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Von Erich Bohli
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Erich Bohli
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1.
Erste Erinnerungen und Kindheit
2.
Meine Eltern
2.1.
Meine Mutter
2.1.
Meine Mutter
2.1.
Meine Mutter
2.1.
Meine Mutter
2.1.
Meine Mutter
2.1.
Meine Mutter
2.1.
Meine Mutter
2.1.
Meine Mutter
2.1.
Meine Mutter
2.1.
Meine Mutter
2.2.
Mein Vater
2.2.
Mein Vater
2.2.
Mein Vater
2.2.
Mein Vater
2.2.
Mein Vater
2.2.
Mein Vater
2.2.
Mein Vater
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
2.3.
Die Ehe meiner Eltern
3.
Erinnerungen meiner Eltern
4.
Meine Grosseltern
4.1.
Mein Grossvater väterlicherseits
4.1.
Mein Grossvater väterlicherseits
4.2.
Meine Grossmutter mütterlicherseits
4.2.
Meine Grossmutter mütterlicherseits
5.
Kindergartenjahre
6.
Krankheiten und Unfälle
7.
Wohnen
8.
Primarschulzeit
8.1.
Grundschule Unterstufe
8.1.
Grundschule Unterstufe
8.2.
Grundschule Oberstufe
8.2.
Grundschule Oberstufe
8.2.
Grundschule Oberstufe
8.2.
Grundschule Oberstufe
8.2.
Grundschule Oberstufe
8.2.
Grundschule Oberstufe
8.2.
Grundschule Oberstufe
9.
Sekundarschule
10.
Meine Freizeit
11.
Lyrik, die die Welt bewegte. Ein Essay.
12.
Beziehungen in der Jugend
13.
Meine besten Freunde/Freundinnen
14.
Lehr- und Wanderjahre
15.
Armee
16.
Universität, Hochschule
17.
Arbeiten
17.1.
Beruf oder Berufung?
17.1.
Beruf oder Berufung?
17.1.
Beruf oder Berufung?
17.1.
Beruf oder Berufung?
17.1.
Beruf oder Berufung?
17.2.
Unternehmensgründung und Selbständigkeit
17.2.
Unternehmensgründung und Selbständigkeit
17.2.
Unternehmensgründung und Selbständigkeit
17.2.
Unternehmensgründung und Selbständigkeit
17.2.
Unternehmensgründung und Selbständigkeit
17.2.
Unternehmensgründung und Selbständigkeit
17.2.
Unternehmensgründung und Selbständigkeit
17.3.
Berufliches auf und ab
17.3.
Berufliches auf und ab
17.3.
Berufliches auf und ab
17.3.
Berufliches auf und ab
17.3.
Berufliches auf und ab
17.4.
Zehn Jahre Dipl. Ing. Fust
17.4.
Zehn Jahre Dipl. Ing. Fust
17.5.
Arbeit und Familie/Freizeit
17.5.
Arbeit und Familie/Freizeit
18.
Eheleben
19.
Kinder
20.
Lebensfreude
21.
Worauf ich stolz bin
22.
Reue
23.
Gutes Leben im Alter
24.
Religiosität
25.
Nachgedanken
26.
Die Geschichte von meet-my-life.net
27.
Spanien
28.
Von Tag zu Tag - was gerade so passiert (2016)
28.1.
Juni 2016
28.1.
QX 19. Juni 2016 - vor dem Brexit
28.1.
QX 21. Juni 2016 - Wiedersehen
28.1.
QX 25. Juni 2016 - nach der Brexit-Abstimmung
28.1.
QX 29. Juni 2016 - Max Frisch und Biographien
28.2.
Juli 2016
28.2.
QX 04. Juli 2016 - NZZ
28.2.
QX 16. Juli - El Perellonet
28.3.
September 2016
28.4.
Oktober 2016
28.5.
17. Oktober 2016
28.6.
November 2016
28.7.
Dezember 2016
28.8.
15. Dezember 2016
28.9.
21. Dezember 2016
29.
Von Tag zu Tag - was gerade so passiert (2017)
29.1.
März 2017
29.2.
2. Februar 2017
29.3.
Frühjahr/Sommer 2017
29.4.
Sommer/Herbst 2017
29.5.
20. November 2017
29.6.
Dezember 2017
30.
Von Tag zu Tag - was gerade so passiert (2018 - 2019)
30.1.
Oktober 2018
30.2.
April 2019
30.3.
Oktober 2019
31.
Von Tag zu Tag - was gerade so passiert (2020)
31.1.
Januar 2020
32.
Coronavirus-Jahre 2020/2021
32.1.
Wie es begann
32.2.
Endlich reisen!
32.3.
Es funktioniert!
32.4.
Auf in den Krieg!
32.5.
So läuft's in der Schweiz
32.6.
Tagebuch eines Grossvaters
32.6.
QX Sonntag, 15.03.2020. Die Schlagzeilen
32.6.
QX Montag, 16.03.2020. Noch mehr Schlagzeilen.
32.6.
QX Dienstag, 17.03.2020. Die Leserzahlen steigern!
32.6.
QX Freitag, 20.3.2020. Die Länder überbieten sich mit Massnahmen.
32.6.
QX Montag, 20. April 2020. Fake-Info wird entlarvt.
32.6.
QX Samstag, 2. Mai 2020. Tagebuch gehackt.
32.6.
QX Samstag, 23. Mai 2020. Ist es vorbei?
32.7.
Corona wird zum Alltag
32.8.
Oktober 2020: erneutes aufflammen.
32.9.
Bild des Jahres 2020
32.10.
1 : 0 für Corona - ich geb auf (August 2021)
Für alle Enkelkinder dieser Welt. Speziell Mila (2011), Marlon und Ben oder Ben und Marlon (2013).
Erste Erinnerungen und Kindheit
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Was sind bis zu 60 Jahre alte Erinnerungen noch wert? Ich hätte sie laufend aufschreiben sollen. Jetzt grabe ich mich durch meine Hirnwindungen (Bilder von Slumkindern, die Müllhalden durchwühlen …) und wundere mich, wie viel Verwertbares überall auftaucht. Es wird immer mehr.

Was weisst du über deine Geburt?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Was weisst du über deine Geburt?

Eigentlich sollte ich zu Hause auf die Welt kommen. Das war damals üblich, mit einer Hebamme. Offenbar wollte ich jedoch unbedingt als erstes meinen Hintern zeigen. Gemäss den Erzählungen meiner Mutter ging es deshalb bei Nacht und Nebel unter bereits akuten Wehen mit notfallmässigem Taxi (ein Luxus) ins nächstgelegene Spital, das Notkerianum in St. Gallen-Neudorf. Offenbar noch rechtzeitig. Keine bleibenden Hirnschäden …. soviel ich weiss. Und auch kein Präjudiz für die 4 Jahre spätere Geburt meines Bruders: Diese erfolgte wieder zu Hause, mit Hebamme und Arzt. Diesmal reibungslos. Doch von dieser meiner ersten völlig präsenten Erinnerung später.

Wie sind die Eltern auf deine(n) Vornamen gekommen? Haben deine Eltern gut gewählt?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Wie sind die Eltern auf deine(n) Vornamen gekommen? Haben deine Eltern gut gewählt?

Meine Mutter erzählte mir als Kind, dass sie eigentlich gerne ein Mädchen mit Namen Erika gehabt hätte. Nun, dann halt Erich. Zum Glück ohne weitere Konsequenzen: ich musste keine rosaroten Hosen tragen und hatte kurzes Haar. Für meine französischen Verwandten war ich immer Eric, was mir viel besser gefiel, vor allem die dynamische Betonung auf dem í. Dasselbe später für meine Frau und in meiner zweiten Heimat Spanien, wobei man das dort mehr oder weniger unbekannte Eric meistens durch ein Enrique oder (H)Enry ersetzt ...

 

Das Erich prägte mich nicht als Erika, sondern als mehr oder weniger ehrlich. Natürlich habe auch ich sämtliche Lügereien durchprobiert – und den Kick dabei genossen. Vermutlich aus reiner Faulheit und Berechnung kam ich aber doch irgendwann zur Erkenntnis, dass Ehrlichkeit viel unkomplizierter sei – und sich aufs Image keineswegs nachteilig auswirkte. So habe ich mich dann doch noch mit meinem biederen Namen arrangiert. Zumal mein zweiter Vorname, Julius, zwar auf berühmte Vorfahren verweist, aber in unseren Breitengraden doch auch etwas Dümmliches an sich hat ("Gruss und Kuss von Julius ..."). Und ein "Jules" (wie mein Vater) wollte ich auch nicht sein. Übernommen habe ich jedoch, dass unser Sohn Ralph dann meinen Namen auch als zweiten Vornamen erhielt. Leider nicht in der Variante „Eric“, weil ich einfach nicht daran gedacht habe. Und der älteste der Enkel heisst dieser Logik entsprechend Marlon Ralph.

 

Zum Familiennamen ist höchstens noch erwähnenswert, dass gemäss einer Aufzeichnung eines entfernten Verwandten, der Name "Bohli" erst 1928 durch Zürcher Regierungsratsbeschluss vom 29.6.1928 festgelegt wurde. Vorher hiessen wir Pohli. Die Begründung war, dass diese Schreibweise nicht der Praxis und dem gesprochenen Wort entspräche.

Von einem fahrenden Heraldiker liess ich einmal eine Nachforschung anstellen. Er kam dann noch mit einer anderen, allenfalls früheren, Version daher. Wir hätten Pauli geheissen. Zudem zauberte er auch noch ein Familienwappen daher:



(1) Familienwappen Bohli. Ursprünglich Pauli, deshalb das "P" in den Tatzen des grimmigen Löwen und auf dem Schild.

Familienwappen Bohli. Ursprünglich Pauli, deshalb das "P" in den Tatzen des grimmigen Löwen und auf dem Schild.



Der Heraldiker versuchte mir wohl zu schmeicheln mit starken Symbolen: Ein kampfbereiter, vermutlich brüllender, Löwe (Leu hiess ich früher bei den Pfadfindern, was der Zeichner jedoch nicht wissen konnte – und auch die Pfadiführer, die mit den schönen Namen verliehen haben, hatten keinen Bezug. Kann das nur Zufall sein?). Helm, Schild und Schwert, und mit etwas Fantasie auch Lorbeer und Eicheln, sollen wohl auf einen ritterlichen Status hinweisen, denn das gemeine Fussvolk zog damals kaum so gut ausgestattet in die Schlachten. Um es bei dieser Illusion zu belassen, habe ich nie weitere Nachforschungen angestellt … Vielleicht waren wir ja auch nur Bannerträger bei Ritter Pauli ...

Hattest du auch Übernamen?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Hattest du auch Übernamen?

Ich kann mich nicht an Übernamen erinnern. Hatte aber in der Primarschule nichts dagegen, wenn man mich Old Shatterhand, Sigurd, Ivanhoe oder beim Fussballspielen Uwe Seeler nannte ... Wie man mir sagte, wenn ich nicht zugegen war, weiss ich natürlich nicht, hatten doch auch andere Übernamen, von denen sie selbst nichts wussten.

 

Nur während meines Londoner Aufenthaltes nannte mich "Maxe" Keller hartnäckig "Mike". Keine Ahnung, wie er darauf kam. Ich möchte das nicht besonders.

 

Interessantes Phänomen im Frühjahr 2017. Die Migros hat entdeckt, dass es früher tatsächlich einmal "Migros-Kinder" gegeben hat. Also Kinder von Eltern, die vorwiegende in der Migros einkauften. ALDI macht sich das jetzt in einer Werbeanstrengung zu nutzen mit dem Begriff "ALDI-Kinder". Damals war es jedoch durchaus eine Diffamierung, "Migros-Mensch" genannt zu werden. Was andere Kinder mir durchaus ab und zu nachriefen und vorwarfen, weil mein Vater ja in der Migros arbeitete und wir natürlich vorwiegend dort einkauften ... Mit der allgemeinen Akzeptanz der Migros hat sich das dann verflüchtigt.

In was für eine Zeit wurdest du geboren?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

In was für eine Zeit wurdest du geboren?

In den 1950er Jahren war der Krieg immer noch stark präsent. Nach zwei grossen Kriegen schien es fast selbstverständlich, dass es irgendwann zu einem Dritten kommen würde. Man hielt Notvorräte, und wenn es irgendwo Krisen gab, wurde kräftig aufgestockt. Die erste, an die ich mich erinnere, war die Niederschlagung des Aufstands der Ungarn 1956. Aus Solidarität und Mitgefühl wurden lastwagenweise Naturalien, wie Kleider, Schuhe, Lebensmittel usw. eingesammelt. Auch der Sechsjährige war staunend dabei. Offenbar wusste das ganze Quartier, wann und wo der Lastwagen auf die Gaben wartete, denn als ich mit meiner Mutter beim Toilettenhäuschen Ecke Coloseum-/Notkerstrasse ankam, hatte sich schon eine grössere Traube von Menschen gebildet, die ihre Bündel oder Pakete den Helfern auf dem Lastwagen hochstreckten.

 

In den gleichen Tagen fuhren die Leute mit Leiterwagen zu den Lebensmittelläden, allen voran zur immer noch jungen Migros, um Vorräte vom Nötigsten, Zucker, Fett, Konserven, zu hamstern. Auch wir deckten uns ein. Die Stimmung war ernst und besonnen; man rechnete mit allem. Ähnliche Bilder gab es sechs Jahre später, 1962 bei der Kubakrise. Meine Mutter traute dem Frieden noch jahrzehntelang nicht ganz; zu nachhaltig waren ihre Kriegserinnerungen aus ihrer Jugend Zeit in Frankreich. (Dazu später mehr). Erfahrungen, die sie allen in unserer Nachbarschaft voraus hatte. Übrigens Migros: erst zu jener Zeit etablierten sich die ersten Selbstbedienungsläden. Im Konsum kaufte man seine Sachen noch an einer langen Theke, hinter der eine Anzahl Frauen stand, die das Gewünschte aus dahinterstehenden Regalen oder dem Lager holten. Es war sogar ziemlich verpönt, in der Migros einzukaufen. Weshalb war gar nicht so klar, waren die Migros-Produkte doch deutlich billiger - und die Selbstbedienung mit den vielen Angeboten und Alternativen attraktiver. (Und natürlich gut für den Umsatz …). Und es wurde sogar darüber gelacht, dass Migros dem Kaffee Haag die Eigenmarke Kaffee Zaun gegenüberstellte.

Wenn man etwas Anderes als Lebensmittel brauchte, ging man in die EPA, wo fast alles zu günstigen Preisen erhältlich war. In den 1960er Jahren kam dann ABM dazu. Heute heisst die EPA "Coop City" und ist nicht mehr vergleichbar und ABM gibt es seit ungefähr 2000 nicht mehr. Das Konzept "Au Bon Marché" funktionierte nicht mehr.

 

In dieser Zeit, in unserem Quartier "Heiligkreuz" im Osten der Stadt St. Gallen, war niemand reich. Ich war ungefähr 9 oder 10 als ich zum ersten Mal einen Mitschüler hatte, der in die Ferien fuhr: Roland Koller nach Venedig. Da er mir erzählte, es hätte ziemlich gestunken, schien mir Ferien machen kaum etwas Erstrebenswertes. Ich selbst fuhr dann mit 13 oder 14 das erste Mal in die Ferien: nach Paris. Mit dem Zug, allein. Mit auf den Koffer draufgebundener gelber Fischerrute.

 

Soviel ich weiss, hatten alle genug zum Essen. Zur Sicherheit gab es in den Schulen die Pausenmilch und Kinder, die nicht von zu Hause einen "Znüni" mitbrachten, konnten ein Pürli (Brötchen mit harter Kruste) kaufen. Im Herbst und Winter gab es gratis einen Apfel.

 

Ab und zu reichte es auch für mich für Schleckereien, Kaugummi (Bazooka) oder Schokolade. Falls nicht, bot die neue Selbstbedienungs-Migros an der Langgasse Gelegenheit, sich etwas "zu beschaffen", was vor allem auch als Mutprobe galt. Die Kaugummis lagen genau auf Fingerhöhe, wenn man den Arm hängen liess. Mit einigem Geschick war es ganz einfach, im Vorbeigehen ein Päckchen mitlaufen zu lassen, indem man es sich, alles einhändig, in den Ärmel schob. Bis mich eine ältere Verkäuferin einmal ganz intensiv anschaute und bedenklich den Kopf schüttelte – und das war's dann mit stehlen – für immer.

 

Aus der Vogelperspektive und im Rückblick hatte ich jedoch das Glück, in eine der glücklichsten Zeitperioden der letzten Jahrhunderte hineingeboren zu werden. Keine uns direkt bedrohenden Kriege, seit den 1960er Jahren keine Rezessionen, bescheidene Geldentwertung, starker Frankenkurs, der das Reisen und Importe von Jahre zu Jahr enorm verbilligte. Bis ins 21. Jahrhundert eine grosse Nachfrage nach Arbeitskräften und sogenannten Talenten. In den 1970er Jahren konnte man sich mit einer kaufmännischen Lehre oder gar einem Universitätsabschluss in Betriebswirtschaft die Stellen aussuchen. Nicht die geringste Angst, seine Stelle zu verlieren, denn man war sicher, bereits am nächsten Tag eine Stelle zu finden. Jährlicher Anstieg der Löhne, dem man mit einem Stellenwechsel noch entscheidend nachhelfen konnte. Aufstiegschancen, wenn man bereit war, mehr zu leisten, als der Durchschnitt, d.h. einen Teil seiner Freizeit für die Karriere zu investieren. Daneben die Befreiung von überholten sozialen, kulturellen, politischen und auch sexuellen Vorstellungen. (Letzteres in St. Gallen allerdings etwas langsamer als anderswo – jedenfalls was mich anbelangte.) Überbordende Kreativität und neue Wege in der Musik, im Theater, der Literatur (Max Frisch), im Film (Fellini). Leben im Konkubinat wurde gesellschaftsfähig, während in meiner Kindheit in St. Gallen noch polizeilich kontrolliert wurde, ob es jemand wagte, ohne Trauschein zusammenzuleben. Jedenfalls war diese Vorstellung präsent.

Was ist deine erste eigene Erinnerung an dein Leben?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Was ist deine erste eigene Erinnerung an dein Leben?

Ich lag in einer Wiege und wurde herumgestossen. Trank von den vollen Brüsten meiner Mutter. Nein, davon ist keine Erinnerung vorhanden. Fotos aus jener Zeit: Kein Prachtexemplar von einem Jungen. Längliches Gesicht und riesige Ohren. Aber offener, neugieriger Blick.



(1) Der kleine Erich mit den Riesenohren. Ca. 6jährig.

Der kleine Erich mit den Riesenohren. Ca. 6jährig.

 

Erzählungen meiner französische Cousine Pierrette, eines der 7 in Frankreich geborenen Kinder meiner Tante Anna, geborene Ackermann (aus Mels) und meines Cousin Pierrot (einer der 4 in Frankreich geborenen Söhne von Meta Moreau (geborene Ackermann). Sie hätten mich täglich im „Pärkli“ an der Notkerstrasse mit dem Frosch-Brunnen spazieren gefahren, wenn sie bei uns auf Besuch oder in den Ferien waren. (In diesem Brunnen verursachte ich wenige Jahre später den ersten Skandal, als ich mich nackt auszog und darin badete. Vermutlich als etwa 5jähriger. So lernte ich, dass Nacktheit offenbar etwas Schlimmes war. Eigentlich hat sich daran gar nicht so viel geändert.)

 

Wir hatten, Erzählungen zufolge, anfangs der 1950er Jahre – immer noch Nachkriegszeit – oft unsere französischen Verwandten zu Besuch. Scheinbar, weil es in der Schweiz noch mehr zu essen gab, wobei wir allerdings kaum die beste Adresse dafür waren.

 

Ich meine, dass mich meine Mutter darauf vorbereitete, dass mir der liebe Gott dann noch ein Brüderchen (oder Schwesterchen) schenken würde, indem sie mir ihren Bauch zeigte. Berührte ich ihn, horchte ich daran? Bei vier Jahren Altersunterschied zu dem werdenden Bruder muss ich damals etwa dreieinhalb Jahre alt gewesen sein.

 

Wenig später, am 4. April 1954 setzen meine ganz konkreten Erinnerungen ein: Aufregung in unserer Wohnung. Die kleine, dicke Hebamme, wie wir sie aus jedem Hollywood-Film kennen. Weisse Schürze oder weiss gekleidet. Ein Arzt mit seiner Ambulanztasche, wie ein Schlosser. Mein Vater stand im Wohnzimmer am Fenster und war bei der Geburt meines Bruders im Schlafzimmer nicht dabei. Ernst, angespannt schaute er durchs Fenster auf die Notkerstrasse hinaus. Schweigend. Sicher rauchte er. Sullana? (Die ich ihm wenige Jahre später – so mit 9 oder 10 – zuerst einzelstückweise, dann päckchenweise entwendete und er meine Mutter verdächtigte. Niemand kam auf die Idee, dass der unschuldige Klein-Erich so etwas tun würde).  

 

Ich neben ihm. Vielleicht meine kleine Hand in seiner. Na ja, vermutlich eher nicht. Trotzdem nicht undenkbar, dass dieser in meiner Erinnerung wortkarge Mann in diesem Moment Nähe gezeigt haben könnte. Dann die frohe Botschaft aus dem Schlafzimmer: Ein Bub, gesund. Die Mutter auch. Mein Vater erlöst. Glücklich? Er verschwindet aus meiner Erinnerung und aus der Wohnung. Wahrscheinlich zur Arbeit, was in der damaligen Zeit durchaus zu erwarten gewesen wäre. Von Mutterschafts- oder gar Vaterschaftsurlaub keine Rede. Ich weiss nicht mehr, wann ich den Kleinen Erwin Jakob (mit dem Zweitnamen des Grossvaters als kreatives Pendant zum Erich Julius) zum ersten Mal sehen durfte. Als etwas Besonderes habe ich es, glaube ich, nicht empfunden. 

 

Zu jener Zeit lief wenige Stunden oder Tage nach einer Geburt alles weiter wie normal. Mutter in der Küche, Mutter am Nähtisch die langen, schweren, ledernen Töffmäntel in Heimarbeit nähend, Vater mit St. Galler Bratwurst zum Mittagessen. Im Wolljäcklein ein kurzes Nickerchen. Dann wieder zur Arbeit. Ein einfaches Nachtessen, z. B. Kaffee complet oder „Gschwellti“ (gekochte Kartoffeln mit Butter und Käse). Manchmal eine Käseschnitte mit Spiegelei. Radiohören (Wunschkonzert. „Oh mein Papa.“). Vater in die Beiz zum Jassen. Oder ins Bett zum Lesen. Ich daneben im Bett der Mutter, bis er mir das Lesen verbot und zu schlafen befahl. Worauf ich dann jeweils meine Lektüre auf den Boden neben das Bett legte, mich ganz an die Bettkante verschob und so gut es mit dem knappen Licht ging weiterlas. Bis der Vater das Umblättern mitbekam.

Welche andern frühen Ereignisse hast du nicht vergessen?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Welche andern frühen Ereignisse hast du nicht vergessen?

Mit der Geburt meines Bruders hatte sich der Familienmittelpunkt verschoben. Ich jedenfalls war ihn nicht mehr. Als der „Grosse“ (4-jährig) wurde ich rasch und zunehmend (und ungefragt) zum Aufpasser und Kinderhüter des Kleinen. Ich habe mir darüber nie gross Gedanken gemacht, aber ich muss es empfunden haben, dass ich nun meine Eltern mit jemandem teilen musste. Mit Sicherheit störte es mich, dass – aus den Reaktionen meiner Umwelt zu schliessen – der Kleine offenbar viel „herziger“ war als ich. (War er auch.)

 

Wie wenig ich die Aufpasserrolle gegenüber dem kleinen Erwin doch schätzte; meine Freiheiten wurden dadurch radikal eingeschränkt. War es unbewusste Rache, als ich meinem kleinen Bruder sagte, er solle das Bügeleisen mit dem Finger berühren? (Ich war mir tatsächlich nicht sicher, ob es noch heiss war. Es war heiss.) Wir konnten zusehen, wie auf dem kleinen Fingerchen die Brandblase sich innert Sekunden ein kleiner Ballon, wie wir sie jeweils mit Kaugummi machten, aufblies. Er weinte nicht einmal, staunte wie ich. Eigentlich hatte ich nicht gedacht, dass er das Bügelleisen berühren würde. Aber er schreckte auch später vor nichts zurück.

 

Andere Eindrücke aus meiner Kindheit gibt es viele, auch wenn sie nicht so wichtig sind. Sie beschreiben einfach eine Zeit, vor dem überbordenden Medienkonsum:

 

Wir sammelten auf Baustellen Brennholz für unseren Kachelofen, obwohl wir Zentralheizung hatten.

 

Am Abend veranstalteten alle Nachbarskinder gemeinsam eine Treibjagd, um unsere – mir zugelaufene – Katze ("Hansi") einzufangen. Überhaupt hatte ich auf diese Weise immer wieder eine Katze, bis sie dann eines Tages auch wieder verschwanden.

 

Wir spielten bis spät in die Nacht "verstecken", was natürlich mit zunehmender Dunkelheit immer leichter wurde. Ich war darin ziemlich gut.

Welche Rolle spielten in deinem Leben deine Patin und dein Pate für dich?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Welche Rolle spielten in deinem Leben deine Patin und dein Pate für dich?
Meine Gotte "Rutli" erinnere ich als immer sehr gepflegte Dame. Sie war eine Freundin meiner Mutter. In erster Ehe mit dem Konditor Haselbach in Rorschach verheiratet, wo ich ein-zwei Mal zu Besuch war, vielleicht auch einmal übernachten durfte (?). Ich erinnere mich an den betörenden Duft und die angenehme Wärme in der Backstube, in der ich mich gerne aufhielt. Einer der Bäckergesellen öffnete einmal eine Schublade, in der der "Bruch" von Gebäck drin lag und aus der ich mich bedienen durfte. Ich getraute mich jedoch nicht, später die Schublade selbst zu öffnen, da mir niemand gesagt hatte, dass ich das dürfe. Offenbar war ich damals noch ein scheues, wohlerzogenes Kind ... Die Folge war, dass ich mich während diesen Besuchen keinesfalls mit Patisserie und Gepäck vollgeschlagen habe.
 
Später hat meine Gotte einen sehr gut aussehenden Coiffeurmeister geheiratet, ein netter, immer freundlicher Mann. Wie anders war der als die Väter, die ich so kannte! Da sie dann in St. Gallen wohnten, schaute ich manchmal bei ihr vorbei. Sie war immer sehr nett, nett, nicht besonders herzlich, schenkte mir zu Weihnachten meistens ein Globi-Buch. Ich erinnere mich nicht, dass Sie mich jemals in die Arme genommen oder geküsst hätte.
 
Mein Pate hiess Georges Moreau und war der französische Ehemann meiner Tante Meta, der zweitjüngsten Schwester meiner Mutter. Sie blieb nach dem Krieg in Frankreich. Weshalb Georges zu meinem Paten bestimmt wurde, weiss ich nicht. Auf jeden Fall brachte mir das einige wunderschöne Ferien in der Normandie ein (Poix-de-la-Somme) und eine Tour durch Paris, von der ich nur noch die fürchterliche Hitze, den Eiffelturm und den schaukelnden "DS" in Erinnerung hatte, in dem es mir nur schon vom Anschauen schlecht wurde. In diesen zweifelhaften "Genuss" kam ich leider auch einige Male, wenn die Familie Moreau ihre Ferien in Wildhaus verbrachte und ich mitgehen durfte. Vermutlich schaffte ich es höchstens bis Bazenheid, bis ich mich das erste Mal übergeben musste.
Wie hast Du Deinen Bruder aufgenommen und wie entwickelte sich Euer Verhältnis?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Wie hast Du Deinen Bruder aufgenommen und wie entwickelte sich Euer Verhältnis?

Wie schon geschrieben, ist die Geburt meines Bruders meine erste Erinnerung. Es muss also ein starkes Erlebnis gewesen sein. In der Folge verschob sich der Fokus meiner Mutter – von mir weg. Kommentare in Richtung "ist das ein schönes Kind" – was ich für mich nie in Anspruch nehmen konnte ... – förderten das Empfinden sicher noch zusätzlich, dass jetzt jemand anders wichtiger war als ich. Ob daraus eine Eifersucht entstand – ich weiss und glaube es nicht. Oder doch? Hingegen war es der erste kleine Schritt zu mehr Selbständigkeit und Abnabelung von der Mutter. Ganz einfach deshalb, weil ich mehr Zeit mit mir selbst verbringen musste.

Das Verhältnis zu meinem Bruder entwickelte sich seltsam. Wir waren grundverschieden und lebten schon als Kinder eher nebeneinander als miteinander. Wir hatten, mit 4 Jahren Altersunterschied, auch einen ganz anderen Freundeskreis, Interessen und Talente. Je älter wir wurden, verstärkte sich das noch. So fiel ihm z.B. alles Spielerische sehr leicht und zog ihn fast magisch an, während ich eine Risikoaversion hatte und strikte befolgte, was ich von unserer Mutter von klein auf gehört hatte: Nicht um Geld spielen – und keine Drogen. Bis heute mag ich es nicht. Wenn ich verliere, reut es mich – und wenn ich gewinne, ist es mir nicht recht, und der andere tut mir leid .... Während für meinen Bruder gewinnen alles war.

Als ihm meine Mutter, nachdem er die Maturitätsschule abgebrochen hatte, anfangs der 1970er Jahre bei er UBS einen Job suchte, war deshalb mein Rat klar: Sie solle einen Job im Wertschriftenhandel, damals noch mit Börse "à la crier", suchen. Er bekam ihn auch und hat sich zu einem (offenbar) erfolgreichen Börsenhändler und Vermögensverwalter hochgearbeitet. Er konnte es sich bald einmal sehr gut gehen lassen – während ich immer noch jeden Franken umdrehte, bevor ich ihn ausgab. Übrigens gleich wie meine Frau. Dass mir das immer suspekt war, förderte unsere Beziehung nicht. Wir mochten uns trotzdem grundsätzlich, mit einer für mich nicht richtig erklärbaren und schon gar nicht gewollten Distanz, erinnere mich an keine Konfrontationen als Erwachsene, trafen uns auch ein- zweimal pro Jahr, meist auf seine Initiative hin. Aber das war's und für mich irgendwie in Ordnung, im Wissen, dass er beruflich erfolgreich seinen Weg gemacht hatte. (Einer seiner Vorgesetzten, den ich persönlich kannte, sagte mir einmal, er sei an der Börse ein "Genie", was mich sehr gefreut hat.)

Kurze Zeit vor seinem tragischen Ertrinken im Zürichsee schlug ich ihm immerhin noch in einem Telefonat vor, dass wir beide einige Tage zusammen nach Valencia fliegen könnten. Er hatte leider gerade keine Zeit - oder keine Lust. Es war unsere letzte Unterhaltung. Leider.

Wie gross war dein erstes Zuhause? Was fällt dir ganz spontan ein?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Wie gross war dein erstes Zuhause? Was fällt dir ganz spontan ein?

Meine ersten 20 Lebensjahre verbrachte ich im vierten Stock eines fünfstöckigen Hauses an der Notkerstrasse 174, im Osten von St. Gallen. (In St. Gallen wohnte man entweder im Zentrum, im Osten oder westlich des Hauptbahnhofs. "Östler" und "Westler" hatten kaum Kontakt; eine interessante Parallele zu meiner kürzlichen Lektüre (2014): Max Frischs Aufzeichnungen in seinem Berliner Tagebuch (2013) über seine Eindrücke von Berlin Ost und West vor der Wende. Statt Mauer der St. Galler Hauptbahnhof. Der einzige Grund, in den Westen zu gehen, war damals die Kunsteisbahn, die kurz vor oder während meiner Privatschulzeit eröffnet wurde. Ich erhielt von jemandem Schlittschuhe, die man an die Skischuhe schrauben konnte. Das genügte vollkommen, um herauszufinden, dass ich nie ein begnadeter Schlittschuhläufer werden würde.

 

Eine Stube, ein Esszimmer, ein Elternschlafzimmer; länglicher Korridor, der wie schon erwähnt Fussballspielen erlaubte, Küche und Toilette sowie ein vom Treppenhaus her zugängliches Separatzimmer. Natürlich kein Lift. Aber immerhin Zentralheizung (Kohle) mit Heizkörpern in allen Zimmern. Kein Badezimmer, keine Dusche. Verzinkte Badewanne in der dunklen Waschküche im Keller (fünf Stockwerke tiefer), die jedoch meines Wissens nur an ungefähr monatlichen Waschtagen, wenn heisses Wasser aus dem grossen kupfernen Heizkessel zur Verfügung stand, zum Baden benutzt wurde. Jedenfalls von uns Kindern – von badenden Erwachsenen habe ich nichts mitbekommen. Ein Keller- und ein Estrichabteil. Im Keller etwa 4vier Laufmeter übereinander liegende Hurden zur Einlagerung von Kartoffeln und Äpfeln als Wintervorrat.

 

Die Toilette, lang und schmal. Zu hinterst ein WC mit hochgehängtem hölzernem Spülkasten und einer Kette für die Spülung. Etwa in der Mitte auf der rechten Seite ein kleines Lavabo (Kaltwasser). Hier fand auch meine erste „Aufklärungsstunde“ statt. Meine Mutter hatte mit einer Nachbarin, die ein etwa gleichaltriges Mädchen hatte, vereinbart, dass das Mädchen und ich einander beim Pipimachen zuschauen sollten, vom Korridor aus durch die offengelassene Toilettentüre. Wir müssen etwa im Kindergartenalter gewesen sein. Ich sehe das Mädchen zwar noch vor mir, wie es in etwa 3 m Entfernung mit runtergelassenem Höschen auf dem WC sitzt. Damals (wie heute) ein völlig belangloses Ereignis, dessen Sinn mir nicht einleuchtete. Dass sich Frauen hinsetzen und Männer im Stehen pinkeln, war keine Neuigkeit. Und mehr gab es nicht her, auch nichts zu sehen. Aber das war ja vielleicht auch gerade die Absicht der beiden Mütter.

 

In den schriftlichen Aufzeichnungen meiner Mutter fand ich (2015) dazu folgende mir bis anhin unbekannte Notiz, die sie vermutlich zu ihrem 70. Geburtstag aufgezeichnet hatte:

 

 

"Vint la curiosité d'Adam et Eva,

Eric voulait le voir chez sa camarade Tosca.

Après le 'oui' de sa mère, ils allèrent au clo

pour se regarder leurs popo.

Eric (5 1/2) dit, elle n'a rien ... restant perplexe!

Est-ce comme ça chez les filles le sex?"

 

 

Nun, das Interesse am Thema ist mir zum Glück trotz der Enttäuschung erhalten geblieben.

Wie sah dein Zimmer aus? Hattest du ein eigenes?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Wie sah dein Zimmer aus? Hattest du ein eigenes?

Nachdem unser Onkel Töni bei uns eingezogen war, schliefen mein Bruder und ich entweder zusammen mit der Mutter im früheren Elternschlafzimmer, oder auf dem Sofa im ehemaligen Esszimmer. Die Stube bewohnte Töni. Erst während meiner Sekundarschule oder Lehre (?) wurde dann das Separatzimmer „mein“ Zimmer. Mein Bruder schlief dann bei meiner Mutter. Was vorher war, mag ich mich nicht erinnern, aber es bleibt eigentlich nur das Separatzimmer, nachdem Grossmutter gestorben war.

 

Als dieses mein eigenes Zimmer wurde hatte ich erstmals mein eigenes "Reich". Zwar nur gerade gross genug für ein Bett, einen Schrank, ein kleines Büchergestell und einen Schreibtisch. Ein Fenster mit Blick auf die Notkerstrasse. Als Dekoration an den Wänden meine Fischerruten griffbereit auf eingeschlagenen Nägeln ruhend. Ich habe das Zimmer später sogar, vielleicht mit Hilfe von Onkel Töni, mit einem wilden Farbmuster tapeziert. Später ein altes Röhrenradio und nochmals später ein Plattenspieler. Der Tonarm wog wohl so eine Tonne und vermutlich tönte eine Schallplatte bereits nach einmaligem Abspielen nie mehr so wie vorher. Das muss wohl auch auf die Schallplatten zugtroffen haben, die ich geliehen erhielt, vor allem von „Tü“ Millischer, der zusammen mit seinem Bruder „Julien“ (Hans-Peter) die grösste Musiksammlung im Heiligkreuz hatte. Julien gehört heute zu den ganz grossen privaten Sammlern und Occasionsplattenhändlern der Schweiz für Vinylplatten mit Musik der 60er und 70er Jahre.

 

Das Separatzimmer war zwar ausserhalb der Wohnung, was für Toilette, Küche und das Familienleben von Nachteil war, hatte aber den grossen Vorteil, dass ich kommen und gehen konnte, wie ich wollte. Und rein theoretisch mitbringen konnte, wen ich wollte, was zum meinem Leidwesen hinsichtlich weiblicher Besuche bei der Theorie blieb. Ausser in der Lehre einmal nach einer Sumpftour mit Werner Bauer und einer Angestellten (mit enormer Oberweite). Sie legten sich kurzerhand beide in mein Bett, und ich schlief schnell auf dem Boden ein. Ob in meinem Bett in dieser Nacht etwas vor sich ging, musste ich später meiner Einbildung überlassen, hatte aber so meine Zweifel.

Gab es ein Fenster, aus dem du besonders gern rausgeschaut hast? Was sahst du?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Gab es ein Fenster, aus dem du besonders gern rausgeschaut hast? Was sahst du?

Unsere Vierzimmerwohnung hatte sowohl Fenster nach Süden zum grossen Hof wie auch nach Norden auf die Notkerstrasse. Dort sogar mit einem Balkon. In warmen Sommernächten schlug ich dort manchmal ein altes Feldbett auf und schlief unter freiem Sternenhimmel. Das muss so im Alter zwischen 12 und 16 gewesen sein. Ein wenig Trapperfeeling. Von der Überdosis Sauerstoff fühlte ich mich jeweils am Morgen herrlich erholt.

 

Vom Balkon aus konnte ich das etwa 300 m entfernte Primarschulhaus "Heimat" sehen. (Gerade eben mit Google-Maps überprüft, es stimmt.) Für mich ein Ort mit eher positiven Emotionen. Dass man Schulhäuser auch hassen kann, lernte ich erst nach meiner Primarschulzeit.

 

Ganz anders war der Blick in den grossen Innenhof unseres Wohnblocks. Entweder durch das Küchenfenster oder das Fenster im Elternschlafzimmer konnte man erkunden, ob andere Kinder zum Spielen im Hof waren. Diese Fenster hatten jedoch noch eine andere Funktion. Wir spannten quer über den Hof, meistens übers Eck, Schnüre, mit denen wir zwischen den Wohnungen “Luftseilbahnen“ einrichteten. Die besten mit Mecano-Bauteilen und richtigen Seilbahnrädchen, die reibungslos über die gespannte Schnur liefen, bis sie entgleisten. Die einfachere Variante waren Ovomaltinedosen oder Ähnliches. Mit einer zweiten Schnur wurde das Gefährt hin und her gezogen, um einander Nachrichten und sonstige Dinge zuzustellen.  Es war eine frühe Form zu "simsen".

Weisst du noch, wie die Küche ausgesehen hat?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Weisst du noch, wie die Küche ausgesehen hat?

Die Küche war ein zentraler Ort. In zwei Phasen. Zu Lebzeiten meines Vaters haben wir nie dort gegessen. Mein Vater legte Wert auf das Esszimmer. Nach dem Tod meines Vaters wurde demgegenüber das Esszimmer kaum mehr als solches benutzten, sondern Mutter und wir zwei Kinder assen meistens in der Küche. Nicht selten auch wir Kinder allein, wenn Mutter länger arbeitete, was meistens der Fall war. Manchmal brachte der angetrunkene Onkel Töni auch noch etwas in Papier eingewickeltes "Gnagi" (gekochte Sauschwänzli) mit nach Hause, wobei ich trotz Hunger die Schwarte nie gegessen habe.

 

In der Erinnerung ein relativ grosser Raum. Gasherd, steinerner Abwaschtrog mit fliessend Kaltwasser. Zum Tellerwaschen mussten wir zuerst Wasser auf dem Gasherd heiss machen. Es durfte jedoch nicht zu heiss sein, da sonst das Plastikgefäss, in dem das Geschirr gewaschen wurde, in der Mitte einen Sprung bekam. (Natürlich war die Waschlauge rasch einmal nur noch eine dunkle Brühe.) Ein Fenster zum Hof. Ein Ofen mit gusseisernem Schwenktürchen zum Befeuern des grossen grünen Kachelofens im angrenzenden (früheren) Esszimmer. Als Holz dienten uns oft Bauholzabfälle, die wir auf Baustellen sammelten. (Das war nicht ungefährlich, konnte man doch leicht auf einen Nagel treten, was mir tatsächlich auch mindestens einmal passierte. Unsere dünnen, abgelaufenen Schuhsolen boten wenig Schutz und der Nagel bohrte sich tief in die Fusssohle. Kein grosses Aufheben, vermutlich nicht einmal eine Desinfektion, Salbe oder Pflaster.) Das so beheizte frühere Esszimmer wurde irgendwann zum Schlafzimmer für uns Kinder. Wobei darin kein Bett stand, sondern ein antiquiertes Sofa auf dem mein Bruder und ich zusammen schliefen. Tagsüber war es Arbeitszimmer (Hausaufgaben) und später dann auch Fernsehzimmer.

 

Nach dem Tod unseres Vaters, kam mit dem Einzug von Onkel Töni, dem Bruder meiner Mutter, auch ein mannshoher Kühlschrank, vermutlich 1963 oder 1964. Töni brachte uns zudem ins TV-Zeitalter, aber ein Fernseher von Rediffusion musste es sein. (Natürlich noch schwarz-weiss.) Wer ahnte schon, dass ich diese Firma rund 40 Jahre später für die Dipl. Ing. Fust AG der Muttergesellschaft, Cablecom, abkaufen würde? Zu einem Spottpreis. Ob das späte Rache dafür war, dass der Rediffusions-TV dauernd defekt war? Die schwache Stelle war der Programmdrehschalter aus einer viel zu leichten Bakelit-Konstruktion, der dauernd abbrach.

 

Rechteckiger kleiner Esstisch in der Mitte der Küche für eine Rumpffamilie genügend. Kaum Küchenmaschinen (später ein Mixer, Tourmix). Dann die erste Waschmaschine. Ein „Toplader“ mit einer Mangel, um das Wasser aus den frisch gewaschenen Waschstücken herauszupressen. Die Hälfte des Wassers jeweils am Boden. Wir zogen es dann doch vor, die triefende Wäsche weiterhin zu Fuss vier Stockwerke in den Keller hinunter zu tragen, wozu ich gerade stark genug war, und sie in der kupfernen Zentrifuge richtig auszuwringen. Für das Hinauftragen und Aufhängen im Estrich, also 6 Stockwerke höher(!), wog sie dann nur noch die Hälfte. Ich erinnere mich nicht, mich jemals beklagt zu haben: Es war einfach so – und jemand musste es tun. Geschadet hat es mir nicht, obwohl ich damals – und auch bis in meine 30er Jahre – ausgesprochen mager war. Aber wesentlich zäher, als ich aussah …

 

Der Gang in den Keller zur Wäscheschleuder war mit einem besonderen Nervenkitzel verbunden. Wenn nämlich die Schleuder mit höchster Drehzahl lief und die Wäschestücke an den Rand gedrückt waren, steckte ich jeweils zuerst den Zeigefinger, dann meine Hand, dann den ganzen Arm in das sich durch die Zentrifugalkraft öffnende Loch in der Mitte der Trommel, bis ich mit dem Zeigfinger den Boden berührte. Der Nervenkitzel bestand darin, zu schauen, was geschehen würde, falls mich ein Wäschestück packte. Es hätte mir sicher den Arm ausgekugelt, wenn nicht noch schlimmer. Es hat mich nie erwischt.

Wie war es draussen? Gab es einen Hof oder einen Garten?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Wie war es draussen? Gab es einen Hof oder einen Garten?

Der „Traberblock“, nach dem Namen der Besitzer Traber, unser Zuhause, ein Paradies für Kinder. Wie ein richtiges Fort gebaut, mit nur zwei Durchfahrten, zum Innenhof, je einer gegen Norden und Süden. Genau in der Mitte des grossen Hofs ein kleineres, einstöckiges Haus mit einer Malerwerkstatt. Gerade eben (2.1.2015) mit Google-Maps aus der Luft betrachtet. Alles noch da, nur sehe ich, dass die Form ein Rhombus ist, in meiner Erinnerung ein Quadrat.

 

Beide Durchfahrten in den Hof waren ideal für Ballspiele, unter Ausnutzung der Wände, Fussball, Handball. Ekelhaft nur, dass bei einem Tor der Ball weit wegflog, entweder quer durch den Hof, oder auf die Strasse hinaus. Später Landhockey mit Tennisbällen und selbstgebastelten Toren, die jeweils nur wenige Wochen bestand hatten. (Aus mir ist auch nie ein grosser Bastler geworden und soviel ich weiss, aus meinen damaligen Spielkameraden auch nicht.) Vor dem Haus, zwischen Hauswand und Trottoir, ein kleiner Garten mit Wiese und einem Fliederbaum, auf dem ich oft und gerne sass. (Bis heute kann ich an keinem Fliederbaum vorbeigehen, ohne daran zu riechen. Der Duft meiner Jugend.) Ab und zu bauten wir uns auf dem Rasen Indianerzelte mit Wäschestangen und darum herumgewickelten Tüchern und Wolldecken. Später auch einige Male Übernachtung in richtigen einigermassen wasserdichten Zelten, z. B. in einem ausgeborgten Pfadizelt. Nachdem wir es jedoch ziemlich übel zurichteten und verschmutzt zurückgaben, erhielt ich es nicht mehr. Ansonsten war der Garten vorwiegend ungenutzt, denn idealer zum Spielen war der grosse Innenhof unseres "Forts". An schönen Abenden regelmässig eine Ansammlung von 10 bis 20 Kindern: Versteckspiele, Räuber und Poli, Ballspiele. Herumhängen, Katzen einfangen, Geschichten erzählen. Bis nach und nach, je dunkler es wurde, von den Fenstern aus die Mütter das letzte Kind hereingerufen hatten. 

 

Später parkierte unser schwarzer Peugeot 202 ebenfalls im Innenhof, jedenfalls bis ihn Onkel Toni im Suff ins Tobel fuhr und seltsamerweise, trotz mehrfachem Überschlagen und Totalschaden, und ohne Sicherheitsgurte und Airbags, mit nur einigen Kratzern an der Hand davonkam. Das war dann für die nächsten 10 bis 15 Jahre unser erstes und letztes Auto gewesen.

 

Bis sich dann Mutter einen niederländischen DAF 33, das sogenannte Krankenschwesterauto anschaffte. Es hatte ein mit Riemen stufenlos laufendes Automatikgetriebe, die sogenannte Variomatik. Die Besonderheit bestand darin, dass der Wagen damit vorwärts und rückwärts genau gleich schnell gefahren werden konnte. Was natürlich weniger zu empfehlen war. Später wurde DAF von Volvo aufgekauft und die bahnbrechende Erfindung verschwand nach dem Volvo 66 wieder vom Markt. Zu unserem Leidwesen, wenn später stieg Mutter um auf einen DAF 44, und ich übernahm den DAF 33. Später kaufte ich occasion einen Volvo 66, den Mutter dann wiederum übernahm, als ich meinen ersten Audi, einen Audi 100 mit 5 Zylindern kaufte.

Wohnte noch jemand bei euch?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Wohnte noch jemand bei euch?

Unser Separatzimmer konnte Geschichten erzählen. Zuerst lebte und starb meine Grossmutter dort. Die ersten Jahre meines Lebens hatte sie bei der jüngsten Tochter, Clara „Claire“ (geboren 1928), im Othmarquartier, im „Westen“, verbracht. Vermutlich hatte die junge, ledige Claire jedoch andere Vorstellungen für ihr Leben, und so zog die Grossmutter in unser Separatzimmer ein, wo sie sich auch meistens aufhielt. Jedenfalls erinnere ich mich nicht daran, sie an unserem Esstisch, in der Küche oder am Abend in der Stube gesehen zu haben. Mein Vater hatte ihr eine Klingel montiert, über die sie sich bemerkbar machen konnte. Tagsüber, bei schönem Wetter, sass sie am liebsten auf dem Balkon und schaute runter auf die Notkerstrasse, wo alle halbe Stunde einmal ein Auto daherkam.

 

Wenn im Sommer der Italiener mit seinem Lastwagen in den Innenhof unseres „Forts“ fuhr und laut seine frischen Früchte anpries, gab sie mir einige Rappen und ich kaufte eine Handvoll Zwetschgen oder noch lieber Aprikosen, die ich dann mit ihr zusammen auf dem Balkon ass, die meisten vermutlich ich. Nie mehr haben mir Früchte besser geschmeckt. Wo war mein Bruder?

 

Nach dem Tod meines Vaters musste das Separatzimmer als zusätzliche Einnahmequelle herhalten, um die Wohnungsmiete, wenn ich mich recht erinnere, 125 Franken im Monat, zu bezahlen. Töni, wenn er bei uns war, bezog die ehemalige Stube, in der eine Couch stand, und das Esszimmer wurde zum Wohn-, Schlaf- und später wie gesagt auch Fernsehzimmer. Zuerst vermietete meine Mutter das Separatzimmer an französische Studenten, die einige Monate in einem Studentenaustauschprogramm in die Schweiz kamen. Eine willkommene Abwechslung, nahmen sie mich doch manchmal mit auf ihre Erkundungstouren in und um St. Gallen. Sie verteidigten mich auch mehrmals gegenüber aggressiven und älteren Kindern. Ich hatte für kurze Zeit grössere Brüder.

 

Mit der starken Einwanderung italienischer Arbeitskräfte für die Bauwirtschaft ergab sich die Gelegenheit, das Zimmer länger zu vermieten. Zuerst an Antonio, einen braungebrannten, muskulösen Sizilianer. Er musste mir immer seinen enormen, steinharten Bizeps zeigen, was er nicht ohne Stolz tat. Er sah aus wie Anthony Quinn, was ich damals natürlich noch nicht wusste, obwohl gerade Zorbas im Kino für Furore sorgte. (Eines der wenigen Male, dass meine Mutter ins Kino ging – und begeistert nach Hause kam.) Es dauerte nicht lange, bis ein Cousin Antonios nachzog. Und dann dessen Bruder. Sie benutzten natürlich nach getaner Arbeit unsere Küche. Meistens kochten sie Pastasciutta, wie sie es nannten. Das Gute daran war, dass ich oft auch einen Teller abbekam, Hungrig wie ich war - oder war das schon Unterernährung? Vor allem, wenn ich eine selbstgefangene Schleie dazu beitrug. Der Spass hörte für mich auf, als mich einer der Cousins mit dem Handrücken auf mein Geschlechtsteil schlug, durchaus nicht schmerzhaft, aber ich war schockiert und bekam es mit der Angst. Zumal er mir in gebrochenem Deutsch mehr oder weniger androhte, mir etwas in den „Masch“ zu stecken. Keine Ahnung, was er damit genau meinte, aber etwas Gutes konnte es kaum sein. Als ich zu weinen begann, wies ihn Antonio zurecht und es blieb bei diesem einen Vorfall. Vor allem, als noch eine Cousine einzog. Vier Personen, 3 Männer und eine Frau, in dem Separatzimmer, gerade gross genug für zwei Betten und einen Schrank … Es war auch nie ganz klar, ob es sich tatsächlich um eine Cousine handelte, aber wenn schon. Meine Mutter stellte keine Fragen. Wir brauchten das Geld aus der Untermiete dringend.

 

Diese Wohngemeinschaft löste sich nach und nach auf. Es begann damit, dass meiner Mutter Geld im Portemonnaie fehlte. Eines Nachmittags nach der Schule musste ich mich auf dem Polizeiposten einfinden. Man war sehr freundlich und bestrich mir die Hände mit einer klaren Flüssigkeit. Dann durfte ich wieder nach Hause. Als ich alles der Mutter berichtete, erzählt sie mir, dass ihr Portemonnaie mit präparierten Noten als Köder auf der Kommode im Gang ausgelegt war. Sie hatte uns nichts davon gesagt, da wir ja als Täter auch in Frage kamen. Es war für sie offenbar selbstverständlich, dass wir es nicht gewesen sein konnten. Und trotzdem hat mich das lange beschäftigt, dass sie es tatsächlich riskierte, meinen Bruder oder mich von der Polizei als die Diebe entlarven zu lassen. Es stellte sich jedenfalls heraus, dass sich die Hände der Cousine unserer italienischen Untermieter beim Bestreichen mit einer Tinktur schwarz verfärbten, sie also die Diebin war.  

 

Anders als heute wurde sie mehr oder weniger gleichen Tags an die Grenze gestellt. Kurz darauf erlitt Antonio dasselbe Schicksal, weil er sich mit jemandem geprügelt hatte. Ich fand das sehr schade, war er doch ein herzensguter, fröhlicher Mann und fast schon ein wenig Vaterersatz. Und wir ersetzten ihm ein wenig seine Familie in Sizilien. Vielleicht sah er das ein bisschen zu eng. Jedenfalls erzählte meine Mutter einer Freundin, in meinem Beisein, dass er eines Nachts nur in Unterhose in ihr Schlafzimmer gekommen sei. War es eine Vorahnung meiner Mutter? Auf der Bettstatt lag mein damaliges Lieblingsspielzeug: eine ziemlich harmlose Luftpistole. Obwohl weder geladen noch schussbereit habe sie diese ergriffen und halb mit ihrem Nachthemd verdeckt, so dass mehr oder weniger nur der Lauf sichtbar war. Lachend beschrieb sie die Szene und wie der ultrastarke Antonio erbleicht sei, sich entschuldigte und sich im Rückwärtsgang verabschiedete. Am nächsten Tag brachte er ihr einen Blumenstrauss und unternahm (meines Wissens) nie mehr einen Annäherungsversuch. 

 

Etwas Irritierendes hatte allerdings später die Bemerkung meiner Mutter (zur Freundin), dass so ein toller Mann schon eine Versuchung sei. Aber als Vermieterin könne man doch nicht den Ruf aufs Spiel setzen. Aus späterer Sicht für eine junge Witwe, die nichts als Arbeit kannte, ein echter Akt der Selbstbeherrschung… (Weshalb genau, und wovor war mir damals allerdings noch nicht so ganz klar.)

 

In der Folge hatten wir noch zwei oder drei „Zimmerherren“. Von einem offenbarte mir meine Mutter, dass er ein Auge auf sie geworfen hätte, und fragte uns, was wir von ihm hielten. Ich, vielleicht 13jährig, hielt davon gar nichts. Kurz darauf zog er aus. Was dann auch das Ende der Vermieterei war und ich das Zimmer für mich allein bekam.

Erinnerst du dich an deine Spiele? Was oder womit spieltest du/spieltet ihr besonders gern im Haus oder im Freien?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Erinnerst du dich an deine Spiele? Was oder womit spieltest du/spieltet ihr besonders gern im Haus oder im Freien?

Wenn ich schon auf den kleinen Bruder aufpassen musste, dann wenigstens im Korridor Fussball spielen, bis es den Nachbarn im untern Stock zu bunt wurde und mit dem Besenstil an die Decke geklopft wurde. Für eine halbe Stunde Spass reichte es alleweil. Eigentlich gehörte das mit zum Spiel: Wie lange hielten es die Mieter im unteren Stock aus? Mehrmals ging auch eine Fensterscheibe der Wohnungstüre zu Bruch, wenn der Ball (Kaugummi „Bazooka“-Ball, mit Lösli gewonnen) nicht flach gehalten wurde. Die Türe hatte im oberen Teil farbige Scheiben von ca. 20 x 30 cm. Wenn auch fürs Fussballspielen von Nachteil, hatte dies auch einen Vorteil: Wenn wir keine Schlüssel hatten, und auch keiner unter der Teppichvorlage lag, was damals gang und gäbe war, konnte man eine dieser Scheiben einschlagen und die Türe von innen öffnen. Später fanden wir dann einen Schlosser, den wir jeweils rufen konnten und der das Schloss mit seinem Bund Dietriche innert Sekunden knackte. Weshalb das so häufig geschehen musste, weiss ich nicht mehr, nur, dass ich ab und zu tatsächlich meinen Schlüssel verlor. Später lernten wir, die Scheibe sorgfältig aus dem Kitt zu lösen, so dass sie heil blieb. Und nochmals später wurde anschliessend gar nicht mehr gekittet, sondern die Scheibe mit zwei kleinen Nägeln festgeklemmt, so dass man die Scheibe einfach herausheben konnte. Praktisch. Es gab damals weder Einbrecher, noch Angst davor. Was hätte es bei uns auch zu holen gegeben. Keine Schelte unserer Mutter, wenn wieder einmal eine Scheibe ersetzt werden musste oder ich den Schlosser aufgeboten hatte.

 

Aber natürlich war mein vier Jahre jüngerer Bruder nicht interessant. Gleichaltrige oder ältere Kinder zum Spielen gab es mehr als genug in unserem Traberblock und den umliegenden Mietshäusern. (Eigentumswohnungen hatte es im ganzen Quartier keine. Ich wusste nicht einmal, dass es so etwas gab, alle waren Mieter.) Unsere Spiellust ging so weit, dass man seinen potentiellen Spielkameraden beim Abwaschen half, nur damit sie schneller aus dem Haus oder an den Spieltisch konnten. Üblich war damals: Eile mit Weile, Mikado, Quartett, später wie vergiftet das viel interessantere Monopoly. (Erste Bekanntschaft mit der Mechanik des Kapitalismus). Tischtennis im nahegelegenen Pärklein mit dem Froschbrunnen. Mein Vater war in einem Tischtennisclub und hatte zwei Schläger. Einen weichen roten, zum Schneiden und einen brettharten, etwas grösseren zum Schmettern. Einmal brachte ich ihn dazu, gegen den besten von uns, den damals vermutlich etwa 13jährigen Walti Angst zu spielen. Mein Vater gewann nur knapp, was ich fast als persönliche Blamage empfand. Er spielte dann nie mehr mit uns Tischtennis. Nach seinem Tod, es muss ungefähr ein bis maximal zwei Jahre später gewesen sein, gehörten die Tischtennisschläger dann mir. Sie begleiteten mich über viele Jahre, bis sich der Gummi buchstäblich auflöste.

 

Die hauptsächlichsten Outdoor-Spielgründe, neben unserem Innenhof, waren jedoch entweder eine der nahegelegenen Schulhauswiesen zum Fussballspielen oder der ca. 2 km entfernte Wald, den wir leidenschaftlich gerne erkundigten und wo wir unzählige Waldhütten bauten, die dann gleich von rivalisierenden Gruppen besetzt oder zerstört wurden. Wenn Wald, dann auch Indianer und Trapperspiele. Aber ohne Waffen? Ich sparte wie verrückt und trug Zeitungen aus, bis ich mir endlich eine Occasions-Luftpistole und später gar ein neues Luftgewehr, wenn auch das billigste für 20 Fr., eine himmeltraurige Vorderlader-Konstruktion, leisten konnte.

 

Und doch war ich im siebten Himmel und selten einmal ohne meine Waffen unterwegs. In zwei Fällen kamen sie auch zum Einsatz. Einmal erwischte ich einige Mitschüler, wie sie den Schwächlichsten aus unserer Klasse mit schweren Eisenketten an eine der Stützstangen eines Recks wickelten; so perfid, dass seine Füsse den Boden nicht mehr berührten. Er hing also wimmernd an diesem Pfosten, wie am Marterpfahl. Als die Burschen mich kommen sahen, oder ich etwas rief (?), rannten sie weg. Ich hob das (immer geladene) Gewehr und schoss mehr oder weniger aus der Hüfte. Zu meiner grossen Freude sah ich, wie einer einen Luftsprung machte, sich an den Hintern griff, und noch viel schneller als vorher davon rannte ohne sich nochmals umzusehen. Es sah wirklich komisch aus. Sofort befreite ich meinen Schulkameraden aus seiner misslichen Lage. Die Geschichte machte die Runde, was mir einigen Respekt bei den Mitschülern einbrachte. Aber vor allem war ich für den Malträtierten der grosse Held, bis er einige Monate später wegzog. Seine Mutter hat sich bei mir dann noch irgendwann bedankt. Es war ein schönes Gefühl, Beschützer der Schwachen zu sein. Fast schon ein Old Shatterhand.

Dabei scheint mir das nicht in die Wiege gelegt worden zu sein. In einem Gedicht meiner Mutter liest sich nämlich folgender Vers:

 

 

"Erich, 10, getraute sich nicht zu wehren,

er musste lernen, den Kampf aufzunehmen.

Ich ging hinunter, gab ihm Mut,

pack ihn, gib's ihm, und dann war's gut."

 

 

Möglicherweise dank dieser Lektion lieferte ich dann ein-zwei Jahre später einen weiteren Beweis meiner Schiesskunst, als Walti Angst mir mein Luftgewehr entwendet hatte. Aus ca. 20 Metern schoss ich ihm mit der Luftpistole genau in die Hand, die das Gewehr hielt. Mit einem Schrei warf er es von sich. Das Dutzend gerade zugegener Kinder strömte zusammen und bestaunte den blutunterlaufenen Einschlag der Kugel auf dem Rücken seines Mittelfingers. Er hielt seine schmerzende Hand, verzichtete jedoch zu meiner Überraschung darauf, mir eine durchaus gerechtfertigte Abreibung zu verpassen. (Er war mit Abstand der Kräftigste von uns allen und zwei oder drei Jahre älter.) Vermutlich war er genauso überrascht wie ich – oder fand die Bestrafung angemessen. Jemand meinte nüchtern, dass das Schuss auch ins Auge hätte gehen können. Das leuchtete mir ein, und ich setzte meine Waffen nie mehr gegen Menschen ein. (Gegen Tiere sowieso nie.) Etwas, das mir meine Mutter schon immer eingebläut hatte: Nie auf Menschen oder Tiere zielen. Sie hat mir jedoch Waffen nie verboten. Auch nicht als ich in einer Rangelei zu Hause, demselben Walti Angst mit dem hölzernen Tomahawk einen Mittelscheitel verpasste. Er blutete zwar nicht, aber trug eine ziemliche Beule davon. Das ging sogar meiner kämpferischen Mutter zu weit: Ich musste zur Strafe am nächsten Tag für einen Franken aus meinem Sparschwein für Walti eine Tafel Schokolade kaufen. Ich nahm die, die mir am besten schmeckte, in der Hoffnung, von Walti etwas abzukriegen. Doch da hatte ich mich getäuscht.

Was für Bücher gab es in deiner Familie? Durftest du sie anschauen?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Was für Bücher gab es in deiner Familie? Durftest du sie anschauen?

Vermutlich besass mein Vater für unsere Verhältnisse und auch im Vergleich zu meinen Kameraden und Nachbarn viele Bücher: Etwa 4 – 5 Laufmeter. Ein ziemliches Sammelsurium von allem Möglichen. Soweit ich mich erinnere: Eine spezielle „Schweizer Ausgabe“ mit 8 oder 9 Bänden von Karl May stand da neben Gotthelf und Gottfried Keller, Nietzsche und Edgar Allen Poe, Mittelholzers Reise- und Flugberichte, Bücher über Afrika. Die Benutzung war nicht geregelt. Ich hatte den Eindruck, dass es mein Vater nicht ungern sah, wenn ich mich mit den Büchern beschäftigte. (Es gab auch keine Anweisungen, wie Bücher zu behandeln seien.) Nur einmal meinte er, als ich Dreikäsehoch in Nietzsches „Zarathustra“ schmökerte, dass es dafür wohl noch zu früh sei … Ihn selbst sah ich kaum einmal ein Buch lesen. Am liebste las er „Schundromane“, wie Jerry Cotton oder „Lassiter“, meistens aus dem Bastei-Verlag oder von C.F. Unger. (Die ich mir so nebenher natürlich auch einverleibte …). Diese konnte man an einem bestimmten Kiosk als Occasion kaufen und dann die alten an Zahlung geben. Ein echtes Recycling. Von meinem Vater unbemerkt las ich dann alles heimlich auch und blieb lange dieser Art Lektüre, (inzwischen gab es Wyatt Earp, Kommissar X und später die Krimis mit Butler Parker), treu bis etwa ins Alter von 17/18 Jahren. Das war der Zeitpunkt, als ich dank meines Freundes Dieter Wolf, dem Lyriker, den Zugang zu „richtiger“ Literatur fand. Doch davon später. 

 

Von meiner Patin erhielt ich regelmässig zu Weihnachten – oder an Geburtstagen? – ein Globibuch. Zuerst zum Ausmalen, später dann durchaus zum genussvollen Lesen der gereimten Texte. Globibücher waren auch beliebte Tauschobjekte, um so in den Genuss aller Bücher zu gelangen, was mir auch mehr oder weniger gelang. Wie tauschen und sammeln gang und gäbe war, wobei wir uns spezialisierten. Die einen auf Mickey Mouse, die andern auf Tarzan oder Fix und Foxy und ich auf Sigurd ... Kürzlich (2014) sah ich in einem Antiquitätenladen, dass alte Globibücher bis zu 750 Fr. wert sind. Leider habe ich keines mehr. In der Pubertät traten dann an Stelle von Mickey Mouse Berge "anrüchiger" Zeitschriften mit barbusigen Frauen, die zirkulierten. Genauso wie die abgegriffenen Playboys.

 

Aus meinen eigentlichen Kinderbüchern erinnere ich mich lebhaft an den „Tatzelwurm“. Andere Kinder erzählten vom Schellenursli, eine für mich befremdliche, unattraktive Geschichte. Ähnlich wie die biederen SIW-Heftli. Trotz der frühen Emanzipation von „Kinderbüchern“ freute ich mich wirklich über mein erstes „richtiges“ Buch: Andersens (ziemlich brutale) Märchen als Geburtstagsgeschenk meines Vaters. Mit seiner Widmung zum 8. Geburtstag! Im Allgemeinen sprach man nur von Grimms Märchen, so dass ich da etwas im Abseits stand. Dafür hatte ich etwas, das kaum jemand kannte, und das erschien mir irgendwie viel wertvoller.

Erinnerst du dich an Märchen, Gutenachtgeschichten, die man dir erzählt hat? Oder Kinderlieder, die man dir vorgesungen hat?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Erinnerst du dich an Märchen, Gutenachtgeschichten, die man dir erzählt hat? Oder Kinderlieder, die man dir vorgesungen hat?
Ich lernte sehr früh lesen und war ab dann "autonom". Dass man uns vor dieser Zeit Geschichten und Märchen erzählt hatte, ist mir nicht mehr bewusst, in Frage kämen nur die Mutter und die Grossmutter mütterlicherseits, als Sie Ihre letzten Lebensjahre bei uns verbrachte. Mein Vater hat uns nie Geschichten erzählt. Irgendwie stand er sowieso über erzieherischen Aufgaben und Haushalt, abgesehen von den Sonntagsspaziergängen in den Tierpark "Peter und Paul". Seine Welt war viel eher die Beiz mit den Jasskollegen.
 
Hingegen erinnere ich mich an gemeinsames Beten mit der Mutter, das jeweils auch die Menschen einschloss, denen es nicht so gut ging. Gesungen haben wir nie gemeinsam. Meine Mutter sang nur gelegentlich französische Lieder beim Putzen, mehr ein vor sich hin Summen. Sagt man nicht, wenn eine Frau bei der Hausarbeit singt, dass es ihr gut geht? Meinen Vater habe ich nie singen gehört. Offensichtlich habe ich meine rudimentäre Musikalität von ihm geerbt.

Welches waren deine damaligen Medien? Telefon? Radio, TV, Bücher, Comics, Computer, Spielkonsolen, etc.? Gab es Vorschriften deiner Eltern?
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Welches waren deine damaligen Medien? Telefon? Radio, TV, Bücher, Comics, Computer, Spielkonsolen, etc.? Gab es Vorschriften deiner Eltern?

In unserem Haus gab es das „St. Galler Tagblatt“, das mein Vater jeweils während des Mittagessens las. (Die „Ostschweiz“ war ihm zu „schwarz“.) Bis 1230, wenn Radio Beromünster die Nachrichten brachte. Das Radio war die einzige Tonquelle im Haus. Kein Plattenspieler und auch keine Musikinstrumente. Ich glaube, ich besass auch nie eine Blockflöte, im Gegensatz zu anderen Kindern, die in die Blockflötenstunde gingen. Einmal eine Mundharmonika; es gelang mir nie, ihr so etwas wie eine Melodie zu entlocken. Die Angstkinder spielten Handorgeln, auch das Mädchen. Die Geiger-Söhne, die über uns wohnten, bliesen Trompete. Sehr zum Ärger meines Vaters, der ab und zu mit dem Besenstil an die Decke klopfte, wenn es ihm zu bunt wurde. (Dann übten sie wieder einige Zeit im Wald.) An der Decke häufte sich eine ganze Menge kleiner runder Vertiefungen vom Besenstil.

 

Am Radio hörte meine Mutter vorzugsweise das Wunschkonzert – ab und zu ein Hörspiel. Oder ich bilde mir das ein. Es muss wohl so um 1960 gewesen sein, als der Coiffeur Tanner vom ersten Stock sich als erster in unserer Nachbarschaft einen Fernseher zulegte. Eingeladen, um etwas zu schauen, hat er nie jemanden. Ganz anders Frau Angst, die kurz darauf auch nachzog. (Erstaunlich als Putzfrau und Witwe mit drei Kindern.) Es waren voluminöse Möbel mit einem für heutige Begriffe kleinen Bildschirm. Natürlich noch alles schwarz-weiss, die Bildkontur meistens mit Schatten versehen. Bei Angsts war die Stube meist voller Kinder, wenn Serien liefen: „77 Sunset Strip“, „Union Pacific“, „Lassie“, „Flipper“. Später, in den 60er Jahren dann die Krimis von Durbridge, die jeder schaute. Von daher der Begriff „Strassenfeger“. Dann hatten plötzlich alle Fernseher, sogar wir.

 

Etwa um diese Zeit, sicher nach dem Tod meines Vaters, ich muss also 11 oder 12 gewesen sein, kam ein Telefon ins Haus. Ein schwarzer an die Wand montierte Kasten im Korridor. Mit einem Schlüssel versehen, damit die Zimmerherren es nicht benutzen konnten. Bevor wir das Telefon hatten, ging man zum Telefonieren ganz selbstverständlich zur ca. 300 Meter entfernten Telefonkabine mit dem Münzautomaten.

 

Das Telefon leistete uns eines Abends gute Dienste. Mein Bruder und ich schliefen im Schlafzimmer, das wir mit unserer Mutter teilten. Sie war an diesem Abend bei ihrer Schwägerin zu Besuch, Marie-Louise, die Frau ihres Bruders Werner. Sie hinterliess uns für alle Fälle die Telefonnummer, wie wenn sie etwas geahnt hätte. Oder weil ich ja erst 11 oder 12 und mein Bruder erst 7 oder 8 waren. Wir schliefen beide tief, als plötzlich das Licht zum Schlafzimmer, das wir mit Mutter teilten, anging. Unser Onkel Töni, stand sturzbesoffen an der Tür. Der Türrahmen, an den er sich lehnte, um nicht umzufallen, verfärbte sich mit frischem Blut. Er lallte etwas, vermutlich von Schlussmachen, denn er hatte sich die Pulsadern aufgeschlitzt. Aber zu meiner Beruhigung spritzte es nicht nach allen Seiten, wie ich es aus meinen Wildwestlektüren kannte.

 

Ich habe mich später mehrfach gewundert, wie ruhig ich in diesem Moment geblieben bin und gehandelt habe. Mutter hatte uns die Telefonnummer der Schwägerin hinterlassen – für alle Fälle. Also rief ich sie an und schilderte das Vorgefallene. Erstaunlich schnell, sie mussten ein Taxi genommen haben, stand sie mit der Schwägerin in der Wohnung und nahmen sich Tönis an. Ich hatte ihn aus den Augen verloren bzw. er hatte sich in irgendein Zimmer verkrochen. Ich suchte ihn nicht, sondern ging mit meinem Bruder wieder zu Bett, was hätten wir auch tun sollen? Zudem machte er ja noch einen ziemlich lebendigen Eindruck. Meine Mutter meinte einige Tage später, dass es ihm ja gar nicht ernst gewesen sei; keine Arterie oder Vene verletzt. Wir trugen weder Albträume noch sonst einen Schaden davon, jedenfalls ich nicht. Und der Vorfall kam in unserem Haus nie mehr zur Sprache. Weshalb auch. Ich hatte ja erst kurz davor bereits gelernt, dass sich Lebensmüde rücksichtslos das Leben nehmen (dürfen) – und dass meines trotzdem weitergeht.

 

Auf jeden Fall hatte sich in dieser Situation ein unschätzbares Erbe meiner Mutter angekündigt: In schwierigen Situationen „cool“ zu bleiben. Je schwieriger und ernster, umso besonnener. Wie wenn ich einen oder zwei Schritte zurücktreten und das Ganze aus Distanz überschauen würde. Rund 30 Jahre später erfuhr ich dies offiziell in einem Assessment des Psychologen Philipp Johner. Doch davon später. Soviel zum Thema Medien … Wozu brauchten wir Fernsehen, wenn das eigene Leben so viel hergab?

 

Denn da war ja noch eine andere medienreife Geschichte. Nach dem Tod meines Vaters wollte sich meine Mutter an einer Wäscherei beteiligen. Diese lag allerdings im Westen von St. Gallen, in Winkeln. Eine halbe Tagesreise entfernt. Sie hegte jedoch bald einmal den Verdacht, dass sie von ihren Geschäftspartnern hintergangen würde, d. h. diese abends hinter ihrem Rücken noch auf eigene Rechnung waschen würden. Sie beauftragte mich, mich an einigen Abenden in der Nähe der Wäscherei auf die Lauer zu legen. Da lag ich nun in der Wiese, (zum Glück war es Hochsommer), hinter einem Baum im Dunkeln auf meinem Beobachtungsposten. Tatsächlich ging irgendwann das Licht in der im Untergeschosse gelegenen Waschküche an. Ich pirschte mich heran und sah die mir bekannten Geschäftsfreunde bei emsiger Arbeit. Nach meinem Bericht an meine Mutter war das dann das Ende der Wäscherei – und der Detektivarbeit für den vermutlich Elfjährigen.

Erinnerst du dich an Filme und/oder TV-Serien?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Erinnerst du dich an Filme und/oder TV-Serien?

Die in meiner Jugend aktuellen TV-Serien habe ich schon erwähnt. Meine ersten Begegnungen als junger Teenager mit Kinofilmen waren "Wilhelm Tell" und "Die 10 Gebote", die wir beide mit der ganzen Schulklasse im Kino sahen (vermutlich Pflicht für alle Schulen) sowie "Der Lohn der Angst" (Le Salair de la Peur), den ich mit meiner Mutter zusammen bei Bosshards zu Hause (zufällig) anschaute und der mich zutiefst aufwühlte. Abgesehen vom Film war es ein sehr seltenes und einmaliges Ereignis, einen ganzen Film zusammen mit Mutter gesehen zu haben, und dann auf dem ca. 15minütigen nach Hause Weg, um 10 oder 11 Uhr nachts, mit ihre darüber zu diskutieren. Ich habe den Film erst kürzlich (2015) wieder angeschaut. Der Respekt vor diesem Meisterwerk, wie vor Nitroglycerin, ist geblieben.

 

Eine Besonderheit der Zeit, bevor alle einen Fernseher hatten, waren die Filmvorführungen von Nestlé. An Wochenenden wurden in der ganzen Schweiz als Werbeveranstaltung Filme für Kinder aufgeführt, vorwiegend von Dick und Doof. Die Eintrittskarten waren sehr begehrt, ich weiss jedoch nicht mehr, wie man dazu kam. Vermutlich, indem man die richtigen Produkte kaufte. Jedenfalls hatte ich das Glück, mehrmals dabei zu sein. Vor der Filmvorführung, meistens im prallvollen grossen Saals des Schützengartens, manchmal im Grossacker, brachten professionelle Animatoren die grosse Kinderschar dazu, das obligate Werbesprüchlein nachzusagen: "Nestlé, Cailler, Koller, ...... und so, machen Kinder und alle Mütter froh" – oder so ähnlich. Nach mehrmaliger Wiederholung hiess es dann "Film ab". So lernten wir nach und nach die amerikanischen Komiker kennen: Charlie Chaplin, Buster Keaton, Harry Langdon und natürlich Laurel und Hardy. Und gewöhnten uns schon früh an "Werbeeinblendungen".

 

Eine zweite Möglichkeit, damit Bekanntschaft zu machen, allerdings nur in Kürzestfilmen, war ein Kinoautomat in der Halle des Hauptbahnhofs St. Gallen. Mit 10 oder 20 Rappen konnte man durch ein Guckloch einen Film anschauen. (Mehr oder weniger die gleichen Apparate, mit denen man sich 10 oder 15 Jahre später in den aufkommenden Sexshops verstohlen ein- oder zweiminütige Pornofilme anschauen konnte. Zu einer Zeit, in der noch strenge Filmzensur herrschte.)

Erinnerst du dich an die Geburt von Geschwistern? Was hattest du dabei für Gefühle?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Erinnerst du dich an die Geburt von Geschwistern? Was hattest du dabei für Gefühle?

Wie schon erwähnt, war die Geburt meines Bruders eine Zäsur. Das Ende der alleinigen Zuwendung meiner Eltern wäre ja noch gegangen. Schlimmer war, dass ich schon bald einmal bei den gelegentlichen Restaurantbesuchen (niemals zum Essen) vom Sirup, oder ab und zu vom Elmer Citro, die Hälfte abgeben musste. Zwei Röhrchen! Dabei war ich doch viel älter und grösser. Gut, dafür musste er meine Kleider austragen.

Wer passte auf dich auf, wenn deine Eltern nicht konnten? Gab es Kinderkrippen, Kinderhorte, o. ä.?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Wer passte auf dich auf, wenn deine Eltern nicht konnten? Gab es Kinderkrippen, Kinderhorte, o. ä.?

Gerade heute (2014) hörte ich im Radio, dass der Bundesrat weitere 120 Mio. Franken für den Ausbau der Kinderkrippen beschlossen habe. Das gab es damals nicht. Frauen mit Kindern waren in der Regel zu Hause. Kinder von Frauen ohne Mann, und davon gab es schon damals ziemlich viele, waren weitgehend auf sich gestellt. Daher der Begriff "Schlüsselkinder" – sie hatten einen eigenen Hausschlüssel. (Dass er an einer Schnur um den Hals hing ist eine Mär.) Während meiner Primarschulzeit besuchte ich mit meinem Bruder am späteren Nachmittag den Kinderhort im Schulhaus Buchwald. Kamen wir dann um sieben oder acht Uhr nach Hause, konnte es aber immer noch sein, dass die Mutter von der Arbeit noch nicht zurück war. Oder schon wieder weg. Das war alles kein Beinbruch, und ich empfand es auch nicht so. Es erzog uns zu Selbständigkeit. Und wie wir diese Freiheiten genossen! Es wurde nie gross gefragt, was man denn alles so getrieben habe. Wir lernten früh, uns selbst zu beschäftigen, den Tag zu gestalten oder auch spontan im Kreis der gerade "verfügbaren" Kinder zu entscheiden, was man jetzt als nächstes tun wollte. Wir Kinder passten irgendwie auf uns selbst auf, die älteren automatisch auf die jüngeren.

Wovor hattest du am meisten Angst?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Wovor hattest du am meisten Angst?

Ich erinnere mich an wenig Situationen, in denen ich wirklich Angst gehabt hätte. Entweder hat man mir nie Angst gemacht, oder es konnte mich nichts stark genug beeindrucken. Letzterem verdankte ich wohl auch meinen Pfadfindernamen „Leu“ (Löwe). Vor der „Taufe“ musste jeder diverse Proben seiner Tapferkeit ablegen. Offenbar konnte mich nichts erschrecken... Jedenfalls war ich stolz darauf, nicht Eule oder Spatz, Chüngel oder so ähnlich zu heissen. Diesen Namen hätten sie mir später fast wieder weggenommen, als wir uns an einer Steilwand abseilen mussten und ich mich unter Tränen weigerte. Doch alles half nichts: ich musste in die Wand. Waagrecht zum ungefähr 15 m tieferen Boden, 90° zum Felsen, hing ich im Seil. Zu meiner Schande gefiel es mir mit jedem Meter besser. Nur mein Stolz, dass ich dazu gezwungen werden musste, liess es nicht zu, dass ich gleich nochmals in die Wand ging. (Gar keine Probleme hatte ich demgegenüber, mich bäuchlings auf dem gespannten Seil über eine Schlucht zu robben.)

 

Ah ja, und da war noch der Schulzahnarzt. Dort gefiel es mir ausserordentlich, aus voller Lunge zu schreien sobald ich den Bohrer hörte. Und zwar solange, bis das Bohren aufhörte. Ich glaube aber, ich genoss vor allem die Möglichkeit, jemanden ungestraft mit meinem Schreien zu terrorisieren.

 

Ansonsten manövrierte ich mich erstaunlich gefasst durch Situationen, in denen man durchaus Angst hätte haben können. Ein völlig belangloses Beispiel aus meiner Jugend: Einmal hatte mich eine mit meinem Freundeskreis rivalisierende Bande von Kindern aus dem Quartier eingefangen, als ich gerade allein von einem meiner ausgedehnten Streifzüge aus dem Wald herauskam. Vermutlich rekognoszierte ich gerade ein geeignetes Versteck für eine neue Hütte. Ich muss wohl 11 oder 12 Jahre alt gewesen sin. Ich lag also auf dem Boden, umzingelt von einem guten Dutzend Kinder und ihrem Anführer, einige Jahre älter als ich. Sie überlegten, was wohl mit mir anzufangen sei. Wie hätte Old Shatterhand gehandelt? Bevor meine Bewacher wussten, wie ihnen geschah, war ich aufgesprungen, ein-zwei Sätze in Richtung des Anführers. Mit einer einwandfreien geraden Rechten an dessen Kinn durchbrach ich den Kreis der Bewacher und rannte so schnell ich konnte nach Hause, ungefähr 2 km. Ich muss wohl Flügel gehabt haben, denn Bruno Fischer, der schnellste Sprinter in meiner Klasse, schaffte es nicht, mich einzuholen. Allerdings ist es auch möglich, dass er mich nicht einholen wollte, denn die andern Kinder waren weit zurückgeblieben, und es war klar, dass ich mit ihm allein spielend fertig geworden wäre. Diese kaltblütige Aktion verschaffte mir einigen Respekt, denn der von mir zu Boden geworfene Anführer, eigentlich ein netter Kerl, grüsste mich von da an immer freundlich.

 

Diese Reaktion war symptomatisch für spätere Situationen, aus denen ich mich allerdings nicht mit Kinnhacken, sondern mit mentaler Ruhe befreien musste. Statt Angst überwog immer eine Art situative Neugier und Lernbegier, wie wohl etwas ausgehen würde. Und ob und wie ich die Situation beeinflussen konnte.

Erinnerst du dich an die Jahreszeiten?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Erinnerst du dich an die Jahreszeiten?

St. Gallen ist bekannt dafür, dass im Winter viel Schnee fällt. (Oder muss man heute, im Jahr 2019 sagen "fiel" …). Die von den Schneeräumern aufgetürmten Schneehaufen an den Strassenecken konnten ohne weiteres über zwei Meter hoch werden. Beste Voraussetzung, um sich Iglus zu graben oder selbst welche zu bauen. Überhaupt waren Schneehütten damals im Winter für uns Kinder gang und gäbe. Wir lernten schnell, welche Handschuhe dafür am besten geeignet waren, denn mangels Schaufeln war viel Handarbeit gefragt. Die handgestrickten Wollhandschuhe, die jeder hatte, taugten am wenigsten. Sie wurden nass, schwer, voller Schneeklumpen und wärmten nicht mehr. Zu jener Zeit kamen leichte, gefütterte Nylonhandschuhe (Fäustlinge) auf. Die waren zwar auch nicht wasserdicht, aber an ihnen haftete kein Schnee. Die beste Kombination, sofern man nicht privilegiert mit Kunstlederhandschuhen auftrumpfen konnte, war ein Nylonhandschuh und darunter die warmen Wollhandschuhe.

 

Die übrigen Jahreszeiten waren weniger spektakulär. Sommer war Badezeit im Schwimmbad Rotmonten (auf dem Rosenberg) oder in den Drei Weihern (auf dem gegenüberliegenden, weniger mondänen Freudenberg). Einmal wäre ich mitten in einem Haufen Badender fast ertrunken. Ich verlor auf der Treppe ins Tiefe plötzlich den Boden unter den Füssen. Irgendetwas, vermutlich Panik, verbot mir, mich einfach an einem der umstehenden Badenden festzuhalten. Ich strampelte wie verrückt. Als ich glaubte, meine letzte Sekunde sei gekommen, fanden meine Zehen wieder Boden. Ich verkroch mich in eine Ecke des Schwimmbads, hustete das ganze geschluckte Wasser hinaus, und erzählte keinem Menschen davon. Man musste mich jedoch nicht mehr motivieren, schwimmen zu lernen.

 

Wenig Schutz hatten wir vor heftigen Sonnenbränden, nach denen man sich einige Tage danach die Haut in grossen Fetzen herunterreissen konnte. Es schmerzte nur, wenn die Haut noch nicht völlig abgestorben war. Wir waren wie Schlangen, die sich häuteten, manchmal über den ganzen Sommer sogar mehrmals. Voraus gingen dem natürlich nahrhafte Brände, die dann mit irgendeiner Salbe, was gerade so da war, bis hin zu Butter, behandelt wurden. Sonnencreme hatten die wenigsten, am ehesten noch eine gewöhnliche Niveau-Creme. Es ging das Gerücht, dass der beste Schutz Melkfett sei. Probiert haben wir es, glaube ich, nie.

Welche Rolle spielten Sonntage und Feiertage wie Weihnachten, Sankt Nikolaus, Ostern und Geburtstage in deinem Kinderleben?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Welche Rolle spielten Sonntage und Feiertage wie Weihnachten, Sankt Nikolaus, Ostern und Geburtstage in deinem Kinderleben?

Sonn- und Feiertage waren für meinen Vater zuerst einmal Gelegenheit, lange im Bett zu liegen und bis zur Mittagszeit seine "Schundromane" zu lesen. Nach dem Mittagessen, immer reichhaltiger und formeller als unter der Woche, kleidete sich Vater und Kinder ins Sonntagsgewand und man ging auf den Sonntagsspaziergang. Meistens ohne die Mutter, die in der Zeit vermutlich den Haushalt besorgte, die Küche in Ordnung brachte – oder sich vielleicht auch noch ein wenig aufs Ohr legte. Allerdings kam es auch vor, dass der Vater uns allein zum Spielen schickte und er und Mutter sich ins Schlafzimmer zurückzogen. Weitergehende Gedanken, als dass sie vermutlich müde waren, machten wir uns darüber nicht. Wenn uns Vater nach den Sonntagsspaziergängen wieder zu Hause abgeliefert hatte, zog er meistens direkt weiter in eine der nahegelegenen Quartierbeizen zum Jassen mit seinen Kollegen. Manchmal besuchten wir ihn auf Geheiss der Mutter, wenn sie das Gefühl hatte, dass es für ihn Zeit wäre. Ich genoss den speziellen Duft der verschiedenen Beizen, jede roch anders, auch wenn die Basis des Duftes aus Tabakqualm und Bier bestand. Nur der Bierschaum, den mein Bruder und ich trinken durften, sobald Vater ein neues Bier bestellte, schmeckte überall gleich bitter (Schützengartenbier). Etwas anderes gab es für uns meistens nichts zu trinken.

 

Ganz besonders Weihnachten lief zu Lebzeiten meines Vaters nach einem Ritual ab. Das Wohnzimmer war für uns verschlossen, angeblich wegen der Engel, die Geschenke brachten. Wir sassen also gespannt im Esszimmer, wo so um 1800 Uhr das Heiligabend-Essen serviert wurde. An etwas Anderes als an jeweils reichhaltige kalte Aufschnittplatte mag ich mich nicht erinnern. Nach dem zur Freude von uns Kindern entsprechend speditiven Essen schienen die Engel ihre Arbeit verrichtet zu haben, und die Stubentüre wurde vom Vater geöffnet: Der immer zimmerhohe Christbaum erstrahlte in unseren erwartungsvollen Kinderaugen. Zu Recht, denn mein Vater brachte zu Weihnachten immer Unmengen von leicht beschädigten Spielzeugen aus der Migros nach Hause. Da er offenbar in seiner Arbeit bei Migros mit dem Einkauf von Spielzeugen zu tun hatte, hatte er dazu einen privilegierten Zugang. So war ich weit herum der einzige, der eine Dampfmaschine besass, die wir mit Metatabletten betreiben konnten. Ein Ingenieur ist aus mir trotzdem nicht geworden, war doch das Interesse der Nachbarkinder an diesem Wunderwerk der Technik grösser als meines. Als Vater dann die Stelle wechselte, wurde der Gabentisch weniger reichhaltig und wir hatten unsere privilegierte Position verloren, wenn es mit den Nachbarskindern darum ging, seine Geschenke zu zeigen und auszuprobieren.

 

Nach Vaters Tod ging dann alles viel rationaler zu und her. Meine Mutter arbeitete meistens bis am Abend, so dass wir Kinder selbst die Rolle der Engel übernahmen. Inkl. Zubereitung der Aufschnittplatte. Symbolhaft für die mit dem Abschied des Vaters verbundenen Änderungen gab es dann ab irgendeinem Zeitpunkt Moules und Escargots, die meine Mutter über alles liebte. Die Zahl der Geschenke nahm drastisch ab. Nur an eines erinnere ich mich dankbar ganz besonders. Am Weihnachtsmorgen des Jahres, an dem der Vater gestorben war, klingelte es an der Türe. Dort stand mein Schulkamerad Ernst Keller mit seinem kleinen Bruder; beide im Sonntagsmäntelchen. Sie hielten je ein grosses Paket in den Händen, das sie uns überreichten und uns frohe Weihnachten wünschten. Mein Bruder und ich kapierten gar nicht richtig, nahmen die Pakete entgegen, liessen die beiden mehr oder weniger im Treppenhaus stehen und widmeten uns dem Inhalt. Es handelte sich um zwei grosse Sätze eines Konstruktionsspiels, einer Lego-Alternative. Wir spielten damit jahrelang und entwickelten eine richtige Meisterschaft im Bau unverwüstlicher Fahrzeuge. Der Test war, mit Handschuhen bewaffnet, die panzerähnlichen Fahrzeuge in voller Wucht aufeinanderprallen zu lassen. Dessen Fahrzeug zuerst in die Brüche ging, hatte verloren.

 

Jahre später, bis heute, empfinde ich diese Geste der Keller-Family heute als etwas Grossartiges. Dass jemand daran gedacht hatte, dass wir zum ersten Mal Weihnachten ohne Vater feierten, und uns ein für die damalige Zeit wirklich grosszügiges Geschenk brachte. Auch erziehungsmässig ein Meisterstück der Keller-Eltern. Anmerkung: Mir ist nur durch den Besuch und die Geste der Familie Keller überhaupt bewusstgeworden, dass dies spezielle Weihnachten waren, nämlich die ersten ohne Vater. So unglaublich mich das heute anmutet: In der Erinnerung war Weihnachten 1960 ein Fest mit der gleichen Vorfreude, den gleichen Glücksgefühlen wie jedes andere. Wie war das Mutter gelungen?

 

Geburtstage wurden in unserem zu Hause nicht gross gefeiert, eigentlich überhaupt nicht. Jedenfalls erinnere ich mich nicht daran. Vielleicht gab es einen Batzen fürs Kässeli, vielleicht ein Globibuch. Einmal von meinem Vater Andersens gesammelte Märchen. Ein neues Buch mit einer Widmung: „Für Erich zum 8. Geburtstag“, ich musste damals also schon leidlich lesen gekonnt haben. Ich habe es noch als einziges materielles Andenken an ihn und freue mich immer noch über dieses Geschenk.

Wie haben eure Mahlzeiten ausgesehen?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Wie haben eure Mahlzeiten ausgesehen?

Zu Lebzeiten meines Vaters assen wir immer einigermassen mit Stil im Esszimmer. Am Sonntag mit dem Sonntagsgeschirr und dem Silberbesteck, die Messer mit Horngriff. Mein Vater trank meistens ein-zwei Glas Rotwein aus einem Chianti-Fiasco. Mutter erhielt, glaube ich, keinen. Ausser, wenn ab und zu an einem Sonntag Besuch da war. Dann tranken auch wir Kinder mit Wasser verdünnten und mit einem Löffel Zucker versüssten Wein. Sonst gab es für uns Wasser oder Himbeersirup. Als Dessert oft Stalden-Creme, Vanille, Caramel. Damals eine Delikatesse. Oder Ananasscheiben aus der Büchse. Unter der Woche einfache Gerichte, Würste, St. Galler Schüblig, von dessen Fett es mir immer schlecht wurde. Dann doch noch lieber das gelegentliche „Corned Beef“ (Büchsenfleisch), das vermutlich die Amerikaner im Krieg nach Europa gebracht hatten. Kalt oder gebraten.

Nach dem Tod des Vaters Hunger? Eigentlich nicht. Butterbrote gab es immer, nicht nur bei uns. Mit Heliomalt darauf gestreut. Oder Konfitüre, die man zu jener Zeit fast in jedem Haushalt selbst fabrizierte, wenn gerade Saison der verschiedenen Früchte war. Viel Erdbeere und Rhabarber.

 

Ohne Vater ging es mit dem Essen viel formloser zu, mehr von der Hand in den Mund. Sehr oft dieselben Speisen. Einerseits wegen der einfachen Zubereitung und der Möglichkeit für die Mutter, diese für den nächsten Tag vorzukochen, wenn mein Bruder und ich allein zu Hause waren. (Was ja die Regel war.) So mussten wir es nur noch wärmen.

Andererseits aber auch, weil immer zu wenig Geld für Besseres vorhanden war. Von daher meine Abneigung gegen Pot-au-feu, Milchreis oder Hörnli mit Apfelmus, Apfelkuchen (Öpfelflade), Gschwellti (gesottene Kartoffeln), Café complet, Gerber Käsli. Im Kinderhort gab es warme Milch und frisches Brot (dunkel) à discretion. Wenn die Mutter nach Hause kam und fragte, ob wir gegessen hätten: Ja. Der Bauch war voll. Und Mutter dankbar, dass wir versorgt schienen. So dünn wie ich war, brauchte ich auch nicht allzu viel. Immer vorhanden war im ansonsten ziemlich leeren Kühlschrank genügend Milch, Brot, Butter, die ich nur in ganz kleinen Mengen vertrug, weil mir davon schlecht wurde, und Käse, Emmentaler, Schmelzkäsli oder Tilsiter. Später ab und zu auch Bär-Camembert, über den eines Tages einer unserer französischen Verwandten, ein ziemlicher Feinschmecker, voll Abscheu die Nase rümpfte. Was meine spätere Begeisterung für „richtigen“ Camembert (Rohmilch) etwas erklärt. Zu den einfachen Gerichten, die ich schnell einmal herbeizaubern konnte, gehörten auch Omeletten mit Apfelmus (oft von mir selbstgemacht) oder Marmelade. Onkel Töni lehrte mich später, diese durch Hochwerfen in der Luft zu wenden. Und da war noch die Saugnagi, die Töni manchmal seinen „Leuen" aus dem Wirtshaus nach Hause brachte. Meist ziemlich schwankend und lallend und meisten nur noch die Sauschwänzli, Schwarten und Schweinebacken. Nahrhaft war’s sicher, vor allem im Gegensatz zu dem häufigen "Café complet". (Eine Schüssel Milch, Brot, Käse, Butter und Konfitüre.)

