am Wochenende sondern unter der Woche, und wieder einmal mit wunderbarem Wetter. Wir fuhren am ersten Nachmittag nach Marguns hoch und stiegen auf dem normalen Alpweg nach Celerina ins Hotel ab. Am zweiten Tag fuhren wir mit der Bahn bis Bernina Hospiz und wanderten über die Talstation der Diavolezzabahn nach Morteratsch, mit Z’Mittag im Restaurant Berninahäuser. Und am dritten und letzten Tag fuhren wir mit den Privatautos nach Maloja und stiegen zum Lägh da Cavloc auf. Wir hatten die Strecke über den Lägh da Bitaberg gewählt, den Fischli und ich ca. 1992 einmal begangen hatten. In Erinnerung hatten wir zuerst einen etwas happigen Aufstieg, dann aber zwischen Bitaberg und Cavloc eine leichte Bergwanderung auf schönen Wegen praktisch auf gleicher Höhe. Wir hatten Wanze mit etwelchen Herzproblemen und Alice Tifig mit Knie- und Hüftproblemen bei uns! Der Anfang war wesentlich happiger als in der Erinnerung und machte unseren Begleitern bereits erste Mühen. Und dann war der erwartete, beschauliche Weg ein ewiges Auf und Ab mit teilweise recht beträchtlichen Höhendifferenzen, sodass wir schliesslich sehr froh waren, mit unseren Begleitern endlich das Restaurant Cavlocsee zu erreichen.

Da in der Folgewoche der Kochkurs von und mit Rolf Grob in der Provence stattfand, hatten wir beschlossen, am Freitag direkt von Celerina dorthin zu fahren, und zwar durchs Barologebiet im Piemont. Immer noch bei herrlichem Reisewetter fuhren wir über den Malojapass und dem Comersee entlang nach Mailand; von dort auf der Genua-Auto­bahn Richtung Tortona, dann nach Asti und Alba und schliesslich nach Barolo. Freunde hatten uns ein gutes Hotel mit Swimmingpool empfohlen und das Weingut von Aurelio Settimo in La Morra, das nahe Barolo liegt. Als wir die Namen unserer Freunde nannten, wurden wir im Weingut spontan wie Freunde behandelt, und man führte uns herum, zeigte uns die Reblagen und den Betrieb, und dies noch bevor wir 6 Flaschen Barolo kauften. Das Barolo Gebiet hat es uns angetan: Alle die so wunderbar ausgerichteten und gepflegten Rebberge an den Hügeln, wie frisch gekämmt; und immer zuoberst ein kleiner Weiler oder ein Dorf! Eine grandiose Landschaft, vom Wein ganz zu schweigen!

Anderntags fuhren wir auf der Autobahn Turin – Savona über Mondovi und Cava nach Savona, wo wir die Autobahn entlang dem Ligurischen Meer erreichten und von dort relativ rasch in Biot bei Antibes waren, wo wir in der „Domaine du Jas“ unten am Dorf abstiegen. Zu Fuss ist die Dorfmitte von Biot vom Hotel aus in ca. 10 Minuten erreichbar, allerdings teilweise über steile Treppen, was tagsüber sehr warm machte! Das Hotel gefiel uns so gut, dass wir gleich bis am Montagmorgen blieben. Fischli schwelgte in Jugenderinnerungen. Biot hat sich aber auch zu einem schönen Dorf mit guten Restaurants entwickelt, vielleicht etwas gar touristisch aufgemacht, gemäss Fischli nicht mehr zu vergleichen mit dem ärmlichen Anstrich von damals.

Am Montag 31. August rückten wir dann zum vierten Mal in den Kochkurs von Rolf Grob in der Bastide Neuve in le Cannet des Maures ein. Die Tagesabläufe waren wieder die gleichen: Wie in den Vorjahren blieben wir tagsüber meistens im Park mit dem Swimming Pool der Bastide, und verbrachten nach einem etwa stündigen Marsch in der Mittagshitze und dem Lunch den Nachmittag mit Lesen, Baden und Faulenzen.

Die Heimreise zogen wir dieses Jahr am Sonntag 5. September sauber durch: An Aix en Provence vorbei, das wir zum ersten Mal auf einer Provencereise nicht besuchten, fuhren wir nach Lyon, dann über Bourg en Bresse, Besençon und Basel nach Hause, um so dem Sonntagsverkehr auf unserer A1 zu entgehen.

Am 22. September flogen wir zu unserer grossen Südsee- und Australienreise nach San Francisco ab, wo wir nach einem Tag Aufenthalt mit ausgedehnten Spaziergängen einschifften und unter der golden Gate Brücke hindurch Richtung Hawaii ausliefen: Ein absolut unvergesslicher Anblick einer unserer Lieblingsstadt. Auf Hawaii machten wir auf den Inseln Oahu und Maui je einen Tagesausflug, bevor wir südwärts fuhren und je für einen Tag die Inseln Moorea, Tahiti und Bora Bora in Französisch Polynesien besuchten. Nach Besuchen auf den Inseln Samoa, US Samoa und Fidschi steuerten wir weiter südwärts Richtung New Zealand, wo wir nacheinender je einen Tag Auckland und die Hauptstadt Wellington auf der Nordinsel besuchten. Weiter ging’s über Christchurch und Dunedin um die Südspitze von Neuseeland herum nach Fijordland, das wir aber leider eines Sturmes wegen nicht besuchen konnten und nordwestwärts unseren Zielhafen Sydney ansteuerten. Wir waren insgesamt 31 Tage auf See und haben auch diese längere Kreuzfahrt voll geniessen können, nicht zuletzt unseres relativ grossen Balkons wegen, auf welchem wir die Tage auf See mehrheitlich sehr privat verbrachten. Und wenn wir schon einmal praktisch am anderen Ende der Welt waren, fuhren wir nicht sofort vom Hafen zum Flughafen zum Heimflug, sondern blieben noch 2 Tage in Sydney, reisten dann für drei unvergessliche Tage in die Wüste bei Ayers Rock, wo wir geführte Ausflüge machten, und erholten uns nochmals drei weitere Tage nördlich von Cairns beim Great Barrier Reef in einem traumhaften Hotel an der Kewarra Beach. Von hier aus besuchten wir draussen im Reef "Green Island" und verbrachten bei "Kuranda" ein letztes Mal einen Tag im Regenwald, der es uns auf der Reise besonders angetan hatte. Von Cairns flogen wir dann über Darwin nach Singapore, wo wir nochmals einen Tag Pause mit Stadtbesichtigung einschalteten, um dann definitiv am 3. November glücklich, gesund und zufrieden nach Hause zu kommen. Das Verdauen der unwahrscheinlich schönen Eindrücke und Erlebnisse dieser Reise wird wohl noch eine Weile dauern.

Weihnachten fand wieder fast im üblichen Rahmen statt. Wie immer schleppten Fischli und ich „Food ans Beverages“ an und trafen die Vorbereitungen für ein volles Haus. Wir feierten dann am 24. Dezember in Vollbesetzung, wobei anschliessend wiederum alle hier schliefen. Nach einem Oma-Z’Morge am 25.12. reisten alle heim. Es waren wieder schöne, friedliche und sehr harmonische Tage. 

Das verwandtschaftliche Singen mit Christbaum am 26. Dezember bei Marteli mit anschliessendem Essen bei uns, mit dieses Jahr total 19 Personen, war der traditionelle Schlusspunkt der Weihnachtsfeierlichkeiten.

Fast hätte ich noch vergessen zu berichten, dass Fischli und ich in diesem Jahr je ca. 10 Kilo Gewicht verloren haben: Mit einem E-Balance Programm einerseits und täglichen, zügigen Spaziergängen von etwa 70 Minuten oder Krafttraining. Wir sind etwas stolz, dass wir dies einfach so geschafft haben und dann das niedrigere Gewicht halten konnten.

Sylvester/Neujahr verbrachten Fischli und ich sehr still: Wir kochten gemeinsam für uns ein feines Menü und gingen relativ früh ins Bett.
2011: Celerina, Bauchspeicheldrüsenkrebs Fischli, Annullierung aller Reisen, Tod meiner Schwester Dorli
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8.32.  Unsere Familie Gadient -Karpf – 2011: Celerina, Bauchspeicheldrüsenkrebs Fischli, Annullierung aller Reisen, Tod meiner Schwester Dorli.

Zum vierten Mal starteten wir das Neue Jahr mit unseren traditionellen Engadiner Skiferien im Haus Alpina in Celerina. In der ersten Woche am Dienstag und Mittwoch kamen unsere Freunde Brunn­schweiler zu Besuch. Und bereits am Donnerstagabend erwarteten wir wieder Lexi und Philipp mit Familie, da Fabian und Nils am Freitag in der Schule einen sogenannten Jokertag einzogen. Am Freitag und Samstag fuhren wir Ski, am Sonntag wanderten wir ins Val Roseg. Die zweite Woche hatten wir dann für uns: Wir fuhren nicht mehr Ski sondern waren immer zu Fuss auf den vielen, prächtig unterhaltenen Winterwanderwegen des Oberengadins unterwegs. Fischli war dieses Jahr das erste Mal nie mehr auf der Piste. Für nächstes Jahr müssen wir eine neue Wohnung suchen, da Stamms ausgewandert sind und die Wohnung im Januar selbst bewohnen wollen.

Am 21. Februar machten wir den Winterferien-Gegen­be­such bei Brunnschweilers in ihrer Ferienwohnung in Davos. Das Wetter liess uns nicht Skifahren. Dafür machten wir ausgedehnte Winterwanderungen, am ersten Tag zum Waldfriedhof und am zweiten Tag über die Promenade zurück zur Wohnung. Auf dem Heimweg fuhren wir am 23. Februar zu Dorlis 88. Geburtstag nach Bad Ragaz. Dorli ist etwas apatisch geworden und man überlegt, sie allenfalls in ein Pflegeheim zu verlegen. Spitex muss mehrmals am Tag kommen und neben Tochter Doris im Haus nebenan hilft die Mieterin der Inliegerwohnung bei der Betreuung.

Die Komplikationen nach Fischlis letztjähriger Darmoperation waren nach wie vor aktuell und zeigten sich in zeitweiser Inkontinenz. Sie wurde von Spezialist zu Spezialist gereicht, und man suchte nach Allergien, nach Empfindlichkeiten für Lactose und vielem mehr. Eine Messung der Muskelkraft des Schliessmuskels zeigte ein sehr schlechtes Bild. Man fand heraus, dass dies wahrscheinlich Spätfolgen des Damrisses anlässlich Andreas Geburt wären. Fischli wurde therapiert, Beckenbodentraining usw.

Irgendwann hatte Fischli genug und meldete sich einmal beim Hausarzt für einen ganz normalen Checkup an. Beim Abtasten des Bauches hielt Dr. Aeppli plötzlich inne, und Fischli sagte: „gell, da ist etwas“! Der Arzt fragte sofort, wie lange sie dies schon spüre. Fischli antwortete, ca. 1-1½ Monate, worauf der Arzt sie sofort im Spital Zollikerberg für eine Computertomographie anmeldete. Am 24. März erhielt sie (kurz vor einem kleinen Geburtstagsfest bei Lexi) den CT-Befund: Tumor im Bauchspeicheldrüsenkopf, eine Biopsie müsse zeigen, ob bösartig oder nicht.

Am 28.03. erfolgte die ERCP Biopsie im Spital Hirslanden mit anschließendem bangen Warten auf den Bescheid: Der Tumor ist bösartig, was wir aber fast schon erwartet hatten (Onkel Päuli und Cousin Carlo Streuli waren daran gestorben).

Dr. Wehrli orientierte uns ausführlich am 5.April: Er erklärtean Hand einer Zeichnung, dass es eigentlich nur eine Möglichkeit gäbe: Da der Tumor glücklicherweise früh entdeckt wurde, könne man ihn noch operativ entfernen, denn in den meisten Fällen sei es dafür bereits zu spät. So hatte der Krebs den Gallenhauptgang und die lebenswichtige Leberarterie noch nicht allzu stark beeinträchtigen können und es scheinen auch noch keine Metastasen zu existieren. Zur Operation gäbe es praktisch keine Alternative: Falls man nichts machen würde, käme das eben beschriebene Szenario betr. Gallenhauptgang und Leberarterie ins Laufen und es gäbe ein relativ schnelles und sehr schmerzhaftes Ende.

Diese sogenannte „Whipple Operation“ sei praktisch die grösste Operation, die man im Bauch machen könne! Es werde eine 5-6 stündige Operation, dann 4-6 Tage Intensivstation plus anschliessend 3-4 Wochen Spital plus anschliessend Reha. Dr. Wehrli wollte den Fall aber noch in einer interdisziplinären Tumorarbeits-gruppe besprechen und rief am nächsten Tag abends an, sie wären zum gleichen Urteil gekommen. Geplant wurde die Operation für anfangs Mai.

Durch die unvorhergesehene Diagnose musste als erstes unsere vom 1.-10. April geplante Reise mit Arnold Hottinger nach Andalusien abgesagt werden! Dafür konnten wir dann aber am Sonntag 10. April an der Konfirmation unseres ältesten Enkels Jan teilnehmen. Da er beim geschiedenen Vater in Kreuzlingen wohnt und ein Gymnasium in Konstanz besucht, wurde er auch in Konstanz konfirmiert. Wir erlebten einen sehr schönen und würdigen Gottesdienst mit anschliessendem Mittagessen am Untersee. Wir waren von Frank eingeladen, wieder einmal ganz en famille, wie früher, als Frank und Andrea noch zusammen waren: Neben Frank, Jan, Andrea mit Per und Finn und Fischli und mir waren noch Franks Bruder mit Gemahlin sowieauch Alexa und Philipp mit Fabian und Nils anwesend. Um Frank etwas unter die Arme zu greifen übernahm ich dann die Getränke.

Nach der Annullation der Andalusienreise mussten wir uns auch für die Gartenreise in England wieder abmelden. Sie wäre dieses Jahr in Kent gewesen, u.a. mit einem Besuch in Sissinghurst! Schade!

Fischlis Freundin Annelies Lüthi hatte ebenfalls einen schlechten Bescheid: Krebs. Da sie mit ihren fast 90 Jahren nichts machen wollte, gaben ihr die Ärzte noch ca. 1 Jahr. Fischli lud deshalb vor Ostern Annelies und die ganze, seinerzeitige Bibliotheksmannschaft Hombrechtikon zu uns zu einem Nachtessen ein (Rosemarie Betschart, Ingrid Schweizer, Lily Erb, xy) .

An Ostern am 24. April waren dann traditionellerweise wieder unsere jungen Familien zum Oster-Brunch bei uns, wobei die Enkel nachher die im Garten versteckten Osternestli suchen mussten. Leider war von Andreas Buben auch dieses Jahr Jan über Ostern in einem Lager und somit nicht dabei. Die dieses Jahr schon sehr üppige Natur von Ende April machte das Verstecken der Nestli für einmal sehr einfach, und Fotos zeigen, dass das schöne Wetter echte Gartenfreuden aufkommen liess.

Anstatt mit Brunnschweilers wie geplant ins Burgund zu fahren rückten wir zur Operation am Freitag, 06.05. in die Klinik Hirslanden ein. Nach einer fast 8 stündigen Operation rief mich Dr. Wehrli erst kurz nach 15:00 Uhr an, es sei überstanden. Ab 13:00 hatte ich wie auf Nadeln beim Telefon gesessen und auf den Anruf gewartet! Abends um 18:00 Uhr durfte ich Fischli auf der Intensivstation besuchen; sie war erstaunlich munter. Ich zählte 19 Schläuche und Kabel, an welche sie angehängt und mit welchen sie permanent an einem Computer angeschlossen war und wo alle Daten aufgezeichnet wurden. Hier blieb sie unter ständiger Überwachung bis am Montagmittag. Dann wurde sie aufs Zimmer verlegt, wo sie bis zum 26. Mai blieb, zwischendurch mit Komplikationen: Einmal mit einem Herzklappenflimmern und dann mit dem Darmbakterium „Clostridium difficile“, welches starken Durchfall bewirkt. Fisch muss deshalb ab sofort ein spezielles darauf abgerichtetes Antibiotika nehmen, das ihr stark zu schaffen macht.

Die Klinik Hirslanden liegt auf der Stadtgrenze zu Zürich, für uns in Zollikon äusserst günstig: Ich bin per Auto in 5 Minuten dort in der Tiefgarage; so war ich jeden Tag morgens und abends bei Fischli, manchmal noch ein drittes Mal. Ich machte ihr jeden Tag mit Fotos belegte „Gartenmeldungen“, d.h. Aufzeichnungen, was im Garten neu blühte usw. Zwei Mal holte ich sie für einen Tee im Garten nach Hause! Alles in allem hatte Fischli scheinbar einen überdurchschnittlich guten Genesungsverlauf, sodass ich sie am 26. Mai, drei Wochen nach der Operation, für einen Tag und eine Nacht heim holen konnte, um sie anderntags nach Mammern in die Reha zu fahren.  

In der Reha-Klinik Mammern staunte man am 27. Mai, als Fischli zur Eintrittsvisite zu Fuss kam! Whipple-Patienten würden normalerweise in der Ambulanz angeliefert!! Ich blieb die drei Wochen in Mammern als Begleitperson bei ihr: Neben ihrem Spitalbett hatte man ein normales Hotelbett samt Nachttischchen ins Zimmer 76 gestellt, sodass ich Fischli jederzeit als erster allerlei Handreichungen bieten konnte. Wir waren auch gut vernetzt, da ich mein Notebook mit W-Lan Anschluss bei mir hatte.

Wegen dem Durchfall konnte Fischli in der ersten Woche leider keine Therapien machen, da sie immer in der Nähe des WC bleiben musste! Zuerst waren nur 2 Wochen vorgesehen, es musste dann aber deswegen eine weiter Woche angehängt werden. Ab der 2. Woche konnte sie meistens die Therapien besuchen und wir begannen wieder etwas zu marschieren, zuerst im Park, und später auch etwas weiter im Dorf. Brunn­schwei­­lers kamen zwei Mal zu Besuch, einmal zu einem Apéro und ein zweites Mal zum Z’Nacht. Am 16. Juni wurde Fischli nach Hause entlassen.

Zurück aus Mammern begannen Fischli und ich wieder schön langsam mit unseren täglichen, zügigen Spaziergängen oder zwei Mal pro Woche mit Krafttraining. Ab Herbst waren es dann, sofern der Darm es zuliess, wieder fast täglich etwa 70 Minuten Waldspaziergang. Während Fischli diesen Sommer operationsbedingt bis auf 46 Kilo abmagerte (die letztes Jahr abgenommenen 10 Kilos hätten ihr jetzt gut getan!) setzt sie jetzt alles daran, möglichst wieder etwas zu Kräften und etwas mehr Gewicht zu kommen, wobei ich hingegen etwas Mühe habe, mein reduziertes Idealgewicht zu halten!

In der Zeit nach Mammern ging es immer auf und ab: 1-2 Tage fast normal, dann wieder 1-2 Tage oder Nächte Durchfall, und zwar hie und da so explosionsartig, dass Fischli keine Chance hat, noch aufs WC zu kommen. Es ist eine sehr deprimierende Situation. Die Ärzte versuchen Verschiedenes und immer wieder Neues: Quantalon, Opium-Tröpfchen, stärkere Kreon, Immodium, Immogas, usw. Sie sind aber, so denke ich, etwas ratlos. Seit jener unseligen Operation im Mai 2010 hat sich die Inkontinenz dramatisch verschlechtert, und nach der Whipple-Operation scheint Fischlis Verdauungstrakt restlos überfordert! Grund für die Inkontinenz sei der seit Andreas Geburt defekte Schliessmuskel, was sich oft erst im Alter manifestiere. Der noch junge und elastische Körper könne solche Defekte relativ lang übertünchen! Infolge der Inkontinenz wagt Fischli fast nirgends mehr hin zu gehen. Und wenn wir uns einmal irgendwo anmelden (wie z.B. am 18.09. zum Kulturbrunch der ETH-Alumni mit Peter von Matt zum Max Frisch Jubiläum), so müssen wir uns wieder abmelden, oder ich muss alleine gehen, wie beispielsweise letzthin ans Abonnement-Konzert in die Tonhalle.

Während der 5 Wochen Sommer-Schulferien waren abwechslungsweise unsere Jungen wieder im Badhüsli am Zürcher Obersee. In der Woche vorher und nachher verbrachten auch wir auch je ein paar Tage dort, einfach ohne Besuch; und bei schlechtem Wetter fuhren wir jeweils nach Hause. 

Infolge der Verschlechterung des Gesundheitszustandes meiner Schwester Dorli konnte sie ab August nicht mehr im eigenen Haus bleiben, auch nicht mehr mit Spitex und ihrer Tochter und Enkelin im Haus nebenan. Fischli und ich konnten glücklicherweise noch einen Besuch bei ihr im Pflegeheim in Maienfeld machen, bevor sie eine Woche später nach sehr heftigen Trigenimus-Anfällen am 18. August überraschend starb. Fischli konnte mich zur Beerdigung am 23.08. nach Bad Ragaz begleiten.

Dadurch, dass der Durchfall weiterhin so unberechenbar blieb, mussten wohl oder übel alle übrigen Reisepläne auf Eis gelegt werden: Keine Fahrt über das Piemont nach Südfrankreich und schlussendlich doch Abmelden von den Kochferien in der Provence! Zum ersten Mal wahrscheinlich überhaupt werden wir dieses Jahr keinen einzigen Tag in Frankreich weilen….

Daneben verging die Zeit wie jedes Jahr mit Arbeit im Garten, Reben und Obstbäume spritzen, Abonnementskonzerten in der Tonhalle, Kunsthausbesuchen, Fitnesstraining, Rudern, Senioren für Senioren sowie im Klassenzimmer und Anlässen des Zürcher AHV KTV.

Ab September begannen wir akribisch ein Protokoll zu führen, was wir bei den Hauptmahlzeiten zu uns nehmen und wie sich dabei das Stuhlverhalten entwickelt, um daraus allenfalls mit den Ärzten eine Korrelation zu finden, was der Grund für den Durchfall sein könnte. 5 Monate Protokoll zeigte aber ein absolut irrationales Stuhlverhalten und man konnte schliessen, dass mit dem Essen kein Zusammenhang bestand: Bei genau der gleichen Mahlzeit konnte es einmal sehr gut sein, ein anderes Mal hatte es eine Horrornacht zur Folge. Nachdem im Dezember scheinbar alle Möglichkeiten ausgeschöpft waren, sind derzeit Abklärungen im Gang, ob allenfalls mit einem Schrittmacher der Schliessmuskel stimuliert werden kann. Deshalb wird nochmals eine Darmspiegelung gemacht und der Nerv des Schliessmuskels muss dazu noch intakt sein. Dieser wird von einem Spezialisten ausgemessen. Das Resultat wird erst nach Neujahr erwartet.

Weihnachten fand wieder fast im üblichen Rahmen statt. Wie immer schleppten wir „Food ans Beverages“ an und trafen die Vorbereitungen für ein volles Haus. Da dieses Jahr Andreas Kinder an Weihnachten beim Vater sind, kam Jan bereits am 22. 12. ein erstes Mal nach Uitikon zur Mutter und wir feierten dann bereits am 23. Dezember in Vollbesetzung, wobei anschliessend alle hier schliefen. Beim Einnachten war zuerst beim Kerzenschein des Christbaums Singen und Musizieren angesagt; dann fand die Bescherung statt, und anschliessend wurde gegessen. Nach einem reichen „Brunch“ mit Eiern, Wurst, Käse, Brot und Zopf am 24.12. reisten zuerst Andreas Familie ab, etwas später dann auch Lexi mit Familie. Es waren schöne, friedliche und sehr harmonische Tage. 

Das verwandtschaftliche Singen mit Christbaum am 26. Dezember bei Marteli Oechsli-Welti, unserer Nachbarin und letzten, noch lebenden Tante von Fischli, mit anschliessendem Essen bei uns, mit dieses Jahr total 15 Personen, war der traditionelle Schlusspunkt der Weihnachtsfeierlichkeiten

Sylvester/Neujahr verbrachten Fischli und ich sehr still bei einem gemeinsam gekochten feinen 6-Gang Menü
2012: Celerina, Neuro Stimulation After Fischli, Goldene Hochzeit, La Dombes, Letztes mal Badhüsli, Kochferien, Bootsfamilienferien auf Canal du Midi
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8.33.  Unsere Familie Gadient -Karpf – 2012: Celerina, Neuro Stimulation After Fischli, Goldene Hochzeit, La Dombes, Letztes mal Badhüsli, Kochferien, Bootsfamilienferien auf Canal du Midi .

Unsere Engadiner Januarwochen verbrachten wir in einer schönen 4 Zimmer Wohnung im Haus Chalchera Suot, wiederum ganz nahe dem (inzwischen abgebrochenen) Chesa Caflisch. Die Wohnung hat zwei Bäder, was für Fischlis Zustand und bei Besuch wichtig ist. Wir reisten am Samstag 7. Januar bei Schneetreiben an, hatten ab Sonntag praktisch 2 Wochen „grand beau“ und reisten am Freitag 20. Januar nach Hause, als es wieder zu schneien anfing. Wir konnten mehrmals auf Muottas Muragl oder im Fextal draussen zu Mittag essen; die grosse und anhaltende Kälte kam erst nachher! Brunnschweilers waren wieder für eine Nacht da; und ab Donnerstag Abend bis Sonntag Nachmittag waren Lexi mit Familie zu Besuch! Lexi fuhr nicht Ski, da bei ihr im letzten November ein Knie operiert werden musste.

Noch in den Ferien erreichte uns die Nachricht, dass man bei Fischli zur Verbesserung der Inkontinenz die Implantation eines Neurostimulators planen könne. Am 1. Februar rückte sie ins Hirslanden ein: Dr. Wehrli operierte unter Vollnarkose die Elektrode ein. Angeschlossen wurde zu Versuchszwecken ein kleiner Apparat, welcher Fischli am Gurt tragen und an welchem die Stärke der Stimulation eingestellt wird. Nach einer positiven Versuchsperiode rückte Fischli am 21. März wieder für einen Tag und eine Nacht ins Hirslanden ein, um jetzt, allerdings nur unter Lokalanästhesie, den Stimulator definitiv unter die Haut eingepflanzt zu erhalten, was scheinbar bei ihrer „überschlanken“ Figur gar nicht so einfach war! Das Resultat lässt sich aber sehen: Die Lebensqualtät ist seither definitiv wesentlich besser geworden! Und ich hänselte sie, sie habe "High Tech" im A!
 
Anlässlich unserer Goldenen Hochzeit am Samstag 12. Mai luden wir Freunde und Verwandte zu einem Apéro ein. Zum ersten Mal spielte das Wetter bei einer Festivität bei uns Zuhause nicht mit, denn es war von allem Anfang an klar, dass man nicht in den Garten konnte (dabei war er doch so schön hergerichtet!). Wir hatten zwischen 15.00 und 21:00 Uhr um die 40 Gäste, wobei uns Enkel Jan mit seiner Anwesenheit freudig überraschte! Im Hochzeitsalbum von damals die alten Fotos zu sehen war vor allem bei jenen sehr begehrt, welche schon vor 50 Jahren mit dabei gewesen waren….
 
Am Dienstag 15. Mai wagten wir den Versuch, wieder einmal für ein paar Tage zu verreisen. Ziel war „La Dombes“, die Teichlandschaft zwischen Bourg-en-Bresse und Lyon!. Nach der Besichtigung des wunderbaren Monastère Royal de Brou in Bourg-en-Bresse suchten wir in  Saint-Paul-de-Varax, nach dem Moulin de Varax und fanden ein verträumtes, einsam gelegenes und etwas heruntergekommenes Anwesen mit Chambres d'Hôtes und einem liebenswürdigen Besitzer. Der Nachteil vom schönen Wohnen auf dem Lande ist leider das Muss zum Ausrücken per Auto fürs Essen! 

Wir besuchten am Mittwoch den Parc des Oiseaux in Villars-les-Dombes. Sehr eindrücklich, was hier in den letzten 42 Jahren geschaffen wurde. Am Donnerstag wanderten wir zu Fuss ab Moulin mit Feldstecher, Kamera und Vogelbestimmungs-buch in die Teichlandschaft und bestaunten die vielen Vögel. Am Freitag fuhren wir auf dem Heimweg zum Mittagessen noch in den „Cheval Blanc“ in Baldersheim bei Mulhouse, und von dort nach Hause, wo wir gegen 16:00 Uhr wohlbehalten ankamen.

Ende Juni verbrachten wir mit den AH des KTV drei Tage im Engadin, wo wir wieder im Cresta Palace Hotel nach Noten verwöhnt wurden. Bei absolutem Prachtswetter wanderten wir am Samstag von Bernina-Häuser an der rechten Talflanke nach Pontresina in den Steinbock zum Mittagessen! Am Sonntag wanderten wir von Morteratsch zum Gletscher und zurück mit Mittagessen in Morteratsch.

Vom 9.-13. Juli sowie vom 30.Juli – 4. August genossen wir zum letzten Male das Badhüsli in Lachen, das leider abgerissen wird. Wir hatten es die letzten 12 Jahre ganzjährig gemietet, und unsere Enkel haben, so wie seinerzeit ihre Mütter, dort schwimmen, segeln und surfen gelernt. Wieder hatten wir nochmals das absolute Ferien-Feeling, wie schon früher, auch wenn wir bei eher traurigem Wetter die dicken Wollpullover wesentlich mehr brauchten als die Badehose!!!

Auf dem Weg in den Provence - Kochkurs von Rolf Grob in der Bastide Neuve in le Cannet des Maures wollten wir im Piemont wandern und hatten in Barolo "unser" Hotel reserviert Das Wetter war aber so schlecht, dass wir auf Museen und Weinkeller ausweichen mussten. Erst bei der Abreise am Sonntag zeigte sich das Barologebiet von seiner besten Seite. Der Kochkurs selbst war wieder ein voller Erfolg. Wie im Vorjahr blieben wir tagsüber meistens im Park mit dem Swimming Pool und verbrachten nach einem feinen, kalten Lunch den Nachmittag mit Lesen und Baden.

Mitte September rückte ich zu einer zweiten Hornhaut-Transplantation des linken Auges in die Augenklinik des Kantonsspitals Luzern ein. Alles lief plangemäss und Lexi und Fischli konnten mich schon einen Tag früher als vorgesehen nach Hause holen.

In den Herbstferien hatten wir die ganze Familie aus Anlass unserer goldenen Hoch­zeit zu einer ersten Woche auf Hausbooten auf dem Canal du Midi und einer zweiten Woche in der Hapimag-­Anlage La Madrague bei Saint-Cyr-sur-Mer nach Südfrankreich eingeladen. Im ersten Boot gab es je eine Doppelkabine mit Douche/WC für Fischli und mich, eine für Andrea und eine für Per und Finn (leider war Jan nicht dabei, weil er erst später Herbst­­ferien hatte), im zweiten, etwas kleineren Boot gab es je eine Kabine für Lexi und Philipp sowie Fabian und Nils. Nach einer kurzen Fahrschule und einem Begrüssungs­apéro fuhren wir ostwärts Richtung Meer los, weil dort mehr Schleusen zu bewältigen waren, was meiner Ansicht nach für die Buben mehr Action bedeutete. Wir übernachteten meistens ausserhalb von Ortschaften und legten an besonders schönen Orten an. Frühstück und Lunch gab es auf dem Schiff, während wir abends jeweils ein Restaurant suchten und dort verpflegten. Ausser einem Gewitter am zweitletzten Tag genossen wir Prachtswetter: Es war immer schön, manchmal zwar etwas windig, dazwischen aber auch richtig warm. Es war ein wunderbares Erlebnis.

Nachdem wir die Schiffe wieder abgegeben hatten, verschoben wir uns individuell nach La Madrague. Dort hatte jede Familie eine eigene Wohnung, schön nebeneinander. Das Wetter spielte auch diese Woche wieder mit, sodass die Jungen meistens am Strand waren und badeten, während Fischli und ich Märkte besuchten, wanderten und ins Hinterland Ausflüge machten. Die Heimreise verlief auch wieder für alle problemlos.

An Weihnachten gab es erfreulicherweise auch dieses Jahr wieder ein volles Haus mit beiden Familien von Andrea und Alexa. Es waren sehr schöne und friedliche Feiertage, wobei die Elektronik für die Jungen, vor allem aber für die Enkel, schon unheimlich wichtig ist. Während die Buben früher immer miteinender gekämpft und gerammelt hatten, sind sie jetzt meistens mit ihren Smartphones beschäftigt! Es war schön, als alle einzogen, dann aber auch wieder sehr schön, als alle um die Mittagszeit des 25. Dezember wieder abreisten und es still im Haus wurde. Früher hatte ich jeweils bei der Abreise der Jungen nach Weihnachten  eine merkwürdig wehmütige Stimmung. Das ist heute weniger der Fall. Ist es deshalb, weil die Kinder schon so lange ausgezogen sind und sie in der nächsten Generation die eigentlichen Familien verkörpern, oder deshalb, weil Fischli und ich einfach immer älter werden?

Wie üblich versammelten sich am 26. Dezember gegen Abend die Verwandten von Fischli im Nachbarhaus bei ihrer Tante, wo es jeweils einen Apéro gibt und dann nach dem Singen von Weihnachtsliedern beim Kerzenlicht des Christbaums eine kleine Bescherung stattfindet. Dann verschieben sich jeweils alle zu uns zum Z'Nacht, wo dieses Jahr für 18 Personen alles vorbereitet war: Der Aufwand für die Vorbereitung dieses Nachtessen und das anschliessende Aufräumen ist zwar relativ gross, er ist es uns aber wert, umsomehr, als unsere Familie vollzählig daran teilnimmt! Einmal im Jahr die Verwandten zu bewirten macht auch Freude.

Wir werden Sylvester wie jedes Jahr wieder in trauter Zweisamkeit ganz still feiern, und überglücklich sein, dass sich Fischli von ihrer letztjährigen Monster-Operation so gut erholt hat, und dankbar, dass sie überhaupt noch da ist, was ja nicht ganz selbstverständlich ist
2013: Celerina, Florenz mit Jan, Andrea 50, Wein-Lesen mit Dinah Hinz, Burgund, Provence, Hans Ruedi 80, Abschied Fischli: Spital mit Bauchfellkrebs und Tod, Provence mit Andrea
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8.34.  Unsere Familie Gadient -Karpf – 2013: Celerina, Florenz mit Jan, Andrea 50, Wein-Lesen mit Dinah Hinz, Burgund, Provence, Hans Ruedi 80, Abschied Fischli: Spital mit Bauchfellkrebs und Tod, Provence mit Andrea.

Unsere traditionellen zwei Engadiner Januarwochen verbrachten Fischli und ich in der gleichen, geräumi­gen 4 Zimmer Wohnung hinter dem Bahnhof Celerina wie im Vorjahr Wir reisten am Samstag 5. Januar an und am Freitag 18. Januar wieder nach Hause, wobei wir dieses Jahr mit dem Wetter nicht sehr verwöhnt wurden. Wieder waren für zwei Tage und eine Nacht Brunn­schwei­lers zu Besuch; und ab Donnerstagabend bis Sonntagnachmittag waren Lexi mit Familie bei uns!  

Nach unseren Winterferien reisten Fischli und ich mit Jan vom 12. -15. Februar nach Florenz, quasi als Kompensation für Jans Nicht-Teilnahme vom vergangenen Oktober an unseren Hausboot- und Familienferien in Südfrankreich. Wir besuchten viele Sehenswürdigkeiten, u.a. die Uffizien, wo Jan vor allem auf die Venus von Botticelli sehr gespannt war, hatte er doch im letzten Herbst darüber eine Arbeit schreiben müssen. Interessant war, dass Jan bei den Besichtigungstouren fast früher ermüdete als seine Grosseltern!
 
Der Gesundheitszustand von Fischli, bzw. die Verdauung war jetzt so stabil geworden, dass wir wieder Kurzreisen ins Auge fassen konnten. So besuchten Fischli und ich Ende Februar Bosshards auf der Bettmeralp im Wallis, wo diese wie üblich während der 2 Schulsportwochen in den Skiferien weilten. Bei wunderbarem Wetter machten wir ausgedehnte Spaziergänge, da wir die Ski nicht mitgenommen hatten.
 
Am 2. März feierten wir bei uns mit Andreas Freunden ihren 50. Geburtstag. Bei uns auf dem Sitzplatz wurden in zwei grossen Becken Paella gekocht: Eine mit Fisch und Meeresgetier und eine zweite ohne. Dieses Fest war sehr schön und harmonisch, und Ghia konnten wir damit eine grosse Freude bereiten.
 
Bei einer Kontrolluntersuchung 2 Jahre nach Fischlis grosser Whipple-Operation der Bauchspeicheldrüse bekam sie Ende April den wunderbaren Befund, dass der Pankreas wirklich geheilt sei, das hiess, dass sie wirklich einer der Glückspilze war, bei denen dieses Resultat gelingt. Viel glücklicher als nach diesem Bericht waren wir schon lange nicht mehr gewesen. Wir feierten diesen Tag in stiller Zweisamkeit und schmiedeten für Frühjahr 2014 neue Pläne: Wir wollten während 2-3 Wochen Südafrika bereisen und dann per Kreuzfahrt zurück nach Europa schiffen.
 
Am 4. Mai luden wir zu einer Vorfeier zu meinen 80. Geburtstag in Form eines "Wein-Lesens" zu uns nach Hause ein: Unsere Freundin und Schauspielerin Dinah Hinz las amüsant-süffige Geschichten um den Wein herum und brachte damit die fast 50 Anwesenden oft zum Schmunzeln! Unser Haus zeigte sich einmal mehr von der besten Seite und sehr geeignet für Anlässe solcher Art. Den Apero hatte Fischli bereitgestellt und dem Zolliker wurde freudig zugesprochen. Bisher hatten wir immer noch Wetterglück gehabt, so dass wir jeweils auch draussen sein konnten. An diesem Tag lief praktisch alles drinnen ab, nur ein paar Raucher bevölkerten zeitweise den gedeckten Sitzplatz.

Dieses Jahr konnten wir mit Brunnschweilers wieder ein paar Tage in der Tischhauserwohnung in Moroges im Burgund realisieren. Wir begannen die Reise am 8. Mai mit Spargelessen in unserem "Cheval blanc" in Baldersheim bei Mulhouse. In Moroges genossen wir tagsüber das Nichtstun und abends mit einer Ausnahme feine mehrgängige Nachtessen Zuhause. Am ersten Tag bestiegen wir den Mont Avril, an einem anderen Tag besuchten wir wieder einmal die romanische Abteikirche in Tournus, und am Sonntag kauften wir auf dem Marchée in Chalon ein. Daneben lasen wir alle sehr viel, da das Wetter auch schon besser und wärmer gewesen war. Auf alle Fälle brannte das Cheminée meistens den ganzen Tag. 

Kaum zurück planten wir spontan ein paar Tage Südfrankreich für anfangs Juni. Erste Station auf der Reise war das mittelalterliche Städtchen Perouges. Ein feines Hotel innerhalb der Stadtmauern und mit origineller Küche war auf dem Weg nach Süden eine wahre Trouvaille. Nächste Station war die Moulin de Gontrand bei Gordes. Überall wo man hinsah gab es nur Schönes: Die Einrichtung drinnen und draussen sowie die Bepflanzung zeugten von viel Liebe zum Detail, dann gab es viele lauschige Plätzchen im Garten zum Lesen und zum die Seele baumeln lassen, und am Abend brannten draussen und drinnen unzählige Kerzen.
Nach der Moulin fuhren wir nach St. Cyr-sur-Mer, wo wir für eine Nacht im Hotel Chante Plage abstiegen. Wir hatten ein Zimmer mit Balkon direkt an der Strandpromenade, also ca. 10 Meter vom Meer entfernt. Das Zimmer und der Balkon war aber das Beste am Hotel. Sonst war alles lieblos und ohne Geschmack! Was für ein Absturz nach der Moulin....
Die nächste Nacht wollten wir im Raum Sisteron-Grenoble verbringen und fuhren deshalb über Aix-en-Provence Richtung Grenoble. Schon lange hegten wir bei der Durchfahrt den Wunsch, die Festung Sisteron einmal zu besichtigen, was wir jetzt  taten. Ein imposantes Bauwerk!
Der einzige Wermutstropfen auf dieser Reise war, dass unser BMW zwischendurch nicht mehr richtig lief. Zwischendurch lief er zwar ganz normal, aber vor allem nach etwa 2 Stunden Fahrt begann er wieder mit den Kapriolen. Zeitweise musste ich auf die Kriechspur für Lastwagen! Zuhause fand man dann, dass die Katalisatoren "verbrösmelet" waren und ersetzt werden mussten.

Am 28. Juni rekognoszierten Fischli und ich zusammen mit Laura und Hans Gremli für meine Wandergruppe eine Wanderung von Trüllikon über den Husemersee nach Truttikon, wobei Fischli sich ein erstes Mal über leichte Blähungen beklagte, es wäre aber fast nicht der Rede wert. Immerhin konnte sie wieder stundenlang wandern, was doch vielversprechend für die Zukunft schien!

Am 1. Juli, am Vorabend meines 80. Geburtstages, kochte Rolf Grob vom Rössli Lindau in unserem Haus ein mehrgängiges Geburtstagsessen für unsere Grossfamilie und drei befreundete Ehepaare, wobei für einmal die Enkel nicht mit dabei waren! Der Apero konnte noch bei bestem Wetter im Garten stattfinden, während drinnen der schön gedeckte Tisch für die 12 Personen wartete. Es war ein wunderbares Fest, mit hervorragendem Essen, gut gelaunten Gästen und witzigen Gesprächen. Als die letzten Gäste gegangen waren, meinte Fischli, jetzt wäre sie sehr froh, das überstanden zu haben, denn ihre Blähungen wären seit gestern stärker und schmerzhafter geworden. Sie hätte schon Angst gehabt, die Einladung noch absagen zu müssen.

Ich nehme an, dass Fischli Angst hatte, zum Arzt zu gehen, weil sie befürchtete, es könnte doch etwas mit der Bauchspeicheldrüse zu tun haben. Als sie dann am 5. Juli endlich geht, geht es Schlag auf Schlag: Ultraschall, Computertomographie  mit dem Befund: Tumorflüssigkeit im Bauch, sowie Tumor-Ableger auf Bauchfell, Leber und Eierstöcken. Es handelt sich wahrscheinlich um einen sehr schnell wachsenden Eierstock-Tumor mit Ablegern bereits auf Bauchfell und Leber, der aber höchstwahrscheinlich nichts mit der Bauchspeicheldrüse zu tun hat.  Dr. Wehrli, der Fischli schon vor 2 Jahren operiert hat, empfiehlt eine möglichst rasche Operation mit anschliessender Chemotherapie.
Die Operation am 29. Juli verläuft scheinbar planmässig: Eierstöcke, Eileiter, Teil Bauchfell, Teil des einen Leberlappens werden entfernt. Jetzt hoffte man auf schnelle Erholung, damit man möglichst bald mit Chemo jene infizierten Teile behandeln könne, die man belassen musste.
Als die Fäden der Operationsnaht gezogen werden, läuft durch die Narbe Darmflüssigkeit aus. Nach einem eilig angeordneten CT folgt eine 1. Notoperation am 11. August.  Man stellt dabei fest, dass der mittlere Teil des Dickdarms nach dem ersten Eingriff nicht mehr durchblutet war und aufgebrochen ist. Dadurch ergoss sich der Darminhalt in die Bauchhöhle. Man entfernt den horizontalen Teil des Dickdarms und installiert einen künstlichen Darmausgang (Stoma). Der Bauch darf wegen Infektionsgefahr nicht geschlossen werden, sondern es wird ein Vakuumverband angelegt.Die Wunde wird durch eine Pumpe dauernt abgesaugt. Ob die Blutzufuhr zum abgestorbenen Teil des Dickdarms durch die Operation oder bereits durch den Tumor beeinträchtigt wurde bleibt offen!
Am 12. August fragt Fischli ein erstes Mal den Arzt, ob sich all der Aufwand beim Zustand eines so alten "Guetzlis" überhaupt noch lohne.
Am 21. August muss Fischli bei der Abendtoilette im Bad Alarm schlagen, da sie keine Luft mehr bekommt. Die Lunge wird geröntgt mit dem Befund, dass jetzt diese Tumor-Flüssig­keit nicht nur in der Bauchhöhle sondern auch schon in der Lunge ist.
Anderntags erklärt mir Fischli, sie wolle nicht mehr weiterleben, sie habe keine Kraft mehr zu kämpfen. Fischli führt deshalb am 25. August ein Gespräch mit mir und Dr. Wehrli über das Absetzen lebensverlängernder Massnahmen. Er erschrak, wie unmissverständlich Fischli kund tat, dass sie so nicht mehr weiterleben wolle.  Dr. Wehrli erklärte uns, dies sei aber nicht so einfach, wie sie sich dies wahrscheinlich vorstelle. Wenn Fischli uns verlassen wolle, müsste sie dies mit Exit tun. Fischli war sehr enttäuscht über das Gespräch.
Anderntags sagte sie mit einem mir so vertrauten Lächeln und Tränen in den Augen: "Wenn ich dann nicht mehr da bin, sende ich Dir mit jeder Blume, die im Garten neu erblüht, jeweils einen Gruss aus dem Jenseits".  Wir wissen jetzt beide, dass es wirklich dem Ende zugeht!
Am 28. August spürte sie nachmittags, dass wieder Darminhalt aus der Wunde lief, was eine weitere Operation nötig macht. Kurz nach Mitternacht ist eine zweite Notoperation fertig. Man habe als Überraschung aber keine Darmperforation sondern einen Abszess in der Bauchhöhle gefunden.
Die folgenden Tage sind eine eigentliche Leidensgeschichte, bis sie mich am 7. September bei meinem Eintreten lange anschaut, und fragt, wie lange das denn noch so weitergehen soll? Es sei doch bei ihr da unten im Bauch weit herum alles kaputt. Für mich ist es auch sehr schwer, sie so leiden zu sehen, ohne Besserung in Sicht, aber auch ohne Möglichkeit, dem Leiden ein Ende zu bereiten, einem Ende, das ich ihr langsam so sehr gönnen würde, obwohl ich mir ein Leben ohne sie überhaupt noch nicht vorstellen kann.
Am Mittwoch 11. September ruft morgens eine Schwester an, doch möglichst bald zu kommen, es gehe Fischli schlecht. Als ich komme hat Fischli grässliche Atemnot. Sie bekommt im Verlauf des Vormittags immer stärkere Medikamente, bis man beginnt, Morphium zu spritzen, weil sie sie das Atmen derart anstrengt, dass sie es kaum noch aushält. Schliesslich nimmt man sie auf die Intensivstation, da man dort besser eingerichtet sei. Fischli hat einen Erguss von ca. 2 ltr. Tumorflüssigkeit im einen Lungenflügel, auf dem anderen Flügel habe sie eine Lungenentzündung. Die Situation sei ziemlich hoffnungslos. Als ich den jungen Arzt auf der Intensivstation auf Fischlis Patientenverfügung aufmerksam mache, keine lebenserhaltenden Massnahmen mehr zu ergreifen, meinte er in seltener Offenheit, dann hätte man die Patientin besser nicht auf die Intensivstation gebracht, wahrscheinlich wäre sie dann innert Stunden gestorben.
Anderntags gegen 15:00 Uhr wird Fischli zurück auf die Abteilung verlegt, neu aber in ein grösseres Zimmer mit Schlafsofa für eine Begleitperson, also das Sterbe-zimmer! Alle lebenserhaltenden Massnahmen werden nun abgesetzt. Sie bekommt nur noch einen Infusions-Apparat, der ihr pro Stunde eine gewisse Dosis Morphin abgibt. Daneben hat sie zusätzlich einen Knopf, mit welchem sie bei Bedarf, aber max. alle 30 Minuten, einen zusätzlichen Schuss Morphin abrufen kann. Infolge der Atemnot wird die Grunddosis mehrmals erhöht, zusätzlich bekommt sie noch Spritzen, bis Fischli dann jeweils endlich entspannt einschlafen kann.
Gegen Abend des 13. September wird sie wieder unruhig, hat Atemnot, und die Morphin Grunddosierung wird weiter erhöht sowie das Zeitintervall für den zusätzlichen Schuss auf Knopfdruck reduziert. Sie beruhigt sich dann wieder etwas. Man empfiehlt mir, hier zu schlafen. Um 3 Uhr weckt mich die Nacht-schwester, da Fischli zwar friedlich schläft, aber ganz unregelmässig und schwer atmet, zwischendurch mit Atmen aussetzt. Ich orientiere vor 6 Uhr Ghia und Lexi, dass es schlecht stehe. Sie treffen nacheinander ca. 06:30 Uhr ein. Fischli öffnet plötzlich die Augen, und fragt, was wir denn alle hier machen. Ob wir schon gehen müssten? Auf meine Frage, wohin sie denn meine, gehen zu müssen, antwortet sie mit einem für sie typisch schalkhaften Lächeln: "In den Zollikerwald"! Dazwischen schläft sie jeweils wieder friedlich. Sie bemerkt aber scheinbar alles, was um sie herum läuft. Ghia hält bis um 11 Uhr Wache, dann löse ich sie ab, und nächste Nacht bleibt Lexi hier.
Als ich am Sonntagmorgen komme, winkt Fischli mir sofort zu und ist hoch erfreut! Was für ein Empfang. Ich habe sie seit vor dem Lungenerguss nie mehr so munter gesehen. Tagsüber ist Andrea da. Abends komme ich wieder. Fischli schläft viel, bemerkt aber mein Kommen. Hingegen merkt sie kaum mehr, wenn ich ihre Hand halte. Trotzdem bleibe ich händchenhaltend bis Mitternacht am Bett, während Fischli schläft und beim Atmen leicht "jömmerlet".
Am Montagmorgen 16. Sept. um 5 Uhr wird das Atmen scheinbar zur Qual; ich setze mich zu ihr. Die Atemnot wird immer heftiger, so dass ich läute und sie eine zusätzliche Morphin-Spritze erhält. Sie erwacht dabei und will mir noch dringend etwas sagen, aber ich kann nicht verstehen, was sie sagen will. Auch der Pfleger versteht sie nicht. Mit der Spritze beruhigt sie sich wieder etwas, atmet aber sehr schwer. Ich bete mit ihr ein "Unser Vater" und sage ihr immer wieder: "Lass doch los!", sie reagiert aber nicht mehr. Um ca. halb 9 kommt Lexi und erschrickt über ihren Zustand. Sie streichelt sie wie immer, erhält aber jetzt auch keine Reaktion mehr.
Kurz nach 9 Uhr verabschiede ich mich, um rasch für die Morgentoilette nach Hause zu gehen: Ich gebe ihr einen Kuss, sage ihr nochmals eindringlich ins Ohr "Lass doch los" und gehe dann. Ich war scheinbar kaum draussen, will Lexi mich per Handy zurückrufen, da es wahrscheinlich zu Ende gehe. Ich habe aber leider unten im Aufzug und in der Tiefgarage keinen Empfang!
Erst nach der Ausfahrt auf der Witellikerstrasse läutet mein Handy und ich halte sofort an. Es ist Lexi, die sagt, es sei wahrscheinlich soweit. Ich fahre sofort zurück in die Tiefgarage. Bis ich im Zimmer bin, finde ich sie aber bereits gestorben, zwar noch ganz warm, jedoch bereits mit Totenmaske. Lexi sagt, Fischli hätte zwei Mal ganz tief geatmet, dann kurz den Atem ausgesetzt, um ein letztes Mal friedlich auszuatmen.
Damit ist mein wunderbares, feines, sensibles Fischli mit dieser unvergleichlichen Ausstrahlung nicht mehr.
Die Urnenbeisetzung auf dem Friedhof Zollikon und eine der Persönlichkeit von Fischli wirklich würdige Trauerfeier fand am 24. September in der praktisch vollen Pfarrkirche Zollikon mit Pfarrer Simon Gebs statt, wobei mir alle Musikwünsche erfüllt wurden. Fischli war mit einem permanent an die Kirchenwand projizierten Foto immer auch anwesend. Mit einem von Fischli ausdrücklich gewünschten, anschliessenden Stehapéro im Kirchgemeindehaus mit eigenem Zolliker, den sie mit mir noch gespritzt hatte, klang ein sehr trauriger Tag mit vielen Freunden, Verwandten und Bekannten aus. Zusammen mit Ghia und Lexi schrieben wir am Sonntag 5. Oktober die letzten Danksagungen, wobei wir bei gut Bekannten zusätzlich ein Foto beilegten.

Selbstverständlich hatte ich schon früh bei Bischofberger Reisen die Südafrika-Planung einmal auf Eis legen lassen, später dann ganz sistiert. Auch den Vertrag für die Ferienwohnung im Januar 2014 konnte ich auflösen.

Andrea rief mich kurz nach der Trauerfeier an und fragte, ob ich so wie früher jeweils mit Mami mit ihr ein paar Tage in die Provence fahren würde, Ihre Buben wären in den Schulferien beide in einem Lager und sie könnte gut eine Woche Ferien nehmen. Ich war vom Angebot sehr angetan und sagte sofort zu. So fuhren wir am Montagmorgen 7. Oktober über Basel-Mulhouse-Dole nach Bourg-en-Bresse, wo wir uns nach einem kleinen Mittagessen das Monastère Royal de Brou ansahen, das Fischli so gern gehabt hatte. Dann fuhren wir wie im Juni mit Fischli nach Pérouges weiter, wo auch wir Station machten. Am nächsten Tag fuhren wir nach Aix-en-Provence, wo wir nach einem Drink im "Les 2 Garçons" am Cours Mirabeau einen Spaziergang in der Altstadt unternahmen, um anschliessend nach St. Cyr-sur-Mer weiter zu fahren und im Best Western Hotel "Tapis de Sable" für 2 Nächte einzuchecken. Tagsüber machten wir jeweils Ausflüge, einmal auf den Mont Faron bei Toulon, wozu ich Fischli nie überreden konnte, und abends assen wir bei „Chez Henri“, wie letztes Jahr mit der Grossfamilie. Mit einer Übernachtung im Hotel Baussenc in Maussane gelangten wir schliesslich am Freitagnachmittag in die Moulin de Gontrand, wo ich im Juni noch mit Fischli gewesen war. Ghia war begeistert. Am Sonntag fuhren wir in die Schweiz zurück nach Hause. Ghia und ich sind uns in dieser Woche näher gekommen, was mich ausserordentlich freut.

Schon während Fischlis Spitalaufenthalts musste ich mich wieder ans Haushalten gewöhnen mit Waschen, Wäsche zusammenlegen, Poschten, Kochen usw. Glücklicherweise habe ich Fischli oft geholfen, vor allem wenn Amelia jeweils in den Sommerferien in Spanien war, sodass ich einigermassen zurecht komme. Dann galt es natürlich auch, den Garten abzuräumen, dieses Jahr allein, was sehr mühsam war. Für den Schnitt der Glyzinen und der grossen Buchsbäume hinter dem Haus bestellte ich allerdings den Gärtner.

Und dann kamen schon bald die Weihnachts-Vorbereitungen: Andrea machte mir Teig für Mailänderli und Orangengebäck, und Lexi half mir am Sonntag 15. Dezember ausstechen und backen. Zusammen mit Lexi machten wir dann noch Zimtsterne, und sie machte speziell für mich noch "Chräbeli", die ich doch so gern habe.

Erfreulicherweise gab es auch dieses Jahr wieder ein volles Haus mit beiden Familien von Andrea und Alexa, so dass ich Menüpläne machte, die von Ghia und Lexi ergänzt und korrigiert wurden. Daraus entstand meine Poschti-Liste! Verpflegung wurde angeschafft und Schlafgelegenheiten vorbereitet. Familie Bosshard rückte am Montag den 23. Dezember ein, welche ich am Abend noch bekochte, während Heinzelmanns am 24. Dezember um ca. 16:00 Uhr ankamen. Es waren auch dieses Jahr sehr schöne friedliche und fröhliche Weihnachtstage, wobei natürlich Mami hinten und vorne fehlte. Ich konnte keine Weihnachtslieder singen, da mir die Kehle wie zugeschnürt war, und die Tränen kollerten mir nur so über die Wangen. Es ist schon so: Wir haben halt die Seele der Familie, die Seele des Hauses verloren!

Um die Mittagszeit des 25. Dezember reisten Bosshards wieder ab, während Heinzelmanns bis zum 27. Dezember bei mir blieben. Wie üblich versammelten sich am 26. Dezember gegen Abend die Verwandten von Fischli im Nachbarhaus bei ihrer Tante, wo es jeweils zuerst einen Apéro und dann nach dem Singen von Weihnachtsliedern bei Kerzenlicht des Christbaums eine kleine Bescherung gibt. Dieses Jahr verschob man sich nicht zu uns zum Z'Nacht, sondern man blieb bei Marteli.

Letztes Jahr schrieb ich als Schlusssatz: "Wir werden Sylvester wie jedes Jahr wieder in trauter Zweisamkeit ganz still Zuhause mit einem mehrgängigen Menü feiern, und überglücklich sein, dass sich Fischli von ihrer letztjährigen Monster-Operation so gut erholt hat und die Inkontinenz gegen Ende Jahr auch fast ganz unter Kontrolle ist. Aber in erster Linie sind wir dankbar, dass Fischli überhaupt noch da ist."

Zurzeit wechseln bei mir Momente grosser Traurigkeit ab mit Freude über schöne Erinnerungen mit Fischli. Und wunderbare, erinnerungswürdige Begebenheiten zu zweit hatten wir ja wirklich genug! Und dass die Freude jetzt immer öfters über die Traurigkeit obsiegt, finde ich wunderbar und vielversprechend für die Zukunft. Ich hoffe, diese Entwicklung halte weiter an. Aus solchen Überlegungen habe ich mich trotz verschiedenen Einladungen entschlossen, Sylvester auch wieder ganz still und alleine Zuhause zu verbringen. Ich werde zuerst in ein Konzert gehen, dann mir ein feines Essen kochen und eben versuchen, in schönen Erinnerungen zu schwelgen. Ich denke, Fischli würde es auch so handhaben, wenn sie in meiner Haut stecken würde...
2014: Celerina, Bettmeralp, Hüft Op rechts, Schottland, Kreta, Provence, Hüft Op links, Femoralis Parese
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8.35.  Unsere Familie Gadient -Karpf – 2014: Celerina, Bettmeralp, Hüft Op rechts, Schottland, Kreta, Provence, Hüft Op links, Femoralis Parese.

Anstelle der traditionellen zwei Engadiner Januarwochen besuchte ich zuerst 2 Tage Brunnschweilers in Davos, die uns früher jeweils 2 Tage im Engadin besucht hatten; dann fuhr ich mit Lexi doch noch ins Engadin zum Skifahren, wo wir 4 Tage im Hotel Cresta Palace wohnten.

Ebenfalls im letzten Sommer hatte Lexi in der Bettmeralp im Wallis für Fischli und mich in der letzten Februarwoche eine 2 Zimmer Wohnung im gleichen Haus ein Stock unter ihrer langjährigen Ferienwohnung gemietet. Diese bezog ich jetzt zwangsläufig alleine, d.h. ich schlief dort, wohnte aber mit Bosshards zusammen im oberen Stock! Ich fuhr in dieser Woche mehr Ski als wahrscheinlich die letzten 5 Jahre zusammen. Meinen ersten Tag verbrachten wir noch mit Philipps Eltern, der Familie seines Bruders und mit Grollés an deren letztem Ferientag. Ich wanderte mit den Damen den Rundkurs, und Carla Grollé war am Abend meine Tischnachbarin. Ich genoss die Ferien in vollen Zügen, sportlich und familiär!

Ich wusste in der Bettmeralp noch nicht, dass ich Carla Grollé nie mehr sehen sollte. Carla litt an Depressionen, was von aussen kaum sichtbar war. Anfangs April nahm sich die strahlende Carla mit 45 Jahren das Leben. Ihre Kinder Robin (3. Sek.) und Lars (1. Sek.) sowie ihr Mann Robert sowie viele Freunde und Verwandte waren sehr traurig!

Nach den Ferien hatte ich das Bedürfnis, etwas mehr Gymnastik zu treiben, um noch etwas beweglicher zu werden. Plötzlich konnte ich kaum mehr gehen. Der Hausarzt diagnostizierte eine Adduktorenzerrung vom Dehnen, eine Ultraschall-kontrolle brachte keine neuen Erkenntnisse. Als es nach 5 Wochen immer noch gleich wehtat, wurde untersucht, ob es allenfalls von der Wirbelsäule her kommen könnte, was aber nicht der Fall war. Eine Röntgenaufnahme zeigte dann aber eine schlimme Hüftarthrose, die ein neues Hüftgelenk bedingte. Der Spezialist im Hirslanden war leider gerade in den Ferien, sodass ich erst am 9. Mai zu ihm in die Sprechstunde konnte. Für ihn war der Fall sofort klar: Wir verabredeten die Operation auf den 23. Mai. Bei der Operation wurde auch klar, wieso der Schmerz so plötzlich gekommen war: Es war keine normale Arthrose sondern eine "Nekrose", d. h. der Gelenkkopf war eingebrochen! Am 30. Mai brachte mich Lexi dann vom Spital Hirslanden zum Umpacken nach Hause und weiter zur Reha in die Klinik Schloss Mammern, wo ich bis zum 19. Juni blieb. Der Genesungsprozess verlief in der Folge absolut problemlos, ja man kann sagen äusserst rasant, wobei ich mit täglichen Märschen, Physiotherapie und fleissigem Üben Zuhause ebenfalls meinen Beitrag dazu leistete.

Da ich während meiner Beschwerden nichts im Garten arbeiten konnte, sprangen gute Freunde ein: Leni Bosshard kümmerte sich um die Rosen, währen Barbara und Claus Scalabrin tagelang auf den Knien jäteten und frische Erde einbrachten, die sie gleich auch noch mitbrachten. Und dies alles für ein Nachtessen! Im Herbst hatte ich dann einen Tag lang den Gärtner.

Während der Sommerferien von Bosshards hütete ich traditionsgemäss die drei Meerschweinchen und die Wühlmaus, wobei die Tierchen bei schönem Sommerwetter die Tage meistens im Freiluftgehege verbringen konnten und erst abends wieder hereingenommen werden mussten.

Anfangs August war ich dann gesundheitsmässig bereits wieder soweit, dass ich mit einer ETH-Alumni Reisegruppe fast beschwerdefrei nach Schottland reisen konnte. Höhepunkt war das Royal Military Edinburgh Tattoo, ein Besuch in St. An­drews Anciant Golf Course und natürlich die wunderbaren Gegenden mit den vielen Bergen, Inseln und Fjorden. Viele neue Bekanntschaften wurden geknüpft. Ein Paar kam sogar aus Zollikon; die Eltern der Frau kannte ich von Kulturkreisreisen her.

Im August konnte ich ein erstes Mal nach der Operation auch wieder in der Wandergruppe mittun, und im September wanderte ich Im Tessin über 4 ½ Stunden von Cardada nach der Gimetta mit 500 m Höhendifferenz hinauf und anschliessend sehr happig wieder hinunter, d. h., ich war wieder recht gut zweg, bis ich….

Ende September auf meinem täglichen Marsch wieder diesen stechenden Schmerz in Leiste und Oberschenkel spürte, dieses Mal auf der linken Seite. Ich brauchte keinen Arzt, um die neuerliche Diagnose auf Hüftnekrose zu stellen. Und wieder einmal waren Hausarzt und der Operateur im Hirslanden in den Ferien, während es bei mir 3 Tage vor einem geplanten Hapi­mag-Aufenthalt mit Brunnschweilers in Damnoni auf Kreta passierte. Ich reiste aber trotzdem mit, war aber die ganze Woche beim Baden und auch im Allgemeinen recht behindert.

Wieder Zuhause hatte ich für die nächste Woche die ganze Familie mit allen Enkeln ins Hotel Cresta Palace in Celerina eingeladen, wo ich natürlich auch nicht wandern, aber wenigstens als Chauffeur behilflich sein konnte. Wir erlebten "en famille" vier wunderbare und noble Tage, etwas, was Fischli sich immer gewünscht hatte, wenn wir zu zweit jeweils im Hotel waren.

Anschliessend ans Engadin fuhr ich mit Andrea noch eine Woche nach Südfrankreich, wo wir natürlich immer wieder auf Orte stiessen, die ich in den vielen Jahren mit Fischli schon besucht hatte. Wie liebte doch Fischli diese Provence! Es scheint, dass diesbezüglich Andrea in Fischlis Fussstapfen treten könnte!

Nach diesen 3 intensiven Ferien-Wochen konnte ich dann endlich die Ärzte aufsuchen, die mich für die nächste Hüftoperation anmeldeten. Die Operation fand am 13. November, wieder mit dem gleichen Operateur und im gleichen Spital Hirslanden statt. Ich rechnete mit der gleichen Rekonvaleszenzzeit, sodass ich an Weihnachten bereits wieder fast ein normales Leben führen könnte.

Dem war aber leider nicht so: Bei der Operation wurde der Femoralis-Nerv beschädigt, so dass der Quadrizeps-Muskel nicht mehr funktionierte. Das merkte man erst, als ich bei den ersten Gehversuchen im Knie einknickte. Ein Neurologe konnte dann durch elektrische Messungen diesen Befund bestätigen, und zwar müsse der Nerv erheblich beschädigt sein. Ich bekam eine Stützschiene, die das Knie versteift, die aber mit zwei Hebelchen so gesteuert werden kann, dass man beim Sitzen das Knie biegen kann.

Nach einer Woche Spital brachte mich Lexi wieder zum Umpacken nach Hause und anschliessend wieder wie vor 5 ½ Monaten zur Reha in die Klinik Schloss Mammern, wo man mich wie einen alten Bekannten begrüsste. Nach drei Wochen konnte mich Andrea heim holen, wobei ich dieses Mal mit alleine Haushalten schon wesentlich mehr Mühe hatte, ich konnte mich aber durchschlagen, vor allem dadurch, dass ich mit dem Automaten im BMW sofort Autofahren und damit auch Posten konnte.

Weihnachten feierten wir wie eh und je, als Fischli noch die Seele des Hauses war, alle zusammen bei mir: Lexi mit Familie war vom 23. bis 25. Dezember da, Andrea mit Familie kam am 24. Dezember und blieb bis zum 27. Dezember, wobei am 26. Dezember nochmals alle zur "Sippenweihnacht" im Kleindorf 16 da waren.

Dieses Jahr war eigentlich geprägt von den zwei Hüftoperationen und den anschliessenden Genesungsphasen: Eine erste wie im Bilderbuch, die zweite mit Komplikationen, wie sie halt eben auch sogenannten Routineoperationen immer wieder vorkommen können. Eine für den Februar 2015 geplante grössere Karibikreise mit Kreuzfahrt, zusammen mit Brunnschweilers, musste ich wohl oder übel noch vor Weihnachten bereits annullieren. Dafür verbrachte ich den Silvesterabend bei ihnen in Wiesendangen
2015:Bettmeralp,Femoralis Nerven Rekonstruktion, Burgund, Meran, Narbonne Plage, Italien mit Ghia.
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8.36.  Unsere Familie Gadient -Karpf – 2015:Bettmeralp,Femoralis Nerven Rekonstruktion, Burgund, Meran, Narbonne Plage, Italien mit Ghia. .

Sylvester/Neujahrsmorgen feierte ich mit Brunnschweilers in Wiesendangen, hinkend wegen dem immer noch lahmen Knie.

Ich hatte das Gefühl, dass Dr. Kather beim Arztbesuch vom 5. Januar nicht mehr weiter wusste, denn er reichte mich an Dr. Dumont weiter, einen Spezialisten für Nervenchirurgie. Dieser untersuchte am 14. Januar mein Bein, machte ein vielsagendes Gesicht und meinte, vor mindestens 4 Monaten nach der Operation mache er gar nichts, denn so lange könne ein Nerv ohne weiteres brauchen, bis er den Muskel wieder stimulieren könne. Also Warten und Hoffen; trotzdem begann ich mit Krafttraining und morgendlichen Spaziergängen mit 2 Walkingstöcken, wobei ich hie und da stürzte. Das neue Hüftgelenk verheilte eigentlich auch dieses Mal wieder sehr gut, nur der streikende Nerv war das Problem.

Ende Februar verbrachte ich 2 Wochen mit Lexis Familie auf der Bettmeralp. Ich hatte wieder die gleiche 2 Zimmer Wohnung im Haus einen Stock unter Bosshards langjähriger Ferienwohnung gemietet. 1 Woche war auch Jan mit dabei, finanziert durch Lexi und mich. Das Wetter war dieses Jahr eher mässig. Ich marschierte jeden Tag fleissig und fiel zwischendurch auch einmal um, im Schnee zum Glück sehr weich.

Mitte März war der neuerliche Besuch bei Dr. Dumont fällig. Vorher wurde aber nochmals durch den Neurologen der Nerv gemessen mit Resultat Null. Dr. Dumont empfahl eine Operation, bei welcher der Nerv freigelegt und defekte Stücke allenfalls ersetzt werden sollten.

Dank Kniepolstern konnte ich im Garten zum grossen Teil die Frühlingsarbeiten (Jäten und Schneiden!) selbst durchführen; einzig das Häckelen kam etwas zu kurz. Ich brachte aber wieder viel Trogerde mit Ton aus. Es sah wieder fast professionnell aus, vor allem deshalb, weil ich schlussendlich den Gärtner für das Schneiden von Glyzine, Buchs und der Hängerose beauftragt hatte,

Dann musste ich eine sehr teure Dachreparatur in Auftrag geben: Auf der West- und Regenseite vom Se her korrodiert das Zink/Titanblech infolge eines Konstruktionsfehlers und muss ersetzt werden.

Die grössere Operation der Rekonstruktion des Femoralis-Nervs, bei der auch ein Neurologe und ein Gefässchirurg zugegen sein sollte, wurde auf den 14. April in der "Hirslanden Klinik im Park" in Wollishofen festgelegt. Ghia fuhr mich am Sechseläuten-Nachmittag 13. April via Fähre Meilen Horgen ins Spital. Die über vierstündige Operation verlief anderntags plangemäss, hingegen fanden die Operateure keinen mechanischen Defekt sondern schlimme Verwachsungen, wahrscheinlich von Hämatomen herrührend. Diese Verwachsungen hatten gewisse Nerven von der Blutzufuhr abgeschnitten. Gewisse kleinere Nerven seien unwiderruflich kaputt. Am Hauptstrang des kaputten "Nervus Femoralis" wurden ca. 7 ½ cm durch ein präpariertes Transplantat ersetzt, wovon Fotos existieren!

Ich blieb 10 Tage in der Klinik, um dann von Lexi zur Reha zum dritten Mal innert 11 Monaten nach Mammern gefahren zu werden. Aber es ist schön, wenn man den Ort und die Leute kennt: Die Ärzte, im Restaurant, in der Physiotherapie etc. werde ich mit dem Namen angesprochen! Ich habe gefragt, ob ich nicht langsam Rabatt-Prozente verdienen würde! Erinnerungen an Fischli! Ein Tagebucheintrag:

"Natürlich denke ich beim Spaziergang zwischendurch an meine Aufenthalte im Juni und November/Dezember letzten Jahres. Aber viel mehr kommen in mir wunderschöne Erinnerungen hoch vom gemeinsamen Aufenthalt im Juni 2011, als ich mit Fischli nach der Bauchspeicheldrüsen-Ope­ra­tion als gesunder Begleiter hier war! Ich denke weniger daran, dass es Fischli damals die erste Woche sehr schlecht ging und praktisch bettlägerig war, als vielmehr an nachher, wie Fischli anlässlich der ersten Spaziergänge an meinem Arm jeweils so sehr auf die nächste Sitzbank wartete, so schwach war sie am Anfang, und wie es dann aber langsam immer besser ging. Und an all diesen "Bänkli" komme ich jetzt wieder auf meinen Spaziergängen vorbei, und auch an ihrem Lieblingsprunus "Cornus Florida Rubra"! Und an unserem damaligen Zimmer 76 mit Ehebett muss ich bei meinem jetzigen Aufenthalt in Zimmer 181 auch immer vorbei! Fischli ist mir hier in Mammern auf Schritt und Tritt immer sehr nah, fast wie Zuhause, und es würgt mich recht oft, wenn ich deshalb jeweils die Tränli unterdrücken muss. Es ist verrückt, aber es gibt halt schon fast nichts in meinem Leben, das mich nicht an mein Fischli erinnert, haben wir doch die letzten 20 Jahre fast alles gemeinsam gemacht…".

Ich konnte aber immerhin schon bald wieder Autofahren, wenn auch nur mit dem Automat, denn ich konnte das linke Bein nicht mehr auf die Kupplung anheben. Ich war inzwischen wieder soweit, dass ich wieder mit Krafttraining (Ohne Beine) und mit den morgendlichen Spaziergängen mit 2 Walkingstöcken beginnen konnte, wobei ich leider hie und da stürzte und mir weh tat.

Im Juni konnte ich mit Brunnschweilers eine Woche im Burgund verbringen und anschliessend fuhr ich mit Gremlis nach Meran, wo die Ars-Amata-Familie Weber mit Stradivari und Amar Quartett auf Schloss Rubein ein Kammermusikfest organisiert hatte. Ich begann mich ans Hinken und an den Stock zu gewöhnen.

Im Juli fuhr ich mit dem eigenen Auto mit Andreas Familie eine Woche nach Narbonne Plage, wo sie ein Häuschen gemietet hatten; ich wohnte allerdings im Hotel. Tagsüber besuchte ich die kulturellen Rosinen der Gegend; zwei Mal kam Andrea auch mit. Die Abende verbrachten wir gemeinsam.

Anschliessend während der Sommerferien von Bosshards in Kroatien hütete ich traditionsgemäss wieder die drei Meerschweinchen, wobei die Tierchen bei schönem Sommerwetter die Tage wieder draussen im Freiluftgehege verbringen und erst abends wieder hereingenommen werden mussten.

Ende Juli hatte ich Arztbesuche beim Neurologen Dr. Studer und bei Dr. Dumont: Beim Nerv tut sich weiter nichts, aber verschiedene Muskeln springen im Unterbewusstsein für den lahmen Muskel ein. Es wäre aber noch zu früh für ein abschliessendes Urteil. Also verbleibe ich weiterhin im Modus "Warten, Hoffen, Beten"!

Im August besuchte ich kurz Bea in Brissago und fuhr anschliessend nach Falera, wo wieder Kammermusik gespielt wurde. Im September hatte ich das verlängerte Wanderwochenende mit den AH des KTV organisiert, an welchem ich versuchsweise mitwanderte, und es ging tatsächlich. Allerdings mussten wir wettermässig (Schnee knapp oberhalb St. Moritz) unten in der Ebene bleiben, was mir entgegen kam, denn steil aufwärts und vor allem abwärts geht es auch mit 2 Stöcken nicht gut.

Anfangs Oktober fuhr ich mit Andrea eine Woche, nein dieses Mal nicht nach Südfrankreich, sondern nach Italien, wo wir Orte besuchten, an welchen ich in den vielen Jahren mit Fischli gewesen war. Nach Flüela- und Ofenpass waren folgende Stationen auf dem Programm: Mustair, Mantova, Ferrara, Urbino, Monteriggione, Florenz, Siena, San Gimminiano, Pisa und die Cinque Terrae. Für die Toskana wohnten wir wieder einmal im Albergo Casalta in Strove, wo wir früher immer waren. Der Besitzer, Signor Cellerai, ist zwar nicht mehr da, aber er soll noch leben. Wie liebte doch Fischli auch diese Gegend!

Ein paar Tage später wollte ich mit Dinah Hinz Mustair und Meran besuchen, wo sie noch nie war. Infolge eines Wintereinbruchs konnten wir aber nicht mehr über Flüela- und Ofenpass fahren. Wir wichen am 1. Tag über Vereinatunnel und Unterengadin bis Martina und Reschenpass aus und kamen von hinten nach Mustair. Wir hatten eine interessante Führung im Plantaturm, denn die Kirche war durch eine Beerdigung belegt. In Meran wohnten wir im Hotel Juliane, das ich vom Kammermusikfest her kannte. Am 2. Tag bummelten wir durch Meran und seinen grossen Freitagsmarkt und fuhren dann noch nach Bozen, wo wir im Parkhotel Luna Mondschein Zimmer fanden. Bozen ist etwas städtischer als Meran und hat auch eine sehr schöne Altstadt. Die Heimfahrt führte dann doch noch über den Ofenpass; Den Flüelapass umgingen wir aber wieder und fuhren durch den Vereinatunnel.

Anfang November, 6 ½ Monate nach der letzten Operation, wurde mein kaputter Nerv wieder durch den Neurologen gemessen, mit dem Resultat, dass der Nerv zwar ganz minim reagiert, fühlen tut man jedoch aber noch nichts. Das stellte anschliessend auch Dr. Dumont fest. Also weiter im Modus Warten, Hoffen, Beten!

Weihnachten feierten wir wie eh und je, als Fischli noch die Seele des Hauses war, alle zusammen bei mir: Lexi mit Familie war vom 23. bis 25. Dezember da, Andrea mit Familie kam am 24. Dezember und blieb bis zum 27. Dezember, wobei am 26. Dezember nochmals alle zur "Sippenweihnacht" im Kleindorf 16 da waren. Sylvester feierte ich allein mit einem 6-Gänger, nachdem ich am Abend vorher bei BR eingeladen war
2016:Bettmeralp mit Lexi, Hamburg zu Dinah Hinz, Meran, Burgund mit Br, Gartenreise Niederlausitz, Air Show Duxford, Stradivarifest Cremona, Provence mit Ghia.
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8.37.  Unsere Familie Gadient -Karpf – 2016:Bettmeralp mit Lexi, Hamburg zu Dinah Hinz, Meran, Burgund mit Br, Gartenreise Niederlausitz, Air Show Duxford, Stradivarifest Cremona, Provence mit Ghia..

Sylvester/Neujahrsmorgen feierte ich jetzt schön allein Zuhause, wie früher zusammen mit Fischli, mit einem Sechsgänger. Nach der Rückkehr von Brunnschweilers ging ich schön Posten im Globus Delikatessa und bei Sprüngli! Dabei benutzte ich zum ersten mal die DeLuxe Parkanlage Opernhaus unter dem Sechseläuteplatz.

Ende Januar waren wieder Messungen beim Neurologen Dr. Studer fällig. Resultat: Stabil, eigentlich keine Fortschritte. Ich begann mich darauf einzustellen, dass ich wahrscheinlich damit Leben muss. Falls es Verbesserungen geben wird, nehme ich das als positive Beigabe. Kurz vor dem Besuch bei Dr. Studer war ich bös eingeknickt und hatte mir das linke Knie stark überdehnt, was mir für Wochen Mühe bereitete.

Anfangs Februar war der neuerliche Besuch bei Dr. Dumont fällig. Resultat: Erstaunliches Resultat: Trotzdem der Muskel nicht richtig stimuliert wird, springen andere Muskeln ein, sodass ich leidlich gehen kann. Vielleicht verbessert sich dies noch mehr! Also weiterhin im Modus Warten, Hoffen, Beten!

Ende Februar verbrachte ich wieder 1 Woche mit Lexis Familie auf der Bettmeralp in der gleichen 2 Zimmer Wohnung wie letztes Jahr unter Bosshards langjähriger Ferienwohnung gemietet. Ich marschierte jeden Tag fleissig meistens mit Leni Bosshard, der Schwiegermutter von Lexi. Glücklicherweise fiel ich nie mehr um. Der Verzicht auf das mir so geliebte Skifahren fällt mir immer noch nicht leicht!

Ab März konnte ich mit 2 Walking-Stöcken wieder in der Wandergruppe mitmachen. Glücklicherweise gab es keine steilen Auf- und Abstiege.

Dank Scalabrins Kniepolstern konnte ich auch dieses Jahr im Garten zum grossen Teil die Frühlingsarbeiten (Jäten und Schneiden!) selbst durchführen, während das Häckeln auch dieses Jahr zu kurz kam. Ich brachte aber wieder viel Trogerde mit Ton aus. Für das Schneiden von wuchernden Gebüschen, Glyzine und der Hängerose beauftragte ich wieder Gärtner Helbling.

Ende April zeigte sich zum ersten Mal Fischlis Lieblings-Hartriegel ganz toll in seiner ganzen Rosa-Blütenpracht bei mir im Garten! Wie hätte sie sich sicher gefreut….

Mai/Juni waren dann ziemlich streng mit Reisen: Zuerst fuhr ich Mitte Mai per Autocar zusammen mit Schreiers nach Meran zum Kammermusikfest auf Schloss Rubein mit der Ars-Amata-Familie Weber, Stradivari- und Amar-Quartett. Wieder hatten wir wie im Vorjahr im Hotel Juliane gebucht, von wo aus wir wunderbare Konzerte und eine herrliche Wanderung mit Schreiers entlang eines "Heiligen Wassers" erlebten.

Danach verbrachte ich zwei Tage mit unseren ETH Diplomanden im Raum Kreuzlingen / Schaffhausen, um dann anfangs Juni mit Brunnschweilers und Lisbeth Pelli eine Woche im Burgund zu verbringen, wobei wir wie üblich im Ferienhaus von Tischhausers in Moroges oberhalb Chalon wohnten.

Mitte Juni fuhr ich mit Scalabrins auf eine Gartenreise in die Niederlausitz, wobei wir in einem prächtigen Hotel im Spreewald logierten. Herrliche Gärten und Schlossparks, ein gigantisches Braunkohle-Schürfwerk, eine Spreefahrt im Ruderboot, und vor allem die wunderbare Gesellschaft mit drei ebenfalls Apéritif-hungrigen Arzt-Ehepaaren machten die Reise zu einem echten Erlebnis.