 

Den ganzen Winter über hatten wir meistens jede Menge Äpfel im Keller. Boskop, Glockenäpfel, Klara-Äpfel, Berner Rosen. Als eine frühe Art Sozialfürsorge hatten wir im Herbst das Recht, einige Säcke Äpfel und Kartoffeln verbilligt zu beziehen. Auch die Witwe Angst mit ihren drei Kindern. Direkt ab Rampe im nahegelegenen Vorortbahnof St. Gallen-St. Fiden. Das schwierigste war, rechtzeitig ein Leiterwägeli zu organisieren für den Transport. Meine Mutter war nur ganz am Anfang dabei, nachher war es ganz selbstverständlich Aufgabe von uns Kindern. Natürlich eine Gaudi, wenn wir mit dem Leiterwagen die Strasse runterrasten oder einander schoben. An Bremsen oder vernünftiges Lenken war bei den meisten dieser einfachen Modelle nicht zu denken, und mehr als einmal ging etwas zu Bruch. Glücklicherweise nur Räder und Lenkstangen. Da hiess es dann sofort: von mir bekommst du den Leiterwagen nicht mehr! Irgendwie schafften wir es jedoch immer, an ein Transportmittel zu kommen. Auch eine der frühen Lehren, sich immer irgendwie zu helfen zu wissen!

Was waren damals deine Lieblingsessen?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Was waren damals deine Lieblingsessen?

An spezielle Lieblingsessen als Kind erinnere ich mich nicht besonders. Die schon erwähnte Staldencreme aus der Büchse, die mein Vater über alles liebte. Früchte aus der Konservendose: Fruchtsalat, Ananasscheiben, halbe Pfirsiche waren besondere Leckerbissen. Braten mit viel Sauce und Kartoffelstock, damals noch hausgemacht mit dem „Passe-vite“. Spinat, Lauch und Rosenkohl war mir verhasst. Heute liebe ich es, vor allem Rosenkohl, was aber vermutlich eher an den Kochkünsten meiner Frau liegt. Kalbszunge war für meinen Vater ein Leibgericht, ich konnte sie nicht ausstehen. An anderes Fleisch, abgesehen von Würsten, Aufschnitt und Streichwurst, erinnere ich mich nicht. Auch nicht an Fisch. Koteletts oder andere Leckereien, wie Bärentatzen, kannte ich nur aus meiner Lektüre.

 

Mit dem Tod meines Vaters änderte auch das: wir Kinder assen nur noch, worauf wir Lust hatten, solange es kostengünstig genug und einfach zuzubereiten war. Als ich etwa 12 oder 13 war, kamen grillierte Poulets auf, die man in der Migros direkt ab Grill kaufen konnte. Im Alusack blieben sie warm bis ich zu Hause war. Ein gelegentliches Festessen – und meine Mutter ersparte sich das Kochen. Sie war schon so müde genug. Ich glaube einige Jahre später kamen dann die tiefgefrorenen Fischstäbli. 

 

Zwischendurch konnte es jeweils nach der Schule auch eine ganze Tafel Schokolade (200 g) mit einem halben Pfünder Brot sein. Im kleinen Laden unseres Milchmannes, Hochreutener an der Colloseumstrasse, schrieben wir unsere Bezüge im berühmten Milchbüchlein an. Ein Exemplar hatten wir, eines blieb im Laden. Ende Monat musste ich dann alles bezahlen, so um die 100 Franken oder ab und zu um einen kleinen Aufschub bitten. Manchmal meinte meine Mutter, wenn sie das Geld zusammengekratzt hatte, wir müssten uns ein bisschen zurückhalten, ohne Vorwurf wegen der vielen Dosen Fruchtsalat. (Die ich dem langweiligen Apfelmus vorzog.) Nur der Milchmann meinte einmal süffisant, wir sollten halt den billigeren mit den kleinen Stücklein nehmen, wenn wir nicht bezahlen könnten. Nur, die mit den grossen Schnitzen schmeckte einfach besser. Diese scheinbar harmlose Bemerkung des Milchmanns, begleitet von einem mitleidig-vorwurfsvollen Blick, hat den kleinen Jungen ziemlich getroffen. Es war ein Ansporn, um in meinem eigenen Leben nie mehr in eine solche Situation zu kommen. Und mir das bessere Produkt leisten zu können. Ich sehe die Szene heute noch vor mir. Was mich in meinem Stolz am meisten traf, war, dass sich währenddessen noch andere Leute aus dem Quartier im Laden aufhielten und die Bemerkung des Milchmanns mitbekamen.

Was für Kleider hast du getragen?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Was für Kleider hast du getragen?

Zu Kleidern musste man Sorge tragen, Risse (Dreiängel) wurden geflickt, Schuhe neu besohlt, Socken gestopft. Ich erinnere mich, dass wir einmal versuchten, eine löchrige Sohle mit Kartoneinlagen abzudecken. Ein hoffnungsloses Unterfangen. Selbstverständlich "erbten" jüngere Geschwister und Nachbarskinder noch ordentliche Kleider von den Grösseren. Kleider und Schuhe wurden auf dies Weise "ausgetragen", bis sie buchstäblich aus den Nähten platzten. Wie es mir in der ersten Sekundarschule, mit dem Rücken zur Klasse an der Wandtafel stehend geschah. Die Mittelnaht meiner Hose über meinem Hintern platzte während des Schreibens, was ich allerdings erst durch das brüllende Gelächter der Klasse mitbekam. (Zum Glück nur Knaben ...). Für Sonn- und Feiertage hatte man die Sonntagshose im Schrank. Bis in meine späten Teenager-Jahre kleidete man sich am Sonntag zum Ausgehen bestmöglich. Vor allem auf den Sonntagsspaziergängen von Eltern und Kindern oder für den Kirchbesuch musste man ordentlich daherkommen, was natürlich den Nachteil hatte, dass man sich nicht dreckig machen durfte.

 

In der Hosentasche hatte man ein Nastuch aus Baumwolle, Papiertaschentücher gab es noch nicht oder kannten wir nicht. Das Nastuch benutze man ziemlich lange, was nur ein Problem war, wenn man erkältet war, was ich nicht weiter ausführen möchte.

 

Unterwäsche, Leibchen, Hemden wurden ebenfalls mehrere Tage getragen, Pullover wohl monatelang. Meine Unterhosen war während mindestens 6 Jahren die meines verstorbenen Vaters. (Leichen trug ich praktisch nicht.) Ich vergesse den vorwurfsvollen Blick des Arztes in Neuchâtel nicht mehr, als ich mich mit immerhin schon 16 bis auf die Unterhosen ausziehen musste. Sogar mir wurde in diesem Moment klar, dass die Originalfarbe eigentlich nicht gelb war. (Unterwäsche und Hemden ganz konsequent täglich zu wechseln, lernte ich zu meiner Schande erst mit 21 von meiner heutigen Frau ...).

 

In dieser Zeit war es fast schon eine dandyhafte Steigerung, wenn wir Teenager am Sonntagnachmittag ins "Africana" gingen, dem einzigen Ort in St. Gallen, in dem es in der Mitte der 60er Jahre die aufkommende englische Musik zu hören gab. (Auch von den aus dem Boden spriessenden Schweizer Bands.) Dorthin, wie auch an mein erstes Popkonzert im "Schützengarten", etwa mit 15, ging man "in Schale", oder was man damals dafür hielt: Weisser Rollkragenpullover, kragenloses kariertes Veston und unten extrem breit auslaufende graue Twisthosen, wofür meine Mutter nicht nur Verständnis hatte; es gefiel ihr auch. Mein erster Konzertbesuch: Casey Jones and the Governors und die Sauterelles mit Toni Vescoli. Unvergesslich, vor allem Tonis extrem lange Haare. In den 1968er Jahren und der Flower-Power-Zeit der 1970er, änderte sich die Einstellung zur Kleidung radikal – parallel zu den Rolling Stones und anderer Popbands. Und die Haare wurden von uns allen länger.

 

Das war die Zeit, als „man“ Bluejeans trug – und ich mir auch eine kaufen durfte. Durchaus in unserer Situation keine Selbstverständlichkeit. Aber möglicherweise war der Gedanke auch, dass diese strapazierfähiger waren und nicht oft gewaschen wurden ... Damals ging die Mär, dass man sich damit in kaltes Wasser in eine Badewanne legen musste, damit sie dann hauteng sassen. Was ich natürlich auch tat. Zudem musste man mit einem Messer den Stoff auf den Oberschenkeln blank reiben. Was ich früh hassen lernte: Hosen, die bissen. Wenn das der Fall war, war meine Mutter so verständnisvoll, diese jeweils zu füttern. Im Militär musste ich mich dann wohl oder übel daran gewöhnen – oder lange Unterhosen tragen. Am liebsten natürlich den Kampfanzug oder „Tenü blau“.

 

Apropos Kleidung: Ich muss ungefähr 7 oder 8 Jahre alt gewesen sein, als ich nach Hause rannte, um meiner Mutter zu erzählen, ich hätte eine Frau in Hosen gesehen. Es war die Mutter eines Mitschülers, die gerade zum Milchladen herauskam. Die Hose habe ich nie mehr vergessen: ein Schottenmuster, grüne Grundfarbe und rote Karos. Meine Mutter beruhigte mich ernsthaft, wenn auch ein Lachen verkneifend, dass Frauen das schon dürften. (Gerade jetzt fällt mir auf, dass sie sich weder in dieser Situation noch in anderen jemals über mich lustig gemacht hat.)

Wer und wie waren deine Spielkameraden?
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1.  Erste Erinnerungen und Kindheit

Wer und wie waren deine Spielkameraden?

In unserem Wohnblock und der näheren Umgebung hatte es viele Kinder jeden Alters. Eine schöne Zeit. Jemand war immer da, um die Zeit zu vertreiben. Meist ein wenig ältere. Bei diesen musste man sich anstrengen, um dabei sein zu dürfen, dazu zu gehören. Walti Angst, „Gaggo“ Ackermann, Bruno (oder Peter?) Saxer. Mit Gaggo schaute ich den Beginn der Deutschen Bundesliga. Mädchen kein Thema. Saxer hatte keinen Fernseher – dafür zeichneten wir uns unser eigenes Monopoli, inkl. den Geldscheinen. Ein echtes Monopoli hatte nur Walti Angst. Wenn ich nicht stunden- und manchmal bis tief in die Nacht bei Saxer spielte, dann bei Walti. Neben Walti und mir hatte glaube ich auch Saxer nur noch ein Elternteil, wie überhaupt viele meiner Spielkameraden und späteren Freunde. Walti war ein lieber Kerl. Gut zwanzig Jahre später habe ich ihn in Bern einmal getroffen. Als Wirt in der Kornhausbrücke. Viel hatten wir uns nicht zu sagen.


Noch während der Primarschulzeit engere Kameradschaft mit Oski Bosshard. Einzelkind, intelligent, zielstrebig, egoistisch. Einer der wenigen meiner Freunde mit intakter Familie. Die Eltern waren immer sehr freundlich zu mir, wahrscheinlich froh darüber, dass das Einzelkind ein nettes Gspänli hatte. Hartnäckiges „Training“ von Judo-Griffen anhand eines kleinen Büchleins, das uns sein Vater geschenkt hatte. Werkzeugmacher, Pfeifenraucher, ein überlegter, ruhiger Mann, offensichtlich mit unstillbarem Fernweh. Seine unendlich langen Ferienreisen zuerst mit Zelt dann mit Wohnwagen bis in den Libanon oder in den hohen Norden waren zu dieser Zeit ungewöhnlich und imponierten mir. Unsere frühe Wette: Oski wird Diplomat oder Botschafter, ich Kriminalkommissar. Wir zwei Sürmel wetteten um ein Fässchen Chianti! Keiner von uns musste bis heute zahlen. Die Bosshards wanderte später nach Afrika aus. Ghana. Dann eine Nachricht aus Südafrika und später aus Ägypten. Mit 21 oder 22 ein kurzes Wiedersehen in Zürich. Ich stellte ihm mein Bett in meiner Studentenbude an der Josefstrasse für seinen Kurzaufenthalt zur Verfügung. Als ich ihm sagte, wo ich übernachtet hatte, nämlich bei meiner spanischen Freundin, traf mich seine spontane Bemerkung: „Geht man jetzt mit Fredmarbeiterinnen.“ Vielleicht war das nicht abschätzig gemeint. Ich habe ihm diese vermutlich durch die Zeit in Afrika geprägte kolonialistische Bemerkung sehr übel genommen. Aber auch sonst hatten wir uns nicht mehr viel zu sagen. Ein dubioses Gespräch über seine Möglichkeit, Diamanten zu beschaffen und in der Schweiz zu verkaufen. Ob ich ihm helfen könne. Interessehalber rief ich bei einem Juwelier in St. Gallen an – aus einer Telefonkabine. Dieser zeigte sich an „Einkarätern“ interessiert und wollte meine Personalien. Ich hatte den Verdacht, dass ich dann gleich verhaftet würde, und meinte einer inneren Stimme folgende, ich würde mich dann wieder melden, wozu es natürlich nie kam. Nach der Verabschiedung von Oski, kein Kontakt mehr.

 

In der Sekundarschule dann Karli Forrer, den ich leider mit dem Wegzug nach Zürich aus den Augen verloren habe. Mit ihm hatte ich den intensivsten Kontakt aus dem einfachen Grund, weil er immer verfügbar war. Er hatte „nur“ die Realschule absolviert und half seinen Eltern bei der nächtlichen Reinigung des Bahnhofs St. Gallen. Er hatte also tagsüber Zeit. Er weckte mein Interesse für Rockmusik (davon später), und Fussballspielen liebten wir sowieso über alles. Ich glaube einer der wenigen Kameraden aus meiner Jugend, mit dem ich nie Streit hatte und der mich auch nie enttäuscht hat. Ein lieber Freund.

Was fällt dir als erstes ein, wenn du an deine Mutter denkst?
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2.1.  Meine Eltern – Meine Mutter.

Was fällt dir als erstes ein, wenn du an deine Mutter denkst?

Ganz spontan: Bedienstete in Paris, Serviertochter in St. Gallen, als sie meinen Vater kennenlernte, nach der Heirat Näherin und Schneiderin in Heimarbeit. Versuch, eine kleine Kleiderboutique im Zentrum von St. Gallen (an aussichtsloser Lage) zu eröffnen, Kämpferin. Plötzlich alleinstehend mit zwei Kindern, sechs und zehn. Zum Glück gab es damals schon eine bescheidene Witwen- und Waisenrente. Pensionskasse keine oder unbedeutend. Also kein Geld – keine Perspektiven. Schulden gegenüber einer früheren Arbeitgeberin aus der kurz darauf Pleite gegangenen Boutique. 

 

Nie aufgeben. Sie tat nach dem Tod meines Vaters das einzig Richtige: Sie lernte zielstrebig Schreibmaschinenschreiben – 10 Finger blind. Fand dann eine Stelle als Fakturistin in einem nahegelegenen Spielwaren Engroshandel, 10 Minuten zu Fuss. Einziges Hobby: Begabte Handleserin, offenbar mit Erfolg, denn ab und zu brachte sie einige Hunderternoten nach Hause, weil sie jemandem weitergeholfen hatte. Ihm oder ihr die Zukunft vorausgesagt habe. Ich selbst liess mir von ihr nie die Hand lesen oder die Zukunft voraussagen. Dabei war ich mehrfach Zeuge, wie sie bei unbekannten Personen voll ins Schwarze traf und diese von ihren seherischen Fähigkeiten schwärmten.

 

Zusätzliche Nachtschichten als Serviererin bei Banketten – neben dem Tagesjob. Irgendwann nach Mitternacht brachte sie mindestens einmal die Reste eines Buffets (Tennisclub Rotmonten) nach Hause und weckte meinen Bruder und mich zum Festschmaus. Wir schliefen zusammen auf dem Sofa im Wohn-/Ess-Fernsehzimmer. (Die frühere Stube hatte Onkel Töni belegt, war aber offensichtlich an dem Tag nicht zu Hause oder grad wieder einmal in einer Entziehungskur oder sonst wo.) Nicht oft hatten wir so volle Bäuche. Mutter schwärmte anderntags vom Tennisclub und den feinen Leuten und meinte, dass wir uns später auch einmal in diesen Kreisen bewegen müssten. (Was mir keinen Eindruck machte. Irgendwie wollte ich mir damals schon selbst aussuchen, wie mein späteres Leben aussehen sollte.)

 

Ihre Lage beim Tod ihres Ehemannes war nicht beneidenswert: ohne Ausbildung, mit einer chancenlosen Kleiderboutique im Hochparterre einer St. Galler Seitenstrasse, für die Sie von einer früheren Arbeitgeberin ein Darlehen erhalten hatte. Zwei Kinder, 10 und 6 Jahre alt. Kein Geld, nur Schulden. Ihr Bruder, Onkel Töni (Anton) der aus Genf zu uns gezogen war, bezahlte vielleicht etwas an die Miete(?), arbeitete jedoch unregelmässig, immer wieder Rückfälle in den Suff. (Er war jedoch einer der gutmütigen Betrunkenen.) Trotzdem war er wichtig für mich, ein wenig Vaterersatz – ein guter, humorvoller Kerl ohne Strenge. Ein handwerkliches Genie trotz seiner unglaublich dicken Finger. Abschreckend als gescheiterte Existenz (nie so werden). Wie meine Mutter mit eher französischer Lebensart. Laissez-faire, den Moment leben. Keine Zukunftsangst, obwohl es tausend Gründe dafür gab. Erst nach dem Totalschaden mit unserem alten Peugeot 202 reichte es meiner Mutter: Sie warf in raus. (Er kam jedoch immer wieder kürzer oder länger bei ihr unter, später auch während mehreren Jahren bei ihr und Walti Honegger in Räterschen. Dort erwischte es ihn nach einer weiteren erfolglosen Entziehungskur und durchzechter Nacht mit einer Lungenentzündung; er starb daran im Spital Winterthur.)

Gibt es ein bestimmtes Bild früheren Glückes, das dir im Zusammenhang mit der Mutter in den Sinn kommt?
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2.1.  Meine Eltern – Meine Mutter.

Gibt es ein bestimmtes Bild früheren Glückes, das dir im Zusammenhang mit der Mutter in den Sinn kommt?

Ich sehe mich etwa im Kindergartenalter auf der Nähmaschine sitzend, auf der meine Mutter zu Hause in Heimarbeit schwere Ledermäntel nähte. Die Maschine, ein schweres Möbel, wie ein Pult, in der Mitte die versenkbare schwere Pfaff mit Fusspedal, elektrisch, hatte sie in unser Stübli vor das Balkonfenster gestellt, wo sie am meisten Licht hatte. Sie näht und spricht mit mir. Möglicherweise Französisch. Jedenfalls behauptete sie immer, dass ich in diesem Alter leidlich französisch gesprochen hätte. Vielleicht erinnere ich mich deshalb an diese Szene, weil solche gemeinsame, intime Stunden spätestens mit dem Tod meines Vaters für immer vorbei waren. Ich genoss es, ihr bei der Arbeit zuzuschauen. Wie präzise sie die Nähte aufeinanderlegte und zusammennähte. Unter ihren Händen entstand etwas Konkretes, Brauchbares; das faszinierte mich schon früh. Wie Arbeit und Arbeitsprozesse überhaupt.

Woher stammt deine Mutter? Was weisst du über ihr Leben? Wie hat sie den Krieg erlebt?
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2.1.  Meine Eltern – Meine Mutter.

Woher stammt deine Mutter? Was weisst du über ihr Leben? Wie hat sie den Krieg erlebt?

Gemäss einem alten, vergilbten Familienschein meines Grossvaters, (Ackermann Anton von Mels, geboren am 13. November 1881 in Gossau SG) kam meine Mutter am 4. Oktober 1919 in Urnäsch zur Welt. Ihre Jugend verbrachte sie in Frankreich. (Siehe Kapitel 3). Mein Grossvater war um die 1920er Jahre mit Sack und Pack nach Frankreich ausgewandert, um sich als Knecht samt Familie auf Bauernhöfen zu verdingen. Von den bis dahin 10 geborenen Kindern überlebten 5; zwei kamen dann in Frankreich (Meta 1923 in Boissy-Tresnoy) und Claire 1928 in Jouarré) noch dazu. Von diesen 7 Onkeln und Tanten habe ich dann Onkel Töni am besten kennengerlernt, als er nach dem Tod unseres Vaters für einige Jahre bei uns wohnte. Von ihrer Jugend hat sie nicht viel erzählt, oder ich weiss es nicht mehr.

 

Sie hat jedoch einige Male Andeutungen gemacht, dass sie oder andere der Familie während der Besetzung für die Deutschen gearbeitet hätten, da sie ja sowohl Deutsch wie Französisch sprachen. Auf jeden Fall hatte mindestens Onkel Töni Camions nach Russland gefahren. Scheinbar nicht uniformiert. In seinem Gepäck, als er zu uns gezogen war, fand ich einmal einen (zivilen) Lederoverall aus dickem Schaffell, die Lederseite aussen. Dies machte seine Geschichte glaubhaft. Er sprach praktisch nie darüber, erwähnte nur einmal, dass er auf einem Rücktransport Juden im Camion versteckt und nach Ungarn mitgenommen habe. Der Name Esterhazy fiel. Ich fand das ungeheuer wichtig, aber er machte kein Aufheben davon, wollte diese Zeit offenbar ausblenden. Nur dass er in Ungarn einmal in einem Keller jede Menge feinsten Tokajer gefunden habe, erzählt er gerne.

 

Aus der Kriegszeit hat Mutter mir mehrmals die verrückte Geschichte ihrer Rückreise erzählt. Als sich der Sieg der Alliierten abzeichnete, musste oder wollte die ganze Familie Frankreich offenbar ziemlich fluchtartig verlassen. Als ich sie einmal nach dem Warum fragte, erklärte sie mir, dass sie Angst gehabt hätten, von den Franzosen und der Résistance als Kollaborateure angesehen zu werden. (Man kennt die Bilder von Frauen, die nach Kriegsende angeprangert wurden und denen im Minimum der Kopf kahlgeschoren wurde.) Als alles für die Rückreise organisiert gewesen sei, vor allem Plätze in einem der letzten Züge Richtung Deutschland, wurde mein Grossvater wenige Tage vor der Abreise getötet, am 13. August 1944, im Alter von 63 Jahren unterwegs mit dem Fahrrad. Als Ort ist in seinem Familienschein ein Eintrag „Boulevard Paris Ney 170:“ zu finden. Die Familie reiste also ohne Vater von ihrem damaligen Wohnort Saint-Ouen-l'Aumõne (Seine-et-Oise) zurück in die Schweiz. Es kann sein, dass sich der Schmerz in Grenzen hielt, denn immer, wenn ich meine Mutter über ihren Vater befragte, erhielt ich nicht besonders überschwängliche Auskünfte. Das Wort "Tyrann" fiel mehr als einmal.

 

Über Deutschland kamen sie im Sommer 1944 zurück in die Schweiz, mit gleichviel oder weniger als sie gegangen waren. Dass auf der Rückreise der Zug bombardiert wurde, und der Wagen, in dem unsere Familie sass, verschont blieb, gehörte immer irgendwie zur spannenden Erzählung. Auch, dass meine Mutter die Familie zum Bleiben bewegt hatte, als Panik ausbrach und bei dem Bombardement alle in die vorderen Waggons flüchten wollten. Und die, die geblieben waren, verschont wurden. Jedenfalls so habe ich ihre Erzählung so in Erinnerung.

 

Von den Kindern blieben das älteste (Anna, geboren 1910) und das zweitjüngste (Meta, geboren 1923) in Frankreich zurück. Meta hatte 1941 George Moreau geheiratet (und gebar meine Cousins Pierrot, François und Luc). Anna hatte bereits 1932 einen Franzosen geheiratet. Von beiden Tanten stammen meine vielen Verwandten in Frankreich. Drei Söhne von Meta, sechs Kinder von Anna und daraus wieder eine nicht mehr überblickbare Zahl von Kindern und Kindeskindern. Leider habe ich nicht den Antrieb und die Begabung meiner Mutter, um all diese Bande so zu pflegen, wie sie es verdienten. Unser Haus war und ist immer offen für sie, wie es umgekehrt auch immer der Fall war und ist.

Wie würdest du sie beschreiben?
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2.1.  Meine Eltern – Meine Mutter.

Wie würdest du sie beschreiben?

Wenn ich Fotos meiner Mutter anschaute, fand ich immer, dass sie gut aussah. Sehr feminin. Sie verwendete z.B. nie Kraftausdrücke und verzog das Gesicht, wenn wir Buben später solche brauchten. Wohlgeformter Körper mit leichter Tendenz zu mollig, offenes, sinnliches Gesicht. Gepflegt, unauffällig stilvoll, auch wenn sie kein Geld hatte, sich teure Kleider zu kaufen. Umso mehr freute Sie sich, wenn Sie sicher einmal etwas Neues anschaffte, meistens zu einem günstigen Preis. Später nannte man das "Schnäppchen".

 

Sie strahlte immer eine Grundfröhlichkeit aus, die ansteckend war. Aber ihre inneren Werte stellte diese positive Aura noch in den Schatten: Zielstrebig, nie aufgebend, an eine bessere Zukunft glaubend. Ehrlich, offen, gutherzig, ohne Falschheit. Eine unermüdliche Schafferin, um meinen Bruder und mich durchzufüttern und die Wohnung zu behalten. Und ihre Schulden aus der Boutique in monatlichen homöopathischen Dosen abzutragen. Frau Oprecht erhielt es in ihrem hohen Alter bis auf den letzten Franken zurück. Das war für Mutter selbstverständlich und Ehrensache. Ihre uns vorgelebte positive Einstellung zum Leben, zur Arbeit und zur Möglichkeit, seine Zukunft zu bestimmen, überhaupt immer an einen guten Ausgang zu glauben, war mehr wert als alle Stunden in Schulzimmern.

   


(1) Mutter 1995 New York. Wenige Monate vor ihrem Tod kam sie noch mit uns nach New York und genoss sichtlich ihr Dessert im Marriott Times Square. Wir begleiteten damals unseren Sohn zu seinem Sprachaufenthalt in New York City.

Mutter 1995 New York. Wenige Monate vor ihrem Tod kam sie noch mit uns nach New York und genoss sichtlich ihr Dessert im Marriott Times Square. Wir begleiteten damals unseren Sohn zu seinem Sprachaufenthalt in New York City.

 

Wie hast du sie als Mutter empfunden?
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2.1.  Meine Eltern – Meine Mutter.

Wie hast du sie als Mutter empfunden?

Ich kann trotz allem leider nicht behaupten, dass ich meine Mutter über alles bedingungslos geliebt oder verehrt hätte. (Im Gegensatz zu meinem Bruder, der eine viel engere Bindung zu ihr hatte.) Meine Gefühle würde ich, neben "normaler" Sohn-Mutter-Liebe eher mit Hochachtung, Respekt, Achtung und zeitweise, je älter ich wurde, sogar leiser Bewunderung umschreiben. Die Zuneigung vertiefte sich mit zunehmendem Alter aber eine gewisse, fast unerklärliche Distanziertheit war immer da. Schuld war sicher ich, der sie emotional nicht zu nahe an mich herankommen liess. Ich genoss jedoch ihre offensichtlich stille Freude, wenn sie auf etwas das ich tat oder erreicht hatte, stolz war. (Viel Aufhebens machten wir beide nie.) Auf jeden Fall gab es nie einen Zweifel, dass sowohl ich wie mein Bruder für Sie da gewesen wären, wenn sie Hilfe, auch finanzielle Hilfe, benötigt hätte. Zum Glück hatte sie auch zwei Schwiegertöchter, die sie liebten.

 

Umso weniger kann ich diese immer leicht vorhandene emotionale Distanz erklären. Vielleicht, weil ich früh und natürlich unfreiwillig so eine Art männliches Oberhaupt der Familie wurde, Verantwortung übernehmen musste aber eigentlich viel lieber genauso verhätschelt worden wäre, wie mein kleiner Bruder? Was andererseits für mich und meine Entwicklung zu selbständigem Handeln toll war. So gab es z. B. überhaupt keine Diskussion, wenn ich als Zwölf- oder Dreizehnjähriger mit Schulkameraden zwei Tage auf Wanderschaft ging, um irgendwo in den Bergen zu übernachten. Nur das Ziel der Reise geplant, mit einem Cervelat, Brot und ganz wenig Geld versehen. Oder als ich mit Roland Walser, einem meiner besten Freunde aus der Primarschule, mit 17 Jahren (ich war im ersten Lehrjahr) eine ca. einwöchige Deutschlandreise per Autostopp unternahm: München – Ulm – Stuttgart. Keine Fragen, keine Ermahnungen. (Vielleicht ein „pass auf“.) Ich glaube, sie war einfach froh, für einige Tage eine Sorge weniger zu haben. Ich vermisste diese - im Nachhinein betrachtete - mangelnde Aufmerksamkeit auch nicht. Wie sollte ich auch, da ich ja seit ich 11 war nur dies kannte: grosse Selbständigkeit und Eigenverantwortung. Eigentlich schon früh ein kleiner Erwachsener.  

 

Viel später, ich war schon Mitte dreissig und hatte sie auf eine Reise nach Kalifornien eingeladen. Typischerweise nutzte sie die Gelegenheit aus, und flog nicht direkt zu mir nach San Franzisco, wo wir dann mit meinem Bruder und seiner Familie zusammentreffen würden. Die Weiterreise nach Las Vegas und zurück in die Schweiz machte sie dann in Begleitung von ihnen. Ihre eigene Hinreise nach San Francisco umfasste noch Zwischenstopps in Denver und Edmonton, um Bekannte zu besuchen. Wenn sie schon mal unterwegs war ...! Selbstverständlich hatte sie damit überhaupt keine Schwierigkeiten, trotz ihrer Unerfahrenheit im Fliegen, ihres Alters und sehr bescheidener Englischkenntnisse, die sie sich selbst beigebracht hatte.

 

Auf einer Autofahrt von San Franzisco in den Yosemite Nationalpark erklärte sie mir ganz unverhofft, dass sie sich um mich nie Sorgen gemacht hätte; mich habe sie allein laufen lassen können. Ihr Problemkind sei immer mein Bruder gewesen. Ich fasste das als (spätes) Kompliment auf. Hätte ich überhaupt gewollt, mehr Aufmerksamkeit zu erhalten? Ich glaube, sie tat ihr Möglichstes, um in unserer wirtschaftlich stets prekären Lage irgendwie zu bestehen. Und ich genoss meine Freiheiten. 

 

Sie hat bei anderen Gelegenheiten und bei anderen Menschen bewiesen, dass sie eine grosse Menschenkennerin war. Einmal stellte ich sie einem meiner Geschäftspartner vor, den ich über alle Massen schätzte. Ein welterfahrender, jovialer, gutherziger und intelligenter Mann. Er, Deutscher, kriegsversehrt aus dem Russlandfeldzug, 25 oder 30 Jahre älter als ich strahlte er eine seltene Abgeklärtheit aus. Meine Mutter begrüsste ihn, und, wie es ihre Gewohnheit war, drehte sofort seine Hand um und studierte kurz seine Handlinien. Wahrscheinlich gab sie ihm, dem ihr völlig Fremden, auch einige der üblichen Kommentare dazu ab: „Sie werden hundert Jahre alt; aufpassen mit der Leber; sie haben die Liebe ihres Lebens gefunden. Oder so ähnlich.“ Als wir allein waren, warnte sie mich dann vor ihm: „Dieser Mann hat zwei Gesichter.“ Ein Jahr später stellte sich dann heraus, dass er uns systematisch hintergangen und sich am gemeinsamen Geschäft bereichert hatte. 

 

Was mir unerklärlicherweise eher peinlich war: Wo sie auftauchte, war sie in kürzester Zeit der Mittelpunkt. Oft mit ihren hellseherischen Fähigkeiten und mit Handlesen. Was ich für Humbug hielt. Das Gefühl, dass sie sich blamieren könnte, war mir äusserst unangenehm, war jedoch immer völlig unbegründet. Im Gegenteil erhielt ich von allen, die sie kennenlernten, nur Komplimente, was für eine grossartige Mutter ich doch hätte. Ja, sie war einnehmend und verführerisch. Auch wenn sie uns austrickste, tat sie es mit mädchenhaftem Charme und einem verschmitzten Lächeln, wenn man dahinterkam. Sie entschuldigte sich dann damit, dass sie halte eine Waage sei. Wie später meine Frau. Ein Zufall? 

 

Am meisten geprägt hat mich wohl ihre Zielstrebigkeit. Sie hatte keine Zeit für Selbstmitleid, für Migränen, Depressionen oder Ähnliches. Es galt, zwei Kinder grosszuziehen und dafür zu sorgen, dass aus diesen „etwas würde“. Sie hatte immer dieses Ziel vor Augen. Durchaus mit der unverhohlen ausgesprochenen Erwartung, dass wir im Alter für sie sorgen würden. Was nie nötig wurde: Sie konnte für sich selbst sorgen, auch indem sie wegen Arbeitsunfähigkeit Jahre vor Bezug der AHV eine Invalidenrente zugesprochen erhielt. Sie litt unter extrem starkem Tinitus und später unter Schwerhörigkeit. Als Sie starb, hatte sie einen kleinen fünfstelligen Betrag auf dem Konto, die sie ihrem Lebenspartner, Walti Honegger, vermacht hatte. Das war gut so.

 

Sie spornte uns nicht an, indem sie Druck ausübte oder uns besonders für die Schule motivierte. Sie erzog uns primär zu Selbständigkeit, zu Ehrlichkeit und vermittelte uns ein Gefühl für Gerechtigkeit. Sie zeigte uns aber immer wieder auf, dass es auch ein besseres Leben als das unsere gäbe. Bei entsprechenden Gelegenheiten erzählte sie uns immer wieder, wie die feinen Leute, bei denen Sie in Paris gedient hatte, lebten. Z. B. essen mit fein gedecktem Tisch. Sie erzählt uns von den erlesenen Weinen, von Pommard und Chablis, von Champagner. Kein Wunder entlockt mir, und zum Glück auch meiner Frau, eine schön gedeckte Tafel sowie reichhaltiges gutes Essen und Trinken immer noch ein grosses Glücksgefühl. Rückschläge waren für sie nur da, um auf dem Weg in ein solches besseres Leben überwunden zu werden. Ging etwas nicht wie gewünscht, dann musste es wohl so sein und ein anderer, aussichtsreicherer Weg würde sich sicher auftun. Und meistens kam es auch besser raus.

Was waren ihre herausragenden Eigenschaften?
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2.1.  Meine Eltern – Meine Mutter.

Was waren ihre herausragenden Eigenschaften?

Mutter verlor auch in den miserabelsten Momenten nie ihren Zukunftsglauben, vermittelte uns nie Lebensangst oder ein Gefühl von Verzweiflung. Ihre fast unerschöpfliche Energie war auf ein Ziel hin gebündelt: uns rechtschaffen grosszuziehen. Wir sollten es zu etwas bringen – und wir waren ihre AHV. In unserer Umgebung gab es einige Kinder, die nur mit der Mutter aufwuchsen, und logischerweise bestand zu diesen Kindern ein besonders enger Kontakt. Aber von allen Müttern, ging es keiner so mies, wie der unsrigen. Und trotzdem war keine so fröhlich und zuversichtlich wie sie. Viele holten von ihr Rat, besonders für ihre Beziehungsprobleme. Sie war eine kluge Frau.

 

Kurz nach dem Tod meiner Mutter hat mir meine in Frankreich lebende Lieblingscousine Pierrette, (sie ist leider 2014 dement verstorben, ich hatte sie seit Jahren nicht mehr gesehen), einen berührenden Brief geschrieben, in welchem sie meine Mutter als diejenige beschreibt, die die Familie zusammenhalten wollte, was ihr immer ein grosses Anliegen war. Dies war auch der Grund, weshalb ich, und ich glaube etwas weniger mein Bruder, ab dem Sekundarschulalter einige Ferien in Frankreich verbrachten.

 

« Bien que notre famille soit très nombreux, Marguerite n'oubliait personne, elle aimait nous faire connaître tous ses membres, oncles, tantes, cousins, cousines, elle tissait un fil de ralliement pour rassembler tout le monde aussi éloignés géographiquement les uns et les autres; par les photos, les descriptions orales, sans elle, nous en aurions ignoré l'existence. »

Weiter fuhr sie fort: «  [...] elle avait un coeur d'or, elle aurait donné sa chemise [...]. A mon sens, elle était hors du commun [...]. Elle m'a donné une magnifique leçon de courage, de lucidité et d'espérance. Elle savait depuis quelque temps qu'elle arrivait au terme de sa vie. Elle me dit "tu sais Pierrette, je perds toutes mes forces, je ne vais plus vivre bien longtemps, mais ne soyez pas triste, je n'ai pas peur de la mort. Pour moi, ce n'est pas la fin, et rien derrière, c'est le commencement de quelque chose d'autre. Je crois en Dieu et son Fils. Toute ma vie j'ai été acompagnée, et je tiens le Christ en bonne place dans ma maison [...] et je le remiercie tous les jours du bien qui a pu m'être donné. J'ai eu de la chance, oui, je peux le dire. J'ai deux fils merveilleux, ils ont fait un bon mariage et sont comblées chacun avec un enfant qu'ils adorent. Walter [ihr Lebenspartner während fast 30 Jahren] à été tellement bon pour moi, ils m'ont bien gâtée tous. Ils ne savaient que faire pour m'être agréable." » 

 

Soweit der Auszug aus dem Brief meiner Cousine vom 28. Mai 1996, eine Woche nach dem Tod meiner Mutter. Ich weiss nicht mehr, wie ich ihn damals aufgenommen habe oder mich je dafür bedankt habe. Jetzt jedenfalls, beim Schreiben dieser Zeilen, finde ich ihn herzergreifend. So gefasst, wie Pierrette sie angesichts des nahenden Todes beschreibt, haben wir sie auch erlebt. Das machte es uns wahrscheinlich so schwer, uns diesen Tag, der nur einen guten Monat nach diesem Gespräch mit Pierrette kommen sollte, überhaupt vorstellen zu können. Sie hatte sich vor uns nie gehen lassen, nie Schwäche gezeigt und war bis zu Letzt auch als Grossmutter im Einsatz, wenn mein Bruder oder wir sie zum Hüten von Dominique oder Ralph brauchten.

 

In dieser Rolle schreckte sie vor nichts zurück. Als meine Frau und ich eines Abends nach Hause kamen, nachdem meine Mutter den drei- oder vierjährigen Ralph beaufsichtigt hatte, steckte er uns die Finger in den Mund und begann an unseren Zähnen ziehen. Zu seiner grossen Enttäuschung liessen sie sich nicht wie diejenigen der Grossmutter herausnehmen ...

Was habt ihr alles zusammen unternommen?
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2.1.  Meine Eltern – Meine Mutter.

Was habt ihr alles zusammen unternommen?

Nach dem Tod meiner Mutter habe ich – bis heute – bedauert, dass ich als Erwachsener manche Chance, Zeit mit ihr zu verbringen, verstreichen liess. Wir hatten einfach das Gefühl, dass sie trotz einer schweren Operation, bei der man ihr einen Teil des Magens entfernt hatte, drei Jahre vor ihrem Tod, ewig leben würde und wir endlos Zeit hätten. Als schwacher Trost ist geblieben, dass sie uns auf vielen Auslandreisen begleiten durfte, oft als Überraschung für mich, weil sie meine Frau hinter meinem Rücken aufgeboten hatte. Wenn sie eine Reise unternehmen konnte, brauchte sie keine Sekunde Bedenkzeit, und notfalls kam sie auch ohne Gepäck. 1987 flog sie mit meinem Bruder und seiner Familie über Singapur nach Australien. Nicht ohne vor dem Helikopterflug zum Hayman-Island mir noch aus dem Shangri-La Singapur ein Testament zu schicken ... Weils schnell gehen musste auf Französisch, das ihr immer leichter von der Hand ging.

 

Meinerseits erinnere mich an eine Geschäftsreise nach Augsburg kurz davor. Zu viert in meinem damaligen Auto, ich glaube mein erster Audi, ein Audi 100 Occasion. Unser damals etwa neunjähriger Sohn war selbstverständlich auf allen Reisen immer mit dabei. Trotz Schneesturm schafften wir es, fanden (ohne Navi) unsere Unterkunft, ein Apartmenthaus, und irgendwie gelangten wir auch in unser Zimmer. Nur standen da ein einziges grosses Bett und ein Sofa; es hatte jedoch keine Decken. Ganz selbstverständlich kuschelten wir uns alle auf dem grossen Bett zusammen und deckten uns mit unseren Mänteln zu. (Wobei jeder neben meiner Mutter mit ihrem dicken Pelzmantel schlafen wollte.) Andere Reisen, Paris, Brüssel, London, San Francisco, New York, verliefen weniger aufregend, machten sie aber über alle Massen glücklich. Und mich auch!

 

Der Gipfel ihrer Abenteuerlust war allerdings, als sie uns in Valencia, der Heimat meiner Frau, zusammen mit einer Freundin (Susanne Besnard) besuchte. Sie flog los und ich bin mir nicht sicher, ob sie überhaupt die Wohnadresse der Schwester meiner Frau hatte, wo wir wohnten. Bei ihrem Urvertrauen kein Problem. Nachdem sie offenbar einem Dutzend Menschen, inkl. der Polizei, wohlverstanden, ohne ein Wort Spanisch zu sprechen, erklärt hätte, dass der Mann mit Vornamen Bartolo hiesse und Camionfahrer sei, traf es sich, dass meine Frau und ich mit besagtem Bartolo in seinem Auto daherkamen und von hinten in der Ferne eine Frau in einem knallroten Regenmantel sahen. Meine Frau murmelte „das ist doch meine Schwiegermutter“, liess Bartolo anhalten sprang raus und umarmte meine Mutter. Ihr grenzenloser Optimismus hatte wieder einmal obsiegt.

Hast du dich an deine Mutter gewandt, wenn dir etwas auf dem Herzen lag? Woran erinnerst du dich speziell?
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2.1.  Meine Eltern – Meine Mutter.

Hast du dich an deine Mutter gewandt, wenn dir etwas auf dem Herzen lag? Woran erinnerst du dich speziell?
Die Hauptperson in meinem Leben war immer meine Mutter, in zwei Phasen. Bis zum Tod meines Vaters war sie immer zu Hause und kümmerte sie sich um meinen Bruder und mich. Nach dem Tod unseres Vaters waren wir völlig von ihr abhängig, zumindest ich erlebte jedoch hautnah mit, wie sie kämpfen musste, um über die Runden zu kommen. Wie sollte ich sie da auch noch mit meinen Problemen belasten? Sie war im Gegenteil (notgedrunen) bestrebt, mich so selbständig wie möglich laufen zu lassen. Gerade so viel, dass die Vormundschaftsbehörden nicht auf uns aufmerksam wurden. (Damals wurden Kinder "versorgt", wie wir heute wissen. Aus heutiger Sicht vermute ich stark, dass meine Mutter sich dessen sehr bewusst war!
Wie haben sich die Eltern kennen gelernt?
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2.1.  Meine Eltern – Meine Mutter.

Wie haben sich die Eltern kennen gelernt?

Nach Aussage meiner Mutter lernte sie meinen Vater kennen, als sie als Serviertochter und/oder Zimmermädchen im Hotel Metropol in St. Gallen arbeitete. Aus Fotos der damaligen Zeit weiss ich, dass sie reizend war mit ihrer kleinen Stupsnase. Sexy, mehr Französin als Schweizerin. Kein Wunder, machte ihr mein Vater den Hof. Er, kaum als gutaussehend zu bezeichnen, jedoch schlank, für die damalige Zeit eher grossgewachsen, gut gekleidet und drei Jahre älter (geboren 1916). Später verglichen meine Mutter und meine Frau ihn unisono mit dem jungen Frank Sinatra.

 

Auch wenn aus einfachen Verhältnissen offensichtlich ein Mann mit Stil. Meine Mutter nannte ihn zärtlich „Jules“, nicht Julius. Er liebte elegante (Mass-)Anzüge mit passendem Hut. Zur Hochzeit dandyhafte Handschuhe. Offenbar imponierte er meiner Mutter. Vielleicht war er, aus der Agglomeration Zürich kommend, auch weniger provinziell als der Durchschnitts-St. Galler. Als ich sie einmal, noch als Kind, fragte, weshalb sie meinen Vater geheiratet hätte, meinte sie nur, sie hätte sich halt in ihn verliebt. Sie heirateten am 15. Mai 1948 in St. Gallen. Am 1. Februar 1950 kam ich zur Welt. Dieses „Timing“ war damals nicht unwichtig.

Was fällt dir als erstes ein, wenn du an deinen Vater denkst?
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2.2.  Meine Eltern – Mein Vater.

Was fällt dir als erstes ein, wenn du an deinen Vater denkst?

Mein Vater: Hobby-Fussballer (Firmenfussball), Fussballschiedsrichter, unterste Ligen. Schrieb auch einige Gedichte. Mindestens eines wurde scheinbar sogar publiziert („Du guter Mond….“), falls es stimmt. Routinemässiger Sonntagsspaziergang mit uns Kindern in den Wildpark – bevor es ihn anschliessend zum Jassen ins Wirtshaus zog.

 

Ein Schock, als ein Spielkamerad und ich einmal seinem Fussballtraining durch ein Fenster zuschauten und als die Spieler anschliessend duschten durch einen Luftschlitz knapp über Bodenhöhe in den Duschraum kiebitzten. Lauter von unten bis oben behaarte Affen. Bis dahin hatte ich noch nie einen vollständig nackten Mann gesehen. Einmal nur meinen Vater mit einem Unterleibchen bekleidet. Allerdings verstand ich nicht, auch heute nicht, weshalb es dafür eine Ohrfeige absetzte.

 

Welch ein Gegensatz zu meiner Mutter, die sich vor uns Kindern freimütig an- und auszog. Aber niemals im Beisein meines puritanischen Vaters. Was für tolle Brüste. Mit 5 oder 6, offenbar hatte sie noch Milch vom Stillen meines Bruders, kriegte ich zum letzten Mal etwas davon ab. Ich höre ihr begleitendes fröhliches, glückliches Lachen immer noch - oder bilde sie mir ein.

 

Vom Fussballtraining meines Vaters imponierten mir die Anerkennung seiner Kollegen, weil er im Tor nach jedem noch so scharf geschossenen Ball griff. Furchtlos. Eine der wenigen Eigenschaften, die ich ihm abgeschaut habe: Tore verhindern, koste es was es wolle, die Hand nicht zurückziehen. Später lernte ich von selbst: Tore zu schiessen bringt noch mehr Anerkennung.

Gibt es ein bestimmtes Bild früheren Glückes, das dir im Zusammenhang mit dem Vater in den Sinn kommt?
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2.2.  Meine Eltern – Mein Vater.

Gibt es ein bestimmtes Bild früheren Glückes, das dir im Zusammenhang mit dem Vater in den Sinn kommt?

Gemeinsame Spaziergänge, gemeinsames Radiohören, gemeinsames Lesen am Sonntagmorgen im sonnendurchfluteten Elternschlafzimmer. (Ich im Bett der Mutter, die währenddessen den Haushalt besorgte, nähte oder die Küche aufräumte.) Unser erstes Auto, ein alter, schwarzer Peugeot 202, den man an kühleren Morgen ankurbeln oder anschieben musste. Ein Wagen, wie man ihn aus den schwarz-weissen Al Capone-Filmen kannte. Nur meine Mutter erlangte den Fahrausweis. Von Vater erzählte man, er habe den Prüfungsexperten, oder war es doch "nur" der Fahrlehrer, auf halber Strecke wutentbrannt aussteigen lassen und sei (ohne Ausweis) allein nach Hause gefahren. Es sei schliesslich sein Auto. Ich habe die von meiner Mutter gehörte Geschichte immer wieder voller Stolz erzählt. Sie gefällt mir.

 

Keine Reisen, keine Ausflüge, keine Ferien. Nur einmal, ich so 7, 8 Jahre alt gewesen sein, eine gemeinsame Fahrt nach Zürich in unserem Auto aus Anlass eines runden Geburtstags meines Grossvaters (60 oder 70 Jahre?). Mein Vater fuhr. (Offensichtlich ohne Ausweis ...). Natürlich noch keine Autobahnen. Und auf der Rückfahrt hatte er todsicher einen sitzen. Oder fuhren wir erst am nächsten Tag? Oder für meine Mutter?

Woher stammt dein Vater Was weisst du über sein Leben?
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2.2.  Meine Eltern – Mein Vater.

Woher stammt dein Vater Was weisst du über sein Leben?

Er sagte, er käme aus Zürich, vermutlich war es jedoch Adliswil, wo er am 1. Dezember 1916 geboren wurde. Gemäss seinem Dienstbüchlein mass er bei der Aushebung 172 cm und wog 62 Kg, wurde jedoch am 6. Juli 1935 nur als hilfsdiensttauglich eingestuft. Angesichts des bald ausbrechenden Krieges und der Aktivierung der Schweizer Armee gar kein so schlechtes Los. Insgesamt hat er 238 Diensttage geleistet, wovon 199 als Aktivdienst eingestuft sind.

 

Er arbeitete ohne Berufslehre, bei der Migros als angelernter „Bürolist“, ich glaube im Einkauf von Spielsachen. Immer in Anzug und Krawatte zur Arbeit. Sein Vater Fabrikarbeiter. Die meisten seiner 11 Geschwister hatte er nicht gekannt, starben doch davon sechs innert Jahresfrist. Vielleicht waren es diese prekären Zustände in seiner Familie, weshalb es meinen Vater als jungen Mann nach St. Gallen verschlagen hat. Meine spätere Wohnungsnahme in Zürich, mit gut 20, kam mir demgegenüber immer wie eine Rückkehr vor. Ich liebte Zürich vom ersten Tag an. Eine Weltstadt im Vergleich zum vor allem an den Wochenenden öden St. Gallen.

 

Alles in allem weiss ich wenig über meinen Vater. Vielleicht auch, weil es nichts zu erzählen gab. Aus der gemeinsamen Zeit erinnere ich mich, dass es mit ihm plötzlich beruflich bachab ging. Zuerst wurde er in die Migros in Winterthur-Grüze versetzt, fuhr also jeden Tag mit dem Zug zur Arbeit, während er vorher in zehn Minuten zu Fuss im Büro war. Irgendwie bekam ich mit, dass dies eine Folge von Meinungsdifferenzen war. Er behauptete, er hätte die Idee für tiefgefrorene Fertigmenüs gehabt. Fleisch, Gemüse und eine Beilage, die man nur noch in den Ofen schieben musste. Tatsächlich kamen diese zu jener Zeit auf den Markt. Er fühlte sich betrogen. Nicht untypisch für ihn, kündigte er (oder wurde gekündigt?) und wechselte zu Saurer Arbon. In der Regel fuhr er die 13 km mit dem Velo zur Arbeit. Einem guten Fahrrad, das einzige weit und breit mit Trommelbremsen. Am Abend, für den langen Anstieg vom Bodensee hinauf nach St. Gallen, den ich selbst später wirklich hasste, brauchte er sie allerdings nicht.

 

Vielleicht war diese beruflich unerfreuliche Entwicklung ein Anstoss für meine Mutter, sich auf eigene Beine zu stellen und die schon erwähnte Kleiderboutique zu eröffnen. Sie musste erkannt haben, dass sie mit meinem Vater ihre Vorstellung von Zukunft nicht realisieren konnte. Ungefähr ein Jahr darauf brachte er sich um – und ich kam in den Besitz seines Fahrrads. Und von 2000 Fr. der Firma Saurer, die ich samt Zinseszins erhalten würde, wenn ich 20 Jahre alt war. (Das Gleiche für meinen Bruder.)

Wie hast du ihn als Vater empfunden?
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2.2.  Meine Eltern – Mein Vater.

Wie hast du ihn als Vater empfunden?

Ich „kannte“ ihn ja nur 10 Jahre, bewusst vielleicht 6. Mein Vater war eine Respektsperson. Er sprach nicht viel, aber wenn er etwas sagte oder wollte, gehorchten wir. Es war auch einfach, denn er verlangte nichts, was nicht nachvollziehbar war. Gewisse Tischmanieren, das Essen pünktlich auf dem Tisch, saubere Kleidung, anständiges Benehmen, zu bestimmten Zeiten zu Bett zu gehen, Ruhe, wenn er die Nachrichten auf Radio Beromünster hörte. Er war durchaus fürsorglich. Ich erinnere mich jedoch nicht, von ihm je „geherzt“ worden zu sein. Auch nicht, dass er je die Mutter (vor uns) geküsst oder umarmt hätte.

 

Seine Kollegen waren ihm wichtig: Fussballtraining, Tischtennis, Kartenspiel. Betrunken habe ich ihn nie gesehen, nicht zuletzt, weil wir in der Regel schliefen, wenn er nach Hause kam. Ein zwei Mal wachte ich auf, weil es Streit mit meiner Mutter gab. Ein seltenes Ereignis, meine Mutter stritt nie. Sonst gab es vor uns Kindern nie Meinungsverschiedenheiten. Schon relativ früh nach seinem Tod begann ich mir einzureden, dass es auch ein Glück war, ohne ihn aufzuwachsen. Ich bildete mir ein, dass er mich mit seinem kleinbürgerlichen Horizont wohl in meiner Entwicklung behindert hätte. Meine Mutter hätte ihre Ambitionen, ihre durch die Jahre in Paris geprägte weltfrauliche, offene Art, sicher nicht in gleichem Masse auf uns übertragen können. Auf jeden Fall hätte ich nicht die gleichen Freiheiten für mein Tun und Lassen gehabt. Ich bedauerte seinen Tod nie. Was blieb mir auch anderes übrig, als nach vorne zu schauen? Kürzlich (2014) habe ich von einem Psychologen gelesen, dass dies für Kinder in diesem Alter eine durchaus normale Reaktion sei, was mich sehr beruhigt.

Hat er dich an seinen Arbeitsplatz mitgenommen? Wie war das?
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2.2.  Meine Eltern – Mein Vater.

Hat er dich an seinen Arbeitsplatz mitgenommen? Wie war das?

Tatsächlich habe ich ihn als kleiner Junge ab und zu an seinem Arbeitsplatz in der Migros besucht. Zu jener Zeit entfernte man schon in jungen Jahren durchaus auch einige Kilometer von zu Hause und durchstreifte das Quartier. Jedenfalls ich. Strassenverkehr hatte es in den 1950er Jahren sehr wenig, mehr Velos als Autos. Vater arbeitete in der Nähe des Bahnhofs St. Finden, etwa 2 km von zu Hause. Wenn ich ihn besuchte, trug er über den Kleidern einen weissen Arbeitsmantel, wie das zu jener Zeit üblich war. Man schonte die Kleider. Er sass mit anderen Männern an einer langen Fensterbank, die als Schreib- und Arbeitstisch diente. Offenbar hatte er etwas mit Spielwaren zu tun, denn einmal durfte ich mit ihm das Lager besichtigen. Lange Gestelle voll mit Spielsachen. Ich glaube, er meinte dann irgendwann, ich solle nicht so oft oder nicht mehr kommen … Aber mit seinen Stellenwechseln erledigte sich das ja dann von selbst.

 

Bei Saurer war ich nie. Ausser später an einem Riesen-Bankett, an dem Mutter servierte. Ich erhielt ein weisses Hemd und eine Fliege und durfte Wein ausschenken. Meine Hände waren zu klein, um wie die "richtigen" Kellner in einer Hand die (Liter)-Flasche Weisswein und in der anderen den Roten zu halten. Also war ich immer nur mit einer Flasche unterwegs. Manche Dame mag sich zu Hause über Weinflecken auf ihrem schönen Kleid geärgert haben. Als das Servierpersonal ausbezahlt wurde, erhielt ich einen Abzug, aber immerhin hatte ich einige Franken zum Haushaltsbudget beigesteuert.

 

Als Vater kurze Zeit in der Migros in Winterthur-Grüze arbeitete, durften oder mussten mein Bruder und ich einige Male mitgehen, ich muss etwa 9 oder 10 gewesen sein. Es war Sommer und offenbar Ferienzeit. Er deponierte uns jeweils bei der Patin meines Bruders in Räterschen. Nicht weit vom kleinen Reiheneinfamilienhaus mit den typischen vorgelagerten Schreibgärten für den Anbau von Gemüse und Früchten floss die Eulach, "Tölach", wie die Einheimischen sagten. Die Wiesen waren von den Bauern frisch gemäht und das Heu lag zum Trocknen herum. Aus purer Langeweile fanden wir es lustig, Hauballen in den Bach zu werfen und zuzuschauen, wie die kleinen Heuinseln davontrieben, bis es uns verleidete und wir zurück ins Haus gingen. Es dauerte nicht lange, klingelte ein erboster Bauer an der Türe. Nicht nur hätten wir sein Heu den Bach runter geschickt, weiter unten hätte er sich gestaut und sei über das Ufer getreten. Per Velo spedierte uns die Patin von Räterschen zum ungefähr 5 km entfernten Arbeitsort meines Vaters. Am Abend fuhren wir gemeinsam im Zug nach Hause, und mein Vater sprach kein Wort über den Vorfall. Ich hatte sogar den Verdacht, dass er den Streich im Geheimen lustig fand. Aber vermutlich hatte er einfach ganz andere Sorgen, wovon wir jedoch nichts mitbekamen.

Hatte er Hobbies oder Leidenschaften?
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2.2.  Meine Eltern – Mein Vater.

Hatte er Hobbies oder Leidenschaften?

Auch wenn ich meinen Vater nie richtig kennengelernt habe: Für die damalige Zeit ohne eigentliche Freizeitindustrie, einem kleinen Medienangebot und wenig Geld, hatte er es sich für sich selbst offenbar nicht schlecht eingerichtet. Meine Mutter war zu Hause, sorgte für ihn und die Kinder und nähte in Heimarbeit. Zu jener Zeit waren Frauen von Beruf Hausfrau. Er arbeitete zwar den ganzen Tag, war jedoch im Tischtennisclub, in einem Freizeitfussballclub, war Fussballschiedsrichter und ging regelmässig zum Kartenspielen. Daneben schrieb er ab und zu etwas auf seiner schwarzen Schreibmaschine oder lag im Bett und las. Wenn er zu Hause war, erinnere ich mich vorwiegend an diese horizontale Position. Sobald er angezogen war, hielt ihn nichts im Haus.

Was fällt dir spontan ein, wenn du an deine Eltern als Ehepaar denkst?
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.

Was fällt dir spontan ein, wenn du an deine Eltern als Ehepaar denkst?

Ich sehe vor mir einen grossen, meist ernsten und zum Ausgehen immer gutangezogenen Mann. (Zu Hause durchaus salopp in Unterhosen.) Daneben eine charmante, eher kleine, sehr weibliche, meistens fröhliche Frau, die immer bemüht war, die Atmosphäre locker zu halten. Ich erinnere mich nicht, dass sie sich berührt haben. Oder dass der Vater mich oder meinen Bruder geküsst hat. Im Gegensatz zu unserer sehr zärtlichen Mutter. Die intimsten Kontakte zwischen Kinder und Vater waren, wenn wir auf Spaziergängen rittlings auf seinen Schultern sitzen durften. Bis ich zu schwer wurde. Oder dass ich neben dem Vater im Ehebett, liegen durfte, d.h. im Bett der Mutter, meistens wie er lesend. Manchmal auch mit einer Pinzette ihm die "bösen" Haare aus dem ziemlich porösen Gesicht (er war Raucher) ausziehend.


(1) Hochzeit meiner Eltern 15.5.1948

Hochzeit meiner Eltern 15.5.1948

 

Die Rollenverteilung war klar: Der Mann trug die schwere Bürde des Geldbeschaffens und hatte das Recht, zu Hause nichts zu tun und verwöhnt zu werden. Wobei er bei besonderen Gelegenheiten auch selbst kochte und dann jeweils die Küche als Schlachtfeld hinterliess (Mutters Worte). Die Mutter verkörperte demgegenüber Lebensfreude und Behaglichkeit. Später – und bis heute – habe ich mich gefragt, was sie wohl zu diesem so grundverschiedenen, trockenen Mann hingezogen hat. Er passte so ganz und gar nicht zu ihrer durch ihre Jugendjahre in Frankreich geprägten Lebenseinstellung und die für unser damaliges Umfeld fast schon kosmopolitische Umgangsart. Man fragt sich ja oft, was man wohl von seinen Eltern mitbekommen habe. Von der Mutter habe ich sicher den Antrieb, vorwärts zu kommen, nach vorne zu schauen. Vom Vater war es wohl eine inverse Beeinflussung: die Abneigung davor, wie er ambitionslos und tatenlos dahinzuleben.

Wie würdest du dein Elternhaus und euer damaliges Familienleben beschreiben?
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.

Wie würdest du dein Elternhaus und euer damaliges Familienleben beschreiben?

Ich kenne keinen Begriff, der zutreffen würde. Es ging sehr ruhig und gesittet zu. (Jedenfalls ganz anders als später in meiner eigenen Ehe mit der temperamentvollen Spanierin.) Als Versorger der Familie, hatte er gewisse Rechte und Erwartungen. Meine Mutter beklagte sich später einmal bei einer Freundin, dass sie nicht einmal wusste, wieviel mein Vater verdient habe. Als sie es eines Tages zufällig herausfand, sei sie aus allen Wolken gefallen. Offenbar hatte er für sich und seine Jasserei ein schönes Taschengeld abgezweigt. Mutter erhielt ein Haushaltsgeld und führte ein Haushaltsbuch.

 

Geblieben ist mir, wie mein Vater reklamierte, als die ihm zum Mittagessen aufgetischte Bratwurst nicht seinen Vorstellungen entsprach. Was aus dem Mund eines Zürchers eigentlich ganz lustig ist, denn die verstanden ja damals kaum mehr von Bratwürsten als heute. Der Vorwurf an meine Mutter war "du hast sie (schon wieder?) mit Schnellfeuer gebraten". Ich nahm das mit einer Mischung aus Bewunderung über diese kulinarische Kompetenz und gleichzeitiger Verwunderung über den Vorwurf und die Betroffenheit meiner Mutter, die die Schelte kommentarlos einkassierte, zur Kenntnis. Wie sie überhaupt die besondere Fähigkeit hatte, leichtfüssig über gewisse Dinge einfach hinwegzugehen, nicht zu streiten und nicht zu schmollen.

 

Damals kamen die Väter üblicherweise zum Mittagessen nach Hause. Strickjacke anziehen und Punkt 1215 das Essen auf dem Tisch. 1230 Radio Beromünster, anschliessend kurzes Mittagsschläfchen auf der Couch und absolute Ruhe in der Wohnung.  

 

Wie gesagt erinnere ich mich nicht an den Austausch von Zärtlichkeiten. Jedoch sehr wohl, dass man uns am Sonntag nach dem Essen spazieren schickte und meine Mutter, wenn wir zurückkamen, mit ihren geröteten Wangen einen ziemlich zufriedenen Eindruck machte. Vater verschwand dann jeweils für den Rest des Tages in der Beiz zum sonntäglichen Jassen. Was meiner Mutter aus zwei Gründen ein Dorn im Auge war: Sie hasste Spielen um Geld grundsätzlich – aber bei unserer Finanzlage ganz besonders. Sie wollte etwas auf die Seite legen können. Und zweitens floss jeweils auch mehr als ein Bier die Kehle runter. Dazu wurde damals in jedem Lokal geraucht, was das Zeug hielt.

 

Gemeinsame häusliche Vergnügen waren Abende mit Radio hören. Schwach erinnere ich mich an die damals sehr beliebten Wunschkonzerte. Vor allem an dem Abend, an dem meine Mutter zum Geburtstag meines Vaters "Oh, mein Papa" gewünscht hatte und tatsächlich kamen die Glückwünsche und das Lied an besagtem Tag über den Äther. Nur war mein Vater nicht zu Hause …

 

Offenbar war Vater ziemlich puritanisch. Meine Mutter erzählte meiner späteren Frau und mir, sie hätte einmal meinem Vater mit einem Baströcklein bekleidet (sie nicht er) etwas vorgetanzt. NUR mit einem Baströcklein. Er habe sie ganz entsetzt angeschaut und gesagt "Margrit, Margrit, wenn du so etwas machst, tust du das auch mit anderen?!" Es soll dann keine Baströckchen-Tänze mehr gegeben haben. 

 

In dieser Hinsicht war meine Mutter offenbar das pure Gegenteil meines Vaters - und ich zum Glück auch ... Sie ging jedes Jahr an die Fastnacht in St. Gallen und genoss es sichtlich. Dieser Gegensatz an Lebenslust hat meinen Vater zweifellos zu ihr hingezogen. Dass sie in ihren Jugendjahren u. a. in guten Pariser Häusern gedient hatte, hat auch auf unseren Haushalt abgefärbt, was mir erst in späteren Jahren bewusst wurde. Wir lebten zwar nur in einer 4 Zimmer-Wohnung, aber hatten trotzdem ein eigentliches Esszimmer. Gegessen wurde meistens mit Tischtuch aus Stoff (später dann aus praktischen Gründen an normalen Tagen aus Plastik). Am Sonntag hatten wir Rosenthal-Tafelgeschirr und schönes Besteck mit Horngriffen. Weingläser und nicht selten einen Fiasco Chianti für meinen Vater. Stoffservietten, für jeden. Allerdings mit einem andersfarbigen Ring zur Identifikation, damit man sie mehrmals brauchen konnte. Vor allem, wenn wir Besuch hatten, also nicht allzu häufig, erinnere ich mich an mehrere Gänge, die aus der Küche in Schüsseln und Platten aufgetragen wurden.

 

Man könnte also fast sagen, es war ein gutbürgerliches, auf ein gewisses Niveau bedachtes Elternhaus. Aber das täuschte über unsere effektiven Verhältnisse und über unseren sozialen Status hinweg. Der Vater konnte als Herr des Hauses tun und lassen was er wollte, die Mutter sorgte für unser leibliches Wohl. (Und versuchte, durch Heimarbeit noch etwas dazuzuverdienen.) Sie wollte ihm gefallen und ihr Bestes geben. Vor den Kindern war heile Welt. Diese zerbrach erst, d. h. mein Vater zerbrach, als ich fast 11 Jahre alt war. Doch davon gleich. Letztlich war sie die viel Stärkere, wenn sich dies auch hinter Charme und Souplesse verbarg. Wie man so schön sagt: Der vermeintlich starke Baum bricht im Wind, die schlanke Gerte beugt sich und richtet sich immer wieder auf.

Wie würdest du ihr Verhältnis/ihren Umgang miteinander bezeichnen?
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.

Wie würdest du ihr Verhältnis/ihren Umgang miteinander bezeichnen?
Aus heutiger Sicht würde ich sagen, dass meine Eltern einen respektvollen Umgang miteinander pflegten. Vor uns Kindern ohne Austausch von Zärtlichkeiten. Jedenfalls mag ich mich nicht erinnern, dass mein Vater je meine Mutter geküsst hätte. Das kam sicher von ihm aus, war meine Mutter doch eher der zärtliche Typ. Später einmal beschrieb sie meinen Vater als kalt. Zum Glück habe ich diesbezüglich eher die Gene meiner Mutter erhalten. 
An welchen Elternteil hast du angenehmere oder spezifischere Erinnerungen?
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.

An welchen Elternteil hast du angenehmere oder spezifischere Erinnerungen?

Mein Vater starb, drei Monate bevor ich 11 wurde, am 12. Oktober 1960. Meine Erinnerung an ihn muss also zwangsläufig limitiert sein. Und trotzdem sind meine Mutter und mein Vater in jener Zeit etwa gleich stark präsent. Von beiden wurden wir geliebt, zu beiden konnten wir jederzeit gehen. Beide hatten kein böses Wort für uns. Bestrafungen kannte ich nur aus den Erzählungen meiner Spielkameraden. Damit ich in dieser Hinsicht auch etwas zu erzählen hatte, erfand ich einmal, dass auch mir der Vater mit dem Gürtel den Hintern versohlt hätte, weil ich zu spät nach Hause gekommen sei. Seine unartigen Kinder zu schlagen, war damals durchaus eine legitimierte, wenn nicht sogar als notwendig erachtete, Erziehungsmethode. Jedenfalls in unserem Umfeld.

 

Nach seinem Tod entschwand Vater sehr rasch. Vielleicht war das mein Selbsterhaltungstrieb, dass ich mich sofort umorientierte. Wir, auch ich nicht, gaben ihm nicht einmal die Schuld, dass wir über Jahre nur noch von der Hand in den Mund lebten. Das Haushaltsbuch, das meine Mutter früher führte, erledigte sich von selbst. Jetzt führte es der Milchmann, bei dem wir alles bis Monatsende anschreiben liessen. (Der Milchmann betrieb auch noch einen „Tante Emma-Laden“.)  

 

Ich schaute zu Lebzeiten meines Vaters zu ihm auf, und seine Selbstverständlichkeit, mit der er sich seinen eigenen Lebensraum neben der Familie geschaffen hatte, imponierte mir. (Etwas davon ist scheinbar auch an mir hängengeblieben, auch ich brauchte einen gewissen Freiraum, den mir meine Frau glücklicherweise auch liess.) Demgegenüber war meine Mutter einfach lieb, sorgte für ein hübsches Heim, musste kümmerte sich um meinen Bruder und liess mir schon früh ziemlich viel durchgehen. Sie behauptete mehrfach, dass ich in dieser Phase gut Französisch gekonnt habe. Aber weil man zu Hause ausschliesslich Deutsch sprach, ging es mir wie praktisch allen Kindern: Irgendwann spricht das Kind dann nur noch die Landessprache, und als ich später in der Schule mit Französischunterricht konfrontiert war, hatte ich die gleiche Mühe, wie alle andern auch. Möglicherweise hatte die frühe und kurze Zweisprachigkeit trotzdem einen positiven Einfluss darauf, dass ich später Fremdsprachen relativ leicht erlernte und auch liebte. Jedenfalls hatte ich bereits während der Lehre den starken Wunsch, Sprachen zu lernen. (Bei sieben hörte ich auf ... Und Russisch, das ich damals mit einem Fernkurs am Fernsehen lernte, ja das gab es damals, stellte ich mit dem Einmarsch der Russen in die Tschechoslowakei zur Niederschlagung des "Prager Frühlings" sofort aus Protest ein).

 

Offenbar hatte meine Mutter früher nicht nur in guten Häusern gedient, sondern auch als Schneiderin gearbeitet. Jedenfalls verstand sie es, Kleider zu nähen. Sie begann mit Heimarbeit: Dem Nähen schwerer ledernder Motorradfahrermäntel. Wie man das aus dem frühen Baumwoll-Verlagswesen kennt, brachten wir die Mäntel, wenn wieder einer fertig war, zu einem Büro in der Nähe des Bahnofs St. Fiden, etwa zwei Kilometer von zu Hause. Direkt neben dem Haus, in dem Vater arbeitete. Da diese Mäntel enorm schwer waren, packte sie ihn auf den Gepäckträger ihres Damenfahrrads und wir gingen zu Fuss. Bei einer dieser Gelegenheiten, nach der Ablieferung, lernte ich dann auch Velofahren. Ich durfte aufsteigen und sie hielt das Fahrrad hinten fest, während ich in die Pedalen trat. Was ich nicht mitbekam war, dass sie mich ab einem bestimmten Moment allein fahren liess, bis ich erstaunt zur Kenntnis nahm, dass ich Velofahren konnte. Natürlich ging das nur, weil es damals kaum Autos und Verkehr gab und uns die Strasse praktisch gehörte.

 

Bei einer dieser Ablieferungen lehrte sie mir auch, mein allererstes Taschengeld zu verdienen. Ich spreche immer noch von der Zeit, als ich ungefähr 5 oder 6 Jahre alt war. Mein Bruder ist mir nicht präsent, war aber zweifellos schon da und jemand passte auf ihn auf. Jedenfalls zeigte sie mir, dass man auch aus Scheisse Geld machen kann. Nicht selten lagen nämlich auf der Strasse grosse Haufen von Rossbollen (Pferdekot) der Brauereipferde, die die Wagen zum Ausliefern von Bier und Eisblöcken zogen. (Eisblöcke, weil Kühlschränke noch nicht verbreitet waren.) Mutter hatte Zeitungen dabei, und bugsierte die Rossbollen irgendwie darauf. Dann schickte sie mich mit dem "wohlriechenden" Paket zur Gärtnerei, wo man mir dafür immerhin 20 oder 30 Rappen gab, die ich behalten durfte. Für mich ein Vermögen – aber vor allem eine Lehre fürs Leben: Sei dir für nichts zu schade. (Und Geld stinkt wirklich nicht.) Ich meine, ich hätte dann diese Aktivität aus eigenem Antrieb noch ein paarmal wiederholt ...

An was für Erziehungsmethoden, allenfalls auch Bestrafungsmethoden, erinnerst du dich?
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.

An was für Erziehungsmethoden, allenfalls auch Bestrafungsmethoden, erinnerst du dich?

Wie schon erwähnt war es zu jener Zeit und in meinen „Kreisen“ absolut normal, dass Kinder geschlagen wurden. Von Eltern wie von den Lehrern. Ich selbst bin zu Hause nie wirklich geschlagen worden. Allenfalls hat mich die Mutter einige Male an den Haaren gezogen, ihre bevorzugte Bestrafungsmethode, wenn sie nicht mehr weiterwusste. Oder Vater gab mir ein- oder zweimal eine Ohrfeige, mehr aus dem Affekt heraus. Allerdings brüstete ich mich einmal bei meinen Spielkameraden damit, dass mir mein Vater die Hose heruntergelassen und mir mit seinem Ledergürtel den Hintern verhauen habe. Das war eine damals übliche Bestrafung und ich wollte offenbar nicht der einzige sein, der das nicht durchgemacht hatte ... oder es besser hatte als die andern. (Ein anderes Motiv für diesen Schwindel fällt mir nicht ein.)

 

Einen Vorfall habe ich jedoch nicht vergessen. Offenbar trieb ich es manchmal als sieben- achtjähriger doch zu bunt. Meine Mutter begann damit, mir mit dem Erziehungsheim zu drohen, wo die unfolgsamen Kinder hinmüssten. Offenbar mit wenig Erfolg, denn eines Abends, es war schon dunkel, musste ich mich anziehen: Sie würde mich nun ins Erziehungsheim bringen. Ich glaube, dass mich die Drohung in keiner Weise beeindruckte. (Offenbar ein Charakterzug von mir, denn Drohungen haben mich auch später nie eingeschüchtert.) Auf jeden Fall hatte sie nicht den gewünschten Effekt, nämlich mir Angst einzujagen, sie anzuflehen, mich nur ja nicht weg zu bringen. Ich war zu neugierig, wie es da wohl aussehen würde. Es blieb ihr also nichts weiter übrig, als sich mit mir auf den Weg zu machen. Kaum waren wir jedoch vielleicht 50 m aus dem Haus, flüsterte sie entsetzt: Der Vater kommt. Tatsächlich sah ich in zwei-dreihundert Meter Distanz einen Mann daherkommen. Sie hatte ihn trotz der Dunkelheit am Gang sofort erkannt. Rechtsumkehrt, zurück in die Wohnung, ausziehen und ins Bett mit mir. Es war jedoch zu spät: Mein Vater hatte uns gesehen und es ist das einzige Mal, dass ich mich erinnere, dass mein Vater laut wurde und meiner Mutter alle Schande sagte: Wie konnte sie so etwas tun! Wie hätte sich Mutter wohl aus der Affäre gezogen, wenn ich nur um eine Erfahrung reicher zu werden einfach so mitgegangen wäre?

 

Sie war jedoch ansonsten äusserst gutherzig und tolerant und ersparte mir mindestens in einem Fall eine möglicherweise harte Bestrafung durch den Vater. Meine Eltern hatten sich wie schon erwähnt einen alten Peugeot 202 angeschafft. Offenbar war zu jener Zeit ein wenig Geld vorhanden. So ein Auto war natürlich für die Kinder ein idealer und kuscheliger Aufenthaltsort. Vor allem, da man Autos zu jener Zeit nicht abschloss, zumindest unseres nicht. Zum Beispiel eignete es sich sehr gut zum Rauchen von meinem Vater entwendeten Zigaretten. Plötzlich öffnete sich die Türe und meine Mutter stand da. Ich glaube nicht, dass sie mich und die zwei oder drei Beteiligten wirklich sah, so dick war der Qualm im Auto. Falls sie mir gedroht hat, es dem Vater zu erzählen, hat sie es jedenfalls nie wahrgemacht, und ich habe ihr das nie vergessen. Zumindest schloteten wir von da an nicht mehr im Auto. Apropos rauchen: Meistens hatte ja niemand Zigaretten. Von den Älteren lernten deshalb die Jungen schon früh das Nielenrauchen. Nielen waren dünne Äste eines bestimmten Busches, die innen hohl waren. (Gemäss Google, Dezember 2014, die gemeine Waldrebe). Einmal angezündet, brannten sie herunter wie eine Zigarette, wenn man regelmässig daran zog. Der Rauch war scharf und nicht unangenehm. Aber natürlich fehlte der Glamour von Mary Long, Parisienne oder Sullana.

Mussten du und deine Geschwister Arbeiten verrichten? Welcher Art und in welchem Alter?
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.

Mussten du und deine Geschwister Arbeiten verrichten? Welcher Art und in welchem Alter?

Vor dem Tod des Vaters mussten wir im Haushalt nicht helfen. Vielleicht abgesehen vom Tisch decken, was ich sehr gerne tat. Das änderte sich natürlich schlagartig mit dem Tod meines Vaters. Mein Bruder war noch zu klein, so dass alles an dem Älteren hängen blieb. Neben Kochen und Einkaufen, Staubsagen, Abstauben, Wäsche im Keller zur Schwinge bringen und dann 6 Stockwerke höher im Estrich aufhängen und auch wieder herunterholen, (zum Glück dann nur noch zwei Stockwerke), Bügeln, Teppichklopfen. Letzteres machte ja noch Spass, aber die schweren Rollen mussten vom 4. Stock rauf und runter getragen werden. Kochen oder zumindest Vorgekochtes wärmen. Allerdings lernte ich schnell einige Dinge wirklich zu kochen: Milchreis mit Apfelmus, Wähen/Fladen, meist mit Äpfeln, von denen wir immer reichlich hatten. Omeletten (mit Apfelmus). Hörnli (mit Apfelmus). Käseschnitten mit Spiegeleiern.

 

Ich habe mich nie beklagt. Ich glaube im Gegenteil war ich immer dankbar, Verantwortung zu erhalten. Es war mir ohne grosse Worte völlig klar, dass meine Mutter nicht alles allein bewerkstelligen konnte. Irgendwann kam in der ersten Phase nach Vaters Tod auch ab und zu, ein- oder zweimal pro Woche, eine Frau von einer Organisation, ähnlich wie Spitex, ins Haus, um nach dem Rechten zu schauen. Betten zu machen vielleicht auch etwas zu kochen. Wir mochten diese Frauen nicht. Sie waren streng und bärbeissig, ganz anders als Mutter. Als wir uns beklagten, fand Mutter, dass wir uns gut selbst helfen konnten. Neben den erwähnten Kochkünsten umfasste das auch Jobs, wie Geschirrwaschen, die ganze Wohnung abstauben und saugen, aufräumen, Betten machen. Was unter die Räder kam, waren natürlich die Hausaufgaben, da nach getaner Hausarbeit spielen oder lesen viel wichtiger war. Aber für die Primarschule reichte es allemal auch so.

Wie hielten es deine Eltern mit Taschengeld?
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.

Wie hielten es deine Eltern mit Taschengeld?

Ich hatte, im Gegensatz zu anderen Kindern, nie ein festes Taschengeld. Es gab auch kein Geld, wenn wir Arbeiten im Haushalt verrichteten. Geldgeschenke, z. B. von meiner Gotte, wanderten immer in ein Kässeli. Wenn es einigermassen gefüllt war, ging meine Mutter mit mir zur Bank, wo der Kassierer es mit einem Schlüssel öffnete und die Einzahlung im Sparheft eintrug. So lernte ich früh, zu sparen und Geld auf die Bank zu tragen. Nach dem Tod des Vaters haben wir dann allerdings des Öfteren das Kässeli mittels einer Nagelfeile geplündert, um Ende Monat etwas Essen kaufen zu können. Wenn es ging, ersetzte es dann Mutter später wieder. Aber zur Bank schaffte es das Kässeli nie mehr.

 

Das Prinzip war einfach: wenn wir für etwas Geld brauchten, fragten wir und erhielten es meistens auch, wenn es drin lag und es sich um etwas Vernünftiges handelte. Für den Jahrmarkt (DIE zweimal jährlich stattfindenden Attraktion in St. Gallen) 50 Rappen oder einen Franken – für die ganzen 8 oder 10 Tage. Für Süssigkeiten. Für einen billigen Fussball. Für einen Schulausflug. Für Turnschuhe, natürlich keine Markenschuhe, sondern die billigsten aus der EPA. Von dort auch die billigen "Cimier"-Uhren, die es selten über ein Jahr brachten. Oder zwei Franken fürs grosse Pfadi-Fest in der Tonhalle 1963. Nach unserem Auftritt kaufte ich mir für einen Franken einen sogenannten „Mohrenkopf“, nicht zuletzt, weil es solche gab, in denen ein Fünffrankenstück eingelegt war. Tatsächlich biss ich darauf. Es war Ehrensache, dass ich Mutter die zwei Franken zurückgab. Für Extravaganzen, wie Kino, wagte ich gar nicht erst zu fragen. Dieses Geld beschaffte ich mir anders. Doch davon später. Aber eigentlich hatten wir einfach keine Wünsche, die unsere Möglichkeiten überstiegen und waren dementsprechend zufrieden, mit dem was wir hatten.

 

Wenn es heute für fast alle Eltern und Grosseltern selbstverständlich ist, die lieben Kleinen einmal auf einem Pony-Reiten zu lassen, so war das nicht immer so. Ich habe mir meinen ersten Ritt selbst verdient. Ich weiss auch nicht mehr, wie ich dazu kam, jedenfalls war ich einmal als vielleicht 10- oder 12-jähriger Mineralwasserverkäufer an den europaweit berühmten Pferdesporttagen in St. Gallen. Am Getränkestand konnten wir jeweils ein kleines Traggestell, das 10 oder 12 Flaschen Coca-Cola, Fanta, Elmer Citro, Pepita oder Sinalco fasste auffüllen. Zwischen die Flaschen legten wir Stücke von Trockeneis, damit die Getränke schön kühl blieben. Dann gingen wir damit durch die Reihen der Besucher und verkauften sie im Nu. Pro verkaufte Flasche, wenn ich mich recht erinnere 1 Franken, erhielten wir eine kleine Provision. Das Lukrative war jedoch, die leeren herumliegenden Flaschen einzusammeln, auf denen wir zuvor ein Depot erhoben hatten. Bei Rückgabe der leeren Flaschen, wurde es uns ausbezahlt. So hatte ich am Ende des Tages einige Franken in der Tasche. Was mir einen Ritt auf einem Pony – oder war es ein Pferd? – ermöglichte. Ich sehe mich heute noch, wie ich strahlte. Auf einem Pony - und selbst bezahlt.

Hast du Erinnerungen an das damalige Verhältnis deiner Eltern zu Behörden und Obrigkeit? Zur Kirche?
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.

Hast du Erinnerungen an das damalige Verhältnis deiner Eltern zu Behörden und Obrigkeit? Zur Kirche?

Mit der Obrigkeit hatten wir wenig zu tun. Erste Anzeichen, dass da irgendwo im Hintergrund eine „dunkle Macht“ am Werk sei, stammen aus der Zeit nach dem Tod meines Vaters. Jemand von der Sozialfürsorge inspizierte uns zu Hause. Offenbar kam man zum Schluss, dass alles bestens und meine Mutter der Situation gewachsen sei. Ich ging damals in die vierte Klasse, mein Bruder noch in den Kindergarten. Mutter arbeitete, so dass ich nach der Schule damals nicht so recht wusste, was ich mit meiner Zeit anfangen sollte. (Hausaufgaben waren absolut keine Priorität und ich erledigte sie meist schnell und minimalistisch, manchmal auch noch am Morgen. Ausser, wenn wir etwas lesen mussten; das erledigte ich immer als erstes.) Also kam ich auf den Gedanken, meinen Bruder im Kindergarten besuchen. Da mich die Kindergärtnerinnen ohne weiteres einliessen, und ich irgendetwas für mich allein spielen durfte, kam das immer häufiger vor. Bis eines Tages meine Mutter mir mitteilte, dass sich irgendein Amt (Vormundschaftsbehörde?) über mein Verhalten wundere; ob wohl mit mir alles in Ordnung sei. Meine Mutter machte kein Aufheben, und ich ging nie mehr zu meinem Bruder in den Kindergarten. Ich nahm jedoch mit, dass man überwacht wird. Rückblickend meine ich, dass Sie sich sehr wohl bewusst war, dass man uns Ihr hätte wegnehmen können, wenn Sie als alleinerziehende Mutter nicht klargekommen wäre oder sich etwas zu Schulden hätte kommen lassen. Z. B. in der damaligen Zeit mit "ungebührlichen" Männerbekanntschaften ...

 

Unser Verhältnis zu Kirche und Religion war nicht besonders intensiv. Mutter lehrte uns zwar von klein auf, vor dem Schlafen zu beten. Tischgebete setzten sich trotz einiger Anläufe nicht durch. Später musste ich wie alle in die Sonntagsschule. Und ich las sehr fleissig und fasziniert, absolut freiwillig, die Kinderbibel. Meine Eltern gingen nie in die Kirche. Nach dem Tod meines Vaters erzählte mir jedoch meine Mutter, dass er kurz davor eines Nachts vor dem Pfarrhaus gestanden und nach dem Pfarrer gerufen habe. Man habe ihn jedoch als Trunkenbold beschimpft und abgewiesen. (Vielleicht hatte er ja auch zuviel getrunken.) Kurz darauf beging er seinen Selbstmord, worauf zurückzukommen ist. Ich habe mir nie gross Gedanken über einen Zusammenhang gemacht. Vergessen konnte ich die Bemerkung meiner Mutter jedoch nie.

 

Es hinderte uns jedoch nicht, vor der Konfirmation einen kleinen Zustupf genau dieses Pfarrers anzunehmen. Es fühlte sich an wie eine kleine Wiedergutmachung. Eines Tages, ich war also 16, kündigte mir meine Mutter den Besuch des Pfarrers an. Sie sei an jenem Nachmittag nicht zu Hause, weil sie arbeiten müsse. Ich solle dem Pfarrer einfach die Wohnung zeigen und mich mit ihm unterhalten. Vielleicht gehörte dieser Hausbesuch bei den Konfirmanden und Konfirmandinnen zur Pflicht des Pfarrers. Jedenfalls musste ich ihr am Vorabend helfen, den Fernseher, der ja dank Onkel Töni auch bei uns Einzug gehalten hatte, in einem Wandschrank zu verstecken. Sie befürchtete, dass der in Aussicht gestellte Obolus, den wir für die Anschaffung meines Konfirmationsanzugs dringend brauchten, wesentlich geringer ausfallen würde, wenn ein TV-Gerät herumstünde. Sie dachte sehr pragmatisch und wusste ihre Empathie einzusetzen, um mit ihren zwei Söhnen über die Runden zu kommen. 

 

Mein persönliches Verhältnis zur Obrigkeit ist ein distanziertes, eher misstrauisches geblieben. Dabei gibt es wirklich keinen Grund, auch nicht mit meiner ersten persönlichen Erfahrung. Einmal, als mich ein Polizist beim Schwarzangeln erwischte, erzählte ich ihm kaltschnäuzig, dass ich aus Uzwil sei und zu Besuch bei meiner Tante, der Familie Bohli. Ich hätte halt nicht gewusst, dass man hier nicht angeln dürfe. Er glaubte mir, und fuhr auf seiner Vespa davon. Als ich 5 Minuten später am benachbarten Weiher ankam, wo ich meine ganze Fischereiausrüstung bereitgelegt hatte, um in jenem Weiher zu angeln, für den ich die Bewilligung hatte, wartete er bereits auf mich! Er liess mich mit einer Busse von 5 Fr. laufen, die meine Mutter anstandslos bezahlte. Und ich schwor mir, dafür dass mich der Polizist nicht eingesperrt hatte, nie mehr die Polizei anzulügen. (Was ich gehalten habe.)

 

Allerdings gibt es von zwei wirklich positiven Erfahrungen zu berichten, einer mit der Kirche und einer mit dem Staat. Zuerst zur Kirche. Als sich im Verlauf der dritten Sekundarschule die Frage der Berufswahl stellte, suchte ich mir eine Stelle für eine kaufmännische Lehre in einem Reisebüro. Ein kurzer, womöglich obligatorischer, Check beim behördlichen Berufsberater, attestierte mir, dass dies eine gute Wahl wäre. Von einem der damals sechs Reisebüros, erhielt ich ein Angebot, aber erst mit Lehrbeginn ein Jahr nach Abschluss der Sekundarschule. Worauf hin meine Mutter die geniale Idee eines Welschlandjahres aufbrachte. Aber wie die Schule und den Aufenthalt bezahlen? Aus eigener Kraft undenkbar. Eines Nachts, buchstäblich bei Nacht und Nebel, sagte mir meine Mutter, wir würden einen Pfarrer, einen katholischen Pfarrer, in einer anderen Kirchgemeinde besuchen. Wir gingen zu Fuss, vom Heiligkreuz aus quer durch die Stadt in Richtung Freudenberg/Rorschacherstrasse und fanden uns im Sprechzimmer des Pfarrers ein. Meine Mutter erklärte ihm die Situation und bald schon entliess er uns wieder. Als nächstes erfuhr, ich, dass die katholische Kirche die ganzen Wohnkosten für ein Jahr in Neuchâtel übernehmen würde. Ich kann mit gutem Gewissen sagen, dass ich es mit Kirchensteuern mehrfach und gut verzinst zurückgegeben habe. Es reut mich kein Franken, war doch dieser Welschlandaufenthalt für meine zukünftige Entwicklung von entscheidender Bedeutung. 

 

Das zweite positive Erlebnis mit Behörden kam, als ich mich nach der Lehre nach einigem Hin und Her entschlossen hatte, die Matura nachzuholen. Nach gründlicher Evaluation erwies sich die Privatschule Minerva als der mit Abstand schnellste Weg. Wiederum stand ich vor dem Finanzierungsproblem für eine Schule. Gab es da nicht kantonale Stipendien? Ich reichte mein Gesuch schriftlich ein und konnte nach einigen Wochen in einem nicht einmal 5minütigen Gespräch den positiven Bescheid abholen, dass die Schule vollumfänglich bezahlt würde. Ohne weitere Auflagen. Auch das habe ich durch ehrlich bezahlte Steuern Hundertfach zurückbezahlt.

Gibt es Lebensweisheiten, die dir deine Eltern mitgegeben haben?
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.

Gibt es Lebensweisheiten, die dir deine Eltern mitgegeben haben?

Ich glaube, meine Mutter hat mir nie etwas verboten, aber einige wenige gute Ratschläge habe ich einfach so geglaubt und befolgt: Keine Schulden machen, nicht um Geld spielen und keine Drogen. (Alkohol ausgenommen, auch sie trank gern ein Gläschen, wenn auch sehr diszipliniert.) Jetzt fällt mir auf, dass das Thema Sexualität jedwelcher Couleur nie ein Thema war, das war eine natürliche Sache, der man ihren Lauf lassen sollte. Sie reagierte jedenfalls völlig cool, als sie ihre beste Freundin eines Sonntagsmorgens entsetzt und aufgebracht anrief, sie hätte mich und ihren Sohn am Morgen im seinem Bett vorgefunden. Mutter glaubte mir ohne weiteres, dass ich einfach betrunken war und auf dem Bett meines Freundes eingeschlafen war. Und so war es auch gewesen! Richard Godenne war so nett, mich zuzudecken und schlafen zu lassen. Aber den entsetzten Blick der Mutter meines Freundes, als sie mich durch den Türspalt in seinem Bett erblickte, vergesse ich nicht mehr. Im Gegensatz dazu schien mir, dass meine Mutter kein Problem gehabt hätte, wenn es anders gewesen wäre. Eine frühe Lektion in sexueller Toleranz und nicht einmal eine Diskussion wert. Viel eher, ich sollte mit dem Trinken vorsichtiger sein. Aber das war die Zeit, in der ich zum Teil selbst schmerzlich herausfand, wieviel ich zu trinken vermochte. 2 Liter Bier waren eindeutig zu viel.

 

Daneben hat mich das Misstrauen meiner Mutter, dass es auch wieder schlechte Zeiten geben könnte, lange begleitet. (Inzwischen habe sogar ich mich daran gewöhnt, dass es immer aufwärts geht.) Diese skeptische Grundhaltung hatte den positiven Effekt, dass ich nicht nur sparsam lebte, sondern führte vor allem zur Erkenntnis, dass ich nach meiner Lehre in der Reisebranche unbedingt eine zusätzliche, "krisenresistentere" Ausbildung bräuchte. Die Reisebranche schien mir der Gipfel konjunkturbedingter Krisenanfälligkeit. Was natürlich aus heutiger Sicht eine gigantische Fehleinschätzung war. Zum Glück, denn dadurch nahm ich den beschwerlichen und anspruchsvollen Weg zur Matura und dem anschliessenden Studium unter die Beine. Natürlich auch, weil ich zunehmend Spass daran fand, an dem was ich neu lernte und an der Herausforderung, diese Ziele zu erreichen. Zudem war es etwas, das in meinem Bekannten- und Freundeskreis niemand tat und mich auch deshalb lockte. Ich habe es schon immer geschätzt, nicht einfach alles so wie die andern zu machen. Viel später würde ich dies dann meinem Sohn meinerseits mit auf den Weg geben: Sich nicht durch Konformismus und fehlende Ambitionen des Freundeskreises herunterziehen zu lassen, sondern seine eigenen Ziele zu verfolgen. Ich glaube zu meiner grossen Freude, dass er es verstanden und auch umgesetzt hat.

Falls ein Elternteil, oder beide, schon gestorben sind, welche Erinnerungen hast du an ihren Tod?
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.

Falls ein Elternteil, oder beide, schon gestorben sind, welche Erinnerungen hast du an ihren Tod?

Von der sich offenbar im Verborgenen anbahnenden Ehekrise bekam ich nichts mit. Es schien immer alles in bester Ordnung. Meine Mutter, hatte an misslicher Lage in St. Gallen ein Kleider- und Schuhgeschäft eröffnet. Sie wollte unsere Zukunft in die eigenen Hände nehmen. Mein Vater arbeitete wohl noch bei Saurer in Arbon, irgendeine Büroarbeit. Ich mochte es, mich in unserem eigenen Geschäft aufzuhalten und meiner Mutter beim Kundenbedienen, Massnehmen und verkaufen zuzuschauen. Besonders mochte ich das Klingeln der grossen Registrierkasse, wenn etwas einkassiert werden konnte. Dies alles faszinierte mich, und wie der Zufall so spielt, sollte ich später den grössten Teil meiner beruflichen Laufbahn im Detailhandel und mit Verkaufen verbringen.

 

Wenn Vater kam, in einem seiner eleganten Anzüge, arbeitete er nicht mit. Ein Griff in die Kasse – weg war er. Verzweifelte Blicke meiner Mutter, die Tag und Nacht schuftete, nähte, dekorierte, Kundinnen bediente, Ware beschaffte, auch wenn man sie boykottierte. (Oder für nicht kreditwürdig hielt, was ja auch stimmte.) Bis es für sie genug war und sie meinen Bruder und mich während unserer Herbstferien zu einer Bauernfamilie „in die Ferien“ brachte. Es war ein trockener, heisser Herbsttag. Ein Bekannter meiner Mutter, dem Vater nicht unähnlich, fuhr das Auto; wir hatten ihn noch nie gesehen. Vater war bei der Arbeit. Er muss völlig ahnungslos gewesen sein, denn sonst hätte er sich ja sicher von uns verabschiedet.

 

Es stellte sich heraus, dass zumindest ich für den „Ferienaufenthalt“ meinen Teil der Arbeit unerbittlich leisten musste. Mit den Bauersleuten und Knechten aufstehen (mein Bruder, 6jährig und ich 10 teilten uns im eiskalten Zimmer ein Bett). Stall ausmisten, Kühe striegeln ging ja noch, da war's wenigstens warm. Aber Fallobst im Regen mit blauroten Händen aus dem nassen halbhohen Gras herausklauben war eine Tortur. (Davon wurde mein kleiner Bruder immerhin dispensiert.) Gemütlich war es hingegen abends in der Bauernstube vor dem Fernseher (schwarz-weiss). Ich sehe Chrustchov, wie er mit dem Schuhabsatz auf sein Rednerpult donnert, was die Bauersleute und uns erheiterte. Natürlich verstand ich nicht, worum es ging:

 

"Am 12. Ok­to­ber 1960 er­griff Ni­ki­ta Ser­ge­je­witsch Chruscht­schow (1894–1971) in der UN-Voll­ver­samm­lung wäh­rend der Re­de des phil­ip­pi­ni­schen De­le­gier­ten Lo­ren­zo Su­mu­long sei­nen Schuh, schlug da­mit auf sei­nen Tisch und er­ei­fer­te sich: „Wa­rum darf die­ser Nichts­nutz, die­ser Spei­chel­le­cker, die­ser Fatz­ke, die­ser Im­pe­ria­lis­tenknecht und Dumm­kopf – wa­rum darf die­ser La­kai der ame­ri­ka­ni­schen Im­pe­ria­lis­ten hier Fra­gen be­han­deln, die nicht zur Sa­che ge­hö­ren?“ Nicht zur Sa­che ge­hör­te nach Chruscht­schow, daß Su­mu­long in ei­ner De­bat­te über die welt­wei­te Be­en­di­gung des Ko­lo­nia­lis­mus die So­wjet­uni­on be­schul­digt hat­te, sie ha­be Ost­eu­ro­pa al­ler po­li­ti­schen und bür­ger­li­chen Grund­rech­te be­raubt.