Ende Juni hatte ich im Engadin das verlängerte Wanderwochenende mit den Zürcher Altherren der Studentenverbindung KTV St. Gallen organisiert; zusätzlich hatten wir dieses Jahr noch je eine Führung mit Architektur und Kunst im Würth-Haus in Rorschach und im Landesmuseum sowie durch die Giacometti-Ausstellung im Kunsthaus Zürich. Da leider keine Legate und grössere Spenden mehr flossen, sah ich mich nach 20 Jahren als Präsident der Zürcher Altherren gezwungen, neu einen Jahresbeitrag zu verlangen, damit wir weiterhin Eintritte und Führungen aus der Kasse bezahlen können.

Im Juli flog ich mit meinem Freund Jürg Anderegg für ein verlängertes Wochenende nach England, wo wir zuerst in Duxford eine Air-Show mit alten Militärflugzeugen aus dem 2. Weltkrieg und eine Ausstellung von alten und neueren Flugzeugen besuchten. Als Abschluss der Reise erlebten wir eine Besichtigung von "Bletchley-Park", der britischen Geheimdienstzentrale im 2. Weltkrieg, wo bestens getarnt auf einem Gutsbetrieb (mit Büros in Scheunen und Ställen wie in unseren Militärbaracken!) während dem 2. Weltkrieg die deutsche Enigma Verschlüsselung geknackt wurde. Ferner wurde hier weltweit auch der erste Computer gebaut und für die Berechnung der Entschlüsselung benutzt.

Während den Sommerferien von Bosshards hütete ich wieder die Meersäuli!

Und im August waren die Sommerkonzerte in Falera und ein Besuch bei meiner Schwester im Ferienhaus in Brissago die Highlights.

Im September fuhr ich mit Dinah Hinz zuerst für ein verlängertes Wochenende ins Laveaux in der Westschweiz, das sie praktisch nicht kannte, und später zusammen mit Adrienne und Ueli Borsari  mit dem Stradivari-Quartett eine Woche nach Cremona, der Stadt der grossen Geigenbauer Amati, Stradivari und Guarneri. In einer kleinen feinen Reisegesellschaft hatten wir jeden Tag ein Konzert sowie Führungen in der wunderbaren Altstadt mit dem denkwürdigen Dom sowie im Geigenmuseum.

Im Oktober fuhr ich mit Andrea wieder für eine Woche in die Provence, wo wir es sehr gemütlich und gut hatten miteinander. Die Gegend von Les Beaux, St.Cyyr sur Mer sowie der Luberon waren Schwerpunkte unserer Reise.

Kaum wieder Zuhause, fuhr ich rasch nach Bad Aibling, um Heinrich Fischer zu besuchen. Es geht ihm nicht mehr sehr gut; da muss ich für mich wieder sehr zufrieden sein, bin ich doch noch ein paar Jahre älter.

Ende November, 18 Monate nachdem Ersetzen des defekten Nervenstrangs wurde der kaputte Nerv durch den Neurologen wieder gemessen. Resultat: Es tut sich zwar ein bisschen etwas, aber wirklich immer noch erstaunlich wenig. Eigentlich ein enttäuschender Bescheid. Ich fühle mich aber seit ca. einem halben Jahr wesentlich sicherer, ich bin auch nicht mehr gestürzt, und ich gehe wieder ohne Stock in die Stadt. Falls es andere Muskeln sind, die den kaputten Nerv, bzw. kaputten Muskel kompensieren, kann mir das aber eigentlich egal sein: Das Wichtigste ist, dass ich mich besser fühle!

Am 3. Dezember feierten wir en famille traditionell Chlaus, wobei Finn wegen Arbeit und Jan wegen Prüfungsvorbereitung nicht anwesend sein konnten. Es war ein ausserordentlich friedlicher und harmonischer Abend, an welchem, so glaube ich wenigstens, Fischli grosse Freude gehabt hätte. Die Enkel blieben eigentlich das erste Mal richtig bis zum Aufheben der Tafel am Tisch sitzen und diskutierten lebhaft mit. Per meinte dann dazu, dass sie wahrscheinlich jetzt deshalb wirklich erwachsen geworden seien… .

Ende November waren wieder Messungen beim Neurologen Dr. Studer fällig. Resultat: Neu ganz kleine Fortschritte. Ich begann mich darauf einzustellen, Falls dieser Verbesserungsprozess anhalten würde, nehme ich das gerne als positive Beigabe, umso mehr als ich mich bereits damit abgefunden hatte, dass ich wahrscheinlich damit leben muss. Die Dres Kather und Dumont waren begeistert vom Resultat.

Weihnachten feierten wir wie eh und je, genau so wie früher, als Fischli noch die Seele des Hauses war: Alle zusammen wohnten sie bei mir, Lexi mit Familie vom 23. bis 25. Dezember, Andrea mit Familie vom 24. Dezember bis zum 27. Dezember. Am 26. Dezember feierten wir nochmals alle zusammen "Sippenweihnacht", zuerst mit Christbaum und Singen bei Marteli im Kleindorf 16, dann zum Essen bei mir, wobei mich Andrea und die anwesenden Buben stark unterstützten.

Bleibt eigentlich nur die Hoffnung, dass sich der Femoralis-Nerv doch noch etwas weiter erholt! Eigentlich kann es im neuen Jahr 2017 nur noch aufwärts gehen.

2017: Hotel Waldhaus Sils, Bettmeralp, Kreuzfahrt Südafrika - Seychellen, Cannero mit Hohls, Meran, Burgund mit BR, Gartenreise Yorkshire, Brissago - Narbonne Plage, Lübeck - Hamburg, Provence mit Ghia.
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8.38.  Unsere Familie Gadient -Karpf – 2017: Hotel Waldhaus Sils, Bettmeralp, Kreuzfahrt Südafrika - Seychellen, Cannero mit Hohls, Meran, Burgund mit BR, Gartenreise Yorkshire, Brissago - Narbonne Plage, Lübeck - Hamburg, Provence mit Ghia..

Sylvester/Neujahrsmorgen feierte ich wie üblich schön allein Zuhause mit einem Sechsgänger, den ich aber nicht mehr bewältigen konnte. Ich hatte mich auch mit einem ganzen "Loup de Mer" etwas überschätzt!

Ich hatte mich für das Stradivari-Fest im Hotel Waldhaus in Sils im Engadin angemeldet, was mehrere Konzerte, eine Winterwanderung, eine Schlittenfahrt ins Fextal etc. beinhaltete. Mehrere Teilnehmer kannte ich von früheren Stradivari-Anlässen, so Gerhard Wyser, Hans Vogt, Elisabeth Hirs von der Goldhaldenstrasse usw. Und über das verlängerte Wochenende vor der Stradivariwoche hatte ich Lexi ins Hotel Waldhaus Sils eingeladen, quasi als Ausgleich zur Provence-Woche mit Ghia. Wir hatten es sehr schön miteinander, machten Winterwanderungen und Wellness.

Mitte Februar verbrachte ich wieder ein paar Tage mit Lexis Familie auf der Bettmeralp. Ich marschierte jeden Tag fleissig, wiederum meistens mit Leni Bosshard, der Schwiegermutter von Lexi.

Am 23. Februar startete ich mit Brunnschweilers das Projekt "Kreuzfahrt Kapstadt – Mahe Seychellen"! Schon die Flüge mit Emirates in der Business-Class im oberen Stock der A-380 bis Dubai (ich wurde Zuhause in einer Limousine abgeholt, und der Chauffeur trug meinen Koffer an den Check-In-Schalter!) und dann Umsteigen nach Kapstadt war ein echtes Erlebnis! Nach 2 ½ Tagen in Kapstadt mit einem ersten Tagesausflug in den Natur-Tierpark "Aquila Private Game Reserve" und einem zweiten Tagesausflug in die Gegend um Stellenbosch mit einem Abstecher zu Raphael Dorniers Weingut schifften wir am 27. Februar abends für fast drei Wochen in die Silver Cloud ein, ein kleineres all-inclusive Schiff der italienischen Silversea Reederei.

Aufenthalte hatten wir zunächst immer noch in Südafrika in Port Elisabeth, East London, Durban und Richards Bay, wo wir jeweils Tagesausflüge entweder mit Stadtbesichtigungen oder Ausflügen in Naturparks gebucht hatten.

Nächster Halt war in Maputo in Mozambique, das frühere Laurenço Marques, wohin Mitarbeiter der Growela Portuguesa seinerzeit in den Bürgerkrieg einrücken mussten. Verblichene portugiesische Prachtsbauten aus der Kolonialzeit (z.B. der Bahnhof) waren vereinzelt noch zu sehen, die Stadt ist aber sehr heruntergekommen.

Nach 2 Tagen auf See landeten wir im Norden der Insel Madagaskar, wo wir auf einer kleinen Insel einen erloschenen Vulkan erklommen und einen farbenfrohen, lokalen Markt besuchen konnten.

Von Madagaskar aus kreuzten wir wieder Richtung afrikanisches Festland zu und landeten in Sansibar, das wir in einem Tagesausflug erkunden konnten. Nach einer kurzen Fahrt erreichten wir die vorletzte Station Mombasa in Kenia, wo wir einen Tag und eine Nacht blieben. Auch hier machten wir eine Stadtbesichtigung.

Nach 2 weiteren Tagen auf See erreichten wir schliesslich Mahe auf den Seychellen, wo Brunnschweilers noch eine Woche Badeferien geplant hatten. Ich blieb nur noch 1 Tag im gleichen, wunderbaren Tropenstrandhotel. Dann flog ich über Dubai zurück, Dubai – Zürich wieder sehr feudal im oberen Stock einer A – 380 mit Limousinen-Service nach Hause. Alles in allem eine wunderbare Reise in guter Gesellschaft.

Der April war ein richtiger Familienmonat: Am 11. April fuhr ich an die Beerdigung meines Cousins Hansjörg Gadient in Frenkendorf. Es war traurig, dass seine Frau Heidi das Ganze nicht mehr mitbekam, so schlecht ist sie zwäg! Sein Bruder Felix war nicht an seine Beerdigung gekommen, so zerstritten waren die zwei Brüder.
Hingegen besuchten Bea und ich am 28. April unseren Cousin Felix im Altersheim in Chur und machten ihm damit eine grosse Freude.
Und am 29. April (immer 10 Tage nach Fischli) feierten wir Fischlis Tante und Nachbarin Marteli Oechslis ihren 90. Geburtstag mit einem schönen Fest.
Im Weiteren hatte unser Mieter im Kleindorf 14a, Herr Fingerhut, gekündigt und zog aus. Deshalb hatten wir einen neuen Mieter suchen müssen. Ich denke, wir haben grosses Glück gehabt: Mit RA Adrian Bachmann und seiner philippinischen Frau Nat haben wir sehr sympathische neue Mieter gefunden, mit denen ich sofort Kontakt hatte.

Im Mai und Juni begann jetzt eine eher hektische Reisezeit: Im Mai hatte ich bei Hapimag in Cannero am Lago Maggiore zusammen mit Marianne und Hans Ruedi Hohl eine Woche Ferien gebucht. Hohls waren schon früher mehrmals hier, wovon ich jetzt profitieren konnte. Wir besuchten die wunderbaren Borromäischen Inseln und Stresa, wir fuhren an den idyllischen Ortasee mit der Isola San Giulia und an einem anderen Tag mit der Fähre von Intra über den See nach Lavano und auf der Uferstrasse zur verträumten Eremo di Santa Catherina. Auch der botanische Garten der Villa Taranto in Intra wurde mir gezeigt, der jetzt im Mai in voller Blüte stand.

Anfangs Juni war dann das Kammermusikfest in Meran dran mit Carfahrt Hin- und zurück. Die Konzerte fanden wieder auf Schloss Rubein statt und ich wohnte wieder mit Schreiers und anderen Bekannten wie letztes Jahr im Hotel Juliane. Es spielten neben Elisabeth und Ruedi Weber das Stradivari und das Amar Quartett, sowie das Duo Leonore mit Per Lundberg und Maja Weber An einem freien Tag machte ich mit Schreiers eine wunderbare Wanderung an einem "heiligen Wasser" entlang, hier "Walweg" genannt.

Direkt anschliessend fuhr ich mit Brunnschweilers und Lisbeth Pelli nach Moroges im Burgund. Es war wieder eine sehr vergnügliche Woche, wobei wir altbekannte Stätten besuchten, aber auch wieder meistens Zuhause kochten und ich wie üblich am grossen Cheminée einen Mocken Faux Filet grillierte.

Wieder kaum Zuhause flog ich ein letztes Mal (?) mit Scalabrins nach Yorkshire England. 2002 waren Fischli und ich ein erstes Mal mit Scalabrins auf einer Gartenreise gewesen, ebenfalls in Yorkshire. Wir besuchten mehrere Orte, wo wir also schon vor 15 Jahren gewesen waren. Ich hatte die Fotos von damals bei mir, und wir waren absolut erstaunt, wie konsequent diese Gärten in ihrer ursprünglichen Form beibehalten werden. Neben Gärten besuchten wir aber auch Kulturelles, wie beispielsweise einen Industriepark "Salt Mill und Saltaire Village" oder in Wakefield ein Kunstmuseum mit einer moderne Künstlerin, die mir es richtig angetan ein, vor allem ihre Skulpturen.

Ende Juni waren wieder Messungen beim Neurologen Dr. Studer fällig. Resultat: Stabil, eigentlich keine oder sehr minime Fortschritte. Die anschliessenden Besuche bei Dr. Kather und Dr. Dumont ergaben gegenüber dem letzten Mal ein ganz leicht verbessertes Resultat mit der frohen Aussicht, dass sich dies vielleicht noch mehr verbessern könnte!

Mitte Juli fuhr ich mit Elisabeth und Ruedi Weber zu "Soirées Musicales" in Meursault im Burgund, wo aber auch Per Lundberg und Maja Weber mit dabei waren. Maja hatte sogar ihre Buben bei sich. Wieder war eine Car-Fahrt organisiert. Ich wohnte im Hotel Chateau Citeaux La Cueillette in Meursault selber, während die Konzerte entweder im Chateau Tailly (einem Dorfteil von Meursault jenseits der Bahnlinie) oder einmal im romanischen Kirchlein von Brançion stattfanden. Dort gab es noch eine Führung durch die Burg, sowie einen Grillabend im Freien. An einem anderen Tag hatten wir eine Führung in Schloss Germolles, das erste Schloss der Burgunder-Herzöge, in der Nähe von Chagny, wo wir bisher mit Brunnschweilers immer vorbei fuhren. Sehr interessant! Ebenfalls sehr gelungene Ferientage.

Ende Juli / anfangs August verbrachte ich ein paar Tage mit meinen Béas (meine Schwester Béatrice und ihre gleichnamige Tochter!) in ihrem Ferienhaus ganz oben in Brissago mit traumhafter Aussicht auf den See mit den Brissago-Inseln, Ascona / Locarno und die Magadinoebene.

Von dort wollte ich zu Ghia in Narbonne Plage fahren. So fuhr ich zuerst dem See entlang südwärts und bei Stresa auf die Autobahn, dann über Turin und den Tunnel du Fréjus über Grenoble nach einer kleinen Ortschaft, wo die Autobahn von Lyon – Grenoble auf die Autobahn Grenoble - Valence trifft. Dort hatte ich auf Anraten meiner Schwester und von Ghia ein Hotelzimmer reserviert, weil sie nicht wollten, dass ich in einem Zug von Brissago nach Narbonne fahre. Nun war ich aber schon um 14:00 Uhr bereits im Hotel und konnte eigentlich nur Tagebuch-schreiben und Schlafen, bis es dann endlich Zeit für den z'Nacht war.
Nächstes Mal fahre ich aber sicher wieder durch! Anderntags Abfahrt gegen 10 Uhr, Fahrt mit einmal Tanken und Kaffee trinken ergab eine Ankunft im Hotel de la Clape um halb drei. Hotelbezug und anschliessend Spaziergang zu Ghia, die wieder am gleichen Ort ein ähnliches Haus wie letztes Jahr gemietet hatte. Während die Buben meistens an den Strand und abends in den Ausgang gingen, besuchten Andrea, Jan und ich einmal die Katharerburgen im Hinterland, ein anderes Mal fuhren wir nach Béziers und ein weiteres Mal zur Abtei Fontfroide. Im schattigen Gärtlein von Ghias Haus hatte es ein Aussen-Cheminée, wo herrlich grilliert werden konnte. Zwei Tage kamen Maria und Giuseppe zu Besuch, Freunde von Andrea aus Uitikon.

Anfangs September trafen sich die noch reisefähigen Aspiranten der Flieger Offiziersschule 1957 bei Hugo Strickler in St. Prex zur 60 Jahr Feier, wobei wir in einem Hotel in Morges wohnten. Eine Exkursion in die Gegend um Schloss Wufflens, eine Wein-Degustation und eine Schifffahrt auf einem historischen Segelboot boten einen würdigen Rahmen.

Mitte September hatte ich das Stradivarifest in Hamburg gebucht. Unsere Freunde Schreiers schlugen vor, vorher ein paar Tage Lübeck einzuplanen, was wir dann auch taten. Wir flogen am 11. September nach Hamburg und reisten per Bahn weiter nach Lübeck. Wir erlebten drei wunderbare Tage in Lübeck, das ich das letzte Mal mit einer von mir organisierten Reise des Kulturkreises Zollikon im Jahr 2004 besucht hatte.
Am 14. September fuhren wir dann nach Hamburg zurück und checkten im Ameron-Hotel in der Speicherstadt ein, wo die Teilnehmer des Stradivari-Fests ab Morgen auch wohnen werden.
Das Programm des Stradivarifestes war abwechslungsreich mit Stadtführung, Hafenrundfahrt, Führung in der Elbphilharmonie, ein Konzert mit anschliessendem Nachtessen in der Laeiszhalle (= alte Tonhalle) Hamburg, dann auch ein öffentliches Konzert mit dem Stradivari Quartett im kleinen Saal des Elphi, wobei unsere Gruppe die besten Plätze belegen durften! Eine Führung durch die "Steinway & Son", die Fabrik für Klaviere und Flügel war hochinteressant! Kurzum: Tolle und unvergessliche Tage!

Kaum Zuhause fuhr ich ins Hotel Cresta Palace in Celerina, wo ich das Wanderwochenende der Studentenverbindung KTV St. Gallen organisiert hatte. Bei bestem Wanderwetter wanderten wir am Freitag nach Pontresina und zurück, am Samstag wanderten die meisten ins Rosegtal, einige aber von Muottas Muragl nach Alp Languard. Am Sonntag war das Fextal auf dem Programm, und zwar nach hinten und auch wieder nach vorn.

In der ersten Oktoberwoche fuhr ich wieder für eine Woche mit Andrea in die Provence, wo wir es wieder sehr genossen, ohne grosse Pläne zu reisen. Wir fuhren für einmal nicht über das Rohnetal sondern über Genf, Chambéry, Grenoble und dann über den Col de la Croix haute bis Chateau Arnoux ins Hotel Bonne Etape (die Küche hat einen Michelin Stern!), wo ich mit Fischli mehrmals war. Weitere Etappenorte der Reise waren "Les Deux Garçons" in Aix en Provence, dann Hotel Tapis de Sable in St-Cyr sur Mer mit "Chez Henry" und "Les deux Sœurs"sowie der grosse Markt in Bandol. Dann suchten wir im Herbarella-Heft etwas in der Gegend von Le Cannet des Maures, die mir von den Kochferien mit Fischli und Rolf Grob in der Bastide Neuve bekannt ist. Wir einigten uns auf die Chambres d’Hôtes „Les Pierres Sauvages“ in Besse-sur-Issole, das im Herbarella verheissungsvoll beschrieben ist und dann auch sehr speziell und wunderbar war. Von dort aus besuchten wir die Abtei Le Thoronet, das Château Entrecasteau (leider geschlossen aber wunderbarer z'Mittag!) und das schöne Städtchen Cotinac. Dann fuhren wir als letzte Station zum obligaten Hotel Beaussenc in Maussane. Viele der Orte kenne ich von der Zeit mit Fischli. Ghia und ich haben jetzt aber auch schon einige schöne neue Orte gefunden. Die Heimfahrt war problemlos!

Als letzte Reise des Jahres fuhr ich Mitte Oktober nochmals für eine Woche mit Dinah Hinz nach Cannero: Ich hatte ihr scheinbar so viel vom Lago Maggiore erzählt, dass sie diese Gegend unbedingt auch kennen lernen wollte. Ich zeigte ihr praktisch alles, was ich im Frühjahr mit Hohls besucht hatte.

Nun kam bis Weihnachten eine etwas ruhigere Zeit, nur unterbrochen durch das Sami-Chlaus-Feiern en famille bei mir in Zollikon, wobei die Töchter stark mithalfen und auch Essen mitbrachten. Im Weiteren war ich im Dezember beim Neurologen Dr. Studer, welcher nach einem weiteren halben Jahr wieder meinen Femoralis-Nerv testete. Mit gutem Willen sei eine ganz leichte Besserung feststellbar! Wichtiger wär aber mein Gefühl, das mir Fortschritte anzeigt. Auch Dr. Kather zeigte sich erfreut über einen weiteren, leichten Fortschritt. Zu Dr. Dumont gehe ich erst nach Neujahr!

Über das Jahr verteilt hatte ich für die Altherren der Studentenverbindung KTV St. Gallen neben dem Engadiner Wanderwochenende noch 3 weitere Anlässe organisiert: Im Mai führte uns Mäzig, der ehemalige Zirkus Knie - Tierarzt durch Knies Kinderzoo, im Juni besuchten wir das Landesmuseum und im November hatten wir Führungen im Kunsthaus Zürich. Nach 21 Jahren Zürcher Obmann habe ich für die Organisation solcher Anlässe langsam Routine; hingegen gehen mir langsam die Ideen für weitere Anlässe aus. Die Zürcher Blase wird daneben immer kleiner, da verschiedene regelmässige Stammbesucher starben oder aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr mitmachen können. So sind wir am monatlichen Stamm im Belcanto fast immer nur 2 bis 3 Teilnehmer. Glücklicherweise kommen an die übrigen Anlässe viele Altherren aus anderen Regionen, scheinbar weil bei den Zürcher KTVern sehr viel läuft…

Neu war dieses Jahr, dass ab September die Abonnement-Konzerte in der Tonhalle Maag stattfinden, da die altehrwürdige Tonhalle und das kongresshaus renoviert und teilweise umgebaut werden. Die Akustik ist prima, und der Weg dorthin mit Bus und S16 zur S-Bahn Station Hardbrücke fast einfacher als zur Tonhalle an der Beethovenstrasse. Einzig die Lunchkonzerte mit Kammermusik finden im Kaufleutesaal statt, da die Tonhalle Maag keinen kleinen Saal hat. Die Konzerte machen mir immer noch viel Freude. Ich habe Fischlis Abonnement behalten, wobei ich jeweils eine der Töchter oder jemand anders mitnehme.

Weihnachten feierten wir wieder gleich wie früher mit Fischli, genau gleich wie letztes Jahr: Alle zusammen wohnten sie bei mir, Lexi mit Familie vom 23. bis 25. Dezember, Andrea mit Familie vom 24. Dezember bis zum 27. Dezember. Am 26. Dezember feierten wir nochmals alle zusammen "Sippenweihnacht", zuerst mit Christbaum und Singen bei Marteli im Kleindorf 16, dann zum Essen bei mir, wobei mich die Töchter, vor allem Andrea und die anwesenden Buben stark unterstützten. Glücklicherweise habe ich jetzt die Menüs und die entsprechenden "Poschti-Zettel" auf dem Computer. Jetzt nur nichts mehr ändern! Traditionen soll man beibehalten!

Vom 30. auf den 31. Dezember verbrachte ich bei Brunnschweilers in Wiesendangen (wie übrigens schon mehrmals über das Jahr verteilt), um am Sylvester still für mich und in Erinnerungen an Fischli schwelgend bei mir Zuhause zu sein. Nur das"Geklöpfe" um Mitternacht stört mich jedes Jahr mehr….

8.28 2007 a Erinnerungen an Ferienwohnung Caflisch in Celerina
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8.39.  Unsere Familie Gadient -Karpf – 2018: Stradivarifest Waldhaus Sils, Bettmeralp mit Lexi, Italien mit Ghia und Schreiers, Burgund mit Br, Gartenreise Dresden, KTV Wandern Engadin.

8.28 2007 a Erinnerungen an Ferienwohnung Caflisch in Celerina

Vom 01. Mai 1992 - 30. April 2007 hatten wir zusammen mit Freunden im 1. Stock dieses Hauses ganzjährig eine 3 Zimmer Ferienwohnung gemietet. In diesen 15 Jahren waren Fischli und ich 35 Mal hier in den Ferien, Aufenthalte unserer Töchter und deren Familien sowie von Freunden nicht mitgezählt.

Begonnen hatte es mit einem absoluten Glücks­fall: Anlässlich eines Aufenthaltes im Hotel Cresta Palace in Celerina im Januar 1992 trafen Fischli und ich im Hotel unverhofft auf Krapf. Dieser überredete mich für ein Bier ins Hotel Post, wo er mit Pedal verabredet war. Die beiden hatten zusammen am Nachmittag eine Wohnung im Chesa Caflisch besichtigt, die relativ günstig ganzjährig zu mieten war. Die Wohnung gehörte einer Stiftung, für welche Pedal als Professor an der Kantonsschule St. Gallen zwei für Klassenlager geeignete Häuser in Celerina verwaltete und deshalb davon wusste.                          

Pedal machte Krapf und mir einen interessanten Vorschlag: Falls Krapf und ich für die Benutzung der Wohnung je für einen Drittel der Jahresmiete eine Defizitgarantie übernehmen würden, würden sie, Pedal mit Elsbeth, sich verpflichten, in der Zeit, in welcher Krapf und ich die Wohnung nicht benutzen würden, diese bestmöglich zu vermieten, um so mindestens den letzten Drittel hereinzubringen, wenn möglich aber mehr.

Da ich die Wohnung nicht gesehen hatte, zeichnete mir Pedal den Grundriss der Wohnung auf die Rückseite des Kassabons für das Bier, das wir eben tranken. Krapf und ich waren mit Pedals Vorschlag einverstanden. Der dann auf unbestimmte Zeit abgeschlossene, ganzjährige Mietvertrag begann am 1. Mai 1992, wobei Pedal und Krapf die Wohnung anfangs Mai per­sönlich über­nah­men und die grössten Hässlichkeiten an Mö­beln und Bildern der Wohnung sofort in den Estrich beförderten.

Der Zeitpunkt der Übernahme der Wohnung war für mich nun nochmals ein Glücksfall, denn kurz darauf, am 15. Mai 1992, wurde ich als CEO der BALLY Arola AG abgesetzt und zu BALLY International AG versetzt, wobei mir angeboten wurde, die über 80 nicht bezo­ge­nen Ferientage in nächster Zeit zu beziehen! Ende Mai waren Fischli und ich bereits ein erstes Mal da. Eine der ersten längeren Wanderungen blieb mir in bester Erinnerung: Mit dem Alpenblumen-Buch ging es von der Alp Grüm nach Cavaglia und weiter nach Poschiavo. Am Start der Wanderung blühten neben letztem Schnee Soldanellen, und in Poschiavo hatte bereits der Heuet begonnen, sodass wir in dieser Wanderung das ganze Alpenblumenspektrum von Frühling bis Sommer zu Gesicht bekamen.

Nach 15 Jahren haben wir die Wohnung nun per 30.04. 2007 gekündigt, weil Ingrid und Krapf nach dem ausserordentlich kalten Aufenthalt im Winter 2006 aus medizinischen Gründen nicht mehr weiter im Engadin bleiben wollten. Leider fand ich, Veto, keinen Ersatz für Krapf, wobei schlussendlich auch nicht mehr ausdiskutiert wurde, ob Pedal die Vermietung überhaupt noch weiter gemacht hätte. Uns allein war die Miete zu hoch, denn soviel hatten wir die Wohnung eben auch wieder nicht benutzt. Unsere Tochter Andrea war zwar im Winter auch regelmässig mit ihren Buben während einer Sportwoche da, hingegen ist unsere zweite Tochter Alexa mit ihrer Familie im Winter eher auf die Bettmeralp im Wallis ausgerichtet. So wie wir aufs Oberengadin eingeschworen sind, so sind es unsere "Gegenschwer" auf die Bettmeralp: Philipp und sein Bruder verbrachten mit ihren Eltern von Klein auf die Sportferien regelmässig dort, und beide haben dort auch Skifahren gelernt.

Das nahe Ende eines 15 jährigen Feriendomizils lässt schon ein bisschen Wehmut aufkom­men, was mich spontan zur Feder, beziehungsweise in die PC-Tastatur greifen liess.

Das rührt nicht etwa daher, dass wir in Zukunft die Schönheit oder Ge­pflegtheit unserer Ferienwohnung vermissen würden. Nein, ganz im Gegenteil, es war eine beschei­de­nere, und am Schluss eher sub­opti­mal unterhaltene Wohnung. Und trotz­dem haben wir darin eine aus­serordentlich glückliche und schöne Zeit erlebt. Wie haben wir uns jedes Mal über den ganz speziellen und charakteristischen Arvenholz-Ge­schmack der Wohnung gefreut, wenn wir die Wohnungstüre öffneten. Und wie erholsam war es, nach dem Skifahren im sonnendurchfluteten Stübli im Trainings­anzug die Zeitung zu lesen und sich nicht wie im Hotel zum Essen umziehen zu müssen. Dazu kam, dass die Lage des Hauses geradezu ideal war: Nahe den Läden zum Einkaufen, nahe zur Gondelbahn nach Marguns, und auch nahe von diversen Restaurants zum Nachtessen, wenn es etwas zu feiern gab. Trotz der Kleinheit der Wohnung haben wir verschiedene Familienfeste hier oben ge­feiert, wobei bei der Überbelegung eine zusätzliche Douche und allenfalls ein Zimmer mehr sehr willkommen gewesen wären. Was kann man hinterher schöneres von einer Ferienwohnung sagen, als dass es uns alles in Allem einfach sehr wohl hier war.

Manchmal haben wir unter den Unzulänglichkeiten der Wohnung auch etwas gelitten, darüber hie und da sogar geflucht - und trotzdem ist sie uns ans Herz gewachsen. Wir begannen früh, jeweils bei unserer Abreise gewisse persönliche Effekten im Estrich einzustellen, was das Packen für die Aufenthalte wesentlich erleichterte. Seither war immer auch ein kleines Werkzeugsortiment dabei, mit welchem ich anlässlich unserer Aufenthalte regelmässig tätig wurde. Oft kam ich mir wie ein Haus­wart ohne Anstellungsvertrag vor, und ich denke, dass wir damit verschiedene Unterhaltskosten einsparen konnten. Dafür habe ich andrerseits aber auch oft ausgerufen, wenn ich gewisse Zustände nicht nur für uns, sondern vor allem auch für unsere Mieter als untragbar ansah. Ich erinnere nur

  • an die anfängliche, grauenhafte Sitzgarnitur im Wohnzimmer, auf welcher nach kurzer Zeit regelmässig der Rücken schmerzte und sich des farbigen Stoffmuster wegen beinahe die Netzhaut der Augen des Betrachters ablöste, ganz abgesehen von dem tonnenschweren Steinmosaik-Tisch mit dem abstrusen Design, oder
  • an den miserablen, sehr kleinen Fernseher aus TV-Anfängen mit knapp vier Sendern, davon RAI I und RAI II, mit himmeltrauriger Empfangsquali­tät und wohlgemerkt ohne Fernbedienung, was der Sportlichkeit zu Gute kam, oder
  • an den schmalbrüstigen Balkon mit den unfall­trächtigen, morschen Bodenbrettern, auf wel­chem man infolge der Schmalheit sowieso nur wie im Tram hintereinander sitzen konnte, oder
  • an die bei unserer Ankunft immer wieder ver­stopften Abläufe im Bad an Lavabo und Bade­wanne, die sich aber mit dem Draht in meinem kleinen Ferienwohnungs-Werk­zeug­kasten immer wieder durchgängig machen liessen, oder
  • an die verkalkte Warmwasserleitung der Bade­wan­nenarmatur, welche jedes Jahr weniger Warm­wasser durchliess, sodass man sich ein Bad einlaufen lassen und ohne Weiteres noch in Ruhe Essen oder ein Buch lesen konn­te, ohne sich der Gefahr eines Überlaufens auszusetzen. Auch musste man deshalb zwangsläufig über die Jahre immer kälter douchen, damit die Douche überhaupt noch funktionierte und nicht nur ein müdes Bächlein aus der Brause tropfte. Um überhaupt nass zu werden musste man eigentlich schon von allem Anfang an unter der Douche praktisch hin und her rennen, und, und, ... …

 In Anbetracht des nahen Miet-Endes mit der erwähnten, langsam aufsteigenden Wehmut habe ich diesen vergangenen Winter 2006/07 einige Notizen gemacht und auch ein paar Fotos geschossen. Zwangsweise kommen im Folgenden natürlich eher kritische Erlebnisse und Gefühle zur Sprache, wohl wissend, dass alles Positive leider immer wieder als nor­mal hingenommen und hier viel zu wenig zur Geltung kommt. Ich hoffe aber, dass ich mit den folgenden Beschreibungen die Wohnungsbenützer der letzten Jahre etwas zum Schmunzeln bringen kann, vielleicht auch Freunde und Bekannte, die uns von der Chesa Caflisch erzählen hörten. Falls mir dies gelingen sollte, habe ich mein Ziel erreicht

Das Haus: Der nächste Weg zu Fuss vom Dorf Celerina zu "unserem" Haus führte von der Via da la Staziun durch die kleine Fussgängerunterführung in die Vietta Schlattain, wobei bereits diese Unterführung ein absolutes Juwel ist: Die Seitenwände sind Mauern aus roh beschlagenen Steinen, teils sind sie aber auch verputzt und äusserst originell bemalt. Die Decke besteht aus einigen arg rostigen Doppel-T-Trägern, deren Zwischenräume mit Beton ausgegossen sind; als Passant durchquerte man diese renovationsbedürftige Unterführung mit einigem Unbehagen, besonders wenn oben gerade die Rhätische Bahn darüber fuhr. Vom Dorf her führt ein leicht abfallender Zugang zur Unterführung, während bergseits eine Treppe den Höhenunterschied überwindet. Am Anfang, in der Mitte und am Ende der Unterführung befinden sich Wasserabläufe im Fussboden. So sehr dies im Sommer für die Entwässerung von Vorteil ist, bildet sich jeweils im Winter sofort ein wunderbarer, natürlicher Eiskanal, worauf die Eismeister am Bob- und Skeleton-Run St. Moritz-Celerina echt eifersüchtig werden konnten. Ungesplittet sollte sich kein Fussgänger ohne übergezogene Spikes an den Schuhen da hindurch wagen.

Diese Unterführung darf nicht verwechselt werden mit jener beim Parkplatz der Celeriner Bergbahnen, welche auch für Autos bestimmt ist. Sie ist zwar nicht wesentlich schöner und auch nicht viel höher als die Fussgängerunterführung. Hingegen benutzten sie unsere Jungen Lexi und Philipp auf dem Weg in die Ferien in die Chesa Caflisch, um die auf dem ihrem Autodach befestigten zwei Mountain-Bikes effizient, rasch, und relativ kostenintensiv abzuladen.

Typische Bündnerhäuser empfinde ich als ausserordentlich schön, und zwar nicht nur alte, mittelalterliche, nein, auch viele moderne Häuser sind es. Unsere als Adresse so wohl klingende Chesa Caflisch habe ich immer als eine der hässlicheren Chesa von Celerina beschrieben. Es ist das, was ich bei Häu­sern als Spar­gel bezeichne: Hier stimmen die Propor­tionen einfach nicht. Das Haus ist im Ver­­­hält­nis zur Breite oder zum Grundriss viel zu hoch. Ob­wohl das Haus auf ei­nem grossen, ein­gezäunten Grund­stück von schät­zungsweise 1500 m2 steht, besitzt das Haus eigenar­ti­ger­weise trotzdem keinen eigenen Parkplatz für die Bewohner. Es wäre eigentlich so einfach gewesen, in der Wiese neben dem Haus einen Parkplatz zu bezeichnen und den Gartenzaun etwas zu versetzen. Alle diesbezüglich unternommenen Vorstösse scheiterten jedoch ausnahmslos. Vor allem in der Hochsaison war das Parkieren eine absolute Lotterie. Am Besten liess man das Auto immer stehen, wenn man einmal den praktisch einzigen öffentlichen Parkplatz in der Nähe zwischen dem Entsorgungsschuppen und dem Elektrokasten des EW Celerina ergattert hatte. Fuhr man trotzdem einmal weg, konnte man jeweils Wetten abschliessen, ob der Platz bei der Rückkehr noch oder wieder frei war. Glücklicherweise hatten wir seit einigen Jahren die Bewilligung erhalten, beim ersten Klassenlagerhaus links an der via Chalchera einen der Parkplätze zu benützen. Nicht vergessen werden darf im Zusammenhang mit dem Parken in freier Natur das damit zwangsweise verbundene Schneeschaufeln und Enteisen der Scheiben. Was habe ich in Celerina Eis gekratzt und Schnee geschaufelt! Wenn dann auch noch die Dachlawine vom Entsorgungsschuppen das Auto richtig einbuddelte, brauchte man neben dem Schaufeln keinen anderweitigen Sport mehr. Und wenn man einmal vergass, die Scheibenwischer hochzustellen, waren sie am anderen Morgen sicher angefroren.

Um nochmals auf die diskrete, äussere Schönheit der Chesa Caflisch zurückzukommen: Zur Ehrenrettung muss noch gesagt werden, dass zusammen mit dem benachbarten, behäbigen Haus an der Vietta Schlattain die Chesa Caflisch zu den ältesten Häusern von Celerina nördlich der Bahnlinie gehören, was auf einer alten Foto im Hotel Cresta Palace dokumentiert ist.

Im Keller des Hauses befindet sich ein grosser, heller Raum, der früher Kindergarten der Skischule gewesen sein soll. Deshalb besitzt er einen eigenen Eingang mit Windfang, ist relativ gross und hell, und besitzt ausserdem die beste Toilettenanlage des ganzen Hauses. Dieser Raum diente im Winter als Skiraum. Daneben war er dem Hausbesitzer ein Edel-Abstellraum: Neben Tischen und Stühlen des ehemaligen Kindergartens waren hier nicht gebrauchte Möbel, Matratzen, kaputtes Mobiliar so­wie ein antikes Buffet zu finden. Daneben stand immer ei­ne Ho­belbank herum. Während mir die Hobelbank immer wieder vorzügliche Dienste beim Wachsen der Lang­lauf­skis leistete, bedienten sich unsere Jungen hier jeweils für die Nacht mit Matratzen, wenn sie uns einmal "au grand complet" besuch­ten.

Vor einigen Jahren war der Spannteppich im Treppenhaus an einer Trittkante durchgelaufen, dann an einer Zweiten, einer Dritten. Der Spannteppich war der gleiche wie in der Wohnung und stammte wahrscheinlich noch aus dem Spann­teppich-Boom nach dem 2. Weltkrieg. Wir konnten jeweils fast Wetten abschliessen, ob bei der nächsten An­kunft wieder bei einer Stufe mehr die Tritt-Kante durch­ge­treten war. Innerhalb der Wohnung war der Teppich sehr pflegeleicht, was nicht nur den Mietern sondern auch Frau armen Zanini, die jahrelang für uns die Wohnung in Ordnung hielt, zu Gute kam.

 

Die Wohnung

Das Wohnzimmer:

In den ersten Jahren herrschte ein ewiger Kampf um die Wohnungstemperatur zwischen der exklusiven Mieterin im Erdgeschoss, Frau Paumier, und uns, den Mietern im ersten Stock: Der Innenthermostat befand sich in unserem Wohnzimmer, und wenn Frau Paumier zu kalt hatte, und sie hatte oft zu kalt, und man die eingestellte Temperatur er­höhen musste, dann wurden wir im ersten Stock richtiggehend gesotten. Ich war sehr stolz, als wir endlich durchgesetzt hatten, dass an allen Heizkörpern thermostatische Regulierventile montiert wurden. Da sich in unserer Wohnung die obersten Heizkörper des Hauses befanden, gurgelten diese meistens bei unserer Ankunft und sollten entlüftet werden. Dem konnte aber sehr einfach abgeholfen werden. In meinem kleinen Werkzeugsatz war deshalb schon nach den ersten Aufenthalten ein kleiner Entlüftungsschlüssel für die Heizkörper. Das Schwierigste am Entlüften war jeweils, möglichst bald eine leere Weinflasche zur Hand zu haben, denn damit geht es am Einfachsten. Das konnten wir aber glücklicherweise selbst beeinflussen: Wir wurden geradezu gezwungen, sofort einen Apéro zu veranstalten.

Seit die oben angedeutete, überfällige Sitzgruppe samt Tisch ersetzt wur­de, war im Wohnzimmer eigentlich wenig zu bemängeln, ausser dass ich Pedal vor ein paar Jahren einmal drohte, das bereits oben beschriebene, Uralt-Fern­sehgerät im Format "Mini" eigenhändig durchs geschlossene Fenster auf die Strasse zu werfen. Erst dann durfte ich bei Loepfe-Antennen­bau ein zeitgemässes Modell anschaffen. Die wunderbare, gedrechselte Holz-Ständer­lampe musste ich praktisch jeden zweiten Aufenthalt demontieren, da oft nur noch eine einzige Lampenfassung von dreien funktionierte. Ich habe dadurch die Lampe richtig gerne bekommen. Seit etwa 5 Jahren brachte ich auch mit grösstem Aufwand jene Fassung, die indirekt gegen die Decke leuchtet, leider nie mehr zum Funktionieren. Mit dem Fuss und dem Schaft hätte man sich übrigens sehr gut auf eine Gewichthebe-Meister­schaft vorbereiten können, und der frei aufgelegte, grosse Lampenschirm hing meistens schief im Raum und man tat gut daran, sich einfach möglichst schnell daran zu gewöhnen!

Auch die kleine Lampe auf der Heizung habe ich ei­ni­ge Male reparieren müssen. Daneben brannten bei un­serer Ankunft in der Wohnung meistens ein paar Glüh­­­birnen nicht, und die Sicherungen waren oft auf­gebraucht. Solange Elektro-Weisstanner einen La­den hatte, kaufte ich jeweils dort Ersatz. Jetzt kann man die Glühbirnen gleich mit dem Obst und dem Kaffee kaufen, denn COOP hat ein gutes Angebot an Glüh­birnen.

Um beim Elektrischen zu bleiben, so erinnere ich mich an einen Aufenthalt ganz am Anfang, als ich fest­stellte, dass mir nach einer Reparatur die Si­cher­ung durchbrannte. Ich suchte am riesigen Elektro-Tab­leau im Unterge­schoss nach den Sicherungen der Wohnung im 1. Stock, fand aber nichts. Darauf telefo­nierte ich Elektro­-Weisstanner, der sich aber am Tele­fon nicht an die Wohnung erinnern konnte. Er empfahl mir aber, einmal hinter allen Bildern nach dem Sicherungskasten zu suchen, vor allem im Kor­ridor. Und prompt fand ich ihn hinter einer wunder­bar gestickten Webprobe am Kamin.

Auch anlässlich unseres allerletzten Ferienaufenthal­tes im März 2007 waren im Wohnzimmer zwei Glühbirnen zu ersetzen, wobei, wie meistens, das Lager an Glühbirnen im Kinderzimmer bis auf eine 25 W Birne ausgeschöpft war. Schon wollten wir es bei den kaputten Glühbirnen bewenden lassen, als am zweitletzten Tag abends im Badzimmer die Leuchtröhre oben am Spiegelschrank ihren Dienst aufgab. Eine der sonst vorhandenen Lampen oder Lämpchen, die alle immer noch nur alte, zweipolige Stecker besitzen, konnte man im Badzimmer nicht einstecken, da es dort vorschriftsgemäss nur einen dreipoligen Stecker gab, und in der Wohnung kein zweipoliges Verlängerungskabel vorhanden war. Zum Glück wusste ich von meiner "Hauswartstätigkeit, dass in einem Allerwelts-Behälter im Besenschrank der Küche neben diversen abartigen Gegenständen ein einzelner, moder­ner, dreipoliger Stecker vorhanden war. Das abendliche Wechseln des Steckers an ei­nem Nachttischlämpchen des Kinderzimmers verhinderte romantisches Candlelight-Zäh­neputzen und Toilettenbenützen, sofern es da überhaupt irgendwo eine Kerze gegeben hätte. Am anderen Morgen vor acht Uhr war ich nach telefonischer Anmeldung bereits wieder einmal bei Elektro-Weisstanner, um Ersatz zu besorgen. Rückmontage des Nachttischlämpchensteckers, das Ersetzen der Leuchtröhre im Bad sowie das Auswechseln der nun trotzdem noch gekauften Glühbirnen fand alles noch vor dem Morgenessen statt.

Erwähnenswert sind vielleicht hier noch die Fensterladen, wobei das Folgende für alle Laden an Fenstern und Balkontüren gilt. Die Befestigungseinrichtung der Laden hat scheinbar unter Wind und Wetter, Hitze und Frost derart gelitten, dass es überall 5 bis 10 Millimeter Spiel gab. Sobald der Ma­lojawind, der Nordföhn oder irgend sonst ein kräftiger Wind blies, begannen sämtliche Fen­sterladen inklusive der Laden bei den Balkontüren derart zu "chlefelen", dass es mit der Ruhe vorbei war. An Schlaf oder konzentriertes Lesen war so jeweils nicht mehr zu denken. Was habe ich Zeitungen zwischen die Haltevorrichtung und die Laden geklemmt und Wäsche­klammern zerstört, um mit den keilförmigen Teilen die La­den festzuklemmen. Alles um­sonst; bei der nächsten An­kunft begann der Kampf je­weils von neuem!

Küche

Die Wohnküche mit dem grossen Tisch und der Eckbank war für die Ferienwohnung eigentlich sehr praktisch. Die Eckbank hatte glückli­cher­weise unter dem Sitz sehr viel Platz, um Häss­liches zu verstauen, das viele Mie­ter gut mei­nend hier zu­rückliessen, oder böser gesagt hier "entsorgten". Es scheint ein Bedürfnis von vielen Ferien­wohnungsmie­tern zu sein, mit irgendwelchen skur­rilen Gegenständen eine persönliche Spur zu hinterlassen.

Wahr­schein­lich wurde einmal ein neuer Küchenboden auf­ge­dop­pelt, sodass die Höhe der Küchenkombination mit Aus­guss, Abtropfbrett und Arbeitsfläche arbeitsphy­sio­lo­gisch zu niedrig geworden war, was das Arbeiten daran (ohne Ge­­schirrwaschmaschine) sehr mühsam machte. Das Spiel zwischen Fussboden und dem Türchen für den Kehrichtkübel unter dem Ausguss war damit so knapp ge­worden, dass man sich hier recht gut die Zehen ein­klem­men, bei zu energischem Öffnen durchaus auch ernsthaft verletzen konnte.

Der Dunst-Abzug über den drei alten Platten des Kochherds tönte wie ein ausrangierter Rasenmäher, nur saugte er leider et­was weniger. Der Kochherd war eher ein älteres Modell mit drei Platten. Seit eine davon vor ca.3 Jahren ersetzt worden war, konnte man sogar wieder etwas aufwärmen, ohne so­­fort ein Buch dazu lesen zu müssen.

Der fast antike Backofen hingegen wäre eine Supergele­gen­heit für einen Werbespot von Zug mit Martina Hingis gewesen: Man konnte zwar an einem Drehknopf die Tem­peratur einstellen; ob diese Temperatur dann im Ofen aber auch herrschte, konnte man nicht feststellen, denn es gab keinen Thermostaten. Da überdies die Türe nicht mehr richtig schloss und bei der Backofenbenützung die ganze Küchenkombination samt Herdplatten und Chrom­stahlabdeckung bis zum Kühlschrank richtig schön warm wurde, konnte man damit, wie mit einem Kachelofen, auch sehr gut heizen. Auf alle Fälle stellte bei der Back­ofenbenützung das Re­gu­lier­ventil am Heizkörper die Heizung der Küche sofort ab!

Da es keine Küchentüre gab, haben wir jeweils bei stärkeren Geschmacks­em­is­sionen die wunderbaren, schwe­ren und rustikalen Türvorhänge am Türrah­men gezogen, am Besten gleichzeitig auch jene am Türrahmen des Wohnzimmers, da auch dort eine Türe fehlte. Die­se dop­pelte Vorhangschleuse wirkte nicht nur gegen Küchenge­ruch in der Wohnung, sondern gleichzeitig auch noch hervorragend als Lärm­schutz gegen den Dunstabzug.

Die ehemalige Türe von der Küche direkt ins Wohnzimmer wurde mit einer Holzwand geschlossen und davor im Türrahmen ein Küchengestell für besonders aparte Einzelstücke der Wohnung ein­gerichtet, wobei zusätzlich die Tablarvorderkanten mit rustikal gestick­ten Bordüren verkleidet waren, was noch etwas mehr Leben ins Gestell brachte.

Nicht vergessen werden darf in dieser Beschreibung die zuoberst auf diesem Gestell zwischen zwei undefinier­ba­ren, farbigen Glastellern thro­nende, wunderbare, batterie­betriebene Küchenuhr, für die sich unsere Enkel je­weils so begeistern konn­ten: Das Zif­ferblatt war ei­gentlich ein neo-antiker De­­­korationsteller, wie sie oft an Wände gehängt wer­­den. Auf der Hinterseite war das Uhrwerk angebracht, und in der Tellermitte befand sich ein Loch, durch welches der Schaft mit den daran be­festigten Zeigern nach vorn führte. Falls der Dunstabzug nicht ge­rade in Betrieb war, konnte man sogar ein leises, verspieltes Ticken hören.

Fenster und Vorfenster in der Küche waren im Winter meistens beschlagen, da sie nicht mehr richtig schlossen, sehr oft so­gar mit schönen Eisblumen ver­ziert. Der Raum zwischen Fenster und Vorfenster war eine sehr angenehme und willkommene Vergrösserung des winzigen Kühlschrankes. Manchmal konnte man ihn sogar als Tiefkühlfach benutzen!

Elternschlafzimmer

Das Elternschlafzimmer war von den Proportio­nen und von der Einrichtung her das schönste Zimmer der Wohnung. Die Möblierung war aus Arvenholz. Der grosse Schrank, das Kombi­mö­bel (Büchergestell/Kommode), Bett und Nacht­­tischchen bildeten eine echte Einheit. Ur­sprüng­lich waren auch zwei schöne, geschnitzte Stühle dazu passend. Vor etwa zwei Jahren ent­deckten wir bei unserer Ankunft einen der Stühle als zer- brochene Ruine im Un­ter­ge­schoss, und im Schlafzimmer stand an seiner Stelle ein ge­wöhnlicher, mo­derner Stuhl. Mir kam au­gen­blicklich der alte Witz von den antiken Stühlen in den Sinn: In einer Ausstellung standen drei wun­der­bare antike Stühle so­wie ein hässlicher, moderner Hocker. Je­mand frag­te nach dem Stil der Stühle. Die Antwort war: Dieser ist Louis XIV, die­ser Louis XVI, jener Louis XV, und der da … Louis Arm­strong.

Das eine Bett war durchaus in Ordnung und normal be­schlaf­bar. Die zweite Matratzenkombination war aber von Anbeginn weg eine Zumutung: Man versank darin wie im tiefen Schnee. Vom wunderbaren, offenen Gestell hinter der Kin­derzimmertüre hatte ich deshalb schon in den ersten Jahren Holztablare entwendet, bezw. entfremdet, um damit besagtem Bett die Matratze  aufzubessern.

Im Schlafzimmer befand sich auch das Telefon, samt Kästchen für die An­zeige der Telfontaxen. Der Telefonapparat war ein Tisch­­mo­dell mit Wählscheibe und datierte wahrscheinlich aus der ersten Häl­fte des letzten Jahrhunderts. Es läutete so diskret, wie es sich für ein Schlaf­zim­mer ge­ziemt. Falls man sich aber im Wohnzimmer auf­hielt und die Schlafzimmertüre zuhatte, hörte man es mei­stens nicht läuten. Ich hatte deshalb vor einigen Jahren parallel zum be­stehenden Apparat durch Elektro-Weiss­tan­ner (Man sieht, ich war durchaus ein guter Kunde von Weiss­tanner!) Tele­fon­steck­do­sen mon­tieren lassen. Seither nahmen wir immer von Zuhause ein mo­dernes Gerät mit Speicher und Repeat-Funk­tion mit; und zudem konnte ich so das Notebook anschliessen, zwar nur analog, aber immerhin. Das Gute daran war, dass man nach den Ferien immer wieder das ADSL von Zuhause viel mehr schätzte, wenn es plötzlich im Internet wieder so rasant ging und man sich nicht mehr in Geduld üben musste.

Weiter zu erwähnen im Schlafzimmer ist die elektrische Installation. Im ganzen Schlafzimmer befand sich nur eine einzige Steckdose, und die war sinnigerweise beim Ausgang auf den Balkon angebracht. Je nach Anzahl Anschlüssen waren mehrere Doppelstecker und Verlängerungskabel notwendig. Dadurch musste man für die Nachttischlampen, Leselam­pen, Computer oder sonstige elektrische Geräte wie Wecker, Telefonadapter usw. Kabelstränge wie in einem Industriebetrieb durch die Gegend legen. Neckischerweise gab es in der Wohnung Doppel- und Dreifachstecker mit und ohne Erdung, also Dreiloch und Zweiloch. Man konnte dann einfach hoffen, dass die anzuschliessenden Appa­rate mit den Steckern übereinstimmten; sonst begann jeweils ein Zufalls-Puzzle!

Dann darf die exklusive Schlafzimmer-Deckenleuchte nicht uner­wähnt bleiben: Sie passte eigentlich zum schönen Arvenholz-Mobiliar wie eine Faust aufs Auge, am ehesten noch zum oben erwähnten Louis Armstrong-Stuhl. An einer wun­derbaren Holzimitationskette aus Plastik hängt ein hölzerner Teller, wahrscheinlich Mahagoni oder Ähnliches. Darunter ist an einem hochglanzpolierten Messingring eine wunderbare, senkrecht durchbrochene Rauchglasschale an­ge­bracht, in wel­cher sich die Glühbirne befindet. Ein weiterer Kommentar erüb­rigt sich; das Bild spricht für sich.

Kinderzimmer:

Im Kinderzimmer ist vor allem die Kleinheit des Raumes zu erwähnen: Ich schätzte 3 ½ auf 2 m. Auf der Längsseite ste­hen das Kajütenbett und der Schrank. Das Kajütenbett besass pro Bett immerhin ein Ab­stelltablar an der Kopfseite mit je einem Nachttisch­lämp­chen. Als ich sah, was unsere Enkel mit diesen Lämpchen alles anstellten, war ich nicht mehr erstaunt, dass ich diese ebenfalls mehrfach habe aus­ein­ander nehmen und neu mon­tieren, einmal auch einen der Druck­knopf­schalter er­set­zen müssen.

Der Schrank war leider nur zu ei­nem ganz klei­nen Teil benutzbar, da darin die Bett-, Frot­tier- und Küchenwäsche der Wohnung gelagert wird. Zum Glück war aber dieser Schrank nicht allzu hoch, sodass man gewisse Dinge noch auf den Schrank legen konnte. Neben dem Kajütenbett konnte man gerade noch eine Matratze auf den Boden legen; dann war das Zimmer definitiv im wahr­­sten Sinn des Wortes belegt. Nur noch vor dem Schrank konnten Kleider auf dem Boden (!) deponiert werden.

Hinter der Türe befand sich ein offenes Gestell aus rohen Tannenbrettern, das diskret mit einem Vorhang "geschlos­sen" werden konnte. Durch den bereits oben erwähnten, zweckentfremdeten Gebrauch von zwei Holztablaren zur Anreicherung der Bettqualität im Eltern­schlafzimmer war die Platzka­pa­zität des Gestells sowieso beschränkt. In Tat und Wahrheit war es eine Kreuzung zwischen Büchergestell und Besen­schrank. Es wurde deshalb auch als permanenter Standort für den Staubsauger der Wohnung, den Posti-Korb und als Reservelager für Glühbirnen gebraucht.

Zum Schluss kommen wir jetzt aber zum eigentlichen Juwel der Wohnung, dem

Badezimmer

als eigentliche Erlebniswelt. Vorerst soll einmal die Materialwahl und die Farbgebung be­schrieben werden: An den Wän­­­den hatte es bis auf eine ge­wisse Höhe Plättli. Diese er­in­nerten stark an Baslerleckerli, nur grün statt braun, und oben an den Plättli hatte es weissen Putz. Die Douche hatte, wie oben bereits er­wähnt, glück­licherweise keinen Power, sonst wäre rund um die Bade­wan­ne die Wand oben an den Plättli je­weils nass und damit auch grau geworden. Absolut überzeu­gend war die Abstimmung des Heiz­­kör­per-Grün auf das Plätt­li-Grün: Mit den infolge Abblätterns der Far­be teils schwarzen Flecken und den teils mit ei­nem drit­ten Grün übermalten übrigen schad­haften Stellen des Heizkörper be­steht auch hier für die Augen des Be­trachters grosse Gefahr für eine Netzhautablösung.

Ein Höhepunkt der Bade­zimmerausstattung war der Bo­den­be­lag: Es war der mit grossem Ab­stand hässlichste Kunst­stoffplat­ten-Bodenbelag, den ich in mei­nem Leben je gesehen ha­be. Es handelte sich um von Far­be und Form her eher surreale, quadra­tische Platten von ca. 20 cm Sei­ten­länge, streng ge­ometrisch in kleine, zwar gleichgrosse, dafür aber verschiedenfarbige Rhomben unterteilt. Farblich erinnerten die Rhomben wieder stark an Basler Le­ckerli, allerdings das ganze Farbspektrum von cremigem Weiss bis zu drec­kigem Dun­kelbraun ausschöpfend. Aber, und das muss zur Ehren­rettung auch gesagt sein, für eine Ferien­woh­nung ist dieser Bade­zim­merboden unheimlich gut geeignet, denn nach in­ten­sivster Woh­nungs­benützung, auch in Über­belegung, war darauf nach 2 ½ Wochen noch kein Stäubchen zu sehen, es sei denn, die tiefstehende Januarsonne konn­te zufälligerweise durch die offenen Balkon- und Zimmertüren von Eltern­schlafzimmer und Bad ihr morgendliches Streiflicht bis auf den Badzimmerboden werfen.

Nicht zu übersehen war neben dem markanten Douchevor­hang eine eher seltene Art von Badezimmergestell in Form eines Metallkorbes an der Wand. Oben besass der Korb eine Art Auflage, während der untere, der eigentliche Korbteil mit einem im Alter stark ausgeweiteten textilen Um­hang versehen war, dessen Funktion für uns immer undefinierbar blieb. Was der ursprüngliche Verwendungszweck dieses für uns einmaligen Einrichtungsgegenstandes mit und ohne textilen Umhang einmal war, haben wir nie herausgefunden. Uns diente er jedenfalls als Stand­­ort oben für Feuchttüchlein und unten als Behälter für den wunderbaren, roten Haarföhn, dessen Lärmpegel die Blaswirkung aber wesentlich übertraf, in einer Art Analogie zum Dunstabzug in der Küche, wo der Lärm auch viel höher war als die Saugwirkung.

Ein weiteres Bijou im Bad war der an einer teleskopisch ausziehbaren Scherenbefestigung angebrachte Rasier- oder Frisierspiegel hinter der Türe. Wir haben ihn zwar nie gebraucht, für die Enkel jedoch war er ein bevorzugtes Wohnungsobjekt. Vor allem liebten sie das Geräusch, wenn man den Spiegel jeweils sehr rasch herauszog!

Neben dem Spiegel an der Wand montiert waren einer­seits ein apart rauchfarben getöntes Kunststoffgestell mit Glastablar sowie eine doppelte Badetuchstange aus dem gleichen Kunststoffmaterial. Wieso diese "Stangen" als ziemlich scharf- und vierkantige Lineale ausgebildet waren, wird für immer ein Geheimnis des Designers bleiben. Tatsache ist aber, dass man die einmal dort hängenden Badetücher nur noch sehr äusserst beschwerlich bewegen konnte.

Als absolute Krönung der Wohnungseinrichtung empfanden wir aber von allem Anfang an die WC-Rollen-Hal­­terung, die ebenfalls noch zu oben der beschrieben-en, äusserst seltenen Bade­zimmer-Gar­nitur in rauchfarbenen Kunst­stoff gehörte. Wie auf dem Bild ersichtlich, besteht die Halterung aus den zwei an der Wand befestigten winkelförmigen Kunststoffteilen sowie aus den zwei sehr sophisticated konstruierten, mobilen Me­tallzylindern, welche in die vorkragenden Flansche der Halterung eingelassen sind. Die Zylinder sind mit je einer wi­derhacken-ähnlich funktionierenden Klappeinrichtung versehen.

Für das Einlegen einer neuen Rolle war ich über meine Ausbildung zum Maschinen-ingenieur sehr glücklich, denn ohne höhere, technische Ausbildung oder eine mini-male Unterweisung am Gerät konnten meines Erachtens nur handwerklich ausser-ordentlich geschickte Wohnungsmieter eine WC-Rolle wechseln. Man musste näm-lich nach dem Entfernen der alten Kartonhülse zuerst den einen, am Besten den rechten, mobilen Metallzylinder aus der Halterungs-Nut des Flansches ziehen, die neue WC-Rolle über den noch fixen, linken Metallzylinder stülpen, um dann, die WC-Rolle mit der linken Hand schräg an den linken Flansch drückend, mit der rechten Hand den rechten Metallzylinder leicht in die Kartonhülse der neuen WC-Rolle einzuführen und mit einer eleganten Dreh-/Stossbewe­gung den rechten Metallzylinder mit der daran hängenden WC-Rolle in seine Ausgangs-position im rechten Flansch zu hieven. Wofür die widerhacken-ähnlich funktionierenden Klapp-einrichtungen an den beiden, mobilen Metallzylindern dienen sollten, habe ich trotz meinem relativ hohen, technischen Ausbildungsgrad während den 15 Jahren und 35 Aufenthalten in der Wohnung im Caflisch weder je herausfinden, noch begreifen können.

Ebenfalls ein Geheimnis des Designers wird in alle Ewigkeit bleiben, wieso die Breite der Halterung annäherungsweise dem anderthalbfachen der Länge einer in unseren Breitengraden üblichen WC-Rolle entsprach. Ich fragte mich, ob diese Halterung ursprünglich eventuell für Russland konzipiert oder aus Russland stam-mend gewesen sein könnte, denn die übergrosse Schienenbreite der russischen Staatsbahnen ist auch klar grösser als die Schienenbreite der Eisenbahnen sonst überall auf der Welt. Sobald ca. 1/3 einer neuen Rolle verbraucht war, drohte diese zwangsläufig aus der Halterung zu gleiten und zu Boden zu fallen, sofern man nicht hochkonzentriert vorging und, stets darauf bedacht, den WC-Rollen-Absturz zu verhindern, Blatt um Blatt sorgfältig von der Rolle gezogen wurde. Das machte in dieser Wohnung im Caflisch diese menschliche Verrichtung richtig spannend und zu einem Erlebnis.

 

Damit wäre ich am Schluss meiner Erinnerungen. Wir werden in den kommenden Jahren wahrscheinlich das Caflisch nur noch von Aussen bewundern können, haben wir doch gleich nebenan einen Ersatz für unsere Januar Aufenthalte gefunden. Wir wären aber nicht erstaunt, wenn demnächst bei der Chesa Caflisch die Bagger auffahren und das Haus abbrechen würden (was dann auch tatsächlich ca. 2 Jahre später geschah!).

 

Wir hatten trotzdem alles in Allem viele herrliche, glückliche Stunden im Caflisch!

Zollikon, im März 2007, GA

 

Vorkommende Personen:

Krapf:    Hansueli Fröhlich, Antiquitätenhändler a.D., St. Gallen

Ingrid:    Lebensgefährtin von Krapf

Pedal:    Kurt Stump, pens. Professor der Kantonsschule St. Gallen, Teufen AR

Elsbeth: Gemahlin von Pedal 

Veto:      Hans Ruedi Gadient, Privatier, Zollikon ZH, der Schreibende

Fischli:   Gemahlin von Veto (geb. Karpf!)

Andrea Heinzelmann: Tochter von Fischli und Veto

Alexa und Philipp Bosshard Tochter und Schwiegersohn von Fischli und Veto

 

 

Nachtrag vom Januar 2011: Die Chesa Caflisch steht immer noch, obwohl inzwischen ausser dem Klassenlager – Haus an der Via Chalchera 9 rund herum alles abgerissen und neu aufgebaut wurde. Preziosen leben scheinbar länger!

 

Nachtrag vom Januar 2012: Die Chesa Caflisch ist abgebrochen. Auf der grossen Landparzelle stehen jetzt zwei riesige Renditeobjekte, und die auf Seite 3 unten beschriebene Unterführung hat ihre Hässlichkeit verloren und ist jetzt ganz neu gestaltet worden, ohne jedes Eis und mit Gummi-Teppich und Handläufen!

SULZER AG Winterthur 03.01.1959-31.03.1960
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9.1.  Beruf 1: SULZER und SWISSAIR – SULZER AG Winterthur 03.01.1959-31.03.1960.

Meine erste Stelle bei Sulzer war in der Forschungsstelle der Dampfkesselabteilung, deren oberster Chef der spätere ETH-Professor Profos und die im damals neuen SULZER Hauptgebäude in Winterthur untergebracht war (Das Hochhaus gab es noch nicht!). Ich wohnte wieder bei meinen Eltern in St. Gallen und pendelte per SBB hin und her. Die mir zugewiesene Arbeit war m. E. mässig interessant. Als erste Haupt-aufgabe musste ich dauernd Artikel redigieren, in welchem Errungenschaften unserer Forschungsstelle im Vereinsblatt des Dampfkesselvereins publiziert wurden, die nicht zu einem Patent reichten, aber dennoch durch eine Publikation geschützt werden sollten. Und mein Bürochef, Dr. Brunner, liess sie mich immer wieder korrigieren und immer wieder kürzen, da wir die Publikation per Zeile bezahlen mussten. Dabei lernte ich zwar knapp gefasste Berichte zu schreiben, sonst aber recht wenig. Als ich im Sommer 1959 zum Abverdienen des Leutnantsgrades ins Militär einrücken konnte, war dies eine echt tolle Abwechslung. Zurück vom Abverdienen durfte ich dann aber neben diesen weiterhin zu redigierenden, unseligen Zeitungsartikeln sehr selbständig eine „Einrichtung für die Rauchgasanalyse in grossen Einrohr-Dampfkesseln“ für Kraftwerke entwickeln. Diese Kessel wurden mit Kohlestaub beheizt. Diese Arbeit sagte mir viel besser zu, und ich denke, dass ich sie nur bekam, weil Dr. Brunner merkte, dass ich auf dem Absprung war. Es war die einzige interessante Aufgabe bei SULZER. Ich kam hier aber klar zur Überzeugung, dass ich nicht der Forscher-Typ war, da mir praktische Dinge wesentlich näher lagen!

Ich hatte während dem Leutnant-Abverdienen die beiden Flugkapitäne Ernst Hürzeler und Walter Meierhofer kennen gelernt, welche in unserer Verlegung im Wallis bei uns den Flugsicherungsoffizier abverdienen mussten. Vor allem Hürzeler wollte immer wieder mich und meinen Freund Ikarus, ebenfalls ETH-Ingenieur, davon überzeugen, zur SWISSAIR zu kommen, da die schnell waachsende Firma dringend gut aus-gebildete Ingenieure bräuchte. Schon relativ kurz nach dem Abverdienen nahm ich mit der SWISSAIR Personalabteilung Kontakt auf und entschloss mich dann für einen Stellenwechsel. Ich kündigte per 31.03 1960, so dass das Gastspiel bei SULZER, unter Berücksichtigung der 4 Monate Militärdienst, nicht einmal ein volles Jahr dauerte.

Wenn ich jeweils Ernst Hürzeler anrief, kam zuerst immer eine sehr sympathische Sekretärin namens Fräulein Fischli, welche mich dann weiterverband oder mir sagte, wann Hü wieder aus dem Ausland zurück war.

SWISSAIR Ing. Abteilung Kloten 01.04.1960 - 31.12.1961
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9.2.  Beruf 1: SULZER und SWISSAIR – SWISSAIR Ing. Abteilung Kloten 01.04.1960 - 31.12.1961.

Am 1.April 1960 war es dann soweit: Ich zügelte meinen Wohnsitz wieder zu Selin und Fritz nach Erlenbach, um von dort aus nach Kloten arbeiten zu gehen. Dazu kaufte ich mir mein erstes Auto, einen Fiat 1100! Ich begann bei der Swissair als sogenannter Betriebsaspirant in der Ingenieurabteilung des Departement IV, Technik. Als erster Station meiner geplanten, fast zweijährigen Rotation wurde ich im Triebwerk-Engineering eingesetzt, was mir sehr behagte, denn ich liebte ja Motoren über alles. Die Expansion der Swissair war zu jener Zeit derart rasant, dass viele Büros des Flugplatzes Kloten in alten Militärbaracken hinter den Hangars untergebracht werden mussten. Hier wurde mir als Projektleiter schon bald eine Spezialaufgabe anvertraut: Ich sollte versuchen, die Operation der DC-7 zu verbessern, die mit ihren hochgezüchteten, mit Turboladern versehenen Pratt & Wittney Motoren (gleiche Motoren wie bei der Super Constellation!) grosse Schwierigkeiten hatten. Vor allem auf der Südamerikaroute mit den relativ hohen Aussentemperaturen musste viel zu oft einer der Motoren, „gesegelt“ und dreimotorig weitergeflogen werden. Man sprach damals von der DC-7 und der Super-Constel­lation oft etwas geringschätzig von den „besten dreimotorigen Flugzeugen“! Mit einem ausgeklügelten Konzept, um die zu Defekten tendierenden Zylinder möglichst frühzeitig zu erkennen, ging ich die anspruchsvolle Aufgabe an. Unter anderem hatten die Flight-En­gi­neers auf den Langstreckenflügen periodisch bei allen 4 Motoren eine ganze Reihe von Instrumentenablesungen durchzuführen, die dann zu einer Zylinder- bzw. Motorengeschichte zusammengefügt werden konnten. Auch im Flugbetrieb, der damals von Herrn Arnold Schilling geführt wurde, mussten dafür zusätzlich verschiedene Kontrollen durchgeführt werden. Und Mehrarbeit liebt niemand, vor allem dann nicht, wenn jemand von deren Nutzen nicht überzeugt ist.

Bevor ich aber auch nur einen ersten Erfolg mit dem Projekt vorweisen konnte, ereignete sich (nach dem Fluglehrerzwischenfall im Militär, der mich die Piloten-laufbahn gekostet hatte!) ein weiterer Vorfall, der wiederum mein zukünftiges Leben nachhaltig prägen sollte. Ich war mir meiner Sache mit dem Konzept recht sicher und hatte den Bordmechanikern und dem Bodenpersonal dazu meine notwendigen Anweisungen erteilt. Dies wurde erstens wie eine militärische Befehlsausgabe aufgefasst, und zweitens von jemandem, der nach alter Schule hierarchisch gar nicht zuständig war. Die Ingenieurabteilung war eine Stabs-abteilung und Projektmanagement war damals noch ziemlich unbekannt! Als ich nach dieser scheinbaren Befehls­ausgabe in einem Grossraumbüro im alten Hangar mit jemandem noch ein Detail besprach, musste ich nebenan hinter einer Wand mit Ordnergestellen life zuhören, wie der Flugdienstleiter Herr Arnold Schilling über mich lospolterte: Da komme doch so ein hergelaufener, kleiner Ingenieur, frisch von der Hochschule, und wolle ihm, dem „Cholben-Noldi“, der schliesslich schon dem Flugpionier Oskar Bieder den Schwirbel angeworfen habe, sagen, was er zu tun und lassen habe. So weit werde es aber nicht kommen, er werde dies schon zu verhüten wissen. Er verwünschte mich ins Pfefferland, und mit ein paar Flüchen und Kraftausdrücken verliess Schilling das Grossraumbüro.
 
Wieder einmal hatte ich mich psychologisch scheinbar höchst ungeschickt verhalten: Ich war von der Sache her wahrscheinlich richtig, vom Menschlichen her aber sicher falsch vorgegangen. Wenn ich Schilling nicht für mein Projekt gewinnen und überzeugen konnte, würde er es sicher zu Fall bringen. Mit meinem Schwager Fritz Klein besprach ich abends den Vorfall. Er riet mir folgendes Rezept:

"Wenn Du mit Mitarbeitern ein Ziel erreichen willst, dann musst Du diesen Deine Idee so verkaufen, dass diese am Schluss der Ansicht sind, es sei ihre eigene Idee. Dann werden sie alles daran setzen, diese Idee zu realisieren, um Erfolg zu haben. Wenn sich dann Erfolg einstellt, ist das scheinbar ihr Erfolg. Du musst darauf vertrauen, dass Deine vorgesetzte Stelle aber schon erkennt, wer eigentlich der Vater des Erfolgs ist".

Dieses Rezept befolgte ich dann, und siehe da, es führte wirklich zum Erfolg: ich hatte mir viel Zeit genommen, um Cholben-Noldi von der Idee zu überzeugen, was gelang. Er war mir später immer sehr wohl gesinnt und SWISSAIR erreichte im internationalen Vergleich die beste DC-7 Operation aller Luftverkehrsgesellschaften weltweit! Man kam zu uns um zu sehen warum! Ich zusammen mit vielen anderen waren mächtig stolz darauf.

Inzwischen war aber auch bei der SWISSAIR das Strahlantriebs-Zeitalter angebrochen und es  wurden die ersten strahlgetriebenen Flugzeuge in Dienst gestellt: Caravelle (mit den gleichen Triebwerken wie der Hunter im Militär!), Convair Coronado und DC-8. Dies kam mir sehr entgegen, hatte ich doch bei Prof. Traupel auf thermischen Turbomaschinen abgeschlossen. Im Einvernehmen mit meinen Chefs, den Herren Schurter und Benetta, brach ich den Betriebs-Aspi­ranten Parcours ab und wurde per 1.1.1961 zum interimistischen, per 1.7.1961 zum definitiven Leiter der Dienststelle "Triebwek-Maintenance" und Stellvertreter des Sektionschefs "Triebwerk Engineering" ernannt. Infolge einer Krankheit meines Chefs durfte ich dann während mehreren Monaten in Stellvertretung die Funktion des Sektions-Chef "Triebwerk Engineering" ausüben.
 
In dieser Funktion wurde ich einmal mitten in der Nacht nach Kloten gerufen, weil ein Convair Coronado mit einer Triebwerkstörung in Bangkok hängen geblieben war. Ich musste einen einsamen Entscheid fällen, was zu tun sei. Die Abwicklung dieses Falles machte mir voll bewusst, dass bei der schnellen Expansion der SWISSAIR viele, absolut unfähige Leute nach oben gespült worden waren, die jetzt nur ihre erreichte Position verteidigten und jeden mit allen Mitteln bekämpften, der ihrem Posten eventuell gefährlich werden konnte. Infolge meiner Anweisung, die Passagiere umzubuchen und die Maschine dreimotorig, ohne Passagiere, zum Triebwerkwechsel nach Tokio weiter zu fliegen, da dort ein Ersatztriebwerk stationiert war, hörte ich anderntags, dass eine Untersuchung gegen mich eingeleitet worden war, und zwar ohne dass auch nur jemand mit mir gesprochen hatte. Ich wurde an einer zufällig an diesem Tag stattfindenden halbjährlichen Kaderorientierung für einen Fehlentscheid sogar öffentlich vorverurteilt. Die Untersuchung brachte dann zwar zutage, dass die Entscheidung richtig, weil vor allem kostengünstig gewesen war. Als ich den Departementschef Franz Roth dann fragte, ob er jetzt dem Kader auch mitteile, dass ich nicht so ein Däpp wäre, wie er mich öffentlich gebrandmarkt hatte, meinte er, das könne er doch nicht. Ich war derart beleidigt und wütend, dass ich mich im Gespräch entschloss, sofort zu kündigen und eine neue Stelle zu suchen. Schade, die Aufgabe hatte mich voll erfüllt, aber ich blieb dabei, auch wenn die Herren Schurter und Benetta versuchten, mich mit allen Mitteln zu halten
 
Aufgrund eines NZZ-Inserates fand ich eine neue Stelle auf den 1.1.1962: Es wurde ein Ingenieur gesucht, der für die Planung eines Neubaus auf der grünen Wiese für  einen Industriebetrieb mit Fabrikation, Lager und Administration federführend sein sollte. Bei Eignung sollte der Bewerber nachher im Unternehmen eine leitende Stellung einnehmen. Mein Freund Oskar Blöchlinger als Betriebs-ingenieur überzeugte mich vollends, die Stelle anzunehmen und versorgte mich mit Fachliteratur. Er war der Planer bei Dätwyler Altdorf und schwärmte mir von dieser Aufgabe. D. h., er müsse nur immer um- oder anbauen, und ich könnte hier von Null aus auf der grünen Wiese bauen!
Ich war ursprünglich überzeugt, dass es sich um eine Maschinenfabrik handelte. Die Enttäuschung war deshalb zuerst gross, als es eine Schuhfabrik war, und dann noch in der March und im Kanton Schwyz. Neben der Aufgabe beeindruckte mich (und inzwischen auch Fischli!) vor allem die Persönlichkeit des Direktions-präsidenten und späteren Besitzers der Unternehmung, Dr. André Kurz. Ich sagte schliesslich zu, obwohl ich dachte, dass dies nur für die beschränkte Zeit von 2-3 Jahren wäre, bis der Neubaus bezogen werden konnte. Noch war mir damals nicht bewusst, dass ich bis zur Pensionierung in der Schuhbranche bleiben würde.
 
Also packte ich meine Sachen vor Weihnachten 1961 bei der SWISSAIR zusammen und bereitete mich auf die Arbeit in einer Schuhfabrik vor.
Planung und Realisierung eines Fabrikneubaus
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10.1.  Beruf 2: GROWELA Gruppe, 1962 - 1977 – Planung und Realisierung eines Fabrikneubaus.

So nahm ich also am 2. Januar 1962 bei der Growela Schuh AG in 8853 Lachen SZ meine Arbeit auf. Es handelte sich um eine kleinere Schuhfabrik, die selbst ca. 800 Paar pro Tag Herren- Damen- und Kinderschuhe (ab Grösse 27) fabrizierte, daneben aber noch Alleinvertreter in der Schweiz für die frühere Bata, jetzt EXICO, die heute staatliche, tschechoslowakische Schuhindustrie war und für ca. 30 kleinere und grössere italienische Schuhfabriken den Verkauf in der Schweiz und teilweise auch in Deutschland sicherstellte. Das Unternehmen, noch in einer alten Hausschuhfabrik mitten im Dorf untergebracht, platzte aus allen Nähten. Aus diesem Grunde sollte neben neuen, später auch erweiterbarer Räumlichkeiten für die Fabrikation auch ein grosses, ebenfalls erweiterbares Lager sowie die dazu notwendige Administration geplant werden.

Bei meiner Ankunft wurde mir im Musterzimmer unter dem Dach ein Arbeitsplatz eingerichtet. Wenn aber Kunden kamen, musste ich ausziehen. In meiner Planungstätigkeit für die neue Fabrik begann ich sofort mit der ist-Aufnahme, d.h. die notwendigen Daten für die heutigen Aktivitäten aufzunehmen und die Zukunftspläne zu erfragen. Dazu durfte ich auf einer Terasse des Hauses ein Büro für mich anbauen. Dr. Kurz meinte, ich müsse unbedingt gewisse Bauerfahrungen sammeln. Deshalb übergab er mir auch die Verantwortung für den Bau eines Wochenendhauses auf einem im Bau­recht am See erworbenen Grundstücks, in welchem man künftig Kunden betreuen wollte. Die Skizzen für das Haus am See stammten von einem Architekten Bösiger aus Zürich, einem Corbusier-Schüler, der gerade für Dr. Kurz auf der Richttanne in Grüningen ein Haus baute. Das war eine mir sehr liebe Abwechslung zur eher langweiligen Aufnahme von Abläufen und Daten im Betrieb. Nach der Vollendung des Hauses am See durften es die oberen Kader der Firma an Wochenenden und in den Ferien mit ihren Familien auch benützen. Es war sehr einfach eingerichtet: Kein Strom, kein Telefon, aber ein Gaskühlschrank und eine einzige grosse Gaslampe im Wohnraum. Trinkwasser musste man in Kanistern anschleppen und das Wasser für die Lavabos und Toilette mühsam von Hand in einen 200 Liter fassenden Tank im Dach des Hauses pumpen. Nachdem wir uns damals mit dem Kauf unseres Einfamilienhauses und dem späteren Umbau etwas gar viel zugemutet hatten, waren wir jahrelang sehr froh, dass wir jeweils Wochenenden und unsere Sommerferien in diesem Häuschen am See verbringen durften. Dieses Badhüsli hat einen einzigen grossen Raum mit einer relativ bescheidenen Küchen­einrichtung, einem Cheminée und nach Süden und zum See hin auf zwei Seiten grosse Glas-Türen, die man bei schönem Wetter ganz öffnen kann, so dass man wirklich fast im Freien lebt. Dazu kommen WC, Dusche und zwei ganz kleine Schlafzimmerchen, behelfsmässig für ein paar Nächte aber ausreichend gross. Unsere Mädchen lernten im Badhüsli schwim­men und segeln. Sie hatten dort auch ihre ersten Ferienfreundschaften!