Das Ver­hal­ten Chruscht­schows war für den Wes­ten un­be­greif­lich, schien es doch nur zu be­le­gen, daß der so­wje­ti­sche Par­tei- und Re­gie­rungs­chef nicht zu­rech­nungs­fä­hig war, sein Han­deln je­der Lo­gik ent­behr­te oder aber al­lein dar­auf aus­ge­legt war, die west­li­che Welt zu pro­vo­zie­ren. Da­bei wird ver­ges­sen, daß der Auf­tritt vor der UNO ei­ne Fol­ge zwei­er an­de­rer Er­eig­nis­se war: des Ab­schus­ses ei­nes US-Spio­na­ge­flug­zeugs über der So­wjet­uni­on am 1. Mai 1960 und des dar­auf­hin ge­platz­ten so­wje­tisch-ame­ri­ka­ni­schen Gip­fels in Pa­ris, der ei­gent­lich am 16. Mai 1960 hät­te statt­fin­den sol­len."  

 

(Damals, das Magazin der Geschichte, aufgerufen 10.01.2015.  www.damals.de/de/16/Die-Sache-mit-Chruschtschows-Schuh.html?issue=167656&aid=167637&cp=1&action=showDetails).

 

 

An einem der darauffolgenden Abende erschien meine Mutter unangekündigt, schwarz gekleidet und ernst. Nach kurzer Begrüssung schickte uns die die Bauersfrau raus. Wenig später packten wir unsere kleine Habe zusammen und Mutter fuhr uns in unserem alten Peugeot weg. Ich wusste noch nicht, dass es jetzt ihrer war. Irgendwie spürte ich das Mitleid der Bauersleute, war jedoch froh, wegzukommen. 

 

Nach einigen Minuten auf der Rückfahrt eröffnete sie mir, ich sass vorne, mein Bruder schlief vermutlich hinten, der Vater sei gestorben. Tot. Später bemerkte sie einmal, etwas vorwurfsvoll, ich hätte nicht einmal geweint. Tatsächlich empfand ich es weder in diesem Moment noch später als Tragödie. Es war einfach eine neue Situation. Bedeutung erhielt sie erst durch die mehr oder weniger mitleidvolle Anteilnahme unserer Umwelt. Ich spürte durchaus auch Verachtung, dass wir einen Vater hatten, der sich umgebracht hatte. Nicht so von Lehrer Huber, der mich bei erster Gelegenheit zur Seite nahm und mir kondolierte. Brauchte es so ein gravierendes Ereignis, damit er sich einmal für ein– zwei Minuten mir ganz allein widmete? Anmerkung: Ich hatte mein Leben lang unglaubliche Mühe, mit betroffenen Menschen in ähnlichen Situationen zu kommunizieren. Auch als Vorgesetzter, von dem man erwartete, dass er damit umgehen könne. Ich ärgere mich bis heute über meine Tollpatschigkeit und Sprachlosigkeit, dieselbe wie ich sie am eigenen Leib erlebt hatte. Verschiedene dieser Momente beschäftigen mich bis heute; vor allem, dass man sie auch als Herzlosigkeit auslegen konnte. Genau das Gegenteil war der Fall.

 

Während der Zeit auf dem Bauernhof hatte ich meinen Vater nicht vermisst. Überhaupt je an ihn gedacht? Ich hatte mir nie überlegt, dass er sich von uns nicht verabschiedet hatte. Es kam mir auch nicht in den Sinn, dass er nicht wissen könnte, wo wir waren. Ich erfuhr nun eine unabänderliche Tatsache, die ich im Dunkeln, mit Blick nach vorne (in der Erinnerung schon verschneite Strasse?) unsentimental entgegennahm. Nichts von "jetzt musst du tapfer sein" oder Ähnlichem.

 

Irgendwann fragte ich, woran er gestorben sei und erfuhr so, dass er sich umgebracht habe. Die näheren Umstände (Tod durch Vergasung in unserer Küche) erzählte mir später eine Cousine. Und die Nachbarskinder die vorwurfsvoll und naseweis meinten, das ganze Haus hätte in die Luft fliegen können. Offenbar war das das Hauptthema bei unseren unmittelbaren Nachbarn. Es stimmte ja auch.

 

Ich erinnere mich an eine ausweichende Antwort meiner Mutter auf meine Frage, weshalb er es getan habe: Er hätte immer grosse Magenschmerzen gehabt. Ich gab mich damit zufrieden obwohl mir klar war, dass das nicht die Wahrheit sein konnte. Später machte ich dann daraus einen Magenkrebs, damit ich nicht jedermann erzählen musste, dass mein Vater ein Selbstmörder war. Und ich der Sohn eines solchen. Insgeheim war ich jedoch überzeugt, dass es fast alle wussten, besonders die, die fragten. 

 

Einige Wochen danach fand ich in einem der Bücher, die von meinem Vater – als wertvollste Erinnerung und Erbe – zurückgeblieben waren, einen handgeschriebenen mehrseitigen Brief meines Vaters. (Ich kannte seine Schrift.) Ich las ihn einmal relativ flüchtig. Ich muss wohl so erschrocken sein, dass ich ihn gleich wieder zusammenfaltete und zurücklegte. Ich begriff erst nach und nach, dass es sich offenbar um den Abschiedsbrief meines Vaters handelte, in dem er darlegte, dass sich seine Frau von ihm trennen wollte und ihm die Kinder weggenommen habe oder wegnehmen wollte. Jetzt wurde mir alles klar: Sie hatte uns vor ihm auf dem Bauernhof versteckt. Ich habe mir bis vor kurzem (2014) nie überlegt, ob dies auch aus Angst, dass er uns etwas antun könnte, geschehen ist. Der Gedanke erscheint mir auch heute noch absurd. 

 

Nach einer gewissen Zeit, Wochen oder Monate später, wollte ich den Brief nochmals lesen, doch er war verschwunden. Offenbar hatte ihn meine Mutter dort (vor der Polizei?) versteckt und dann wieder behändigt. Sie hat von mir nie erfahren, dass ich das Schreiben gesehen habe. Aber vielleicht hat sie sich gewundert, dass ich niemals mehr Fragen zu den Umständen gestellt habe, die zu seinem Tod geführt haben. Ich glaube, der Brief war relativ sachlich gehalten, jedenfalls ist mir nichts geblieben, was auf den nicht mehr ertragbaren Seelenschmerz meines Vaters hingewiesen hätte.

 

Später sagte ich mir immer wieder, dass der Tod meines Vaters letztlich als Chance zu verstehen war. (Was blieb mir anders übrig.) Er erlaubte unserer wesentlich ambitiöseren Mutter nun zu tun, was sie für richtig hielt. Der „no-future“-Situation zu entkommen, unser Leben nach ihren Massstäben zu gestalten.

 

Der endgültige Abschied unserer Mutter (1.10.1919–25.5.1996) traf uns unvorbereitet. Sie hatte drei Jahre zuvor eine schwierige Operation überstanden und sich blendend erholt. Das Problem war jedoch ein anderes: Seit den 1970er Jahren beglückte sie uns regelmässig mit Testamenten in denen sie ihren Schmuck und das wenige Bare verteilte. Wir nahmen ihre Bedenken bezüglich ihrer Gesundheit mit der Zeit nur noch beiläufig zur Kenntnis. Sie war unternehmenslustig, fröhlich und geistig rege wie eh und je. Selbst als sie die letzten zwei Monate ihres Lebens mit Unterbrüchen im Spital verbrachte und zuletzt nicht einmal mehr flüssige Nahrung zu sich nehmen konnte, verdrängte ich jeden Gedanken, dass es jetzt mit ihr zu Ende gehen würde. Auch in Gesprächen mit meinem Bruder fiel kein Wort in diese Richtung.

Wie erlebtest du die Beerdigungen? Besuchst und pflegst du das Grab?
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2.3.  Meine Eltern – Die Ehe meiner Eltern.

Wie erlebtest du die Beerdigungen? Besuchst und pflegst du das Grab?

Ich erinnere mich nicht, jemals das Urnengrab meines Vaters besucht zu haben. Ich wüsste nicht einmal mehr, wo es war. Ich erinnre mich auch nicht mehr an eine Beerdigung oder meinen Vater tot nochmals gesehen zu haben. Er verschwand einfach aus unsrem und meinem Leben. Er hinterliess nicht eine Leere, sondern eröffnete mir relativ rasch Freiräume. Ganz anders als beim Tod meiner Grossmutter, als ich ungefähr sechs Jahre alt war. Ihr Grab im Friedhof Guggeien, immerhin einige Kilometer von zu Hause weg, besuchte ich regelmässig. Ganz allein zu Fuss und meistens ohne jemandem etwas zu sagen. Ich sehe mich noch, vor dem Grab stehen, vielleicht einige auf dem Weg gepflückte Schlüsselblümchen in der Hand, wie ich mit ihr Zwiesprache hielt. Sie vermisste ich wirklich. Ich stellte mir wirklich vor, dass sie gerade in diesen Momenten vom Himmel herab auf mich schaute. Glücklich wie sie jetzt war.

 

Anders war es bei meiner Mutter. Sie hatte zeitlebens geäussert, dass sie niemandem zur Last fallen möchte - auch nach ihrem Tod nicht. Deshalb wünsche sie kein Grab, sondern Kremation und Beerdigung im Gemeinschaftsgrab der Gemeinde Elsau, wo sie damals gelebt hat. Sie hinterliess diesen Wunsch dann auch in ihrem kurzen Testament, so dass mein Bruder und ich dies ohne schlechtes Gewissen so ausführten: "Ich wünsche im Grab des Unbekannten, oder meine Asche soll besser irgendwo verstreut werden, wo es schön ist. Ich liebte die Freiheit zu sehr." Den zweiten Teil der Anordnung zu erfüllen brachten wir nicht über uns.

 

Für die Beisetzung der Urne wollten mein Bruder und ich niemanden dabei haben. Unsere Mutter hatte uns ganz allein durchgebracht und aufgezogen, und wir wollten in diesem schwierigen Moment mit ihr noch einmal ganz allein sein. Das deckte sich mit ihren eigenen Vorstellungen, denn unsere Cousine Pierrette aus Frankreich schrieb uns einige Tage nach ihrem Tod in einem längeren Brief voll des Lobes über unsere Mutter: "Et quand je mourrai, je ne veux personne à mes obsèques. J'ai toujours eu horreur des assemblées qui pleurnichent." Es zeigt mir, wie wir uns blind verstanden. Dass dann beim extrem schlichten Akt ihre Schwester Claire mit Ehemann Sepp zugegen waren, konnten wir selbstverständlich verstehen.

 

Es war für meinen Bruder und mich ein unglaublich trauriger Moment. Auch ohne den Kloss im Hals wäre es keinem von uns möglich gewesen, einige Worte zu sprechen. Deshalb hatte ich dem Pfarrer bereits vorher einen kurzen Text, den Mutter selbst über ihr Leben geschrieben hatte, ausgehändigt. Etwas widerwillig las er ihn und entlockte uns tatsächlich ein zaghaftes Lächeln. Dann erfolgte ohne grosses Zeremoniell die Beisetzung der Urne in dem ca. 30 auf 30 cm grossen Loch, das dann mit einer tönernen Platte mit ihrem Namen, Geburts- und Todesjahr verschlossen wurde.

 

Mein Bruder gestand mir später einmal, dass es ihm unmöglich gewesen wäre, das Grab zu besuchen. Zu nahe ging ihm ihr Tod. Ich bin glaube ich zweimal dort gewesen und habe ein kurzes Zwiegespräch geführt.

 

Haben deine Eltern dir etwas Schriftliches über ihr Leben hinterlassen?
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3.  Erinnerungen meiner Eltern

Haben deine Eltern dir etwas Schriftliches über ihr Leben hinterlassen?

Von meinem Vater ist trotz seiner Schreibmaschine und seinen schriftstellerischen Ambitionen leider nichts Schriftliches erhalten geblieben. Erstaunlicherweise entwickelte jedoch meine Mutter im Alter, zwischen 65 und 75, immer mehr Interesse am Schreiben. Von dem wenigen, das noch vorhanden ist, sind ihre Erinnerungen an die Kindheit bemerkenswert. Besonders hervorzuheben ist, dass sie als über Siebzigjährige nach wenigen Instruktionen in der Lage war, auf einem der ersten Toshiba-Laptops (noch mit einem einzigen Floppy-Laufwerk) zu schreiben und das Geschriebene auf ihrem Nadeldrucker auszudrucken. (Das Schreibprogramm war glaube ich "Wordstar".) Auf diese Weise ist wenigstens ein kleiner Teil ihrer frühen Jugend bis ca. 7 Jahre erhalten geblieben.

 

Ich habe an ihren Aufzeichnungen praktisch keine stilistischen, sondern nur einige orthographisch Änderungen vorgenommen. Einen Teil davon hatte sie vor der Eingabe in den Computer in ein Heft geschrieben, erstaunlicherweise praktisch ohne Korrekturen druckreif formuliert. Diese Aufzeichnungen heute (17.01. 2015) noch zu finden und zu transkribieren, ist für mich ein besonderes Erlebnis, hat sie uns doch das meiste davon gar nie erzählt. Sie schaute lieber nach vorne.

 

 

Kindheitserinnerungen meiner Mutter von ihr aufgeschrieben um 1995, also im Alter von etwa 75 Jahren:

<< Ich bin das 5. Kind einer 7-köpfigen Kinderschar in Urnäsch Appenzell geboren. Mein Vater war Melser u. meine Mutter v. Wolfhalden Appenzell. Vater war Schlosser und Mutter Ferckerin u. Stickerin.

Durch eine schwere Krankheit wurde das Augenlicht des Vaters so geschwächt, dass er seinen Beruf nicht mehr ausüben konnte. Per Zufall konnte meine Mutter eine Fergerei in Arbon eröffnen, wobei sie die Stickereistoffe in Heimarbeit ausgab. Mein Vater brachte sie und holte wieder ab. In dieser Zeit konnten meine Eltern etwas Geld auf die Seite legen, um etwelche Auswanderungspläne zu verwirklichen. 1918 war die grosse Arbeitslosigkeit ausgebrochen, so dass die Stickereibranche lahmgelegt war. Mein Vater hatte einen unzertrennlichen Freund Franz Untersee, der in derselben Lage war wie er. Auch er hatte viele Kinder. Beide bemühten sich durch Zeitungsinserate eine Arbeit zu finden. Ein Inserat besonders hielt ihre Aufmerksamkeit fest. "Australien, Land der Zukunft, sucht geeignete Männer für Schafherden und Viehzucht. Wir offerieren den halben Fahrpreis und Essen während der Überfahrt." Sie wandten sich daher an das entsprechende Büro in St. Gallen, das ihnen eine blühende Zukunft vormalte. Sie besprachen die ganze Angelegenheit und waren begeistert über die Zukunftsmöglichkeiten. Sie mussten die Billette zum Voraus bezahlen und wurden gebeten, die nötigen Papiere ein paar Tage später abzuholen. Als sie letztere abholen wollten, war das Büro geschlossen.

Mein Vater und sein Freund Franz Untersee waren zutiefst betroffen, dass sie sich im nächsten Pärkli auf eine Bank niedersetzten, um das weitere zu beraten. Schliesslich beschlossen sie, zur Polizei zu gehen, wo sie Anzeige erstatteten. Der Polizist erklärte ihnen, ihr seid die 40. Klage, die diesem Betrug zum Opfer gefallen ist. Sie seien der Sache auf der Spur, leider bis jetzt ohne Erfolg.

Vater hatte eine liebe Schwester, Tante Berta Bommer, mit welcher er gut auskam u. die zusammenhielten. Sie führte einen Gemüse- und Spezereienladen, war couragiert, denn dreimal in der Woche ging sie mit Hilfe des jüngsten Sohnes auf den Markt, wo sie beiden den Karren bis zum Verkaufsstand schoben, dies bei jedem Wetter. Dieser jüngste Sohn Adolf, nachdem er mit Mutter die Ware abgeladen hatte, führt er den Laden und holte sie am Abend wieder heim. Dadurch hatte sie viele Bekannte und erfuhr so mancherlei. Deshalb sagte sie Vater, "ich weiss ein Restaurant im Tonisberg, das leer steht. Du müsstest nur einige Reparaturen ausführen, dafür sei der Zins niedrig".

Mein Vater voller Begeisterung machte sich ans Werk und nach ca. einer Woche konnte die Eröffnung stattfinden.

Das Restaurant brachte uns kein Glück. Durch Vermittlung von Tante Berta hatte sich eine Reisegesellschaft mit 50 Personen angemeldet. Meine Mutter hatte für diesen Tag eine Serviertochter engagiert, und alles war bestens für den Empfang der Gäste vorbereitet. Als die Zeit verging und niemand erschien, ging mein Vater bis zur Kreuzung hinunter. Oh Schreck, eine Sperrung war von der Gemeinde aufgestellt worden: "wegen Typhus gesperrt". Meine Eltern waren wie gelähmt. Gott sei Dank hatte mein Vater eine geschäftstüchtige Schwester, die einen grossen Teil der Nahrungsmittel abnahm, so dass der Schaden verkraftet werden konnte.

Da das Restaurant nur als Ausflugsziel diente, war nicht viel zu verdienen. Wir blieben noch ein Jahr in diesem Restaurant, und mein Vater nahm jede sich bietende Stelle an, vom Schneeschaufeln, Aufräumer, Kaminfeger, Bauarbeiter bis zum Fischer. Nachher zogen sie nach Mörschwil, wo Vater 6 Monate bei der Bahn arbeiten konnte. Nach diesem Termin siedelten sie nach St. Gallen um in die Martinsbruggstrasse. Nach diesem Umzug erlitt Mutter einen Herzinfarkt, so dass sie ins Spital eingeliefert werden musste. In dieser Zeit traf er seinen Freund Franz Untersee, der auch in der Martinsbruggstrasse wohnte.

Da keine Arbeit zu finden war, entschliessen sie sich, nach Frankreich zu gehen. Diesmal gingen sie zur Gemeinde und fragten, ob sie für beide auf das Zeitungsinserat schreiben würden, da sie nur spärliche Französischkenntnisse hatten. Nach drei Wochen erhielten sie je einen Vertrag in zwei verschiedenen Dörfern. Mein Vater holte meine Mutter frühzeitig aus dem Spital, wiewohl die Ärzte nicht einverstanden waren. Er hatte schon alle Möbel im Bahnhof aufgegeben, als sie meine Mutter mit dem Krankenauto in den Zug brachten. Das Wunder geschah, denn sie war in Frankreich nie mehr herzkrank.

Dann ging‘s los nach Boissy-Fresnoy Seine et Marne. Franz Untersee kam mit seiner Familie nach Ferte Milon, wo sich jede Familie für zwei Jahre verpflichten musste.

 

In Boissy Fresnoy

Wir kamen ungefähr im Juli 1922 an, wo mein Vater die Stelle als Melker annahm. Hier, unterdessen erholte sich meine Mutter, begann für uns nicht nur eine neue fremde Zeit. Wir mussten uns mit der französischen Sprache vertraut machen und auseinandersetzen. Damals war Anna 9, Hans 7, Werner 5, ich 3 1/2. Die drei ältesten mussten jeden Tag zur Schule. Niemand konnte in diesem Dorf Deutsch. Sie mussten jeden Abend mit dem Diktionär die gelernten Wörter übersetzen und auswendig lernen. Von lauter lernen flog die Zeit nur so dahin bis meine kleine Schwester Meta am 18.10.1923 zur Welt kam.

Ich kann mich noch gut an diesen Tag erinnern, wie meine älteste Schwester Anna die schreiende Meta badete und sie liebevoll versorgte. Natürlich freute ich mich jedes Mal, wenn Anna die kleine wickelte und sie verschmuste, da wollte ich auch dabei sein. Aber Anne sagte mir: Du darfst Meta noch nicht halten, du bist noch zu klein, gib ihr nur einen sanften Kuss. Natürlich wenn meine Brüder von der Schule heimkamen war Meta der Mittelpunkt.

Die Lebenskonditionen in Frankreich trotz kleinstem Verdienst waren tragbarer als in der Schweiz während der Arbeitslosigkeit. Wir bekamen ein Haus, wiewohl ohne Komfort, aber konnten gratis drin wohnen und erhielten 6 Liter Milch pro Tag, so wie ein Pfund Butter pro Woche gratis. Meine Mutter sagte am Monatsende "ach ist es schön, wenn man sich nicht um den Mietzins sorgen muss".

Anna war hier 13, sie musste ab 13 nicht mehr in die Schule. Hans, 11, musste nach dem Unterricht noch mit dem Vater in den Stall gehen und beim Melken helfen. Werner war 9, Toni 7, ich 5 Jahre alt.

Gesundheitlich ging es meiner Mutter viel besser als in der Schweiz. Sie war eine fröhliche Natur, sie sang Operetten, jodelte, spielte Flöte und konnte sehr gut tanzen. Sie steckte alle an mit ihrer Fröhlichkeit. Sie war die Festung in der Familie. Mein Vater war eher der stillere Teil, sehr empfindlich und schnell wütend, wenn ihm etwas nicht passte. Ich glaube er war eifersüchtig, dass alle an meiner Mutter hingen. Deshalb war er bös und streng mit meiner ältesten Schwester Anna und meinen Brüdern. In der Meinung vielleicht, er würde einen Ausgleich damit geben oder die Kinder durch Furcht und Gehorsam an sich binden. Anna war vermutlich so von ihm eingeschüchtert, dass sie die Arbeit nicht geschickt anpackte. Sei floh und kam weinend nach Hause und bat Mutter für sie in den Stall zu gehen. Sie würde dafür den ganzen Haushalt an ihrer Stelle machen. Von da an ging Mutter dem Vater helfen u. sie sorgte für den Frieden im Haus und Hof u. am Arbeitsplatz. Anna besorgte den Haushalt u. schaute zu der kleinen Meta, wenn Mutter stundenweise im Stall aushalf. Wir fütterten die Tiere und halfen mit den Brüdern nach der Schule im Garten.

 

In Passy en Valois

Zwei Jahre waren wir nun hier. Mein Vater hatte nun eine bessere Stelle in Passy en Valois Aisne. Hier bekamen wir ein grosses Haus mit 6 Zimmern ohne den heutigen Komfort. In der Küche stand ein Holz-Kohlen-Herd zum Kochen und Heizen zugleich und ein Geschirrtrog. In der Mitte hing eine Petroleumlampe. Am Abend wenn es kalt war, liessen wir die Küchentüre offen und die Zimmer temperierten. Das Wasser mussten wir frisch vom Brunnen hinauf pumpen, es war einige Schritte von der Haustüre entfernt. Aber es stand allein auf dieser Strassenseite, so dass wir uns unabhängig fühlten. Vor dem Haus hatten wir einen Spielplatz, einen runden Steinbrunnen, wo wir mit einem Eimer Wasser hinaufzogen. Rechts vom Haus hatte es einen grossen Hühnerhof mit Kaninchenställen und sonst noch einen Stall, den wir bewirtschafteten. Im Hühnerhof gesellten sich auch Enten und Gänse dazu.

Eines Tages kam der Patron mit einem kleinen Schweinchen. Mein Vater erschrak und sagte mit was sollen wir das bezahlen? Machen sie sich keine Sorgen, er hatte es selber noch nicht bezahlt.

Unser Patron hiess Ferté und das ganze Dorf arbeitete für ihn. Sie bewohnten ein schlossähnliches Haus, mitten im Bauernareal. Sie gehörten sicher zur französischen Noblesse, da das grössere nächstgelegene Städtchen Ferté Millon hiess, wo man Kleider und das Nötigste einkaufen konnte. Das Dorf besteht aus einer Kirche, Gemeindehaus, auf der anderen Seite war ein kleiner Spezereiladen mit einem kleinen Wirtschäftli. Meine Mutter konnte gut singen und jodeln. Wenn ihr Freund Franz Untersee an einem Sonntag auf Besuch kam, gingen sie nach dem Essen in das kleine Wirtschäftli, um den dortigen Gramo versehen mit einem Lautsprecher laufen zu lassen. Sie schwingten dabei einige Tänze u. meine Mutter sang u. jodelte, so dass die Dorfbewohner interessiert herunterschauten. Es kommt mir heute vor wie die Ausländer hier in der Schweiz, wenn sie ihre Kollegen besuchen.

Es mochten etwa 1 1/2 Jahre vergangen sein, als die Untersee, Franz und Marie, wieder einmal auf Besuch kamen u. natürlich viel zu erzählen wussten. Es herrschte wieder grosse Freude und zur Feier des Tages gingen sie wieder ins Wirtschäftli, wo sie bei einem guten Glas Wein zum Song im Gramo ein Tänzchen schwangen. Ich begleitete sie bis dorthin, und Mutter sagte mir, ich solle nach Hause gehen u. abräumen. Als ich heim kam und all die Gläser auf dem Tisch sah, wo in 4 Gläsern noch ein wenig roter Wein schimmerte, kam mir der Gedanke, wenn sie das gut fanden so kann ich das sicher auch trinken. Dazu nahm ich noch die vorhandenen Zigarettenstümpchen u. fing an zu rauchen. Dann wurde es mir gottserdenschlecht. Ich ging schnell die Treppe hinauf ins Elternschlafzimmer u. schlich mich in Papas Bett. Plötzlich musste ich jämmerlich erbrechen. Gottseidank sah ich, dass es in der Mitte beider Betten geschah, so dass ich das Bett wieder zudeckte und in mein Bett schlich. Da ich kein gutes Gewissen hatte und an Pinocchio Geschichte dachte, nahm ich ein Klüperli [eine Wäscheklammer] u. steckte es in die Nase u. schlief so ein.

Später kam meine Mutter an mein Bett u. sagte: geht's dir noch? Was hast du angestellt? Mammi, ich kann es dir nicht sagen. In diesem Fall sag es wenigstens dem lieben Gott, sonst belastest du dein Gewissen, er sieht alles und wird dir verzeihen, wenn du ehrlich bist.>>

 

Anmerkung EB: In der Not zu beten hat uns unsere Mutter später auch beigebracht.

 

<<Am andern Morgen als Vater nach Hause kam, sagte Mutter zu ihm, komm mal hinauf! Du magst auch nicht mehr viel ertragen. Schau mal das an! Mein Vater antwortete, das ist mir nicht bewusst. Etwas später meinte Mutter zu mir: "Gell Gretly, bei dir ist nicht alles in Ordnung." Ich hatte es dem lieben Gott gesagt, aber sie hat es geahnt und sagte nichts mehr.

Der Alltag ging wieder seinen gewohnten Gang. Vater musste um vier Uhr in den Stall und die älteren Kinder halfen ihm, bevor sie in die Schule mussten. Wir gingen gern in die Schule und fühlten uns in Passy unabhängig und daheim. Auch wurden wir zweimal in der Woche von den Schlosskindern zum Spielen eingeladen, und das war immer ein grosses Fest für uns.

Ich war ca. 6 1/2 Jahre alt (Anna 15, Hans 13, Werner 9, Toni 8 und Meta 2) als ich in die Schule ging. Anna war altersmässig in Passy aus der Schule. Da Anna u. Hans dem Vater in der Frühe helfen mussten, kam Hans nach getaner Arbeit in den Unterricht, währen letztem schlief er meistens ein. Die Lehrerin war eine feste, gütige, verständnisvolle Frau u. liess ihn schlafen. Aber sie liess ihn nach der Schule das Versäumte nachholen. Wir waren sehr gerne hier, die Leute des Dorfes waren alle Arbeiter, so dass wir sympathisierten und uns nicht fremd fühlten. Wiewohl meine Eltern nur das Dictionnairefranzösisch konnten.

Es müssen ungefähr zwei Jahre vergangen sein, als mein Vater die Stelle im Schloss kündigte. Der Meister kam zu Vater und wollte den Grund der Kündigung wissen. Anna und Hans übersetzten so gut sie konnten, denn meine Eltern konnten nur gebrochen Französisch. Vater sagte, er wolle mehr Lohn, denn Hans helfe schon tüchtig mit. Herr Ferté sagte, Hans sei noch nicht ganz 16jährig, so dass er noch nicht gesetzlich angestellt werden darf. Mutter sagte dem Vater, bitte warte noch, bis Hans 16 wird, wir sind doch so gut hier und haben das Notwendigste. Was sollen wir ins Unbekannte gehen? Alles zureden von Mutter und uns allen half nichts. Kurz und gut, Vater setzte seinen Dickschädel durch und beharrte auf der Kündigung. Wir waren alle traurig und Mutter weinte. Nun ging's wirklich ins Ungewisse.

Dritte Stelle: Veullettes s. M. in der Normandie. Vater lud alle Möbel in den Zug und wir fuhren mit. Dort im Bahnhof St-Valery an Caux erwartete uns ein Pferdefuhrwerk. Hier wurde alles umgeladen, alle halfen mit und wir fuhren ca. 10 Km bis nach Veullettes s. M. Es kam uns vor, wie wenn wir zu den Urbewohnern oder Urvölker kamen.>>

 

 

Hier enden leider die Aufzeichnungen meiner Mutter. Das nächste was ich weiss, war die schon beschriebene Heimreise aus Frankreich zurück in die Schweiz parallel zum Rückzug der Deutschen.

Was sind deine Erinnerungen an diesen Grossvater?
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4.1.  Meine Grosseltern – Mein Grossvater väterlicherseits.

Was sind deine Erinnerungen an diesen Grossvater?

Ich erinnere mich nur an zwei Begegnungen mit meinem Grossvater, Julius Bohli. Einmal an seinem bereits erwähnten Geburtstag, wo ihn mein Vater und zwei drei andere Männer stockbetrunken aus dem Wirtshaus schleiften. Er war ein kleiner Mann, ging bereits am Stock. Der Schauspieler Emil Hegetschweiler (Bäckerei Zürrer) erinnerte mich später stark an ihn. Meine Mutter gab mir 1974 die Publikation "Der SP Standpunkt", die ein Bild eines alten Mannes zeigte und ihre von einer Tante von mir zugestellt worden war. Sie behauptete, dies wäre mein Grossvater. Aus der Erinnerung wäre es möglich. Andererseits wäre er dann hier 96 Jahre alt gewesen:


(1) Der Überlieferung nach Grossvater Bohli in Adlsiwil. (1974?)

Der Überlieferung nach Grossvater Bohli in Adlsiwil. (1974?)

 

Der zweite Kontakt war intensiver, als er einige Tage bei uns wohnte. Wir spielten einmal verstecken in der Wohnung. Als er mich in meinem Geheimversteck nicht finden konnte, begann er, mich gottsjämmerlich zu verfluchen. Immer heftiger und auf eine Weise, wie ich es noch nie gehört hatte. Schliesslich redete er sich dermassen in Zorn, dass ich Angst um Leib und Leben bekam. Als er mich in meinem Versteck weinen hörte, fand er mich natürlich. Statt mich umzubringen oder mindestens windelweich zu schlagen, das waren noch die mindesten seiner Drohungen, nahm er mich zärtlich in die Arme und tröstete mich. Ich hätte das nie für möglich gehalten. Es war und blieb der einzige zärtliche Moment mit meinem Grossvater. Ich habe ihn dann nie mehr gesehen. Und über sein Leben habe ich nichts erfahren.

 

Aus seinem Familienschein, der irgendwie auf wundersame Weise in meinen Unterlagen auftaucht, entnehme ich, dass er am 19. Oktober 1878 als Sohn des Johann Jakob Pohli und der Magdalena Weber (20.3.1881) auf die Welt gekommen war. Er heiratete am 1.6.1901 meine Grossmutter Elisabeth Schmid aus Schlattingen, die ich nie gesehen habe. Die Berufsangabe war "Fabrikarbeiter". Sie hatten 12 Kinder, davon drei Mal einen Julius. Sechs der Kinder starben kurz nach der Geburt oder innert Jahresfrist. Gekannt habe ich nur die beiden lieben Tanten Ida und Hulda. Letztere etwas besser, weil sie später in Herisau lebte und wir losen Kontakt zu ihr hatten. Vor allem erinnere ich mich an die jährlichen grossen Appenzeller Biber, die sie uns immer an Weihnachten schickte. Sie hatte einen Sohn, Nestor, der seiner Mutter und diese wiederum meinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten war. Ein lieber und als Geschäftsmann ambitionierter und erfolgreicher Cousin, mit dem ich leider zu wenig Kontakt hatte. Er ist meines Wissens in unserer Familie der einzige, der ein "richtiges" Geschäft – ein Treuhandbüro – aufgebaut hat. Als ich ihn in den 1990er Jahren einmal um eine vorübergehende Domizilierung einer von mir neu gegründeten GmbH bat, hat er mir diesen Gefallen anstandslos – und kostenlos – getan.

Was sind deine Erinnerungen an diese Grossmutter?
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4.2.  Meine Grosseltern – Meine Grossmutter mütterlicherseits.

Was sind deine Erinnerungen an diese Grossmutter?

Meine Mutter hat meine Grossmutter (Anna Bärlocher, Walzenhausen, 1884) in ihren Aufzeichnungen im vorigen Kapitel genauer beschrieben. Ich habe die dort geschilderte fröhliche Frau nicht mehr so erlebt, als sie, wie bereits erwähnt, ihre letzten Lebensjahre bei uns verbrachte. Ich erinnere mich an eine stattliche Frau. Leise und bescheiden, die versuchte, niemandem zur Last zu fallen. Ich verbrachte viele Stunden mit ihr, und ich spürte, dass ihr das viel bedeutete. Als sie starb, durfte ich mit an die Beerdigung. Im Gegensatz zu meinen Cousinen erlaubte man mir jedoch nicht, sie nochmals in ihrem Sarg zu sehen, ich insistierte jedoch auch nicht. Ich fragte dann meine Cousinen, wie sie ausgesehen hätte und erhielt zur Antwort, sie hätte ganz violette Lippen gehabt.

 

Es war gut, dass ich sie nicht mehr gesehen habe. So behielt ich sie so in Erinnerung, wie ich sie immer gekannt hatte. Wenn ich sie ganz allein auf dem Friedhof besuchte, sah ich sie immer vor mir. Sie war der liebste Mensch, den ich kannte, ohne viele Worte. Sie hatte ihr Leben gelebt, war mit Sack und Pack nach Frankreich ausgewandert, hatten sich mit der ganzen Familie als Gehilfen auf Bauernhöfen verdingt und ihren Lebensunterhalt sicher mehr schlecht als recht verdient. Sie hatte den Krieg in Frankreich erlebt und musste dieses Land 1944 fluchtartig verlassen. Sie hatte 10 Kinder geboren und davon fünf früh verloren. Eine interessante Parallele zu meinen anderen Grosseltern mit einer Sterbequote von 12 : 6. (Das erfahre ich erst jetzt durch diese Aufzeichnungen). Aus heutiger Sicht ist mir ihre innere Ruhe klar: Sie hatte mit allem abgeschlossen und strahlte das auch aus. Sie starb (wie man mir sagte) friedlich in ihrem Bett im Separatzimmer; sie muss etwa 71 Jahre alt gewesen sein.

Wie war der Weg von zu Hause in den Kindergarten?
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5.  Kindergartenjahre

Wie war der Weg von zu Hause in den Kindergarten?
sehr kurz.
Gibt es spezielle Ereignisse, schlimme oder schöne, an die du dich erinnerst?
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5.  Kindergartenjahre

Gibt es spezielle Ereignisse, schlimme oder schöne, an die du dich erinnerst?

Es muss im zweiten Kindergartenjahr gewesen sein. Die beiden Kindergärtnerinnen (eine hiess Fräulein Wolfer) hatten eine neue Bestrafungsmethode erfunden: Die Kinder für einige Zeit in die dunkle Besenkammer zu sperren. Die Kinder, denen das widerfuhr kamen dann jeweils handzahm zurück. Wenn man von ihnen Näheres wissen wollte, erhielt man den Eindruck, dass das eine ganz schlimme Strafe sein musste.

 

Plötzlich erwischte es auch mich. Unverhofft und wegen einer Belanglosigkeit; ich war einfach noch nie „dran“ gewesen. Ich wurde also in die stockdunkle Kammer gesperrt, ungefähr zwei auf drei Meter gross. Nach einiger Zeit gewahrte ich ein Schlüsselloch, durch das von aussen Licht hereinfiel. Es musste also eine Türe nach draussen geben. Ich fand die Türklinke, und siehe da, die Türe öffnete sich nach aussen - und es wurde Tag. Ich ging ins Freie und befand mich auf dem Spielplatz des Kindergartens. Ich beschloss, abzuhauen, schliesslich war ja die Strafe nicht gerecht. Um nicht gesehen zu werden, robbte ich entlang der Hausmauer unter den tief reichenden Fenstern des Kindergartens hindurch. Als ich kurz den Kopf hob und durch das erste Fenster rein spähte, sah ich alle mit den beiden Fräuleins fröhlich im Kreis sitzen, singend oder einer Geschichte lauschend. Ich kroch weiter, ungefähr 15 Meter, bis ich zur Strasse kam. Nun war ich frei. Ich nutzte es für einen ausgiebigen Spaziergang durchs Quartier. Keine Menschenseele, aber ein Glücksgefühl von frei sein. Niemand wusste, wo ich war. Als ich genug des Glücks hatte, beschloss ich dann doch, auf dem gleichen Weg zurückzukehren, quasi das Abenteuer meiner Flucht zu verdoppeln. (Karl May kannte ich damals noch nicht …). Geschätzte zwei Minuten nachdem ich mich wieder in die Besenkammer eingeschlossen hatte, öffnete sich die Türe und ich wurde aus meinen "Elend" befreit. Die beiden Fräuleins haben das natürlich nie erfahren - und meine Spielkameraden, denen ich das erzählte, glaubten mir sowieso nicht.  Aber das tat nichts zur Sache, ich hatte mich für die ungerechtfertigte Strafe gerächt. Zu Hause habe ich es, glaube ich, auch nicht erzählt. Offenbar hatte ich schon früh gerne meine kleinen Geheimnisse.

An welche Krankheiten oder Unfälle erinnerst du dich besonders?
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6.  Krankheiten und Unfälle

An welche Krankheiten oder Unfälle erinnerst du dich besonders?

Als Kind hatte ich oft Halsweh. Man schmierte mir dann eine dicke Lehmschicht (Antiphlogistin) auf den Hals und wickelte ein Frottiertuch darum herum. Irgendwann fand dann unser Arzt, dass man die Mandeln entfernen müsse. Ich weiss noch genau, wie man mich in den Operationssaal fuhr, wie eine Mumie in Wolldecken eingewickelt, so dass ich mich nicht bewegen konnte. Vielleicht waren Kinder in dieser Situation vor Angst schon ausgebüxt. Dabei war ich mehr neugierig, als dass ich Angst gehabt hätte. Man setzte mir eine Maske auf die Nase und eine freundliche Schwester sagte mir, ich solle auf 10 zählen. Nach drei war ich weg.

 

Als ich wieder erwachte, lag ich mit einem zweiten Kind im Krankenzimmer. Schmerzen hatte ich keine. Wie mir das eine meiner Cousinen schon im Vorfeld angekündigt hatte, durfte ich dann einige Glaces essen, in meiner Zeit nicht etwas Alltägliches. Das andere Kind erhielt ein kleines „Fresspaket“. Als meine Mutter dann bei einem Besuch nachfragte, ob es mir geschmeckt habe, kam aus, dass es für mich bestimmt gewesen war. Die Schwester, bei dir ich mich beschwerte, meinte nur, dass das andere Kind nichts erhalten habe und sie jeweils Geschenke gerecht verteile. Irgendwie fand ich das nicht falsch. (Auch wenn es vielleicht nur eine Ausrede war, weil sie uns verwechselt hatte – oder weil ich Glace essen durfte.)

Leidest du aktuell an Krankheiten oder Folgen von Unfällen oder Krankheiten? Wie kam es dazu?
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6.  Krankheiten und Unfälle

Leidest du aktuell an Krankheiten oder Folgen von Unfällen oder Krankheiten? Wie kam es dazu?

Auch wenn ich zum Glück nie richtige Unfälle hatte, eine sehr ärgerliche Krankheitsgeschichte im Zusammenhang mit dem Universitätsspital Zürich muss ich loswerden. Eines Tages, ich muss wohl etwa 55 Jahre alt gewesen sein, bemerkte ich einen Schatten oben in meinem linken Auge. Ich beachtete es nicht weiter, ging sogar noch auf eine Wanderung nach Zermatt und aufs Gornergrat. Am übernächsten Tag sollte ich zu meiner Familie nach Spanien fliegen, suchte dann aber doch noch am Vortag einen Augenarzt auf. Klare Diagnose: Netzhautablösung, die unverzüglich operiert werden müsse. Nichts von Reise nach Spanien.

 

Am nächsten Tag also Kantonsspital Zürich und unter Vollnarkose die Netzhaut mit Laser wieder „anheften“. Um sie dann anzudrücken hatte man Silikonöl ins Auge gegeben. Das Öl verbreitete sich dann im ganzen Auge, auch in Bereichen, in denen es nichts zu suchen hatte. Es wurde eine zweite Operation erforderlich. Man schaffte es nicht, das Öl zu entfernen. Eine dritte Operation folgte. Von da an merkte ich, dass mein Blickfeld um rund 40 % eingeschränkt war; rechts unten war alles schwarz. (Aus heutiger Sicht war der Sehnerv nach dem Eingriff vermutlich zu lange einem viel zu hohem Augendruck ausgesetzt.) Der operierende Arzt wollte den Schaden mehrere Tage lang gar nicht zur Kenntnis nehmen, zumal klar war, dass nochmals eine Operation nötig werden würde, weil das Öl immer noch nicht restlos entfernt war. Zwischenzeitlich wurde ich nach Hause entlassen. (Zumal ich vom Krankenbett aus auch noch gegen eine völlig unfaire und mit allen Mitteln geführte Attacke von Unia gegen Fust zu kämpfen hatte. Der federführende Uni-Repräsentant wurde dann einige Jahre wegen sexuellen Avancen gegenüber Mitarbeiterinnen entlassen, was zwar mit der Sache nichts zu tun hat, aber immerhin die Skrupellosigkeit dieses Menschen verdeutlicht.) Am dritten Tag zu Hause wachte ich um drei Uhr morgens mit Schmerzen im Bereich des Herzens auf. Ich dachte mir, dass vielleicht ein kräftiger Schluck Whisky im Moment das Besten wäre. Jedenfalls überlebte ich damit die Nacht. Um 1500 war ich bei meinem Hausarzt, (ich hatte nur ein e-mail gesandt, das er nicht sofort gesehen hatte ...), und wenig später traf ich per Taxi in der Universitätsklinik ein: Verdacht auf Lungenembolie. Nach einigen Stunden Herumliegen in der Notfallstation bestätigte man mir den Befund. Gleichzeitig konfrontierte man mich als "Zufallsbefund" mit einem Nierentumor!

 

Inzwischen hatte meine Frau die Ferien in Spanien abgebrochen und sass an meinem Bett. Ich lag nun da, ein halb kaputtes Auge, eine Lungenembolie und Verdacht auf Nierenkrebs. Ich habe als Erwachsener nicht oft geweint. Als ich meiner Frau den Befund jedoch mitteilte, konnte ich das nur unter Tränen. Nicht wegen mir: Ich sah meine Familie ohne Vater, oder mit einem Invaliden.

 

Ein oder zwei Tage später, der Embolie wurde mit Blutverdünnern begegnet, kamen zwei junge Oberärzte an mein Bett und rieten mir mit ernster Miene zur sofortigen Operation, nötigenfalls mit ganzem oder teilweisem Entfernen der betroffenen Niere. Ob sie gleich loslegen sollten oder ob ich es noch mit meinem Hausarzt besprechen wolle (immerhin). Glücklicherweise wählte ich die Option "mit dem Hausarzt sprechen", denn der Gedanke, nur noch von einer einzigen Niere abhängig zu sein schockierte mich. Auch wenn ich den herzergreifenden Kommentar meines Sohnes niemals vergessen werde: „Ich habe ja auch noch zwei Nieren“. Das liebste, das er je zu mir gesagt hat, auch wenn ich diese Organspende niemals angenommen hätte.

 

Jedenfalls erwies es sich als Glücksfall, dass ich nach der Entlassung aus dem Spital meinen Hausarzt Dr. Ramer involvierte. Er überwies mich an Dr. Gobet, einem Urologen am Stadelhoferplatz (Zürich). Von da an wurde mir leichter ums Herz. Er meinte ganz cool, dass erstens noch lange nicht erwiesen sei, dass es sich um einen Tumor handle. Und zweitens, falls es denn einer wäre, Nierentumore zu den am langsam wachsenden gehörten, und wir überhaupt keine Eile hätte. Zuerst müsste die Embolie mit einer Blutverdünnungskur von mindestens 6 Monaten vollständig kuriert werden. Der langen Rede kurzer Sinn: in mehreren jährlich wiederholten MRI- und Ultraschalluntersuchungen kam man immer mehr zum Schluss, dass es ich nicht um einen Tumor, sondern um eine harmlose Zyste handle!

 

Statt mir eine Niere zu entfernen, wurde nach dem Auskurieren der Embolie nun die vierte Augenoperation notwendig. Inzwischen war mein behandelnder Arzt verschwunden und der neue Leiter, Professor Messmer, nahm sich meiner an. Als erstes mit der Feststellung, dass der Schaden irreparabel sei und ich mit der Einschränkung des Blickfeldes leben müsse.

 

Die spätere Frage meines Hausarztes, ob ich eine Schadensersatzklage einreichen wolle, verneinte ich, und ich bin bis heute froh, habe ich mir dies erspart. Sie hätte mir, auch bei Erfolg, die vollständige Sehkraft nicht zurückgegeben. Hingegen ärger mich zwei Dinge: erstens hat sich der behandelnde Arzt nie bei mir entschuldigt geschweige denn, einen Fehler eingestanden. Und zweitens hat er ziemlich sicher an all diesen Zusatzoperationen an mir als Privatpatient kräftig verdient! Heute zögere ich immer, einem Arzt zu sagen, ich sei privat versichert ...

 

Zusammenfassen kann ich sagen, dass mein Vertrauen in die ärztliche Kunst, v.a. wenn es um (lukrative) chirurgische Eingriffe geht, minimal ist.

  • Der routinemässige Ersatz eines Zahns verursachte eine schwere Infektion.
  • Bei einer an sich problemlosen Netzhautablösung wurde der Sehnerv massiv geschädigit. Zudem handelte ich mir eine Lungenembolie ein.
  • Der Untersuch der Lungenembolie führte zur Entdeckung eines (nichtexistenten) Nierentumors, den man mir sofort entfernen wollte.

 

Gab und/oder gibt es in deiner Familie Krankheiten/Unfälle, die dich geprägt oder dein Leben beeinflusst haben?
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6.  Krankheiten und Unfälle

Gab und/oder gibt es in deiner Familie Krankheiten/Unfälle, die dich geprägt oder dein Leben beeinflusst haben?

Ich fand nach einem Kurzbesuch in der Stadt (damit meinen wir Örliker das Stadtzentrum von Zürich) meine Frau zu Hause in Tränen aufgelöst. Unser Kind war von einem Auto angefahren worden und befand sich notfallmässig im Kinderspital. Da lag der kleine Bursche, fünf oder sechsjährig im abgedunkelten Zimmer, bewusstlos. Der Arzt, so hilflos wie wir, meinte nur, dass er jetzt 24 h ruhig liegen müsse. Komme er zu sich, würde er vermutlich überleben. Es waren die härtesten 24 h meines Lebens.

 

Was war geschehen? Normalerweise holte meine Frau den Jungen immer vom Kindergarten ab. Dies war der erste Tag wo sie fand, dass er allein nach Hause kommen könne. Allein waren die Kinder ja nicht; andere Kinder hatten zumindest zu einem grossen Teil den gleichen Weg. Die Kinder spielten auf der wenig befahrenen Friedheimstrasse und mein Sohn rannte voraus in die Viktoriastrasse. Dort wurde er von einem Fahrzeug erfasst. Sein Fuss kam unters Vorderrad und er schlug mit dem Kopf auf die Strasse. Soweit liess es sich rekonstruieren. Später stellte sich heraus, dass der Fahrzeuglenker nicht ausweichen konnte, weil ein Auto am rechten Strassenrand in der Parkverbotszone stationiert war. Der wahre Schuldige entkam jedoch still und leise und unerkannt, weil die Polizei das nicht beachtete - oder positiv formuliert zum Glück sich primär um meinen Sohn kümmerte. (Der Fahrzeuglenker war nüchtern und zeigte sich bei uns nur, bis klar war, dass wir keine Klage erheben würden. Ein Spitalbesuch oder eine Nachfrage blieb aus.)

 

Man kann sich vorstellen, wie erleichtert wir waren, als Ralph am nächsten Tag die Augen öffnete. Zwar klagte er über Kopfschmerzen, aber er genas. Wie durch ein Wunder war sein Fuss intakt, nur sein (zum Glück) ziemlich solider Schuh vollkommen zerfetzt. Schlimm blieb es für meine Frau. Sie hatte auf dem Balkon gewartet, bis Ralph aus der Friedheimstrasse auftauchen würde – und alles mitangesehen. Die darauffolgende Depression begleitete sie über Jahrzehnte. Glücklicherweise schaffte sie es dann auch, sich von den Medikamenten zu lösen.

 

Ich wollte natürlich Einsicht in die Akten. Zu meiner Verwunderung wurde ich vom behandelnden Juristen unsäglich schnoddrig und einsilbig behandelt. Erst als er irgendwie erfahren hatte, dass wir ein Gesuch eingereicht hatten, um diese gefährliche Einfahrt mit einer Bodenschwelle zu entschärfen, und von Stadtrat Frick dazu persönlich angehört wurden, rief er mich nochmals fast schon unterwürfig an, ob ich noch Fragen hätte, er würde diese gerne beantworten. Ich hatte keine mehr, bzw. hätte schon welche gehabt, aber war froh, dass es Ralph besserging. Und dass sich wenigstens der Stadtrat um Bürgernähe bemühte. Unmittelbar danach wurde die Schwelle gebaut und ein Spiegel angebracht. Beides ist immer noch da.

 

Wenn ich an Krankheiten und Gebrechen in der Familie denke, dann fällt mir ein, dass sich unsere Mutter so ab den 1970er Jahren über einen starken Tinitus beklagte. Allerdings verwendete sie dieses Wort nie, sondern sprach immer von einem schrecklichen "Pfeifen im Ohr". Auch ich habe das seit einigen Jahren manchmal. Es stört mich jedoch nicht, sondern ist fast schon ein guter "Freund", der mich ab und zu begleitet. Wie gerade jetzt beim Schreiben dieser Zeilen.

Wie unterscheiden sich deine früheren Wohnverhältnisse von den heutigen Ansprüchen?
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7.  Wohnen

Wie unterscheiden sich deine früheren Wohnverhältnisse von den heutigen Ansprüchen?

Wie bereits beschrieben, war der Wohnkomfort in meiner Jugend nicht mit den heutigen Ansprüchen zu vergleichen. Aber wie relativ das war, erfuhr ich, wenn ich z. B. bei Bauern in den (Arbeits)Ferien war, was zwei- oder dreimal nach dem Tod des Vaters vorgekommen ist. Im Herbst waren die einzigen warmen Räume die Küche, die Stube – und der Stall, wo ich mich deshalb nicht ungern aufhielt. Den speziellen Geruch nach Vieh und Kuhfladen nahm ich dafür in Kauf. Das Zimmer, in dem ich schlief, war nachts wirklich eiskalt, genauso wie der Holzboden. Ganz zu schweigen von der Toilette, ein Plumpsklo, d. h. ein Brett mit einem Loch und einem Holzdeckel, den man nach vollbrachter Tat wieder drauflegte. Anstelle von Toilettenpapier bediente man sich an einem Stapel Zeitungen. Was später übrigens auch bei uns zu Hause Brauch wurde. Ich schnitt dann jeweils ganze Stapel quadratischer Blätter von ungefähr 15 cm Seitenlänge zu.

 

Auch Warmwasser war in vielen Haushalten noch nicht selbstverständlich, sondern musste zuerst in einem Topf „hergestellt“ werden. Z. B. zum Abwaschen oder um sich (warm) zu waschen. Dementsprechend war es um die Körperhygiene von uns Kindern bestellt. Das Gesicht wurde täglich gewaschen, der Rest sehr sehr unregelmässig. Eine Dusche gab es selbstverständlich nicht und als Badewanne diente später ein grosser Metallzuber (Gelte), die im Bedarfsfall aus dem Keller geholt wurde. Im Bedarfsfall heisst, höchstens einmal pro Woche, wenn überhaupt. In der Sekundarschule und während der Lehre ging ich dann regelmässig aus eigenem Antrieb ins etwa 20 Gehminuten entfernte Hallenbad, wo es Badezimmer gab, die man für eine halbe oder eine ganze Stunde mieten konnte. Eine einfache, aber riesige Badewanne, in der ich mich voll ausstrecken konnte und es mir im Schaumbad richtig wohl gehen lassen konnte. (Und mit meiner pubertären Sexualität Bekanntschaft machte.) Mein damaliges Wellnessprogramm am Samstag oder Sonntag, das mir unheimlichen Genuss bereitete.

 

Zu erwähnen ist noch eine halbjährliche sportliche Betätigung. Damals waren die meisten Fenster noch einfach verglast, hatten jedoch eine Vorrichtung für sogenannten Vorfenster. Diese wurden im Herbst irgendwann vom Keller oder Estrich geholt, geputzt und eingehängt, bis zum Frühling, wenn sie den umgekehrten Parcours absolvierten. Zwischen Vorfenster und Hauptfenster entstand so ein natürlicher Kühlschrank, jedenfalls bis wir einen „richtigen“ hatten. Ah, und da waren noch die Geranien, die auch 5 Stockwerke tiefer im Keller überwinterten …

 

Auch Wäsche waschen war eine ziemlich umständliche Prozedur. Von Hand gewaschen wurde in der Küche, Kochwäsche in der Waschküche im Keller. Bis endlich eine einfache Waschmaschine (Toplader) ins Haus kam, trug man die Kleider möglichst lange, auch die die Unterwäsche. Jedenfalls wir Buben. Da vielleicht einmal pro Woche gewaschen wurde, war es auch anders gar nicht möglich. (Wir hätten gar nicht genügend Kleider gehabt, um diese häufiger zu wechseln.)

 

Und doch war unsere Wohnung in unserem fünfstöckigen Block durchaus im Durchschnitt der damaligen Zeit. Das Haus war solid gebaut, die Vierzimmer-Wohnung praktisch und die Zimmer in einer vernünftigen Grösse. Natürlich kein Lift. Da es ein riesiger Block war, ich schätze etwa 60 bis 70 Wohnungen, lebten die meisten meiner Spielkameraden gleich wie ich. Andere eher in einem moderneren Wohnblock (mit Badezimmern und Warmwasser). In den wenigen Einfamilienhäusern wohnten vor allem Arzt- und Pfarrerskinder, zu denen ich kaum Kontakt hatte. Auch wenn ich als Primarschüler insgeheim durchaus ein Auge auf die hübsche Pfarrerstochter (Esther) geworfen hatte. Und auf die Tochter des Augenarztes.

 

Ich war mit meiner Wohnsituation immer durchaus zufrieden. Es war einfach so wie es war. Auch später, als es für eine gewisse Zeit richtig abenteuerlich wurde.

Zu wem hast du heute noch Kontakt bzw. hättest noch gerne Kontakt?
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7.  Wohnen

Zu wem hast du heute noch Kontakt bzw. hättest noch gerne Kontakt?
Meine (traurige) Erfahrung ist, dass alles mit Freunden Erlebte in seiner Zeit festgemacht ist und ganz selten alte Bekanntschaften in einer neuen Zeit revitalisiert werden können. Wie oft traf ich jemanden aus früheren Zeiten und war verwundert, kaum eine Weiterentwicklung festzustellen. Und wenn sich schon etwas verändert hatte, dann nicht unbedingt positiv (aus meiner subjektiven Warte). Seltsamerweise habe ich mich noch nie getraut zu fragen, ob und wie ich mich verändert habe ... nehme ich doch unbescheiden an, dass das Urteil nur positiv ausfallen könnte und mir deshalb eher peinlich wäre ... (Oder ich meinen Gesprächspartner in Verlegenheit bringen würde.)
 
Natürlich freue ich mich meistens sehr, alte Bekannte oder gar Verwandte zu sehen und die gemeinsame erlebten Episoden aufleben zu lassen. Zu fragen, was er/sie jetzt so macht, wie er lebt, was er für Pläne und Ambitionen hat. Und selbstredend von mir zu berichten .... Aber noch fast nie ist daraus eine erneute intensive Beziehung geworden, was sicher primär an mir liegt. Es sind jetzt andere Umstände, jeder verfolgt seine eigenen, meist divergierenden, Ziele und Interessen, hat anderen Ansprüchen (z.B. Familie) zu genügen. Oder lebt mit seinen inzwischen weiter verfestigten Eigenschaften und Auffassungen, die im Rückblick schon damals da waren. Ich erschrecke darüber. Trotzdem: Von allen früheren Kameraden und Freunden, die ich seit meiner Jugend in St. Gallen nie mehr gesehen habe, wäre mir nach fast 50 Jahren ein erneuter Kontakt zu "Karli" Forrer am liebsten. Bisher ist es mir nicht gelungen, ihn aufzuspüren.
 
 
Ab wann hattest du Vorstellungen, wie du einmal wohnen wolltest? Wie konkret waren diese?
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7.  Wohnen

Ab wann hattest du Vorstellungen, wie du einmal wohnen wolltest? Wie konkret waren diese?

Die mich dominierende Einstellung war seit meiner Jugend sehr stark: mein Leben lang den Mietzins für eine „anständige“ Wohnung bezahlen zu können. Durchaus nicht luxuriös, nicht einmal viel besser, als das was ich von klein auf gewohnt war. Ich hatte hautnah erlebt, wie schwer dies meiner Mutter in einzelnen Monaten gefallen war und wie sie den Vermieter einige Male um Geduld bitten musste.

Vorstellungen, wie eine solche Wohnung aussehen sollte, hatte ich keine – und an ein eigenes Haus dachte ich schon gar nicht. Ich wusste ja noch nicht einmal, wo ich je leben würde. Nur dass es nicht St. Gallen sein würde, war mir relativ früh klar – die weite Welt stand mir ja offen. Ich hatte in meiner Taschenagenda genau notiert, in welchen Ländern ich wie lange leben wollte, um die jeweilige Landessprache zu lernen: England, Frankreich, Italien, Spanien und Portugal. Allerdings endete meine Reise dann, nach einigen Monaten in England, bereits in Zürich … Immerhin mit einer Spanierin.

Über welche Stationen, Wohnsituationen bist du zur heutigen gekommen? Wie sieht diese aus?
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7.  Wohnen

Über welche Stationen, Wohnsituationen bist du zur heutigen gekommen? Wie sieht diese aus?

Die erste längere Veränderung meiner schon ausführlich beschriebenen Wohnsituation war mein Jahr in Neuchâtel im „Maison des Jeunes“ nach der üblen Sekundarschule. Eigentlich hätte es „Maison des Garçons“ heissen müssen, denn wir waren nur Jungs. Mädchenbesuch strikte verboten und praktisch undurchführbar. Statt eines eigenen Zimmers ein Dreibettzimmer, geteilt mit einem Welschen, Gérard Buchs, der in jeder freien Minute nach der Rückkehr aus der Schule bis abends 10 Uhr am Lernen war. Und einem lebenslustigen Franzosen, der als Gegensatz dazu den ganzen Tag unterwegs war. Und ich, der stundenlang auf meinem Bett lag und "Schundromane" las. Das Dreibettzimmer störte mich nicht, zumal ich die geregelten Essenszeiten wie in einem Hotelbetrieb genoss. Ich musste mich um nichts mehr kümmern, keine Suppen wärmen, Kuchen backen, einkaufen, putzen, staubsaugen oder abstauben. Und das Essen war viel abwechslungsreicher als zu Hause.

 

Das änderte sich dann wieder, als ich für die dreijährige Lehre zurück nach St. Gallen ging. Immerhin erhielt ich dann definitiv unser Separatzimmer und konnte kommen und gehen, wann ich wollte. (Was aber für meine Mutter sowieso nie ein Problem war.)

 

Nach der Lehre wollte ich unbedingt nach England, um besser Englisch zu lernen. Ich schätzte, dass mein Gespartes, inklusive die 2000 Fr., die die Firma Saurer beim Tod des Vaters auf ein Sperrkonto einbezahlt hatte, für drei Monate reichen würden. (Was dann nicht der Fall war; nach zwei Monaten musste Mutter noch einen ziemlichen Batzen nachschieben, was sie anstandslos tat bzw. wozu sie zu meiner Überraschung überhaupt in der Lage war.) Die ersten zwei Wochen konnte ich dank Vermittlung seines Bruders "Tü" bei Hanspeter „Julien“ Millischer wohnen, ein einfaches Zweizimmer-Flat in der Goodge-Street. Er war nahm mich ausgesprochen freundlich auf, obwohl wir einander aufgrund des Altersunterschieds von 2 oder 3 Jahren gar nicht so gut kannten. So musste ich unbedingt in seinem grossen Bett schlafen, während er in der kleinen Stube mit dem kleinen Bett, das auch als Sofa diente, vorliebnahm. Als "Dank" meckerte ich dafür jedes Mal, wenn er am Morgen sein Bett nicht machte, was er vermutlich zu Recht ziemlich anmassend fand. (Immerhin offerierte ich ihm, dass ich es schon machen würde ...). Als dann sein Wohngenosse, Max „Albi“ Keller, aus den Ferien zurückkam, musste ich mir eine neue Bleibe suchen. Ich durfte jedoch entgegenkommenderweise untertags die Wohnung weiterhin benutzen, was ich mit meiner Freundin Phenphan auch ab tat. Bald einmal hatten wir dann auch unsere Namen weg "John und Yoko". An manchen Tagen bewies ich meinen Freunden meine Kochkünste mit einem pickfeinen Birchermüesli mit reichhaltig und mundgerecht geschnittenen Früchten, eine meiner Spezialitäten, neben Omelette. Allerdings behaupten sie heute noch, ich hätte die Bananen und Äpfel mehr oder weniger ungeschnitten ins Birchermüesli getan …

 

Der Landlord meiner Freunde, ein Schweizer, („Sweety“, der Cousin von „Salty“), bot mir ein Zimmer in einem Haus direkt via-à-vis an, am Goodge-Place. Mangels Alternativen, auch wegen des akzeptablen Preises aber vor allem aufgrund der Nähe zu SOHO und meiner Sprachschule (St-Giles), nahm ich es. Später erzählten mir meine lieben Kollegen, dass sie sich krummgelacht hätten! Sie hatten auch allen Grund. Das „Zimmer“ hatte vermutlich auch schon als Kohlenkeller gedient und hätte den übelsten Beschreibungen eines Charles Dickens alle Ehre gemacht. Es war in einem halben Untergeschoss. Falls es ein Fenster hatte, war es so rabenschwarz, dass kein Licht hereindrang. Die vorhandene, von der Decke baumelnde Glühbirne erhellte den Raum nur spärlich. Das war gut; so bekam ich nicht mit, mit wem ich das Zimmer noch sonst so teilte. Die Matratze im Lotterbett verdiente diesen Namen kaum mehr und auch da war es besser, dass ich sie nicht wirklich in Augenschein nehmen konnte. Trotzdem beschaffte ich mir alle nötigen Putzutensilien und Chemikalien und begann die Sisyphus-Arbeit einer einigermassen gründlichen Reinigung. Tatsächlich drang dann zu guter Letzt ein wenig Tageslicht durch das direkt unter der Decke liegende Fensterchen. (Der Geruch nach Kohlenstaub blieb jedoch.)

 

Meine Kollegen liehen mir Bettwäsche, alte, abgestanden riechende Wolldecken gehörten zum Bett. Geheizt wurde der Raum durch eine Gasheizung, die mit Münzen gefüttert werden musste. Nach dem Erwachen war jeweils die erste Bewegung, mit gestrecktem Arm zum Bett heraus eine Münze einzuwerfen, obwohl es Hochsommer war!

 

Ich suchte mir nach einigen Wochen eine andere Unterkunft mit Familienanschluss bei einer Landlady in Kilburn, was keine wirkliche Verbesserung war. Erstens war es unendlich weit weg, vor allem wenn nach Mitternacht keine Tube mehr fuhr und ich kein Geld für ein Taxi ausgeben wollte (konnte), und zweitens, weil ich das Zimmer mit einem der gerade in Mode kommenden Skinheads teilen musste. Kein schlimmer Bursche, ausser dass er, wenn er nach Hause kam und ich schon tief schlief, hemmungslos das Licht anzündete und seine schweren Boots in eine Ecke schmiss. Und drittens, weil das Essen "typisch englisch" war und die Landlady bald einmal trocken und gerade nicht gerade in feiner englischen Art feststellte „you’re not a real Swiss“. Ich fasste das als Kompliment auf, auch wenn es nicht so gemeint war.

 

So seltsam meine nächste Bleibe (in Zürich während der Maturavorbereitung) war, so gross war trotzdem die Verbesserung. 1971 war die Wohnungsnot in Zürich genauso gross wie heute (2015). Auf jede freie Wohnung bewarben sich Dutzende. So auch auf das Inserat für zwei neu renovierte Zimmer an der Josefstrasse, unweit von Langstrasse und Limmatplatz. Ich schaffte es tatsächlich, als Erster beim Vermieter vorzusprechen und erhielt die Zimmer auf Anhieb. (Vermutlich, weil er einige Zeit in Thailand in einem Buddhisten Kloster gelebt hatte und ich ihm von meiner thailändischen Freundin erzählte.) Zwei winzige Zimmer, zusammen höchstens 20 – 25 m2, das eine mit einem kleinen Lavabo, versehen mit einem kleinen Durchlauferhitzer für Warmwasser. Keine Kochgelegenheit. Im Treppenhaus, einen halben Stock höher, eine wirklich schmutzige Toilette, die von der Renovation verschont geblieben war. (Statt mich in die Wüste zu schicken, putzte Vicenta, meine spätere Frau, sie dann nach ihrem ersten Besuch bei mir – wenn das kein gutes Zeichen war!)

 

Ein grosser Ölofen sorgte immerhin für mehr als genug Wärme. Unangenehm war jedoch, dass die Wand zur Nachbarswohnung so dünn war, dass man jedes Wort verstand. Vor allem, wenn der Mann von seiner Arbeit bei der Kehrichtabfuhr nach Hause kam und auf Liebesdiensten seiner Frau bestand. (Die dann ihrerseits forderte, dass er „ihn“ zuerst waschen solle.) Es war jedoch meine erste eigene "Wohnung", und ich war mehr als glücklich, vor allem, nachdem ich mir eine kleine Kochplatte zugelegt hatte und mir wenigstens einfachste Gerichte zubereiten konnte. Geld fürs Restaurant hatte ich bei einem Monatsbudget von wenigen hundert Franken natürlich keins. (Ich erhielt immer noch gut zweihundert Franken Waisenrente, den Rest verdiente ich mir in den Ferien dazu. Um möglichst wenig abwaschen zu müssen, erhitzte ich Würste normalerweise im Lavabo (im vakuumierten Plastik) und Konservendosen stellte ich direkt auf die Kochplatte, so dass ich ohne Pfanne auskam, vor allem keine abwaschen musste. In dem kleineren Zimmer richtete ich mir meine „Stube“ und Schlafzimmer ein und im zweiten mein Arbeitszimmer mit einem Notbett für allfällige Besucher. Was wollte ich mehr? Ah ja, da war noch die Nachbarin, die schräg gegenüber von meinem Arbeitszimmer jeden Abend so zwischen 6 und 7 bei halb offenem Badezimmerfenster ihre Toilette verrichtete. Sie hatte tolle Brüste, und ich bin mir sicher, dass sie wusste, dass ich sie während ich meine Hausaufgaben erledigte sehen konnte.

 

Als ich dann Vicenta etwas näher kannte, bot sie mir an, bei ihr zu wohnen. Sie hatte ein Zimmer an der Forchstrasse in einem Apartmenthaus. Zwar hatte sie nur ein Zimmer, aber es war ungefähr so gross wie meine beiden zusammen. Mein Schreibtisch fand problemlos auch noch Platz. Da sie tagsüber arbeitete, konnte ich in Ruhe lernen. Drei Apartments teilten sich eine Küche, mit je einem eigenen Kühlschrank, und ein grosses Badezimmer mit Badewanne. Aber vor allem bestand Vicenta darauf, dass ich mietfrei wohnen könne, da sie ja die Miete sowieso bezahlen müsse. (Ein sehr kluges Investment, …). Typisch spanische Grosszügigkeit, die uns Schweizern mehrheitlich abgeht. Nach einigem Zögern, nachdem ich die Maturitätsprüfung erfolgreich bestanden hatte und an der Uni für das Betriebswirtschaftsstudium immatrikulier war, zog ich bei ihr ein. Als erstes kauften wir ein breiteres Bett – aber nur 1.60 m.

 

Als ich dann neben dem Studium auch noch regelmässig etwas Geld verdiente, begann ich mit der Suche einer "richtigen" Wohnung und schrieb auf alle Inserate nette Briefe (noch kein Internet!). Meistens vergeblich, bis ich unverhofft zu einem Gespräch eingeladen wurde. Ich erhielte die Wohnung an der Viktoriastrasse 49 in Oerlikon auf Anhieb. Eine richtig schöne Altbauwohnung mit grossen Fenstern und geräumigen Zimmern. Vermutlich war ich der am besten wohnende Student. Und das für rund 700 Franken, was schon damals ein Schnäppchen war. (Ich arbeitete inzwischen zu 50 % bei der „Finanz und Wirtschaft“, so dass wir uns diese Ausgabe leisten konnten, verdiente meine Frau doch mit etwa 1‘300 Fr. auch noch etwa gleichviel wie ich). Die einzige „Auflage“ des Vermieters war, dass er schon erwarte, dass wir gelegentlich heiraten würden. Was wir dann ein Jahr später auch taten, nicht wegen der Wohnung – auch wenn man zu jener Zeit dafür fast alles getan hätte.

 

Als unser Sohn ungefähr 8 oder 9 Jahre alt war, wünschte sich meine Frau eine schönere, modernere Wohnung. Nebst zeitgemässer Küche und modernem Badezimmer möglichst auch andere Kinder im Alter unseres Sohnes in der näheren Nachbarschaft (was rund um die Viktoriastrasse mit einer älteren Mieterschaft nicht gegeben war). Wir fanden diese schliesslich am Kirchenackerweg 31, in Form einer gerade im Bau befindlichen grosszügigen 5,5-Zimmer Attika-Maisonette-Wohnung der Baugenossenschaft GISA. Der einzige Wehrmutstropfen: Der Mietzins stieg von etwas über 700 auf 2600 Fr. (später dann bis über 3‘000)! Ich hatte mich jedoch bereits selbständig gemacht und verdiente so, dass wir uns das leisten konnten, auch wenn das Einkommen keineswegs längerfristig gesichert war und ich mir immer wieder vor Augen hielt, wieviel Geld wir in 10 Jahren gespart hätten …. Hätte ich jedoch damals immer noch als Angestellter gearbeitet, wäre diese Wohnung ausserhalb unserer Möglichkeiten gewesen. (Trotzdem, wenn es nur nach mir gegangen wäre, wäre ich noch lange in der alten günstigen Wohnung geblieben …).

 

15 Jahre danach wurden wir Hausbesitzer! Das war überhaupt nie eine meiner Zielsetzungen. Ich fühlte mich einfach freier und flexibler als Mieter. Gleich in mehrfacher Hinsicht: erstens bezüglich geographischer Mobilität, falls es mich in eine andere Landesgegend oder ins Ausland verschlagen sollte. (Ich liebte Zeit meines Lebens das Gefühl, jederzeit die Koffer packen zu können.) Zweitens wollte ich keinesfalls ausserhalb der Stadt wohnen. Drittens wollten wir keine Schulden, auch keine Hypothekarschulden. Ausschlaggebend für meine Zurückhaltung war jedoch mein Standardspruch: „Bevor ich mir einen Gärtner leisten kann, will ich kein Haus.“ Ich mag Gartenarbeit auch heute noch nicht, erschrak aber doch, als ich später die ersten Gärtnerrechnungen für unser Einfamilienhaus zusammenzählte: 16‘000 Fr. im ersten Jahr. Ich habe dann dazugelernt, wie man die Gartenpflegekosten optimieren kann.

 

Dass wir in unmittelbarer Nachbarschaft Einfamilienhausbesitzer wurden, verdankten wir verschiedenen Zufällen. Man kann auch sagen „Glück“. Ich hatte Ralph und seine Freundin Livia gefragt, was sie von einem Zweigenerationenhaus halten würden. Zu meiner Überraschung fanden sie das eine gute Idee, so dass ich ein Inserat in der Quartierzeitung platzierte. Am andern Tag fragte mich Livia, ob ich schon inseriert hätte, da sie ein Inserat gesehen habe, aber mit einer anderen Telefonnummer. Das kluge Mädchen hatte tatsächlich bemerkt, dass sich ein Druckfehler eingeschlichen hatte. Also inserierte ich nochmals und siehe da, eine alte Frau meldete sich, dass das Haus ihres Sohnes, ihr früheres Haus, versteigert würde und sie wolle, dass es in gute Hände käme. Um es abzukürzen: Via Zwangsversteigerung erhielten wir den Zuschlag zu einem aus heutiger Sicht sehr interessanten Preis für ein schönes Örliker „Townhouse“ mit unüblich grossem Garten.



(1) Vicenta und Elvis vor unserem 2003 dank glücklichen Zufällen erworbenem Haus. Eigentlich haben wir gar nie danach gestrebt, Hausbesitzer zu werden ...

Vicenta und Elvis vor unserem 2003 dank glücklichen Zufällen erworbenem Haus. Eigentlich haben wir gar nie danach gestrebt, Hausbesitzer zu werden ...

 

 

Ich habe mich rückblickend ohne weiteres mit jeder Wohnsituation arrangiert. Dennoch genoss ich jeden Schritt aufwärts in der Wohnhierarchie unglaublich. Ich geniesse immer noch jeden Tag in diesem geräumigen Haus und kann es kaum glauben. Es versinnbildlicht mir ein Leben voller glücklicher Wendungen. Genauso wie mit unserer Existenz, ging es mit dem Wohnkomfort nach anfänglichem Holpern stetig aufwärts. Ungeplant, unverkrampft – auch weil wir nie etwas auf Pump gekauft haben.

Bist du damit zufrieden oder planst du weitere Veränderungen? Was fehlt dir?
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7.  Wohnen

Bist du damit zufrieden oder planst du weitere Veränderungen? Was fehlt dir?

Zufriedenheit mit der Wohnsituation besteht ja immer aus mehreren Elementen: dem Wohnort, dem Quartier, der engeren Nachbarschaft und der Wohnung selbst. Mit 20 verschlug es mich aus praktischen Gründen, die Maturitätsschule, nach Zürich. Und dort sollte ich auch bleiben, weil immer alle vier Kriterien gestimmt haben. In meiner Jugend hörte ich oft von zwei Städten: Zürich woher mein Vater kam, Paris, wo meine Mutter gelebt hatte. Beide Städte erlebte ich bei meinem ersten Besuch mit einem "Wow", auch wenn man im Fall von Zürich darüber lachen muss. Mein erster Kontakt mit dieser aus Sicht eines halbwüchsigen St. Gallers fernen Stadt verlief so.

 

Karli Forrer und ich hingen eines schönen Tages herum, ich glaube, es war ein Sonntag. Ich muss ungefähr 13 Jahre alt gewesen sein (Karli 2 Jahre älter), entweder schon in der ersten Sekundarschule oder noch in der 6. Klasse. Irgendwann fiel die Idee, komm wir fahren nach Zürich. Ohne Geld hiess das: komm wir machen Autostopp Richtung Zürich und mal schauen, wie weit wir kommen. Ein wenig Erfahrung hatte ich schon aus frühester Kindheit mit meiner Mutter, die oft mit meinem Bruder und mir per Autostopp nach Rorschach fuhr. Als attraktive junge Frau stand sie trotz der beiden kleinen Kinder nie lange am Strassenrand. Doch das ist eine andere Geschichte. Zudem hatte ich in der 5. Klasse schon einmal eine Autostopp-Tour mit Roland Koller Richtung Zürich unternommen, die dann allerdings bereits in Wil (SG) endete, wo wir auf einer Wiese neben dem Friedhof schnell einen Cervelat assen und dann wieder zurück trampten. Wir hatten beide das Gefühl, uns weit genug von St. Gallen entfernt zu haben.

 

Nun, diesmal sollte es etwas weitergehen. Ohne irgendjemanden zu informieren, geschweige denn zu fragen, mit höchstens etwas Kleingeld in der Tasche, fuhren Karl und ich mit dem Bus bis nach St. Gallen-Winkeln und versuchten uns ab da mit der typischen Daumenbewegung.

 

Tatsächlich fuhr ein gutgekleideter Herr rechts ran, er war ungefähr um die 30, und es stellte sich heraus, dass er geradewegs nach Zürich fuhr. Er würde uns im Bereich des "Milchbucks" rauslassen. Natürlich keine Ahnung, was oder wo das war, wie wir ja über Zürich auch sonst rein gar nichts wussten. Damals, noch ohne Autobahnen (glaube ich), mag die Fahrt mindestens 2 Stunden gedauert haben, so dass es so um 1300 bis 1400 Uhr gewesen sein muss, als ich zum ersten Mal Zürcher Boden, die Heimat meines Vaters, betrat. Irgendwie fanden wir dann auf dem trostlosen Milchbuck stehend heraus, dass es einer Tramfahrt bedurfte, um ins Stadtzentrum zu kommen.

 

Mein bleibender und prägender Eindruck ist die heute noch identisch vorhandene dominante Steinmauer auf der linken Strassenseite, bevor das Tram am Central die Rechtskurve macht. Dort stiegen wir aus. Soweit ich es rekonstruieren kann, haben wir angesichts der fortgeschrittenen Zeit unmittelbar danach wieder ein Tram zurückgenommen. An mehr erinnere ich mich nicht mehr; kein Niederdorf, kein Bahnhof, keine Limmat, geschweige denn ein Zürichsee. Was auch heissen muss, dass wir völlig reibungslos rechtzeitig zum Nachtessen wieder in St. Gallen eintrafen. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich zu Hause von diesem Tagesausflug erzählt habe, ziemlich sicher nicht. Es gab ja auch nichts zu erzählen. Aber "Zürich" hatte mir sehr gut gefallen! Auch wenn sich mein Eindruck auf eine Tramfahrt Milchbuck – Central und zurück beschränkte. Aber es war für das Provinzkind trotz oder wegen dieser imposanten Steinmauer am Central Liebe auf den ersten Blick. Auch wenn es mich nach 2 Jahren Langstrasse und anschliessend Forchstrasse nach Örlikon, auf die "falsche Seite" des Milchbucks, verschlagen hat.

Erinnerst du dich an deinen ersten Schultag?
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8.1.  Primarschulzeit – Grundschule Unterstufe.

Erinnerst du dich an deinen ersten Schultag?

Der erste Schultornister mit Fellüberzug einige Wochen vor dem „grossen Tag“. Mein Vater brachte ihn nach Hause. Keine Bange vor dem ersten Schultag, an den praktisch alle von einem Elternteil begleitet wurden, auch ich. Der alte Lehrer Fischer. Berüchtigt dafür, dass er die Schüler an den Haaren und Ohren zupfte. Mich verschonte er weitgehend, glaube ich.

 

Ich hatte keine Ahnung, was in der Schule auf mich zukam. Während meine Gespänchen aus dem Kindergarten und die älteren Nachbarskinder mit viel Respekt von der Schule wie von etwas Beschwerlichem sprachen, war ich ziemlich entspannt. Sicher ein Verdienst meiner Eltern. Deshalb eher Neugier, was denn nun kommen könnte. Wahrscheinlich hatte ich auch genug vom Kindergarten.

 

Viele der Mitschüler konnten schon etwas schreiben, während ich keinen blassen Schimmer hatte. Meine Eltern waren offenbar der Ansicht, und blieben auch später dabei, dass ich ja deswegen in die Schule gehen würde. Vielleicht war das kein Fehler, denn es spornte mich an, den Rückstand aufzuholen, Wir begannen auf unseren quietschenden Schiefertafeln mit dem kleinen „a“, oder war es das grosse? Das Alphabet begriff ich schnell, nur schön schreiben war mir nicht gegeben – und so blieb es. Damals wurde das immer noch als wichtig erachtet, was mir einige zusätzliche (und nutzlose) Schönschreibübungen einbrachte. Mein Mangel an motorischen Fähigkeiten wurde glücklicherweise anderweitig kompensiert; schon rasch gehörte ich im laut Vorlesen zu den Besten, was von meiner krakeligen Schrift niemand jemals behauptet hat.

 

Wenig Erinnerungen an meine Mitschüler und -innen. Erst aus der 4. bis 6. Klasse, bei Lehrer Huber einige immer noch präsente Gesichter und Namen, aber auch das ziemlich lückenhaft.

Wie waren diese Jahre für dich ganz allgemein, unabhängig von der Schule?
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8.2.  Primarschulzeit – Grundschule Oberstufe.

Wie waren diese Jahre für dich ganz allgemein, unabhängig von der Schule?

Ab Mitte der vierten Klasse durfte ich ausserhalb der Schule während gut zwei Jahren eine totale neue Freiheit ohne Vater kennen lernen, auch wenn ich mit meinen 11 Jahren einige Aufgaben und Verantwortungen für unseren Haushalt übernehmen musste. Zum Beispiel das von meiner Mutter am Vorabend vorgekochte Essen für meinen Bruder und mich wärmen. Später Wähen (in St. Gallen Flade) backen. Einkaufen. Abends zusammen mit dem Bruder in den Kinderhort gehen. Hausaufgaben erledigte ich nebenher, mit links. Niemand kontrollierte oder interessierte sich dafür. Umso mehr konnte ich mich in Bücher versenken. Was immer mir in die Finger kam, verschlang ich. (Unser Fernseher kam erst später.) Wollte ich nicht in die Schule, oder hatte ich wieder einmal verschlafen, schrieb meine Mutter eine Entschuldigung. Sie hatte ein grenzenloses Vertrauen in ihre Söhne. 

 

Daneben arbeitete sie, um uns durchzufüttern und die Wohnung zu behalten. Und ihre Schulden, das für die "Boutique" aufgenommene Darlehen in monatlichen homöopathischen Dosen zurückzuzahlen.

Kannst du noch einige deiner Schulkameraden beschreiben?
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8.2.  Primarschulzeit – Grundschule Oberstufe.

Kannst du noch einige deiner Schulkameraden beschreiben?

Erste Erinnerungen an Mädchen. Esther die kräftige blonde Pfarrerstochter. Und noch mehr die zierliche blonde Esther Ofarim. Erstmals so etwas wie verliebt – auf Distanz heimlich. Null Ahnung, wie man damit umging, ohne als „Meitlischmöcker“ ausgelacht zu werden. Mit meinen Eltern sprach ich darüber nie – eigentlich mit niemandem. Also fast kein Kontakt mit Mädchen. Eigentlich niemand von uns, bis in die Sekundarschule.

 

Dann war da noch Roland Koller. Er gehörte zu der kleinen Gruppe von uns, die zwei drei Mal im Jahr Tageswanderungen in die nähere Umgebung von St. Gallen, meistens Richtung Appenzellerland, unternahmen. Vermutlich als Kompliment gedacht, äusserte Lehrer Huber einmal bei einer Aufsatzbesprechung vor versammelter Klasse, dass Roland Koller und ich ein hervorragendes Bankräuber-Duo abgeben würden, wobei ich das Hirn und Koller der Panzerknacker wäre. Wie er auf diesen Vergleich kam, ist mir heute noch schleierhaft. Das „schlimmste“ was ich von Roli weiss, dass er die ersten „Pornofotos“ (den Begriff kannten wir damals natürlich noch nicht) hatte. Einige Aufnahmen seines Cousins mit 2 Frauen. So sehr ich auch bettelte, er zeigte mir nur einige der harmlosen. Das war zwar schon in der ersten Sekundarschule; es zeigt jedoch, dass wir uns um diese Zeit für das andere Geschlecht zu interessieren begannen. Durchaus auch schon über interessante Stellungen beim Geschlechtsverkehr.

 

Über andere Schulkameraden habe ich nicht viel zu berichten. Die Beziehungen wechselten je nach Bedarf. Ernst Keller zum Fussballspielen (er war bei den Junioren des FC St. Gallen, hatte sich dafür gegen die Pfadfinder entschieden), Andreas Bruderer und einige andere für die Waldstreifzüge, Roland Walser zum Fischen. Er hatte den unschätzbaren Vorteil, in einem kleinen Einfamilienhaus zu wohnen, ganz am Ostrand der Stadt. (Weshalb er als einziger mit seinem nigelnagelneuen Halbrenner in die Schule fahren durfte.) Was mich interessierte war jedoch nicht das Einfamilienhaus, sondern die Wiese davor. Mit mindestens 10 Meter langen Kabeln, die wir durchs Kellerfenster hinausführten, schlossen wir jeweils eine in den Boden gesteckte Mistgabel ans Elektrisch an. Nach wenigen Minuten krochen die schönsten Tauwürmer aus dem Boden, was uns einen Ködervorrat von mindestens einer Woche verschaffte. Seine Eltern schauten diesem an sich nicht ungefährlichen Treiben jeweils wohlwollend-skeptisch zu. Ausser einem kleinen Kitzeln in den Fingerspitzen, wenn wir selbst einmal versuchsweise die Finger in den Boden steckten, ist uns nichts geschehen.

 

Der kräftige Silvio Mattioli trug mich jeweils für die in den Pausen beliebten Ritterspiele auf seinen Schultern. Dank meiner überlangen Arme, ich war hinter Hanspeter Wirth der Zweitgrösste, gewannen wir fast immer, d. h. holten wir den gegnerischen Ritter von seinem Pferd runter.

Wie würdest du den Lehrer bzw. die Lehrerin charakterisieren? War er/sie z. B. gerecht?
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8.2.  Primarschulzeit – Grundschule Oberstufe.

Wie würdest du den Lehrer bzw. die Lehrerin charakterisieren? War er/sie z. B. gerecht?

Lehrer Baumgartner (4. – 6. Primarklasse, Rechnen und Geometrie). Eigentlich kein Böser. Trotzdem legte er fehlbare Schüler regelmässig übers Knie und schlug mit einem breiten Massstab auf dem straffen Hosenboden des Fehlbaren den Radetzky-Marsch. (Von Mädchen liess er die Finger.) Dazu skandierte er den genauen Takt mit jedem Schlag: Daa-ta- ra - ta - da da-da da-da-ra - ta - ta  ….. . Weshalb hat es mich nie getroffen? Trotzdem gehören seither Märsche nicht zu meiner Lieblingsmusik.

 

Wesentlich besser hatten wir es mit Lehrer Huber für die sprachlichen Fächer, Geschichte, Turnen. Ein guter, verständnisvoller Lehrer. Unvergessen die Episode, als mir während des Unterrichts mein Banknachbar, der kleine Bruno Galusser, etwas zuflüsterte. Grosses Gekicher, rote Köpfe, saulustig, bis Lehrer Huber vor uns stand und mit strengem Blick fragte, was es da zu lachen gäbe. Unverfroren zeigte Bruno auf mich und prustete: "Er hat gesagt 'suber suber sait de Huber'." Noch selten habe ich einen so verdutzen Gesichtsausdruck gesehen. Es dauerte einige Sekunden, dann drehte er sich um und verliess das Schulzimmer so schnell er konnte. Einige Minuten blieben wir allein und fragten uns, was nun geschehen würde.

 

Die Mädchen machten mir Vorwürfe, dass Huber nun wegen mir draussen weinen würde. Andere meinten, ich könne mich auf etwas gefasst machen. (Ich habe Lehrer Huber nur einmal erlebt, dass er eine Ohrfeige ausgeteilt hat.) Da ich kaum je einmal mit einem der Mädchen sprach, empfand ich es schon fast als etwas Besonderes, dass sie mir diese Vorwürfe machten ... Als er dann wieder reinkam, mit ernstem Gesicht, setzte er den Unterricht ganz normal fort, ohne ein Wort über den Vorfall zu verlieren. Ich meine heute noch, dass er sich vor der Türe halbtotgelacht hat. Auch wenn ich schon vorher das Gefühl hatte, dass er mich gut mochte, schien, ich in seiner Achtung eher noch gewachsen. Obwohl ich ja gar nicht der Urheber des Spruchs war. Aber trotzdem war ich stolz darauf, und um kein Geld hätte ich die Urheberschaft von mir gewiesen.

 

Als wir das Funktionieren der "Demokratie" lernten, stellte er mich sogar einmal zur Wahl als Klassensprecher auf, die ich zu meiner Verwunderung nur ganz knapp gegen Martin Steiner, den Beliebtesten, verlor. Das schmerzte mich in keiner Weise; ich habe schon damals das Rampenlicht nie gesucht.

War der Weg ins Gymnasium/zu einem Studium ein Thema? Inwiefern und für wen alles?
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8.2.  Primarschulzeit – Grundschule Oberstufe.

War der Weg ins Gymnasium/zu einem Studium ein Thema? Inwiefern und für wen alles?

Ich traf als Sechstklässler meinen Primarlehrer Huber einmal zufällig auf der Strasse; wir hatten ein Stück weit denselben Weg, und er fragte mich, ob ich eigentlich nicht in die Kantonsschule (Gymnasium) möchte. Das einzige Gespräch zu diesem Thema und rein zufällig. Kantonsschule? Ich hatte keine Ahnung, was das bedeutete und verneinte lachend von oben herab, wie wenn ich mir das schon gründlich überlegt hätte. Ein reiner Bluff, denn zu Hause hatten wir nie darüber gesprochen. In meinem Quartier ging man drei Jahre in die Sekundarschule und suchte sich dann eine Lehrstelle, und wenn man zu dumm war, zwei Jahre in die Realschule und dann ohne Lehre arbeiten. Ich wusste nur, dass in unserer Klasse Ernst Keller (aus gutem Haus) und Martin Steiner, die Sportskanone, speziell darauf vorbereitet wurden und Spezialaufgaben erhielten. Nur schon das war für mich vermutlich Grund genug, gar nicht darüber nachzudenken. Damit waren die Weichen gestellt für einen damals ganz normalen Übertritt in die Sekundarschule. Meine Noten waren dafür ohne besondere Anstrengungen, ohne je eine einzige Stunde Hilfe von jemandem erhalten zu haben, gut genug: Lesen: Fleiss 6, Leistung 5. Sprache schriftlich: Fleiss 5, Leistung 4-5. Geschichte/Geographie: 5/5. Rechnen schriftlich: 5-6/4-5. Turnen 6/5-6. Jetzt, wo ich das Zeugnis vor mir habe, stechen mir die Absenzen ein halbes Jahr nach dem Tod meines Vaters, in der 5. Klasse, ins Auge: Im Sommerhalbjahr 41 Absenden (!), im Winterhalbjahr 22. Alle entschuldigt. Offenbar konnte ich auch ohne regelmässigen Schulbesuch mithalten. Lehrer Huber hat mich nie darauf angesprochen.

Was tatst du in deiner Freizeit? Mit wem verbrachtest du diese vorwiegend?
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8.2.  Primarschulzeit – Grundschule Oberstufe.

Was tatst du in deiner Freizeit? Mit wem verbrachtest du diese vorwiegend?

Da ich ein Minimum an Zeit in Hausaufgaben investierte, hatte ich aus heutiger Sicht trotz meiner Aufpasserrolle für meinen Bruder und den diversen zu erledigenden Hausarbeiten viel Zeit. Jedenfalls hatte ich nie das Gefühl, dass ich aus Zeitgründen auf irgendetwas verzichten musste. Das Wort „Hausarrest“, womit andere Kinder regelmässig bestraft wurden, kannte ich zudem nicht. Zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehörten Lesen (dazu später mehr) und Fussballspielen. Und irgendwie damals schon „flanieren“, im Quartier, im Wald und als ich alt genug war auch in der Altstadt von St. Gallen. (Später dann tagelang auf allen Reisen, v. a. die Erkundung von Städten faszinierte mich.)

 

Damals kamen auch die Bastelbögen aus Halbkarton auf (1 Franken pro Stück), mit denen man allerlei historische Monumente nachbauen konnte. Man musste nur die Teile richtig ausschneiden und zusammenkleben. Am einfachsten war das Schloss Sargans, das ich wohl gegen zehnmal gebastelt und meine ganze Verwandtschaft damit „beglückt“ habe. Mehr als die Bastelarbeit selbst, für die ich kein besonderes Talent hatte, sowenig wie für andere manuelle Arbeiten, genoss ich diese introvertierten Stunden volle Konzentration. Ganz allein auf eine Aufgabe und ein Ziel fixiert. (Deshalb vermutlich auch die damalige Begeisterung fürs Angeln und später fürs Golfspielen.) Jedenfalls eine Gabe, die später für intensives Lernen und im Beruf unverzichtbar war.

Gab es Gruppen, zu denen du gehört hast oder nicht? Wie hast du das empfunden?
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8.2.  Primarschulzeit – Grundschule Oberstufe.

Gab es Gruppen, zu denen du gehört hast oder nicht? Wie hast du das empfunden?

Auch wenn ich mich nie in den Vordergrund drängte, ich genoss es, Chef einer „Bande“ zu sein und gemeinsam mit "meiner" Bande durch den Wald zu streifen. Fünf oder sechs meiner Mitschüler akzeptierten meine Rolle ganz natürlich, schliesslich wusste niemand über die Abenteuer von Karl May, Tarzan oder Sigurd so gut Bescheid. Niemand hatte so viel Freizeit und niemand kannte den Heiligkreuzwald besser. Dies ging so weit, dass ich irgendwann für „meine“ Gruppe ein konstitutives Buch anlegte, in dem einige Grundsätze festgehalten waren. Jeder der dazugehören durfte, war verzeichnet und musste neben seinem Namen mit Blut seine Zugehörigkeit und unsere Grundsätze bestätigen. Sicher in Anlehnung an die Blutsbruderschaft zwischen Winnetou und Old Shatterhand. Für Blut musste sich jeder als Mutprobe mit einer Nadel in eine Fingerbeere stechen. Es gab sogar eine Art Organigramm, dessen Prinzip ich entweder dem grünen Soldatenbuch oder bei den Pfadfindern entlehnt hatte.

 

Der Versuch, eine richtige „Organisation“ aufzubauen, endete unter (meinen) Tränen, als Frau Mattioli, ihrem Sohn Silvio verbot, weiter bei uns mitzumachen, und schon gar nicht mit Blut zu unterschreiben. Vor meinen Augen strich sie mit einem Lineal die Seite ihres Sohnes kreuzweise dick durch. Ein Stich in mein Herz. Als ich später im wirklichen Leben Teilbereiche und später ganze Unternehmen führen musste, erinnerte ich mich ab und zu an diese ersten Führungserfahrungen. Offenbar lag mir das ein wenig im Blut, jedenfalls schreckte ich davor nicht zurück. Und ich hatte zum Glück früh gelernt, dass es überall eine Frau Mattioli gab. Nur hiess diese nachher Verwaltungsrat, Direktion, CEO, Generalversammlung oder wie auch immer.

Wie hast du diese Schulzeit erlebt?
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9.  Sekundarschule

Wie hast du diese Schulzeit erlebt?