Nachdem für die künftige Fabrik die Ziele und der optimale Materialfluss erarbeitet war, begann die Zusammenarbeit mit Architekt und Bauingenieur. Der Architekt war durch einen Freund des damaligen Besitzers André Weill gegeben: Es war das Büro Marcus Diener in Basel, später dann Diener und Diener. Als Bauingenieur arbeitete Fredy Marty in Lachen für uns. Daneben begann ich, als Schuhneuling absolut unkonventionelle Betriebseinrichtungen zu entwerfen, und ich durfte mit aller Narrenfreiheit des jungen Ingenieurs Versuche anstellen, musste aber auch den Betriebsleiter von neuen Transportsystemen und den Lagerchef von ebenfalls in der Schuhbranche neuen Rollgestellanlagen überzeugen. Dabei versuchte ich, meine Erfahrung in psychologisch etwas eschickterer Vorgehensweise als bei der SWISSAIR einzusetzen, und ich hatte Erfolg dabei. Für die Planung hatte ich mich an der ETH in der eben neu aufgekommenen Netzplantechnik ausbilden lassen und wendete auch diese auf dem Bau mit viel Erfolg an. ich war in meiner Arbeit ausserordentlich glücklich und arbeitete deshalb auch überdurchschnittlich viel.
 
Im Dezember 1963, als der Boden gefroren war und die Lastwagen über die Wiese fahren konnten wurde mit dem Aushub für den Fabrikneubau begonnen, und ich durfte miterleben, wie  ein grosses Bauwerk langsam entsteht. Meine Arbeit auf dem Bau war vor allem koordinierend, planend und Entscheide herbeiführend. Daneben war ich jetzt voll mit dem Planen der Einrichtung beschäftigt,  Über-zeugungsarbeit leistend, vor allem beim Betriebsleiter, vom Typ her ein "Cholben-Noldi", einer der schon alles weiss! Aber es war spannend! Ich lernte das Vergleichen, Abwägen, Rechnen beim Einkauf der Betriebseinrichtungen und ich verstand mich mit dem Chef der Firma, Dr. André Kurz ausgezeichnet.

Beim Fabrikneubau begann ab Herbst 1964 der Innenausbau. Hier konnte ich die Bauleitung mit Netzplantechnik namhaft unterstützen und über Engpässe bei den Handwerkern hinweghelfen, was aber zwangsläufig zu Spannungen mit dem bauführer des Architekten führte. Es war auch die Zeit, als die eingekauften neuen Betriebseinrichtungen in der alten Fabrik noch getestet werden konnten, die mobilen Lagergestelle montiert und die neuen, technischen Einrichtungen wie Staubabsaugung, Klimaanlage usw. installiert wurden. Für den täglichen Betrieb hatte ich den früheren Chauffeur zum Hauswart ausbilden lassen oder ich bildete ihn an den technischen Anlagen selbst aus. Dieser pflegte dann den Neubau wie sein eigenes Einfamilienhaus. Im Juni wurde an zwei Wochenenden der Umzug von Fabrik, Administration und Lager in den Neubau durchgezogen, so dass am 2. Juli 1965, an meinem 32. Geburtstag, der Neubau eingeweiht werden konnte. Ich war mächtig stolz: Die Fabrik hatte bereits eine Woche Betrieb hinter sich, das Lager war endlich überseh- und kontrollierbar geworden und alle hatten neu schöne, freundliche Büros und Verkaufsräume. Neu war auch eine Datenverarbeitung eingeführt worden, für deren Planung ich aber nicht zuständig gewesen war. Diese lief nicht nach Wunsch. Alles war jetzt soweit, dass ich nun die Firma nach der Projektvol­lendung wieder verlassen konnte, was ich eigentlich fest im Sinn hatte, vor allem, da ich im Sommer zudem für 4 Monate in den Militärdienst zum Abverdienen des Hauptmannsgrades nach Payerne einrücken musste.

Datenverarbeitung
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10.2.  Beruf 2: GROWELA Gruppe, 1962 - 1977 – Datenverarbeitung.

Einige Tage vor dem Ausscheiden aus der Firma fragte mich Dr. Kurz, ob ich nicht Interesse hätte, die schlecht funktionirende Datenverarbeitung der Firma zum Laufen zu bringen. Datenverarbeitung wäre doch für einen jungen Ingenieur interessant und wichtig, eine weitere Herausforderung und Zukunftsmusik. Kurz entschlossen sagte ich zu, nach dem Militärdienst wieder zurückzukommen um dieses neue Projekt in Angriff zu nehmen.

Dr. Kurz hatte schon bald nach meinem Eintritt begonnen, Fischli und mich, den „Polysüchel“, wie er mich zuweilen neckisch nannte, kulturell zu fördern: Während das musikalische und geschichtliche Interesse bei mir schon von Zuhause aus ausgeprägt war, schenkte er uns Platten von moderneren Komponisten, um nicht "bei Mozart und Beethoven stehen zu bleiben", wie er sich ausdrückte.
Er brachte mir zudem schon sehr früh bei, dass ich mir auf jeder Geschäftsreise etwas Zeit nehmen sollte, ein Museum, eine Ausstellung, ein Konzert oder ein besonderes Bauwerk zu besuchen. Ich erinnere mich beispielsweise noch sehr gut, wie wir anlässlich einer „Semaine de Cuir“ in Paris an einem Sonntag Morgen, bevor wir zur Messe fuhren, vom Hotel aus durch die Tuilerien Richtung Grand Palais spazierten, und er mich daran erinnerte, dass hier vor nicht einmal ganz 200 Jahren nur der Hoch-Adel flanieren durfte. Ziel des Spaziergangs war die erste grosse Henri Matisse Ausstellung.
An ein anderes Mal erinnere ich mich ebenfalls sehr gut, nämlich an eine grosse Rouault Ausstellung in Paris mit den vielen bösen Portraits des Künstlers.  Bei einem Bild, das „Les Advocats“ hiess, lächelte er und meinte, dass Rouault von dieser Berufsgattung wahrscheinlich nicht sehr viel gehalten habe. Auch versorgte er uns für Ferienreisen immer mit Hinweisen auf besondere Sehenswürdigkeiten und Restaurants, vor allem aber mit Kunstbüchern. So gab er uns immer wieder Zodiac Kunstbücher über romanische Kirchen und Klöster mit, und wir lernten auch durch ihn die DuMont Kunst­führer kennen.
Er lud uns auch immr wieder an Hauskonzerte bei Ihm Zuhause ein und machte uns mit interessanten Leuten bekannt. Wir besuchten auf seinen Hinweis Konzerte im Schloss Rapperswil oder im Ritterhaus Bubikon, meistens dann mit mit unseren Töchtern. So hörten wir beispielsweise Peter Lukas Graf, Heinz Holliger oder Henriette Barbey, usw. Wir hatten oft das Gefühl, dass der kinderlose Dr. Kurz uns wie seine eigenen Kinder behandelte, mich übrigens auch im Geschäft, wie wenn ich sein eigener Sohn wäre. Von daher kam auch hie und da ein gewisses Kronprinzen Gefühl auf! Fischli und ich nahmen diese Behandlung als Pseudo-Kinder aber auch sehr gerne an, im Gegensatz dann zu Christeli und Paul Holer, die dieses „Bevattern“ später gar nicht schätzten! Fischli und ich waren richtig hungrig nach solchen kulturellen Sachen, für die wir beide in unserem Elternhaus keine Chance hatten, sie mitzubekommen.
Ich erinnere mich aber auch, dass ich einmal sehr heftig reagierte, als er von den vielen Vorteilen sprach, wenn man wie er im „richtigen“ Milieu aufgewachsen sei. Ich entgegnete ihm, dass das Aufwachsen im richtigen Milieu schon gut sei, aber es sei nicht selbstverständlich, dass man dort zwangsläufig auch die notwendige Nestwärme und Herzensbildung mitkriege, die m.E. ebenso wichtig sei wie Kultur, und die man in einfacheren Verhältnissen vielleicht eher mitbekomme. Er sprach auch manchmal sehr hart und lieblos über seine Eltern, so dass ich ihm sagte, dass ich es lieber so nähme, wie Fischli und ich es Zuhause gehabt hätten. Für unsere Weiterentwicklung in kulturellen und unternehmerischen Belangen tat er aber während meiner Growela Tätigkeit sehr viel und war uns stets Vorbild. Dafür werden wir ihm auch immer sehr dankbar sein.
 
Zurück vom Abverdienen, packte ich in der GROWELA die Datenverarbeitung an. 1965 bedeutete dies noch keine EDV, also keine elektronische Datenverarbeitung sondern nur eine DV, das heisst in erster Linie das Stanzen von Lochkarten, das Beilegen und Zuteilen von Kartenpaketen und deren anschliessende Bearbeitung in verschiedenen mechanischen Maschinen, welche mit kleinen Bürsten die Löcher in den Lochkarten abtasteten, die daraus resultierenden Impulse verarbeiteten und anschliessend ausdruckten. Für die maschinelle Verarbeitung mussten also beispielsweise für die Fakturierung zuerst Kundenstammdaten-Pakete (Adresse, Konditionen, Versandinstruktionen etc.) und Artikelstammdaten-Pakete (Sortiment, Preise etc.) aus Kartentrögen "gezupft" und mit den für diese Faktura beweglichen Daten (Mengen, Sortiment, Versandkosten, etc.) ergänzt werden. Wenn die Faktura ausgedruckt und kontrolliert war, mussten die Kartenpakete wieder auseinander genommen und in den Kartentrögen abgelegt und versorgt werden. Es war also vor allem eine Handling-Angelegenheit. Da das System bei uns vom Verantwortlichen für das Rechnungswesen betreut worden war, war es zwangsläufig vor allem auf die Buchhaltung (Fakturierung und Debitorenbewirtschaftung) ausgerichtet. Ich versuchte von allem Anfang an, das Ganze viel mehr auf den Verkauf auszurichten, denn wir hatten uns doch grundsätzlich am Markt zu orientieren. Auch die Fabrikations- und Lageraspekte gewichtete ich wesentlich stärker, sodass wir das gewählte System grundsätzlich in Frage stellen mussten. Nach etwa einem halben Jahr hatten wir Fakturierung und Debitorenbuchhaltung sowie noch ein paar weitere administrative Applikationen im Griff, hatten dabei aber gelernt, dass sich die Technologie der  Datenverarbeitung rasend schnell weiterentwickelte, und wir nur ein Zwischenstadium erreicht hatten, und unser System schon bald hoffnungslos veraltet war. Alles deutete darauf hin, dass wir schon bald auf ein elektronisches und interaktives System wechseln mussten, und wir begaben uns sogar freudig auf diesen langen und mühsamen Weg! Und immer wenn man sich am Ziel glaubte, kamen wieder neue Erkenntnisse dazu, welche die Basis eines Systems wieder ins Wanken brachte. Analoge Probleme sollten mich aber zeitlebens immer wieder beschäftigen... . Insofern hatte Dr. Kurz sehr recht mit der Bemerkung, Kenntnisse in Datenverarbeitung wären für einen Ingénieur doch zukunftsträchtig....
Betriebsleitung
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10.3.  Beruf 2: GROWELA Gruppe, 1962 - 1977 – Betriebsleitung.

Etwa in der Zeit, in welcher ich die Datenverarbeitung soweit hatte, dass ich mich wieder mit meiner Zukunft nach dem Verlassen der Schuhbranche beschäftigte, hatten wir ein katastrophales Qualitätsproblem: Jeden tag wurden hunderte von getragenen und ungetragenen Schuhen an uns zurückgeschickt, weil sich die Sohle vom Oberteil löste, so dass teilweise auch bei neuen Schuhen Sohle und Schuhoberteil separat in der Schuhschachtel lagen. Irgend etwas bei der Sohlenverklebung in unserer Fabrikation stimmte nicht. Es war grauenhaft, ganze Sendungen erst kürzlich spedierter Schuhe aus dem In- und Ausland wieder zurück zu erhalten. Der Betriebsleiter hintersinnte sich, der Verkauf war verzweifelt, und alle suchten nach Lösungen. Und wieder kam Dr. Kurz zu mir und meinte, Verklebung wäre doch eine chemische und physikalische Angelegenheit, welche ein Ingénieur doch eigentlich beherrschen müsste. Wenn ich in der Firma bliebe, wolle er mir die Betriebsleitung anvertrauen, und der derzeitige Betriebsleiter müsse mich dabei mit seinem praktischen Schuh-Know-How unterstützen. Kurz entschlossen sagte ich wieder mutig zu, schon nicht genau wissend, auf was für eine Reise ich mich da begab!

Ich beschäftigte mich neu also vor allem mit Verklebungsproblemen. Ich lernte, dass bei gleicher Gummiqualität die Qualität und Viskosität des Klebstoffs, sowie als Folge davon die sogenannte Ablüftzeit für die Güte der Verklebung eines bestimmten Leders die wesentlichsten, veränderlichen Faktoren waren. Die BALLY Labors, die ich konsultieren wollte, blieben für uns leider verschlossen. In England fand ich aber SATRA, die "Shoe and Allied Trade Research Association", welche von der Britischen Schuhindustrie finanziert wurde und begonnen hatte, die Schuhfabrikation sehr wissenschaftlich anzupacken. Sie sprach als erste von „engineered shoes“! Das kam mir sehr gelegen!Während eines 2 wöchigen Aufenthaltes bei SATRA in Kettering kam ich an Erkenntnisse heran, welche ich sonst nur im BALLY Prüflabor hätte erwerben können, aber das war uns wie gesagt verwehrt. Wir wurden das einzige Schweizerische Mitglied von SATRA, bezahlten unseren Beitrag, hatten dann aber Zugang zu allen Studien und vertraulichen Veröffentlichungen der englischen Schuhindustrie.

Ich richtete zudem bei uns ein kleines Testlabor mit SATRA-Prüfgeräten ein, wo wir Abreissproben und einfache Klebstofftests durchführen konnten. Der ehemalige Betriebsleiter Bähni verhielt sich mir gegenüber leider sehr unkooperativ und war mir keine grosse Hilfe, im Gegenteil, er trieb Spielchen hinter meinem Rücken, so dass er von Dr. Kurz nach mehreren Ermahnungen entlassen werden musste. Jetzt war ich zeitweise schon sehr allein und musste mir von überall her Unterstützung für den Schuh-Know-How suchen!

Als Betriebsleiter war ich auch für den Einkauf zuständig. Verschiedene chemische Fabriken wollten uns Klebstoff liefern. Mein Wunsch­lieferant für den Klebstoff war dann aber BALLY CTU, bei der ich aber als Gegenleistung für die Klebstoff-lieferung aushandeln wollte, dass ich Zugang zu den BALLY Prüflabors erhielt. Dort wollte ich Testreihen für die Verklebung durchführen. Es gelang mir dies auszu-handeln, allerdings für einen etwas höheren Klebstoffpreis, aber das war es mir wert. Bei der Zusammenarbeit mit BALLY CTU lernte ich den damaligen Leiter Dr. Baumann kennen, mit welchem sich in den folgenden Jahren sogar eine gewisse Freundschaft anbahnte. Herr Dr. Baumann war begeistert, dass man sich in einem kleineren Betrieb nach ein paar seriösen Versuchen und Fabrikationstests ganz unbürokratisch zu zweit sofort entscheiden konnte, einen althergebrachten Fabrikationsvorgang umzustellen, ohne wie im Grossbetrieb auf dem Dienstweg noch unzählige Leute überzeugen zu müssen, die zudem von der Angelegenheit meist wenig verstanden. Er verbrachte in der Folge einmal im Monat einen halben Tag mit mir in der Fabrikin Lachen, wo wir anstehende Probleme diskutieren und notwendige Versuchsreihen beschliessen und anschliessend entscheiden konnten. So konnte ich neben SATRA vor allem bei Dr. Baumann lernen zu unterscheiden, was man in der Schuh-„Industrie“, die ja eigentlich immer noch eher ein Handwerk geblieben war, wissenschaftlich anpacken konnte und wo man eher pragmatisch nach empirischen Lösungen suchen musste.

Ich hatte in der Zwischenzeit überhaupt viel gelernt, und war bereits 1967 neben dem Firmenleiter Dr. Kurz und den Herren Ernst Neukomm (Verkauf), Ruedi Bähni (Technik) und Eduard Barth (Finanzen und Administration) zum Mitglied der Geschäftsleitung ernannt worden. Dr. Kurz legte von allem Anfang an Wert darauf, dass ich nicht wie ein normaler Angestellter denken, sondern in erster Linie unternehmerisch denken und handeln sollte: Das langfristige Wohl des Unternehmens war im Auge zu behalten und diesem Grundsatz war kurzfristiges Denken und sofortigen Erfolg immer unterordnen. Dazu sollte man sich, wenn irgendwie möglich, nicht mit Durchschnittlichem zufrieden geben sondern immer anspruchsvolle Ziele und Tätigkeiten anstreben und Mut zu Ausserordentlichem aufbringen
 
Als Betriebsleiter hatte ich den Zwickereimeister Jakob Schmied schlussendlich entlassen müssen, obwohl ich mir fast ein Jahr lang unheimlich viel Mühe gegeben hatte, ihn in seiner Einstellung zu verändern! Er hatte mir sogar noch gedroht, mich mit dem Sturmgewehr zu erschiessen. Dr. Kurz hatte dies schon sehr früh kommen sehen un mir empfohlen, ihn zu entlassen. Ich dachte aber, ihn überzeugen zu können, allerdings vergeblich. Ich erinnere mich dabei an seinen Vergleich von Menschen mit schlechtem Charakter mit einer Petrolflasche: Wenn einmal Petrol in einer Flasche gewesen sei, könne man das teuerste Parfum hineinleeren, die Flasche werde immer nach Petrol stinken....

Den ehemaligen Hauswart Walter Reichmuth hatte ich an der ETH am "BWI" (Betriebswissenschaftliches Institut) in Arbeits- und Zeitstudien ausbilden lassen und ihn zum Leiter des Betriebsbüros ernannt, damit er mir möglich administrative Arbeiten vom Leib hielt und beim Einsatz neuer Maschinen und für die Kalkulation die notwendigen Unterlagen beschaffen konnte.

Dann hatte ich den Nähereimeister Paul Urben nachgenommen, um als Ober-meister über Zuschneiderei und Näherei eingesetzt werden zu können, während ich für die Sohlenabteilung sowie die Montage bis zum Einschachteln in Giuseppe Larocca einen sehr guten Fachmann besass, der aber führungsmäs­sig und administrativ viel Hilfe brauchte.

Ich hatte mich selbst am BWI der ETH für einen Kurs für Lohnsysteme einge-schrieben, denn ich wollte unser altes, kompliziertes Lohnsystem neu gestalten. Der BWI Kursleiter/Sachbearbeiter war Martin Studach (zusammen mit Melch Bürgin frisch gebackener Ruderweltmeister). Ich fragte ihn am Schluss des Kurses, ob er nicht Lust hätte, einmal in der Praxis sein Lohnsystem selbst einzuführen? Schliesslich konnte ich ihn davon überzeugen, zu uns zu kommen, einerseits als Betriebsleiter and andrerseits zusätzlich als ständiger Projektleiter für unser EDV System, denn wir entwickelten unter meiner Federführung bereits wieder an einem neuen, wesentlich mehr auf Verkaufsbelange ausgerichteten, interaktiven EDV System.

Dann hatten wir in der alten Fabrik in Lachen eine Fertigungsstrasse für die Fertigmontage von in der Tschechoslovakei vormontierten und vorzementierten Schuhoberteilen aufgebaut. Dazu war die genaue Definition der Schnittstellen und vor allem die Abstimmung der zwei Klebstoffe mit den Tschechen notwendig, und überhaupt war eine sehr genaue Koordination der Arbeitsgänge sehr wichtig. In  Verhandlungen in Böhmen, Mähren und der Slowakei lernte ich dortige Fabriken kennen (meist ehemaalige BATA Fbriken), aber auch die Lebensbedingungen im vielgepriesenen Sozialismus, eine Erfahrung welche ich wiklich nicht missen möchte.
Die Basisidee hinter dieser Fertigmontage war die folgende: Der Gewichtszoll sowie die niedrigere Zollgebühr für importierte Schuhbestandteile machten den Zoll so niedrig, dass wir zum gleichen Preis, wie für importierte Fertigschuhe, trotz unseren viel höheren Löhnen eine qualitativ und modisch attraktivere Schweizer Gummisohle auf importierte Schuhobertele montieren konnten. Wenn wir zudem den Preis so ansetzten, dass 51% des Deckungsbeitrages (inkl. Gewinn) in der Schweiz anfiel, durften wir erst noch ganz legal ein EFTA-Zeugnis ausstellen und die Schuhe exportieren. Mit 6 Personen konnten wir 600 Paar vormontierte Schuhoberteile einleisten, den Klebstoff an Oberteil und vorzementierter Sohle aktivieren, die Sohle aufpressen sowie die Schuhe wieder ausleisten, fertigstellen und ausrüsten. Wenn es Not tat, konnten wir mit je 1 Person mehr dentäglichen Ausstoss um je 100 Paar Schuhe  steigern. Das war damals ein kleiner Genie-streich.
Der einzige Nachteil war, dass wir nur unsere besten Renner so fabrizieren konnten, denn wir mussten immer eine Mindestbestellung von 10'000 Paar vom gleichen, vormontierten Schuhmodell abgeben. Und auch die eigene Fabrik hätte selbstverständlich von solchen hohen Stückzahlen pro Artikel profitieren können. Deshalb mussten wir unsere selbst gefertigten Schuhe mit einer Mischkalkulation subventionieren. Tatsache war, dass Growela in den 60er und 70er Jahren damit als einzige Schuhfabrik in der Schweiz die Produktion markant vergrösserte, während die Schuhindustrie gesamthaft gewaltig am Schrumpfen war.
Joint Venture in Portugal: Aufbau einer Korksohlenfabrik
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10.4.  Beruf 2: GROWELA Gruppe, 1962 - 1977 – Joint Venture in Portugal: Aufbau einer Korksohlenfabrik.

Aufgrund einer umfassenden Lagebeurteilung lagen aber damals die grössten Chancen für die erfolgreiche Zukunft einer Schuhfabrik in Portugal. Wir entwickelten folgende Strategie: In Lachen würde man sich längerfristig infolge Arbeitskräftemangel auf die Montage von Fertigschäften beschränken, welche einerseits in Kooperation mit Ostländern, andrerseits in einer eigenen Fabrik in Portugal herzustellen wären. Anlässlich einer kombinierten Ferien- und Geschäftsreise im Sommer 1968 zusammen mit meiner Frau nach Nordportugal (siehe auch unter Familie), wo wir dann auch André Kurz trafen, waren wir nach mehreren Gesprächen ein Joint Venture mit der Firma José Rodrigues eingegangen, einer Zulieferfirma für die portugiesische Schuhindustrie. Eigentlich wollten wir sofort gemeinsam eine Damenschuhfabrik für den Export aufbauen, benutzten aber die Gunst der Stunde mit der aktuellen Korksohlenmode und begannen unsere Zusammenarbeit mit einer Fabrik zur Herstellung von Korksohlen. Damit hatten wir für den Start kein modisches Risiko zu tragen, da dieses bei den Schuhfabriken lag, welche die Sohlen bei uns bestellten. Für dieses junge Unternehmen war ich für die Technik, der portugiesische Partner für Administration, Einkauf und Verkauf verantwortlich.

Im Herbst 1968 interessierte sich Werner Martin junior von der gleichnamigen Schuhfabrik in Grabs im Rheintal für eine Anstellung bei uns, da er sich mit seinem Cousin überworfen hatte. Dieser Zufall gab uns die Möglichkeit, dass mich Werner Martin in Lachen relativ rasch ersetzen konnte und ich mich für den Startup vollumfänglich um Portugal kümmern sollte. Ich war mit Dr. Kurz einig geworden, dass Fischli und ich mit den Kindern für ein paar Jahre nach Portugal zügeln und ich den neu zu eröffnenden Betrieb leiten sollte. Als ich dann Fischli überzeugen konnte, dass für uns jetzt die Gelegenheit günstig wäre, endlich ins Ausland zu ziehen, was wir ja eigentlich schon immer gewollt hatten, bekam sie in Anbetracht der Trennung von Haus, Familie und Freunden zwar schon ein Tränli, trotzdem war sie einverstanden. Ich fuhr ab sofort jeweils per Auto nach Porto und nahm jeweils Umzugsgut mit. In Porto hatte ich inzwischen eine Wohnung gemietet und für die Kinder Informationen über die deutsche Schule eingezogen, die auch einen Kindergarten hatte. Zuhause hatten wir unser Haus in Hombrechtikon für Gastprofessuren an Uni und ETH ausgeschrieben und Fischli zeigte es dauernd potentiellen Mietern. Weil man Werner Martin wieder in den elterlichen Betrieb zurückholte und ihm dafür die Aktienmehrheit anbot, (um dann ein paar Jahre später trotzdem Konkurs zu gehen!), musste unser geplanter Portugalaufenthalt sehr abrupt wieder abgeblasen werden. Bei Fischli löste dies wieder ein Tränli aus, so sehr hatten wir uns damit bereits auseinander gesetzt.In der Folge pendelte ich dann während mehr als 8 Jahren zwischen Portugal und der Schweiz hin und her, mit ungefähr 45% meiner Arbeitszeit in Portugal und 55% in der Schweiz. Meistens benutzte ich die Wochenenden für die Reise und für das wieder Einarbeiten am anderen Ort, damit man am Montag morgen voll los lassen konnte.
 
Wie bereits oben gesagt hatten wir ursprünglich eine Schuhfabrik geplant. Im Moment waren aber echte Korksohlen von der Mode her sehr gefragt, und Portugal war der Hauptproduzent von Kork auf der Welt. Anstatt Schuhe begannen wir Korksohlen herzustellen und zwar in Räumlichkeiten unseres Partners und Hauptlieferanten José Rodrigues in Vila Nova da Gaia. Dies war insofern ein kluger Schachzug, als wir bei der Herstellung von Korksohlen ohne modisches Risiko trotzdem industrielle Erfahrung sammeln konnten, denn Portugal war in den 60er Jahren noch ein richtiges Schwellenland und das Armenhaus Europas. Während ich für Growela für die Technik verantwortlich war, zeichnete Rodrigues für Einkauf, Verkauf und Administration verantwortlich. Wir kauften für einen Fabrikneubau Land in Lousada bei Penafiel, ca. 1 Autostunde im Landesinneren östlich von Porto, und ich freute mich auch sehr auf die Planung und die Realisierung einer zweiten Fabrik. Mit José Bragança hatte Rodrigues einen tüchtigen, lokalen Architekten und Freund zur Hand, mit welchem ich bei der Planung sehr gut zusammenarbeitete. Er war auch von meiner Erfahrung in der Planung eines Industriebaus begeistert und hörte auf mich, ausser in ästhetischen Fragen, wo er eine etwas eigene Auffassung vertrat.
 
So sehr ich die Freundlichkeit und die handwerkliche Geschicklichkeit der Portugiesen schätzen lernte, litt ich aber von allem Anfang an unter der für mich neuen, eigenartigen, unzuverlässigen Mentalität. Dies tönt jetzt sehr hart, aber es brachte mich dauernd in Rage, denn ich konnte mich nicht daran gewöhnen. Beispielsweise wurde viel versprochen (vor allem Termine!) und dann nicht eingehalten. Oder um seine Wichtigkeit herauszustreichen kam man fast grundsätzlich zu spät an Verabredungen. Deshalb zog ich Schweizer lokalen Kadermitarbeitern vor, obwohl dadurch die Unzuverlässigkeit einfach eine Hierarchiestufe nach unten delegiert wurde, aber auszumerzen war sie nur sehr, sehr langsam und mit einem unverhältnismässig grossen Erziehungsaufwand.
 
In einem ehemaligen Spital im Dorf Lousada neben einem modernen Spitalneubau konnten wir bis zur Bauvollendung Räume mieten, welche wir umbauten, unterkellerten und mit einer Absaugung für Staub und Klebstoffdämpfe behelfsmässig herrichteten. Ich hatte aus der Schweiz den jungen Jürg Neukomm mit seiner Frau für die Administration zur Verfügung, beides kaufmännische Angestellte, die aber weder von Führung noch von Schuhen etwas verstanden, und, da von der Modellabteilung her die Unterstützung durch Rodrigues mangelhaft war, engagierte ich für die Technik den jungen Modelleur Ernst Fässler, den ich von Lachen her kannte. Das Know How für die Korksohlenfertigung mussten wir uns von Null auf neu erarbeiten, zum Teil mit als Einkäufer getarnten Fabrikbesuchen in Italien.
 
In einer absolut archaischen, landwirtschaftlichen Umgebung, weit ab von Stadt, Zivilisation und Kultur, begannen wir mit jungen schulentlassenen Frauen ab 14 Jahren zu arbeiten, die bisher nur Feld- und Hausarbeit geleistet hatten. Sie waren bei ihrer Arbeit in der Fabrik so glücklich, dass sie zur Arbeit viel sangen. Die grösste Strafe war damals, indem man jemanden nach Hause schickte und sie für einen Tag von der Arbeit ausschloss. Wir hatten den Leuten zur Arbeit Ärmelschützen abgegeben. Die jungen Frauen fragten, ob sie die Schürzen zum Waschen mit nach Hause nehmen dürften, was wir selbstverständlich bejahten. Wir hörten erst später, dass viele der Mädchen am Sonntag damit zur Kirche gingen, weil es das beste Stück in ihrer Garderobe war!
 
Wir arbeiteten mit Maschinen aus Italien, welche Rodrigues dann in seiner Werkstatt kopierte und teilweise in Serie nachbaute und verkaufte. Rodrigues hatte begonnen, von Hand gefertigte Sohlen zu verkaufen, bevor wir wussten, wie wir die verschiedenen Probleme mit Stahlgelenken für die Sprengung lösen wollten oder das zweidimensionale Fräsen einer Sohle, die nachher dreidimensional auf einen Leisten passen musste usw. Damit setzte er die Technik und damit mich sehr unter Druck, und ich erinnere mich daran als eine aussergewöhnlich hektische Zeit. Der Aufbau einer Modellabteilung, das Einrichten einer behelfsmässigen Fabrik, daneben die Planung und dann der Bau einer neuen Fabrik. Aber irgendwie schafften wir es, nach kurzer Zeit mindestens Break Even zu arbeiten.
 
Noch eine Anekdote zur behelfsmässigen Fabrik in dem durch einen Neubau ersetzten, alten Spital: Wir konnten nur die eine Hälfte des Spitals mieten, und diese eine Hälfte auch nur ohne die im Hochparterre liegende Spitalkappelle, denn eine solche hatte man im Neubau vergessen. Unter dieser, immer noch benutzten Spitalkappelle hatten wir den Boden um 70 cm abgesenkt, um dadurch die notwendige Raumhöhe für einen kleinen Saal zur Teilefertigung zu erhalten. Irgendwann an einem Morgen nach Arbeitsbeginn kam der Vorarbeiter des Untergeschosses ganz aufgeregt ins Büro und sprach von Blut, das durch die Decke tropfen würde, worauf wir ihn alle auslachten. Es war dann aber tatsächlich so! Während der Nacht hatte es in der Nähe ein Zugsunglück mit mehreren Toten und Verletzten gegeben. Alle Toten waren während der Nacht in der Spitalkappelle aufgebahrt worden... .
 
Mit zunehmender Routine und neu entwickelten, materialsparenden Fabrikationsmethoden hätten wir auch besser und knapper kalkulieren können, aber die rudimentäre Buchhaltung von Rodrigues lieferte uns die dazu notwendigen Daten nicht. Nun zahlte sich aber aus, dass ich mich während meinen Jahren als Betriebsleiter in Lachen von Eduard Barth, dem damaligen Chef des Rechnungswesens, in doppelter Buchhaltung und im Rechnungswesen hatte unterweisen lassen. Ich hatte dazu übungshalber zuhause 3 Jahre lang eine doppelte Privatbuchhaltung mit ein paar wenigen Konten geführt! Später hatte ich mich für die Einführung einer Betriebsabrechnung stark gemacht, denn nur so bekam ich die für die Fabrik notwendigen Daten, wo Geld verdient und wo es verloren wurde. Ich begann daher, in Lousada ebenfalls eine eigene Betriebsabrechnung einzurichten und führte dazu manchmal lange Telefongespräche mit Edi Barth in Lachen, denn ich war ja trotzdem nicht Finänzler! Langsam bekam ich aber die Fabrik auch zahlenmässig in den Griff und musste dabei erkennen, dass Rodrigues als Hauptlieferant mit genauestens abgestimmten Verrechnungspreisen arbeitete und diese so ansetzte, dass die gemeinsame Fabrik ja nicht negativ und der Schweizer Partner nicht erschreckt wurde. Das war der Grund dass wir dauernd auf Break Even arbeiteten. Für José Rodrigues musste die Growela Portuguesa aber geradezu ein Goldesel gewesen sein. Ich war mir nicht im Klaren, ob es beide Brüder Rodrigues waren, die dies ausgeheckt hatten, oder nur das Schlitzohr Arnaldo Rodrigues.
 
Ich hatte inzwischen auch einen alten Bekannten aus meinen ersten Portugaltagen, Ing. Nuno Romao, überreden können, in Lousada in der neuen Fabrik die Betriebsleitung zu übernehmen. Er war gelernter Hochschulchemiker und damals Direktor der Ausbildungsstätte der portugiesischen Schuhindustrie. Er hatte recht bald auch Schwierigkeiten mit Rodrigues, denn zwei portugiesische Pfauen (Portuguese Peacocks war Fischlis Ausdruck für beide!) vertragen sich schlecht nebeneinander.
Aufbau einer eigenen Growela Portuguesa in Maya bei Porto
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10.5.  Beruf 2: GROWELA Gruppe, 1962 - 1977 – Aufbau einer eigenen Growela Portuguesa in Maya bei Porto.

André Kurz war natürlich nicht sehr begeistert, als ich ihm nicht nur sagen musste und auch beweisen konnte, dass Rodrigues sehr einseitig von unserer Zusammenarbeit profitierte. Mit diesen Erkenntnissen und mehreren Gesprächen mit José Rodrigues stimmte er 1971 zu, das Joint Venture aufzulösen. Es war nach der alten griechischen Regel abgeschlossen worden, dass derjenige, der es beenden wollte, ein Angebot machen muss, und der andere Partner dann frei wählen kann, ob er zu diesem Preis verkaufen oder kaufen will. Romao und ich hatten André Kurz davon überzeugen können, dass wir die Fabrik kaufen sollten und pokerten deshalb mit möglichst hohem Einsatz: Romao und ich rechneten tagelang, was Rodrigues sich leisten könnte und was nicht mehr. Ich meine noch heute, dass wir gut gepokert hatten, denn die Zahl stimmte. Wir hatten nur nicht mit einbezogen, leider auch der einheimische Nuno Romao nicht, dass Rodrigues den  alten, markanten portugiesische Seefahrerstolz besass! Ebenfalls zu wenig hatten wir berücksichtigt, dass Rodrigues inzwischen noch Präsident der Portugiesischen Schuhindustriellen geworden war. So konnte er doch vor seinen Landsleuten nicht klein beigeben und „seine“ Korksohlenfabrik verkaufen, mit welcher er doch so gerne den modernen, portugiesischen Unternehmer spielte. Rodrigues entschied sich für den Kauf, zu einem Preis, der für ihn eindeutig zu hoch war, und er durfte zudem den Namen Growela nicht mehr weiter führen. Der Kauf durch Rodrigues war der eigentliche Beginn einer grossen menschlichen Tragödie um José Rodrigues, die dann kurz nach der Nelkenrevolution mit dem Konkurs des kleinen Rodrigues-Imperiums in der portugiesischen Schuhlandschaft endete.

Wir hatten bei einer Erstinvestition anfangs des Jahres 1969 von CHF 100'000 im Jahre 1972 plötzlich CHF 600‘000 in der Hand. Dr. Kurz meinte, das wäre eine Super-Performance, mit CHF 100'000 in drei Jahren eine halbe Million Franken zu verdienen. Er schlug vor, jetzt in Portugal aufzuhören und das Kapital in etwas anderes zu investieren. Da wehrte ich mich nun mit aller Vehemenz dagegen, denn ich hatte in Lousada oft gelitten, sehr viel herzblut investiert und wusste jetzt eigentlich, wie man in Portugal eine Fabrikation anfangen müsste, denn ich kannte nun einigermassen Land, Leute, Mentalität und sogar schon ein bisschen die Sprache.

Was hatte ich zwischen Porto, Lousada und Granja nicht alles durchgemacht:

  1. Ich hatte in Lousada in der spartanisch eingerichteten, kleinen, unheizbaren Wohnung recht grosse Entbehrungen in Kauf nehmen müssen, vor allem im Winter und bei Krankheit!
  2. Dann hatte ich ziemlich am Anfang meiner Zeit im Land einen Autounfall verletzungsfrei durch- und überstanden, weil ich einem betrunkenen Töfflifahrer mit Anhänger ausgewichen war. Mein Auto blieb nachts um 21 Uhr auf einer Mauer im Wald liegen, bzw. hängen, irgendwo im Niemandsland, mit einer zusammenströmenden, aufgebrachten Menge Leute gegen mich: Ein ausländischer, scheinbar reicher Autobesitzer tötet in dieser abgelegenen, bitter armen Gegend am Ende der Welt beinahe einen Einheimischen, der zudem der Sprache noch nicht mächtig war! Verhör auf der Polizeistation mit Fast-Analphabeten, niemand sprach eine Fremdsprache!
  3. Arbeiten im Winter bei 17 Grad im Büro und Zuhause in Lammfellmantel und Lammfellstiefeln!
  4. Ich hatte viel zwischenmenschliche und Führungs-Erfahrung machen dürfen, positive und negative, nicht nur jene mit den Herren Rodrigues und ihren Kaderleuten, sondern auch mit den jungen Neukomms, oder dem Modelleur Ernst Fässler und seiner Freundin und späteren Frau Irene, mit Herr und Frau Eschmann, Herr und Frau Bragança ... usw.
Ich hatte das Land aber auch lieben gelernt und kannte damals kein anders Land so gut wie Portugal (ausser der Algarve). Auch konnte ich mich inzwischen auf portugiesisch bereits durchschlagen. Ich hatte zwar viel Lehrgeld mit „Führung auf Distanz“ zahlen müssen, aber jetzt fühlte ich mich auch in dieser Beziehung viel sicherer.
 
Ich kannte auch schon Leute, die in einer zukünftigen, neuen Growela Schuhfabrik mitarbeiten würden. Deshalb schlug ich Dr. Kurz vor, neu zu beginnen, und zwar nicht mehr mit Korksohlen sondern jetzt mit einer richtigen Damenschuhfabrik! Und
André Kurz war bereit, mir das Vertrauen für eine neue Firma zu schenken:
  • Ich durfte über die CHF 600'000 verfügen,
  • die Muttergesellschaft würde für eine weitere Million bürgen,
  • weiter notwendiges Kapital müsste ich aber in Portugal beschaffen.
Damit musste ich auskommen und er sagte "Allez-y"!
Was für eine umfassende Aufgabe und was für eine Chance für einen 40 jährigen, jungen Ingenieur. Ich fühlte mich richtig als Glückspilz!
 
Mit diesen Zusicherungen im Gepäck flog ich nach Portugal, und besuchte als erstes meinen Freund Nuno Româo, der immer noch die "COCA" leitete, wie die Korksohlenfabrik von Rodrigues jetzt hiess. Ich war damals der Ansicht, dieses Wort „Freund“ gebrauchen zu dürfen. Ich legte ihm meine Pläne für eine Schuhfabrik vor, die ich in der Nähe von Porto, am liebsten noch auf der Seite des Flugplatzes, haben wollte.
 
Die Gründen für diese Wünsche lagen beim dort eher verfügbaren Kaderpersonal, bei der wesentlich vereinfachten Import / Export-Abwicklung sowie den kürzeren Transportwegen. Nuno Româo war bereit, die Führung unserer neuen Fabrik zu übernehmen, aber nur unter der Bedingung, dass ich auf Growela-Seite weiterhin dafür verantwortlich war.
Wir begannen, seine Cousine Catoucha als zukünftige Leiterin Administration und eine weitere Verwandte von ihm als zukünftige Nähereimeisterin in Lachen auszubilden. Beat Neukomm, ein Bruder von Jürg und ausgebildeter Modelleur, derzeit bei Clarks in England tätig, war vorgesehen, die Verantwortung für die Technik zu übernehmen. Wir fanden in Maya ein Stück Land, das sich für eine Schuhfabrik eignete und in der Nähe davon eine alte grosse Garage, welche wir per sofort mieten und in welcher wir mit einer Schaft­produktion für die Fabrik in Lachen beginnen konnten. Wir suchten lokale Gerbereien undandere alternative Lieferanten zu Rodrigues, welcher uns natürlich gar nicht mehr gern hatte. Wir begannen in einer zweiten Garage mit der von Hand gefertigten Produktion von Clogs, für die neben der Näherei kein Maschinenpark notwendig war. (Die ersten 500 Paar Clogs verkaufte ich übrigens an BALLY Arola AG, einem gewissen Ewald Kaufmann, der dann später mein Einkaufsdirektor bei der Arola wurde!) Und als wir dann begannen, etwas Geld zu verdienen, kam Nuno Româo als Chef zu uns.
 