Mit dem Eintritt in die Sekundarschule waren für mich die angenehmen Schuljahre vorbei. Es begann eine Zeit des Horrors, Terror wäre auch nicht übertrieben, und der Ungeduld, bis diese drei Jahre endlich um waren. Schuld war nicht das Schulhaus Bürgli (protestantisch ohne Mädchen, im Gegensatz zur „Flade“, der katholischen Sekundarschule, die allgemein als besser beurteilt wurde), auch wenn die Kadetten-Zeiten und der Anspruch auf besondere Disziplin noch spürbar war. Der Schurke war Lehrer Caviezel, ein kranker Psychopath. Sein Gesicht zuckte unentwegt und ohne Unterlass führte er in einer schnellen Bewegung seinen rechten Daumen an die linke Wange. Wenn er sie in der Tasche seines blauen Arbeitsmäntelchens, das die meisten Lehrer damals über ihren Kleidern trugen, fixierte, zuckte die ganze Tasche. Wie wenn er „Sackbilliard“ spielen würde, wie wir jeweils spotteten. Gleichzeitig lauerten seine verschlagenen kleinen braunen Augen darauf, ob sich jemand über seine Zuckungen lustig machte. Beim Imitieren erwischt zu werden, daran wagte gar niemand zu denken. 

 

Praktisch keine Unterrichtstage ohne Prügel oder sonstige Strafen, Demütigungen und psychische Erniedrigungen von Schülern. Wahllos, nicht einmal nur die schwächsten. Nun gut, Kuhn, den schmächtigsten und vielleicht auch nicht der Allerhellste, wollte er wirklich loswerden und geiferte ihn immer wieder an: „Kuhn du Huhn, was willst du hier tun?“

 

Der gleich Kuhn, der einmal in einer Religionsstunde vom Pfarrer erbarmungslos verprügelt wurde. Der Pfarrer hatte sich über unsern Lärm in der Pause aufgeregt und uns angebrüllt: „Wisst ihr, wo ihr alle hinkommen werdet?“ Kuhn, nahm die rein rhetorische Frage ernst, hob ordnungsgemäss und ganz unschuldig die Hand, um zu antworten und meinte auf den Wink des Pfarrers hin: „Ins Gefängnis“. Der Pfarrer, ein jähzorniger Bündner, fühlte sich auf den Arm genommen und begann wahllos auf den vielleicht 40 kg schweren hilflosen Kuhn einzuschlagen. Es ist besser, dass ich den Namen dieses Pfarrers vergessen habe. In diesem Moment hatten wir aber alle begriffen, dass die Diener der Kirche auch nichts Besonderes waren.

 

Caviezel liebte es auch, Schüler während des Unterrichts seine schwarzen stinkenden Brissagos einkaufen zu lassen, die er jeweils in den Pausen, den langen Schulkorridor auf- und ablaufend, rauchte. Dieser Botengang war keine Strafe; fast schon eine Auszeichnung, dass man einen Teil der Unterrichtsstunde schwänzen durfte. Ich mag mich nicht erinnern, dass er mich richtig geprügelt hätte, vielleicht ein- oder zweimal eine Kopfnuss. Hingegen häufig Nachsitzen und nutzlose Strafaufgaben, wie irgendetwas 100-mal schreiben. Einmal hatte ich mein (schweissnasses) Turnzeug im Zimmer vergessen. Er sperrte es in den Schrank und gab es mir erst nach einer Woche zurück, vermutlich nur, weil es zu stinken begonnen hatte.

 

Als ich im Zuge der beginnenden Beatlesmania [Einschub: Damals wusste natürlich noch niemand, wie zeitlos wertvoll diese Musik einmal sein würde. Meine Enkeltochter entdeckte die Beatles mit 5 Jahren (2016) und ist seither bekennender Beatles-Fan ....] meine Stirnhaare etwas länger trug, völlig harmlos, keifte er mich mitten im Unterricht regelmässig an: „Bohli, nimm die Haare aus der Stirn.“ Was dann natürlich im Schülerkreis zu einem geflügelten Wort wurde. Die Achtung meiner Mitschüler erwarb ich mir, als ich einmal nur mit dem Zeigfinger in aufreizendem Zeitlupentempo oberhalb meiner Augenbrauen über die Stirn fuhr, die untere Grenze meiner Strähne markierend: Bis hierher und nicht weiter. Ich weiss auch nicht, welcher Teufel mich geritten hat, ihn dermassen zu provozieren. Irgendwie muss ich gefunden haben „genug war genug“ – und seltsamerweise blieb meine Minirevolte gänzlich ohne Folgen. Es könnte sogar sein, dass er mich nie mehr aufforderte, meine Haare aus der Stirne zu nehmen.

 

Wenn es gar zu bunt wurde, ging meine Mutter für eine Unterredung zu Caviezel, was dann für einige Tage (!) eine deutliche Verbesserung brachte. (Meine Mutter war ja auch hübsch, charmant und sprach mit ihm Französisch, was sie sicher viel besser konnte als er.) Leider hielten diese zwei oder drei Interventionen nie lange an. Vielleicht waren sie jedoch auch der Grund, dass ich vor Handgreiflichkeiten einigermassen verschont blieb.

 

Dass damit meine Leistungen, nicht nur in den von Caviezel unterrichteten Fächern Deutsch und Französisch, sondern auch in den Hauptfächern des alten Lehrers Eigenmann (Rechnen und Geometrie) langsam aber sicher ungenügend wurden, versteht sich von selbst. Mit ein Grund war, dass sich meine Absenzen von einer einzigen im ersten Semester wieder auf je 17 im zweiten und gar 19 im vierten steigerten. Dies war nicht nur absichtliches Fernbleiben, sondern manchmal auch einfach Verschlafen am Morgen, weil mich ja in der Regel niemand weckte. Und unser billiger Wecker meistens defekt war. Wer wollte schon bei Caviezel zu spät erscheinen!

 

Gleichzeitig investierte ich weiterhin ein Minimum an Zeit in Hausaufgaben, so wie ich es eben gewohnt war, obwohl die Ansprüche natürlich gegenüber der Primarschule, deutlich höher geworden waren. Ich kompensierte den unausstehlichen Schulalltag mit Fussball spielen oder mit ihm Rock’n Roll-Musik hören, beides meist mit Karli Forrer. Oder ging noch lieber Angeln, in der Hoffnung (oder dem speziellen Kick), dass mich niemand aus der Schule sehen würde. Meiner Mutter muss ich hoch anrechnen, dass sie jede Absenz anstandslos unterschrieb, ohne Fragen zu stellen. Sie versuchte nie, mich zu irgendetwas zu zwingen, nicht einmal zum Schulbesuch oder zur Erledigung der Hausaufgaben. Seitens der Schule kam auch niemals eine Rückfrage, ob da alles mit rechten Dingen zu und her ginge.

 

Das Resultat dieser praktischen Unterrichtsverweigerung war denn auch eine 3-4 in Französisch (bei Caviezel) und eine nur provisorische Promotion in die 3. Sekundarschulklasse. Aber mit nur zwei Jahren Sekundarschule wollte ich doch nicht enden und gab mir einen Ruck. Zu meiner eigenen Verblüffung erzielte ich augenblicklich in allen relevanten Fächern genügende Noten, um die 3. Sekundarschule mit Anstand zu beenden. Ich hatte mir allerdings eingehandelt, dass man mir den damals noch fakultativen Besuch von Englisch und Algebra, für die ich mich angemeldet hatte, verwehrte! Es blieb mir also nichts übrig, als weiterhin meine Englischkenntnisse autodidaktisch mit der Lektüre des „Playboys“ und einem kleinen Diktionär zu erweitern …

 

An der Leistungssteigerung nicht ganz unbeteiligt war mein Hauptlehrer Eigenmann. Zu Beginn des provisorischen Semesters nahm er mich in sein Karbäuschen und redete mir zu, dass ich mehr könne und mich nur mehr anstrengen müsse. Vermutlich hatte er immer noch eine gewisse Wertschätzung, weil ich ihm auf einer Fahrt im Zug (Schulreise) auf seinem Taschenschach zäh Widerstand geleistet hatte. Ich genoss die Szene: Alle Mitschüler sassen oder standen um uns herum, und sahen zu, wie wir Schach spielten. (Ich glaube, ich war der Einzige, der das konnte. Übrigens noch ein kleines Erbe meines Vaters; er hatte mir das Schachspielen als 9- oder 10jähriger beigebracht.) Manchmal haben kleine Gesten grosse Wirkung. In diesem Fall, dieses minimale Interesse eines Lehrers an mir und meiner ungenügenden Leistung in Form eines persönlichen Gesprächs. Ich weiss noch, wie er die erste Prüfung des dritten Sekundarschuljahres verteilte und die leidlich benotete Arbeit mit einem anerkennenden Blick überreichte.

 

Kurz vor Ende der Sekundarschulzeit, lud er jeweils seine Klassen zu einem Abendessen ein. Am Ende des Essens, im Kaffee Kränzlin gab er reihum jedem von uns einige Worte mit auf den Weg. Seine Worte an mich, habe ich nie vergessen, zumal ich sie von ihm ein Jahr vorher schon einmal in ähnlicher Form gehört hatte: „Du kannst viel mehr, als du bisher gezeigt hast, wenn du nur willst.“ Vermutlich das einzig Gute, das ich aus meiner Sekundarschulzeit mitgenommen habe! Balsam für mein 3 Jahre lang malträtiertes Selbstvertrauen und meine abhanden gekommene Freude an der Schule. War die „richtige Welt“, die mich nun erwarten würde, besser?

 

Ich brauchte 20 Jahre, um meinen Groll auf Caviezel loszuwerden. Endgültig hinter mir liess ich es um 1984 dank Dr. Baldur Kirchner, einem Jesuitenpater, zu dem mich Hans Ramser, der CEO meiner damaligen Arbeitgeberin (Elida Cosmetic), mit einigen andern Mitarbeitenden in ein Kontemplationsseminar geschickt hatte. Er gab mir in einer persönlichen Unterredung den guten Rat, meine Erlebnisse mit Caviezel, auch noch vorhandenen Hass, niederzuschreiben und dann das Papier ins Kaminfeuer, das im Foyer jeden Abend brannte, reinzuwerfen. Das war auf einen Schlag die Befreiung! Leider erst, nachdem ich diesen Ballast zwei Jahrzehnte lang mit mir herumgeschleppt hatte. Auf jeden Fall kann ich diese Therapie bestens empfehlen, wenn jemand etwas loswerden will. Ich habe sie glücklicherweise nur dieses eine Mal gebraucht.

Was tatst du in deiner Freizeit? Mit wem verbrachtest du diese vorwiegend?
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9.  Sekundarschule

Was tatst du in deiner Freizeit? Mit wem verbrachtest du diese vorwiegend?

Meine Freizeit wurde während der Sekundarschulzeit zu einer überlebenswichtigen Gegenwelt. Zu Hause half ich, so viel wie nötig war. Mein Bruder brauchte mich kaum mehr, er war (notgedrungen) schon früh sehr selbständig, hatte seinen eigenen Kollegenkreis und war und blieb Mammas „Kleiner“. Wenn ich nicht las, verbrachte ich die meiste Zeit mit (dem schon erwähnten) herzensguten Karli Forrer, der wegen seiner Nachtarbeit tagsüber immer Zeit hatte. Entweder spielten wir Fussball oder hörten auf seinem billigen portablen Tonbandgerät seine Jerry Lee Lewis-Platten. Sicher in himmeltrauriger Qualität, hatte er sie doch mit Mikrophon überspielt. Aber es versetzte uns in die Lage, überall auch ohne Plattenspieler, diese Musik zu hören. Unsere kleinen Transistorradios gaben noch nicht viel her, d. h. es gab nur ganz wenige Musiksendungen, wie die wöchentliche Hitparade. Im Steinachtobel hatten wir eine sehr solide gezimmerte Baumhütte entdeckt, die von den Erbauern nur selten benutzt wurde, in der wir es uns oft gemütlich machten. Bis man uns einmal erwischte. (Trotzdem verbrachten wir eine oder zwei (eiskalte) Sylvester-Nächte auf dem Baum, wärmten uns auf einem Gasbrenner Punsch, bis wir mit den Pfannendeckeln so ab ungefähr 5 Uhr die Nachtruhe offiziell stören durften.) Natürlich versuchten wir uns auch im Nachsingen der Hits, mit kläglichem Resultat.

 

Karli hatte ein Motorrad mit Zuckerwassermotörli (50 cc), wie das damals genannt wurde. Als sich dann Onkel Töni auch eines zulegte, das ich benutzen durfte, konnten wir auch an auswärtigen Grümpeltournieren mitmachen. Ich erinnere mich an Amriswil, von wo wir im strömenden Regen heimfuhren; ich mit verstauchtem, dick bandagiertem Knie. Karli machte einfach alles mit, war kein Weichei.

 

Später schenkte mir Töni eine uralte Occasion, die es kaum mehr auf 15 km/h brachte. Zuerst versuchte ich es mit einer Einspritzdüse, an der man schrauben konnte. Diese waren zwar verboten, und die Polizei hatte ein Auge darauf. Natürlich primär auf die, die es statt der vorgeschriebenen 30 km/h mit fürchterlichem Lärm auf 40 oder 50 brachten. Damals fuhr trotzdem noch kein Mensch mit Helm. Ich wäre jedoch der letzte gewesen, der einen gebraucht hätte, bewegte ich mich doch auch mit der Düse höchstens mit 20, und der gutmütige Karli musste immer auf mich warten, oder fuhr neben mir, so dass ich mit einem Arm auf seiner Schulter Schubhilfe bekam.

 

Also beschlossen wir, den Motor zu frisieren. Natürlich hatten wir beide keine Ahnung davon, jemand hatte uns jedoch den Tipp gegeben, dass man einfach den Hubraum der beiden Zylinder vergrössern müsse. Wir demontierten die Zylinder und machten uns mit einer groben Feile an den stahlharten Kolben zu schaffen. Mehr als einige müde Kratzer brachten wir allerdings nicht zustande; schön sah das Ergebnis auch nicht aus. Wir montierten alles nach bestem Können wieder zusammen, nur um festzustellen, dass statt der früheren 15 km/h nicht einmal mehr 10 herauszuholen waren. Onkel Töni hat dann das Vehikel entsorgt, und ich durfte manchmal wieder seines benutzen, bis er es wegen seiner Bierschulden in der „Rätia“ los war. Womit ich wieder auf meinem Velo landete und mich wenn immer möglich von Karli ziehen liess. Wir versuchten es auch einige Male mit einer an meinem Lenker befestigten Schnur. Es bewährte sich jedoch nicht, oder wir fanden das selber als irgendwie zu gefährlich.

 

Wenn ich nicht mit Karli zusammen war, ging ich angeln. Am Eichweiher, der für die Jugendfischerei reserviert war, zu sitzen, stunden- und tagelang, zu lesen und ab und zu auf das Zäpflein, eine Stachelschweinborste, zu achten, waren Glücksmomente. Meistens fing ich einige Schleien, einige Male fette Karpfen, die ich der unter uns wohnenden Nachbarin verkaufen konnte. Die Schleien fanden bei bei unseren italienischen Untermietern Abnehmer. Für dieses Hobby (nannte man es damals schon so?) nahm ich ohne weiteres den beschwerlichen Weg per Velo vom Heiligkreuz auf den Freudenberg hinauf auf mich. Oft morgens um 4 oder 5. Auch durch den Bauernhof mit dem giftigen Appenzeller Bless, der mich jedoch nie erwischte. Vor allem nicht, wenn ich dann auf dem Heimweg in einem Höllentempo mit dem Velo durch den Hof sausen konnte. Wenn ich den ganzen Tag am Eichweiher sass, verpflegte ich mich meistens mit Brot und einer Dose Sardinen (die feineren, ohne Haut und Gräte!). Oft auch gerne nur mit einer ganzen Cavaillon Melone, das war's dann für den Tag. Ab und zu gingen wir in das einen guten Kilometer entfernte Nonnenkloster, wo man an der Pforte "Nonnenfürze" kaufen konnte. Natürlich durften wir dieses nach Anis schmeckende Gebäck nicht so bestellen, sondern verlangten artig "Chrömli", die uns durch eine Art auf beiden Seiten zugänglichen Briefkasten, nach Hinterlegung eines durchaus bescheidenen Obolus', gereicht wurden. Die Nonnen durften sich nicht blicken lassen.

Hast du in diesem Alter eine Auszeit genommen, z. B. für Reisen? Was hast du in dieser Zeit alles erlebt?
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9.  Sekundarschule

Hast du in diesem Alter eine Auszeit genommen, z. B. für Reisen? Was hast du in dieser Zeit alles erlebt?

Nach der wirklich unglücklichen Zeit der Sekundarschule kam es zu einer unfreiwilligen Auszeit. (So nannten wir das damals allerdings nicht; wer konnte sich so etwas schon leisten.) Ich wollte eine kaufmännische Lehre in einem Reisebüro absolvieren. Auf die Idee hatte mich der damalige Freund meiner Mutter, ein gewisser Herr Haas gebracht. Er war ein kleiner, dicker Taxifahrer, von dem man munkelte, er sei Millionär. Er trug immer eine zerschlissene Wolljacke und sah gar nicht so aus. Offenbar hatte er jedoch Geld, denn als meine Mutter für eine Unterleibsoperation ins Spital musste, kam er für die Kosten auf. Er war alles andere als Schönheit, aber erwies sich als durchaus liebenswürdig.

 

In den damals sechs Reisebüros gab es genau noch eine Lehrstelle, aber erst ein Jahr später für 1967. (Vielleicht gab es auch noch mehr, denn vom Reisebüro Hausmann erhielt ich mein Bewerbungsschreiben zurück mit allen Fehlern rot markiert und der süffisanten Bemerkung, dass man jemanden, der so viele Fehler mache, nicht brauchen könne.) Meine Mutter, statt mich zu überreden, sofort nach Abschluss der Sekundarschule irgendeine verfügbare Lehrstelle anzunehmen, hatte die gloriose Idee eines Zwischenjahres im Welschland. Ohne zu zögern willigte ich ein. Wer für diese für uns unerschwinglichen Kosten aufkam, habe ich an anderer Stelle ausgeführt. Ich ging also 1996/67 bis zum Lehrantritt in die Ecole Supérieure de Commerce nach Neuchâtel.

 

Was für eine Wiedergeburt! Lehrer, die die Schüler anständig behandelten und ernst nahmen! Obwohl ich es immer noch nicht für nötig hielt, viel Zeit in Hausaufgaben zu investieren, sondern lieber las oder im Neuenburgersee angeln ging, erzielte ich relativ rasch ganz andere Noten. Sowohl in Französisch wie im Rechnen begann ich mit einer 4 und erreichte im Schlussexamen je eine 5,5. Auch in Buchhaltung, ein neues Fach, erzielte ich eine 5,5. Es gefiel mir dort so gut, dass ich in den Sommerferien, während alle andern Mitschüler zurück in die Deutschschweiz fuhren, in Neuchâtel blieb. Ich fand einen Ferienjob im Coop: Gestelle einräumen, am Abend die Würste in feuchte Tücher einwickeln, den Chauffeur beim Ausliefern begleiten. Von dem bescheidenen Lohn, darum ging es ja nicht primär, kaufte ich mir eine 3 m lange Angelrute, wie sie am Neuenburgersee für das Uferangeln üblich waren, den Rest schickte ich meiner Mutter.

Womit hast du in deinem Leben deine Freizeit vorwiegend oder am liebsten verbracht?
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10.  Meine Freizeit

Womit hast du in deinem Leben deine Freizeit vorwiegend oder am liebsten verbracht?

In meiner Jugend hatten in unserem Quartier erst ganz wenige Familien einen Fernseher. Natürlich schwarz-weiss. In der Regel mit miserablem Empfang, mit im Estrich montierten Antennen für maximal 6 Sender (2 Schweizer, 2 Deutsche und 2 Österrreicher). Unser "Fernseher" waren Bücher, vor allem Karl-May-Bücher – und alles, was in diese Richtung ging. Keiner, der nicht Old Shatterhand oder mindestens Winnetou sein wollte. Wie fast alles, was mich interessierte, betrieb ich dieses „Literaturstudium“ bis zum Exzess. Ich las nicht nur alle in unserer katholischen Quartierbibliothek erhältlichen Romane, sondern las sie in Rekordtempo. Ich konnte mich bald damit brüsten, dass ich über Karl May am besten Bescheid wusste. Demzufolge war ich auch meistens, unumstritten, Old Shatterhand.

 

Das Gelesene galt es dann jedoch, in die Tat umzusetzen; es bildeten sich die erwähnten „Gangs“ (ich weiss nicht mehr, wie man diese damals bezeichnete). Der nahe gelegene Wald wurde zum Spielplatz. Es wurden Waldhütten und Baumhütten gebaut. Rollen verteilt, anschleichen und überfallen geübt. Im Zelt übernachtet. Später dann die „Wölfe“ und „Pfadi“ (Mein Name „Leu“, weil ich keiner Balgerei aus dem Weg ging und vermutlich von aussen gesehen eine ziemliche Kampfsau war. Was mir an Kraft fehlte, kompensierte ich mit Unerschrockenheit). 

 

Dann entdeckte ich eine neue Leidenschaft: die Fischerei, von der ich schon gesprochen habe. In den „Dreiweihern“ in St. Gallen, direkt neben dem "Pro Patria" Pfadiheim, war der Eichweier reserviert für die Jugendfischerei. Für wenige Franken konnte man ein Fischerpatent bekommen, nachdem man einen kleinen Fischereikurs absolviert hatte. Weiherfischen hatte den grossen Vorteil, dass man stundenlang am Wasser sass und – LESEN konnte. Bei Regen unter einem provisorisch mit Stecken montierten Plastikdach. Manchmal, v. a. an Pfingsten, mit Übernachtung in einem alten Zelt, das uns Oskis Eltern, nachdem sie auf Wohnwagen umgestiegen waren, günstig überliessen. Direkt am Wasser, rund um die Uhr fischen und lesen. Ganz allein (keine Angst) konnte ich am besten meinen Gedanken nachhängen und die Sekundarschule vergessen. Ein junger Diogenes – den ich allerdings noch nicht kannte. Aus heutiger Sicht ziemlich „kauzig“. Heute wäre es gefährlich.

 

Ich angelte später bis ich etwas 40 Jahre alt war bei jeder Gelegenheit, aus Freude an der Pirsch und zur Entspannung. Entspannung durch extreme Konzentration. Am liebsten stand ich sehr früh auf und war vor Tagesanbruch am Wasser. Nachdem ich mich in Zürich niedergelassen hatte vorzugsweise an der Limmat zwischen Höngg und Schlieren. Bei jedem Wetter, am liebsten im Regen, denn dann hatte es keine Spaziergänger und Gaffer. Ich war kein hervorragender Angler, fing aber dank meiner Ausdauer ab und zu eine schöne Forelle und zwei Mal sogar einen Hecht. Aber darum ging es mir gar nicht. Allein sein mit der Natur, ein Ziel und nicht zuletzt auch die mit Flussangeln verbundene körperliche Betätigung war das Entscheidende. Meine Frau, selbst Tochter von Berufsfischern (Albufeira, Valencia) hatte zum Glück dafür grosses Verständnis. 

 

Bis ich ich dann mit 42, also 1992, wegen einer Fussverletzung, die mich am Tennisspielen hinderte, mit Golfspielen begann und sukzessive Tennisspielen und die Fischerei einstellte. Letzteres hing allerdings auch damit zusammen, dass wir uns nach dem Kauf des Einfamilienhauses unseren Entlebucher Sennenhund zulegten: Elvis. Mein Verhältnis zu Tieren änderte sich in dem Masse, in dem der Hund zum besten Freund mutierte. Die Vorstellung, einen friedlichen Fisch aus dem Wasser zu holen und zu töten, verunmöglichte es mir zusehends, eine Angelrute in die Hand zu nehmen. Schon gar nicht als (in England üblicher) Sport, um den Fisch dann wieder zurückzusetzen.

Was für Streiche habt ihr anderen gespielt?
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10.  Meine Freizeit

Was für Streiche habt ihr anderen gespielt?
Die damals "üblichen" Streiche, an die ich mich erinnere, waren
  • Die Läute mit einem zugespitzten Zündhölzchen blockieren und wegrennen. Aus der Ferne beobachten, wie die Betroffenen zur Türe hinausrannten und vergeblich versuchten, die Verdächtigen zu entdecken.
  • An Autos die Luft aus den Pneus lassen. Immerhin haben wir das nie so weit getrieben, dass die Reifen völlig platt waren.
  • Ein an einer unsichtbaren Fischerschnur (Silch) befestigtes Portemonnaie auf die Strasse legen und wenn sich ein Passant bückte, es aus sicherem Versteck heraus wegziehen. Allerdings hörten wir damit auf, als ein besonders schlauer Passant zuerst den Fuss auf das Portemonnaie legte, bevor er sich bückte. Zu unserer Betroffenheit wollte er es uns zum Schein nicht mehr zurückgeben. (Wir erhielten es dann doch.)
  • Mit einer Luftpistole aus sicherem Versteck an die Scheibe auf der anderen Strassenseite schiessen. Die Kugel war nicht stark genug, um das Fenster zu beschädigen, jedoch der Einschlag genügend laut, um die Bewohner zu ärgern. Noch mehr ärgerte es sie, weil sie die Ursache des Geräusches nie herausfanden.
  • Telefonanrufe mit verstellter Stimme "Weisch wer i bi?". Die Angerufenen endlos raten lassen, wer denn wohl am Telefon sei. Die Vorläufer des heutigen Mail-Spams. Oder des Enkeltricks ...
  • Telefonauskunft (11) anrufen und unmögliche Fragen stellen.
  • Natürlich durfte auch der Einsatz von sogenannten "Stinkbomben" nicht fehlen. Ich weiss jedoch nicht mehr, wie und wo wir das eingesetzt haben.
  • Ah ja, und dann hätte ich fast den Bahnhof St. Gallen-St. Finden abgefackelt. Jedenfalls bildete ich mir das eine Nacht lang ein. Ich warf nämlich eines Abends ein brennendes Zündhölzchen in einen vollen, am Geländer der Fussgängerüberführung über die Geleise (die "Passarelle" steht heute noch) befestigen Abfallbehälter. Dummerweise enthielt er viel Papier und es begann lichterloh zu brennen. Ich rannte wie vom Affen gebissen nach Hause und wurde die ganze Nacht von der Vorstellung geplagt, ich hätte den Bahnhof abgebrannt. Am andern Morgen, vor der Schule, nahm ich einen Augenschein und mir fiel ein Stein vom Herzen, dass sowohl Bahnhof wie Passarelle noch da waren.
Wie hast du deine Ferien verbracht?
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10.  Meine Freizeit

Wie hast du deine Ferien verbracht?

Wenn ich an anderer Stelle schreibe, ich hätte erst mit 21 oder 22 das erste Mal Ferien gemacht, dann ist das streng genommen nicht korrekt: Ich wurde dauernd in die Ferien geschickt – ungefragt. Das begann damit, dass mein Pate George und Tante Meta mit ihren drei Söhnen regelmässig in die Schweiz kamen, um ihre Ferien in Unterwasser oder Wildhaus in einem gemieteten Chalet zu verbringen. Dann "durfte" ich mitgehen. Die Fahrt im ultraweichen Citroën endete immer damit, dass ich mich im Auto erbrach. Diese "Ferien" müssen für mich auch sonst äusserst unattraktiv gewesen sein. Trotz der Sympathie, die man mir entgegenbrachte, erinnere ich mich an gar nichts mehr.

 

Das nächste waren dann die Ferienlager: Obertschappina und Obersaxen, mindestens drei Mal. Jedesmal erbrechen im Postauto. Ich hasste diese Lager, fügte mich jedoch. Dann kam man auf die Idee, Kinder während den Ferien einzeln in Familien zu platzieren. Ich landete in Grosshöchststetten (BE) bei einer jungen Familie, die einmal "ausprobieren" wollte, wie es so sei, ein Kind zu haben. Liebe Leute, dir mir alles zu Liebe taten. Trotzdem, stinklangweilig. Am liebsten ging ich in die Eierfabrik, wo die Frau arbeitete und unter ultraviolettem Licht Eier kontrollierte, ob noch Blut, oder schon gar ein Küken, drinsteckte. Ansonsten verbrachte ich die meiste Zeit mit dem Nachbarskind in der Hundehütte ihres Berner Sennenhundes, in der wir alle drei Platz fanden.

 

Das einzige etwas lustigere Ferienlager war in der dritten Sekundarschule in Stoos ob Schwyz. Mit 13 Jahren waren wir mitten in der beginnenden Pubertät, vor allem diejenigen wie ich, die aus einer reinen Knabenschule kamen. Die Ferienkolonie war natürlich gemischt. Das grosse Thema war denn auch der lange voraus angekündigte Tanzabend. Wer mit wem? Es gab ein ellenlanges, schon ziemlich frühreifes Mädchen, von dem alle fanden, dass es nur zu mir, als dem längsten der Knaben, passen würde. Ausser meiner Länge hatte ich jedoch wenig zu bieten und es erstaunte mich überhaupt nicht, dass sie allen diesbezüglichen Vorstössen meiner Kameraden eine Abfuhr erteilte. Eigentlich war ich sogar froh darüber. Bis am Abend selbst, als es plötzlich hiess: Sie wird nun doch mit dir tanzen!

 

Nun wollte ich aber nicht. Ich hatte nämlich ein Auge auf eine deutlich besser entwickelte und proportionierte Hilfsbetreuerin geworfen. Sie muss so um die 16 gewesen sein. Der Art nach, wie sie mich behandelte, durfte ich annehmen, dass ich ihr auch nicht ganz unsympathisch war. Ich hob mich also für den richtigen Moment während des Tanzabends auf, und der kam mit dem "Besentanz". Bei diesem Tanz durfte der, der mit dem Besen tanzen musste, neben einem beliebigen Tanzpärchen mit dem Besenstiel auf den Boden klopfen, und der Tänzer musste seine Dame freigeben und den Besen übernehmen. Nachdem ich im Besitz des Besens war, manövrierte ich mich neben meine heimlich Angebetete, sah ihr tief in die Augen, hob den Besen so hoch wie ich nur konnte und hieb den Stil mit voller Wucht auf den Boden, damit man es klar und deutlich hören könne. Was folgte, war ein markerschütternder Schrei. Ich hatte dem Mädchen eine Zehe zertrümmert. Es tut mir heute noch unsäglich leid, und natürlich war das das Ende von dem, was in meiner Phantasie eine Romanze hätte werden sollen.

 

All diese Ferienaufenthalte waren jedoch im Allgemeinen für mich keine "Ferien" sondern eher ein "Abschieben", für das ich aber aus Sicht meiner Mutter durchaus Verständnis aufbrachte und deshalb auch nie opponiert habe. Schon gar nicht, als ich dann später nach Frankreich zu meinem Paten in die Ferien in Poix-de-la-Somme in der Normandie "durfte". Immerhin war eine Reise als 13-jähriger allein im Zug nach Paris nicht zu verachten. Damals noch mit Dampflokomotive. Trotz geschlossenem Fenster war mein weisses Hemd bei Ankunft in Paris Gare de l'Est ziemlich schwarz.

 

Wirklich spannend wurde es dann ab dem ersten und zweiten Lehrjahr, als ich nach Paris zu meiner Cousine Pierrette und ihrem Ehemann Claude (und den drei Kindern Richard, Bruno und Sylvain) in die Ferien durfte. Was gibt es schöneres für einen 17jährigen, als den ganzen Tag durch Paris zu flanieren. Meine Cousine hatte mir schon am ersten Morgen grosszügigerweise 50 Francs (wenn ich mich recht erinnere etwa 30 Schweizer Franken, also für mich eine Menge Geld) aufs Nachttischchen gelegt. Wenige Stunden später hatte ich diese schon an der Rue St-Denis verpulvert. Wie ich diese verruchte Strasse auf direktem Weg angesteuert hatte, weiss ich nicht mehr zu sagen. Es waren jeweils wunderbare Wochen, in denen ich auch mehrmals mit Claude morgens um vier arbeiten ging. Er war Fischverkäufer in "Les Halles", dem Bauch von Paris, und alles war so, wie im Film Irma La Douce. Genau so, nur dass ich entweder zu jung war – oder zu wenig Geld hatte.

 

Das war auch so auf einer von mir während der Lehre organisierten "Studienreise". Als Reisebürolehrling wollte ich unbedingt Deutschland besser kennenlernen. Ich beantragte deshalb bereits im ersten Lehrjahr von den Eisenbahngesellschaften der Schweiz, Deutschlands und Dänemarks sowie von einer Rheinschiffahrtsgesellschaft Freibillette und schrieb einige Hotels an, dass es für sie nicht von Nachteil sei, wenn ich als Vertreter eines Reisebüros bei ihnen nächtigen würde. Tatsächlich schaffte ich es, praktisch kostenlos eine ca. 10tägige Reise zu absolvieren: St. Gallen – Basel – auf dem Rhein bis Koblenz und durch das Weinbaugebiet – mit der Bahn weiter über Köln nach Hamburg – Kiel bis nach Kopenhagen. Der Studienzweck beinhaltete natürlich vor allem auch ausgedehnte Besuche auf der Reeperbahn und in St. Pauli zu jeder Tages- und Nachtzeit. Von da dann völlig abgebrannt über Nürnberg zurück nach St. Gallen.

 

Die Lust am Reisen, Flanieren und Entdecken fremder Städte ist mir bis heute geblieben.

Hast du in deiner Jugend und später Sport getrieben? Oder dich zumindest dafür interessiert?
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10.  Meine Freizeit

Hast du in deiner Jugend und später Sport getrieben? Oder dich zumindest dafür interessiert?

Natürlich habe ich wie alle Kinder und Jugendlichen Sport getrieben. Die erste Triage beginnt ja im Sportunterricht in der Schule. Da war ich einigermassen dabei. Ich war nicht besonders kräftig (zu mager), konnte jedoch einigermassen schnell rennen. Nur an Ausdauer für längere Rennen mangelte es mir. Am meisten interessierte mich Fussballspielen, und ich probierte es auf allen Positionen, bis ich meine Lieblingsposition fand: Halblinker Stürmer. Dort kam meine Spezialität, Direktabnahmen mit dem rechten Fuss am besten zum Tragen. Mit Karli Forrer übten wir nur diesen Schuss stundenlang. Flanke von rechts, Direktabnahme. Immer wieder. Wenn möglich zu dritt, sonst zu zweit aufs leere Tor. Bei jedem Wetter, und besonders gern im Schnee, weil man da weicher fiel. Fussball war für uns ein Ganzjahressport. Zum Glück hatte ich einen kleinen Freundeskreis, denen auch kein Wetter zu schlecht war, um irgendeinem billigen runden Leder, es durfte auch Plastik oder ein Bazooka-Ball, die bei scharfem Schuss jede beliebige Richtung einnahmen, nachzurennen. Meine engsten Fussballfreunde waren Karli Forrer, Andy Franz, Richard "Archy" Jellinek und Dieter Wolf. Mit allen entwickelte sich eine schöne Freundschaft über das Fussballspielen hinaus, auch wenn wir uns durch Heirat, Wegziehen und Beruf grösstenteils aus den Augen verloren haben. Ich mag mich nicht erinnern, dass es jemals zwischen uns "Krach" oder auch nur Verstimmungen gegeben hätte.

Trotz allem üben genügte es jedoch nicht für eine Fussballkarriere. Mit 12 oder 13 Jahren versuchte ich es einmal bei den Junioren des FC St. Gallen. Doch auch nach mehreren Trainings erhielt ich das nötige Anmeldeformular nicht. So blieb es bis in meine 30er Jahre bei leidlichem Hobby-Fussball. Grümpeltourniere, ein wenig an der Uni, dann bei Unilever und sogar beim Viertligisten FC Wipkingen, allerdings mit Ausnahme einige weniger Ernstkämpfe nur fürs Training. (Ich konnte mit der Hierarchie in der Umkleidekabine ganz und gar nichts anfangen.) Jedenfalls besuchte ich dieses Training regelmässig, bis ich von dort zum zweiten Mal mit einem eingegipsten Fuss nach Hause kam. Dann sattelte ich um auf Freizeit-Tennis. Nicht zuletzt, weil ich das nun mit meinem Sohn spielen konnte. Dazwischen regelmässig etwas Vita-Parcours, ich wollte einigermassen fit sein und genoss das auch zur Entspannung.

Auch im Tennis wurde ich kein grosser Meister, trotz ernsthaftem Üben und Trainerstunden. Mit 42 per Zufall dann die grosse Entdeckung Golf.

Hast du dich für Musik interessiert?
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10.  Meine Freizeit

Hast du dich für Musik interessiert?

Irgendwann in der Sekundarschule begann ich mich für Musik zu interessieren. Vermutlich seit meinem ersten japanischen Transistorradio, die damals gerade aufkamen. Ich hatte auch eines bekommen, Onkyo. Um möglichst viele Sender zu hören, spannte ich im Schlafzimmer, in dem meine Mutter, mein Bruder und ich schliefen, (das Separatzimmer war damals noch untervermietet), ein langes Kupferkabel oben an der Decke entlang aller vier Wände. Aber mit dem winzigen Radio war natürlich eine Feineinstellung der Sender nicht möglich, die Spreizung der Sender war viel zu klein. Also hörte man immer mehrere Sender auf einmal. Trotzdem das Gefühl, mit der weiten Welt verbunden zu sein – ein ganz kleiner Vorgeschmack auf das damals natürlich in keiner Weise vorstellbare Internet.

 

Wesentliche interessanter wurde es, Musik auf einem Plattenspieler zu hören. Karli Forrer, damals mein liebster Freund, hatte Platten von Jerry Lee Lewis und Little Richard. Vor allem für ersteren begann ich mich zu interessieren. Als wir mir dann auch einen Plattenspieler hatten, den ich andernorts schon geschildert habe (ich glaube ein Geschenk des in unserem Haus im zweiten Stock wohnenden Coiffeurs, vielleicht auch von Onkel Töni) verkaufte er mir zwei oder drei Jerry Lee Lewis-Platten zu einem günstigen Preis. Ich habe sie heute noch.

 

Etwa in der zweiten Sekundarschule hörte ich zum ersten Mal die Beatles, vorher hatte ich nur davon gehört, da Karli keine Beatles-Platten hatte. Und irgendwie waren sie mir am Radio auch nicht richtig über den Weg gelaufen. Bis zu "I feel fine". Ich war begeistert und "on the hook". Später dann die Rolling Stones, aber doch eher Beatles. Bis ich begriff, dass dies kein entweder oder, sondern ein sowohl als auch ist. Wie überhaupt alle Bands, die damals nur so aus dem Boden schossen. Jimmy and the Rackets, meine erste LP. Auch diese noch vorhanden. Les Sauterelles, Casy Jones and the Governors (LP vorhanden). Aus Deutschland die Lords, in England die Kinks. Dann wie eine neue Urgewalt: The Who – "My Generation", das härteste, das es damals gab. Vor Heavy Metal. Einige Eintagsfliegen, wie Sham the Sham and the Pharaos (Wooly Booly). Durchaus auch deutsche Schlager: Rex Gildo und Gitte. Vico Torriani. Caterina Valente. Ab 16, vor allem in Neuchâtel dann auch französische Chansons: Jacques Dutronc, Jonny Halliday, Françoise Gal.

 

2014: Besuch meines dritten Rolling Stones Konzertes zusammen mit meinem Sohn. Ein unbeschreiblich schönes Erlebnis und Gefühl. Ich konnte mir 950 Fr. pro (VIP)-Ticket leisten! (Ein gutes Essen und Champagner à discretion inbegriffen.)

 

Inzwischen habe ich nicht nur eine schöne CD-Sammlung der Musik der 60er- und 70er Jahre, die ich für relevant halte, sondern auch eine sehr repräsentative DVD-Sammlung mit Konzerten der (für mich) besten Bands. Einige wenige davon durfte ich live erleben, z. T. mehrfach: Neben den Rolling Stones: Santana, Frank Zappa, zweimal, (viel zu früh gestorben), Paul McCartney (zweimal), Roger Waters (zweimal), immer wieder Jethro Tull. Leider erst im hohen Alter (80th Birthday-Tour) den grossartigen John Mayall. Chuck Berry und der enttäuschende Jerry Lee Lewis. Procol Harum (dreimal) sowie Canned Heat. Und natürlich die grossartige 70th Birthday-Tour von Tina Turner. Einmal 1970 in London, zusammen mit "Julien" Millischer im Lyceum in London: Ten Years After. Der Höhepunkt die Jam-Session mit bekannten Musikern, die aus dem Publikum einfach so auf die Bühne kamen. Die musikalische Explosion der 60er und 70er Jahre war wirklich eine Befreiung der damaligen Jugend von Zwängen, Konventionen und Vorstellungen, wie wir zu sein hatten. Dieses Gefühl ist immer noch da, wenn ich mir die grossartigen Musiker aus jener Zeit und die vielen musikalischen Experimente anhöre.

Bewegendes erlebe ich derzeit (Nov. 2018). Seit dem fünften Lebensjahr ist meine Enkeltochter Mila "Beatles-Fan"! Was so gemeinhin gesagt wird, dass die Beatles-Musik eine der grossen Weichenstellungen der Musikgeschichte (bzw. Kulturgeschichte) darstellt, scheint sich also zu bestätigen. Die Musik und die Art und Weise, wie die Beatles in der Öffentlichkeit aufgetreten sind, und mutig musikalische Trends gesetzt haben, ist wirklich zeitlos. Am 18.11.2018 gehen wir als vorgezogenes Weihnachtsgeschenk zusammen in eine der zahlreichen Beatles-Revival-Shows ("Let it be"). Sie ist jetzt 7-jährig!

Was hat Dir die Musik gebracht/bedeutet?
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10.  Meine Freizeit

Was hat Dir die Musik gebracht/bedeutet?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass alles wofür man sich interessiert, sich irgendwann einmal bezahlt macht. So kam mir meine Liebe zum Musikhören sehr zugute, als ich 1999 mit dem Beratungsmandat für die Sanierung der notleidenden Sparte Unterhaltungselektronik der Dipl. Ing. Fust betreut wurde. Es fiel mir nicht schwer, ein für den Handel neuartiges Warenpräsentationskonzept zu kreieren. Etwas, wie ich es mir als Konsument selber wünschte. Alle Apparate sollten im direkten Tonvergleich gegen einander vergleichbar sein. Um das zu realisieren, bauten wir runde "Sound-Arenas", so dass man mitten drinstehend, den Ton aller Geräte direkt vergleichen konnte. Damit der Kunde bei seinem Entscheid 100 % sicher sein konnte, gewährten wir zudem ein 30-Tage Umtauschrecht, falls der Sound zu Hause doch nicht befriedigte. Dasselbe realisierten wir dann auch mit den Fernsehgeräten: Alle TV's mit dem identischen Bild im direkten Vergleich und mit Umtauschrecht – ohne Angabe von Gründen. Und ohne die Wenns und Abers anderer Händler, z. B. Rückgabe in der Originalverpackung. Einfach all das, was ich für mich gerne in Anspruch genommen hätte. Und was der gesunde Menschenverstand gebietet: Den Kunden zu helfen, die für ihn und seine finanziellen Möglichkeiten beste Wahl zu treffen und sich lange daran zu freuen. Es half mit, diese Fust-Sparte wieder in die Gewinnzone zu führen. Vor allem aber, zufriedene Kunden und damit Stammkunden zu gewinnen.

Hast du selber ein Instrument gespielt? Warst du in einer Musikformation, in einer Band?
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10.  Meine Freizeit

Hast du selber ein Instrument gespielt? Warst du in einer Musikformation, in einer Band?

Als von der Musik der 60er Jahre Infizierter wollte ich selbstverständlich auch selbst Musik machen. Ich hatte noch nicht erkannt, dass ich komplett unmusikalisch war, so leidenschaftlich ich auch begann, Musik zu hören. Mein erster Versuch galt dem Schlagzeug. Im Quartier war eine Band am Entstehen und ich setzte mich an einer der Proben ans Schlagzeug. Mit dem Resultat, dass man mich nach wenigen Minuten bat, doch Coca Cola kaufen zu gehen. Dabei fällt mir ein, dass ich als ungefähr 8- bis 10-jähriger von Hans Geiger, der über uns wohnte und in der Knabenmusik Trompete spielte, eine alte mit Wundpflaster reparierte Trompete erhielt. Ich brachte nie einen Ton heraus, worauf er sie dann wieder zurückforderte.

 

Aber ich gab nicht so schnell auf und überredete meine Mutter zu Schlagzeugstunden bei einem Lehrer. Ich muss etwa 13, also in der ersten Sekundarschule gewesen sein. Ich übte wie wild auf einem kleinen, mit einem Stück Gummi bespannten Böcklein. Zu wild, denn einer der Schläger zerbarst dabei, nicht zuletzt, weil ich versuchte, den harten Beat von The Who's "My Generation" nachzuahmen. Als ich das Malheur dem Lehrer bei der nächsten Stunde beichtete, meinte er trocken, dass es wohl besser sei, wenn ich nicht noch neue Schläger kaufe. Er hatte mein fehlendes Talent erkannt. Und ich wohl auch, denn ich habe es später mit keinem anderen Instrument mehr versucht, was auch völlig hoffnungslos gewesen wäre. Genauso wie meine kläglichen Versuche, 100fach gehörte Musikstücke zu singen. Im Kopf ist es da, aber nicht reproduzierbar. Auffallend ist, dass aus dem ganzen Freundeskreis meiner Jugend kein einziger musizierte. Allerdings weiss ich auch nicht, ob sie es, wie ich, auch vergeblich versucht haben.

Gibt es etwas, das du gerne gemacht hättest, aber darauf verzichten musstest?
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10.  Meine Freizeit

Gibt es etwas, das du gerne gemacht hättest, aber darauf verzichten musstest?

Ich glaube mein Vater hatte Ambitionen zu schreiben. Es blieb ein Traum. Nur schon, weil er viel zu wenig verbissen daran arbeitete, vermutlich auch nicht daran glaubte. Ich habe mich selbst oft gefragt, ob ICH es als Schriftsteller schaffen könnte. So um die 20 habe ich mit gelegentlichem Schreiben begonnen, Gedichte für meine Freundin Phenphan. Tägliche Briefe, über ein Jahr lang. Dann als Redaktor bei der "Finanz und Wirtschaft". Bruchstücke von gescheiterten Romanen. Ich musste einsehen, dass ich nicht zum Schriftsteller geboren war. Sprachlich zu wenig gut, gemessen an Meienberg, Frisch oder Grass. Zu wenig tiefschürfend, gemessen an Dürrenmatt. Im Vergleich zu Kishon völlig humorlos, wenn ich auch am allerliebsten Drehbücher für Komödien geschrieben hätte. Und zu wenig fantasiebegabt, um einen Harry Potter oder nur schon Kindergeschichten zu schreiben. Lyrisch nicht einmal in der Nähe meines Freundes Dieter Wolf. Aber vor allem nicht bereit, um die Leiden eines Künstlers auf mich zu nehmen, weder psychischer Natur und schon gar nicht finanzieller Art. Es fehlt mir das ausgeprägte Ego, der Geltungsdrang eines Künstlers. Ich musste letztlich immer mit einer Aufgabe, einem Auftrag, betraut werden, dort mein Bestes geben und dafür anständig bezahlt werden.

 

Kein Bedauern, dass es nicht für mehr gereicht hat. Es war genau richtig so. Vielleicht schafft es jemand aus der Nachkommenschaft. Ich würde es mir wünschen.

Welche Rolle spielte das Lesen in deinem Leben?
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10.  Meine Freizeit – Lesen.

Welche Rolle spielte das Lesen in deinem Leben?

Meine Freude an Büchern begann sehr früh. Statt mit Hausaufgaben das in der Schule Gelernte zu üben, las ich. Stundenlang. Die Glocke in der Schule war für mich das Signal, möglichst rasch nach Hause zu gehen, um zu lesen.

Wenn ich mich recht erinnere, war die Schulbibel das erste Buch, das ich mehr oder weniger verschlang. Wenn wir ein Kapitel auf die nächste Stunde lesen mussten, las ich zwei oder drei. Zuerst aus reiner Neugier, dann weil die Geschichten spannend und abenteuerlich waren, z.B. Jonas und der Wal ...

Die Auswahl aus dem für mich ideal auf dem Boden stehenden, etwa 120 cm hohen, Büchergestell, war immer eine Entdeckungsreise. So wie ich bis heute gerne in Bibliotheken und Buchhandlungen stöbere.

Der Keim war früh gelegt, um eine Leseratte zu werden. Wie intensiv ich immer wieder die Buchrücken in unserer kleinen Hausbibliothek durchgearbeitet haben muss, zeigen mir einige unauslöschlich eingeprägte Namen und Bilder: Vicky Baum, Poe, Deeping, „Quo vadis“, Kellers gesammelte Werke und C.F. Meyer, Gotthelf und eine heute seltene Spezialausgabe von acht oder neun Karl May-Bänden des Pfeil-Verlags. (Der Lesetipp meines Vaters an mich.) Zu meinen Lieblingen, die ich immer wieder in den Händen hatte, gehörten Reiseberichte und Afrika-Bücher. Bücher des Afrikaforschers Heinrich Harrer und des Gletscherpiloten Hermann Geiger. Erstere nicht des Textes wegen, sondern wegen der zahlreichen Bilder nackter eingeborener Frauen. Nicht dass meine Mutter vor uns Kindern im Geringsten prüde war, aber diese Frauen hatten etwas Spezielles und haben vermutlich mein Wohlgefallen an exotischen Schönheiten bis heute wach gehalten …

 

Natürlich stand da auch Robinson – so viel ich mich erinnere in einer ziemlich originalgetreuen deutschen Übersetzung und nicht als harmloses Kinderbuch. Mein Vater liess mich auch bei dieser Lektüre völlig frei gewähren. Allerdings mag ich mich auch nicht erinnern, mit ihm gross über Bücher gesprochen zu haben, abgesehen von gelegentlichen Verständnisfragen meinerseits. Ausser einmal, als ich ihm aus der katholischen Bibliothek, wo wir uns mit dem „richtigen“ Karl May und anderen Abenteuerromanen eindecken konnten, ein Buch mit dem Titel „von Räubern, Heiligen und (?)“ nach Hause brachte. Mir schien der Titel gut zu seinen „Heftli“ zu passen; offenbar handelte es sich jedoch um ein ziemlich religiöses Werk, denn ein Blick genügte ihm, um in Lachen auszubrechen und mir einen wohlwollenden Klaps auszuteilen. Durchaus gerührt, dass ich an ihn gedacht hatte und etwas für seine Bildung tun wollte. Ich brachte dann das Büchlein ungelesen zurück.

 

Und dann war da der grossformatige Bildband über Saurier, in dem ich immer von neuem stundenlang blättern konnte. Ein Blick in meinen Bücherschrank (2014): Tatsächlich, da steht er, hat als Preziose alle Umzüge überstanden: „Die Welt in der wir leben“. Die Naturgeschichte unserer Erde, von der Redaktion „Life“ und von Lincoln Barnett. Buchclub Ex Libris, Zürich, 1955. Die schönen Stunden meines kindlichen Staunens über Kapitel wie „Geburt der Erde“, „Werden und Wandel des Festlandes“, „Zwei Milliarden Jahre Leben“, „Sternenströme im Kosmos“ kommen sofort wieder hoch. Kaum ein Bild, kaum ein Detail, das ich nicht wiedererkenne. Ich staune, dass sich seither das Saurierbild kaum verändert hat; Brontosaurier, Tyrannosaurier, Flugsaurier, Stegosaurier, Mammut und Säbelzahntiger, und wie sie alle hiessen, schauen immer noch genau gleich aus. Jedenfalls bei Steven Spielberg. Höchstens unser aktueller Zeitbegriff hat sich um mindestens eine Zehnerpotenz ausgedehnt.

 

Die bis ins 20. Jahrhundert weiteverbreitete Verteufelung des Lesens als „Flucht vor der Realität und Hingabe an Träumereien" traf auf mich vollumfänglich zu. Bei jeder Lektüre erschlossen sich neue Welten. Wie viel spannender war das, als die Schule – ja als alles andere! So auch das Sexualaufklärungsbuch für Eheleute, das ich mit ungefähr 11 Jahren in die Finger bekam. Solche Lektüren formten meine sehr frühe Erkenntnis, dass für „Kinder“ bestimmte Bücher wesentlich weniger attraktiv waren, als für Erwachsene geschriebene Literatur und demzufolge tunlichst zu meiden waren.

 

Bereits in der frühest möglichen Lesensphase folgte die Beschäftigung mit Karl Mays Winnetou-Trilogie, die via Mundpropaganda damals bei allen Kindern „in“ war – wie auch in rascher Folge alle andern Karl May Bücher, soweit sie in der katholischen Bibliothek, was sie als „gute Lektüre“ legitimierte, vorhanden waren. Damit fand ein interessanter dualer Prozess statt: Zwar verwendete ich jede freie Minute fürs Lesen, gleichzeitig mussten die Abenteuer jedoch auch tatsächlich erlebt werden, was glücklicherweise verhinderte, dass ich zum totalen Stubenhocker wurde. (Hocken tat ich sowieso selten, sondern legte mich zum Lesen in der Regel unter das grösste Fenster auf den Teppich, vorzugsweise mit einer Tafel Schokolade.) Wie flach und enttäuschend waren demgegenüber Mitte der 1960er Jahre die Winnetou-Verfilmungen!

 

Da niemand meine Hausaufgaben kontrollierte oder sich gar darum kümmerte, (oft erledigte ich sie noch schnell morgens um 7 Uhr), hatte ich für mein Alter bald weit überdurchschnittliche Lektüreerfahrungen. Auch wenn ich durchaus genügend Zeit vor allem mit Fussballspielen und mit „meinem“ Clan (selbstverständlich als Old Shatterhand – allenfalls noch als Sigurd, einem Comic-Helden jener Zeit), verbrachte. Was mich auf das Thema „Comic“ bringt. Selbstverständlich lasen wir Mickey Mouse, Fix und Foxi, Papa Moll, natürlich Tarzan – und eben Sigurd. Vermutlich hatte ich von letzterem die grösste Sammlung. Wie ich diese finanzierte, ist mir heute schleierhaft, hatte ich doch offiziell kein Taschengeld. Vermutlich tauschte ich einiges gegen Zigaretten, die ich meinem Vater klaute – immerhin zum Zweck literarischer Weiterbildung. Es könnte jedoch auch bereits mit dem geheimen Verkauf einzelner Bücher in einem St. Galler Antiquariat gewesen sein. Etwas, das ich nach dem Tod meines Vaters, ich war 10 oder 11 Jahre alt, systematisch betrieb, um das intermediale Potential von Büchern unter Beweis zu stellen: Mit dem Geld der verkauften Bücher ging ich ins Kino!!

 

Der Verkauf dieser Bücher erfolgte absolut problemlos: meine Mutter interessierte sich nicht dafür, oder schaute weg, und hatte schon gar nicht den Überblick über „mein“ Erbe. Ich hatte davon schon Vieles gelesen oder als uninteressant befunden, und der Antiquar stellte keine Fragen. Mit einer Ausnahme, es muss sich wohl um eine Rarität gehandelt haben, als er mich mit einem ernsten Blick über den Rand seiner Brille hinweg fragte, ob ich das wirklich verkaufen dürfe. Erst ab da stellte sich so etwas wie ein schlechtes Gewissen ein.

 

Dank der besuchten Filme, insbesondere der Disney-Film „Die Wüste lebt“ hatte es mir angetan, kam ich mit einem älteren, zurückgezogen lebenden Nachbarn ins Gespräch. Während ich ihm die Filme erzählte, ihm den gewaltigen Grand Canyon beschrieb, (meine erste Erinnerung, dass ich überhaupt einmal etwas Zusammenhängendes von mir gab – und es durchaus genoss), durfte ich jeweils seinen Karabiner aus dem Aktivdienst zerlegen und Zielübungen machen, inkl. Ladebewegung und abdrücken. Zu was Medien nicht alles gut sind. Ganz zu schweigen davon, dass er sich später Hoffnungen auf die noch junge knackige Witwe, meine Mutter, machte, was mein Interesse am Karabiner in keiner Weise minderte.

Was waren/sind deine Lieblingslektüren und Lieblingsautoren/-autorinnen? Was ist das Besondere daran?
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10.  Meine Freizeit – Lesen.

Was waren/sind deine Lieblingslektüren und Lieblingsautoren/-autorinnen? Was ist das Besondere daran?
Was ich gerne lese und las hat viel mit den Zeitumständen zu tun. als später Teen und früher Twen waren Max Frisch und etwas weniger Friedrich Dürrenmatt die grossen wegweisenden Vordenker und wichtigen Entdeckungen. Jeder auf seine Weise, so dass ich nie in die Falle tappte, den einen oder den andern als "besser" zu klassieren. (Wie dies auch mit den Beatles und den Rolling Stones je länger je unmöglich war.) Später wollte ich mich über Psychologie schlau machen, worauf dann einiges an Philosophie folgte. (Z.B. Bertrand Russel, Karl Jaspers, Karl Popper, Jeanne Hersch, Ruppert Lay).
 
Immer wieder Biographien, Biographien, weil es mich schon in jungen Jahren (und immer noch) brennend interessierte, wie herausragende Zeitgenossen "es" geschafft haben.
 
Natürlich durfte und darf Spannendes nicht fehlen: John Grisham, Dan Brown, Jeffrey Archer, alle Sherlock Holmes und Edgar Wallace-Krimis, Ephraim Kishon, Bernard Cornwell, eine Art moderner Karl May ... Ich habe es mir zur Angewohnheit gemacht, wenn mir ein Autor gefällt, möglichst sein gesamtes Werk zu lesen. Analog zur Musik.
 
Jetzt, 2016 und 2017, vor allem seit dem gelungenen Nachweis der von Einstein vorausgesagten Gravitationswellen und immer neuen Erkenntnissen der Quantenmechanik, lese ich alles, was es in verständlicher Form für Nichtmathematiker zu diesen Themen gibt. Von Einsteins allgemeiner und spezieller Relativitätstheorie, vom Urknall bis zum Higgs-Bosom. Immer auf der Suche nach der Antwort auf die um 2010 mir selbst gestellte Frage: Was heisst "unendlich"? Damals war mir noch nicht bewusst, dass dies die schwierigste und essentiellste Frage überhaupt ist. Mit andern Worten: ich bin ein wenig stolz auf diese mir völlig autonom gestellte Aufgabenstellung, an der sich so zahlreiche hochkaratige Wissenschaftler, Mathematiker, Physiker, Theologen und Philosophen die Zähne ausbeissen ....
 
Mit Hochgenuss habe ich 2016/17 die diversen Erinnerungen (Tausende von Seiten ...) von Protagonisten des 2. Weltkriegs gelesen: 5 Bände Churchill, Feldmarschall "Monty" Montgomery, "Ike" Eisenhower, des britischen Stabschefs Field Marshall Lord Alanbrook (mit seiner überaus kritischen Darstellung der Persönlichkeit von Winston Churchill und seiner Hass-Liebe zu ihm) und nicht zuletzt die Aufzeichnungen von Albert Speer. Zudem mehrere spannende Bücher rund um "Enigma", Alan Turing und Bletchley Park, dem britischen Dechiffrierzentrum und sozusagen Geburtsort der heutigen Computer. Interessant sind in diesen biographischen Quervergleichen vor allem auch die Widersprüche, die Eitelkeiten sowie meine Enttäuschung, dass der grosse Held von El Alamein (Montgomery) zuverlässige Informationen aus Bletchley Park über die Positionen und Pläne der Deutschen (Rommel) vor dieser entscheidenden Schlacht hatte ... (Was er in seiner Biographie mit keinem Wort erwähnt.)
 
Was mir erst spät in meinem Lesen bewusst wurde: Die meisten meiner Zeitgenossen, Mitarbeitenden und Geschäftskontakte waren bei weitem nicht so belesen wie ich. Ich glaube, das gab mir Vorteile bezüglich Urteilskraft, Einschätzung von Situation und Menschen oder ganz einfach Diskussionsstoff im "small talk". Deshalb meine Empfehlung: lesen, lesen, lesen.
 
 
Wer hat deine Lektüren und dein Leseverhalten am nachhaltigsten beeinflusst? Inwiefern?
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10.  Meine Freizeit – Lesen.

Wer hat deine Lektüren und dein Leseverhalten am nachhaltigsten beeinflusst? Inwiefern?

Im Schlepptau meines Vaters war ich schon früh zum intensiven Leser von süffigen "Schundromanen" geworden, vor allem, nachdem die in der nahegelegenen katholischen Bibliothek vorhandenen Karl May Romanen (und Ähnliches, wie Lederstrumpf) gelesen hatte.

 

Eine entscheidende Änderung trat ein, als ich den etwa 2 Jahre älteren Dieter Wolf kennenlernte. Wir wissen beide nicht mehr, bei welcher Gelegenheit, vermutlich beim Fussballspielen. Er war seit dem 17. Lebensjahr Vollwaise, hatte einen (guten) Vormund und lebte bei einer Schlummermutter. Um die Zeit muss er gerade seine Lehre als Buchhändler abgeschlossen haben, denn kurz darauf etablierte er sich nicht weit von mir in einer Ein- oder Zweizimmerwohnung. Mit seiner äusserst ruhigen und besonnenen Art war er das pure Gegenteil von mir.

 

Die sich anbahnende und bis heute anhaltende Freundschaft basierte u. a. darauf, dass wir beide gerne und intensiv, bis spät in die Nacht hinein Schach spielten und über Literatur sprechen konnten. (Der Wein, günstig, fehlte nicht.) Ich war beeindruckt von seinen eigenen Gedichten und dass er es "wagte", diese zu zeigen, später in Gedichtbänden zu publizieren. Als er merkte, dass ich für Literatur ernsthaft empfänglich war, entwickelte er sich zu meinem "Literaturmentor". Ich lernte dank ihm Max Frisch kennen und schätzen: Homo Faber, Stiller und dann "den Gantenbein". Bis heute eines meiner Lieblingsbücher, das ich sicher schon sieben oder achtmal gelesen habe. Ich musste ihn sogar vor einigen Jahren nachkaufen, weil mein erstes Taschenbuch so zerschlissen war. Dann alle Theaterstücke. Natürlich auch Dürrenmatt und Shakespeare. Im lyrischen Genre, neben Wolf, Celan - und dann Jandl, der in den 60er Jahren mit seinen Sprechgedichten Kopfschütteln verursachte. Ich fand es grossartig und begann gar selbst, damit zu experimentieren. Unvorstellbar, dass ich mit 62 an der Universität Zürich über seinen "schtnzgrmm" und über "Konkrete Poesie" Semesterarbeiten schreiben würde ...

 

Von da an habe ich natürlich fast alles verschlungen, was Rang und Namen hat, wobei ich mich immer ganz besonders zu Sprachvirtuosen wie Niklaus Meienberg oder Günter Grass hingezogen fühlte. Später, als ich beruflich immer stärker beansprucht wurde, auferlegte ich mir eine strenge Lesediät. Ich wollte mich nicht von meiner Kernaufgabe, der Betriebswirtschaft, ablenken lassen. Massloses Lesen gab es jeweils umso mehr während den Ferien. Durchaus nicht nur "hohe Literatur", sondern auch mit Hochgenuss John Grisham und Ähnliches. Und immer wieder und immer mehr Dürrenmatt. Und zwischen 60 und 62 las und genoss ich nochmals alle mittlerweile um die 80 Karl May-Bände. Der Kreis hatte sich geschlossen. Vor allem dann, als ich an der Universität Zürich in zwei Seminaren noch je eine Arbeit zu diesem Thema schreiben konnte: "Literarische Spätwerke und ihre Poetik am Beispiel des Spätwerks von Karl May (1842 – 1912)" sowie "Karl May – 'Ich' - Meine Beichte – Mein Leben und Streben".

 

Dieter Wolf hat mich in seiner Funktion als Buchhändler bis heute immer wieder mit guten Büchern versorgt und mich mit allen seinen mittlerweile sieben oder acht Gedichtbänden bedient. Ich geniesse seine sensible, filigrane Sprache unverändert sehr.

Gibt es Bücher, die du mehrmals gelesen hast? Welche und weshalb? Wieviel Bücher hast du überhaupt?
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10.  Meine Freizeit – Lesen.

Gibt es Bücher, die du mehrmals gelesen hast? Welche und weshalb? Wieviel Bücher hast du überhaupt?
Interessanterweise gibt es viel mehr Filme, die ich mehrmals – vielleicht schon 10 mal angeschaut habe – und weiterhin anschauen werde – als Bücher. (Der beste von allen: Woody Allens "Midnight in Paris". Na ja, "Whatever works" und "To Rome with love" kommen gleich danach ...). Mehrmals gelesen habe ich Karl May. In mehreren Phasen: als 10 bis 15Jähriger. Als ca. 40jähriger und als 60jähriger. Als 20 und 30jähriger Max Frischs "Mein Name sei Gantenbein". Immer wieder fasziniert. In Dürrenmatts Turmbau lese ich immer wieder - und jedes Mal ist es neu, vielschichtig, eröffnet neue Erkenntnisse. Kishons Kurzgeschichten immer wieder.
 
Die Übersicht über meine Bücher habe ich schon lange verloren. Zumal seit ich so um 2014 herum Kindle e-book entdeckt habe. Hier herrscht Ordnung, wenn man die Bücher sauber in Sammlungen ablegt. Ein weiterer Vorteil: Man kann immer und überall wie im TV zwischen Büchern "zappen". Ein weiterer Vorteil: Ich kann zuerst einmal einige Seiten "Leseprobe" lesen und diese bei Nichtgefallen - was die Regel ist - wieder entfernen.
Lyrik, die die Welt bewegte. Ein Essay.
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11.  Lyrik, die die Welt bewegte. Ein Essay.

John Lennons Lyrik Ende der 1960er und frühen 1970er Jahre unter besonderer Berücksichtigung von „Give Peace a Chance“.

 

Wer als Zeitzeuge der späten 1960er und frühen 1970er Jahre über damalige „weltbewegende“ Lyrik schreiben will, kommt nicht an John Lennon vorbei. Als einer, der die Aufbruchstimmung der frühen 70er Jahre einigermassen hautnah erlebt hat, "juckt" es mich, die persönliche Erfahrung mit der Lennonschen Lyrik der frühen 70er Jahren zu schildern. 

 

Die Jahre Ende 1960/Anfang 1970 zeichneten sich durch ein einzigartiges Fluidum aus: Gleich mehrere Themen (damals nannte man es noch nicht „Megatrends“, aber also solche sollten sie sich mehrheitlich erweisen) lagen in der Luft. Im Wesentlichen handelte es sich um

 

a) Sexuelle Revolution: "Love was in the air"

b) Esotherik, Flower Power, Drogen und Ravi Shankar

c) Infragestellung von Autorität und Normen

d) Vietnam-War, Pazifismus

e) Gender-Debatte und Gay-Movement

 

Die teilweise brutalen Strassenkämpfe der 68er Jahre wurden, wie es gegensätzlicher nicht sein konnte, komplementiert vom von Kalifornien ausgehenden „Flower Power“, Love-ins, Open-Airs, „mind-expanding“, speziell mit dem vom Harvard-Professor und Psychologen Timothy Leary propagierten LSD. Aus dem Boden schiessende Musiker/Musikgruppen und Pop-Art bildeten den kreativ-künstlerischen Vordenkern wie Alan Ginsberg den intellektuellen Rahmen.

 

Der sich immer stärker ins Bewusstsein der Jugend drängende Vietnam-Krieg wurde zunehmend zum Anachronismus. (Nicht zu vergessen ist dabei die Kriegsdienstverweigerung von Muhamed Ali und seine Verurteilung im Jahre 1967. Diese war damals von der breiten Öffentlichkeit noch „hingenommen“ worden. Sein juristischer Kampf gegen dieses Urteil mit dem Freispruch vor dem Obersten Gerichtshof der USA hatte 1970 grosse politische Bedeutung für die ganze Friedensbewegung.) 

 

In dieser Situation wurde John Lennon, ohne dass dies seine erklärte Absicht gewesen wäre, zu einer Art „Messias“. Er fasste unser damaliges dumpfes Unwohlsein in Worte (und Töne), war jedoch viel mehr als unsere Stimme: Er gab uns zu verschiedenen Themen eine Meinung und Richtung, provozierte zum selbständigen Denken. Die engagierten, einprägsamen und mit bissiger Ironie – auch Selbstironie – gewürzten Texte, waren kompromisslos. Nicht näher zu erläutern ist, dass die Lyrik ohne Musik natürlich niemals auch nur annähernd die gleiche (mediale) Verbreitung gefunden hätte. Und doch spielte die (einfach gehaltenen) Melodien und Rhythmen in zahlreichen Songs die untergeordnete Rolle; sie diente in perfekter Weise dem „Transport“ der zentralen Botschaften

 

Nicht nur ein Pazifist

John Lennon wollte nie mit einem eindimensionalen Label als Pazifist versehen werden. Dies gelang ihm auch: Im Rückblick verblüfft immer noch die enorme Breite der Themen, derer sich Lennon annahm. Aber vor allem schaffte er es, sich dazu mehrheitlich mit verblüffender Kompetenz und Durchschlagskraft zu äussern:

 

  1. „Give Peace a Chance“ – als politischer, vehementer Anti-Vietnam-Kriegsaufruf auf den anschliessend nach näher eingegangen wird
  2. „Imagine“ – die daran anschliessende Friedensbotschaft der sanften Töne
  3. „Working Class Hero“ – als Manifest gegen soziale Oppression
  4. „Woman is the Nigger of the World“ – eine erste Bresche für die feministischen Forderungen
  5. „Cold Turkey“ – der immer noch Hühnerhaut verursachende akustisch umgesetzte Drogenentzug

 

Er suchte die für ihn geltende Wahrheit und die für ihn gültigen Werte, fasste diese in Worte und Klänge und stand mit seinem ganzen Verhalten zu seinen Thesen und Visionen. 

 

Nicht zu vergessen ist dabei, dass nach dem Split-up der Beatles für die einzelnen Bandmitglieder keineswegs gesichert war, ob sie in der Gunst des Publikums bleiben würden. Jedermann hoffte auf eine Wiedervereinigung der „fab Four“, da unvorstellbar war, dass die Summe der Einzelteile mehr hergeben würde, als das Ganze. Die Geschichte der Pop-Musik lehrt uns ja auch bis heute, dass aus aufgelösten Bands eher selten erfolgreiche Solo-Karrieren hervorgehen. 

 

Auch in dieser Hinsicht sollte John Lennon jedoch eine Ausnahmeerscheinung sein. (Wie auch Paul McCartney und teilweise George Harrison.) Von Beginn weg wurde klar, dass die Soloarbeit ein Befreiungsschlag war für die ernsthafte Auseinandersetzung mit den Themen der damaligen Zeit. Dass dieser "neue", sozialkritische und avantgardistische John Lennon durch den Einfluss von Yoko Ono geprägt war, ist heute unbestritten. Yoko Ono benutzte ihn allerdings auch, um ihre eigenen Versuche mit avantgardistischer Kunst aufzuwärmen. So zum Beispiel den "Bagism", mit dem sie schon lange vor Ihrer Bekanntschaft mit John Lennon herumexperimentierte.

 

Politisch Farbe zu bekennen war jedoch fast ein "Abfallprodukt" seiner lyrischen Arbeit. Neu und einzigartig war die vollkommene tagesaktuelle Offenlegung seiner persönlichen Befindlichkeiten und Nöte sowie seiner komplexen Liebesbeziehung zu Yoko Ono. In noch nie dagewesener Konsequenz versteckte hier eine Persönlichkeit von Weltgeltung seine private Situation nicht hinter verklausulierten oder beschönigenden Texten oder gaukelte eine heile Welt vor, sondern erstellte eine hemmungslose Auslegeordnung seiner jeweils vorherrschenden Gefühle, auch der Politik gegenüber. Zum Glück für uns alle, widerlegte er damit Goethes Ratschlag:

 

Sag es niemand, nur den Weisen

Weil die Menge gleich verhöhnet

 

Inspirierte Rezipienten

Wir, die vorwiegend jugendliche Fangemeinde, erkannten unmittelbar die Authentizität, mit der John Lennon seine Anliegen vertrat und waren weit davon entfernt, ihn zu verhöhnen. Zu sehr berührte er im Zentrum unserer Emotionalität, zu sehr beeindruckte die Absenz jeglichen Versuches, sich anzubiedern, die demonstrative Unerschrockenheit gegenüber allen möglichen (politischen) Konsequenzen – bis hin zu einer möglichen Ausweisung aus den USA, der er um Haaresbreite entging.

 

Plötzlich war da jemand, der die damaligen Anliegen in einfache Worte (und Melodien) fasste. Wir hatten unser Idol und Sprachrohr gefunden. Wir wurden einem Wirbel neuer Gefühle und Themen ausgesetzt.

 

Und was tut ein junger Mensch in dieser Situation, verwirrt (und frisch verliebt)? Er dichtet auch!

 

Meine von meiner damaligen Freundin verdankenswerterweise gesammelten Gedichte aus jener Zeit frischen die Erinnerung auf, wie stark John Lennon und seine Lyrik die Gefühlswelt junger Menschen prägte, zumindest die meine. Erhalten geblieben sind u.a. auch zwei Reflexionen über John Lennon. Sie tönen aus heutiger Sicht zwar gar holprig, zumal sie in einer Fremdsprache, die ich nicht wirklich beherrschte, geschrieben wurden. Diese Zeitzeugnisse zeigen jedoch, wie inspirierend John Lennon’s Arbeit war, sich eigene Gedanken buchstäblich über Gott und die Welt zu machen. 

 

So prägend der skrupellose öffentliche Umgang von John Lennon mit seiner Lebenssituation und seiner Gefühlswelt auf junge Menschen war, wurde dies jedoch vor allem in intellektuellen Kreisen zunehmend kritischer aufgenommen. So liesse sich die berühmte Bemerkung von Alain Ginsberg “I saw the best minds of my generation destroyed by madness” auch ohne weiteres als Kommentar zum (späteren) Wirken von John Lennon verstehen. Worauf dieser dann 1980 auf “Double Fantasy”, im Jahr seiner Ermordung, mit dem Song “Watching the Weehls” konterte: „People think I am crazy, doing what I’m doing …“.

 

Die Botschaft: Give Peace a Chance

Herausragend im politischen Wirken Lennons war der Anti-Kriegssong „Give Peace a Chance“. In den 70er Jahren gab es kaum jemanden, der/die dessen Refrain nicht nur nicht kannte, sondern nicht trällern konnte.

 

Give Peace a Chance

Two, one two three four. Everybody's talking about Bagism, Shagism, Dragism, Madism, Ragism, Tagism, This-ism, that-ism, is-m, is-m, is-m. All we are saying is give peace a Chance. All we are saying is give peace a Chance. Come on. Everybody's talking about Ministers, Sinisters, Banisters and Canisters. Bishops and Fishops and Rabbis and Pop eyes, and bye bye, bye byes. All we are saying is give peace a chance All we are saying is give peace a Chance. Let me tell you now. Everybody's talking about revolution, evolution, masturbation, flagellation, regulation, integrations, meditations, United Nations, Congratulations. All we are saying is give peace a Chance. All we are saying is give peace a Chance. Everybody's talking about John and Yoko, Timmy Leary, Rosemary, Tommy Smothers, Bobby Dylan, Tommy Cooper, Derek Taylor, Norman Mailer, Alan Ginsberg, Hare Krishna, Hare, Hare Krishna. [...].

(John Lennon, 1969. Zum ersten Mal aufgenommen live im 8-tägigen „Bed-in“ im Queen Elizabeth Hotel in Montreal am 26. Mai 1969. Text von www.songtexte.com/">www.songtexte.com, 22.09.2010.

 

Zeitlich fällt die Kreation dieses Textes in die Zeit des Split-ups der Beatles. Aus rechtlichen Gründen, weil die Beatles formell noch nicht aufgelöst waren, gelten John Lennon und Paul McCartney als Autoren. Auch wenn McCartney zu diesem Song keinen Beitrag leistete und dies auch nie in Anspruch nahm.) Interessanterweise ist es mir nicht gelungen, genau diese Version auf irgendeiner John Lennon-CD zu finden. John Lennon varierte den Text je nach Audience.

 

Der Song ist Ausdruck der vielfältigen pazifistischen Bemühungen und Aktivitäten von John Lennon & Yoko Ono. Wenn jemals gegolten hat, dass gute Texte eigentlich keiner Interpretation bedürfen, dann gilt das zweifellos für „Give Peace a Chance“. Auf einfachste Weise wurden aus Zeitgeist Worte – und Aktivitäten.

 

Das Besondere an diesem Text beginnt schon mit dem Titel: Es handelt sich zwar um einen unmissverständlichen Aufruf, etwas zu tun. Er verlangt jedoch nicht einfach und ultimativ, Frieden zu schliessen. Er verspricht auch nicht, dass mit einem Friedensschluss alles „OK“ sein wird. Die Forderung ist viel subtiler: Gebt dem Frieden eine Chance, versucht es doch wenigstens! Aber wer ist dafür zuständig, wer sollte sich angesprochen fühlen?

 

In 4 Schlüsselstrophen karikiert John Lennon, was und wer gemeint ist, nämlich diejenigen, die gemeinhin in der Welt als wichtig und bedeutungsvoll angesehen werden. Die getroffene Auswahl ist auch heute noch eine bemerkenswerte kreative Leistung.

 

Zuerst einmal das inhaltsleere, pseudowissentschaftliche Sprachverhalten mit den zahlreichen „-ismen“. Die schalkhaft eingestreuten „this-ism“ und „that-ism“ geben diese Begriffe, angesichts der im Vergleich dazu monumentalen Forderung nach Frieden, der Lächerlichkeit preis. Den Gipfel der Ironie stellt das Wort „Bagism“ dar, eine von ihm und Yoko (Plastic Ono Band) kreierte Bühnenperformance, bei der sie beide in Säcke verpackt auf die Bühne gebracht wurden.

 

In der zweiten Strophe werden die Personen, die sich in Amt und Würden kleiden aufs Korn genommen: Was tut ihr so wichtig, ob ihr euch nun Minister oder Bischof nennt? Schalk auch hier mit den Wortspielen „Minister – Sinister“ und „Bishop – Fishop“. Ihr seid nicht mehr als „Pop eyes“. Besinnt euch auf das Wesentliche: Give Peace a Chance!

 

Was sollen schliesslich all die intellektuellen Gespräche über „revolution“, „evolution“, „integration“ und so fort? Auch hier ein sprachlich freches aber überaus gelungenes Wortspiel mit den „United Nat-ions“, wo diese „-ions“ (mit Ausnahme von „Masturbation“ und „Flagelation“ …) zum tägliche Vokabular endloser Konferenzen gehören. Hört auf mit dieser Wichtigtuerei und diesen Worthülsen – wenn doch nur eines zählt: Give Peace a Chance!

 

Und schliesslich ihr – all ihr Berühmtheiten! Auch in der 4. Strophe lässt er seinen immer präsenten Zynismus und seine Respektlosigkeit vor jeglicher Autorität aufblitzen. Dabei zeigt er nicht mit dem Finger direkt auf die Schuldigen (Politiker), wie es jeder Normalsterbliche tun würde, sondern stellt die Berühmtheiten seiner Zeit auf eine Stufe mit den bereits abgefertigten „Bishops“ und „Ministers“. Er zitiert Vertreter des Anti-War-Movements und klagt an: Was nützt es, wenn ihr, John und Yoko, Alain Ginsberg, Norman Mailer (erhielt 1969 den Pulitzer-Preis für „Heere aus der Nacht“, eine Reportage über die Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg) u.a. tolle Reden haltet? Was nützt es, wenn alle von euch sprechen? Und doch nichts geschieht!

 

Der Text erfährt jedoch nicht nur inhaltlich, sondern auch rein formal eine sich steigernde Intensität mit der ersten Strophe als Vierzeiler, der zweiten Strophe als Fünfzeiler und der dritten und vierten Strophe als Sechszeiler. Das Wesentliche an dessen Wirkung ist jedoch weder die progressive Dramaturgie noch der kreative, intellektuell-sarkastische Umgang mit dem Thema. Entscheidend ist der vierfach wiederkehrende doppelte Refrain, mit dem die angesprochenen Autoritäten (Wissenschaft, Intellektuelle, Würdenträger, Berühmtheiten) kritisiert und in aller Öffentlichkeit unter Druck gesetzt werden:

 

„All we are saying – give peace a Chance

All we are saying – give peace a Chance“.

 

Dieser auch den Abschluss bildende Ohrwurm konnte endlos weitergesungen werden – was auch tatsächlich zur Norm wurde. Und hier kommt auch die Musik ins Spiel: Die für „ein Hotelzimmer und ein Doppelbett“ genial komponierte Melodie liess sich dank ihrer Einfachheit auch in jeder anderen Situation mit minimalsten Rhythmusinstrumenten skandieren.

 

Das „… we are saying“ ist dabei die geschickte demagogische Anmassung, „für alle“ zu sprechen. Mit diesem rhetorischen Trick, der allerdings zum Repertoire jedes Lokalpolitiker gehört, wird eine universelle Anti-Kriegsbewegung suggeriert. Oder in John Lennon’s Worten: “We’re claiming the silent majority […] – all we want is a ,Yes’”. Von Hunderttausenden an Demonstrationen gesungen, erhielt dieser einprägsame Slogan das entsprechende Gewicht und seine „power“. Die für den Krieg und dessen Beendigung Verantwortlichen wurden in die offenkundige Minderheit versetzt und zunehmend in die Enge getrieben.

 

Die Zeit war auf den Punkt reif für diesen Song – und den darin verkörperten Geist. Es war kein Aufruf zum bewaffneten Kampf – keine neue Marseillaise. Es war der friedliche Appell an die Mächtigen dieser Welt, dem Frieden wenigstens eine Chance zu geben, zu Vernunft zu kommen. „Man“ war müde von den Greueln, des Vietnamkrieges, von verstümmelten Soldaten, hingemähten Zivilisten und entlaubten Landstrichen. „Give Peace a Chance“ fand den Weg auf die Strasse und wurden zum friedlichen politischen Manifest.

 

Wie resigniert und schweigend verhalten wir uns doch seither und gerade heute (März 2015) gegenüber den aktuellen militärischen Konflikten!

  

Die Medien: „So let’s use it“

John Lennon und seine zweite Frau Yoko Ono waren begnadete Kommunikatoren, wie ein Zitat von John Lennon aus dem Jahre 1969 verdeutlicht:

 

„…. We are trying to make Christ’s message contemporary. We want Christ to win. What would he have done if he had advertisments, TV, records, films and newspapers? The miracle today is communication. So let’s use it.”

 

Die kreative Krönung, die dem Song von Beginn weg weltweite Publicity sicherte, bestand natürlich darin, dass dieser Aufruf anlässlich des spektakulären 8-tätigen „Bed-ins“ lanciert wurde. Es folgten das Toronto Peace Festival und weitere Live-Konzerte, mit dem Höhepunkt am 30.8.1972 im New Yorker Madison Square Garden, zur Zeit der virulentesten Proteste gegen den Vietnamkrieg. Yoko beschrieb das Konzert wie folgt:

 

„….. Everybody joined in on stage at the end when we sang “Give Peace a Chance“. People could not contain themselves and marched down Fifth Avenue after the performance, singing “Give peace a Chance”. This concert was our effort in Grassroot Politics. It embodied what John and I strongly believed in – Rock for Peace and Enlightenment.”

 

Der Code: “All together now”

Zur authentischen “Codierung” der ganzen Friedensbemühungen gehörte auch die Tatsache, dass die Überschüsse dieser Friedenskonzerte für wohlnützige Zwecke verwendet werden sollten. (Was "Überschüsse" sind, sei dahingestellt ...). Alles in allem konnten sich letztlich gegen die Forderung „Give Peace a Chance“ weder Nixon, noch sein Aussenminister Kissinger, noch Mao noch Ho Chi Minh wehren! Sie war zu einer Art „Weltformel“ geworden, die alle verstanden, der viele folgen wollten und der Hunderttausende aktiv auf der Strasse Nachdruck verschafften.

 

Diese „Codierung“ führt soweit, dass auf späteren CD’s und an Live-Konzerten das Absingen des Originaltextes gar nicht mehr nötig wurde. Oft reduzierte sich der ursprünglich mit rund 3 ½ Minuten normallange Song auf weniger als eine Minute: Die Botschaft schrumpfte mehr oder weniger auf den Refrain. Wer diesen „Code“ sang, sang und meinte den ganzen Song und die ganze Friedensbewegung.

 

Fazit

Kaum jemand wird bestreiten, dass John Lennon eine Ausnahmeerscheinung war. Einerseits können sein Einsatz für Bürger-/Menschenrechte und Frieden und damit seine Einflüsse auf die Meinungsbildung der damaligen Jugend, nicht hoch genug bewertet werden. Auf friedliche Weise – mit der Kraft des Wortes! Andererseits war er bahnbrechend darin, seine intimsten Empfindungen in fast schon exhibitionistischer Weise hemmungslos offenzulegen und wurde damit ebenfalls zum avantgardistischen Trendsetter. 

 

Wenn man den „Oldenburger Interpretationen“ Glauben schenken kann, sollte es zumindest im deutschsprachigen Raum bis 1977 dauern, bis die Literaturwissenschaft das Phänomen dieser „Neuen Subjektivität in der Lyrik“ erkannte und sich damit auseinandersetzte. Damit gemeint war ein Bekenntnis zum Ich und seiner (subjektiven) Erfahrungswelt. Während John Lennon sich mit einer Hand für Bürger- und Menschenrechte und politische Anliegen einsetzte, war er mit der andern Hand schon längst zum Wegbereiter einer anderen Art von Lyrik geworden. Einer Lyrik, die jedermann zugänglich war und die sich durch „Unmittelbarkeit, Ehrlichkeit und Erfahrungshunger, exponiertes Ich anstelle eines lyrischen Ichs, Nähe zum Gegenstand, Alltag und Alltagssprache" auszeichnete.

 

Leserinkommentar:

Am 02.10.16 erhielt ich von Maria von Däniken (Autorin auf meet-my-life.net) nachfolgenden Kommentar, der mich freut, denn ich zweifelte lange, ob dieses Essay in meine Biographie gehört. Ich fand damals, dass Taten und Verhalten von Menschen, die sich für eine bessere Welt einsetzen, und dabei auch ihr eigenes Wohlergehen riskieren, nicht vergessen gehen sollten. Leider war ich zu solchen Taten nicht berufen, aber ich bewundere die wenigen Menschen, die diesen Mut haben. (John Lennon wurde aufgrund seiner pazifistischen Aktivitäten gegen den Vietnamkrieg um ein Haar aus den USA ausgewiesen.):

 

Auch dieser Essay über John Lennon bewegt mich. Ende 60-er, Anfang 70-er Jahre hörte ich zwar von John, fand aber damals: 1. zu dieser Art Musik (Beatles, John Lennon, Rolling Stones, ABBA, Elvis) keinen Zugang, schon weil der englischen Sprache nicht mächtig. Und 2. war ich viel zu fromm (war ja die Zeit meines Klostereintritts) um "solches Zeugs" zu hören. Zum Beispiel Elvis oder ABBA höre ich erst seit ich 50 bin wirklich gern..... Was aber hier bei John erstaunlich ist: "Give peace a chance" ist ja ein Rap. Er war also seiner Zeit voraus (hab es gerade auf YouTube gehört). Ich bin froh hier zu lesen was für ein Mensch John war, fragte ich mich doch oft, aus welchem Grund er eigentlich ermordet wurde. Ich glaube man weiss es nicht.... Eigentlich kannte ich nur "Imagine" von ihm, welches bei mir jedesmal Tränen auslöst, wenn ich es höre. Er war ein weiser Mensch mit Tiefgründigkeit, erfahre ich hier. Wenn ich lese: "Bekenntnis zum Ich und seiner subjektiven Erfahrungswelt....Unmittelbarkeit, Ehrlichkeit, Erfahrungshunger.......", genau das kann ich bei "meet-my-life.net" haben: Die grossartige Möglichkeit, tiefste Empfindungen und Gedanken offenzulegen, sofern ich mich denn soweit exponieren will und meine Angst vor dem simplen Mensch-sein überwunden habe.

(Maria von Däniken, 02.10.2016)

Wie leicht fiel es dir in deiner Jugend, Kontakte aufzubauen und zu pflegen?
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12.  Beziehungen in der Jugend

Wie leicht fiel es dir in deiner Jugend, Kontakte aufzubauen und zu pflegen?
Ich war im Knüpfen von Kontakten oder gar Freundschaften immer eher zurückhaltend, drängte mich nicht vor, beobachtete. Wirkliche Freundschaft pflegte ich Zeit meines Lebens nur mit Wenigen. Mit solchen, die mich nie enttäuschten bzw. solange sie mich nicht enttäuschten. (Ich bezweifle allerdings, dass ich selbst an mich in jeder Situation denselben Massstab angelegt habe ..., das müssen jedoch Andere beurteilen). Mit solchen echten Freunden war ich jedoch bereit, durch dick und dünn zu gehen. Irgendwie erwarb ich mir durch mein Verhalten völlig unabsichtlich auch eine gewisse Fähigkeit zur raschen Selektion, ob jemand zu mir passt oder nicht. Was mir in meinem späteren Berufsleben ungemein nützlich war. Ich darf behaupten, dass mir bei der Anstellung von Mitarbeitenden wenig Fehlgriffe unterliefen, obwohl ich mir meine Meinung immer sehr schnell bildete, ohne psychologische Tests, Referenzen oder Arbeitszeugnisse, die ich kaum je las.
 
 
Heute habe ich wenig Probleme, auf Menschen zuzugehen. Es macht mir sogar Spass, meine angeborene Zurückhaltung zu überwinden und auch einmal einfach so mit wildfremden Menschen zu sprechen. Das ist natürlich nicht dasselbe, wie einen Kontakt oder so etwas wie Freundschaft aufzubauen. Dafür braucht es für mich immer noch viel. Vielleicht, weil ich nicht enttäuscht werden will – oder selbst niemanden enttäuschen will. Ein "Networker" war ich deshalb nie und werde es auch nicht mehr.
Wenn du an deine Freunde denkst, welche sind dir über dein ganzes Leben gesehen die liebsten, nachhaltigsten? Weshalb?
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13.  Meine besten Freunde/Freundinnen

Wenn du an deine Freunde denkst, welche sind dir über dein ganzes Leben gesehen die liebsten, nachhaltigsten? Weshalb?
Ich war nie einer, der Freundschaften "ohne Grund" pflegte. Sowenig wie ich es nie darauf angelegt habe, möglichst viele Freunde und Bekannte zu haben.

Mit den diversen Heiraten und teilweise Kindern stellten sich die Beziehungen mit den St. Galler Freunden meiner Jugend auf Sparflamme. Erst  nach Aufgabe der Berufstätigkeit, also nach 2010, belebten sich erfreulicherweise die Kontakte wieder. Meine Freunde waren jedoch immer "da", verbunden mit vielen positiven Emotionen.

Meinem Sohn habe ich einmal (er muss so um die 20 gewesen sein)  den Rat gegeben, sich nicht von Freunden in seinen Ambitionen  "herunterziehen" zu lassen. Ich glaube, er hatte den nicht sehr präzisen Ratschlag verstanden und danach gelebt.

Interessanterweise fehlen in diesen Erinnerungen etwelche Hinweise auf Freundinnen. Tatsächlich war das für uns alle im damaligen St. Gallen (mit noch nach Geschlechtern getrennten Sekundarschulen) kein Thema. Natürlich schauten wir den Mädchen nach - aber einmal eines anzusprechen oder den Wunsch nach einer Freundin auch konkret umzusetzen? Unvorstellbar. Hinzu kam in meinem Fall, obwohl ich alles andere als ein Ausbund an Schönheit war, dass mir die Mädchen mit denen ich in Kontakt kam, allesamt nicht attraktiv und "spannend" genug waren und natürlich auch umgekehrt. (Die Hochglanzfotos im "Playboy" lassen grüssen ….). Nach und nach hat es dann doch geklappt, und Archie, Dieter, Julien und ich haben nach und nach und relativ jung geheiratet. Ich mit 24 Jahren, im klaren Wissen, dass ich mir diese "Chance" nicht von einem Andern wegschnappen lassen dürfe. Mein Gefühl hat gestimmt. Und bei meinen Freunden auch, gab es doch bisher keine Scheidungen – was vermutlich so bleiben dürfte.
Wie haben Freunde dein Leben geprägt oder mitgestaltet?
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13.  Meine besten Freunde/Freundinnen

Wie haben Freunde dein Leben geprägt oder mitgestaltet?
Ein Kreis von intelligenten, zuverlässigen, seriösen, ehrlichen, zielstrebigen, interessanten Menschen, die von Kollegen zu Vertrauten und dann zu Freunden werden, ist ein Glücksfall, der mir in meinen Teen- und frühen Twenjahren beschieden war. Jetzt, 2 Wochen vor meinem 70. Geburtstag, bin ich mir über die Bedeutung meiner engsten St. Galler Jugendfreunde, der "vaterlosen Gesellschaft", mehr denn je bewusst. Interessanterweise entwickelten sich nach meiner Heirat (mit 24) und der beruflichen Inanspruchnahme kaum mehr langanhaltende, zweckfreie Freundschaften.

Allesamt um die vier Jahre älter als ich, lernte ich von Ihnen Vieles, was mir mein elterliches Umfeld nicht bieten konnte: Für einen 11-Jährigen, Vater verstorben, Mutter fast Tag und Nacht an der Arbeit mit allen möglichen Jobs (und als lebenslustige junge Frau mit berechtigtem Anspruch auf minimales Vergnügen), dem zeitweise bei uns lebenden, unglaublich lieben Onkel Töni, leider aber alkoholkrank, (was seiner Gutmütigkeit keinen Abbruch tat), der sich von Job zu Job hangelte, war zu Hause nicht viel an Horizonterweiterung zu holen. Umso wichtiger wurde mein engster Freundeskreis. Zufälle? Oder vielleicht doch nicht, denn auf das Vielfache an anderen möglichen Freundschaften habe ich mich ja nicht eingelassen ...

Auf jeden Fall wird mein St. Galler Freundeskreis in der Rückschau immer bedeutungsvoller. Er weist auch eine interessante Besonderheit auf: Wir fünf waren alle früh aus unterschiedlichen Gründen "vaterlos", d.h. hatten alleinerziehende Mütter. Wir alle haben somit hautnah erlebt, was es damals für eine alleinstehende Frau hiess, Kinder rechtschaffen grosszuziehen. (Heute fast schon ein gängiges Familienmodell …). Demzufolge verfügten wir alle über viel eigene Zeit – und wenig Geld. Meine Freunde waren für mich irgendwie, obwohl ich mir dessen damals nicht bewusst war, wohl gleichzeitig ein wenig Vaterersatz wie auch ältere Brüder. Heute frage ich mich, was Sie wohl in mir als "jungen Schnaufer" sahen. Jetzt bin ich der letzte von uns, um gemeinsam den "Siebzigsten" zu feiern. Wie schön wäre es, wenn diese unglaublichen Mütter noch dabei sein könnten … 

Ich weiss nicht mehr genau, in welchen Jahren ich mit wem und auf welche Weise ich Bekanntschaft geschlossen haben. Das verbindende Element im ansonsten langweiligen St. Gallen war sicher der Fussball. Und die aufkommende "Beat"-Musik, mit dem in den 60er Jahren neu eröffneten "Africana". Zuerst war sicher Archie, ich glaube noch in der Primarschulzeit, vorwiegend auf der Spielwiese im "Froschpärkli".

Archie Jellinek: Er hat mit österreichischen Wurzeln (Wels in Oberösterreich), seinem Schmäh und Charme meinen Horizont geographisch wie auch kulturell erweitert. Er hatte das "gewisse Etwas", ein wenig Dandy (im positiven Sinn), Noblesse, gute Umgangsformen, Humor und eine ganz besondere Mischung aus schnellem Denken, Flexibilität und konsequenter Vernunft. Zudem war ihm Aggressivität fremd, die Freundlichkeit in Person. Mit ihm konnte man Pferde stehlen, was wir nie taten. Das "Schlimmste" was wir uns leisteten, war das wichtigtuerische Rauchen von "Rössli-Stumpen" an den sonntäglichen Matchbesuchen im "Krontal" als 16- oder 17-Jährige. In Jahren davor war er einmal aus meinem Blickfeld "verschwunden, niemand hatte dafür eine Erklärung. Eines Tages war er einfach wieder da.

Mit dem runden Leder fühlte er sich wohl; nicht gerade pfeilschnell mit einer soliden Ballbehandlung und ein zuverlässiger Passgeber mit Spielübersicht. Immer bereit für unseren Plauschfussball und Grümpeltourniere. Von ihm hörte ich dann viel über Rapid Wien, aber auch, dass es in Wien ein Raucherkino gäbe, wenn ich mich recht erinnere eines der frühen "Schmuddel-Kinos". (Das ich dann tatsächlich anlässlich eines viel späteren Aufenthaltes in dieser wunderbaren Stadt auch aufspürte …und enttäuscht über das Gebotene war.) Seinen Lebensentwurf für ein gediegenes Leben hat er ohne Umwege verfolgt: Solide Bank-Jobs, dann, vermutlich mit dem ersten Geld, ein beiger "Käfer", den er meistens mit Anzug, Cravatte und an den Fingerspitzen offenen mit Luftlöchlein versehenen Lederhandschuhen fuhr. Und es uns damit ermöglichte, zu fünft in dem engen Auto zusammengepfercht Fussballspiele zu besuchen, u.a. Stuttgart gegen Schalke 04 in der noch jungen Bundesliga.

Dieter Wolf, der in mir als Teenager die Liebe zu Literatur weckte (und mich auch mit klassischer Musk vertraut machte), und mit dem ich über alles reden konnte, insbesondere auch über meine Zukunftspläne. Mit dem ich auch früh, so mit 16 oder 17 Jahren, regelmässig eine Flasche Wein trank. Wenn's ging, St-Emilion. Oft auch über Mitternacht hinaus, ohne dass ich (in meiner Erinnerung) je betrunken war. (Meine Mutter hat nie nachgefragt, wo ich war oder wann ich nach Hause gekommen sei.) Er war der einzige, der einen eigenen Haushalt führte, immer in relativ gediegenen kleinen Wohnungen. Irgendwie imponierte mir seine Selbständigkeit und damit auch Reife gewaltig. (Alles zu lesen auf meet-my-life.net). Wir spielten regelmässig Schach, und mit grossem Wissensdurst sog ich von ihm (als Buchhändler) das Neueste über die gerade aufsteigenden Kometen am literarischen Firmament auf. Natürlich Max Frisch aber auch Ernst Jandl.

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t-t-t-t
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grrrmmmmm
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schtzngrmm
schtzngrmm
tssssssssssssss
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scht
scht
t-t-t-t-t-t-t-t-t-t
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t-t-t-t-t-t-t-t-t-t
scht
scht
scht
scht
scht
grrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr
t-tt

(Ernst Jandl wurde am 1. August 1925 in Wien geboren. Nach dem Besuch der Höheren Schule, war er gezwungen ab 1943 seinen Militärdienst an der Front abzuleisten und geriet in amerikanische Kriegsgefangenschaft, aus der er 1946 entlassen wurde.)

Zu den Highlights gehörte natürlich auch, dass er mich nach der RS, als ich, finanziell völlig ausgehungert nach 17 Wochen mit 2 oder 3 Franken Militärsold pro Tag, zwei Monate in St. Gallen arbeitete, bei sich in der Lustmühle wohnen liesse. Gratis und im Schlafzimmer, während er es sich während der ganzen Zeit auf einer faltbaren Pritsche im Wohnzimmer (un)bequem machte. Ich übernahm als kleine Gegenleistung an manchen Abenden die Küchenarbeit.

Andy Franz, der einzige, der in einem richtigen Fussballclub war (SC Brühl), damit wirklich Fussball spielen konnte und etwas davon verstand. Ohne dass er uns "Amateuren" das fühlen liess. Seine norditalienischen Wurzeln, merkte man ihm nicht an, war er doch vermutlich von uns allen der Besonnenste und von bemerkenswerter Gründlichkeit und Genauigkeit. Grundsolide und schnörkellos. Mein Horizont erweiterte sich mit ihm nicht nur durch diese gradlinige Wesensart, sondern vor allem auch um Formel 1 und den FC Liverpool. Vermutlich dank ihm tranken wir im samstäglichen Ausgang nie über den Durst ("Weisse mit Schuss" war in der Corso-Bar gerade "in") und kamen beizeiten nach Hause. An einem Abend trafen wir mit einigen "Banker-Typen" zusammen. Anschliessend warnte er Archie und mich, von diesen die Hände zu lassen, da sie Amphetamin konsumierten. (Ich hatte natürlich keine Ahnung, was das war, habe aber die "väterliche" Warnung ernst genommen.)

Die Brüder "Tü" (Hoss) und Julien Millischer. Von diesen frühen St. Galler Musikpäpsten ist leider Tü" viel zu früh verstorben. Er war es, der mir ab und zu Platten aus seiner immensen Sammlung borgte, das Highlight natürlich Sgt. Pepper. Ihm verdanke ich auch, dass mich sein in London arbeitender Bruder Julien 1970, während meines dreimonatigen London-Sprachaufenthaltes nach dem Lehrabschluss, unter seine Fittiche nahm. Der Umzug von der St. Galler-Provinz nach London in sein typisches, etwas heruntergekommenes Flat an der Goodge-Street war atemberaubend. (Über den Wechsel an den Goodge-Place berichte ich an anderer Stelle …. Wie auch über meine Birchermüesli und Omeletten, mit denen ich Julien und Maxe Keller an manchen Abenden verwöhnte ...). Interessanterweise bestand auch er während meinen Wochen in der Goodge-Street darauf, dass ich im grossen Bett schlafen soll und er mit dem schmalen Bett im Miniaturwohnzimmer vorliebnahm. (Woran er sich aber nicht mehr erinnert …). Es war mir nicht recht, aber wie bei Dieter, ein halbes Jahr später, half alles protestieren nichts. Dank ihm die wachsende und bis heute gepflegte Freude an der damals aktuellen Musikszene (60er und 70er Jahre). Den "Melody Maker" zu lesen und die wichtigsten Bands und die Namen der Musiker zu kennen war allerdings Pflicht, wollte ich mitreden können. 

Aus diesem meinem St. Galler-Freundeskreis war er der "mutigste", meines Wissens der einzige, der "Joints" rauchte - wie er meint, allerdings etwas später. Er erzählte mir auf jeden Fall von lustigen Triperfahrungen - machte aber nie eine Andeutung oder gar ein Angebot, dass ich es auch versuchen sollte, wofür ich ihm vermutlich dankbar sein muss.

Später, zurück in Zürich, gemeinsam etwas Fussball beim FC Wipkingen (ich eigentlich nur trainingshalber) und dann musste er auch noch als Trauzeuge bei meiner Hochzeit mit Vicenta im Stadthaus Zürich herhalten, was er ohne Murren trotz der absolut fehlenden Feierlichkeit (mangels Geld) tat.

Karli Forrer. Eine noch etwas frühere "Separatfreundschaft", aber deswegen nicht weniger intensiv. Ein von mir hochgeschätzter Freund von unendlicher Sanftmut. Noch während seiner Realschulzeit half er seinen Eltern, jeweils in der Nacht den Bahnhof St. Gallen zu reinigen. Nach einigen Stunden Schlaf war er dann immer für alles zu haben. Auch für den andernorts beschriebenen Tagesausflug von St. Gallen nach Zürich per Autostopp. Aber vor allem für unzählige Stunden auf dem Fussballplatz ("Buecheli"), wo wir beide allein endlos Direktabnahmen übten. Auch in tiefstem Schnee … Zudem hatte er ein Moped, mit dem er mich via an der Lenkstange meines Velos befestigter Schnur (verbotenerweise) ziehen konnte.

Ihm verdanke ich unter anderem noch im Sekundarschulalter und noch vor den Beatles den "Einstieg" in die damalige Schlager- und Popmusik, speziell Jerry Lee Lewis. Mit meinem Billig-Transistorradio und einem langen Kupferkabel, das über alle vier Wände meines Schlafzimmers gespannt war, spürten wir dann über das krosende knackende KW oder LW (UKW kam glaube ich erst auf) den neuesten Songs und Interpreten nach. Auch die Deutsche Hitparade war absolut kein Tabu: Freddy Quinn, Rex Guildo, Conny Froboess … Hinzu kamen die Klamaukfilme von Jerry Lewis, Peter Alexander und Gunther Philipp, die in einem Vorstadtkino im "Neudorf" günstig zu sehen waren.

Sie alle waren und sind Freunde, die mich niemals enttäuscht haben, die mich (meines Wissens) nie belogen haben und mit denen ich, aus meiner Erinnerung, nicht ein einziges Mal gestritten habe. Ich habe von ihnen allen unendlich viel mehr erhalten als sie von mir. Aber was hatte ich schon zu bieten?

 


(1) Die St. Galler Freunde anlässlich des 75. Geburtstages von Andy in Olten (im Hintergrund Aarburg). V.r.n.l.: Richard (Archie) Jellinek, Hanspeter (Julien) Millischer, Dieter (Volker) Wolf, der Einladende Andreas (Andy) Franz und meine Wenigkeit, inkl. "Coronabeule".

Die St. Galler Freunde anlässlich des 75. Geburtstages von Andy in Olten (im Hintergrund Aarburg). V.r.n.l.: Richard (Archie) Jellinek, Hanspeter (Julien) Millischer, Dieter (Volker) Wolf, der Einladende Andreas (Andy) Franz und meine Wenigkeit, inkl. "Coronabeule".

 

 

(2) Der Dandy mit dem von Andy gewonnen Bier für den Tipp: Italien Fussball-Europameister. Ratshauskeller Olten 3.9.2021. Fotograph: Richard Jellinek

Der Dandy mit dem von Andy gewonnen Bier für den Tipp: Italien Fussball-Europameister. Ratshauskeller Olten 3.9.2021. Fotograph: Richard Jellinek

 

 

Welche Erinnerungen hast du an deinen letzten Schultag der obligatorischen Schulzeit?
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14.  Lehr- und Wanderjahre

Welche Erinnerungen hast du an deinen letzten Schultag der obligatorischen Schulzeit?

Mein letzter Schultag im Bürgli war erfüllt mit einem Glücksgefühl, wie ich es noch kaum zuvor erlebt hatte. Weit grösser als später der durchaus euphorisierende Bescheid, dass ich die Maturitätsprüfung bestanden habe und damit zum Universitätsstudium in Zürich zugelassen war. Ich konnte es kaum glauben, als ich zum letzten Mal das düstere Sekundarschulhaus verliess. Eine tonnenschwere Last fiel mir von Schultern und Geist! Ich ging, oder fuhr mit dem Fahrrad, nach Hause. Wie üblich war niemand da. Ich zog meine Turnhosen an und ging mit meinem Fussball ins "Buecheli". Auch da niemand, ausnahmsweise nicht einmal Karli Forrer. Ich drippelte ein wenig herum, dann legte ich mich unter einen Baum und blickte durch die Äste in den blauen Himmel. Einfach so, federleicht. Die Äste bildeten ein wunderbar ziseliertes Ornament. Was für ein Gefühl, nicht mehr an Caviezel und den ganzen Alptraum der letzten drei Jahre denken zu müssen. Die Gewissheit, eine Lehrstelle zu haben und zuvor noch ein Jahr in Neuchâtel zu verbringen; bereits in einigen Wochen, nach den Sommerferien. Es konnte nur besser kommen – und das kam es auch.

Was hast du nach Abschluss der obligatorischen Schulzeit gemacht?
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14.  Lehr- und Wanderjahre

Was hast du nach Abschluss der obligatorischen Schulzeit gemacht?

Meine kaufmännische Lehre nach dem regenerierenden Welschlandjahr war wunderbar. Ich kam von dort psychisch erholt nach St. Gallen zurück, begierig, endlich etwas zu arbeiten, und eigenes Geld zu verdienen. Im ersten Lehrjahr 150 Fr., im zweiten 185 und im dritten 300. Ich vereinbarte mit meiner Mutter, dass ich es behalten könne, aber selbst für Kleidung sorgen würde. Das führte allerdings dazu, dass ich immer noch mehrere Tage das gleiche Hemd und vermutlich auch die gleiche Unterwäsche und Socken trug. Was keine Absicht war; ich war mir nichts anderes gewohnt. Zusammen mit der mangelhaften Körperhygiene, zu Hause gab es immer noch kein Badezimmer und nur Kaltwasser, keine ideale Kombination. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass erst meine zukünftige Frau mir beibrachte, Wäsche und Hemden konsequent täglich zu wechseln. Ich selbst war einfach nie auf diese Idee gekommen. Natürlich hing dies auch mit dem Waschkomfort und der Häufigkeit des Wäschewaschens zusammen. Noch zu meiner Lehrzeit hatten wir immer noch unseren ersten alten Toplader in der Küche stehen. Wo immer wir später auch wohnten, gab es dann leistungsfähige Waschmaschinen und richtige Waschküchen.

 

Dass der Lehrantritt nicht noch scheiterte, hatte ich indirekt meinem Vater zu verdanken, wie wenn er doch noch aus dem Jenseits etwas für mich hätte tun wollen. Eigentlich hatte das Reisebüro schon für 1967 eine Lehrtochter eingestellt, aber der damalige Geschäftsführer, Hr. Eigenmann, gab mir trotzdem einen Lehrvertrag. Er kannte meinen Vater, Jules, aus dem Tischtennisclub. (Meine Mutter bemerkte später einmal, dass sie sich gewundert habe, dass ich die Stelle erhalten habe, da er mit meinem Vater nicht gut ausgekommen sei.) Offenbar war eine gehörige Portion Mitleid im Spiel gegenüber der Witwe und dem Sohn von Jules, oder mein Vater hat für ein schlechtes Gewissen gesorgt. Jedenfalls liess er sich auch von meinem nicht gerade berauschenden Sekundarschulzeugnis nicht beirren. Meine Mutter hatte nämlich darauf bestanden, dass ich ihn darauf aufmerksam machen müsse, dass ich den Übertritt in die Dritte Sekundarschulstufe nur provisorisch geschafft hätte. Er nahm diese fast schon übertriebene Ehrlichkeit leicht schmunzelnd zur Kenntnis. Und für mich war es eine unglaublich nützliche Lektion, niemals zu versuchen, etwas zu verheimlichen, sondern im Gegenteil, natürliche Offenheit zu einer Art Markenzeichen zu machen. Eine der pragmatischen Lebensweisheit meiner Mutter: Lieber sofort wissen, wie jemand auf etwas reagiert, als Zeit zu verlieren.

 

Mein Lehrmeister war dann Theo Elmiger. Er war Geschäftsführer, und seine Frau besorgte die Buchhaltung und die administrativen Belange. Beides äusserst liebenswürdige Menschen, die sich herzlich um die Lehrlinge kümmerten. Und davon gab es mehr als Angestellte ... Mit andern Worten, das dem Christlichen Gewerkschaftsbund gehörende Reisebüro hielt sich dank guten Lehrlingen, die günstig arbeiteten, über Wasser.

 

Wir waren späteren Forderungen nach Frauenquoten weit voraus: ich war seit Jahren der einzige Lehrling! Und wie ich das genoss, mich so langsam an das andere Geschlecht heranzutasten. Besonders gefiel mir, dass sich die Mädchen bei mir über die jeweils anderen beschwerten. Ich zeigte immer grosses Verständnis und ergriff natürlich immer die Partei der Klagenden. Bis sich die Mädchen einmal aussprachen und mein doppeltes Spiel durchschauten. Zerknirscht versuchte ich den Schaden mit Pralinen wieder zu kitten. Aber auch so interessierte sich leider keine näher für mich ...

 

Bereits im zweiten Lehrjahr wurden wir als vollwertige Angestellte eingesetzt. Und wie wir das genossen! Als ich die erste Flugticketabrechnung allein machen durfte, eine monatlich wiederkehrende komplizierte Angelegenheit, die höchster Konzentration bedurfte, ging ich nicht nach Hause, bis ich sie erledigt hatte. Es war 0100 Uhr, als ich sie dem Chef an seinen Arbeitsplatz legte, damit er sie am Morgen vorfinden würde. Von da an wurde ich definitiv nicht mehr als Lehrling behandelt. Allerdings war ich damit auch zum Spezialisten für diese undankbare Aufgabe mutiert ... Für mich genau das Richtige, denn ich lechzte buchstäblich nach Verantwortung, zog alles auf wie ein Schwamm.

 

Auch in der Schule ging es mit dem Wissen aus der Ecole Supérieure de Commerce im Rücken blendend. Ich belegte jeden Abend einen der Sprachkurse: Italienisch, Spanisch und natürlich Englisch. Ich hielt dies für einen Reisefachmann für selbstverständlich. Später erleichterte es mir, meine spanische Frau kennenzulernen und das Italienisch half mir bei der Maturitätsprüfung, an der dies die dritte obligatorische Fremdsprache war. Aber das wusste ich damals noch nicht. Ein frühes Beispiel, wie mir alles, was ich je tat, irgendwann später wieder nützlich war.

 

Die Lehre verging wie im Flug. Es war mir klar, dass ich die drei Monate bis zur Rekrutenschule nach England zur Perfektionierung meines Englischen gehen würde. Nach der Lehre wollte ich in einer anderen Branche arbeiten und Erfahrungen sammeln. Endlich Geld verdienen. Gute Monatslöhne für Lehrabgänger bewegten sich damals zwischen 1000 und 1300 Franken. Sogar für junge Leute, die so aussahen:

 


(1) Ich um 1970 mit John Lennon-Brille. In diesem Alter habe ich zudem fast alle möglichen Bartmodelle ausprobiert.

Ich um 1970 mit John Lennon-Brille. In diesem Alter habe ich zudem fast alle möglichen Bartmodelle ausprobiert.

 

Mit welcher Einstellung bist du in die Rekrutenschule eingerückt?
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15.  Armee

Mit welcher Einstellung bist du in die Rekrutenschule eingerückt?

Zu meinen liebsten Lektüren in den Primarschuljahren gehörte auch das kleine grüne Soldatenbuch meines Vaters. Ich kannte es fast auswendig. Den Artilleriebogenschuss, das Verhalten bei Gas- oder Atomangriff, das Zusammenspiel von Infanterie und Panzerbrigaden. Verbandarten bei Verletzungen, Abzeichen, militärische Grade und und und. Man kann also nicht sagen, dass ich kein grundlegendes Interesse am Militär gehabt hätte. Bis ich dann tatsächlich im Sommer 1970 Rekrut wurde.

 

Ich war also durchaus nicht abgeneigt, nach meiner Rückkehr aus London in die Artillerie-Übermittler-Rekrutenschule in Frauenfeld einzurücken. Wenn auch ohne die geringsten Ambitionen auf eine militärische Karriere. Zum Glück konnte ich während dieser Zeit bei meiner Mutter im Haus ihres Lebenspartners, Walti Honegger, dem Paten meines Bruders, in Räterschen wohnen. Sofern meine Mutter nicht heimlich einen Obolus entrichtet hat, gratis.

 

Wir wurden vor der Kaserne versammelt, noch in zivil mit unserem Gepäck, mit langen Haaren.  Dann begann es: Fassen von diesem und jenem. Antreten hier, ablegen dort, umkleiden, marsch marsch marsch. Tenü Turnen. Mir nach. Anstehen, anprobieren, austreten. Notieren, wer zum Coiffeur musste. Warten. Hopp, hopp. Die ersten Anschisse. Kasernenhofton. Keine Widerrede. Wie heisst er! Grüssen. Kann er auch Grüssen!! (Keineswegs als Fragen zu verstehen.) Daher! DAHEEER! Wie heisst es! Rechts um! Vorwärts marsch! Anmelden! Abmelden! Nach knapp zwei Stunden war mein Enthusiasmus für alles Militärische für immer verflogen. Und mein Entscheid definitiv gefällt: keinen Tag länger als nötig in diesem "Verein" zu verbringen. Ich hatte nicht bedacht, dass ich seit bald 10 Jahren mehr oder weniger ohne Vorschriften lebte, was ich wie zu tun hätte. Zu selbständig und frei hatte ich gelebt, ganz besonders die letzten drei Monate im Flower-Power-London des Jahres 1970.

 

Ich tat alles, um dem Weitermachen zu entkommen. Was mir offenbar nicht schlecht gelang, denn mit meinem einfachen "Nein" gegen Schluss der RS gab man sich zufrieden.

Wie war der militärische Alltag?
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15.  Armee

Wie war der militärische Alltag?

Ich habe tatsächlich am eigenen Leib erlebt, dass der Witz vom Anschiss wegen einer nicht korrekt ausgerichteten Zahnbürste militärischer Alltag war. An einer Zimmerinspektion wurde ich allen Ernstes vor versammelter Kompanie gemassregelt, weil meine Zahnbürste nicht im Glas steckte, sondern direkt neben dem Glas lag. Ein späteres Erlebnis hat dann meine Abneigung gegenüber dem militärischen Betrieb definitiv gefestigt. Gegen Ende der Rekrutenschule übten wir mit der ganzen Kompagnie mehrtätige Verlegungen. Ich war glücklicherweise mit zwei weiteren als "Zentralist" auserkoren. Dies war der mit Abstand beste "Job", den man sich für die anstehende Verlegung denken konnte, weil wir damit immer zum Vorausdetachement gehörten, das unser KP (Kommandoposten/Kompaniebüro) für den nachrückenden Kommandanten und seinen Stab einrichten musste. Speziell die Telefonzentrale, die wir dann Tag und Nacht bedienen mussten. Also immer vorausfahren und sich nach dem Einrichten einen feinen Schlafplatz für die Nacht reservieren.

 

Einmal hatten wir den Zusatzjob gefasst, bei der Bereitstellung des Nachtessens für die nachrückenden Kameraden zu helfen, was ich gerne tat. Ich beschaffte mir vom Bauern, wo unser KP eingerichtet war, einige Dutzend Eier, um das magere Essen noch etwas aufzupeppen. Die Bauersfrau gab sie mir zu einem Spottpreis, den ich aus meinem Sold, immerhin CHF 2 pro Tag, berappte. Wir kochten sie (in der Küche der Bäuerin) und jeder kriegte sein Ei zum Salat. Irgendwie erfuhr unser Zugführer von meiner Initiative, und ich freute mich wirklich über das Lob. Vielleicht das erste und einzige in der ganzen RS. Am Samstag darauf, im Kasernenhof Frauenfeld, beim Abtreten fiel es dem Herrn Leutnant dann noch ein, er könnte nochmals die Haarlänge kontrollieren. Er schritt also die in Achtungsstellung ausgerichteten Reihe der Rekruten ab und am Schluss hiess es: "Rekrut Bohli zum Coiffeur und nachher im Wachbüro abmelden." Als einziger und wie mir die Kameraden versicherten mit durchaus normal langen Haaren. Es musste einfach ein Exempel statuiert werden. Aber ausgerechnet an mir, nach meiner "Heldentat"? Ich durfte dann zwei Stunden später auch nach Hause.

 

Der erste und der zweite dreiwöchige Wiederholungkurs waren nicht viel besser als die Rekrutenschule. Nur noch wesentlich langweiliger und eintöniger. Übermittlungsantennen aufstellen, abbrechen und wieder aufstellen, Telefondrähte verlegen und wieder aufrollen. Linienkontrollen. Wenn man schneller war als die andern, dann nochmals aufstellen. War man langsamer, am Abend nachexerzieren. Das beste war noch das dürftige Schiesstraining. (Wo ich einmal auf die falsche Scheibe schoss, was mir einen Nuller und einen Anschiss einbrachte und dem Schützen links von mir die Maximalpunktzahl.)

 

Dann hörte ich zum Glück etwas von "Fourier-Gehilfe", einer Zusatzausbildung. Fouriergehilfen sassen im KP und wohnten nicht im Massenlager bei der Truppe. Sie assen meistens im Restaurant. Und wurden irgendwann automatisch Gefreite. Ich war elektrisiert und schrieb meinem Kommandanten und beantragte, mich in diesen Kurs zu schicken, deutete gar eine Militärdienstverweigerung an, da ich den normalen Betrieb nicht aushielte. Was auch immer ich für Argumente verwendete – es funktionierte, und ich erhielt anstelle des normalen Wiederholungskurses ein Aufgebot nach Aarau in die Fouriergehilfenschule. What a change! Richtige Schule, ein normaler, fast schon ziviler Umgang mit den Instruktoren, alles vernünftige Leute. Täglich Sport, geregelter Ausgang am Abend. Schlafen in der Kaserne, zwar alle 10 oder 12 in einem Raum, aber doch in richtigen Betten. Durchaus ernsthafter Unterricht, aber alles hatte seinen Sinn und Zweck, nämlich über die Truppen Buch zu führen, Verpflegung und Unterkunft zu sichern, den Sold rechtzeitig auszuzahlen. Letztlich, den Fourieren zu ermöglichen, nicht im Büro zu sitzen. (Was sie auch weidlich ausnutzten.)

 

Und dann die Wiederholungskurse in meiner Kompanie! Ein eigenes Zimmer, den ganzen Tag im warmen Büro. Mittagessen und Nachtessen und "Znüni" und "Zvieri" im Restaurant, wo wir mit unserem KP einquartiert waren. Meistens im Hirschen in Wil. Weil das Telefon immer besetzt sein musste, sorgten wir jeweils bei der Installation für ein 30m langes Telefonkabel. Damit konnten wir das Telefon sowohl ins Restaurant, z. B. zum abendlichen Kartenspiel, der Fassade entlang ab- und hochseilen. Auch – und dies war am wichtigsten – hinauf in mein Einzelzimmer im oberen Stock. In unserem KP musste niemand auf einer Matratze am Boden schlafen.

 

Der Kompaniekommandant, Näf, war ein feiner Mensch. So lange alles funktionierte, die Telefone immer rassig abgenommen wurden ("Kompaniebüro Stabskompanie Grenzdivision 7, Fouriergehilfe Bohli"), die Soldaten und Offiziere pünktlich ihren korrekt berechneten Sold erhielten, etc., liess er uns gewähren. Ich konnte täglich auf den Vita-Parcours; musste nie zu Schiessübungen, ganz selten an den Appell. Höchstens an den Schlussappell, bevor es nach Hause ging! Tatsächlich habe ich mit meiner Pistole, die ich gegen mein Sturmgewehr eintauschen konnte, erst rund 30 Jahre später zum ersten Mal, und nur ein Magazin, geschossen. Fouriergehilfe war meine Rettung vor dem stumpfsinnigen Militärbetrieb, gab mir jedoch auch aus einem Beobachterstatus durchaus wertvolle Einblicke in die militärische Organisation und den Führungsprozess. Vor allem auch dank einem der Wiederholungskurse, den ich wegen einer studiumbedingten Verschiebung in einem Generalstabskurs in Wimmis absolvierte statt in meiner Einheit. Als vollwertiger Fourierersatz. Genüsslich verfolgte ich die Schlaucherei der angehenden Generalstabsoffiziere. Zweimal pro Woche durfte ich nach Zürich an meine Doktorandenseminare fahren mit anschliessender Übernachtung zu Hause. Ich hatte die militärische Frage für mich perfekt gelöst.

 

Mit der Lektüre von Clausewitz und den Schriften Friedrichs des Grossen verstand ich später die militärische Doktrin besser: bedingungslose Unterordnung des Individuums unter die absolute Befehlsgewalt der Vorgesetzten. Automatisches und willenloses Gehorchen. Selbstaufgabe bei der Verteidigung eines übergeordnetem Ganzen: Unsere Freiheit und unser Vermögen. Wessen Freiheit und Vermögen? Frei war ich ausserhalb des Militärs und Vermögen hatte ich keines. Doch allzu ernsthafte Gedanken darüber wollte ich mir nicht machen. "Linkes" Gedankengut interessierte mich nicht, obwohl es wenige Jahre nach den "68ern" allenthalben präsent war.

Wie gestaltete sich deine Entlassung aus der Armee? Welche Gefühle hattest du?
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15.  Armee

Wie gestaltete sich deine Entlassung aus der Armee? Welche Gefühle hattest du?

Meine Entlassung aus der Armee, wurde am 31.12.1995, also mit 45 Jahren, mit einem Stempel im Militärbüchlein bestätigt: "Unter bester Verdankung für die geleisteten Dienste aus der Wehrpflicht entlassen. Militärdirektion Zürich." Der Tag war von zwei Gefühlen geprägt. Erstens, dass ich von einem Ernsteinsatz verschont geblieben war und zweitens, dass es dabei bleiben würde. Ich hatte ja alle 8 Wiederholungskurse, bzw. die notwendigen 329 Diensttage und die jährlichen Schiessübungen (das "Obligatorische") geleistet. Ich fühlte eine grosse Erleichterung, am Vortag alles zusammenzupacken für die Abgabe am nächsten Tag im Hallenstadion, wenige hundert Meter von unserer Wohnung entfernt. Doch etwas fehlte: Die Konservendose mit den 25 Schuss Munition für meine Pistole. Alles Suchen half nichts, ich hatte sie zu gut versteckt, vorschriftsgemäss weit entfernt von der Waffe, die da war.

 

Bei der Abgabe marschierten wir in Reihe an Containern vorbei, in die wir alles reinwarfen. Hosen, Jacken, Regenschutz, Schuhe, usw. Beim Container für die Munition angelangt, meldete ich meinen Verlust. Zu meiner Verwunderung beschied mir der Soldat, ich soll einfach weitergehen. Dann wurde ich gefragt, ob ich die Waffe behalten wolle, was ich bejahte. Sie war ja unbenutzt. Ich widerstand dann auch den Angeboten der Waffenhändler, die vor dem Hallenstadion die Waffen der herausströmenden Soldaten aufkauften. Dies nachdem wir mit Ansprache, Marschmusik, Kartoffelsalat und Wienerwürstchen verabschiedet worden waren.

 

Später fand ich dann die Munition doch wieder, so dass ich seither mit meiner früheren Dienstwaffe und Munition mein Haus beschützen könnte.

Was war deine Motivation für ein Studium?
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16.  Universität, Hochschule

Was war deine Motivation für ein Studium?

Die Matura hatte ich einzig und allein zum Zweck eines nachfolgenden Betriebswirtschaftsstudiums nachgeholt. Ich war wirklich beseelt vom Wunsch, zu lernen, wie man Geschäfte macht, Firmen organisiert und führt. Dahinter stand weniger der Gedanke an eine Berufskarriere, sondern mich beruflich breiter abzustützen, Optionen zu kreieren. Als mir schon früh im Studium ein Kommilitone eröffnete, dass er Finanzchef werden wolle, war ich tief beeindruckt, hatte ich doch überhaupt keine derartigen Zielvorstellungen. Ich wollte ganz einfach ein "Handwerk" lernen und dann schauen, wozu ich taugte. Eigentlich wollte ich ja wieder zurück in die (geliebte) Reisebranche, was sich dann später als Illusion herausstellte. Es war in den 1970er Jahren noch keine Branche für "Studierte" oder gar Doktoren.

 

Wie war der Unterricht? An welche Seminare und Vorlesungen erinnerst du dich noch?
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16.  Universität, Hochschule

Wie war der Unterricht? An welche Seminare und Vorlesungen erinnerst du dich noch?

Gelegenheit, meinen neuen Beruf von Grund auf zu lernen, bot sich tatsächlich und befriedigte mich enorm. Zwar benutzten Urs Treichler und ich die langweiligen Vorlesungen in Kostenrechnen um 0900 regelmässig, um ins Zürcher Oberland zum Skifahren zu gehen. (Er hatte einen schnittigen Alfa Romeo.) Um 1400 waren wir dann für die nächste, spannendere Vorlesung wieder an der Uni. Nicht, dass Kostenrechnen mich nicht interessiert hätte, wir konnten das ganz einfach genauso gut im Heimstudium büffeln. Interessanter waren hingegen die Veranstaltungen in Wirtschaftsrecht (Prof. Forstmoser) oder Investitionsrechnung (Prof. Rühli). Ganz abgesehen von den Marketing-Seminaren (Prof. Krulis-Randa) im kleinsten Kreise. Die Pflichtlektüre der dicken Schunken "Heinen" (Industriebetriebslehre) und "Kotler" (Marketing)war für mich eine Offenbarung. Und zunehmend brannte ich dann darauf, dies alles in die Praxis umzusetzen.  

Warst du ein guter und fleissiger Student?
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16.  Universität, Hochschule

Warst du ein guter und fleissiger Student?

Meinem Fleiss wurde dadurch eine natürliche Limite gesetzt, dass ich während den ersten gut zwei Studienjahren meinen Lebensunterhalt mit einem 50 %-Pensum als Redaktor der "Finanz und Wirtschaft" verdiente. Es bedeute jedoch vor allem, dass ich meine Zeit effizient einzuteilen lernte, zwischen Arbeit und Uni hin- und herpendelte und keine Zeit beim Jassen im Lichthof verbrachte. (Ich war ja auch schon verheiratet und bald einmal Vater.) Die Arbeit beim damals aktivsten Wirtschaftsblatt ergänzte die an der Uni gehörte Theorie in hervorragender Weise. Es war wie ein studienbegleitendes Praktikum. Das erstaunliche war, dass man mir in der Redaktion nie zu verstehen gab, dass ich ja "nur" ein Student wäre, während alle andern mit Abschlüssen und Doktortiteln glänzten. Es zählte nur die Qualität der Artikel und der Recherchen, auch das eine wertvolle gegenseitige Bereicherung von Studium und Arbeit.

 

Die Prioritäten waren für mich jedoch immer klar. Als man mir in der Redaktion weitere Verantwortungen, die auch mehr Arbeitszeit erfordert hätte, anbot, lehnte ich ab. Wir fanden eine Lösung, dass ich während den letzten 18 Monaten meines Studiums nicht mehr als Redaktor arbeitete, sondern als freier Mitarbeiter von zu Hause aus. In dieser Zeit konzentrierte ich mich wirklich auf das Studium und begann relativ früh, den ganzen Stoff zu repetieren und mich auf die Lizentiatsprüfung vorzubereiten. Teilweise schlossen wir uns dafür zu kleinen Lerngruppen zusammen, was ein gutes Gefühl gab, wie ich im Vergleich zu den Mitstudierenden stand. Ich stellte mit Genugtuung fest, dass ich "dabei war", auch wenn ich nicht wie andere akribisch Zettelkästchen füllte. Letztlich ging es mir weniger um taktisches Wissen, sondern um nachhaltiges Lernen eines neuen Handwerks. Auch die Abschlussnote war für mich nebensächlich. Früh genug hatte ich festgestellt, dass man unternehmerisches Denken und Handeln, Intuition, Menschenkenntnis und was es sonst noch braucht, um ein Geschäft erfolgreich zu führen und auszubauen, nicht an der Uni lernen konnte. 

Wie lange hast du gebraucht, um das Studium abzuschliessen, und wie ging es dann weiter?
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16.  Universität, Hochschule

Wie lange hast du gebraucht, um das Studium abzuschliessen, und wie ging es dann weiter?

Aufgrund meiner finanziellen Lage, ohne Ersparnisse, gab es für mich nur eines: in der kürzest möglichen Zeit abzuschliessen. Nachdem mir dies schon für die Matura gelungen war (nicht einmal 2 Jahre) war für mich klar: 4 Semester bis zur Vorprüfung und – falls ich diese bestehen würde – nochmals 4 Semester bis zum Abschluss. Damals das Minimum. So sehr ich den Abschluss auch herbeisehnte und so gross der Stein war, der mir nach den Lizentiatsprüfungen vom Herzen viel, vergass ich den Tag der Diplomübergabe glatt. Damals nahm man das noch ausserordentlich übel. Ich musste eine schriftliche Begründung mit Entschuldigung schreiben und durfte dann betont formlos mein Diplom abholen wie irgendein Stück Papier, was es ja auch war.

 

Das "cum laude" war gemessen am limitierten zeitlichen Einsatz, den ich für das Studium leisten konnte, das Optimum. Vor allem genügte mir die 5 in Marketing, um mich für ein Doktoratsstudium in diesem Fach zu immatrikulieren, nachdem sich Prof. Krulis-Randa dazu ohne Umschweife als "Doktorvater" zur Verfügung gestellt hatte. Allerdings wartete ich damit, bis ich meine erste Stelle bei Unilever auf sicher hatte. Und ehrlicherweise kann ich sagen, dass ich bei der Stellenbewerbung diesen Entschluss noch nicht gefasst hatte. Man legte mir jedoch keine Steine in den Weg, als ich meinem Vorgesetzten Toni Müller über meine Absicht informierte. Lediglich, als ich um einen Beitrag an die Studiengebühren nachfragte, bedeute man mir von der Personalabteilung, dass schon viele an diesem Vorhaben gescheitert seien, und ich sollte zuerst einmal abschliessen. (Was ein zusätzlicher Ansporn war und tatsächlich wurde mir später ein schöner Teil der Kosten meines Zusatzstudiums ausbezahlt.) Meine Einstellung dem Doktoratsstudium gegenüber war sehr locker: einmal versuchen, wie weit du kommst. Klappt es, ist es wunderbar. Wird es zu streng, kannst du jederzeit aufhören. Zum Glück, und dank meiner Frau, die mir alles abnahm, was nicht zu meiner Arbeit und meinem Studium gehörte, klappte es. Allerdings auch dank meiner Vorgesetzten bei Unilever, die mir erlaubten, meine Dissertation von einer Sekretärin ins Reine tippen zu lassen. (Die an dieser Zusatzarbeit allerdings keine grosse Freude hatte, aber trotzdem eine unschätzbare Hilfe war.) Immerhin schrieb sie auf einer Schreibmaschine, die den Text auf Magnetkarten speichern konnte, so dass Überarbeitungen relativ effizient vonstattengingen. (Ich sollte später in meiner Funktion als Generalsekretär konzernweit der erste sein, der bei Unilever die ersten "richtigen" Textverarbeitungsmaschinen einführte.)

 

Meine Arbeitsweise war ausserordentlich effizient, musste es sein. Am meisten Zeit verbrachte ich mit der Disposition und besprach diese mehrmals mit dem Professor, um sicher zu sein, dass ihm nicht später noch neue Kapitel einfallen würden. Als er schliesslich meine Disposition in der Hand meinte, das habe er doch schon einmal gesehen, war ich sicher, dass er sich damit nun tatsächlich beschäftigt hatte. Erst jetzt begann ich, zu den einzelnen Kapiteln des theoretischen Teils meine Gedanken niederzuschreiben und sammelte Quellenmaterial. Sobald ich der Ansicht war, für ein Kapitel genügend Substanz zu haben, diktierte ich einen Rohentwurf, den die Sekretärin erfasste. Diesen Text redigierte ich noch etwa zweimal, so wie ich das früher als Redaktor gemacht hatte. Dann war Redaktionsschluss. Prof. Krulis-Randa kann ich unendlich dankbar sein, dass er praktisch keine Überarbeitungen verlangte und die Arbeit, so wie ich sie ihm einreichte, schlankweg akzeptierte.

Was hat dir das Studium gebracht?
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16.  Universität, Hochschule

Was hat dir das Studium gebracht?

Es war sicher der beste Entscheid meines Lebens, nach der kaufmännischen Lehre den Weg in Richtung Universität einzuschlagen. Es war ein einsamer, primär intuitiver Entschluss, denn von allen meinen damaligen Kollegen und Freunden hatte niemand auch nur andeutungsweise eine derartige Ambition. Das Studium brachte mir Wissen, Sicherheit, Anerkennung, Selbstvertrauen und mit dem Abschluss in der Hand Zugang zu Arbeitsstellen und Gehalt, die sonst weit ausserhalb meiner Reichweite gelegen hätten. Ich war dementsprechend in jeder Phase stolz darauf, zu studieren. Eher mit Erstaunen erfuhr ich nach und nach das Gefühl, zu einem damals noch relativ kleinen Kreis Ambitionierter zu gehören. Ich hatte das nie so gesehen, es störte mich jedoch ehrlich gesagt auch nicht ...

 

Mein Betriebswirtschaftsstudium war damals sehr zielgerichtet, minimalistisch auf den schnellen Abschluss ausgerichtet. Das heisst keinesfalls, dass ich nicht den Ehrgeiz hatte, alles was ich hörte und für wichtig hielt, auch zu verstehen, um es irgendwann einmal anwenden zu können. Was es wirklich heisst, ohne äussere Zwänge und finanzielle Restriktionen zu studieren, erfuhr ich erst mit 60, nachdem ich mich für mein Zweitstudium immatrikuliert hatte. Ohne den Zwang, einem Broterwerb nachgehen zu müssen, hatte ich nun Zeit, mich mit der Materie meiner Fächer auseinanderzusetzen, Bücher zu lesen, links und rechts noch etwas mitzunehmen. Ich erlebte mein erstes Studium nochmals aus ganz anderer Perspektive, so wie es hätte sein können, aber aus rein ökonomischen Gründen nicht möglich war. Es war eine Rückkehr, die mich unheimlich befriedigte. Ein grosses Privileg.

Wie kam es zu deinem zweiten Studium?
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16.  Universität, Hochschule

Wie kam es zu deinem zweiten Studium?

Die mehrfache simultane Belastung mit Studium, Arbeit und Familie führte dazu, dass ich in meinem Erststudium keine Möglichkeit hatte, über den betriebswirtschaftlichen Tellerrand hinauszuschauen. Neben Studium, Beruf und Familie hatte ich kaum mehr Zeit (wollte auch keine haben) für eine meiner Lieblingsbeschäftigungen: Lesen. Mein ganzes Denken und Handeln war betriebswirtschaftliche ausgerichtet. Lediglich in den Ferien erlaubte ich mir, vieles nachzuholen und nächtelang zu lesen.

 

Schon im Alter von 40 reifte in mir die Absicht, nicht bis 65 zu arbeiten, und mit 50 war ich fest entschlossen, ab 60 mir meinen während 40 Jahren stark eingeschränkten persönlichen Freiraum zurückzuholen. Ohne konkrete Pläne. Als es dann soweit war, und ich tatsächlich auf die letzten fünf und lukrativen Berufsjahre verzichtete, beschloss ich, drei Bücher zu schreiben: Meine Biographie, ein Kochbuch mit den Rezepten meiner Frau und einen Thriller. Und natürlich, alle (fast 80) Karl May Bücher nochmals zu lesen. Zumindest das Kochbuch und der Thriller kamen nicht über ein Anfangsstadium hinaus. Ich musste erkennen, dass mit dem seriösen und engagierten Schreiben von Büchern vieles möglich ist, ausser Freiraum zu erhalten! Ob ich arbeitete oder versuchte ein Buch zu schreiben, das Engagement und die Beanspruchung war genau die gleiche. Wieviel angenehmer war es doch, mit der Lektüre der Karl May-Bücher zu beginnen und in meine Jugenderinnerungen hinabzutauchen. Verstärkt durch den Besuch eines Seminars über Karl May an der Universität Zürich, auf das mich mein Sohn, der damals Publizistik studierte, hingewiesen hatte. Ich fand augenblicklich dermassen Gefallen an dem überwältigenden Angebot an Vorlesungen und Seminaren, dass ich mich gleich für ein Studium immatrikulierte. Noch ohne Vorstellungen, was daraus werden sollte. Da ich mir in der Rolle des Querschlägers und Querdenkers schon immer gut gefallen hatte, genoss ich es auch, als "alter Knacker" inmitten der jungen Studierenden zu sitzen, bei Professoren, die teilweise deutlich jünger waren. Es spornte mich sogar an, wenn ich bei einzelnen Professoren zu spüren vermeinte, dass sie offensichtlich nicht davon ausgingen, dass es jemandem wir mir ernst sein könnte. Die meisten der Älteren, die an der Uni herumgeistern, handhaben das etwa so wie einen Museumsbesuch: interessant aber unverbindlich. Demgegenüber nahm ich es wirklich ernst und war einer der wenigen, die immer gut vorbereitet in die Veranstaltungen kam.

 

Das alles motivierte mich, nach und nach tatsächlich auf einen zweiten Abschluss hin zu arbeiten. Umso mehr, als das neue "Bologna-System" ermöglicht, die nötigen Punkte laufend zu sammeln, ohne eine Abschlussprüfung befürchten zu müssen. (Weshalb ein Abschluss nach Bologna-System klar einfacher ist, als nach der früheren Studienordnung. Aber letztlich kommt es ja nur darauf an, was ganz unabhängig vom Studium in jedem steckt.) Ich genoss es, die vielen Semesterarbeiten (sicher 30 oder 40 an der Zahl!) zu schreiben, zu recherchieren und auch oft meine Interessen und Erfahrungen damit zu verbinden. Zum Beispiel in der Semesterarbeit über die Musik der Rolling Stones, basierend auf der Autobiographie von Keith Richards. So sammelte ich fröhlich, und zuerst ohne eigentliches Ziel, ETCS-Punkte. Bis ich irgendwann zwei weitere Universitätsabschlüsse in der Tasche hatte (Bachelor und Master). Es führte mich nicht nur letztlich zum Entscheid, meet-my-life.net zu entwickeln und das dafür nötige Geld locker zu machen. Es gibt und gab mir endlich das Gefühl, nicht nur Kenntnisse im weiten Feld der Betriebswirtschaft zu haben. Es war, wie wenn ich 40 Jahre lang eines meiner Augen geschlossen gehabt hätte (ganz bewusst und zwangsläufig) und es jetzt öffnen und auf die schönen Dinge des Lebens richten konnte. Immer noch ein sehr befriedigendes Gefühl.

Wie war in jungen Jahren ganz generell deine Einstellung zur Arbeit?
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17.  Arbeiten

Wie war in jungen Jahren ganz generell deine Einstellung zur Arbeit?

Arbeit hat mich von klein auf fasziniert. Was tat mein Vater und wo? Mit grossem Interesse schaute ich jeweils meiner Mutter zu, wie sie in Heimarbeit nähte. Beim Velomechaniker verbrachte ich viele Stunden. Wenn der Kohlewagen kam und den Kocks über eine Rutsche mit lautem Getöse in den Kohlekeller beförderte, stand ich dabei. Ich beobachtete vom Küchenfenster aus, wie der Italiener ab Lastwagen lauthals seine Früchte anpries, abwog und verkaufte. Immer fröhlich und freundlich. Arbeiten musste etwas lustvolles sein …

Der WC-Putzer Frei, der mit seinem Motorrad und einem Anhänger voller Kübel und Besen durchs Quartier fuhr, interessierte mich. Genauso Metzger, Bäcker, Schneider, Lehrer, Putzfrauen, der Coiffeur und der Milchmann. Es gab im Quartier ein halbes Dutzend Wirtschaften mit behäbigen Wirtinnen. Die Kioskfrauengeschwister, die uns Buben Zigaretten einzeln verkauften – und den Playboy, wenn wir (als Sekundarschüler) zu dritt oder viert genug zusammenlegen konnten. Alle arbeiteten und verdienten Geld. Arbeiten schien etwas Erstrebenswertes zu sein. Verbunden mit Geld, Anschaffungen und Ansehen. Das Älterwerden konnte mir deshalb nicht schnell genug gehen, obwohl ich absolute keine Vorstellung hatte, was ich einmal "werden" würde und auch keinen Berufswunsch, wie andere (z. B. Lokomotivführer). Später dann doch: Kriminalkommissar. Oder Schriftsteller.

 

Einen ersten Dämpfer erhielt ich in der zweiten oder dritten Sekundarschule. Ich hatte mich bei einer Bäckerei zum Brot austragen beworben. In einem halbdunkeln Raum, wo ich mich vorstellen musste, teilte mir eine alte, gebrechliche Frau, vermutlich die Grossmutter, mit, dass sie mich dafür nicht für kräftig genug halte. Ich konnte die Tränen nicht unterdrücken. Das mir! Und von so einer alten Hexe! Meine Mutter tröstete mich über diese erste Abfuhr hinweg und meinte, dass ich ja für so jemanden sowieso nicht arbeiten möchte. Ich fand dann einen anderen Nebenerwerb (es muss mit 12 oder 13 gewesen sein): Hefte, wie die „Schweizer Illustrierte“ austragen und Ende Monat abkassieren. Dabei lernte ich mehr über das Leben anderer als in allen Jahren zuvor. Jede Wohnung roch anders, zum Teil fürchterlich. Ich sah oft, wie Familien, nachdem sie mich mehrmals hatten abblitzen lassen, schliesslich das Geld zusammenkratzten, um das Abonnement, das ihnen vielleicht ein geschickter Kolporteur aufgeschwatzt hatte, zu bezahlen. Und oft noch die Güte hatten, 20 oder 50 Rappen für mich obendrauf zu legen. Nicht selten wurde es spät abends, ein weiterer Grund für mein Verschlafen und die vielen Schulabsenzen.

 

Zu Hause legte ich jeweils das ganze Geld, inklusive Trinkgelder, in eine Blechbüchse. Das Ende kam, als bei der Ablieferung des einkassierten Geldes mehrfach ein Manko da war. Als es mit den Fehlbeträgen nicht aufhörte, begleitete mich meine Mutter mit dem ganzen Geld aus der Dose zu der Frau, die monatlich die einkassierten Gelder einsammelte. Tatsächlich: Wieder fehlte Geld, das meine Mutter berappte. Ich konnte es mir nicht erklären, aber immerhin hatte ich das Gefühl, dass sie mir glaubte, dass ich korrekt einkassiert und für mich nichts abgezweigt hatte. Sie beendete diesen unrentablen Job gleich vor Ort durch Rückgabe all meiner Utensilien. Es war für mich ein Rätsel, und diese Schlappe machte mir noch lange zu schaffen. Vor allem, weil ich damals nicht den geringsten Verdacht gegen die einzigen Personen hatte, die sich an meinem Geld vergriffen haben konnten: Mein Bruder oder mein Onkel. Erst viele Jahre später dämmerte mir, dass das meiner Mutter klar gewesen sein muss. Ich hatte jedoch meine Lektion gelernt: Nach Abzug aller Kosten muss noch etwas in der Kasse bleiben!

 

Ich habe immer etwas getan oder tun wollen und zum Glück blieben diese beiden Rückschläge die Ausnahme. Mein erstes Geld verdiente ich schon viel früher damit, dass ich einem Mann, der einen Anhänger mit Holz zum Heizen entlud und es in seinen Keller trug, spontan und ohne ein Wort zu sagen, zu helfen begann. Ich belud meine beiden dünnen Ärmchen mit Holzscheiten und trug sie ihm gleich in den Keller hinunter. Ein amüsiertes Lächeln und später ein kurzes "Danke, dass du mir hilfst", war glaube ich die einzige Unterhaltung, aber er hatte sichtlich Freude an mir. Nachher gab er mir 50 Rappen. Mit ungefähr sieben oder acht Jahren mein erstes Geld ohne fremde Hilfe. (Der frühere Rossbollenverkauf erfolgte ja unter Anleitung meiner Mutter und zählt nicht). So ging das also.

 

Meinen zweiten Verdienst gab es auf dem Jahrmarkt, der zweimal im Jahr stattfand und jeweils eine gute Woche dauerte. Mit meinem Freund Oski Bosshard verbrachte ich fast jeden Tag dort, bummelte endlos durch die Stände und die OLMA-Hallen, die frei zugänglich waren oder wo wir uns einschleichen konnten. Die vielen Gerüche habe ich heute noch in der Nase: Bratwurst, Magenbrot, gebrannte Mandeln, Zuckerwatte. Die Sprachfertigkeit und der Witz der Raspelverkäufer; ich konnte stundenlang zuhören. Einmal schaute ich mit Oski an einem der Hutstände dem Inhaber beim Verkaufen zu. Unverhofft fragte er uns, ob wir schnell auf seinen Stand aufpassen könnten, er müsse mal. Das taten wir etwas verdutzt über das Vertrauen. Am Abend halfen wir ihm, den Stand abzuschliessen; später dann jeden Abend. Das „Abschliessen“ bestand darin, ein Tuch von oben nach unten vorzuspannen und mit kleinen nur zur Hälfte eingeschlagener Nägeln mit übergrossen Köpfen festzumachen. Mit jedem Messerchen hätte man das Tuch aufschlitzten und alle Hüte abräumen können. Oder ganz einfach die Nägel ausziehen. Beides tat damals offenbar niemand. Heute undenkbar.

 

Am nächsten Tag war ich wieder dort, ohne Oski. Wieder sagte er mir, ob ich schnell aufpassen könne. Genau in dieser Zeit erkundigte sich jemand nach einem bestimmten Hut und nach dem Preis. Ich meinte, ohne lange zu überlegen, und wie, wenn ich, vielleicht 11 oder 12jährig, zum Standpersonal gehörte: "25 Franken – ohne Gamsbart". Das Geschäft kam ohne feilschen zustande. Als der Standbesitzer zurückkam, gab ich ihm das Geld; er konnte es kaum glauben. Offenbar hatte ich einen guten Preis gelöst, denn er drückte mir 5 Franken in die Hand. FÜNF! Ich hatte eine neue Lektion gelernt: Offenbar gibt es Arbeiten, die nur 50 Rappen wert sind und andere zehn Mal mehr. Und die besser bezahlte war sogar die bedeutend weniger beschwerliche.

Irgendwo dazwischen verdiente ich mir die von mir sehnlichst gewünschte Luftpistole. Die Mutter einer meiner Schulfreunde (Primarschuloberstufe) war Zeitungsverträgerin, d.h. sie verteilte zu nachtschlafender Zeit die Zeitungen. Mein Schulfreund musste Sie jeweils vor der Schule vertreten, wenn sie ihren Job aus irgendeinem Grund nicht erledigen konnte. Ich anerbot mich, ihm dabei zu helfen. Als Lohn sollte ich nach so und soviel Einsätzen die Luftpistole erhalten. Also tat auch ich diese Arbeit vor der Schule – die Verlockung war zu gross. Und er hat Wort gehalten, irgendwann gehörte die Pistole mir. Ich erwarb mit grosse Fähigkeit, mit diesem einfach Ding, präzise zu schiessen. (Die Pistole vertrieb übrigens erfolgreich unseren italienischen Untermieter, der einmal einen nächtlichen Besuch ins Schlafzimmer meiner Mutter wagte. Ich weiss noch heute, wie Sie mir stolz die nächtliche Szene schilderte, wie dieser muskulöse Mann (Bauarbeiter) erbleicht sei und rückwärts die Flucht ergriffen habe. Weshalb die Pistole damals auf dem Nachttischchen lag, kann ich mir nicht erklären. Hatte sie mit einem "Besuch" gerechnet?)

Nicht nur die Aussicht auf eigenes Geld, sondern auch der Wunsch "mich nützlich zu machen", motivierten mich, immer wieder nach Jobs Ausschau zu halten, was damals für Kinder ab ungefähr 12 Jahren, vor allem, wenn sie in prekäreren finanziellen Verhältnissen lebten, durchaus gang und gäbe war. Gefragt waren z.B. kräftige Jungen mit Fahrrad zum Brot austragen. So bewarben Oski (oder war's Karli?) und ich uns einmal in einer Metzgerei, die Aushilfen suchte, um Bratwürste herzustellen. Wir erhielten eine kleine Vorführung, wie man den weissen Darm auf einen Metallbolzen mit einer Düse am Ende draufstülpte, dann mit Druck das Brät hineinschiessen liess und dann abband. So entstanden meterlange Bratwurstschläuche, die dann später geschnitten wurden. Es stank fürchterlich, und Oski und ich waren uns mit einem einzigen Blick einig, dass uns das nun doch zu weit ginge.

Einer meiner unbezahlten Nebenjobs fällt mir noch ein. Nach dem Tod meines Vaters suchte meine Mutter nach vielen Möglichkeiten, uns über die Runde zu bringen. Es bot sich die Gelegenheit, sich an einer Wäscherei zu beteiligen – oder hatte sich schon beteiligt. Jedenfalls hegte sie den Verdacht, dass die Geschäftspartnerin die Wäscherei in der Nacht für eigene Rechnung nutzte. Aber wie beweisen? Ich erhielt also den Job, mich nachts in einem nahegelegenen Pärkchen, von wo aus man die in einem Untergeschoss angesiedelte Wäscherei gut beobachten konnte, auf die Lauer zu legen. Ich kam mir vor wie Old Shatterhand. Vor allem, als irgendwann, Licht anging. Ich schlich mich ans Fenster ran, und tatsächlich war die Wäscherei in vollem Betrieb. Nach meinem entsprechenden Bericht zog sich meine Mutter war für meine Mutter dieses Investment gestorben. Vielleicht halte ich es seither gleich: Hände weg, wenn jemand unehrlich oder ein zu grosser Schlaumeier ist.

Chronologisch erinnert und zusammengefasst, kommt also bis zu meinem eigentlichen Beruf nach Abschluss des Studiums doch einiges zusammen, wobei mich die Tätigkeit an sich meistens mehr oder genauso interessierte, wie die erfreuliche Tatsache, dass dabei auch noch etwas heraussprang. Widerwillig habe ich nie etwas gemacht – auch später nicht:

1. Einem Nachbarn ungefragt geholfen, Brennholz in den Keller zu tragen. (ca. 7 J., 50 Rp.)
2. Frühmorgens vor der Schule Zeitungen vertragen (ca. 10 J., 1 gebrauchte Luftpistole)
3. "Schweizer Illustrierte" vertragen und Ende Monat abends kassieren gehen (ca. 11 J., -)
4. In den Ferien auf einem Bauernhof geholfen (Kühe striegeln, Stall ausmisten, Mostäpfel im hohen eiskalten Gras zusammenlesen (12 J., Kost und Logis)
5. Auf dem Jahrmarkt bei der Betreuung eines Verkaufsstandes für Hüte helfen (ca. 13 J., 5.-)
6. Vor oder nach der Schule geangelte Schleien und Karpfen verkauft (ca. 13 J., 1.50 pro Stück)
7. In den Sommerferien 4 Wochen im Coop Neuchâtel Regale eingeräumt und dem Lieferdienst geholfen (16 J., 1.90/h)
8. Kaufmännische Lehre als Reisebürofachmann (17 - 20 J, 1. Fr. 125.-/150.-/175.- pro Monat)
9. Meinem Freund Dieter beim Wegzug aus der Coloseumstrasse die Wohnung geputzt (18 J., 50.-?)
10. Zwischen Rekrutenschule und Beginn der Maturitätsschule 6 Wochen als Aushilfsangestellter in meinem ehemaligen Lehrbetrieb (21 J., 800.-/Mt ?)
11. Während der Vorbereitung auf die Matura temporäre kaufm. Ferienjobs auf Sekretariaten und auf Banken Zahlungen eintippen (21 J., 7.80/h)
12. Während des Studiums zu 50 % (in den Ferien zu 100 %) Redaktionsassistent und Redaktor der "Finanz und Wirtschaft" (23 J., 13.-/h, nach ca. 6 Monaten Erhöhung auf 16.-/h. Ich kam mir vor wie Krösus.)

Erinnerst du dich an deinen ersten richtigen Lohn?
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17.  Arbeiten

Erinnerst du dich an deinen ersten richtigen Lohn?

Nach der Lehre habe ich zur Finanzierung meines Unterhalts immer gearbeitet, immer in den Ferien und während den ersten Studienjahren zusätzlich mit einem 50 %-Pensum. Das heisst, ich habe während Jahren trotz der Doppelbelastung nie richtig Ferien gemacht; ich fand den Kontrast, den mir eine Arbeit bot, mindestens so interessant. (Aber eigentlich hatte ich gar keine andere Wahl.) Es war zu jener Zeit einfach, über Temporärbüros eine Stelle als "Sekretärin" oder in der Administration einer Bank zu finden. Für ungefähr 8 Franken die Stunde.

 

Mein erster "richtiger" Lohn als auf Dauer Vollangestellter kam nach dem ersten Monat bei Unilever als frischgebackener lic. oec. publ. Wenn ich mich recht erinnere so um die 3'000 Franken. Besonders daran war, dass es bezüglich Timing eine absolute Ziellandung war. Ich hatte zwei Jahre vorher geheiratet, und wir hatten ein Baby. Um das Studium abzuschliessen, hatte ich meine journalistische Tätigkeit für die "Finanz und Wirtschaft" im letzten Studienjahr auf das absolute Minimum reduziert, trotz der für einen Studenten hervorragenden Bezahlung von zuletzt Fr. 16.60 pro Stunde (nach einem Anfangslohn 1973 von 13 Fr.), wenn ich auf der Redaktion arbeitete. Es kam also kaum mehr Geld rein; die mageren Ersparnisse, inkl. des meiner Frau ausbezahlten Pensionskassengeldes, als sie nicht mehr arbeitete, mussten reichen. Es war ganz genau noch genug für den Monat, an dessen Ende mein erstes Gehalt überwiesen wurde. Andernfalls hätten wir die Wohnungsmiete nicht mehr bezahlen können. Offenbar hatte ich im Studium mindestens etwas über Liquiditätsplanung gelernt ...

 

Von da an ging es dann zum Glück nur noch bergauf.

 

Hast du in deinem Leben verschiedene Berufe ausgeübt?
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17.1.  Arbeiten – Beruf oder Berufung?.

Hast du in deinem Leben verschiedene Berufe ausgeübt?

Ich habe rückblickend unglaublich viel Verschiedenes unternommen – war aber immer in erster Linie und mit Leidenschaft Betriebswirtschafter. Und das hiess, für die Geld zu verdienen, die mich engagierten. Eine eigene „richtige“ Firma mit Mitarbeitern und grossem unternehmerischem Risiko war nie eines meiner Ziele. Womit auch. Zudem schätzte ich die Anerkennung von jemandem – auch in Form einer anständigen und jährlich steigenden Entlohnung. Alles was mir zu mehr Know how in meinem Beruf verhalf, interessierte mich. Mein Berufsverständnis war, dass das was ich tat und tun wollte, viel mit Kunst und der Dedikation eines Künstlers zu tun hatte; man ist rund um die Uhr Künstler und sammelt bewusst und unbewusst Eindrücke, die später in irgendeiner Form verwertet werden. Eine permanente Suche nach avantgardistischen Ideen und Visionen; der Anspruch, zur Avantgarde zu gehören. Ich wollte meine Arbeit nie nur als Tätigkeit verstehen.

 

Schon während der Lehre interessierte mich weit über meine Aufgaben hinaus, wie Unternehmen funktionieren. Organisation, Werbung, Verkauf und Kommunikation. (Die Illusion, dass man das doch lernen können müsste, bewegte mich dann später zu meinem Betriebswirtschaftsstudium.) Als Lehrling tapezierte ich einmal die ganze Schaufensterscheibe mit einem von mir kreierten und auf dem Vervielfältigungsapparat (Fotokopierer gab es noch nicht) gedruckten A4-Blatt für eine Bahnreise nach Salzburg. Bahn und Hotel alles inklusive zu einem guten Preis, der uns aber auch noch einen schönen Gewinn abwerfen würde. Der Unternehmensleiter, damals Fredy Christ, war gerade zwei oder drei Tage abwesend, so dass ich niemanden fragte. (Es gab ja nur zwei oder drei Angestellte, neben den fünf Lehrlingen. Wenn die Angestellten etwas nicht wussten, fragten sie die Lehrlinge, nicht umgekehrt.) Er konnte es kaum glauben, dass ich als Lehrling so initiativ war. Obschon ich nur zwei Reisen verkaufen konnte, war es mir eine wertvolle Erkenntnis: so einfach geht es nicht!

 

Während des ungefähr fünf Jahre später beginnenden Studiums verdiente ich meinen Lebensunterhalt als Wirtschaftsredaktor bei der "Finanz und Wirtschaft". Später in der Internen Revision, im Generalsekretariat und im Marketing von Unilever. Ich war anschliessend Unternehmensberater, Teilhaber an Europas grösster Schreibmaschinen- und Computerschule. Selbständiger Turnaround-Manger. Gründete zusammen mit einem spanischen Freund eine Firma für "International Business Expansion" (Inbex). Ziel war Business Transfers zwischen Spanien und der Schweiz. Später startete ich die XinZen GmbH, die Kosmetikprodukte aus China importieren sollte. Über den Import von zwei Paletten eines sehr originellen Ginseng-Shampoos, mit jeweils einer echten Wurzel in der Flasche, kam ich nicht heraus. Schuld daran war das verlockende Angebot, die Leitung der Dipl. Ing. Fust zu übernehmen. Ich verkaufte die noch vorhandenen Shampoos und legte einige Jahre später die Firma wieder still.

 

Rückblickend waren all diese Aktivitäten für mich Lehrstücke, Fingerübungen. Es war wie ein segensreiches Puzzle aus praktischen eigenen Erfahrungen, das sich je länger je mehr zu einem Gesamtbild zusammensetzte. Mit diesem immer praller gefüllten Rucksack traf ich immer seltener auf Situationen, die für mich neu waren oder für die mir nicht ziemlich schnell eine Lösung oder ein Lösungsweg klar war. Oft zum Verblüffen meiner Mitarbeiter und Vorgesetzten, die das als Ausdruck eines "Schnelldenkers" sahen. Ich glaube das nicht: ich war aufgrund meiner vielfältigen Erfahrungen einfach sehr oft besser gewappnet und vorbereitet.

Was hat dir an deiner Arbeit wirklich Freude gemacht?
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17.1.  Arbeiten – Beruf oder Berufung?.

Was hat dir an deiner Arbeit wirklich Freude gemacht?

Ich war wirklich mit Herz und Seele Betriebswirtschafter. Man könnte es als eine Art Berufung bezeichnen. Es faszinierte mich, wie in Unternehmen gearbeitet wurde, wie alles ineinandergreifen musste, damit es reibungslos funktionierte – und damit man Geld verdiente. Wie legt man Preise fest, wie reduziert man Kosten. Wie rekrutiert und führt man Mitarbeiter. Wieviel muss man selbst wissen und tun bzw. wann und was muss man wie delegieren. Welche Ziele musste/konnte man sich und den Mitarbeitenden setzen. Wie behält man die Kontrolle.

Neben dem Finden der grossen Linien, der richtigen Strategie und Ausrichtung eines Unternehmens ging es mir jedoch im Grunde genommen immer um erfolgreiche Produkte, um zufriedene Kunden und um Werbung. Irgendwie verstand ich mich immer als oberster Produktmanager und fühlte mich in dieser Rolle am wohlsten. Die Kreation (meistens nur Modifikation) eines Produktes und noch mehr die damit verbundene Kommunikation faszinieren mich bis heute noch. Die Entwicklung von Marketingstrategien war mein Ersatz für die Unfähigkeit, einen spannenden Roman (geschweige denn mehrere) zu schreiben ... Umso grösser die Freude, wenn sich eine unserer Ideen am Markt bewies. Gross meine Genugtuung auch, wenn sich mit der Zeit herausstellte, dass es mir gelungen war, gute Mitarbeitende einzustellen und damit die Organisation und das Management entscheidend zu verstärken. Das hiess ja immer auch, den Rücken frei zu bekommen, um neue Ideen zu entwickeln. Das war das Wichtigste überhaupt. Und ich hatte wirklich das grosse Glück, fast ausschliesslich mit herausragenden Mitarbeitern zu arbeiten, die die gleiche Einstellung zur Arbeit hatten wie ich.

Wenig Enthusiasmus brachte ich auf für die Vorbereitung von Präsentationen und Sitzungen. Die grosse Show, das permanente Mitreissen anderer lag mir nicht im Blut. Ich verstand Management viel weniger als Ausdruck einer Hierarchie, sondern als ein "Nebeneinander" in einer Kultur, in der jeder Gedanke, jede Idee zuerst einmal willkommen war. Aus der Konfrontation von Ideen und Hypothesen etwas Neues entstehen zu lassen. Von kurzfristigen Motivations-Strohfeuern hielt ich nichts. Die tägliche Knochenarbeit war nur mit dem eigenen Antrieb jedes einzelnen zu leisten. Ich wollte nicht Mitarbeiter hinter mir herziehen, sondern schätzte es, wenn alle vorne am Karren zogen.

Fast unerträglich war mir hingegen, wenn Vorgesetzte fanden, sie müssten noch etwas "stossen". Glücklicherweise habe ich fast ausschliesslich Vorgesetzte und Auftraggeber gefunden, die verstanden und sahen, dass ich und meine Mitarbeitenden genügend "Drive" entwickelten und wir uns selbst immer enge zeitliche Vorgaben setzten. Vielleicht habe ich mir diese Vorgesetzten auch ganz intuitiv danach ausgesucht.

Welche Überlegungen oder Umstände haben zur Wahl deines Hauptberufs geführt?
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17.1.  Arbeiten – Beruf oder Berufung?.

Welche Überlegungen oder Umstände haben zur Wahl deines Hauptberufs geführt?

Ich stand 1970 da mit einem Lehrabschluss als Reisebürofachmann in der Tasche. Sprach leidlich Französisch, besass ein Sprachdiplom aus England und hatte die Rekrutenschule absolviert. In Thailand wartete meine Freundin Phenphan aus Bangkoks Oberschicht. Es wartete bereits in neuer BMW als Geschenk ihres Vaters auf sie. Vor ihrer Rückreise wohnte sie noch einige Wochen bei mir in Räterschen und wir vereinbarten, dass ich sie raschmöglichst besuchen würde. Da ich nichts anderes hatte, schenkte ich ihr als Abschiedsgeschenk meine ganze Briefmarkensammlung.

 

Durch den Kontakt mit ihr war mir eines klar geworden: eine solche Frau war sich andere Ansprüche gewohnt, als ich bieten konnte. Und möglicherweise je würde bieten können. Die Löhne und Berufschancen in der Reisebranche kannte ich. Zudem schätzte ich die konjunkturellen Risiken für diesen Markt als äusserst hoch ein. Würde noch jemand reisen, wenn es einmal bergab ging? Die grösste Fehleinschätzung meines Lebens. Zum Glück.

 

Zuerst jedoch bemühte ich mich um eine Stelle, um endlich "anständig" Geld zu verdienen. Und mir eine eigene Wohnung leisten zu können. Ich wohnte immer noch in Räterschen bei meiner Mutter und Walti Honegger. Nach verschiedenen Bewerbungsgesprächen, an Stellenangeboten fehlte es zu Beginn der 1970er Jahre wahrlich nicht, entschloss ich mich, als kaufmännischer Angestellter zu Gebrüder Volkart in Winterthur zu gehen. (Das hatte den Vorteil, dass ich noch eine Zeit in Räterschen wohnen und Geld sparen konnte.) Volkart war ein renommiertes Handelshaus für verschiedenste Rohstoffe, was mich grundsätzlich nur schon durch die Globalität dieses Geschäfts interessierte. Der Personalchef bemühte sich sogar am Sonntagmorgen zu uns nach Hause, um sicherzugehen, dass ich die Stelle auch annehme. Das waren noch Zeiten!

 

Dass es ein Fehlentscheid war erkannte ich nach wenigen Tagen. Wir sassen zu viert in einem kleinen Büro, der Chef im Raum daneben. Er hatte eine Klingel, und wenn er jemanden sehen wollte, klingelte er. Einmal für unseren Bürochef, ...., viermal für mich, den Neuankömmling. Abgesehen von der unattraktiven Arbeit, Korrespondenz nach Diktat oder gemäss Vorlage sowie Bestellungen schreiben, war das zu viel für mich. Als Lehrling hatte ich viel anspruchsvollere Arbeit selbständig erledigt, Kunden bedient, Reisen organisiert, Preise verhandelt. Ich hatte mir gar nie überlegt, was eine Arbeit ohne Kundenkontakt für mich bedeuten würde. Es ging nicht. Ich flüchtete regelmässig auf die Toilette und schrieb dort für Phenphan Gedichte. Davon ist ein schöner Sammelband, den sie liebevoll zusammengestellt hat, erhalten geblieben. Sie hatte mich z. B. einmal gefragt: What do you expect from a girl like me? Worauf ich lyrisch antworte:

 

 “What do you expect more

                         from a girl like me?“

 

I expect

 

I expect you to be as you are

expect you to be as you are

you to be as you are

to be as you are

be as you are

as you are

you are

are

you are

as you are

be as you are

to be as you are

you to be as you are

expect you to be as you are

I expect you to be as you are

 

Just as you are.

(Erich Bohli, 8.1.1971, 21.15)

In einer Semesterarbeit im Jahr 2011 über "Materialität der Sprache" hielt ich dazu fest:

 

... Jeder Vers dieses Figurengedichts, verdichtet sich in der Verkürzung durch seine Darstellungsweise zu einer pointierten Aussage, die in konventioneller Darstellung so nicht zu erzählen wäre. Als grafische Grundidee folgt der Einstieg ins Gedicht der natürlichen Leserichtung von oben links nach unten rechts und formt gleichsam einen Pfeil in die gemeinsame Zukunft. Diese ist jedoch nicht abstrakt: Das konkrete Angebot an die Geliebte ist ein gemeinsames (Zu)Hause unter dem durch die Zeichen geformten Giebel, den man mit einer Vierteldrehung im Gegenuhrzeigersinn unschwer erkennen kann. 

 

Als ob die initiale Liebeserklärung, „I expect you to be as you are“ nicht genügte, wird sie in der Folge durch die fortlaufende Reduktion paradoxerweise immer mehr verstärkt. Sie materialisiert sich nämlich, sich von Stufe zu Stufe vortastend, im Zentrum der Figur im einzig entscheidenden Wort: „are“. Die Tatsache, dass SIE IST, genügt dem Schreibenden vollkommen und ist die beruhigende und ultimative Antwort auf die initiale Frage der Zweifelnden: 

 

„What do you expect more

                        from a girl like me?“

 

Die Aufteilung der Frage in zwei Verse ist kein Zufall; die graphische Darstellung verdeutlicht ein Stocken der Sprechenden, im Bewusstsein, den Ansprüchen des Geliebten möglicherweise nicht – auf Dauer – genügen zu können.

 

Die Antwort kann beruhigender nicht sein. Zuerst einmal nur „zu sein“, als absolutes Minimum des Weltlichen. Von diesem nicht weiter reduzierbaren existentiellen Wendepunkt aus, der Gedichtsmitte, wird es erst möglich, das Gesichtsfeld wieder zu erweitern und die Beziehung zu zementieren, das gemeinsame Haus in perfekter Symmetrie und Harmonie zu vollenden. Die einfache Tatsache des Seins und aller möglichen Begehrlichkeiten wird auf SIE als singuläres Individuum eingeschränkt und sukzessive präzisiert: Der Schritt vom „you are“ zum „as you are“ ist die Akzeptanz ihrer unverwechselbaren Eigenheit und Eigenständigkeit. Das nachfolgende „be as you are“, verstärkt um das sofort folgende „you be as you are“ die Aufforderung, diese Individualität aktiv auszuleben. 

 

Schliesslich beginnt mit dem „expect“ die Interaktion mit dem Verehrer und seinen Erwartungen, denen sie jedoch gestärkt entgegentreten kann, umso mehr als in dieser Beziehung sowieso nur eines zählt: was das sprechende Subjekt denkt. „I expect“, unterstrichen und als Titel des Gedichtes, wenn auch unkonventionell nach der das Gedicht erklärenden „Präambel“ platziert: „I expect you to be as you are“ und nach nochmaligem Überlegen die endgültige, auch optisch abgesetzte Bekräftigung: „Just as you are.“ Sozusagen unter Ausschluss der Öffentlichkeit, die in der Intimität der sich Liebenden, die sich auch mit all ihren Fehlern („as you are“) akzeptieren, belanglos ist. Punkt. Auch dieser ist nicht zufällig.

.....

 

Übrigens war für mich auch später immer ein untrügliches Zeichen, dass es Zeit für eine berufliche Veränderung war, wenn ich anfing Gedichte zu schreiben ...

 

Ich kündigte diese Stelle bereits nach ein oder zwei Wochen, liess mich jedoch gerne dazu überreden, noch bis Ende Monat zu bleiben, bis Ersatz gefunden wurde. Schliesslich brauchte ich das Geld dringend, war ich doch nach der Rekrutenschule völlig abgebrannt. Viel wichtiger war jedoch, dass ich den Entschluss fasste, meine Zukunft radikal in die eigenen Hände zu nehmen. Ich musste mich weiterbilden – und zwar gründlich mit einem Abschluss, der mir irgendwann ein anderes Einkommen und andere berufliche Perspektiven ermöglichen würde als nur mit einem Lehrabschluss. Und so kam es dazu, dass ich mich für ein Betriebswirtschaftsstudium entschloss. Dank dem viermaligen Klingeln, und der Erkenntnis, dass eine anspruchsvolle Frau einen gewissen Lebensstandard erwarten würde. Ich wollte (naiver Weise) gründlich lernen, wie man Geld verdient.

Wie lange dauerte es, bis du beruflich richtig Fuss fassen konntest?
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17.1.  Arbeiten – Beruf oder Berufung?.

Wie lange dauerte es, bis du beruflich richtig Fuss fassen konntest?

Eigentlich habe ich immer und in jeder Stelle sofort Fuss gefasst. Ich war neugierig, wissensdurstig und willig. Ich wollte alles gut machen, Fehler vermeiden und zählte die Stunden nicht. (Bei Unilever hatte mir mein erster Vorgesetzter, Toni Müller, schon früh angedeutet, dass in diesem Haus jeder der weiterkommen wolle, sich Ende Jahr mindestens 200 Überstunden ans Bein streichen müsse. Es waren immer mehr, arbeitete ich doch regelmässig auch am Samstag und an Feiertagen.) Meine Grundeinstellung war sowieso, immer mehr abzuliefern, es vor allem schneller zu erledigen, als erwartet wurde. Das war nicht einmal ein bewusster „Trick“ von mir, sondern echter innerer Antrieb. Erst viel später erfuhr ich oder erkannte ich, dass das eine sehr gute Methode war, um sich für andere und höhere Aufgaben zu empfehlen. Es war ja auch logisch, je schneller ich eine Arbeit gut erledigt hatte, umso schneller kam ich zu neuen Aufgaben, aus denen ich wieder etwas lernte, um dann später wieder darauf aufzubauen.

 

Eine zweite frühe Erkenntnis hat mir viel geholfen. Die meisten Leute haben Angst davor, dass man sie eines Tages auf ihrer Position nicht mehr brauchen könne. Aber auf welche Arbeitsstelle würde diese Befürchtung irgendwann nicht tatsächlich zutreffen? Ich drehte also den Spiess um und strebte immer danach, mich auf der Position, auf der ich gerade war, so rasch wie möglich überflüssig zu machen! Sei es durch Delegation, durch Automatisierung, durch gute Mitarbeiter und Stellvertreter, die auch ohne mich funktionierten, oder durch den Aufbau eines potentiellen Nachfolgers. Die Logik, die ich jungen Menschen auf den Weg geben kann, ist ganz einfach: Gute Leute sind in jedem Unternehmen knapp. Und solche, die tatsächlich ohne Schaden verfügbar sind, noch viel mehr. Wollte ich vorwärtskommen, musste ich also, was immer ich tat, ohne weiteres ersetzbar sein … Und einen weiteren guten Rat von Egon Zehnder befolgen: Nicht länger als drei Jahre auf derselben Position bleiben.

Hast du je ein eigenes Unternehmen gegründet oder selbständig gearbeitet?
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17.2.  Arbeiten – Unternehmensgründung und Selbständigkeit.

Hast du je ein eigenes Unternehmen gegründet oder selbständig gearbeitet?

Ich hatte nie die Absicht ein eigenes Unternehmen zu gründen. Vielleicht war ich unbewusst verschreckt von der abenteuerlichen "Mode-Boutique" meiner Mutter. Viel zu viel Arbeit, viele Sorgen, viele Verpflichtungen und am Ende die Pleite und Schulden.

 

Wenn schon selbständig, dann etwas, das all dem aus dem Wege ging.

 

Die Gelegenheit kam 1985. Ich arbeitete nach meiner lehrreichen Zeit bei Unilever seit rund 6 Monaten in Basel für die Schweizerische Treuhandgesellschaft (STG), einer Tochtergesellschaft des damaligen Schweizerischen Bankvereins. Christian Zinsli, ehemaliger Arbeitskollege bei Unilever, mein Vor-Vorgänger als Marketing-Manager bei Elida-Cosmetic, war dort damit beschäftigt, die Unternehmensberatungsabteilung mit Marketing-Know how zu verstärken. Irgendwie kamen wir in Kontakt, und es reizte mich zu der Zeit aus verschiedenen Gründen, etwas Neues zu versuchen. Nicht zuletzt hatte ich immer noch den Rat von Egon Zehnder im Ohr: "Bleiben Sie nicht länger als 8 Jahre. Sonst sind sie unileverisiert." Ich verstand inzwischen, was er meinte und hatte zu dem Zeitpunkt begriffen, dass ich vor der Wahl stand, mein Leben als kleines Rädchen in einem Grosskonzern zu verbringen oder meine Berufskarriere in die eigenen Hände zu nehmen. Die Konzernhierarchie und -abläufe waren mir zunehmend suspekt, das Verhalten einiger der damaligen CEO's, denen man mit Rücksicht auf seine Konzernkarriere ausgeliefert war, undurchschaubar. Ich hatte begonnen, mich anhand von Stelleninseraten nach Alternativen ausserhalb Unilever umzuschauen. Nicht zuletzt mit dem Gedanken, auch lohnmässig schneller vorwärts zu kommen. Bald lockten auch erste Headhunters.

 

Weshalb es also nicht mit Christian in der Unternehmensberatung der STG versuchen? Ein solides breites Wissen hatte ich durch die verschiedenen vorangegangen beruflichen Tätigkeiten, glaubte ich. Kurz und gut, nach einigen Monaten und einigen Beratungsmandaten, auf deren Ergebnis ich alles andere als stolz war und bin, dämmerte mir, dass ich (noch) zu wenig wusste und zu wenig unternehmerische Erfahrung hatte, um ein souveräner Berater zu sein. Meine Stärke war eindeutig, Dinge selbst in die Hand nehmen, selbst an kreativen Problemlösungen zu arbeiten, selbst Projekte zu planen und schnell durchzuziehen. Ich war für meine Begriffe zu wenig gut oder auch selbstbewusst, oder skrupellos, um meine Kunden mit einem Konzeptpapier abzufertigen und dann zu verschwinden. Zudem hatte ich von den fünf oder sechs Mandaten, die ich insgesamt für die STG ausgeführt habe, vier selbst akquiriert.

 

Für eines dieser Mandate hatte mich mein guter Bekannter Stephan Knöpfli subkontrahiert, quasi von der STG ausgeliehen. Er war seit kurzem selbständiger Unternehmensberater, und irgendwie imponierte es mir, dass er seine Stelle in der Finanzabteilung des Bührle-Konzerns einfach so aufgegeben hatte. Er war von der Credit Suisse beauftragt worden, sich um Europas grösste Schule für Schreibmaschinenkurse, das Institut Scheidegger zu kümmern. Im Rahmen dieser Arbeit, er kümmerte sich primär um die finanziellen Aspekte, ich um Verkauf und Marketing, erkannte ich eine Marktlücke für uns als Team. Was dieses einst sehr erfolgreiche Unternehmen, und nach unserer Einschätzung zahlreiche andere brauchten(!), war nicht Beratung, sondern ein full-time hands-on-Management auf Zeit. Mein guter Freund und Texter Bruno Steiner brachte es dann in unserer Werbebroschüre auf den Punkt: "Turnaround-Management. Das ist nicht der Berater, der bei Ihnen zu Besuch kommt. Sondern der Manager, der mit Ihnen arbeitet."

 

In verschiedenen Gesprächen mit Stephan konkretisierten wir diese Business-Idee: Turnaround-Management auf Zeit im Duopack. Das Angebot unserer gemeinsamen Fähigkeiten: Finanzmanagement und Marketingmanagement. Da ich immer noch bei der STG arbeitete, fühlte ich mich verpflichtet, das im Detail schriftlich ausgearbeitete Konzept meinem damaligen Vorgesetzten der STG zu unterbreiten. Meine Vorstellung war, dass dies eine interessante neue Sparte der STG werden könnte. (Der Begriff "Turnaround-Management" war meines Wissens noch nicht gebräuchlich, später dann allerdings in aller Munde.) Die Antwort kam relativ rasch und formlos per Telefon aus Basel; ich sass gerade zu Hause in Örlikon auf dem stillen Örtchen und hatte zufällig mein Drahtlostelefon dabei. (Mobile Telefone gab es noch nicht.) Bei der STG war man der Meinung, dass wir uns besser trennen sollten, wenn ich „solche“ Gedanken hätte. Ich sch... buchstäblich drauf: dann machen wir es halt selbst. Ich kündigte, und Knöpfli, Bohli Partners. Turnaround-Managers war geboren.

 

Natürlich konnte ich nicht ahnen, dass ich mit 64 Jahren nochmals eine ganz andere Firma gründen würde: die meet-my-life.net AG. Aber darüber ist noch ausführlicher zu berichten.

Worin bestand die Tätigkeit?
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17.2.  Arbeiten – Unternehmensgründung und Selbständigkeit.

Worin bestand die Tätigkeit?

Knöpfli Bohli Partners begannen also bereits mit einem festen und substantiellen Mandat. Ich war plötzlich selbständig und schrieb Ende Monat eine Rechnung über 20'000 Franken anstelle der automatischen Lohnüberweisung von damals inzwischen immerhin bereits sechs- oder siebentausend Franken. In unserem jugendlichen Übermut trauten wir uns zu, das Institut Scheidegger, eigentlich jedes Unternehmen, innerhalb von drei Jahren wieder auf Vordermann zu bringen. Die Strategie definieren, Finanzen ordnen, Marketing-Ideen reinbringen, Verkäufer anstellen, ungenügende Mitarbeiter auswechseln. Im ersten Jahr aufräumen und strategisch neu ausrichten, im zweiten umsetzen, im Dritten unsere Nachfolge „from within“ sicherstellen. Wie "man" es eben so macht ...

 

Zwischenzeitlich versuchte jedoch der in seinen besten Zeiten geniale Firmengründer und Inhaber, Willi Scheidegger, zu retten, was zu retten war. Es gelang ihm, das Unternehmen an Prof. Cuno Pümpin zu verkaufen. Als Professor für Betriebswirtschaft an der Universität St. Gallen und bekannter und erfolgreicher Autor wollte er sich (nach eigener Aussage) auch als Unternehmer beweisen. Er gab sich die dafür nötige Zeit nicht; ich habe jedoch viel von ihm gelernt.

 

Genau wie wir, ging er fest davon aus, dass man mit der richtigen Strategie und den richtigen Leuten das Institut Scheidegger wieder zum Blühen bringen konnte. Allerdings ohne uns, sondern mit einem frisch engagierten CEO. Dieser ging als erstes mehrere Tage auf Wohnungssuche, nicht ohne sich auf Geschäftskosten einen Porsche zu mieten. Als zweites kündigte er die Stelle wieder und drohte mit einer Klage wegen Vorspiegelung falscher Tatsachen, Grundlagenirrtum oder was auch immer. Er hatte den desolaten Zustand der Firma und die nicht evidenten Erfolgschancen blitzartig erkannt. Er fühlte sich zu höherem geboren und wurde tatsächlich kurze Zeit später (erfolgreicher) CEO des bedeutendsten Herstellers von Sportartikeln. Da offensichtlich kein vernünftiger Manager den nun wieder vakanten Job übernehmen würde, waren wir wieder im Rennen. Genau das war ja die Prämisse unseres Turnaround-Management-Konzepts! Welcher Topmanager verlässt schon eine sichere Stelle, um in eine risikoreiche Turnaround-Situation zu wechseln?

 

Nicht unglücklich, dass wir uns kein neues Mandat suchen mussten, verlängerten wir unser Engagement. Die Strategie wurde gemeinsam mit Cuno Pümpin festgelegt: Aus Europas grösster (mobiler) Schule für Schreibmaschinenkurse sollte die grösste (mobile) Computerschule werden. Die erste, die ihren Schülern während der Kursdauer zum intensiven Üben einen Computer mit nach Hause gab. Die Frage war nur noch, sollten wir auf das "IBM-System" setzen (Microsoft war gerade am Entstehen und noch der Junior Partner) oder auf "Apple". Apple war softwaremässig weit voraus, hatte vor allem schon eine bedienerfreundliche graphische Oberfläche. Dem IBM-System trauten wir jedoch einen grösseren Marktanteil zu, so dass wir uns dafür entschieden, was sich als richtig erwies. Wenig später verkürzte Microsoft den technischen Rückstand mit der Lancierung von Windows. Leider verpassten wir es allerdings, Microsoft-Aktien zu kaufen ..., obwohl uns dies Bruno Gabriel wärmstens empfahl, nachdem er Bill Gates persönlich getroffen hatte.

 

Zwischenzeitlich hatte nämlich Cuno Pümpin das Institut Scheidegger an einen neuen "Rising-Star" an der Schweizer Börse verkauft: an die von Bruno Gabriel 1984 gegründeten ALSO, der ersten professionellen Distributorin für PC's und Software. Nach dem spektakulären „going public“ bereits 1986 schwamm Gabriel in Geld und akquirierte links und rechts. Bald ging ihm der Ruf voraus, alles was er anfasste, zu Gold zu machen, jedenfalls machte ihn sein Umfeld das glauben und die Entwicklung des Aktienkurses auch. Zu den hochfliegenden Plänen gehörte, ALSO-Produkte mit einem Netz von Scheidegger-Filialen zu vertreiben. Über ALSO sollte Scheidegger zudem günstiger an Computer herankommen. (Was sich als Trugschluss erwies, kaufte ich doch wesentlich aggressiver ein.)

 

Mein Partner und ich überlebten auch diesen Verkauf des Instituts und blieben weiterhin mit dem Turnaround beauftragt. Jetzt war es einfach eine ALSO-Unit. Weil wir einen Optionsplan auf Scheidegger-Aktien hatten, wurde dieser durch Optionen auf ALSO-Aktien abgegolten. Nach Ablauf der Sperrfrist, ich glaube ein Jahr, verkauften wir sie sofort, was sich wenig später als nicht falsch erwies. Wir waren damit um einen, wenn ich mich recht erinnere, tiefen sechsstelligen Betrag reicher. Jedenfalls der höchste Betrag, den ich bis dahin mit Wertpapieren (oder überhaupt) auf einen Schlag verdient hatte – leicht verdient. (Ich konnte damit später den noch offenen Betrag meines Kredits für den Management-Buy out zurückzahlen, aber davon gleich mehr.)

Wie ging der Aufbau dieser Unternehmen vor sich?
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17.2.  Arbeiten – Unternehmensgründung und Selbständigkeit.

Wie ging der Aufbau dieser Unternehmen vor sich?

Wir taten unser Bestes, um nach dem dritten Besitzerwechsel innerhalb eines Jahres die neue Strategie umzusetzen, nämlich aus dem serbelnden Institut Scheidegger eine blühende Computer-Schule zu machen. Vorerst mussten wir jedoch den Cash Drain stoppen. Wir schlossen einige der Operationen im Ausland, z. B. Norwegen. Redimensionierten in Deutschland, Spanien und Italien. Was wir jedoch auch taten, es brachte zu wenig Einsparungen. Die Schreibmaschinenkurse litten immer stärker unter rückläufiger Nachfrage, die Werbekosten explodierten, die Verkäufer verdiente zu wenig, was zu einer hohen Fluktuation führte. Schreibmaschinen wurden immer weniger verkauft. Gefragt waren zunehmend Computer, wie Commodore oder Atari und die ersten MS-DOS-Computer sowie Apple. Alles noch in den Kinderschuhen, leider auch die Nachfrage nach Computer-Ausbildung.  Der PC, ein damals völlig neuer Begriff, hatte in den Unternehmen noch nicht auf breiter Basis Einzug gehalten. Und wenn schon, dann erst in einigen Sekretariaten. Dort stand der PC jedoch in Konkurrenz zu eigentlichen „Word-Processing-Maschinen“. Wahre Ungetüme von der Grösse einer Waschmaschine, bis sie dann sukzessive kleiner wurden – und letztlich an deren Stelle die PC's traten. Natürlich noch keine Spur von Internet und e-Mail. Der PC war noch eine bessere Schreibmaschine.

 

Schlimmer für unsere Pläne war, dass sich für die Nutzung der PC’s noch keine Standardsoftware durchgesetzt hatte. Für welche sollte man Kurse entwickeln, welche würde sich durchsetzen? Verschiedene kämpften um die Vorherrschaft, allen voran Wordstar, Framework, Lotus. Windows gab es noch nicht. Ein gewisser Bill Gates lancierte eben Word und Excel, erst einiges später die erste Version von Windows. Welche Erleichterung nach dem mühsamen MS-DOS. Unsere Computer-Kurse waren deshalb vorerst Programmierkurse in "BASIC", damit man auf den Commodores kleine – und völlig nutzlose – Programme schreiben konnte.

 

Toshiba hatte eben die ersten portablen Business-Computer lanciert. Mit einem Floppy-Disk Laufwerk. Viele andere folgten: IBM, Olivetti, Wang, Sharp, Panasonic, die wenige Jahre später wieder verschwunden waren. Strategisch gesehen, waren wir in einer ziemlich schwierigen Situation (erkannten das jedoch nicht klar genug): Einerseits sank die Nachfrage nach unserem Hauptprodukt, den Schreibmaschinenkursen, andererseits war der Markt für Computer-Kurse erst im Entstehen bzw. die Nachfrage entwickelte sich nicht so rasch, wie wir uns das erhofft hatten. Die Logistik zur Durchführung der Kurse wurde erheblich komplexer als für einen Schreibmaschinenkurs und der ganze Pool mit Hunderten von Kursleitern – und Dutzenden Verkäufer – musste neu aufgebaut werden. Zudem waren die Computer für die Schulung um das x-fache teurer als eine Schreibmaschine, die uns vielleicht 60 oder 80 Franken kostete und die den Schülern nach dem Kurs mit einer hohen Gewinnmarge überlassen werden konnte. Das finanzielle Resultat des ersten Jahres war dementsprechend sehr ernüchternd und führte zum Streit zwischen Bruno Gabriel und Cuno Pümpin. Uns gab niemand die Schuld – und ich glaube, man konnte uns auch wenig vorwerfen.

 

Dieser Ansicht war offensichtlich auch der Redaktor der Wirtschaftszeitung "Cash", der uns am 16. 8. 1991 eine ganze Seite widmete und u. a. schrieb:

 

"Knöpflis und Bohlis Erfolg darf sich sehen lassen: 1984 noch brachte die Scheidegger-Gruppe keinen Rappen Gewinn, 1989 war der Break-even erreicht. 1990 betrug der Gewinn nach Steuern mehr als 2 %, und 1991 soll er klar höher ausfallen. [...] Der Erfolg lässt sich beim schlechtesten Willen nicht abstreiten: Immerhin ist Scheidgger kein 'Gschäftli', sondern ein Unternehmen mit 86 Mio. Fr. Umsatz, mit 70'000 Schülern. [...] Scheidegger setzt auf den Computer und ist zum wohl grössten Toshiba-Kunden in Europa aufgestiegen: 20'000 Laptops wurden bereits gekauft, 5000 neue kommen jedes Jahr dazu, immer das neueste Modell."

 


(1) Unser allmählicher Erfolg mit dem Institut Scheidegger nach vier Jahren intensiver Sanierungsarbeit blieb auch der Presse nicht verborgen. Artikel im "Cash", 16. 8. 1991. Links mein Partner Stephan Knöpfli.

Unser allmählicher Erfolg mit dem Institut Scheidegger nach vier Jahren intensiver Sanierungsarbeit blieb auch der Presse nicht verborgen. Artikel im "Cash", 16. 8. 1991. Links mein Partner Stephan Knöpfli.

 

  

Bis es soweit war, hatten wir jedoch noch einiges zu überstehen. 1988 überraschte man uns mit der Nachricht, dass der Aufzughersteller Schindler die Mehrheit an der ALSO gekauft habe. Für Schindler erwies sich dies schon kurze Zeit darauf nicht als die erhoffte Diversifikation (oder das erhoffte Finanzinvestment). ALSO hatte begonnen, aggressiv nach Deutschland zu expandieren und erlitt grosse Verluste. Das junge Unternehmen wurde bereits zum Sanierungsfall. Uli Sigg, mit dem ich ungefähr 10 Jahre zuvor in den Redaktionsstuben der "Finanz und Wirtschaft" gearbeitet hatte, sass inzwischen im obersten Management von Schindler. Er wurde mit der Sanierung von ALSO beauftragt und bot uns als eine naheliegende Sofortmassnahme an, Scheidegger aus der ALSO heraus zu kaufen. Nach kurzer Verhandlung einigten wir uns bei einer Tasse Green Tea auf einen fairen Preis von 1 Mio. Franken.

 

Für Stephan schien es nicht viel zu überlegen zu geben. Er wollte schon immer Unternehmer werden. Ich zögerte, denn finanziell war ich immer noch schwach auf der Brust. Ich verdiente zwar so gut wie noch nie, wollte jedoch das inzwischen Ersparte nicht leichtfertig aufs Spiel setzen. Zur damaligen Zeit war es jedoch relativ einfach, einen Management-Buy-out mit einem Bankkredit zu finanzieren und tatsächlich erhielt ich dank der Vermittlung von Stephan von der Credit Suisse einen Kredit über Fr. 250'000.- für einen Viertel der Aktien.