Für den Neubau hatte André Kurz seinen Freund und Architekten Pierre Zoelly gewinnen können, welcher als erstes einmal zusammen mit seiner Frau den Bauplatz und Portugal besuchte. Ich durfte ihnen während einigen Tagen den Norden Portugals zeigen. Er war von dem für die Fabrik vorgesehenen Land begeistert, vor allem vom Hügel mit dem Mimosenwäldchen.
 
Wir planten die Fabrik weitgehend in der Schweiz, so dass dann Architekt Bragança nur noch die lokale Bauführung übernehmen musste. Der federführende Architekt im Büro Zoelly war Hans Gremli v/o Galan, ebenfalls ein St. Galler und KTVer, Altherr der gleichen Mittelschulverbindung wie ich. Die Planung schritt gut voran. Wieder hatte ich so geplant, dass unabhängig voneinander Bürogebäude und Fabrik individuell erweitert werden konnten, die Fabrik modulweise je nach Bedarf mit je drei gleich grossen Shed-Hallen, wobei Warenannahme und Spedition bei Erweiterungen wenn immer möglich beibehalten werden konnten, mindestens aber jederzeit sichergestellt sein mussten. Es war ein in jeder Hinsicht sehr moderner Fabrikbau, auch mit modernen sozialen Einrichtungen etc. Der Kauf des Landes, die Grundsteinlegung und der Baubeginn sowie dann der spätere Bezug der neuen Fabrik waren für mich weitere, grossartige, persönliche Erlebnisse. Ich behaupte immer noch, die Growela Fabrik in Maya wäre eine der schönsten Fabriken weltweit, die ich je gesehen habe.
 
Mitten in die Bauzeit der neuen Fabrik brach in Portugal gänzlich unerwartet die Revolution aus, später etwas verniedlichend „Nelkenrevolution“ genannt. Zu lange hatte sich auch nach dem Tod des Diktators Salazar eine zu sehr konservative Regierung an der Macht gehalten, ohne die im Land dringend not­wendigen sozialen Reformen anzupacken. Wir hatten in Granja das unflätige Beneh­men unseres Nachbarn und Besitzers der Banco Espirito et Sancto seinem Personal gegenüber ja erlebt! Die Unternehmen wurden immer noch absolut patriarchalisch geführt, niemand hatte mitzudenken, dafür war nur der Chef da. Ich hatte damit ja sogar manchmal mit Nuno Romào meine Mühe. Nun hatten also die Obersten und Hauptleute um Carvalho geputscht, wobei wir recht gut informiert waren, weil auch ein Schwager von Nuno Româo einer der aufständischen Obersten war. Nuno Romao wusste, dass sein Schwager Mitstreiter hatte, die schon dafür sorgen wollten, dass die neue Regierung nicht allzu weit links abdriftete. Aber jene der äussersten Linken waren scheinbar die Professionelleren unter ihnen und konnten sich dann mit Hilfe der Kommunisten durchsetzen.
Das erste, was gemacht wurde, war, die Banken zu verstaatlichen und den Firmen jeden Kredit zu geben, den sie wollten. Damit gehörten die Unternehmen bald zu einem grossen Teil dem Staat, und der sagte dann, wo es lang ging. So war dies auch bei José Rodrigues geschehen. Für uns ging es darum, einmal abzuschätzen, ob man die Zelte abbrechen, wie dies die meisten ausländischen Firmen taten, oder ob man weitermachen sollte. Wir arbeiteten derzeit in zwei Lokalitäten mit Maschinen aus Lachen und zugekauften Occasionsmaschinen und fabrizierten Schuhoberteile für Lachen sowie Holzclogs. Daneben hatten wir eine stattliche Fabrik im Bau, wo im Moment bereits das meiste Geld investiert war. Eine Bauruine war jetzt auch nicht gerade das, was man sich nach einer Revolution wünschte, und so entschieden wir uns, weiter zu produzieren und an der Bauvollendung festzuhalten. So kam es zur grotesken Situation, dass wir, als eine ausländische Firma, in dieser Gegend praktisch als einziges Unternehmen an einem Neubau weiterarbeiteten, während andere ausländische Firmen schlossen oder stark reduzierten. Die einzige Auflage, die mir Lachen machte, und mit welcher ich mich auch voll identifizieren konnte, war, dass nach dem Ausbruch der Revolution vorläufig weder Kapital noch Materialien oder Maschinen nach Portugal geschickt wurden, bis Klarheit herrschte, wohin die politische Reise gehen sollte. Das gab zwar Liquiditäts- und Finanzierungsprobleme, vor allem mit den Lieferanten und Handwerkern am Neubau, welche dann aber glücklicherweise alle mit der oben kritisierten Mentalität „à la portuguèse“ umschifft werden konnten, die ich in der Zwischenzeit für den Notfall auch beherrschen gelernt hatte! Der Umzug aus den Provisorien in die neue Fabrik fand schlussendlich planmässig statt. Nun hatten wir also eine grosse Fabrik, arbeiteten aber nur auf einem Fünftel der zur Verfügung stehenden Fläche.
 
Dann verliess uns Beat Neukomm als Leiter Technik: Er wollte wieder nach England zurückkehren, nicht zuletzt wegen seiner zukünftigen, englischen Frau, welche nicht gern in der doch etwas primitiven, portugiesischen Provinz leben wollte. Als Ersatz holte ich Herrn Eschmann, einen jungen, dynamischen deutschen Schuhmodelleur nach Portugal, welcher von Paul Holer ursprünglich in Lachen für die Bearbeitung des deutschen Marktes engagiert worden war. Sein Problem in der neuen Fabrik war, dass wir wohl eine recht gut ausgerüstete Zuschneidere und Näherei besassen, aber überhaupt keine Montageabteilung, da jene Maschinen zwar reserviert, aber noch nicht gekauft worden waren. Deshalb konnten wir nur Modelle herstellen, welche von Hand montiert und gezwickt werden konnten. Dies schränkte uns selbstverständlich auch im Verkauf und damit in der Beschaffung der notwendigen Finanzen stark ein. Wir durften zwar unsere Produkte an den Messen am Growela Stand ausstellen und verkauften auch immer wieder etwas, sodass wir uns finanziell immer knapp durchwursteln konnten.
 
Ein für den ganzen Norden ausgerufener, unbefristeter Streik in der Schuhindustrie hätte uns wahrscheinlich das Genick gebrochen, aber oh Wunder! Die Growela Portuguesa wurde als einzige Fabrik nicht bestreikt, und zwar mit ausdrücklicher Genehmigung des Streikkomitees. Eine Vorarbeiterin unserer Fabrik war Mitglied im lokalen kommunistischen Parteivorstand und hatte sich für uns stark engagiert, ohne dass wir es wussten. Sie hatte scheinbar drei Argumente vorgebracht: Der Weiterbau an der Fabrik während der Revolution, die guten sozialen Einrichtungen und der gute Ton und mögliche Mitsprache in unserer Fabrik. Ich war mächtig stolz darüber!
 
Der Bau hatte sich schliesslich bewährt, es war die schönste Fabrik, welche ich geplant hatte, mit wunderbaren Büro-, Besprechungs- und Verkaufsräumlichkeiten, direkt am Mimosenwäldchen. An dieser Stelle seien noch folgende zwei Anekdoten erwähnt:
  • Die Zentralheizung des Bürohauses machte uns im portugiesischen Klima etwas Mühe. Entweder war es zu heiss oder zu kalt, je nach Sonneneinstrahlung, welche hinter Glas auch im Winter ausserordentlich stark mitheizte. Es war praktisch unmöglich, die Heizkörper manuell zu regulieren. Ich schmuggelte deshalb einen Koffer mit thermostatischen Heizkörper-Ventilen nach Portugal, die dort unten ein Vermögen gekostet hätten, und die dann unser Betriebsmechaniker montierte, womit das Problem gelöst war.
  • Niemand, auch der lokale bauleitende Architekt Bragança, konnte anlässlich der Planung begreifen, dass wir die Anzahl WC’s und Douchen praktisch nach schwei­zerischem Arbeitsgesetz ausgelegt hatten. Niemand benutze diese Einrichtungen in den Fabriken in Portugal. Es sagte uns aber auch niemand, dass es in den meisten Fabriken in Portugal kein Warmwasser gab. Nach der Bauvollendung konnte auch wieder niemand begreifen, dass bei uns so viele Leute nach der Arbeit oder auch über Mittag duschten! Kunststück, die wenigsten der Arbeiterinnen und Arbeiter hatten zuhause Badezimmer, geschweige denn Warmwasser und/oder eine Dusche. Portugal war damals halt wirklich noch ein Agrarland mit kinderreichen Familien. Mit der jetzt aufkommenden Industrialisierung fanden viele in den Fabriken Arbeit, und es wanderten jetzt auch zunehmend weniger Leute als Saisonniers nach Westeuropa aus.
Vorsitzender der Geschäftsleitung
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10.6.  Beruf 2: GROWELA Gruppe, 1962 - 1977 – Vorsitzender der Geschäftsleitung.

Dr. Kurz gab mir 1972 den Auftrag, für dei GROWELA Gruppe eine junge Geschäftsleitung zu bilden, welche für das Betriebsergebnis verantwortlich sein sollte, während er mit den bisherigen Geschäftsleitungsmitglidern Neukomm (Verkauf) und Barth (Finanzen) für die Bilanz zuständig bleiben wollte. So engagierten wir neben dem bereits hier arbeitenden Ingénieur Martin Studach, künftig verantwortlich für die Technik und Projektmanagement Informatik, auch noch Paul Holer, künftig verantwortlich für Verkauf und Marketing, sowie Emil Steiner, in Zukunft verantwortlich für das Rechnungswesen. Innerhalb dieser jungen Geschäftsleitung war ich verantwortlich für die Belange der Gruppenleitung sowie der Betriebsstätten Lachen und Portugal, Paul Holer hingegen für das Einkaufs-Büro in Civitanova, Italien und die Verkaufsniederlassung in Wesel, Deutsch­land. In Wesel hatten wir eine ehemalige Handschuhleder-Gerberei kaufen können, welche ich in ein Büro- und Lagerhaus umbaute, was planungsmässig wiederum eine hoch interessante Aufgabe bedeutete. Von der Lokalität her hätten wir in Deutschland wesentlich mehr Erfolg haben können, als dies künftig mit unseren Produkten aus Italien, der Schweiz und Portugal tatsächlich der Fall war.

Ich war felsenfest überzeugt davon, dass ich in der Growela pensioniert werden würde, und wollte mich gerne an der Firma beteiligen, wofür Dr. Kurz aber kein Gehör hatte. Ich arbeitete grundsätzlich immer, wie wenn es meine eigene Firma gewesen wäre, was ich fatalerweise auch von meinen Mitarbeitern erwartete. Ich hätte darum gerne Geschäftsleitungssitzungen an den vielen arbeitsfreien, katholischen Feiertagen abgehalten, die wir in Lachen immer wieder hatten. Das wurde aber je länger je mehr sabotiert.
Dann hatte ich nicht nur in der Fabrik ein modernes Lohnsystem eingeführt, sondern für das Kader eine Erfolgsbeteiligung. Das System der Erfolgsbeteiligung funktionierte so, dass für ein gewisses festgelegtes Jahresgehalt die Höhe des monatlich ausbezahlten Fixums selbst gewählt werden konnte, während in Anbetracht eines niedriger oder höher gewählten Fixums die Erfolgsbeteiligung indirekt proportional ausgeschüttet wurde. Das heisst, dass jemand mit klein gewähltem Fixum bei einem gewissen Betriebsergebnis mehr verdienen sollte als jemand, der mehr auf Sicherheit bedacht war und einen grösseren fixen Lohn-bestandteil gewählt hatte. Weil ich an uns glaubte, hatte ich für mich ein minimales Fixum mit der Chance auf eine grosse Erfolgsbeteiligung gewählt.
Nach der ersten Ölkrise anfangs der 70er Jahre ging es der Firma nicht mehr so gut. Zur Budgeterreichung hätte es mehr und meines Erachtens vor allem konzentrierte und koordinierte Anstrengungen aller bedurft, man erreichte das Budget nicht mehr fast automatisch. Auch hatten wir etwas Speck angesetzt, sodass wir uns von ein paar lieb gewordene Luxuslösungen trennen mussten, um unsere Kosten in den Griff und die Firma wieder in den Steig­flug zu bekommen. Der Anteil der Erfolgsbeteiligung am Jahresgehalt brach mit den schlechteren Ergebnissen natürlich auch ein. Der Firmengründer André Weill hatte einmal gesagt: „Wenn kein Heu mehr in der Krippe ist, dann beissen sich die Rösslein“! So war es auch bei uns: So lange alle von der Erfolgsbeteiligung ausgiebig profitiert hatten, waren alle einverstanden gewesen. Als es jetzt galt, auch eine Misserfolgs-beteiligung durchzustehen, murrten alle gegen das System auf. Natürlich tat es uns weh: 1974 beispielsweise verdiente ich plötzlich nicht mehr rund CHF 100‘000, sondern nur noch CHF 66'000. Und dies ausgerechnet im Jahr, als unser privater Umbau in Hom­brech­tikon eine Kostenüberschreitung von CHF 180‘000 zeigte (Bei Bauten für die Firma hatte ich nie Überschreitungen gehabt!).
 
In dieser Zeit der „sich beissenden Rösslein“ war leider auch die praktisch völlige Übereinstimmung zwischen Dr. Kurz und mir über den einzuschlagenden Weg der Firma zu Ende gegangen. Wenn wir bis anhin im Gespräch immer Lösungen gefunden hatten, kam es jetzt häufig zu für mich unerklärlichen, eigenartigen Reaktionen seinerseits. Anlässlich einer Sitzung über Lohnerhöhungen versuchte ich beispielsweise den Herren zu erklären, man könne bei den Lohnerhöhungen nicht dauernd über Jahre  kneifen. Wir würden entweder jammern, das vergangene Jahr sei schlecht gewesen, oder, auch wenn es gut war, jammern, die Aussichten für das kommende Jahr wären schlecht. Unsere Mitarbeiter hätten schon bewiesen, dass bei schlechtem Geschäftsgang auch eine Null-Runde akzeptiert werde. Aber wenn es besser gehe wie jetzt, müsse man sich erkenntlich zeigen, sonst gäbe es Unruhe. Dr. Kurz warf mir daraufhin vor der ganzen Geschäftsleitung vor, ich hätte eine typische „Gewerkschafter-Einstellung“, dabei hatte ich meines Erachtens nur auf eine weitsichtigere, unternehmerische Einstellung gehofft. Oder ein anderes Beispiel: Dr. Kurz kannte unsere Familie inklusive Kindern sehr gut, denn wir waren öfters zusammen gewesen, früher eindeutig mehr als jetzt. Wenn wir im Sommer die paar Male in Granja im gemieteten Haus am Meer wohnten, kam er in dieser Zeit jedes Mal auf Besuch zur portugiesischen Tochtergesellschaft. Während seines Aufenthalts richteten wir ihm jeweils bei uns im Haus ein Zimmer ein, sodass er bei uns wohnen konnte. So kam es öfters vor, wenn die Mädchen am Morgen schon aufgestanden waren und er nicht schlafen konnte, dass er mit ihnen auf der Terasse spielte. Ich glaube, er hatte sie auch richtig gern. Als ich nun 1974 oder 1975 einmal etwas von Andrea erzählte, prophezeite er, eben­falls vor anderen, dass Andrea uns bei meiner Erziehung sowieso davon laufen werde. Ich hatte das Gefühl, dass er mich manchmal einfach etwas demütigen wollte.
 
Es war noch etwas passiert, das einen gewissen Unmut bei Dr. Kurz und Ernst Neukomm und seinen Adlaten auslöste: Mit dem von Martin Studach und Emil Steiner neu eingeführten EDV System war es plötzlich möglich, die Deckungs-beiträge der in einer Periode verkauften Produkte nach Kostenträger, nach Pro­dukt, nach einzelnem Verkauf, nach Verkäufer und nach Kunde einzusehen. Plötzlich hatten wir die Verkäufer mit ihren Preisen, Rabatten, Spezialkonditionen und Nachlässen etc. voll unter Kontrolle, und die Händeler-Mentalität der Verkäufer kam auf den Prüfstand. Ernst Neukomm hatte beispielsweise ja immer behauptet, wenn er einmal einen Preis­nachlass gegeben habe, so werde dieser Kunde dies mit Zins und Zinseszinsen wieder zurückbezahlen. Jetzt kam er in Beweisnotstand. Diese Transparenz, welche in der Fabrikation für die Kalkulation des Fabrikpreises schon lange selbstverständlich war, wurde jetzt plötzlich bis zum tatsächlich erzielten Preis Realität, nicht sehr zur Freude der Verkäufer, aber auch bei Dr. Kurz, der begann, die Verkäufer in Schutz zu nehmen. Daraus ergaben sich weitere Spannungen.
 
Wir waren inzwischen ja eine richtige Growela-Gruppe geworden:
In Lachen im Stammhaus befand sich die Gruppenleitung  in Lachen. Ferner war hier eine voll etablierte Herrenschuhfabrik mit Création, Modellabteilung, Materialprüfung und einem grossen, teilweise auch dem Export dienenden Lager samt Spedition.
In Civitanova in der Marche in Italien war eine kleine Einkaufsgesellschaft mit einem Créateur als Chef, welche Wünsche der europäischen Kundschaft umsetzen und das Produkt bei einem unserer vielen Stammlieferanten herstellen lassen konnte. Verschiedene dieser Stammlieferanten arbeiteten neben dem Heimmarkt Italien praktisch zu 100% für uns.
In Wesel war eine Verkaufsgesellschaft mit Lager und Spedition. Und
In Portugal war eine Damenschuhfabrik, ebenfalls mit eigener Création und Modellabteilung, fertig geplant und in Lauerstellung, um so schnell als möglich zuschlagen zu können, sobald die Gruppenleitung die Beschaffung der Maschinen bewilligen würde.
 
Wenn wir die Synergien in dieser Gruppe ausnutzen wollten, mussten meines Erachtens die Aktivitäten vor allem in Création und Modellabteilung, aber auch im Einkauf und Verkauf koordiniert werden, denn bisher machte praktisch jeder, was er wollte und was in seinem Gutdünken lag: Ich mit Lachen und Portugal, Paul Holer in Italien und Wesel, und Ernst Neukomm nach wie vor mit den Tschechen und mit Ungarn. Alle fuhren wir jeweils an die Préseléctione nach Montecattini in der Toscana. Ich hatte vorgesehen, dort alle Modelleure und Einkäufer zusammen zu nehmen um mit ihnen eine klare Arbeitsteilung und Koordination zu besprechen. Das wurde aber gar nicht geschätzt, vor allem vom Verkauf nicht, denn jeder hätte einen Teil seiner Freiheit zum Wohle des Ganzen aufgeben müssen. Diese von mir vorbereitete Besprechung in Montecattini war ein totales Fiasko. Ich machte danach noch zwei, drei Anläufe, um die meines Erachtens unbedingt notwendige Koordination durchzusetzen und um längerfristig zu einer klaren strategischen Ausrichtung der Gruppe zu gelangen. Ich versuchte auch, Paul Holer für die Idee zu gewinnen, mit dem ich ja schon stundenlang über künftige Strategien gerungen hatte, aber leider ergebnislos. Auch er hätte scheinbar zu viel Freiheiten aufgeben müssen, und es war ihm ganz wohl im Gemuschel mit seinem Fachvorgesetzten Ernst Neukomm. Dann erwartete ich jetzt ein Machtwort und die notwendige Unterstützung des jetzt mittlerweile Alleinbesitzer gewordenen Dr. André Kurz, auf die ich früher jeweils zählen konnte. Leider erhielt ich dieses Mal die Unterstützung nicht.
Das Ende bei GROWELA
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10.7.  Beruf 2: GROWELA Gruppe, 1962 - 1977 – Das Ende bei GROWELA.

Im Gegenteil, Dr. Kurz fuhr mich an einem Freitag-Mittag im Sommer 1975 selbst auf den Flughafen, als ich zur Growela Portuguesa reiste (Ich reiste immer noch am Freitag, um mich Samstag/Sonntag dort einzuarbeiten und am Montag voll mit der Arbeit beginnen zu können!). Auf der Fahrt teilte er mir mit, dass er meinen alle zwei Jahre zu erneuernden Arbeitsvertrag nicht mehr so erneuern wolle, sondern dass er neu eine 6 monatige Kündigungsfrist einführen wolle. Abgesehen vom Ende unserer bisherigen, wunderbaren Zusammenarbeit ohne Wenn und Aber war dies meines Erachtens etwas vom Schlimmsten, was er mir während den 15 Jahren antat: Es gab noch keine Direktflüge Zürich-Porto, sondern man musste damals noch über Lissabon oder Paris fliegen mit stundenlangen Aufenthalten. Ich empfand diese Mitteilung auf der Abreise richtiggehend als demütigend und grausam: Er, den ich immer als meinen besten Freund bezeichnet hatte, entzog mir damit eigentlich klar sein Vertrauen entzogen: Die Kündigungsfrist von 2 Jahren reduziert auf 6 Monate! Er wusste auch, dass Fischli und ich solche Sachen immer ausdiskutierten. Mit dieser Kündigung auf dem Weg zum Flughafen nahm er mir diese Möglichkeit. Ich hätte doch jetzt so gerne mit Fischli gesprochen und etwas Trost gesucht; nun konnte ich aber während Stunden mit niemandem sprechen. Zudem hatte ich dauernd Tränen in den Augen und es würgte mich während Stunden. Erst nach der Ankunft in Maya telefonierte ich sofort mit Fischli.

Dieser Vorfall war für meine Arbeit äusserst demotivierend, aber ich dachte trotzdem noch immer mit keinem Gedanken an eine Kündigung. Ich verteidigte sogar die Ideen von Dr. Kurz weiterhin in der Geschäftsleitung, wenn ich nur konnte, denn meine jüngeren Kollegen waren ihm nicht so ergeben wie ich es war.   

Zwei Vorfälle muss ich noch anführen, die das Bild des Zerwürfnisses in der Geschäftsleitung charakterisieren: Einmal bekam ich einen Telefonanruf von Nuno Româo, dass er verschiedene Punkte in einem Telex an ihn vom Vorabend überhaupt nicht verstehe. Nuno Româo und ich verkehrten in einer Mischung von Französisch und Portugiesisch, womit wir uns auf Distanz hervorragend verstanden. Tatsache war nun, dass am Vortag kurz vor Arbeitsschluss zufällig Frau Mazzega, Sekretärin von Dr. Kurz, sah, dass meine Sekretärin einen Telex-Lochstreifen schrieb, den dann jeweils der Hauswart nach Arbeitsschluss zu billigeren Tarif durchliess. Sie sah den Lochstreifen kurz durch und stellte fest, dass dies nicht das beste Französisch war und korrigierte ihn. Sie wollte mir zeigen, wie man einen richtigen Telex schreibt, aalerdings mit dem Resultat, dass Nuno Româo mich dann nicht mehr verstand.

Ein anderer Vorfall löste bei mir einen Wutanfall aus, und rückblickend finde ich diesen Wutanfall nach wie vor berechtigt: Während einer meiner Abwesenheiten in Portugal über ein Monatsende hinaus hatte Frau Mazzega ohne mein Wissen und ohne mich zu orientieren auf Geheiss von Dr. Kurz meiner Sekretärin kündigen müssen. Meine Sekretärin orientierte mich dann als Erstes nach meiner Rückkehr.

Wenn Dr. Kurz nun immer öfters nicht mehr hinter mir stand, wie er dies in früheren Jahren jeweils getan hatte, und ich solche Affronts entgegen nehmen musste, wurde ich zunehmend demotivierter und ungehaltener, ja ich begann sogar, mich manchmal etwas passiv zu verhalten. Das Ganze begann sich wie eine Spirale zu drehen. Den Herren Neukomm, Holer und Barth, aber auch dem übrigen Kader blieb dieses gestörte Verhältnis zwischen Dr. Kurz und mir natürlich nicht verborgen und sie begannen, an meinem Stuhl zu sägen, ihre Mitarbeiter begannen, sich teilweise offen um meine Anweisungen zu foutieren (Fall Herr Keller!), bis ich mich schlussendlich nur noch für meine direkten Verantwortungs-bereiche Lachen und Portugal voll einsetzte, und die Geschäftsleitung der Gruppe ziemlich fahren liess. Ich machte auch praktisch weder Kommentare zu Monatsabrechnungen noch wie bisher konkrete Vorschläge zu Budget und Abrechnung. Fälschlicherweise dachte ich, Dr. Kurz würde wahrscheinlich bald sehen, wie es abwärts gehe, wenn ich nicht mehr wie bisher die Initiative für den Fortgang des Unternehmens ergriff. Zur Entlastung von Dr. Kurz muss ich noch anfügen, dass der finanzielle Ausstieg der inzwischen wieder verheirateten Witwe Weill aus dem Unternehmen ihm grosse Refinanzierungsprobleme schuf, welche ihn sehr beschäftigten. Aber das waren definitionsgemäss „seine“ Probleme. Meine Probleme lagen auf der operativen Ebene, und ich hätte für die Führung des Unternehmens bei dieser von ihm gewollten Führungsstruktur zwangs­weise seine volle Unterstützung gebraucht, während ich ihm bei seinen Problemen nicht gross hätte helfen können.

Ich wusste vor allem nicht, was eigentlich der ursprüngliche Auslöser für das Zerwürfnis mit Dr. Kurz war, obwohl ich immer wieder das Gespräch mit ihm suchte. Um aus dieser unerfreulichen Situation heraus zu kommen, regte ich zudem an, er solle doch einmal mit Fischli oder mit Jack Brunnschweiler reden, um vielleicht den Grund herauszufinden. Er hatte grosse Bedenken, denn das könne für mich ganz schlecht gehen. Ich entgegnete ihm, das könne er gerne mein Problem sein lassen. Die Gespräche fanden dann statt. Er äusserte dann aber gegenüber Fischli und Jack teilweise völlig absurde Vorwürfe und eigenartige Schuldzuweisungen, wie beispielsweise, ich sei pflegmatisch, überheblich etc. Fischli hatte sich mit ihm zu einem Mittagessen im Hecht in Hurden verabredet, einem Ort mit den besten Erinnerungen an gemeinsame Stunden und animierte Gespräche mit ihm. Sie wurde anlässlich dieses Treffens sehr traurig und brachte keinen Bissen herunter. Jack hatte von mir schon viel von Dr. Kurz gehört, während Jahren ja nur Gutes, hatte aber noch nie mit ihm gesprochen. Er fand das Gespräch sehr eigenartig und hatte nachher gar keine grosse Meinung von ihm. So halfen auch diese Gespräche unserer notwendigen Zusammenarbeit nichts. 

In Portugal hätten wir jetzt gerne die Maschinen für die Montage gekauft, was aber von der Gruppenleitung nicht bewilligt wurde. Danach griffen wir zu einem Trick: Auf der Suche nach verkäuflichen Schuhen entwickelten Eschmann und ich in Portugal einen einfachen, warm gefütterten, preislich hoch interessanten Damen- Winterstiefel. Die ersten zwei Musterpaare zwickte der Modelleur eigenhändig von Hand mit der Zwickzange, aber trotzdem so, dass man den Schuh am Growela Stand der Düsseldorfer Messe GDS durchaus probieren konnte. Wir wollten diesen Schuh verkaufen, um damit den Kauf der notwendigen Occasionsmaschinen zu erzwingen. Und wir hatten Glück. Ein norwegischer Schuhgrosshändler, finanziell zwar nicht über alle Zweifel erhaben, interessierte sich für 20'000 paar Stiefel in vier Farben. Wir rechneten aus, dass wir allein mit dem Deckungsbeitrag dieses einen Auftrages die dazu notwendigen Zwickerei-Maschinen bereits bezahlen konnten. Und dies konnte uns niemand mit plausiblen Gründen abschlagen. Dieser Verkauf und die Beschaffung der Maschinen war meine letzte erwähnenswerte Leistung in der Growela.
 
Nach der GDS musste ich in den Wiederholungskurs einrücken. Nach meiner Rückkehr am Samstag 27. November 1976 rief mich Dr. Kurz an und bestellte mich zu einer Besprechung für Sonntag Morgen um 11’00 Uhr zu sich. Das war an und für sich nichts ungewöhnliches, denn wir hatten solche Besprechungenoft über das Wochenende. An diesem Tag sagte ich aber beim Gehen zu Fischli: „Entweder kommt jetzt alles wieder gut, oder er wirft mich heraus“. Ich hatte ganz klar eine Vorahnung. Dr. Kurz kündigte mir! Er tat dies zwar grosszügig, mit der vertraglichen Kündigungsfrist sowie dem damals noch nicht notwendigerweise voll auszu­be­zah­lenden Firmenbeitrag der Pensionskasse. Dr. Kurz meinte, wahrscheinlich werde er diesen Tag wohl einmal verwünschen, aber er müsse jetzt einfach eine klare Situation haben. Diese unerfreuliche menschliche Atmosphäre könne er nicht weiter ertragen. Er habe sich für die Anderen und gegen mich entschieden.
 
Ich erwiderte ihm sofort, dass er eines Tages bemerken werde, dass ich höchst wahrscheinlich von allen den Herren und Damen der Growela Führung sein bester Freund gewesen wäre. Um Portugal hätte ich am wenigsten Angst, obwohl Nuno Româo ein grauenhafter Patriarch war. In Lachen sei in meinen Augen ausser ihm aber niemand da, welcher die Gruppe führen könne. Paul Holer sei sicher ein hervorragender zweiter Mann, aber kein Firmenchef. Niemand kenne die Growela so wie ich, nicht nur die Abläufe, die Stärken und Schwächen der Mitarbeiter, die Führungsstruktur, Reglemente usw., ja ich würde sogar noch die Eisen-Armierung in den Betonpfeilern und –wänden kennen.
 
Und dann sagte ich ihm eigentlich noch sehr gern, dass er sich während der 6 monatigen Kündigungszeit noch zwei Monate von meinem Gehalt sparen könne, denn ich hätte gestern nochmals einen Vorschlag zur Weiterausbildung zum Abteilungskommandanten erhalten, dem ich jetzt ja ungeniert zustimmen könne:  Ich werde deshalb im Frühling für je einen Monat in die Zentralschule IIA und zum Abverdienen einrücken. (Einen ersten Vorschlag hatte ich 1971 in Absprache mit ihm aus Rücksicht auf die Firma abgelehnt),

Martin Studach war inzwischen bereits nicht mehr bei der Growela. Mir hatte er gesagt, dass er das Gefühl habe, ein Ingenieur in dieser kleinen Firma sei genug. Für Dr. Kurz war natürlich ich schuld für seinen Austritt, was meines Erachtens unfair war. Emil Steiner und die Mitarbeiter der Buchhaltung (ohne Eduard Barth!) sowie vor allem die Mitarbeiter in der Fabrikation bedauerten mein Ausscheiden sehr, die verkaufs­ausgerichteten Dienste zwangweise weniger, höchstens noch im Lager und in der Spedition, wo ich ablaufmässig immer noch oft Hand angelegt hatte. Erstaunt war ich sehr über Nuno Româos Haltung meinem Ausscheiden gegenüber. Ich hatte ihn telefonisch orientiert, denn ich wollte es ihm selber sagen, ihm, den ich immer mehr als Freund denn als Mitarbeiter angesehen und auch entsprechend behandelt hatte, und mit dem ich in den letzten Jahren nicht nur geschäftlich sondern auch privat so viele Stunden gemeinsam verbracht hatte. Aber auch er war ein nüchterner Egoist, denn nun gab es einen weniger zwischen ihm und dem Besitzer. Obwohl er mir eigentlich sehr viel zu verdanken hatte, verhielt er sich anlässlich meines letzten Portugalbesuches äusserst reserviert, was ich damals als grosse, menschliche Enttäuschung empfand.

Ich bereitete nun einerseits meinen Abgang vor: Aktenübergaben, Fertigstellen von Dokumentationen zu eingeführten Systemen, Instruktion von Leuten an Führungs­in­strumenten, welche ich eingeführt hatte, usw.
 
Andrerseits coachte mich mein Freund Jack Brunnschweiler (als ehemaliger Personalchef Rieter Winterthur) bei der Evaluation für einen neuen Job. Und zwar reichte das Spektrum der Bewerbungen vom Direktor der Militärflugplätze, Chef Kreis IV der SBB, einen Chefposten beim Bundesamt für Arbeit, Planungschef bei Geilinger Engineering in Winterthur, bei der Swissair bei meinem früheren Chef, welcher inzwischen Departementsleiter war bis zum Marketingplaner bei der C.F. BALLY Holding. Mit Akribie wurden die verschiedenen Stellen evaluiert, und am Schluss blieben Geilinger und BALLY. Bei Geilinger wäre ich aber noch mehr in der Welt unterwegs gewesen als bei Growela, und unsere Töchter hatten nach unserer Meinung während der Gymi-Zeit einen Vater wahrscheinlich notwendiger denn je. Ich entschied mich deshalb für BALLY im Marketing in Zürich, obwohl Walter Kinzelbach mich gerne für die Fabrikation in Schönenwerd gehabt hätte. BALLY war daran interessiert, dass ich so schnell als möglich kommen könnte. Dem stand auch André Kurz nicht im Weg.

Am Freitag, 13. Februar 1977 trat ich zum Spiessrutenlauf durch die GROWELA an, um mich zu verabschieden. Es war ein schlimmer Nachmittag, mit dem dauernden, gleichen Würgen in der Kehle und den kaum zurückzuhaltenden Tränen in den Augen, ähnlich wie vor einem Jahr auf der Reise nach Portugal. Kunststück, bei so vielen wunderbaren Mitarbeitern, die ich teilweise während 15 Jahren gefordert und gefördert hatte. Alles in allem war es während 12 bis 13 Jahren eine hoch interessante und lehrreiche Zeit gewesen, fast zu schön, um wahr zu sein. Die letzten zwei Jahre musste ich viel leiden, denn ich wäre noch zu gerne bereit und auch fähig gewesen, wesentlich mehr aus dem Unternehmen zu machen, als dann damit tatsächlich geschah (Ist dies allenfalls etwas anmassend?). Schade, ich hatte mich lange als "Kron­­prinz" von André Kurz gefühlt und dementsprechend auch wesentlich überdurchschnittlich hart und kompromisslos gearbeitet; er liess mich aber nicht "König" werden! Es war damals für ihn die einfachste Lösung, Ruhe zu haben, indem er mich entliess. Es sollte aber das langsame Ende der GROWELA bedeuten!

In Lachen ging es nach meinem Abgang drunter und drüber: Holer wurde mein Nachfolger, kündigte jedoch nach einigen Monaten und machte sich als Schuhvertreter selbständig. Ein danach von Dr. Kurz eingesetztes Triumphirat Reichmuth-Ziegler-Küng war auch nicht erfolgreich. Dr. Kurz wollte mich 1985 unbedingt wieder zurückholen. Ich sah aber damals als Direktor bei BALLY keinen Anlass, meine Stelle für viel Unsicherheit aufzugeben. Auch dachte ich fest, man wirft mich nur einmal hinaus!

Rückblickend war Dr. Kurz m.E. ein guter Motivator; er war aber zu wenig Unternehmer, denn er war oft wankelmütig, zaudernd und glaubte zu oft den falschen Leuten! Zum Schluss leitete sein Neffe Christof Zuber die Firma zwei Jahre lang. Die kleine Firma wurde aber den Ambitionen seine Neffen nicht gerecht und er glaubte, Growela jeweils am Wochenende und unter dem Bein hindurch führen zu können. Er nahm eine Stelle als CEO bei der Papierfabrik Attisholz an. Nach weiteren zwei Jahren liess er die Firma GROWELA in der Schweiz Konkurs gehen, womit das Lebenswerk seines Onkels aufhörte zu existieren.

 

Schön war es, später dann zu erfahren,

dass „meine“ erste portugiesische Korksohlenfabrik in Lousada später der Growela Portuguesa vom Staat als derzeitigem Besitzer wieder geschenkt worden war, damit sie nicht geschlossen werden musste und die Leute ihre Beschäftigung behalten konnten, und

dass „meine“ zweite portugiesische Fabrik später tatsächlich nach meinen ursprünglichen Ausbauplänen flächenmässig verdoppelt worden und dass auch noch die dritte Ausbauphase nach meinen Plänen erfolgt war.

Traurig war es, noch später dann zu erfahren,

dass auch Growela Portuguesa unter Nuno Româo ebenfalls Konkurs gegangen war. Der Name GROWELA existiert damit nicht mehr.

 

Übrigens, als ich 1986 zum Direktionspräsidenten von BALLY Arola AG ernannt wor­den war, sagte mir Dr. Kurz einmal, dass BALLY AROLA AG mit Abstand der grösste Growela-Kunde sei. Ich hätte mich jetzt ja etwas rächen können, aber ….

Eigenartig: Trotz meinem Rauswurf blieb die gegenseitige Zuneigung mit Dr. Kurz eigentlich erhalten, denn als er schon recht bald nach meinem Ausscheiden wieder den Kontakt mit uns suchte, waren Fischli und ich am Anfang schon sehr zurück-haltend; zu sehr hatte er uns verletzt. Später wurde die Freundschaft aber wieder intakt wie eh und je. Myrtha und André gehörten ab ca. 1982 zu unseren besten Freunden. Meine übrigen Freunde (vor allem Jack Brunnschweiler) konnten Fischli und mich diesbezüglich nie begreifen, nach all dem, was passiert war. Unserer Ansicht nach waren es aber die 12 traumhaft guten Jahre eindeutig wert, die zwei weniger schönen zu vergessen! War diese Freundschaft zwischen Dr. Kurz und mir allenfalls tatsächlich so etwas wie eine Symbiose, wie sich Hans Ruedi Bachmann, Marketingchef von BALLY einmal in einem Gespräch ausdrückte?

André verbrachte seine letzten Jahre in der Sonnmatt in Wetzikon, einer Station für Demenzkranke. Wir besuchten ihn dort noch hie und da. Es war aber sehr traurig mitansehen zu müssen, wie ein so belesener, hochintelligenter Mann langsam erlosch!

Als Fischli und ich im Jahr 2010 auf unserer grossen Südsee-Kreuzfahrt waren, sandte mir Jack Brunnschweiler per E-Mail die Todesanzeige von André Kurz. Ich verfasste daraufhin folgende Briefe, welche ich per E-Mail Lexi sandte, mit der Bitte, sie auszudrucken und an Myrtha Kurz zu senden:

 

Erster Brief:

Frau

Dr. Myrtha Kurz-Kehrer

Lützelhof

8627 Grüningen ZH

 

Auf hoher See, 7. Oktober 2010 Kurz André Trauer

 

Liebe Myrtha,

mein Freund Jack Brunnschweiler hat mir heute André’s Todesanzeige aus der NZZ kopiert und per E-Mail aufs Schiff gesandt. Fischli und ich befinden uns seit dem 21. September auf einer Kreuzfahrt von San Francisco über Hawaii, französisch Polynesien (Tahiti etc.), Samoa, den Fidschi Inseln nach Neu Seeland und Australien. Fischli und ich hätten auch gerne von André Abschied genommen, zählten wir uns doch auch ein bisschen zum Freundeskreis. Ich versuchte Dich vom Schiff aus telefonisch zu erreichen, was aber nicht gelang. Deshalb maile ich diesen Brief Lexi, welche das Mail ausdruckt und Dir sendet.

Gestatte mir auch, dass wir uns aus der Ferne schriftlich von André verabschieden. Ich bin eben lange an der Railing gestanden und habe ins unendlich weite, nächtliche Meer hinaus geschaut und über mein Verhältnis zu André nachgedacht. In Gedanken habe ich dabei den beiliegenden, persönlichen Abschiedbrief an André entworfen, den ich nun Dir sende.

Wir möchten Dir und der Familie herzlich kondolieren und unser tiefstes Beileid aussprechen. Dass wir André in bester Erinnerung behalten werden, muss ich nicht besonders erwähnen, war er doch eine Person, welche unser Leben sehr wesentlich beeinflusste, und der wir sehr viel verdanken.

Liebe Myrtha, wir wünschen Dir viel Mut und Kraft in diesen schweren Tagen. Wir werden uns nach unserer Rückkehr anfangs November bei Dir melden.

Sehr herzlich,

sig. Fischli und Hans Ruedi

 

Zweiter Brief:

Herrn

Dr. André Kurz

Lützelhof

8627 Grüningen ZH

 

Auf hoher See, 10. November 2017 Kurz André Trauer

Lieber André,

wir haben vorgestern von Bora Bora aus Myrtha eine Ansichtskarte dieser exotischen Südseelandschaft gesandt und sie gebeten, Dich grüssen zu lassen. Als wir damals an Euch dachten, warst Du also bereits nicht mehr da. Mein Freund Brunn­schweiler sandte uns heute per E-Mail Deine Todesanzeige, was uns sehr traurig machte. Für Dich, vor allem für Myrtha ist es aber auch eine Erlösung, denn am Schluss war wohl Dein Körper noch da, aber Dein Geist war bereits in einer anderen Welt.