 

Die anderen drei gleich grossen Anteile gingen an Stephan sowie Ernst Heinen, den langjährigen Scheidgger-Chef Benelux, die Cash-Cow unserer internationalen Operation, sowie Manfred Lehning, den Leiter von Scheidegger Frankreich. Zu viert wollten wir die Firma vollends neu ausrichten und – wer weiss – irgendwann mit einem Börsengang oder Weiterverkauf schönes Geld verdienen. Jedenfalls hatte ich nicht die Erwartung, mein Leben im Institut Scheidgger zu verbringen. Andererseits fand ich ehrlichen Gefallen daran, im Ausbildungsbereich tätig zu sein. Ich sah darin eine viel grössere Befriedigung, als neue Shampoos, Duschgels und Deodorants zu erfinden.

 

 

Welches waren die grössten Schwierigkeiten/Rückschläge, und wie hast du sie überwunden?
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17.2.  Arbeiten – Unternehmensgründung und Selbständigkeit.

Welches waren die grössten Schwierigkeiten/Rückschläge, und wie hast du sie überwunden?

Ich blicke zurück auf meine erste grosse Managementaufgabe als Mitinhaber und Co-CEO des Instituts Scheidegger, wo sich der Erfolg langsam einzustellen schien. Wir erzielten 1990 auf Gruppenebene einen bescheidenen Gewinn, und zahlten uns im ersten Jahr eine kleine Dividende aus. (Zum leichten Missfallen der kreditgebenden Bank, aber irgendwie mussten wir ja den Management-Buy-out-Kredit zurückzahlen.)

 

Ländergesellschaften in Deutschland, Spanien, Italien und England rissen jedoch immer wieder Löcher in unsere Finanzen, so dass wir diese Gesellschaften letztlich ganz schliessen mussten. Concentrer les forces. Dabei liess es unser Stolz nicht zu – unsere Angst vor negativer Publizität auch nicht – ausländische Tochterfirmen einfach Konkurs gehen zu lassen, sondern wir schickten von unseren knappen Mitteln noch das nötige Geld für eine einigermassen geordnete Schliessung und die Bezahlung der Schulden dieser Operationen. Ich bin immer noch froh, haben wir so gehandelt.

 

Wir hatten uns die Verantwortlichkeiten aufgeteilt: Ernst Heinen war weiterhin verantwortlich für den Gewinnbringer Benelux, Manfred Lehning kämpfte in Frankreich mit deutlich tieferer Rendite, erzielte jedoch einen Gewinn, Stephan betreute die Problemkinder England, Italien, die Finanzen und Holdingangelegenheiten, während ich mich primär um den Turnaround in der Schweiz, Deutschland und Spanien kümmerte sowie den Einkauf der Schreibmaschinen und zunehmend der Computer. Wir vier operierten aber eigentlich nie als gutes Team auch wenn wir uns menschlich eigentlich gut verstanden. Insbesondere Manfred empfand es jedoch, dass wir als Newcomer einen gleich hohen Anteil an der Firma hatten wie er nach so vielen Jahren, in denen er sich vom einfachen Verkäufer zum Landesleiter Frankreich hochgearbeitet hatte.

 

Als das Schweizer Geschäft wieder einen Rückschlag erlitt, begann er, mich in einer völlig unerwarteten Vehemenz persönlich anzugreifen. Ich erspare mir die unschönen Details, jedenfalls endete es damit, dass einer von uns weichen musste. Da ich entbehrlicher war (meine Philosophie!), nahm ich meinen Hut. Zumal unsere beiden anderen Partner mehr oder weniger wegschauten und der Eskalation ihren Lauf liessen. Was Manfreds Beweggründe für diesen „Putsch“ waren, ist mir bis heute nicht klar, da ich ihn persönlich sehr gut mochte und seine Verkaufs- und Managementqualitäten schätzte. Aber ich muss ihm mein Leben lang dankbar sein für die mir daraus dank glücklichen Fügungen erwachsenen neuen Chancen.

 

Aus Knöpfli, Bohli, Partners entstand noch während meiner Kündigungsfrist die neue Firma Dr. Bohli Partners, Turnaround-Managers, mit der ich fortan mein Glück ohne Stephan versuchen wollte. Meinen Aktienanteil an Scheidegger von 250'000 Franken (25 %) behielt ich. Einerseits, weil Stephan – und auch die Credit Suisse – mir nicht erlaubten, ihn dem daran stark interessierten neuen Lizenznehmer in Grossbritannien zu verkaufen. (Fairerweise muss ich sagen, dass Stephan anbot, meinen Teil zu kaufen. Ich fand das jedoch für die Aktionärskonstellation nicht gut und trat darauf nicht ein, fragte auch nicht erst, wie viel er denn bezahlen würde.) Ich glaubte jedoch auch fest an den Erfolg des Unternehmens, und dass unsere strategische Neuorientierung richtig war. Das hiess für mich auch, irgendwann meinen Anteil mit Gewinn verkaufen zu können. Darin hatte ich mich allerdings verspekuliert. Viele Jahre später schenkte ich meine 25 % Anteil an der Holding Stephan, der sich über seinen Anwalt danach erkundigt hatte. Obwohl wir nicht in Streit auseinandergingen, (ich war nur enttäuscht von ihm), fragte er mich nicht direkt danach. Er hat über das „Geschenk“ auch nie ein Wort verloren.

 

Dieser finanzielle Verlust wurmte mich noch jahrelang, auch wenn ich mir vor Augen hielt, dass ich jeden Franken davon ja letztlich bei Scheidegger verdient hatte. Im Nachhinein gesehen, war es ein gut investiertes Lehrgeld, denn die in diesen Jahren gewonnen Erfahrungen als Unternehmer, Marketingverantwortlicher, Einkäufer und Teilhaber erwiesen sich als unbezahlbar.

 

Für mein Selbstwertgefühl war jedoch dieser faktische Rauswurf – meine erste berufliche Schlappe – ein Tiefschlag. Zum Glück half mir meine angeborene, oder von meiner Mutter erlernte Eigenschaft, in den schwierigsten Situationen optimistisch zu bleiben und andere Wege zu suchen, über diese Zeit hinweg. Ich begann links und rechts nach Möglichkeiten für ein Turnaround-Mandat, Beratungsmandat, eine Beteiligung oder was auch immer Ausschau zu halten; ich war offen für alles. Ausser einer Festanstellung. Ich hatte die grossen Freiheiten und Verdienstmöglichkeiten der Beratungsbranche kennengelernt und habe mich für keine einzige Anstellung beworben. Und das war gut so.

 

Ich hatte kurz vor meinem Ausscheiden in der Schweiz neben anderen Produkten noch ein neues margen- und imageträchtiges Produkt lanciert: "Scheidegger Royal", einen individuellen Computerkurs im Einzelunterricht für höhere Kader und Topmanager. Noch während meiner Kündigungsfrist überzeugte ich auch Uli Sigg davon, und er buchte einen dieser Privatkurse. (Ich glaube, dass er gar nie die Zeit gefunden hat, diesen zu absolvieren.) Diesen erneuten Kontakt mit mir nutzte er jedoch für etwas ganz anderes. Da er meinen beruflichen Hintergrund mit Elida-Cosmetic kannte, fragte er mich anlässlich eines Mittagessens unverhofft, ob ich Interesse hätte an der CEO-Position bei Doetsch, Grether in Basel. Er war von der Inhaberin Esther Grether in den Verwaltungsrat geholt und beauftragt worden, einen CEO zu finden. Sie wollte sich vermehrt anderem, z. B. ihrer bedeutenden Kunstsammlung, widmen. (Dass Uli Sigg der weltweit grösste Sammler chinesischer Kunst werden sollte, ahnte damals auch er noch nicht.) Ich kannte das Unternehmen vor allem wegen "Fenjal", dem einzigartigen Badeöl. Meine Freundin und spätere Frau hatte mich damit zu meiner Studentenzeit oft verwöhnt.

 

Nun, zu der Zeit hatte ich wirklich keine gleichwertigen beruflichen Optionen und mit Freude bejahte ich mein Interesse an diesem Turnaround-Mandat.

 

Nach einem kurzen "Probegalopp" unter den kritisch-wachsamen Augen von Uli Sigg und Esther Grether, erhielt Dr. Bohli Partners, d. h. ich, tatsächlich den Auftrag, die Geschicke der Firma als CEO auf Zeit für drei Jahre zu leiten. Dies beinhaltete, die Firma in dieser Zeit so weit zu bringen, dass ein "ordentlicher" CEO gefunden werden konnte. Getreu meinem Konzept, mich so schnell wie möglich entbehrlich zu machen.

 

Die Episode Scheidegger war damit für mich abgeschlossen. Schmerzlich, aber vorbei. Ein damals stark empfundener Misserfolg, aber ich hatte meine Freiheit wieder und wusste, dass ich nie wieder in so eine Situation kommen würde: Ein Unternehmen gemeinsam mit anderen zu kaufen oder zu führen. Ich stand vor einer zweiten Chance. Es wurde zu einem sehr wichtigen Moment in meiner Berufskarriere.

 

Ich war nun zum ersten Mal allein verantwortlicher CEO eines nicht ganz unbekannten Unternehmens mit damals über 200 Mio. Umsatz, verteilt auf zahlreiche Geschäftsfelder. Es galt eigene Produkte oder Lizenzprodukte zu entwickeln, produzieren und/oder zu vertreiben (Fenjal, Grethers Pastillen, Sulgan, Neo-Angin, Crest), Produkte für andere Firmen als Distributor zu vermarkten (u. a. Kleenex, O.B., Sensodyne, Mum). Es gab eine Abteilung für "Branded Consumer Goods", eine für sogenannte Over the Counter Pharmaprodukte (OTC) und eine Vertriebsstruktur für rezeptpflichtige Medikamente. Die ersten beiden leitete ich selbst direkt operativ, die andere war beim Spartenleiter Manfred Held in guten Händen. Darüber hinaus produzierten wir auch noch diverse Nivea-Produkte für die Schweiz.

 

Dass ich dieses Mandat überhaupt erhielt, verdankte ich wie gesagt unmittelbar Uli Sigg, aber letztlich indirekt einem Assessment, dem ich mich - zum ersten und auch letzten Mal in meinem Leben - unterziehen sollte. Ich war selbst neugierig darauf, mich einmal professionell beurteilen zu lassen. Entweder klappte es mit mir so wie ich war und so wie ich mich gab, oder ich war der Falsche für die Aufgabe. Ich ging zwar offen und einigermassen locker in das Gespräch mit dem jungen Psychologen, war jedoch trotzdem eher skeptisch eingestellt. Was konnte dieser schon rausfinden?

 

Wenn ich dieses Assessment heute wieder lese, kann ich meine Bewunderung für den Assessor, Philipp Johner von Manres in Zürich, nicht unterdrücken. Er hat in mir am 15. Januar 1993 gelesen wie in einem offenen Buch und mich letztlich unmissverständlich für diese CEO-Position empfohlen, ohne sich übliche Hintertüren offen zu lassen. Nach nur einem Tag wusste er viel mehr über mich als ich selbst. Er erkannte in mir Potenziale, von denen ich (noch) keine Ahnung hatte und die ich mir in meiner selbstkritischen Bescheidenheit nie eingebildet hätte. Ich bin sowohl ihm, wie Uli Sigg, der mich zu ihm geschickt hat, unendlich dankbar. Wie wäre ich auch dazu gekommen, mir folgende Attribute (wörtlich aus dem Assessment) zu attestieren:

 

  • Herr Bohli verhält sich in jeder Hinsicht sehr zielstrebig. Er sucht den kürzesten Weg zum Erfolg [...]. Stets ist sein grosser Durchsetzungswille spürbar.
  • Er wirkt dank seiner Belastbarkeit und Ruhe selbstsicher und dank seines Wissens, seiner kommunikativen Fähigkeiten und seiner stabilen Persönlichkeit glaubwürdig.
  • Seine Interessen vertritt er äusserst beharrlich, manchmal beinahe stur, aber nicht egoistisch. Je nach Sachlage kann er auch flexibel nachgeben, wenn es dem übergeordneten Ziel dient.
  • Er gibt bei Rückschlägen kaum auf, obschon ihm diese innerlich mehr zusetzen, als es den Anschein macht und sucht weiterhin den Abschluss.
  • Herr Bohli schätzt die Risiken seines Verhaltens realistisch ein.
  • Er setzt schnell sinnvolle, pragmatische Prioritäten und formuliert Etappenziele zum Erfolg hin. [...] Seine Lösungsvorschläge "kleben" nicht am Hier-und-Jetzt fest, sondern zeichnen sich durch Flexibilität und Ideenreichtum aus.
  • Herr Bohli kann Fragestellungen in einen Gesamtzusammenhang stellen und begibt sich kaum in Gefahr, sich in Details zu verlieren.
  • Entscheidungsfähigkeit auch bei unsicherer Lage, gepaart mit seiner Belastbarkeit, lassen ihn als Führungsverantwortlichen mit hohem Potential erscheinen.

 

Ich fiel aus allen Wolken, als ich diese unerwartete schmeichelhafte Meinung über mich las. War ich das wirklich?? Hatte ich alle diese positiven Eigenschaften? Natürlich gab es auch einige, ebenfalls richtig gesehene, "Minuspunkte", mit denen ich jedoch gut leben konnte, und auch nicht ändern konnte – oder wollte:

 

  • Sein Auftreten ist allezeit einwandfrei, sicher, wenn auch nicht gerade als elegant zu bezeichnen.
  • Eher als Moderator und Manager, denn als Leader zu bezeichnen. Kein "Mir-Nach-Typ".
  • Zeigt seine Gefühle wenig; er exponiert sich um der Sache willen, aber kaum persönlich.

 

Jedenfalls startete ich damit meinen zweiten Anlauf als Turnaround-Manager mit dem nötigen Vertrauen, es schaffen zu können. Es war das erste Mal, dass meinen offenbar überkritischen Selbstzweifeln etwas substantiell und explizit Positives gegenübergestellt worden war. Vielleicht wurde es auch zu einer Art sich selbst erfüllender Prophezeiung. Genau so wollte ich ja sein!

 

Ich möchte darüber, ob mein Wirken in meinen "Basel-Years" erfolgreich war oder nicht, ob die Erwartungen der Aktionärin erfüllt wurden, nicht selbst urteilen. Jedenfalls arbeitete ich hart, um die vorherige Scharte auszuwetzen. Wir lancierten neue Produkte, gewannen neuen Distributoren, verdienten Geld. (Immerhin so viel, dass ich, neben einem sehr anständigen Salär, mir meinen vereinbarten ergebnisabhängigen Bonus auf Mehrgewinn verdiente.)

 

Leider wurde Uli Sigg bereits kurze Zeit nach meinem Stellenantritt als Schweizer Botschafter nach China berufen. (Was ich ihm von Herzen gönnte.) Sein Nachfolger im Verwaltungsrat war die pure Katastrophe. Das zeichnete sich für mich bereits ab, als er in unserer Fabrik vor den Fabrikarbeitern einen Power-Point-Vortrag auf Englisch hielt! Nach Ablauf meiner vereinbarten drei Jahre, es wurden knapp vier, gab es für mich deshalb kein Halten. Das letzte was ich brauchen konnte, war jemand, der sich als "aktiver Verwaltungsrat" definierte und alles besser wusste. Die Anfrage von Frau Grether, ob ich nochmals verlängern wolle, lehnte ich aus diesem Grund ab, leider etwas zu schroff, was sie mir ziemlich übelnahm. Es hätte aber auch nichts geändert, wenn ich ihr den wahren Grund offengelegt hätte. Das Angebot einer Verlängerung fasste ich aber durchaus als grosses Kompliment auf.

 

Es folgte eine Zeit mit mehreren kleineren interessanten Mandaten in verschiedenen Branchen mit unterschiedlichem Erfolg. Immerhin musste ich bis auf einen Fall keine Leute auf die Strasse stellen. Und alle von mir geführten Firmen überlebten meinen Einsatz ...

 

Mit besonderen Gefühlen denke ich an das Turnaround-Mandat bei Furrer und Partner zurück. Gustav Furrer war einer der Multimedia-Pioniere, eine beindruckende Persönlichkeit. Er war in den Strudel der Untersuchungen im Rahmen der sogenannten Nyffenegger-Affäre geraten, konnte mich aber überzeugen, dass er unschuldig sei. Ihm zu helfen interessierte mich, weil es mir die Möglichkeit bot, mich intensiv mit dem aufkommenden e-commerce und Multimedia auseinanderzusetzen. Ich wollte meine soliden Marketingkenntnisse in klassischem Marketing damit ergänzen. Und das gelang mir auch. Wir forcierten den Verkauf von Websites und waren damit einigermassen erfolgreich. Dies war relativ einfach: Ich schaute, welche Unternehmen noch keinen Internetauftritt hatten und versuchte sie davon zu überzeugen. Einer davon war Jelmoli und die Dipl. Ing Fust AG. Doch davon gleich.

Welche Weggefährten waren für dich besonders wichtig?
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17.2.  Arbeiten – Unternehmensgründung und Selbständigkeit.

Welche Weggefährten waren für dich besonders wichtig?

Auf Weggefährten ist ganz am Schluss nochmals zurück zu kommen. Erwähnt werden kann hier höchstens, dass ich nie Zeit für sogenanntes "Networking auf Vorrat" aufgewendet habe. Wenn ich ein neues Turnaround-Mandat brauchte, ging ich sehr zielgerichtet und zielstrebig vor. Primär in meinem Bekanntenkreis und bei den Grossbanken.

 

Nach Ablauf eines meiner Mandate machte ich mich 1999 genau auf diese Weise wieder einmal auf die Suche nach Arbeit. Ich kannte Peter Leumann, damals CEO der Jelmoli Holding, aus dem IfbF-Club, dem Verein ehemaliger Doktoranden des Instituts für betriebswirtschaftliche Forschung der Universität Zürich flüchtig. Davon unabhängig hatte ich jedoch knapp ein Jahr zuvor in meinem Mandat bei Furrer und Partner der Jelmol-Holding sowie deren Tochtergesellschaft Dipl. Ing. Fust AG je einen Internet-Auftritt verkauft und damit sozusagen einen Fuss in der Türe. Wie sich diese Türe dann ganz öffnete folgt in einem späteren Kapitel.

Worauf führst du deinen beruflichen Erfolg zurück?
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17.2.  Arbeiten – Unternehmensgründung und Selbständigkeit.

Worauf führst du deinen beruflichen Erfolg zurück?
Ich habe immer behauptet, "Glück" gäbe es nicht. Damit meinte ich, dass das was man gemeinhin als Glück bezeichnet fast immer die Folge eines bestimmten früheren Handelns oder Unterlassens sei. Eine Chance erkennen und mit dem nötigen Geschick zupacken – oder die Fähigkeit, nur scheinbaren Chancen oder unverhältnismässigen Risiken aus dem Weg zu gehen. Heute sehe ich das nicht mehr so eng, denn oft ist beides eine 50 : 50-Entscheidung und tatsächlich ist auch etwas Glück dabei, das Richtige zu wählen. Ob aus eigener Entschlusskraft oder mit Hilfe guter Ratschläge von dritter Seite.
 
 
Abgesehen davon, was nun als "Glück", "Pech" oder auch "Glück im Unglück" zu bezeichnen ist, würde ich meine sporadischen persönlichen beruflichen Erfolge auf einige wesentliche Faktoren zurückführen. Vielleicht hilft es jemand anderem, irgend wann einmal sein Glück zu beeinflussen:
 
  • Aus den Misserfolgen lernen und rasch wieder aufstehen und in die Zukunft schauen.
  • Ich habe mir mehr oder weniger gezielt und systematisch einen grossen Erfahrungs- und Wissensschatz in vielen verschiedenen Managementbereichen und Situationen, verschiedenen Wissensgebieten und Branchen buchstäblich einverleibt. Ein breites, solide abgesichertes Wissen kommt nicht einfach so zu Stande; ich musste dafür immer die Ärmel hochkrempeln und zupacken. Ich habe immer versucht, Erfahrung systematisch zu verarbeiten und generelle Regeln abzuleiten für späteren Bedarf. Ich bin auch vor karrieremässigen Rückschritten nicht zurückgeschreckt, wenn ich im Gegenzug Wichtiges lernen konnte. Aber vor allem habe ich mich immer beruflich verändert, wenn ich das Gefühl hatte, dass in einer bestimmten Position der Zuwachs an neuem Wissen und neuen Fähigkeiten nur noch marginal war. Wenn etwas zur Routine zu werden drohte, musste ich mich verändern. Das untrügliche Zeichen war, wenn ich in meiner Freizeit an meinen diversen literarischen Ergüssen zu schreiben begann ...

 

Die übrigen Faktoren sind allgemein bekannt und habe ich teilweise an anderen Stellen auch schon angeführt:

 

  • Immer mehr leisten, als erwartet wird oder erwartet werden kann. Ich habe nie auf die Anzahl Stunden oder gar die Einhaltung offizieller Arbeitszeiten geschaut, sondern solange an etwas gearbeitet, bis ich selbst mit dem Resultat der Arbeit zufrieden war oder etwas aus Termingründen abschliessen musste. Zufrieden konnte ich nur sein, wenn es im Kopf weh tat, wenn mich die Aufgabe nicht mehr schlafen liess, wenn ich alle Optionen durchgedacht hatte.
  • Ich habe gelernt, zwischen einfach reversiblen und schwer reversiblen Entscheidungen zu unterscheiden und im zweiten Fall grösstmögliche Vorsicht walten zu lassen.
  • Ehrlichkeit gegenüber Dritten und mir selber, d.h. auch zu Fehlern stehen.
  • Als Teil der Imagepflege möglichst keinen Streit mit niemandem, schon gar keine juristischen Auseinandersetzungen. Und schon gar nicht mit Vorgesetzten.
  • Ich habe mich nicht verzettelt, sondern mich konsequent nur auf eine Aufgabe konzentriert. (Z. B. keine Vereine, Politik, Militär, "Ämtli", etc.)
  • Die verfügbare Zeit zwischen Beruf, Freizeit und Familie versuchte ich vernünftig aufzuteilen, meistens jedoch mit Priorität Beruf, wenn es die Umstände erlaubten.
  • Keine Affären im Geschäft ...
  • Ich nahm mir immer auch für Lektüre Zeit, auch philosophische Werke, auf der Suche nach all dem, was ich nicht wusste. Und nach dem ganzen Frisch sukzessive alles von Dürrenmatt.
 
Warst du einmal wirklich verzweifelt?
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17.3.  Arbeiten – Berufliches auf und ab.

Warst du einmal wirklich verzweifelt?

Wie schon andernorts beschrieben, musste ich Gott sei Dank das Gefühl wirklicher Verzweiflung nie kennenlernen. Vielleicht auch dies eine Erbschaft meiner Mutter, denn wenn jemand dazu Grund dazu gehabt hätte, war es sie. Und doch schaute sie immer voller Zuversicht nach vorne – jedenfalls belastete sie uns kaum je mit ihren Sorgen. (Heute, 14.01.2015, grosser Artikel im "Blick": "Optimisten leben länger.") Sie hatte uns als Kinder auch gelehrt, zu beten und im Gebet Hilfe zu erbitten, und bis in meine Teenjahre habe ich einige Male davon Gebrauch gemacht.

 

Etwas Anderes sind Gefühle wie Traurigkeit, enttäuscht oder (im Ego) verletzt zu sein. Dazu gehört, mich in einigen (wenigen) Menschen getäuscht zu haben. Aber vielleicht mehr verärgert darüber, dass ich zu vertrauensselig gewesen war oder nicht auf meine innere Stimme gehört hatte. Aber zum Glück bin ich nie auf jemanden richtig hereingefallen.

 

Charakteristischer für mich waren Selbstzweifel: Konnte ich die (auch eigenen) Erwartungen überhaupt erfüllen? Würden mir die richtigen Ideen im richtigen Moment zufallen? Wie reagieren die Mitarbeitenden und Arbeitskollegen auf mich als neuen Vorgesetzten? Würde ich die richtigen Entscheidungen treffen? Und die permanente Suche nach einer noch besseren Lösung als das, was sich auf den ersten Blick anbot.

 

Neben der Hilfe von Mitmenschen, die mir mit ihrem Glauben an mich Halt gaben, griff ich während einiger Jahre auf eine meditativ-kontemplative Entspannung zurück, die ich in dem bereits erwähnten Seminar des Jesuiten Dr. Baldur Kirchner gelernt hatte. Es bestand darin, dass man sich mit Hilfe eines kleinen Holzschemels hinkniete und sich in dieser erstaunlich bequemen Position total entspannte. Wir hatten im Seminar gelernt, uns innert weniger Minuten völlig vom Diesseits zu lösen und in einen tranceartigen Zustand zu entschweben. Nach 10 – 30 Minuten „erwachte“ man wieder, total befreit und erholt wie nach einem Schlaf. Es gelang mir, dies auch zu Hause zu praktizieren, und es war mir so zwischen 1985 und 1995 eine grosse Hilfe. Ich schliesse heute nicht aus, dass ich mich in dieser ersten Phase meiner Berufskarriere an der Grenze der Überforderung bewegt habe, nicht zuletzt durch meine eigenen hohen Ansprüche an mich. Und weil mir Fehler, Fehlleistungen und Misserfolge immer sehr nahegingen. Einzelnes, im Nachhinein besehen Unbedeutendes, beschäftigt – und ärgert – mich bis heute! (So erinnere ich mich z. B. immer noch an zwei Meetings, die ich wirklich schlecht vorbereitet hatte; und ich schäme mich lächerlicherweise heute noch dafür.) Diese meditativen Sessions haben mir einen unschätzbaren Dienst erwiesen, um solche Stressphasen zu bewältigen und Abstand zu gewinnen.

 

Mein Bedürfnis nach diesen Meditationen nahm in dem Masse ab, in dem ich meinen Aufgaben besser gewachsen war. (Auch wenn ich aus meiner Sicht die mir vorschwebende Virtuosität und Souveränität nie erreicht habe.) Die kontemplativen Übungen habe ich tatsächlich in den letzten 10 – 15 Jahren meiner Berufstätigkeit nie mehr „gebraucht“ und angewandt. Der Rucksack meines Wissens war inzwischen so vollgepackt, dass eine weitere Aussage aus dem frühen Assessment von Philipp Johner zutraf: „Herr Bohli lässt sich nicht überraschen.“ Es konnte mich wirklich nichts mehr überrumpeln; ich rechnete nicht nur jederzeit mit allem Möglichen und allen Schlechtigkeiten, sondern war auch zunehmend sicher, in jeder Lage, eine rasche Lösung finden zu können. Das ironische Vorwort in meiner Dissertation (über Planung …) wurde immer mehr zu meinem Motto: Plans are made to be changed. Man muss einen Plan haben. Pläne basieren jedoch auf beschränktem Wissen zu einem bestimmten Zeitpunkt. Man gewinnt immer neue Erkenntnisse und muss deshalb die Pläne laufend optimieren. Don’t stick (always) to the plan. Was immer die amerikanischen Betriebswirtschaftsgurus gegenteiliges behaupten mögen.

Hast du deine Berufsziele erreicht? Welche? Welche nicht?
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17.3.  Arbeiten – Berufliches auf und ab.

Hast du deine Berufsziele erreicht? Welche? Welche nicht?

Eigentlich verlief meine ganze Karriere mit einer im Rückblick beängstigenden Logik fast immer aufwärts. Ich hatte eine gute, fast schon vorbildliche Ausbildung: Eine kaufmännische (und verkäuferische) Lehre, eine Matura auf dem zweiten Bildungsweg, einen Universitätsabschluss in Betriebswirtschaft. Ich hatte über mein Lieblingsthema Marketing doktoriert. Sprach mehrere Sprachen. Während des Studiums hatte ich als Redaktor und Journalist bei der „Finanz und Wirtschaft“ eine anspruchsvolle Tätigkeit ausgeübt, die mir einen Einblick in viele Firmen und Kontakte zu Unternehmensleitern gebracht hatte. Ich hatte jedoch auch die Mechanismen der Börse und des Wertpapierhandels kennengelernt. (Vor allem das einfache Rezept: Kaufe, wenn die Kurse tief sind und steigen könnten, verkaufe wenn sie hoch sind und sinken könnten.) Ich hatte vor allem gelernt, unter grossem Zeitdruck Artikel zu schreiben und zu redigieren; aus knapp verfügbarer Zeit das Optimum herauszuholen, rechtzeitig "abzuliefern".

Nach dem Studium fand ich dank meiner Kaltbewerbung einen Superjob bei Unilever als internal Auditor, der mir Einblick in alle Geschäftsbereiche der zahlreichen Sparten und Industrien dieses Konglomerats gab: Lebensmittel, Waschmittel, Körperpflege, eine Werbeagentur, ein Marktforschungsinstitut – und Betty Bossi. Im dritten Jahr, die ganz wichtige (weil erste) Beförderung zum PR-Manager und Generalsekretär, eine direkte Folge meiner vorangegangenen journalistischen Tätigkeit – und vielleicht auch meiner inzwischen erfolgen Promotion. Dann der glückhafte Wechsel ins Marketing. Rein äusserlich ein Rückschritt vom angesehenen Generalsekretär zum Assistant Product Manager, dem Einstiegsniveau von "Frischlingen" ab der Uni. Für mich DIE Gelegenheit endlich dort zu landen, wo ich eigentlich von Beginn weg hingewollt hatte. (Reculer pour mieux sauter. Was mir einfach fiel, da es mit keiner Saläreinbusse verbunden war.) Acht Jahre später der mutige Entschluss, das erworbene Wissen als selbständiger Unternehmer und Manager auf Zeit „zu verkaufen“. Unternehmensleitungen, Gründung eigener Unternehmen, internationale Geschäftstätigkeiten, Lizenz- und Distributionsverträge, Firmenübernahmen und Integration. Leitung eines der erfolgreichsten Detailhandelsunternehmen der Schweiz.

 

Nur auf den ersten Blick ziemlich chaotisch und wild – aus heutiger Sicht. Aber doch immer innerhalb einer klaren Stossrichtung: Alles Neue musste mich in meiner Dedikation als Betriebswirtschafter einen weiteren Schritt vorwärtsbringen. Abgesehen von Jobs, um mein Studium zu finanzieren, habe ich nie nur um des Geldes willen (oder gar für Status) gearbeitet.

 

Mit besonderen Gefühlen denke ich an das schon erwähnte Turnaround-Mandat bei Furrer und Partner um 1998 zurück. Gustav imponierte mir auch dadurch, dass er nach einer Maschinenschlosserlehre einen Doktor in Physik vorweisen konnte. Der Firma ging es nach dem unverschuldeten Schlammassel im Zuge der sogenannten „Nyffenegger-Affäre“ nicht gut; wichtige Kunden wie UBS oder Credit Suisse waren aus "Imagegründen" auf Distanz gegangen.

 

Eigentlich konnte mich Gustav Furrer kaum bezahlen. Da ich jedoch die Möglichkeit sah, im Bereich des aufkommenden Internet-Marketings/e-commerce wertvolle neue Erfahrungen zu sammeln, war ich an dem Mandat interessiert, und wir vereinbarten eine relativ günstige Pauschalentschädigung (zu Monatsbeginn im Voraus zahlbar ...) sowie einen Bonus auf zukünftigen Gewinnen. Unter anderem forcierten wir den Verkauf von Websites und waren damit einigermassen erfolgreich. Zu jener Zeit war das auch keine grosse Kunst: Ich schaute, welche Unternehmen noch keinen Internetauftritt hatten, griff zum Telefon und versuchte, diese davon zu überzeugen. Unter den akquirierten neuen Kunden befanden sich auch die Jelmoli-Holding und die Dipl. Ing Fust AG. Doch davon gleich.

 

Leider ist Gustav, ein wirklich feiner Mensch, 2014 viel zu früh gestorben. Vielleicht auch als Opfer einer übereifrigen und unnachgiebigen Bundesjustiz, die ihm im Rahmen obgenannter Anklage das Leben unglaublich schwermachte. Nach langen Jahren juristischen Kampfes wurde er in allen Anklagepunkten freigesprochen – aber sein Unternehmen war mehr oder weniger ruiniert. Hohe Summen Steuergelder waren leichtfertig in den Sand gesetzt.

 

Entscheidend dafür, dass die Firma den Kopf über Wasser halten konnte war, dass alle Mitarbeitenden, allen voran der technische Leiter und Leiter der Sparte Internet, Bramwell Kaltenrieder, loyal durch alle Turbulenzen zu Gustav hielten. Es gab praktisch keine (ungewollte) Fluktuation. Auch der Verwaltungsrat und die kreditgebende Credit Suisse verhielten sich vorbildlich. Gemeinsam schafften wir es, dass Gustav sein Unternehmen, nachdem sich der Turnaround abzeichnete, für einen angemessenen Betrag verkaufen konnte. (Den mir zustehenden Bonus erhielt ich von Gustav anstandslos und ohne Nachfrage meinerseits. Wie ich schon sagte, ein feiner Mensch.)

 

Ja, ich habe meine Berufsziele mehr als erreicht. Oder eben auch nicht, denn niemals wäre ich aufgrund meiner Selbsteinschätzung so vermessen gewesen, mir das Erreichte als Ziel zu setzen. Meine bescheidenen Erwartungen wurden weit übertroffen.

Wo stand dir das Glück zur Seite? Oder war es etwas Anderes?
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17.3.  Arbeiten – Berufliches auf und ab.

Wo stand dir das Glück zur Seite? Oder war es etwas Anderes?

Die Frage ob es so etwas wie "Glück" gibt, hat mich immer wieder beschäftigt, und ich habe mich weiter vorne schon dazu geäussert. Weshalb sind Einzelne erfolgreich oder gar ausgesprochen erfolgreich und andere nicht. Was macht den Unterschied? Weshalb bin ich selbst immer auf die Füsse gefallen? Oft denke ich an meine Schulkameraden oder Jugendfreunde zurück. Wir hatten doch alle mehr oder weniger die gleichen Chancen, wie man so sagt, "etwas" im Leben zu erreichen ... (Wobei ich durchaus nicht meine, dass das nur in Form von Wohlstand zu messen sei.)  Schon während der Lehre ist mir klargeworden, dass sich in einer durchschnittlichen Schulklasse, in einem Studiensemester, wo immer etwas geleistet wird, nur ganz wenige Prozent sich durch überdurchschnittliche Ambitionen auszeichnen – und dafür auch etwas zu investieren bereit sind. Unabhängig von Intelligenz. Letztlich ist es wie bei jeder Investition: Man geht ein Risiko ein, weil man nie sicher weiss, was herausspringen wird.

 

Muss man dafür "anders" sein? War ich z. B. ein Spinner, dass ich während der Lehre zeitweise an vier von fünf Abenden nach getaner Arbeit Sprachkurse belegte? Ich selbst empfand mich nie als „anders“, schon gar nicht als „besser“; im Gegenteil fühlte ich mich immer sehr wohl dabei, nicht besonders aufzufallen, mich nicht vorzudrängen. Ich wollte nie als Streber dastehen, hatte wenig kompetitiven Ehrgeiz, andere zu übertrumpfen. Jedenfalls in meiner Wahrnehmung. Eigentlich liess ich immer andere beurteilen, was man mir in einer gegebenen Situation zutrauen konnte. 

 

Es können nicht nur glückliche Zufälle sein, die den Unterschied zwischen "Glück", "kein Glück" und "Pech" ausmachen. Auch wenn sie in meinem Leben eine grosse Rolle spielten, sie fielen selten aus heiterem Himmel, sondern waren fast immer das Resultat irgendeiner früheren Handlung, auch wenn diese damals vielleicht im Sande verlaufen war. Rückblickend sieht es aus wie ein Netzwerk aus Zwangläufigkeiten, für die ich irgendwann einmal ein Samenkorn gepflanzt hatte. So gesehen war ich oft nicht rein zufällig "zur richtigen Zeit am richtigen Ort". Und ich bin überzeugt, dass ich viele grossartigere Chancen nicht einmal gesehen oder mir sogar verbaut habe.

 

Man kann auf Gelegenheiten warten und hoffen – oder sich diese mit eigenen Ideen kreieren. Um Kunden von "Dr. Bohli Partners. Turnaround-Managers." zu überzeugen, versuchte ich z. B. von Anfang an, mich in zwei Punkten von anderen abzuheben: mit Risikobereitschaft und dem Verzicht auf Sicherheit. Die Risikobereitschaft bestand darin, dass wo immer möglich, ein Teil meines Honorars erfolgsabhängig war. Unternehmer geben lieber – und grosszügig – von erhofften Mehreinnahmen, als von bereits verdientem Geld. Sicherheit (und Selbstsicherheit) vermittelte ich damit, dass ich meinen Kunden immer das einseitige Recht einräumte, ein mir erteiltes Mandat jederzeit fristlos, von einem Tag auf den andern, ohne irgendwelche Folgekosten zu beenden. Ohne Angabe von Gründen. Ich meinerseits verpflichtete mich demgegenüber einseitig, die für das Mandat vereinbarte Zeit zu erfüllen, wenn nicht ausserordentliche Umstände es verunmöglichten. Ich habe auf diese Weise kein einziges Mandat, für das ich mich ernsthaft bewarb, nicht erhalten.

 

Gibt es 10 Punkte, die dem "Glück" für eine erfolgreiche Berufskarriere etwas nachhelfen können und die ich meinen Enkelkindern, allen Enkelkindern dieser Welt, mit auf den Weg geben könnte? Ich versuche es, auch wenn es euch vielleicht gar nicht interessiert und ihr sowieso euren eigenen Weg finden müsst:

 

  1. Gebt euch so, wie ihr seid. Jede Verstellung eurer wahren Natur könnt ihr längerfristig nicht durchalten; sie wird früher oder später als "Show" entlarvt. Das heisst nicht, dass man sich durch Lernprozesse und Erfahrungen nicht verändern muss. (Es heisst auch nicht, dass Scharlatane nicht immer wieder Dumme finden ...)
  2. Streitet nicht, weder mit Arbeitgebern, Kunden, Lieferanten, Medien noch Nachbarn. Und schon gar nicht vor Gericht. Selbst wenn ihr Recht habt oder bekommt, bleibt der Ruf der Streitsucht hängen. Weshalb Zeit und Kraft und Seelenfrieden investieren, nur um etwas längst Geschehenes zurecht zu rücken, jemanden ins Unrecht zu setzen? Das bringt mich zum nächsten Punkt.
  3. Nicht ändern wollen, was bereits geschehen ist – und sich nicht mehr ändern lässt. Einfach weitermarschieren zu einem nächsten Etappenziel.
  4. Genau: Etappenziele sind wichtiger, als stur ein finales Ziel zu verfolgen. (Es sei denn, man sei ein Genie.) "Plans are made to be changed". Aber nichts gegen grosse Visionen! Traut sie euch zu.
  5. Wenn jemand euch sagt, etwas gehe nicht, sollten die Alarmglocken läuten: das sind die Chancen, die hohe Zinsen abwerfen!
  6. Bleibt unerpressbar: Seid immer ehrlich. Schlaft nicht mit euren Mitarbeitern/-innen. 
  7. Macht euch über alles eure eigenen Gedanken, stellt das scheinbar Selbstverständliche, Gewohnheitsmässige spielerisch in Frage. Und überlegt euch alternative Lösungen.
  8. Versucht immer mehr zu geben, als man von euch mit Fug und Recht erwartet. Seid schneller, besser, arbeitet länger und intensiver. Erst wenn es weh tut, ist es vielleicht gut genug. Banal aber wahr: ohne (grossen) Fleiss kein Preis.
  9. Interessiert euch für Vieles und alles Neue, um euer Wissen laufend zu erweitern und überlegt euch den konkreten Nutzen für das, was ihr gerade macht. Alles worüber ihr einmal gründlich nachgedacht habt, wird euch irgendwann wieder zu Gute kommen.
  10. Seid in irgendetwas ganz besonders gut. Das beginnt mit dem festen Vorsatz, es zu werden. Und wagt damit etwas.
Gab es rückblickend entscheidende Weichenstellungen?
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17.3.  Arbeiten – Berufliches auf und ab.

Gab es rückblickend entscheidende Weichenstellungen?

Wie viele besonders wichtige Turningpoints weist ein Leben auf? (Wobei man ja nie wissen kann, wie es anders herausgekommen wäre.) Überblicke ich nun mein Arbeitsleben von knapp 45 Jahren, dann sind es erstaunlich wenig aktive Entscheidungen, die ich für meine Lebensgestaltung zu treffen hatte; nur ungefähr alle 4 - 5 Jahre eine! Stand ich vor solchen "Vergabelungen" liess ich mich sehr oft ein wenig treiben; nie habe ich versucht, etwas mit letzter Verbissenheit zu wollen. Wenn's sein soll, wird es sein - wenn nicht, ist es auch gut – oder besser. Im Gegenteil habe ich mich in verschiedenen Situationen, wenn das Gefühl nicht stimmte, nicht besonders angestrengt. Z. B. als ich von Procter & Gamble nach dem Studium zu einem Interview für eine Stelle im Finanzwesen eingeladen wurde – und prompt eine Absage erhielt. (Ich wusste es in dem Moment, als ich fragte, wie man sich dazu stellen würde, wenn ich noch eine Doktorarbeit schreiben würde.)

 

Was waren nun die wirklich entscheidenden "glücklichen Zufälle" in chronologischer Folge:

 

  • Der damalige Freund meiner Mutter, der mich auf die Idee brachte, eine kaufmännische Lehre in einem Reisebüro zu absolvieren. Ich bewarb mich kalt und lernte dort schon früh Entscheidendes fürs ganze Leben: Arbeiten unter Zeitdruck, Präzision, Kunden glücklich machen.
  • Meine vorbehaltlose Zustimmung zum weisen Vorschlag meiner Mutter, vor der Lehre noch ein Welschlandjahr einzulegen. (Statt möglichst rasch Geld zu verdienen.)
  • Die späte Stunde, in der mein Freund Dieter Wolf mir den Entscheid zwischen HWV und Hochschulstudium mehr oder weniger zu Gunsten von letzterem abnahm. Aber natürlich viel vorher, dass wir Freunde geworden sind.
  • Mein Broterwerb während eines grossen Teils meines Studiums als Redaktor der "Finanz und Wirtschaft", wo ich hochinteressante Menschen aus einer mir bis dahin verschlossenen Welt kennenlernte. Und wo ich unter extremem Zeitdruck "produzieren" lernte. (Wichtig und richtig war aber auch der Entscheid, diese Anstellung nach gut zwei Jahren zu Gunsten des Studiums in eine sporadische journalistische Mitarbeit umzuwandeln, als das Studium zu leiden begann.)
  • Die für mich richtige Frau gefunden und nicht mehr losgelassen zu haben.
  • Der Karrierestart bei Unilever im Internal Audit Department – auch wenn ich eigentlich einen Job im Marketing gesucht hatte.
  • Der Entscheid für ein Doktoratsstudium trotz voller Berufstätigkeit. Diesen Abschluss verdanke ich zum grössten Teil meiner Frau, die mich die zwei Jahre trotz kleinem Kind gewähren liess – ohne mir ein schlechtes Gewissen zu machen.
  • Nach knapp acht Jahren der Schritt weg von Unilever und (über einen kleinen Umweg) in die Selbständigkeit als Turnaround-Manager.
  • Der Entscheid, mich mit 50 Jahren, nach 15 Jahren Selbständigkeit, wieder anstellen zu lassen, als CEO der Dipl. Ing. Fust AG. Zu einer Zeit, als viele Manager sich wegen Stellenabbaus gezwungenermassen selbständig machen mussten, verhielt ich mich (intuitiv) antizyklisch.
  • Mit 60 Jahren "Privatier" zu werden und auf ein sehr schönes Einkommen zu verzichten. Und nach einem sehr beglückenden Zweitstudium mir www.meet-my-life.net auszudenken.
Wie kam es zu deinem Engagement beim Dip. Ing. Fust?
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17.4.  Arbeiten – Zehn Jahre Dipl. Ing. Fust.

Wie kam es zu deinem Engagement beim Dip. Ing. Fust?

Zum Jelmoli-Konzern gehörte 1999 neben dem Warenhaus, der Dipl. Ing. Fust AG und anderen Beteiligungen auch der etwas schlingernde Reiseveranstalter Imholz. Eine Chance für ein neues Mandat? Auf meine spontane briefliche Kontaktaufnahme zu Beginn des Jahres 1999 kam es zu einem Mittagessen, an welchem der Jelmoli-CEO Peter Leumann mir darlegte, dass er niemanden für Imholz suchte – jedoch evtl. Unterstützung für die unbefriedigende Computer-Sparte der Dipl. Ing. Fust AG. Diese war nach dem Kauf der Aktienmehrheit durch Jelmoli mitsamt deren Unterhaltungselektronik-Abteilung ungewollt ins Fust-Sortiment gelangt. Die Dipl. Ing. Fust schien mit den Eigenheiten und Anforderungen dieses Marktes nicht vertraut und darauf zu wenig vorbereitet.

 

Jedenfalls hatte Peter am nächsten Tag (oder war's noch derselbe Tag?) von mir ein einseitiges Vorgehenskonzept mit einigen spontanen Ideen. Obwohl ich eigentlich nicht mehr als reiner Unternehmensberater (ohne exekutive Verantwortung) tätig war, noch sein wollte, wurden wir uns gegen ein äusserst korrektes Tageshonorar umgehend einig. Peter verlor keine Zeit, und ich machte mich an die Arbeit. Geplant waren etwa drei Monate für die Analyse und Ausarbeitung eines Turnaround-Konzeptes für diese Sparte, unter Berücksichtigung allfälliger Synergien mit der eben von Jelmoli akquirierten Computer-Kette "The Portable Shop". Dabei blieb es jedoch nicht; wenige Wochen später figurierte auch die Unterhaltungselektronik in meinem Aufgabenpaket.

 

Gegen Ende des Mandats, nach etlichen Präsentationen für eine neue Art der Warenpräsentation und maximiertem Kundennutzen, bei denen meistens auch Walter Fust als VR-Präsident zugegen war, trug mir Peter aus heiterem Himmel (telefonisch) die Übernahme der Geschäftsleitung der Dipl. Ing. Fust AG an. Sie suchten schon seit Monaten einen Nachfolger für Walter Fust als CEO und waren bisher trotz dem Headhunter Spencer-Stuart noch nicht fündig geworden. (Das war mir bekannt, aber soweit hatte ich ehrlich gesagt gar nie gedacht.) Es gab nichts zu überlegen: beide Parteien schienen sich sicher, vertrauten sich; der Mandatsvertrag war noch reine und kurze Formsache, ein gutes Omen, das sich auch in den darauffolgenden 10 Jahren vollumfänglich bestätigen sollte. (Kurt Schläpfer, unser wichtigster Geschäftspartner für Haushaltsgeräte, erklärte mir später mehrmals, dass er genau gewusst habe, dass das Duo Bohli/Walter Fust hervorragend zusammenpassen würde, weil wir nämlich den selben Ostschweizer Dialekt sprächen ...Was immer der Grund war, er hatte recht.) Einige Tage nach der Vertragsunterzeichnung, bei einem unserer Zusammentreffen zur Übergabe der Führungsaufgaben liess Walter Fust unter vier Augen beiläufig die Bemerkung fallen, dass er schon erwarte, dass ich 10 Jahre bleiben würde. Wir gaben uns darauf die Hand und haben uns beide daran gehalten.

 

Es war mein letzter, wichtigster und bester Karriereschritt. Ich war einmal mehr auf zwei Persönlichkeiten gestossen, die an mich glaubten und die in mir mehr sahen, als ich selbst. Ich bin beiden zu grossem Dank verpflichtet. Doch über diese für alle Beteiligten äusserst erfolgreiche Zeit später einmal mehr.

Was haben dir deine Freizeitbeschäftigungen in beruflicher Hinsicht gebracht?
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17.5.  Arbeiten – Arbeit und Familie/Freizeit.

Was haben dir deine Freizeitbeschäftigungen in beruflicher Hinsicht gebracht?
Die 24 Jahre die ich bis heute (2016) Golf spiele, oder mir wenigstens redlich Mühe gebe, waren für mich Herausforderung und Erholung zugleich. Diese schwierigste aller Sportarten lässt einem keine Ruhe.
 
 
Dass Golfspielen geschäftliche Vorteile bringe, ist jedoch meiner Meinung nach ein Märchen. Im Gegenteil wird unter Golfspielern gerne abschätzig getuschelt, wann man jemanden allzu häufig auf dem Golfplatz antrifft. Ich habe es während meiner beruflichen Karriere tunlichst vermieden und auch Einladungen zum Golfspielen unter der Woche, von denen es viele gab, meistens dankend abgelehnt. Erstens, weil ich dafür keine Zeit übrig hatte aber vor allem auch, um meinen Mitarbeitenden klar zu machen, dass ich das Gleiche von ihnen erwarte. Soviel ich weiss, hat das gut funktioniert.
 
 
Von den wenigen Ausnahmen ist jedoch im Jahre 2009 (oder war's 2010) der Ausflug mit dem CEO und dem Verkaufsleiter eines unserer wichtigsten Lieferanten unvergesslich. (Anzumerken ist, dass ich die nicht unerheblichen Kosten von Fr. 6'000.- selbst bezahlte und für die 3 Tage Ferien bezogen habe. Und auch, dass es ich um eine Art Hochzeitsreise des Verkaufsleiters gehandelt hat und es nicht selbstverständlich war, dass man mich dazu einlud.) Es ging ins Mekka des Golfsports, nach Schottland. Wir spielten an drei Tagen der Reihe nach St. Andrews the old course, Kingsbarns und Gleneagles (wo auf dem gleichen Centenary Course 2014 der Ryder-Cup stattfinden sollte). Wobei es mir sogar gelang, St. Andrews am gleichen Tag zweimal zu spielen, beide Male mit ca. 16 über Par, was mich nicht befriedigte, da ich das Gefühl hatte, dass mehr drin lag. Vor allem die zweimal versiebten kurzen Puts am letzten Loch zum Par ärgern mich noch heute. Aber das Break war wirklich nicht zu sehen und die Caddies haben auch nicht geholfen ....
 
 
Als bleibende Erinnerung darf natürlich das Foto über die berühmte Swilken-Bridge nicht fehlen:
 


(1) Auf der berühmtesten Golfbrücke der Welt: Der Swilken-Brigde in St. Andrews the old course. Ein erhebender Moment, wird doch hier seit dem 16. Jahrhundert Golf gespielt.
Auf der berühmtesten Golfbrücke der Welt: Der Swilken-Brigde in St. Andrews the old course. Ein erhebender Moment, wird doch hier seit dem 16. Jahrhundert Golf gespielt.

 

Wie hast du deine Frau kennengelernt?
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18.  Eheleben

Wie hast du deine Frau kennengelernt?

Während der zwei Jahre, in denen ich wie verrückt auf meine Matura hin büffelte, gestattete ich mir höchstens am Freitagabend einen Abend in der Bodega Española im Niederdorf. Sehr bescheiden bei einem Dreier Valdepeñas, der mehr oder weniger den ganzen Abend hinhalten musste. Nur der günstigste Preis war ausschlaggebend. An einem dieser Abende, die Bodega war wie üblich randvoll, sass ich wieder vor meinem Fusel und genoss den Rummel in der rauchgeschwängerten, wohligen Wärme (damals rauchte man noch, was das Zeug hielt); am halbrunden Tisch, der heute (2015) noch dort steht, nicht weit vom grossen gusseisernen Ofen. Ab und zu den Eingang beobachtend, um zu schauen, ob ein bekanntes Gesicht auftauchen würde. Das tat es nicht, dafür traten zwei Frauen ein. Eine davon für meinen Geschmack nicht unbedingt eine Attraktion; dafür faszinierte mich die andere umso mehr. Ich hatte diese Frau, mit stark südländischem, oder arabischem, Einschlag auch sonst schon gesehen und konnte in dem Moment kein Auge von ihr wenden. Auch heute noch behaupte ich, dass sich in dieser Sekunde für mich der Radau in Totenstille verwandelte. Es muss wohl so gewesen sein, denn 2 Jahre später heiratete ich meine Vicenta aus Catarroja (Valencia). 

 

Aber bis dahin war es noch ein ziemlicher Weg. Ganz unmittelbar benötigte ich das Glück, dass der einzige freie Stuhl in der überfüllten Bodega genau neben mir stand. Den beiden Damen, die sich nach einer Sitzgelegenheit umschauten bedeutete ich ohne zu überlegen, dass es hier noch eine Sitzmöglichkeit gäbe. Charmant, aber noch mehr geistesgegenwärtig, offerierte ich den freien Stuhl der Dame, die mich nicht interessierte und lud im gleichen Atemzug die andere ein, auf meinem Oberschenkel Platz zu nehmen. Zu meiner Verblüffung sass sie Sekunden später dort. Das damals übliche Miniröckchen tat das Übrige. 

 

Jetzt kamen mir meine Abendkurse in Spanisch, die ich während meiner kaufmännischen Ausbildung besucht hatte, zu gute. Ich kramte hervor, was noch vorhanden war und radebrechte was das Zeug hielt. Irgendwann ergab sich dann für uns beide eine bequemere, aber auch weniger anregende Sitzgelegenheit. Es war für mich klar, dass ich diese rassige "Katze" wieder sehen wollte. Zu meiner Freude sass sie dann auch bei anderen Gelegenheiten auf meinem Oberschenkel:



(1) Kurz nachdem wir uns kennengelernt hatten. Vicenta hatte sicher schönere Verehrer - aber keinen, der Donald Sutherland mehr geglichen hätte ... Die Pilotenbrille war anfangs 70er Jahre schwer "in".

Kurz nachdem wir uns kennengelernt hatten. Vicenta hatte sicher schönere Verehrer - aber keinen, der mehr Donald Sutherland geglichen hätte ...

 

Was tatet ihr, um euch zu umwerben und zu erobern?
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18.  Eheleben

Was tatet ihr, um euch zu umwerben und zu erobern?

Einige Tage oder Wochen später ergab sich zufällig ein erneutes Zusammentreffen in der Bodega. Wir verabredeten uns für einen der nächsten Abende in einer Bar am Stadelhoferplatz zu einem anschliessenden Kinobesuch (Anatevka). Natürlich liess Sie mich mindestens 20 Minuten warten, wie es jede Frau, die etwas auf sich hält, macht. Monate, oder Jahre, später gestand sie mir, dass sie sich damals überlegt habe, ob sie überhaupt zu dem Rendezvous erscheinen sollte. Schliesslich gab es da noch andere, die hinter ihr her waren. Ihr ex-Freund „Bobby“ liess nicht locker. Und ein eben aus dem Kloster ausgetretener Franziskaner-Novize, erst noch Spanier, war hinter ihr her. Eigentlich verdächtigte ich jeden – und sie tat nichts, um es zu zerstreuen.

 

Nach der Kinovorführung brachte ich sie im Tram (zu ihr) nach Hause – und fuhr anschliessend zu meiner nicht geringen Enttäuschung mit dem nächsten "Elfer" wieder allein in die Stadt zurück. Bis zu meiner Wohnung in der Josefstrasse eine Weltreise. So war das damals noch. Jedenfalls meistens bei mir … na ja, eigentlich immer.

 

Nach einigem auf und ab in der sich anbahnenden engeren Beziehung, konnte ich dann das Tram gelegentlich auch in den Morgenstunden nehmen, oder einigermassen erschöpft liegen bleiben, während sie in aller Herrgottsfrühe zur Arbeit ging. Sie arbeitete damals in der Buchbinderei der "Neuen Zürcher Zeitung" (NZZ). Nach ungefähr eineinhalb Jahren beschlossen wir, uns zu verloben. (Dazu brauchte es allerdings ihre durchaus nicht zu missverstehende Nachfrage, wie es denn mit uns weitergehen sollte ..., was mir imponierte. Ich wollte ja keine blöde Frau.) Meine Mutter, die Vicenta von Beginn weg ins Herz geschlossen hatte, was umgekehrt auch auf Vicenta zutraf, organisierte eine winzige Feier in Räterschen. Vicenta wissen beide nicht mehr, ob es fünf oder sechs Anwesende waren – inklusive uns. Ein wunderschönes kaltes Buffet mit einem ganzen pochierten Lachs! Champagner. Das Pariser savoir vivre meiner Mutter blitzte auf. Zu dieser Zeit hatte ich die Matura bereits in der Tasche (trotz Vicenta, die mich ziemlich ablenkte) und studierte Betriebswirtschaft an der Uni Zürich. Mit dem Kennenlernen von Vicenta hatte sich mein ursprünglicher Plan, in St. Gallen zu studieren, ohne jegliches Bedauern in Luft aufgelöst. Ich blieb noch so gern in Zürich und habe es nie bereut. Weder Zürich noch meine Verlobung.

Musstet ihr euch zwischen mehreren Partnern entscheiden?
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18.  Eheleben

Musstet ihr euch zwischen mehreren Partnern entscheiden?

Ich glaube, dass es damals für uns beide keine ernsthaften Alternativen gab. Sorry Vicenta. Du hattest zwar einen "Ex", der immer noch scharwenzelte, du wolltest jedoch von ihm offensichtlich nichts mehr wissen. Du musst erkannt haben, dass ich die bessere Partie war, wenn damals auch ein hässlicher, dünner Habenichts … Nun, viel schöner war dein Bobby auch nicht.

 

Nur scheinbar anders sah es bei mir aus. Ich schrieb meiner thailändischen Freundin Phenphan zwar immer noch Briefe, über ein Jahr lang täglich. Aber ich wusste seit langem, dass diese Freundschaft keine Zukunft haben konnte. Schliesslich teilte ich Phenphan per Brief mit, dass ich jemanden gefunden hätte. Dass es besser für sie sei; dass unsere Beziehung kein wirtschaftliches Fundament hätte; dass sie etwas Besseres verdiente; dass ihre Eltern niemals ihren Segen geben würden; dass ich ihr nicht das Leben bieten könne, das sie gewohnt sei; .... Na ja, was man eben so schreibt, auch wenn es nicht leicht fiel …

 

Später sagte sie mir einmal, oder schrieb es mir, dass sie viel geweint habe. Allerdings half ihr ihr Vater augenblicklich darüber hinweg. Vermutlich hatte er nur auf diesen Moment gewartet. Jedenfalls dauerte es nur wenige Wochen, bis sie mir schrieb, dass ihr Vater für sie einen Mann gesucht habe und sie heiraten würden. Natürlich einen gut situierten Mann, Ingenieur. Später CEO von Schindler Thailand. Zwei Jahre später gebar sie ihr erstes Kind, im gleichen Monat in dem auch unser Sohn zur Welt kam (Mai 1976). Die ganze Familie besuchte uns mehrmals in Zürich und wohnte sogar bei uns, und wir verbrachten ausgelassene Tage zusammen. Eine grossartige Geste sowohl von Vicenta wie von Narong, Phenphans Ehemann.

 

 
(1) Spain meets Thailand: Meine Frau Vicenta (l.) und meine Freundin Phenphan ca. 1981 am Vierwaldstättersee. Phenphan, ihr Ehemann Narong und die zwei Kinder Pink und Knot wohnten einige Tage bei uns in Zürich.

Spain meets Thailand: Meine Frau Vicenta (l.) und meine Freundin Phenphan ca. 1981 am Vierwaldstättersee. Phenphan, ihr Ehemann Narong und die zwei Kinder Pink und Knot wohnten einige Tage bei uns in Zürich.

 

 

 

Gab es auch Momente des Zweifels?
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18.  Eheleben

Gab es auch Momente des Zweifels?

Wie sollte ich auch nicht zweifeln? Ich war ja erst 24 Jahre alt, begann gerade mit meinem Studium, hatte kein Geld und keine konkreten Vorstellungen über mein zukünftiges Leben. Andererseits war ich fasziniert von meiner Verlobten. Nicht nur war sie attraktiv, temperamentvoll, humorvoll und (damals) gleichzeitig ein bisschen verrückt wie letztlich auch sehr bodenständig. Die grössten Zweifel betrafen jedoch nicht meine Heirat. Im Gegenteil zweifelte ich, ob je wieder eine vergleichbare Chance auf eine solche Frau hätte, wenn ich diese vorbei gehen liesse!

 

Auch als mir Vicenta fairerweise – und wirklich noch rechtzeitig vor unserer Verlobung – zu bedenken gab, dass sie 9 Jahre älter sei als ich, konnte mich das nicht erschüttern. (Auch wenn sie mir vorher ein anderes Geburtsjahr genannt hatte. Aber von meiner Mutter wusste ich, dass man Frauen niemals nach dem Alter fragt und wenn sie es sagen, sie schummeln dürfen …). Es interessierte mich auch überhaupt nicht; mit 33 war sie voll im Saft – Entschuldigung in voller Blüte! Zudem hatte ich inzwischen auch Valencia und die Familie ihrer Schwester kennengelernt und mich genauso in Spanien (damals noch unter Franco) und die mir so fremde – und doch so nahe – Lebensweise verliebt wie in meine einzigartige Freundin. Diese täglich gelebte Dualität, wir sprachen auch ziemlich bald einmal konsequent ihre Muttersprache, Valenciano, half über Alle Schwellen hinweg, liess letztlich ernsthafte Zweifel gar nie aufkommen.

 

Kürzlich (2017) habe ich gelesen, dass langjährige Ehen vor allem geprägt seien durch eine hohe Übereinstimmung der Lebensziele der beiden Ehepartner. Das stimmt wohl. Bei meinen Eltern fehlte diese Übereinstimmung zunehmend, was zu einem tragischen Scheitern führte. In meiner Ehe stimmten die Vorstellungen weitgehend überein. Und wo sie im Alltäglichen divergierten, gaben wir uns oder nahmen wir uns die nötigen Freiheiten, ohne dass dies zu wesentlichen Konflikten geführt hätte. Aber die allgemeine Stossrichtung teilten wir jederzeit unausgesprochen: meine Arbeit als Basis für finanzielle Sicherheit im Alter und der vernünftige Umgang mit dem Einkommen und den Ersparnissen hatte Priorität.

Wie war eure Hochzeit?
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18.  Eheleben

Wie war eure Hochzeit?

Unsere Hochzeit ist ein schräges Kapitel. Eine völlig improvisierte Veranstaltung, ohne die heute üblichen organisatorischen Vorbereitungen und Begleitumstände. Vicenta und ich waren uns einig, dass wir es schlicht halten wollten; für mehr hatten wir ja auch kein Geld. (Ich studierte im 5. Semester, oder so.) Eigentlich war es ein Tag wie jeder andere, einfach etwas festlicher. Immerhin hatte sich Vicenta zusammen mit meiner Mutter ein tolles Hochzeitskleid gekauft. Hellbeige, nicht weiss. Eines das man später – ohne die Schwanenfedern – auch als Abendkleid tragen konnte. Hinzu kamen einige Meter königsblauer Samtstoff, aus dem meine Mutter ein Cape nähte.

 


(1) Hochzeit mit von ihrer Schwiegermutter genähtem königlichem Cape in Zürich-Seebach, 19.1.1974. Von links nach rechts: Trauzeuge Hanspeter "Julien" Millischer, Vicenta, mein Bruder Erwin, ich.

Hochzeit mit von ihrer Schwiegermutter genähtem königlichem Cape in Zürich-Seebach, 19.1.1974. Von links nach rechts: Trauzeuge Hanspeter "Julien" Millischer, Vicenta, mein Bruder Erwin, ich.

 

Meinerseits hatte ich mir meinen ersten und bisher einzigen Smoking gekauft. "Julien" Millischer, einer unserer Trauzeugen sollte uns mit seinem Döschwo ins Kirchlein in Seebach fahren. (Der andere Trauzeuge war Arthur Joos, ein Cousin von Vicenta.) Dasselbe Kirchlein, in der die Tante von Vicenta (die Mutter von Arthur Joos, auch eine Vicenta) einige Jahre zuvor Kurt Schläpfer geheiratet hatte. (Damals war er natürlich noch weit davon entfernt, einmal CEO der Electrolux Schweiz zu werden.) Er war es, der dem Tag noch etwas Glanz verlieh: Er fuhr mit seinem als Hochzeitsfahrzeug geschmückten BMW vor und brachte uns nobel in die Kirche.

 

Die Trauung war natürlich auf Deutsch und für die Spanier weniger natürlich protestantisch. Damit die aus Valencia angereiste Familie, Mutter, Schwester mit Ehemann und ihre zwei kleinen Mädchen, die natürlich alle in unserer Vierzimmerwohnung untergebracht waren, etwas mitbekamen, übersetzte Paco Riqué, der (zukünftige) Pate unseres (zukünftigen) Sohnes, simultan die Predigt. Völlig unvorbereitet und entsprechend etwas wirr. Der Pfarrer war not very amused. Vicentas Mutter auch nicht, die an prunkvollen katholischen Barock und Grossveranstaltungen mit in der Regel über 100 Gästen gewohnt war, während wir in einer kargen, kleinen protestantischen Kapelle mit rund 30 Eingeladenen sassen. Viele planen eine "einfache und schlichte Hochzeit" – wir haben uns eisern daran gehalten. Der Schwiegermutter-Kommentar später entsprechend: "Eixo no es boda ni es res." (Das ist keine Hochzeit, das ist gar nichts.) Allerdings wusste sie noch nicht, was sie nach der Kirche erwartete ...

 

Für das Essen ging ich nämlich an unsere finanzielle Grenze:

 

  • Gemischter Salat
  • Rindsfilet Rossini (mit Gänseleber), Gemüse und Pommes-Frites
  • Caramel-Köpfli !!!!!!
  • Kaffee und von uns mitgebrachten billigen spanischen Brandy ("Veterano") für den Carajillo. Damit war wiederum der Wirt not very amused.

 

Kein Orchester, keine Zauberer, kein Tanz. Gar nichts. Das wäre im "Saal" der "Oberen Waid" in Höngg auch nicht möglich gewesen - und genau deshalb hatte ich ihn auch auserkoren. Er fasste genau unsere ca. 30 Eingeladenen. Punkt. Immerhin hatten wir einen Photographen: Ian Gurtner, Hobbyphotograph und mein Redaktionskollege, der als sein ganz spezielles Hochzeitsgeschenk liebenswürdigerweise fotografierte und die Aufnahmen auch selbst entwickelte. Wir hätten uns keinen Fotografen geleistet. Wir hatten ja nicht einmal eine Hochzeitstorte, was allerdings nicht nur finanzielle Gründe hatte: Ich zog einfach Caramel-Köpfli einer mastig-süssen Hochzeitstorte vor. Meine Frau, die sich von Spanien her anderes gewohnt war, hat niemals, weder damals noch heute, je die Nase gerümpft oder sich beklagt. (Sich lustig gemacht haben wir uns beide, tun es heute noch.) Mehr lag einfach nicht drin. Trotzdem war die Stimmung ausgelassen.


(2) Hochzeit am 19.1.1974 mit Vicenta Ferrandis y Guillem de Catarroja (España)

Hochzeit am 19.1.1974 mit Vicenta Ferrandis y Guillem de Catarroja (España)

 

Nach dem wir 15 Jahre verheiratet waren, habe ich sie (immerhin) mit einem kleinen Fest überrascht: eine riesige Paella für ca. 30 Personen, Wein à gogo und einer 7-stöckigen Hochzeitstorte für Nachbarn und die meisten der seinerzeitigen Hochzeitsgäste, die an unserer Hochzeit kulinarisch knappgehalten waren.



(3) Nach 15 Ehejahren endlich eine Hochzeitstorte im Gemeinschaftsraum der GISA am Kirchenackerweg 31 in Örlikon. Seinerzeit, 1974, reichte es nur für Karamelköpfli. Rechts Fina (Benavent aus Quatre Tondas), eine der besten Freundinnen von Vicenta.

Nach 15 Ehejahren endlich eine Hochzeitstorte im Gemeinschaftsraum der GISA am Kirchenackerweg 31 in Örlikon. Seinerzeit, 1974, reichte es nur für Karamelköpfli. Rechts Fina (Benavent aus Quatre Tondas), eine der besten Freundinnen von Vicenta.

 

 

Falls ihr Kinder habt, war das ein gemeinsamer Wunsch?
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19.  Kinder

Falls ihr Kinder habt, war das ein gemeinsamer Wunsch?
Meine Frau wollte nach der Heirat schnell ein Kind, da ich jedoch noch mitten im Studium war, gaben wir uns noch etwas Zeit. Bis ein gutes Jahr vor meinem prognostizierten Studienabschlussdatum, nach welchem ja eine Anstellung und damit ein regelmässiges anständiges Einkommen, inkl. Karrierechancen, winkte. Zu jener Zeit verschwendete man keinen Gedanken daran, dass es schwierig werden könnte, eine Arbeitsstelle zu finden! 
 
Es gab deshalb irgendwann bezüglich Nachwuchs kein Halten mehr, und Vicentas durchaus intensiven Bemühungen waren schnell von Erfolg gekrönt. Die Schwangerschaft verlief trotz ihres Alters (36 Jahre) unproblematisch, trotzdem kündigte sie irgendwann ihre Arbeitsstelle. Es war dann auch das definitive Ende ihrer Berufstätigkeit, schon vor Ralph am 16.5.1976 geboren wurde. Ein hübscher und kräftiger Bub, der höchstens von seiner Mutter etwas zu sehr gefüttert wurde, nachdem sie mit stillen nach einigen Monaten aufhören musste. Ich wurde dann trotzdem noch zum Spezialisten, ihr mit einer kleinen Vakuum-Pumpe eine Zeit lang Milch abzusaugen.
Wie habt ihr euch in den ersten Jahren organisiert? Gab es eine Arbeitsteilung?
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19.  Kinder

Wie habt ihr euch in den ersten Jahren organisiert? Gab es eine Arbeitsteilung?
Da sie nun vollamtlich Hausfrau war, erschien es uns selbstverständlich, dass sie für unseren "rückwärtigen Raum" zuständig war, d.h. ich war von Hausarbeiten, ausser dem gemeinsamen Einkaufen, weitestgehend freigestellt. Auch ohne, dass wir uns explizit darüber ausliessen. Kinderbetreuung, inkl. Windeln wechseln, beschränkten sich für mich auf die kurzen Abwesenheiten meiner Frau, für Coiffeur etc. Hatten wir gemeinsam etwas vor, stand meine Mutter immer zur Verfügung, d.h. kam zu uns. A propos Windeln: Natürlich Baumwollwindeln, erstens weil wir der Überzeugung waren, dass dies besser sei als Papierwindeln, aber vor allem, weil wir damals wirklich kein Geld in Überfluss hatten. Na, das ist sogar noch übertrieben: Wir hatten kaum Geld. Habe ich schon geschrieben, dass wir an meinem ersten Zahltag nach Abschluss des Studiums ein völlig blankes Bankkonto hatten? Hätte ich nicht sofort eine Stelle gefunden, hätte ich meine Mutter fragen müssen, ob sie uns die Wohnungsmiete vorschiessen könnte.
 
In Erinnerung geblieben ist mir hinsichtlich Kinderbetreuung die erste Nacht, die wir auswärts an einem Anlass meiner damaligen Arbeitgeberin Elida Cosmetic (Unilever) ohne unseren Sohn verbrachten. Obwohl in St. Moritz im "Schweizerhof" logierend, reisten wir schon früh ab, um uns zu überzeugen, dass unserem damals schätzungsweise fünfjährigen Kind in der Obhut der Grossmutter in Räterschen nichts geschehen war. Natürlich war alles in Ordnung.
Wie waren deine Kinder in den verschiedenen Lebensphasen?
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19.  Kinder

Wie waren deine Kinder in den verschiedenen Lebensphasen?
Aus heutiger Sicht muss ich sagen, dass ich zu viel abwesend war und nicht in allen Einzelheiten die Entwicklung unseres Kindes verfolgen und auch geniessen konnte. Insbesondere wenn ich vergleiche, wie viel Zeit mein Sohn heute mit seinen Kindern verbringt, indem er nur 4 Tage pro Woche arbeitet. Vicenta als vollamtliche Hausfrau und Mutter ermöglichte es mir natürlich auch, mich ohne schlechtes Gewissen abzumelden, wenn immer es aus beruflichen Gründen erforderlich war. Es war sehr schön ein Kind zu haben - aber eigentlich stand mir der Sinn danach, im Beruf vorwärts zu kommen.
 
Immerhin kann ich behaupten, dass ich den grössten Teil meiner nicht dem Beruf gewidmeten Zeit für Ralph zur Verfügung stand und mit ihm etwas unternahm. So war ich werde politisch noch in einem Verein aktiv. Mein damaliges Hobby, angeln, betrieb ich meistens in ganz frühen Morgenstunden. Heilig war bis ungefähr zu seinem 13. oder 14. Altersjahr das "Pfila" (Pfingstlager), für das wir jeweils nur er und ich mit Sack und Pack auf irgendeinen Camping-Platz fuhren. Eitel Freude war es jedoch auch nicht, denn ich mag mich kaum an ein Pfingstwochenende ohne Regen erinnern. Bis hin zu frühzeitigem Abbruch der Übung.
 
Im Winter versuchte ich ihm Skifahren beizubringen, obwohl ich selbst wenig Freude darin hatte und es auch nicht gut konnte. Irgendwie fehlte mir das Gleichgewichtsgefühl. So fuhren wir meistens früh morgens in den Atzmännig oder nach Bruni (Einsiedeln). Des Öfteren waren wir jedoch zum Mittagessen schon wieder zu Hause. Wie wenig erfolgreich ich war zeigt, dass er glaube ich seit Jahrzehnten nicht mehr auf den Skiern gestanden ist.
 
Später, so ab 14 oder 15 machte es mir viel Spass, mit Ralph gelegentlich Tennis zu spielen, vor allem, weil es gleichzeitig für mich eine sportliche Betätigung war. Im Winter in der Halle, im Sommer auf dem nahegelegenen Sandplatz. Jedenfalls bereitete es mir Freude, solange ich noch gewinnen konnte ... Übrigens habe ich ihn nie absichtlich gewinnen lassen - hatte es mir jedoch schon überlegt, ob es nicht besser wäre. Im Squash stellte sich diese Frage nicht, zeigte er doch, wenn ich mich recht erinnere, von Anfang an den Meister, so dass wir diese sportliche Aktivität nicht allzu häufig ausübten.
 
Gelegentlich gingen wir auch Billard spielen, wofür er schon früh ein ziemliches Talent zeigte, (obwohl er zu Beginn grad so knapp über die Tischkante schauen konnte), so dass ich uns zwei schöne Cues kaufte. Das ging so weit, dass ich ihn dann immer auch an den kleinen Billardanlass mitnahm, der jeden Freitagabend in unserer Wohnsiedlung im Billiardzimmer stattfand. Als ich mir von den Kollegen anhören musste, dass dies kein Kindergarten sei (er musste etwa 12 Jahre alt gewesen sein), entgegnete ich cool, dass ich ihn mitnehmen würde, solange er besser als die meisten von uns spiele. Der Kompromiss war dann, dass er bis 20 Uhr bleiben durfte. Das war natürlich auch deshalb besser, weil ja hemmungslos geraucht und kräftig Whisky konsumiert wurde.
 
Er war immer ein geduldiges, äusserst friedliches und genügsames Kind, das selten aufbegehrte. Jedenfalls bis zur Pubertät, als er sich seine Freiräume und Abgrenzungen zu beanspruchen begann. Bis hin zu überlangen Haaren, aber was wusste er schon, dass einem, der die 60er und 70er Jahre erlebt hat, und die damaligen Widerstände gegen längere Haare, das höchstens ein müdes Lächeln wert war. Den Totenkopf-Ohrring vergällte ihm seine Grossmutter, indem sie ihm allen Ernstes sagte, dass sie ihn toll fände. Kurz darnach war er verschwunden.
 
Anlass zum Streit zwischen uns gab es nur, weil er beharrlich sein Glas Milch, das er zum Fernsehen trank, neben dem Fauteuil auf den Teppich stellte, statt auf dem vor ihm stehenden Salontischchen. Das wäre an sich kein Grund zur Aufregung, wenn ich nicht regelmässig beim Vorbeigehen mit dem Fuss das meist noch halbvolle Glas umgestossen hätte.
Warst du ein strenger Vater?
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19.  Kinder

Warst du ein strenger Vater?
Ich glaube nicht, dass ich ein besonders strenger Vater war – und falls gelegentlich doch, dann hat es Vicenta sicher unterlaufen. Sie sah ihm alles nach. Insbesondere mag ich mich nicht an viele Vorschriften erinnern. Sogar als wir später, während seiner Lehre, entdeckten, dass er in einem Aktenköfferchen Haschisch aufbewahrte, liessen wir ihn gewähren. Ich erinnere mich jedenfalls nicht, das Thema überhaupt angeschnitten zu haben. Hingegen habe ich ihn in früheren Jahren – wie es meine Mutter mit mir getan hat – schon auf die Gefahren und Verderbnis von Drogen hingewiesen. Ich schenkte ihm einmal, vielleicht auch in dieser Phase, eine sehr eindrückliche Lithographie von Mario Comensoli (1922 - 1993), das sich Heroin spritzende Jugendliche darstellte. Es war die Zeit des Platzspitzes in Zürich - des so genannten "Needleparks". Zu meiner Freude hatte es Ralph nach diversen Umzügen immer noch, auch wenn es natürlich kein Bild war, das man in die Stube hängen wollte oder sollte. Jedenfalls glaube ich, dass es bei Haschisch geblieben ist. Ich habe mir jedoch in dieser Hinsicht nie allzu grosse Sorgen gemacht; irgendwie konnte ich mir unser Kind in dieser Szene gar nicht vorstellen.
 
Wie wurde das Spielen, Fernsehen oder Computerspielen geregelt?
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19.  Kinder

Wie wurde das Spielen, Fernsehen oder Computerspielen geregelt?
Wir hatten diesbezüglich kaum regeln, waren wir doch selbst intensive TV-Konsumenten. Dementsprechend gab es mindestens 3 Fernseher im Haus, jedoch nicht in Ralphs Zimmer. Hingegen wollte er, wie alle Teenager-Kinder einen Commodore-PC, liebte er doch Computer-Spiele über alles. Damals kamen jedoch die Microsoft-Computer auf, in denen ich richtigerweise die Zukunft sah. Ich konnte ihn sogar überzeugen, seinen Commodore-Computer gegen einen dieser IBM-Microsoft-PC's einzutauschen. Natürlich ein Monstrum mit 5 1/4-Zoll Floppy-Disk. Auch wenn ich dafür einige Spiele organisieren konnte, richtig glücklich war er damit nicht ...
Hast du die Hausaufgaben deiner Kinder kontrolliert? Hast du ihnen geholfen?
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19.  Kinder

Hast du die Hausaufgaben deiner Kinder kontrolliert? Hast du ihnen geholfen?
Mir hat nie jemand bei den Hausaufgaben geholfen. Ich war in dieser Hinsicht völlig selbständig, unterlag auch keiner Kontrolle. Vielleicht weil es nicht nötig war, vielleicht weil es niemanden interessierte? Ich weiss es nicht. Jedenfalls verhielt ich mich tendenziell auch so. Ich erinnere mich an eine kurze Phase, in der Ralph wollte und auch Freude hatte, wenn ich bei den Hausaufgaben neben ihm sass; ich meine in der Oberstufe der Primarschule. Irgendwann verlief sich das aber wieder, vielleicht weil ich einfach kein geduldiger Pädagoge war. Aber sicher hatte auch meine Grundeinstellung damit etwas zu tun, dass ein Kind seine Hausaufgaben doch selber lösen können sollte. Geschadet hat es ihm glaube ich nicht.
 
Auch die kaufmännische Lehre bei der Credit Suisse und die anschliessende Matura hat er völlig selbständig bestritten – was mich mit Stolz erfüllt(e). Worauf ich mir jedoch nichts einbilde: Im Universitätsstudium musste er für ein Nebenfach eine Aufgabe mit einer Cashflow-Berechnung lösen und kam damit zu mir. Ich bin zu meiner Schande kläglich gescheitert.
 
 
Was wusstest du über die Freunde und Freundinnen deiner Kinder?
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19.  Kinder

Was wusstest du über die Freunde und Freundinnen deiner Kinder?
Wir haben uns nie gross für seinen Freundeskreis interessiert oder gar eingemischt. Vielleicht auch, weil es dafür keinen Grund gab. Alle Freunde die wir sahen, machten uns einen guten Eindruck. Dass diese Jugendfreundschaften teilweise bis heute anhalten, spricht für sich.
 
Von Freundinnen habe ich persönlich nicht allzu viel mitbekommen, bis auf eine, die gelegentlich zu ihm zu Besuch kam. Viel von ihr sahen wir nicht, und ich glaube, ausser "Grüezi" und "Adieu" haben nichts gesprochen. Sie verschwanden jeweils gleich für ein-zwei Stunden in seinem Zimmer. Entsetzt war ich nur, dass er sie nachher an der Wohnungstür verabschiedete und nicht einmal bis zur Tramstation begleitete. Entsprechend kurz war dann auch diese Episode.
 
 
Wie stark seid ihr auf Wünsche eurer Kinder eingegangen?
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19.  Kinder

Wie stark seid ihr auf Wünsche eurer Kinder eingegangen?
Es war einfach, Ralphs Wünsche zu erfüllen, hatte er doch eigentlich ganz wenige. Ausser einem, den wir ihm nicht erfüllen konnte. Als wir nämlich zusammen an der Züspa seine erste kleine Stereoanlage gekauft hatten, bemerkte ich so beiläufig, dass er Glück habe, ein Einzelkind zu sein, weil wir ihn so mehr verwöhnen könnten. Darauf erwiderte er trocken, dass er es vorziehen würde einen Bruder zu haben. Ich war sprachlos.
Haben deine Kinder schon geheiratet? Wie war das für dich/euch?
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19.  Kinder

Haben deine Kinder schon geheiratet? Wie war das für dich/euch?
Ich musste 66 Jahre alt werden, bis mein Sohn mit 40 Jahren seine schon 16 Jahre andauernde Lebenspartnerschaft mit Livia (Pfeifer) auf dem Zivilstandsamt legalisierte. Und dann gleich noch am Nachmittag ihre drei Kinder (Mila 5, Marlon und Ben je 2) taufen liess. Ein klein wenig bin ich Livia dankbar, dass die Kinder nun nicht mehr Pfeifer sondern Bohli heissen. (Wobei ich selbst mich mit meinem Namen nie anfreunden konnte, aber man kann es sich ja als Sohn nicht aussuchen.) Wesentlich ist es nicht, dass unser Stammbaum nun noch mindestens eine Generation länger wird, aber doch ganz nett. Viel wichtiger ist, dass beide überzeugt sind, dass sie zusammengehören. Eine schöne Familie.
 
Dafür, dass unser Sohn jedem Pomp abhold ist, war es ein sehr schöner Anlass, zudem auch alle drei spanischen Paten/Patinnen extra aus Spanien angereist waren, mit Anhang 7 Personen, die wir für die paar Tage auf unsere zwei Wohnungen verteilten. Wir genossen es mit den jungen Leuten sehr. Als besonders schöne Idee brachten sie das Wasser für die Taufe aus dem Mittelmeer, geschöpft am Strand direkt vor unserer Ferienwohnung in "El Perellonet" (Valencia). Ein weiterer Höhepunkt war natürlich die kleine Tapas-Verköstigung in der "Bodega Española" im Niederdorf nach der Trauung im Stadthaus. Stolz zeigte ich den angereisten Spaniern den Tisch, an dem sich Vicenta und ich vor rund 45 kennen gelernt hatten. Früher hatte ich sogar mehrmals damit geliebäugelt, den dreieckigen Tisch zu kaufen - aber wohin damit? Welche Geistesgegenwart ich bei diesem Kennenlernen bewies, habe ich im vorherigen Kapitel ja beschrieben!
 
Am meisten erstaunt hat mich, dass Ralph für die Trauung extra eine Art Blues Brother-Anzug, inkl. passendem Hut und weissem Hemd gekauft hat. Am feierlichen Abendessen in der "Giesserei" in Zürich war er dann wieder ganz der alte – in Bermuda-Shorts und Turnschuhen.
Wie ist dein Verhältnis zu deinen Enkelkindern?
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19.  Kinder

Wie ist dein Verhältnis zu deinen Enkelkindern?
Der Start mit unserem ersten Enkelkind verlief ein wenig harzig, weil Ralph und Livia "overprotective" waren. U.a. musste ich mir von meinem Sohn anhören, dass sie die kleine Mila nie mit mir und Hund Elvis allein lassen würden. Zum Glück änderte sich das langsam und die herzige Kleine tat das übrige, dass sich mein Ärger langsam verflüchtigte. Besonders als dann noch die Zwillinge Marlon und Ben dazukamen. Nun waren wir als Aufpasser doch noch gefragt ...
 
Alle drei sind aufgeweckte Kinder, die bereits einen starken Willen zeigen. Es ist eine Freude, sie in der Entwicklung und ihren Überlegungen zu beobachten.
Hast du in irgendeiner Weise für sie vorgesorgt?
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19.  Kinder

Hast du in irgendeiner Weise für sie vorgesorgt?
Es braucht keinen Propheten um vorauszusehen, dass die Arbeitswelt, in die meine Enkelkinder in ungefähr 15 bis 20 Jahren eintreten werden, ganz anders aussehen wird. Ich erwarte, dass sehr viel Computer-Arbeit dezentral geleistet werden kann. Man wird Teil eines Netzwerkes sein, sich zu einem grossen Teil per Video unterhalten. Unternehmen werden Kosten auslagern und variabler gestalten, indem mehr Leute Freelance und selbständig arbeiten werden/müssen. Der Kampf um Spitzenleute wird sich intensivieren. Unter dieser Prämisse haben wir vorgesorgt, dass jedes Enkelkind für ein "start-up" auf eine Räumlichkeit ohne Mietkosten zugreifen können wird. Der Rest liegt in ihren eigenen Händen. Sie werden es sicher packen.
Gibt es Dinge, die du dir bzw. die ihr euch im Gegensatz zu früher leistet oder mehr geniesst?
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20.  Lebensfreude

Gibt es Dinge, die du dir bzw. die ihr euch im Gegensatz zu früher leistet oder mehr geniesst?
Da wir eigentlich immer sparsam lebten und uns kaum unnötigen Luxus geleistet haben, geniesse ich heute etwas ganz besonders: Ich schaue nicht mehr als erstes auf den Preis, wenn ich etwas haben möchte. Sehr zum Ärger meiner Frau, die manchmal nur den Kopf schüttelt, wenn ich vom samstäglichen Markt mit frischem Gemüse und Früchten nach Hause komme und sie feststellt, dass dies alles im Coop viel billiger zu haben wäre. Was nicht heisst, dass ich nicht ganz genau weiss, an welchem Stand es den schönsten und erst noch günstigsten Rosenkohl gäbe. Anders sieht es beim Wein aus, der ein fester Bestandteil unserer nach wie vor recht üppigen Abendessen (in der Regel ein bis zwei Vorspeisen und Hauptgang mit "second helping" anstelle von Dessert) geworden ist; hier hat sie sich noch nie über einen etwas aus dem Rahmen fallenden Preis beschwert ... Ich geniesse es über alle Massen, keine geschäftlichen Abendessen mehr zu haben oder spät nach Hause zu kommen.
 
Aber letztlich schöpfen wir unseren zeitlichen und finanziellen Spielraum bei weitem nicht aus. Auch wenn ich mir immer wieder vornehme, einmal einige Tage zu verreisen, wieder einmal in Paris, London, New York, San Francisco zu flanieren, bleibt es beim Gedanken. Nicht einmal unsere schöne Ferienwohnung in Valencia (El Perellonet) ist ausserhalb der Sommermonate eine genügend starke Alternative zum gemütlichen Zuhause. Auch wenn ich mir nach dem Tod unseres "Elvis" vorgenommen habe, in der kalten Jahreszeit regelmässiger, sagen wir einmal im Monat für 4 - 5 Tage, in Valencia nach dem Rechte zu sehen ...
Wie haben sich deine Ess- und Trinkgewohnheiten verändert?
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20.  Lebensfreude

Wie haben sich deine Ess- und Trinkgewohnheiten verändert?
Wie schon beschrieben, ist unsere Hauptmahlzeit das Abendessen geblieben, ein Überbleibsel aus der Zeit meiner Berufstätigkeit. Um mein Gewicht in Grenzen zu halten, seit meiner Pensionierung zwischen 99 und 103 kg, vorzugsweise um die 100, bei 194 cm Körpergrösse, zum Mittagessen meistens nur etwas Kleines. Oder Kaffee und eine Süssigkeit.
 
Einen bewussten Umgang pflege ich mit Alkohol, hätte ich doch nun jede Menge Zeit und Gelegenheit, schönen Wein und feine Biere zu geniessen. Da ich Alkoholabhängigkeit in der Familie hautnah erlebt habe, versuche ich, Disziplin und Distanz zu wahren. Wie schon während meiner ganzen Berufszeit gibt es Alkohol, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nur zum Abendessen und anschliessend noch ein zwei Glas bis zum ins Bett Gehen. Also über plus-minus 4 Stunden zu zweit mindestens eine Flasche, zunehmend noch eine halbe dazu. Damit es nur bei der halben bleibt, wende ich einen Trick an: Die zweite Flasche ist immer ein günstigerer Wein als der erste. So hält sich die Lust auf mehr automatisch in Grenzen. Jedenfalls bei mir, denn zum Glück trinke ich (meiner Meinung nach) nicht das Alkohols wegen, noch nicht ..., sondern weil mir ein guter Wein einfach schmeckt. Ich mag mich auch nicht erinnern, jemals mit dem Gedanken getrunken zu haben, "mich vollaufen zu lassen", einen Kummer zu ertränken, Stress abzubauen oder was immer Motive sein können. Zu schrecklich sind die Kater danach, auch wenn ich diese noch mit zwei Händen abzählen kann. Aus dem gleichen Grund verspüre ich selten Lust auf "härtere Sachen", am ehesten noch ein Whisky (Single Malt, preferably Dahlwinnie Distillers Edition) oder Cognac (in Form von spanischem Brandy 1866). Aber natürlich weiss ich, dass jeder Alkoholiker irgendwann gedacht hat, das könne ihm nicht passieren. Es ist auch nicht der Gedanke alkoholabhängig zu werden, der mich vom zu viel Trinken abhält. Nur der Gedanke der völligen Abstinenz falls unser Weinkonsum zu einer veritablen Sucht ausarten würde erschreckt mich ... Andererseits scheinen das doch ehemals berüchtigte Trinker aus der Musikszene, wie John Mayall, geschafft zu haben, die Sucht hinter sich zu lassen - und erst noch alt zu werden. Soeben (Februar 2017) war ich zum vierten Mal in Folge an einem John Mayall-Konzert: Der Mann ist jetzt 82 Jahre alt!
Habt ihr ein Haustier?
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20.  Lebensfreude

Habt ihr ein Haustier?
Ich habe schon verschiedentlich auf unseren Entlebucher Sennenhund "Elvis" (2003) hingewiesen. In den letzten beiden Lebensjahren war er aufgrund der genetischen Hundekrankheit PRA - Progressive Retina Atrophie – völlig erblindet. Natürlich stellte sich die Frage, müssten wir uns von einem so stark eingeschränkten Tier nicht zu seinem Wohl und unserem Wohl verabschieden? Die Antwort ist für uns ein klares Nein. Noch nicht. Und dann denkt man gar nicht mehr darüber nach.
 
Es war beeindruckend, zu erleben, wie Elvis mit seiner Behinderung umgeht, weder depressiv noch sonst wie ängstlich reagiert. Ein Lehrstück für uns Zweibeiner, die über alles jammern. Nach wie vor verlangte er seine Hundespaziergänge und läuft wie jeher voraus, mir den Weg zeigend. Noch fühlt er sich als Wächter und Beschützer unseres Haus und reagiert mit lautem Gebell, wenn jemand läutet. Und wie könnte ich ihm je vergessen, dass er mich auf einer spanischen Autobahnraststätte in der Nähe von Gerona vor Schlimmem bewahrt hat, als sich die berüchtigten Autobahnpiraten über mich bzw. meinen Wagen hermachen wollten. Als ich mit Elvis an der Leine vom Gassi machen daherkam, schauten sie sich nur kurz an, offensichtlich der Chef schüttelte kurz den Kopf und sie verzogen sich blitzartig in ihren Wagen und machten sich aus dem Staub.
Wenn du auf dein Leben zurückblickst, worauf bist du besonders stolz?
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21.  Worauf ich stolz bin

Wenn du auf dein Leben zurückblickst, worauf bist du besonders stolz?

Es war nie meine Art, auf etwas, das ich geleistet hatte, stolz zu sein – und schon gar nicht, es zu zeigen. Stolz zu sein, war auch nie ein Antrieb. Zu sehr betrachtete ich alles als flüchtig, nie ist ein Erfolg oder ein Etappenziel dauerhaft erreicht. jeder Schritt ist nur einer mehr auf dem Weg zu neuen Herausforderungen und Umsetzung. Ohne ein konkretes "Endziel" vor Augen – oder einen bestimmten Punkt zum Ausruhen anzustreben. Einzig ab ca. 40 habe ich ab und zu geäussert: Ich will nicht bis 65 arbeiten müssen. (Einigermassen ernst gemeint, aber ohne Idee, was ich dann machen würde.) Als ich ein Unternehmen mit ungefähr 200 Mio. geführt hatte, ging es mir zwar durch den Kopf, dass es interessant wäre, einmal ein Unternehmen mit 1 Mrd. Umsatz zu leiten. Dass sich das erfüllte, war ein reiner Zufall; aktiv gesucht habe ich es nicht.

 

Die Hauptsache war für mich, dass es immer irgendwie vorwärts ging, möglichst aufwärts. Damit meine ich primär meine persönliche Entwicklung, der Gewinn an Entscheidungssicherheit und damit auch Selbstsicherheit. Parallel dazu verbesserte sich auch unsere finanzielle Absicherung Schritt für Schritt, und es wuchs die Gewissheit eines voraussichtlich finanziell sorgenfreien Alters. (Tatsächlich eine lebenslange Obsession herrührend aus der doch eher prekären Situation als Teenager.) Darüber hinaus ist für unseren Sohn und dessen Kinder heute ausreichend gesorgt. (Und trotzdem, da ist er wieder, dieser Gedanke: Wenn nicht noch etwas passiert ...).

 

Dies ist ein schöner Moment im Leben (2015). Aber wirklich auch der beste? Die spannendsten Zeitperioden waren die, die besondere Leistungen und Durchhaltevermögen verlangten. Und das waren fast alle. Die Zeit der Berufswahl und der Lehre. Der Einsatz, um es 1971 an die Universität zu schaffen. (Ja, auf den Doktortitel (1980) war ich damals tatsächlich ein bisschen stolz. Weil ich es mir nie erträumt hätte, und weil es eine individuelle Willensleistung war. Und auch weil mir jedermann weismachen wollte, dass das neben voller Berufstätigkeit und Familie nicht zu schaffen sei. Schon gar nicht in der kurzen Zeit, die mir vorschwebte.) Dann die Jahre des beruflichen Vorwärtskommens und das Risiko und die Behauptung in der Selbständigkeit. Die unverhoffte Herausforderung, in die von Walter Fust bereitgestellten (grossen) Schuhe zur Weiterentwicklung seines Lebenswerks zu treten.  Jeder Lebensabschnitt hatte seine eigene grosse Faszination. Es interessierte mich, herausfinden, was in mir steckte, ob ich mich in Führungspositionen und Krisensituationen bewähren würde. (Tatsächlich zeigte ich mich immer in einer Krise am "coolsten" und entschlossensten. Zu meiner eigenen Überraschung.)  Innerlich auch immer bereit, zurück zu buchstabieren. Notfalls das Bahnhofbuffet Olten zu putzen, wie ich es oft ausdrückte.

 

Dann die Zeit meiner Jugend, mit ganz wenig Geld, tendenziell zu wenig zu essen, knapp genügender Bekleidung – aber unendlich viel Freiheiten. Auch sie war schön. Jedenfalls gab es keinen Tag, über den ich geklagt, gehadert hätte. Oder neidisch auf andere gewesen war. Ohne damals klare Vorstellungen, zweifelte ich nie an einer befriedigenden Zukunft, die sich auch sukzessive einstellte.