Lieber André, wir möchten Dir nochmals von ganzem Herzen danken für all das, was Du uns während meiner Zeit bei der Growela auf unseren Lebensweg mitgegeben hast. Beruflich hast Du mich lange fast wie einen eigenen Sohn gefordert und gefördert, Du hast mir übergrosses Vertrauen geschenkt, welches ich durch übergrossen Einsatz und permanente Weiterbildung zu rechtfertigen suchte. Privat hast Du uns kulturell eine Welt erschlossen, welche Fischli und ich im Elternhaus nicht mitbekommen haben, wobei ich denke, dass es Dir auch etwas Freude bereitete, dass wir Deinen Rat und Deine Empfehlungen so gierig aufgenommen haben.

Du warst allerdings auch für die bitterste Zeit in unserem Leben verantwortlich, als Du mich aus der Growela hinausgeworfen hast. Du hattest mich jahrelang gelernt, unternehmerisch zu denken, und plötzlich war ich dank Dir mit der übernommenen Verantwortung vor allem in Portugal gewachsen und flügge geworden und vertrat eine sehr klare, eigene Meinung. Du wolltest damals nicht auf mich hören, die Herren Neukomm, Holer und Barth waren da einfacher zu führen und weniger hartnäckig! Ich weiss, Du hattest damals auch noch arge Finanzsorgen nach dem Ausstieg der wieder verheirateten Yvonne Weill aus der Firma, und da kam dieser Polysüchel, und wollte die Firmen in der Schweiz, in Italien Deutschland und Portugal viel besser koordinieren und straffer führen, um von Synergien zu profitieren. Das hätte für Dich sicher Schwierigkeiten mit den anderen Herren bedeutet. Dieses Problem hast Du kurzfristig sehr einfach gelöst, indem Du mich als Unruheherd entferntest. Langfristig war es leider keine Lösung, wie Du es bitter erfahren musstest. Ich habe Dir damals unter Tränen beim Abschied gesagt, dass ich sicher wäre, dass ich von allen Deinen Mitarbeitern Dein bester Freund gewesen sei.

Ich denke, Du hast relativ bald eingesehen, dass mein Rauswurf eine sehr kurzfristige Problemlösung gewesen war und wieder den Kontakt mit uns gesucht. Wir haben uns glücklicherweise nach einiger Zeit auch wieder gefunden. Daraus entsprang eine wunderbare und tiefe Freundschaft, die bis heute Bestand hatte. Wir haben dann nie mehr über früher gesprochen, und das war gut so! Ich denke, dass es Dir auch Freude bereitete, dass Bally Arola unter meiner Führung in den späten 80er Jahren der grösste Kunde von Growela wurde -  Ich hätte mich ja auch ein bisschen „rächen“ können… ! Bekannte von uns konnten nie begreifen, dass, nach all dem was passiert war, wir wieder so engen Kontakt hatten. Ich denke aber, dass das Positive in unserer Beziehung das Negative bei Weitem überwog.

Lieber André, Du hast Deinen Abgang in Raten vollzogen, denn, wie ich einleitend sagte, am Schluss war wohl Dein Körper noch da, aber Dein Geist war bereits in einer anderen Welt. Jetzt ist es einfach endgültig, und es bleibt uns nicht einmal mehr Dein überraschtes Lächeln, wenn wir kamen.

Du wirst uns fehlen, denn Du warst eine wichtige Person in unserem Leben. Vielleicht auf Wiedersehen im Jenseits, wenn es denn eines gibt?

Adjeu,

 

sehr herzlich,

sig. Fischli und Hans Rued
Beruf 3: Erlebnisse in Portugal 1968-1977
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11.  Beruf 3: Erlebnisse in Portugal 1968-1977

Auszug aus einem Bericht über meine berufliche Tätigkeit bei der Growela Schuh AG, 8853 Lachen, den ich als Reiseleiter meiner Gruppe des Kulturkreis Zollikon als Einstimmung auf eine Portugalreise abgab!


Einleitung

.... Infolge des nach 1965 in der schweizerischen Schuhindustrie sich abzeichnenden Arbeitskräftemangels hatte mein Arbeitgeber Growela Schuh AG (damals ein aufstrebendes, internationales Schuhunternehmen mit Fabrikations- und Handelstätigkeit) als Fabrikationsstrategie beschlossen, sich langfristig in der Schweiz auf Création, Modellentwurf und Modellherstellung, sowie auf die Fertigmontage von Schuhoberteilen zu beschränken. Die Fertigschäfte sollten einerseits weiterhin aus der Tschechoslowakei kommen, andrerseits aber in einer eigenen Fabrik in einem europäischen Schwellenland hergestellt werden. Aufgrund einer im Frühjahr 1968 von uns durchgeführten Studie hatte Portugal als Schwellenland von allen europäischen Ländern die grössten Chancen für den erfolgreichen Betrieb einer Schuhfabrik.

Zur genaueren Abklärung der Verhältnisse in Portugal schickte mich im Sommer 1968 der Besitzer der Growela, Dr. André Kurz, zusammen mit meiner Frau auf eine kombinierte Ferien- und Geschäftsreise nach Nordportugal. Ich bekam einige Kontaktadressen von Leuten der dortigen Schuhindustrie mit auf den Weg, und wir sollten dann in Porto gegen Ende der Reise auch mit ihm zusammentreffen.

Erste Reiseerlebnisse

Meine Frau und ich reisten damals mit unserem himmelblauen VW-Käfer mit „ciel ouvert“ am ersten Tag auf der Route über Genf - Lyon – Clermont-Ferrand durch das Massif Central nach Brive. Am zweiten Tag fuhren wir über Bordeaux - San Sebastian - Burgos nach Valladolid, dann aber nicht auf dem „normalen“ Weg über Salamanca – Ciudad Rodrigo – Viseu nach Porto, sondern auf Nebenstrassen von Valladolid nach Nordwesten über Zamora bis nach Bragança, und dann am dritten Tag durch das nordportugiesische Bergland Tras os Montes über Vila Real nach Oporto. Kurz vor Bragança überquerten wir die portugiesische Grenze, und ich muss unbedingt den allerersten Eindruck auf portugiesischem Boden schildern, als wir auf einer zwar guten, aber kaum befahrenen Strasse, mutterseelenallein unterwegs waren, denn dieser erste Eindruck war für unser damaliges Verständnis von Portugal absolut richtungsweisend.

Es war nachmittags gegen 4 Uhr und so gegen 40 Grad heiss. Wiesen und Felder waren von der Sonne braun gebrannt. Nach der Grenzkontrolle erlebten wir auf der menschenleeren Strasse ein unvergessliches Bild: In der brütenden Nachmittagshitze kam uns ein ganz in schwarz gekleideter, älterer Mann entgegen, rittlings auf einem Esel sitzend und den Schlaf des Gerechten schlafend. Wir glaubten, das Schnarchen hören zu müssen. Hinter dem Esel schritt in aufrechter, unerhört stolzer Haltung eine ebenfalls vollkommen in schwarz gekleidete, ältere Frau einher, einen riesigen, vollen Sack auf dem Kopf balancierend, und führte den Esel mit dem schlafenden Mann nach Hause... .

 Wir nahmen damals an, dass es Kartoffeln sein mussten. Wieder Zuhause in der Schweiz drohte ich später öfters sehr patriarchalisch meinen drei Frauen, im Landi ebenfalls einen grossen Sack Kartoffeln für meine Frau, und zwei kleine Säcke für unsere Mädchen zu kaufen, die sie nach Hause tragen müssten, während ich per Auto hinterher fahren würde!
 
Noch mehr unvergessliche, erste Eindrücke nahmen wir von dieser allerersten Reise in Portugal mit:
  • In Bragança, wo wir nach diesem Hitzetag übernachteten, wollten wir abends nach dem Essen an einem Tisch auf der Strasse noch etwas trinken. Hier wurde uns an der von der Sonne immer noch ganz warmen Hauswand zum ersten Mal ein kühler „Vino verde“ serviert, diese leicht prickelnde portugiesische Weisswein-Speziali­tät, die es sonst meines Wissens nirgends auf der ganzen Welt gibt.
  • Auf der Strecke von Bragança über Vila Real nach Porto kreuzt die Strasse unzählige Male eine Bahnlinie. Darauf fuhren Dampfzüge, die bei uns damals sofort ins Museum gewandert oder unter Schutz gestellt worden wären! An vielen Bahnübergängen sahen wir immer wieder das gleiche Prozedere: Bevor ein Zug kam, trat aus einem Bahnwärterhäuschen ein nicht uniformierter Bähnler oder eine Bähnlerin, wahrscheinlich seine Frau, auf die Strasse, mit einer roten Fahne und einer umgehängten, seltsamen grünen Botanisier-Büchse und hielt den wenigen Verkehr an. Bei der Zugsdurchfahrt schwenkte sie oder er wie zur Begrüssung die Fahne, um dann nachher, ebenfalls per Fahne, die Strasse wieder frei zu geben und im Bahnwärter-Kabäuschen zu verschwinden! Wir wollten eigentlich immer wissen, was sich in der umgehängten Dose befand, haben es aber nie herausgefunden.
  • Auf der Fahrt von Vila Real nach Porto, das, wie wir ja wussten, an der Douro­mündung am Meer liegt, dachten wir immer, dass wir nach dem nächsten Hügelzug oder der nächsten Bergkette sicher das Meer sehen müssten. Wenn wir dann aber endlich auf dem Kulminationspunkt ankamen, sahen wir nur eine Hochebene und/oder eine nächste Bergkette, und dann noch eine, und noch eine... , nur nie das Meer. Einen ganzen Tag lang ging das so weiter, auf relativ schmalen Passstrassen, die sich durch eine ausserordentlich gebirgige und waldreiche Landschaft schlängelten. Erst gegen abend waren wir dann plötzlich ohne optische Vorankündigung sehr unerwartet in Porto und am Atlantik.
  • Am Abend des 1. August, den wir in einem Hotel direkt am Meer in Ofir bei Esposende verbrachten, hatten im Speisesaal zwei Tische weiter von uns der damalige Bundesrat Schaffner und seine Frau für das Nachtessen Platz genommen. Beim Hinausgehen stellten wir uns kurz vor und wünschten ihm einen schönen Abend, so ganz ohne Bundesfeierrede! Wir trafen Schaffners am anderen Morgen nochmals bei der Abreise, wobei er uns gute Ratschläge für die Routenwahl der Heimreise gab, da er scheinbar schon mehrmals per Auto nach Portugal in die Ferien gereist war.

Unsere erste Firma in Portugal, 1968 - 1972

Nach dieser ersten Portugalreise von 1968 war Growela Schuh AG dann tatsächlich ein Joint Venture mit der Firma José Rodrigues eingegangen, einer Zulieferfirma für die Schuhindustrie, mit Schuhmaschinen und Rohmaterialien im Angebot. Die Firma hatte ihren Sitz in Vila Nova da Gaia, der Nachbarstadt von Porto am anderen Ufer des Douro, mit eleganten, hohen, teilweise zweistöckigen Brücken mit Porto verbunden. Eigentlich wollten wir ursprünglich in diesem Joint Venture gemeinsam eine Damenschuhfabrik für den Export aufbauen, benutzten dann aber die Gunst der Stunde mit der aktuellen Schuhmode, indem wir unsere Zusammenarbeit mit einer Fabrik zur Herstellung von Korksohlen begannen. Damit konnten wir für den Start des Unternehmens jedes modische Risiko vermeiden, da dieses durch die Schuhfabriken getragen wurde, welche jeweils bei uns die Korksohlen bestellten. In diesem jungen Unternehmen sollte ich seitens des schweizerischen Partners für die Technik und die Fabrikation verantwortlich sein, während unser portugiesischer Partner sich um Verkauf, Einkauf und Administration kümmern wollte.

Meine in bisher acht Jahren in der Schuhindustrie gewonnene, industrielle Erfahrung erlitt in Portugal allerdings einen gewaltigen Schock: Das Land war in den 60er Jahren wirklich noch ein richtiges Schwellenland und wurde oft als das Armenhaus Europas bezeichnet. Ich konnte dies nun plötzlich von ganz nah miterleben und musste feststellen, warum man dies sagte: Wenn wir damals in der Schweiz so wie hier bei unserem Partner gearbeitet hätten, wären wir sofort Konkurs gegangen. Dass dies hier nicht der Fall war, hatte damit zu tun, dass die Löhne in Portugal im Vergleich zu uns viel niedriger waren: Ein Arbeiter verdiente damals in Portugal pro Tag etwa soviel wie bei uns ein Arbeiter pro Stunde, also ca. 8 Mal weniger. Dafür war natürlich alles auch viel billiger. Eines habe ich damals eindrücklich gelernt: Wenn man von Schwellenländern spricht, darf man nie nur vom Stundenlohn sprechen (wie dies die Medien bei uns vielfach tun), sondern man muss diesen Lohn immer ins Verhältnis zu beispielsweise einem Kilo Brot einem Liter Milch, oder zur Miete einer kleinen Wohnung setzen. Dann ist nämlich meistens das Verhältnis wieder sehr ähnlich wie bei uns. Der grosse Unterschied lag damals aber in der Produktivität, und die war im Vergleich zu uns wirklich sehr, sehr tief. Besonders erfolgreich konnte man damals erst sein, wenn es gelang, bei den tiefen, lokalen Löhnen mit unseren weit fortschrittlicheren Arbeitsmethoden und mit neuen Technologien zu arbeiten. Das war es, was mir vorschwebte, und was wir das dann auch mit allen Mitteln anstrebten.
 
Portugal war (und ist es immer noch) der Hauptproduzent von Kork auf der Welt. Niemand von uns allen hatte aber damals schon in der Korkindustrie gearbeitet, ganz zu schweigen in einer Korksohlenfabrik. Wir mussten uns daher mühsam das Know How dazu erwerben. Fabrikbesuche und Reisen nach Italien, zum Teil getarnt als Sohleneinkäufer, brachten uns darin etwas weiter. Irgendwann begannen wir aber einfach einmal mit ersten Versuchen, Korksohlen herzustellen, und zwar in den Räumlichkeiten unseres Joint Venture Partners und Hauptlieferanten José Rodrigues in Vila Nova da Gaia. Das Gebäude, in welchem wir arbeiteten, war ein ehemaliges Portwein-Lagerhaus, wo früher der Portwein hergestellt, gelagert und abgefüllt worden war. Es roch immer noch nach Portwein, und es existierten auch immer noch viele, gemauerte Wein-Tanks, die innen mit Keramikplatten ausgelegt waren. In einigen solcher Tanks hatten wir Öffnungen für Türen gebrochen und daraus fensterlose Büros und Werkstätten für uns gemacht.
 
Im Herbst dieses gleichen Jahres 1968 interessierte sich zufälligerweise Werner Martin junior von der damaligen, gleichnamigen Schuhfabrik in Grabs im Rheintal für eine Anstellung bei Growela in Lachen, da er sich mit seinem Cousin, der mit 51% die Aktienmehrheit der Martin AG besass, überworfen hatte. Dies ergab für Growela die Möglichkeit, dass der Schuhfachmann Werner Martin bereits nach kurzer Einarbeitungszeit in Lachen meinen Posten als Betriebsleiter übernehmen konnte, und ich mich in Portugal vollumfänglich um den Startup der Growela Portuguesa, wie das neue Kind heissen sollte, kümmern konnte. Ich war mit meinem Chef André Kurz einig geworden, dass meine Frau und ich mit den Kindern für mindestens ein Jahr nach Portugal umziehen wollten, wo ich den neuen Betrieb aufbauen und leiten sollte. Als ich meine Frau davon überzeugt hatte, dass dies für uns jetzt wahrscheinlich die letzte Gelegenheit wäre, endlich ins Ausland zu ziehen, was wir ja eigentlich schon immer gewollt hatten, bekam sie in Anbetracht der Trennung vom eigenen Haus, von der Familie und den Freunden zwar ein kleines Tränli; trotzdem war sie einverstanden.
 
Ich fuhr ab sofort jeweils per Auto in zwei oder drei Tagen nach Porto und nahm jedesmal Umzugsgut mit. Zwei oder drei Tage dauerte die Reise deshalb, weil es damals ausser von Lausanne nach Genf und im Rhonetal noch keine weiteren Autobahnen gab! In Porto hatte ich inzwischen für die Familie eine Wohnung gemietet und die Kinder an der deutschen Schule angemeldet. Unser Haus in Hombrechtikon, wo wir damals wohnten, hatten wir an der Uni und an der ETH zur Vermietung an Gastprofessoren ausgeschrieben, und meine Frau zeigte es mehreren potentiellen Mietern, die sich glücklicherweise, wie sich später herausstellte, nicht sofort entschliessen konnten.
 
Weil man Werner Martin nach halbjähriger Abwesenheit die Rückkehr in den Familienbetrieb mit der Aktienmehrheit belohnte, entschloss sich dieser, wieder in den elterlichen Betrieb zurückzukehren. Ich weilte gerade in Portugal, und erinnere mich nur zu gut an den Telefonanruf von André Kurz, wie er mich über den Weggang von Werner Martin orientierte, und mir aber auch mitteilte, dass er mich damit für die Führung des Mutterhauses in der Schweiz bräuchte. Das zu hören war zwar sehr schön, aber unser geplanter Portugalaufenthalt musste deshalb wieder sehr abrupt abgeblasen werden. Bei meiner Frau löste dieser neue Entscheid wieder ein Tränli aus, so sehr hatten wir uns bereits mit dem Auslandaufenthalt auseinander gesetzt, ja wir hatten in Gedanken praktisch bereits in Portugal gelebt.
 
In der Folge pendelte ich dann während über 8 Jahren zwischen Portugal und der Schweiz hin und her, mit ungefähr 40% meiner Arbeitszeit in Portugal und 60% in der Schweiz. Rückblickend weiss ich nicht, was mich mehr begeisterte, die Aufgabe als Vorsitzender der Geschäftsleitung in der Schweiz, oder die Herausforderung in Portugal. Die Arbeit in der Schweiz war Feinarbeit in einer gut funktionierenden Organisation. Ich verglich es mit Jäten in einem gepflegten Garten. Die Arbeit in Portugal jedoch war etwas, das von Null auf neu geschaffen werden musste, ähnlich wie Wald roden oder mit dem grossen Pflug das Land bearbeiten. Hier konnte ich viel mehr bewegen! Auf alle Fälle machte die Arbeit hier wie dort Spass und ich konnte mich voll mit meinen Aufgaben identifizieren, umso mehr, als mir meine Frau den Rücken frei schaufelte, so dass ich 120% leisten konnte. Es gab übrigens damals noch keine Direktflüge von Zürich nach Porto. Immer musste man müh­sam über Lissabon oder Paris reisen und verlor viel Zeit. Deshalb benutzte ich oft für die Reisen Freitag oder Samstag, um einerseits solange wie möglich im einen Betrieb bleiben zu können und andrerseits, um für den Arbeitsbeginn am anderen Ort am Montagmorgen bereits voll informiert und aufdatiert zu sein. Verwandte und Freunde konnten diesen Einsatz nur schwer verstehen. Mein Freund Jack Brunnschweiler meinte einmal dazu, dass meine Frau als allein erziehende Mutter einen wunderbaren Job mache!
 
Ich hatte aber neben der erst langsam in den Griff zu bekommenden Technik noch ein weiteres Problem: So sehr ich die Freundlichkeit und die handwerkliche Geschicklichkeit der Portugiesen schätzen lernte, so litt ich anfänglich unter der weit verbreiteten, portugiesischen Mentalität einer gewissen Unzuverlässigkeit. Dies tönt jetzt sehr hart, aber es war für mich damals etwas ganz Neues! Etwas, das man mit jemandem vereinbart hatte, war doch auch zu halten. Diese Unzuverlässigkeit und Unpünktlichkeit brachte mich immer wieder in Rage und ich konnte mich einfach nicht daran gewöhnen. Ich meine, es geschah in den wenigsten Fällen aus bösem Willen, aber man wollte zuvorkommend und freundlich sein, und so wurde meistens viel zu viel versprochen. Oft waren die angegebenen Termine oder das Versprochene gar nicht möglich. Und um seine Wichtigkeit herauszustreichen, kam damals ein Portugiese fast grundsätzlich zu spät zu Sitzungen und Besprechungen, aber leider ohne weiteres auch an private Verabredungen.
 
Das war der Grund, dass ich mich gezwungen sah, für gewisse Kaderstellen lokalen Mitarbeitern schweizerische Fachleute vorzuziehen, obwohl mir bewusst war, dadurch die Unzuverlässigkeit einfach eine Hierarchiestufe weiter nach unten delegiert zu haben, denn auszumerzen war sie nur sehr langsam und mit einem unverhältnismässig grossen Erziehungsaufwand. So hatte ich aus der Schweiz ein junges Ehepaar Jürg und Vreny Neukomm für die Administration zur Verfügung, beides kaufmännische Angestellte, die aber weder von Führung noch von Schuhen etwas verstanden. Mit der Modellabteilung basierten wir am Anfang auf unserem portugiesischen Partner. Da diese Unterstützung durch die Firma Rodrigues für mich absolut ungenügend und auch qualitativ fraglich war, engagierte ich für die Technik einen jungen Schuhmodelleur, Ernst Fässler, der früher in Lachen gearbeitet hatte.
 
Zusammen mit einem schweizerischen Textilunternehmer kauften wir für einen Fabrikneubau „Bauland“ im Dorf Lousada in der Nähe von Penafiel, eine gute Autostunde im Landesinneren östlich von Porto, und ich freute mich riesig auf die Planung und die Realisierung dieser neuen Fabrik, denn darin hatte ich ja Erfahrung. Mit José Bragança hatte unser portugiesischer Partner einen tüchtigen, lokalen Architekten und Freund zur Hand, mit welchem ich bei der Planung sehr gut zusammenarbeitete. Er war von meiner Erfahrung in der Planung von Industriebauten begeistert und hörte auf mich, ausser in ästhetischen Fragen, wo er eine eigene, etwas spezielle Auffassung vertrat. Ich sagte oben „Bauland“. Es handelte sich aber beim Grund­stück um einen Mischwald aus Eukalyptus und Pinien, im Unterholz mit viel Buschwerk. Ich rieche immer noch den wunderbaren Duft dieser Bäume und Sträucher in der Mittagshitze des Tages.
 
Im Dorf Lousada konnten wir bis zur Bauvollendung in einem ehemaligen Spital Räume mieten, welche wir behelfsmässig zu Büros und Arbeitsstätten herrichteten, vor allem für die Einarbeitung von Personal. Im Keller mussten wir den Boden absenken, um auch dort Arbeitsplätze einzurichten. Mit dem Einbau einer Staubabsaugung an den Fräsmaschinen, um den alles durchdringenden Korkstaub in den Griff zu bekommen, und einer Absaugung der gesundheitsschädigenden Klebstoffdämpfe an gewissen Arbeitsplätzen, hatten wir dieses Provisorium fast in eine richtige Fabrik umgewandelt. Der Umzug des noch kleinen Betriebes von Vila Nova da Gaia nach Lousada brachte für mich auch die notwendige Distanz zu unserem portugiesischen Partner. Noch mehr aber brachte es mir zum Bewusstsein, dass wir uns erstens in einem Schwellenland und zweitens jetzt wirklich sehr weit weg von der gewohnten Zivilisation befanden: Wenn man geschäftlich oder privat etwas aus der Stadt brauchte, musste man mindestens einen halben Tag einsetzen, bis man wieder zurück am Arbeitsplatz oder in der Wohnung in Lousada war.
 
In einer landschaftlich wunderbaren, absolut archaischen Umgebung, mit Einwohnern, die praktisch alle Selbstversorger waren, weit ab von Stadt, Zivilisation und Kultur, begannen wir also mit jungen, schulentlassenen Mädchen ab 14 Jahren zu arbeiten, die bisher nur zur Schule gegangen waren oder nur Feld- und Hausarbeit geleistet hatten. Sie waren bei ihrer Arbeit in der Fabrik unwahrscheinlich glücklich, ja schein­bar so glücklich, dass sie gemeinsam oft stundenlang zur Arbeit Lieder sangen. Ich stellte mir immer vor, was für triste Gesichter die Leute in der Schweizer Fabrik bei der Arbeit als notwendigem Übel jeweils schnitten. Schwerere Sachen trugen die Mädchen auf dem Kopf, immer mit jener aufrechten und stolzen Haltung, die uns schon am ersten Tag in Portugal bei der Frau mit dem schlafenden Mann auf dem Esel und dem Kartoffelsack auf dem Kopf aufgefallen war. Die grösste Strafe für ein Fehlverhalten eines Mädchens war damals, wenn man sie für einen Tag von der Arbeit ausschloss und nach Hause schickte, wo sie ein grosses Donnerwetter erwartete. Eltern und Betriebsleitung halfen sich so gegenseitig bei der Erziehung der Mädchen. Auch hatten wir dem Personal zur Arbeit Ärmelschützen abgegeben. Die jungen Frauen fragten uns, ob sie Ende Woche die Schürzen zum Waschen mit nach Hause nehmen dürften, was wir selbstverständlich bejahten, da sie uns damit auch einen Kostenpunkt abnahmen. Wir hörten dann aber, dass viele der Mädchen am Sonntag mit der frisch gewaschenen und gebügelten Schürze zur Kirche gingen, weil das scheinbar das beste Stück ihrer Garderobe war!
 
Die Gegensätze in Lousada konnten wirklich nicht grösser sein:

Hier unsere jungen Frauen: Sie wohnten normalerweise mit ihrer Familie in kleinen, alleinstehenden Häuschen, die meistens nur aus einem einzigen Raum mit einer Küchenecke bestanden, ohne Wasser und Strom, aber mit einem grossen Garten und ein paar Reben für den eigenen Wein. Diese Häuschen lagen alle verstreut in Wiesen, Wäldern und Hügelzügen der Gegend, weit ab vom nächsten Dorf mit Schule und Kirche.

Dort, auf dem Dorfplatz, die neue, moderne Bar mit Whisky, Cognac, und Billardtisch und dem wohl einzigen Fernsehapparat in der weiteren Gegend, der den ganzen Tag lang lief und eine Menschentraube vor der Tür generierte. Da liefen die gleichen Werbespots wie bei uns in der Schweiz, einfach auf portugiesisch übersetzt, für Schönheitsprodukte, Nescafé, Rasierapparate, Autos etc., alles Sachen, die sich die hiesige Landbevölkerung absolut nicht leisten konnte.

Noch ein Wort zu den kleinen Häuschen, die weit über die Landschaft verstreut lagen: Ich schlug einmal fälschlicherweise Feueralarm, weil ich an einem Wintermorgen, sehr früh von Porto zurück nach Lousada fahrend, aus zwei Dächern solcher Häuschen Rauch austreten sah. Die meisten dieser Häuschen hatten gar keinen Kamin! Der Rauch vom Kochherd trat einfach durch die locker verlegten Dachziegel aus, und ich meinte es brenne. Ich bemerkte erst viel später, dass bei weniger Kälte der Rauch normalerweise auch durch die offen stehenden Fenster und die Türe austrat.
 
Wieviel Leute aber doch in diesen scheinbar wenigen Häuschen der Gegend gesamthaft wohnen, erlebte ich im Zusammenhang mit einem Autounfall, den ich an einem Sonntagabend ziemlich am Anfang der Zeit in Lousada hatte. Ich überstand diesen zwar mit einem kaputten Auto und einer ärgerlichen Polizeibusse, aber glücklicherweise verletzungsfrei. Ich musste in einer sehr einsamen Gegend in extremis einem unverhofft nach links abbiegenden Töfflifahrer mit Anhänger ausweichen, der wie sich später herausstellte betrunken war. Mein Auto mit Schweizer-Kontroll­schildern blieb danach demoliert auf einer halb zerfallenen Trockenmauer am Strassenrand in einem Wald mehr hängen als stehen! Aus den im Wald zerstreuten Häuschen hatte sich blitzartig eine grössere, aufgebrachte Menge zusammengefunden, die sich sehr feindselig gegen mich verhielt, einen scheinbar reichen, fremden Autobesitzer in dieser ärmlichen und einsamen Gegend, und dann auch noch ein Ausländer. Sie hatten auch sofort die Polizei aufgeboten, was mir allerdings recht war. Ich konnte damals noch praktisch kein Wort portugiesisch, und kein Mensch war da, der auch nur ein paar Worte französisch, englisch oder deutsch sprach. Als die Polizei eintraf, musste ich zum Verhör auf die Polizeistation nach Paços de Ferreira, einem kleinen Nest, wobei auch die Polizisten nur portugiesisch sprachen. Glücklicherweise kam dann zufällig auf dem Weg zur Busstation ein einrückender Rekrut am Polizeiposten vorbei, der vor seinem Militärdienst im Kanton Fribourg in der Landwirtschaft gearbeitet hatte und gebrochen ein wenig französisch sprach. Er amtete als Dolmetscher! Bis das Auto dann abgeschleppt, ich schliesslich spät nach Mitternacht per Taxi in meiner Wohnung in Lousada ankam, und bis das Auto dann schlussendlich auch noch repariert war, wäre Stoff für eine eigene Geschichte.
 
In der „Fabrik“ arbeiteten wir mit Maschinen aus Italien, welche Rodrigues dann in seiner Werkstatt kopierte und teilweise auch in Serie nachbaute und in Portugal als Eigenmarke (!) verkaufte. Rodrigues hatte begonnen, mit von Hand gefertigten Mustersohlen grössere Mengen zu verkaufen, bevor wir in meinen Augen genügend Know How hatten. Damit setzte er uns sehr unter Druck, und ich erinnere mich an diese Periode als eine aussergewöhnlich hektische Zeit. Der Aufbau einer eigenen Modellabteilung, das Einrichten der behelfsmässigen Fabrik, das Anlernen von Personal, daneben die Planung und dann der Bau einer neuen Fabrik, alles gleichzeitig, und ohne permanent voll da zu sein, all dies war eine echte Herausforderung. Aber irgendwie schafften wir es.
 
In der Zwischenzeit hatten wir dann auch die Technik gut im Griff. Wir entwickelten neue Methoden, damit wir auch kleinere, billigere Korkbrettchen zur Verklebung der Blöcke brauchen konnten, und entwickelten auch die ehemals in Italien kopierten Fräsmaschinen weiter. Wir waren fähig, innert kürzester Zeit auch grössere Aufträge bis zu 10'000 Paar Sohlen zu fabrizieren. Wir nutzten die Zeit in der behelfmässigen Fabrik im alten Spital gut und waren bei der Planung der neuen Fabrik schon sehr weit. Nach relativ kurzer Zeit erreichten wir mit der Fabrik immerhin Break Even.

 

Noch drei Anekdoten zur Arbeit in unserer behelfsmässigen Fabrik im alten Spital:

  • Eines Abends kam der Modelleur sehr kleinlaut zu mir und meldete, dass bei den 10'000 Paar Sohlen, welche letzte Woche nach Südafrika verschifft worden waren, die falschen Stahlgelenke eingebaut worden seien; die richtigen hätte er jetzt am Lager gefunden, als er die Gelenke für einen anderen Auftrag richten wollte. Die Gelenke der beiden Aufträge seien leider verwechselt worden. Das bedeutete, dass die 10'000 Paar Sohlen unbrauchbar waren, was für unseren kleinen Betrieb im Aufbau eine wirkliche Katastrophe bedeutete. Ich wies den Modelleur an, festzustellen, wo sich die Sendung derzeit befand. Dann wollte ich am anderen Morgen entscheiden, was zu tun sei. Am anderen Morgen, kurz nachdem der Modelleur mir die Nachricht brachte, die Sendung sei auf hoher See, kam ein Telex der Speditionsfirma mit der Meldung, das Schiff mit unserer Sendung habe gebrannt und sei anschliessend gesunken. Die Ladung sei verloren, aber ja versichert. - Manchmal hat man auch Glück! Da wir die richtigen Stahlgelenke ja noch besassen, konnten wir dem Kunden in Südafrika telegrafisch anbieten, innert einiger Tage die Bestellung neu zu fabrizieren und zu verschiffen! Die nun das zweite Mal zu fabrizierenden 10'000 Paar Sohlen linderten auch noch das Problem mit einem damals gerade relativ kleinen Arbeitsvorrat!
  •  Portugal ist ein südliches Land, das damals praktisch keine Heizungen kannte, obwohl es im Winter hier im Norden nachts meistens unter 0 Grad war, mit oft gefährlich vereisten Strassen. Für uns war es deshalb eine Selbstverständlichkeit, nicht nur unsere Wohnzimmer sondern auch die Büros mit damals in Portugal gängigen Butagasöfen etwas aufzuheizen, was aber in der Fabrik bei unseren zwei portugiesischen Schreibkräften gar nicht auf Gegenliebe stiess. Sie sagten, sie würden die Heizung nicht aushalten und krank werden, was dann auch tatsächlich der Fall war. Sie hatten Zuhause selbstverständlich keine Heizung und waren mit unseren geheizten Räumen sehr anfällig für Erkältungen. Wir einigten uns dann auf eine Temperatur von ca. 15 Grad, was ihnen noch knapp erträglich schien. Wir verwöhnten Schweizer arbeiteten dann einfach im Wintermantel und warmgefütterten Après-Ski-Schuhen, ja ich nahm meinen Lammfellmantel mit nach Portugal!.
  •  Wir konnten leider nur die eine Hälfte des Spitals mieten (in der anderen Hälfte hatte man ein Altersheim eingerichtet), und diese eine Hälfte selbstverständlich ohne die im Hochparterre liegende Spitalkappelle, denn eine solche hatte man im nahen Spitalneubau nicht erstellt. Unter dieser, immer noch benutzten Spitalkappelle hatten wir den Kellerboden ebenfalls abgesenkt, um dadurch die notwendige Raumhöhe für einen zusätzlichen Raum zur Teilefertigung zu erhalten. Irgendwann an einem Morgen nach Arbeitsbeginn kam der Vorarbeiter des Untergeschosses ganz aufgeregt ins Betriebsbüro und sprach von Blut, das durch die Decke tropfen würde, worauf wir ihn alle auslachten. Es war dann aber tatsächlich so! Während der letzten Nacht hatte es in der Nähe ein Zugsunglück mit mehreren Toten und Verletzten gegeben. Alle Toten waren während der Nacht in der Spitalkappelle aufgebahrt worden... .
Inzwischen war mit dem Neubau begonnen worden. Soweit notwendig wurde der Wald gerodet, um Platz zu schaffen für die geplante, grosse Shedhalle mit einem an der Stirnseite angebauten Verwaltungstrakt, in dessen Keller Garderoben, Douchen und Toiletten untergebracht waren. Die Bautechnik hier war hochinteressant und entsprach absolut der archaischen Umgebung. Dazu nur ein einziges Beispiel: Es wurde auch bei einem grösseren Fabrikneubau absolut ohne Kran gearbeitet! Zum Betonieren einer Betonwand oder -säule wurden ganz einfach mehrere Leitern an der Schalung angestellt und junge, der Schule entlassene Buben trugen in geflochtenen Körben den auf dem Platz mit einer kleinen Mischmaschine vorbereiteten Beton auf diesen Leitern hoch und leerten ihn in die Schalung. Vibriert wurde dann allerdings wieder normal mit einer ganz modernen Maschine!
 
Mit zunehmender Routine und den neu entwickelten, materialsparenden Fabrikationsmethoden hätten wir auch besser und knapper kalkulieren können, aber die rudimentäre Buchhaltung von Rodrigues lieferte uns die dazu notwendigen Daten nicht. Nun zahlte sich aber aus, dass ich mich während meinen Jahren als Betriebsleiter in Lachen in Buchhaltung und im Rechnungswesen weitergebildet hatte. Ich begann daher, in Lousada eine eigene Betriebsabrechnung einzurichten, denn nur so bekam ich die notwendigen Daten, um zu sehen, wo in der Fabrik Geld verdient und wo es wieder verloren wurde. So bekam ich die Fabrik langsam auch zahlenmässig in den Griff, musste dabei aber überraschenderweise erkennen, dass unser Partner Rodrigues als Hauptlieferant mit genauestens abgestimmten Verrechnungspreisen arbeitete, und diese scheinbar so ansetzte, dass das Betriebsergebnis der gemeinsamen Fabrik nicht negativ und der Schweizer Partner nicht allzu stark erschreckt wurde. Das war also der Grund, dass wir dauernd „nur“ Break Even erreichten. Für José Rodrigues musste die Growela Portuguesa geradezu ein Goldesel ge­wesen sein.
 
Ich hatte inzwischen auch einen alten Bekannten aus meinen ersten Portugaltagen, den Ingenieur Nuno Romão überreden können, in Lousada in der neuen Fabrik die Betriebsleitung zu übernehmen. Er war zwar gelernter Hochschulchemiker, damals aber Direktor der Ausbildungsstätte der portugiesischen Schuhindustrie. Er hatte nach seinem Eintritt recht bald auch schon Schwierigkeiten mit Rodrigues, denn zwei portugiesische Pfauen vertragen sich nebeneinander eher schlecht! (Meine Frau sprach von den beiden immer wieder von „Portuguese Peacocks“!)
 
Wie seinerzeit in der Schweiz beim Bezug des Fabrikneubaus führten wir einen „generalstabsmässig“ geplanten Umzug vom alten Spital in die neue Fabrik an zwei Wochenenden durch: Ohne die Fabrikation stillzulegen, wurde über ein erstes Wochenende die Hälfte der Fabrik gezügelt, und diese Hälfte arbeitete ab Montagmorgen bereits am neuen Ort. Die zweite Hälfte kam am nächsten Wochenende dran, so dass nach einer Woche wieder alle beisammen waren. Es war ein grosses Aufatmen: Endlich hatten wir genügend Platz, eine bessere Staubabsaugung und im Winter eine Zentralheizung und das ganze Jahr hindurch Warmwasser für die Douchen. Für Nuno Romão war der Umzug das eigentliche Gesellenstück, das er unter meiner Leitung durchzog.
 
André Kurz in Lachen war selbstverständlich nicht sehr begeistert, als ich ihm mitteilte, dass unser portugiesischer Partner sehr einseitig von unserer Zusammenarbeit profitierte, und dies, obwohl wir die Hauptlast für das gemeinsame Unternehmen trugen. Nach mehreren Gesprächen mit José Rodrigues stimmte er aber Ende 1971 zu, das Joint Venture aufzulösen. Es war seinerzeit nach der alten griechischen Regel abgeschlossen worden, dass derjenige, der das Ende der Zusammenarbeit will, ein Angebot machen muss, und der andere Partner dann wählen kann, ob er zu diesem angebotenen Preis kaufen oder verkaufen will. Ich hatte André Kurz davon überzeugen können, dass wir die Fabrik kaufen sollten, und so rechneten Romão und ich tagelang, welchen Preis sich Rodrigues leisten könnte und welchen nicht mehr. Ich meine noch heute, dass wir gut gerechnet hatten. Nur hatten wir leider nicht mit einbezogen, dass Rodrigues den traditionellen, angeborenen, portugiesischen Seefahrer­stolz besass! Zudem war er inzwischen noch Präsident der Portugiesischen Schuhindustriellen geworden, und konnte doch seinen Freunden und Landsleuten nicht erklären, er habe „seine“ Korksohlenfabrik verkauft, mit welcher er in Portugal doch so gerne den modernen Unternehmer spielte. Rodrigues entschied sich für den Kauf, zu einem Preis, der für ihn, wie sich später herausstellte, eindeutig zu hoch war. Er durfte zudem den Namen „Growela Portuguesa“ nicht mehr weiter führen. Romão und ich waren unglücklich. Wir hatten „unsere“ Fabrik verloren. Dieser Kauf durch unseren Partner war auch der eigentliche Beginn einer grossen menschlichen Tragödie um José Rodrigues, die dann leider kurz nach der Nelkenrevolution in der portugiesischen Schuh­landschaft mit dem Konkurs des kleinen Rodrigues-Imperiums endete.
 
Mit dem Erlös aus der Auflösung des Joint Ventures begannen wir, ohne einen portugiesischen Partner, eine zweite „Growela Portuguesa“.

 

Wir hatten bei einer Erstinvestition anfangs des Jahres 1969 von CHF 100'000 im Jahre 1972 plötzlich CHF 600‘000 in der Hand. Dr. Kurz meinte, das wäre eine Super-Performance, mit CHF 100'000 in drei Jahren eine halbe Million Schweizerfranken zu verdienen. Er schlug vor, jetzt in Portugal aufzuhören und das Kapital in etwas anderes zu investieren. Da wehrte ich mich mit aller Vehemenz dagegen, denn ich hatte in Lousade oft sehr gelitten beim mühsamen Lernen, wie man in Portugal eine Fabrikation anfangen müsste und ich kannte nun Land, Leute und Mentalität einigermassen sowie bereits ein bisschen die Sprache.