 

Ah, doch: Ich bin ein wenig stolz darauf, dass es meine Frau seit 1974 mehr oder weniger mit mir ausgehalten hat, was mehr ihr Verdienst ist als meiner. Und dass es uns beiden nie eingefallen ist, unsere Familie auseinanderzureissen. (Entsprechenden Versuchungen bin ich einigermassen aus dem Weg gegangen.) Stolz, einen gutherzigen Sohn zu haben, auch wenn mir seine Anspruchslosigkeit gleichzeitig imponiert und auch wieder "suspekt" ist ... Ich bin unendlich dankbar, dass er seinen schlimmen Autounfall als Sechsjähriger überlebt hat. Und stolz darauf, dass er nach der Banklehre aus eigenem Antrieb auf dem zweiten Bildungsweg die Matura abgeschlossen hat. Und dass er so um die 9 oder 10 Jahre an der Uni verbrachte – und trotzdem noch mit einem Lizentiat abgeschlossen hat. Ich finde es schön, dass ich ehrlich glaube, dass er nicht gleich sein muss wie ich.

 


(1) Die junge Familie Bohli ca. um 1984 vermutlich in Kalifornien in den Redwoods. Eine meiner wenigen Aufnahmen mit Vicenta und Ralph. Die schöne Lederjacke wurde mir übrigens einige Jahre später auf einer Geschäftsreise in der Bar des berühmten New York Plaza geklaut, während ich schnell auf der Toilette war. Aber man hängt in New York oder anderen Grossstädten auch keine Jacke an den Barstuhl.

Die junge Familie Bohli ca. um 1984 vermutlich in Kalifornien in den Redwoods. Eine meiner wenigen Aufnahmen mit Vicenta und Ralph. Die schöne Lederjacke wurde mir übrigens einige Jahre später auf einer Geschäftsreise in der Bar des berühmten New York Plaza geklaut, während ich schnell auf der Toilette war. Aber man hängt in New York oder anderen Grossstädten auch keine Jacke an den Barstuhl.

 

  

Ja, und mein bestes Golf-Handicap von rund 11 kann mir niemand mehr nehmen - auch wenn ich es leider nicht mehr spiele ... Que me quiten lo bailado.

 

Stolz bin ich nicht, war ich als grosser Zweifler und Optimierer nie, aber doch zunehmend zufrieden wie ein schnurrender Kater. Aber auch wie dieser, immer auf der Hut und bereit zum Aufspringen. Im Bewusstsein vermutlich aus den sich mir gebotenen Chancen und dem mir entgegengebrachten Vertrauen das Beste gemacht zu haben. Wäre mit mehr Ambitionen Verbissenheit noch mehr drin gelegen? An Status – an Geld? Es ist möglich, aber es interessiert mich nicht. Zu wichtig war es mir, Risiken (Wahrscheinlichkeiten) immer gut abzuwägen, Erreichtes nicht aufs Spiel zu setzen. Aber auf keinen Fall darauf auszuruhen. Mir immer neues Wissen anzueignen. Das in den späten 60er Jahren populäre Buch von Tom Peters "Das Peter Prinzip" hatte mir in diesen jungen Jahren Eindruck gemacht, und diese Binsenwahrheiten, die Abscheu vor der Stufe der Inkompetenz, haben mich das ganze Leben lang begleitet. Ich war innerlich auch nie bereit, zu wenig Narzisst, den evtl. zu hohen Preis für eine nicht mehr selbst beeinflussbare Exponiertheit (image- oder geldmässig) zu bezahlen: Verlust an Freiraum und Genussmomenten, psychische Belastungen vielleicht über mein Limit hinaus, Selbstverleugnung und Aufgabe von Freiheitsgraden der Karriere zu liebe. Insbesondere letzteres hatte ich mir schon sehr früh abgeschworen.

 

Ah ja, vielleicht das Wichtigste und Wertvollste: ich glaube, es gibt nicht viele Menschen, die mir Schlechtes oder Unehrenhaftes nachsagen können. (Ansonsten bitte unbedingt die Kommentarfunktion zu diesem Abschnitt nutzen!!)

Bist du jemals für etwas Wichtiges eingetreten?
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21.  Worauf ich stolz bin

Bist du jemals für etwas Wichtiges eingetreten?

Der Wunsch, mich irgendwie öffentlich mit irgendeinem Engagement sozialer oder politischer Art zu exponieren, war nie vorhanden – und ist es auch heute nicht. Man könnte es auch Egoismus nennen. Ich war immer nur vom Wunsch beseelt, mir und meiner Familie ein Leben wie ich es in meiner Kindheit gekannt hatte, wenn möglich zu ersparen. Auch wenn ich keineswegs eine schlimme Jugend oder Jugend in grosser Armut erlebt habe! Aber geprägt hat mich sicher, wie viel meine Mutter arbeiten musste, um sich und die zwei Kinder durchzubringen ohne sich zu verschulden – und uns letztlich die Vormundschaftsbehörde vom Halt zu halten. Die Zeit die mir neben Familie und Freizeit zur Verfügung stand, wollte ich dafür einsetzen; was ich auch tat, sollte mich in dieser Hinsicht voranbringen. Das war primär mein Beruf und der starke Wunsch, dafür alles zu geben, darin "gut zu sein". Ich hätte mir Vorwürfe gemacht, wenn ich für Anderes Zeit investiert hätte und dadurch meine Auftraggeber nicht meine volle Leistung erhalten hätten. Ich bin jedoch auch nie auf offensichtliche Missstände gestossen, für deren Beseitigung es sich aufgedrängt hätte, mich zu exponieren. Vielleicht ändert sich das nun mit meet-my-life.net und meinem Wunsch, möglichst viel an Oral History vor dem Vergessen gehen zu bewahren.

Gibt es in deinem Leben Dinge, die du heute bereust?
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22.  Reue

Gibt es in deinem Leben Dinge, die du heute bereust?
Rückblickend komme ich immer mehr zur Einsicht, dass ich mich bei vielen Entscheiden stark von meinem "Gefühl" habe leiten lassen. Bei aller Systematik, die ich für Entscheidungen oft angewandt habe mit Checklisten und Aufschreiben der "pros" und "contras" oder Meinungen einholen. Aber letztlich war vieles Intuition, etwas das mich wie an einem unsichtbaren Faden vorwärts zog. Immer in die richtige Richtung und ziemlich gradlinig, ohne ein ganz konkretes Ziel anzuvisieren. Wissens- und Erfahrungszuwachs als Ziel.

Manche nennen es Glück. Ich würde es eher vergleichen mit einer langen Wanderung, bei der man nur die allgemeine Richtung den Sternen und der Sonne nach kennt. Und fest entschlossen ist, an dieser Richtung festzuhalten und sehr selektiv mitzunehmen, was man vielleicht irgendwann brauchen kann. Was auch heisst, immer wieder Ballast abzuwerfen, um sich nicht zu überladen. Wie lange eine solche Wanderung dauert, ist nicht so wichtig, so lange es weitergeht. Gewisse Etappen absolviert man – dankbar – mit einem Transportmittel, das aus dem Nichts auftaucht. Oft gerade dann, wenn man nicht mehr kann und erschöpft liegen bliebt. Die zu übersteigenden Höhen, zu überquerenden Gewässer und durchzuwandernden Täler machen die Reise spannend. Die Intuition besteht darin, dem Ruf verlockender Seitentäler und Schalmeienklängen, die aus der Richtung führen, nicht zu folgen.

Das tönt jetzt so, wie man allein auf der Welt wäre. Natürlich gehört dazu, sich auf dieser "Reise" nicht all zu viele  Feinde zu schaffen. Am besten gar keine. Dafür einige Menschen, die nicht allzu schlecht von einem denken.
Schade, dass ich es nicht getan habe. Oder doch nicht?
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22.  Reue

Schade, dass ich es nicht getan habe. Oder doch nicht?
Unbegreiflicherweise gibt es im Rückblick fast nichts einigermassen Bedeutsames, von dem, was ich getan oder unterlassen habe, das ich bereuen muss. Einige völlig unbedeutende Unterlassungen mögen mich immerhin zu wurmen. Bei denen standen mir entweder meine Zielstrebigkeit, möglichst schnell ein mir vor den Augen schwebendes Ziel zu erreichen oder aber die nüchterne Bewertung, ob etwas es wirklich wert sei, im Wege. Spontan fallen mir ein: 
 
 
  1. Fahrt mit meiner Frau und Sohn im Mietwagen von Los Angeles nach San Franzisco. Dafür hatte ich nicht den Highway gewählt, sondern die Küstenstrasse. An steilen Klippen entlang - meine Frau stöhnte unentwegt. Plötzlich ein Schild "Big Sur". Als es mir dämmerte, dass das der Wohnort von Henry Miller war, schon damals ein Wallfahrtsort, waren wir schon vielleicht einen Kilometer weiter. Nun war ja Henry Miller für mich nicht irgendwer, ich hatte zahlreiche Werke von ihm nicht gelesen, sondern verschlungen. Ich fragte sogar für die Maturitätsprüfung meinen Englischlehrer, ob ich wohl als sogenannt gelesenes Werk Stille Tage in Clichy von Henry Miller angeben dürfe. Er riet mir davon ab, worauf ich mich dann für George Orwells 1984 entschied. (Heute - 25.01.2017 -  im Radio gehört, dass es auf Grund der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA bei Amazon wieder auf Nummer eins der Roman-Bestseller steht.) Sein provokativer, enthemmter Umgang mit Sexualität faszinierte mich. Nun, trotz allem, fiel es mir nicht ein, die vielleicht 1000 m umzukehren. Schade. Oder geschah es doch vor allem meiner Frau zu liebe, die raschmöglichst von dieser Horrorstrasse (aus ihrer Sicht) runter wollte?
  2. Fahrt von Yeoville, wo ich einen Sprachaufenthalt in einer exklusiven Englischschule - von meinem damaligen Arbeitgeber Unilever finanziert - besuchte, zum Flughafen Heathrow in London, um meine Frau und meinen Sohn abzuholen. Ich fuhr in meinem kleinen blauen DAF, mit dem ich es tatsächlich bis nach Sommerset geschafft hatte, an Stonehenge vorbei. Das Hinweisschild sah ich mehr oder weniger aus dem Augenwinkel. Bis ich schaltete, war ich etwa einen Kilometer weiter. Ich brachte es nicht über mich, anzuhalten und zu wenden. Mein Fokus war darauf ausgerichtet, Frau und Kind am Flughafen abzuholen und auf keinen Fall zu spät zu kommen. Ich war dann etwa drei Stunden zu früh. Stonehenge habe ich nie gesehen.
  3. Mit Mutter allein unterwegs in Kalifornien, bevor wir dann mit meinem Bruder und seiner Familie in San Francisco zusammentreffen. Unsere erste gemeinsame Reise in einem fremden Land, sie war deutlich über 70, vermutlich kurz vor ihrer Krebsoperation. Wir fuhren der Küste entlang in die Redwoods, vielleicht auch in den Yosemite-Nationalpark, unter uns der Pazifische Ozean. An einer Stelle hätte man runterfahren können, um erstmals die Füsse in diesem Teil des Pazifiks zu baden. Wie im Falle von Big Sure hielt mich etwas ab. Ein bisschen Angst, vor diesem völlig einsamen Strand und die steile Abfahrt zum Strand? Oder nur das Bestreben, möglichst zügig an unser Ziel zu kommen? Es hätte meiner Mutter sicher gefallen.
  4. Auf derselben Reise: Im Falle des Besuchs der Gefängnisinsel Alcatraz dann ein Kompromiss. Sie wollte auf meinen Vorschlag hin gerne dieses berühmte Gefängnis besuchen - sie wollte immer alles sehen ... Ich hatte Bedenken, auf der Überfahrt seekrank zu werden. Also ging sie allein und ich wartete mehrere Stunden geduldig in Fisherman's Warf auf ihre Rückkehr. Sie war beeindruckt und ich muss mir weiterhin anhand der diversen Filme (u.a. mit Clint Eastwood, Sean Connery) ein Bild davon machen. Hätte ich doch eine Reisetablette gegen Seekrankheit geschluckt.
  5. Mit Mutter (und Frau und Sohn) in New York, wohin wir unseren Sohn für einen dreimonatigen Sprachaufenthalt begleitet hatten. Vor dem New York Plaza (Hotel), wurden Touren in diesen elend langen Limousinen angeboten. Für nur US$ 50.-. Ich war drauf und dran, eine dieser Touren meiner Mutter zu liebe zu buchen. Irgendetwas hielt mich davon ab. Wohl eine Mischung von Misstrauen gegenüber diesem (zu?) preisgünstigen Angebot und dem Gefühl, das passe einfach nicht zu mir/zu uns. Vielleicht auch die vierschrötigen Typen, die die Tour anboten und die in jedem Mafia-Film als Leibwächter des Don gute Figur gemacht hätten. Trotzdem schade.
  6. Ende der 1970er Jahre hätte ich in Valencia an bester Lage, vergleichbar mit Paradeplatz in Zürich, für einen Spottpreis von damals rund 250'000.- eine immens grosse Wohnung kaufen können. Ich hatte das Geld nicht, hätte es mir jedoch problemlos über einen Hypothekarkredit vor Ort beschaffen können. Nicht zuletzt wegen grösstem Widerstand meiner Frau, haben wir den Kauf nicht getätigt. Jedes Mal, wenn ich in Valencia über die Plaza del Ayuntamiento gehe und mir die Wohnung von unten anschaue, überfällt mich tiefstes Bedauern. Und gleichzeitig weiss ich, dass es eine Dummheit gewesen wäre, mich dafür zu verschulden. Ich bin ziemlich sicher, dass mein Leben mit dieser Bürde einen anderen, schlechteren, Verlauf genommen hätte. Bei aller Reue überwiegt diese Erkenntnis immer noch. Zum Glück.
  7. Als 20jähriger, während meiner Maturvorbereitung, sprachen mich auf dem Nachhausweg in meine zwei kleinen Zimmer an der Josefstrasse (Zürich) zwei hübsch junge Frauen an. Sie seien auf der Durchreise und suchten eine Bleibe für die Nacht. Vielsagende Blicke blieben nicht aus, oder bildete ich mir das ein? Was könnte einem in dieser Hinsicht völlig vegan lebendem Jüngling besseres passieren. Ich traute der Sache nicht und winkte ab. Ich habe mich über meine Ängstlichkeit noch jahrelang geärgert.
  8. Ins gleiche Kapitel ging der Versuch eines jungen Pärchens, mich mit ihrer jungen Schwester zu verkuppeln. Ich sass, wie oft am Freitagabend bei einem Dreier billigem Valdepeñas in der Bodega Española in Zürich. Am selben Tisch sass besagtes Pärchen, dir mir bald einmal das hübsche junge Mädchen in Ihrer Begleitung vorstellten. Im Gespräch ergab es sich, dass dieses Mädchen, es war wirklich hübsch, endlich einmal einen Freund haben müsse. Irgendwie brachten sie uns dazu, uns zu küssen. Was für jungfräuliche Lippen! Doch, alles in mir sträubte sich, es zu mehr kommen zu lassen. Der Ärger über meine "Dummheit" verflog dann einige Monate später, als ich nur wenige Tische nebenan meine heutige Frau kennenlernte. Diese schöne Story habe ich an anderer Stelle beschrieben. Inwieweit dieses frühere Erlebnis dazu geführt hat, dass ich mir eine zweite Chance nicht wieder entgehen lassen wollte, sei dahingestellt. Aber vermutlich hatte im ersten Fall doch eher Amor eine Ladehemmung und im zweiten einen vollen Köcher.

 

Alles nur Bagatellen, die ich jedoch seltsamerweise bis heute nicht vergessen kann. Demgegenüber stehen viel gewichtigere Chancen und Gelegenheiten, die ich mutig wahrnahm - und es praktisch nie bereut habe. Eigentlich fällt mir keine einzige wichtige verpasste Gelegenheit ein!

Gibt es etwas, das du gerne gekonnt oder gemacht hättest?
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22.  Reue

Gibt es etwas, das du gerne gekonnt oder gemacht hättest?
Ich bewundere alle Musiker. Vorbehaltlos und über alles. Und – obwohl mir Neid immer fremd war – beneide sie alle. Nein vielmehr bedaure ich, dass ich das nicht kann. Trotz mehrfacher Anläufe habe ich irgendwann resigniert: kein Musikgehör. Stattdessen habe ich mir eine stattliche Sammlung an CD's und in den letzten Jahren von Konzert-DVD's mit der Musik der 60er und 70er Jahren angeschafft. Ein Who is Who nach meinem Geschmack. Aber natürlich begegne ich jedem klassischen Musiker mit dem gleichen Respekt, wie "meinen" Favoriten. Es ist einfach nicht meine Welt.
 
Wie kann man Musik so gernhaben und gleichzeitig so unmusikalisch und mit einem so schlechten musikalischen Gedächtnis ausgestattet sein?
Was war deine grösste Dummheit?
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22.  Reue

Was war deine grösste Dummheit?
Ich habe zum Glück keine Dummheiten gemacht, war aber ganz wenige Male vielleicht nahe daran. Welche Dummheiten macht man im Leben? Meistens geht es um Frauen, (wenigstens für die meisten Männer) oder um Geld (oder beides). Frauen: Irgendwie habe ich es geschafft, mich nie mit einer der vielen netten Damen in den Unternehmen, in denen ich gearbeitet habe, einzulassen. Obwohl die Verlockungen durchaus ab und zu hautnah da waren.
 
Geld: Einvernehmlich mit meiner Frau folgten wir immer dem Grundsatz, nichts mit Kredit zu kaufen, nicht einmal ein Haus. Sicher prägte mich auch noch die Erinnerung aus der Jugend, wie meine Mutter zwanzigfrankenweise den Kredit für ihr (gescheitertes) Kleidergeschäft an der Obergasse in St. Gallen abstotterte. Bis zum letzten Rappen. In einem besonderen Fall tat und tut es noch ein wenig weh, auf einen Kauf mit Hypothekarkredit verzichtet zu haben, Ich hätte in den 1970er Jahren in Valencia an der absolut besten Lage der ganzen Stadt eine Riesenwohnung für rund 250'000 Franken unter der Hand kaufen können. Schon damals ein absolutes Schnäppchen; allein die antiken spanischen Möbel, die inbegriffen waren, schienen mir den Kaufpreis wert. Ich hatte natürlich das Geld nicht, hätte aber problemlos eine Hypothek erhalten. Als frischgebackener Selbständigerwerbender war ein regelmässiges Einkommen keineswegs sicher. Mit grosser Wahrscheinlichkeit hätte diese Verschuldung mein ganzes Leben (zum Negativen) verändert. Einfach aus dem Grund, dass ich mit Schulden sicher weniger berufliche Risiken eingegangen wäre, mir Sorgen um die Bezahlung eines Hypothekarzinses sowie von Nebenkosten des Hauses hätte machen müssen. Ich dachte keine Sekunde daran, auf die Wertsteigerung dieser Wohnung an dieser grossartigen Lage zu spekulieren!
 
Zwanzig Jahre später war die Wohnung mindestens das Zehnfache wert. Aber ich hätte sie sowieso ohne Not nie verkauft. Nutzen würde ich sie sehr selten. Und ich hätte mittlerweile ein Vermögen an Neben- und Unterhaltskosten ausgegeben. Aber leid tut es mir trotzdem, jedesmal wenn ich in Valencia über die Plaza del Ayuntamiento gehe oder fahre …


Ab wann hat dich das Älterwerden beschäftigt?
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23.  Gutes Leben im Alter

Ab wann hat dich das Älterwerden beschäftigt?

Wie schon an anderer Stelle festgehalten, war ein finanziell abgesichertes Alter schon als Teenager eine Art Obsession, vielleicht auch mein Hauptantrieb. Ab ungefähr 40 schien mir, damit auf Kurs zu sein und empfand von da an das älter werden als eher angenehm, vor allem die damit verbundene Zunahme an Wissen und beruflichem Können.

 

Richtig auseinandergesetzt habe ich mich jedoch mit dem Thema erst während meines Studiums populärer Kulturen als 62- oder 63-jähriger in einem Seminar an der Universität Zürich. "Gutes Leben im Alter". Die rund 30 Seminarteilnehmer/-innen befragten ältere Menschen in ihrem Umfeld zu diesem Thema. Die Quintessenz war mehr oder weniger: Es sind (nur noch) die kleinen Dinge, über die man sich im Alter freut – und die Erinnerungen. In jüngeren Jahren konnte ich mir die sich darin manifestierenden massiven altersbedingten Einschränkungen gar nicht vorstellen. Z. B. den Verzicht auf einen vollen Golfschwung, um den Ball über 200 m abzuschlagen. Sukzessiv reift die Erkenntnis, dass jetzt immer etwas weh tun wird und die Bewegungsfreiheit zunehmen eingeschränkt ist. (Und die Abschläge massiv kürzer.) Und dass auch für mich die Dinge, über die ich mich freuen kann, langsam aber sicher auch kleiner werden.

Wie erlebst du das aktuelle Alter?
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23.  Gutes Leben im Alter

Wie erlebst du das aktuelle Alter?

Ich geniesse es in allererster Linie und sogar noch zunehmend, dem geschäftlichen Druck mit Terminen und Meetings seit nunmehr 5 Jahren nicht mehr ausgesetzt zu sein - und niemandem mehr Rechenschaft abzugeben über die Dinge die ich tue und die ich lasse. Das heisst für mich nicht, auf der faulen Haut zu liegen. Aber ich kann um 4 Uhr morgens oder um 9 Uhr aufstehen und frühstücken, so lange es mir passt. Andererseits tue ich alles, um keine Langeweile aufkommen zu lassen. Das gelingt mir nicht so schlecht, schaffe ich es doch Tag für Tag, mich vor dem Fitnessstudio zu drücken, weil es immer noch Dringenderes zu tun gibt. Seit bald 2 Jahren primär das Projekt "meet-my-life.net". Darüber hinaus wollte ich mein Zweistudium an der Universität seriös betreiben und genoss es, die vielen Semesterarbeiten zu schreiben. Mit den Jungen mitzuhalten, machte mir immensen Spass. So blöd es klingt, ich freute mich über gute Benotungen.

 

Dazwischen unbeschwerte Highlights. Ferien ohne Stress. Oder das Rolling-Stones-Konzert am 1.6.2014 im Zürcher Letzigrund. Ich weiss auch nicht mehr, aus welcher Stimmung heraus ich eines Abends so um 2200 bei Ticket-Corner reinschaute und sah, dass noch zwei gute VIP-Plätze erhältlich waren. Fr. 950.- pro Stück. Sicher hatte ich einige Gläser Wein getrunken, auf jeden Fall bestellte ich sie, in der Absicht, eines davon meinem Sohn zum 38. Geburtstag am 16. Mai zu schenken. Natürlich mit mir im Paket.

 

Es war perfekt. Wir fuhren mit dem eigenen Auto auf den reservierten Parkplatz, kamen durch einen Seiteneingang ohne Anstehen ins Stadion, wurden im VIP-Zelt, zu unseren Plätzen geführt, vorbei an einem Tisch mit "CC" Constantin, dem ominösen Präsident des FC Sion, der mir cool ein "sali" zuwarf, tranken Champagner à Diskretion (nur ich, mein Sohn trinkt immer noch keinen Alkohol), assen hervorragend, gingen zu unseren Plätzen, winkten Tina Turner in ihrer Loge direkt über uns zu. Und genossen dann ein einzigartiges Konzert. Es bedeute mir viel, meinen Sohne diese Rock-Legenden in bester Verfassung und Stimmung erleben zu lassen. Ganz abgesehen davon, dass ich mich über meine Verrücktheit freute, 1900 Franken für einen solchen Abend ausgegeben zu haben. (Sonst nicht meine Art.) Es war jeden Franken wert.

 

Heute, 02.01.2017 erreicht mich der Kommentar von Maria. Ich muss schmunzeln, dass sie dieser Musik etwas abgewinnen kann und schreibe zurück:

 

"Es freut mich, dass Du den künstlerischen Wert von dem, was diese «alten, verrunzelten, ausgemergelten, versoffenen, drogenerprobten Säcke» noch zu bieten haben – und mit welchem Spass an der Sache – gespürt hast. Ich finde es grossartig und es fesselt mich immer wieder. Möglicherweise hast Du jetzt des letzte Konzert gesehen.

 

Hund Elvis - eine Lektion fürs älter werden und sterben
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23.  Gutes Leben im Alter

Hund Elvis - eine Lektion fürs älter werden und sterben

Am meisten lerne ich über das älter werden von unserem Entlebucher Sennenhund "Elvis".



(1) Entspannen mit Elvis

Entspannen mit Elvis

 

 

Er ist jetzt wo ich das schreibe gut 11 Jahre alt, hat seit Jahren einen Leistenbruch, den wir jetzt (März 2015) operieren mussten, nach langem Zögern meinerseits. (Zum Glück scheint der Eingriff erfolgreich verlaufen zu sein.) Aber vor allem ist er an der genetisch bedingten Augenkrankheit PRA (Progressive Retina Atrophie) erkrankt und inzwischen entsprechend der Prognose komplett erblindet. Aber was macht er: Er kümmert sich nicht darum; es scheint ihm Wurst zu sein. Er ändert seine Gewohnheiten kaum, zieht sich nicht ins Schneckenhaus zurück. Sein Leben lang ist er auf unseren täglichen Spaziergängen vorausmarschiert – und er tut es unbeeindruckt immer noch, mit oder ohne Leine. Allerdings hat er gelernt, auf den Zuruf "Achtung" sofort bocksteif still zu stehen. Auf unerklärliche Weise erstöbert er seine herumliegenden Spielsachen und fordert mich immer noch zum Spielen auf. Im Garten und im Haus findet er sich "blind" zurecht, über beide Stockwerke. Schlägt er manchmal trotzdem den Kopf an, lässt er sich nicht beirren, bis sein "GPS" wieder funktioniert. Ich hoffe, ich habe diese Lektion für immer gelernt: das Leben und die Lebensumstände so zu nehmen und zu akzeptieren, wie sie sind.

 
Gestern, Donnerstag 14. Januar 2016 obsiegte die Einsicht, dass es schweren Herzens Zeit sei, Elvis "gehen zu lassen". Ich hoffe es gibt einen Hundehimmel, ein Schlaraffenland für Hunde. Meine Enkeltochter Mila (5) ist überzeugt, dass er dort wieder sehen kann, viele Hundefreundinnen haben wird und beliebig viele Knochen.
 
Vor rund einer Woche verlor er von einem Tag auf den andern seinen Orientierungssinn. Er zog immer nach rechts und schlug laufend den Kopf an.
  • Zurufe oder Geräusche zu seiner Orientierung konnte er nicht mehr richtig orten, dreht sich oft im Kreis.
  • Sein Gehör hat sich innert Tagen massiv verschlechtert.
  • Auch die Kraft seiner Beine, in einem Haus mit zwei Stockwerken eine Grundvoraussetzung, hat deutlich nachgelassen, dass Parkett wird für ihn zu Glatteis.
  • Er starrt mit seinen blinden Augen zunehmend ins Leere und jammert leise vor sich hin. Selbstmitleid? Wir glauben ohne physischen Schmerz.

 

Ich habe für Montag einen Tierarzttermin. Meine Fragen sind:

  • Wie verkrafte ich diesen letzten Spaziergang mit Elvis?
  • Es geht noch drei Tage, wie erleben wir diese?
  • Wird es für Elvis schmerzfrei sein?
  • Wird er merken, was mit ihm geschieht?
  • Soll ich dabei sein und zusehen? Kann ich das?
  • Wie verabschiede ich mich von ihm und vom Kadaver?
  • Wie werde ich reagieren?
 
Er kann keine zwei Meter mehr gehen, ohne den Kopf anzuschlagen. Auch wenn wir kritische Stellen und Ecken mit Kissen gepolstert haben, jeder Schlag, den er einfängt, schmerzt uns fast physisch. Im Haus anbinden und an der Leine herumführen, geht auf Dauer nicht. Den schweren Entscheid erleichtern wir uns mit dem Argument, dass unser geliebtes, einstmals so stolzes Tier ein Recht auf einen letzten Rest von Würde hat. Und ich hoffe, es wird für uns nach den Trauertagen und Tagen der Leere auch eine Befreiung werden.
 
 
Gestern fern gesehen mit Elvis wie immer ausgestreckt auf der Couch neben mir. Vorstellung, dass ab Montag dieser Platz leer sein wird. Schrecklich.
 
 
So war es dann auch, noch heute, 4 Monate später gilt der erste Blick beim Aufstehen dem leeren früheren Schlafplatz von Elvis.
 


(2) Letzte Aufnahme von Elvis Jan. 2016. In unserem Garten. Blind wohl, aber schnüffeln geht noch. Ob wohl der Fuchs da war?
Letzte Aufnahme von Elvis Jan. 2016. In unserem Garten. Blind wohl, aber schnüffeln geht noch. Ob wohl der Fuchs da war?

 

Stellst du bei dir mit dem Älterwerden eine veränderte Einstellung zu religiösen Fragen fest?
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24.  Religiosität

Stellst du bei dir mit dem Älterwerden eine veränderte Einstellung zu religiösen Fragen fest?
Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass die Institutionen der Religion ohne Ausnahme viel mehr Schlechtes und Leid hervorgebracht haben und hervorbringen, als dass sie Gutes bewirkt hätten. Und es ist keine Besserung in Sicht. Immerhin kann man sagen, dass die christlichen Kirchen den Widerstand gegen wissenschaftliche Erkenntnisse mehr oder weniger aufgegeben haben. Es bleiben primär im Katholizismus für die Mehrheit der Menschen lächerliche Doktrinen im Bereich der Sexualität.
 
Das ändert nichts an meiner Dankbarkeit, dass mir eine katholische Pfarrei in St. Gallen den einjährigen Aufenthalt als 16-Jähriger in Neuchâtel finanziert hat. Und dass der protestantische Pfarrer persönlich Fr. 200.- (wenn ich mich recht erinnere) als Beitrag an einen Konfirmandenanzug vorbeibrachte. Es ist meine Motivation, dies x-fach in Form von Kirchensteuer zurückzugeben. In der Hoffnung, dass möglichst viele andere junge Leute in den Genuss solcher Gesten kommen ...
 
 
Glaubst du an Gott?
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24.  Religiosität

Glaubst du an Gott?
Ich habe mich kürzlich mit einem Physiker unterhalten über meine derzeitige (2017) Lieblingslektüre: Astrophysik, Quantenphysik, Relativitätstheorie, Urknalltheorie, Unendlichkeit. Er meinte, die letztlichen Erklärungen seien immer noch philosophischer Natur. Das ist auch meine Schlussfolgerung nach Tausenden von Seiten .... Die Frage nach der Herkunft von Materie, dem Ursprung von Zeit, haben (leider) auch die klügsten Köpfe noch nicht gefunden. Da mir nichts anderes übrig bleibt, finde ich es irgendwie auch schön, dass wir nicht wissen, ob so etwas wie ein Gott oder Schöpfer seine/ihre Hand im Spiel hat und dass wir noch etwas zu erforschen haben. Die meisten Menschen zweifeln daran, aber viele leben viel besser mit der Überzeugung, oder zumindest der Möglichkeit, dass es Ihn/Sie jenseits der wissenschaftlichen Tatsachen gibt. Dagegen gibt es kaum Argumente. Jedenfalls nicht, solange wir den Begriff des Unendlichen nicht entschlüsselt haben. Was mein erklärtes Ziel war (und immer noch ist, wenn auch mit deutlich weniger Hoffnung auf Erfolg), als ich mich mit 60 Jahren von meiner beruflichen Karriere verabschiedete.
 
Was mir auffällt. Auch Leute, die sich ihr Leben lang als Atheisten und/oder Nihilisten deklariert haben, sehen das im höheren Alter und dem nahenden Ende plötzlich nicht mehr so streng ...
Wie gut kennst du die Bibel? Oder den Fundamentaltext einer anderen Religion?
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24.  Religiosität

Wie gut kennst du die Bibel? Oder den Fundamentaltext einer anderen Religion?
Kaum konnte ich lesen, war die "Kinderbibel" meine Lieblingslektüre. Spannender als andere Sagen und Märchen.
 
Mit einer buddhistischen Freundin habe ich mich intensiv mit Buddhismus beschäftigt. Mit unserer Logik sind die Glaubenssätze schwer einzuordnen. Die simple (und sicher stark vereinfachende) Konklusion war für mich, dass die Wiedergeburtstheorie eine sehr clevere politische Idee ist, um die Massen friedvoll und nachhaltig ruhig zu stellen. Arm und krank sein (und anderes Unglück) ist selbst verschuldet; in diesem oder einem früheren Leben. Das Heilmittel liegt in völligem Entsagen und fleissigem Beten in den vielen Tempeln. Damit kommt niemand den Herrschenden in die Quere. (Diese müssen ja nicht entsagen, da Sie offensichtlich früher schon alles richtig gemacht haben, sonst ginge es ihnen ja nicht gut ...).
 
 
Warum hast du für deine autobiografischen Aufzeichnungen diesen Titel gewählt?
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25.  Nachgedanken

Warum hast du für deine autobiografischen Aufzeichnungen diesen Titel gewählt?
Ich habe mein Leben lang mehr oder weniger provokativ die Meinung vertreten, dass es so etwas wie "Glück" in einem absoluten Sinn nicht gebe. Sogar ein Lottogewinn ist ja kein reines Glück, denn um zu gewinnen, muss ich ja spielen und bereit sein, mein Geld zu verspielen.

Weshalb also der Titel "Glück gehabt"? Es ist etwas Ironie, und ich möchte etwas klären. Auch wenn es mir nur überspitzt formuliert gelingen kann.

Wenn man gemeinhin von Glück spricht, meint man eigentlich den "glücklichen Zufall". Etwas fällt einem unverhofft zu. Das Glück besteht aber nicht darin, sondern in zahlreichen oft sehr rasch zu fällenden Entscheiden zuzugreifen oder es sein zu lassen – oder nichts zu entscheiden. Das geschieht oft intuitiv, manchmal sogar ganz unbewusst, aus dem Bauch heraus. Aber genauso oft ist eine gründliche Abwägung notwendig, inkl. Ratschläge einzuholen (was wiederum Entscheidungen nach sich zieht, was damit anzufangen ist ...).

Das Glück besteht also zuerst einmal darin, buchstäblich über Zufälle zu stolpern, d.h. diese nicht unbemerkt vorbeiziehen zu lassen. Und dann in der Fähigkeit, mit einer genügend hohen Wahrscheinlichkeit richtig zu entscheiden. Und wenn der Entscheid falsch war, so rasch wie möglich dazu zu stehen und zu korrigieren. Das impliziert auch einen sehr grossen Respekt vor irreversiblen oder quasi irreversiblen Entscheiden. Mit andern Worten, im Entscheid muss immer schon enthalten sein, was zu tun wäre, würde sich der eingeschlagene Weg als falsch erweisen. Und man darf sogenannt verpassten Chancen nicht nachweinen. Wie ich von meiner Mutter immer wieder gehört habe: Es musste nicht sein! Und meistens kann man froh sein, dass einem solches "Glück" nicht hold war.

Das Gegenteil gilt für die bedauernswerten Leute, die leider oft sogenanntes "Pech" haben. Glück oder Pech haben ist somit primär eine Frage der persönlichen Disposition, der "Gene", des Charakters, der Fähigkeit, Erfahrungen zu sammeln und später richtig zu verwenden. Man ist so disponiert, dass einem das Glück ab und zu in den Schoss fällt. Also nichts, worauf man wirklich als eigene Leistung stolz sein kann oder sogar sein darf – oder woran man beim Ausbleiben verzweifeln sollte. Man kann selbst herzlich wenig dafür, ob man Glück hat oder nicht. Glück allein ist auch kein Fundament für nachhaltigen Erfolg. Man kann noch so oft Lotto spielen, zweimal wird man den Jackpot kaum knacken. Hingegen wird man im Tennis 20 Grand Slam Titel holen können, wenn man hart genug und körperschonend für seinen Erfolg arbeitet, mit der richtigen Einstellung spielt, den Gegner ausmanövriert, ein überragendes Talent und Nervenstärke hat. Aber niemals nur mit dem "Glück" allein, dass der Matchball einmal noch geradeso über die Netzkante gerollt ist, der Opponent ausgeglitten ist, sich verletzt hat oder was auch immer. Und wenn nicht, wird es ein andermal klappen, wenn man die richtigen Entscheidungen fällt und alle anderen Voraussetzungen gegeben sind. Nachhaltiger Erfolg hat höchstens mit glücklichen Zufällen zu tun, aber wenig mit Glück.
Weshalb bzw. für wen willst du über dein Leben, oder wenigstens Teile davon, schreiben?
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25.  Nachgedanken

Weshalb bzw. für wen willst du über dein Leben, oder wenigstens Teile davon, schreiben?
Die vordergründige Motivation ist dieselbe wie bei den Meisten: Für die Nachkommen, für das Ego, als Weltverbesserer, für die Forschung, .... Oder trifft das zu, was Max Frisch einmal dazu geschrieben hat?
 

"Schreiben ist nicht Kommunikation mit Lesern, auch nicht Kommunikation mit sich selbst, sondern Kommunikation mit dem Unaussprechlichen." (aus "Weiß ich es denn selbst, wer ich bin?" (suhrkamp taschenbuch) von Max Frisch, Margit Unser)

 

Tatsächlich schreiben sich gewisse Dinge leichter, als dass sie sich aussprechen lassen. Ganz abgesehen davon, dass Papier/der Bildschirm geduldiger ist als jeder Zuhörer.

 

Wenn mir wichtig scheint, dass man die Errungenschaften der Gegenwart erst richtig schätzt, wenn man weiss, woher man kommt, wie es "früher" war, bin ich mir gleichzeitig bewusst, dass das heute 15- oder 20-Jährige kalt lassen muss. Der status quo ist eine Selbstverständlichkeit, für die sie wirklich nichts können. (Allenfalls blitzt einmal ein "Danke, grossartig, was ihr geleistet habt" auf.) Und nun lasst es uns geniessen. Wer hätte keine Freude an noch mehr Wohlstand mit weniger Arbeit? Für 20 oder 30 % der Schweizer/-innen am liebsten mit Fr. 2'500.-/Monat Grundeinkommen (Abstimmung 2016), ohne eine Finger zu rühren. Damit man nicht mehr "gezwungen" ist, einer Arbeit nachzugehen, die einem im Grunde genommen wenig Spass macht. (Ich habe immer gefunden, dass man in jeder Arbeit einen Sinn findet. Und wenn es nur der Zahltag oder auch ein Lob für gute Leistung war. Oder etwas dazugelernt hat.) Aber Jede(r) weiss ja auch, wie schlimm es ist, jedenfalls für die Meisten, keine Arbeit zu haben, nicht gebraucht zu werden. Sein Leben aufzuschreiben ist deshalb auch immer die Geschichte seiner eigenen Utilität. Und darüber Rechenschaft abzugeben. Wem auch immer - vielleicht tatsächlich dem Unaussprechlichen.

Gibt es Dinge, die du nicht erzählen konntest oder wolltest?
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25.  Nachgedanken

Gibt es Dinge, die du nicht erzählen konntest oder wolltest?
Vermutlich stolpere nicht nur ich über Erinnerungen, die ich nicht aufschreiben möchte oder aufschreiben kann. Zumeist sind es Handlungen, auf die ich im Rückblick nicht stolz bin. Mich daran zu erinnern, ist unangenehm. Andererseits möchte ich auch einige Handlungen anderer Personen auf sich beruhen lassen. Hie und da eine Lüge (was wirklich selten vorkam, weil ich schon früh herausgefunden habe, dass der Volksmund recht hat mit "ehrlich währt am längsten"). Weniger von Moral getrieben als ein Selbstschutz, der zum Reifeprozess von uns Menschen gehört. Wenigstens den meisten. Häufiger etwas verschweigen, was oft richtig war – oder gerade das Gegenteil, mit einer unangenehmen Information in die Offensive gehen. Verblüffend hingegen im Rückblick, wie sich die Auffassungen und Normen, was als Unrecht oder "Unmoralisches" gilt, laufend änderten. Ich denke z.B. ans aus heutiger Sicht abwegige Konkubinatsverbot der 50er und 60er Jahre (des 20. Jahrhunderts …). Die Wende für vieles kam um 1970, in den Flower-Power-Jahren.
 
Andere "Sünden"? Aus heutiger Sicht war ich wohl einige Male zu wenig hilfsbereit. Zu oft bedacht darauf, mich nicht zu verzetteln, zeitlich und emotional – oder mich nicht ausnutzen zu lassen.
 
Immer noch nicht schreiben will ich über meine 10 Jahre als CEO von Fust. In dem damaligen einzigartigen Managementteam haben wir derart viele gute Ideen entwickelt und vor allem auch umgesetzt, dass ich all das aus Rücksicht auf die aktuellen Aktionäre, der Konkurrenz immer noch nicht ausbreiten möchte. Aber auch, weil ich nur eines der Rädchen des Erfolgs war. Letztlich war die massgebliche DNA in der unter Walter Fust entwickelten Unternehmenskultur schon vorhanden. Eine unternehmerische Leistung, zu der ich allein niemals fähig gewesen wäre. Aber auch nicht die Ambitionen hatte. "Picking up the pieces" und etwas damit anfangen, war für mich genau richtig.
 
Und letztlich ist und bleibt das tägliche Zusammenleben in einer Ehe in den meisten autobiographischen Aufzeichnungen ein "blinder Fleck". Weshalb das so ist, kann jeder und jede für sich beantworten.
 
Solche "Aussparungen" sind Teil jeder Autobiographie; sie machen sie nicht weniger wertvoll; im Gegenteil erspart sie den Lesenden Peinlichkeiten. Anders als bei den Memoiren von Personen des öffentlichen Lebens geht es ja in einer persönlichen Rückblende nicht darum, auflagensteigernde voyeuristische Bedürfnisse zu befriedigen. Mut zur Lücke ist absolut notwendig. Oder wie es Miguel de Cervantes in seinem grossartigen Don Quijote sagt: Die grosse Leistung seines fiktiven Erzählers liege in dem, was er nicht aufgeschrieben habe.
Du konntest nun mit dem Schreiben dein Leben ein zweites Mal erleben. Bist du rückblickend mit deinem Leben zufrieden?
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25.  Nachgedanken

Du konntest nun mit dem Schreiben dein Leben ein zweites Mal erleben. Bist du rückblickend mit deinem Leben zufrieden?
Erst in der Rückschau ist es möglich, sich aus vielen Erinnerungs-Bruchstücken das Puzzle zusammenzusetzen und einen roten Faden zu erkennen. Wenn ich die vielen Entscheidungen, die ich treffen musste nochmals durchlaufe, ist nicht ohne Ehrfurcht und auch Verwunderung erkennbar: Vieles hätte anders rauskommen können. Schön, dass ich nicht weiss, ob schlechter oder besser. Besser wäre zu viel des Guten, also doch eher schlechter. Eigentlich wie Gantenbein: „Nur jetzt nicht die Augen aufmachen.“ (Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein. München: Lizenzausgabe der Süddeutschen Zeitung, 2004, 267). Vieles ist tatsächlich ein Traum, den ich mit geschlossenen Augen durchlebe.
 
Kann das mir immer widerfahrene Gute noch in den letzten Jahren durch schlimme Ereignisse zunichtegemacht werden? Obwohl ich in dieser Hinsicht immer auf der Hut bin, erwarte ich es für mich persönlich nicht (mehr). Abgesehen vom sich abzeichnenden körperlichen Abbau und dem irgendwann drohenden geistigen Zerfall. Wie die Spanier so schön sagen: "Que me quitan lo bailado." (Was ich getanzt habe, nimmt mir niemand mehr weg.) Diese iberische Eleganz hat mich immer angesprochen; nicht profanes essen, trinken, lieben – nein, alles gesagt mit "tanzen". Ein anderes Sprichwort zeigt jedoch auch den unverblümten Realismus eines Volkes, das schon alles erlebt hat und vergangener Glorie nicht nachtrauert: "Agua pasado no mueve molino." (Durchgeflossenes Wasser bewegt die Mühle nicht mehr.) Ja, ich bin im Rückblick mit meinen Leben zufrieden – hüte mich jedoch, mir darauf etwas einzubilden. Hoffe ich wenigstens. Agua pasado. Und Glück gehabt.
 
Was bleibt von meinen rund 150'000 geleisteten Arbeitsstunden? Habe ich meinen Beitrag für eine bessere Welt geleistet? Natürlich nicht. Immerhin: Ich habe einen Sohn, der kein Halunke ist (im Gegenteil). Na und? 
 
Wäre es da nicht Pflicht, darüber hinaus noch etwas für die Nachwelt Nützliches zu hinterlassen, das nicht einfach wie Wasser durch die Mühle läuft und sich verflüchtigt. meet-my-life.net ist eine Chance, etwas von meinem Glück zurückzugeben. Ein von jedermann zugängliches Archiv menschlichen Wissens, individueller Erfahrungen und ungefilterten Zeitzeugnissen. (Elternhaus, Erziehung, Schule, Arbeitswelt, Politik, ....). Vielleicht wird es eines Tages als wertvoll erkannt und genutzt. Ich freue mich jeden Tag über die Autorinnen und Autoren, die einen Beitrag dazu leisten.
Welches war die schönste Zeitperiode deines Lebens?
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25.  Nachgedanken

Welches war die schönste Zeitperiode deines Lebens?
Kürzlich (November 2018) habe ich mit dem Götti unseres Sohnes, Paco, darüber philosophiert. Er, 72jährig, fast völlig erblindet, wiederholte verschiedentlich "das Leben hat es gut mit mir gemeint und ich mit dem Leben". Er habe sich immer wieder mit dem Leben unterhalten. Sie hätten sich gut verstanden. Ein interessanter Gedanke, sein Leben als ein Gegenüber zu verstehen - nicht als etwas nur zwangsläufiges. Wir waren uns einig, dass die Frage, nach der schönsten Zeitperiode für uns beide nicht zu beantworten ist. Jeder Moment ist – oder sollte – der schönste sein. Ist es ein schwieriger Moment, dann gerade wegen der Herausforderung, diesen zu überwinden. Und im Nachhinein die dannzumalige Gegenwart, dieser Sekundenbruchteil zwischen Zukunft und Vergangenheit, mit dem Rückblick auf durchlebte schöne und manchmal auch am Limit durchgestandene schwierige Zeiten. Die allerschönsten Momente kommen noch. Der allerletzte muss wohl der schönste sein, wenn man wirklich allen Ballast abwerfen und loslassen kann und nicht mehr an ein Morgen denken muss … Ganz zu schweigen, wenn man von irreversiblen schweren Krankheiten betroffen ist.

Pacos philosophische Überlegungen finde nicht nur ich interessant. Maria von Däniken hat mir Ihre Gedanken zugesandt:

"Sich immer wieder mit dem eigenen Leben unterhalten": was für eine tolle Lebensphilosophie. Ich hatte mir bei obiger meet-my-life-Frage immer und immer wieder den Kopf zerbrochen, konnte für mein Leben nie eine Antwort darauf finden. Weil es keine gibt, oder dann rückblickend vielleicht gerade jene, bei welcher ich nach langem Leiden, Rückschlägen und Zaudern endlich den "Sprung" geschafft hatte. Persönlich denke ich, dass nur schlimme Zeiten uns in unserem Menschwerden voran bringen und uns demzufolge beglücken können.
Wem schuldest du ganz besonderen Dank für die Höhepunkte in deinem Leben?
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25.  Nachgedanken

Wem schuldest du ganz besonderen Dank für die Höhepunkte in deinem Leben?

Mein Leben wäre anders verlaufen, wenn nicht glückliche Umstände mich immer wieder mit Menschen in Kontakt gebracht hätten, die auf irgendeine Weise an mich glaubten und Weichen stellten. Das Unglaubliche an diesen "Zufällen" war, dass sie mir meistens genau im richtigen Moment Türen öffneten; ich musste nur durchgehen. Zu meinem 50. Geburtstag habe ich bereits 50 Personen, die mir solchermassen Chancen geboten haben, einen Dankesbrief geschrieben mit einem kleinen Geschenk. Ich tat und tue damit natürlich allen Unrecht, die in meinem Leben auch wichtig waren. Sie mögen mir verzeihen, so wie alle, die in meiner nachfolgenden mehr oder weniger chronologischen Danksagung nicht erwähnt sind. Das heisst keinesfalls, dass ich sie vergessen hätte.

 

Volker Dieter Wolf: Er hat in mir nicht nur die Liebe zu "guter" Literatur geweckt. Er hat mich entscheidend beeinflusst, dass ich nach der kaufmännischen Lehre den beschwerlichen Weg zu einem Hochschulstudium wählte. Unvergessen der Trinkspruch irgendwann nach Mitternacht: „Wenn du schon etwas machst, dann mach es richtig.“ Ich glaube das war in seiner 2-Zimmer-Wohnung in der Lustmühle (AR), wo ich im Januar/Februar 1971 bei ihm (gratis) wohnen durfte. Und ich unbedingt das Schlafzimmer beziehen musste, während er in einem Camping-Bett im Wohnzimmer schlief ...

 

Heinz Gisler: Er war der Chefredaktor der "Finanz und Wirtschaft" und engagierte mich als Student im ersten Semester vom Fleck weg als Redaktionsassistent. Trotz meiner langen Haare, Bart und dem violetten an den Ärmeln mit je einem Patch geflickten Pullover. Nach wenigen Wochen figurierte ich im Impressum als Redaktor und erhielt anspruchsvolle Aufgaben, an denen ich wachsen konnte. Ganz abgesehen davon, dass es mir mein Studium finanzierte, erwiesen sich die damals erworbenen Kenntnisse, ganz speziell wie man an der Börse sicher Geld verliert, von immensem Wert. Leider konnte ich dem zu früh aus dem Leben Geschiedenen nie mehr sagen, wie viel ich von ihm auch sonst gelernt habe.

 

Prof. Dr. Jan Krulis-Randa (1926 - 2015): Er hat mich als Doktorand akzeptiert, trotz meines dafür eher zu knappen Lizentiatsabschlusses (cum laude), und meine Doktorarbeit in äusserst effizienter Weise betreut. In seinen Seminaren (noch als Privatdozent) sassen wir jeweils zu viert oder fünft, aber meine Faszination fürs Marketing verdanke ich nicht zuletzt ihm.

 

Egon P. S. Zehnder: Nach einem Kontakt als Redaktor der "Finanz und Wirtschaft" beriet er mich völlig uneigennützig bei der Stellensuche gegen Ende meines Studiums. Er nannte mir fünf oder sechs Firmen, die für einen soliden Karrierestart in Frage kämen, wo ich mich dann auch bewarb. Darunter meine spätere Arbeitgeberin Unilever (Schweiz). Dank ihm habe ich direkt nach dem Studium begriffen, dass es nicht darum ging, irgendetwas zu arbeiten, sondern von den Besten zu lernen, zu wachsen, ein Karriereziel zu verfolgen.

 

Anton "Toni" Müller: Als Leiter des Internal Audit Departments von Unilever (Schweiz) engagierte er mich nach nur einem Vorstellungsgespräch ins Internal Audit Department von Unilever – über alle normalen und langwierigen Auswahlverfahren, Assessments, etc. hinweg. "Es müsste schon ein grausamer Highflyer kommen, dass ich sie nicht nehmen würde." Danke Toni! Du hast mich dann 2 1/2 Jahre später offenbar auch für die vakante Stelle als Generalsekretär von Unilever empfohlen.

 

Hans Ramser, CEO von Elida Cosmetic (Unilever): Er übernahm mich ins Marketing, als meine Stelle als Generalsekretär von Unilever (Schweiz) einer Sparübung zum Opfer fiel. Was Marketing anbelangt, ein grosser Meister. Letztlich gab er durch sein ab und zu unberechenbares Verhalten (von seiner wöchentlichen Dialyse, von der ich lange keine Ahnung hatte, geprägt) den Ausschlag, auf keinen Fall eine Konzernkarriere anzustreben ... Zum Glück.

 

Stephan Knöpfli: Er machte mir den Schritt in die "Selbständigkeit" schmackhaft und gab mir den nötigen Schubs, uns wagemutig als Turnaround-Mangers zu etablieren.

 

Kurt Schläpfer: Als CEO von Electrolux (Schweiz) hat er mich immer wieder mit Aufträgen bedacht und entscheidende Referenzen abgegeben. Er war massgeben für die Haushaltgerätebranche und in der Kundenbeziehung zur Dipl. Ing Fust AG über Jahrzehnte äusserst fair und loyal. Ein durch und durch gutherziger Mensch und immer interessanter Gesprächspartner. Dank ihm fuhren wir zur Trauung nicht im Döschwo, sondern in seinem festlich geschmückten BMW.

 

Uli Sigg: Eine Schlüsselperson für meine berufliche Laufbahn. Er ermöglichte Stephan Knöpfli und mir den Management-Buy out des Instituts Scheidegger, später mir meinen ersten CEO-Posten bei Doetsch, Grether in Basel. Als Schweizer Botschafter in China war er mir für meine Projekte in China eine unentbehrliche Hilfe. Eine vielschichtige Persönlichkeit ohne überflüssige Worte. Von seinen guten Ratschlägen war mir der wertvollste: Verliere nie das Ziel aus den Augen: auch wenn du deinen Stolz zurückstellen musst. Das kann nur einer sagen, der in seinem chinesischen Joint-Venture 10tägige Verwaltungsratssitzungen erfolgreich überstehen konnte ...

 

Peter Leumann: Er engagierte mich als CEO der Dipl. Ing. Fust AG und damit für die interessantesten, befriedigendsten (und letzten) 10 Berufsjahre meines Lebens. Das einzige, was ich an dir kritisieren konnte, waren die spätabendlichen Telefonate ... Aber auch damit kamen wir schnell einmal klar.

 

Walter Fust: Er gab grünes Licht für mein Engagement als sein Nachfolger bei der Dipl. Ing. Fust und war anschliessend während fast 10 Jahren der beste Verwaltungsratspräsident, den man sich vorstellen kann. Einer der wenigen Firmengründer, der tatsächlich einen Nachfolger an der langen Leine selbständig arbeiten lassen konnte. Am meisten beeindruckt mich seine Fähigkeit, Andere seine überragende Intelligenz nicht spüren zu lassen und seinen aus eigener Kraft ehrlich erworbenen Wohlstand nicht zur Schau zu stellen.

 

Prof. Dr. Alfred Messerli: Er motivierte mich, dass aus dem zufälligen Besuch eines Seminars über Karl May ein richtiges Bachelor- und Masterstudium in Populären Kulturen und Allgemeiner und Vergleichender Literaturwissenschaft wurde. Auch wenn ich das gar nicht gesucht habe, ein wenig freue ich mich schon über diesen Zweitabschluss. Letztlich entstand nur dadurch die Idee für www.meet-my-life.net.

 

Zu guter Letzt: Ohne meine Frau Vicenta wäre mein Leben sicher anders verlaufen. Sie hat mir als "klassische" Hausfrau und Mutter den Rücken freigehalten. Das Schreiben meiner Dissertation, bei voller Berufstätigkeit, ging auf ihre Kosten, ohne zu murren. Sie hat mich bei beruflichen Entscheiden nie verunsichert, sondern mich immer bestärkt, das zu tun, was ich gefühlsmässig für richtig hielt. Sie zeigte nie Zukunftsangst – oder glaubte einfach an mich. Sie selbst und ihre Ansprüche blieben stets auf dem Boden; sie war noch viel mehr erpicht als ich, schuldenfrei zu leben. Dank dessen musste ich berufliche Veränderungen nie nach pekuniären Gesichtspunkten vornehmen, sondern entschied primär nach Neigung, Interesse, längerfristigem Nutzen und Bauchgefühl. Und schliesslich hat sie mir einen unglaublich befriedigenden Zugang zu einer neuen, mediterranen Kultur ermöglicht und zu unglaublichen Menschen.


(1) Vicenta mit Söhnchen Ralph 1976 im Balkon der Viktoriastr. 49 in Zürich. Weil sie die Babybetreuung und die "Haushaltslogistik" zu 100 % übernahm, konnte ich überhaupt eine Dissertation schreiben und mich voll auf meine berufliche Karriere konzentrieren. Auch hier: Glück gehabt.

Vicenta mit Söhnchen Ralph 1976 im Balkon der Viktoriastr. 49 in Zürich. Weil sie die Babybetreuung und die "Haushaltslogistik" zu 100 % übernahm, konnte ich überhaupt eine Dissertation schreiben und mich voll auf meine berufliche Karriere konzentrieren. Auch hier: Glück gehabt.

 

 

 

 

Die Geschichte von meet-my-life.net
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26.  Die Geschichte von meet-my-life.net

An der Idee für meet-my-life.net sind mehrere Umstände, Ereignisse und Einsichten Schuld. Eines führte zum andern.

 

Erster Akt: Ganz am Anfang stand ein Mittagessen mit meinem langjährigen Bekannten (Graf) Wolfang Mecklenburg. Wir hatten uns seit längerem nicht mehr gesehen. Beim Essen blödelten wir, dass wir voneinander kaum erfahren würden, wenn einer von beiden das Zeitliche segnete. Und was bliebe überhaupt erhalten? Müsste man nicht wenigstens einige rechtzeitig persönlich formulierte Abschiedsworte hinterlassen? Aber wer würde diese verschicken? Und an wen?

 

Diese erst nach dem eigenen Ableben verschicken zu lassen, konnte es bei reiflicher Überlegung auch nicht sein. Man sollte doch zu Lebzeiten etwas davon haben, die Reaktion der Freunde noch erleben dürfen, sich bei Einigen bedankt haben – oder (endlich) die Meinung sagen. Der Gedanke gefiel mir, aber es brauchte noch weitere zündende Funken.

 

Zweiter Akt: 2013, Universität Zürich, Seminar bei Prof. Dr. Alfred Messerli über "Selbstzeugnisse". Wir, etwa 20 Studierende, behandeln sehr im Detail die Autobiographie des Heinrich Bosshard aus Rümikon (1748–1815). Sie fasziniert mich, und es wird mir bewusst, wie wenig wir über frühere Zeiten wissen. Sofern es überhaupt Zeitzeugnisse aus dem Volk gibt, sind diese längst vergessen oder verloren. In 100 oder 200 Jahren wird man trotz Internet und Facebook, oder gerade deswegen, auch UNSER Leben und unsere Lebensumstände, unsere Sorgen, Nöte und Freuden im Detail nicht mehr kennen. Unsere eigene "Oral History" wird sich verflüchtigt haben; was aus unserer Zeit überliefert wird, bestimmen andere. Man müsste JETZT Lebensgeschichten, ganz speziell die der Nachkriegsgeneration, und quer durch die ganze Bevölkerung, autobiographisch verschriftlichen, materialisieren. Nicht nur die idealisierten und zurechtgebogenen Geschichten der "rich & famous", nicht nur das, was in die Geschichtsbücher einfliesst. Die Kulturforschung, mit der ich mich jetzt vier Jahre im Studium beschäftigt hatte, müsste auf mehr Quellen zugreifen können, als das heute der Fall war.

 

Dritter Akt: Nachdem ich 2010 meine Berufskarriere von langer Hand geplant mit 60 Jahren beendet hatte, schrieb ich (natürlich) meine eigene Biographie ... . Nach gut 100 Seiten steckte ich fest, das Resultat befriedigte mich nicht. Das Geschriebene versauerte zwei-drei Jahre auf meinem Laptop – schaffte gerade noch die Migration auf einen neuen. Ich hatte mir eingebildet, ein wenig schreiben zu können und stellte fest, dass es schwieriger und auch mühsamer war, als ich dachte, über sich selbst zu schreiben. Wie viel steiniger war es wohl für im Schreiben Ungeübte? Zudem: wie und wo und wann und vom wem war das dann zu lesen?

 

Die naheliegende Idee war, Leuten, die ihr Leben aufschreiben sollten/wollten, ein "Schreibgefäss" zur Verfügung zu stellen. Alle sind wir von klein auf daran gewöhnt, Fragen zu beantworten. Am besten also eine Schreibmöglichkeit in Form eines Interviews mit sich selbst. Mit 1000 Fragen in 50 Kapiteln (so die Ausgangshypothese) müsste es machbar sein, ein ganzes Leben zu erfassen. Das Schreiben würde webbasiert on-line erfolgen, direkt in der sich gerade etablierenden Cloud; damit konnte das Geschriebene nicht mehr verloren gehen. Es sollte jederzeit, jedermann, vor allem auch der wissenschaftlichen Forschung verschiedenster Fakultäten, zugänglich bleiben – auch noch in hunderten von Jahren. Nicht so wie das von meiner Mutter mit 75 noch auf ihrem Laptop Geschriebene, das fast alles verloren gegangen ist.

 

Vierter Akt: Ich musste wissen, ob meine Idee etwas taugte und ob sie technisch realisierbar ist. Was lag näher, als mit einem der Autobiographie-Experten der Universität Zürich zu sprechen (Dezember 2013): Prof. Dr. Alfred Messerli. Er fand die Idee hervorragend und war auch sofort bereit, mitzuarbeiten. Auch vom Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft der Universität Zürich (ISEK) erhielt ich lebhaften Zuspruch, inkl. "Endorsement-Letter". (www.meet-my-life.net/0~0~231~0~endorsement.html). Wir konkretisierten das Konzept weiter, neue Ideen kamen hinzu. Aber war das alles technisch realisierbar und finanzierbar? Zu jenem Zeitpunkt dachte ich an eine persönliche Investition von 50'000 Franken.

 

Fünfter Akt: Ich brachte die Idee, wie ich es gewohnt war, in allen Einzelheiten zu Papier. Konzept, technische Briefings, über 30 Seiten, um Offerten für die Realisierung einzuholen. Es gefiel mir immer besser, so gut, dass ich zu befürchten begann, dass jemand die Idee einfach "klauen" und mir zuvorkommen könnte. Ich schrieb also das Entwicklungsbriefing so um, als ob es um Software für ein "Game" ginge und liess verschiedene Entwicklungsfirmen offerieren. Bald erkannte ich, dass die Investition für die Programmierung und den Betrieb viel höher sein würde, als ich angenommen hatte. Ich beschloss, mit expliziter Zustimmung meiner Frau und meines Sohnes, eine Aktiengesellschaft mit einem Kapital von 250'000 Franken zu gründen. Auch wenn das Schreiben die Autoren/-innen etwas kosten würde, war mir jedoch klar, dass wir kaum Gewinn erzielen würden und zusätzlich Gönner und Sponsoren brauchten, die imagemässig von uns profitieren könnten.

 

Sechster Akt: Im Februar 2014, mehr als ein Jahr nach dem Ideenblitz, vergab ich den Entwicklungsauftrag an Robert "Bobby" Bitterli. Verschiedenes führte zu diesem Entscheid. U. a. dass er selbst als Künstler kreativ tätig war (www.robertbitterli.ch/index.php?vi=21&vl=0&vv=21), sofort begriff, worum es ging und spontan mit eigenen Ideen aufwartete. Es war ein Bauchentscheid, der sich als richtig erwies. Bobby hat nicht einfach "seinen Job" gemacht, sondern sich extrem mit dem Projekt identifiziert. Und auch manche Stunde nicht aufgeschrieben.

 

Parallel dazu begann in zahlreichen Nachmittagen mit Prof. Messerli die Entwicklung unseres "Schreibgefässes" mit letztlich über 500 Fragen und einem sinnvollen Inhaltsverzeichnis mit etwa 40 Kapiteln/Unterkapiteln. Obwohl wir keine Entschädigung anbieten konnten, traten dank Prof. Messerli unserem wissenschaftlichen Advisory Board spontan renommierte Wissenschaftler bei: Prof. Dr. Philipp Sarasin (Geschichte), Prof. Dr. Harm-Peer Zimmermann (Populäre Medien und Kulturen), Prof. Dr. François Höpflinger (Soziologie und Altersforschung), Prof. Dr. Sandro Zanetti (Literaturwissenschaft) und Prof. Dr. Bernhard Tschofen (Kulturwissenschaft). Die überwältigende Zustimmung zu unserem Projekt war einhellig und äusserst motivierend. Auch von Seiten der Leitung des Instituts für Populäre Kulturen der Universität Zürich, Prof. Dr. Thomas Hengartner und Dr. Brigitte Frizzoni. Noch mehr spornte uns an, dass sich Swisscom auf Anfrage spontan für das Projekt und unsere Zielsetzung interessierte und uns nicht nur mit dem Cloud-Hosting unterstützte, sondern auch mit einer mehrjährigen grosszügigen "Anschubfinanzierung" als Teil ihrer Sponsoringaktivitäten.

 

Siebter Akt: Im Februar 2015 endlich "live", nach fast fahrlässig kurzer Beta-Versionsphase. Um beim Start den Lesern ein "Muster" anbieten zu können, war ich mit meiner eigenen Biographie im Selbstversuch vorgeprellt. Es schien zu funktionieren, das Resultat gefiel mir jedenfalls viel besser als mein erster konventionell geschriebener Entwurf. Technisch gab es noch einige Hürden zu nehmen und Verbesserungen anzubringen, die Bobby und mich in dieser Zeit sieben Tage rund um die Uhr auf Trab hielten – das Damoklesschwert eines geplanten Berichts der Coop-Zeitung über uns im Nacken. Dieser erschien am 10. Februar: www.coopzeitung.ch/meet-my-life.net. Und alles funktionierte (!), nicht wie in meinen schlaflosen Nächten mit verschiedenen Crashszenarien. Bobby sei Dank! Von den Festtagen Weihnachten/Neujahr 2014 hatten wir beide nicht viel, aber es hatte sich gelohnt.

 

Aktueller live-act (2017): Wie geplant, kann nun jedermann seine Erinnerungen auf www.meet-my-life.net festhalten. Die publizierten Texte sehen sehr vielversprechend aus und ermutigen hoffentlich noch viele, ein Gleiches zu tun. Wir sind auf gutem Weg, einen substantiellen Beitrag zur Erhaltung unseres immateriellen kulturellen Erbes zu leisten, unser kulturelles Gedächtnis langfristig ein klein wenig zu erweitern. Und zukünftigen Forschergenerationen und sonstigen Interessierten einen Fundus an lesenswerten Lebensgeschichten zur Verfügung zu stellen. Ich freue mich jeden Tag, wenn ich sehe, dass geschrieben wird, oder sich jemand neu registriert.




(1) Sie haben meet-my-life.net ermöglicht: Prof. Dr. Alfred Messerli und Robert Bitterli mit mir in luftiger Höhe über der Stadt Zürich. (Ausblick vom Turm der Universität, wo alles begann …).

Sie haben meet-my-life.net ermöglicht: Prof. Dr. Alfred Messerli und Robert Bitterli mit mir in luftiger Höhe.

 

 

 

Spanien
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27.  Spanien
Wie oft im Leben hat man wirklich das Gefühl glücklich zu sein? Das Gefühl, besser muss es nicht mehr werden. Der Wunsch: Die Zeit könnte still stehen.

Solche Gedanken überkommen mich seit Jahren, jedes Mal wenn ich in Spanien in das kleine Dörfchen "El Perellonet" zu unserer bescheidene Ferienwohnung einfahre. Ein stehengebliebenes spanisches Dorf mit bescheiden lebenden und vermutlich deshalb umso herzlicheren Menschen. Obwohl nur 20 km oder 20 Minuten südlich der Provinzhauptstadt Valencia gelegen, eine von fast vergessene Ortschaft. Begünstigt durch das zwischen Valencia und El Perellonet gelegene Naturschutzgebiet dem Meer entlang und auf der anderen Seite die (mit Bauverbot belegten) endlosen Reisfelder aus der Zeit der arabischen Besatzung, Orangen- und Tomatenhaine sowie Sandäcker für die besten Melonen der Welt. Eine Konstellation, die einen Bauboom nicht aufkommen lässt und den Status Quo seit Jahrzehnten zementiert hat. Der Fortschritt, der glücklich macht, ist der Rückschritt. (Was sich aber leider auch dadurch bemerkbar macht, dass in den letzten Jahren die Anzahl der Restaurants von etwa 10 auf 5 zurückgegangen ist … Auf diesen Rückschritt würde ich gerne verzichten ...).

Ein Blick morgens aus unserem Balkon sagt alles besser ohne Worte:



(1) Sonnenaufgang in El Perellonet November 2019
Sonnenaufgang in El Perellonet November 2019




(2) Blick vom Balkon auf den meist menschenleeren Sandstand von El Perellonet (Nov. 2019)

Blick vom Balkon auf den meist menschenleeren Sandstand von El Perellonet (Nov. 2019)


Kann man auf 75 m2 ohne viele der gewohnten Annehmlichkeiten auch längere Zeit glücklich leben? Hier und mit endlos vielen Sonnentagen schon!!!!

Von Tag zu Tag - was gerade so passiert (2016)
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28.  Von Tag zu Tag - was gerade so passiert (2016)
Ich beginne heute, 19.06.2016 mit der Aufzeichnung von Alltäglichem. Was beschäftigt mich gerade, was geschieht um mich herum, was freut und was ärgert mich.

Es ist ein Versuch, den klassischen Rückblick auf Erlebtes und verarbeitetes mit aktuellen Ereignissen und Überlegungen zu ergänzen. Mit Zweifeln, ob das aus späterer Sicht überhaupt Sinn macht. Die geschilderten Facts finden sich viel ausführlicher über Suchmaschinen. Ich kann mich aber immerhin bemühen, auf "fake News" zu verzichten. Oder gar auf solche hinzuweisen. Aber meine subjektiven Empfindungen, die das Tagesgeschehen auslöst und meine Interpretationen sind es allenfalls doch wert. On verra.
Juni 2016
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28.1.  Von Tag zu Tag - was gerade so passiert (2016) – Juni 2016.
Der regnerischste Juni, an den man sich erinnern kann. Natürlich ideales Wetter für die Fussball-Europameisterschaft: bisher alle Spiele gesehen und mitgefiebert. Auch bei Island, Nordirland, etc. Wage keine Prognose, noch ist alles möglich.
 
Seit bald zwei Wochen ist unsere Terrasse blockiert mit einem Baugerüst, das für den Ersatz von drei antiquierten Dachfernstern nötig ist. Der Dauerregen erlaubte es nicht, die Dachfenster zu entfernen, um die neuen einzusetzen. Einfach nach Valencia auszuweichen geht auch nicht, weil Vicenta Angst hat, jemand könnte über das Baugerüst einsteigen. Seit wir Elvis nicht mehr haben, beschäftigt auch mich der Gedanke an Einbruch vermehrt. Ist Diebstahl für viele nicht bald noch der einzige Ausweg?
19. Juni 2016 - vor dem Brexit
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28.1.  Von Tag zu Tag - was gerade so passiert (2016) – Juni 2016.

19. Juni 2016 - vor dem Brexit
Verstehe die Aufregung um den Brexit nicht. Alle sprechen von Marktwirtschaft, Pluralität, Konkurrenz. Wäre etwas mehr Konkurrenz auf dem politischen Parkett wirklich so schädlich? Ich lasse mich gerne überraschen, ob es der Versuch nicht wert war. Erwachen Europa und die USA nicht erst so langsam aus ihrer Selbstgefälligkeit, seit China zu einer wirtschaftlichen Macht geworden ist? Und wundern sich, wenn die Chinesen unsere Unternehmen (Syngenta, Gategroup, Infront, Eterna und den Hafen von Piräus) und Inter Mailand kaufen. Immerhin bezahlen sie in Euros und CHF und nicht mehr in abgewerteten Liras und Pesetas. Aber eigentlich hat sich dadurch auch nicht viel verändert: Ein Kaffee in Spanien ist für 1.20 Euro zu haben, während er in der Schweiz bald CHF 5.- kostet. Ein Kilo Artischocken kostet dort gleichviel wie bei uns ein Stück, so dass nun auf dem Markt die ersten einheimischen auftauchen. (Gestern drei Stück aus Bachs gekauft zum Probieren.) 
 
Sehr bedauern würde ich allerdings, wenn Bill Clinton nicht als "First Gentlemen" ins Weisse Haus einziehen würde! Die Sonntagszeitung beschreibt heute sehr schön, wie die Präsidenten anderer Länder von Hillary über den Tisch gezogen werden, weil sie während den Verhandlungen an ihre (jüngeren) Gattinnen denken müssen, die mit Bill gerade das Damenprogramm absolvieren. Na, wenn ich mir sein inzwischen vegan ausgemergeltes Gesicht anschaue, wird das am Ende doch nicht so wild.
 
Freue mich, dass auf meet-my-life.net rege und so engagiert geschrieben wird. Wird schon fast schwierig, am Ball zu bleiben. Müssen unbedingt ein neues Feature programmieren, das anzeigt, wer wann wieder geschrieben hat, Bobby denkt schon darüber nach.
 
Einer unserer Autoren hat basierend auf dem Text auf meet-my-life.net zu seinem 85. Geburtstag ein Buch gedruckt, und es beschäftigt ihn, dass sein Text auf meet-my-life.net nicht mehr damit identisch sei. Meine Antwort: "Müssen die beiden Texte wirklich identisch sein?? Es gibt ja auch von anderen Medienerzeugnissen und Kunstwerken verschiedene Versionen. Wichtig ist nur, dass beides authentisch ist. Die meet-my-life.net-Version hat zudem den riesigen Vorteil, dass sie jederzeit noch ergänzt und erweitert werden kann, allenfalls auch noch mit Fotos, die einem plötzlich in die Hände fallen. Und letztlich ist ja die Biographie noch nicht fertig, noch lange nicht. Diese Flexibilität und die Tatsache, dass dieses "e-book" jederzeit für jedermann zugänglich ist, und bleiben wird, macht ja unser visionäres Projekt so einzigartig und wertvoll. Du siehst ja selbst, dass du bereits nur noch 3 Bücher hast, und wer liest die anderen 147 oder wertet sie einmal wissenschaftlich aus?"
 
Die Sonntagszeitungen (ich lese immer drei davon) sind heute voll von Roger Schawinskis Narzissen-Buch. Er bestreitet, selbst einer zu sein. Der Unterschied zwischen ihm und mir ist u. a., dass ich keiner bin, wenn ich mir so seinen Kriterienkatalog anschaue. Dabei gibt es auch begnadete Narzissen – Salvador Dalí – der damit in seinem berühmten Bild "Die Metamorphose des Narziss" wie auch in dem - wenig bekannten - dem Bild vorausgegangenen Gedicht kokettiert.


(1) Salvador Dalí (1904 - 1989): La metamorfósis de Narciso, 1938. Die Metamorphose des Narziss.
Salvador Dalí: La metamorfósis de Narciso, 1938. Die Metamorphose des Narziss.

 

 

Die Metamorphose des Narziss

[…]

Jetzt naht das grosse Geheimnis,

jetzt tritt die grosse Metamorphose ein.

 

Narziss, der reglos, von seinem Spiegelbild

mit der verdauungsfördernden

Langsamkeit fleischfressender Pflanzen

aufgesaugt wird, wird unsichtbar.

 

Von ihm bleibt nur

das halluzinierende weisse Oval seines Kopfes,

sein Kopf, von neuem so zart,

sein Kopf, Kokon biologischer Hintergedanken,

sein Kopf von den Fingerspitzen des Wassers gestützt,

von den Fingerspitzen

der sinnlosen Hand,

der schrecklichen Hand,

der kotfressenden Hand,

der tödlichen Hand

seines eigenen Spiegelbilds.

 

Wenn dieser Kopf zerspringt,

wenn dieser Kopf zerplatzt,

wenn dieser Kopf aufbricht,

wird er zur Blume werden,

ein neuer Narziss,

Gala –

mein Narziss.

 

Deutsche Übersetzung: Brigitte Weidmann, in: Herbert Becker, Edouard Jaguer und Petr Kràl (Hrsg): Das surrealistische Gedicht, vierte Auflage. Bochum: Zweitausendundeins Museum, 2005, 261.

 
Ich will damit nur sagen, dass man Narzissmus als Triebkraft noch zu wenig in die Erklärungsversuche für das Verhalten von Menschen einbezieht. Und ob Narzissten überhaupt zu Metamorphosen fähig sind? 
21. Juni 2016 - Wiedersehen
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28.1.  Von Tag zu Tag - was gerade so passiert (2016) – Juni 2016.

21. Juni 2016 - Wiedersehen
Lese gerade in Max Frischs umfangreicher Textsammlung zur Frage wer wir eigentlich sind. U.a. dies: "[...] ich könnte je nach Zufall auch eine ziemlich andere Biografie haben, und die man eines Tages hat, diese unsere Biografie mit allen Daten, die einem zum Hals heraushängen, sie braucht nicht einmal die wahrscheinlichste zu sein: sie ist nur eine mögliche, eine von vielen, die ebenso möglich wären unter denselben gesellschaftlichen und geschichtlichen Bedingungen und mit derselben Anlage der Person. Was also kann, so gesehen, eine Biografie überhaupt besagen?" (aus "Weiß ich es denn selbst, wer ich bin?" (suhrkamp taschenbuch) von Max Frisch, Margit Unser)
 
Zumindest wirft jede Biographie, diese Aneinanderreihung von Zufällen und Entscheidungen, eigene und die anderer, ein Licht auf diese gesellschaftlichen und geschichtlichen Bedingungen – und den mehr oder weniger geschickten eigenen Umgang damit. Darin finden wir vielleicht, und hoffentlich, unsere Geschichte, den uns bislang verborgenen roten Faden. Da halte ich es mit einer meiner Lieblingslektüren, mit "Gantenbein": "Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er die Geschichte dazu [...]." Und mit dieser Geschichte trägt er einen infinitesimal kleinen Beitrag zur Geschichte der Menschheit (wenigstens der Familie) bei, zum akkumulierten Wissen, was "gut" war, was funktionierte, und was eben nicht.
 
Bobby hat bereits umgesetzt, dass man nun bei jedem Autor auf meet-my-life.net sieht, was zuletzt geschrieben wurde. Macht es nun ganz einfach, bei seinen Lieblingsbiographien im Ball zu bleiben. Autorin Maria von Däniken hat es als erste bemerkt und gratuliert.
 
Freue mich riesig auf morgen, das Treffen der "vaterlosen Gesellschaft" aus St. Gallen; die Freunde meiner Teenagerzeit: Andy (lädt uns zu seinem 70. ein), Dieter, Archie, Julien. Andy und Archie hatte ich in den letzten Jahrzehnten komplett aus den Augen verloren.
 


(1) Die "Old Boys" aus meiner Teenager-Zeit in St. Gallen zur Feier des 70. Geburtstags von Andy. Von links nach rechts: Richard "Archie" Jellinek, meine Wenigkeit, Hans Peter "Julien" "Pe" Millischer, Andreas Franz und Dieter Wolf. (Cantinetta Augustinergasse Zürich, 22.6.2016)
Die "Old Boys" aus meiner Teenager-Zeit in St. Gallen zur Feier des 70. Geburtstags von Andy. Von links nach rechts: Richard "Archie" Jellinek, meine Wenigkeit, Hans Peter "Julien" "Pe" Millischer, Andreas Franz und Dieter Wolf. (Cantinetta Augustinergasse Zürich, 22.6.2016)

 

 

25. Juni 2016 - nach der Brexit-Abstimmung
Seite 167
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28.1.  Von Tag zu Tag - was gerade so passiert (2016) – Juni 2016.

25. Juni 2016 - nach der Brexit-Abstimmung
Das seit dem historischen 23.6.2016 alle Medien beherrschende Thema: Der Brexit ist entschieden, zur allgemeinen Verblüffung, rechneten doch die meisten, insbesondere die Börsen, mit einem Sieg der britischen Europabefürworter. Erstaunlicherweise liest man als Begründung für die Mehrheit von knapp 52 % Brexit-Anhängern vorwiegend über die Ablehnung von drohenden Einwanderungen. Gleichzeitig schleichen sich die Briten jedoch davon, bevor die Staatsschulden des "weichen Bauchs" der EU zum gewaltigen Debakel wird. Darüber habe ich nichts gelesen.
 
Wie ich schon im Vorfeld spekuliert habe, kann der Brexit für die europäische Idee auch heilsam sein. Ich bleibe dabei. Die Briten werden sich nun vermehrt anstrengen, was auch die EU anspornen – oder den Protektionismus und die Regulierungswut noch mehr anstacheln wird. Was dann auch das Ende der EU in der heutigen Form wäre. Wie sagte Churchill nach dem ersten Sieg über die Deutschen und Italiener in Nordafrika: "Now this is not the end. It is not even the beginning of the end. But it is, perhaps, the end of the beginning."  (www.quotationspage.com/quote/24921.html; 25.06.2016).
Sir Winston als Initiant der europäischen Idee dreht sich vermutlich jetzt gerade im Grab um. 
 
Die Börsen tauchten am 24.6.16 um die 5 - 7 %, einzelne Bankentitel bis 20 %, ein Euro kostet nun 1.07 statt 1.10, man vermutet allgemein, dass der Einbruch so gering war, weil die Schweizerische Nationalbank massiv Euros gekauft hat. Der Goldpreis stieg auf knapp 1310 $. Der Schaden an meinen Wertschriften hält sich in Grenzen. Ich rechne vorsichtigerweise sowieso seit 2 Jahren mit einem grossen Crash. Ist das nun der Beginn neuer Kaufgelegenheiten?
 
Ablenkung durch die heutigen Achtelfinals der Fussball-EM. Vielleicht verblüffen uns die gleich mit England, Wales und Nordirland vertretenen Briten auch hier. Dazu kommen noch die Iren und Isländer. Fast schon eine atlantische EM, rechnet man die Franzosen, Spanier, Portugiesen und Belgier auch noch dazu. Der ganze Osten und Norden ist schon abgereist: Türkei, Ukraine, Rumänien, Russland, Albanien, Österreich, Tschechien, Schweden. Der "Blick" schürt wie üblich (falsche) Hoffnungen, um dann im Fall einer Niederlage um so vernichtender über die Kicker und den Trainer herzufallen. (Was nach dem knapp verlorenen Elfmeterschiessen dann doch nicht geschah – für einmal. Weil das Ausscheiden Strafe genug war für die katastrophale erste Halbzeit und ein mutloses Spiel nach hinten.)
29. Juni 2016 - Max Frisch und Biographien
Seite 168
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28.1.  Von Tag zu Tag - was gerade so passiert (2016) – Juni 2016.

29. Juni 2016 - Max Frisch und Biographien
Als einer, der seinerzeit alles von Frisch verschlungen hat, überrascht es mich nicht, nun in konzentrierter Form zu lesen, wie intensiv sich Max Frisch mit Fragen der eigenen Biographie beschäftigt hat. Wie die meisten von uns. Nur bringt er es treffender auf den Punkt (s. auch meine Notizen zum 21. Juni). Die vielen Textstellen in der Zitatensammlung "Weiss ich es denn selbst, wer ich bin?" sagen so viel aus über das Wesen von Biographien; und verlocken zur Frage, hat denn Frisch recht gehabt?
 

"Ich weigere mich zu glauben, dass unsere Biografie, meine oder ihre, oder irgendeine, nicht anders ausgehen könnte. Vollkommen anders. Ich brauche mich nur ein einziges Mal anders zu verhalten" (aus "Weiß ich es denn selbst, wer ich bin? (suhrkamp taschenbuch)" von Max Frisch, Margit Unser)

 

Könnte man sich wirklich anders verhalten? Oder ist nicht gerade das eigene, typische Verhaltensmuster Teil seiner Biographie. Ich glaube heute eher, wie Frisch damals, dass man sich in einer gleichen Situation, im gleichen Alter, mit dem gleichen Erfahrungsschatz in der Regel wieder gleich verhalten würde, kaum genau das Gegenteil machen würde, allenfalls auf Umwegen wieder zum gleichen Ergebnis käme. Wie eben in Frischs 1967 entstandener Komödie "Biographie: ein Spiel" - das letztlich immer gleich ausgeht. Kürzlich bestätigte es ein Freund, er sei eine Zeit lang immer auf den gleichen Typ Frau "hereingefallen" ...

 

"Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält«, sage ich," (aus "Weiß ich es denn selbst, wer ich bin? (suhrkamp taschenbuch)" von Max Frisch, Margit Unser)

 

Damit sich das, was man für sein Leben hält, diese einzelnen Erinnerungsstücke auch nahtlos zu einem Gesamtbild, wie ein Puzzle, zusammenfügt, ist man durchaus gezwungen, einiges zurecht zu biegen, einiges zu verschweigen und vieles zu verdrängen. Und den Rest glücklichen Umständen zuzuschreiben, eben aus seinem Leben eine Geschichte entstehen zu lassen.

 

Hanspeter Peyer fragte mich gestern, wie denn Menschen, die auf ein weniger erfülltes Leben zurückblicken können als wir, ihr "Pech" begründen würden? Nach meiner (beschränkten) Erfahrung, erwiderte ich, dass diese die Schuld primär den "Umständen", der Umwelt, nicht wohlmeinenden Zeitgenossen geben würden. Selten bei sich suchen, was ich keinesfalls vorwurfsvoll meine. Wie könnte man sein Leben mangels verlässlicher Rückmeldungen, oder mangels Einsicht, auch objektiv werten. Und nicht alle könnten und wollen daraus die richtigen Lehren ziehen.

 

"[...] das Mögliche, jener Teil des Vorhandenen, den ich sehen und hören kann. An allem übrigen, und wenn es noch so vorhanden ist, leben wir vorbei. Wir haben keine Antenne dafür;" (aus "Weiß ich es denn selbst, wer ich bin? (suhrkamp taschenbuch)" von Max Frisch, Margit Unser)

  

Niemand kann logischerweise über nicht erkannte Möglichkeiten schreiben. Sie sind aber genauso prägend für seine Biographie, wie das Realisierte, Wahrgenommene, Verworfene. Neben den überhaupt nicht wahrgenommenen Chancen, dieses nicht erkannte Mögliche, vermeint man gelegentlich zu wissen, dass man Chancen verpasst hat. Aber das ist ein Trugschluss. Wer weiss schon, wie es dann wirklich am Ende herausgekommen wäre, hätte man anders entschieden? Also, niemals einer vermeintlich verpassten Chance nachtrauern!

 

Hingegen erinnere ich mich an viele Situationen, in denen ich mir "Chancen" fast unbewusst, aber intuitiv eben doch gewollt, selbst zunichtegemacht habe. Z. B. bei Stellenbewerbungen, indem ich meine Forderungen so hochgetrieben habe, oder mich so verhalten habe, dass ich die Stelle vermutlich nicht bekommen würde. Es hat immer geklappt. Aber auch umgekehrt, mit Bescheidenheit, wenn ich etwas unbedingt wollte. Ich hatte schon früh, auch das intuitiv, begriffen, dass Zurückhaltung, quasi sich entdecken lassen, für mich besser funktionierte, als sich aufdrängen wollen. Das hat den ganz einfachen Vorteil, dass man später immer mehr liefern kann, als man versprochen hat. Was dann halt wieder zu "glücklichen Umständen" führt ...

 

 

 

 

 

04. Juli 2016 - NZZ
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28.2.  Von Tag zu Tag - was gerade so passiert (2016) – Juli 2016.

04. Juli 2016 - NZZ
Am 2. Juli erschien in der NZZ (S. 19) ein von Urs Bühler geschriebener prominent aufgemachter Artikel über meet-my-life.net und mich. Sehr schmeichelhaft. Brachte eine grosse Anzahl neuer Gastautoren. Und einiges an sehr positiven Reaktionen von Bekannten, die über den Artikel gestolpert sind.
 

Neue Zürcher Zeitung vom 02.07.2016, Seite 19



(1) Shooting des NZZ-Fotographen im Bahnhof Stadelhofen, Juni 2016

Shooting des NZZ-Fotographen im Bahnhof Stadelhofen, Juni 2016

 

Eine Wolke voller Lebenswege

Der bemerkenswerte Werdegang von Erich Bohli, dem Erfinder der Internetplattform meet-my-life.net

Beruflich hatte er sich der Wirtschaft verschrieben, zuletzt als Fust-CEO. Im Ruhestand aber absolvierte Erich Bohli ein geisteswissenschaftliches Studium und schuf ein Angebot für Lebensläufe aus dem Volk.

Urs Bühler

Der Mann, der zum Sammler fremder Schicksale geworden ist, bringt sein eigenes lakonisch auf den Punkt: «Ich hatte immer Dusel im Leben.» Und zu diesem Glück gehört die Fähigkeit, Menschen richtig einzuschätzen: Erich Bohli fiel «nie auf Lumpen rein», wie er sagt. Ihn selbst trieb indes nebst Neugierde schon früh Arbeitslust an. Als Schüler lieferte er etwa Zeitungen aus, ganz freiwillig. «Ich wollte stets etwas leisten und lernen, die nächste Stufe nehmen», konstatiert er in seiner unaufgeregten Art und einer Mundart, die noch dezent die Ostschweizer Wurzeln verrät. «Und so alle drei Jahre bekam ich eine neue Chance.»

Auf den Spuren von Karl May

Aufgewachsen in Sankt Gallen mit einer Mutter, die sich und zwei Kinder nach dem frühen Tod des Gatten als Näherin, Schneiderin und Serviererin durchbrachte, holte Bohli nach der KV-Lehre die Matura nach. Mit einem Doktortitel in Betriebswirtschaftslehre legte er eine Laufbahn hin, die er als «Tellerwäscherkarriere wie aus dem Bilderbuch» bezeichnet: Unilever-Manager, selbständiger Turnaround-Manager, zuletzt CEO der Dipl. Ing. Fust AG: Walter Fust hatte seine Elektroladenkette per Übernahme der Jelmoli-Aktienmehrheit zurückgekauft und holte ihn als seinen Nachfolger für den Chefposten. Aus der nicht einfachen Konstellation erwuchs nach Bohlis Einschätzung eine hocherfreuliche zehnjährige Führungstätigkeit, die sozusagen auf sein heutiges Online-Projekt vorauswies: Er machte Fust fit fürs Internet, ohne die Filial-Strategie aufzugeben, und begleitete schliesslich die Integration in die Coop-Gruppe.

2010 trat der in Oerlikon lebende dreifache Grossvater mit 60 Jahren in den Ruhestand, wie er sich dies beim Einstieg bei Fust vertraglich vorbehalten hatte. Der Übergang ins Pensionsalter war einschneidend, wie für viele, bei ihm aber abgefedert durch den Wechsel von der Welt der Zahlen in die der Geschichten. Es war auch ein Weg zu einer Sinnfindung: Geht es um die neue Aufgabe, scheint seine Stimme, die eben noch souverän und nüchtern von Bankendeals und anderen Fixpunkten seines einstigen Berufslebens berichtet hat, in ein wärmeres Register zu wechseln.

Doch von Anfang an: An diesem stand, wenn man so will, Karl May. Dessen Werken hatte, nebst dem Fischen, einst die Passion von klein Erich gegolten, und für den Ruhestand setzte sich der ausgewachsene Bohli zwei Ziele: alle Bücher von May zu lesen und eine Autobiografie zu schreiben. Der Entwurf für Letztere versauerte nach 130 Seiten auf dem Computer. Das Gesamtwerk seines Lieblingsautors aber erstand er antiquarisch zum Spottpreis, und als er hörte, an der Universität Zürich sei ein Seminar über diesen angekündigt, schrieb er sich an der Abteilung Populärkulturen und Literaturwissenschaften ein. Der Horizont, der sich ihm dabei eröffnete, hätte auch sein erstes Berufsleben befruchtet, wie er einräumt: «Ich war ein Ökonomie-Tubeli.» Jedenfalls ging er den geisteswissenschaftlichen Studien mit Verve nach, ohne einen Abschluss im Sinn zu haben. Aber ehe er sich's versah, hatte er im Bologna-System die Punkte für den Bachelor-Abschluss eingeheimst. Also erwarb er den – und dann auch noch den Master, mit einer Arbeit über «Humor im Kriegsfilm».

Und das Schicksal spann seine geheimen Fäden: Die Lehrveranstaltung zu Karl May hielt Alfred Messerli, auf Erzählforschung und Selbstzeugnisse spezialisierter Professor am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft. In einem seiner Seminare stiess Bohli auf die Biografie des Rümiker Dichters Jakob Bosshart und kam anhand der dort versammelten historischen Trouvaillen auf die Idee: Wäre nicht mit moderner Technik die Niederschrift von Lebenserinnerungen aus dem Volk zu fördern, um sie für die Nachwelt zu bewahren? Das war die Geburtsstunde von «meet-my-life.net», der cloudbasierten Internetplattform, wo jeder sein Leben niederschreiben und der Allgemeinheit zugänglich machen kann.

Das Projekt, das er mit Messerli und dem Programmierer Bobby Bitterli realisierte, wurde zur Herzensangelegenheit: Ein halbes Jahr arbeitete Bohli am Konzept, zu dessen zentralen Elementen eine leicht zu bedienende Oberfläche für Internet-Ungewohnte zählt. Inzwischen habe er gewiss 2500 Stunden unbezahlte Arbeit investiert – und eine Viertelmillion Franken à fonds perdu für die Umsetzung zur Verfügung gestellt. «So ein Spinner», neckt er sich lächelnd beim Besuch auf der Zeitungsredaktion. Dieser weckt übrigens Erinnerungen: Hier hatte er oft seine spanischstämmige Ehefrau Vicenta Ferrandis y Guillem abgeholt, die jahrelang in der damals noch im Parterre der Falkenstrasse eingerichteten NZZ-Druckerei arbeitete.

Das Menschsein in seiner Fülle

Seit gut einem Jahr ist die Site meet-my-life.net, deren Cloud-Hosting die Swisscom unentgeltlich besorgt, in Betrieb. (beta.nzz.ch/spezial/70-jahre-kriegsende/ein-universum-an-lebensgeschichten-1.18537716) Über 110 Biografien sind in Arbeit, etwa die Hälfte davon schon jedermann zugänglich als Work in Progress. Als Leitplanke dient den Verfassern ein von Messerli und Bohli erarbeiteter Katalog von 500 Fragen in 40 Kapiteln, mit deren Hilfe sich ein Leben rekapitulieren lässt. Wer in den Resultaten schmökert, stösst auf so manche Perlen und das Menschsein in seiner ganzen Fülle: Erinnerungen an den ersten Schultag, die erste Liebe, grosse Verluste, kleine Erfolge. Manche Passagen sind kleine Meisterwerke, andere wirken hilfloser formuliert, vieles ist nur skizziert und einiges nur schwer zu glauben: Die Sammlung wird weder kuratiert noch zensiert noch redigiert – die verschiedenen Schreibstile spiegeln auch die Diversität der Lebensstile. «Jeder schreibt für sich, nicht für uns», sagt Bohli, wobei keiner befürchten muss, dass sein Werk sich in der Cloud verflüchtigt: Per Klick lassen sich die Zwischenresultate auf der eigenen Festplatte sichern. Das Copyright bleibt bei den Autoren, und in einem Fall ist gar schon ein Buch daraus geworden.

Ghostwriter braucht es hier nicht, doch seit neustem sind vermehrt Nachkommen am Werk, die auf dem Weg die Geschichte der Mutter oder des Vaters aufarbeiten. Meist schreiben die Betroffenen aber selbst, stark ist die Ü-60-Generation vertreten, bis hin zum 90-Jährigen. Zwei haben ihre Zeit als Verdingkind aufgearbeitet, viele Texte spiegeln die bescheidenen Wohnverhältnisse der Nachkriegszeit oder die damals omnipräsenten Körperstrafen. Spricht Bohli von den Lebensläufen, schwingt nebst etwas Stolz stets Achtung vor den Verfassern mit – und Begeisterung über das eine oder andere entdeckte Schreibtalent. Dann vibriert er und lässt sein Schnäuzchen tanzen, das inmitten des Bart-Revivals wie aus einer anderen Zeit wirkt, als wäre er einem französischen Spielfilm der siebziger Jahre entstiegen.

«Mich verblüfft, wie ernst alle diese Aufgabe nehmen, wie kontinuierlich sie daran arbeiten», hält er fest. Dieser Eifer soll auch gefördert werden, indem nach dem kostenlosen Probemonat im ersten Jahr 40 Franken zu zahlen sind (was laut Bohli keine 10 Prozent der Kosten pro Biografie deckt). Die Lektüre aber ist unentgeltlich: Jeder Besucher der Site kann sich unregistriert durch den Fundus lesen, den Messerlis Institut auch in den Dienst der Wissenschaft stellt. Deren Hang zur Fachsprache dringt nur ab und zu durch bei Bohli – etwa wenn er vom versammelten «immateriellen kulturellen Erbe der Schweiz» spricht, das vor allem aus Oral History bestehe. Diese wissenschaftliche Dimension, die nebst der individuellen und der gesellschaftlichen im Projekt angelegt ist, fasziniert ihn durchaus auch: «Eine unglaubliche Forschungsgrundlage gibt das», sagt er mit Blick darauf, dass es bald eine Schnittstelle zum Computer der Universität geben soll: «Der Schatz ist nicht nur da, man kann ihn auch heben.»

Nicht zuletzt aber ist das Projekt im Zeitalter von Facebook und Konsorten ein Beispiel dafür, wie man auch online durchaus an der Oberfläche kratzen kann: Bei «Meet My Life» darf man ebenfalls Freunde einladen, sich ein kleines Netzwerk schaffen und mit ihm in Dialog treten. Aber die Basis bilden nicht Schnappschüsse und Gedankenfetzen, sondern eine vertieftere Auseinandersetzung mit dem eigenen Dasein.

16. Juli - El Perellonet
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28.2.  Von Tag zu Tag - was gerade so passiert (2016) – Juli 2016.

16. Juli - El Perellonet
Nur zwei Flugstunden von Zürich - und doch eine ganz andere Welt. Immer wieder, auch nach über 20 Jahren unvermindert, das Hochgefühl beim morgendlichen Blick vom Balkon unserer kleinen Ferienwohnung übers Meer und die Dünen. Ob's stürmt oder ob die Sonne scheint.
 


(1) Blick vom Balkon unserer Ferienwohnung in "El Perellonet" (Valencia) auf einen Teil des 7 km langen, meist menschenleeren, Sandstrandes. Natürlich bläst es nicht immer so ... Unsere 1997, nach einigem Zögern, getätigte bis heute emotional beste Investition. Vor allem, weil wir dazu unsere damaligen ganzen Ersparnisse einsetzten.
Blick vom Balkon unserer Ferienwohnung in "El Perellonet" (Valencia) auf einen Teil des 7 km langen, meist menschenleeren, Sandstrandes. Natürlich bläst es nicht immer so ... Unsere 1997, nach einigem Zögern, getätigte bis heute emotional beste Investition. Vor allem, weil wir dazu unsere damaligen ganzen Ersparnisse einsetzten.

 

 

Für aus heutiger Sicht geradezu bescheidene 90'000 Franken kamen wir nicht nur zu einer Wohnung, sondern zu unglaublich viel Herzlichkeit der hier lebenden Menschen, zum schönen Gefühl, willkommen zu sein. "Ya estas aquí? Hasta cuando? Mira, me alegro mucho. Ya nos veremos." Ganz zu schweigen, von der völlig anderen Ernährungsweise. Ich mag sie, die vielen valencianischen Reisgerichte, den frischen Fisch, los calamarcitos a la plancha. 

 

In diese heile Welt platzt die surreale Nachricht vom Massaker eines Verrückten, der mit seinem Lastwagen am Quatorce Juillet die Strandpromenade von Nizza abrasiert. Und einen Tag später der versuchte und offenbar misslungene Militärputsch in der Türkei. (Über 700 Offiziere festgenommen, so die Schlagzeilen.) Immerhin mit Rücksicht auf die weltweiten Aktienkurse nach Börsenschluss am Freitagabend durchgeführt .... Was kümmert es mich, es ist alles so weit weg, weniger in km als mental; ich freue mich auf das Mittagessen (Paletillas de Corderito) in unserem Lieblingsrestaurant "Mar de Bo", fast vor unserer Haustüre. Luxus: während den Ferien kocht meine Frau nie. 

 

Sie spinnen, die Menschen. Eben hat Trump einen Ultrakonservativen, Homosexuellenhasser zum Running Mate ernannt. Boris Johnson wird britischer Aussenminister. François Hollande gibt pro Monat 10'000 Euro für das Kämmen seiner spärlichen Haare aus. In Spanien ist es unmöglich, eine Mehrheitsregierung zu bilden. Aber auch, bei einem Einkauf die Nummer der schweizerischen Identitätskarte zu erfassen. Der Computer versteht nur spanische Nummern. Europa ist hier trotz allem noch nicht angekommen. Das wichtigste innenpolitische Thema: Die Polemik rund um den kürzlichen Tod eines Stierkämpfers.

September 2016
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28.3.  Von Tag zu Tag - was gerade so passiert (2016) – September 2016.
Nach entspannten 6 Wochen in Spanien im Juli und August ist der normale Alltag in der Schweiz ein krasser Gegensatz. Immerhin fällt dieser September wettermässig positiv aus dem Rahmen, praktisch nur eitel Sonnenschein. Was mir noch einige schöne Golfrunden in angenehmer Gesellschaft ermöglichte, .... so weit mir der Rücken und Hüftgelenke nicht etwas den Spass verdarben. (Aber Xefo hilft ausserordentlich gut – und den Rest besorgt am Abend eine gute Flasche Rotwein.)
 
Am 15. September verabschiedet das Parlament eine Wiedergutmachung für Verdingkinder und sonstige Zwangsplatzierte von Fr. 300 Mio. Wichtiger wäre, diese Biographien auf meet-my-life.net zu verewigen, z. B. für spätere wieder übereifrige Politikergenerationen. Wobei ich nicht verkennen möchte, dass es tatsächlich viele "Fremdplatzierte" gab, die es besser hatten, als in ihren zerrütteten Familienverhältnissen. Wie z.B. Autor Hans Stuker auf meet-my-life.net sehr schön schildert. Mein Aufruf an die Medien brachte einiges an Echo, u.a. ein Radiointerview von Radio SRF 2 Kultur mit mir.
 
 

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur aktuell, 20.09.2016, 17:08 Uhr.

Jede Lebensgeschichte ist es wert, erzählt zu werden

Sie haben nichts zu erzählen, weil Ihr Leben langweilig ist? Stimmt nicht, sagt der Initiator der Online-Datenbank «www.meet-my-life.net»;. Auf seiner Plattform können alle ihre Lebensgeschichte erzählen – ob Metzger, Professorin oder Verdingkind. 60 Geschichten sind bereits nachzulesen.
 
Ein «Geschichtenspeicher» ist www.meet-my-life.net/. Auf der Datenbank lassen sich online Lebensgeschichten nachlesen. Es sind Autobiografien – nicht von den Grossen und Mächtigen, nicht von VIPs, Politikerinnen oder Sängern. Nein, ganz normale Leute berichten aus ihrem Leben: Jeder kann mitmachen, jede ihre Geschichte erzählen.

Eine Geschichte zu erzählen?

Wer seine Geschichte erzählen will, kann dies im ersten Probemonat gratis tun. Danach kostet das Jahresabo im ersten Jahr ab 39.50 Franken. In den Folgejahren will sich jedoch die Plattform von Spenden und Gönnern finanzieren lassen. 

Lebensgeschichten festgehalten

Mitgemacht haben bereits ehemalige Nonnen, Fremdenlegionäre oder Verdingkinder, die schriftlich aus ihrem Leben berichten und ihre alltäglichen Erfahrungen der Öffentlichkeit zugänglich machen.

Gründer des «Geschichtenspeichers» ist der pensionierte Manager Erich Bohli. Sein Ziel ist es, mündlich überlieferte Geschichte – Oral History genannt – zu verschriftlichen und sie so für die Ewigkeit zu bewahren.

Oral History ist der Fachbegriff für eine geschichtswissenschaftliche Methode, die mittels Zeitzeugen-Interviews Geschichte demokratisiert. 

Man muss kein Schriftsteller sein

Erich Bohlis «www.meet-my-life.net»; ist anders. Die Plattform entwickelt die Interviewsituation weiter. 500 konkrete Fragen strukturieren den Schreibprozess der Autoren, das heisst, die Autobiografie setzt sich zusammen aus den Antworten auf diese Fragen.

Ein Schreibkonzept, das von der Universität Zürich mit Unterstützung des Instituts für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft (ISEK) entwickelte wurde.

Wunderbares zu erzählen – von Anfang an

Fragen wie «Was ist deine erste Erinnerung in deinem Leben?», «Wie war deine Hochzeit?», «Wenn du auf dein Leben zurückblickst, worauf bist du besonders stolz?» werden gestellt.

Über diese Fragen wird das Grossprojekt Autobiografie zu einer weniger schwierigen Aufgabe: «Man muss nicht schreiben können. Man muss nur Fragen beantworten, angefangen mit ‹Was weisst du über deine Geburt?› Jeder kann allein dazu schon wunderbare Dinge erzählen», sagt Erich Bohli. 

Jede Geschichte hat einen Wert

Erich Bohli hofft, gerade Erinnerungen und Lebenserfahrungen von Menschen zu sammeln, die sich eine Autobiografie erst mal nicht zutrauen. Denn jede Lebensgeschichte sei es wert, dokumentiert zu werden.

Der Initiant der Plattform hebt die roten Fäden hervor, die sich aus der Menge von Erfahrungen herauskristallisieren, wenn man sie sammelt: Prügelstrafen in der Schule, das wöchentliche Familienbad, ein Zuber warmes Wasser für alle in der Küche. Geschichte wird als erlebter Alltag bewahrt und vermittelt. 

Dunkle Kapitel sollen aufgeschlagen werden

Rund 60 Autobiografien sind bereits nachzulesen. Weit mehr Autorinnen und Autoren schreiben derzeit an ihrer Autobiografie.

Darunter sind auch vier ehemalige Verdingkinder. Erich Bohli hebt hervor, dass dieses dunkle Kapitel Schweizer Geschichte nie vergessen werden dürfe, auch jetzt nicht, nachdem den Opfern vom Bund Geld zugesprochen worden sei: «Man muss diese Geschichten, die vielleicht auch in den offiziellen Geschichtsbüchern nicht so erzählt werden, wie sie sollen, eins zu eins – sprich authentisch – lesen können.»

Eine Plattform wie www.meet-my-life.net/ versucht hier zweifach anzuschliessen:
Indem der unmittelbare Zugang zu den Lebenserinnerungen von Verdingkindern für Leserinnen und Leser gewährleistet wird und indem die ehemaligen Verdingkinder ermutigt werden, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben.

 

Eine tolle Leistung von Radio SRF. Um 0930 war das Interview mit mir beendet und um 1708 wurde der sehr sachkundige Beitrag ausgestrahlt.

Oktober 2016
Seite 172
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28.4.  Von Tag zu Tag - was gerade so passiert (2016) – Oktober 2016.
Vom Oktober 2016 ist nicht viel zu berichten ….
17. Oktober 2016
Seite 173
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28.5.  Von Tag zu Tag - was gerade so passiert (2016) – 17. Oktober 2016.
Der amerikanische Wahlkampf für die Wahl des neuen Staatsoberhauptes nimmt immer groteskere Züge an.
 
Dafür ganz erfreulich, dass Bob Dylan den Literaturnobelpreis erhalten hat. Wo führt das noch hin? Es gibt ja fantastische Songtexte, eine riesige Fundgrube für Literaturwissenschaftler. Vor allem, wenn man die Songs retrospektiv als Gesamtwerk eines Künstlers oder Künstlergruppe betrachtet. Mit meinem Essay über einige Texte von John Lennon (s. Kapitel 11) stand ich in meinem Literaturstudium ziemlich allein da, zwischen Ovid, Rilke und Tomas Tranströmer. Immerhin wurde die Semesterarbeit vom Literaturprofessor akzeptiert und nicht als "zu profan" abgelehnt, was mich natürlich sehr freute – wenn auch ein wenig überraschte.
 
Da gäbe es dann noch viele andere Kandidaten: John Mayall, Jimmy Hendrix, Jim Morrison (Doors), Janis Joplin. Not to mention The Beatles (absolut Alleinstehend für love-Songs) und die Rolling Stones: "Pleased to meet you, hope you guess my Name ..."
November 2016
Seite 174
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28.6.  Von Tag zu Tag - was gerade so passiert (2016) – November 2016.
Ich erlebe als "Bauleiterassistent" beim Bau zweier Einfamilienhäuser immer neue Überraschungen. Es wird nur noch im Akkord gearbeitet, die Arbeitsplanung ist schlecht, jede Handwerksgattung flucht über die andere. Auffallend ist die Veränderung in den Nationalitäten. Von "früher" trage ich das Bild von Italienern, Spaniern und Portugiesen auf dem Bau in mir. Und Kistenweise Bier. Heute sind Maurer, Gipser, Maler, Plattenleger praktisch nur noch aus ex-Jugoslawien und Albanien. Wobei ich sagen muss, dass das alles sehr nette, anständige und arbeitsame Menschen sind. Und Bierkisten sieht man keine mehr. Der Beruf des Elektrikers, Zimmermanns und des Sanitärs scheint noch in Schweizer Hand zu sein. Wobei die Sanitäre ihrem Ruf als "schwierig" mehr als gerecht werden.
Dezember 2016
Seite 175
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28.7.  Von Tag zu Tag - was gerade so passiert (2016) – Dezember 2016.
Am ersten Dezember ist eines der beiden Häuser tatsächlich einzugsbereit. Auch wenn die Pendenzenliste, was alles noch zu tun ist, noch eine gute Excel-Seite lang ist. Das andere Haus wird mir nochmals einige schlaflose Nächte bereiten. Natürlich nicht das Haus, sondern die teilweise unzuverlässigen und zu wenig ausgebildeten und schlecht geführten und beaufsichtigten Handwerker.
 
Rückblickend auf die letzten zwei Monate muss ich feststellen, dass der Beruf eines Bauleiters gewaltig unterschätzt wird. Jedenfalls muss ich zu meiner Schande eingestehen, dass ich als CEO der Dipl. Ing. Fust in der Renovationsabteilung 30 Bauleiter beschäftigte. Aber von deren täglichem Stress wirklich keine Ahnung hatte. Aber vielleicht war es früher auch etwas besser?
 
Bin jedoch happy, dass Sohn und Schwiegertochter mit ihren drei wilden Kindern einziehen können. Und ich wieder zu meinem Büro (Sitz der meet-my-life.net AG) komme ... Es ist etwas total anderes, zu Hause, auch wenn man voll eingerichtet ist, zu arbeiten, oder die vier Wände zu verlassen und in einer total anderen Umgebung ungestört denken und arbeiten kann.
 
Weihnachtsgeschenke: Es wird immer schwieriger, etwas zu finden, das Sinn macht und Freude bereitet. Nur ich habe Wünsche: Z. B. ein grosses abschliessbares Schlüsselkästli (Erinnerungen an Fredy Lienhards Schlüsselbrettli werden wach). Und dass mir jemand die schon bald wieder fällige Steuererklärung macht. (Obschon, wenn man sich mal widerstrebend dahinter macht, es dann doch relativ zügig geht ...). Und da hatte ich doch noch einen Wunsch und schon wieder vergessen. Ah ja, dass ich Wünsche nicht mehr so schnell vergesse.
Und schon funktioniert’s:  Die neue CD der Stones war es!
15. Dezember 2016
Seite 176
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28.8.  Von Tag zu Tag - was gerade so passiert (2016) – 15. Dezember 2016.
Lese seit einiger Zeit die spannende Biographie von Winston Churchill über die 1930er Jahre und die Rahmenbedingungen, die zum zweiten Weltkrieg führten. Beängstigend, wie er aufzeigt, wie einfach dieses Massaker hätte verhindert oder doch mindestens sehr lange herausgezögert hätte werden können. Parallelen drängen sich auf zu den ersten Aussagen des Präsidenten Elect Donald Trump: Rückzug der Amerikaner auf sich selbst, Einführung von Importzöllen, Flirten mit dem russischen Präsidenten, auch wenn dieser ganz offen die Wiederherstellung der sowjetischen Hegemonie anstrebt, Kosten der NATO in Frage gestellt, China mit Taiwan ärgern, ...
 
Dazu ein zunehmend aus den Fugen geratendes schwaches Europa mit stark radikal-nationalistischen, antieuropäischen Tendenzen angesichts der Völkerwanderung von Millionen von Menschen, Unfähigkeit die Aussengrenzen zu schützen oder nur schon effektiv zu kontrollieren, z.T. dramatische Arbeitslosigkeit, vor allem Jugendarbeitslosigkeit, immense Verschuldung praktisch aller Länder und aufgeblähte Geldmengen mit entsprechendem Inflationspotential, Islamisierung, Cyberterror, ...
21. Dezember 2016
Seite 177
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28.9.  Von Tag zu Tag - was gerade so passiert (2016) – 21. Dezember 2016.
Spüre Weihnachten überhaupt noch nicht. Vielleicht hindert mich auch nur eine der üblichen herbstlich/winterlichen Erkältungen daran, mich darauf einzustimmen. Jedenfalls habe ich das schon seit längerem geplante "Weihnachtsmittagessen" mit Jugendfreund Andy Franz eben abgesagt (0600). Erinnerungen an früher: Kalte Aufschnittplatte, im Nebenzimmer der vom Vater (und den Engeln) hübsch hergerichtete Baum mit den vielen neuen Spielsachen. Auch der jährliche, immer viel zu süsse und mastige Biber von Tante Huldi aus Herisau. Interessanter war immer der darauf geklebte Fünfliber, auch wenn dieser jeweils unversehrt ins Sparkässeli wandern musste. (Kein Protest, das war einfach so und dass man sparen musste, wurde nicht hinterfragt. Für schlechte Zeiten, die ja dann auch kamen. Kein Gedanke, man könnte ja davon etwas "verputzen". Und dann war da meistens noch das neue Globibuch der Gotte (Ruthli).
 
Ich persönlich schloss nie ganz aus, dass mein Vater tatsächlich im Bund mit den Engeln stand, denn die Stimmung an diesen Weihnachtsabenden war immer ganz speziell. Auch Vater in feierlicher und froher Stimmung, was rückblickend gesehen selten war. Er freute sich vermutlich an unserer Freude und Vorfreude. Er, der sonst wenig Emotionen zu zeigen vermochte. Es ist möglich, dass wir sogar "O Tannenbaum" sangen. Religiös war die Stimmung nicht (kein Beten) aber doch im Bewusstsein der Geburt des Christkindes, das etwas ganz Besonderes sein musste.
Von Tag zu Tag - was gerade so passiert (2017)
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29.  Von Tag zu Tag - was gerade so passiert (2017)
In der Folge versuche ich testweise und unsystematisch Ereignisse, die ich im Moment für erwähnenswert halte, festzuhalten. Was ich schon nach kurzer Zeit feststelle: Was im Moment erwähnenswert scheint - ist im Rückblick ziemlich oder völlig bedeutungslos ....
März 2017
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29.1.  Von Tag zu Tag - was gerade so passiert (2017) – März 2017.
Die beiden Einfamilienhäuser endlich fertiggestellt - habe es bis oben satt. Seit eineinhalb Jahren jeden Tag irgendeine Intervention, ununterbrochen Ärger mit grösstenteils unfähigen Handwerkern. Die nun doch durch und durch gelungenen Häuser trösten aber über alles hinweg. Hoffe, dass nun Ruhe einkehrt.
 
Dafür mein neuster Computer (Lenovo) schon defekt - mit allen Konsequenzen, wie Neuinstallation nach der Reparatur, laden von Programmen, Treibern, etc. bis dann hoffentlich alles wieder läuft. Bin skeptisch.
 
Tolles und gleichzeitig beschämendes Erlebnis gestern. An der Tramhaltestelle Löwenplatz, auf den 14er wartend, sass auf dem Bänklein ein Clochard. Wie aus dem Bilderbuch. Zerlumpt aber trotzdem eine irgendwie würdevolle Erscheinung. Auf dem Rucksack sein "Bett", eine in Plastik eingewickelte Matratze. Hose an mehreren Stellen zerrissen, struppiger Bart, vom Wetter gegerbtes kantiges Gesicht. Blick starr nach vorne, die ganze Zeit. In einer Anwandlung stelle ich mich neben ihn und will ihm verstohlen eine Hunderternote in die Hand drücken, so dass es niemand mitbekommt. Er schaut mich an, schüttelt entsetzt den Kopf: NEIN. Schliesst die Augen. Das Tram kommt, das ich beschämt besteige und den Geldschein wieder einsortiere. Wie soll ich das erklären? Habe ich einen echten Aussteiger getroffen, der wirklich ohne "Almosen" leben will und kann? Dauernd? Als Experiment? Kommt man ohne Geld wirklich über die Runden? Auch wenn er mit wenig auskommt, woher kriegt er es? Meine Frau meinte, als ich ihr den Vorfall schilderte, "vielleicht hat der mehr Geld als du ...". Trotzdem ein seltsamer Vorfall. Ich bewundere diesen Vagabunden irgendwie. Kommt irgendwann die Zeit der Clochards und Aussteiger wieder?  Wie ich sie bei meinen ersten Besuchen in Paris, so um 1963 zu Dutzenden gesehen hatte, den Liter billigen Rotwein in der Hand. Auch sie bettelten, glaube ich, nicht. Na ja, bei einem 13- oder 14jährigen sicher nicht. Wie viele Finanzkrisen braucht es, bis es wieder so weit kommt?
 
Ganz anders vor 2 Wochen am Stauffacher. Ein junger Typ mit Migros-Sack haut mich einigermassen diskret an, als ich aus dem Tram aussteige: "Häsch en Stutz"? Er schwankt, Drogen oder um 1130 schon betrunken? Nein, habe ich nicht. Zwei Stunden später warte ich an gleicher Stelle wieder aufs Tram. Ein anderer ca. 20jähriger macht sich an mich ran; im Gegensatz zum ersten macht er einen vernünftigen Eindruck. Ich gebe wieder nichts, bemerke aber so im Spass "Ihr seid aber gut organisiert! Vor zwei Stunden war ein anderer hier. Teilt ihr eigentlich Eure Einkünfte?" Zu meiner Verwunderung gibt er freimütig zu, dass das so sei. Organisierte Bettelei junger Leute. Auch harte Arbeit - einfach anders. Solidarität. Die sind auch zu mehr fähig.
 
Parallelität. Gestern im Parlament mit einer Stimme Mehrheit des Bündnisses SP/CVP/Lega die kontroverse Teilrevision der AHV verabschiedet. Fr. 70.- mehr für Neurentner als Kompensation zur Senkung des Umwandlungssatzes der 2. Säule von 6,8 auf 6 %. Frauen sollen gleichlang arbeiten wie Männer. Erneuter Raubzug auf die Mehrwertsteuer mit 0,6 % Erhöhung. (Wir liegen so weit unter dem Rest Europas, dass das nicht die letzte Erhöhung sein wird.)
2. Februar 2017
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29.2.  Von Tag zu Tag - was gerade so passiert (2017) – 2. Februar 2017.
Gestern 67 geworden. Also richtig alt. Bestätigt in einem telefonischen Interview mit Radio DRS 1 am 30. Januar 2017 in einer Sendung über "Schreibe ein Buch über dein Leben". Man war auf "meet-my-life.net gestossen und wollte auch darüber berichten! Was gibt es Erfreulicheres. Leider erfolgte die Ausstrahlung nachts um 2300, brachte immerhin zwei neue Gastautoren! Der Punkt ist jedoch ein anderer: Als mich die nette Journalistin nach meinen Alter fragte und ich antwortete "in einigen Tagen 67" hörte ich ein erstauntes "was?". Ist ihr einfach so rausgerutscht. Was heisst das wohl? Gehört man mit 67 zum alten Eisen? (Ja, eigentlich schon ...). Traut man einem nicht mehr zu, eine Aktivität wie meet-my-life.net zu lancieren? Und erst noch eine modernste Internetcloud-Lösung?
 
Ja, meine Einstellung zum Älterwerden hat sich definitiv verändert. Primär weil permanent etwas "zwickt" oder gar schmerzt. Und es kann eigentlich nur schlimmer werden. Als Teenager und Twen konnte ich nicht genug rasch älter werden, ich hatte immer das Gefühl, ich sehe viel zu jung aus, man nehme mich nicht so ernst. Heute muss ich nur in den Spiegel schauen: Alt bist du geworden. Nur äusserlich? Vielleicht auch hinsichtlich gewisser Ansichten über das "was man nicht macht". Tolerant bleiben, ist ja alles gar nicht so wichtig (mein alter Spruch: "angesichts der Unendlichkeit"). Meinen grossen Traum, irgendwann in zwei oder drei Sätzen erklären zu können, was "unendlich" heisst, werde ich wohl trotz des Älterwerdens nicht mehr realisieren. Habe jedoch inzwischen immerhin und zu meiner Beruhigung festgestellt, dass es auch noch niemandem sonst gelungen ist ... Vermutlich ist es ja verblüffend einfach, wenn man darauf kommt. Oder es einfach mit (irgendeinem) "Gott" abtut. Oder mit Fortpflanzung. Oder mit Google ...
Frühjahr/Sommer 2017
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29.3.  Von Tag zu Tag - was gerade so passiert (2017) – Frühjahr/Sommer 2017.
Ich habe es tatsächlich geschafft, seit November 2016 fast jeden Monat einige Tage in Valencia zu verbringen. Knapp sieben Jahre seit dem Schritt ins Privatleben hat es gedauert, bis es mein Terminkalender zuliess ...
 
Was ist so besonders daran, frage ich mich jedes Mal. Einmal abgesehen vom ganzjährig möglichen Golfspiel auf einem richtigen Championship-Platz: El Saler, nur knapp vier Minuten von unserer Wohnung. Ist es das Licht? Es ist einfach ganz anders, schwer in Worte zu fassen, einfach anders, sanfter, wie ein impressionistisches Gemälde. Ich fühle ich mich weit weg vom Alltag, unbeschwert im wörtlichen Sinne - von Ballast befreit. (Von dem wenigen noch vorhandenen ...). Lichttherapie.
 
Alle Sinne werden verwöhnt. Es beginnt mit dem Geruch nach Meer, sobald ich auf dem Parkplatz unserer Wohnung dem Mietwagen entsteige. Und rundum Blick auf die wuchtige Natur: Meer und einzigartiger Sandstrand auf der einen Seite, unendliche Reisfelder und Äcker für Gemüse und Früchte (die einzigartigen Tomaten und Melonen) auf der andern und mitten drin die "Albufeira", die mir ihrem Wasser dies alles möglich macht. Und auch der Ursprung der lokalen Spezialität "All y pebre" (Aal in einer würzigen Tomatensauce mit Kartoffeln) ist. Daneben Reis in Dutzenden von Varianten. Was dem Italiener seine Pizzeria ist dem Valenciano seine Arrosseria.


(1) Die "Albufeira" in einer wunderbaren Abendstimmung über diesem Naturwunder. (Man beachte das Wolkengemälde.) Dieser Süsswassersee ermöglicht die Bewässerung der endlosen Reisfelder und Äcker. Obwohl mit Schleusen mit dem Meer verbunden versalzt der See nicht.
Die "Albufeira" in einer wunderbaren Abendstimmung über diesem Naturwunder. (Man beachte das Wolkengemälde.) Dieser Süsswassersee ermöglicht die Bewässerung der endlosen Reisfelder und Äcker. Obwohl mit Schleusen mit dem Meer verbunden versalzt der See nicht.

 

In Richtung Valencia erstreckt sich der sicher 10 oder 15 km lange naturgeschützte, mittlerweile abseits der Wege undurchdringliche, Pinienwald. Keine Hotels oder Ferienresorts, kaum Parkplätze für Sonntagsausflügler. 

 

Auf Schritt und Tritt freundliche Grüsse der Menschen in "unserem" kleinen Fischer-Dörfchen "El Perellonet", die sich irgendwie über die Runden schlagen; mangels Fischen überwiegend in der Landwirtschaft, in der Handvoll Restaurants oder auf dem Golfplatz/im Parador arbeiten. Das Privileg meines sorgenfreien Altwerdens wird mir hier im Dörfchen in verstärktem Masse bewusst. (Kein schlechtes Gewissen - aber grosse Dankbarkeit. Und Hochachtung vor den Dorfbewohnern und ihrer, trotz kargem Einkommen, positiven Lebenseinstellung und -gestaltung – so weit ich das beurteilen kann.) Eine gute, frisch gepflückte Tomate, die Qualität der diesjährigen Melonen, Zwiebeln und die Muschelernte sind hier täglicher ernsthafter Gesprächsstoff, die "Z'nüni"-Pause sakrosankt. Verständlich auch aus der Perspektive der komplizierten spanischen Geschichte der letzten Jahrtausende: Jeder Tag, den man ohne Unbill geniessen kann, ist ein Geschenk.

 

Der Rückflug nach Zürich deshalb immer auch ein Verlust an Lebensgenuss. Rückkehr in unseren "normalen" Alltag: Verrückte, die sich und Dutzende in die Luft sprengen, Muskelspiele am G7-Gipfel, der provozierende Kim und die Entwicklung der Aktienmärkte, Spams, die auch meinen Computer stilllegen wollen, und und und.

 

Das Kontrastprogramm dazu:


Schlemmen in Valencia - frisch und nicht mal so teuer.

 

 

Sommer/Herbst 2017
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29.4.  Von Tag zu Tag - was gerade so passiert (2017) – Sommer/Herbst 2017.
Leider machte sich in diesem Sommer das Alter meiner Frau bemerkbar. Am 15. oder 16. Juli erlitt sie in Valencia einen Herzinfarkt. Aufgrund der fehlenden "üblichen" Symptome nahmen wir auf die leichte Schulter und suchten erst am 17. Juli den Dorfarzt in El Perellonet auf. Was wir nicht wussten: Er war von Haus aus Kardiologe und sah auf den ersten Blick, was los war. Er drückte mir das trotzdem noch in aller Eile angefertigte EKG in die Hand und schickte uns damit ins nächste Spital. In der Notfallannahme das EKG zu zeigen, genüge vollkommen ... was es auch tat. Innerhalb von 2 Stunden hatte sie einen Stent im Herzen. Natürlich rauchte sie vor dem Eintritt ins Spitalgebäude noch schnell eine Muratti ...
 
In der Schweiz versuchen die Kardiologen nun (November 2017), ihr mit aller Gewalt eine "by-pass-Operation" schmackhaft zu machen, obwohl das Herz äusserlich ziemlich einwandfrei arbeitet. Ist das ernst zu nehmen oder ist sie als sehr gute privat versicherte Person eine willkommene "Cash Cow"? Fast zum Glück braucht es vorerst Massnahmen gegen den zufällig entdeckten tiefen Blutspiegel, bevor sie sich wieder mit den pros und cons einer by-pass-Operation auseinandersetzen muss. Auch hier gilt: Mehrere Meinungen kompetenter Fachleute einholen und Risiken und Chancen abwägen.
20. November 2017
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29.5.  Von Tag zu Tag - was gerade so passiert (2017) – 20. November 2017.
Highlight des Tages - oder des Monats - vielleicht auch des Jahres. Unsere 6jährige Enkeltochter – wir haben nur eine, weshalb der Name (Mila) nichts zur Sache tut – meint unverhofft, dass es schon erstaunlich sei, dass wir Menschen alle aus einem Virus entstanden seien. ... Das sei doch der Beweis, dass es einen lieben Gott gebe, denn wer sonst hätte diese Viren erschaffen können? Daraus entwickelt sich eine tiefsinnige Diskussion, wie ich sie seit langem mit keinem Erwachsenen geführt habe: wenn Gott die Viren geschaffen hat, woher kommt dann Gott? Und Welt und das Universum?
 
Ich bin wirklich gespannt, ob sie in meinem aktuellen Alter, d.h. in 60 Jahren, der Erkenntnis darüber näher gekommen sein wird, als wir es heute sind. Über die ersten 380'000 Jahre des Universums, wie auch über die Entstehung organischer Materie, wissen wir heute (2017) offiziell noch nichts. Immerhin scheinen wir mit den 2016 erstmals nachgemessenen, von Einstein vorausgesagten, Gravitationswellen evtl. dem Geheimnis etwas näher gekommen zu sein.
Dezember 2017
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29.6.  Von Tag zu Tag - was gerade so passiert (2017) – Dezember 2017.
Finde heute endlich eine (mögliche) Antwort auf die mich seit vielen Jahren beschäftigende Frage "was bedeutet unendlich". Der Professor und Publizist für theoretische Physik, Carlo Rovelli (1956), führt in seinen Überlegungen zur Quantengravitation und Schleifenquantengravitation aus, dass es den unendlich kleinen Raum nach physikalischen Gesetzen nicht geben könne. Genauso wie Geschwindigkeit auf die der Lichtwellen (300'000 km/s) beschränkt sei, gebe es eine minimalste Grösse (die Plankeinheit). Den immer wieder vermuteten singulären, dimensionslosen Punkt und damit unendlich kleinen Raum könne es also nicht geben. Heisst das auch Zeitstillstand in der Plankeinheit?
Oktober 2018
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30.1.  Von Tag zu Tag - was gerade so passiert (2018 - 2019) – Oktober 2018.
Letzter Tag im Oktober 2018. Vorbereitungen für die Vergabe des zweiten Schweizer Autobiographie Awards laufen, inkl. Meeting mit Jury, die völlig autonom agieren wird. Rund herum spinnt die Welt: Trump unberechenbar, Fake-News Verbreiter und Aufkündiger wichtiger Verträge (Atomwaffen, Klima, Handel) bringt nicht nur das politische Establishment in der ganzen Welt völlig aus der Fassung, Angela Merkel kündigt Rücktritt an, nicht zuletzt, weil die AfD der CDU im zweistelligen Bereich Stimmen gewinnt (gemäss heutigem "Tages-Anzeiger" sollen jedoch nur rund 1/6 der AfD-Wähler von der CDU kommen ….), Saudi-Arabien ermordet einen Regimekritiker hemmungslos in ihrer Botschaft in Istanbul, Waffenexporte aus der Schweiz werden wieder einmal kontrovers diskutiert. Brauchen wir sie und dieses Know how, um unsere Wehrfähigkeit zu erhalten? Wird es diese überhaupt noch jemals nötig werden? Und wenn ja, mit welchen Mitteln würde dann gekämpft? (Cyberwar?). Krankenkassenprämien bewegen sich in untragbaren Höhen, keine Rezepte in Sicht. Italien und Grossbritannien bringen die EU ins Trudeln, ein Scheitern der Idee Europa droht, die Folgen der enormen Verschuldung der meisten Länder werden verdrängt, die Aktienbörsen sind nervös, institutionelle Anleger beginnen Cashpositionen aufzubauen und bereiten sich auf tiefere Kurse vor, mit "Halloween" – wie auch mit Oktoberfesten – wird zunehmend Geld verdient …. .

Lese gerade den braven Soldaten Schwejk (den semibiographischen Roman 1923; von Jaroslav Hašek, 1883–1923). Sehr bemerkenswert und amüsant, er zeigt, wie man gegen übermächtige Institutionen über die Runden kommen kann …
April 2019
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30.2.  Von Tag zu Tag - was gerade so passiert (2018 - 2019) – April 2019.

Kein Scherz: Ab 2021 soll die Umstellung auf Sommer- oder Winterzeit wieder entfallen. Welche der beiden Zeiten bleibt ist noch unklar (April 2019). Ich plädiere für Sommerzeit (längere Abende), Vicenta für Winterzeit (früher Morgen).

Verfolge eng die Abstimmungen im britischen Parlament über den Brexit. Was wird man in einigen Jahrzehnten wohl darüber sagen und überhaupt noch wissen? Bzw. wie wird Europa dann aussehen bzw. regiert werden? Bleibt Europa nun definitiv von Kriegen verschont? Eigentlich ist etwas anderes schwer vorstellbar. Vor allem, wenn noch mehr Frauen politisch das Sagen haben …

Fast parallel dazu die Wahlen in Spanien. Keine überzeugenden Kandidaten und keine überzeugende Partei. Immerhin haben die Wähler sich mehrheitlich und vernünftigerweise für die Sozialisten, die am wenigsten schlechte und riskante Lösung, entschieden. Für Sanchez el Guapo … Entgegen dem allgemeinen Trend in Europa gewinnt sie gegenüber den letzten Wahlen fast 50 % mehr Stimmen. Dafür haben sich die Stimmen des Partido Popular (PP) halbiert.


Oktober 2019
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30.3.  Von Tag zu Tag - was gerade so passiert (2018 - 2019) – Oktober 2019.
Brexit-Entscheid im britischen Parlament einmal mehr vertagt. Parlamentarische Demokratien versagen zunehmend und bieten ein trauriges Schauspiel. In Grossbritannien, weil die Oppositionspartei alles blockieren kann, in Spanien und Italien, weil keine tragfähigen Koalitionen gebildet werden können. In Österreich kommt's noch aus, was geschieht; wie auch in Deutschland. USA mit einem unberechenbaren Trump völlig ab der Rolle. Nur die Schweiz mit ihrer direkten Demokratie. Zauberformel und den obligatorischen Volksentscheiden funktioniert friedlich vor sich hin.

Mache mir Gedanken über meinen in 3 Monaten anstehenden 70. Geburtstag. Vor noch wenigen Jahren war für mich eine 70jährige Person wirklich alt ... Inzwischen spiele ich ab und zu mit 85jährigen Golf ... Ich bin mir nicht sicher, ob ich das überhaupt auch einmal möchte; schon jetzt genug Schmerzen nach einer Golfrunde ...
Januar 2020
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31.1.  Von Tag zu Tag - was gerade so passiert (2020) – Januar 2020.
Die Jahreszahl 2020 ist vielversprechend harmonisch, die nächste derartige Konstellation wird meine und auch die nächste Generation nicht mehr erleben 2121. Wobei natürlich die beiden besitzdefinierenden "Einsen" des 2121 nie die symbolische Qualität der "Nullen" in 2020 (= Unendlichkeit, in sich ruhend) erreichen ….

Die Realität ist jedoch eine andere und Aberglauben und Symbolik hoffnungslos. Die aktuellen politischen Zustände und Perspektiven in den meisten Ländern kommen einer Bankrotterklärung des "westlichen" demokratischen Systems nahe. Grosse Länder sind fast schon unregierbar, längerfristige Perspektiven sind abhanden gekommen. Es erinnert an die Umbrüche im alten Rom als Gaius Julius Caesar als Diktator der schwach gewordenen römischen Republik das Regierungszepter entriss. Napoleon, Lenin/Stalin, Hitler und Mao (und diverse lokale Herrscher) folgten später diesem Beispiel.

Interessant ein gestriger Zeitungsartikel mit Umfrageergebnissen aus mehreren Ländern. Die Frage, ob die Demokratie in ihrem Land gefährdet sei, beantworten mehr Deutsche mit Ja als z.B. Polen, Slowenen oder Tschechen!

So sieht es aktuell allenthalben auch aus: Fehlende gescheite, verantwortungsbewusste und mehrheitsfähige Köpfe. Eine völlig zersplitterte Parteienlandschaft. Politische Diskussionen, bei denen es nur um das Erringen oder Erhalten von Macht geht und nicht mehr um sachliche Fragen. Hinzu kommt eine völlig verrückte inflationäre Geldpolitik der Zentralbanken, die dazu führt, dass mittlerweile Aktienanlagen die einzige vernünftige Kapitalanlage oder Sparmöglichkeit ist. Mit zunehmendem verehrenden Crash-Risiko. Gewinnerin ist u.a. die Schweizer Nationalbank, die die Börse mit Negativzinsen auf Barguthaben zusätzlich in die Höhe treibt. Und durch eigene Aktienkäufe mit dem nach freiem Ermessen für Interventionen am Devisenmarkt geschaffenen Geld das Feuer weiter anfacht. Die Frage stellt niemand, geschweige gibt es Antworten, wie dem Markt diese inflationäre Geldflut je wieder entzogen werden kann.

Spanien: Nach der vierten Volkswahl innert 2 Jahren wurde gestern in zweiten Wahlgang mit nur 2 Stimmen Mehrheit Pedro Sanchez erneut zum Ministerpräsidenten gewählt. Möglich nur dank einer nicht vielversprechenden Koalition seiner PSOE und der sozialkommunistischen Unidas sowie der Stimmenthaltung der Dissidenten aus Katalonien. Die sich im Gegenzug Entgegenkommen in der Frage der zu langen Gefängnisstrafen verurteilten Regierungsvertreter und im Kampf für die Unabhängigkeit - oder wenigstens mehr Unabhängigkeit - zu erkaufen hoffen. Dazu einer meiner spanischen Freunde:

Aleluya! Un gobierno que nos subirá los impuestos, que seremos  ciudadanos de primera o de segunda según donde residamos, que el 95% de los españoles no podrá dormir, según decía el Presidente, por tener comunistas en el gobierno; que nos pareceremos a una república bananera, que no tendremos libertad de expresión, que tendremos más paro, que más jóvenes tendrán que buscar trabajo en el extranjero, que subirá la deuda pública y bajará el PIB, etc. etc. Te gusta? Espero que no se cumplan los vaticinios de la mayoría de expertos. 

England: Steht nun nach mehreren Jahren Pattsituation im britischen Parlement vor dem Austritt aus der EU (Brexit), mit einem unberechenbaren Präsidenten Boris Johnson. Die Medien werden nicht müde, die zahlreichen Lügen und falschen Versprechen aufzudecken. Wen kümmert's noch? Nicht zu unrecht hatte die Labour/Liberal-Opposition vor dem definitiven Brexit eine zahlenmässige Analyse der Auswirkungen des Brexit auf die britische Wirtschaft, d.h. das Wohlstandsniveau, verlangt. Mit der unglaublichen Begründung, das erübrige sich, weil die positiven Auswirkungen derart offensichtlich seien, wurde diese Forderung von Tisch gewischt.

Frankreich: Emanuel Macron, vor kurzem noch Highflyer und Superstar in der französischen Parteienlandschaft scheitert am Diktat der Strasse. Wie 1789 hat der Pöbel, in diesem Fall in Form von Gelbwesten und Gewerkschaften, das Diktat übernommen. Wirtschaftliche Reformen sind unmöglich geworden, genauso wie die Abschaffung langer Privilegien. Wie gestern im Radio eine Kommentatorin suffisant feststellte: Macron ist in der unangenehmen Lage, dass wenn er jetzt seine Reformpläne nicht umsetzt er als Präsident gescheitert ist. Und wenn er sie durchsetzen will ebenfalls! Eine politische Alternative ist nicht in Sicht.

Deutschland: Die grosse Koalition (GroKo) des europäischen Wirtschaftsmotors wird allenthalben als tot und erledigt betrachtet. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel harrt noch aus, bis sie ihren schon länger angekündigten Rücktritt vollziehen kann. Bei den nächsten Wahlen drohen spanische oder britische Pattsituation, die neue Formen von Koalitionen notwendig machen. Wie gerade eben in Österreich. Einig ist man sich nur, dass die rechtsextreme AfD verhindert werden muss, was sich zumindest in den letzten Wahlen auf Länderebene fast schon als aussichtslos gilt. Zumindest in den östlichen Ländern.

Österreich: der jugendliche (33 jährige) Kanzler Kurz kann nach mehrmonatigen Koalitionsverhandlungen knapp in einer völlig neuen Konstellation eine Regierung bilden. Seine rechtslastige, zu Populismus neigende, ÖVP zusammen mit den linken Grünen. Die sich immerhin mit lediglich 4 der 17 Ministerposten zufrieden geben. Österreichischer Pragmatismus.

Italien: Eine zunehmend undurchsichtige Situation eines an sich bankrotten, mafiös unterwanderten  Staates. Aber wen kümmert's noch.

USA: Hat die sich seit dem letzten Weltkrieg fast zwangläufig ergebene Rolle als weltpolitische Ordnungsmacht aufgegeben. Wenn man die Fiaskos in Vietnam, Afghanistan, Irak und Libyen betrachtet, ist das möglicherweise kein Unglück. Stattdessen Boykott-Politik, mit dem seit Jahrhunderten bekannten Ergebnis, dass die boykottierten Länder daraus stärker hervorgehen, in dem sie ihre eigene Industrie entwickeln müssen. Noch nie hat ein Boykott zu einem Erfolg geführt, höchsten zu Kriegen. Z.B. zum japanischen Angriff auf Pearl Harbour. Mit der vor wenigen Tagen stattgefundenen Ermordung des Iranischen Oberbefehlshaber über die im Irak stationierten iranischen Truppen ist USA auf die Stufe eines Schurkenstaaten abgerutscht. Ein weltweiter Guerillakampf droht.
Immerhin: Nur Donald Trump (America first) bietet der Unverfrorenheit, mit der China internationales Recht, z.B. Patente, missachtet oder die Investitionsmöglichkeiten im Ausland nutzt, ohne entsprechendes Gegenrecht auf chinesischem Boden, die Stirne. Und stürzt derzeit die ganze Weltwirtschaft in ein Chaos.

Russland: In diesem Chaos dreht Vladimir Puten beharrlich seine Kreise. Entwicklung neuer Raketen, die mit 20facher Schallgeschwindigkeit unzerstörbar sein sollen, Anektion der Krim, Ermordung von im Ausland lebenden Dissidenten.

China: Ein Triumph der Parteidiktatur mit dem Ziel der totalen Überwachung und Kontrolle der Bürger. Wie Schafe, die willig zur Schlachtbank geführt werden, da es ja wenigstens bis dann genügend Futter gibt. Der wirtschaftliche Aufschwung und die Beweglichkeit in der globalisierten Weltwirtschaft ist tatsächlich phänomenal. Derzeit den demokratisch gewählten parlamentarischen Demokratien bezüglich Beweglichkeit, Visionen und Schnelligkeit im Handeln haushoch überlegen.

Zu hoffen bleibt, dass das Beispiel China keine Steilvorlage für eine Neuauflage von "Ermächtigungsgesetzen" nach NS-Vorbild ist. (Oder auch der römischen Verfassung im letzten Jahrhundert unserer Zeitrechnung, die in "Notzeiten" die Wahl von Diktatoren zuliess. Zuerst als Diktatur beschränkt auf 6 Monate - bis sich Julius Caesar zum Diktator auf Lebzeiten wählen liess - was ihm umgehend das Leben kostete und das Land in einen jahrelangen Bürgerkrieg zwischen "Caesaristen" (Octavian, Mark Anton)  und "Republikanern" (Cassius, Brutus) stürzte. Mit der anschliessenden Ermordung von Hunderten von Senatoren und führender Köpfe Roms, u.a. von Cicero, durch die letztlich siegreichen "Rächer" von Caesars Tod.

…. Und die Schweiz?:
Ist dank der "Zauberformel" und (noch) nur 7 Ministern und einem jedes Jahr wechselnden Präsidenten ohne besondere Befugnisse im internationalen Vergleich eine Insel der Glückseligkeit. Das grösste Problem jedes Jahr ist das Bundesratsfoto:



(1) Das beabsichtigte und wegen juristischer Vorbehalte nicht realisierte Bundesratsfoto für 2020. Hier eine Fotomontage im "Tages-Anzeiger" vom 8.1.2020. Von links Bundesräte Guy Parmelin, Viola Amherd, Ueli Maurer, Karin Keller-Sutter, Ignazio Cassis, Alain Berset, Simonetta Somaruga.
Das beabsichtigte und wegen juristischer Vorbehalte nicht realisierte Bundesratsfoto für 2020. Hier eine Fotomontage im "Tages-Anzeiger" vom 8.1.2020. Von links Bundesräte Guy Parmelin, Viola Amherd, Ueli Maurer, Karin Keller-Sutter, Ignazio Cassis, Alain Berset, Simonetta Somaruga.

 

Nachtrag (May 2021): In Tat und Wahrheit wurde die Menschheit im 2020 von der schon lange vorausgesagten Pandemie überrollt. Diesmal hiess sie Covid-19 (weil im November 2019 als Pandemie erkannt). 

 

 


Coronavirus-Jahre 2020/2021
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32.  Coronavirus-Jahre 2020/2021
Angenommen, ich wäre ein Coronavirus …




(1) Wir Coronavirusse (-viren) haben es gern gesellig. Alles andere bringt nichts.
Wir Coronavirusse (-viren) haben es gern gesellig. Alles andere bringt nichts.

 

 

 

Wie es begann
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32.1.  Coronavirus-Jahre 2020/2021 – Wie es begann.
Mit hämischer Freude verfolge ich die verschiedenen Theorien, die weltweit in den Medien von sogenannten hochkarätigsten Wissenschaftlern über mich herumgeboten werden, seit ich Ende 2019 beschlossen habe, das Jahr 2020 etwas durcheinander zu wirbeln.

Die häufigsten Versionen darüber, wie es begann:

In Wuhan, einer chinesischen Provinz, hat jemand eine Fledermaus zum Essen gekocht, mit Haut, Haar und Kopf, wie das seit Tausenden von Jahren üblich ist, und mich dabei freigesetzt.

Die Variante, ein mit mir infiziertes Gürteltier gegessen, hat mir auch Spass gemacht.

In einem chinesischen Labor in Wuhan wurden mit mir Tests mit Viren für virale Kriegsführung durchgeführt und ich bin abgehauen.

Strafe Gottes wegen Homoehe und Abtreibung.

Vladimir Putin hat mich nach Wuhan geschickt.

Umweltaktivisten haben mich um einen Gefallen gebeten.

Für Donald Trump war ich einfach nur Fake-News … Ich werde es ihm heimzahlen.

Die Chinesen haben bereits damit begonnen:
"Es könnten US-Militärs gewesen sein, die die Epidemie nach Wuhan gebracht haben", twitterte Zhao Lijian am Donnerstagabend auf Englisch. Und der Sprecher des chinesischen Außenministeriums beließ es nicht bei dieser Aussage.


Dabei ist es ganz einfach: Ich fühlte mich sooo einsam, wollte etwas unter die Leute kommen und mit mehr Respekt, und nicht mehr mit ganz gewöhnlichen Grippemitteln (Paracetamol oder Ibubrufen) behandelt werden. Ich hasse den Geschmack. Dazu war es nötig, dass ich mich viel schneller ausbreiten konnte als alle meine bisherigen Verwandten vor mir. Stümper. Und dass ich in grossem Stil von gesunden Menschen, ohne erkennbare Krankheitssymptome, übertragen werde. Netterweise wollte ich nur für sowieso schon geschwächte alte Menschen tödlich sein - die jungen brauche ich noch für spätere Pandemien.

Natürlich wird es mir früher oder später an den Kragen gehen. Aber vorher stürze ich die Welt noch ein wenig in eine Rezession und die Börsen ins Bodenlose. Tausende von Firmen sowie das eine oder andere Land werden pleitegehen. Die CO2-Ziele werden in kürzester Zeit erreicht werden, weil alle zu Hause bleiben werden. Aber dafür wird sich kaum jemand bei mir bedanken.
Endlich reisen!
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32.2.  Coronavirus-Jahre 2020/2021 – Endlich reisen!.
Ich hatte riesiges Glück: Ein chinesischer Forscher hat mich sehr früh entdeckt, doch sein Alarm wurde nicht beachtet. Im Gegenteil wurde er als Panikmacher diffamiert. Es blieb mir nichts anderes übrig, als ihn umzubringen, um endlich einmal aus China rauszukommen, auf Reise zu gehen.

Bis dahin hat mich die chinesische Diktatur des Volkes totgeschwiegen und bagatellisiert. Mich! Meinten, mir schnell mit der Absperrung ganzer Provinzen, von Millionen von Menschen, den Riegel schieben zu können. Zu spät! Meine vielen Botschafter waren schon lange in China, Korea, Singapur und den Philippen unterwegs. Von da war's nur noch ein Katzensprung in den Iran und nach Italien. (Mailand als Haupt-Hub für Chinareisende nach Europa.) Und natürlich nach Osten in die USA – die auf mich sowenig vorbereitet waren wie seinerzeit auf Pearl Harbour.
Es funktioniert!
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32.3.  Coronavirus-Jahre 2020/2021 – Es funktioniert!.
Gestatten: Covid-29. 30 bis 40 mal tödlicher als die Grippe.

Schon im ersten Interview Mitte Februar anerkannte der deutsche Gesundheitsminister, dass die Pandemie nicht aufzuhalten sei. Der einzige mit Weitblick und Mut, es zu auszusprechen. Genützt hat es nicht viel … Die bis heute (14.3.2020) betroffenen 125 Länder überbieten sich inzwischen mit täglichen Höchstwerten an Infizierten und Gestorbenen (offiziell bekannt 142'000 infizierte, 5000 Tote).

Was mich ärgert, dass es noch nicht mehr sind. 1952 starben allein in London wegen des durch die Kohlekraftwerke und Cheminées verursachten dicken Nebels offiziell 4000 Menschen. Inoffizielle Schätzungen sprechen von 12000 Toten. Die Folge war der "clean air act" von 1956, der in London die Cheminées verbot.

Alle nur schrittweise gegen mich ergriffenen Massnahmen mit Rücksicht auf die Gemütslage der Bevölkerung und die Wirtschaft greifen zu kurz. Händewaschen und in die Ellbogenbeuge niessen: lächerlich! Verbot von Anlässen über 5000 Menschen: Danke für die 5000! Nicht in Stosszeiten öffentliche Verkehrsmittel benutzen: unmöglich! Flüge nach China und Gebiete, in denen ich grassiere, verbieten: viel zu spät! Kreuzfahrten abgesagt. Nachtzüge eingestellt. Speisewagen geschlossen.

Es wird gehamstert, was das Zeug hält, v.a. Toilettenpapier und Konserven mit weissen Bohnen in Tomatensauce. Händeschütteln ist out. Die Menschen gehen auf Distanz. Man spekuliert bereits mit Ausgangssperren (Spanien).

Heute (14.3.2020) hat sich Donald Trump auf mich testen lassen. Ich wurde nicht entdeckt ...

Spitäler und Ärzte sind restlos überlastet. Kein Know how zum Isolieren verdächtiger Patienten, zu wenig Betten und Beatmungsmöglichkeiten, keinerlei wirkungsvolle Medikamente. Fehlende Kapazität für Tests. Zu wenig Masken und Desinfektionsmittel. Nur die Chinesen haben mich beeindruckt: In zwei Wochen auf der grünen Wiese ein Spital für Tausende von mir bewohnten Patienten hingestellt!

Langsam nehmen sie mich ernst!

Spanien meldet am 14.3.2020 innert 24 h 1500 neue Fälle.
Der Papst kritisiert die Schliessung aller Kirchen in Italien. Einige werden wieder geöffnet - für Touristen verboten.

In der ganzen EU finden wieder Grenzkontrollen statt.

Deutschland erstattet den Schweizer Einkaufstouristen die Mehrwertsteuer nicht mehr zurück. Alle Schalter wurden geschlossen. Die Schweizer Detailhändler freuen sich über die teilweise Rückkehr von rund 10 Mrd. CHF pro Jahr.



(1) Ausbreitungstempo des Corona Virus weltweit. Stand 12.3.2020. Quelle: www.srf.ch/news/international/schweiz-und-weltweit-so-entwickeln-sich-die-coronavirus-fallzahlen
Ausbreitungstempo des Corona Virus weltweit. Stand 12.3.2020. Quelle: www.srf.ch/news/international/schweiz-und-weltweit-so-entwickeln-sich-die-coronavirus-fallzahlen


Wir lange wird es dauern, bis Terrorismus und aggressive Staaten auf mich zurückgreifen? Viel effektiver als Bomben und Selbstmordattentäter. Vor allem, wenn man selbst das Gegenmittel oder die Impfung besitzt! Aber dann mutiere ich einfach!

Auf in den Krieg!
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32.4.  Coronavirus-Jahre 2020/2021 – Auf in den Krieg!.
Jetzt beginnt es langsam, mir Spass zu machen. Landesgrenzen werden geschlossen. Veranstaltungen verboten. Gähnende Leere in Restaurants und Bars. Tausende von Flügen und Menschentransporten, die nicht unumgänglich sind, eingestellt. Roche hat die Testkapazität um das 100fache erhöht. Und doch kann kein breites Testangebot an die Bevölkerung erfolgen, das System würde kollabieren. Dabei wären Tests zur Früherkennung das Allerwichtigste. Politiker!

Trump verbietet die Einreise in die USA - er hat etwas begriffen. Mit der Mauer an der mexikanischen Grenze bekommt er jetzt gar noch recht … sorry, war nicht beabsichtigt ….

Sportveranstaltungen ade: Fussballmeisterschaften inkl. Championsleague ade, Formel 1-Rennen ade. Fussball-EM voraussichtliche ade, Olympiade evtl. ade, wenn ich's so lange durchhalte. Alltag ohne Sport geht doch! Die Deutsche Bundesliga rechnet mit einem finanziellen Verlust von 750 Mio. Euro.

Die ersten Promis (Tom Hanks und Frau) und Politiker (Bolsonaro, der brasilianische Präsident) habe ich erwischt. Na ja, Tom hat einfach Pech gehabt, einige andere hätte ich lieber besucht. Zwei Ministerinnen der spanischen Regierung habe ich flach gelegt.

Heute (15.3.2020) hat's auch Dominique Blanc (70) gemerkt, Präsident des Schweizer Fussballverbandes.

Es verstärkt sich die Panik and den Börsen, dass gleichzeitig der Ölpreis ins Bodenlose (von 70 auf 30 US$ pro Barrel) gesunken ist. Aber dafür kann ich wirklich nichts.

Und trotzdem werden noch Witze gemacht: Da meinte heute einer an einer "Coop-Kasse" zur italienisch stämmigen Verkäuferin: Jetzt können ihre Verwandten in Italien nicht mehr arbeiten, sind sicher traurig darüber (ironisch gemeint …). Die Verkäufern fröhlich: Nein überhaupt nicht, sie hatten eh keinen Job."
So läuft's in der Schweiz
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32.5.  Coronavirus-Jahre 2020/2021 – So läuft's in der Schweiz.
Die Schweiz ging wir üblich behäbig, aber systematisch vor. In sich laufend überholenden Empfehlungen und Eskalationsstufen:

Händewaschen und Niessinstruktionen.
Kein Händeschütteln.
2 m Distanz wahren.
Stossverkehr meiden.
Wenn möglich von zu Hause aus arbeiten - Home Office.
Keine Menschenansammlungen mehr über 5000 Personen.
Dann über 1000.
Dann über 100.
Heute (14.2.2020) sind wir bei 50 (Bars). Zuwiderhandlung Fr. 5000.- Busse.
Alle Museen, Theater, der Zürcher Zoo: geschlossen.
Alle Schulen und Kindergärten geschlossen.
Die Universität stellt den Betrieb auf Fernlehrgänge um.
Kontakt zwischen Enkeln und Grosseltern vermeiden.
Transporte werden aufs Minimum zurückgefahren: kein Glacier-Express, kein Jungfraujoch.
Kein Sechseläuten.
Keine Messen.
Kein Sport.
Besuche in Alters- und Pflegeheimen verboten.

Zara schickt die halbe Verkäufer/innenbelegschaft um 1200 wegen gähnender Leere im Laden nach Hause. An einem Samstag.

Sommerschlussverkäufe beginnen bevor der Frühling da ist.

Die Schweizer Nationalbank stützt den Schweizer Franken auf Teufel komm raus. Ohne Chancen auf Erfolg.

Am 12.3.2020 stürzt die Börse zum zweiten Mal ab, der SMI auf fast 8100 - nach dem Höchststand von vor 3 Wochen von über 11000.

Leichte SMI-Erholung am 13.3.2020 auf über 8500, bis bekannt wird, dass alle Schulen geschlossen werden. Schlusstand 1 % im Plus.

Armee stoppt schweizweit die Aushebung für die Rekrutenschule.

Tessin ruft Notstand aus (12.3.2020). Bordelle auch geschlossen.

Grenze zu Italien nur noch für Rückkehrer und in der Schweiz arbeitende Grenzgänger offen. Die Cleveren suchen sich ein Hotelzimmer in der Schweiz, um nicht ausgesperrt zu werden. Da die Hotels leer sind, sicher günstig zu haben.

Migros beruhigt: Genug Lebensmittel für alle. Internetbestellungen explodieren bei Migros und Coop.
Empfehlung, ältere Menschen zu Hause bleiben.
Solidaritätsversuche in der Bevölkerung: Einkaufs- und Fahrdienste. Organisiert via Facebook.

In den meisten Apotheken und Drogerien seit längerem keine Masken und Desinfektionsmittel mehr erhältlich.
Tagebuch eines Grossvaters
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32.6.  Coronavirus-Jahre 2020/2021 – Tagebuch eines Grossvaters.
Seit Freitag, dem 14.03.2020 sind auch wir von einem Besuchsverbot für Enkelkinder betroffen. Von deren Eltern verfügt. Jetzt realisiert auch meine Frau, dass etwas Ernsteres im Gange ist. Nun, dann telefonieren wir halt mehr. Und werden zu Experten für Netflix und Amazon prime.

Da wir, speziell meine Frau, ziemlich häuslich veranlagt sind, haben wir keine Mühe, unseren Tag zu Hause zu verbringen. Für mich gibt's die Schreibmöglichkeit auf meet-my-life.net (…), meine Frau liebt spanische TV-Serien …

Ich überlege, was es nächste Woche so zu tun gäbe:

Endlich einmal das ordnen von Tausenden von Fotos seit meiner Kindheit - inkl. der von meiner Mutter geerbten Fotoalben.

Ein halbes Dutzend Schubladen entrümpeln.

Den Garten auf Frühling trimmen.

Das Trampolin der Enkelkinder reparieren.

Lesen.

Lesen.

Einen Katalog meiner vielen CDs und tollen Sammlung an Musik-DVDs der 70er Jahre erstellen.

Diese Musik-DVD's wieder einmal anschauen.

Meine physische Hinterlassenschaft (im Volksmund "Puff") ordnen.

Meine Passwortliste aktualisieren.

Unsere Testamente schreiben. Von Hand.
Sonntag, 15.03.2020. Die Schlagzeilen
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32.6.  Coronavirus-Jahre 2020/2021 – Tagebuch eines Grossvaters.

Sonntag, 15.03.2020. Die Schlagzeilen
Wie meistens am Sonntag: Zum Frühstück gemütlich "Sonntags-Blick" und "NZZ am Sonntag" gelesen. Spontan der Gedanke, die vielen Corona-Headlines der Nachwelt zu erhalten:

"Blick", Ausgabe vom 15.3.2020:

"Ein Land steht still"
- Swiss Chalet befürchtet Grounding
- Jede zweite Beiz vor dem Aus
- Spitälern droht der Kollaps
- Die traurigste Woche im Profisport.

"Wir müssen jetzt zusammenstehen"
So organisieren Schulen die Schliessung

"Für mich ist es noch gar nicht so richtig real"
Oberste Lehrerin Dagmar Rösler

"Kinder betreuen oder arbeiten – was gilt jetzt?"

"Wie das Virus unsere Gesellschaft verändert"
Unser Alltag wird gerade komplett durchgerüttelt.

"Wir werden tun, was notwendig ist"
Wirtschaftsminister Guy Parmelin. Nachdem 10 Mrd Fr. als Fonds für Überbrückungshilfen bereitgestellt wurden und der Journalist fragte, ob es reichen würde.

"Der Schlagbaum ist zurück"
Grenzkontrollen und Rückweisung aller, die nicht zwingend in die Schweiz müssen.

"Unsere Wirtschaft im Ausnahmezustand"
Nachfrageschock erschüttert ganze Branchen. Die Corona-Krise trifft fast alle Sektoren. Das Angebot sinkt, der Konsum bricht ein. Massenkonkurse drohen.

"Es trifft uns am Lebensnerv"
Gastrosuisse-Präsident Casimir Platzer

"Swiss fürchtet Grounding und hofft aus Staatshilfe"
Das Coronvirus holt die Luftfahrt auf den Boden.

"Schweizer Spitälern droht der Kollaps"

"Im Norden bringt der Sonntag viel Sonne."
(Die ganze kommende Woche mit 17/18° unüblich warm.)

"Das hilft dem Immunsystem"
Schädlich sind Stress und gewisse Medikamente … (Danke für den Hinweis.)

"Italien verstummt. Man hört nur die Kirchenglocken"

"Trump will die USA gesundbeten"
Trump erklärt den heutigen Sonntag zum nationalen Gebetstag.

"Auf dem Weg vom "Ich" zum "Wir".
Italien nach dem 1441. Corona-Toten

"Der Sport sieht schwarz"
Die traurigste Woche des Sports. Wie das Coronavirus den Sport völlig ausser Kraft setzt.

"Ich muss so tun, als könnte es ein Leben ohne Fussball geben."
TV-Star-Reporter Marcel Reif

"Wird St. Gallen jetzt Meister?"


"NZZ am Sonntag", 15.3.2020:


"Schulen bis zum Sommer geschlossen?"
(Man darf ja wohl noch fragen …)

"Wir merken, wie fragil die Gesellschaft sein kann"
(Weise aber späte Erkenntnis von Bundesrat Alain Berset)

"Wie es zur Kehrtwende des Bundesrats kam"
(Gemeint die Schliessung der Schulen und Verfügung des faktischen Ausnahmezustandes.)

"Tag 1"
Die Schweiz stellt sich auf ein neues Leben ein: Ohne Schulbetrieb, Vereinsleben, Kultur- und Sportanlässe. Die Bevölkerung kauft die Läden leer, die Massen auf den Bahnhöfen schrumpfen zu Grüppchen.

"Bald mehr Fälle ausserhalb von China"
(155'954 Ansteckungen, davon 80'824 in Festlandchina. 5819 Tote. 74'451 Genesungen.)

"Dem Virus sozusagen die Tür versperrt"
Der Wiener Genetiker Josef Penninger macht Hoffnung auf ein baldiges Medikament gegen Covid-19.

"Wer darf weiteratmen?"
Bei manchen über Siebzigjährigen wird in Italien mangels Kapazität auf eine Behandlung verzichtet.

"Trump ist in der Corona-Krise zu einem Risikofaktor geworden"
(War er das nicht schon vorher?)

"Wenn das Virus angreift"
Leben mit Corona. (Endlich geht's einmal nicht ums Sterben …)

"Warum Covid-19 nicht so etwas wie die Grippe ist"
Mit einer Sterberate von 1 - 5 % (je nach Zustand des Gesundheitssystems) sei eine Coronainfektion 10 - 50x gefährlicher als eine Grippe.

"Die Menschen handeln jetzt aus purer Angst"
Jens Korte von der Wallstreet. Am Donnerstag allein verlor der Dow Jones 2352 Punkte, so viel wie noch nie zuvor. (Sogar das vermeintlich sichere Gold muss verscherbelt werden, weil Anleger Aktien auf Pump gekauft hatten und jetzt nachschiessen müssen. Geldgier wird bestraft.)

"Die Massnahmen schiessen wohl übers Ziel hinaus"
Wirtschaftsprofessor Thomas Straubhaar warnt vor einer Überreaktion: "Politiker sind schon fast gezwungen, dem Vorgehen anderer Länder zu folgen, die bereits drastische Massnahmen ergriffen haben."

Flugverkehr: "Passagiere kämpfen um Buchungen - die Airlines um ihr Überleben"

"Die heutige Situation erinnert an den Kriegsausbruch von 1914"
(Der unzutreffendste Vergleich des Jahres - sorry Tobias Straumann. Die Deutschen zogen singend und von der Bevölkerung gefeiert in den Krieg. In ganz Europa gab es keine Arbeitslosen mehr - die Neuentwicklung und Produktion von Kriegsmaterial erforderte jede verfügbare Hand - auch die der Frauen. Die weniger Glücklichen (Jungen) wurden auf den Schlachtfeldern niedergemäht.)

"Der Mensch erscheint im Coronazän"
(Oder verschwindet ...)


… und was sich heute sonst noch so tat …

Die meet-my-life.net "Family" aufgerufen, die Corona-Geschichte auch aufzuzeichnen. (Newsletter versandt)

Schon lange pendente Mails erledigt

Die NZZ am Sonntag zweimal gelesen …

Doris Dörries Buch übers Autobiographieschreiben fertig gelesen. Viel Ähnlichkeit mit der Systematik von meet-my-life.net

Winston Churchills 5. Band über den 1. Weltkrieg fertiggelesen. Den Literaturnobelpreis hat er sich mehr als verdient! Und auch den allergrössten Respekt und Dank für den erfolgreichen und unerbittlichen Widerstand gegen Deutschland/Italien.

Mich mehr mit meiner Frau unterhalten … natürlich auch über den Virus … Das Abendessen vorbesprochen. Die Spargeln zuerst; vor dem frisch zubereiteten Kartoffelsalat mit Wädli und Weisswurst. (Kein Peterli im Haus, aber um es im Tankstellenshop zu beschaffen, verlasse ich die sicheren vier Wände nicht.) Und noch der Rest Rosenkohl von gestern.

Erfahren, dass in Valencia der Golfplatz geschlossen wurde und auch meine Lieblingsrestaurants. Die geplante Frühjahrsreise nach Valencia fällt ins Wasser. Leider.

Nachgeschaut, ob die Mietwagenpreise von Hertz für Sommer schon gesunken sind. (Sind sie nicht …).

Der Tag hat sich enorm entschleunigt. Ich lebe völlig im Moment und plane nicht permanent voraus. Fühlt sich gut an. Keine Termine in den nächsten Wochen!
Montag, 16.03.2020. Noch mehr Schlagzeilen.
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32.6.  Coronavirus-Jahre 2020/2021 – Tagebuch eines Grossvaters.

Montag, 16.03.2020. Noch mehr Schlagzeilen.
Es war abzusehen, die Börse stürzt weiter ab. Auch sogenannte "sichere" Bluechips werden mitgerissen. Vor allem Versicherungen und Banken. Wer Mut (und Cash) hat, kauft jetzt gestaffelt zu ...

Auch heute überbieten sich die Medien mit Headlines. Hauptthema natürlich, dass die Grenze zu Deutschland "zu" ist. Politisch sehr praktisch, werden doch so legitim ALLE Einreisewilligen abgewiesen, auch Asylsuchende …

"Blick"-Headlines vom 16.3.2020:

"Ärzte warnen: Spitalbetten in der Schweiz zu knapp"
Die Schweiz steht mit 11 Intensivpflegebetten pro 100'000 Einwohner nur an 25. Stelle, weltweit. Deutschland hat 29,2 Betten, die USA gar 33,7.

"Abstand halten rettet zahllose Leben"

"Zuhause mit den Kindern: So gehen Sie sich nicht auf den Wecker"
(Wie wenn es eine Strafe wäre, endlich Zeit für die Kinder zu haben …)

"Erste Quarantäne-Tipps der Spassvögel"
Meditieren, Eierfärben, Chaschperlitheater

"Pro Senectute warnt: Senioren unterschätzen die Corona-Situation"

"Homeoffice für Fussballer"
Klubs stoppen Training

"Sagt die EM ab!"
Sagt Uli Hoeness



"NZZ", 16.3.2020:

"Die Schweiz rast auf Notbetrieb zu"
Einige Kantone sind schon vorgeprescht

"Die Angst vor einer Rezession steigt"
(Wie wenn das nicht schon lange klar wäre.)

"Spaniens Städte sind wie leergefegt"

"Österreich spannt einen Schutzschirm auf"
Grosses Hilfspaket angekündigt - wie schon vorher die Schweiz, Deutschland und die USA

"Corona macht die Deutschen zu Pragmatikern"
Berlin schränkt den Reiseverkehr an den Grenzen zu Österreich, Frankreich, Luxemburg und Dänemark ein.

"Wann erreicht das Virus die Flüchtlingslager?"
Nur schon Händewaschen ist kaum möglich

"Die Marseillaise nach dem letzten Bier an der Bar."
Frankreich schaltet in den Krisenmodus – das tägliche Leben ist stark eingeschränkt.

"Restaurants und Läden im Tessin geschlossen"

"Die Swiss hofft auf Staatshilfe"

"Wiederholt sich die Krise von 2008?"


Fredi Murer, 16.03.2020:

"Wie geht's denn Euch in diesen sonderbaren Zeiten, in denen 0,0002 Millimeter kleine Lebewesen die grosse, weite Welt in Geiselhaft nehmen? Unser Motto für die kommenden Wochen: Wir solidarisieren uns mit dem römischen Opernpersonal, das wegen geschlossenen Opern auf offene Fenster ausweicht. Gut Zeit und liebe Grüsse. Fredi & Adina":



(1) In Italien heiterten sich die Anwohner/innen mit fröhlichen Gesängen von Balkonen, Terrassen und Fenster aus auf. Die Zeichnung von Fredi Murer entstand 2017 fürs Rigiblicktheater.

In Italien heiterten sich die Anwohner/innen mit fröhlichen Gesängen von Balkonen, Terrassen und Fenster aus auf. Die Zeichnung von Fredi Murer entstand 2017 fürs Rigiblicktheater.

 

Dienstag, 17.03.2020. Die Leserzahlen steigern!
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32.6.  Coronavirus-Jahre 2020/2021 – Tagebuch eines Grossvaters.

Dienstag, 17.03.2020. Die Leserzahlen steigern!
Dieser Bundesrat durfte es erleben: Er durfte die "Ausserordentliche Lage" für die Schweiz ausrufen. Die höchste Auszeichnung für einen Politiker; Notrecht regiert, Mobilmachung der Armee (8000 Soldaten/-innen):


(1) Blick-Frontseite 17.3.2020, nachdem der Bundesrat am Abend zuvor die "ausserordentliche Lage" ausgerufen hatte.

Blick-Frontseite 17.3.2020, nachdem der Bundesrat am Abend zuvor die "ausserordentliche Lage" ausgerufen hatte.


"Blick"-Headlines vom 17.3.2020:

"Schweiz geschlossen für 5 Wochen"

"Ein grosser Einschnitt mit grossen Folgen"

"Hamstern bleibt der Renner"

"Für viele Schüler bedeutet der Lockdown erst mal Ferien"

Leserzuschrift:
"Ich hoffe, die Diskussion um zu viele Spitalbetten ist vorbei"


"NZZ", Dienstag 17.3.2020:

"Bundesrat erklärt Notstand und mobilisiert Armee"
"Grösstes Ernstfall-Aufgebot seit dem zweiten Weltkrieg"

"Läden, Beizen, Kinos müssen schliessen"
(Und alles andere auch ausser Lebensmittelgeschäfte, Transport und Gesundheitswesen)

"Rigorose Einreiseverbote an allen Grenzen"

"Zürcher Gewerbe bangt ums Überleben"

"Erster Corona-Todesfall in Zürich"

"Bund erwägt Blockade von Streaming-Diensten"
(Gemeint Netflix o.ä., damit die Internet-Kapazität für die Home-Office-Nutzung ausreicht.)

"Grösster Stresstest der EU-Geschichte"

"Beatmungsmaschinen sind praktisch ausverkauft"
(Darum geht es: Die Ansteckung verlangsamen, damit die Spitalbetten für Intensivpflege reichen.)

"China will den Sport zurück"
(Immer einen Schritt voraus: Zuerst bei der Epidemie und nun bei der Rückkehr zum Alltag …)

"Mit dem Virus kommen auch die Fake-News"
(Noch mehr?)


 

Freitag, 20.3.2020. Die Länder überbieten sich mit Massnahmen.
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32.6.  Coronavirus-Jahre 2020/2021 – Tagebuch eines Grossvaters.

Freitag, 20.3.2020. Die Länder überbieten sich mit Massnahmen.
Neu und beruhigend wirkt für die Wirtschaft, dass die Staaten und Nationalbanken weltweit Milliarden in Aussicht stellen, um der serbelnden Wirtschaft zu helfen. Im Moment stoppt das die Talfahrt der Börsen - und damit die Erosion der in AHV und Pensionskassen angesparten Vermögen.

Die Lage weltweit, nach Stand heute offiziell gemeldeten 8600 Todesfällen.

Österreich:
Ausser Foodläden und Apotheken alles geschlossen. Menschengruppen bis 5 Personen erlaubt.

Deutschland:
Wie Österreich - keine allgemeine Ausgangssperre - ausser zwei Gemeinden in Bayern.

Italien:
Ausgangssperre bis in den April hinein verlängert. Mehr Tote als in China.

Spanien:
Nach China und Italien am zweitmeisten Infektionen. Ausgangssperre, mit Drohnen überwacht. Nutzung von Zweitwohnungen, z.B. in Ferienorten, verboten.

Frankreich:
2 Wochen Ausgangssperre. Die Armee soll Kranke aus stark betroffenen Regionen verlagern.

Niederlande:
Einreiseverbot auch für EU-Bürger für 30 Tage. Keine Ausgangssperre. NL hoffen auf "Immunisierung" der Gesellschaft.

Belgien:
Ausgangssperre. Nur Senioren dürfen vor 0900 einkaufen. 32000 Mitarbeitende der EU-Kommissionen arbeiten von zu Hause aus. Sitzungen abgesagt.

Grossbritannien:
Schulen nun doch geschlossen. Empfehlung, Kontakte, Reisen und Massenveranstaltungen doch zu meiden. Pubs bleiben offen. Boris Johnson erntet für die Politik der kleinen Schritte Spott und Hohn.

Türkei:
Freitagsgebete untersagt. Grenzen zu Bulgarien und Griechenland (EU) geschlossen.

Iran:
Nach China und Italien am stärksten betroffen. Trotzdem keine Reiseverbote. Schulen und Universitäten geschlossen.

Israel:
Ausgehverbot mit Handyortung und -überwachung.

Russland:
Weitgehend Normalbetrieb, Grenzen aber für Ausländer geschlossen. Einsatz von Gesichtserkennungskameras.

China:
Minimale Lockerung, nach 6 Wochen Quarantäne. China propagiert nun, dass der Virus aus dem Ausland nach China importiert wurde.

Asiatische Länder:
Südkorea, Singapur und Hongkong rigide Massnahmen, grossflächige Tests und schnelle Isolation. Zweite Welle befürchtet.

Australien/Neuseeland:
Grenzen geschlossen.

USA:
Grenze zu Kanada geschlossen, Einreisesperre aus Europa. Zurückreisende Amerikaner müssen 2 Wochen in Quarantäne. Ausgangssperre nur in Kalifornien. Las Vegas schliesst Casinos.


Und hier noch ein Kommentar von Autor Vincenz Blum aus Thailand:

Hier ist die Corona-Welle noch nicht "Brand-aktuell" - in unserer Gegend ist es ruhig, scheinbar ohne Corona-Kranke - vielleicht die Haelfte der Leute tragen Masken - man geht weniger aus.…..vielleicht die Ruhe vor dem Sturm ? Die Regierung empfiehlt ebenfalls, wenn moeglich zu Hause zu bleiben. Wir haben wenigstens etwas Umschwung ums Haus und unseren Wald, 6 km entfernt, wo wir uns tummeln koennen. Zum Glueck gibt es keine befallenen Baeume ! Ich bewege mich morgens allein mit Fahrrad und zu Fuss in einem nahe gelegenen Park einer Schule. Die Schulen haben z.Z. 2 Monate "Sommer-, bzw. Hitzeferien".

 

Offiziell habe TH ca. 500 vom Virus befallene Leute, Tendenz steigend. Malls und Vergnuegungszentren  in den Staedten sind eingeschraenkt oder geschlossen; auch viele Grenzuebergaenge sind dicht gemacht worden. Auch grosse Songkram-Veranstaltungen fallen dieses Jahr tatsaechlich ins Wasser - total ungewoehnlich und hart fuer Thais.

Montag, 20. April 2020. Fake-Info wird entlarvt.
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32.6.  Coronavirus-Jahre 2020/2021 – Tagebuch eines Grossvaters.

Montag, 20. April 2020. Fake-Info wird entlarvt.
Letzte Woche hat der Bundesrat einen Fahrplan für die Öffnungsschritte bekannt gegeben. Und damit ziemlich viel Kritik ausgelöst. Auch ich habe mir mit einem Leserbrief Luft verschafft - etwas, das ich sonst nie tue ...

"[…] Abgesehen von der zunehmenden Lust am Regieren ohne Parlamentsbremsen ist es doch einfach so, dass es der Bundesrat (inkl. ihrem verlängertem Arm Koch) mit ihrer gegenüber mündigen Bürgern beschämend unehrlichen Informationspolitik seit Beginn der Krise verbockt hat. Man kann dem Volk ja nicht immer und immer wieder weis machen, dass Tests und Masken sinnlos wären (statt einzugestehen, dass keine da sind) – im Gegenteil sogar gefährlich seien, weil falsche Sicherheit, Fehlmanipulation u.a. – und dann plötzlich in einer Spitzkehre genau diese beiden Mittel als wesentlich empfehlen, um die Wirtschaft und die Lebensqualität wieder zügig in Schwung zu bringen und die unbegrenzt versprochenen Unterstützungsgelder um Hunderte von Millionen Fr. zu schonen. Zumal das immer wieder ins Feld geführte Hauptargument für die Verhängung des Notrechts, man müsse die «Kurve glätten», ganz klar vom Tisch ist. Worum geht es denn jetzt, wenn nicht um eine willkürliche Machtdemonstration und Gesichtswahrung vor der eigenen unsauberen (falschen und irreführenden) Kommunikationspolitik? Ich verstehe Uli Maurer, dass er sich scheinbar in der letzten BR-Sitzung nicht mehr geäussert haben soll ….

 

Unverständlich ist zudem gerade auch noch, dass unsere «Sportministerin» völlig abgetaucht ist, vermutlich immer noch im Hochgefühl einer zu 80 % gelungenen Mobilisierungsübung von (nur) 5'000 Sanitätssoldaten – völlig undifferenziert, wer von diesen dem Wirtschaftsleben entzogen werden durfte und wer nicht. Hunderttausende betreiben Sportarten, die bei entsprechenden Vorsichtsmassnahmen problemloser sind als ein Haarschnitt, eine Massage oder sogar der Einkauf von Lebensmitteln und Medikamenten. Sich diesen wieder widmen zu können oder auch nur die Zeit zu nutzen z.B. für eine Tennis- oder Golfstunde (ganz zu schweigen von einem Spielchen mit entsprechenden Vorkehrungen), wäre für die allgemeine Moral wichtiger als die salbungsvollen Sprüche von Frau Somaruga. «Der Virus hält sich nicht an Pläne (NZZ 18.4.2020, S. 11)» - der dümmste Spruch von allen. Wir, die Träger/innen, Verbreiter/innen und potentiellen Empfänger/innen des Virus’ bestimmen ganz allein – nicht ein an sich willenloser Virus. Dieser wird sehr wohl wegen unserer Pläne und deren Umsetzung in Schach gehalten, wenn wir die Infizierten frühzeitig entdecken und isolieren und seine Verbreitung mit Schutzmasken eindämmen. Aber eben: Gesichtswahrung einiger weniger Bundesangestellter (unserer Angestellter) geht vor …"


In der Zwischenzeit kommt man auf die unmöglichsten Ideen - Hauptsache es gibt etwas zu lachen:



(1) Sonntäglicher Corona-Fondue-Plausch mit unseren Nachbarn Thomas und Gisela Kirnbauer, 19.4.2020. Die gegenseitige Weinverköstigung erfolgt durch die neu geschaffene "Durchreiche" (neben der ZSC-Fahne) natürlich auf sichere 2-Arm-Distanz ...

Sonntäglicher Corona-Fondue-Plausch mit unseren Nachbarn Thomas und Gisela Kirnbauer, 19.4.2020. Die gegenseitige Weinverköstigung erfolgt durch die neu geschaffene "Durchreiche" (neben der ZSC-Fahne) natürlich auf sichere 2-Arm-Distanz ...

 

 

Samstag, 2. Mai 2020. Tagebuch gehackt.
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32.6.  Coronavirus-Jahre 2020/2021 – Tagebuch eines Grossvaters.

Samstag, 2. Mai 2020. Tagebuch gehackt.
Da bin ich wieder - der liebe Coroni. Und zwar mitten im Tagebuch des Grossvaters. D.h. in seinem Hirn – wie im Hirn fast jedes Menschen auf diesem Planeten. Sie denken nur noch an mich und reden nichts mehr anderes. Kontroversen und die Verwirrungen nehmen zu – Freude herrscht bei mir und meinen Verwandten.

Riesendiskussionen, welche Geschäfte nun wann mit welchen Konzepten wieder öffnen dürfen. Ob nun die Enkelkinder ansteckend sind und von den Grosseltern umarmt werden können oder nicht. Ob ich eine zweite und dritte Welle lancieren werde. Ob, wann und wie Schulen wieder ihren Betrieb aufnehmen, wo dieses Jahr Ferien möglich sind, wie Sport betrieben und geschaut werden darf. Schön ist, dass es jedes Land etwas anders machen will - ganz besonders amüsant die Aktionen der verschiedenen Staaten in den USA. Solche Profilierungsmöglichkeiten und Machtdemonstrationen geben Donald Trump lässt sich ein Politiker nicht entgehen. Wann hat man schon Gelegenheit, in die Rolle der omnipräsente Fürsorger/innen der Nation zu schlüpfen und tägliche Pressekonferenzen abzuhalten. Die nächsten Wahlen im Hinterkopf. Und die Betonung darauf, dass es jetzt nicht mehr um Parteipolitik gehen dürfe …

Zum Leidwesen dieser Politiker (nichts Grundsätzliches gegen sie, wir sind dankbar für ihre Arbeit!) entdecken nun die Menschen langsam, wer nun wirklich gefährdet ist und sich (selbst) schützen soll und wer nicht. Mittlerweile wird klar: die Autorinnen und Autoren von meet-my-life.net ….



(1) Todesfallstatistik Schweiz nach Altersgruppen. 97 % waren über 69 Jahre alt. Von den Gestorbenen hatten 98 % ein erhöhtes Risiko wegen Vorerkrankungen. Unter 30 Jahren gab es keinen Todesfall.
Todesfallstatistik Schweiz nach Altersgruppen. 97 % waren über 69 Jahre alt. Von den Gestorbenen hatten 98 % ein erhöhtes Risiko wegen Vorerkrankungen. Unter 30 Jahren gab es keinen Todesfall.


Die Schlaueren der Älteren versuchen nun, mich auszutricksen: Sie bleiben vorwiegend zu Hause. Falls nicht, halten sie Abstand, bestehen auf Masken und Hygienestandards. Mit anderen Worten, sie machen mir das Leben schwer und ich muss mir was einfallen lassen. Oder wie Thomas Kirnbauer es beim abendlichen gutnachbarlichen Apéro formuliert: Nach der Krise müssen sie sich zwischen "Weight Watchers" und "Anonymen Alkoholikern" entscheiden …

Aber die Politik hilft mir nach Kräften: Um die Alten nicht zu gettoisieren, und die unbekümmerten Alten vor sich selbst zu schützen, belegt man alles mit einem Bann! Ohne Rücksicht auf die noch nie dagewesenen wirtschaftlichen, politischen, sozialen Folgen und Spannungen mit ungewissem Ausgang. Meine subversive Arbeit ist schon fast getan.

Samstag, 23. Mai 2020. Ist es vorbei?
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32.6.  Coronavirus-Jahre 2020/2021 – Tagebuch eines Grossvaters.

Samstag, 23. Mai 2020. Ist es vorbei?

Gestern wurden schweizweit nur noch 13 Infektionen gemeldet – die letzten 8 - 10 Tage immer weniger als 100. Ausser Veranstaltungen, auch Theater und Kino, ist fast alles schon normal. Das Einkaufen auf dem Markt allerdings gewöhnungsbedürftig. Vor jedem Stand eine Abschrankung mit einem Ein- und Ausgang und einer Zutrittsbeschränkung abhängig von der Anzahl an Verkaufspersonal. Keine Selbstbedienung, was mir bei Früchten und Gemüse die/das man nicht schält, an sich nicht unsympathisch ist. Aber lieber lese ich natürlich selbst aus, denn Verkäuferhände sind sehr geschickt im blitzschnellen Einpacken des weniger gut Verkäuflichen.

Was hat sich bei meiner Frau und mir geändert?

1. Wir halten uns immer noch fern von Menschen - mindestens 2 m. Auch von unseren Enkelkindern und deren Eltern. Noch keine Enkelbetreuung.
2. Einkaufen so wenig wie möglich; mittlerweile ohne Gesichtsmaske - aber mit Abstand und Händedesinfektion.
3. Golfspielen mit den angeordneten Vorsichtsmassnahmen scheint mir völlig unbedenklich. Allerdings mittlerweile wieder auf Anfängerniveau.
4. Im Blick auf eine gewaltige drohende Rezession mit noch unübersehbaren Folgen Erspartes noch etwas gleichmässiger auf mehrere Banken verteilt.
5. Gedankenspiele: Kollapse grösserer Firmen oder gar eines oder mehrerer Länder, erneute Pandemie, Teile der Bevölkerung verzweifelt und Machergreifung durch radikale Regierungen, Auseinanderfallen der EU und nationale Aufrüstungen. Weltweit kein freier Personenverkehr mehr.
6. Die diesjährigen Sommerferien in Spanien vermutlich keine Option mehr.
7. Am 15.6.2020 sollen die Grenzen zu D, A und F wieder aufgehen. Situation mit Italien noch unklar, da dieses Land einseitig ab 3.6.2020 die Öffnung angekündigt hat, um noch etwas Sommertourismus zu retten.
8. Die bange Frage ist im Moment allenthalben: Fängt es dann gleich nochmals von vorne an? Oder falls nicht, wie gross ist der wirtschaftliche Schaden? Wie schnell ist wieder alles beim Alten? So schlecht war die Hochkonjunktur und Vollbeschäftigung doch auch nicht. Ein gesunder Dämpfer für übereifrige Weltschützer und "Umverteiler". (Ich kritisiere nur unqualifizierten und populistischen Übereifer – genauso wie die Negierung wissenschaftlicher Erkenntnisse oder wirtschaftlicher Zusammenhänge.)
9. Alle sehnen sich nach einer Impfung und erfolgreichere Behandlungsmethoden bei schweren Erkrankungen aufgrund des Virus'. Wobei es immer noch so ist, zumindest in der Schweiz, dass sich eigentlich nur die Älteren sowie Risikogruppen besonders schützen müssten.
10. Wir tun unser bestes.

 



Corona wird zum Alltag
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32.7.  Coronavirus-Jahre 2020/2021 – Corona wird zum Alltag.
Man gewöhnt sich an alles. Sich über die Zahl der täglichen Neuinfektionen zu informieren ist so selbstverständlich wie der Wetterbericht. Und so wenig aufregend wie derjenige von gestern. Ob ich nun in Spanien bin oder in der Schweiz spielt keine Rolle. Höchstens die täglichen Vergleiche zwischen Valencia und der Schweiz (die Zahlen in Valencia zum Vergleich mit Faktor 1.5 hochgerechnet) machen es noch ein wenig spannend.

Auch wenn die Vergleichbarkeit fragwürdig ist: wir fühlen uns in Valencia ziemlich sicher, weil mehr Leute Masken tragen (müssen) und dies wieder fast überall Pflicht ist. Wie sauber und effektiv die z.T. selbstgebastelten Masken sind, sei dahingestellt, Zweifel angebracht. Für mich gilt nach wie vor: Der Virus ist für Junge, die sich derzeit am meisten anstecken mehr oder weniger harmlos. Solange sie uns "Alten" vom Leibe bleiben. Dem dringenden Bedürfnis nach einer nächtlichen Discotour können wir widerstehen ....

Fazit: Nun gehört die Maske einfach zur normalen Ausstattung. Ein ganz kleiner Vorgeschmack, was noch alles auf die Menschheit – oder was davon irgendwann übrigbleibt – zukommen wird. Oder wie die Kolonien auf fernen Trabanten in einigen Hunderttausend oder Millionen Jahren leben müssen.
Oktober 2020: erneutes aufflammen.
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32.8.  Coronavirus-Jahre 2020/2021 – Oktober 2020: erneutes aufflammen..
Die Verunsicherung ist riesig – die Politiker auf Bundes- und Kantonsebene nicht zu beneiden. Vorgestern (21.10.2020) rund 5600 neue Fälle, knapp 20 % der getesteten Personen, rund 2 % der Infizierten müssen ins Spital. Die höchsten Werte bisher, seit Tagen immer neue Rekorde. Und das, obwohl man praktisch nirgends mehr ohne Maske hingeht, Abstand hält, Hände wäscht.

Im Ausland dasselbe Bild – die Schweiz für einmal kein Spezialfall und keine Musterknaben. Seltsamerweise habe ich noch keine Studie gesehen, die sich mit der Wirksamkeit der Masken – und vor allem, deren sachgemässem Gebrauch – auseinandersetzt. Ist das ein zu brisantes Thema, weil es die Maskenobligatorien in Frage stellen würde? Der richtige Umgang mit der Maske ist seltsamerweise auch kein öffentliches Thema (mehr): Maske nie berühren und falls doch, sofort Hände waschen oder desinfizieren. Masken nach Gebrauch sofort entsorgen und durch eine neue ersetzen, nur offiziell als "sicher" beurteilte Masken verwenden, nicht aus Vorhangstoff selbst gebastelte..

Die Schweiz ist praktisch wieder  im Lockdown, eine Analogie zu Friedrich Dürrenmatts provokanter Rede "Die Schweiz als Gefängnis" (Rede zur Verleihung des Gottlieb Duttweiler-Preises an Vaclav Havel am 22.11.1990) geht mir durch den Kopf. Zahlreiche Länder können von mir nicht mehr ohne weiteres besucht werden, bei anderen müsste ich bei der Rückkehr in Quarantäne, ins Gefängnis, mit mir selbst als Wärter. Zwar nur 10 Tage, aber mir hat es anfangs September, nach unserer Rückkehr aus den Sommerferien in Spanien, gereicht. Gefangene, vom Virus umzingelt und von hilflosen Gefängnisverwaltern "beschützt". Diese wiederum nicht gefeit vor dem Virus und regelmässig selbst in Quarantäne (Bundesrat Parmelin, heute der Deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn; nicht zu sprechen von Donald Trump und Boris Johnson).

Allenthalben warten auf eine wirksame Impfung. Und die täglichen neuen Zahlen in der Schweiz und rundherum.

Gestern, 22.10.2020: 6634 neue Fälle, 23 % aller Getesteten. Politiker in Aufruhr und unter Druck für Aktionitis.
Bild des Jahres 2020
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32.9.  Coronavirus-Jahre 2020/2021 – Bild des Jahres 2020.
Nun warten weltweit alle auf die Impfung. In Zürich muss ich bis April warten (unter 75 Jahre ohne Vorerkrankungen). Zürich hat es nicht eilig. Während z.B. in Israel stand heute (30.12.2020) über eine halbe Mio. geimpft sind, soll es bei uns am 4. Januar beginnen.

Inzwischen droht eine neue, noch ansteckendere Virus-Variante aus Grossbritannien – und das bei jetzt schon nahe am Anschlag liegenden Intensivstationen. Bedürftigen wird allenthalben geholfen mit Milliardenhilfspaketen – die Aktienbörsen enden dementsprechend auf Höchstkursen. Auch Flughafenaktien und Aktien flugnaher Unternehmen.

Die Versorgung notleidender wird in den USA teilweise industriell betrieben, für mich das "Bild des Jahres":



(1) Mein persönliches «Bild des Jahres», Screen-Shot CNN (Dezember 2020). Drive-through irgendwo in den USA für von Corona betroffenen Hilfsbedürftigen. Kofferräume/die Heckklappen sind bereits geöffnet, und die Notpakete werden nur noch hinten reingeworfen - und Gas geben. (Damit verkenne ich nicht, dass es leider Millionen von unverschuldet Betroffenen und Notleidenden gibt. Sicher auch dieser hochverschuldete Mercedesfahrer).
Mein persönliches «Bild des Jahres», Screen-Shot CNN (Dezember 2020). Drive-through irgendwo in den USA für von Corona betroffenen Hilfsbedürftigen. Kofferräume/die Heckklappen sind bereits geöffnet, und die Notpakete werden nur noch hinten reingeworfen - und Gas geben. (Damit verkenne ich nicht, dass es leider Millionen von unverschuldet Betroffenen und Notleidenden gibt. Sicher auch dieser hochverschuldete Mercedesfahrer).

 

1 : 0 für Corona - ich geb auf (August 2021)
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32.10.  Coronavirus-Jahre 2020/2021 – 1 : 0 für Corona - ich geb auf (August 2021).
Beliebter Gesprächsstoff ist, seit die Mehrheit der Erwachsenen geimpft ist (November 2021 rund 65 %), ob wir nun "ewig" mit Masken herumlaufen müssen. Wie lange die Impfungen wohl anhalten. Ob wir als Geimpfte immer noch gleich ansteckend sind, wie die Ungeimpften. Und gespannt verfolgen wir die Politik in Dänemark und Schweden, die die Pandemie mehr oder weniger als "beendet" deklarieren.

Es ist unmöglich, mit der Entwicklung der Covid19-Pandemie Schritt zu halten. Wellen und Virusvarianten branden auf uns ein in rascher Abfolge. Mit Impfung vermeintlich geschützt, dann doch nicht mehr. Fleissige Politiker planen ein Leben mit Zertifikat. Jedes Land geht seinen eigenen Weg, bis hin zum Wegsperren der Bevölkerung. (Die Schweiz verhielt sich demgegenüber einigermassen vernünftig, wie sich bis jetzt zeigt.)

Es ist im Moment sinnlos, weiter darüber "Buch zu führen". Wer sich später dafür interessiert, findet alles im Internet. Aber vielleicht ist "später" Covid-19, und sterben mit Covid-19, so normal und unvermeidlich wie Husten, Pfnüsel oder Grippe.

Am 5. 11. 2021 lassen meine Frau und ich uns zum dritten Mal impfen. Das war's dann hoffentlich.
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