 

Was hatte ich zwischen Porto, Lousada und Granja nicht alles durchgemacht:

  • Einen Autounfall verletzungsfrei durch- und überstanden, weil ich ziemlich am Anfang meiner Zeit im Land einem betrunkenen Töfflifahrer mit Anhänger ausgewichen war. Mein Auto blieb nachts um 21 Uhr auf einer Mauer im Wald hängen, irgendwo im Niemandsland, mit einer aufgebrachte Menge Leute gegen mich, einen ausländischen, quasi reichen Autobesitzer, in dieser armen Gegend am Ende der Welt, der Sprache noch nicht mächtig! Verhör auf der Polizeistation mit beinahe Analphabeten, niemand spricht eine Fremdsprache!
  • Entbehrungen, die in Kauf genommen werden mussten, vor allem im Winter! Und Krankheiten und Strapazen in der mies eingerichteten, kleinen, unheizbaren Wohnung.
  • Im Büro und Zuhause In Lammfellmantel und Lammfellstiefeln arbeiten müssen!
  • Und die vielen menschlichen Erfahrungen, positive wie negative, die ich machte, nicht nur jene mit den Herren Rodrigues und seinen Kaderleuten, sondern auch mit den jungen Neukomms, oder mit dem Modelleur Ernst Fässler und seiner Freundin und späteren Frau Irene, mit Herr und Frau Bragança, mit ... usw.

Ich hatte das Land aber auch lieben gelernt und kannte damals kein anders Land so gut wie Portugal (ausser dem äussersten Süden). Auch konnte ich mich inzwischen auf Portugiesisch bereits durchschlagen. Ich hatte zwar viel Lehrgeld mit „Führung auf Distanz“ zahlen müssen, aber jetzt fühlte ich mich auch in dieser Beziehung viel sicherer. Ich kannte auch schon Leute, die in einer zukünftigen Growela Schuhfabrik mitarbeiten würden. Deshalb schlug ich Dr. Kurz vor, neu zu beginnen, und zwar nicht mehr mit Korksohlen sondern jetzt mit einer richtigen Damenschuhfabrik!

 

André Kurz war bereit, mir das Vertrauen für eine neue Firma zu schenken. Ich durfte über die CHF 600'000 verfügen und die Muttergesellschaft wollte für eine weitere Million bürgen. Weiter notwendiges Kapital müsste ich aber lokal beschaffen. Damit musste ich auskommen. Mit einem "Allez-y" schickte er mich los!

Was für eine umfassende Aufgabe und was für eine Chance für einen 40 jährigen, vor Unternehmergeist strotzenden jungen Ingenieur! Ich fühlte mich als Glückspilz! Und mit diesen Zusicherungen im Gepäck flog ich nach Portugal, und besuchte als erstes meinen Freund Nuno Româo. Ich war damals der Ansicht, dieses Wort „Freund“ gebrauchen zu dürfen. Ich legte ihm meine Pläne für eine Schuhfabrik vor, ich wollte diese aus Gründen bezüglich verfügbaren Kaderpersonals, vereinfachter Import / Export-Abwicklung sowie kürzeren Transportwegen in der Nähe von Porto haben, am liebsten in der Nähe  des Flughafens. Româo war zwar noch Chef der "Coca", wie die Korksohlenfabrik von José Rodrigues in Lousada jetzt neu hiess, war aber bereit, sobald wir genügend Geld verdienten, die Führung der neuen Fabrik zu übernehmen, aber nur unter der Bedingung, dass ich auf Growela-Seite weiterhin dafür verantwortlich war und er wieder mir unterstellt würde. Wir begannen seine Cousine Catoucha als zukünftige Leiterin Administration, und eine weitere Verwandte von ihm als zukünftige Nähereimeisterin in der Schweiz in der Fabrik in Lachen auszubilden. Beat Neukomm, ein ausgebildeter Modelleur, war vorgesehen, die Verantwortung für die Technik zu übernehmen. Er war der zweite Sohn des Verkaufsleiters Ernst Neukomm und Bruder von Jürg, derzeit als Modelleur bei Clarks in England tätig, Wir fanden in Maya ein Stück Land, das sich für eine Schuhfabrik eignete. In der Nähe davon mieteten wir eine grosse, leer stehende Garage, in welcher wir möglichst bald mit einer Schaft­produktion für die Fabrik in Lachen beginnen wollten. Rodrigues kam als Lieferant nicht mehr in Frage. Deshalb suchten wir als alternative Lieferanten Gerbereien, von welchen wir Leder ohne Zwischenhändler direkt kaufen konnten, was Rodrigues gar nicht schätzte. Wir begannen in einer zweiten Garage mit der Produktion von Clogs, für die neben der Näherei kein Maschinenpark notwendig war. Die ersten 500 Paar Clogs verkaufte ich der BALLY Arola AG, einem gewissen Damenschuh-Einkäufer Ewald Kaufmann, meinem späteren Einkaufsdirektor bei der Arola! Und als wir dann begannen, etwas Geld zu verdienen, kam Nuno Româo zu uns.
 
Für den Neubau hatte André Kurz Architekt Pierre Zoelly gewinnen können, welcher mit seiner Frau und ihm Portugal besuchte. Ich durfte ihnen während einigen Tagen den Norden Portugals zeigen. Er war von dem für die Fabrik vorgesehenen Land begeistert, vor allem vom Hügel mit dem Mimosenwäldchen. Wir planten die Fabrik weitgehend in der Schweiz, so dass dann der portugiesische Architekt Bragança nur noch die lokale Bauführung übernehmen musste. Der federführende Architekt im Büro Zoelly war Hans Gremli v/o Galan, ebenfalls ETH Absolvent und St. Galler sowie zudem noch aus der gleichen Mittelschulverbindung wie ich. Die Planung schritt gut voran. Wieder hatte ich so geplant, dass unabhängig voneinander Bürogebäude und Fabrik individuell erweitert werden konnten. Die Fabrik war mit je drei gleich grossen Shed-Hallen modulweise geplant. Je nach Bedarf konnten die zwei anderen Module später angebaut werden, wobei Warenannahme und Spedition bei den Erweiterungen beibehalten werden, mindestens aber jederzeit sichergestellt sein sollten. Es war ein in jeder Hinsicht sehr moderner Fabrikbau, auch mit modernen sozialen Einrichtungen. Der Kauf des Landes, die Grundsteinlegung und der Baubeginn sowie dann der spätere Bezug der neuen Fabrik waren für mich grossartige, persönliche Erlebnisse. Ich behaupte immer noch, es wäre eine der schönsten Fabriken, die ich je gesehen habe.
 
Mitten in die Bauzeit der neuen Fabrik brach in Portugal gänzlich unerwartet die Revolution aus, später etwas verniedlichend „Nelkenrevolution“ genannt. Zu lange hatte sich auch nach dem Tod des Diktators Salazar eine weiterhin sehr konservative Regierung unter Marcelo Caetano an der Macht gehalten, ohne die im Land dringend not­wendigen sozialen Reformen anzupacken. Wir hatten in Granja ja das unflätige Beneh­men unseres Nachbarn und Besitzers der Banco Espirito et Santo seinem Personal gegenüber selbst erlebt! Die Unternehmen wurden immer noch absolut patriarchalisch geführt, niemand hatte zu denken, dafür war der Chef da. Ich hatte damit ja sogar mit Nuno Romào manchmal Mühe. Nun hatten also die Obersten und Hauptleute um Carvalho geputscht, wobei wir recht gut informiert waren, weil auch ein Schwager von Nuno Româo bei den aufständischen Obersten war. Nuno Romao wusste, dass sein Schwager Mitstreiter hatte, die schon dafür sorgen wollten, dass die neue Regierung nicht allzu weit links abdriftete. Aber jene der äussersten Linken waren scheinbar die Professionelleren und konnten sich mit Hilfe der Kommunisten dann durchsetzen. Das erste was sie machten war die Verstaatlichung der Banken,  die ab sofort den Firmen jeden Kredit gaben, den diese wollten. Damit gehörten die Unternehmen bald zu einem grossen Teil den Banken, d. h. dem Staat, und der sagte dann, wo es lang ging. So war dies auch bei José Rodrigues geschehen. Für uns ging es darum, einmal abzuschätzen, ob man die Zelte in Portugal abbrechen sollte, wie dies die meisten ausländischen Firmen taten. Wir arbeiteten derzeit in zwei Lokalitäten mit Maschinen aus Lachen und zugekauften Occasionsmaschinen und fabrizierten Schuhoberteile für Lachen sowie Holzclogs. Daneben hatten wir eine stattliche Fabrik im Bau, wo im Moment bereits das meiste vorhandene Kapital investiert war. Eine Bauruine war jetzt wirklich nicht gerade das, was man sich nach einer Revolution wünschte, und so entschieden wir uns, sowohl weiter zu produzieren, aber auch an der Bauvollendung festzuhalten. So kam es zur grotesken Situation, dass wir in dieser Gegend praktisch als einziges ausländisches Unternehmen an einem Neubau weiterarbeiteten und auch die kleine Produktion von Oberteilen für Lachen sowie von Clogs weiterführten. Die meisten andern ausländischen Firmen produzierten stark reduziert oder schlossen sogar ganz. Die einzige Auflage, die mir Lachen machte, und mit welcher ich mich auch voll identifizieren konnte, war, dass nach dem Ausbruch der Revolution kein Kapital, keine Materialien und keine Maschinen mehr nach Portugal geschickt wurden. Das gab zwar etwas Liquiditäts- und Finanzierungsprobleme, vor allem mit den Lieferanten und Handwerkern am Neubau, welche dann aber glücklicherweise alle mit der oben kritisierten Mentalität „à la portuguèse“ umschifft werden konnten, die ich in der Zwischenzeit für den Notfall auch anzuwenden gelernt hatte!
 
Der Umzug fand schlussendlich planmässig statt. Nun hatten wir also eine grosse Fabrik und arbeiteten vielleicht auf einem Fünftel der zur Verfügung stehenden Fläche. Dazu gab es neues Ungemach: Der Modelleur Beat Neukomm wollte wieder nach England zurückkehren, primär wegen seiner zukünftigen Frau, welche nicht gern in der doch noch etwas primitiven, portugiesischen Provinz leben wollte. Als Ersatz holte ich Herrn Eschmann, einen jungen, dynamischen deutschen Schuhmodelleur nach Portugal, welcher von Paul Holer eigentlich für die Bearbeitung des deutschen Marktes engagiert worden war. Sein Problem in der neuen Fabrik war, dass wir wohl eine recht gut ausgerüstete Zuschneidere und Näherei besassen, aber überhaupt keine Montageabteilung, da jene Maschinen zwar gekauft, aber noch nicht nach Portugal verschifft waren. Deshalb konnten wir nur Modelle (wie Clogs) herstellen, welche von Hand gezwickt und montiert werden konnten. Dies schränkte uns selbstverständlich auch im Verkauf und damit in der Beschaffung der notwendigen Finanzen stark ein. Wir durften unsere Produkte an den Messen am Growela Stand ausstellen und verkauften auch immer wieder etwas, sodass wir uns finanziell immer knapp durchwursteln konnten.

Dann erlebten wir ein kleines Wunder: Ein für den ganzen Norden ausgerufener Streik in der Schuhindustrie hätte uns wahrscheinlich das Genick gebrochen, aber die Growela Portuguesa wurde als einziges Unternehmen nicht bestreikt, und zwar mit ausdrücklicher Genehmigung des Streikkomitees. Eine Vorarbeiterin unserer Fabrik war Mitglied im lokalen kommunistischen Parteivorstand und hatte sich, ohne dass wir es wussten, für uns stark engagiert. Sie hatte scheinbar drei Argumente vorgebracht: 1. Der Weiterbau an der Fabrik während der Revolution, 2. die guten sozialen Einrichtungen und 3. der gute Ton und die mögliche Mitsprache in unserer Fabrik. Ich war mächtig stolz darüber!

 

Der Bau hatte sich schliesslich bewährt, es war die schönste Fabrik, welche ich geplant hatte, mit traumhaften Büro- und Besprechungs- und Verkaufsräumlichkeiten, direkt an einem zauberhaften Mimosenwäldchen. Einzig die Zentralheizung des Bürohauses machte uns im portugiesischen Klima etwas Mühe. Entweder war es zu heiss oder zu kalt, je nach Sonneneinstrahlung, welche hinter Glas schon sehr früh ausserordentlich mitheizte. Also schmuggelte ich einen Koffer voll mit thermostatischen Heizkörper-Ventilen nach Portugal, da diese dort unten ein Vermögen gekostet hätten, und liessen sie durch unseren Betriebsmechaniker montieren. Niemand konnte anlässlich der Planung begreifen, dass wir die Anzahl WC’s und Douchen praktisch nach schwei­zerischem Arbeitsgesetz ausgelegt hatten. Auch Architekt Bragança fand uns komplett blöd. Niemand benütze die Douchen in den Fabriken in Portugal. Er sagte uns aber nicht, dass es in den meisten Fabriken in Portugal gar kein Warmwasser gab. Ebenso konnte dann nach Bauvollendung niemand begreifen, dass bei uns so viele Leute nach der Arbeit oder auch über Mittag douschten! Kunststück, die wenigsten der Arbeiterinnen und Arbeiter hatten zuhause Badezimmer, geschweige denn Warmwasser und/oder eine Douche. Es war damals halt wirklich noch ein Agrar- und Schwellenland mit kinderreichen Familien. Mit der aufkommenden Industrialisierung fanden viele in den Fabriken Arbeit, und es wanderten jetzt auch zunehmend weniger Leute als Saisonniers nach Westeuropa aus!

Wir hätten dann gerne die Maschinen für die Montage nach Portugal gebracht, um mit der Fabrik vorwärts zu kommen, was aber von der Gruppenleitung noch nicht bewilligt wurde. Die politische Situation war noch zu instabil. Darum griffen wir zu einem Trick: Auf der Suche nach verkäuflichen Schuhen entwickelten Eschmann und ich in Portugal einen einfachen, warm gefütterten, preislich hoch interessanten Damen Winterstiefel. Die ersten zwei Musterpaare zwickte der Modelleur eigenhändig von Hand mit der Zwickzange, aber trotzdem so, dass man den Schuh am Growela Stand der Düsseldorfer Messe GDS durchaus probieren konnte. Wir wollten diesen Schuh verkaufen, um damit den Kauf der notwendigen Occasionsmaschinen zu erzwingen. Und wir hatten Glück. Ein norwegischer Schuhgrosshändler, finanziell zwar nicht über alle Zweifel erhaben, interessierte sich für 20'000 Paar dieses Stiefels in vier Farben. Wir rechneten aus, dass wir allein mit dem Deckungsbeitrag dieses einen Auftrages die dazu notwendigen Zwickerei-Maschinen bereits bezahlen konnten. Und dies konnte uns niemand mit plausiblen Gründen abschlagen.

Der Verkauf dieser 20'000 Paar Stiefel und die Beschaffung der künftigen Maschinen für die Montage waren meine letzten erwähnenswerte Handlungen für Growela, denn infolge Differenzen mit Dr. André Kurz über die weitere Marschrichtung des Gesamtunternehmens im Allgemeinen und der Growela Portuguesa im Speziellen kündigte er mir und ich verliess Growela und wechselte anfangs 1977 zu BALLY.

 

Zusammenfassung

Schön war,

dass ich 10 Jahre später als CEO von BALLY Arola AG von André Kurz erfahren durfte, dass ich mit BALLY eindeutig der grösster Growela Kunde sei,

dass „meine“ erste portugiesische Korksohlenfabrik in Lousada später vom Staat zum symbolischen Preis von 1 USD der Growela Portuguesa wieder verkauft worden war, damit sie nicht geschlossen wer­den musste und die Leute ihre Beschäftigung behielten, und

dass „meine“ zweite portugiesische Fabrik in Maya später tatsächlich nach meinen ursprünglichen Ausbauplänen zuerst flächenmässig verdoppelt worden war, und dass dann auch noch die dritte Ausbauphase entsprechend meinen ursprünglichen Plänen erfolgte.

Unschön war,

dass in den späten 90er Jahren Growela Portuguesa unter Nuno Româo Konkurs ging.

Beruf 4: BALLY 1977-1993
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12.  Beruf 4: BALLY 1977-1993

1977 - 1986    C.F. BALLY HOLDING AG, ab 1978 BALLY INTERNATIONAL AG, Zürich, die Führungsgesellschaft der Konzerngruppe BALLY im Oerlikon Bührle Konzern:

1977 - 1978    Marketing-Planer im Konzernstabsbereich Marketing.

1979 - 1986    Leiter Stabsbereich "Strategische Planung und Organisation" der Konzerngruppe BALLY, und Mitglied der BALLY Gruppenleitung1986 - 1992   Direktionspräsident der BALLY AROLA AG Zürich und Mitglied der BALLY Gruppenleitung

1992 - 1993    BALLY INTERNATIONAL AG Zürich

1977/78: Die Irrungen und Wirrungen der Periode mit Werner K. Rey
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12.1.  Beruf 4: BALLY 1977-1993 – 1977/78: Die Irrungen und Wirrungen der Periode mit Werner K. Rey.

Wie schon am Ende des Abschnitts GROWELA erwähnt, wollte ich 1977 bei BALLY ins Marketing und nicht wieder in die Fabrikation und/oder den Engroshandel, was Walter Kinzelbach als Chef in Schönenwerd sehr gerne gehabt hätte. Mein Ruf damals als Fachmann in der Schuhindustrie war scheinbar nicht so schlecht. Ich verdankte ihn meines Erachtens einerseits dem, was ich in Lachen und Portugal in den letzten 15 Jahren geleistet hatte, andrerseits aber zu einem grossen Teil Dr. Baumann von der BALLY Chemie, mit dem ich während einigen Jahren so gut zusammengearbeitet hatte. Via einen Kollegen von Heinz Seiler (Heinz Seiler war ein alter St. Galler Kollege, seine Frau Elfie eine Schulkollegin von Fischli, und wir hatten beide je 2 Töchter im gleichen Alter), der Dr. Hans Ruedi Bachmann als derzeitigen Marketingchef in der BALLY Holding kannte, hatte ich mich persönlich bei Bachmann beworben. Ich schloss meinen Arbeitsvertrag mit BALLY anfangs Dezember 1976 ab, mit Eintrittstermin Mitte Februar 1977.

Im Sommer / Herbst 1976 hatte Werner K. Rey die Mehrheit der BALLY Holding AG übernommen, und infolge dieser ersten, grösseren „unfreundlichen Firmenüber-nahme“ in der schweizerischen Wirtschafts­geschichte ging bei der BALLY Holding an der Dreikönigstrasse 12 alles drunter und drüber! Die beiden ehemaligen Chefs Dr. Temperli Controlling und Karl Salvisberg Treasuring waren mit dem ehemaligen Holdingchef Kurt Heiniger nach der Übernahme entlassen worden und es kamen dafür neue Rey-Leute. Einzig Dr. Hans Ruedi Bachmann als Marketingspezialist und HSG Absolvent war sicherer denn je im Sattel, und man gab ihm als Waren-mann Rolf Trüb zum Assistenten, der als Chef Einkauf bei der BALLY Arola ebenfalls abgesetzt worden war. Ich war noch von der alten BALLY Führung angestellt worden und diese Umstrukturierung war eigentlich erst kurz vor meinem Eintrittstermin über die Bühne gegangen.
 
Am 16. Februar 1977, meinem ersten Arbeitstag bei BALLY Holding AG, sah ich bei meinem Eintreffen um 09’00 Uhr vom Empfang aus, wie aus jenem Büro, das man mir seinerzeit als Arbeitsplatz zugewiesen hatte, die Möbel herausgetragen wurden. Also fragte ich erwartungsvoll und –froh die Empfangsdame Fräulein Leimbacher, ob ich noch neue Büromöbel erhielte. Fräulein Leimbacher, einem Kollaps nahe, schrie mich fast an, wer ich denn sei, und überhaupt, heute ziehe Herr Rey mit einigen Mitarbeitern hier ein. Ich würde auch keine Möbel kriegen, denn es hätte auch kein Büro mehr für mich hier. Sie müsse mir ausrichten, ich solle in die BALLY Arola zu Herr Trüb fahren, denn er müsse für einen Arbeitsplatz für mich besorgt sein.

Das war ja wirklich ein wirklich vielversprechender Anfang!

Aber auch an der Lerchenstrasse gab es keinen Arbeitsplatz für mich, und ich musste die nächsten drei Monate immer in unbesetzten Sitzungszimmern arbeiten, und zwar an der Dreikönigstrasse, an der Lerchenstrasse und zeitweise sogar in Schönenwerd. Mitten in der Arbeit, wenn ungeplant eine Sitzung angesagt wurde, warf man mich jeweils hinaus und ich musste wieder ein anderes, freies Sitzungs­zimmer suchen, oder je länger je mehr fuhr ich frustriert nach Hause und arbeitete dort. Schreibmaterial, Taschenrechner und mein übriges Büromaterial trug ich während dieser Zeit in einem grossen „Overnighter“ immer mit mir herum, eigentlich eine unmögliche Situation. Als willkommene Abwechslung durfte ich einen Marketing-Planer Kurs in Bruxelles besuchen. Ich wurde immer wieder damit getröstet, dass man mit Hochdruck zusätzlichen Büroraum in der Nähe der Dreikönigstrasse für das Marketingteam suche. Trotzdem begann ich mich ernsthaft zu fragen, ob ich hier allenfalls in ein Irrenhaus geraten sei und ich nicht bes­ser wieder kündigen sollte. Ich hatte ja noch andere Alternativen evaluiert! Vorläufig blieb ich aber, denn ich hatte mich ja noch im Militär zur Weiterausbildung zum Abteilungskommandanten verpflichtet.

Nach der unfreundlichen Übernahme von BALLY durch Werner K. Rey entbrannte in den Medien ein heftiger Streit, wobei sich Herr Abt von der NZZ und Dr. Schäfer von der SBG als schärfste Widersacher von Werner K. Rey herauskristallisierten. So konnte ich dann auch während dem Militärdienst und in den Sommerferien immer alles aus der Zeitung erfahren, was es bei meinem neuen Arbeitgeber für Neuigkeiten gab. Unter anderem wollte man Werner K. Rey dazu zwingen, seinen Anteil wieder zu verkaufen, wenn er seine Ehre retten wollte. Rey wurde als "Asset-Stripper" beschrieben, und undichte Stellen innerhalb BALLY lieferten dazu scheinbar Beweise. Die NZZ veröffentlichte Fotokopien von Dokumenten, welche bewiesen, dass Rey mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mit kriminellen Handlungen BALLY tatsächlich aushöhlen wollte.

Im Frühsommer 1977 wurde für unser kleines Marketingteam (Rolf Trüb, mir und einer Sekretärin) eine sehr schöne Dreizimmer-Wohnung an der Tödistrasse gemietet, und ich erhielt den Auftrag, diese in Büroräumlichkeiten umzubauen und zweckmässig einzurichten. Ich wurde praktisch gezwungen, mit der ganz grossen Kelle anzurichten, denn "Büros des Marketingbereichs müssten möglichst repräsen­tativ sein"! Die Räume wurden komplett renoviert, mit neuen Spannteppichen und neuen Vorhängen versehen, Wände, Türen und Fenster frisch gestrichen und ich durfte mit einem äusserst grosszügigen Budgetbetrag für mich und die Sekretärin neue Büromöbel kaufen. Rolf Trüb blieb vorläufig immer noch in seinem Büro bei der AROLA an der Lerchenstrasse, deshalb blieb sein Büro vorläufig leer. Für mich und die Sekretärin war aber alles eingerichtet (obwohl sie noch gar nicht angestellt worden war), und ich arbeitete dann ca. 3 Wochen lang mutterseelenallein in meinem wunderschönen, neuen Büro mit Südbalkon, als es plötzlich hiess, Herr Rey habe an die Oerlikon-Bührle verkauft und wir hätten jetzt wieder in der BALLY Holding an der Dreikönigstrasse 12 Platz. Also Abbruch der Übung. Die neuen Möbel wurden gezügelt, Spannteppich, Vorhänge usw. dem nächsten Mieter überlassen. Kosten spielten damals keine Rolle! Fast 15 Jahre später sollte ich dann ein zweites Mal eine solche Hau-Ruck-Übung erleben!

Im Sommer 1977 hatte man mir die Prokura erteilt. Lustigerweise musste ich zusammen mit Werner K. Rey aufs Notariat zur Beglaubigung der Unterschriften. Das war wirklich das Einzige, was ich mit Werner K. Rey gemeinsam hatte. Man kannte mich inzwischen in der Schweizerischen Schuhbranche als Geschäftsleiter der Growela und war dann sehr erstaunt, dass ich jetzt plötzlich bei BALLY angestellt war. Ich musste in dieser Zeit dann jeweils sehr vorsichtig auf die delikate Frage antworten, ob ich denn etwas mit Werner K. Rey zu tun hätte: Je nach Herkunft des Fragestellers musste ich entweder sehr heftig oder dann eher etwas unverbindlich "Nein" sagen. Man konnte ja nie wissen! Glücklicherweise war dann aber mit der Übernahme von BALLY durch Oerlikon-Bührle diese wilde Zeit der Unsicherheit endgültig vorbei, gerade noch rechtzeitig, bevor ich wieder hätte kündigen müssen.

 

Im CV enthält diese Periode folgende, wesentlichste Tätigkeitsgebiete:

Konsolidierte Warenbudgetierung weltweit im Bally-Konzern bezw. nachher in der Konzerngruppe Bally

Anpassung der langfristigen, strategischen Planung marketingseitig an die aktuellen Verhältnisse, Verfeinerung des Formularpakets, Fle­xibilisierung und Vereinfachung des Systems
1978-1986: Die Zeit als Stabsbereichsleiter der BALLY International AG
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12.2.  Beruf 4: BALLY 1977-1993 – 1978-1986: Die Zeit als Stabsbereichsleiter der BALLY International AG.

Wie oben bereits angesprochen kaufte der Mischkonzern Oerlikon Bührle im Spätherbst 1977 BALLY und führte ihn fortab als Konzerngruppe BALLY. In der Folge wurde die ehemalige C.F. BALLY Holding AG zur BALLY International AG umfirmiert, und in den verschiedenen BALLY Gesellschaften wurden jene Führungskräfte entlassen, welche sich stark mit Werner K. Rey solidarisiert hatten.

BALLY International AG, an der Dreikönigstrasse 12 in Zürich domiziliert, wurde als Führungsgesellschaft der Konzerngruppe BALLY ausgestaltet: Walter Kinzelbach, der ehemalige Leiter der BALLY Schuhfabriken und ETH Maschineningenieur wurde Gruppenchef, heute würde man sagen CEO der Konzerngruppe BALLY. Karl Salvisberg wurde als Chef des Stabsbereich Finanzen zurückgeholt, während Dr. Temperli keine Gnade mehr fand (und in der Folge aus Verärgerung den grössten BALLY-Konkurrenten Magli in der Schweiz aufbaute). Der ehemalige Sekretär des BALLY Verwaltungsrates, Dr. Jürg Heberlein, wurde als Jurist Leiter des Stabsbereichs Planung und Organisation, dem nach OBH-Muster zuerst auch das Marketing angegliedert war. Das Produktemarketing wurde aber sofort den einzelnen BALLY Fabriken in Schönenwerd, in Moulins und Lyon in Frankreich und Norwich in England übertragen. Auf internationaler Ebene wurde im BALLY Marketing vor allem die Warenbudgetierung zuhanden der einzelnen Fabriken und der Beschaffungsorganisation in Italien aufgebaut, damit es möglich wurde, den Einkaufsbedarf der Handelsgesellschaften auf die Verkaufsmöglichkeiten der Produktionsgesellschaften abzustimmen und zu konsolidieren. Rolf Trüb wurde neu Chef der BALLY Arola AG, wo man auch dort Tabula rasa im Management machte und die ganze Geschäftsleitung (Firmenleiter und zwei sehr kompetente HSG Absolventen) entliess, weil sie aufs falsche Pferd gesetzt und sich menschlich disqualifiziert hatten. Rolf Trüb behielt als zweite Aufgabe die Betreuung der internationalen BALLY Kollektion. So blieb ich vorläufig für diese Aufgabe als Assistent bei Rolf Trüb, aber mit sehr viel mehr Freiraum, denn Rolf Trüb hatte mit der BALLY Arola AG wirklich schon sehr viel am Hals und glücklicherweise wenig Zeit für mich.

Wie ebenfalls bereits oben angetönt wurde Dr. Jürg Heberlein zum Leiter des Stabsbereichs Planung und Organisation ernannt. Ende der 70er / Anfang der 80er Jahr war die langfristige oder strategische Planung in Hochblühte. Prof. Rühle von der Universität Zürich hatte ein Planungssystem entwickelt, das er als Verwaltungsrat der Oerlikon Bührle AG dort einführte. Planungschef war damals Michael Funk. Für BALLY ging es darum, das eigene, seinerzeit von Dr. Jürg Heberlein eingeführte Planungssystem auf jenes der OBH auszurichten. Im Schuhbereich konnte die Planung nicht nur in Geldwerten durchgeführt werden, da die Preisdifferenzen der verschiedenen Produktegruppen und Produkte viel zu gross war. Man musste parallel dazu vor allem die Paarzahlen in vom Markt und nicht nur von der Produktion her definierten Produktegruppen erfassen. Ich erkannte im Gespräch mit Dr. Heberlein, dass für die verlangte paarmässige Warenbudgetierung und Warenkonsolidierung, welche die Fabriken von den Handelsgesellschaften bisher verlangten, dieses OBH-Planungs­system unendlich viel besser geeignet war als das von ihm entwickelte BALLY System. Als einziger Schuhfachmann neben Walter Kinzelbach im Stab von BALLY International AG, zudem von der Fabrikation und vom Handel absolut unabhängig, anerbot ich mich Dr. Heberlein, ihm bei der Anpassung des langfristigen Planungssystems marketingseitig zu helfen. Er war sehr glücklich darüber, vor allem bezüglich Anpassung an die aktuellen Verhältnisse, bei der Verfeinerung des Formularpakets sowie bei der Fle­xibilisierung und Vereinfachung des Systems. Dass ich bei BALLY als Schuhfachmann akzeptiert wurde, fast ausnahmslos sogar von den „Schuehnigen“ in Schönenwerd, war schon sehr erstaunlich! Normalerweise musste man BALLY schon mit der Muttermilch eingesogen haben.
 
Irgendwann im Sommer 1978 rief mich Fräulein Leimbacher vom Empfang an, es wäre Herr Karl Schmid hier und möchte mich kennen lernen und fragte, ob ich Zeit hätte! Und ob ich Zeit hatte! Karl Schmid war der persönliche Personalberater von Dr. Dieter Bührle und sein Freund. Die Besetzung praktisch aller obersten Kader im Konzern weltweit wurden an seinem Schreibtisch entschieden. Er war ursprünglich einer der erfolgreichsten Ruderer der Schweiz, dann ein begnadeter Rudertrainer (Von dort her kannte ihn Dieter Bührle), und über Jahrzehnte hinweg einer der besten Handballtrainer der Schweiz. Er betreute den GC und die Schweizerische Nationalmannschaft. Ich hatte gehört, dass man wegen Karl Schmid, um im Bührle Konzern vorwärts zu kommen, entweder Rudern oder Handball spielen müsse. Ein Kollege stellte einmal für mich fest, dass mich nur noch der Tod vor einer ganz steilen Karriere im Konzern retten könne, da ich früher Handball gespielt und heute rudern würde! Ich sprach dann etwa 2 Stunden mit Karl Schmid. Er wollte sehr viel wissen von mir; ich musste erzählen, von meiner Arbeit bei Growela, vom Umgang mit Mitarbeitern und Vorgesetzten, vom Militär, vom Sport. Dann hörte ich ein paar Wochen nichts mehr…
 
bis Walter Kinzelbach mir anbot, als Stabsabteilung der BALLY International AG das Marketing zu übernehmen, denn Rolf Trüb hätte als Chef der BALLY Arola AG dafür keine Zeit mehr. Ich entgegnete darauf, dass ich zu BALLY gekommen wäre, um das Marketing zu erlernen. Es wäre meines Erachtens absurd, mir als Anfänger eine Aufgabe zu übergeben, die bei BALLY selbst einen Profi bis an die Grenze fordere.

Da ich vom äusserst selbstbewusst auftretenden Dr. Heberlein aus unseren Gesprächen wusste, dass er sich das Marketing absolut zutraute (obwohl er vom eigentlichen Produkt ja keine Ahnung hatte), schlug ich ihm vor, eine Rochade zu machen: Ich würde von Dr. Heberlein den Stabsbereich Strategische Planung, Organisation und Informatik (P O) übernehmen, und er könnte den Stabsbereich Marketing führen. Ich war mir dabei bewusst, dass dies Jürg Heberlein gegenüber nicht ganz fair war, denn Dr. Jürg Heberlein war m. E. für diese Aufgabe höchst-wahrscheinlich weder vom Temperament, noch von der Mentalität und schon gar nicht vom Schuhverständnis her geeignet. Ich war mir nach diesem ersten Jahr in der Konzerngruppe der Komplexität der BALLY Marketingaufgabe voll bewusst, denn die Rivalität zwischen Fabrikation und Handel war enorm, besonders gegenüber dem Detailhandel. Die Fabriken als eigentlicher Ursprung von BALLY wollten dem Detailhandel wie früher vorschreiben, was er zu verkaufen habe! Der Handel suchte aber den Erfolg mit einer Kollektion, die auf den jeweiligen Länder-Markt optimal abgestimmt war, und das waren nicht nur Produkte aus den eigenen Fabriken.

Mein Vorschlag zur Rochade wurde von Karl Schmid und auch von Michael Funk unterstützt, sodass ich 1979 zum Leiter des Stabsbereichs "Strategische Planung, Organisation und Informatik" der Konzerngruppe Bally und gleichzeitig zum Vizedirektor ernannt wurde. Ein Jahr später wurde ich neben den Stabs-bereichsleitern Produktion, Marketing und Finanzen auch zum Mitglied der Konzergruppenleitung BALLY befördert. Dr. Jürg Heberlein erarbeitete im stillen Kämmerlein ein Marketingkonzept, welches er dann als Stabsbereichsleiter gegen den Handel und die Fabriken relativ stur durchsetzen wollte, und da auch der oberste Chef der Konzerngruppe BALLY, Walter Kinzelbach, das Konzept verwarf, kündigte Heberlein schliess­lich desillusioniert und enttäuscht. An seine Stelle kam dann nach einer eher unglücklichen Zwischenlösung Günter Bally von Schönenwerd nach Zürich, der letzte Namensträger des berühmten Namens in der Firma, ein HSG Absolvent mit ausserordentlich grosser Schuherfahrung, ein „Säckinger-Verwandter“ der ehemaligen Gründerfamilie, sehr belesen und breit gebildet. Er packte seine Aufgabe wesentlich geschickter und pragmatischer an als Heberlein und sah sich viel mehr als Mittler und Dienstleister zwischen Fabrik und Handel denn als oberster Marketing-Chef der Konzerngruppe. Denn die eigentlichen Marketingchefs sind im Handel die Markt­verant­wort­lichen, und der Stabsbereich Marketing sollte diesen Länderchefs "dienen".
 
Bei Karl Salvisberg, dem Leiter des Stabsbereiches Finanzen, war dies etwas anders. In diesem Bereich hatte dessen Leiter klare Weisungsbefugnis, denn die finanzielle Führung hatte der Gruppenchef, anders als in den übrigen Stabsbereichen, grösstenteils an diesen delegiert. Das machte auch immer den Unterschied von Karl Salvisberg zu uns anderen Stabsbereichsleitern, und das liess er uns auch gut und gern immer wieder merken. Ich habe oft versucht, das Vertrauen von Karl Salvisberg zu gewinnen, nicht zuletzt, als ich ihm meinen Mitarbeiter Hansjürg Keller als Controller auslieh, als er in Nöten war. Aber scheinbar war er nach den unliebsamen Vorkommnissen während der Rey-Zeit so hypervorsichtig geworden, dass er ausser Walter Kinzelbach, der ihn schliesslich wieder geholt hatte, niemandem mehr sein Vertrauen schenkte, auch mir nicht, trotz grosser Bemühungen meinerseits.
 
Bezüglich Dienstleistung galt das Gleiche auch für meinen Stabsbereich, wie ich es oben vom Marketing sagte. Ich versuchte immer, Dienstleistungsstelle für die Tochterfirmen zu sein, und zwar für Leistungen, die sie wollten und nicht umgekehrt. Meine Schwerpunktstätigkeiten sind aus dem CV am Schluss des Abschnitts ersichtlich, ich möchte sie nicht alle nochmals aufzählen. Wesentlich war, dass ich mich wieder voll mit meiner Arbeit identifizieren konnte und auch wieder Spass an der Aufgabe und Befriedigung in der Arbeit hatte. Ich hatte auch Glück mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, allen voran mit Hansjürg Kel­ler.
 
HJK, wie wir Hansjürg Keller nannten, war ein ausserordentlicher Assistent. Er war ursprünglich ETH-Betriebsingenieur und hatte anschliessend in USA noch einen MBA Titel erworben. Er war blitzgescheit, hatte einen angenehmen Charakter, trat sehr leise auf (ausser stimmlich!), konnte sehr gut zuhören und Leute überzeugen. Bei unseren Planungskursen war er ein gewiegter Lehrer, immer bereit, mit den Leuten zu diskutieren. Er wurde nach einer gewissen Zeit neben der Haupttätigkeit bei mir noch als Controller für die Firmen BALLY USA und BALLY Kanada im Stabsbereich Finanzen von Karl Salvisberg eingesetzt. Wohl wissend, dass ich schwerlich einen gleichwertigen Ersatz finden würde, gab ich ihm und seiner Karriere zuliebe meine Zustimmung, dass er 1983 sehr plötzlich zum Finanzchef von BALLY Deutschland in München ernannt wurde. Nach drei Jahren in München wurde er dann Finanzchef bei BALLY USA, und schliesslich 1991 Finanzchef der Gruppe BALLY, wo er 1992 von Hans Widmer zugunsten des Ja-Sagers Urs Gloor fallen gelassen wurde. Nachher war er zusammen mit einem Kollegen Partner und selbständiger Unternehmer bei Peter Kaiser, einer hochwertigen Damenschuhfabrik in Pirmasens. Er war dort verantwortlich für Fabrikation, Administration und Finanzen, eine zwar eigenartige Kombination, ihm aber auf den Leib geschnitten!
 
Sein Nachfolger bei mir war Dr. Max Haas, charakterlich auch sehr angenehm, behutsam im Umgang mit den Firmen, Mitarbeitern und Vorgesetzten, vielleicht etwas zu unsicher und zu wenig entschlussfreudig, obwohl er auf dem Gebiet der strategischen Planung doktoriert hatte. Ich konnte ihn deshalb später leider auch nicht als meinen Nachfolger vorschlagen.
 
Als erste Sekretärin konnte ich aus der Rey Zeit Fräulein Bourquin übernehmen, eine reizende Romande, was mir bei der Übernahme des Kommandos der französisch­sprachigen Flugplatzabteilung 4 sehr zustatten kam. Aus Fräulein Bourquin wurde dann sehr schnell Frau Frei! Sie war wahrscheinlich bereits schwanger gewesen, als sie bei mir begann, und ich musste sie leider schon bald ersetzen. Nach etwa 8 Monaten engagierte ich Gina Marcato, die dann etwa drei Jahre bei mir blieb. Frau Marcato hatte in ihrer Jugend eine Lehre abgebrochen und war als Bürohilfe einige Jahre in Neuenburg tätig und heiratete dort sehr jung, wollte jetzt aber ihr Leben nochmals neu anfangen. Sie ging nebenher zur Schule, schloss ihre abgebrochene KV-Lehre erfolgreich ab und absolvierte Weiterbildungs-kurse. Da sie sich hohe Ziele gesetzt hatte, wurde es ihr in meinem Stabsbereich zu langweilig, was ich durchaus begreifen konnte. Gina Marcato fand für mich als Ersatz Frau Marianne Zehnder, eine sehr liebenswerte aber eher etwas komplizierte Betriebspsychologin. Günter Bally bekam in der Folge einen besseren Draht zu ihr als ich und übernahm sie, sodass ich Frau Rea Dosch anstellen konnte, eine ca. 30 jährige Bündnerin, mit welcher ich mich auch wieder recht gut verstand. Die letzten paar Monate meiner Tätigkeit im Stab engagierte ich jemanden direkt ab Lehre, deren Namen mir leider entfallen ist, die sich aber hervorragend einarbeitete und ihre Arbeit zu meiner vollsten Zufriedenheit erledigte. Frau Frei, meine erste Sekretärin bei BALLY, arbeitete seit der Kündigung von Frau Marcato periodisch immer wieder für französische Übersetzungen für mich.
 
Für die Informatikverantwortung in der Gruppe hatte ich in Bruno Baumberger einen ausserordentlich tüchtigen, sprachgewandten, aber ebenso schwierigen und ehrgeizigen Mitarbeiter zur Verfügun